Johannes der Täufer

Johannes der Täufer

Es ist die hohe weltgeschichtliche Bedeutung Johannis des Täufers, daß er von Gott dazu erkoren war, die Grenze zu bilden zwischen dem alten und neuen Bunde und von jenem zu diesem hinüberzuleiten. Diese seine Stellung dient dazu, seine Vorzüge und seine Mängel zu bezeichnen. Er ragte in der Erkenntniß von dem, was zum Reiche Gottes gehört, über alle Propheten des alten Bundes hervor, wie ihn der Herr selbst „größer denn alle Propheten“ nennt. Und doch war ihm das Licht der vollen Erkenntniß vom Reiche Gottes, wie es erst durch den Herrn Christus selbst offenbart wurde, noch nicht aufgegangen, wie erhellt aus den Worten Christi, wenn er sagt, daß der Kleinste im Reiche Gottes größer sei denn Johannes, d. h. daß auch der Geringste der wahrhaft erleuchteten Christen durch das ihm von Christus mitgetheilte Maaß der Erkenntniß von dem Wesen des Reiches Gottes, seiner Gründung und seinem Entwicklungsgang dem Johannes überlegen sei.

Auf den großen Beruf, den er erfüllen sollte, durch das, was ihm von den göttlichen Zeichen bei seiner Geburt((Wir verweisen hier auf die Erzählung des Lukas)) mitgetheilt worden, vorbereitet, hatte er von Kindheit an, Gott geweiht, ein Leben strenger Entsagung geführt. Dann zog er sich, als er in das reife Mannesalter eingetreten war, in die Einöde westlich vom todten Meer zurück, über die Sünden des Volke zu trauern, zu Gott für dessen Bekehrung zu beten und von dem Herrn ein Zeichen über die baldige Erscheinung des Messias, welcher das Ziel seiner heißesten Sehnsucht war, und auf den er als der letzte der Propheten unmittelbar hinweisen sollte, zu erwarten. Er führte ein Leben der größten Entbehrung und der härtesten Zucht, wie es der Stimmung seines Gemüths und dem Beruf als Bußprediger, in dem er bald auftreten sollte, entsprach. Er war zufrieden mit dem Lebensunterhalt, den die umgebende Natur ihm von selbst darbot, nährte sich von einer Art genießbarer Heuschrecken des Orients und von wilden Honig. Da wurde ihm der Ruf von Gott, daß er aus der Einöde hervortreten sollte, um das Volk zur Buße zu rufen und auf die nahe bevorstehende Erscheinung des Messias und seines Reiches die Gemüther vorzubereiten. Seine vorbereitende Bußpredigt sollte von einem sinnbildlichen prophetischen Zeichen begleitet werden, das Zeichen der Taufe, d. i. diejenigen, welche seiner zur Buße rufenden und von dem nahe bevorstehenden Kommen des Messias zeugenden Stimme folgten, sollten dies dadurch bezeugen, daß sie sich ganz in’s Wasser eintauchten und wieder hervortauchten, hinzu weisen auf die gänzliche Sinnesänderung, Reinigung des ganzen Menschen von innen heraus, welche zum Eingehn in das Reich Gottes erforderlich sei, und die Mittheilung der göttlichen, naturumbildenden Kraft, durch welche der Messias für eine solche tüchtig machen sollte. Er erhielt zugleich die Gewißheit von Gott, daß unter denen, welche diese Taufe als die vorbereitende Weihe für das Reich des Messias von ihm empfangen würden, auch dieser selbst sein werde, und daß derselbe als solcher durch ein von Gott ihm gegebenes Zeichen ihm werde offenbart werden.

So erschien nun Johannes, umhüllt mit einem Mantel von Kameelhaaren, der zusammengeschnürt war mit einem ledernen Gürtel, in dieser rauhen Tracht nach dem Vorbilde des Elias, wie er sein sollte der Elias für diese Zeit, an den Ufern des Jordan. Und da schon durch die Zeichen der Zeit und die schweren Bedrängnisse der gesunkenen Theokratie eine große Sehnsucht unter dem Volke angeregt worden und diese durch den prophetischen Ruf des Johannes noch gesteigert wurde, strömte eine große Menge herbei, die Worte des Propheten zu vernehmen und sich von ihm taufen zu lassen. Es war aber unter diesen Menschen ein großer Unterschied. Es waren Heilsbegierige aus dem eines Führers ermangelnden Volke, denen es nur an der rechten Erkenntniß fehlte, wie jene Zöllner und Kriegsleute (Ev. Luc. 3, 12 und 14), es waren Neugierige oder Solche, welche nur dem Strom der allgemeinen Stimmung folgten, ohne durch ein eignes religiöses Bedürfniß getrieben zu werden, oder doch Solche, welche nur die Erscheinung eines mit in die Augen fallender Wundermacht kommenden irdischen Messiasreiches nach ihrem fleischlichen Sinne erwarteten und meinten, daß sie als Kinder Abrahams und vermöge einer gewissen äußerlichen Werkheiligkeit ohne irgend eine andere Vorbereitung an der Herrlichkeit dieses Reiches sogleich theilnehmen würden. Der Prophet wußte mit seinem klaren Blick jene verschiedenen Arten der Menschen, die zu ihm kamen, wohl von einander zu unterscheiden und er nahm in der Art, wie er zu ihnen sprach, auf diese Unterschiede Rücksicht. Jenen Heilsbegierigen zeigte er, auf welche Weise sie ihrem besonderen Stande und Berufe gemäß ihre Buße bethätigen sollten. Zu jenen Anderen aber, den Pharisäern insbesondre, sprach er: sie sollten nicht meinen, daß sie als Kinder Abrahams dem bevorstehenden göttlichen Strafgericht über das verderbte theokratische Volk entgehen würden. Alles sei vergeblich, wenn sie nicht die Frucht der wahren Buße in ihrem Leben zu erkennen gäben; es stehe in der Gewalt des Allmächtigen, diejenigen unter seinem bisherigen Volk, die sich ihrer Bestimmung unwürdig zeigten, zu verstoßen, und wie er sagte hinweisend auf die Steine, die am Ufer des Jordan zerstreut lagen, aus diesen Steinen ächte Kinder Abrahams zu erwecken. Eine prophetische Hinweisung darauf, wie das Reich Gottes von den leiblichen Nachkommen Abrahams zu den Heidenvölkern übergehen sollte.

Obgleich Johannes seine eigene Person immer in den Hintergrund stellte und sich nur bezeichnete als die in der Wüste ertönende Stimme, hinzuweisen auf den der da kommen sollte, so war doch der Eindruck, den er auf die Gemüther der Menge machte, so groß, daß schon in Manchen der Gedanke entstand: Sollte der Prophet sich nicht nur noch selbst verbergen, und nur noch zurückhalten die offene Erklärung darüber, wie er selbst zum messianischen Reiche sich verhält? Sollte er nicht etwa selbst der Messias sein? Aber dies ist das Charakteristische der echten Männer Gottes, sie wollen nicht mehr sein, als Gott zu sein ihnen verliehen hat; ohne sich selbst geltend zu machen, wenden sie nur Treue an die Gaben, die Gott ihnen mitgetheilt, erfüllen den Beruf, den Gott ihnen zugewiesen, und fern von ihnen bleibt es, über das Maaß desselben hinauszugehen. Auf das Nachdrücklichste, widersprach er jener Erwartung des Volks, indem er erklärte, erst nach ihm werde der weit Höhere auftreten, dem er den geringsten Knechtesdienst zu verrichten nicht würdig sei. Er selbst könne nur die vorbereitende, vorbildliche Wassertaufe ihnen ertheilen, die sie an die nothwendige Reinigung durch die vorbereitende Buße erinnern sollte, aber jenem weit Höheren sei es vorbehalten, die wahre Geistestaufe ihnen zu ertheilen, daß wie sie jetzt in das Wasser sich eintauchten, sie dann mit ihrem innern Leben ganz in jenen von dem Messias mitzutheilenden göttlichen Geist sich tauchen, ganz von demselben erfüllt und von einem heiligen, alles Menschliche verklärenden Feuer durchdrungen werden sollten. Er verkündete die von dem Messias zu vollziehende, große Sichtung, vermöge welcher die für jene Geistestaufe empfänglichen, echten Kinder Abrahams zu Einer Gottesgemeinde sollten gesammelt werden, die Uebrigen aber von dem Reich Gottes ausgestoßen dem göttlichen Strafgericht anheimfallen.

Wer in dem Maaße seines göttlichen Berufs sich demüthig zu beschränken weiß, der wird zum Ziel desselben gelangen. So empfing Johannes den Lohn seiner demüthigen Selbstbeschränkung. Es erschien auch Jesus vor ihm, um die Taufe von ihm zu empfangen. Wenngleich aber Johannes sich seines Berufes bewußt war, Allen jene vorbereitende messianische Weihung zu ertheilen, und die göttliche Zuversicht empfangen hatte, daß so bei der Taufe sich auch der Messias ihm offenbaren werde, so entstand doch hier ein Widerstreit in ihm zwischen dem Menschlichen und Göttlichen. Wenngleich er noch nicht die Gewißheit darüber hatte, die er als Prophet gewinnen sollte, daß dieser Jesus der Messias sei, su machte doch das Göttliche seiner Erscheinung im Zusammenhang mit dem, mas er aus dessen Familienkreise von ihm vernommen hatte, so gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er sich sträubte dagegen, zu einem Solchen in ein gleiches Verhältniß wie zu den Uebrigen, die die Taufe von ihm empfangen hatten, sich zu stellen, einem Solchen die Taufe zu ertheilen. Doch Jesus forderte ihn auf, diese Bedenken zu überwinden, damit Alles, was zur Ordnung des Reiches Gottes gehörte, erfüllt werde. Dazu gehörte es, daß der letzte der Propheten den Messias selbst als solchen offenbaren, ihn in seine göttliche Berufsthätigkeit einführen und das göttliche Zeichen dazu ihm ertheilen sollte. Die johanneische Taufe war eben die gemeinsame Weihe für das messianische Reich, in einem anderen Sinne für die als Mitglieder demselben Angehörenden, und in einem andern Sinne für den Gründer und König dieses Reiches, der dadurch bezeichnet werden sollte als derjenige, in dessen Wirksamkeit sich von nun an die ganze Fülle des göttlichen Geistes offenbaren und der vermöge derselben die Geistestaufe den durch die Wassertaufe dazu Vorbereiteten ertheilen sollte. Da nun Jesus in das Wasser des Jordan sich hinabließ und betete, wurde Johannes im Geiste entzückt, es erschien ihm der Himmel sich aufthuend, als ein Zeichen der Gemeinschaft, die zwischen Himmel und Erde nun wieder hergestellt werden sollte, und vom Himmel herab kam eine Taube und blieb schweben über das Haupt Jesu. Die Taube war ihm ein Bild des Heiligen Geistes und das sanfte ruhige Schweben der Taube ein Zeichen der sich immer gleichbleibenden ruhigen und stetigen Wirksamkeit des göttlichen Geistes in diesem Jesus und von diesem aus. Denn er wurde dadurch bezeichnet als der, in welchem die ganze Fülle dieses Geistes wohnte, der nicht blos wie die Propheten einzelne vorübergehende Wirkungen und einzelne Gaben des Geistes empfangen hatte. Und er erkannte ihn nun mit göttlicher Zuversicht als den Sohn Gottes, der mit dem heiligen Geist die Menschen zu taufen gekommen sei.

Jesus zog sich nun für’s Erste aus dem Kreise des Johannes zurück und begab sich in die Einöde, in Gebet und Betrachtung, und in dem innern Kampfe, in dem er den Gläubigen vorangehen sollte für den heiligen Beruf, für den er so eben das göttliche Zeichen und die Weihe empfangen hatte, sich vorzubereiten. Johannes aber setzte seine bisherige Wirksamkeit fort, und da nun eine Gesandtschaft des höchsten Tribunals über alle Religionsangelegenheiten, des Sanhedrins in Jerusalem vor ihm erschien, um eine ganz bestimmte Erklärung darüber, wofür er wollte angesehn sein, und in welcher Autorität er auftrete, von ihm zu vernehmen, bezeichnete er schon, indem er sich über sein Verhältniß zum Messias wie bisher aussprach, diesen als einen in ihrer Mitte Erschienenen, der ihnen aber noch unbekannt sei. Es geschah dies, als Johannes sich zu Bethania oder Bethabara am jenseitigen Ufer des Jordan befand.

Als Jesus seine vierzigtägige Vorbereitungszeit in der Einöde vollbracht hatte, erschien er zuerst wieder unter dem engern Kreise, den Johannes der Täufer um sich gebildet hatte. Wir müssen nämlich von der größeren Menge derer, die zu dem Johannes hinströmten, um von ihm die Taufe zu empfangen und dann wieder zu ihrem gewöhnlichen Stand zurückzukehren, die kleinere Zahl der Prophetenschüler unterscheiden, welche immer bei ihm blieben und ihn zum Führer des geistlichen Lebens erwählten, als seine Organe unter dem Volk zu wirken sich bereit machten. Aus dem Kreise Solcher bildete sich die erste Jüngerschaar Christi, Johannes selbst wies durch sein Zeugniß diejenigen, welche er als empfänglichere erkannte, zu ihm hin, wie er, als Jesus wieder vor ihm erschien, und seine beiden Jünger, Johannes der nachherige Lieblingsjünger des Herrn und Andreas der Bruder des Petrus ihn umgaben, auf Jesus hinweisend die Worte sprach: Siehe das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt trägt! Es war dies die höchste prophetische Ahnung, welche dem zwischen dem alten und neuen Bunde in der Mitte Stehenden bei dem Anblick des Herrn in seiner göttlichen Milde und Demuth in der Seele aufstieg, denn er gibt ihn dadurch zu erkennen als den, der in göttlicher Reinheit, Geduld und Milde die Sünden des Volks tragen und dasselbe entsündigen sollte. Der ganze Sinn dieser Wurte, welcher erst den Aposteln durch die Erleuchtung des heiligen Geistes ganz aufgeschlossen werden sollte, war ihm selbst noch nicht klar; er sprach, wie es in der Natur solcher prophetischen Worte liegt, mehr aus, als er mit klarem Bewußtsein hätte entwickeln können.

Es muß uns nun aber wohl die Frage auffallen: Wie ist es zu erklären, daß Johannes nicht, statt seinen abgesonderten Wirkungskreis fortzusetzen, selbst mit allen seinen Jüngern zum Herrn überging. Ein so erleuchteter Mann, sollte man denken, hätte als Jünger des Herrn das tüchtigste Werkzeug für die göttliche Sache werden müssen. Aber Gott hatte es anders beschlossen, und wir werden seine verborgene Weisheit, deren Gedanken nicht sind wie der Menschen Gedanken, darin erkennen können. Jesus bedurfte zu seinen Jüngern Solcher, die noch nichts waren, Alles erst durch ihn werden sollten, die wie leere Gefäße zu ihm kamen, um die göttlichen Schätze von ihm zu empfangen, sie sollten ganz durch ihn erst gebildet werden, Alles sollte in ihnen das Werk seiner Schöpfung sein. Johannes der Täufer aber hatte seinen eigenthümlichen Standpunkt schon gewonnen. Diesem sollte er treu bleiben, darüber nicht hinausgehn, und in dieser Stellung nicht unmittelbar dem Herrn sich anschließend, konnte er auch am meisten dazu wirken, ihm in den Gemüthern den Weg zu bahnen. Nicht öffentlich zeugte er von ihm, sondern nur die vertrauteren seiner Jünger, die seiner Stimme in Allem folgten, wies er zu ihm hin. Wie er dem alttestamentlichen Standpunkt von einer Seite noch angehörte, wartete er ohne Zweifel darauf, daß der Herr selbst durch seine Wundermacht sich allgemeinere Anerkennung verschaffen und dann als der Messias ein heiliges Reich sichtbarlich zu gründen und die große Sichtung unter dem Volk zu vollziehn, auftreten werde. Dann war die Zeit dazu gekommen, daß auch er mit seiner ganzen Schaar sich ihm anschloß. Bis dies geschehen werde, wollte Johannes seine abgesonderte Wirksamkeit fortsetzen.

Johannes, der seinen Aufenthaltsort öfters veränderte, um seinen Wirkungskreis weiter auszubreiten, sich aber immer, wie die Verrichtung der Taufe es verlangte, nach wasserreichen Gegenden begab, hatte unterdessen an der Grenze von Judäa nach Samaria hin in einer quellenreichen Gegend bei Salem, zu Aenon sich niedergelassen. Es war ungefähr ein halbes Jahr seit der Taufe Christi verstrichen. Dieser hatte zuerst am Passahfest in Jerusalem gewirkt und begab sich nun mit seinen Jüngern in jene Gegend, um dann durch Samaria nach Galiläa zurückzukehren. Da erregte nun die Wirksamkeit Christi die Eifersucht solcher Jünger Johannis des Täufers, welche dem Sinn und Geist ihres Meisters ferner standen. Dieser aber ließ sie eine göttliche Nothwendigkeit darin erkennen, daß Jesus über ihn sich erheben mußte. Er bezeichnet das Verhältniß zwischen ihm und Christus als ein solches wie das zwischen dem von der Erde Stammenden und dem vom Himmel Herabgekommenen, das Verhältniß des Menschlichen zum Göttlichen. Wie der Brautführer das Ziel seiner Wünsche erreicht hat, wenn er die Braut mit dem Bräutigam zusammengeführt hat, so sieht Johannes das Ziel aller seiner Sehnsucht erschienen, den Gipfel seiner Freude erfüllt, da er die Gemeinde Gottes dem, mit welchem sie auf ewig verbunden sein soll, zugeführt hat; er ist am Ziel seiner irdischen Laufbahn, und ruft aus: Ich muß nun sinken, er aber muß immer höher sich erheben.

Johannes kehrte sodann wieder nach Peräa, wo er früher gewirkt hatte, zurück. Diese Provinz war der Regierung des Herodes Antipas unterworfen. Ale strenger Sittenrichter, der das Ansehen des göttlichen Gesetzes ohne Menschenfurcht geltend machte, hatte sich Johannes dessen Feindschaft zugezogen, insbesondre dadurch, daß er für die Heiligkeit der Ehe gegen ihn eiferte, die Verlegung derselben darin, daß Herodes die Herodias, Gattin seines Bruders Philippus entführt und geheirathet hatte, rücksichtslos strafte. Dies konnte ihm auch besonders die Herodias nicht verzeihen, und sie bewirkte es besonders, daß er gefangen genommen wurde. Die Besorgniß vor Unruhen, welche Johannes durch seinen Einfluß auf die bewegte Menge erregen könnte, gebrauchte der König zum Vorwand. Johannes wurde nach der Grenzfestung Machärus geschleppt.

Da jene Beschuldigung gegen den Johannes nur zum Vorwand diente, da man gut genug den Mann kannte, von dem es fern war, eine Empörung stiften zu wollen; so trug man kein Bedenken, ihn in der Verbindung mit seinem engern Jüngerkreis ungehemmt zu belassen. Nun hörte Johannes in seinem Kerker von den Wundern Christi und der Vergrößerung seiner Jüngerschaar. Da er dem alttestamentlichen Standpunkt noch angehörte, wenngleich an der Grenze desselben stehend, so befremdete es ihn, daß Jesus noch nicht vor Aller Augen als den Messias sich zu erkennen gab, und mit der Stiftung seines Reiches auf Erden immer noch zögerte. Denn wenngleich Johannes von allen fleischlichen Vorstellungen über die Beschaffenheit dieses Reiches fern war, und nur durchaus Gotteswürdige Vorstellungen von der Beschaffenheit desselben sich machte, so erwartete er doch immer ein äußerliches Hervortreten dieses durch Wundermacht zu gründenden Reiches. Wenn auch einzelne Ahnungen von dem höhern christlichen Standpunkt in ihm aufgingen, so dürfen wir doch das, was in den höchsten Momenten religiöser Geisteserhebung ihn erfüllte, nicht für das Beseelende und Bleibende bei ihm halten. Wir können uns nicht darüber wundern, wenn bald jener alttestamentliche Standpunkt, bald die Vorahnung des Christlichen bei dem Johannes mehr vorherrscht. Auch der noch so sehr Erleuchtete muß erkennen, daß er den göttlichen Schatz trägt in irdenem Gefäße; es wechselt Licht und Schatten in dem Gemüth. Was in göttlicher Zuversicht dem Erleuchteten gewiß geworden, kann in anderen Momenten, wo die aus dem Dunstkreis der Welt aufsteigenden Nebel das Licht des Geistes umhüllen, ihm wieder ungewiß werden. Solche Erfahrungen werden in dem christlichen Leben häufig gemacht, sie gehören zu dem Schmerzlichsten, sie sind aber nothwendig und heilsam, damit der Glaube unter dem Feuer der Versuchungen erprobt werde. Es ist lehrreich und tröstlich, wenn wir auch den erleuchtetsten Propheten eine solche Erfahrung machen sehen. Er, der mit solcher Zuversicht von Jesus als dem Messias und dem Sohn Gottes gezeugt hatte, wurde in einem ungünstigen Moment schwankend in seiner Erwartung aus dem angeführten Grunde. Da aber sein Glaube an den göttlichen Beruf Jesu als Propheten und an dessen Wahrhaftigkeit doch unerschüttert war, so wollte er aus seinem Munde die sicherste Entscheidung vernehmen, und er sandte zwei seiner Jünger zu Christus und ließ ihn fragen, ob er denn wirklich der Messias sei, oder ob man noch einen Andern erwarten müsse. Christus wies auf die von ihm vollbrachten leiblichen und geistigen Wunder hin, und er pries, auf Johannes anspielend, seelig den, der in seinem Glauben an den Messias sich nicht dadurch irre machen lasse, wenn er selbst fortfahre, statt ein sichtbares Reich zu stiften, unter den Armen und Leidenden Göttliches zu wirken. Nachdem die Jünger des Johannes sich entfernt hatten, sprach Christus zuerst in bildlicher Rede, dann in eigentlichen Worten sein Urtheil über Johannes aus: Was sie in der Einöde am Ufer des Jordan gesucht hätten? Nicht Einen von den Hofleuten in weichen Kleidern, die man in den Palästen der Fürsten finde, – Johannes, der strenge Zeuge der Wahrheit, das Gegentheil von den um die Fürstengunst buhlenden Hofleuten. Nicht ein wankelndes, vom Winde hin- und herbewegtes Rohr, – Johannes nicht ein wankelmüthiger Lehrer, wie man etwa aus dieser seiner Sendung hätte schließen können, sondern ein Prophet, und mehr als ein Prophet, der über alle Propheten Erhabene, dem doch der Geringste im Reiche Gottes an Erkenntniß überlegen sein mußte. Denn ein solcher mußte schon klar erkennen, was über das Maaß des alttestamentlichen Standpunktes, auf dem sich Johannes noch befand, hinausging, daß der Messias nicht mit einem Male, auf sichtbare Weise, sein Reich auf Erden stiften, sondern durch Leiden dasselbe gründen, und daß es erst durch langsamere allmählige Entwicklung seinem letzten Ziel entgegengehen sollte. Hier bezeichnete also auch der Herr aus dem eigentlichen Standpunkt des Johannes es erklärend, was ihn für einen Augenblick in seinem Glauben irre gemacht hatte.

Der Einfluß jener herrschsüchtigen Herodias, welche die Gefangennehmung des Johannes bewirkt hatte, führte bald, nachdem das Erzählte vorgefallen war, den Märtyrertod des Johannes in seinem Kerker herbei. Wir nennen ihn einen Märtyrer, weil er in der Treue der Erfüllung seines Prophetenberufs ein Opfer des weltlichen Machthabers wurde.

A. Neander in Berlin.

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