Martin Rinkart

Martin Rinkart

Martin Rinkart ist geboren 23. April 1586 zu Eilenburg in Sachsen, gestorben 8. December 1649 in seiner Vaterstadt. Sein Vater war ein Küster, der seinem Wahlspruch „Schlecht und Recht“ lebenslang treu blieb. Martin ging im 15. Lebensjahr, 1601, mit guten Schulkenntnissen gerüstet nach Leipzig um Theologie zu studiren. Seinen Unterhalt erwarb er sich durch die Musikfertigkeit, die er von Haus mitgebracht. 1610 ward er Cantor zu Eisleben, ein Jahr später Diaconus daselbst, 1613 Pfarrer zu Erdeborn im Mansfeldischen, 1617 Archidiaconus in seiner Vaterstadt. Dieses letztere Amt bekleidete er bis an seinen Tod mit Treue und Segen, mitten unter den Drangsalen des 30jährigen Krieges mit unermüdlichem Eifer wirkend, und dazu mit seltener Gesundheit gesegnet. Während des gräulichen Pestjahrs 1637 half er 4480 Menschen beerdigen. Das folgende Jahr 1638 brachte neue Noth: der Hunger fiel über das arme Volk im verwüsteten Lande, daß sich die Elenden um ein Aas rissen um nicht zu verschmachten. Rinkart und einige seiner frommen Beichtkinder thaten, selbst darbend, das Mögliche zur Linderung des jammervollen Leides: sie ließen wöchentlich mehrmal unter viel hundert Hungerige Brot vertheilen, und Gott half endlich, daß die Noth verging. – Ein Jahr später erschien der Schwede Dörfling, von den Eilenburgern 30.000 ThIr. zu erpressen. Rinkart fleht ihn um Erlaß, vergeblich. Da kehrte er wieder zu den Seinen und sprach: „Kinder, haben wir bei den Menschen kein Gehör noch Gnade, so wollen wir mit Gott reden.“ Da ward zum Beten geläutet, die Gemeinde fiel auf die Knie und sang: „Wenn wir in höchsten Nöthen sein“ – und die Schweden wurden bewegt und erließen ihre Forderung bis auf 2000 Gulden. – Seine Beichtkinder haben ihm oft mit Undank gelohnt; aber viele Herbigkeit des Lebens trug der fromme Priester gleichmüthig, da ihn Gott gesegnet hatte mit gesundem Leibe und glücklichem Hausstand, Endlich da er „den edlen Frieden schmecken“ durfte, stimmte er aus Herzensgrund sein schönes Lied an „Nun danket alle Gott“, und ging ein Jahr später heim zu seinen Vätern.

Die unablässige Treue in der Amtsführung mag dem wackeren Manne wenig Raum gelassen haben zu anderweiter Thätigkeit. Und doch nahm er sehr fleißig Theil an dem Wirken der schlesischen Dichterschule, nicht nur als Liederdichter, sondern auch in wissenschaftlicher Weise. Den schlesischen Dichtern gebührt Lob, daß sie in tiefer Noth nicht am Vaterlande verzweifelten und in rechter deutschvaterländischer Weise das Evangelium hoch hielten, liebten und sangen; dieß ist die beste Seite ihrer Wirksamkeit, womit manche Schwäche und Sünde ihres dichterischen Gebahrens zugedeckt wird. Mitten in der verdrehten welsch gewordenen Poesie voll eitlen Zierrathes und rednerischer Heuchelei, welche jene Dichter zum großen Theil mit verschulden, leuchtet hell das evangelische Kirchenlied wie ein unvergänglicher Strom Lebenswassers, daran sich das gebrochene Volk erlabte; ja es geschah, daß mancher Dichter, der im weltlichen Liede kalt geziert und mit verlogener Gelehrsamkeit daher fuhr, im geistlichen eine liebliche Stimme der Wahrheit hören ließ.

Rinkart hat an diesen Schwächen und Größen sein bescheiden Theil, nicht als hervorragender Chorführer, aber als achtungswerther Mitarbeiter. Mehrere Schriftwerke von ihm, die rasch nach einander entstanden, waren ihrer Zeit in Ansehen; ein größerer Theil, – er nennt in der Vorrede des Summarischen Discurses 19 – ist verloren, vielleicht nie veröffentlicht. Wahrscheinlich ist auch sein „Mathematischer Gedenk-Rink“ (1644), ein astrologisches Wunderbuch, ungedruckt geblieben.

Von veröffentlichten Werken sind uns zwei bekannt: 1. „Summarischer Discurs von deutschen Versen“ (Leipzig 1645), ein Abriß der Reim- und Verskunst nach den Grundsätzen Martin Opitzens, den man wohl den Vater der (neu) deutschen Dichtung genannt hat. Die „Vor- und Zuschrift denen Ehrenvesten rc. Herrn Buchführern zu Leipzig Wittenberg Jena und Lüneburg“, welche dieses Buch eröffnet, führt die Namen aller vollständigen und unvollendeten, theils poetisch lehrhaften und allegorisch dramatischen theils geistlich erbaulichen Schriften an, die er vordem angefertigt; mehrere darunter heißen – wohl auf seinen Namen anspielend – Gesang-Rinck, Gedenk-Rinck u. a. 2, Das andere Ruch „Catechismus-Wohlthaten“ trägt auf der Titel-Rückseite die Inschrift: Hr. Martin Rinkart und seiner Eilfertigen Eilenberger, Heilwertigen Heilberger und anjetzo elenden Heulenberger zwar äußerlich land- und welt-trauriges, aber innerlich geist- und hertz-fröliches Kirchen-Jubel-Jahr: Wolthaten-Gedenk-Rind und Catechismus-Frewde, darinnen Ihrer und aller Auserwehlten gleichmäßig genothpresseten Kinder Gottes Wahre Christen-Hohheit, köstliche Glaubens-Kleinodien, und mitten im allertiefsten Elende fort und fort wachsender und immer und ewig bleibender Reichthumb. Das Buch zerfällt in 4 Theile oder einen 4fachen Land-, Stadt- und Kirchen-Gedenk-Ring.

Dieser vierte Theil geht uns besonders au; er enthält „Gesetz- und Glaubens-Kleinodien der Auserwehlten Kinder Gottes“, oder „Christen-Hoheiten“ der Auserwählten, jede in einem Liede dargestellt, zusammen 50 Lieder. Darunter sind heute noch bekannt oder in Gesangbüchern bewahrt die folgenden:

– Ach Vater unser Gott.
– Hilf uns Herr in allen Dingen.
– Nun danket alle Gott.

Das überall bekannte „Nun danket alle Gott“ mit J. Crügers Melodie ist und bleibt das beste von Rinkarts geistlichen Liedern; es ist auch das einzige, welches eigentlich Kirchenlied geworden. Auffallend ist, daß sich dieses Lied unter den 50 Liedern des Onteollotious musicalis nicht befindet. Es soll 1645 gedichtet sein; den ältesten Druck kennen wir nicht; vielleicht erschien es als fliegendes Blatt, Vorbote des ersehnten Friedens zu sein. Die einfach gesunde Tonweise hat wohl vorzüglich zu seiner Verbreitung beigetragen, indem sie das sonst unvolksthümliche Versmaaß, den schleichen Alexandriner, in lauter gehälftete Zeilen zerfällt, als 3füßige Jamben volksthümlich genießbar macht. Rinkart hat aber diese den Schlesiern mustergültige Form nur in 10 von jenen 50 Liedern festgehalten, außerdem mehrere Lieder in dactylisch anapästischem Maaße, und auch eine nicht geringe Zahl nach kirchlich beliebten Tonweisen gedichtet. Diese letzteren sind die schönsten, ein ächtes Zeugniß des Zeitalters und Dichters.

Das vorhin zuerst genannte Lied: „Ach Vater unser Gott,“ trägt im Original die Ueberschrift: „Die 19te Christen-Hoheit, das große Pater Noster und grösseste Gebet-Cleinod.“ Wie die berühmtesten Umdichtungen von Luther bis auf Klopstock und Witsche! hinab zeigen, so läßt sich zum Gebete des Herrn nichts zu und abthun, es sind einmal ewige Worte, und alle Veränderungen beweisen die Ohnmacht des Menschenworts daneben. Auch die psalmodische Recitation ist beim Vaterunser niemals so erbaulich, wie das stille oder laute Wort einfältiger Redeweise; nur Chorgesang, wie von Prätorius, mag eine festliche Erhöhung bringen. – Die Rinkartsche Umschreibung leidet an großer Breite; ihre 20 vierzeiligen Alexandrinerstrophen sind im Berliner LiederSchatz auf 18 reducirt; es sind nämlich die 2. und 10. des Originals weggelassen, außerdem die 4 letzten gänzlich umgedichtet, und übrigens sehr viele Einzelstellen verändert, wo der Ausdruck zu fremdartig schien: „Gnade, Teufel, Kindlein, mein‘ Mäßlein Brot, feuriger Wagen Gottes, Jesu Brüderlein“ und ähnliche, fanden Anstoß in dem aufgeklärten Zeitalter. Man merkt auch hier, wie schwierig die rechte Liedbesserung ist. Rinkarts Lied hat trotz seiner Breite doch den einheitlichen Ton der Treuherzigkeit, der innigen Glaubensfülle, und selbst die pietistisch rhetorischen oder didactischen Ueberflüsse werden den Freund der Liederdichtung minder verletzen, als die moderne Verwässerung die nicht kalt nicht warm ist. – Ob aber das Lied je in rechtem Kirchengebrauch gestanden, darf man bezweifeln.

Ein drittes Lied, „Hilf uns Herr in allen Dingen“ mit der Ueberschrift „die 24. Christen-Hoheit: König Davids und des christl. Biedermanns und Jedermanns täglicher und behäglicher Hertzwunsch aus dem 118. Psalm, im Thon der Wasserquelle“ – ist von größerem poetischen Werthe als das vorige; diese 8zeiligen 4füßigen Jamben in einem der lieblichsten Töne unserer Kirche ^) gesungen, verdienten der Vergessenheit eher entrissen zu werden als manche veraltete Lieder, die unsere Hymnologen ämsig aufzulesen lieben. Weder in A. Knapps viertehalbtausend Liedern noch im Berliner Lieder-Schatz hat es Aufnahme gefunden; auch nicht in dem sonst die schlesische Dichtung viel ausbeutenden alt ostfriesischen Gesangbuch. Von Neueren scheint es nur das im Hermannsburger Missionshause gedruckte „Singende und betende Zion“ (1866) in seinem Werthe erkannt zu haben, doch bringt es statt der ursprünglichen 11 Strophen nur deren 5, nämlich die 1. 2. 3. 7. und 11. aber meist unverkümmert nach der Urschrift. Die erste und letzte Strophe mögen hier stehen:

1. Hilff uns HERR in allen Dingen,
Daß wir unser Amt und Werck
Wol ansahen und volbringen;
Gieb uns Weisheit, Kraft und Stärck!
Ohne deine Segens-Hand
Ist verloren Stand und Land.
Hilff uns Herr in allen Dingen
Und laß alles wol gelingen!

11. Hilff uns HERR in letzten Zügen
Aus der letzten Höllen-Angst,
Laß uns Ritterlich obsiegen
Wie du obgesieget langst.
O Herr Jesu, deine Hand
Leist uns Beystand und Bestand!

Es ist Martin Rinkart widerfahren was manchem Größeren vor ihm. Seine Zeit- und Schulgenossen, z. B. Rivinus in Leipzig, Bulcius in Wurzen rc. übergossen ihn mit solchem Lobe, als wäre er der erste Dichter seines Volkes; dafür rächte sich die Nachwelt, indem sie ihn nicht minder ungerecht vergaß. Seien wir dankbar für die Gaben, die dem frommen und wackeren Manne gewährt waren und die auch uns zu Gute kommen.

E. Krüger in Göttingen.

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