Olaf der Heilige

Olaf der Heilige

(Gest. 31. August 1030.)

„Fürchtet euch nicht, und erschrecket nicht! – Ist auch ein Gott außer mir? Es ist kein Hort, ich weiß ja keinen. Die Götzenmacher sind allzumal eitel, und ihr Köstliches ist kein Nütze. Sie sind ihre Zeugen, und sehen nichts, merken auch nichts; darum müssen sie zu Schanden werden.“ (Jes. 44, 8. 9.)

Olaf der Heilige, ist ein König und Apostel des Norweger Volkes. Zwar hatten schon vor ihm zwei königliche Männer mit dem Licht des Christenthums in ihres Landes heidnische Macht hineingeleuchtet, zuerst der edle Hakon, und darnach Olaf Tryggvason. Aber sobald sie weggestorben waren, verloren sich und verloschen wieder die Strahlen in der Finsterniß. Jedoch durch Olaf, den heiligen, sollte das wahrhaftige Licht im Lande Norwegen bleibend auf dem Leuchter stehen.

Er war in der Landschaft Gudbrandsdalen geboren. Und da das Fürstenkind 3 Jahre alt war, empfing es von jenem Olaf Tryggvason, der zur Blutsfreundschaft gehörte, die heilige Taufe. auch übernahm dieser selbst mit der Pathenschaft die Bürgschaft christlicher Erziehung, an welcher ihm viel lag. Als der Knabe zum Jüngling herangewachsen war, geduldete er sich nicht länger in dem unthätigen Stilleben am ländlichen Königshofe seines Stiefvaters Sigurd Siv. Er begehrte zur See; denn das ist von je des norwegischen Volkes Dürsten und Trachten. In brausendem Kampf mit Sturm und Meerfluth, lernte der junge Olaf die nöthige Kunst des Steuerns und den Werth der Entschlossenheit. Nach einigen Jahren kehrte er aus den Wogen heim. Mit großen, stolzen Gedanken stieg er an’s Land. Seine Seegenossen, treue rüstige Jünglinge, hielt er um sich geschaart, der mächtigen Blutsfreundschaft versicherte er sich; so trat er kräftig mit dem Plane hervor, sein in viele Herrschaften und Häuptlingsschaften zerklüftetes, und deßhalb seit dem Tod des starken Tryggvason von Dänemark und Schweden abhängig gewordenes Vaterland unter Ein Scepter zu einigen, und von der fremden Botmäßigkeit frei zu machen. Und daß seine Hand dies Scepter der Alleinherrschaft trage, das beanspruchte er als Sprosse des alten norwegischen Alleinherrschers Harald Schönhaar. Die kleinen Fürsten sträubten sich mit zähem Trotz, und fanden an den beiden Königen von Dänemark und Schweden willigste Unterstützung und Aufhetzung. Noch schwerer ward ihm seine Arbeit durch die ganz ungetheilte Anhänglichkeit des Volkes an seine Götter. Denn auch dies stand unerschütterlich fest in Olafs Plan, das Heidenthum bis zur Wurzel zu vertilgen, und das Christenthum auf norwegischer Erde heimisch und herrschend zu machen, so fest, daß er alles Andere nur als kräftiges Mittel zu diesem Zweck wollte.

Nachdem er den Widerstand der Großen gebrochen, die widerstrebenden Theile zu Einem Reich, unter Einem auf alten Grundsätzen erneuten Gesetz geeint, und mit gerechtem Gericht, aber stählernem Willen und Arm sein Regiment führte, da gedachte er, die Zeit sei reif, seinem Volk die letzte und edelste Wohlthat zu bringen, das Kreuz Christi. Dem Land ein Apostel des Herrn zu werden, schien ihm köstlicher zu seyn, als die köstliche Königskrone auf seinem Haupt. Mit Bischof Sigurd und von 850 Gewappneten begleitet, zog er von Ort zu Ort seines Reiches, brachte dem Volk die frohe Botschaft, unterrichtete es im Glauben an Christum, und wies es zur Heiligung des Lebens. Spöttisch-hochmüthigen Widerspruch ahne er mit ernsten Strafen. Wie es bei diesen apostolischen Fahrten König Olafs zuging, werden wir jetzt erzählen.

Der König kam in seine heimische Landschaft Gudbrandsdalen. In diesem schönen Gebirgstal saß ein heidnischer Häuptling, Dale-Gudbrand genannt, im Gehöfte Hundstorp. Dieser war gesinnt, seine alten werthen Götter mit dem Schwerte zu vertheidigen. Er sandte eine kampflustige Schaar unter seinem Sohne dem nahenden König entgegen. Sie ward ohne Mühe von Olafs Leuten überwunden. Der gefangene Sohn des Häuptlings sollte nach dem Gesetz sterben. Olaf aber gab ihn frei, und sandte ihn zu seinem Vater, mit dem Bescheid, er wolle auf einer öffentlichen Volksversammlung die Sache schlichten. Man versammelte sich zu Hundstorp. Als die Männer rings saßen, und es still geworden, stand der König auf, und sprach: „Das Volk im Thale aufwärts hat seine Opferstätten niedergebrannt, und glaubt an den wahren Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, allwissend ist, und seinen Sohn Christum aus dem Himmel hernieder sandte zum Heil der Welt.“ Hierauf setzte der König sich. Dale-Gudbrand stand auf, und sprach: „Wir wissen nicht, von wem Du redest; oder nennst du den einen Gott, den wieder du, noch jemand anders sehen kann? Wir haben einen Gott, welchen man jeden Tag sehen kann, obgleich er heute nicht sichtbar, weil das Wetter schlecht ist; und er würde euch furchtbar und sehr ansehnlich erscheinen; daher, meine ich, würde euch eine Angst in das Blut kommen, wenn er hier auf dem Tagedinge (Rathsversammlung) erschiene. Aber da du sagst, daß euer Gott so gewaltig sei, so möge er das nun dadurch beweisen, daß morgen das Wetter wolkig, doch ohne Regen ist, und laßt und da wieder zusammen kommen!“

Der König brach auf zu seiner Herberge, und verbrachte die Nacht im Gebet. Um die Zeit der Morgenröthe begab er sich zur Kirche. Andacht im Herzen ging er wieder zur Volksversammlung. Der Himmel war wolkig, doch ohne Regen. Bischof Sigurd, im vollen Schmuck seines Amtes, mit Chorkleid, spitzer Mütze und Hirtenstab angethan, stand feierlich auf, und sprach mit beredter Zunge vom christlichen Glauben, und pries ihn hoch den Anwesenden. Nachdem er sich gesetzt hatte, erhub sich der Häuptling Thord Istermage, und sprach: „Mancherlei redet der gehörnte Mann mit dem Stab in der Hand, der oben zierlich gebogen ist, wie ein Widderhorn. Da ihr aber immer saget, daß euer Gott so manche Wunderzeichen thun kann, so sage du ihm, daß er morgen Vormittag klaren Sonnenschein werden lasse, so wollen wir wieder hier zusammen kommen, und eins von beiden thun, entweder uns über diese Sache vergleichen, der den Streit fortsetzen.“

Man ging auseinander. Wiederum verbrachte der König die Nacht im Gebet, und die frühe Morgenstunde am Altar des Herrn.

Die Thalleute waren derweil auch andächtig gewesen. Aus einem nahen Tempel hatten sie das Standbild ihres Götzen Thor auf dem Versammlungsplatz herausgetragen. Er war mit Gold und Silber reichlich behangen, welches im dämmernden Licht der Morgenröthe schimmerte. Und die Thalleute verbeugten sich mit stummer Ehrfurcht vor ihrem Gott Thor. Nachdem aber alles Volk schweigend zur Berathung sich niedergesetzt hatte, stand Dale-Gutbrand auf, und sprach: „Wo ist nun den Gott, König? Ich meine, daß er jetzt lieber in seinem wolkenschattigen Lande weilt, und mir scheint, daß weder du, noch der gehörnte Mann, welchen ihr Bischof nennt, und der neben dir sitzt, heute so guten Muthes seid, wie gestern. Denn nun ist unser Gott gekommen, der über Alles waltet, und blickt auf euch mit scharfen Augen; und jetzo merke ich wohl, daß ihr erschrocken seid, und kaum waget, eure Augen aufzuschlagen. Lasset also nunmehr allen Widerstand fahren, und glaubet an den Gott, der euer ganzes Schicksal in seiner Hand hat!“

Der König erhub sich und sprach: „Mancherlei hast du in dieser Morgenstunde zu uns geredet, und du wunderst dich höchlich darüber, daß du unsern Gott nicht sehen kannst. – Aber wir hoffen, daß er alsbald zu uns kommen wird. Du willst uns mit deinem Gott einschüchtern, der beides, blind und taub ist, und weder sich selbst, noch Andere schützen kann, ja nirgend wohin aus seiner Behausung zu kommen vermag. Aber nun meine ich, daß sein Unglück nahe bevorsteht! Denn wendet jetzt eure Augen gen Osten, wo unser Gott mit einem großen Lichte erscheint!“

Da ging die Sonne auf. Im selben Augenblick trat, auf Olafs Wink, Kolbein, der Starke, aus des Königs Leibwache mit einer Keule hervor, und führte auf den Gott Thor einen Schlag, daß er in Stücke zerbrach. Es krochen aber Mäuse, Ottern und Gewürm aus dem zertrümmerten Götzenbild. Die Thalmänner entsetzten sich, und nicht wenige flohen von dannen. Der König aber hieß sie wieder kehren, und sprach also zu ihnen: „Ich weiß nicht, was euer Lärmen und Laufen bedeutet. Jetzt könnet ihr selber sehen, was euer Gott vermag, welchen ihr neulich mit Gold und Silber gegürtet, und ihm Speise und Trank vorgesetzt habt. Sehet nun, welche Schutzgeister dieselben verzehrt haben, Mäuse und Würmer, Nattern und Kröten; und übel thaten die, welche auf dergleichen vertrauen, und nicht von ihrer Thorheit lassen wollten. Nehmet nun euer Gold und die Kostbarkeiten, welche am Boden zerstreut liegen, und gebt sie eurem armen Volk! Behänget aber fürder nicht Stock und Stein damit! Hier ist nunmehr nur zwischen zwei Dingen zu wählen, entweder ihr nehmet das Christenthum an, oder ihr bestehet mit mir noch heute den Kampf, und da gewinne der den Sieg über den Andern, welchem der Gott, an den wir glauben, ihn vergönnen will.“

Da stand Dale-Gudbrand auf, und sprach: „Wir haben hier großen Schaden genommen an unserm Gott; da er jedoch uns nicht helfen will, so wollen wir nunmehr an den Gott glauben, an welchen ihr glaubt.“

Und Gudbrand, nachdem er sich mit seinen Söhnen und untergebenen Leuten von Bischof Sigurd hatte taufen lassen, bauete eine Kirche in seinem Thal.

Aber es naheten Unglückstage. Viele der unterworfenen Häuptlinge gehorchten nur mit Zähneknirschen. Sie verbanden sich heimlich, und verriethen ihren Herrn an den mächtigen König Knud, welcher Dänemark und England beherrschte, und vor Eifer brannte, Norwegen noch diesen seinen Reichen hinzuzufügen. er sparte nicht Gold noch List, jene Unzufriedenen aufzuhetzen. Bald erschien Knud mit einer großen Flotte an der Norwegischen Küste. Olaf, von allen bis auf wenige Treuen verlassen, entfloh nach Gardareich (Rußland) zu seinem Schwager Jarisleif. Dieser bot ihm ein Stück seines weiten Reiches an, daß er s zum Christenthum führe. Noch überlegte Olaf, ob er es annehmen, oder, was seinem weltmüden Herzen als das liebste erschien, ob er Mönch werden, und nach Jerusalem pilgern solle. Da erschien ihm der alte Olaf Tryggvason, sein Taufpathe und Ahnherr, im Träume, und wies ihn zur Heimkehr, daß er sein väterlich Erbe wieder gewinne, und seinem Beruf, Norwegens Bekehrung, vollende. Olaf gehorchte.

Mit 4000 Mann Kriegsvolk trat er in Norwegen auf den Plan; seine Feinde waren 10,000. Aber er war so wenig verzagt, daß, als er erfuhr, 900 seiner Leute seien Heiden, er deren Taufe verlangte, sprechend: Wir dürfen nicht unsere Zuversicht auf des Volkes Menge setzen; auf Gott allein sollen wir uns verlassen. Den durch seine Kraft und Barmherzigkeit können wir den Sieg erhalten; aber ich will kein heidnisches Volk unter den Meinen.“ Fünfhundert weigerten sich, die Taufe anzunehmen. Olaf entließ sie. Die übrigen 400 ließen sich taufen, gesinnt gleich einem ihrer Anführer, welcher sprach: „Soll ich an einen Gott glauben, warum denn nicht eben so gut an den heiligen Christ, als an irgend einen Andern? und der König hat unsere Hülfe sehr nöthig.“

Da des Königs Streiter so wenige waren, rieth ihm sein Freund Finc Arneson, er solle keine offene Feldschlacht wagen, sondern im Rücken des Heeres der Aufrührer, das lediglich aus Bauern bestehe, deren Gehöfte mit Brand und Raub überfallen; sie würden sich alsdann flugs auflösen, um das Ihre zu retten; mit den Vereinzelten werde man leicht fertig werden. Der Rath wurde von Allen mit Jubel aufgenommen. Nur von Olaf nicht. „Er habe freilich früher bisweilen mit Sengen und Brennen un allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln seinem Willen Gehorsam verschafft; aber damals habe es gegolten, den Götzendienst auszuwurzeln, den Abfall von dem allein wahren Gott zu züchtigen. Drum habe er nicht nach den Mühsalen, die der Kampf hinter sich zurücklassen werde, fragen dürfen. Nun aber gelte es nur den Abfall von seiner Person; und er wolle nicht, daß um seinetwillen die wehrlosen Höfe mit so viel Elend, Brand und Blut erfüllt würden.“

In der Landschaft Vaerdalen bei Stiklastad kam es im Jahr 1030 zur Schlacht. Olaf rückte vor mit dem Ruf: „Vorwärts, Christenmänner, Kreuzmänner und Kriegsmänner!“ Ihm entgegen rückten die zahlreichen Schaaren der Feinde mit dem Rufe: „Vorwärts, vorwärts, Landmänner!“ Olaf mußte der Uebermacht weichen. Ein tiefer Hieb in’s Bein machte ihn kampfunfähig. Er warf sein Schwert weg, und betete zu Gott um Hülfe. De stürmte der Anführer der Feinde, Thorer Hund, auf ihn ein, und tödtete seinen wehrlosen König mit der Waffe. Die Meisten seiner Getreuen lagen todt um ihn her. Mitten während der Schlacht, bei wolkenlosem Himmel, war plötzlich das Licht der Sonne verloschen. Erst nach des Königs Tod bekam sie ihren Schein wieder.

Und dennoch, der Besiegte war der Sieger. Gleich nach der Schlacht, noch über seiner unbeerdigten Leiche, verbreitete sich vom sieghaften Heere aus durch das ganze Land der Glaube: man habe einen heiligen Mann getödtet, und der Gott seines Glaubens habe am Schlachtentage durch Hinwegnahme des Tageslichts ein Zeichen gegeben.

Der zuerst heimlich gleich nach seinem Tode bestattete König wurde das Jahr drauf wieder ausgegraben, und noch unverwest gefunden. Nun erklärte man öffentlich, uns stellte fest durch den Spruch des Bischofs Grimmkell, König Olaf sei ein wahrer Heiliger. Sein Leichnam ward in kostbarem Schrein in der Clemenskirche zu Drontheim, welches damals Nidaros genannt wurde, beigesetzt.

Der Todestag Olafs wird von Gelehrten, aus Berechnung der während der Schlacht eingetretenen Sonnenfinsternis, als der 31. August bestimmt. Aber das Norweger Volk feiert seinen St. Olafstag von jeher am 29. Juli. So ist nun Olaf, der Heilige, in der That ein apostolischer König seines Volks, von seinem Gott und Heiland dazu ersehen, daß er um den Preis der Märtyrerkrone im Lande Norwegen auf den Trümmern der Götzenbilder das Kreuz aufrichte.

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859

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