Thomas Cranmer

Thomas Cranmer

Thomas Cranmer, Erzbischof von Canterbury.

 

König Heinrich VIII. von England hatte sich i. J. 1503 mit der Prinzessin Katharina von Arragonien, einer Tochter des Königs Ferdinand von Spanien, der Witwe seines verstorbenen Bruders Arthur, vermählt. Die Ehe war mit Dispensation des Papstes Julius II. eingegangen worden und hatte achtzehn Jahre bestanden, als sich des Königs todbringende Liebe der schönen Anna Boley (Boleyn) zuwandte, infolge dessen derselbe an der Rechtmäßigkeit seiner Ehe mit der Schwägerin irre zu werden begann. Der König richtete daher (1527) an den Papst Clemens VII. das Ersuchen, seine Ehe für nichtig zu erklären. Allein in Rom fand man es doch bedenklich den Dispens eines früheren Papstes zu annulliren, zumal es auch keineswegs rätlich zu sein schien, die Ehe des Königs mit der Tante des Kaisers zu trennen, – trotz des Geldes, welches der erstere den Kardinälen reichlich spendete. Der König sah sich daher in Verlegenheit und suchte nach gutem Rat, der ihn aus derselben zum Ziele seiner Wünsche bringen könnte. Da wurde dem König von zweien seiner Räte, Fox und Gardiner, der Professor der Theologie Cranmer zu Cambridge genannt, der, wenn irgend Jemand, ihm mit Rat werden dienen können. Heinrich beschloß diesem Winke zu folgen, und so kam Cranmer in eine Beziehung zum König, durch welche er zum Reformator der Kirche Englands und schließlich zum Märtyrer des Evangeliums werden sollte.

 

Thomas Cranmer war am 2. Juli 1489 zu Aslacton in der Grafschaft Nottingham geboren. Nachdem er schon als Knabe seinen Vater verloren, schickte ihn die Mutter 1503 nach Cambridge, wo er die gewöhnlichen Studien des Triviums und Quadriviums machte und später Fellow im Jesus-Collegium wurde. Hier beschäftigte er sich mit der neueren Theologie eines Faber Stapulensis und Erasmus, und begann auch, als er von dem Auftreten Luthers in Deutschland hörte, die h. Schrift zu lesen. Kurz nachher (1519) verheiratete er sich, weshalb er aus seinem Colleg austreten mußte. Doch wurde er sofort in dem Buckingham-Collegium als Lector angestellt, und als er durch den Tod seine Gattin und sein Kind verlor, wurde er in sein früheres Collegium wieder aufgenommen, auch 1523 zum Doctor der Theologie promovirt. Ein glänzendes Anerbieten zur Uebernahme einer Professur der Theologie in Oxford lehnte er ab; dafür wurde er zum Professor der Theologie, Universitätsprediger und Examinator in Cambridge ernannt. Sein eifriges Hinweisen auf die Autorität und das Wort der Schrift trug ihm damals im Munde der scholastischen Theologen und der Bettelmönche den Spottnamen des „Scripturisten“ ein.

 

Da geschah es, daß Cranmer, als er wegen der im Jahre 1528 in Cambridge grassirenden Pest, mit seinen beiden jungen Neffen, die in seinem Hause wohnten, nach Waltham in der Grafschaft Essex übergesiedelt war, die genannten Räte des Königs ihn mit ihrem Besuche überraschten und ihn bezüglich der Ehescheidungsangelegenheit des Königs um seine Meinung befragten. Cranmer antwortete: man habe vor Allem zu untersuchen, ob des Königs Ehe nach göttlichem Rechte gültig sei oder nicht. Sei das letztere der Fall, dann könne auch der Papst nicht dispensiren. Unbedingt dürfe man sich daher nicht auf jahrelange Verhandlungen mit der römischen Curie einlassen; vielmehr habe man sich von den berühmtesten Universitäten Europa’s und von sonstigen anerkannten Autoritäten der Wissenschaft gutachtliche Aeußerungen einzuholen, und wenn diese nach den Wünschen des Königs ausfielen, so könnte dann auch der Papst nicht länger widerstreben.

 

Dem König, dem diese Gedanken mitgeteilt wurden, schienen dieselben so einleuchtend, daß er alsbald nach denselben zu verfahren beschloß. Cranmer wurde daher beauftragt, seine Ansicht über die Sache nochmals schriftlich darzulegen, worauf derselbe im Anfange des Jahres 1530 mit dem Vater der Anna Boleyn, dem jetzt zum Grafen von Wiltshire erhobenen Sir Thomas Boleyn und anderen Bevollmächtigten nach Rom gesandt wurde, um daselbst zu Gunsten des Königs zu wirken. Gleichzeitig wurden durch ganz Europa hin von Universitäten, hervorragenden Rechtsgelehrten und Theologen, auch von Ordensconventen gutachtliche Aeußerungen über die Ehe des Königs eingezogen. In Rom fand Cranmer anfangs keine ungnädige Aufnahme; er wurde sogar zum Pönitentiar des Papstes für England ernannt. Doch erreichte er hier nichts, weshalb er unverrichteter Sache in die Heimat zurückkehrte. Im Anfange des Jahres 1531 wurde Cranmer von dem König in derselben Angelegenheit mit einer Mission an die theologischen Führer der deutschen Reformation und an den kaiserlichen Hof betraut. Dieser Auftrag war für Cranmer selbst insofern von großer Bedeutung, als er in Folge desselben mit den deutschen Reformatoren in persönlichen Verkehr und dadurch auch den Gedanken derselben innerlich näher kam. Außerdem lernte Cranmer bei dieser Gelegenheit eine Nichte des Andreas Osiander zu Nürnberg kennen, mit der er sich nicht lange nachher verheirathete. Als der Papst sich nun trotz der vielen dem Könige günstigen Gutachten, welche in London eingelaufen waren, noch immer schwierig zeigte, kam der König allmählich auf den Gedanken, sich mit der ihn beschäftigenden Angelegenheit dadurch von der Autorität des Papstes unabhängig zu machen, daß er ganz England von dem Supremat Roms emanzipirte. Dieses konnte jedoch nicht mit Einem Schlage geschehen. Daher erfolgte zunächst nur eine Reihe von Verordnungen, welche den Einfluß der römischen Curie auf die englische Kirche beschränkten. Mit Anna Boleyn aber verehelichte sich der König am 14. Novbr. 1532 heimlich, obschon seine erste Ehe noch bestand.

 

Inzwischen war der Erzbischof Warham von Canterbury am 23. Aug. 1532 gestorben und der König hatte sich alsbald fest entschlossen, den erledigten Stuhl keinem Anderen als Cranmer zu überweisen. Dieser jedoch erschrak über diesen Beweis königlicher Huld, da er voraussah, daß die ihm zugedachte Stellung ihn alsbald in den bedenklichsten Kampf kirchlicher und politischer Pflichten bringen würde. Doch gab er endlich nach langem Zögern den Bitten und Vorstellungen der Räte des Königs nach. Die zu seiner Bestätigung erforderlichen Bullen des Papstes (sie kosteten 900 Ducaten) wurden von Rom eingeholt und Cranmer ward am 30. Mai 1533 in der Westminsterabtei inthronisirt; doch erklärte er vor Ablegung seines Eides feierlichst, daß er sich durch denselben in keiner Weise zu Etwas, das seinem Gewissen, den Vorrechten der Krone und den Staatsgesetzen Englands zuwider wäre, verpflichtet erachte. Die Ehe des Königs mit Katharina von Arragonien hatte derselbe schon einige Tage vorher für nichtig erklärt, worauf er auch dessen (ohne sein Vorwissen) am 12. April öffentlich vollzogene Verehelichung mit Anna Boleyn als gesetzmäßig anerkannte. Am 1. Juni krönte er letztere nach des Königs Befehl als Königin. Sofort erklärte aber der Papst die Auflösung der Ehe Heinrichs mit Katharina sowie dessen neue Eheschließung für null und nichtig und sprach über den König am 23. März 1534 den Bann aus. Hierdurch wurde jedoch der längst erwogene Entschluß des letzteren zur Reife gebracht: der König hob am 9. Juni die päpstliche Gewalt über England auf und verkündete sich in der Suprematsakte vom 3. Novbr. 1534 als das alleinige irdische Oberhaupt der Kirche seines Reichs. Gleichzeitig legte Cranmer den Titel eines päpstlichen Legaten nieder und nannte sich mit des Königs Bewilligung Primas von England. Hiermit hatte nun Heinrich erreicht, was er erreichen wollte. In England bestand jetzt eine von Rom völlig unabhängige katholisch-rechtgläubige Kirche. Etwas Weiteres anzustreben, eine biblische Reform der Kirche des Reichs durchzuführen, lag nicht in des Königs Absicht. Allein nachdem das Band mit Rom zerrissen, war doch auch der Lebensnerv des Katholizismus in England durchschnitten, und unwillkürlich sah sich daher der König, um seine Autorität über die Kirche des Reichs zu befestigen, zu Schritten gedrängt, die ursprünglich nicht in seinem Plane gelegen hatten. Zu seinem Generalvicar in allen kirchlichen Dingen ernannte er Cromwell; allein die Seele der inneren Bewegung, welche jetzt in der Kirche Englands hervortrat, war doch Cranmer. Demselben fehlte es freilich damals noch an den Charismen eines Reformators durchaus. Die Stützpunkte seiner ganzen kirchlichen und geistlichen Stellung, seiner äußeren und seiner inneren Haltung waren die Autorität des Königs und erst in zweiter Linie die Autorität der heiligen Schrift. Aber eben nur dadurch war es ihm nach Lage der Dinge überhaupt möglich, die Reformation der Kirche in etwas vorzubereiten. Denn als kaum zu überwindende Hindernisse standen derselben nicht nur der Ketzerhaß des Königs, sondern auch der Widerwille des Clerus gegen jede Neuerung entgegen. Cranmer erfuhr dieses zu seinem tiefsten Leidwesen, als er Tyndals englische Uebersetzung des Neuen Testaments in England einführen wollte; der Widerwille der Bischöfe gegen die Verbreitung der Schrift in der Volkssprache ließ es nicht zu. Das Einzige, was Cranmer zu thun vermochte, war, daß er erledigte Pfründen mit reformatorisch gesinnten Clerikern besetzte. Sein Trost dabei war, daß die Königin Anna ihn mit ihrer entschieden reformatorischen Gesinnung dem König gegenüber deckte und daß er mit deren Hülfe in späterer Zeit manche Reform in der Kirche glaubte ins Leben rufen zu können. Leider aber schwand auch dieser Trost bald dahin. Der König wurde seiner einst so glühend geliebten Gemahlin überdrüssig, klagte sie der Untreue an, und Cranmer, der von ihrer Unschuld überzeugt war, wagte nur halblaut für dieselbe einzutreten. Am 19. Mai 1536 fiel das Haupt der Unglücklichen unter dem Beile des Scharfrichters, und schon am folgenden Tage vermählte sich Heinrich mit Jane Seymours, – die zum Glück auch der Reformation günstig war. Daher konnte wenigstens Einiges geschehen. Im J. 1536 wurden die kleineren Klöster Englands aufgehoben (seit 1537 auch die größeren, wodurch ein unermeßliches Klostergut in die Hände der Krone kam,) und gleichzeitig wurde von einer am 16. Juni 1536 unter Cromwells Vorsitz eröffneten Synode ein Kirchenbekenntnis in zehn Artikeln aufgestellt, worin neben vielerlei Papistischem doch eine Reihe evangelischer Wahrheiten zum Ausdruck kamen.

 

Cranmer hatte an diesen Sätzen im evangelischen Interesse mancherlei zu desideriren; aber dem König gingen dieselben zu weit, weshalb er sie nicht ohne mancherlei Modificationen publizirte, wobei er jedoch zu Cranmers größter Freude genehmigte, daß die Verbreitung der inzwischen im Ausland zur Vollendung gekommenen Bibelübersetzung Tyndales in England freigegeben sein sollte.

 

Diese erste Einlenkung auf die Bahn einer evangelischen Kirchenreform war ein Compromiß der Parteien, das jedoch sofort die grenzenloseste Verwirrung im ganzen Reiche hervorrief. Die entschiednen Katholiken sahen in den zehn Artikeln eine Verletzung der reinen Kirchenlehre, weshalb sich zur Verteidigung des katholischen Glaubens bewaffnete Massen erhoben, die mit Gewalt zu Boden geschlagen werden mußten. Anderen wiederum waren die zehn Artikel noch bei Weitem nicht antirömisch genug, indem sie ein wirklich evangelisches Bekenntnis verlangten. So kam es, daß der König, der seinen absoluten Willen als oberstes Gesetz der Kirche angesehen wissen wollte, abwechselnd Bekenner des Evangeliums und Anhänger des Papstes das Blutgerüst besteigen ließ.

 

Da starb die junge Königin (24. October 1537), infolge dessen Cranmer grade in dem ersten Beginne einer entschieden reformatorischen Wirksamkeit urplötzlich die Verwirklichung aller seiner Pläne und Hoffnungen, mit denen er sich trug, in weite Fernen hinausgerückt sah. Der König verbot (Novbr. 1538) die Priesterehe, weshalb Cranmer seine Frau nach Deutschland zurückschicken mußte. Auch sah er sich genötigt, die Berathungen mit sächsischen Theologen, welche auf seine Einladung hin nach London gekommen waren, schleunigst abzubrechen. Im folgenden Jahre mußte er es sogar erleben, daß das Parlament (28. Juli 1539) nach des Königs Willen die zehn Artikel in sechs neue Artikel, die sogenannten Blutartikel umwandelte, welche die Wandelungslehre und Kelchentziehung, den Cölibat der Priester und die absolute Verbindlichkeit der Keuschheitsgelübde, die Beibehaltung der Seelenmessen und der Ohrenbeichte festsetzten. Die Bestreitung der Transsubstantiationslehre und die Säumigkeit in der Auflösung der Priesterehe wurde sogar mit dem Tode bedroht. Ein Katechismus „Institution of a christian man“ (schon 1537 veröffentlicht, und 1540 in neuer Bearbeitung edirt) stellte noch schärfer die Grenzen der königlichen Glaubenslehre dar, auf deren Ueberschreitung der Tod gesetzt war. Die katholische Umgebung des Königs, insbesondere der Herzog von Norfolk und der ebenso falsche und ränkevolle als kluge Bischof Gardiner, frohlockte, zumal als sie es erreichten, daß Cromwell, weil er den König zu der diesem widerlichen Ehe mit Anna von Cleve verleitet hatte, am 28. Juli 1540 das Schaffot besteigen mußte. Auch Cranmer hoffte man bald auf dasselbe zu bringen. Dieser aber trat grade jetzt mit voller Freimütigkeit für die evangelische Lehre ein und wußte sich doch das Vertrauen des Königs zu bewahren. Vor einer auf seinen Antrag vom König gebildeten Commission, welche eine nochmalige Revision des kirchlichen Lehrbegriffs vornehmen sollte, sprach er seine damaligen Gedanken, welche den Fortschritt des hohen Prälaten in der Heilserkenntnis wahrnehmen lassen, in voller Klarheit aus: „Nur Taufe und Abendmal sind eigentliche Sacramente. Die Landesherrn haben in kirchlicher wie in politischer Beziehung für ihre Völker Fürsorge auszuüben und geistliche wie weltliche Beamte zu bestellen. Die Weihung der Geistlichen ist zweckmäßig aber nicht notwendig, indem sie keine Gnadengaben mitteilt. Beichtzwang und letzte Oelung sind abzuschaffen.“ Allerdings wurde der Einfluß der katholischen Partei auf den charakterlosen, wüsten Despoten noch größer, als sich derselbe (August 1540) mit Katharine Howard, einer Nichte des Herzogs von Norfolk, vermählte; allein schon nach wenigen Monaten fiel Cranmer die Pflicht zu den König über den früheren sittenlosen Wandel seiner Gemahlin aufzuklären und die Ehe aufzulösen, worauf derselbe (7. Juli 1543) mit der dem Protestantismus günstigen Katharine Parr (seiner sechsten Gemahlin) in die Ehe trat.

 

Nunmehr glaubten Cranmer und dessen Freunde schon einen ruhigeren und glücklicheren Fortgang der Kirchenreform entgegensehen zu können, als es sich zeigte, daß grade jetzt die katholisch gesinnten Räte des Königs mit der äußersten Wuth und Bosheit jede evangelische Regung in der Kirche des Königreichs zu erdrücken und deshalb vor Allem den tödtlich gehaßten Urheber derselben, den Erzbischof Cranmer, aus dem Wege zu räumen suchten. Allerdings stand allen ihren Anschlägen das Vertrauen des Königs zu Cranmer als ein unübersteigliches Hindernis im Wege, – selbst als sie denselben vermocht hatten, gegen Cranmer einen Haftbefehl wegen Ketzerei zu erlassen. Der König empfand wegen dieses Befehls alsbald die bitterste Reue und nahm ihn zurück.

 

Cranmers Verhaftung erfolgte also nicht; aber in der reformatorischen Bewegung, die derselbe angeregt, war ein vollständiger Stillstand eingetreten. Der König wollte fernerhin nichts mehr von kirchlichen Reformen wissen, weshalb er die noch 1542 wiederholt genehmigte Verbreitung der Bibel in der Landessprache im folgenden Jahre 1543 in ein nur für den Adel gültiges Privileg umwandelte. Im J. 1546 wurde das Verbot des Bibellesens noch verschärft, jede Ketzerei wurde als todeswürdiges Verbrechen behandelt, und Schrecken und Verwirrung erfüllte das ganze Reich, als Heinrich VIII. am 28. Januar 1547 starb.

 

Die ganze reformatorisch gesinnte Partei Englands athmete auf, als sie von dem Tyrannen erlöst war, und Cranmer sah jetzt erst die Zeit, wo er eine wirklich reformatorische Wirksamkeit entfalten könnte, gekommen. Denn der neunjährige Eduard VI., der nun den Thron bestieg, wurde ihm zur Erziehung anvertraut und die Regentschaft, welche mit dem Herzog von Sommerset an der Spitze für denselben eintrat, war in der Mehrzahl ihrer (16) Mitglieder entschieden evangelisch gesinnt. Wie aber früher, so war auch jetzt die königliche Autorität die Basis, auf die er sich mit seiner ganzen Wirksamkeit stellte, weshalb er sich nicht nur sein Amt von dem neuen König aufs Neue übertragen ließ, sondern denselben auch bei der Krönung (20. Febr. 1547) daran erinnerte, daß er von Gott berufen sei die Kirche in der Weise des Königs Josias zu regieren.

 

Zunächst sorgte Cranmer, um für die Durchführung der Kirchenreform einen neuen Anfang zu gewinnen, dafür, daß durch das ganze Königreich hin eine sorgfältige Kirchenvisitation vorgenommen wurde, zu welchem Zwecke er dasselbe in sechs Visitationsbezirke teilte. Bei diesen Visitationen wurde nun vor Allem die Lehre von der kirchlichen Suprematie der Krone als Grundlehre der anglikanischen Kirchenreformation verkündet. Sodann stellte er (Juli 1547) mit mehreren evangelisch gesinnten Bischöfen (namentlich mit Ridley und Latimer) eine evangelische Predigtsammlung, das Book of Homilies, her, ließ des Erasmus Paraphrasen des Neuen Testaments ins Englische übersetzen und erwirkte es, daß von dem am 4. Novbr. 1547 eröffneten Parlament die sechs Blutartikel aufgehoben, die Spendung des Kelchs im Abendmal hergestellt, die Messe und anderes Katholische beseitigt ward. Im folgenden Jahre ließ er den Nürnberger Katechismus fast unverändert ins Englische übertragen. In demselben Jahre 1548 wurde auch in Gemäßheit eines von Cranmer bei dem Parlament eingebrachten Antrags der erste Entwurf einer neuen Liturgie, des Book of Common Prayer, von Cranmer und einigen anderen Bischöfen und Theologen ausgearbeitet (mit Benutzung der altenglischen Liturgieen von Bangor, Herford, Lincoln, York, des old Sarum Salisbury’s und der Reformationsordnung des Kurfürsten Hermann von Köln von 1543), worauf derselbe von dem Parlament im Januar 1549 genehmigt wurde. An dem Allen war zu ersehen, wie Cranmer selbst im Lauf der Jahre innerlich gewachsen und zu einem wirklich evangelischen Mann geworden war. Dabei war sein Glaubensbewußtsein immermehr in reformirt-confessioneller Gestalt zur Entwicklung und Ausprägung gekommen, weshalb Cranmer die Berufung einer ganzen Anzahl reformirter Theologen des Auslands nach England veranlaßte. Von Straßburg wurden Bucer und Paul Fagius 1549 an die Universität zu Cambridge, aus Florenz wurde Peter Martyr Vermigli an die Universität zu Oxford berufen, Johann Laski leitete damals eine deutsche Gemeinde, Bernardino Occhino eine italienische Gemeinde zu London. Außerdem wurden Tremellius, der Schotte Alexander Alesius u. A. nach England gezogen. Durch Occhino ließ Cranmer auch dem gefeierten Theologen Musculus eine Professur anbieten (jedoch ohne Erfolg), und außerdem stand derselbe mit vielen anderen hervorragenden Theologen der reformirten Kirche, z. B. mit Bullinger, im lebhaftesten brieflichen Verkehr.

 

Getragen von einer Gemeinschaft so vieler Säulen des kirchlichen Lebens seiner Zeit erhob sich daher Cranmer zu der freudigen Idee für die evangelische Kirche Englands ein Glaubensbekenntnis aufstellen zu lassen, welches zugleich ein Zeugnis der Glaubenseinigkeit der Evangelischen aller Lande sein sollte. Er trat darüber mit den theologischen Koryphäen Deutschlands und der Schweiz in einen lebhaften Gedankenaustausch, und schlug London als den Ort vor, wo man zur Aufstellung eines solchen Bekenntnisses zusammenkommen möchte. Auch wurde der Gedanke Cranmers von Melanchthon und Calvin freudigst aufgenommen; aber dennoch erwies sich derselbe sehr bald als unausführbar, weshalb Cranmer ihn wieder fallen ließ, um jetzt lediglich für die anglikanische Kirche ein evangelisches Bekenntnis zu Stande zu bringen. Schon früher (1538) hatte er als Ergebnis seiner Besprechungen mit deutschen Theologen 13 Artikel (den ersten 17 Artikeln der Augsburger Confession entsprechend) zusammengestellt. Mit Zugrundelegung derselben wurde nun unter Cranmers Auspizien ein aus 42 Artikeln bestehendes Bekenntnis entworfen, welches im Mai 1552 der Convocation vorgelegt und vom König (nicht vom Parlament) sanctionirt ward. Gleichzeitig ward damals auch von Cranmer mit Bucers und Peter Martyrs Hülfe eine Revision des Book of Common Prayer vorgenommen (wobei man die letzte Oelung, die Ohrenbeichte, das Gebet für Verstorbene u. A, aus demselben entfernte), infolge deren die Liturgie in ihrer neuen Gestalt von der Convocation approbirt und durch eine Parlamentsakte 1552 publizirt ward.

 

Das Alles kam ziemlich rasch und ohne erhebliche Schwierigkeiten zu Stande, so daß der äußere Organismus des neuen evangelischen Kirchenwesens im Wesentlichen als fertig entworfen gelten konnte; allein die Zukunft der neuen Schöpfung, die theilweise in noch nicht zur Einführung gekommenen Gesetzen bestand, war doch noch so lange fraglich, als die katholische Partei im Reiche irgend welchen Einfluß hatte. Allerdings war dieselbe zur Zeit zurückgedrängt; allein wie wenig ihr Mut und ihre Zuversicht gebrochen war und wie wenig sie daran dachte, dem Protestantismus das Feld zu räumen, das zeigte sich an dem Verhalten des Bischofs Gardiner, der, obschon er wegen seiner Opposition gegen die neue Gottesdienstordnung 1549 ins Gefängnis geworfen war, dennoch von diesem aus Cranmers Lehre vom Abendmal in einer fulminanten Streitschrift öffentlich anfocht, weshalb dieser sich genötigt sah, seine (reformirte) Lehre in einer Gegenschrift ebenfalls öffentlich zu rechtfertigen. Hierzu kam, daß es einerseits der katholischen Partei gelang, den evangelisch gesinnten Protector des Reiches, Sommerset, zu stürzen, und daß andrerseits das englische Volk für die Reformation der Kirche gar wenig Verständnis und Sinn hatte. In letzterer Beziehung suchte Cranmer durch Aussendung von Reisepredigern zu helfen, welche im Lande umherzogen und das Volk über die Schriftwidrigkeit des katholischen Kirchenwesens sowie über das eigentliche Wesen der Reformation aufklären sollten. Außerdem bewirkte es Cranmer, daß der König 1552 eine Commission zur Ausarbeitung eines protestantischen Kirchenrechts niedersetzte. Im Februar 1553 hatte dieselbe ihre Arbeiten unter Cranmers Vorsitz vollendet, der eben die Publication und Einführung der entworfenen Gesetze erwartete, als König Eduard (in seinem sechszehnten Lebensjahre) am 6. Juli 1553 starb.

 

Ihm folgte Maria, die katholisch erzogene Tochter der Katharina von Arragonien. Die Seele der jungen Königin, der „blutigen Maria“, war nur von dem Einen Gedanken durchglüht: England nach geschehener Ausrottung des Protestantismus wieder zu des Papstes Füßen zu legen. Nach ihrer Vermählung mit Philipp II. von Spanien, und nach dem Einzuge des Cardinals Pole als Legaten in London, schienen auch wirklich die Flammen der Scheiterhaufen und das Schwert des Scharfrichters dem Protestantismus in England bald ein Ende zu machen. Mehr als 300 Märtyrer haben damals sterben müssen, – unter ihnen auch Cranmer.

 

Schon unmittelbar nach der Thronbesteigung der Königin war demselben von seinen Freunden gerathen worden, sich durch die Flucht in Sicherheit zu bringen. Cranmer glaubte jedoch grade darum um so mehr an seinem Platze bleiben zu müssen, als er sich sagte, daß die Besorgnis der Freunde nicht unbegründet war. Denn er wußte, daß ihn die Königin nicht blos als Ketzer, sondern auch darum haßte, weil er die Scheidung des Königs Heinrich von ihrer Mutter betrieben habe. Daher überraschte es ihn grade nicht, als er schon am 14. Sptbr. 1553 vor die Sternkammer geladen und in die Zwingburg Londons, in den Tower abgeführt wurde. Von der Anklage wegen Hochverrats, die man hier gegen ihn erhob, sah er sich allerdings infolge eines Protestes, den er an die Königin richtete, freigesprochen. Dafür wurde er nun aber wegen Ketzerei in Anklagestand versetzt und wegen Ueberfüllung des Towers mit seinen beiden vertrautesten Freunden, den Bischöfen Ridley und Latimer in Eine Zelle gesperrt.

 

Gemeinsames Gebet und Lesen in der heiligen Schrift war hier der Trost, mit dem sich dieselben stärkten. Bald begann nun auch das Verhör Cranmers vor der Convocation, in welchem derselbe mit solcher Rohheit behandelt ward, daß es selbst seine Gegner empörte. Daher fand man es für ratsam, Cranmer und dessen Leidensgefährten im März 1554 nach Oxford zu bringen, wo das Verhör mit jenen am 14. April in der Marienkirche fortgesetzt ward. Der schon betagte Prälat erschien hier mit dem Stab in der Hand, voll Hoheit und Würde. Man legte ihm drei die katholische Lehre vom Abendmal darstellende Artikel vor und verlangte seine Unterzeichnung derselben. Mit größter Entschiedenheit wies er jedoch diese Forderung zurück und schickte am folgenden Tag (es war ein Sonntag) seine Widerlegung der Artikel ein. Am Montag erschien er sodann, um seine Widerlegung zu verteidigen. Mit rohem Hohnlachen hörten die Richter Cranmers und deren Anhänger den Vortrag des Greises an, den dieser gleichwol teils in lateinischer, teils in englischer Sprache in würdevoller Ruhe zu Ende führte. Auch in den folgenden Tagen dauerten die Quälereien fort, indem Cranmer wiederholt vor das Gericht geführt und mit Ridley und Latimer zur Unterzeichnung der Artikel aufgefordert wurde. Da dieselben jedoch dieses Ansinnen auf das Bestimmteste zurückwiesen, so wurden sie jetzt in strengere Haft gebracht, in der sie volle achtzehn Monate zu schmachten hatten.

 

Offenbar wußte man längere Zeit nicht, was mit Cranmer anzufangen sei. Schließlich jedoch kam man auf den Gedanken, daß die Verurteilung dieses Vaters aller Ketzerei in England dem Oberhaupte der Kirche überlassen werden müsse. Im Septbr. 1555 sahen sich daher zuerst Latimer und Ridley, dann auch Cranmer zu ihrer größten Ueberraschung vor eine aus päpstlichen und königlichen Bevollmächtigten bestehende Commission gestellt, wo abermals mit ihnen ein Verhör vorgenommen wurde. Cranmer legte gegen dieses Verfahren sowol vor der Commission selbst als hernach bei der Königin (brieflich) Protest ein, weil der Papst, der Widersacher des Evangeliums, über ihn keine Jurisdiction habe. Allein die Akten des Verhörs wurden nach Rom gesandt, von wo im Anfange des folgenden Jahres eine Bulle kam, welche die Excommunication und Degradation Cranmers aussprach. Die letztere wurde am 14. Febr. 1556 vollzogen. Feierlichst, und doch nicht ohne Hohn und Spott, wurden ihm die erzbischöflichen Gewänder und Insignien, mit denen man ihn vorher angethan, abgenommen, und zugleich wurde ihm die päpstliche Excommunication verkündet, die er durch eine Appellation an das nächste öcumenische Concil erwiderte.

 

Schon jetzt lag der (geheim gehaltene) Befehl der Königin zur Hinrichtung Cranmers durch Feuer vor. Allein bevor es zur Vollziehung desselben kam, wollte ihn die Bosheit seiner Feinde noch in äußerster Demütigung vor sich sehen: man wollte ihm einen Widerruf ablocken. Um ihn hierzu zu verleiten, erwies man ihm jetzt alle möglichen Freundlichkeiten, man brachte ihn sogar aus dem Gefängnis in eine Privatwohnung in Haft, wo er alle wünschenswerten Bequemlichkeiten fand; und wirklich erreichte man es, daß der siebenundsechzigjährige in der langen Haft ermattete Greis eine Abschwörungsformel, worin er die Lehren der Reformatoren als Irrtümer verwarf, unterzeichnete. Kaum aber hatte man diese Unterschrift, so erging der Befehl, Cranmer alsbald dem Feuer zu übergeben. Vorher jedoch sollte er seinen Widerruf auch öffentlich erklären.

 

Am 21. März 1556 wurde er deshalb in die Marienkirche geführt und auf einem bereits hergerichteten Gerüst niedergesetzt. Dort sah die zalreich versammelte Volksmenge den gebeugten Greis mit kahlem Haupte auf seine Kniee fallen und bitterlich weinend die Hände zum Gebete falten. Nach Beendigung einer Predigt, worin dem Volke klar gemacht war, warum ein solcher Ketzer sterben müsse, wurde er aufgefordert, seinen Widerruf öffentlich zu wiederholen. „Das will ich von Herzen gern“, antwortete der Greis, der zunächst ein ergreifendes Gebet sprach, worin er Gott um des Blutes Christi willen um Vergebung seiner vielen Sünden anrief, dann aber sich erhob, und mit lauter, fester Stimme zum größten Staunen aller Anwesenden Alles widerrief, was er aus Todesfurcht mit bösem Gewissen gegen die Wahrheit des Evangeliums ausgesagt habe. Dafür solle diese seine rechte Hand, mit der er gefrevelt, zuerst brennen; denn der Papst sei der Antichrist und seine Lehre eitel Lüge, worauf er insbesondre noch sich zu der Lehre vom Abendmal bekannte, wie er sie in den letzten Jahren öffentlich dargelegt hatte. Cranmer wollte in seiner Rede noch fortfahren, als er unterbrochen und zum Scheiterhaufen abgeführt wurde. Zwei Mönche begleiteten ihn, die ihn fortwährend zum Widerruf des eben Gesagten zu bewegen suchten. Indessen wies er dieses Ansinnen ruhig zurück, bestieg den Scheiterhaufen, ließ sich an den Pfahl binden, – und als er die ersten Flammen zu sich heraufzüngeln sah, streckte er seine rechte Hand nach denselben hin und rief aus: „Diese Hand hat übel gethan, diese böse rechte Hand!“ Dann stand er in unbeweglicher Ruhe da, die Augen gen Himmel gerichtet. Als die Flammen ihn erfaßten, hörte man ihn noch rufen: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ – worauf die Gestalt im Feuer und Rauchdampf rasch verschwand. –

 

Cranmer war als Mensch mit ungewöhnlichen Vorzügen ausgestattet. Leutselig, wolwollend und freundlich, wie er war, wußte er sich die Herzen Aller leicht zu öffnen und zu gewinnen. Für jeden Armen und Bedrängten, der sich ihm nahte, war er ein Vater und treuer Berater. Gern that er sein Herz und seine Hände auf. Seine Gastfreundschaft kannte kaum eine Grenze; insbesondre waren fremde Geistliche und Gelehrte in seinem Palast Lambeth allezeit zu Hause. Sein am meisten hervortretender Charakterzug, in welchem sich der eigentliche Adel seiner Seele kund gab, war aber seine Großmut. Es war in England sprichwörtlich geworden, daß man Cranmer beleidigen müsse, um von ihm eine Gunst zu erhalten. Als Christ kennzeichnete er sich von Anfang an dadurch, daß sein ganzes religiöses Leben und Denken auf seinem Gewissen beruhte. Sobald er daher einzelne Lehrsätze der katholischen Kirche als irrig erkannte, rückte er von derselben ab. Dabei trieb ihn dann der Ernst seines Charakters, diese Irrtümer, die er als solche erkannt hatte, auch aus der kirchlichen Gemeinschaft, in welcher er lebte, zu entfernen. Dieser Ernst seines innern religiösen Lebens war daher die Wurzel seiner reformatorischen Wirksamkeit. Er begann dieselbe aber darum zu einer Zeit, wo er im Prinzip mit dem Katholizismus noch nicht gebrochen hatte, wo seine eigne Seele von vielerlei papistischen Irrlehren noch umnachtet war. Aber „dem Aufrichtigen läßt Gott es gelingen“; er wuchs mehr und mehr in der Erkenntnis des Evangeliums und fand schließlich das Eine was not thut als den Eckstein seines Glaubens und Lebens. Daher wuchs der ernste, edle Mensch in ihm allmählich zum glaubensstarken evangelischen Christen, zum Reformator Englands heran, den Gott schließlich mit der Krone des Märtyrertums krönte.

 

H. Heppe in Marburg.

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