Jean Calvin

Jean Calvin

Wer kennt nicht Luthers große Geschichte, und begrüßt nicht in Wittenberg ein ehernes Standbild, eine Kirche, eine Zelle; Melanchthons Haus und Garten! wer besucht nicht den romantischen Felsen der Wartburg wo Luther Frieden fand, nachdem er ein großes Zeugniß für die Wahrheit zu Worms abgelegt hatte! Calvins Geschichte ist weniger bekannt, er ist der Reformator des Südens. Um ihn kennen zu lernen müssen wir auf die Schweiz, auf Genf blicken; ein berühmter Reisender hat gesagt, daß es auf der Erde kaum eine Gegend giebt, die mit den Ufern des Sees Leman zu vergleichen wäre: dieser See, dessen reiner Spiegel sich achtzehn Stunden weit ausdehnt, von freundlichen Weinbergen umgeben, hinter welchen sich belaubte Felsen erheben und die Kette der Gletscher von Savoyen mit dem majestätischen Montblanc. Dort an der südlichen Spitze des Sees liegt Genf.

 

In der mittelalterlichen Stadt sehen wir einen alten gothischen Tempel, dessen erster Bau auf Chlodowig zurück geführt wird. Wie in Rom, so steht auch hier eine Kirche des heiligen Petrus; doch schon lange vor der Reformation hatte Genf, welches damals den Herzogen von Savoyen unterworfen war, im Vorgefühl eines späteren großen Berufs, den Wahlspruch angenommen: „Nach der Finsterniß – Licht“. In der Stadt ist eine enge gebogene Straße, die noch jetzt: Rue des chanoines heißt: da hat Calvin einst gewohnt. Hier ein bedeutender Tag aus einem bewegten Leben. Früh am Morgen tönte eines Tages weithin die große Glocke der Stadt, die sie dort: „La Clémence“ nennen und verkündigte einen Festtag. Wir blicken auf einen Mann von mittlerer Größe mit raschem Schritt, einem schwarzen Barett auf dem Haupte, einem länglichen Gesicht mit spitzem braunem Bart; ein Blick ist lichtvoll; er tritt heraus; Ernst und Entschiedenheit ist in seinem Wesen, mit ihm ist ein anderer Geistlicher. Die Bürger grüßen mit bedeutsamen Mienen. Er eilt hin nach St. Peter, besteigt die Kanzel und donnert gegen das Volk. Ja, er erklärt mit großer Entrüstung:  „er werde in einer so wüsten, so von Parteien zerrissenen Stadt das Abendmahl dem Volke nicht reichen!“ Alle sind empört, entsetzt; einige ziehen die Schwerter und drohen, aber der Geistliche wiederholt: er werde das Abendmahl des Herrn nicht schänden, denn: „sie schluckten vielmehr den Zorn Gottes herunter als das Sakrament des Lebens!“ Es war Calvin am großen Ostertage, den 21. April des Jahres 1538, der das Volk excommunicirte. Die Bürger versammeln sich alsbald am andern Tage und erklären mit großer Aufregung die Verbannung Calvins und zween anderer Zeugen des Herrn aus der Stadt: Farel und Corrault. „Gut, sagen sie, es ist besser Gott denn den Menschen zu gehorchen“ und Calvin: „Hätte ich Menschen gedient, so würde ich jetzt schlechten Lohn haben, aber ich habe einem Herrn gedient, der den Seinen selbst den Lohn giebt, der ihnen nicht zukommt!“ Sie eilen nach Bern, und nach einem fruchtlosen Versuch der Rückkehr, wendet sich Farel nach Neufchâtel und Calvin, nach einer Wanderung durch eine stürmische Gewitternacht, wo er fast in den angeschwollenen Waldströmen umgekommen wäre, zieht sich nach Straßburg zurück. Der dritte stirbt bald oder wird ermordet. – Dieser eine Vorfall zeigt uns den Mann, den wir kennen lernen wollen. Glühender Eifer für die Ehre seines Herrn, Kampf für die evangelische Wahrheit auf Tod und Leben, unerschütterlicher Glaube an das Mahl des Herrn, sind die Charakterzüge, die wir in einem ganzen Leben wiederfinden, und es wird diese Begebenheit der erste Anlaß zur Gründung der berühmten Kirchenordnung der Reformierten; denn Christus hat seinen Jüngern das Amt der Schlüssel gegeben, das heißt: die Kirche hat eine geistige Gewalt. Wir begleiten ihn nach Straßburg. Demüthig nahm er diese Schmähung hin: „sie können uns nicht fluchen, sprach er, wenn es Gott ihnen nicht erlaubt; unterdessen wollen wir auf den Herrn warten, denn schnell welkt die Krone des Stolzes der Trunkenen aus Ephraim.“ Wenn früher das Volk von Calvin und Luther sprach, hörte man manchmal eine derbe Redensart: „Luther – Dickkopf, – Calvin – Spitzkopf“ – jagten sie. Es ist bekannt, daß in dem Volkswitze gewöhnlich ein zu beachtendes, vollgültiges Urtheil verborgen liegt. Das Volk hat den Grundton beider Männer bezeichnen wollen, den unbeugsamen Trotz Luthers, und die bis auf die Spitze getriebene Gedankenschärfe Calvins. Mit diesen Eigenschaften verbanden aber beide eine seltene Geistestiefe. Wenn jener, mit großartigem Trotz begabte, ein so verwegenes, die Geister beherrschendes Gemüth in sich trug, daß er nach einer eigenen Rede „wohl bekannt ist im Himmel, auf Erden und in der Hölle!“ so hatte der durch Geistesschärfe ausgezeichnete ein reiches hochanstrebendes Gemüth, eine wahre Majestät des Charakters, einen Blick gerichtet auf das Angesicht Gottes und eine heiligen Engel, von denen er oft spricht, als ob er den Unsichtbaren mit Augen gesehen (Hebräer 11, 27). Eine ganz neue Bildung ist von ihm ausgegangen, im Süden und Westen. Aber nur die Bessern erkennen ihn, die schwachen untergeordneten Naturen und antichristlichen Geister haben ihn immer verkannt, gehaßt; ja, beide Männer mit Fluch belegt. „Bist du lutherisch oder calvinisch?“ fragt die Welt und giebt durch diese Rede zu erkennen, wie bedeutend der eine Mann neben dem andern steht; Calvins Leben ist wie Luthers ein wundersames Gewebe von Gefahren im Aeußern und großer Gedanken im Innern, welche die Welt zu beherrschen bestimmt sind. Er steht noch jetzt da für Frankreich als ein Prüfstein, als ein richtender Geist zum Leben oder zum Tode, an dem sich Viele ärgern, der Viele zum Heile führt und es wird jenem Volke kein anderer Erretter gegeben bis sie sprechen werden: „Gelobet sei der da gekommen ist in dem Namen des Herrn!“ Hier eine Jugend, eine Reformationsjahre und seine Siege. Am 10. Juli 1509, als Luther schon 26 Jahr alt war, wurde er zu Noyon einem Städtchen in der Picardie geboren; seine Mutter, eine Flamländerin, sorgte für seine Kindheit mit frommer Liebe. Sein Vater war ein angesehener Mann, ein Fiscal-Procurator der Stadt, der den Ernst des Knaben erkannte. „Mein Vater, sagt Calvin, bestimmte mich zur Theologie als ich noch ganz klein war, und wie David von den Hürden seiner Heerde so hoch hinauf geführt wurde, also hat Gott mich, wie unbedeutend auch der Anfang war, eines so hohen Amtes gewürdigt, ein Verkündiger des Evangeliums zu werden.“ Durch die Tonsur tritt er früh über zum geistlichen Stande. Von einer Ordination ist in seinem Leben nicht weiter die Rede. Im zwölften Jahr erhielt er kleine katholische Pfründen. Nun sehen wir ihn auf dem Gymnasium in Paris; früh auf der Universität wo er Dr. der Rechte wird, nachher Theologe. Um diese Zeit fand die innere Umwandlung statt, rasch, gewaltig, wie er erzählt. Alsbald fing er an das

reine Evangelium zu lehren. „Obgleich ich schüchtern die Welt floh, sammelten sich die durstigen Seelen um mich unerfahrenen Rekruten, so daß jeder einsame Winkel wie eine offene Schule wurde.“ Nun erklärt er sich frei in Paris zur Freude aller Evangelischen. Dort bricht eine Verfolgung aus; er hatte selbst Anlaß dazu gegeben durch eine kecke Sprache; nur mit Noth rettete er sich aus einem Fenster, heißt es, von wo man ihn in einem Korbe herunter ließ. Im Jahre 1535 wird durch den Feuereifer der Protestanten eine neue Gefahr herbeigeführt. Sechs Evangelische werden zu Paris verbrannt. Calvin zog zu einem Freunde, wo er in der Stille ein großes Werk über die Lehre der Reformierten zu schreiben beginnt, und nun verbreitet er das reine Evangelium in den Provinzen. Bald finden wir ihn im Süden in Nérac bei der Königin von Navarra; darauf in einer Vaterstadt, wo er seine kleinen katholischen Aemter niederlegt. Jetzt lebt er im Verborgenen zu Poitiers und in der Umgegend, wo er im Geheimen eine reformierte Gemeinde gründet, mit ihr das Abendmahl nach dem evangelischen Ritus feiert, und Jünger weithin aussendet. Dort findet man an einsamer Stätte eine Höhle, wohin er sich mit den Seinen zurückzog; sie führt noch jetzt den Namen „Calvins-Grotte.“ Ueberall Gefahren und Scheiterhaufen. Er eilt nach Basel hin, wo er ein schönes Werk über den Glauben zur Vertheidigung der Verfolgten herausgiebt, bald reist er mit einem Freunde nach Italien zur berühmten Herzogin Rénee von Ferrara, die ihn von jener Zeit immer mit Hochachtung und Liebe als ihren Seelsorger ehrte. Er wird vertrieben, eilt nach seiner Vaterstadt und mit einigen Freunden von da nach Straßburg. Der Krieg zwingt ihn einen Umweg über Genf zu machen. „Gott führte ihn,“ sagt ein Freund Beza, denn dort lebte jetzt der muthige Farel, der so eben die französische Schweiz reformiert hatte, aber allein unter den vielen Stürmen, nicht mehr dem Kampfe gewachsen war. Er sieht Calvin, welcher sich selbst mißtrauend, in die Einsamkeit fliehen will. Farel beschwört ihn mit heiligem Eifer Hülfe zu leisten. Da eine Bitten nicht fruchten, erhebt er seine mächtige Stimme: „Nun so verkündige ich dir im Namen des Allmächtigen, daß Gottes Fluch auf dir ruhen wird, da du nicht Christi, sondern deine eigene Ehre suchet“. Dies war der Donner der Stimme auf dem Wege nach Damascus, der Blitz der Calvins Seele traf; er konnte dem „Stachel nicht widerstehen“. Calvin wird Prediger und Professor zu Genf, und ein ganzes Leben hindurch sah er Farel mit gehobener Hand und hörte den fernen Donner des Gerichts „als ob Gott mich vom Himmel mit einem furchtbaren Arm ergriffen hätte“ sagt er. Er will nun in der That das Volk reformieren; da ereignete sich nach zwei Jahren jene merkwürdige Begebenheit des Osterfestes zu Genf, an welchem er das ganze Volk excommunicirte und verbannt wird. Jetzt sehen wir ihn in der alten Stadt Straßburg mit Bucer und vielen redlichen Männern wirken. Hier bildet er sich in der Stille ganz aus, wird gegen seinen Willen in die großen Kreise des damaligen Lebens hineingezogen „die Reichstage Deutschlands“. Er trifft mit Melanchthon zusammen, beide erkennen sich als verwandte Geister, stimmen im Wesentlichen überein in der Lehre vom Abendmahl und bleiben verbunden durch Hochachtung und Liebe. Doch schwer ist es die Kämpfe zu beschreiben, die nun seine Seele bewegen, als die Stadt Genf, tief von Reue durchdrungen, ihn stürmisch zurück verlangt, als den ihr von Gott bestimmten Seelsorger! er gedenkt mit Angst der früheren Gewissensnoth; endlich muß er der Gewalt Farels, der die Hand wieder hob, nachgeben und reicht „sein blutendes Herz dem Herrn zum Opfer dar.“ Nun beginnen die ernsten Reformationsjahre; er zieht ein in die bußfertige Stadt aber unter einer Bedingung: er will den großen Gedanken eines Lebens zu Wahrheit machen, er will die geistige Gewalt der Kirche anerkannt wissen. Er entwirft eine Gesetzgebung für Kirche und Staat und führt sie mit großem Ernte durch. Viele, unter andern der berühmte Valentin Andreä, welcher im Jahre 1610 in Genf war, bewunderten diese theokratische Kirchenverfassung so sehr, daß sie ein wahres Verlangen fühlten sich in Genf niederzulassen. Sie ist ein Versuch die römische Hierarchie durch freie christliche Formen, nach dem Vorbilde der Urkirche zu ersetzen, und wurde in mehrere Länder durch die Synodalverfassung in großem Maaßstabe eingeführt. Sein häusliches Leben hatte Calvin in Straßburg begründet. Die junge Witwe eines früher von ihm bekehrten Wiedertäufers hatte er geheirathet; sie war eine sehr gebildete Frau, „eine Auserlesene“ nennt sie ein Freund Calvins, der sie kannte. Idelette de Bures ist ihr Name; neun Jahre dauerte diese glückliche Ehe; er hatte einen Sohn von ihr; sie lebten zwar, da Calvin das einfache, arme Leben freiwillig wählte, in einer sehr bescheidenen, dürftigen Lage, aber bei vielem häuslichen Glücke. Ein Kreis von liebenswürdigen Freunden bildete sich um sie, und eine so treue Freundschaft wie die, welche Calvin mit Farel, Viret und Beza verband, findet man selten; auch nicht in Luthers Leben, der zuletzt selbst mit Melanchthon halb zerfiel. – Nun beginnt ein ernster und beharrlicher Kampf mit allen Freiheits-Schwindlern der damaligen Zeit und mit den alten Bürgern der Stadt Genf, die wohl die politische, aber nicht die wahre christliche Freiheit erringen wollten. Je größer die Gefahr, desto verwegner entfaltete sich der Muth des Mannes, der von Natur schüchtern war. Er stand da wie einer der alten Propheten, Strafe vom Himmel herabrufend über die, welche gegen Gottfrevelten; doch wie Paulus verband er auch mit jenem großen Ernste die apostolische Liebe. Endlich aber siegte sein Geist und ergriff die ganze Stadt; so daß die Feinde, die ihn verderben wollten, hinausgeworfen wurden. Die Wuth der Verfolgung trieb damals die würdigten Männer aus Frankreich und Italien; diese fiedelten sich unter Calvins Schutz in Genf an und bildeten dort eine Kirche, eine Macht, eine Hülfe in der Noth. In jener Zeit, wenn große Gefahren weit hin und nahe der Kirche Untergang, ihm den Tod, drohten und oft schon. Alles verloren schien, hörte man von ihm Worte wie die folgenden: „Es ist nicht der Mühe werth, daß ihr euch um mich ängstiget, ganz andere Bewegungen haben Moses und die Propheten, die Leiter des Volks, erfahren.“ „Ich auf mein Gewissen vertrauend fürchte keinen Angriff, denn was können sie schlimmeres bereiten als den Tod.“ „Ich bin bereit jeglichen Tod zu leiden, wenn es nur für die Vertheidigung der Wahrheit ist.“ Nach Luthers Tode beherrschte er die Geister jener großen Zeit und wirkte vornehmlich ein auf Frankreich, Italien, Deutschland, Holland, England und Schottland. Er trug gleichsam die Kirchen jener Länder in seinem Herzen und sorgte täglich für sie. Viele Märtyrer bestiegen auf ein Wort den Scheiterhaufen, und welch‘ eine Freude war es für ihn, als nach und nach in Frankreich über 2150 reformierte Gemeinden sich bildeten und Prediger von ihm erhielten; als die ersten und würdigten Familien sich dort für ihn erklärten, und im Jahre 1559 die Deputierten aus allen Theilen des Landes in Paris in der Stille zusammen traten um ihr treffliches Bekenntniß aufzusetzen: die Grundlage der französisch-reformierten Kirche! Zwei Jahre darauf wird dieses Bekenntniß in einer feierlichen Versammlung dem Könige und der Regentin Katharina überreicht. Die Reformierten werden von dem weltlichen Staat anerkannt. Was half es nun, daß Franz von Guise die Protestanten, welche das Mahl des Herrn zu Vassy in einer Scheune feierten, morden ließ und wilde Kriege gegen sie geführt wurden! die Freiheit des Glaubens wurde errungen; unter allem Wüthen der Gegner blühten die Kirchen auf, so daß man zu dieser Zeit selbst in Rom fürchtete, ganz Frankreich möchte calvinisch werden. Als Calvin über alle seine Gegner gesiegt hatte, fühlte er den Tod herannahen; der feurige Geist hatte ein körperliches Element fast verzehrt; mit jugendlicher Thätigkeit suchte er noch überall einzuwirken, keine Stunde ging verloren; er prägte seinen starken Sittengeist und den majestätischen Ernst seines Charakters einer Kirche und Stadt ein. Sie wurde eine Pflanzstätte der reinen edlen Bildung für mehrere Jahrhunderte. Als er sich zur Ruhe legte, setzte er ein einfaches Testament auf, worin er unter andern im Gefühle seiner großen Unwürdigkeit spricht: „Ich bezeuge, daß ich leben und sterben will in diesem Glauben, den Gott mir durch Sein Evangelium gegeben, und daß ich keine andere Stütze des Heils habe als die freie Erwählung, die mir von Ihm geworden ist; von ganzem Herzen umfasse ich. Seine Barmherzigkeit, durch welche um Jesu Christi Willen alle meine Sünden in dem Verdienste. Seines Todes und Leidens begraben sind. – Nach dem Maaße der Gnade, die mir geworden ist, habe ich Sein Wort rein und lauter gelehrt durch Predigt, Werke und Erläuterungen der Schrift; in allen Streitigkeiten mit den Feinden der Wahrheit bin ich nicht sophistisch zu Werke gegangen, sondern rund und gradezu habe ich den guten Kampf bestanden. Aber wehe mir – der gute Wille den ich gehabt und der Eifer, wenn man es so nennen kann, ist so etwas Laues und Kaltes gewesen, daß unendlich Vieles mir gefehlt zur Erfüllung meines Amtes!“ Sein Nachlaß betrug im Ganzen mit seinen Büchern 225 Thlr. Da er das arme Leben liebte und wollte, schlug er während einer Krankheit 25 Thlr, die Hälfte seines Gehalts aus, und sagte als der Rath sie ihm schickte: „er könne jetzt keine Dienste mehr leisten, und ein Gewissen verbiete ihm sein Gehalt anzunehmen.“ Vor einem Ende richtete er mit schwacher Stimme herrliche Worte der Ermahnung, die aufbewahrt sind, an den Rath der Stadt und an seine Amtsbrüder. In einem letzten schweren Leiden hörte man ihn oft beten: „Herr! Du zermalmt mich, aber es ist mir genug, daß ich weiß, daß Du es bist!“ „Wer wird mir die Flügel der Taube geben, daß ich zu Dir hinfliege!“ Der 27. Mai des Jahres 1564 war der Tag seiner Erlösung und eines seligen Heimganges; 54 Jahr war er alt geworden. Es sind oft eine Anhänger und Freunde, aus der Ferne kommend, nach dem Gottesacker der Stadt hingegangen und haben sein Monument gesucht; doch seine Ruhestätte ist nicht bezeichnet worden. Dieser Mann wollte nichts von der Welt, nicht einmal einen Stein mit seinem Namen, keinen Prunk an seinem Grabe, der zu dem Aberglauben der alten Kirche führen konnte. So wie Niemand in Israel wußte, wo Moses auf dem Berge bestattet wurde, so weiß Keiner wo Calvins Gebeine ruhn, und der Staub der folgenden Geschlechter in Genf ist in seinen Staub versenkt worden, wie sie im Geiste mit ihm innig verbunden sind. Wir wagen hier einen Blick auf die eigenthümliche Art, wie dieser tiefe Geist die Wahrheit auffaßte, zu werfen. Die heilige Schrift war ihm die entscheidende Regel aller Erkenntniß und die Rechtfertigung durch Christus die Hauptlehre. Aber Calvin begnügte sich nicht mit dem dunkeln Spiegel, er drang tief ein durch den erleuchteten Gedanken und mit erhebendem Glaubens-Muthe verlangte er dasselbe von jedem seiner Jünger. Ein Kind sieht den Himmel an und denkt nicht weiter darüber nach, er aber sah wie ein Astronom auf das geistige Firmament, wie ein Denker in Gottes Angesicht und dessen Rathschlüsse. Das mögen nicht. Alle und fürchten in den Abgrund tief zu blicken. Calvin aber ohne Scheu, verwegen, fühlt sich getragen durch die Flügel seiner lebendigen Ueberzeugung; er weiß, daß er ein Erwählter des Herrn ist. Sein herrschender Gedanke, daß Gott allein alle Macht hat, der Mensch vor ihm gar nichts ist, ein Gefäß Seines Zorns oder Seiner Gnade, wie der Herr es will, reißt ihn zur beständigen Anbetung des lebendigen Gottes hin, im Gegensatz zu vielen modernen Denkern, denen Gott nichts ist als Gesetz, der menschliche Geist, ein Gott. Von jenem großen Gedanken ausgehend beweist er, daß Gott der uns erschaffen, Heil und Verderben voraussehend, beides nothwendig gewollt: Verlorne und Erlöste; also ihr Heil und Verderben bestimmt hat. Es sind dies die Abgründe des geistigen Lebens, denn keiner weiß, wie die Sünde mit ihren Folgen möglich ist, vor dem Heiligen, der unser Dasein so gewollt hat wie es ist; dieselbe Wahrheit hatte schon Zwingli gelehrt und Luther dem Erasmus bewiesen, als dieser erklärte, der Mensch könne sich selber durch gute Werke helfen. In dem verborgenen Rathschluß Gottes liegt die Lösung des Geheimnisses. Calvin ahnt wohl was hinter dem Gebäude der Gnadenwahl, vor welchem er selbst zurückschreckt, liegt. Wir rufen hier aus: „O, welch‘ eine Tiefe der Weisheit und Erkenntniß Gottes! wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich eine Wege!“ Calvin aber fühlte sich durch Gottes Geist getrieben: diesen großen Gedanken der Allmacht und der gänzlichen Abhängigkeit des Menschen mit siegender Klarheit hervorzurufen, um die selbstgerechte Heuchelei der alten Kirche für immer in ihren Grundvesten zu erschüttern, wie Augustinus, zu einer Zeit, die selbstgerechten Pelagianer. Es liegt ein ewiges Gericht, ein Donnern in seinen Worten, welches das Geschöpf aufschreckt und gerade dieses schroffe Auffassen jener tiefen Grundideen hat seinem ganzen Glaubenssystem eine eigene Färbung, seinem Wesen eine demuthsreiche Frömmigkeit, der Welt eine neue Lebensrichtung gegeben, und wenn man ihm zurief: der freie Wille gehe bei ihm unter, so antwortete er mit noch größerer Gewalt: „Gehet ein in euer Herz, es verdammt eure Trägheit, das Gewissen ist ein Zeuge für eure sittliche Freiheit!“ Und Calvins Kirche ist reich gewesen an thätiger Liebe. Obschon nun viele gläubige Seelen diesem Gedankenfluge nicht folgen mögen, so werden sie doch immer ihren Dank vor Gott darbringen, daß Calvin sie den tiefen Sinn des Nachtmahls gelehrt und diese große Wahrheit gerettet hat, in einer Zeit wo Zwingli eben das Sakrament in ein Erinnerungsmahl aufgelöst hatte. Dies führt uns dahin das Verhältniß Calvins zu Luther näher zu berühren. Mit Entrüstung hatte sich dieser von den Schweizern zu Marburg getrennt. Später erklärte er: „daß er nichts mehr mit den Sakramentsschändern zu thun haben, auch nicht mehr beten wolle für die Seelfresser und Seelmörder.“ Sein unbeugsamer Trotz, der auf seine Nachfolger ohne ein liebendes Gemüth überging, führte den verhängnißvollen Riß in der Kirche herbei. Da bewegte der Geist des Herrn unsern Calvin zum Segen der Gemeinde Christi. Nichts will er von der Verwandlung der Hostie, noch von der räumlichen, materiellen Gegenwart Christi im Sakramente wissen, aber eine geistige, wesentliche verkündigt er, denn Christi wahrhaftiges Wesen liegt im Sakramente, hängt nicht von dem Glauben des Communikanten ab, aber der, welcher den Glauben hat, empfängt das Fleisch und Blut des Herrn, Seinen verherrlichten Leib, und diese geistvolle Lehre, zu welcher er die Schweizer im Jahre 1549 hinüber führte, hat den Sieg in der ganzen reformierten Kirche davon getragen; ja selbst gläubige Seelen außerhalb derselben sind von deren Gewicht ergriffen worden. Luther, hätte er länger gelebt, würde sich wahrscheinlich mit ihm verständigt haben, da die Reformirten lutherischer sind in ihrer Ansicht, als man es gewöhnlich glaubt, und die Lutheraner calvinischer, ohne es zu ahnen. Luther achtete Calvin, ließ ihn einst ehrenvoll grüßen und sagen: „er hätte seine kleineren Werke (in welchen dieser sich über eine Lehre ausgesprochen) mit besonderer Freude gelesen.“ Ja, es hat sich folgende Erzählung von ihm erhalten: Ein Jahr vor seinem Tode, als er einst aus der Vorlesung kam, von den Studenten begleitet, blieb er vor dem Buchladen des Hans Luft stehen, und redete den Buchführer, der eben aus Frankfurt gekommen war, mit den Worten an: „Moritz! was sagen sie gutes Neues zu Frankfurt, wollen sie den Erzketzer Luther schier verbrennen!“ „Davon höre ich nichts, ehrwürdiger Herr, sagte jener, ein Büchlein aber habe ich mit herein gebracht, welches Johann Calvinus vom Abendmahl des Herrn hiebevor französisch geschrieben, itzo aber aufs Neue lateinisch ausgangen ist. Sie reden draußen von Calvino, daß er zwar ein junger, doch ein frommer und gelehrter Mann sein soll. In solchem Büchlein soll derselbe Calvinus anzeigen, worein euer Ehrwürden, worein auch Zwinglius und Oekolampadius im Streit sollen zu weit gegangen sein.“ Da er solches nicht recht ausgeredet, hat Dr. Luther alsobald geantwortet: „Lieber gebet mir das Büchlein her!“ Darauf habe Luther sich niedergesetzt, es durchgesehen und endlich also gesagt: „Moritz, es ist gewiß ein gelehrter und frommer Mann, dem hätte ich anfänglich wohl dörffen die ganze Sache von diesem Streit heimstellen. Ich bekenne mein Theil, wenn das Gegentheil dergleichen gethan hätte, wären wir balde Anfangs vertragen worden; denn so Oekolampadius und Zwinglius sich zum ersten also erklärt hätten, wären wir nimmer in so weitläuftige Disputation gerathen.“ Calvin nannte Luther einen „ehrwürdigen Vater“ und erklärte einst, um die Schweizer zu beruhigen: „Wenn er mich auch einen Teufel schelten sollte, würde ich ihn doch immer ehrenvoll als einen außerordentlichen Diener Gottes anerkennen, dem wir alle viel verdanken.“ „Offen bekennen wir, daß wir Luther für einen großen Apostel Christi halten.“ Ja, er stellte ihn einst höher denn die Apostel: „Wenn man mit Umsicht den Stand jener Zeit genau betrachtet, in welcher Luther aufgestanden ist, wird man sehen, daß er fast alle Schwierigkeiten mit den Aposteln gemein hat; von einer Seite aber ist seine Lage härter und schlimmer gewesen, weil zur Apostelzeit kein Reich war, welchem jene den Krieg zu erklären hatten, denn Luther konnte auf keine Weile aufkommen, als durch den Fall und Untergang des päbstlichen Reiches.“ Wie gewaltig und mit welcher Consequenz Calvin von einer Seite gegen den Papismus angekämpft, das wissen sie in jener Kirche am besten, und Luther erkannte es freudig an. Er sagte einst, als ihm Cruciger ein Werk Calvins vorgelesen: „diese Schrift hat Hände und Füße und ich freue mich, daß Gott solche Leute erweckt, die ob Gott will, dem Babstthum vollend den Stoßgeben und was ich wider den Antichrist angefangen mit Gottes Hülfe hinausführen werden.“ Es war das Werk, welches Calvin gegen Sadolet geschrieben, als dieser die Genfer für den Papst gewinnen wollte. Calvin spricht sich darin über die Einheit der Kirche aus, rechtfertigt eine Trennung von derselben; die Kirche ist ihm, wie Luther, die Gemeinschaft der Heiligen (der Auserwählten). Die Einheit wird gehalten durch den heiligen Geist, die Schrift, die Glaubensbekenntnisse in Verbindung mit den Katechismen. Was Calvin jedoch durch den Glauben gewonnen, will er auch durch eine Kirchenordnung sicher stellen, viel bestimmter als Luther, der die Disciplinarmacht der Kirche nicht auf dieselbe Weise festhält. Daß sein Eifer hierin manchmal, nach der Art eines Zeitalters, wie es auch auf lutherischer Seite oft geschah, in eine gewisse heilige Uebertreibung überging, wer will es leugnen! Ja, mit Begeisterung wollte Calvin das herrliche Ideal einer Theokratie oder Gottherrschaft verwirklichen, worin Staat und Kirche verbunden wären, doch in ihren Rechten getrennt, die Kirche ohne äußere Gewalt, nur mit der geistigen, der Excommunication, bewaffnet und der Staat ohne Einfluß auf das geistige Gebiet. Diese Regierung wurde zu Genf in unvollkommener Gestalt, in Frankreich in vollkommener eingesetzt. Nach einer Gesetzgebung sollten in diesem Staate offenkundige Lästerer und Schänder des Heiligen, wie alle seine Zeitgenossen, Katholiken und Lutheraner, es wollten, am Leben bestraft werden. Es war der Geist jener gewaltigen Zeit. Wenn daher die Papisten, welche Tausende von Evangelischen mordeten, noch heut gegen ihn mit ungerechter Wuth auftreten und behaupten: er sei unduldsam in ihrem Sinne gewesen, so richten sie sich selber und belasten sich mit zwiefacher Schmach. Servede, dessen Hinrichtung man sich oft bedient hat, um das edle Gemüth des Reformators zu brandmarken, beweist gerade, daß er höher stand als die meisten seiner Zeitgenossen. Er hat Alles aufgeboten um jenen unheimlichen Menschen, der die Reformation wieder auflösen wollte, von einem Irrwahn zu heilen. Hier einen Blick auf diese Episode seines Lebens. Wir stehen vor dem Rathe mit Servede und Calvin, der diese Irrlehre beleuchten sollte. Da geschah es einst, daß Servet ihm zurief: „Alles sei Gott“. „Was, sagte Calvin, du wirst behaupten, daß dieser Fußboden den wir betreten Gott sei? und wenn ich dich frage ob der Teufel auch wesentlich Gott ist?“ „Nun, antwortete Servet mit schallendem Gelächter, glaubst du das nicht?“ Ja, Servede belegte den dreieinigen Gott mit gräulichen Schimpfnamen, nannte ihn einen Höllenhund, wollte bis zuletzt nicht davon ablassen, das Heilige zu schmähen, und Calvin ließ nicht ab mit großer Geduld ihn zu widerlegen und zu ermahnen. Obschon er überzeugt war, daß der Rath das Recht für sich hatte, so ist es doch erwiesen, daß er keinen Einfluß auf Servedes Prozeß ausgeübt hat. Er selbst forderte offen seine Widersacher auf, aufzutreten und ihm das Gegentheil zu beweisen. Er hat ferner den Rath gebeten Servede, der eine ganze Wuth gegen ihn ausgelassen hatte, die Feuerstrafe zu ersparen. Der sanftmüthige Melanchthon dagegen erklärte laut, der Rath habe ganz recht daran gethan, den Lästerer auf diese Weise zu richten; Calvin aber wurde zuletzt doch sichtbar bedenklich über diese ganze Angelegenheit, die er früher im Sinne einer Zeit beurtheilt hatte und gab einem milden Geiste Raum, den wir damals kaum mit den Gebildeten des sechszehnten Jahrhunderts an den Tag gelegt haben würden. Auch ist das Licht der Duldsamkeit, welches im evangelischen Geiste lag, und die Freiheit des Gedankens in der reformierten Kirche früher als in andern aufgegangen. In diesem Jahre, am 27. October 1853, naht, nach drei Jahrhunderten, der Todestag Servedes. Da mag Genf hinaus gehen nach Champel, jener Anhöhe, wo seine Asche lag, ein Fest der heiligen Duldsamkeit und der Geistesfreiheit mit Dank gegen Gott feiern und Servede, obschon er gefrevelt hat, um Vergebung bitten im Namen des alten Raths. Aber Calvin, dem schweres Unrecht widerfahren ist, der die Last der Verkennung für die Andern hat tragen müssen, ein Standbild errichten vor der Kirche St. Peter, denn von ihm ist eine hohe, seine und freie Bildung ausgegangen, welche so lange auf die gejammte Menschheit einwirken wird, als dort die hohen Alpen stehen in ihrem Glanze. Ja wohl, sein Einfluß auf die Welt ist nachhaltig groß gewesen; er selbst ahnte nicht diese Größe. Für die Entwicklung der Kirche war eine Sendung nothwendig wie die Luthers: dieser sollte die Reformation schaffen, Calvin sie schließen. Seine Sendung war überwiegend: der Kirche Ordnung zu bringen und die aufgeregten Lebenskräfte wieder zu zügeln, namentlich im Süden. Es gingen aus der reformierten Kirche berühmte Hochschulen hervor, welche auf die Bildung von Frankreich einen bedeutenden Einfluß übten; und es sollte selbst, nach den Puritanischen Bewegungen in England, dieser Calvinische Lebensgeist die Staaten von Nordamerika mit gründen helfen, um so die Bildung einer neuen Zeit zu bereiten. Wie Luther durch eine Bibelübersetzung einen fortwährenden Einfluß auf das deutsche Volk und unsere Sprache ausgeübt hat, also Calvin auf die gelehrte Welt durch eine trefflichen Bibel-Commentare. Ebenso hat er die französische Sprache mit bilden helfen durch einen energischen, naiven, logischen Styl, der der Abglanz seines Charakters ist. Die Kirche der Zukunft rechnet auf einen entschiedenen Einfluß durch das Vorbild der Presbyterial-Verfassung, die er wieder hervorgerufen hat, und seiner Disciplinargewalt, welche jetzt allen Kirchen fehlt. Sie rechnet auf die kräftige Erschütterung der papistischen Irrthümer, die von seinen Werken immerfort ausgeht; vornehmlich auf den Einfluß seines redlichen und kindlichen Glaubens an die heilige Schrift, eines begeisterten Pflichtgefühls, eines Adlerblickes, der den Sieg der evangelischen Kirche mit Sicherheit verkündigt. Die Welt wartet jetzt auf neue Reformatoren; vielleicht ruht Gottes Auge schon mit Wohlgefallen auf ein durch liebliche apostolische Gaben ausgezeichnetes Kind, welches wie Luther oder Calvin die zerstreuten und zertretenen Kirchen sammeln, mit neuem Gotteshauche beleben wird und sie schützen gegen die Macht der eindringenden Lüge. Lasset uns im Hinblick auf Wittenberg und Genf den Herrn der Kirche mit jener siegenden Zuversicht im Gebete angehn, die Luther einst beseelte am Krankenbette Melanchthons, „daß Er uns erhören müsse und uns aus unserer Noth heraushelfen, so anders sein heiliges Evangelium eine Wahrheit ist.“ Calvin aber ruft uns zu: „des Herrn Wahrheit bleibt unbeweglich fest; darum laßt uns bis an das Ende auf unserer Wacht stehen bis daß des Herrn Reich, welches nun verborgen ist, erscheinen wird.“ „Rüstig und ohne Falsch“ ist ein Wahlspruch, und was zeigt Calvins Wappen? eine Hand, welche ein brennendes Herz Gott darreicht. Eine Mahnung an Alle!

 

  1. Henry in Berlin.
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