Johann Heermann

Johann Heermann

Schon frühe öffnete das reich gesegnete Schlesien der Reformation seine Thore, aber nicht leicht hat ein deutsches Land um des Evangeliums willen mehr leiden müssen, als gerade Schlesien. Da blühten aber auch die Gärten Gottes am lieblichsten. Wenn man damals, als das Licht des Evangeliums leuchtete, in Städte und Dörfer Schlesiens kam, vernahm man allenthalben die Stimme Christi in der Kirche. Auch in dem Städtlein Raudten war dies der Fall. Und ein gar liebes, christliches Ehepaar lebte dort, der Kürschner Johann Heermann mit seiner Frau Anna Krämer. Der Herr hatte sie zwar mit fünf Kindern erfreut, aber sie mußten dieselben auch alle wieder zu Grabe geleiten. Nur ein seiner Knabe blieb ihnen, Johannes, welcher am 11. October 1585 des Kürschners Haus mit Freude erfüllte. Als es zeitig getauft worden, und die Eltern mit Wohlgefallen diesen ihren lieben Sprößling betrachteten, siehe da wird das Kind auch krank. Es muß eine schwere Krankheit gewesen sein. Die Mutter Anna rang im Gebet mit Gott dem Herrn, ihr doch das damals einzige Kind zu lassen, und that das Gelübde, „ihn zum Studiren zu halten, und wenn sie das Geld darob erbieten sollte.“ Johannes genas wieder, und die Mutter sammt ihrem Manne hielt fest an ihrem Gelübde, obwohl sieben theure Jahre einfielen. Da gab es manchmal schmale Bissen. Seine erste Bildung erhielt Johann bei einem Präzeptor Baumann, der viel und „herzlich zu Gott im Himmel geschrieen hat“, wie Heermann sagt. Doch genügte der Unterricht nicht auf die Länge, deßhalb thaten ihn die Eltern nach Wohlau. Hier war er im Hause eines Apothekers und mußte sich durch Versehung der leichteren Hausdienste sein Brod selbst verdienen. Aber es befiel ihn das viertägige Fieber, so daß er „durch solch‘ Fieber ganz abgezehrt“ wieder nach Hause zurückkehrte. Die Schule von Raudten stand jetzt unter einem tüchtigen Manne, dem Gregorius Fiebing, in dessen Hause Johann drei Jahre viele Wohlthaten genoß, und der in dem Knaben die Liebe zur Dichtkunst weckte. Doch auch hier konnte nicht seines Bleibens sein, er mußte seiner Ausbildung wegen weiter ziehen. Da lenkte es der Herr, daß ein gewisser Cantor Thilo den strebsamen Jüngling nach Fraustadt in Polen zog. Fraustadts Schule stand unter einem christlichen und wissenschaftlich tüchtigen Manne und genoß eines berühmten Namens. 500 Schüler besuchten damals die Lektionen. Heermann rühmt mehrmals diesen Direktor Johann Brachmann. Mit reichen Talenten, namentlich mit einer Ader der Dichtkunst begabt, suchte er auch in seinem Schüler Heermann diese Gabe hervorzulocken. Dieser rühmt von ihm, daß er „die liebe Jugend in Gottesfurcht, Tugend und Ehrbarkeit, wie auch in guten Künsten und Sprachen treulich unterwiesen und viele stattliche Leute auferzogen habe.“ Heermann war einer seiner besten und gesegnetsten Schüler. Was ihm aber seinen Aufenthalt zu einer unvergeßlichen Segensstätte machte, war dies, daß er in dem Hause des großen Gottesgelehrten Valerius Herberger, Predigers am Kripplein Christi, seine Unterkunft gefunden hatte. Er war der Lehrer des einzigen Sohnes Herbergers und diente zugleich dem Vater als Schreiber. Herberger liebte ihn „als sein Kind.“ Man sieht es den Schriften Heermanns an, daß die ächt evangelische, geistreiche Persönlichkeit Herbergers einen tiefen nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht hat. Und doch ergriff er schon nach einem Jahre seinen Pilgerstab und besuchte das Gymnasium zu St. Elisabeth in Breslau. Doch auch hier hielt er nur anderthalb Jahre aus und begab sich nach Brieg, wo sich das Gymnasium damals eines weltberühmten Namens erfreute. Er fand dort einen väterlich gesinnten Mann, den Rektor Schickfuß, der sich des armen, aber begabten und strebsamen Jünglings treulich annahm. Er verschaffte ihm Privatlektionen bei den beiden jungen Herren von Rothkirch und einem Baron von Kottwitz. Das hatte einen zweifachen Nutzen, es vermehrte sein Stücklein Brod und befestigte ihn in den Wissenschaften, die er zu lehren hatte. Weil er ein talentvoller Jüngling war, so durfte er bei verschiedenen Gelegenheiten öffentliche Reden halten. Schon damals erschienen lateinische Gedichte von ihm im Drucke, die davon Zeugniß ablegten, daß er ein geborner Dichter war. Sein Name wurde dadurch in und außerhalb Schlesiens bekannt. In jener Zeit war es Brauch, daß begabte Dichter gekrönt wurden. Auch dem jungen Heermann widerfuhr diese Ehre am 6. October 1608 unter entsprechender Feierlichkeit. Heermann ließ aber in den silbernen Reif der Krone den Vers eingraben:

Mit der Gerechtigkeit Krone im Himmel schmücke mich Jesus,
Chimarrhäus Gunst zierte mit dieser mein Haupt.

Dieser Chimarrhäus war Propst und kaiserlicher Großalmosenier und scheint an dem Jünglinge und seinen Liedern Freude gehabt zu haben. Doch vergaß Heermann die Hauptsache nicht, daß nämlich alles darauf ankommt, dereinst die Krone des Lebens zu empfahen. Das sieht man an dem köstlichen Gebetbuch und einer andern Erbauungsschrift, die er noch in Brieg herausgegeben hat. Jetzt rückte auch die Zeit heran, daß er die Universität beziehen sollte. Es wäre schon früher geschehen, aber der Herr von Rothkirch drang in ihn, bei seinen Zöglingen so lange auszuharren, bis sie ihre Gymnasial-Studien vollendet hätten, dann könne er mit ihnen die Hochschule beziehen. So ging er im Jahre 1609 nach Straßburg. Da waren zwei tüchtige Theologen Dr. Pappe und Dr. Marbach. Außerdem hatte er fürstliche Empfehlungsbriefe an die Professoren Meier und Florus, die auch Dichter waren und ihn ihres Umgangs würdigten. Für das Aeußerliche hatte der arme Kürschnerssohn nicht zu sorgen, denn er war der Gast seiner Zöglinge. In solch‘ günstiger Lage hätte er gern seine Studien längere Zeit betrieben, aber der Herr suchte ihn „mit steter Augenbeschwerung“ heim, so daß ihm die Aerzte den Rath ertheilten, den Ort zu verändern. Mit schwerem Herzen verließ er Straßburg, aber es ging ja der Heimath, dem lieben Raudten zu, wo seine theuern Eltern ihn mit Freude empfingen und sein alter Lehrer Baumann Pfarrer war, der mit herzlicher Liebe an seinem ehemaligen Schüler hing.

Obwohl seine Universitätsstudien nur den Zeitraum eines Jahres umfaßten, so hatte er sich doch schon in Brieg und noch mehr in Straßburg solche Kenntnisse erworben und war ein solcher ernster Gottesgelehrter geworden, daß er jeder Pfarrei mit Segen vorstehen konnte. Da wurde der Baron von Kottwitz in Köben auf ihn aufmerksam gemacht und berief ihn im Jahr 1611 als Diakonus dorthin. Das Städtlein Köben liegt an dem linken Ufer der Oder in Schlesien und nahm bald zur Reformationszeit das neue Evangelium an. Waren doch seine Grundherren entschiedene Anhänger der Reformation. Besonders zeichnete sich in dieser Hinsicht der Baron Georg von Kottwitz aus, der alles, was in seinen Kräften stand, für die Kirche Christi that. Am Himmelfahrtstage 1611 hielt der 26jährige Diakonus seine Antrittspredigt; er war bald genöthigt, eine zweite zu halten, und zwar in Köben selber, denn der alte Pastor der Gemeinde war schon die Woche nachher gestorben: Heermann rückte vor, und wahrlich er genügte; hatte er doch vom Herrn solche Gaben empfangen, daß ihm auch eine solche Amtslast nicht zu schwer wurde, wenigstens in der ersten Zeit nicht.

Er hielt am Mittelpunkte der Schrift fest, worüber er selber sagt: „Meine höchste Kunst und Weisheit ist, Jesum und seine Kreuzigung recht zu kennen und zu wissen. Denn in ihm finde ich vollkommene Weisheit und Gerechtigkeit, ja den Reichthum der Seligkeit!“ Und anderwärts äußert er: „Ich habe diesen gekreuzigten Jesum meinen vielgeliebten Zuhörern jährlich in meinem Predigtamt treulich vorgetragen und sie solcher hohen Wohlthat fleißig erinnert.“ Er fand aber auch mit seinen geistreichen, eindringlichen Predigten rechten Eingang. Ein Beweis waren die volkreichen, andächtigen Versammlungen in der Kirche von Köben. Sein Grundherr, der Baron Leonhard von Kottwitz war ihm in Allem eine rechte Stütze. Bei ihm kam zum äußerlichen Adel der innere, welchen man von der Gotteskindschaft hat. Die Kirche und ihre Diener standen seinem Herzen sehr nahe. Als einst Heermann in großer Noth war, tröstete ihn der Baron mit den Worten: „Seid nur getrost, und wenn ich nur ein solch‘ Räumlein hätte in der Welt, als dieser Tisch groß ist, so sollet Ihr sammt den Eurigen Eure Stelle dabei haben. Wir wollen beisammen leben und sterben.“ Aber nicht blos der Patron von Köben, sondern Köben selbst stand fest zu seinem Pastor. Diese Liebe seiner Pflegbefohlenen tröstete ihn in der schweren Zeit des dreißigjährigen Krieges, den er mit seinen Schrecken durchmachte. Ueberhaupt war sein Gang durch das Jammerthal der Welt ein sehr thränenreicher. Er selbst mußte sich durch Armuth frühe hindurch arbeiten und hatte viel mit Krankheit zu kämpfen. Er fand eigentlich keine recht gesunde Stunde in seinem Leben. Dazu kam der Jammer des Krieges. Und noch ehe dieser ausbrach, im Jahr 1617, traf ihn ein bittrer Schmerz: er verlor sein treues Eheweib, Dorothea, eine Tochter des Bürgermeisters Feige von Raudten. Da ergoß sich sein Mannesherz in einem seiner süßesten Lieder, das mit den Worten beginnt: „Ach Gott, ich muß in Traurigkeit mein Leben nun beschließen,“ und in dem der köstliche, wahre Spruch vorkommt: „Ich glaub und red es ohne Scheu, die best ist doch getraute Treu.“ Seine Gestalt verfiel, und er glaubte, daß er bald an der Seite der Vorangegangenen ruhen werde. Aber der Herr der Kirche brauchte noch diesen seinen reich begabten und durch tiefe Erfahrungen hindurchgegangenen Knecht auf eine solche Weise, daß nicht blos die Mitwelt danken konnte, sondern auch die Nachwelt davon großen Segen genießt. Ich meine damit seine innigen Lieder, die zu den besten in unsern Gesangbüchern zählen.

Soviel Jammer und Elend auch der dreißigjährige Krieg über Deutschland und namentlich unsre evangelische Kirche brachte, so blieben doch die friedsamen Früchte der Gerechtigkeit nicht aus, welche die recht erduldete Trübsal hervortreibt. Die faulen Blüthen fielen ab, die vom himmlischen Vater gesetzten Pflanzen aber blieben in Gnaden stehen. Dahin gehören die herrlichen Predigt- und Gebetbücher, und namentlich die den Stempel der Ewigkeit an der Stirn tragenden Lieder aus jener Zeit. Heermann ist ein auserwählter Liedersänger, der mitten in dem Kriege seine Lieder als Tauben mit dem Oelzweig des Friedens in das evangelische Deutschland hinaussandte. Wir wollen nicht von allen seinen Liedern sprechen, denn unter mehreren hundert, die er verfaßt hat, ist auch etliches Mittelgut, obwohl es immer Herzensergüsse sind. Seine besten hat das Jahr 1630 gebracht in dem kleinen Buch: „Devoti cordis musica, Haus- und Herz-Musika, das ist, allerlei geistliche Lieder, aus den heiligen Kirchenlehrern und selbsteigener Andacht auf bekannte und in unsern Kirchen übliche Weisen verfasset.“ Lassen wir einige dieser singenden Beter oder betenden Sänger an uns vorübergehen, sie sind uns schon längst bekannt und haben unsre Herzen erquickt, wie Heermann selber von ihnen in Bezug auf sich sagt: „Und oft in Traurigkeit mein Herz damit ergötzet.“ Wie trostreich ist das Lied: „So wahr ich lebe, spricht Dein Gott, mir ist nicht lieb des Sünders Tod.“ Ein anderes „Trostgesänglein“, wie es Heermann nennt, ist das Lied: „Wo soll ich fliehen hin, weil ich beschweret bin“, und der von alten Predigern und von Ludwig Hofacker so oft gebrauchte Vers darin: „Dein Blut, der edle Saft, hat solche Stärk und Kraft, daß auch ein Tröpflein kleine, die ganze Welt kann reine, ja gar aus Teufels Nachen frei, los und selig machen.“ Das Leiden Christi hat er mehrfach besungen, aber wohl nicht leicht in einem schönem Liede, als in dem: „Jesu, deine tiefe Wunden“, welches der Graf von Zinzendorf „die Krone aller alten Lieder“ nennt. Dieses, so wie das andre Passionslied: „Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen?“ steht wohl in jedem evangelischen Gesangbuche, das noch Anspruch auf ein evangelisches macht. Ueber seinen Wahlspruch: „Mein Alles ist Jesus“ hat er das tiefinnige Lied gedichtet: „O Jesu, Jesu, Gottes Sohn, mein Bruder und mein Gnadenthron.“ „Ein täglich Gebet“, wie er es nennt, ist sein allbekanntes Lied: „O Gott, Du frommer Gott, Du Brunnquell guter Gaben“, das Jemand ein Lied nennt, so man in Lehr und Leben nicht entbehren könne. Seine Sterbelleder durchweht eine besonders süße Innigkeit. Doch die Diamanten in der Dichterkrone Heermanns sind die Lieder, welchen er den Titel: „Thränenlieder zur Zeit der Verfolgung und Drangseligkeit frommer Christen“ gegeben hat. Ich führe nur zwei an, das eine: „Treuer Wächter Israel“, und das andere: „Rett, o Herr Jesu, rett dein Ehr“, die wohl zu dem Erhabendsten gehören, was unsre evangelische Kirche in dieser Gattung anstimmt. Da hebt sich das Herz über das Kreuz hinüber zu den Bergen, woher die Hülfe kommt. Doch wir brechen mit Anführung einzelner Lieder des Pastors von Köben ab, denn alle besseren Gesangbücher unserer Kirche haben in ihrer Schatzkammer eine hübsche Anzahl derselben. Der Unglaube hat manche ausgemerzt, und wo er sie hat stehen lassen, sie so verbessert, daß es jammerschade ist. Denn das muß man sagen, daß sie neben dem köstlichen Inhalte auch eine seine, untadelige Form an sich tragen. Da finden sich keinerlei Härten, wie in den Liedern Luthers und überhaupt der Reformations-Sänger. Freilich tragen sie auch nicht den erhabenen Kirchencharakter der ersten Lieder, sie gehen vielmehr schon mehr ins Haus der Christen ein, besonders ins Haus derer, die, wie Heermann, schweres Kreuz tragen müssen. Den Leidenszug spürt man seinen Liedern ab, ebenso auch seinen übrigen Schriften, denn dieser Mann hat gar viel geschrieben. Da giebt’s Folianten und Quartanten von Predigtbüchern. Eine solche unvergleichliche, das Herz erfreuende Ursprünglichkeit haben sie jedoch nicht, wie die Herbergers, aber dafür ist auch Heermann ein reich gesegneter Liedersänger, ohne Zweifel der erste, welchen Schlesien hervorgebracht hat. Wir haben schon ein und das andere Mal von dem Kreuze Heermanns gesprochen, man kann von ihm sagen, es verließ ihn gar nicht, ich möchte ihn einen Märtyrer des Kreuzes nennen. Er hatte den Schmerz, daß fast ganz Köben eine Beute der Flammen wurde, und daß Pestilenz auch seine Gemeinde heimsuchte. Doch diese Leiden waren nicht mit dem Jammer und den Schrecken des dreißigjährigen Krieges zu vergleichen. Am 31. October 1634 drangen die kaiserlichen Soldaten in Köben ein und plünderten und mißhandelten die Bewohner. Besonders hatte er als ihr Seelsorger aus dem Kreuzkelche zu trinken. Oefters wurde n kroatische Säbel nach ihm gezückt. Einmal floh er mit Leuten aus seiner Gemeinde über die Oder. Weil das Schiff zu voll war, wollte es sinken, aber das Aergste war, daß zwei Kugeln über seinem Haupte dahinsausten. Doch der Herr bewahrte ihn. In seiner Gemeinde hatte er auch Feinde, was nicht zu verwundern ist, da er den Namen Christi bekannte. Aber auch der Herr suchte ihn, wie schon angedeutet, mit körperlichen Leiden, besonders in der letzten Zeit seiner Arbeit in Köben heim. Sechzehn Jahre hielten diese Leiden an; er pflegte sich nicht, sondern arbeitete unermüdet fort, bis er nicht mehr konnte. Neben andern Leiden war cs besonders die Krankheit vieler theuren Prediger, die Heiserkeit, so daß er oft in einer Predigt nicht einen einzigen Satz laut reden konnte. Da versuchte er es denn mit fremder Hülfe, und er fand liebe, christliche Candidaten, die ihm beistanden. Aber seine Kränklichkeit wollte sich trotzdem nicht bessern, darum konnte es mit dem Pastorat in Köben auf die Länge nicht mehr gehen. Auch riethen ihm die Aerzte entschieden zu einer Ortsveränderung. Mit schwerem Herzen, das läßt sich denken, schied er von seinem lieben Köben, dem er nicht einmal eine Abschiedsrede halten konnte, so schwach war er. Er wollte auch nicht Abschied machen, denn er sah sich immer noch als den Hirten seiner theuern Gemeinde an; doch die Gedanken und Wege des Herrn der Kirche sind gar oft andere, als die seiner Diener, und wer wollte und könnte sagen, nicht bessere?

Die Wege Gottes wiesen ihn nach der Stadt Lissa in Polen, allwo der Graf Bogislaus ihm einen Bauplatz schenkte. In welchem Zustande er dort ankam, sagt er selbst: „Wohin ich auch so krank kommen, daß mir mein Gedächtniß ganz entfallen, der Verstand sehr geschwächt und ich in die acht oder neun Wochen lang Tag und Nacht gleichsam in stetem Schlafe gelegen, auch vor großer Schwachheit keine Apotheker-Arzeneien gebrauchen können.“ Im October 1638 konnte er sein neuerbautes Haus in Lissa beziehen. Fast ein Jahr lang mußte er auf dem Siechbette liegen, bis er endlich sich etwas erholte und zu seinen lieben Büchern gehen konnte. Indem er das erzählt, ruft er lobend aus: „Dem Höchsten sei Dank für solche seine Gnade und Gütigkeit!“ Aber er dankte auch dafür, daß er ein liebes Eheweib besaß, die ihn unermüdlich pflegte. Denn im Jahr 1618 war er mit einer verwaisten Jungfrau von Gurau, einer Anna Teichmann, in den Ehestand getreten. Sie führten „eine fried- und liebreiche, fruchtbare Ehe.“ Während ihm seine erste Frau keine Kinder gebar, erfreute ihn die zweite mit drei Söhnen und einer Tochter. Was war das für eine Freude im Pastorate zu Kuben, als ihm das erste Kind geboren wurde! Sein Samuel, wie er das Kind nannte, hat ihm viel Freude, aber auch viel Schmerz bereitet. Es war ein Sohn guter Art, das Exempel seines Vaters und sein Unterricht gereichten ihm zum Nutzen. Dazu war er mit schönen Talenten begabt, auch fing bald die Ader der Dichtkunst an, in ihm zu fließen. Mit sechzehn Jahren sandte ihn der Vater in die treffliche Schule nach Fraustadt, im Sommer 1638 nach dem weitberühmten Gymnasium zu St. Maria Magdalena in Breslau. Es ging anfangs sehr gut, aber die damals in Breslau vielvermögenden Jesuiten faßten den begabten, trefflichen Jüngling ins Auge und wandten alle Mittel an, ihn in den Schooß der römischen Kirche zu ziehen. Er unterlag den Lockungen derselben. Kaum Hatte der Vater die schmerzliche Kunde erhalten, so schrieb er einen herzbeweglichen Brief an seinen Samuel. „Ich nebst deiner Mutter,“ sagt er darin, „ermahnen und bitten dich um der Wunden Jesu willen, betrübe uns nicht! Komm, komm, mein Sohn!“ Wenige Tage nachher ließ der alte kranke Vater ein ausführliches Schreiben an ihn ergehen, das zu dem Schönsten gehört, was er in Prosa geschrieben hat. Die überzeugende Herzenssprache, die er darin führt, hätte einen Stein erweichen müssen. Er sagt unter anderm: „In allen deinen Briefen ist die Unterschrift: des Herrn Vaters gehorsamster Sohn bis in den Tod. Solltest du diese Zusage brechen, wollte ich deine Faust vor den Richterstuhl Christi mitnehmen, sie allda aufweisen und um Rache bitten. Hierzu wirst du es nicht kommen lassen, mein Sohn, so noch ein einziges Fünklein kindlicher Liebe gegen deine Eltern, so noch ein einziger Blutstropfen in deinem Leibe ist, der da begehret, selig zu werden.“ Er unterzeichnete sich: „Johann Heermann, dessen Seele betrübt ist bis in den Tod.“ Das Schreiben wirkte durch Gottes Gnade auf das Herz Samuels, es kam ein köstlicher Brief von ihm, der die Signatur der göttlichen Traurigkeit an sich trägt, die zur Seligkeit wirket. Und was den Herzen seiner Eltern am liebsten war‘, er kehrte noch Ende März 1640 nach Lissa ins liebe Vaterhaus zurück. Der Vater schickte ihn nach Frankfurt an der Oder zu seinen weiteren Studien, und wollte ihn dann nach Wittenberg auf die Universität thun, aber Samuel fing an zu kränkeln: es war eine Auszehrung, die bei ihm angesetzt hatte. Da lagen nun zwei Kranke im Hause zu Lissa, man weiß nicht, welches Krankenlager lieblicher ist. Da hörte man öfters den Seufzer aus dem Munde des seinem Ende zueilenden Samuel: „Komm, Herr Jesu, dein Knecht ist bereit! Eile, Herr Jesu!“ Ins Grab konnte der Vater dem lieben Sohne nicht sehen, denn als die Leiche hinausgetragen wurde, lag er selbst todesmatt in seinem Siechbette; aber er widmete ihm einen Nachruf in drei Predigten, die gedruckt sind.

Wir stehen jetzt am Sterbelager Heermanns. „Sein ganzes Leben,“ sagt ein alter Bericht von ihm, „ist ein stetes Siechen und Kranken gewesen, also daß er von Kind an bis an sein Ende nicht eines recht gesunden einzigen Tages sich zu rühmen gehabt.“ Schon längst hatte er mit säuberlichen, deutlichen Buchstaben neben seinem Siechbette die Worte hingeschrieben: „Herr, siehe, den Du lieb hast, der liegt krank.“ Oft hörte man von ihm den Gebetsseufzer: „Ach mein Herr Jesu, komm!“ Ein anderes Mal: „Ach Herr, spanne aus, o liebster Herr, spann aus, Dein Knecht ist bereit!“ Sein Beichtvater, dem wir das Meiste, was wir vom Leben Heermanns wissen, verdanken, der Pastor Holfeld, besuchte sehr oft den Kranken in seinem stillen Häuslein. Das geschah auch einmal; da ergriff der der Heimath Zueilende das Wort und sprach von seinem Begräbnisse. Der Leichentext, den er behandelt wünschte, steht 1 Petr. 5, 2-4, aber er bat zugleich, von seinem Leben „schlecht, einfältig und ohne alle ruhmräthige, unnöthige Umschweife und Weitläufigkeiten“ zu sprechen. Es war an einem Freitag vor Septuagesimä, da nahm der Vater von seiner lieben Familie Abschied auf eine herzbewegliche Weise. Er erhob seine rechte Hand und legte sie auf das Haupt seines älteren Sohnes Johann, segnete ihn, Kinder und Kindeskinder. Auf den Sonntag Septuagesimä stellte sich ein Stickfluß ein. Man sah deutlich, daß der Herr eben im Begriffe stehe, die morsche Hütte des Liedersängers unserer Kirche abzubrechen. Man tröstete ihn und betete für ihn; er hörte alles, und betete selber um selige Ausspannung. Es war nach drei Uhr Nachmittags, den 17. Februar 1647, da schlief er sanft und stille ein. Das Sonntags-Evangelium handelte von den Arbeitern im Weinberge, wo es heißt: „Rufe den Arbeitern und gieb ihnen den Lohn.“ Sein Leichenredner Holfeld sagt sinnreich: „Also hat nun der himmlische Hausvater eben am Weinbergs-Sonntage diesem seinem getreuen Arbeiter einen seligen Feierabend gegeben und zum Gnadenlohn des ewigen Lebens zu sich aus aller Angst, Mühe, Gefahr und Elend heimgeholet, als er seinen zeitlichen Lebenslauf auf 61 Jahre, 19 Wochen, 2 Tage gebracht.“

Karl Friedrich Ledderhose in Neckarau bei Mannheim.

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