Hans Sachs.

Hans Sachs.

Einen Schuster hat Gott zum Sänger und großen Poeten,
Uns zu belehren, gemacht: „Wunder vollbringe der Herr.“
Ohn‘ Ansehn der Person wählt Gott aus den Nölkern die Seinen;
Auch ein Schuster hat oft Worte der Gnade erlangt;

so lesen wir in lateinischen Versen unter einem Kupferstich von Lucas Kilian in Augsburg aus dem Jahre 1617, der Hans Sachsens Brustbild im höheren Alter darstellt, mit freudiger Beistimmung. Hans Sachs, ein Zeitgenosse Luthers, hat sich der Grundgedanken der Reformation mit seltener Klarheit bemächtigt, sie mit Ueberzeugungstreue festgehalten und unter dem deutschen Volke in das Leben zu rufen erfolgreich gestrebt.

Hans Sachs, der Sohn eines Schneidermeisters, wurde am 5. November 1494 in Nürnberg geboren, und wieder zum Handwerk bestimmt, welches daselbst in hoher Blüthe stand, Niemand von allgemeiner Wirksamkeit für die Vaterstadt ausschloß, und den nothwendigen Unterhalt für eine Familie in ausreichendem Maße darbot. Er ward ein Schuster und schämte sich dieses Berufs nie, zu dessen Führung er im Vaterhause „auf gut Sitten, auf Zucht und Ehr“ erzogen und in einer der lateinischen Schulen seiner Vaterstadt mit den Anfängen der Ausbildung versehen worden war, welche die Zeit forderte. Der Sitte gemäß ward er nach vollendetem 15. Lebensjahre Lehrling, und trat 17 Jahr alt 1511 die übliche Wanderschaft an, auf welcher er einen großen Theil Deutschlands kennen lernte und dessen vornehmste Städte zu längerem Aufenthalte nahm, kehrte aber im 22. Lebensjahre 1516 in die Heimath zurück, der er dann bis an seinen Tod mit Liebe und Hingebung angehörte. Schon 1519 begründete er durch seine Heirath mit Kunigunde Creutzer aus dem Nürnberg benachbarten Wendelstein ein eigenes Hauswesen mit so gutem Erfolg, daß er im I. 1540 aus der Vorstadt in die Stadt zog, wo noch heute im Mehlgäßlein nahe dem Spittelplatze Nr. 969 eine Denktafel die Einheimischen und Fremden zum Besuche des durch ihn interessanten Hauses einladet. Da hat er sein Handwerk bis in das höchste Alter fortgesetzt, und es erst ruhen lassen, als die Abnahme des Gesichts und Gehörs es aufzugeben zwang. Nach dem Tode seiner ersten Gattin hatte er sich zum zweiten Male mit Barbara Harscher 1567 vermählt, die ihm bis an sein Ende zur Seite blieb. Erst im 82. Lebensjahre in der Nacht vom 19. zum 20. Januar starb er und wurde am 28. desselben Monats auf dem Johanniskirchhofe begraben. Mit beiden Frauen hatte er in Liebe und Vertrauen gelebt und allen Ansprüchen, die an sein bürgerliches Leben gemacht werden konnten, in vollem Maße genügt. Kinder hinterließ er nicht: zwei Söhne und fünf Töchter waren vor ihm gestorben.

Aber Gottes Gnade hatte ihm seine eigentliche Lebensaufgabe auf einem andern, idealen Gebiete angewiesen. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, (möchte sie sich in unsern Tagen erneuern lassen!) daß viele Handwerker jener Tage mit der kräftigen Ausübung ihres Geschäfts höhere Zwecke zu verbinden wußten, deren Verfolgung allein sonst das ganze geistige Leben zu fordern pflegt. Seine wahre, von Gott gewollte Aufgabe erkannte Hans Sachs in der Poesie, in dem damals blühenden Meistergesang, und wie er, so dachten viele andere Handwerker, durch Singen und Dichten sich des Lorbeers würdig zu machen. Zwölf Häupter der Meistersänger zählt Hans Sachs auf, welche nach einander die Singschule zu Nürnberg geleitet hatten, von Conrad Nachtigall bis auf seinen Lehrer, den Leinweber Lienhard Nunnenbeck, nach welchem er die Leitung der gemeinsamen Arbeiten des Meistergesangs auf sich nahm, der zu seiner Zeit etwa 250 Meister in dieser einen Stadt umfaßte.

Es ist die einfache Betrachtung seines Lebenslaufs, die zur Ueberzeugung führt, daß Hans Sachsens dichterische Thätigkeit von Gott geordnet war. Schon seine Erziehung im Vaterhaus stimmte mit der Idee des Meistergesangs, die tüchtige bürgerliche Gesinnung und sittlich religiöses Leben erwecken wollte, genau überein. Die Schule, welche er besuchte, war zwar, wie er sagt, „nach schlechtem Brauch derselben Zeit“ eingerichtet und verschaffte ihm nur eine unvollkommene, und bald wieder verschwundene Kenntniß der lateinischen und griechischen Sprache; doch lernte er daselbst nicht nur „artlich wol, war und rein“ reden, und die Anfänge „der Kunst des Gesanges und manchen süß lieblichen Saitenspiels“ lieben und üben, sondern erfüllte sich auch mit lebendigem Interesse für alles Wissenswerthe, das ihn fortan durch das ganze Leben begleitete. Als Schusterlehrling fand er in Nunnenbeck einen wackern Führer zur Kunst und durchdrang sich mit begeisterter Liebe zu derselben, und zu ihren höheren Zwecken. Auf der Wanderschaft gelangte er nach und nach zu den Hauptsitzen der Kunst in Deutschland und fing nicht nur selbst an zu dichten, sondern in Frankfurt am Main und anderwärts auch Schule zu halten. Es war in Wels, wo er zum vollen Bewußtfein seiner Bestimmung gelangte: abgeschreckt von der rohen Weise unedlerer Gefährten entschlug er sich ihrer Thorheit und wendete sein Herz der löblichen Kunst zu, wie er im „Gesprech der neun Gab der Muse“ in Hesiods Weise berichtet. Auf dem Wege zum kaiserlichen Thiergarten überraschten ihn die Kunstgöttinnen, als er am Felsenbrunnen unter Blumen im Gras eingeschlafen war: von einer derselben erzählt er:

Die Göttin sah mich freundlich an
und sprach: o Jüngling, dein Dienst sei,
daß du dich auf teutsche Poeterei
ergebest durchaus dein Lebenlang,
nämlich auf Meistergesang,
darin man fördert Gottes Glori
an Tag bringt gut schriftlich Histori u. s. w.

Als aber Hans Sachs zweifelte und seine Unerfahrenheit noch im zwanzigsten Jahre dagegen vorführte, begabten ihn die Musen „mit beständigem Willen, Lust und Liebe, hohem Fleiß, der Künste Grund zu erfahren und mit allen Gaben, deren er bedurfte. So für seinen Beruf geweiht, sang er 1514 sein erstes Meistergedicht, „Geheimnis der Gotheit“ und bezeichnete damit gleich Anfangs die Gesinnung, in welcher er fortan seine ganze Kunst ausüben wollte. Auf derselben Reise aber traf er 1518 mit Martin Luther in Augsburg zusammen und durch ihn erst fand er die letzte Weihe zum Dichterberuf und die eigentliche Entscheidung über den Weg, den er zur unsterblichen Ehrenkrone einschlagen sollte. So kehrte er 1519 mit festem Entschluß und völlig klarer geistiger Richtung in die Vaterstadt zurück, um seinem irdischen und himmlischen Rufe mit der ganzen Fülle seiner Begabung zu dienen.

Welches Interesse er an Luther gewonnen, zeigte zunächst der Eifer, mit welchem er dessen Schriften sammelte. Schon im Jahr 1522 besaß er eine Zahl von 40 Lutherischen Schriften und betrachtete sie als den schönsten Schatz seiner Büchersammlung, die er sich mit Sorgfalt anlegte. „Diese puechlein“, sagt er, „habe ich Hans Sachs alle gesamlet, um Gott in seinem wort zu eren und den nechsten zu gut einpünden lassen, als man zelt Christi Geburt 1522 Jar. Die warheit bleibt ewiglich“. Und schon im nächsten Jahre 1523 begrüßte er seinen Meister als „die wittenbergisch nachtigal, die man iez höret überal“

„Wacht auf, es nahmt gen dem tag!
ich hör singen im grünen hag
ein wunnikliche nachtigal;
ir stimm durchginget berg und tal.
Die nacht neigt sich gen occident,
der tag get auf von orient.
Die lotbrünstige morgenret
her durch die trüben wolken get,
daraus die liechte sunn tut blicken
des mondes schein tut sich verdricken
der ist jez worden bleich und finster.“

Er entwickelt im Fortgang sein ganzes Verständniß des von Luther gepredigten Glaubens und spricht diesen selbst einfach und verständlich als seine eigene innerste Ueberzeugung aus. Man sieht, Hans Sachs besitzt Luthers Bücher nicht etwa nur äußerlich, sondern ist von Luthers Geist angeregt und durchdrungen; er ist in Wahrheit ein evangelischer Christ geworden.

Auch hat er den ganzen, herrlichen Gewinn in sich aufgenommen, den die Reformation Luthers allmählich ins Leben rief. Hans Sachsens Bibliothek umfaßte bald Luthers Bibelübersetzung: hatte er bis dahin mit den früheren Uebertragungen sich behelfen müssen, jetzt gab ihm Luther Arbeit für Inhalt und Form, was seine Seele begehrte. Sofort empfing der von ihm geleitete Meistergesang die Grundregel für seine weiteren Schöpfungen: jede Abweichung von Luthers Ausdruck sollte vermieden und als Fehler angesehen werden. Eine Vergleichung seiner früherer Gedichte mit den späteren läßt den Unterschied sofort deutlich erkennen: er verdankte Luther Befreiung von mittelalterlicher Sprachmengerei, und von scholastischen, dem Leben entfremdeten Stoffen, eben dadurch aber erst den Uebergang zu vollkommner Verständlichkeit und Popularität. Als die ganze Bibel von Luther gedruckt war, ist er nicht müde geworden, den Reichthum der biblischen geschichtlichen Darstellungen wiederzugeben und ganze Bücher in seiner poetischen Weise dem Volke darzustellen. Nur die Nothwendigkeit des Reims zwingt zu kleinen Veränderungen und Zusätzen.

Im Jahre 1523 wendete Luther seine Aufmerksamkeit dem Kirchenliede zu. Auch Sachsens Dichtungen nahmen sofort einen neuen Charakter an: schon 1525 erschienen ganz in Luthers Weise Etliche geystliche, in der Schrift gegründete lieder für die layen zu singen, z. B. „Eine schone Tagweyß von dem wort Gottes; ein christlich lied wider das grausame droen des Sathanas“ u. a. Seine alten Lieder arbeitete er um: an die Stelle von „Maria zart“ trat jetzt „o Jesu zart“; er redete nicht mehr „die Frau vom Himmel“ an, sondern „Christus vom Himmel,“ nicht anders, wie in derselben Zeit Heyden der Rector zu Sebold statt „Sei gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit“, jetzt singen ließ „Sei gegrüßt, Jesu Christ, König der Barmherzigkeit“.

Auch die damaligen, prosaischen Schriften Luthers trieben ihn zur Mitarbeit in gleicher Form 1524. In vier Dialogen, welche er zusammen herausgab, griff er die Gegner mit reichem, treffendem Witz, überzeugender Beweisführung, echt evangelischer Gesinnung an. Die Hauptperson, welche die gute Sache vertritt, ist der Schuhmacher Hans, also offen er selbst. Der erste Dialog, „Disputation zwischen einem Chorherrn und einem Schuhmacher, darin das Wort Gottes und ein recht christlich Wesen verfochten wird“, geht tief und gründlich auf die Hauptfrage ein, ob auch Laien ein Recht haben, im Streit der Gelehrten mitzureden und in der Schrift selbständig nach der Wahrheit zu forschen, ob der geistliche Stand mit dem Papst an der Spitze in der Schrift gegründet, ob der äußerliche Gottesdienst mit seiner Anrufung der Maria und der Heiligen zulässig sei und löst Alles nach Luthers Sinn und nach dessen Büchlein „von der christlichen Freiheit“. Der zweite Dialog verwirft nach Luthers Schrift „von den geistlichen und Klostergelübden, 1521“ alle diese kirchlichen Einrichtungen, und verweist die Mönche aus dem Kloster zum Leben und zur Arbeit, „dazu sie, wie der Vogel zum Flug geboren sind.“ Sein Werk ist um so weitergreifend, weil er nicht blos die Männer des alten Systems widerlegt, sondern in den folgenden Dialogen auch den Freunden der neuen Lehre vortreffliche Warnungen und Mahnungen zugehen läßt. Sie sollen nach gewonnener Einsicht auch jeder Unsittlichkeit entsagen und von unnützen Streitigkeiten ablassen, vielmehr jene duldende Liebe üben, die um Aergerniß und Anstoß zu vermeiden, lieber in gleichgültigen Dingen nachgiebt, als vorzeitig und leichtsinnig sich in Zerwürfnisse stürzt.

Auch die gleichzeitige Verbreitung der classischen Literatur in Deutschland war ein Verdienst der Reformation, welches Hans Sachs mehr als einer seiner dichterischen Zeitgenossen für seine poetischen Zwecke benutzte. Es erschienen jetzt Uebersetzungen alter Schriftsteller in großer Zahl und wurden schnell in Sachsens Bibliothek aufgenommen und in seinen Dichtungen benutzt. Dazu kommt, was Mittelalter und neuere Zeit geschaffen haben, die Chroniken aller Länder und Städte, die Erzählungen der Volksbücher, Petrarca und Boccaccio, Reuchlin und Erasmus, Luther und Melanchthon herzu und bieten ihm ihre Schätze dar. Hans Sachs erscheint als der umfangreichste Dichter, den Deutschland besessen hat.

Im Jahr 1529 erschien Luthers Katechismus, und schon 1530 bearbeitete er klar und sorgsam die zehn Gebote und das zweite Hauptstück, ganz nach Luthers Geist und Auffassung. Obgleich er aber so innig mit Luthers Werken vertraut und so fest mit ihm verbunden war: verzagte er doch nicht, als der große Reformator 1546 starb. Da tröstet er in seinem herrlichen Klaggesang die Theologie „ein Weib in schneeweißem Gewand, die stunt hin zu der Totenbar, sie want ir Hent und rauft ir Har,“ mit folgenden, ergreifendem Wort:

Got hat dich selbs in seiner hut,
der dir hat überflüßig geben
vil trefflich menner, so noch leben;
die werden dich hanthaben sein
samt der ganz christlichen gemein. –
Dich sollen die Pforten der hellen
nicht überweltigen noch fellen;
darumb so laß dein trauren sein,
das doctor Martinus allein
als ein überwinder und sieger,
ein recht apostolischer krieger
der seinen kampf hie hat verbracht
und brechen deiner feinde macht.

Und augenscheinlich gehörte er selbst zu den Männern, welche des großen Reformators Tagesarbeit durchzuführen und den reinsten Glauben zu erhalten sich mannhaft und ritterlich bemühten.

Daß Nürnberg in Hans Sachsens Epoche eine der wichtigsten Städte Deutschlands, im gewissen Sinne die Hauptstadt des Reichs war, ist nicht zu leugnen: eben so wenig, daß Hans Sachs eine der vornehmsten Zierden Nürnbergs, als Stimmführer und Rathgeber der Stadt von hoher Bedeutung für dieselbe wurde. Gewiß ging die Neigung Nürnbergs, sich mit der größten Kraft der Reformation zuzuwenden, aus der Gesinnung der Gesammtbürgerschaft hervor; indem aber Hans Sachs damit übereinstimmte, gewann seine Stimme eine hohe Wichtigkeit und hat die allgemeine Anerkennung der lutherischen Meinung ungemein gefördert, der Stadt aber großen, wesentlichen Nutzen gebracht. Die Beziehungen zwischen der politischen Richtung der Stadt und der Thätigkeit H. Sachsens liegen klar vor Augen. Wollen sie doch Beide die Kirchenreform und die Wiedergeburt der deutschen Nation durch dieselbe. Als im Jahre 1532 die Türken Ungarn eroberten und Deutschland und Wien bedrohten, ließ H. Sachs auf zwei Bogen ein längeres Gedicht ausgehn „wider den blutdürstigen Türken“, in welchem er die ganze Nation in allen ihren Gliedern mächtig aufforderte, mit Kraft und Einigkeit den Erbfeind des Christenthums zu bekämpfen. Mit Carl V. beginnt er und mahnt ihn, sein Adlersgefieder zu schwingen, dann wendet er sich nach einander an das heilige Reich, an alle Stände mit den feurigsten und eindringlichsten Worten, rasch in den Kampf zu ziehen. Dafür waren auch die Nürnberger die ersten, welche im Felde erschienen, und leisteten viel mehr, als ihre Pflicht war. Ein allgemeiner Wetteifer der Städte folgte.

Ueberall, auch in streitigen Fällen, hielt er, wie Nürnberg selbst, am Kaiser fest, nicht nur als er 1536 nach Frankreich zog, sondern auch beim Ausbruch des schmalkaldischen Kriegs. Nur einmal im Jahr 1527, als Carls Truppen als Sieger in Rom einzogen, hatte sich H. Sachs mit Andreas Osiander, Prediger an der Lorenzkirche, welcher die Weissagungen des Abts Joachim aus dem 13. Jahrhundert in Bildern herausgab, vereinigt, einen directen, heftigen Angriff auf das Papstthum zu machen. Die Bürger selbst nahmen an der Schrift keinen Anstoß, der Rath aber fürchtete, sich die Ungnade des siegreichen Kaisers zuzuziehen, als dessen Unterthan er sich anzusehen liebte, und sprach herben Tadel über den Dichter aus. Deß ungeachtet fuhr die Reichsstadt fort, an der Reformation mit Treue festzuhalten und betheiligte sich 1529 nicht nur an der Protestation in Speier, sondern auch an der Verwerfung der Zwingli’schen Meinung, und vollzog auch 1530 die Augsburger Confession, indem sie nunmehr „des Kaisers Gnade nicht höher anschlagen wollten, als die Güte Gottes“. Gerade in diesem Jahre gab H. Sachs eine Reihe werthvoller Gedichte heraus, Luthers Werk dadurch zu unterstützen.

In den Jahren 1541 und 1544 ermahnte Sachs auf das ernstlichste, die Zwietracht im Reiche aufzuheben, zuerst während des Nürnberger Reichstages im „Gefängnis der göttlichen Warheit“, wo er dem Worte Gottes gegenüber vor aller Eigensucht warnt, sodann 1544 in einem Gedicht, in welchem er mit großem Ernste mahnt „respublica, den gemein nutz“ wieder einzuführen und Friede und Einigkeit wieder herzustellen. In diesem Sinne bekämpfte er auch den Feind seiner Vaterstadt, den Markgrafen Albrecht, auf das kräftigste, als dieser die Stadt 1552 belagerte.

So hat er sich stets als guter Bürger bewährt, und zu Gunsten seiner Vaterstadt bis an das Ende seines Lebens eifrig fortgeschrieben. Als er 60 Jahre alt war, kam es ihm vor, als müsse er fortan sein Leben in stiller Ruhe weiter führen, „frei und müßig von aller Poeterei“; die Muse aber ließ ihn nicht los und veranlaßte ihn, wenn auch mit matteren Kräften, zur Ehre Gottes fortzuarbeiten. Als das Leben dem Ende zueilte, sah man ihn mit seinem langen Bart an seinem Tisch sitzen und schweigend die Blicke auf seine Bücher und die geöffnete Bibel richten, welche ihm bis zuletzt als das Kleinod seiner Büchersammlung erschien.

Schönes und seltenes Beispiel eines Mannes, der in würdigster Weise durch Gottes Gnade sein Leben und Streben ganz durchführt, und einem doppelten Berufe trefflich genügt.

Dem Zwecke seiner Lebensarbeit entsprach sein Charakter als Mensch: er hatte von Jugend auf allen verderblichen Einfluß auf sein Herz abgewehrt, auch im Scherz und Humor, dem er sich zuneigte, sich niemals etwas entschlüpfen lassen, was zur Sünde reizen könnte. Wo er doch an solche Gebiete anstreift, und er hatte nach seinen weltlichen Quellen nur zu oft Veranlassung dazu, pflegt er wohl irgend ein entschuldigendes Wort hinzuzufügen, wie „verargt mir’s nit, ich bitt, Hans Sachs“. Aber zuweilen ist der Patriarch der Meistersänger ein Kind seiner Zeit und redet in seiner volksmäßigen Weise mit zu derbem, dem roheren Scherze sich zuwendenden Witze. Seine evangelische Gesinnung und seine ganze sittliche Richtung schützt ihn meist dagegen. Im Urtheil über seine eigene Moralität ist er sehr bescheiden geblieben. Dafür spricht auch der Tadel, den er gegen Ende seines Lebens in seinem Gedichte „die werke Gottes sind alle gut, wer sie im Geist erkennen thut“ über sich selbst ausspricht (s. Dichtungen von Hans Sachs von Goedeke und Tittmann, II, 253 ff.).

So wird er immer zu den evangelischen Männern gerechnet werden, welche Christenthum und Vaterland im Herzen getragen und beiden in ihrer Zeit mit größtem Segen gedient haben; immer ist er treuherzig, unschuldig, heiter und anmuthig. Durch ihn wurde die Reichsstadt Nürnberg eine der Metropolen populärer, literarischer Thätigkeit, welche auf die Bibel gestützt, eben so viel Gottesfurcht und Frömmigkeit, wie Geist und Schwung verriet!^ und in Epochen neuer Anregung des national-deutschen Geistes immer kräftig wieder auflebt, und für die Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes, die Befreiung desselben von Fremdländerei, die Rückkehr zu wahrhaft idealem Streben und zum echt evangelischen Christenthum wirksam hervortritt.

F. Ranke in Berlin

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