Johannes Eccard

Johannes Eccard

Als Palestrina 29, und Orlando di Lasso 33 Jahre zählte, wurde zu Mühlhausen in Thüringen, etwa gleichzeitig mit Johannes Gabrieli, im Jahre 1553 ein Knabe geboren, dessen Geburtstag und dessen Eltern wir nicht kennen, der aber in seinen Liedern und Gesängen noch heut der evangelischen Christenheit predigt, nicht minder köstlich und herrlich, als die Gesänge jener großen drei Meister der römischen Kirche von der wahrhaft bewunderungswürdigen Kraft und Weihe der Musik des 16ten Jahrhunderts Zeugniß geben.

Dieser Knabe war Johannes Eccard; eingeweiht in die Lehren der heiligen Tonkunst zu München durch Orlando, wahrscheinlich in den Jahren 1571-74, gab er sein erstes Werk, 1574 zu Mühlhausen heraus; das zweite in Gemeinschaft mit dem Cantor der dortigen Blasienkirche, Joachim von Burgk, verfaßte erschien 1577, und 1578 das dritte, 24 deutsche Lieder zu 4 und 5 Stimmen enthaltend, dessen Vorwort den Meister als im Dienst der Fugger zu Augsburg stehend meldet. Der Ruf, den ihm diese Werke als dem größten Schüler des großen Orlando erwarben, veranlaßte den Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg-Anspach, den Verwalter des Herzogthums Preußen, ihn im Jahre 1579 nach Königsberg zu ziehen. Durch seine Tüchtigkeit und sein freundliches Wesen überwand Eccard hier bald das preußische Vorurtheil gegen die vielen in das Land gerufenen „Franken.“ Erst Vice-Kapellmeister, seit 1599 Kapellmeister des Herzogs, trat er mit den vorzüglichsten Geistern Königsbergs in ein nahes und vertrautes Verhältniß; 1585 und 1589 erschienen seine weiteren Arbeiten, namentlich 25 theils geistliche, theils weltliche Gesänge, unter ihnen ein Satz zu seinem Wahlspruch: „Schlecht und recht behüte mich!“, dem er sein Leben lang treu und hingebend folgte, nicht seine Ehre, sondern die Ehre dessen suchend, von dem er die Gabe des Gesanges empfangen hatte. Im Jahre 1596 erschienen 20 lateinische Oden und 18 deutsche Lieder des Mühlhauser Diakonus Helmbold, seines alten Freundes, deren letzteren eines das, Eccard’s Sinn und Wesen so bezeichnende Sprüchlein mit sich führt: „Sing wie Gott will, oder schweig still.“ Endlich erschienen, veranlaßt durch den ausdrücklichen Auftrag des Markgrafen Georg Friedrich, über die Weisen der in Preußen gebräuchlichsten Kirchengesänge fünfstimmige Tonsätze anzufertigen, 1597 seine Choräle, und 1598 seine Festlieder, welche seine Kunst zur vollen Entfaltung brachten. Nachdem der Kurfürst Joachim Friedrich im Jahre 1605 die vormundschaftliche Verwaltung des Herzogthums Preußen erworben, berief er zur Taufe seiner am 22. März 1607 gebornen Tochter, Marie Eleonore, „in ungeseumbter Eyl“ Johann Eccard „mit seinen besten Knaben und Discantisten“ nach Berlin. Er sollte „einrathen helfen, wie unser Capelewesen alhier wiederumb etwas in Ordnung zu bringen.“ Eccard wurde 1608 definitiv in Berlin als Kapellmeister gegen 200 Thaler Besoldung und etliche Naturalien angestellt, und wirkte hier bis zu seinem 1611 erfolgten Tode.

Wie wenig wir nun auch von seinem äußeren Leben wissen, so tief können wir doch in sein inneres, sein kirchlich-musicalisches hineinschauen, Hiebei dienen uns hauptsächlich die beiden letztgenannten Werke zum Anhalt, Die ausgesprochene Absicht des Choralwerks, welches 55 Melodieen behandelt, war die, „zu Lob und Ehren der göttlichen Majestät“ die Choräle dergestalt durch die Kunst auszubauen, daß der Gesang in der Oberstimme deutlich zu erkennen und die Gemeine im Stande sei, mit herzlicher Andacht und vollem Verständniß dem Chor zu folgen. Dieser Zweck, welcher bei allen Kirchengesängen unseres Meisters klar heraustritt, ist denn auch, wie wir gleich hier bemerken wollen, sein eigentlich evangelisches, vor den Meistern der römischen Kirche ihn auszeichnendes Verdienst. Wenn Luther’s Bestrebungen für den evangelischen Kirchengesang vor Allem darauf gerichtet waren, daß das unverständliche und unverstandene Singen, das „Lören und Tönen“, wie er sagt, ein Ende nehme und Alles im Gottesdienste Leben und Wahrheit werde, auf daß der Gesang nur dazu mithelfe, daß das Wort Gottes im Schwunge gehe in der Christenheit und durch die Macht der Töne sich festsetze in den Herzen des Volks: so hat Eccard auf das Treuste diesem höchsten Zweck mit seiner Kunst gedient, nicht unbewußt durch die Kraft und innere Richtung seiner Begabung, sondern mit dem vollsten, ausgesprochenen Bewußtsein. Selbst bei der über den Vortrag der Gesänge ertheilten Anweisung ist sein Zweck der, „daß der gemeine Mann die Melodie desto eigentlicher hören könne.“ Eben so ist die innere Gliederung und Gestaltung des Eccard’schen Tonsatzes nicht, wie es bis zu seiner Zeit hergebracht war, eine Ueberbauung und Ueberschüttung der Melodie mit einer Fülle von Tönen, deren Verhältniß zu dieser ein zufälliges, loses genannt werden muß, sondern ein der Melodie, ja dem Wort in ihr, geleisteter Dienst. Nicht nur Anlaß, sondern Princip der Gestaltung ist ihm die Melodie für den harmonischen Satz; nicht darf die Harmonie eine selbstständige Bedeutung gewinnen, sondern die Melodie, das Wort, der Geist, ist durch die Harmonie zu heben, zu verdeutschen, zu verklären. Hieraus ergiebt sich der Accent, den Eccard überall auf die Führung der unteren Stimmen im Verhältniß zur Oberstimme legt. Dies ist seine Meisterschaft. Die kunstvollste, sinnigste Verwebung der Stimmen, und doch Alles im Dienst dessen, was die Oberstimme vorträgt, vorbereitend bald, bald nachhallend, oder bei den bedeutendsten Tönen der Melodie, bei den Worten des Liedes, welche besonders in das Gemüth hineinzielen, Alles zusammenfassend zu gemeinsamer, gleichzeitiger Wirkung, Es kann nicht unsere Absicht sein, dies im Einzelnen darzulegen und ausführen zu wollen. Dazu bedarf es der Vorführung der Gesänge selbst, von denen wir reden. Wir müssen uns hier begnügen, darauf hinzuweisen, daß hier in der That in vollendeter Meisterschaft geleistet ist, was die evangelische Kirche von den Meistern des Gesanges für das Kirchenlied im evangelischen Geiste fordern und erwarten mußte. Unter diesen Choralgesängen Eccard’s zeichnen sich besonders aus die Sätze zu den Liedern: „Nun lob‘ mein Seel den Herren“, „Nun freut euch lieben Christengemein“, „Nun kommt der Heiden Heiland“, „O Lamm Gottes unschuldig“, „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“, „Es ist das Heil uns kommen her“ u. s. w. Diese Gesänge prägen überall die Melodie, in ihrer rhythmischen Beschaffenheit sowohl wie in Betreff der Tonfolge, nach ihrem innersten Wesen aus und bringen sie zu der ihr entsprechenden harmonischen Gestaltung. Deshalb bleiben sie Lieder ihrem ganzen Charakter nach, obwohl alle Kunst der größeren Gesangeswerke (Motetten u. s. w.) ihnen dienstbar geworden ist. „Für jede der Melodieen“, sagt C. von Winterfeld, dessen-mühsamen und glücklichen Forschungen wir den Wiederbesitz der vergrabenen Schätze Eccard’scher Gesänge verdanken, „für jede der Melodieen, die ihm als Aufgabe gestellt war, hat er die ihr verwandten Geister der Töne aufgerufen, und sie haben ihm gehorcht.“ Diese Kunst des Entfaltens der Melodie durch den harmonischen Satz, des Offenbarens ihrer ganzen Herrlichkeit und der in ihr gleichsam noch unentwickelt, ungeboren, ruhenden Schätze, diese Kunst ging bei Eccard überall hervor, wie v. Winterfeld weiter bezeugt, „aus dem Durchdrungensein von dem Geiste der Lieder und Melodieen“, von ihrer, nicht etwa durch die Worte des ersten Verses, sondern durch den Charakter des ganzen Liedes bedingten innersten Natur und Bedeutung.

War es die Absicht dieses Choralwerks, den Gesang der Gemeine durch die Kunst des Chorgesangs zu schmücken, ihm zu dienen, also nur die Kunst des Tonsetzers zu üben; so war es die Absicht des zweiten Werkes, der Preußischen Festlieder, eine selbstständige kirchliche Kunst des Chorgesanges im Geist des Evangeliums für die evangelische Kirche zu schaffen, und hiebei auch die Kunst des Sängers (neuer Melodieen) zu offenbaren. Dieses Werk, zu welchem sich Eccard durch zahlreiche Familienfestlieder (unter anderen zur Hochzeit einer Jungfrau, Namens Bäthoven) vorbereitet hatte, enthält 27 Gesänge auf alle Feste des Kirchenjahres, theilweise sich der Liedform anschließend, theilweise aus reich ausgestatteten Motetten bestehend, auch wohl beide Formen absichtlich verschmelzend. So sind rein als Lieder gesetzt: „Freu‘ dich du werthe Christenheit“ zum Fest der Verkündigung, „Ueber’s Gebirg Maria geht“ auf das Fest der Heimsuchung, (v. Winterfeld nennt dieses Lied einen Gesang heiliger Liebe), „Der Zacharias ganz verstummt“ auf das Fest Johannis des T., (ein echtes Glaubenslied nach v. Winterfeld’s Charakteristik.) Als Motetten erscheinen dagegen der köstliche Weihnachtsgesang: „O Freude über Freude“ mit zwei vierstimmigen Chören, der sechsstimmige Passionsgesang „Im Garten leidet Christus Noth“, vielleicht der großartigste und innigste von allen, und andere mehr. Die meisten Festgesänge vermitteln und verbinden beide Formen, so jedoch, daß der Charakter des Liedes das Bestimmende und Ueberwiegende bleibt. Die Gemeine sollte eben etwas behalten und lernen können, auch der Gesang des selbstständig und allein vortragenden Chores sollte ihr Gewinn und Segen bringen. Hier steht Eccard, wie v. Winterfeld bezeugt, auf der Höhe der Kunst, und nicht seiner Zeit allein. „Denn er hat zwar fortübende Nachfolger gehabt in der von ihm gegründeten Preußischen Tonschule, aber keinen weiterbildenden Schüler; in seinem Sinne konnte er von keinem späteren übertroffen werden Deshalb ist er von höchster Bedeutung für die Geschichte der Ausbildung des geistlichen Liedes in der evangelischen Kirche als Aufgabe für höhere Tonkunst.“

Und eben deshalb gebührt ihm denn auch eine Stelle unter den Namen des evangelischen Kalenders. Denn sein Leben und Wirken, wenn auch lange verschüttet durch die Noth, ihre Ursachen und Folgen, in der der Gesang der evangelischen Kirche schmachtet, wird, seitdem wir von ihm wissen und zeugen können, der Leitstern sein, der uns aus dieser Noth herausführt. Das Ziel, das Eccard vor Augen hatte, die Treue, Demuth und Hingebung, mit der er es verfolgte, die evangelische Gesinnung, die ihn beseelte, und der aus allen seinen Gesängen und Liedern uns entgegentönende, Friede und Freude verbreitende, tief innige Liebesdrang, Gott zu loben und zu preisen, und den Brüdern zu dienen, – das Alles thut uns eben heute Noth!

Die Gesangesnoth unserer Kirche ist groß. Soll es besser werden, so müssen wir dem Meister folgen; vor Allem aber mit ihm das lutherische Wort nie vergessen, daß Alles darauf ankommt, daß das Wort im Schwange gehe in der Christenheit. Ach, daß die Hülfe nahe wäre, und die helfenden und arbeitenden Hände schon sich zahlreich regten! Doch es gilt auch hier das Wort des Sängers: „Es will erbeten sein!“ (Geschrieben 1853.)

C. H. Schede in Berlin.

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