August Hermann Francke

August Hermann Francke

Pastor und Professor zu Halle a. S.

(Geb. 23. März 1663, gest. am 8. Juni 1727.)

Alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, so werdet ihr es empfangen.
(Matth. 21, 27.)

August Hermann Francke wurde am 23. März 1663 in Lübeck geboren. Sein Vater, Johannes Francke, war daselbst Doktor der Rechte und Syndikus beim Domkapitel des Stifts, und seine Mutter, Anna, eine Tochter des vormaligen Bürgermeisters David Gloxin. Schon im dritten Jahre verließ er mit seinen Aeltern seine Geburtsstadt, da Herzog Ernst der Fromme seinen Vater 1666 als Hof- und Justizrath nach Gotha berief, um durch ihn das Kirchen- und Schulwesen in seinem Lande verbessern zu lassen. Hier starb dieser schon im Jahre 1670. Die Mutter ließ sich den Unterricht und die Erziehung ihres Sohnes auch in religiöser Beziehung recht angelegen seyn. Einen vorzüglichen Einfluß auf ihn übte seine drei Jahre ältere Schwester aus, die ein kindlich frommes und heiteres Gemüth besaß, und von Kindheit an Gott innig liebte. Aber auch sie rief der Herr bald zu sich; jedoch ihr Beispiel und ihre Anregung hatte segensreich auf den jungen Francke gewirkt. Schon im zehnten Jahre bat er seine Mutter, ihm doch ein besonderes Kämmerchen einzuräumen, damit er dort in der Stille lernen und beten könne. Da hat er denn oft ins einem Kämmerlein die Thüre hinter sich zugeschlossen, und zum lieben Gott gebetet, bei dem jetzt seine theure Schwester wohnte. So betete er oft: „Lieber Gott! es müssen ja allerlei Stände und Handthierungen seyn, die doch endlich alle zu Deiner Ehre gereichen. Aber ich bitte Dich, Du wollest mein ganzes Leben bloß und allein zu Deiner Ehre gerichtet seyn lassen!“

Da Francke mit guten Anlagen einen tüchtigen Fleiß verband, so konnte er, als er im dreizehnten Jahre das Gymnasium besuchte, gleich in die Vorbereitungsklasse zur Universität versetzt werden. Da regte sich bei ihm die Eitelkeit; denn seine Mitschüler waren beinahe doppelt so alt, als er. Diese aber ließen den kleinen, schwächlichen Francke bald fühlen, daß sie ihm wenigstens körperlich überlegen waren, und das hat gegen seine Eitelkeit sehr wohlthätig gewirkt. Nachdem er das Gymnasium ein Jahr besucht hatte, wurde er für reif zur Universität erklärt. Wegen seiner Jugend blieb er jedoch noch zwei Jahre im älterlichen Hause, und beschäftigte sich mit den alten Sprachen. Aber mit seinem Herzen war es rückwärts gegangen. Seine Sehnsucht, seine Kenntnisse zu bereichern, war zwar stärker als je, aber das Wachsthum des inwendigen Menschen war im Abnehmen.

Im Jahre 1679 bezog er die Universität Erfurt, verließ die Stadt aber schon nach einem halben Jahre wieder, um nach der Universität Kiel zu gehen. Hier genoß er ein ansehnliches Familienstipendium, welches sein Oheim Gloxin zu vergeben hatte. In Kiel kam er in enge Verbindung mit dem ächt christlichen Professor Korholt. Er wohnte nicht allein seinen Vorlesungen bei, sondern war auch sein Haus- und Tischgenosse. Er dufte zugleich die ansehnliche Bibliothek dieses Gelehrten benutzen, und wie sich denken läßt, machte er von dieser Erlaubniß tüchtig Gebrauch. So sehen wir Francke in Kiel in den Wissenschaften vertieft. „Ich wollte Etwas Außerordentliches leisten,“ sprach er später von dieser Zeit. Aber sein Herz ging leer dabei aus. „Ich wußte, schreibt er, alle Begriffe der Dogmatik und Moral zu bestimmen, ich konnte alle Lehren aus der h. Schrift beweisen, ich versäumte Nichts von dem, was man zu äußerer Frömmigkeit rechnet; aber meine Theologie war in meinem Kopf, nicht in meinem Herzen. – Wenn ich die h. Schrift las, geschah es, damit ich gelehrter werden möchte, nicht um ihren Inhalt auf mich anzuwenden. In mein Herz etwas zu schreiben, das war mir ein zu seltener Gedanke.“ Dich auch hier kamen Stunden, in denen der Herr mächtig bei ihm anklopfte, sodaß er oft inbrünstig betete, der liebe Gott möchte ihn recht ändern, und ihn ganz zu seinem Kinde machen.

Francke ging im Jahre 1682 nach Hamburg, um sich durch den Unterricht des berühmten, hebräischen Sprachlehrers Esra Edzardi im Hebräischen auszubilden. Der gab ihm den Rath, sich nur die vier ersten Kapitel aus dem ersten Buche Moses mit Hülfe einer Uebersetzung recht geläufig zu machen, sodaß ihm kein Wort fehle. Dann solle er wieder bei ihm anfragen. „Das ist doch ein gar zu einfältiger Rath, dachte Francke; darum brauchte ich nicht nach Hamburg zu reisen.“ Aber er befolgte ihn doch treulich, und als er sich wieder bei seinem Lehrer meldete, zeigte ihm dieser, daß er nun schon fast den dritten Theil der hebräischen Wörter inne habe, und gab ihm den Rath, die Bibel zu lesen, und von Neuem zu lesen. Nach einem zweimonatlichen Aufenthalt in Hamburg reiste Francke wieder nach Gotha zu seiner Mutter und Schwester. Hier las er die hebräische Bibel in Einem Jahre sieben Mal durch. Das erste Mal gebrauchte er ein Vierteljahr dazu, nachher aber nur jedesmal sechs Wochen. Außerdem hatte er das Französische und Englische gelernt. Aber der Friede Gottes zog nicht in sein Herz ein.

Eine Stelle als Stubengesellschafter und Lehrer des Hebräischen bei einem angehenden Theologen, der in Leipzig studirte, setzte unsern Francke im Jahre 1684 in den Stand, diese Universität zu beziehen. Hier hatte er die beste Gelegenheit, seine Kenntnisse zu erweitern, lernte noch Italienisch, und wurde 1685 Magister. Nun konnte er, erst zwei und zwanzig Jahre alt, Vorlesungen halten. Da seine Gelehrsamkeit mit einem freundlichen Wesen verbunden war, so wurden diese von den Studenten, ja einige selbst von den Bürgern sehr besucht. Da fiel er einst, durch eine Predigt Spener’s angeregt, auf den Gedanken, ob es nicht gut wäre, wenn die h. Schrift mehr als gewöhnlich in den Grundsprachen studirt, und sodann ausgelegt würde. Er besprach sich mit einigen Collegen, und schon am nächsten Sonntage nach der Nachmittagspredigt wurde die erste Zusammenkunft gehalten. Eine Stunde lang nahm Einer von ihnen ein Kapitel aus dem Alten Testament durch, und noch Eine Stunde ein Anderer ein Kapitel aus dem Neuen. Diese Versammlungen fanden großen Beifall, und die Zahl der Theilnehmer wuchs bald so sehr, daß man sich nach einem größern Lokale umsehen mußte. Ueber seinen inneren Herzenszustand um diese Zeit wollen wir ihn selbst hören: „Ich fand meinen Zustand so verderbt, und zwar durch mancherlei Hinderungen und Abhaltungen so verstrickt, – welches keine grobe Laster waren, sondern die Verstrickung in den Studien und in der Weltgefälligkeit, – daß mir war, wie Einem, der in tiefem Schlamme steckt, und die Arme hervorstreckt, aber die Kraft nicht hat, sich ganz loszureißen, oder wie Einem, der mit Banden an Händen und Füßen und am ganzen Leibe gefesselt ist, und zwar einen Strick zerreißt, aber sich nun desto mehr sehnt, auch von den andern frei zu werden. Gott aber, der treue und wahrhaftige, kam mir mit seiner Gnade zuvor, und bereitete mir den Weg, ihm von Tage zu Tage gefälliger zu leben.“

Da erhielt Francke im Jahre 1687 von seinem Oheim, Gloxin, die Aufforderung, sich nach Lüneburg zu dem frommen Superintendenten Sandhagen zu begeben, um sich hier zum Predigtamte vorzubereiten. Er folgte, und hier sollte er zur tieferen Erkenntniß der Sünde und der Gnade des Erlösers und zum wahren Glauben geführt werden. Es wurde ihm eine Predigt angetragen. Er wollte sie halten über Joh. 20, 31: „Dieses ist geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei der Christ, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das leben habt in seinem Namen.“ Da erkannte er, daß ihm dieser Glaube noch fehle. „Mir kam, sagte er, mein ganzes bisheriges Leben vor Augen, wie Einem, der auf hohem Thurme die ganze Stadt übersieht. Erstlich konnte ich gleichsam die Sünden zählen; aber bald öffnete sich auch die Hauptquelle, nämlich der Unglaube, oder bloße Wahnglaube, womit ich bisher selbst so lange betrogen hatte. Groß, erschütternd war die Angst, in die er darüber gerieth. Er erfuhr, wie hart es sei, keinen Gott zu haben, an den sich das Herz halten könne, und ob es wahrhaftig ein Gott sei, den er durch seine Sünden erzürnt habe. In solchem Zustande kniete er nieder, und bat Gott um Befreiung aus demselben. Da erhörte ihn der Herr plötzlich. Alle Zweifel waren verschwunden: „Ich ward versichert in meinem Herzen der Gnade Gottes und Christo; ich konnte ihn nicht allein Gott, ich konnte ihn auch Vater nennen. Alle Traurigkeit, alle Unruhe des Herzens war hinweggenommen; ich war wie mit einem Strom der Freuden überschüttet, daß ich aus vollem Herzen und Munde Gott lobte und preisete, der mir so große Gnade erzeigt hatte. Mit großem Kummer und Zweifel hatte ich meine Kniee gebeugt, und mit unaussprechlicher Freude und Gewißheit stand ich wieder auf.“ Einige Tage darauf konnte er auch seine Predigt, die er schon hatte absagen wollen, halten. Von der Zeit an, bekennt er, war es ihm mit dem Christenthum ein Ernst, und von da an leicht geworden, alles ungöttliche Wesen und alle weltlichen Lüste zu verleugnen. Seit der Zeit mußte er auch um Christi willen leiden, und zwar so, wie nicht alle Christen zu leiden haben, noch leiden möchten.

Nachdem er noch manche glückliche Stunde in Lüneburg verlebt hatte, begab er sich um die Passionszeit des folgenden Jahres noch einmal nach Hamburg. Er befreundete sich hier mit dem Candidaten Nikolaus Lange, der dort durch Unterricht und Erbauungsstunden viel Gutes stiftete. Durch die Unterredungen mit ihm über die Mängel der Kindererziehung wurde er veranlaßt, in Hamburg eine Privatschule für Kinder zu errichten. Hier lernte er nicht nur, wie er selbst bekennt, Geduld und Nachsicht bei den Unarten der Kinder, sondern es wurde ihm auch immer klarer, wie verderbt das Schulwesen und die Kinderzucht war, sodaß er schon damals sehnlichst wünschte, daß er von Gott gewürdigt werden möchte, zur Verbesserung desselben Etwas beitragen zu können. Seine in Hamburg gemachten Erfahrungen faßte er hernach in der Schrift zusammen: „Von der Erziehung der Kinder zur Gottseligkeit und christlichen Klugheit.“

Nach dem Willen seines Oheims Gloxin sollte er jetzt eine beliebige Universität wider beziehen, und eingedenk der Worte: „Wenn du dermahleins dich bekehrest, so stärke deine Brüder!“ ging er um Weihnachten 1688 wieder nach Leipzig.

Zuvor wollte er sich noch stärken durch den Umgang mit Spener, den er auf das innigste verehrte. Er begab sich zu ihm nach Dresden, und wurde von ihm mit Freuden in sein Haus aufgenommen; er blieb zwei segensreiche Monate bei ihm. Darauf ging er nach Leipzig, und begann seine Vorlesungen. Diese hielt er in deutscher, und nicht, wie damals Sitte war, in lateinischer Sprache. Der Zulauf war gleich Anfangs unerwartet groß. Sie wurden nicht allein von Studenten, sondern auch noch mehr, als die früheren, von den angesehenen Bürgern besucht. Es blieben aber auch die von ihm vorgesehenen Widerwärtigkeiten nicht aus. Es regte sich der Neid über die glänzenden Erfolge des jungen Docenten; man sagte, der Gebrauch der deutschen Sprache sei verwerflich; man tadelte Francke, daß er den Weg zur Seligkeit nicht als so leicht darstellte. Viele tadelten ihn als hochmüthig, daß er den Heilsweg besser kennen wolle, als alte Gelehrte. Bei alle dem genoß er aber auch manche Freude. Als er einmal schüchtern zum Rektor der Universität gegangen war, um diesen um einen öffentlichen Hörsaal für seine Vorlesungen zu bitten, kam ihm dieser mit offenen Armen entgegen, und dankte ihm mit Thränen in den Augen, daß durch ihn sein sechszehnjähriger Sohn, der sonst wenig Hoffnung gemacht hatte, zum lebendigen Glauben gekommen, und nachher sein ganzes Haus habe erwecken helfen. Jedoch bald darauf wurden ihm seine Vorlesungen untersagt, in Folge dessen er Leipzig verließ. Auf einer Reise nach dem Mannsfeldischen lernte er seine nachmalige Ehegattinn, Fräulein Anna Magdalena von Wurm, Tochter des Erbherrn auf Popperode, kennen.

Nach einer kurzen Wirksamkeit in Lübeck an der Stelle seines verstorbenen Oheims Gloxin erhielt er einen Ruf als Diakonus an der Augustinerkirche in Erfurt. Auch hier wirkte er, im Verein mit dem ehrwürdigen Pastor Breithaupt, mit großem Segen. Besonders Franckens Predigten wurden sehr besucht. Selbst viele Leute aus der Umgegend, und Mitglieder der katholischen Kirche besuchten sie; einige von diesen traten zur evangelischen Kirche über. Außerdem hielt er Vorlesungen für die Studirenden, und suchte seine Gemeinde in den Häusern auf. Er suchte der Unwissenheit des Volkes dadurch abzuhelfen, daß er die Bibel verbreitete, und andere gute Schriften verkaufte, oder verschenkte.

Aber auch hier blieben, wie er vorausgesehen, die Anfechtungen nicht aus. Viele Protestanten ließen es an Schmähungen nicht fehlen, und fanatische Katholiken bearbeiteten die katholische Churmainzische Regierung, unter derer Herrschaft damals Erfurt stand. Lange konnte man Nichts an ihm finden. Endlich aber verbreitete sich das Gerücht, er verschreibe und verbreite ketzerische Bücher in der Stadt. Er bekam vom Rath den Befehl, dergleichen zu lassen. Zugleich war auf der Post und an allen Thoren Befehl gegeben, jedes Paket, das an Francke komme, sofort auf’s Rathhaus abzuliefern. Dieser rechnete natürlich die Neuen Testamente nicht unter die ketzerischen Bücher, und verschrieb solche nach wie vor. Da wurde er eines Tages auf das Rathhaus citirt. „Warum hat Er sich unterstanden, wider das Gesetz ketzerische Bücher zu verschreiben?“ fuhr man ihn an. Francke versicherte, das nicht gethan zu haben. „Nun denn, weil Er so dreist ist, Seine That zu leugnen, so soll Er überführt werden!“ war die Antwort. Es wurde ein Paket mit Franckes Adresse gebracht, und feierlichst geöffnet; aber was enthielt es? Nichts als Neue Testamente. Natürlich wurde er jetzt ehrenvoll entlassen. Er erzählt aber, es sei dieser Vorfall so gut gewesen, als ob ein Ausrufer in der Stadt die Ankunft der Neuen Testamente bekannt gemacht hätte. Sie gingen reißend ab, und wurden in Einem Tage mehr gekauft, als sonst in Wochen. – Aber die Feinde ruhten nicht, und es erschien ein churfürstliches Rescript, daß Francke als Stifter einer neuen Sekte sogleich von seinem Dienst und aus der Stadt entfernt werden sollte. Sofort begab er sich in den Rath, und beschwerte sich über die Ungerechtigkeit. Die Kinder, die Bürger legten Fürbitte für ihn ein; aber er erreichte nur dieses, daß ihm befohlen wurde, die Stadt binnen drei Tagen zu räumen. Er benutzte diese Frist, um seine Gemeindeglieder, Große und Kleine zu stärken, und verließ Erfurt am 27. September 1691. Er ging zu seiner Mutter nach Gotha. Schon wollte ihn der Herzog für seine Lande gewinnen; aber an demselben Tage, an welchem er in Erfurt seine Entlassung erhalten hatte, erhielt er von Halle aus den Ruf als Professor der griechischen Sprache an der dortigen entstehenden Universität und als Pfarrer an der St. Georgenkirche in der Vorstadt Glaucha.

Am 7. Januar 1692 traf Francke in Halle ein. Er kam in eine seit langer Zeit verwilderte und verwahrloste Gemeinde. Sein Vorgänger war wegen Ehebruchs abgesetzt worden. Das kirchliche Leben lag darnieder. Wirthshäuser und sonstige Vergnügungsorte gab es genug in der Stadt; diese waren Tag und Nacht mit Gästen überfüllt, während die wenigen Kirchen und Schulen fast immer leer blieben. Neben sittenloser Ueppigkeit und Fleischeslust herrschte die bitterste Armuth. Es war also ein großes und schweres Arbeitsfeld, in das Francke kam. Mancher hätte wohl den Muth verloren; aber im festen Vertrauen auf die Hülfe des Herrn trat er sein Amt an. Mit diesen hielt er Morgens früh und Abends eine kurze Andacht, und ging so seiner Gemeinde mit einem guten Beispiele voran. Allmählich fanden sich mehrere, denen es Ernst war um ihr Seelenheil, die ihn baten, an seinen Hausandachten Theil nehmen zu dürfen. Natürlich erlaubte er das gern, und bald hatte er einen kleinen Kreis um sich, die wie ein Salz in seiner Gemeinde wirkten. Großen Eingang bei seinen Pfarrkindern machte er sich durch seine Predigten. Sie bewirkten, wie in Erfurt, tiefe Eindrücke, und zogen bald aus der ganzen Stadt Schaaren von Zuhörern herbei. Freilich glänzten sie nicht durch den äußerlichen Schmuck der Beredsamkeit; sie suchten nicht durch gelehrte und bilderreiche Sprache, und Auskramen von Anekdoten die Hörer anzuziehen; aber sie trugen ein solches Gepräge von Glaubenswärme, Einfachheit und Herzlichkeit, verbunden mit freimüthiger Rüge der herrschenden Gebrechen, daß sie nicht anders konnten, als christliches Leben wecken und nähren. Gern wendeten sich die Einwohner zu Halle von den trockenen und gelehrten Abhandlungen ab, wie sie in den andern Kirchen gebräuchlich waren, um sich an seinen Predigten zu erbauen. Alles lief nach Glaucha, um Francke zu hören wenn seine Predigten oft auch Stunden lang dauerten; Hohe und Geringe mietheten, kauften oder bauten sich dort Stühle. Und nun erzählten die Ersten, die seine täglichen Hausandachten besucht hatten, andere Bekannten von seinen lieblichen, erbaulichen Gesprächen. So kamen immer Mehrere hinzu, die auch von ihm das Brod des Lebens empfangen wollten. Bald wurde seine Stube zu klein, und auf der Hausflur standen die heilshungrigen Seelen. –

Da aber erhob sich Belial mit aller seiner Kraft. Zuerst verschrieen sich die Prediger in Halle seine Abendandachten als verdächtige Conventikel, und verbreiteten die schnödesten Verläumdungen darüber. Nun wiederholte sich bei Francke zwar, was wir bei Spenern gesehen haben, daß viele Erweckte aus der evangelischen Kirche als der Babel ausscheiden, und sich separiren wollten. Francke jedoch zeigte diesen, daß Babel noch in ihrem Herzen sei, wenn sie lieblos über andere urtheilten. Jene Verirrungen aber wurden nun Francke zur Last gelegt. Die Hauptschreier waren der Magister Roth, Diakonus an der Ulrichkirche, und der Hof- und Domprediger Dr. Schrader. Sie predigten von der Kanzel herab gegen die Irrlehrer Francke und Breithaupt, wie vor dem gefährlichsten Gifte, und die Gräuel, die man den Erbauungsstunden andichtete, wuchsen in ihrem Munde immer mehr. Vergeblich wurde jenen von den Behörden Schweigen geboten; vergeblich hatte Francke, um allen Anstoß zu vermeiden, die Andacht, statt nach der Abendmahlzeit, vor derselben gehalten. Der Skandal wurde immer größer, und im November 1692 schickte das Consistorium zu Magdeburg eine Commission nach Halle, an ihrer Spitze den Kanzler von Seckendorf, um die Sache zu untersuchen, und die Ruhe wieder herzustellen. Francke und Breithaupt standen bald gerechtfertigt da. Seckendorf schlug einen Vergleich vor, der auch von beiden Theilen angenommen und unterschrieben wurde. Was nun die Andachten Franckes betrifft, so meinte jener, er möchte hierin nachgeben, und sie ganz einstellen. Francke aber erklärte fest und entschieden, er könne das Fünklein Glauben, das der Herr durch dieselben in seiner Gemeinde angezündet, selbst nicht wieder auslöschen. Wenn aber die Commission Freudigkeit habe, sie zu verbieten, so werde er gehorchen. Seckendorf, ein rechtschaffener Mann, gerieth in Verlegenheit. „So will Er also uns die Sache ins Gewissen schieben?“ fragte er. „Ja, antwortete Francke bestimmt, ich muß es Ihrer Verantwortung überlassen.“ „Nun, so bleibt noch Ein Ausweg übrig, erwiederte der Kanzler nach einigem Bedenken, wir wollen die Erbauungsstunden in die Kirche verlegen.“ Das war Francke ganz recht; denn sein Haus wurde für seine Zuhörer viel zu klein, und er hielt von nun an täglich die Erbauungsstunden zweimal in der Kirche. Vor den Abendbetstunden hielt er immer ein kurzes Katechismus-Examen.

Dies wäre nun freilich für Manchen schon Arbeit genug gewesen; aber unserm Francke wollte es lange nicht ausreichen. Da ihm die Rohheit und Unwissenheit vieler seiner Gemeindeglieder sehr zu Herzen ging, so benutzte er die gewöhnliche Almosenvertheilung unter die schaarenweise an bestimmten Tagen die Stadt durchziehenden Armen dazu, ihnen auch über ihre Seele Unterricht zu geben. Er ließ sie Alle ins Haus treten, fing an, die Jungen aus dem Catechismus zu fragen, und ließ die Alten zuhören, richtete dann an sie eine freundliche Ermahnung, und schloß mit einem Gebete. Darauf theilte er seine Gaben aus, und erklärte, daß er es jede Woche so halten werde. Die Unwissenheit, die er antraf, that ihm wehe; besonders jammerte es ihn, „daß so viele Kinder wegen der Armuth ihrer Aeltern weder zur Schule gehalten würden, noch sonst einige gute Erziehung genössen, sondern in der schändlichsten Unwissenheit und in allerlei Bosheit aufwüchsen! Er versuchte eine Anzahl Kinder dadurch zum Schulbesuch anzuhalten, daß er den Aeltern wöchentlich das Schulgeld gab; diese holten zwar das Geld pünktlich ab, schickten aber die Kinder nicht in die Schule. Was sollte er thun? Er hätte so gerne der Noth der Armen gesteuert. – Eines Tages las er die Stelle, 2. Cor. 9, 8. „Gott kann machen, daß allerlei Gnade unter euch reichlich sei, daß ihr in allen Dingen volle Genüge habt, und reich seid zu allerlei guten Werken.“ „Wie kann Gott das machen?“ fragte er in seiner Armuth betrübt. Als er in seinen Gedanken vertieft da saß, kam ein Brief von einem auswärtigen Freunde an, der ihm seine Armuth und sein Elend schilderte, und ihn dringend um Hülfe bat. Das geht ihm durch’s Herz. Endlich kommt er auf einen guten Gedanken. Von Morgen bis zum Abend mit Amtsgeschäften überhäuft, entzieht er sich sein Abendessen, und arbeitet während der Zeit seine „biblischen Anmerkungen“ aus, verkauft sie, und schenkt das Geld, anderthalb hundert Thaler, seinem Freunde. „Nun, rief er aus, lernte ich verstehen, wie Gott machen könne, daß man reich sei zu allerlei guten Werken!“ –

Um der Noth der verschämten Armen abzuhelfen, hatte er angefangen, bei christlichen Leuten eine Büchse zu freiwilligen Gaben umherzusenden; später aber, als die Reichen Nichts gaben, und Andern das Sammeln beschwerlich wurde, hatte er eine solche für die bei ihm Aus- und Eingehenden im Pfarrhause angebracht, und die Sprüche 1. Joh. 3, 17. und 2. Cor. 9, 7. darüber geschrieben. Da legte eines Tages, im Jahre 1695, eine Dame 4 Thaler 16 Groschen auf einmal hinein. Als Francke diese Summe sah, gedachte er seiner Bettelkinder, und sprach mit Glaubensfreudigkeit: „Das ist ein ehrlich Capital; davon muß man was Rechtes stiften. Ich will eine Armenschule damit anfangen!“ Und nun besprach er sich nicht lange mit Fleisch und Blut, sondern fuhr im Glauben zu, kaufte noch an demselben Tage für 2 Thlr. Bücher, und bestellte einen armen Studenten, der für 6 Ggr. wöchentlich die Kinder täglich zwei Stunden unterrichtete, in der Hoffnung, Gott werde mehr bescheren. Die ersten Erfahrungen waren niederschlagend. Von 27 Kindern, die Bücher empfangen hatten, kamen nur 4 wieder; die andern verkauften die Bücher, und blieben weg. Es wurden noch einmal für 16 Ggr. Bücher gekauft, die aber die Kinder nach der Stunde jedesmal abliefern mußten. Die Schulstube war vorerst im Raum vor Franckes Studirzimmer. Wöchentlich 2 bis 3 mal wurde unter die Kinder ein kleines Almosen ausgetheilt, um ihnen Lust zum Lernen einzuflößen; so kam die Schule nach und nach in Gang. Denn, nachdem jene 4 Thlr. 16 Ggr. verbraucht waren, flossen neue Beiträge. Bald wurde es bekannt, mit welchem Fleiße jetzt die Armenkinder unterrichtet würden; eine Anzahl von Bürgern erbot sich, ein Schulgeld von wöchentlich 1 Ggr. zu zahlen, wenn ihre Kinder Theil nehmen dürften. So stieg schon im ersten halben Jahre die Zahl der Kinder auf 50 bis 60, und der Lehrer mußte jetzt täglich 5 Stunden für 16 Ggr. wöchentlich geben. Im Herbste reichte Ein Zimmer schon nicht mehr aus; es mußte noch eine Stube im Nebenhause gemiethet werden, im Winter eine zweite. Nun wurden die Kinder der Bürger von den Armenkindern getrennt, und jede besonders unterrichtet. Da Francke immer von Neuem die Erfahrung machte, daß zu Hause wieder ausgerottet wurde, was man in der Schule gepflanzt hatte, so faßte er den Entschluß, wenigstens einige Kinder völlig in Pflege und Erziehung zu nehmen. Da erhielt er unerwartet ein Vermächtniß von 500 Thlr., dessen jährliche Zinsen von 25 Thalern zur Erziehung eines armen Waisenkindes verwendet werden sollten. Wie er sich nach einem solchen umsah, wurden ihm vier genannt, und er entschloß sich, sie alle aufzunehmen.. Mitte November waren ihrer schon neun zusammen, die bei christlichen Leuten gegen ein Pflegegeld untergebracht wurden. Zu ihrem Aufseher wurde ein frommer Student der Theologie bestellt, Neubauer, von da an bis an sein Ende Franckes unermüdlicher uneigennütziger Gehülfe. Aber wie sollten von 25 Thlr. 9 arme Kinder Ein Jahr lang leben, lernen und zunehmen? Das war Franckes Sorge nicht. Das überließ er dem rechten Waisenvater im Himmel. Dieselbe Person, welche schon einmal 500 Thlr. gegeben hatte, gab noch einmal 1000, ein Anderer 300, noch ein Anderer 100, ungerechnet die kleinen Gaben, die herbeiflossen.

Schon im folgenden Jahre, da die immermehr sich ausdehnende Schule den Kauf des an die Pfarrwohnung angrenzenden Hauses nothwendig gemacht hatte, wurde den Waisen, deren Zahl jetzt auf 12 angewachsen war, in jenem Hause eine gemeinsame Wohnung angewiesen, und eine Haushaltung für sie eingerichtet. Damit wurde alsobald eine neue wohlthätige Einrichtung für arme Studirende verbunden. Bis hierhin hatte sie Francke mit 4 oder 8 Ggr. wöchentlich unterstützt; jetzt wurden Freitische für 12 Studenten eingerichtet, und aus ihnen die Lehrer für die Armenschule genommen. Das ist der Ursprung des Lehrerseminars. – Im folgenden Jahre mußte, da die Zahl der Schüler und Waisenkinder stieg, ein zweites Nebenhaus gekauft werden. Es wurde nun die Armenschule in eine Knaben- und Mädchenschule geschieden, und der Bürgerschule eine Klasse für die Elemente der gelehrten Studien beigefügt. Aus dieser entwickelte sich die lateinische Schule, die im Jahre 1709 schon 256 Schüler, (darunter 64 Waisenknaben) in 7 Klassen unterrichtete, und 20 Jahre später von mehr als 500 Schülern besucht wurde.

Die Zahl der Waisenkinder wuchs, Bürgerschüler kamen immer mehr, und arme Studenten, die gerne gespeist wären, gab es auch genug. Dem Francke war aber der Glaubensmuth gewachsen. er kaufte den Gasthof zum goldenen Adler in Glaucha nebst dem dabei liegenden, großen Platz mit der Verpflichtung, denselben zu bebauen, wodurch er verhüten wollte, daß dort nicht wieder eine neue Schenke errichtet würde. Zu gleicher Zeit erstand er für das Waisenhaus einen kleinen Bauernhof zu Giebichenstein bei Halle, der einen Steinbruch hatte. Ein Bauplatz war da und Steine auch, aber Geld hatte er nicht mehr genug, „um ein kleines, geschweige denn ein großes Haus unter das Dach zu bringen.“ Er aber vertraute Gott, und legte den 24. Juli 1698 in Gottes Namen den Grundstein zu dem jetzigen Hauptgebäude. Oft kam er freilich in große Noth und Verlegenheit, aber der Herr führte es immer herrlich hinaus. Bald fehlte es an Bauholz, bald an Kalk u. Oft geschah es, daß Francke keinen Heller im Vermögen hatte, wenn die Bauleute bezahlt seyn wollten, oder wenn für Hunderte von Personen auf dem Markte Lebensmittel eingekauft werden sollten. Einmal mußte der Hausverwalter einen ganzen Tag umherlaufen, um Geld zu Licht zusammen zu bringen, wenn die Kinder des Abends nicht im Finstern sitzen sollten, und erst Abends brachte er das Nöthige zusammen. Oft war die Noth so groß, daß seine ganze Umgebung anfing zu wanken; er aber blieb fest im Glauben. Als man ihm rieth, zur Ersparung der Kosten das Haus nur von Holz, statt von Steinen, zu bauen, erzählt Francke, habe ihn der Herr so im Glauben gestärkt, daß es ihm gewesen sei, als habe er gesagt: „Baue es von Steinen! Ich will dir’s bezahlen.“ Er bauete auch immer darauf los, wenn gleich die Leute die Köpfe schüttelten. Wir wollen ihn selbst erzählen hören, wie ihm Gott oft in großer Noth beigestanden hat:

„Im Jahre 1698 im Oktober ward einer frommen und durch Kreuz bewährten Christin an einem andern Orte ein Dukaten von mir zugesandt, worauf dieselbe mir schrieb, der Dukaten wäre ihr zu einer solchen Zeit kommen, da sie dessen wohl benöthigt gewesen. So habe sie auch Gott gleich gebeten, daß er meinen armen Waisen einen Haufen Dukaten wieder bescheren möchte. Bald darauf brauche mit eine christliche Person einen Dukaten und 12 Doppeldukaten. An eben dem Tage wurden mir auch 2 Dukaten von einem guten Freunde aus Schweden geschickt, und nicht lange darnach empfing ich durch die Post 25 Dukaten, dabei der Geber nicht genennet war. Und da um dieselbe Zeit Prinz Ludwig von Würtemberg zu Eisenach starb, ward mir berichtet, daß er eine Summe Geldes dem Waisenhaus vermacht. Es waren aber 500 Dukaten Species, die er in einem rothen Beutelchen verwahrt, und dabei einen Zettel gelegt: „Dieses soll für’s Waisenhaus in Halle.“ Da ich nun diesen Haufen Dukaten auf dem Tisch vor mir sah, dachte ich an das Gebet der frommen Frau, da sie Gott gebeten, er wolle meinen armen Waisen einen Haufen Dukaten wieder bescheren. – Es geschah, daß ich mit einer Zeit einer großen Summe benöthigt war, so daß ich mit 100 Thalern nicht auszukommen wußte, gleichwohl aber nicht sah, woher ich 10, geschweige denn 100 Thaler bekommen sollte. Es kam der Oekonomus, und zeigte die Nothdurft. Ich beschied ihn, er sollte nach der Mittagsmahlzeit wieder kommen, und gab mich inzwischen ans Gebet. Als er aber nach der Mittagsmahlzeit wieder kam, war noch nichts vorhanden, daher ich ihn auf den Abend wieder kommen ließ. Ich ward inzwischen von einem vertrauten, christlichen Freunde besucht, mit welchem ich mich denn im Gebet vor Gottes Angesicht vereinigte, und ward sehr bewegt, Gott zu loben und zu preisen für alle seine Werke und Wunder, die er von Anbeginn an den Menschenkindern bewiesen hat, also daß mir die vornehmsten Exempel der ganzen h. Schrift in meinem Gebete zu Gemüthe kamen. Daher ich denn auch in solchem Lobe Gottes so gestärkt ward, daß ich dabei allein blieb, und nicht nöthig fand, Gott ängstlich zu bitten, daß er mich aus gegenwärtiger Noth erretten möchte. Da nun dieser gute Freund von mir wegging, und ich ihn durch’s Haus bis an die Thür begleitete, stand an der einen Seite der Oeconomus, und wartete, daß ich ihm das verlangte Geld auszahlen würde; an der andern Seite stand eine andere Person, welche 150 Thlr. überbrachte in einem versiegelten Beutel zum Behuf des Waisenhauses. – Als einmal einer meiner Gehülfen, dem die Ausgabe anvertraut war, zu mir sagte: Unser Geld ist alle; so antwortete ich ihm: Deß freue ich mich; denn das ist ein Zeichen, daß uns Gott auf’s Neue etwas bescheren wird. Der hat mir von Kindheit auf ein Paar neue Schuhe gegeben, wenn die alten zerrissen gewesen. Des folgenden Tages in der Morgenstunde lässet sich Jemand anmelden, daß er etwas Nöthiges an mich zu bestellen habe; es waren aber 200 Thlr., welche zum Behuf des Waisenhauses zu überbringen diesem anvertraut worden.“

Dergleichen wunderbare Aushülfen hat Francke noch mehrere erzählt; um Geldmittel war ihm daher auch nicht bange. Bereits Pfingsten 1695 hatte er den Grund zum Königlichen Pädagogium gelegt, in welchem die Söhne auswärtiger adliger Familien unter seiner Aufsicht erzogen und unterrichtet wurden. Einmal hatte er 4000 Thlr. zu einem nicht gerade nothwendigen Zwecke liegen. Eines Morgens fanden sich da, wo das Geld lag, Spuren gewaltsamen Einbruchs. „Ehe das Geld Diebe stehen, sprach Francke, soll es besser verwahrt werden; ich will in Gottes Namen dem Pädagogium ein Haus bauen.“ Als nun die Zeit heranrückte, wo die 4000 Thaler zu ihrer eigentlichen Bestimmung verwendet werden sollten, gerieth Alles in Verlegenheit. Francke allein ist ruhig; am Tage des Zahlungstermins hielt er noch in der Universität eine Vorlesung. Als er von da nach Hause zurückkehrt, findet er auf seinem Tische eine Menge Briefe, und der erste, den er erbricht, fängt an: „8000 Thaler sind dem Waisenhaus zu Halle von meiner seligen Schwester im Testamente vermacht.“ Nun war Francke aus aller Noth heraus und hatte noch 4000 Thaler zum Weiterbau. –

Die Apotheke des Waisenhauses, zuerst nur eine kleine Hausapotheke, wurde bald ein bedeutender Erwerbszweig für das Waisenhaus. Die Bibliothek entstand durch Geschenke und Vermächtnisse, und enthielt zu Franckes Lebzeiten schon 18000 Bände. Außerdem ist mit der Anstalt eine große Buchhandlung und die berühmte Cansteinsche Bibelanstalt verbunden. Der edele Freiherr von Canstein nämlich vermachte bei seinem Tode 1719 sein ganzes Vermögen der Anstalt. Es sollte eine Bibeldruckerei davon erhalten werden. Da sind denn tausend und aber tausend Bibeln gedruckt, die dann so billig, wie möglich, wieder verkauft, oder gar verschenkt wurden.

So kam es, daß Francke alle Hauptgebäude und Anstalten in ihrem gegenwärtigen Umfange sah, in denen bei seinem Tode 134 Waisenkinder unter 10 Aufsehern und Aufseherinnen erzogen und verpflegt, 2207 Knaben und Mädchen, Jünglinge und Jungfrauen in den verschiedenen Schulen von 175 Lehrern und Inspektoren, großentheils unentgeltlich unterrichtet, und 212 arme Schüler und 255 Studenten gespeist wurden. Es waren nach und nach hinter jenem Vordergebäude die beiden Reihen ansehnlicher, mehrstöckiger Gebäude entstanden, die eine breite, mehr als 800 Fuß lange Straße bildeten, an welche sich noch die Gebäude des Pädagogiums anschließen. Es sind erhebliche Denkmale des lebendigen Gottvertrauens und liebethätigen Glaubens. Sie tragen vorn das Bild des Adlers, der zur Sonne auffliegt, und darunter die Inschrift: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“

Die Verdächtigungen und Anfeindungen blieben aber auch hier nicht aus. Man schrie über den kostspieligen Bau; er wolle die Waisenhausgüter seinen Erben zu Gute kommen lassen; die Waisenkinder bekämen Kost, schlechter als die Hunde u. s. w. So hatte man ihn selbst beim Kronprinzen, Friedrich Wilhelm I., so verdächtigt, daß dieser, als er einmal nach Halle kam, weder Francke, noch seine Stiftungen sehen wollte. Er fuhr nur gelegentlich um das Waisenhaus herum, ein um das andere Mal ausrufend: „Ist das nicht ein Bauen! Eine ganze Gasse Häuser!“ Später aber wurde er sein Gönner und Freund. – Als man sah, daß das Werk trotzdem einen so herrlichen Fortgang hatte, meinte man, er habe alle Kisten und Kasten voll Geld, und oft, wenn er in der größten Noth sich befand, kamen Leute zu ihm, die 10, 20, 100, ja 1000 Thaler von ihm geborgt haben wollten. Ohne zu fragen, schickte man ihm von allen Ecken und Enden Arme, Kinder, Schüler und Studenten in Menge; und konnte er nicht gleich helfen, so schimpfte und lästerte man ihn als lieblos und unbarmherzig. Am meisten schmerzte es ihn, daß auch Manche von denen ihn verkannten, die er mit sich Eines Sinnes glaubte. Aber abschrecken ließ er sich dadurch nicht. Statt Antwort auf die Schmähungen gab er seine: „Segensvolle Fußstapfen des noch lebenden und waltenden, liebreichen und treuen Gottes zur Beschämung des Unglaubens und Stärkung des Glaubens“ heraus. Nur des Herrn Ehre wollte er retten; seine eigne kümmerte ihn wenig.

Bei diesen vielen und schweren Arbeiten vergaß er nicht sein Amt als Professor. Seine Vorlesungen wurden fortwährend sehr zahlreich besucht. Vor Allem ging sein Streben dahin, „daß seine Zuhörer keine kraftleere und fruchtlose Wissenschaft, sondern eine lebendige Erkenntniß der Wahrheit erlangten.“ In allen seinen Schriften und Vorträgen arbeitete er darauf hin, für den Glauben wieder lebendig und thätig zu machen. Und der Herr segnete sein Wirken. Viele wurden durch ihn zur rechten Quelle der Weisheit hingeführt; viele treue Hirten zog er den Heerden heran. Daß sein Herz auch noch Raum hatte für die Heiden, haben wir aus der Geschichte Ziegenbalgs gesehn.

Unter der großen Last seiner Arbeiten hatte seine Gesundheit gelitten. Deswegen machte er zur Erholung mehrmals Reisen nach Holland, und durch viele Theile von Deutschland. Auch diese Reisen trugen wesentlich dazu bei, ihm und seinen Stiftungen weit und breit Theilnahme zu erwecken, Vorurtheile zu zerstreuen, und Gegner in Freunde zu verwandeln. Merkwürdig ging es ihm in Ulm. Die Geistlichen wollten ihn nicht predigen lassen; er war deshalb Zuhörer im Münster. Der Prediger griff die Pietisten in den schmählichen Ausdrücken an; es fehlte nicht viel, so hätte er Francke beim Namen genannt. Der Magistrat in Ulm bekam nicht geringen Schrecken vor dem Könige von Preußen, wenn der die Beleidigung eines seiner geachteten Professoren erführe. Nachdem man hin und hergerathen, was zu machen sei, beschloß er endlich, Francke ehrerbietigst und dringend zu ersuchen, am nächsten Sonntag selbst im Münster zu predigen. In dem ungeheuren Dome blieb kein Platz leer; Francke predigte, und alle Gemüther wurden umgestimmt. Die Jugend der Stadt brachte ihm einen feierlichen Fackelzug.

Am 4. Juni 1694 hatte Francke das schon erwähnte Fräulein Anna Magdalena von Wurm geheirathet. Sie blieb bis zu seinem Tode seine treue Gehülfinn, und schenkte ihm 2 Söhne und eine Tochter. Der älteste starb als Kind; der 2., Gotthilf August, wurde Direktor über seines Vaters Stiftungen; die Tochter führte Freilinghausen, ein treuer Mitarbeiter Franckes und zweiter Direktor des Waisenhauses, heim.

In seinem 63. Jahre stellte sich bei Francke der Harnzwang ein, und plagte ihn sieben Vierteljahre. Im November 1726 wurde seine linke Hand gelähmt. Eine merkwürdige Gebetserhörung erfuhr er noch in dieser Zeit. Die Schmerzen hatten einmal so überhand genommen, daß er ernstlich Gott um Befreiung davon und um Gesundheit hat; und siehe, was keine Arznei vermocht hatte, das that sein Gebet. Die Aerzte „sahen, daß hier eine höhere Hand walte,“ und gingen wieder fort. Francke wurde wieder so gesund, wie er noch nie gewesen war, schrieb auch noch einen Brief an seine alten Freunde, „wie sie im Alter gegen das Alter kämpfen sollten.“ Er hielt auch am 15. Mai wieder eine Vorlesung; es sollte aber zugleich seine letzte seyn. er schloß sie mit sichtbarer Rührung: „So gehet nun hin, und seid gesegnet dem Herrn immer und ewiglich!“ Drei Tage darauf genoß er zum letzten Mal in der Kirche das h. Abendmahl. Am 24. Mai ließ er sich noch einmal in den Waisenhausgarten fahren. Er dankte Gott für alle ihm bewiesene Treue und Gnade, und gedachte besonders seines geistlichen Geburtstages. Nun betete er noch aus Herzensgrunde für seine Waisen, und für Alles, was ihm am Herzen lag. Am folgenden Abend legte er sich früh zu Bett. Die Krankheit war von Neuem und mit furchtbaren Schmerzen zurückgekehrt. Am Pfingstheiligenabend segnete er noch seine Kinder. Seine übrigen Tage waren Ein fortgesetztes Gebet; wenn er selbst zu matt war, mußte man ihm vorlesen. Unzählige Male hörte man ihn in die Worte ausbrechen: „Herr, Herr, ich warte auf Dein Heil!“ Endlich kam unter viel Schmerzen der 8. Juni heran, am dem er in die ewige Ruhe eingehen sollte. Nachmittags besuchte ihn noch ein Amtsbruder, der ihn um seinen Segen bat. Der Sterbende legte seine müde Hand auf’s Haupt, und segnete ihn mit denselben Worten, mit denen er seine letzte Vorlesung geschlossen hatte: „So sei denn gesegnet dem Herrn immer und ewiglich!“ Er wurde immer schwächer. Seine Gattinn fragte ihn: „Dein Heiland wird dir doch nahe seyn?“ „Daran ist kein Zweifel!“ antwortete er, und fiel in einen Schlummer, den ihm der Herr um 10 Uhr in den Todesschlaf umwandelte. Er war 64 Jahre, 3 Monate alt geworden, und als er starb, hatte er keinen Feind mehr. Die ganze Stadt drängte sich, die theure Leiche noch einmal zu sehen, und begleitete sie am 17. Juni zu ihrer Ruhestätte.

In Folge der hundertjährigen Gedächtnißfeier seines Todes im Jahre 1827 hat ihm die Nachwelt ein Denkmal errichtet, am hintern Ende der langen Straße in der Mitte zwischen den beiden innern Seitenflügeln vor der Wohnung des Direktors, auf marmornem Fußgestell. Mehrere Treppen führen hinauf. Oben steht Francke, aus Bronze gegossen, mit einem Prediger-Talar gekleidet, und rechts und links neben ihm ein Waisenknabe. Den Dank, den beide Kinder durch Geberden ausdrücken, das eine, indem es zum ihm aufsieht und betet, das andere, indem er mit der rechten Hand gen Himmel weist. Seine linke Hand ruht segnend auf dem betenden Kinde. Das Fußgestell trägt mit goldenen Buchstaben die Inschrift: August Hermann Francke. – Er vertrauete auf Gott.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

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