Athanasius, Bischof von Alexandrien.

Athanasius, Bischof von Alexandrien.

Eine Erscheinung wie die des großen Athanasius, des „Vaters der Orthodoxie“, wie ihn die Kirche nennt, kann nur im Zusammenhange mit der ganzen Zeitentwickelung gewürdigt werden, der sie angehört. Zwar ist jede persönliche Erscheinung, die wir als eine geschichtlich bedeutende bezeichnen, nur aus ihrer Zeit heraus ganz zu verstehen; inzwischen giebt es Persönlichkeiten aus älterer und neuerer Zeit, deren Charakter und Lebensgang auch solche allgemeine und rein menschliche Beziehungen darbietet, wie sie möglicherweise auch unter anderen Verhältnissen, wie sie auch heut zu Tage noch unter uns sich wiederholen könnten, während dagegen andere in ihre Zeit so ganz verflochten sind, daß wir auch nicht den geringsten Zug ihres Bildes von dem historischen Boden ablösen können, von dem sie getragen erscheinen. Und dieses letztere ist bei Athanasius der Fall. Seine Größe wurzelt durchaus in der dogmatischen Ausgestaltung, welche die Kirche des vierten Jahrhunderts, gewiß nicht zufällig, sondern nach den ihr in wohnenden Gesetzen der Entwickelung erlangt und wesentlich unter einer Mitwirkung erlangt hat. Auf die großen ernsten theologischen Fragen, welche diese Zeit bewegten, war der Scharfsinn eines Geistes gerichtet; um ihre Entscheidung drehte sich ein Schicksal, und die Stärke seines Willens, die ihn alles Ungemach mit dem edlen Muthe eines Märtyrers ertragen ließ, kann nur von denen gewürdigt werden, welche das Gewicht jener Fragen selbst zu würdigen im Stande sind. Nicht Christum als den Sohn Gottes zu bekennen gegenüber der Vielgötterei und dem Götzendienst des Heidenthums, Angesichts der wilden Thiere und der Scheiterhaufen, nicht das, wofür ein Justin, ein Ignatius, ein Cyprian bluteten, war es was ihm als das hohe Ziel vorschwebte, dem er mit unerschütterlichem Muthe entgegenging (daß man für diesen Glauben in den Tod gehen konnte, das muß jedem einleuchten, der Christum als den Heiland der Welt bekennt und liebt); sondern den rechten, den auch für den Gedanken richtig normierten d. h. den orthodoxen Glauben der Kirche zu vertheidigen gegen die mächtig sich erhebende Irrlehre, das war eine eben so schwierige, als unter den damaligen Umständen hochwichtige Aufgabe. Den einfachen Christen mag es auf den ersten Augenblick fremdartig berühren, wenn er in der Kirche einen mehr als dreihundertjährigen Kampf entbrennen sieht über Ausdrücke und Bezeichnungen des göttlichen Wesens, die für uns selbst wieder einer näheren Erklärung und Gedankenvermittlung bedürfen, wenn der Streit darüber uns nicht als ein bloßer Wortstreit erscheinen soll. Wer aber in den tieferen Zusammenhang hineinblickt, in welchem die Erörterung jener Fragen mit dem innersten Wesen des christlichen Glaubens stand, wer einsehen gelernt hat, wie von der Entscheidung derselben die spätere gedeihliche Entwickelung der Kirchenlehre abhing, der wird die hohe Bedeutung eines Athanasius und der Kämpfe, die um den Mittelpunkt seiner Person sich bewegen, nach ihrem historischen Werthe zu schätzen wissen und eben deshalb auch seinem Lebensbilde die Aufmerksamkeit zuwenden, die wir für dasselbe in Anspruch nehmen.

In Alexandrien, jener merkwürdigen von Alexander dem Großen erbauten und einen Nachfolgern (den Ptolemäern) begünstigten Stadt, in welcher die morgenländische und abendländische (hellenische) Bildung ihre gegenseitige Vermittelung fanden, in welcher das Juden- und später das Christenthum eine berühmten Schulen und Lehrer hatte, wurde unser Athanasius (man weiß nicht genau, in welchem Jahre, doch wahrscheinlicher zu Ende des dritten als zu Anfang des vierten Jahrhunderts) geboren. Wenn von andern berühmten Kirchenlehrern uns Herkunft und Erziehung gemeldet werden können, und wenn bei mehreren unter ihnen besonders die mütterliche Sorgfalt hervorzuheben ist, unter der das geistige Leben des Kindes sich entfaltete, so ist dies bei diesem Leben nicht der Fall. Wir wissen nur soviel, daß der junge Athanasius frühzeitig für den Dienst der Kirche bestimmt wurde. Wie es ja oft geschieht, daß schon im Spiele des Knaben der künftige Lebensberuf sich ausspricht, so liebte, wird erzählt, Athanasius die priesterlichen und bischöflichen Verrichtungen im Kreise der Gespielen nachzuahmen, und das that er mit solcher angeborener Würde, daß der Bischof Alexander, der ihn dabei beobachtete, auf den Gedanken gerieth, ihn für den geistlichen Stand heranzuziehen. So entschieden auch der Gegensatz zwischen dem antiken Heidenthum und dem zur Herrschaft sich aufringenden Christenthum in dieser Zeit hervorgetreten war, so groß war doch noch immer der Einfluß, den die klassische Literatur auf die geistige Bildung übte. Aus ihr nährten, an ihr erfrischten sich auch die jugendlichen Geister der künftigen Lehrer der christlichen Kirche, an ihr bildete sich ihr Geschmack und aus ihr schöpften sie überhaupt ihre natürliche Philosophie, ihre Beredsamkeit, ihre Dialektik. Und so ergab sich auch Athanasius diesem Studium, mit dem er aber das ihm jedenfalls höher stehende Studium der heiligen Schrift und der älteren Kirchenlehrer zu verbinden wußte. Auch unterzog er sich den Uebungen, die in anhaltendem Gebet und Fasten bestehend, den Geist wacker machen und ihn stählen sollten gegen die Versuchungen des Fleisches und der Welt. Ob und wie lange er selbst in die Einsamkeit des Anachoretenlebens sich zurückgezogen und allda mit dem h. Antonius verkehrt habe, dessen Leben er nachmals beschrieb, läßt sich nicht mit Sicherheit ermitteln. Schon mit dem Jahr 319 finden wir ihn als Diaconus im Dienst der Kirche. Bald ward der junge, höchstens zwanzigjährige Jüngling der Vertraute seines Bischofs, und um eben diese Zeit betrat er auch schon die schriftstellerische Laufbahn. War auch seit Constantin das Heidenthum bedeutend zurückgedrängt, so hatte es doch (wie die später unter Julian eintretende Reaction zeigte) noch feste Wurzeln in der Denkungsart eines großen Theils sogar der gebildeten Welt. An sophistischen Vertheidigern desselben fehlte es eben so wenig als an Angriffen auf das Christenthum. Darum durfte auch die Apologetik, deren Aufgabe es ist, das Christenthum gegen solche Angriffe zu vertheidigen, ihre Waffen nicht niederlegen. Vielmehr erscheint es ganz der natürlichen Ordnung der Dinge gemäß, daß diese apologetische Richtung auch jetzt noch unter den theologischen Wissenschaften den ersten Rang behauptete. Auch Athanasius fühlte sich berufen, die Wahrheit des Christenthums gegen die Griechen (Heiden) zu vertheidigen und im Anschluß an diese Vertheidigung das Grunddogma des Christenthums, die Menschwerdung des Logos, zu entwickeln. Bald aber sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, nicht nur mit der Feder, sondern im offenen Kampfe der Geister, auf der großen Kirchenversammlung zu Nicäa von der Tiefe seiner theologischen Einsichten und der Kunst, dieselben zu entwickeln, eine glänzende Probe abzulegen. In Alexandrien hatte das theologische Denken mehr als irgendwo sonst einen mächtigen Aufschwung genommen, besonders in der dortigen Katechetenschule, d. h. der Bildungsanstalt für christliche Lehrer; namentlich hatten Clemens und Origenes als christliche Denker die höchsten Aufgaben zu lösen gesucht, welche die christliche Theologie sich stellen mußte, wenn sie nicht über die letzten Gründe ihres Glaubens im Unklaren bleiben sollte, und eben jenes Thema, das wir den jungen Athanasius in seiner Erstlingsschrift behandeln sehen, die Menschwerdung des Logos war ein Lieblingsthema der Zeit; doch diese Frage hatte eine andere zu ihrer Voraussetzung, das Wesen des Logos selbst und dessen Verhältniß zu Gott dem Vater, zu dem unerschaffenen, ewigen, unsichtbaren und unveränderlichen Gott. Sollte neben diesem ein zweiter, untergeordneter Gott aufgestellt werden in der Person des Logos? Das hätte ja die Lehre von der Einheit Gottes, den Monotheismus, zerstören und zu einer neuen Vielgötterei (Polytheismus) hinführen müssen. Oder sollte der Logos nur gedacht werden als eine in Gott ruhende, dann mit der Zeit aus dem ewigen Quell hervorfließende (emanirende) Kraft, als eine sich nach außen kundgebende Eigenschaft des ewigen, in der sichtbaren Welt sich enthüllenden Gottes? Damit konnte der christliche Glaube sich auch nicht beruhigen, da die Aussprüche Christi über ein ewiges Sein beim Vater an ein persönliches Sein zu denken nöthigten, und man sich also entschließen mußte, irgend eine Unterscheidung des Vaters und des Sohnes zu setzen, die nicht ein bloßer Namensunterschied wäre, sondern irgendwie als im Wesen Gottes selbst begründet erschiene. Zwischen den beiden Abwegen, die man somit vermeiden zu müssen glaubte, der Trennung des Sohnes vom Vater, die zugleich das Verhältniß der Unterordnung in sich schloß, und der unterschiedslosen Einheit beider, suchte die Kirche zu einem Ausdruck ihres Glaubens zu gelangen, der beides in sich faßte, sowohl die Gleichheit des Wesens als den Unterschied der Personen. Allein dieß ging nicht ohne schwere Kämpfe ab. Schon war die Meinung des Sabellius (aus Ptolemais), wonach die Personen in der Gottheit als bloße Namen und Offenbarungsweisen gefaßt wurden, als unzuläßlich erkannt und die ihr ähnliche Meinung des Paul von Samosata auf einer Synode zu Antiochien (269) verdammt worden, während die Schüler des Origenes, wie namentlich der Bischof Dionys von Alexandrien auf dem Unterschiede der Personen festhielten, als jetzt eben diese von den Rechtgläubigen festgehaltene Unterscheidung des Sohnes vom Vater eine bedenkliche Wendung ins Häretische hinüberzunehmen begann. Die Unterscheidung führte nicht nur die Unterordnung des Sohnes unter den Vater mit sich, wie sie schon deutlich bei Origenes und Dionysius hervorgetreten war, sondern jetzt war die Gefahr vorhanden, den Sohn zu einem Geschöpf herabzudrücken, ihm die angestammte Würde der Gottheit zu entziehen und ihn nur in einem uneigentlichen Sinne an derselben theilnehmen zu lassen. Und das war die Meinung des Arius.

Arius war Presbyter in Alexandrien. Die Zeitgenossen beschreiben ihn als einen langen hageren Mann, von blassem Gesicht und ernster Miene und einem struppigen Haar. Er lebte mit seinem Bischof Alexander in Unfrieden, und nun gab die Meinungsverschiedenheit über das Wesen des Sohnes und dessen Verhältniß zum Vater dem persönlichen Streite eine theologische Richtung. Arius nämlich behauptete, der Sohn sei nicht ewig wie der Vater, sondern, wenn auch lange vor allen übrigen Geschöpfen vom Vater geschaffen; „es war ein „Wann“ (ein Zeitmoment), da der Sohn nicht war.“ Die entgegengesetzte Ansicht des Bischofs verwarf Arius auf einer Versammlung von Geistlichen als fabellianich. Man merke wohl, Arius hielt Jesum Christum nicht für einen gewöhnlichen Menschen, für einen bloßen Sohn Josephs und der Maria, wie die früheren Ebioniten oder wie ein Artemon und Theodotus (im zweiten Jahrhundert). Auch er lehrte ein vorweltliches Sein Christi, als des Logos, beim Vater, noch ehe der Logos Fleisch geworden; ja, er stellte nicht in Abrede, daß Gott durch den Logos alle übrigen Geschöpfe geschaffen habe und daß also dieser Erstling aller Creaturen erhaben sei und weit erhaben sei über alles was geschaffen ist; er trug auch kein Bedenken ihn in gewisser Beziehung „Gott“ zu nennen, aber doch eben nur in einem uneigentlichen beschränkten Sinn, wie auch schon. Andere vor ihm den Ausdruck gebraucht hatten eines „zweiten Gottes“; er dachte sich sonach unter dem Logos (Sohn) Gottes eine Art von Mittelwesen zwischen Gott und Welt. Damit aber erschütterte er einerseits die monotheistische Grundlage des Christenthums, indem er einen zweiten Gott, einen Untergott, neben den einen und wahren Gott hinstellte, gleichsam einen Schatten Gottes, und andererseits war damit die Menschwerdung des Logos als ein wirkliches und wesenhaftes Eingehen Gottes in die menschliche Natur, das eigentliche Mysterium des Christenthums geleugnet, der dogmatische Lebensnerv desselben durchschnitten. Der Bischof Alexander schloß den Arius vorläufig aus der Kirchengemeinschaft aus und benachrichtigte in einem Kreisschreiben die Bischöfe des Morgenlandes von diesem Schritte. Aber auch Arius blieb nicht unthätig; er suchte die morgenländischen Bischöfe für sich zu gewinnen. Unter diesen suchte besonders der Bischof Eusebius von Nikomedien den Frieden zwischen Arius und seinem Bischof wiederherzustellen. Arius selbst ließ sich zu mildernden Erklärungen seiner Lehre herbei, und der von dem Streit freilich nur oberflächlich unterrichtete Kaiser Constantin der Gr. suchte die Streitenden zur Ruhe zu verweisen, indem solche Disputationen wohl zur Uebung des gelehrten Scharfsinnes nützlich sein möchten, für das praktische Leben der Kirche aber wenig Segen brächten. Allein in Aegypten war die Aufregung schon zu groß geworden, so daß der Kaiser sich genöthigt sah, zur endlichen Beilegung des Streites eine allgemeine Kirchenversammlung (die erste ökumenische Synode) nach Nicäa zu berufen, im Frühjahr 325. Dreihundertachtzehn Bischöfe waren anwesend. Nachdem Eusebius von Nikomedien und Eusebius von Cäsarea vergebens gesucht hatten, der eine ein ziemlich arianisch lautendes, der andere ein mehr in biblischen Ausdrücken sich haltendes Bekenntniß aufzubringen, war es denn eben der noch junge Diaconus Athanasius, der durch seine scharfen, jeden Mißverstand abweisenden Bestimmungen den Ausschlag gab und auf die Abfassung des nicäischen Symbolums, in welchem die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater zum kirchlichen Losungsworte gemacht wurde, den entschiedensten Einfluß übte((Die näheren Bestimmungen hießen: der Sohn ist von Ewigkeit aus dem Vater gezeugt (nicht geschaffen), Licht aus dem Lichte, wahrhaftiger Gott aus dem wahrhaftigen Gotte, gleiches Wesens mit dem Vater; durch ihn sind alle Dinge gemacht.)). Von da an tritt Athanasius erst recht in die Geschichte ein und wird recht eigentlich der Mittelpunkt des arianischen Streites. Nachdem die Synode das Verdammungsurtheil über Arius und dessen Anhänger gesprochen, schien der Sieg der rechtgläubigen Lehre entschieden; allein eine bei Hofe mächtige Partei wußte die Schwester des Kaisers für sich zu gewinnen und durch diese auch den Kaiser umzustimmen. Athanasius war inzwischen, nach dem bald darauf erfolgten Tod Alexanders, auf den Bischofstuhl von Alexandrien erhoben worden. Sein Sprengel umfaßte ganz Unterägypten, Libyen, Pentapolis und die sieben Nomen der unteren und oberen Thebais. Bald nach seiner Thronbesteigung hatte er die Weihe des Frumentius zum Bischof der Aethiopier zu vollziehen und überhaupt öffnete sich ihm ein weites Gebiet der Thätigkeit. Aber an eine ungestörte Wirksamkeit für die innere Ausbildung des kirchlichen Lebens war nicht zu denken. Die Arianer ließen ihm keine Ruhe. Sie brachten es so weit, daß derselbe Constantin, welcher Befehl gegeben, alle Schriften des Arius gleich denen des Porphyrius mit Feuer zu vertilgen, nun den verbannten Irrlehrer wieder aus seiner Verbannung (nach Illyrien) zurückberief, nachdem derselbe zu scheinbarer Beruhigung der Gläubigen ein in allgemeinen Ausdrücken abgefaßtes Bekenntniß eingereicht hatte. Nun erging an den Athanasius die Zumuthung, den Gebannten wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen. Allein dieser widerstand aufs Entschiedenste und ließ es darauf ankommen, die ganze Ungunst des Kaisers auf sich zu ziehen. Empört durch diesen Widerstand, wandten die zahlreichen Gegner des Bischofs alle Künste der Intrigue auf, die ihnen zu Gebot standen. Sie verleumdeten den Athanasius als einen Feind des Kaisers, als einen Unruhstifter, einen gewaltthätigen Mann, der sein Amt zu Unterdrückung Anderer mißbrauche. Die seltsamsten Geschichten wurden mit Emsigkeit verbreitet. Wußte auch der Angeklagte eine Zeitlang die wider ihn erhobenen Beschuldigungen niederzuschlagen, so gelang es dennoch der Gegenpartei, die nicht blos aus rein arianischen, sondern aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt war, den Sturz des Bischofs herbeizuführen. Der Hauptschlag gegen ihn geschah auf der zehn Jahre nach der Synode von Nicäa abgehaltenen Synode von Tyrus (335). Hier hatte eine Partei die Oberhand, die ohne an die arianische Irrlehre sich anzuschließen, dennoch dem athanasianischen Lehrbegriff und namentlich dem Ausdruck “ gleich an Wesen“ aufs Entschiedenste sich entgegensetzte und dabei dem Athanasius auch persönlich nichts weniger als gewogen war. Man hat sie von ihren Führern, Euseb von Nikomedien und Euseb von Cäsarea, die eusebianische Partei genannt; später kam der Name Semiarianer (Halb-Arianer) in Uebung. Mit ihnen wirkten noch andere Parteien (eigentliche Arianer und Meletianer) zum Sturze des ihnen verhaßten Mannes bei. Unter den verschiedenen Anklagen, welche wider ihn erhoben wurden, mußte besonders eine auf den Kaiser Eindruck machen, als habe Athanasius die Ausfuhr des Getreides aus Alexandrien nach Constantinopel verhindern wollen. Vergebens suchte er den Ungrund dieser, wie der übrigen Beschuldigungen nachzuweisen. Der Kaiser ließ sich bewegen, den von der Synode verurtheilten Bischof nach Trier in die Verbannung zu schicken. Dort fand er sowohl bei dem Prinzen Constantin als dem Bischof Maximus eine würdige Aufnahme. Unterdeß sollte der aus der Verbannung zurückgerufene Arius feierlich wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen werden, und zwar in Constantinopel, nachdem zuvor eine Synode in Jerusalem eine Wiederaufnahme beschlossen hatte. Allein des Tages zuvor starb Arius eines plötzlichen Todes. Wir können es dem Athanasius nicht verdenken, wenn er darin ein Gottesgericht erblickte((Der Bischof Alexander von Constantinopel, den der Kaiser nöthigen wollte, den Arius in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen, soll zu Gott gefleht haben, ihn durch ein Wunder aus dieser Verlegenheit zu retten, und so habe Gott den plötzlichen Tod des Arius herbeigeführt.)), während Andere an Zauberei, oder gar an erhaltenes Gift dachten. Nicht lange darauf erfolgte auch der Tod Constantins (337). Unter seinen Söhnen, Constantius im Morgenlande, Constans im Abendlande, setzte sich der Streit fort. Ja, es nahm derselbe erst jetzt eine bedrohliche Gestalt an. Aus dem anfänglichen Privatstreite war ein allgemeiner Kirchenstreit entstanden, ein Streit zwischen den Kirchen des Morgen- und Abendlandes, wobei die Maßnahmen der Kaiser nicht selten der herrschenden Parteileidenschaft dienstbar wurden. Gleich nach ihrem Regierungsantritte riefen zwar die Söhne Constantins (Constantin II. noch unter ihnen) die sämmtlichen verbannten Bischöfe zurück, und namentlich ließ es sich Constantin II. angelegen sein, die Ehre des Athanasius wieder herzustellen. Dieser nahm nach einem mehr als zweijährigen Exil unter großem Jubel des Volkes seinen frühern Sitz in Alexandrien wieder ein. Aber so gewaltig hoch gingen die Wellen der kirchlichen Agitation, daß an ein sicheres Verweilen im Hafen nicht länger zu denken war. Constantius, der im Morgenlande herrschte, ließ sich nur allzubald umstimmen, indem er den alten und neuen Beschuldigungen Gehör lieh, welche die noch immer feindlich gesinnte Partei der Eusebianer wider Athanasius erhob. Schon daß der rechtgläubige Bischof Paulus von Constantinopel abgesetzt und Eusebius (von Nikomedien) an dessen Stelle gesetzt wurde, war kein gutes Vorzeichen. Nun wurde auch die abermalige Entsetzung des Athanasius vorbereitet und auf einer Synode von Antiochien (341) durchgesetzt. Man machte hier den Grundsatz geltend, daß ein von einer Synode entsetzter Bischof nie wieder eingesetzt werden dürfe. Vergebens bestritt Athanasius die Rechtmäßigkeit der Synode von Tyrus, die ihn entsetzt hatte. In den Augen der Gegner hatte sie recht gethan. Athanasius ward mit Gewalt vertrieben und mit Gewalt der von der antiochemischen Synode erwählte Bischof Gregorius aus Kappadozien an dessen Stelle gesetzt. Als dieser Eindringling am Charfreitag in Begleit seines Landsmannes, des Statthalters Philagrius, eine der Kirchen Alexandriens betrat, erhob sich ein Aufruhr, der aber bald gedämpft wurde. Am darauf folgenden Osterfeste wurde sogar dem Athanasius nach dem Leben getrachtet. Er entkam jedoch den Nachstellungen, und nachdem er in einem aus der Nähe von Alexandrien erlassenen Kreisschreiben gegen das ihm widerfahrene Unrecht feierlich protestiert hatte, nahm er eine Zuflucht zu dem Bischof Julius in Rom. Hier war er eines Empfanges gewiß, der ihn für die erlittene Schmach entschädigte. Die abendländische Christenheit sah in ihm einen um des Glaubens willen Verfolgten, einen Märtyrer. Eine Synode von etwa fünfzig Bischöfen sprach sich entschieden zu seinen Gunsten aus. Inzwischen war das Haupt der Gegner, Eusebius von Nikomedien (nunmehr Bischof von Constantinopel), gestorben, ohne daß jedoch dadurch in dem Schicksal des Athanasius sich etwas geändert hätte. Erst auf der sechs Jahre später (347) gehaltenen Synode von Sardica in Illyrien, die der Mehrzahl nach von abendländischen Bischöfen besucht war((Die arianisch Gesinnten hatten sich aus Sardica entfernt und hielten eine Separat-Versammlung in Philippopolis.)), ward ihm eine vollständige Genugthuung zu Theil. Die nicäische Lehre ward als die richtige erfunden, der Arianismus verworfen und Athanasius als rechtmäßiger Bischof von Alexandrien anerkannt. Auch Kaiser Constantius kam ihm jetzt entgegen und lud ihn ein, von einem Sitze Platz zu nehmen. Athanasius, der sich zur Zeit in Aquileja aufgehalten, gehorchte dem Rufe. Nachdem er sich bei seinen Freunden in Rom verabschiedet, wandte er sich nach Constantinopel, der Residenz des Kaisers. Dieser empfing ihn freundlich und empfahl ihn auch den weltlichen und geistlichen Behörden durch eigenhändige Schreiben, worin er den Athanasius als einen Mann Gottes darstellte, der bei all den Prüfungen, die über ihn ergangen, nicht verlassen gewesen von einem Gott, und dessen Rechtgläubigkeit und tugendhafter Wandel allgemein bekannt sei. Hatte schon die Reise des Athanasius einem Triumphzug geglichen, so war vollends ein Empfang in Alexandrien ein festlicher. Uebrigens hatte er auch die acht Jahre seines Exils im Abendlande nicht umsonst zugebracht; sie gehörten zu den folgenreichsten seines Lebens. Nicht nur mußte seine Anwesenheit dazu dienen, die Gemüther zu stärken und in den Grundsätzen des kirchlichen Glaubens aufrecht zu erhalten; sondern auch nach einer andern Seite hin hatte er sich wirksam erwiesen; einer Seite, die freilich unserer religiösen Anschauungsweise noch ferner liegt, als die kirchlichen Streitigkeiten jener Zeit. Er hatte auch bei den Abendländern den Sinn für das Mönchthum, für Einsiedler- und Büßerleben geweckt, besonders durch die von ihm bearbeitete Lebensbeschreibung des Antonius, dieses Vaters der Einsiedler und Mönche, und hatte selbst zwei Mönche mitgebracht, welche diese dem morgenländischen Himmel eigenthümliche Lebensweise auch auf den abendländischen Boden verpflanzten, wo sie in der Folge zu einem weitverzweigten Organismus sich entfaltete.

Seine Wirksamkeit in Alexandrien blieb indessen auch jetzt nicht lange unangefochten. Kaum zwei Jahre hatte er mit Umsicht und Energie sein Amt verwaltet, als mit dem Tode des Kaisers Constans im Abendlande (350) ein neuer Sturm sich erhob. Der Mörder des Kaisers, Magnentius, regte auch im Morgenlande die Gemüther zur Empörung auf. Athanasius blieb unerschütterlich dem Constantius getreu. Nichtsdestoweniger beschuldigten ihn die Feinde eines Einverständnisses mit dem Usurpator, und wußten die Verwirrung der Zeit zu benützen, der ganzen orthodoxen Partei den Untergang zu bereiten. Drohender als je erhoben die Arianer ihr Haupt. Eine Synode zu Arles (353) und die bald darauf folgende zu Mailand (355) verurtheilten den Athanasius aufs Neue. Ihn traf dießmal die Verfolgung nicht allein, sondern die ganze rechtgläubige Partei. Eusebius von Vercelli, Hilarius von Poitiers, der mehr als hundertjährige Hofius von Cordova u. A. wurden das Opfer derselben. Selbst der römische Bischof Liberius, der Nachfolger des Julius, wurde nach Berona (in Thracien) verbannt. Was den Athanasius selbst betrifft, so ward er den 9. Februar 356 in der Kirche überfallen, als eben die Vigilien eines Festes gefeiert wurden. Der kaiserliche Feldherr, Syrian, ließ die Kirche mit Truppen umstellen, ein Theil derselben drang sogar in das Heiligthum; aber Athanasius setzte sich auf den Bischofsstuhl und befahl dem Diaconus den 136. Psalm anzustimmen, in dessen Refrain das Volk einstimmte mit den Worten: „deine Güte währet ewiglich“. Dann ließ er erst die ganze Gemeinde sich entfernen und würde sich als Gefangener den Soldaten ausgeliefert haben, hätten ihn nicht einige seiner Kleriker und Mönche, die wieder in die Kirche zurückkehrten, mit sich fortgezogen, ohne von den Soldaten bemerkt zu werden. Athanasius erblickte darin die rettende Hand des Herrn. Er zog sich darauf in die ägyptische Wüste zurück, wo er sein drittes Exil verlebte. Von da erließ er eine Vertheidigung gegen die Anschuldigungen der Feinde, und in einem Rundschreiben an die Bischöfe eines Sprengels warnte er diese vor dem Gift der arianischen Ketzerei. Es war diese Warnung um so nothwendiger, als der Arianismus mit Riesenschritten sich verbreitete, „einem Ungeheuer gleich, das über die Erde ausgegangen ist,“ wie Athanasius sich ausdrückt. Er benützte überhaupt die Einsamkeit und die unfreiwillige Muße, um von da aus mehrere seiner berühmt gewordenen Streitschriften gegen die Arianer zu verfassen, worunter sich namentlich eine vier Reden gegen dieselben auszeichnen. So bereitete er die geistigen Waffen vor, auf die er auch allein vertraute, wenn die irdische Uebermacht auf Seiten des Gegners jedes Widerstandes spottete. Auf den Synoden zu Rimini und Seleuzia (359) hatte der Arianismus neue Siege gefeiert, und menschlichem Ansehn nach war der Zeitpunkt einer Alleinherrschaft im Reiche gekommen. Aber auch hier hieß es: „Bis hieher und nicht weiter!“ Der Arianismus trug den Keim seines eignen Verderbens in sich, die Zwietracht im eigenen Lager. Schon von Anfang hatte sich ja, wie wir gesehen, unter dem Namen der Eusebianer eine Mittelpartei gebildet, die mit den Arianern nur den Haß gegen Athanasius theilte, nicht aber das Bekenntniß. Die Verschiedenheit trat aber, so lange der gemeinschaftliche Kampf dauerte, zurück, indem die wirklichen Arianer unter den Fahnen der Mittelpartei ihren Schutz fanden. Allein, nachdem ihnen der Sieg gewiß war, traten sie nun auch kühner mit ihrer Verneinung heraus. Sie faßten dieselbe in der Formel zusammen, daß der Sohn ungleichen Wesens sei mit dem Vater. Dieß aber wollte jene gemäßigtere Partei nicht zugeben; sondern sie hielt, wenn sie auch von der Gleichheit des Wesens nichts wissen wollte, doch daran fest, daß der Sohn dem Vater in Allem ähnlich sei. Im Verlaufe des Kampfes, der hier nicht weiter auszuführen ist, näherten sich die Semi-arianer (so nannte man jetzt die Mittelpartei) mehr und mehr den Nicäern, und die eigentlichen Arianer sahen sich nach und nach aus ihrer siegreichen Stellung verdrängt. Ueber diesem Hin- und Herwogen des Kampfes starb Constantius (361) und hinterließ das Reich und die Kirche in einem zerrütteten Zustande. Als Julian (361) zur Regierung gelangte, rief er die verbannten Bischöfe jammt und sonders zurück, und so konnte auch Athanasius wieder einen Bischofsitz einnehmen. Julian hatte kein Interesse, die eine oder andere der kirchlichen Parteien zu begünstigen. Die Uneinigkeit der Christen untereinander kam einer feindseligen Gesinnung gegen das Christenthum trefflich zu statten, und so wäre ihm nichts lieber gewesen, als wenn die Parteien sich untereinander selbst aufgerieben und damit einen Beweis von der Unhaltbarkeit des christlichen Glaubensüberhaupt gegeben hätten. Nichtsdestoweniger konnte ein Charakter, wie der des Athanasius, nicht lange unangefochten bleiben unter der Regierung eines Kaisers, dessen Politik auf allmählige Unterdrückung des Christenthums ausging. Es mußte auch hier über kurz oder lang zu einem Conflicte kommen. Inzwischen benützte Athanasius die Gunst der Zeit, um, so viel an ihm lag, den Kirchenfrieden herzustellen. So unbeugsam er sich der Irrlehre gegenüber bewiesen hatte, während der Zeit des Kampfes, so bereit war er, die Irrenden wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen, wenn sie reuig zurückkehrten; namentlich sollten die blos. Verführten mit Schonung behandelt und ihnen der Rücktritt in die Kirche und mithin auch in das Amt erleichtert werden. Dieß war der Zweck der von ihm im Jahre 362 eröffneten Synode von Alexandrien. Diese Mäßigung, obgleich sie von gewissen Eiferern mißbilligt wurde, war das beste Mittel, der Wahrheit zum endlichen Siege zu verhelfen. Nicht Rechthaberei, wie man ihm oft Schuld gegeben, sondern gewissenhaftes Halten an der einmal erkannten Wahrheit, verbunden mit dem aufrichtigen Wunsche, die Einheit des Glaubens verknüpft zu sehen durch ein dauerndes Band des Friedens – war ein Grundzug in dem Wesen des Mannes. Sein höchstes Ziel, das er verfolgte, war nichts weniger, als eine blos äußere, todte Rechtgläubigkeit; seine Orthodoxie war aufs Tiefste verwurzelt mit seiner innigsten christlichen Ueberzeugung, und für diese zu kämpfen und zu leiden, zeigte er sich auch jetzt bereit. Sein Eifer für das Christenthum, den er der heidnischen Reaction Julians entgegensetzte, blieb nicht unbemerkt. Julian, einen Einfluß besonders, auf die heidnischen Frauen befürchtend, deren er einige getauft hatte, schickte ihn aufs Neue in die Verbannung, die vierte in seinem Leben! Doch dauerte diese nicht lange. Julian fiel (362) im Krieg wider die Perser, und Jovian rief den Verbannten wieder zurück. Allein unter Valens erhoben die Arianer noch einmal ihr Haupt, und zum fünften mal (367) traf den Vielgeprüften das Loos des Exils. Ueber 4 Monate hielt er sich im Grabe seines Vaters verborgen. Da ihn aber das Volk mit Ungestüm zurückverlangte und der Kaiser dem Ausbruch einer Empörung zuvorkommen wollte, gab er den Wünschen des Volkes nach. Athanasius konnte nun den Rest seiner Jahre im ruhigen Besitze eines Bisthums den innern Angelegenheiten der Kirche zuwenden. Seine Kraft war auch im höhern Alter nicht gebrochen, sie war durch den Kampf und die Unruhe desselben nur gestählt worden. Er starb im Jahr 373, nachdem er seinen alten treuen Gefährten, den Presbyter Petrus, zum Nachfolger in seinem Amte empfohlen hatte. Und welches Bild sollen wir uns von dem Manne machen, der, man mag über die Natur des Kampfes, in dem er als Vorkämpfer erscheint, urtheilen wie man will, doch immer als Held sich erwiesen? Erwartet keine äußere Heldengestalt. Athanasius war klein von Statur, sein Körper abgezehrt von vielen Fasten und Nachtwachen, und doch lag in einem Wesen etwas Gewaltiges, das auch den Gewaltigen der Zeit, das den römischen Imperatoren selbst, denen er entgegenstand, imponierte. Sein geistiges Bild spiegelt sich in einer Geschichte und in einen Schriften wieder. Man hat ihm Stolz, Härte, Eigensinn vorgeworfen. Sind es vielleicht nur die unrichtigen Benennungen für die Festigkeit eines Charakters, die Energie eines Glaubens? So viel ist gewiß, daß in derselben ehernen Brust, die er den Feinden seines Glaubens entgegensetzte, ein reiches Maaß von Liebe wohnte, mit der er seine Gemeinde, mit der er die ganze Kirche Christi betend auf dem Herzen trug. Für sich hat er nichts gesucht; wenn er in der Beurtheilung der Menschen und ihrer Gedanken, wenn er in der Wahl der Mittel, die Wahrheit zu lehren und zu fördern, nicht immer das Richtige getroffen, wenn er auf Bestimmungen der Lehre einen Werth gelegt, von denen das Innerste des Christenglaubens nicht so abhängig ist, als es ihm und seiner Zeit erscheinen mochte, wer möchte deshalb mit ihm rechten? – Ein Verzeichniß und eine Kritik seiner Schriften wird hier niemand erwarten. Nur das sei noch bemerkt, daß das kirchliche Glaubensbekenntniß, welches einen Namen führt, das Symbolum Athanasianum, das mit den Worten beginnt: Quicunque vult salvus esse usw. und das neben dem apostolischen und nicäischen Bekenntniß in der Zahl der ökumenischen Bekenntnisse erscheint, nicht von ihm, auch nicht zu einer Zeit, sondern wenigstens zweihundert Jahre später in der abendländischen Kirche verfaßt ist.

K. R. Hagenbach in Basel.

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