Albrecht Dürer.

Albrecht Dürer.

Daß die Reformation einen Strom geistlicher Dichtung und christlichen Gesangs in unser Volk hinein- ja gewissermaßen aus dem Volke habe hervorgehen lassen, und daß auf dem Strome des Kirchenliedes der erneuerte Glaube durch die deutschen Lande und in die deutschen Herzen getragen worden sei und sein Werk in unsern Gemeinden auch noch heutzutag forttreibe, wer kann es leugnen? Daneben ist durch den strengern Geist und keuschern Cultus der evangelischen Kirche nicht nur der abergläubische Gebrauch und das bis zur Unverständigkeit getriebene Uebermaß der bildenden Künste, welches die Vorkämpfer der Wahrheit in der römischen Kirche des sechszehnten Jahrhunderts vorfanden, hinweggethan, sondern, zumal in den Gemeinden des reformirten Bekenntnisses, leider auch das wirklich Schöne und Erhabene christlicher Malerei und Bildhauerkunst verbannt worden. Immerhin hat auch der Protestantismus seiner Natur nach, weniger Bedürfniß, auch die für das Auge wirkenden Kräfte in seinen Dienst zu nehmen und durch ihren Beistand seine Zwecke zu fördern. Aber wenn er das Wort des Apostels 1 Cor. 3,22: „Alles ist euer“, auch hier anzuwenden vergißt, wo die Welt, indem sie dem Glauben unterworfen wird, ihn mit ihren schönsten Gaben zu verherrlichen im Stande wäre, dann schränkt er doch in unbefugter Weise seine Macht und Bestimmung, seinen Reichthum und Segen ein. Wie wenig dies übrigens von den tiefern Gemüthern schon im Zeitalter der Reformation verkannt ward; wie kunstsinnig ihr Glaube, wie gläubig ihr Kunstsinn in der evangelischen Bedeutung des einen und des andern Wortes war, zeigt sich uns nirgends deutlicher und mag uns nicht kräftiger auf der einen Seite zur Beschauung, von der andern Seite zur Ermunterung gereichen, als vor der Gestalt des nach übereinstimmendem Urtheil größesten Künstlers, den Deutschland hervorgebracht.

Albrecht Dürer, im Jahre 1471 zu Nürnberg geboren, eines Goldschmieds Sohn, der aus Ungarn, wo seine Vorfahren den Ackerbau getrieben hatten, zuerst nach den Niederlanden gewandert war und im Jahre 1455 sich in jener kunstbefreundeten deutschen Stadt niedergelassen, auch daselbst im Jahre 1467 seines berühmten Meisters, des Hieronymus Holler, Tochter Barbara geehlicht hatte, war unter der Leitung seines Vaters, den er selbst als einen „künstlichen reinen Mann“ bezeichnet, in der Uebung des Goldschmiedhandwerks so weit vorgeschritten, daß er mit zehn Jahren ein von Jedermann bewundertes Werk, „die sieben Fälle Christi“, ausführen konnte. Gleichwohl trat er aus der häuslichen Werkstatt, mit des Vaters endlicher Bewilligung, in die Lehre des vornehmsten unter den damaligen Nürnberger Malern, des Michael Wolgemuth, über. Drei Jahre verblieb er in dessen Schule, zog dann vier weitere Jahre durch die Fremde, und hielt sich während dieser Zeit besonders in Colmar bei den Brüdern des leider schon heimgegangenen großen Malers Martin Schongauer auf. Nach Hause gekommen, machte er zuerst sein Meisterstück und dann Hochzeit mit Agnes Frey, einer schönen aber stolzen Jungfrau, die dem edlen Manne sein Lebenlang viel Herzeleid verursacht und feinem Glauben und Geduld harte Proben gestellt hat. Dürer lebte von nun in seiner Vaterstadt und arbeitete mit stillem, in der Güte und Menge dessen, was er zu Tage brachte, bewundernswürdigem Fleiß. Nur zwei Reisen fallen in diesen Zeitraum, deren eine im Jahre 1506 nach Oberitalien bis Venedig und Bologna sich erstreckte, die andere in den Jahren 1521 und 1522 nach den Niederlanden. Auf der erstern kam ihm wohl die Bedeutung und Aufgabe deutscher Kunst klarer denn vorher zum Bewußtsein; in der Ausbildung dieser Kunst förderten ihn besonders die Anschauungen der andern Reise. Er war ein vielseitiger Mann und widmete sich nicht nur der Malerkunst, sondern beschäftigte sich aus Vorliebe auch mit Holz- und Stempelschneiden und mit Kupferstich; er trieb auch die Wissenschaft der Meßkunde, und gab in diesem und verwandten Fächern gründliche Bücher heraus. Der Charakter seiner Kunstweise war, wie schon angedeutet, durchaus deutsch. Er nahm sein Absehen auf edle Wahrheit in der Auffassung des Lebens und in Vergegenwärtigung der Geschichte. Sein Streben war nicht das auf eine veredelte, verklärte Sinnenwelt gerichtete seiner großen italienischen Zeitgenossen. Es genügte ihm nicht anders, als wenn er den sittlichen Ernst eines frommen Gemüths und den Hauch anspruchsloser Treue über seine Darstellungen ergoß und dabei stand ihm nicht selten auch eine tiefsinnige Phantasie und ein gesunder Humor zu Diensten. So vereinigt Dürer in sich die Eigenschaften, Vorzüge und Mängel der deutschen Kunst jenes Blüthezeitalters. Während aber die niederrheinische, westphälische, schwäbische Schule den heiligen Gegenstand am liebsten und aufs Lieblichste in sinnige Demuth kleidet, ist bei Dürer der Ernst und die Würde vorherrschend. So hat er sich denn auch frühe zu den höchsten Aufgaben der Kunst hingewendet und z. B. die heilige Dreieinigkeit auf einer großen Tafel gemalt, die noch heute in der kaiserlichen Sammlung zu Wien bewundert wird. Die Passion unsres Heilandes und das Leben Seiner gebenedeiten Mutter wählte sich Dürer zu wiederholten Malen für eine Reihe herrlicher Bilder, die in Kupferstich und Holzschnitt aufbewahrt sind.

 

Daß ein Mann von so tiefem Gemüth, ein Künstler von so ernstem Streben darauf angelegt und fähig gewesen, das Bedürfniß, den Werth und die Tragweite der Reformation zu erkennen: daß er die Bücher Luthers mit Begierde und Verstand gelesen hat, daß er dadurch in den rechten Sinn der heiligen Schrift und zur Freiheit eines wahren Christenmenschen geführt worden und der großen kirchlichen Bewegung und Glaubensreinigung jener Tage von Grund des Herzens befreundet ist, erhellt am Schönsten aus der Stelle seines Niederländischen Reisetagebuchs, worin es heißt, daß ihm zu Antwerpen die Botschaft von Luthers Verschwinden bei der Heimreise von Worms auf der Landstraße bei Eisenach zugekommen sei, und wo er dann in fortlaufender Herzensergießung von dem „frommen, mit dem heiligen Geist erleuchteten Mann, als einem „Nachfolger des rechten christlichen Glaubens“ schreibt „,der um der christlichen Wahrheit willen gelitten“ habe, und „weil er das unchristliche Pabstthum gestraft, das wider Christi Freilassung strebe mit Beschwerung der menschlichen Gesetze und mit Erdichtung väterlicher Aufsätze“; -, Gott“, fährt er dann fort, „ist Luther todt, wer wird uns hinfort das heilige Evangelium so klar vortragen; ach Gott, was hätte er uns noch in 10 oder 20 Jahren schreiben mögen; o ihr alle fromme Christenmenschen, helft mir fleißig beweinen diesen gottgeistigen Menschen, und ihn bitten, daß er uns einen andern erlauchten Mann sende.“ Später trat Albrecht Dürer in persönliche Berührung mit Melanchthon, als dieser nach Nürnberg kam um die dortige Schule einzurichten, und fertigte sowohl dessen als des Kurfürsten Friedrich des Weisen Bildniß, bei welchem er in besondern Gnaden stand. Aber das großartigste Zeugniß seines evangelischen Glaubens, ein herrliches Denkmal evangelischer Kunst hat er in den zwei Tafeln hinterlassen, die, im Jahre 1526 gemalt und von ihm seiner Vaterstadt zu Dank und Ehre geschenkt, später auf bedauerliche Weise in die Hände eines mächtigen Widersachers der evangelischen Kirche gekommen und seitdem eine Hauptzierde der königlichen Sammlungen in München sind: das eine mit den überlebensgroßen Gestalten des Apostels Paulus und des Evangelisten Marcus, das andere mit den gleichgroßen des Apostels Petrus und des Evangelisten Johannes. Diese Bilder, auch unter dem Namen der vier Temperamente (quatuor complexiones) bekannt, sind aus den tiefsten Gedanken der Reformation geschöpft und das erste vollendete Kunstwerk des Protestantismus. Die Antlitze der heiligen Männer sprechen lebendig und kraftvoll aus, was die frühern Unterschriften erklären, Schriftstellen aus ihren Briefen und Evangelien mit der Aufforderung zum Halten an Gottes Wort und mit der Warnung vor dem Abfall und vor den falschen Propheten. Bei jedem dieser Köpfe drückt sich der hohe Glaubensdrang in eigenthümlicher Weise des individuellen Charakters aus. Zusammen bilden sie ein sichtbares Concert derselben geistigen Harmonie, welche hörbar in den Klängen der Meister Ekhard, Bach und Händel waltet.

 

Bald nach der Vollendung dieses größesten Werkes seiner Malerkunst, fing Dürer an zu kränkeln und siechte unter dem herrischen und habsüchtigen Treiben seines Weibes, ohne liebende Pflege, ohne daß er auch nur eines häufigerern Umgang mit den alten bewährten Freunden pflegen durfte – dessen hat sie nach Dürers Tode namentlich Willibald Pirkhaimer beschuldigt – und verschied endlich am Osterfeste, den 6. April 1528, erst 57 Jahre alt. Sein Grab liegt auf dem Johanniskirchhof; ein einfacher Denkstein bezeichnet es dem Besucher. Sein Wohnhaus in der Stadt ist für die Sammlungen des Nürnberger Kunstvereins zur bleibenden Aufbewahrungsstätte erworben. Sein Standbild in Erz, jenem Hause gegenüber in unserm Jahrhundert errichtet, wird spätern Nachkommen verkündigen, mit welchem Adel der Gestalt, mit welchem Adel der Gestalt, mit welchem Ausdruck hohen Geistes der demüthige, glaubensinnige und leidensvolle Meister ausgestattet war.

 

Gründeisen in Stuttgart.

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