Theodor Beza

Theodor Beza

Wie neben der heroischen Gestalt Luthers sich die ehrwürdige Gestalt eines Melanchthon erhebt, wie neben Zwingli ein Oekolampad und gleich nach ihm ein Bullinger auftraten in der Reformationsgeschichte der deutschen Schweiz, so tritt dem Reformator Genfs, dem erlauchten Johann Calvin zur Seite sein Schüler und Freund, ein Amts- und Kampfgenosse, der muthige Fortsetzer seines Werkes Theodor Beza. Er ist nicht, wie Luther und Zwingli, aus der ärmlichen Hütte des Berg- oder Landmanns, nicht wie Melanchthon aus der Werkstätte eines Waffenschmiedes oder wie Oekolampad aus dem Kramladen eines ehrbaren Bürgers hervorgegangen. Er gehörte zu denen, welche die Welt als Hochgeborene auszeichnet, wenn sie auch gleich im Himmel nicht höher angeschrieben sind als die, welche der Herr aus dem Staube zu der Höhe emporhebt, auf die er sie gestellt haben will. Sein Vater war ein Adlicher, Peter de Béze und residierte als königlicher Landvoigt (bailli) auf dem Schlosse Bézelay, in einer wild romantischen Gegend des ehemaligen Herzogthums Burgund gelegen. Seine Mutter, Marie Bourdelot, war ein Muster von Frömmigkeit, Demuth und Milde gegen die Armen und Leidenden, denen sie nicht nur mit Gaben der Liebe, sondern auch mit thätiger Hülfsleistung beistand, wobei ihr die ärztlichen Kenntnisse zu gut kamen, die sie sich erworben hatte. Theodor, geboren am Tage Johannis des Täufers (24. Juni) 1519 war das 7te Kind der glücklichen mit zahlreicher Familie gesegneten Eheleute. Als er noch nicht volle drei Jahre alt war, erbat sich seines Vaters Bruder, der Parlamentsrath Nicolaus de Béze, von den Eltern die Erlaubniß, das überaus zarte Kind mit nach Paris zu nehmen, um es dort erziehen zu lassen. Nur mit schwerem Herzen ging die Mutter in diesen Vorschlag ein. Sie begleitete den Liebling ihres Herzens noch selbst an den neuen Ort seiner Bestimmung und trennte sich von ihm, ohne ihn je wieder zu sehen, denn bald darauf starb sie im 32. Lebensjahre. Der Oheim vertrat nun Vater- und Mutterstelle an dem Kleinen, und so fehlte es ihm auch nicht an den Sorgen, welche den Eltern aus all‘ den Gefahren erwachsen, denen das Kindesalter ausgesetzt ist. Bei aller Vorsicht konnte er es nicht verhüten, daß Theodor von einem seiner Diener mit einem lebensgefährlichen Hautausschlag angesteckt wurde. Er mußte sich den schmerzhaftesten Operationen eines Wundarztes unterwerfen. Täglich wurde der Knabe mit einem jungen Vetter, der an demselben Uebel litt, durch den Diener in das Haus des Arztes geleitet, der im Louvre wohnte. Der Weg dahin führte über die damalige Müllerbrücke (pont aux meuniers). Da wandelte eines Tages den Vetter die Versuchung an, um den Qualen der Operation zu entgehen, sich über die Brücke in die Seine zu stürzen, und dazu machte er auch Theodor Muth. Schon wollten die beiden Knaben, die der Diener aus den Augen gelassen hatte, das Wagestück ausführen, als sie noch zur rechten Zeit vom Oheim bemerkt und an der schauderhaften That verhindert wurden. Das Uebel gab sich wieder, und nun sollte die geistige Ausbildung der Knaben nicht länger versäumt werden. Durch einen Freund aus Orleans, der den Parlamentsrath Beza in Paris besuchte, erfuhr dieser, daß sich in Orleans ein Lehrmeister von besonderer Geschicklichkeit befinde, ein Deutscher, Namens Wolmar. Diesem entschloß er sich, seinen Neffen zur weiteren Erziehung zu übergeben, und so reiste der junge Theodor mit dem Gastfreunde nach Orleans ab, um zugleich ein Haus- und Studiengenosse des Sohnes eines Wohlthäters zu werden. Schon damals scheinen die Franzosen vor der deutschen Gründlichkeit Respect gehabt zu haben, und dieser Respect war in gegenwärtigem Falle gewiß nicht ungegründet: der Schwabe Wolmar war ein Mann von ernster Gesinnung und einem reichen Wissen. Der junge Beza, der den 5. Dezember 1528 in Orleans anlangte, fand in dem Hause seines Lehrers die herzlichste Aufnahme. Er pflegte in der Folge den Eintritt in dieses Haus als einen zweiten Geburtstag zu feiern. Bald sollte er seinem Lehrer an einen neuen Aufenthaltsort nachfolgen. Die Schwester Königs Franz I., Margarethe von Angouléme, vermählte Herzogin von Alencon und Berry, hatte an Wolmar einen Ruf ergehen lassen, die alten Sprachen auf ihrer Akademie in Bourges zu lehren; Wolmar nahm den Ruf an und sein Schüler ging mit ihm. Nun aber gehörte Bourges zu den Städten, in welchen die neu aufgehende Sonne evangelischer Erkenntniß bereits ihre Strahlen auszusenden begonnen hatte. Viele, die um ihres Glaubens willen aus der Hauptstadt waren verbannt worden, fanden hier Zuflucht. Wie konnte es fehlen, daß nicht auch das junge Gemüth Beza’s von jenen Strahlen berührt wurde, da sich in Wolmars Hause so viele hochbegabte Männer und Jünglinge versammelten, welche der neuen Lehre zugethan waren, unter ihnen auch der junge Calvin, auf den Wolmar bekanntlich einen entscheidenden Einfluß übte. Aber nicht lange dauerte dieses schöne Verhältniß. Auch in Bourges waren die Freunde der Reformation nicht mehr sicher. Wolmar sah sich genöthigt, im Jahr 1535 Frankreich zu verlassen und sich wieder nach Deutschland zurückzuziehen. Gerne wäre ihm der dankbare Schüler dahin gefolgt, allein der alte Herr und Landvoigt von Vécelay, der dem Glauben einer Väter anhing, war froh, daß das Verhältniß seines Sohnes mit Wolmar und den übrigen unruhigen Geistern sich löste, und Beza mußte wieder nach Orleans zurück, um dort das Studium der Rechte, zu dem er sich entschieden hatte, zu absolvieren und sich auf eine praktische Laufbahn vorzubereiten. Die Art, wie damals die Rechtswissenschaft betrieben wurde, war nun freilich wenig geeignet, dem geistreichen und klassisch gebildeten jungen Manne Luft für dieselbe einzuflößen; größeres Wohlgefallen fand er an den römischen Dichtern, deren Süßigkeiten er in Wolmars Schule gekostet, an Ovid, Catull, Tibull. Bald versuchte auch er sich in Gedichten, die er an seine erste Geliebte, Marie de l’Etoile (Stella), die Tochter eines seiner juristischen Professoren in Orleans richtete; allein diese ward ihm bald durch den Tod entrissen, und Beza, nachdem er am 11. August 1539 den Grad eines Licentiaten der Rechte erlangt hatte, verließ Orleans und wandte sich Paris zu. Sein früherer Gönner und Versorger, der Oheim Nicolaus, war längst gestorben; aber dessen Bruder, Claudius, Abt von Froimont, nahm sich gleichfalls des Neffen an. Dort lebte auch ein ältester Bruder, ein Geistlicher, im Besitz einer Pfründe, und mit diesem wohnte er zusammen. Beza blieb bei seinen hervorstechenden Talenten nicht lange unbemerkt. Er bewegte sich mit Leichtigkeit in den Kreisen der damaligen Literaten und Schöngeister, und auch jetzt verschaffte ihm seine Muse viele Gunst und manchen Genuß. Aber es war der Genuß weltlicher Freude, welche den vollendeten Weltmann ergötzte. Später sah Beza nur mit Bedauern auf diese Zeit zurück. Um den Versuchungen zu entgehen, in die er durch einen leichtfertigen Umgang mit dem weiblichen Geschlechte verstrickt wurde, entschloß er sich, zu heirathen. Er verlobte sich mit einem jungen Mädchen aus dem Bürgerstande, die kein Vermögen besaß, und erklärte vor zwei Zeugen, daß er sich auch öffentlich zu dieser Verbindung bekennen werde, sobald es eine Verhältnisse gestatten würden. Die Verlobte hieß Claude Desnoz. Dieses Verhältniß hat ihm später bei den Gegnern viel üble Nachrede erweckt, gegen die er sich mit der edelsten Freimüthigkeit vertheidigte. In diese Zeit (1548) fällt auch die Herausgabe einer poetischen Jugendversuche in lateinischer Sprache (Juvenilia), wobei er sich Virgil und Ovid als Vorbilder setzte. Schon des letztern Name läßt errathen, daß manches mit unterlief, das mehr der antiken (heidnischen) als der christlichen Lebensanschauung entnommen war. Beza hat es selbst später gestanden, daß er nur mit Erröthen an den Mißbrauch der edeln Dichtergabe zurückdenke, den er sich habe zu Schulden kommen lassen. Solche freimüthigen Bekenntnisse (wie ja auch Zwingli seiner Zeit ein ähnliches abgelegt hat) geben uns einen richtigern Maßstab zur sittlichen Beurtheilung unserer Reformatoren, als die Uebertreibungen und Verläumdungen böswilliger Gegner auf der einen oder die Beschönigungen unberufener Advocaten auf der andern Seite. Nicht als vollendete Heilige, sondern als durch Gottes Gnade Geheiligte und in einem Dienste mehr und mehr in der Heiligung Fortgeschrittene führt sie die unbestechliche Geschichte uns vor. Uebrigens waren jene Gedichte mehr in einem allzufreien und losen, als in einem schmutzigen, unzüchtigen Tone gehalten; wie würde sonst der ernste Wolmar, dem er sie vorlegte und widmete, ihn zur Herausgabe derselben ermuntert haben? Bald aber sollte der hochbegabte Jüngling aus den poetischen Liebeständeleien herausgerissen und ernstern Studien entgegen geführt werden. Gott nahm ihn selbst in die Schule, indem er ihn in eine schwere Krankheit fallen ließ. „Der Herr, so sagt er uns selbst, griff mich durch diese Heimsuchung dergestalt an, daß ich an meinem Aufkommen verzweifelte. Was sollte ich Unglücklicher thun, dem nichts als Gottesfurchtbares Gericht vor Augen schwebte? Was geschah? Nach unendlichen Qualen des Leibes und der Seele erbarmte sich doch der Herr seines flüchtigen Knechtes und tröstete mich, so daß ich nicht mehr an einer verzeihenden Gnade verzweifelte. Unter tausend Thränen verabscheue ich mich selber, flehe ihn um Verzeihung an, erneuere das Gelübde, mich offen zu einer wahren Kirche und Verehrung zu bekennen; kurz, ich gebe mich ihm ganz und gar hin. So geschah es, daß das mir in allem Ernte vorgehaltene Bild des Todes das in mir schlummernde und nie begrabene Verlangen nach dem wahren Leben erweckte und daß jene Krankheit der Anfang meiner Genesung und wahren Gesundheit wurde. So wunderbar ist die Wirkung des Herrn bei den Seinen, daß er durch dasselbe Mittel niederschlägt, verwundet und heilt. Sobald ich also das Lager verlassen konnte, brach ich alle Bande, welche mich bisher gefesselt hielten, packte meine geringe Habe zusammen und verließ Vaterland, Eltern, Freunde, um Christo nachzufolgen.“ Und wohin hätte sich Beza besser wenden können, als nach der Stadt, wohin so viele um des Evangeliums willen Verfolgte ihre Zuflucht genommen hatten und wo gerade Calvin in der vollsten Blüthe seines Wirkens stand, nach Genf? Dorthin zog er mit seiner Verlobten. Nachdem er von Calvin freudig war aufgenommen worden, war sein erster Schritt der in die Kirche, um sich feierlich und öffentlich trauen zu lassen. Nun aber fragte sichs: wovon leben? Das Project, mit dem gleichfalls nach Genf geflüchteten Crespin eine Buchdruckerei zu errichten, wurde ihm von Calvin als unsicher mißrathen. Das Beste schien ihm, einstweilen einen Freund Wolmar in Deutschland aufzusuchen und sich mit ihm über sein künftiges Leben zu besprechen. Er machte sich also auf nach Tübingen und wurde von einem ehemaligen Lehrer mit offenen Armen empfangen. Dieser ermunterte ihn nach Genf zurückzukehren und ruhig abzuwarten, welchen Weg ihm Gott zeigen würde. Und siehe, er brauchte nicht lange zu warten. Noch ehe er Genf wieder erreichte, schon auf der Heimreise dahin, in Lausanne bot sich ihm an der dortigen Akademie ein Lehrfeld an. Lausanne stand damals, wie das ganze Waadtland unter der Herrschaft Berns. In kirchlicher Beziehung galten dort die Artikel der Berner Disputation von 1528. Auf diese Artikel hatte. Jeder der ein kirchliches oder ein Schulamt bekleidete, sich eidlich zu verpflichten. Beza leistete den Eid den 9. November 1549 und trat nun die ihm übertragene Professur (es war die der griechischen Sprache) mit Dank gegen Gott und mit Vertrauen auf eine weitere Führung an. Von der Gewissenhaftigkeit des Mannes ist auch das ein schönes Zeugniß, daß er die Lehrstelle nicht früher antreten wolle, als bis er die Versicherung erhalten hätte, daß das Aergerniß, das er früher durch seine poetischen Jugendversuche möge gegeben haben, gehoben sei. Erst nachdem seine Collegen ihn darüber beruhigt, als über eine Sache, die unter dem Papstthum geschehen und nun mit diesem beseitigt sei, gab er sich zufrieden. Ja, er suchte den Schaden dadurch gut zu machen, daß er nun die Dichtergabe, die ihm Gott verliehen, nicht etwa zum Schweigen verdammte, sondern sie vielmehr zur Ehre Gottes verwandte. Und wie konnte er das besser als durch die Uebersetzung der Davidischen Palmen zum Besten der Gemeinde? In dieser Arbeit war ihm Clément Marot aus Cahors vorangegangen; allein nur 50 ausgewählte Psalmen waren von ihm bearbeitet und von dem berühmten Goudimel in Musik gesetzt worden. Beza vollendete nun das angefangene Werk, so daß der ganze Psalter 1552 der Gemeinde zu gottesdienstlichem Gebrauch übergeben werden konnte. Aber auch die der Welt zugekehrte dramatische Poesie sollte unter seinen Händen eine edle Richtung gewinnen. Die alten geistlichen Schauspiele des Mittelalters waren längst ausgeartet. Dagegen wurden in den Schulen zur Uebung im Vortrag biblische Geschichten zur Aufführung gebracht. Beza bearbeitete, und zwar in sehr gelungener Weise, das „Opfer Abrahams“ als Schuldrama. Es wurde in einem der Säle der ehemaligen Officialität aufgeführt und hatte sich eines großen Beifalls zu erfreuen. Auf die heitern Tage des Spieles folgten bald die ernsten trüben Tage göttlicher Heimsuchung. Von Bündten her war (1551) die Pest nach Lausanne gekommen und auch Beza wurde von ihr befallen. Sein Leben schwebte in Gefahr. Viret, der Reformator Lausannes, theilte darüber in einem Briefe seine Besorgnisse an Calvin mit. Die Gebete aller Freunde vereinigten sich um Erhaltung dieses wichtigen Werkzeuges zur Verbreitung der evangelischen Wahrheit, und die Gebete wurden erhört. Beza genas und widmete seine Kräfte aufs Neue der Wissenschaft und der Kirche. Es würde uns zu weit führen, wollten wir eine zehnjährige Wirksamkeit in Lausanne in all‘ ihre Einzelheiten verfolgen. Wir fassen das Hauptsächlichste zusammen. Neben einen akademischen Vorlesungen hielt er zu Belehrung und Erbauung der Gemeinde Bibelstunden, in welchen er zuerst den Brief an die Römer und dann die beiden Briefe Petri in französischer Sprache praktisch erklärte. Dabei führte er einen ausgedehnten Briefwechsel mit Bullinger, Calvin u. A. Er verfolgte den Gang der Reformation nicht nur mit dem Auge des Zuschauers, sondern griff sowohl durch schriftstellerische, als durch persönliche Thätigkeit in denselben ein. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn das Schicksal jener fünf Lausanner Studenten, einer Schüler, die in Lyon den Zeugentod starben. Er gab seinem Schmerz Ausdruck in einer Elegie. Auch in die Lehrstreitigkeiten, wie in die über die Gnadenwahl, wurde er verwickelt, indem er sich in diesem Stücke strenge zu Calvins Lehre hielt und die Gegner derselben, wie einen Hieronymus Bolsec bekämpfte. Ja, selbst dann unterließ er nicht, für Calvin Partei zu nehmen, als ein lauter Schrei des Unwillens gegen die im Jahr 1553 an Servet vollzogene Hinrichtung sich erhob. Beza verfaßte eine Schrift, in welcher er das Recht der Obrigkeit nachwies, Ketzer am Leben zu strafen. Beza betrachtete wie Calvin die religiöse Irrlehre als ein Verbrechen gegen die Gesellschaft, das, indem es die christlichen Grundlagen untergrabe, noch weit strafbarer sei, als Mord, Ehebruch und Diebstahl. Er bedachte aber nicht genug, daß religiöse Ueberzeugungen nicht mit Gewalt unterdrückt werden können; doch stand er mit dieser Ansicht nicht allein. Es war dies damals die Ansicht der Mehrheit, und zwar nicht der unerleuchteten Masse, sondern viele auch der einsichtsvollsten Staatsmänner und Theologen bekannten sich zu ihr. Erst dem christlichen Geiste der spätern Zeit ist es gelungen, hierüber richtigere Grundsätze zu verbreiten. Mitten in die öffentlichen Kämpfe hinein fiel auch noch für den viel geprüften Mann der Kampf mit denen, die ihm leiblich am nächsten standen, mit seinem Vater und dem ältesten Bruder. Wir haben schon erwähnt, daß der alte Herr von Anfang an die Verbindung seines Sohnes mit den Männern des neuen evangelischen Glaubens nur ungerne sah. Und wie tief hatte sich dieser unterdessen in die dem Vater verhaßte Neuerung hinein gelassen! Sollte es jetzt noch möglich sein, ihn zur Rückkehr in den Schooß der alten, der „allein selig machenden“ Kirche zu bewegen? Es schien dies doch wohl eines Versuches werth. Eines Tages erschien daher der älteste Sohn, Jean de Béze, ein Kaufmann, um den jüngeren Bruder zu einem ehrenvollen Rücktritt zu bewegen: allein er mußte sich bald überzeugen, daß alle seine Beredsamkeit dem beredtern Bruder gegenüber umsonst sei; ja, fast wäre er von diesem beredet worden, die Kirche Roms zu verlassen und dem lautern Evangelium sich zuzuwenden. Als der Bruder nichts ausgerichtet, da blieb für Beza noch das Schwerte übrig, die Begegnung mit dem greisen Vater. Diese fand in einem Grenzorte zwischen der Schweiz und der Franche-Comté statt. Aber auch sie führte zu keinem Ziele. Beide trennten sich von einander mit schwerem Herzen; eine Verständigung war bei den so ganz verschiedenen Standpunkten unmöglich. Einen willkommenen Auftrag erhielt Beza gemeinschaftlich mit seinem Freunde Farel, im Jahre 1556, die evangelischen Kantone der Eidgenossenschaft zu bereisen, um diese zu einem nachdrücklichen Schritte zu Gunsten der von Frankreich aus verfolgten Waldenser zu stimmen. Sie sollten nämlich Abgeordnete nach Paris schicken, um den dortigen Hof, der jene Verfolgungen angeordnet hatte, günstiger zu stimmen. Auch die deutschen Fürsten und Städte sollten bewogen werden ihre kräftige Fürsprache einzulegen. Leider wurde die Ausführung dieses schönen Gedankens nicht wenig erschwert durch die Spannung, die noch immer zwischen den Schweizern und den Deutschen wegen der Abendmahlslehre herrschte. Diese mußte erst gehoben werden, und auch dazu wirkte Beza mit. Aber ein Friedenswerk ward von beiden Seiten mißdeutet und dadurch vereitelt. Erfolglos blieben auch seine Bemühungen als er zu Gunsten der Glaubensbrüder in Frankreich, über welche neue Verfolgungen ausgebrochen waren, eine Reise nach Deutschland, bis Marburg, machte, um die deutschen Fürsten zu gewinnen. Wohl ging eine Gesandtschaft nach Paris, kehrte aber unverrichteter Sache nach Hause zurück mit der Nachricht, daß sogar während ihrer Anwesenheit neue Schlachtopfer auf die brennenden Scheiterhaufen geführt wurden. Zu diesen betrübenden Erfahrungen kamen noch die innern Zerwürfnisse in der Waadtländischen Geistlichkeit, indem die Einen in Sachen der Kirchenverfassung und Kirchenzucht sich unbedingt den Anordnungen der Berner Regierung fügten, während die Andern die kirchliche Unabhängigkeit im calvinischen Sinne zu behaupten suchten. Vergebens suchte Beza zu vermitteln. Er verließ Lausanne und siedelte Anfang September 1558 nach Genf über. Dorthin kam er zur rechten Stunde: denn eben hatte der Magistrat auf Calvins Anregung in Genf eine hohe Schule eingerichtet, an welcher Beza zu lehren berufen ward. Ja, er sollte nicht nur Vorlesungen halten, in denen er die heilige Schrift erklärte, sondern die Leitung der neuen Anstalt ward in seine Hände gelegt. Dazu ward ihm erst noch ein Pfarramt übertragen. Die Eröffnung der Schule geschah am 5. Juni 1559: in der Hauptkirche zu St. Peter hielt Beza, nachdem die Feierlichkeit durch Calvin mit Gebet und einer kurzen Ansprache war eröffnet worden, die akademische Festrede über Ursprung, Würde, Nothwendigkeit und Nutzen der Schule. Was er da über den Vortheil der Bildung Treffliches sagte, verdient noch heut zu Tage beherzigt zu werden. Von diesem Tage an ward die Genfer Akademie die Bildungsschule für das ganze reformierte Frankreich. Von allen Seiten strömten ihr Schüler zu. Schon bald nach der Stiftung zählte die unterste der sieben Klassen ihrer allein Dreihundert. Bei seiner vielfachen Beschäftigung in Kirche und Schule ließ indessen Beza die Schicksale der Reformation im Großen nicht aus den Augen. Abermals nahmen die Verfolgungen in Frankreich eine Fürsorge in Anspruch. Abermals machte er sich (im November 1559) nach Deutschland auf, um dem frommen Churfürsten Friedrich III. zu Heidelberg die hochwichtige Sache ans Herz zu legen. Der Churfürst ließ sich auch in der That herbei, ein von Beza verfaßtes Bittgesuch in seinem eignen Namen an des Königs Majestät nach Paris zu senden, aber trotz der freundlichsten Zusicherungen, welche der König der Gesandtschaft gab, wurden die Opfer zum Tode geführt, unter ihnen der berühmte Parlamentsrath Anna du Bourg (s. Nr. 327). Auch das undankbare Vermittelungswerk zwischen den Lutheranern und Calvinisten, in Absicht auf die Lehre vom heiligen Abendmahl, wollte er nicht aufgeben. Aber bald mußte er sich überzeugen, daß bei der obwaltenden leidenschaftlichen Stimmung der Parteien jede Friedenspredigt in den Wind geredet sei. Die grobe Weise, womit der Hamburger Theologe Joachim Westphal die calvinische Lehre angriff, reizte ihn zum Widerspruch und noch mehr schienen die Schmähungen eines Tileman Heßhus eine derbe Abfertigung zu fordern. Wer kann es Beza verdenken, wenn auch er die Mäßigung vergaß und sich zu Ausdrücken hinreißen ließ, die nicht geeignet waren, in einer so ernsten und heiligen, Sache eine Verständigung anzubahnen? Wie wahr und treffend hatte er doch selbst in einer Schrift gegen Westphal sich ausgesprochen, wenn er schrieb: „Es sind der Zänkereien, Schmähungen Beschuldigungen und Vertheidigungen schon mehr als genug. Reue und Betrübniß muß es erwecken, daß der Fortgang des Evangeliums durch dieses traurige Gezänke schon so viele Jahre hindurch gehindert worden ist. Bis hieher und nicht weiter mit dem Wettstreit im Hasse, der ein Sold unserer Sünde ist. Warum sollen wir nicht auch einen Wettstreit beginnen in der Liebe?“ Aber zu einem solchen schien einmal die Zeit nicht angethan, und wer darf jene Zeit verdammen im Blick auf die unsrige? Steht es denn jetzt besser? Mit richtigem Scharfblick hatte übrigens Beza es vermerkt, daß die Bekenner des Evangeliums durch solche Zänkereien dem gemeinschaftlichen Gegner den größten Triumph bereiten. Um so mehr war es an der Zeit, abgesehen von allen jenen Streitigkeiten, ein offenes und klares Bekenntniß des eigenen Glaubens abzulegen. Und dieß that nun Beza, indem er eine kleine Schrift, die er ursprünglich französisch aufgesetzt hatte, um sich mit seinem Vater auseinander zu setzen, nun weiter ausarbeitete und zum Behufe der Gelehrten in lateinischer Sprache herausgab. (1560). Die Schrift (das Bekenntniß des christlichen Glaubens) war von ungeheurer Wirkung; sie wurde auch ins Italienische übersetzt und galt noch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen als ein Hauptbuch der calvinistischen Kirche, über das im Jahre der Aufhebung des Edictes von Nantes, der Erzbischof von Paris das Verdammungsurtheil aussprach. Nun kam aber auch für Beza die Zeit, wo er nicht durch das geschriebene, sondern durch das lebendige Wort vor den Obrigkeiten dieser Welt öffentliches Zeugniß ablegen sollte über den Glauben, um des willen noch immer eine Brüder in Frankreich Verfolgung litten. Dort hatte bereits nach dem Tode König Heinrichs II. jene dem Protestantismus feindselige Partei der Guisen sich aufgethan, gegen welche die politische Macht der Bourbons unter Anton von Navarra sich erhob. Dieser hatte die „Hugenotten“, wie man jetzt allgemein die Protestanten in Frankreich nannte, auf seiner Seite, einen Condé, den edeln Coligni und andere Edelleute mehr. Er selbst war indessen nur mit halbem Herzen dem Protestantismus zugethan und nur nach längerem Bedenken entschloß er sich, einen der anerkanntesten Lehrer der hugenottischen Partei anzuhören und dann erst auf eine gründliche Erwägung der Sache einzugehn. Niemand schien aber einer solchen Aufgabe, den Schwankenden durch überzeugende Gründe für die Sache des Evangeliums zu gewinnen, gewachsener als eben Beza, der auch das Vorurtheil der adelichen Herkunft für sich hatte. König Anton wandte sich deshalb schriftlich an Calvin und dieser ermunterte Beza, dem Rufe zu folgen. In Nérac, der alten Hauptstadt des Herzogthums Albret (in der Gascogne) waren die hugenottischen Edelleute um Anton von Navarra versammelt. Auch die Königin Johanna von Albret (Mutter des nachmaligen Heinrichs IV) war gegenwärtig. Dahin sollte Beza sich verfügen. Nach zwölfjähriger Verbannung hatte er zum erstenmal wieder den Boden Frankreichs betreten, und nach einer gefahrvollen Reise, auf welcher er sich mehr als einmal von bewaffneten Reitern mußte begleiten lassen, langte er in Nérac an. Er bestieg die Kanzel, zu der sich Adel und Kriegsvolk und Leute aus allen Ständen hinzudrängten. Wohl ward Anton von des gewaltigen Mannes Worten ergriffen; aber die mit ihm gepflogenen Unterhandlungen führten zu keinem Ziel. Auch die Königin schien anfänglich gegen Beza’s Predigt verschlossen, aber bald that ihr Gott das Herz auf und sie wurde die „zweite Debora“ des streitenden Israel. Nach dreimonatlicher Abwesenheit kehrte Beza nach Genf zurück, das er voll von französischen Flüchtlingen fand, für deren Unterkommen er und Calvin zu sorgen hatten. Auch die Pest hatte sich wieder eingestellt und mehrere der Freunde und Genossen dahin gerafft. Zudem erfuhr Beza mit Schmerzen den Tod eines alten Lehrers und Freundes Wolmar. Bald aber forderte die Gestaltung der Dinge in Frankreich noch einmal eine Gegenwart. Wie anderwärts, so sollte auch hier ein Religionsgespräch den Ausschlag geben. Dieses Gespräch wurde durch einen offenen Majestätsbrief vom 25. Juli 1561 nach der Abtei Poissy, unweit Paris, ausgeschrieben. Hier sollte. Jeder erscheinen, „der in Sachen der Religion etwas zur Sprache zu bringen hätte, weß Standes er auch sei“, und zwar geschah die Einladung unter feierlicher Zusage eines sichern. Geleites. Die Evangelischen Frankreichs glaubten keinen bessern Sprecher auf das Religionsgespräch enden zu können, als Beza. An ihn ward also von Seiten Condés und Colignis, sowie der ganzen Gemeinde der Evangelischen zu Paris durch den Edelmann Claudius von Pradella eine Einladung nach Genf geschickt, und nach einigen weitern Verhandlungen, die seiner Sicherheit wegen nothwendig geworden waren, entschloß er sich dieser Einladung zu folgen. Den 22. August 1561 langte er in Paris an. Er wurde dem Hofe in St. Germain vorgestellt, hielt auch am folgenden Sonntag auf den Wunsch der Versammlung einen Gottesdienst vor einem auserwählten Kreise. Auch in einem vornehmen Kreise beim König von Navarra hatte er Gelegenheit sich Angesichts der Königin Mutter, Katharina von Medicis, gegen den Cardinal von Lothringen auszusprechen und schon hier einige üble Nachreden zu beseitigen, die in Betreff der Abendmahlslehre gegen ihn waren erhoben worden, als habe er z. B. gesagt, Christus sei gerade so im Brot wie im Koth (Christum esse in coena sicut in coeno). Erst am 9. September wurde das Colloquium in dem langen, hochgewölbten Saale der Abtei Poissy unter allerlei Ceremonien eröffnet. Es war eine glänzende Versammlung. Unter einem Thronhimmel saß der König Karl IX., noch ein Knabe, umgeben von den Herren und Damen des königlichen Hauses. Die Königin Mutter und die Großen des Reichs, wie die höchsten Würdenträger der Kirche, Cardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, die Doctoren der Sorbonne als Vertreter der Universität, waren in ihrem reichen Schmucke anwesend. Als nun, recht sehr dagegen abstehend, die vierunddreißig Prediger und Aeltesten als die Abgeordneten der reformierten Kirche Frankreichs in ihrer bescheidenen Kleidung mitten in die glänzende Versammlung traten, entschlüpfte einem hochmüthigen Cardinal das bittere Wort: „da kommen die Genfer Hunde.“ Aber Beza blieb dem Mann im Purpur die Antwort nicht schuldig: „Treue Hunde, sprach er, thun noch in der Schafheerde des Herrn, um die reißenden Wölfe anzubellen.“ Nachdem sodann der würdige Kanzler l‘Hopital die Verhandlungen durch eine Anrede eröffnet, ergriff Beza das Wort und wandte sich an den König mit der Erklärung, daß es vor allen Dingen sich zieme, mit der Anrufung des heiligsten aller Namen zu beginnen. Dann fiel er auf seine Kniee und sprach also: „Herr Gott, ewiger, allmächtiger Vater, wir erkennen und bekennen vor deiner heiligen Majestät, daß wir arme Sünder sind, empfangen und geboren in Sünden, geneigt zu allem Bösen, untüchtig zu einigem Guten, daß wir ohne Unterlaß deine heiligen Gebote übertreten und dadurch nach deinem gerechten Urtheil Verderben und Tod uns zuziehen. Aber, o Herr, wir tragen Reu‘ und Leid, daß wir dich beleidiget haben, wir verdammen uns und unsere Uebertretungen mit wahrer Reue und seufzen darnach, daß deine Gnade zu Hülfe komme unterm Elend“ (Diese Worte bilden bekanntlich die sogenannte „offene Schuld“, womit die französische Kirche noch heute und mit ihr auch deutsche reformierte Kirchen den Gottesdienst beginnen). Dann fuhr er fort: „Da es dir heute gefallen, die unnützen Knechte so hoch zu begnadigen, daß sie die Wahrheit deines heiligen Wortes, so du ihnen geoffenbart, in Gegenwart des Königs, den du über die geordnet hat, vor dieser so erlauchten Versammlung frei bekennen dürfen, so bitten wir dich, o du Gott und Vater alles Lichts, du wollest nach deiner unaussprechlichen Güte und Barmherzigkeit unsern Verstand also erleuchten, unsere Herzen und Gedanken also regieren und in alle Wahrheit leiten, ja unsere Worte alle dahin richten, daß wir die nach Maßgabe deines Wohlgefallens von uns erkannten und den Menschen zu ihrer Seligkeit geoffenbarten Geheimnisse nicht allein mit dem Munde, sondern auch von ganzem Herzen rein und lauter bekennen und vorbringen mögen zu deines heiligen Namens Ruhm und Ehre, zur Wohlfahrt und zum seligen Gedeihen unters Königs und seines ganzen Hauses, zum Troste und zur Beruhigung ganzer gemeiner Christenheit und insonderheit dieses theuren Königreichs. Herr Gott, allmächtiger Vater, wir bitten dich um dieses alles im Namen und von wegen deines lieben Sohnes Jesu Christi unters Herrn und Heilandes. Amen.“ Und nun erst, nachdem er noch das Unser Vater gesprochen, hielt er eine wohldurchdachte Rede an den König, in der er ihm die Sachlage auseinander setzte und eine kurze Darstellung des evangelischen Glaubens gab, wie die Protestanten ihn bekennen. Freimüthig setzte er auch die Ansicht der Reformierten vom Abendmahl auseinander. Er wies die Beschuldigung von sich, als machten sie aus dem Mahl des Herrn ein bloßes Gedächtnißmahl, er betonte aufs Feierlichste, daß es auch ihnen sei ein Mahl der Gemeinschaft des wahren Leibes Christi, nur bestritt er die räumliche Gegenwart dieses Leibes im Brote und zwar sowohl die Verwandlungslehre der Katholiken als auch die Ubiquitätslehre der Lutheraner. Räumlich gefaßt, meinte er, seien Leib und Blut Christi eben so weit vom Brot und Wein entfernt, als der oberste Himmel (darin Christus thront) entfernt sei von der Erde. Damit berührte er nun freilich den wundeten Fleck. Während man ihm bis dahin ruhig zugehört hatte, brach nun ein Sturm wider ihn los: blasphemavit, blasphemavit! (er hat gelästert) tönte es von allen Seiten. Der Cardinal von Tournon ersuchte unter anderm den König und die Königin dem verwegenen Redner das Wort zu entziehen und drohte mit seinen Prälaten den Saal zu verlassen; allein er wurde vom König zur Ordnung gewiesen. Wir können dem Gange des Gespräches, das auch an weitern Tagen und auch in kleinern Conferenzen fortgesetzt wurde, nicht in eine Einzelheiten folgen. Das Ergebniß war nicht das erwünschte. Die Verhandlung wurde abgebrochen. Beza blieb indessen, und zwar auf den ausdrücklichen Wunsch der Königin Katharina noch längere Zeit in Frankreich, wo er, so oft sich Gelegenheit fand, die Gemüther durch die Macht einer Predigt stärkte. Er war Zeuge der blutigen Kämpfe, zu denen der unvermeidlich gewordene Religionskrieg führte. In der Schlacht von Dreux war er als Feldprediger zugegen. Seinem Einfluß war es vorzüglich zu verdanken, daß in dem Heere der Hugenotten eine Mannszucht aufrecht erhalten wurde, die auch dem Feinde Achtung einflößte. Im Mai 1563 kehrte er wieder nach Genf zurück. Seine Anwesenheit war um so nöthiger, als Calvin seinem Ende entgegenging, das auch bald erfolgte. Wer war geeigneter an seine Stelle zu treten, als er? Und doch wehrte ihm seine Bescheidenheit, sich als lebenslänglichen Nachfolger Calvins zu betrachten; sondern alljährlich sollte (so wurde auf einen Antrag beschlossen) ein Leiter (Modérateur) der kirchlichen Angelegenheiten von der Genfer Geistlichkeit (Vénérable compagnie) gewählt und nach Ablauf des Jahres eine strenge Censur über denselben geübt werden. Der Abtretende war indessen wieder wählbar, und so groß war das Vertrauen in Beza’s Persönlichkeit, daß die Wahl bis zum Jahre 1580, wo schuldige Rücksichten auf das Alter eintraten, jedesmal wieder auf ihn fiel, obgleich gegen ihn die Censur der Brüder mit aller Strenge geübt wurde. Welche Last dadurch auf eine Schultern gelegt wurde, läßt sich denken. Aber Gott gab ihm Kraft, sie zu tragen bis in ein Alter. Und zu den vielen täglich sich häufenden Geschäften kamen auch jetzt noch schwere Zeitereignisse, die ihn und sein Amt näher berührten. Aber nicht auf Genfs Kirche allein beschränkte sich eine Sorge, sondern er war und blieb nun selbstverständlich der Patriarch der Reformierten Frankreichs. So führte er, um nur einiges von dem Vielen zu nennen, den Vorsitz auf der Synode zu Rochelle im April 1571. Er hatte sich hiezu von einer Regierung Urlaub erbeten. Die Schreckensnachricht von der Bluthochzeit (August 1572) kam ihm zwar nicht unerwartet; (er hatte kurz zuvor Heinrich von Navarra in einem ernsten Briefe vor der Verbindung mit einer katholischen Prinzessin gewarnt); aber dennoch wirkte sie auch auf ihn wie auf Alle, erschütternd. Er erkannte darin ein Gericht Gottes. Auf einen Antrag wurde im September ein außerordentlicher Buß- und Bettag angeordnet. Er hielt eine Predigt, in der er die Gemüther aufrichtete. Viele der nach Genf Geflüchteten nahmen an der Feier Theil. Für diese, die in immer größern Schaaren anlangten, zu sorgen, war sein und seiner Amtsgenossen unausgesetztes Bemühen. Sie gingen mit ihrem Beispiel voran, als es sich um eine Collecte handelte und machten ihre Häuser zu Herbergen der flüchtigen Brüder. Besonders tief aber ging dem glaubenstreuen Manne zu Herzen der Uebertritt Heinrichs IV. zur Kirche Roms. Man hat längere Zeit geglaubt, Beza habe dazu still geschwiegen nach dem Grundsatz der Welt, daß man das Unabänderliche doch nicht ändern könne; allein seit etwa zehn Jahren sind wir im Besitz eines in Genf entdeckten Briefes vom Jahre 1593, worin Beza dem König mit allem Nachdruck ins Gewissen redet, ihn ermahnt, doch nicht auf das was ihm Ehre bringe, sondern allein auf Gottes Ehre zu schauen und sein Vertrauen auf den zu setzen, der ihn noch aus größern Verlegenheiten gezogen habe, als aus der gegenwärtigen, und der ihn auch jetzt festhalten werde mit einem gewaltigen Arm. Er erinnerte ihn an eines seiner eigenen Worte, das er einmal gesprochen: „Wenn Gott will, daß ich König werde, so wird es geschehen, wie man mich auch daran hindern möge; will. Er es nicht, so will ich es auch nicht.“ Das sei ein Wort, eines christlichen Königswürdig! Dabei stellte er ihm Davids Beispiel vor Augen, dem er nicht nur nachahmen, den er übertreffen möge, indem er seinen Tugenden nachfolge, seine Fehler vermeide. Die Warnung kam freilich zu spät, und so mußte nun allerdings Beza zu geschehenen Dingen – nicht das Beste reden, aber mit dem Bewußtsein, das Seinige gethan zu haben, den Schmerz über das Geschehene in sich verwinden und das Uebrige Gott anheimstellen. „Nicht zwar vom Glauben verlassen ist meine Seele (schrieb er deßhalb im August an einen Freund), Gott sei Dank dafür; wohl aber ist sie tief betrübt und geängstigt. Welche Hoffnungen haben wir auf diesen Fürsten gesetzt, und wie hat er sich nun so arg versündigt an Gott, an einen heiligen Engeln und an allen Heiligen der Erde. . . Unsere einzige Zuflucht ist die Gnade Gottes; es kann nicht sein Wille sein, uns ganz der Zerstörung Preis zu geben.“ Beza war auch billig genug, den guten Willen und die wohlwollende Gesinnung Heinrichs IV. anzuerkennen, die er namentlich in der Erlassung des Edictes von Nantes zu Gunsten der Protestanten an den Tag legte; er ahnte in ihm ein wohlthätiges Werkzeug in der Hand Gottes zur Erhaltung der reformierten Kirche Frankreichs. Noch einmal (1599) wurde ihm die Ehre zu Theil, den König persönlich zu begrüßen, als dieser in einer kritischen Lage, in der sich Genf dem feindlichen Savoyen gegenüber befand, zum Schutze der Stadt an den Grenzen erschien. Beza, an der Spitze der Genfer Gesandtschaft hielt eine Anrede an den König, die er mit Anspielung auf die Worte des greifen Simeon schloß: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren; wie du gesagt hat, denn meine Augen haben vor meinem Tode nicht allein den Befreier Eurer unterhänigen Diener, sondern den Retter von ganz Frankreich und aller Gläubigen gesehen.“ Heinrich aber redete ihn als einen „Vater“ an und entließ ihn mit einem Ehrengeschenke. Es würde den Raum dieser Blätter überschreiten und zudem weniger die Erbauung der Leser fördern, wollten wir Beza in die weitern Gebiete seiner Thätigkeit folgen und namentlich der Streitschriften erwähnen, die er nach verschiedenen Seiten hin zu veröffentlichen sich veranlaßt sah. Daß er dem von Friedrich von Württemberg veranstalteten Religionsgespräch zu Mömpelgard (1587) beiwohnte, um sich mit dem berühmten lutherischen Theologen Jacob Andreä über die Differenzpunkte der Lehre, und zwar nicht nur das Abendmahl, sondern auch die Prädestination (Gnadenwahl) betreffend, zu besprechen, sei nur im Vorbeigehen erwähnt. Nicht verschwiegen werden soll aber endlich noch die edle Standhaftigkeit mit welcher der von allen Seiten angefochtene Mann noch in einen alten Tagen die Zumuthung zurückwies, die von einem hochgestellten Prälaten, einem der edelsten Vertreter der römisch-katholischen Kirche an ihn gestellt wurde, wieder in den Schooß dieser Kirche zurückzutreten. Es war der noch junge Franz von Sales, der Bischof (in partibus) von Genf, der im Jahre 1597 im Auftrag des Papstes den höchst mißlichen Versuch wagte. Unter anderm stellte er an Beza die Frage, ob er glaube, daß man auch in der katholischen Kirche selig werden und sein Heil schaffen könne? Wie hätte dieß Beza läugnen sollen? Aber von diesem Zugeständniß zu dem andern, daß die römisch-katholische Kirche die allein selig machende oder auch nur eine vorzüglichere Kirche sei, als die evangelische, war noch ein weiter Schritt. Und diesen zu thun, konnte der in seinen Grundsätzen so feste Mann nicht einen Augenblick sich versucht fühlen. Am wenigsten aber verfingen bei ihm Bestechungen. Auch zu diesem unedeln Mittel nahm der sonst edle fromme Mann, Franz von Sales, eine Zuflucht. Es sollte freilich nicht das Ansehn einer groben Bestechung haben, es sollte nur ein Anerbieten sein, das Beza einen Schritt erleichtere, wenn ihm der Bischof eine jährliche Pension von 4000 Reichsthalern und noch Weiteres mehr in Aussicht stellte. Da konnte Beza nicht länger an sich halten; es drängte sich ihm das Wort auf die Zunge: „Hebe dich von mir Satan.“ Ob er es laut ausgesprochen, wie einige melden, oder ob er nach einer mündlichen Ueberlieferung in der mildern, aber doch sehr verständlichen Weise geantwortet habe: „Gehet, Herr, ich bin zu alt und zu taub, um solche Worte hören zu können“ mögen wir auf sich beruhen lassen. So viel ist gewiß, daß ihn der Versucher von der Stunde an verließ mit dem bleibenden Eindrucke, daß der Mann ein „steinernes Herz“ habe. In seinen spätern Jahren hatte sich Beza mehr und mehr vom Schauplatz der Kirche zurückgezogen. Im Jahre 1588 starb ihm seine Gattin, mit der er 40 Jahre glücklich gelebt. Kinder hatte sie ihm keine geboren. Auf den Rath seiner Freunde hatte er sich noch in seinem Alter zu einer zweiten Ehe entschlossen mit einer verwittweten Genueserin, Catharina del Piano. Bis in sein 65stes Jahr genoß er der besten Gesundheit; aber nun stellten sich die Beschwerden des Alters ein, rheumatische Schmerzen, Schlaflosigkeit, häufiger Schwindel, der ihn auch auf der Kanzel befiel, ein Zittern in der Hand, das ihn besonders am Schreiben hinderte. Er mußte seine Briefe einem Schreiber dictiren. Im October 1595 setzte er ein Testament nieder, worin er besonders auch Gott dankte für die Barmherzigkeit, die er an ihm als einem armen Sünder erwiesen. Noch hielten die geschwächten Kräfte vor bis in das Spätjahr 1605. Den 2. Oktober d. J. meldeten sich die Vorboten eines Todes. Die Prediger der Stadt wurden an ein Krankenbett berufen; auch von den Professoren verabschiedete er sich. Nachdem ihn den 13. October eine Ohnmacht befallen, schlummerte er sanft in ein besseres Leben hinüber. Er hatte in seinem Testament den Wunsch geäußert, daß eine irdischen Reste auf dem allgemeinen Kirchhof Plain-Palais beigesetzt würden: aber der Magistrat ließ ihn im Kreuzgang von St. Peter beisetzen. Unter seinen schriftlichen Leistungen verdient besonders die lateinische Uebersetzung des Neuen Testamentes hervorgehoben zu werden, die sich sowohl durch Treue als Eleganz auszeichnet. Auch eine Bibelerklärungen sind von Werth, so wie eine historischen Schriften, besonders eine Geschichte des reformierten Frankreichs, welche den Zeitraum von 1521-63 umfaßt. An seinem Charakter wird bei aller Entschiedenheit eine große Milde und Leutseligkeit gelobt, und bis auf unsere Zeit hat sich ein Wort aus dem Lager der Gegner erhalten, sie wollten lieber mit Beza in der Hölle, als mit Calvin im Himmel sein. Wir glauben uns aber freuen zu dürfen, daß des Einen wie des Andern Name im Himmel angeschrieben sei, wenn wir auch, was Menschliches an beiden war, nicht auf Kosten der Wahrheit beschönigen wollen. Der Herr kennt die Seinen. Jeder steht und fällt einem Herrn. Uns aber geziemt das Andenken derer zu ehren, die uns das Wort des Heils verkündigt haben, und ihrem Glauben nachzufolgen.

 

K. R. Hagenbach in Basel

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