Franz von Assisi

Franz von Assisi

Es mag als ein Wagniß erscheinen, in der Reihe der Lebensbilder, die uns der evangelische Kalender vergegenwärtigt, auch das des Franciscus von Assisi vorzuführen, der in einer Zeit lebte und wirkte, in welcher das lautere Evangelium vielfach verdeckt und die Kirche des Herrn durch menschlich erdachte Lehren und Einrichtungen entstellt war. Doch war es ja auch eine Zeit, in welcher ein Gefühl hiervon die Herzen gerade der Frömmsten durchdrang und Versuche hervorrief, die Kirche aus der Verderbniß zu ihrer ursprünglichen und reinen Gestalt zurückzubilden. Die tiefer gehenden Bestrebungen führten freilich zu Trennungen, aber auch, wo sie sich auf der vorhandenen Grundlage der Kirche hielten, richteten sie sich bewußt und voll starken Eifers auf die Erneuerung des geistlichen Lebens. Man fühlte, das Herz, des Lebens Quelle, müsse von den Kräften des ursprünglichen Evangeliums neu belebt werden, wenn die Kirche nicht von dem Glanze ihrer eigenen Herrlichkeit verzehrt werden sollte. Dieses Streben nach Erneuerung des christlichen Lebens wurde vornehmlich in den Mönchsorden gepflegt. Waren ja von Anfang an die Einrichtungen des Mönchslebens dazu bestimmt, die apostolische Gemeinschaft, die erste und reinste Form der christlichen Gemeinde, zurückzurufen und in besonderen Kreisen darzustellen. So erscheint es immer als eine natürliche Gegenwirkung des in und über der Kirche waltenden Geistes, daß in den Zeiten, wo sich die äußere Macht und Herrlichkeit der Kirche siegend erhob, sich auch ein neuer Trieb zu dem beschaulichen und entsagenden Leben des Klosters regte, damit das Christenthum seiner ursprünglichen Züge der Demuth und Einfalt nicht ganz vergäße.

Zu keiner andern Zeit bekanntlich erhob sich die Kirche so sehr in glänzender Machtfülle, als in den Tagen des gewaltigen Papstes Innocenz III. Sie sah sich wie das Reich Gottes selbst an, das in die volle Wirklichkeit und Erscheinung getreten sei. Natürlich, daß gerade jetzt neue Bildungen des Mönchthums sich zeigten. War ja das zwölfte Jahrhundert überhaupt voll von Versuchen, die alte überkommene Mönchsregel, die im Laufe der Zeit viel von ihrer alten Strenge nachgelassen hatte, unverkürzt, ja verschärft wieder hervorzuholen. Bis dahin waltete jedoch immer der alte Grundsatz, daß das Kloster die Zuflucht derer sei, die aus der Welt ausgehen und hinter stillen Mauern dem Gebete, der Betrachtung und der Arbeit sich widmen wollten. Nun aber sprang ein neuer Gedanke hervor. Auf der einen Seite war er zwar der herrschenden Pracht der Kirche entgegengesetzt, auf der anderen Seite aber hatte er selbst etwas von dem Streben nach Ausbreitung und Wirkung auf die Massen angenommen. Nicht in einsame Zellen eines Klosters schloß diese neue Mönchsbildung sich ein, sie wollte näher an die ursprüngliche Gestalt des Christenthums herantreten; nicht das Leben der apostolischen Gemeinde nur wollte sie nachbilden, sondern das Leben der Jünger selbst in ihrem ersten Zusammensein mit ihrem Meister, mit Christus. Auf Christus selbst richtet sich Auge und Herz; wie er unter das Volk trat, wie er seine Jünger aussandte, mit nichts anderem versehen, als mit seines Namens Kraft: so sollten auch die neuen Brüder unter das Volk treten, von Ort zu Ort ziehen, sich in die Massen verbreiten und sie für den Herrn gewinnen.

Dieser Gedanke ist es, der in Franciscus von Assisi Leben und Ausführung gewann. Er ist mit mancherlei Krankhaftem durchzogen, dieser Gedanke, und viel Phantastisches umrankt ihn; seine Wurzeln gehen in die eigenthümliche Stimmung und Richtung zurück, welche das Mittelalter beherrscht. Es ist keine neue Entwickelung des evangelischen, sondern eine schöne Blüthe des mittelalterischen Geistes, die in ihm aufbricht; aber es ist doch eine so unmittelbare aufrichtige Gestalt der Frömmigkeit, die uns hier begegnet, eine so reine und volle Liebe zu Christo, eine so herrliche Kraft der Entsagung, ein Heldenmuth des Wirkens und Leidens, daß unter den Bildern, welche sich die Erinnerung der christlichen Kirche ausstellt, das des Franciscus von Assisi nicht fehlen darf. Diese Gluth und Innigkeit seiner persönlichen Frömmigkeit hat auch Luther anerkannt, wie sehr er auch theils das grundsätzlich Irrige, das sich an ihm findet, theils die Entartungen der spätern Ordensgenossen tadeln mußte. Und die Apologie des Augsburger Bekenntnisses konnte sich in ihrem Artikel von der Messe, wenn auch zunächst nur für einen untergeordneten Punkt, auf Franciscus als auf einen Zeugen der Wahrheit berufen.

Franciscus wurde den 27. September des Jahres 1182 zu Assisi, einer Stadt des mittleren Italiens in der Delegation Spoleto geboren. Er war der Sohn des Pietro Bernardone und der Pica. Eigentlich sollte er Johannes heißen; aber von seinem Vater, der als ein bedeutender Handelsherr große Geschäfte in Frankreich hatte, erhielt er den Namen Francesco, der ihm im Leben wie in der Geschichte geblieben ist. Bestimmt, in seines Vaters Beruf einzutreten, verfloß ihm seine Jugend unter den gewöhnlichen Vorbereitungen hierzu, aber auch unter den mannigfaltigen Vergnügungen und Lustbarkeiten, die in einer lebensfrohen italienischen Stadt die Tage einer üppigen Jugend zu erfüllen pflegten. Singend und jubelnd zog man durch die Straßen, aber man versäumte auch nicht die ritterlichen Uebungen; allen voran Franciscus, mittheilend, ja verschwenderisch, liebenswürdig, in leichtem Sinne das Leben erfassend. Er galt als die Blüthe der Jugend. In seinem achtzehnten Jahre fiel er in einem Kampfe wider die Peruginischen Nachbaren mit vielen seiner Genossen in die Hand der Feinde; aber auch hier in einer vierjährigen Gefangenschaft verließ ihn nicht sein heiterer Muth, der zugleich für seine Mitgefangenen ein Quell des Trostes und der Aufrichtung wurde. Zurückgekehrt in seine Heimath ergriff ihn eine schwere Krankheit, die ihn an den Rand des Todes brachte. Sie wurde zum hauptsächlichsten Anstoß seiner beginnenden Sinnesänderung. Als er zum ersten Male nach seiner Genesung die Plätze erblickte, die ihm sonst durch ihre Schönheit Herz und Sinn ergötzten, bemerkte er wie zu seiner eigenen Verwunderung, daß sie keinen Eindruck mehr auf ihn machten. Auch für die Pracht der Kleidung, woran er zuvor ein großes Gefallen hatte, war ihm der Geschmack verloren. Als er zum ersten Male wieder auf der Straße erschien und, wie gewohnt, mit schönem Gewande geschmückt, einem Armen begegnete, schenkte er demselben sofort seine Kleidung. In einer der nächsten Nächte erschien ihm ein bedeutendes Traumgesicht. Er sah einen prächtigen Saal von Waffen voll, die das Zeichen des Kreuzes trugen. Auf seine Frage, für wen sie bestimmt seien, hörte er eine Stimme: „sie sind für dich und deine Krieger!“ Er deutete diese Worte buchstäblich und entschloß sich daher, sich an den Zug des Grafen Walther von Brienne anzuschließen, der eben im Begriffe stand, eine Kriegsfahrt nach Apulien zu machen. Aber ein anderes Traumgesicht hält ihn davon ab. Er hört Christi Stimme, die ihn mahnt, dem Herrn nicht den Diener vorzuziehen. Daran merkt er, daß die Ritterschaft, zu der er berufen, eine geistliche sei. Er kehrt nach Assisi zurück, weiterer Erleuchtung wartend und darum bittend.

Vor allem aber ist er nun eifrig in der Uebung der Heiligung und Selbstverleugnung. Er ergiebt sich vornehmlich der Pflege Aussätziger, sowie er sich unerschöpflich zeigt in den Werken mittheilender Barmherzigkeit. Seine Frömmigkeit treibt ihn nach Rom, die weltberühmten heiligen Stätten zu sehen. Was ihn aber dort am meisten fesselt, das sind die lebendigen Bilder seines Heilands, die Armen. Ihnen giebt er sein gutes Kleid, um dafür das zerrissene und schmutzige einzutauschen; die Armen und die Armuth erwählt er sich, wie eine Braut, zur Liebe seines Herzens. Von dieser frommen Fahrt heimgekehrt, trifft ihn, als er inbrünstig in einer alten baufälligen Kirche betete, eine neue Stimme, die vom Crucifix her mit dem dreifachen Ruf an ihn ertönt: „gehe und stelle mein Haus wieder her, das zu Grunde gehen will!“ Auch jetzt deutet er diese Stimme zunächst buchstäblich, während seine späteren Schüler in ihr schon die Ankündigung des göttlichen Rufes zu erkennen glaubten, er möge die geistliche Behausung der Kirche geistlich wieder herstellen. Er sucht Geld zu erhalten, die verfallene Kirche wieder aufzurichten. Er bringt Waaren seines Vaters auf den Markt nach Foligno, um sie sammt dem eigenen Pferde zu verkaufen und den gewonnenen Erlös zum Aufbau jener Kirche zu verwenden. Voll Zornes eilt ihm der Vater nach, der Sohn verbirgt sich 40 Tage lang in einer Höhle; doch zuletzt durch Gebet und fromme Uebungen gestärkt, stellt er sich freiwillig in seiner Vaterstadt. Dort empfängt ihn Schmach und Spott seiner Mitbürger, die Strafe seines Vaters, der ihn schlägt und in ein dunkles Zimmer einschließt. Die Mutter aber, die zu allen Zeiten ihre ganze Liebe und Hoffnung an den Sohn gesetzt hatte, den sie zu hohen Dingen bestimmt glaubte, tröstet ihn und giebt ihm, als der Vater in Geschäften eine Reise machen mußte, die Freiheit.

Er eilt zu seiner geliebten Kirche zurück und erklärt dem Vater, der ihn dort aufsuchte und zurücknehmen wollte, er sei entschlossen, alles über sich ergehen zu lassen, was sein Vater über ihn verhänge, aber eben so fest sei sein Wille, ganz sich Gott zu widmen. Ohne Klage ließ er sich darauf die Enterbung und den Fluch seines Vaters gefallen und erbat sich, gleichsam wie ein Gegengift wider diesen Fluch, den Vaterseegen eines armen Alten. Jetzt frei von allen Banden der Welt, lebt er allein seinem Gott. Sein Thun ist fortwährend auf die Herstellung verfallener Kirchen gerichtet. Nicht blos die Kirche des heil. Damianus erneuert er, sondern auch die der Maria zu Portiuncula. Gerade diese letztere wurde ihm sein liebster Aufenthalt. Hier war es auch, wo er, nun 26 Jahre alt, am 18. October 1208 das Evangelium des Tages verlesen hörte Matth. 10, 9 u. 10: „Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Taschen zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken.“ Dies Wort wird für ihn zum Losungswort seines Lebens. Hier tritt ihm die Gestalt der Armuth, die er als sein Ideal im Herzen getragen, in klarem, bestimmtem Umriß entgegen. Nach ihr, ja in sie kleidet er sich von jetzt an. Aber er thut auch das Werk, das in dieser Armuthsgestalt eines Jüngers gethan werden soll; er geht hin, um Buße und Liebe zu Christo, dem einzig Liebeswerthen, zu predigen.

Seinem Worte fehlte es nicht an Erfolg. Ein angesehener Mitbürger und mehrere Priester schlossen sich ihm an. Es bildete sich eine Jüngerschaft und er schickt sich an, derselben eine bestimmte Regel zu geben. Diese ist auf die Worte des Herrn gegründet: „wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin und verkaufe alles und gieb es den Armen; komm und folge mir“; und „wenn einer mir folgen will, der verleugne sich selbst.“ Ohne Eigenthum zu sein, das ist neben den gewöhnlichen Ordensgelübden das Ausgezeichnete dieser neuen Verbrüderung. Die Armuth in der Nachfolge des armen Lebens Jesu und die damit verbundene Demuth als die geistliche Armuth soll ihr Kennzeichen sein. Darum heißen sie die minderen Brüder, Minoriten. Keiner unter ihnen nenne sich Prior; nur Diener soll es unter ihnen geben, keine Oberen. Allen, selbst Räubern und Dieben, stehe das Herz voll mitfühlender, verzeihender, tragender, helfender Liebe offen. Nichts ist mehr zu scheuen, als der Gebrauch des Geldes. Was für den Lebensunterhalt nöthig, erbitte man sich als Almosen. Je mehr du entbehrst. desto näher bist du der Vollkommenheit. Aber diese Kraft und Kunst der Entbehrung, die dem Menschen Macht über Personen und Dinge giebt. soll immer mit der Liebe verbunden und die Liebe stets eine Liebe durch die That und Wahrheit sein. Auch zeige Niemand seine frommen Uebungen und Entsagungen der Außenwelt. Unter allem Fasten und Kasteien sei das Angesicht freundlich und heiter. – Mit besonderem Nachdrucke wird auf die Reinheit des katholischen Glaubens gehalten. Es schien dies um so nothwendiger, da durch Petrus Waldus ähnliche praktische Zwecke verfolgt wurden, Petrus Waldus aber, theils durch die ungeschickte Behandlung seiner Obern, theils durch seine eigene Geistesart getrieben, Wege einschlug, die mit der damaligen Kirchengestalt nicht mehr stimmten. Während Petrus Waldus nicht blos persönliche Armuth. sondern auch eine demüthige Gestalt der Kirche vor Augen hatte, umklammerte Franciscus mit der ganzen Inbrunst seiner Seele die Herrlichkeit der erscheinenden Kirche, ihrer Gottesdienste und Ordnungen. Er machte es den Seinen zur Pflicht, beim Priester zu beichten, wenn er es auch in Nothfällen für erlaubt erklärt, daß ein Bruder dem anderen seine Sünden bekenne. Hauptsächlich galt es ihm, den Körper, diesen Heerd der Sünde, in Zucht zu halten und zu bändigen und dagegen das Wort Gottes, den Samen des Lebens, in die Seele aufzunehmen. Indessen nicht blos durchs Wort, auch durch das Vorbild solle gelehrt werden. Lehrer im Worte aber ist. wer die Gabe dazu empfangen; keiner ist berechtigt, das Lehramt als ein ständiges zu behaupten. Wer durch göttliche Erleuchtung als Missionar unter Saracenen und Heiden gehen will, darf dies nur thun nach Erlaubniß seines Oberen (oder in der Sprache der Ordensregel: seines Mitknechtes). Strenge Vorsicht im Umgange mit Frauen wird eingeschärft. Bei aller Strenge aber sei der Hochmuth entfernt, der auf Andere verachtend und richtend herabsieht. Denn zuletzt gilt doch nur der wahre Glaube und die Buße, anders kann Niemand selig werden. – Diese erste Regel des Franciscus ist voll von Anführungen aus der heil. Schrift, ja vielfach ist sie nur eine Zusammenstellung ihrer Sprüche. Sie endet mit einem begeisterten, fast hymnusartigen Aufrufe zum Lobe Gottes.

Mit dieser Regel trat Franciscus im Jahre 1210 vor Innocenz III., um ihre Bestätigung zu erlangen. Aber der Papst soll ihn zuerst schroff zurückgewiesen haben, dann jedoch durch eine Vision bewogen worden sein, die Bitte des frommen Mannes in Erwägung zu ziehen und die Sache den Cardinälen zur Berathung vorzulegen. Einigen derselben, wird erzählt, fei die Regel als etwas Unmögliches, für menschliche Kräfte nicht Berechnetes erschienen; hingegen habe der Cardinal Johann Colonna geäußert: halte man diese Regel für unvernünftig und unmöglich, so verwerfe man Christum selbst und sein Evangelium. Der Papst gab, indessen nur mündlich, im Allgemeinen seine Genehmigung, Weiteres der Zukunft vorbehaltend. Franz kehrte hierauf mit seinen Jüngern nach Assisi zurück, wo er seinen Leib, den er in schroff ascetischer Betrachtung wie einen ihm fremden, die Sünde wie ein Lastthier tragenden Theil ansah, durch Hunger und Durst, Kälte und Blöße, Nachtwachen und Geißeln marterte. Dennoch, oder vielleicht sagen wir besser, ebendeshalb hatte er immer neue Kämpfe und Anfechtungen zu bestehen, denen er neue und immer härtere Bußübungen entgegensetzte. Und vernahm er dann inmitten dieser Uebungen eine Stimme, die ihm zurief: es gebe keinen Sünder in der Welt, dem Gott nicht vergäbe, wenn er sich zu ihm bekehrte, nur wer durch harte Bußübungen sich selbst ums Leben bringe, werde kein Erbarmen finden, so hörte er in einer solchen Stimme nur eine Einflüsterung des bösen Geistes. Dieses sein strenges Leben war jedoch weit entfernt, abzuschrecken; vielmehr zog es, dem Geiste der Zeit gemäß, die frommeren Gemüther nur um so mächtiger an. Und wie von jeher der Gedanke des Mönchthums auf „weibliche Seelen eingewirkt hat und frühe schon den Mönchsklöstern Nonnenklöster an die Seite traten, so erzeugte die neue Gestalt der Ascese, wie sie in Franciscus erschien, auch eine neue ihr parallele Bildung weiblicher Genossenschaft. Clara Seiffi, die Tochter eines reichen und vornehmen Mannes, jung und schön, von Kindheit an den Uebungen der Frömmigkeit aufrichtig zugethan, durch die Erscheinung des Franciscus tief erregt, floh aus dem Hause des Vaters in die Kirche Portiuncula; dort ließ sie sich ihr wallendes Haar abschneiden und blieb, wie dringend auch ihre Brüder und Verwandten sie ins väterliche Haus zurückzuführen suchten, ihrer neuen Lebensweise getreu. Sie wird (im Jahre 1212) Gründerin des Ordens der Clarissinnen. Franz gab eine Regel für denselben, die im Wesentlichen der seiner eigenen Gemeinschaft nachgebildet ist und nur noch besonderen Nachdruck auf die Unscheinbarkeit der Kleidung, auf Stillschweigen und Arbeit legt.

War so ein fester Jüngerkreis um Franciscus gebildet, so galt es nun auch, das Werk von Jüngern zu thun. Was aber ist eines Jüngers Werk? Es regte sich in Franciscus die Frage, ob er durch seinen Beruf auf das Gebet oder auf die Predigt gewiesen sei. Er selbst meinte, er habe mehr die Gabe des Gebetes als die der Rede empfangen. Auch meinte er, schreite er durch diese Uebung der Gebetsgabe in der Heiligung weiter fort, als durch die Verwaltung der Predigt; das Gebet reinige und einige, die Predigt führe nach außen; im Gebete träten wir mit Gott in Gemeinschaft, in der Predigt verkehrten wir mit den Menschen. Aber wie es nun schon an sich das Bessere sei, selbstverleugnend das zu wählen, was uns das Schwerere dünkt und unserer Natur weniger angemessen erscheint, so müsse – schließt Franciscus – vor allem der Gedanke, daß Christus, der Sohn Gottes, selbst vom Himmel gestiegen und der Welt das Evangelium gepredigt habe, dazu bewegen, den Dienst der Predigt als den eigentlichen Beruf zu wählen. Freilich Franciscus würde sich selbst verkannt haben, hätte er leugnen wollen, daß nicht auch ein Drang zur Predigt tief in seiner eigenen Natur gelegen wäre. Ist es nicht das Feuer der Liebe, der persönlichen Liebe zu seinem Herrn, in das er sich mit allen Fasern seines Lebens getaucht fühlt? Diese Liebe Christi drängt ihn, für seinen Herrn zu zeugen; die Mittheilungskraft, die aller Liebe einwohnt, zieht ihn auf alle Bahnen, wo es gilt, von dem, der ihm sein Herz abgewonnen, der ihm der Schönste der Menschenkinder, das Liebste aller Liebe ist, zu reden und zu preisen, und nichts dünkt ihm lieblicher, als wenn er in solchem Zeugniß sein Leben für den Geliebten lassen dürfte. So sendet er seine Brüder zu zween zur Reisepredigt in die Länder Italiens. Er selbst wandert nach Toscana. Die ersten Klöster entstehen auf dieser Reise. Aber weiter reicht sein Blick und Herz. Sechs Brüder schickt er nach Marocco, von welchen fünf, da einer krank in Spanien zurückbleiben mußte, einen in unverständigem Eifer selbstgesuchten Märtyrertod fanden. Ihn selbst zog es nach Africa. Er macht sich auf; aber auf dem Wege in Spanien erkrankt, wird ihm dieses Land zu einem neuen Schauplatz seiner Predigt und der Sammlung zu seiner Gemeinschaft. Zurückgekehrt nach Italien, wo es ihm zwar noch nicht gelang, eine förmliche Bestätigung seines Ordens vom Papste zu erwirken, er aber doch das reißend schnelle Wachsthum seines Ordens mit Freuden wahrnehmen durfte, werden neue Plane zur Mission des Evangeliums gefaßt. Nach allen Landen sollten Boten ausgehen, gegründet auf die Weisung, die der Herr selbst Matth. 10 gegeben. Innere und äußere Mission sollte in die Hand genommen werden. Nach England, Ungarn (das ungastliche Deutschland allein wurde noch vermieden), nach Griechenland, nach Syrien, Aegypten, Africa werden die Boten ausgesandt. Er selbst mit zwölf Gefährten, unter die er, die alte Sage der Kirche nachahmend, die Länder vertheilte, eilt nach Accon; weiter allein nach Damiette, dringt, keine Gefahr und Mißhandlung achtend, bis zum Sultan, verkündet diesem das Evangelium, bietet zum Erweis der Wahrheit die Feuerprobe an und kehrt – eine wunderbare Erfüllung der Schutzverheißung, die Christus seinen Sendboten gegeben Mark. 16 – unverletzt, wenn auch ohne wesentlichen Erfolg, zurück.

Blieb hier der Erfolg aus, so war er um so größer in Europa, indem sich nun der Orden der Tertiarer oder der Orden der Brüder von der Buße bildete, Vereinigungen von Laien, die zwar in der Familie und dem bürgerlichen Leben verblieben, doch aber nach einer geistlichen Regel lebten, strenge Zurückhaltung von zerstreuenden Weltvergnügungen beobachteten, in reichlichem Empfang der kirchlichen Gnadenmittel sich übten, ein stilles und friedliches Leben im persönlichen und geselligen Umgange führten und gegenseitige Hülfe in Fällen der Noth sich leisteten. Gerade durch diese Verbindungen übte der Gedanke des Franciscus seine tiefsten Einwirkungen auf das Volk aus. –

Es war aber auch Zeit, daß Franciscus heimkehrte; denn schon begannen im eigenen Orden durch die Einwirkungen seines Stellvertreters Abweichungen und Milderungen der Regel sich einzuschleichen. Franciscus stellte die alte Strenge wieder her, und nachdem nun auch der Versuch gelungen war, den Orden nach Deutschland zu verpflanzen, erlangte er im Jahre 1223 die längst ersehnte Bestätigung des Ordens von dem Papste Honorius III., der schon als Cardinal ihm zugethan war. Es war, als sei damit das Lebenswerk des Franciscus vollendet. Schon im folgenden Jahre überfiel ihn eine heftige Krankheit in Siena. Doch dürfen wir an dem wundersamen Ereigniß nicht vorübergehen, das ihm schon zwei Jahre zuvor begegnete. Es ist das jene Vision, die er auf dem Berge Biverna hatte, als ihm Christus, der Gekreuzigte, erschien und seine Wundenmaale ihm eindrückte. An der Realität dieser Maalzeichen glauben wir nicht zweifeln zu dürfen und erklären sie aus der plastischen Kraft der Phantasie, die in einem so zerrütteten Körper, wie ihn Franciscus mit sich herumtrug, ein leichter zu überwindendes Material hatte, wobei wir übrigens nicht leugnen, daß zu dieser bildenden Kraft der Phantasie auch noch ihre ausschmückende trat, so wie auch für so manche andere Seiten seines Lebens die Poesie der Legende sich um ihn wob, die dann unter den Händen seiner Verehrer nur zu bald zum frevelnden Aberwitze ward. –

Franciscus ließ sich nach Assisi bringen. Die Ankündigung des nahen Todes, die ihm sein Arzt machte, empfing er mit hellem Lobgetön. Er wollte in die Kirche Mariae, in die Portiunculakirche getragen werden, um da zu sterben, wo er zum geistlichen Leben geboren war. Dort ließ er sich auf den nackten Boden legen, um auch im letzten Athemzuge dem Ideale seines Lebens, der Armuth, getreu zu bleiben. Den 4. October 1224 verschied er, 45 Jahre alt.

Ueberblicken wir noch einmal das Leben des eigenthümlichen und bedeutungsvollen Mannes, so tritt uns an ihm unwidersprechlich als dessen Grundzug die brennende Herzensliebe zu Christo, seinem Heilande, hervor. Man hat treffend von ihm gesagt, er habe mit noch mehr Recht als Zinzendorf ausrufen können: ich habe nur eine Passion, das ist Er, nur Er. Mit der ganzen Gluth einer verzehrenden Andacht umfaßt er seinen Heiland, den er in sinnlicher Realität in seinem Leben nachzuahmen sucht. Sind auch die Gedichte, die man ihm zuschreibt, nicht alle von ihm selbst, sondern wohl die meisten von seinen Schülern, von jenen herrlichen Sängern der mittelalterlichen Lieder Dies irae, Stabat mater u. a., so irren wir doch gewiß nicht, wenn wir den Sinn und Geist jener Poesien als aus dem Herzen des Meisters quellend ansehen und ihr Feuer und ihre Süßigkeit, den Hauch der Anmuth, der über sie ergossen ist, aus der Frömmigkeit entsprungen denken, die sein Herz immerdar bewegte. Mit jener Sehnsucht, die sich für alles Heilige aufzulösen und zu opfern trachtete, verband sich ein freudiger Ueberschwang, der im Preisen und Loben sich nicht genug thun konnte. Wie ruft er in seinem Sonnengesange alle Creaturen an, ja zuletzt auch den Tod, den er seinen Bruder nennt, daß sie alle mit ihm den höchsten, allmächtigen, gütigen Gott und Herrn preisen und rühmen! Im winterlichen Frost fühlt er nicht die Kälte, weil des Himmels Flamme in ihm lodert. In Gebet, Andacht und Betrachtung sich bewegen, ist ihm die wahre Wissenschaft, mehr als alle Gelehrsamkeit und Weisheit der Welt. Er lebt so ganz in dem Gefühle des Psalmwortes: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Es ist ein geistlicher Minnedienst, dem er obliegt, der sich aber auch bewährt in der ganzen Strenge der Ascese, dem Selbstverleugnung kein Spiel der Worte ist, Armuth und Erniedrigung tägliche Genossinnen sind. Und kaum kann man sagen, daß ihm das ein Opfer ist; er lebt mit Freuden ein solches Leben; nur dies dünkt ihm ein würdiges und seliges zu heißen. – Gewiß, wir müssen sagen, das alles ist doch mehr eine Nachahmung des Lebens Jesu, als eine Nachfolge in dem Sinne, in welchem der Apostel Paulus will, daß wir Gottes Nachfolger seien in der Liebe Christi. Es ist mehr eine versuchte Fortsetzung des Lebens Christi im Fleische, als dessen geistliche Eingestaltung in Herz und Willen, als die Ausprägung des innern Bildes Christi in dem ganzen Zusammenhange eines sittlichen Lebens. Indessen wir dürfen nicht fordern, was für Franciscus, den Sohn seiner Zeit, nicht möglich war. Die Stunde war noch nicht gekommen, da man aufhörte, in den Mitteln der Frömmigkeit ihren Zweck selbst zu suchen, da die Macht des Glaubens, auch ohne Gesichte und äußerliche Wunder, sich aus der Kraft der Rechtfertigung in der Heiligung des ganzen Lebens bewährte. Aber bei allem Leidenschaftlichen und Krankhaften, bei allem Seltsamen und uns Widerstrebenden, was die Frömmigkeit des Franciscus an sich hat, ist sie doch eine ungeheuchelte, eine reiche und volle und deshalb, nicht etwa wegen der kirchengeschichtlichen Erfolge allem, die von ihm ausgingen, dürfen wir sein Gedächtniß auch unter uns bewahren, die wir des Apostels Wort gelernt haben: „Alles ist euer“! (1 Cor. 3, 21. 22.)

Ehrenfeuchter in Göttingen.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

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