Brüder Serres

Brüder Serres

Es gibt hier drei Brüder, die Herren Serres; es wäre schwer zu sagen, welcher der weiseste und der frömmste von den Dreien ist. Es sind fast drei Jahre her daß sie hier weilen und alle Mühseligkeiten und alle Schmach dieser Hochgerichte erlitten haben. Und in all dem: niemals haben sie gemurrt.
Butaud de Lensonniete an die Räte von Zürich, am 12. März 1692.

Als sich die Reformierten Frankreichs durch den Abbau und den Rückruf des Edikts von Nantes durch König Ludwig XIV. vor die Wahl «Glaube oder Heimat» gestellt sahen, da bevölkerten sich in den Jahren und Monaten vor und nach dem 18. Oktober 1685 die Wege, die nach der Schweiz oder nach Holland und England in die Freiheit führten, mit flüchtigen Menschen jeden Alters und Standes. Einzeln oder in kleineren Gruppen, in mancherlei Verkleidung als Händler, Viehtreiber usw. zogen sie den Weg ihrer Sehnsucht, des Tags sich in Wäldern bergend, nachts auf Schleichwegen, in der Tasche wohlverwahrt ein Itinerarium , das ihnen den sichersten Weg wies, oder, wenn es die Mittel erlaubten, einen der Wege kundigen Führer zur Seite. Tausenden glückte die Flucht. Mit Frohlocken des Herzens betraten sie den rettenden Boden jenseits der Landesgrenze, fielen wohl im Lobe dessen, der ihnen die Kraft zur Flucht gegeben und sie in Not und Gefahr behütet hatte, nieder und küßten im Überschwang der Freude die Erde des Landes, das ihnen die Freiheit verhieß und Heimat oder doch Brücke in eine neue Heimat werden sollte. Andere Tausende freilich mußten umkehren, ehe sie die Grenze erreicht hatten, oder fielen geldgierigen oder fanatischen Menschen in die Hände, die sie vertrieben oder der Gewalt der Schergen überlieferten. Jahrelange, noch öfter lebenslängliche Kerkerhaft wartete ihrer – vor allem der Frauen – der Männer die unsäglich harte Fron als Ruderer auf den Galeeren der königlichen Flotte zu Marseille. Einer dieser Fluchtwege führte über Savoyen nach Genf.

Diesen Weg hatten jene sieben Männer und die Frau eines der Sieben eingeschlagen, die am 11. Januar 1686 zu Grenoble vor dem Parlament des Dauphins standen. Alle waren sie an der Grenze gegen Savoyen, in St-Etienne-de Corsare, anfangs des Wintermonats 1685, auf der verbotenen Flucht ergriffen worden. Dieses Dorf, am Fuß des Massivs der Chartreuse gelegen, nahe von Grenoble, war eines jener Grenzgebiete, um dessen Besitz sich Frankreich und Savoyen damals stritten. Flüchtlinge konnten wohl wähnen, sie wären schon außer Landes und gerettet im Augenblicke, da sie ihren Fuß auf diesen Landstrich setzten. Dieser Irrtum wurde jenen acht Flüchtlingen zum Verhängnis. Unter der Anklage, daß sie trotz der strengen Weisungen des Königs das Land hätten verlassen wollen, wurden sie verurteilt, die Männer zu den Galeeren: obenan drei Brüder Serres aus Montauban in Südfrankreich, nämlich David lebenslänglich, die beiden andern, Pierre und Jean, je zu zehn Jahren. In Wirklichkeit freilich kam dies auf eins hinaus, denn die auf eine bestimmte Zeit Verurteilten wurden nach Ablauf dieser Frist kaum je freigelassen, sondern blieben bis zu ihrem Tode im Kerker oder auf den Galeeren.

Die drei Brüder Serres standen damals im Alter von 26, 2l und 18 Jahren. Ihre Eltern, ihre Schwestern, ihr Vaterhaus, ihre Vaterstadt sollten sie nie wiedersehen! Sie waren Glieder einer begüterten Familie, Söhne des Tuchdruckers Pierre Serres und seiner Gattin Anna Aignan. Mit noch drei Schwestern waren sie in gefreuten Verhältnissen aufgewachsen und hatten eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung genossen. Als der Sturm der Verfolgung hereinbrach, beeilten sich die Eltern, zum großen Schmerz ihrer Kinder, ihren reformierten Glauben abzuschwören. Damit retteten sie ihre irdischen Güter, aber um einen Preis, der in den Briefen der Söhne nur leise angedeutet wird, wenn darin von Tränen die Rede ist und von Betrübnis, welche die Briefe der Söhne in den Herzen der Eltern weckten. Denn sie, die drei Söhne, hatten im festen Entschlusse, ihrem Glauben treu zu bleiben, im Oktober 1685 unverzüglich die Heimat verlassen.

Der Weg, den die drei Brüder nach ihrer Verurteilung zunächst gehen mußten, führte sie nach Marseille, der Hafenstadt der königlichen Galeeren. Pierre, der älteste, l’aine genannt, kam auf die Galeere «La Fortune» und wurde um seiner Standhaftigkeit willen sogleich als einer der Widerspenstigsten betrachtet und demgemäß behandelt. Vierzehn Jahre lang saß er, die Wintermonate, da die Galeeren im Hafen ruhten, ausgenommen, an der Ruderbank und litt all die Nöte und Leiden, die der harte Dienst und das Meer in seiner Unbill mit sich brachten, und dazu die weit schlimmeren Leiden durch herzlose Menschen, Weltliche wie Geistliche.

Seine Glaubenstreue zu bewähren, bekam Pierre Serres bald reiche Gelegenheit. Die Messe, welche die Priester im Mittelgang der Galeeren zu lesen pflegten, wurde immer wieder Anreiz, die Reformierten zu quälen. Mit Sperberaugen wachten die Geistlichen darüber, ob diese hartnäckigen Reformierten während der sogenannten Wandlung, da die Hostie erhoben wird, ihr Bonnet, ihre Kappe, die ihr glattgeschorenes Haupt vor Wind und Wetter schützen sollte, auch wirklich lüften würden. Und da die Reformierten der Messe so gut wie möglich auswichen oder sich vom Priester abwandten, geschah es wohl, daß diese, ungeachtet ihres feierlichen Ornates, ihnen nacheilten, um sie in die Nähe ihrer Zeremonie zu reißen.

Es war im vierzehnten Jahre seines Dienstes auf der Galeere, daß Pierre Serres und zwei seiner Gefährten bekannt wurde, es würde ihnen andern Tags die Bastonnade erteilt, jene schreckliche Auspeitschung mit Stöcken (batons) oder mit in Pech gehärteten Stricken, aufgespannt auf einer Bank, ausgeführt durch Türken oder Mohren, die man im Sklavenhandel gekauft oder an den Küsten Afrikas geraubt hatte. Die drei zum Opfer einer solchen Tortur ersehenen Männer beschlossen auf diese Kunde hin, eher zu sterben, als der unevangelischen Zeremonie ihre Verehrung zu erweisen. So empfingen die drei am folgenden Morgen ihre sechzig, siebzig und achtzig Hiebe auf den entblößten Rücken, und abermals am zweiten Morgen. Und diese Tortur würde auch am dritten Morgen wiederholt worden sein, hätte nicht ein Einsichtiger und noch nicht aller Menschlichkeit Verschlossener veranlaßt, daß die drei Männer mit ihren zerfleischten Rücken ins nahe Galeerenspital verbracht wurden, aus Sorge, sie würden eine dritte Auspeitschung nicht überleben. Am Tage nach dieser Mißhandlung, am 8. Oktober 1700, schrieb Pierre Serres an die Brüder und Schwestern in Jesus Christus:

«Ich schreibe Euch, die Fesseln an den Händen und die Wundmale meines göttlichen Jesus auf meinem Rücken eingeprägt. G. und ein anderer sind vor mir hier durchgekommen, die nach vier Stockschlägen gehorcht haben. Der Major ist zu mir gekommen. Er machte mir Grobheiten, auf die ich kurz, aber ruhig antwortete, er möge seinen Auftrag ausrichten. Meine Entschlossenheit hat ihn gegen mich aufgebracht. Er ließ deshalb die rauhesten Schläge auf mich niederhageln. Ich sah mich dem Tode nahe. Er wollte mich mürbe machen, indem er mit Schlagen aufhören ließ. Doch mein Entschluß, festzubleiben, versetzte ihn in Wut. Denn meine Standhaftigkeit wurde den andern zum Vorbild und machte ihnen Mut. Doch nein, ich täusche mich, das ist die Gnade des Himmels. Wie muß ich meinem Gott danken für die unschätzbare Gnade, daß er mich für die Sache des Ruhmes des Herrn leiden ließ. Daß das ganze Christenvolk ihn mit mir lobe! Darum bitte ich Euch, im Herrn Geliebte, insbesondere gläubige Seelen, bittet ihn für mich um die Gnade, daß ich aushalte bis zum Ende, denn ohne dies würde alles andere ohne Frucht bleiben und würde mich mit ewiger Schande bedecken. Während der Major noch daran war, unsere Brüder zu mißhandeln, und man mir auf seinen Befehl die Handschellen anlegte, stieg einer vom Herrn Intendanten hier herauf namens Regie, der dem Herrn Major etwas ins Ohr flüsterte und ihm eine Schrift zeigte. Dann frug man mich, und der Major sagte mit drohender Stimmc: ,Ah! So! Das ist da Herr Serres, gut, ich habe ihm gute Hiebe ausgeteilt, aber heute abend werde ich ihm das Rückgrat eindrücken auf eine Art, die er noch besser fühlen wird ! – So bereite ich mich, liebe Brüder, auf den Tod vor. Man hat es auf mich allein abgesehen, mehr als auf alle meine Kameraden zusammen. Man glaubt, daß ich heut oder morgen im Chateau d’If  sein werde, nachdem man mich in die Gehenna (61) gelegt. Ich möchte, daß dies jetzt geschehe. Dies würde mir die Folter ersparen, für die man kein Wort finden kann. – Ich habe meinen Brüdern gedient unter Gefahr meines Lebens, sei’s in den Kerkern, sei’s hier. Ich habe sie nach meinem besten Vermögen ermahnt. Ich habe ihnen als Vorbild gedient. Gebe der Vater des Erbarmens, daß ich mich nicht verleugne. Fleht im Namen des Herrn um den Beistand Gottes, damit ich siegreich hervorgehe. Erhebt Eure Hände und laßt sie nicht sinken, bis ich den Sieg errungen habe. Begleitet mich mit Euern Wünschen in meinen Kerker, sofern ich dahin muß. Ich werde Euch nicht aus den Augen verlieren: ewig werde ich die Erinnerung an Eure Guttaten, Eure Liebe und Freundlichkeit bewahren. Möge Euch Gott dafür reichlich lohnen in diesem Leben und mit ewiger Seligkeit im künftigen.»

Zwei Tage nach dieser Mißhandlung wurde Pierre Serres ins Spital gebracht und von dort, kaum daß er seiner Sinne wieder mächtig war, in ein Kerkerloch des Chateau d lf geworfen. So hatte es der König selber befohlen, daß Leute dieser Art in diese Festung eingeschlossen und mit der Strenge behandelt würden, wie sie es verdienten, und daß man alle ihre Bücher und Ermahnungen (d. h. wohl erbauliche Schriften), die man gefunden, verbrenne. Damit wird bestätigt, daß Pierre Serres kein Staatsverräter war, der mit fremden Mächten konspirierte. In Wahrheit war er ein aufrechter, in seinem Glauben unerschütterlicher Protestant und als solcher Helfer seiner Gefährten. In jenen Jahren hatte sich unter den Reformierten, die in Kerkern oder auf Galeeren litten, eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Hilfe und Stärkung gebildet. Die «Ordnung» dieser Bruderschaft betitelt sich «Weisungen, aufgestellt durch die Bekenner, die für die Wahrheit des Evangeliums leiden», datiert vom 20. Februar 1699. Ohne Zweifel haben die drei Brüder Serres an der Gründung dieser Bruderschaft Anteil gehabt. Pierre war Mitglied des leitenden Ausschusses, man möchte sagen der Kirchenpflege. Der Eingang zu dieser Ordnung lautet sehr bestimmt: «Wir verpflichten uns, einander als Hirten zu dienen nach der Mahnung des heiligen Paulus, daß einer auf den andern achthaben soll, um uns zur Liebe und zu guten Werken zu ermuntern. Wir verpflichten uns, in einem Geiste der Liebe über die Aufführung unserer ganzen Körperschaft sorgsam zu wachen, die Lasterhaften zurückzugewinnen und zu bessern, die Schwachen und Wankenden zu ermutigen und zu stärken, die Kranken zu trösten und die, die besonders verfolgt sind, die Lässigen und die Ärgernis geben, auszustoßen, damit Gott, der uns begnadet hat, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, ebensosehr verherrlicht werde durch die Reinheit unserer Sitten und durch unsere Standhaftigkeit wie durch unsere Leiden und Fesseln.» Die folgenden sechzehn Artikel sind gleichsam die Ausführungsbestimmungen zu dieser Präambel. Sie verbieten u. a., während des Meßopfers die Kappe abzuziehen; sie ordnen die Behandlung derer, die Ärgernis geben, den Sonntag nicht heiligen, einem Worte Gottes nicht gehorchen; sie gebieten ferner die Unterweisung der unwissenden Brüder, die Pflege der Kranken; sie empfehlen, Lebensläufe der auf den Galeeren leidenden Glaubensgenossen zu schreiben, u. a. m. Es war kaum Zufall, daß wenige Monate nach der Gründung dieser Bruderschaft der Sturm der Bastonnade auf Pierre Serres als auf einen Hauptförderer dieser geistigen Widerstandsbewegung niederging. Hören wir nun, was er selber, viele Monate später, an den Lausannes Pfarrer Benoit darüber schreibt: «Ich kam also Sonntag, 10. Januar 1700, ins Spital. Als man jeden von uns in ein Bett gelegt, fand sich Pater Leduc ein, zufällig oder absichtlich, und trat an das Bett, auf das man mich legte. Als dieser Schändliche mich, also schwarz wie seine Soutane, sah, hatte er, der über alles im Bilde war, die Unverschämtheit, wie zum Spotte mich zu fragen, was mir fehle, wo ich doch die Augen und das Mitleiden aller Leute im Spital, Gesunder und Kranker, auf mich zog. Ich erwiderte ihm kein Wort. ,Oh‘, sagte laut ein Forcat,sehen Sie es nicht, was er hat? Das kommt von den Auspeitschungen, die er für seinen Glauben erlitten hat !‘ – ,Aber wer ist so unmenschlich und hat Ihnen das angetan?‘ fragte der gute Pater, und warum das?‘ -,Weil ich Euren Geheimnistuereien und Euren Göttern von Holz und Erz keine Ehre erweisen wollte! Und da Sie also Urheber (dieser Schläge) sind, fügen Sie doch nicht zu dem schlechten Dienste, den Sie mir geleistet haben, noch Ihren Hohn hinzu. Sie, der, wenn Sie sich noch schämen könnten, sich vor Scham verkriechen sollten! Nie haben Sie etwas Wahnwitzigeres begangen als mit dem, was Sie da unternommen haben.‘ – Als er sah, daß ich ihm nicht auswich, erbleichte er wie ein Blatt Papier. Doch um das letzte Wort zu haben, sagte er, er sei nicht schuld, und überhaupt, ich solle bei der Messe die Kappe abnehmen und mich über ihre Zeremonien nicht lustig machen. Man würde uns schon noch lehren, die Kappe zu lüften. Dies seien die Befehle des königlichen Hofes und nicht ihre. – Ich wollte ihm nicht weiter antworten und war dazu überdies auch nicht in der Verfassung. Schließlich, als man die Heilmittel brachte, zog er sich zurück.» Diese Heilmittel bestanden in heißen Umschlägen von Essig und Gewürzen, um das Eitern der Wunden zu verhüten. Den Pater Leduc lösten andere Geistliche ab, die den beiden Geschlagenen zum Troste ankündeten, sie würden, wenn sie geheilt wären, aufs neue auf die Galeeren geschickt, um das Opfer ihres Ungehorsams zu vollenden . . .

Diese Drohungen wirkten in Pierre Serres das Gegenteil: er faßte nun, so gesteht er in jenem Briefe, alles zusammen, was er an Erleuchtung und Kraft des Geistes in sich hatte, um sich gegen die Gewalt und Wut seiner Peiniger zu wappnen. Er entsann sich jener Worte des Apostels Paulus, er sei Gott, Engeln und Heiligen (d. h. den Christen) zum Schauspiel geworden (1. Kor. 4, 9). Ihrer aller Augen fühlte er auf sich gerichtet; er hörte ihren Zuruf, fest zu bleiben, damit ihm die Krone nicht entrissen würde, der Liebe Gottes gewiß, daß er einen herrlichen Sieg davontrüge und daß sie ihm entgegenkämen, um ihn in ihren Chor aufzunehmen, allen voran der göttliche Meister: «Komm, du treuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen; ich will dich über vieles setzen; gehe ein zur Freude deines Herrn!» In diese beseligenden Gedanken hinein tappte ein Priester; hinter ihm kamen zwei Aufseher der Galeere und sagten ihm an, er würde, sobald er hergestellt, wieder auf die Galeere geführt. «So laute die Weisung des Hofes, daß unsere noch blutenden Wunden wieder aufgerissen würden. Entweder müßten wir gehorchen oder unter Stockschlägen unser Leben aushauchen.» Wir wissen, daß dem nicht so war. Serres wurde vielmehr auf Befehl des Königs eingekerkert und sollte es noch zwölf Jahre lang bleiben. Mehr denn je bedurfte er der Kraft, die ihm aus der Erinnerung an diejenigen zuströmte, die vor ihm gellitten. «Alles predigt uns Geduld. Der Diener ist nicht größer als der Meister. Hat man ihn verfolgt, verfolgt man auch die Diener. Hat er das Kreuz getragen, sollten wir das unsrige nicht tragen? Paulus ermahnt uns, ihn nachzuahmen, wie er Christus nachgeahmt hat. Wie viele Leiden hat er erduldet. Ihre Zahl ist wunderbar und ihre Weise schrecklich. Aber dennoch wird er Sieger. Gott hilft ihm. Vermochte er nichts aus sich selbst, so vermochte er alles durch Christus. – Wir leiden, aber nach allem Anschein haben wir mehr als zwei Drittel des Weges hinter uns. Zwanzig Jahre sind vergangen; zehn werden unsere Leiden enden, ich müßte mich denn täuschen. – Wiewohl wir die schönste Blüte unseres Lebens in Ketten und Leiden verbracht haben – was vergangen ist, ist vergangen, und wir haben diesen Gewinn vor den Reichen, daß wir dies Leben leichteren Herzens verlassen; Gottes Kind sein zu dürfen, das übertrifft, ob arm, ob reich, alles andere. Darum wollen wir mit unserem Lohn zufrieden sein, weil wir für die Ewigkeit geschaffen sind und weil unser im Himmel ein besseres Los wartet.»

Vom zweiten der drei Brüder, von David, le puine, der Nachgeborene, genannt, wissen wir, daß er zunächst auf die Galeere «La Favorite» kam und im Jahre 1690 krank lag, so daß es schwer war, über ihn Nachricht zu erhalten, denn er wurde streng überwacht. Aber trotz seiner Krankheit wurde er mit seinem jüngsten Bruder Jean zur Ausfahrt der Flotte nach Rouen bestimmt, wo er über den Winter 1690/91 weilte. Von einer Dame De na Roque, welche die Glaubensgenossen öfters besuchte, empfing er mancherlei Hilfe. (Während der Wintermonate wurden die Galeerensträflinge losgekettet und lebten des Tags, die reformierten in leichteren Ketten, in kleinen Buden am Strand, wo sie allerlei Arbeiten ihres einstigen Berufes oder Gewerbes trieben. Dieser Umstand mag den Verkehr der Außenwelt mit den Sträflingen erleichtert haben ) Warum wurde David Serres so streng überwacht? Warum wurde auch ihm, besonders im Jahre 1692, die Bastonnade erteilt, wie wir es aus dem Dankbrief eines Edelmanns aus der Normandie an die Räte von Zürich erfahren? Auch David wurde beschuldigt, mit Staatsfeinden geheime Verbindungen zu unterhalten. Diese alarmierende Nachricht lesen wir in einer Depesche des Ministers de Montolieu vom März 1696, der findet, solche Fromme wären auf jeden Fall besser in Festungen verwahrt als auf den Galeeren, wo ihnen jeder Verkehr frei sei. Doch es konnte kein Beweis dieser Beschuldigungen erbracht werden. In den Briefen an seine Freunde fand man nichts Belastenderes als sehr verständliche Klagen über die harte Behandlung der zu den Galeeren verurteilten Glaubensgenossen. Trotzdem wurde David in ein besonderes Gefängnis im Spital eingeschlossen und angekettet. Auf einem Schweizer, der ihn besuchte, fand man ein Neues Testament. Aus Furcht bekannte dieser, das Buch von David Serres empfangen zu haben. Dies war also die ganze Schwere seines Verbrechens, den Glaubensgenossen Bibeln und erbauliche Bücher geliehen zu haben. Nun setzte eine strenge Untersuchung ein. Gleichzeitig fiel die Anweisung auf eine Unterstützung eines Verwandten von Serres in die Hände der Richter. Freimütig gestand David, die Gelder, die er von Freunden in der Stadt empfangen, mit den Büchern an seine Leidens- und Glaubensgenossen verteilt zu haben. Er erfülle damit nur eine Liebespflicht. Mit keiner Silbe aber nenne er die Spender und Vermittler dieser Gaben und Schriften; und hiebe man ihn in Stücke, niemals erführe man es von ihm. Dennoch wollte der Verdacht verräterischer Tätigkeit nicht verstummen. Im Juli desselben Jahres erhob sich ein neuer Sturm wider David, auf Grund der Verleumdungen eines gemeinen Sträflings. Ein Soldat und zwei Matrosen wurden verhaftet, der erste, weil er Papiere, die er auf David gefunden, zu dessen Gunsten zerrissen und ins Meer geworfen; die andern, weil sie David Botendienste geleistet hatten. Sie wurden an Ketten gelegt und auf Galeeren verschickt. David wird gewarnt: er möge sich vorsehen; es sei beabsichtigt, ihn so zu verwahren, daß er des Lichts, dessen er sich bisher noch erfreut, beraubt würde. So erfahren wir es aus einem Briefe seines jüngsten Bruders Jean, und er fügt darin bei: sein Bruder David hätte ihm auf einem kleinen Kästchen mit Kreide Lebewohl gesagt, da er nicht glaube, ihn je wieder sehen zu dürfen. So tief Jean diese Nachricht betrübt, der Schluß des Briefes hätte alle trüben Gefühle in Freude ersticken lassen: wohl habe er dem wahren Schmerz darüber Ausdruck verliehen, daß er uns verlassen müsse, aber da es im Dienste des Meisters geschehe, der will, daß wir Vater, Mutter, Schwestern und Brüder und uns selber verleugnen, wenn es gilt, ihm nachzufolgen, so habe er den Schmerz der Pflicht aufgeopfert und ihm, dem Bruder, durch diesen so heiligen Entschluß ein vollkommenes Vorbild der Ergebung und des Gehorsams unter die Befehle des Herrn aller Dinge gegeben. Wirklich erfüllte sich, was David befürchtet hatte. War die Gefangenschaft anfänglich noch leidlich erträglich, so wurde sie nach kurzer Zeit verschärft. Er wurde in ein noch dunkleres Verlies eingeschlossen. Warum? Im gleichen Kerker war ein alter Herr, ein Abbe de Maupeou, gelegen. Dieser fiel eines Tages in tödliche Krankheit. Als man ihn zwingen wollte, zu beichten und zu tun, was man die Pflicht nennt, wollte er unbedingt nichts tun, so daß man wohl fühlte, er sei andern Sinnes geworden. Wer konnte Urheber dieser Wandlung sein? Doch einzig David Serres, mit dem sich der Abbe oft unterhalten hatte. Nun gab’s Lärm. Man schrieb, wie Serres vermutete, an den Hof nach Paris. Aber der Abbe blieb entschlossen, zu leben und zu sterben, ohne jene Pflicht gegen die römische Kirche zu erfüllen. Aber auch Serres blieb standhaft. Nur selten drang eine Kunde aus seinem Kerker zu seinen Brüdern. Im Jahre 1699 empfängt der Jüngste ein Lebenszeichen durch einen Freund, der in das Gemach des Bruders hatte eindringen können, ohne zu ahnen, daß David dort lag, der ihn aber erkannte und voller Freude umarmte. Er befinde sich, Gott sei Dank, wohl. Sein Gemach habe ein Fenster und spende etwas Licht; er könne trotz der Kette, die im Hintergrund der Mauer befestigt sei, umherwandern. Vorübergehend durfte David sogar wieder im erträglicheren Spitalgefängnis weilen, bis am 20. Juli vom Hofe Weisung kam, daß der genannte Serres, der im Gefängnis des Galeerenspitals liege und sich zum Prediger aufgeworfen habe, in die Zitadelle von Marseille übergeführt werde. Also auch David war gleich seinem Bruder Pierre kein Landesverräter, aber ein tapferer Mann, der es wagte, den Genossen seines Glaubens als Prediger, als Mahner und Tröster im Sinne jener Bruderschaft zu dienen, und der überdies in einer Eingabe die Stimme gegen die barbarische Behandlung der Reformierten erhoben hatte! So maßvoll jene Schrift auch abgefaßt war und so ehrerbietig, man fahndete begreiflicherweise nach ihrem Verfasser. David Serres bekannte sich ohne Zögern als ihren Urheber. Einem derart gefährlichen Manne mußte das Handwerk gelegt werden: also Einkerkerung in die Festung St-Nicolas. Ein Brieflein des Bruders Jean vom 17. Mai 1702 berichtet kurz über Davids Ergehen in diesem Verlies: «Herr von Lensionnere ist immer noch im Fort St-Nicolas, mit meinem Bruder, dem Nachgeborenen (also David). Sie speisen zusammen und trösten einander durch fromme Gespräche. Aber dieser liebe Bruder liegt in einem sehr schlimmen Loch, vollständig des Lichts beraubt und so feucht daß sogar die Kleider an ihm faulen. Es ist ein großes Wunder, daß Gott ihm das Leben erhält in einer so schrecklichen Höhle, denn sie liegt 17 oder 18 Fuß unter der Erde. Ich hatte das Glück, sie (die beiden Gefangenen) zweimal zu besuchen, und ich kann Ihnen versichern daß sie da sehr zufrieden und dem Willen Gottes sehr ergeben leben.» David Serres gibt selber nachher in einem längeren Briefe Kunde von seinem Ergehen. Der Arzt des Spitals hat ihn besucht und dem ihn begleitenden Major gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben, daß ein Mensch in diesen Höhlen leben könne. Serres erzählt dem Arzte, daß er bereits fünf seiner Zähne dieser feuchten Luft habe opfern müssen. Darauf der Arzt: wenn Serres länger hier bleibe, werde er nicht bloß alle Zähne, sondern auch den Verstand verlieren. Wirklich sind etliche Gefangene irrsinnig geworden. Die Cachots, die Löcher dieser Festung, seien, erzählt Serres, jetzt noch weit finsterer und schrecklicher als zur Zeit, da ihr guter Bruder Ragatz (38) hier eingeschlossen gewesen. Denn als eines Tages ein an Serres gerichtetes Billet in die Hände der Aufseher gefallen sei, habe man die Gitter der Fenster vollends geschlossen. Nun vermöge das Licht nur noch durch zwei Spalten einzudringen, die so eng seien, daß man kaum den kleinen Finger hineinstoßen könnte. Begreiflich, daß man in diesen Löchern weder lesen noch schreiben könne. Von einer Lampe keine Spur. Den Bitten des menschlich fühlenden Arztes, Serres einige Erleichterungen zu gewähren, schenkte der Kommandant der Festung kein Gehör. «Die Härte unserer Peiniger ist so groß, daß, wenn es Gott, der wunderbar ist an Rat und reich an Mitteln, nicht gefällt, uns aus ihren Händen zu befreien oder ihnen mildere Gefühle einzuflößen, wir nicht hoffen dürfen, die geringsten Erleichterungen zu erlangen. Wir müssen uns darauf rüsten, unsere Tage in diesen traurigen Grüften zu beenden, vielleicht sogar ohne Heilmittel. – Unsere Brüder in den anderen Festungen und auf den Galeeren haben es kaum besser als wir. Setzten wir nicht die Hoffnung auf Christus statt einzig auf dieses Leben, wir wären die elendesten aller Menschen, denn was für ein größeres Elend kann man sich denken als dieses: mit Ketten beschwert zu sein, gefressen von den Würmern, der Wut eines barbarischen Aufsehers ausgeliefert, den Leiden und unerträglichen Arbeiten unterworfen, in Gesellschaft von Gottlosen und Verbrechern, die ständig Flüche und Zoten im Munde führen, welch größeres Elend als dieses, durch Jahre hindurch des Tageslichts beraubt zu sein, Beute des Geizes und der Härte eines unbarmherzigen Wächters und sich sozusagen jeden Augenblick sterben fühlen! – Uns auf einen Schlag töten wäre menschlich und süß. Aber man will uns langsam, nach und nach durch die Bitternis einer langen und harten Sklaverei verderben lassen.» Diesen Ausbrüchen der inneren Not im Ausblick auf eine düstere Zukunft läßt David Serres aber die freudige Hoffnung des Eingangs in eine höhere Welt folgen! «Was sind im Grunde diese Leiden, verglichen mit den ewigen und unendlichen Gütern, die unser warten? Und was für Grund haben wir nicht, uns mitten in unserem Elend zu trösten und zu freuen im Gedanken daran, daß wir nach diesem kurzen und traurigen Dasein in den Besitz eines unendlich glückseligen Lebens eingehen, das nimmer aufhört ?» Und so vermag David in einem späteren Briefe seinen jüngsten Bruder, der damals im Gefängnis des Spitals krank lag, zu trösten: es sei doch besser, in diesem Kerker zu liegen, als auf die Galeeren zurück zu müssen mit all ihrer Not, ihrem Schmutz, mit den tausend Flüchen und Gemeinheiten, die man dort täglich anhören müsse. «So fühle ich mich auch hier in meinem dunklen und feuchten Kerkerloch, wo ich schier lebendig verfaule, doch glücklicher, als wenn ich noch an jenem schwimmenden Galgen wäre, wo ich an Leib und Seele gemartert worden bin.»

Der Jüngste der drei Brüder, Jean, «le cadet» geheißen, diente zunächst nacheinander auf verschiedenen Galeeren, zuletzt auf der «Grande Reale» (der «Großen Königlichen») und verbrachte, wie wir schon erzählt haben, den Winter 1690/91 mit seinem Bruder David in Rouen. Als ein noch sehr jugendlicher Mensch scheint er größere Rücksicht erfahren zu haben als seine Brüder. Geschah dies in der Absicht, ihn leichter in seiner Überzeugung wankend zu machen, so sahen sich seine Verfolger getäuscht. Er blieb an Treue und Standhaftigkeit keineswegs hinter seinen Brüdern zurück. Und mehr als sie war er als Ruderer den Unbilden und Nöten seines Dienstes ausgesetzt. Er erlebte auf einer kriegerischen Unternehmung im Mittelmeer alle Schrecken und Ängste der stürmischen See, und dies in unmittelbarer Gefahr, von der spanischen Flotte aufgeholt und aufgerieben zu werden. Da kam in höchster Not Befehl zum Rückzug der Flotte in den Hafen von Marseille, nachdem sieben Galeeren beinahe Schiffbruch erlitten hatten. Schließlich entging auch Jean Serres dem Los, das schon seine Brüder getroffen, nicht: 1702 ward er eingeschlossen, zuerst in den Cachots des Spitals, die er als einigermaßen erträglich schildert, und wo er bessere Gelegenheit fand, seine schwachen und kranken und sterbenden Brüder zu trösten. Ja selbst einen geistig so hochstehenden Dulder wie den edlen, tief frommen Isaac Le Febvre der hoffnungslos krank im Fort St-Jean darniederlag, weiß der junge Serres in einem uns noch erhaltenen Briefe aufzurichten. Aus der milderen Haft im Spitalgefängnis waren Jean Serres im Jahre 1706 ins Chateau d’If eingeschlossen, wo schon seit sechs Jahren sein ältester Bruder schmachtete. So lagen nun alle drei Brüder in finsteren Kerkern, man mochte sagen lebendig begraben, weil sie nicht bloß ihrem Glauben unerschütterlich die Treue hielten, sondern ihren Leidens- und Glaubensgenossen Freunde, Helfer, Seelsorger, Brüder geworden waren. Gerade Jean, der jüngste, muß mit besonders wachen Sinnen und mit unermüdlichem Bemühen alles beobachtet und erfragt haben, was er an Mitteilungen über das Los seiner leiblichen und der übrigen Brüder in Erfahrung bringen konnte. Im Jahre 1709 waren nach seinen Nachforschungen noch zwanzig dieser Brüder in den Kerkern des Spitals und des Chateau d’If. Sieben waren innerhalb zwei Jahren ihren Leiden erlegen. Und von den dreizehn sagt Jean, daß die meisten sich am Rande des Grabes befänden und glücklich zu preisen seien, wenn sie mit glühendem Verlangen nach der allein uns rettenden Gnade Gottes bekennen dürfen: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.» Ihm und seinen Brüdern schlug endlich die Stunde der Befreiung. Warum sollten sie nicht hoffen, noch einmal frei zu werden? Waren nicht wider Erwarten einzelnen ihrer Gefährten die Ketten gelöst worden? War nicht da und dort einem das Tor seines Kerkers geöffnet worden? Im Frühling 1700 war der Zürcher Oberländer Jakob Mahler (64), im Sommer des gleichen Jahres der in Tamins heimatberechtigte Paul Ragatz freigelassen worden, jener durch Fürsprache seiner heimatlichen Obrigkeit, dieser dank der hohen Gunst, deren sein Bündner Landsmann General Stoppa (40) beim König genoß. Zwei Jahre vor ihnen war der edle Elie Neau aus dem Chateau d’If entlassen worden, angeblich aus Gnade Ludwigs XIV., in Wahrheit auf Druck des englischen Königs, Wilhelms III. von Oranien „. Aber jene beiden waren Schweizer Bürger, Elie Neau war schon vor seiner Gefangennahme englischer Bürger gewesen. Was aber hatte ein Untertan Ludwigs XIV. zu hoffen? Denn ihm und seinen Ratgebern galten die gefangenen und rudernden Hugenotten schlechthin als Rebellen, als aopiniatres», als Übertreter der königlichen Gesetze und Befehle, gleichviel, ob sie auf der Flucht ins protestantische Ausland oder in einem nächtlichen Gottesdienst in irgendeiner verborgenen Waldschlucht ergriffen worden waren. Was sie zur Flucht getrieben und in jene Versammlungen geführt, die Treue zu ihrem Glauben, das zählte nicht. Hartnäckig hielt man an der Fiktion fest: jene Männer und Fraue sind Widerspenstige; sie leiden nur, was sie verdient haben. Aber wie das Licht durch die kleinste Ritze dringt, so fanden die Notschreie dieser tapferen Glaubenszeugen ihren Weg durch die Kerkermauern in die Welt hinaus. Die Wahrheit über ihre unmenschliche Behandlung konnte der Welt auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Ergreifende Schilderungen ihrer Leiden wurden in Abschriften und bald genug im Druck in den Ländern des Protestantismus verbreitet. Sie weckten überall Mitgefühl und Empörung. Gerade um 1700 herum mehren sich diese Stimmen. Die Schicksale des Konvertiten Jean Bion (61), des angesehenen Louis de Marolles des edlen Isaac Le Febvre rütteln die Gewissen auf. Weitherum wird für die Glaubensgenossen, die auf Galeeren und in Kerkern für ihre Überzeugung leiden, gebetet! Man bewundert ihre Treue; man bangt um die, die täglich in der Versuchung des Abfalls stehen; man preist Gott, der ihnen die Kraft gibt, zu widerstehen; man bestürmt nicht nur den Himmel, man bestürmt die Gesandten des französischen Hofes. Aber in Versailles hat man für solche Stimmen kein Ohr. Man verbittet sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Staates. Nach außen steht man mit halb Europa im Kriege. Doch auf die Friedensschlüsse eben dieser Kriege, die doch einmal enden müssen, setzen nun die Reformierten ihre Hoffnung, die in den Kerkern und auf den Galeeren, und erst recht die unzähligen Refugianten in der Schweiz, in Holland, in England, in Deutschland, die das Heimweh nach dem schönen Frankreich schier verzehrt. Und in ihrer Hoffnung werden sie bestärkt durch ihren eifrigsten Fürsprecher, Jacques de Rochegude in Vevey, einen ehemaligen Offizier im Heere Ludwigs XIV., um seiner Glaubenstreue willen eingekerkert, aber nach kurzer Gefangenschaft entlassen und an die Schweizer Grenze gestellt, da er die ihm angebotene Rangerhöhung im Heere um den Preis der Untreue gegen seinen Glauben ausschlägt. Unermüdlich reist er, bald im Auftrage der Evangelischen Orte, bald aus eigenem Antrieb, an die protestantischen Fürstenhöfe, wirbt in Briefen und in Vorträgen vor Königen und Parlamenten für sein hohes Ziel, die Freilassung der armen eingekerkerten und im Ruderdienst sich aufreibenden Glau bensfreunde, ja für die völlige Wiederherstellung der reformierten Kirche Frankreichs und damit für die Heimkehr der in aller Welt zerstreuten Refugianten und Exulanten. Und wie oft wird seine Hoffnung getäuscht; nie aber wird sein Glaube erschüttert! Der pfälzische Erbfolgekrieg wird beendet, ohne daß im Friedensvertrag zu Rijswijk der Reformierten gedacht wird. Als der spanische Erbfolgekrieg dem Ende zuneigt, da schwillt die Hoffnung der nach Freiheit Lechzenden wieder mächtig an, und noch rastloser arbeitet de Rochegude für die Erfüllung ihrer Hoffnung.*

Öffnet man im Staatsarchiv zu Zürich z. B. eine jener Mappen mit den vergilbten Dokumenten und Briefen jener Jahre zwischen 1700 und 1714, liegen immer wieder die Briefe dieses Mannes vor einem, der nur noch diese eine Aufgabe seines Lebens kannte, um sich dann, wenn sie vollendet sei, wie er einmal schreibt, in einen stillen Winkel zurückzuziehen.

In der Königin Anna von England fanden de Rochegude und alle die Freunde der verfolgten Reformierten eine warm empfindende Förderin ihrer Ziele. Die Schilderung von der Not der Galeriens, die de Rochegude ihr vortrug, griffen ihr ans Herz. Es bedurfte der Bitten der Exzellenzen von Zürich und Bern und der protestantischen Fürsten wahrlich nicht mehr, diese «Beschützerin des Glaubens» für die Freilassung der reformierten Gefangenen zu bewegen. Und doch – zunächst schien wiederum alle Hoffnung fehlzuschlagen. Am 11. April 1713 wird der Friede zu Utrecht geschlossen. Und wieder kein Wort zugunsten der Reformierten! Wie Wunsch und Wille Königin Annas dem französischen Machthaber dennoch kund wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. «La lose est faite» – die Sache ist in Ordnung – wird de Rochegude vom englischen Schatzmeister versichert. Und wirklich: am 17. Mai 1713 erläßt Ludwig XIV. Weisung, daß 136 Forcats in Freiheit gesetzt werden sollen, unter der Bedingung, sie müßten sich sofort und unverzüglich in fremde Länder begeben; wo nicht, würden sie wieder auf die Galeeren zurückgeführt, wo sie dann lebenslänglich bleiben müßten. So ergriffen denn am 20. Juni die ersten 36 Freigelassenen den Wanderstab und erreichten über Piemont und Savoyen am 20. Juli Genf, wohin ihnen die übrigen auf dem Fuße nachfolgten. Wie Boten Gottes wurden sie empfangen und mit Zeichen brüderlicher Liebe überschüttet. Am 11. August trafen ihrer 24 in Zürich ein. In der Schar dieser Glücklichen gingen auch die Brüder David und Jean Serres. Den Leitern der Republik und Kirche Zürichs waren diese nicht ganz fremd. Schon zwei Jahre zuvor trug eine Bittschrift von zehn Galeriens aus Marseille die Unterschrift der Brüder Serres. Vor der Stadt draußen wurden die 24 Heimatsuchenden vom Pfarrer und von den Ältesten der Französischen Kirche in Zürich empfangen und durch die Stadt zum Rathaus geführt. Viel Volk säumte die Straße, und es war nicht bloße Neugier, was die Leute auf die Gassen trieb. Im Rathaus nun wurden die Glaubensbrüder vom französischen Pfarrer und von Joh. Ludwig Hirzel begrüßt. David und Jean Serres zogen mit fünf ihrer Freunde bald weiter. Ihr Ziel war England. Von Frankfurt aus richteten sie am 19. September einen von tiefer Ehrerbietung beseelten Dankbrief an Joh. Ludwig Hirzel und baten die Herren von Zürich inständig, ihren Schutz auch den Brüdern angedeihen zu lassen, die noch in Fesseln und Kerkern liegen. Einer dieser 24 Freigelassenen, Jean-Baptiste Bancilhon aus Florac schilderte nachträglich in einem Briefe an ein Fräulein von Goton (datiert von London, 6. Dezember 1713) die Erlebnisse der Reise, die sie über Genf, Bern, Zürich und Holland nach England führte. Was Bancilhon von ihrer Aufnahme in Zürich erzählt, sei als ansprechendes Zeitbild hier eingeschaltet: «Man mußte sieben Tage in Zürich bleiben, da keine Wagen für die Weiterreise zur Verfügung standen. So hatten wir Zeit, hier viele Leute zu sehen. Eines Morgens machten wir einem dieser Herren unsere Aufwartung.Wir trafen ihn in seinem Kabinett über dem Studium. Er bezeugte uns seine Freude über unsere Freilassung. ,Ich pflege jeden Morgen‘, sagte er, ,einige Stunden zu meditieren; Sie sind oft in meinen Gedanken vor mir erschienen; erst vor wenigen Tagen dachte ich an den Hof von Versailles und im selben Augenblick an Ihre Ketten, und wie ich Ihr Los mit dem dieser ,freien‘ Menschen verglichen habe, sagte ich bei mir selber, daß Sie unendlich viel glücklicher seien.‘ – Er sagte uns noch tausend andere schöne Dinge über die Religion. Diese Herren widmen ihre Morgenstunden der Lektüre und Meditation und begeben sich dann ins Rathaus an die Arbeit an ihren Staatsgeschäften. Kein Wunder, daß sie diese so wohl leiten, da sie vor allen Dingen Gott erst um Rat fragen. Herr Bürgermeister Escher beehrte uns mit seinem Besuche am Vorabend unserer Abreise und gab uns 21 Louisdor für 21 unserer Brüder, die hier schon versorgt und bedacht waren; ,ich bin dankbar‘, sagte er, ,wenn Sie sie ihnen selber geben, um ein Gerede zu verhüten. Wir leben in einem kleinen Lande‘, sagte er, ,drum sind wir auch nicht sehr reich; aber wir suchen etwas zu sparen, um es in der Not herzugeben; wir haben hier weder Kutschen noch Diener; ich habe hier für mich nur eine Magd.’»

Der Brief trägt die Unterschrift von Serres le puinc, Scrres le jeune, Damouyn, Sabatier, Bancilhon, Rullanel und Bousquet.

Über Rotterdam und Denhaag erreichten die sieben Aufrechten am 21. Oktober London, wo sie in Gegenwart von Henri de Mirmand, einem nach Neuchatel geflohenen Adeligen, und dem uns bekannten de Rochegude der Königin ihren Dank abstatteten. Es war Jean Serres, der im Namen der Befreiten diesen Dank aussprach, «tres humblement», sehr ehrerbietig, wie der Brief sich ausdrückt, der uns diese Szene schildert, und die Königin zugleich anflehte, der großen Zahl derer zu gedenken, die noch immer auf den Galeeren und in den Gefängnissen zurückgeblieben waren. «Sie (die Königin) gab uns mit der Hand ein Zeichen (ihrer Zustimmung) und sprach einige Worte auf eine sehr huldvolle Weise; doch war es uns nicht möglich, sie zu verstehen.»

Die beiden Brüder, die von den Generalstaaten der Niederlande ein Jahresgehalt von je 400 Florin und ein Jahr Urlaub für England erhalten hatten, blieben nun zunächst in London. Von dort aus waren sie für die Freilassung der noch nicht befreiten Brüder tätig. Denn von ungefähr 400 um des Glaubens willen Gefangengehaltenen war nun kaum die Hälfte entlassen worden. Am 1. Mai 1714 betrat eine zweite Gruppe von 44 Freigelassenen in Genf den Boden der Freiheit. Pierre Serres, der älteste der drei Brüder, war in dieser Nachhut. Das Zürcher Staatsarchiv bewahrt ein in schöner Schrift abgefaßtes Memorial, das zur Information über die noch nicht Freigelassenen diente. In acht Klassen, je nach der Art ihres Vergehens, werden links die schon Freigelassenen, rechts die noch Zurückgehaltenen mit ihren Namen aufgeführt. Pierre Serres Sache wird in einem besonderen Zusatz sehr geschickt verfochten. Es wird auf den Umstand hingewiesen, daß David Serres, der seinerzeit zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt wurde, nunmehr frei sei, während Pierre, dessen Strafzeit auf zehn Jahre beschränkt war, noch immer gefangen liege. Alle drei Brüder seien wegen des gleichen Vergehens verhaftet und verurteilt worden, folglich seien sie wohl auch gleicher Schuld teilhaftig.

So öffnete sich also auch für Pierre das Tor seines Kerkers, am 7. März 1714. Am 26. März führte ihn eine Barke nach San Remo. Über Genf und Holland gelangte Pierre nach London, wo er König Georg I. vorgestellt wurde der seiner am 11. August 1714 verstorbenen Mutter auf dem Throne Englands gefolgt war. Wie vor Monaten seinem Bruder Jean fiel nun auch Pierre der Auftrag zu, den Dank für die königliche Fürsprache abzustatten. Im Winter 1715 finden wir Pierre in Amsterdam; am Neujahr 1716 weilen alle drei Brüder in London. An diesem Tag übermittelt deRochegude den Brüdern zu Marseille, die noch gefangen sind, den Gruß der drei Befreiten: «Es grüßen Euch ganz besonders die drei würdigen Serres; sie halten sich nicht für völlig frei, bis sie Euch in voller Freiheit sehen!»

Und nun in Kürze das, was wir vom Lebensabend der drei Brüder wissen:

Pierre, der ebenfalls mit einer Pension der Generalstaaten bedacht worden war, ließ sich in London nieder, verheiratete sich dort und starb am 17. August 1741 im Alter von 81 Jahren.

David blieb in Amsterdam, ehelichte eine Margareta Morel. Am 9. Mai 1733 segnete er das Zeitliche, im Alter von 68 Jahren. Daß er, wie sein Biograph Gaston Tournier berichtet, 1724 zum zweitenmal in Zürich geweilt habe und von dort mit einem Reisegeld nach Magdeburg entlassen worden sei, beruht offensichtlich auf einem Irrtum

Jean Serres, der Jüngste, scheint ledig geblieben zu sein. Er wurde nach seiner Freilassung in Winchester in England heimisch. Der Pfarrer der Kathedrale, Reverend Cheyncy, schenkte ihm seine Freundschaft. Als Dank für empfangene Hilfe verehrte Jean diesem hohen Kirchenmann den kostbarsten Schatz, den er aus der Gefangenschaft gerettet hatte: sein Neues Testament. Es war ihm einst von dem nach Holland geflüchteten Pfarrer David Martin in Utrecht geschenkt worden. Martin selber hatte es übersetzt oder doch mit Erläuterungen herausgegeben. «Ich empfing es trotz der Strenge, mit der man mich beobachtete, um zu verhüten, daß ich mich der Tröstungen freuen könnte, die meine so lange und so beschwerliche Gefangenschaft nötig hatte. Das heilige Buch blieb viele Jahre bei mir in meinen Ketten. Aber das Wort der Wahrheit, das es einschließt, war keineswegs gebunden. Es ließ mich über Lüge und Irrtum der Papisten, so wütig sie mich anfielen, triumphieren. Nachdem Gott endlich meine drückenden Ketten zerbrochen, nahm ich es mit mir als Zeuge eines Wunders seiner Vorsehung, die mich in tausend unermeßlichen Gefahren behütet hatte. Ich hoffe, Sie werden das, was ich Ihnen da sage, als ein sehr kostbares Geschenk mit Freuden annehmen. Mein Wunsch: möchten Sie mindestens so viele Jahre lang darin lesen dürfen, wie ich darin gelesen habe, und das ewige Leben, dessen Quelle es ist, daraus schöpfen.» Er habe das Buch wieder ausgebessert, vielleicht neu gebunden, bemerkt Jean Serres in seinem Briefe so nebenbei. Wie sollte es auf Galeeren und in Kerkerlöchern nicht Schaden genommen haben, nicht lose geworden sein vom vielen Lesen und, wer weiß, nicht gelitten haben von heißen Tränen, die auf seine Blätter fielen? Dem Buch legte Jean noch das Zeugnis seiner Freilassung bei, datiert von jenem denkwürdigen 20. Juni 1713. Jean starb am 6. Februar 1754, 86jährig. An ihn erinnert in der Kathedrale zu Winchester eine Gedenktafel. In lateinischer Sprache gibt sie der Nachwelt Kunde von seiner Glaubenstreue in 27 Jahren harter Fron und bitterer Not.

Kommentare sind geschlossen.