Katharina Zell, geborene Schütz

Katharina Zell, geborene Schütz

„Du thust treulich, was du thust, an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeuget haben vor der Gemeinde; und du hast wohlgethan, daß du sie abgefertigt hast würdiglich vor Gott. Denn um seines Namens willen sind sie ausgezogen. – So wollen wir nun solche aufnehmen, auf daß wir der Wahrheit Gehülfen werden.“ (3. Joh. 5 – 8)

Wie Wittenberg, so hat auch Straßburg zur Reformationszeit seine „Frau Käthe“ von Gottes Gnaden gehabt, als Schmuck und Ehr, beides, des frisch glänzenden Evangeliums, und des deutschen Frauenthums.

Unsere Katharina Zell ist dem Handwerkerstande entsprossen, ums Jahr 1497 geboren, und die Tochter des ehrsamen Schreinermeisters Schütz. Aus ihrer Jugend weiß man nur, was sie selbst hier und da nebenher davon erzählt. Denn sie hatte eine schöne Begabung de Rede, welche sie sowohl mit der Zunge, als mit der Feder Vielen zum Trost und Segen zu üben pflegte. Hiernach ist sie im Geringsten nicht etwa eine jener idealischen Naturen gewesen, welche der Außenwelt gegenüber schüchtern und zurückgezogen erscheinen, während inwendig die unsichtbare Welt des Gemüthes in reicher, reiner Blüthe steht, und wie wir uns Maria, die Bethanierinn, so gern denken, als ein Bild deutscher Jungfräulichkeit. Vielmehr schaute sie von Kindesbeinen an mit Augen, wackern Augen in die vorliegenden, nächsten Verhältnisse, erkannte rasch den Punkt, wo sie eingreifen müsse, und griff dann frischweg, fröhlich und ungeheißen an. Zum Thun, Lieben, Dienen und hülfreichen Beispringen war sie geschaffen, durchaus eine Martha; auch im Anfang ihres Wirkens mit jenem Anflug selbstgefälliger Vielgeschäftigkeit, auf welche der Herr dort im Lazarushaus mit warnendem Finger hindeutete.

Das Mägdlein wuchs in den frommen Sitten und Ehren deutschen Bürgerthums auf, und hielt sich also von Herzen getreu zur Kirche und ihrem Werke. Sie liebte sehr das Gespräch mit ihren geistlichen Lehrern über christliche Gegenstände, und ward dafür wegen ihrer Bereitwilligkeit und Geschicktheit zu allerhand Aushülfe von Allen geliebt und gelobt. So war’s ihr keine Entbehrung, „Tanz, Weltfreude oder Fastnacht“ zu meiden. Denn allen Wegen, auf welchen es zu Tändelei und Leichtfertigkeit hinaus ging, war sie von Herzen gram. Schier zu viel Werkdienste muthete die Jungfrau sich zu, in der allerfrömmsten Meinung, ihrer Seele Ruhe zu erwerben. Sagt sie doch selbst: „sie sei von ihrem zehnten Jahre an eine Kirchenmutter gewesen.“ Sie hatte das „gute Theil“ noch nicht erwählt. Da brach das Licht der Reformation hindurch, und sie vernahm des Meisters Stimme: „Martha! Martha! Du hast viel Sorge un Mühe; Eins aber ist Noth!“ Sie selbst gedenkt später dieser Zeit des in ihrem Herzen aufgehenden Morgensterns mit folgenden Worten: „Da aber meine Anfechtung und des Himmelreichs willen groß ward, und ich in all meinen schweren Werken, Gottesdienst und großer Pein meines Leibes, auch von allen Gelehrten keinen Trost, noch Sicherheit der Liebe und Gnade Gottes konnte finden, noch überkommen, bin ich an Leib und Seele bis auf den Tod krank und schwach worden, und ist mir gangen, wie dem armen Weiblein im Evangelio, das alles sein Gut bei den Aerzten immerdar verlor. Da es aber von Christo höret, und zu ihm kam, da wurde ihm durch denselbigen geholfen. Also mir auch, und manchen bekümmerten Herzen, die damals mit mir in großer Anfechtung, viel herrlicher alter Frauen und auch Jungfrauen, die meiner Gesellschaft begierig, und mit Freuden meine Gespielen waren. Und da wir in solcher Angst und Sorg der Gnaden Gottes stunden, und aber in allen unsern vielen Werken, Uebung und Sacramenten derselbigen Kirche nie keine Ruhe finden mochten, da erbarmte sich Gott unser und vieler Menschen, erweckte und sandte aus, mit Mund und Schriften, den lieben und jetzt seligen Doctor Martin Luther, der mir und Andern den Herrn Jesum Christum so lieblich fürschriebe, daß ich meinte, man zöge mich aus dem Erdreich herauf, ja aus der grimmen, bittern Hölle in das lieblich süße Himmelreich, daß ich gedacht an das Wort des Herrn Christi, da er zu Petro sprach: „Ich will dich zu einem Menschenfischer machen, und hinfüro sollst du Menschen fahen.“ Und hab mich Tag und Nacht bearbeitet, daß ich ergriffe den Weg der Wahrheit Gottes, welcher ist Christus, der Sohn Gottes. Was Anfechtung ich darüber aufgenommen, da ich das Evangelium habe lernen bekennen, das laß ich Gott befohlen seyn.“

Unter den Ersten, die in der alten deutschen Reichsstadt Straßburg der Wittenberger Nachtigall das Hohelied „von der Gnade Gottes in Christo, und von der Gerechtigkeit durch den Glauben allein“ nachsangen, ist der ehrwürdige Matthäus Zell zu nennen. Derselbe lag zuvor als Lehrer der theologischen und philologischen Wissenschaft an der Hochschule zu Freiburg im Breisgau ob, deren Professor und Rector er eine Zeitlang war. Im Jahr 1518 siedelte er nach Straßburg über, wo er zu St. Lorenz im Münster Leutpriester wurde. Er entschied sich für die Reformation schon in ihrer frühen Morgenstunde, und ward der erste evangelische Prediger und Pfarrer an diesem wichtigen Punkte des deutschen Reiches, welcher für viele Jahre die Bestimmung hatte, ein brennender Heerd des Evangeliums zu seyn.

Da nun auch Zell durch Gründung eines christlichen Hauswesens zeigen wollte, er sei der Fesseln Roms ledig, so warb er um die Hand der Tochter des Meisters Schütz. Der gelehrte Mann achtete nicht gering ihren Handwerkerstand, achtete aber hoch ihr muthiges, frommes Herz, und ihren hellen, hurtigen Verstand. Katharina verlobte sich mit Freuden dem hochverehrten Pfarrherrn. Martin Bucer, der schon verehelichte Straßburger Reformator, segnete im Münster, dessen weite Räume von der freudig theilnehmenden Menge gefüllt waren, die Verlobten zum Ehebündniß ein. Nach der heiligen Handlung genoß das junge Paar das Abendmahl des Herrn nach der Schrift und beiderlei Gestalt. Ihre Ehe war glücklich, den sie führten sie in Treue und Gottesfurcht.

Zell sah alsbald, daß Gott ihm in Wahrheit eine Gehülfinn, die um ihn sei, geschaffen hatte. Denn die rüstige, rührige Katharina erkannte, daß sie als Hausfrau des Pfarrers in den Dienst nicht bloß der Straßburger Gemeinde, sondern auch der weiten evangelischen Glaubensgenossenschaft gestellt sei. und indem sie mit frischem Muth und wirthschaftlichem Geschick und in großem Maaßstabe ihrem Diakonissen-Amte oblag, machte sie ihres Mannes Hände desto freier für das Amt der Verkündigung und der Seelsorge. So gewannen Sie aneinander Kraft, Freudigkeit und Ausdauer, und wurden, da sie nicht Aeltern leiblicher Kinder seyn sollten, Vater und Mutter einer großen Schaar verlassener, elender Menschen.

Abgesehen davon, was Katharina ununterbrochen den Armen ihrer Gemeinde an leiblicher Hülfe und freundlicher Tröstung bot, so machte sie das Pfarrhaus zu einer stets gastfrei offen stehenden Herberge derer, die um des evangelischen Bekenntnisses willen von Haus und Heimath vertrieben, in Straßburg Zuflucht suchten. Oft war der Andrang so groß, daß ihre eigenen Mittel bei Weitem nicht ausreichten. Aber sie ward drum nie verzagt, ihre Liebe war so weit, klug und kräftig, daß sie immer wieder frischen Rath und Hülfe zu schaffen wußte. Stadt und Gemeinde standen ihr gern zu Gebot, um so mehr, als sie jed4erzeit ganz ohne Aufschub und Bedenken mit dem Beispiel eigner Aufopferung Allen vorleuchtete.

Sie erzählt: „Ich habe schon im Anfang meiner Ehe viel herrliche, gelehrte Leute in ihrer Flucht aufgenommen, in ihrer Kleinmüthigkeit getröstet und herzhaft gemacht, wie Gott im Propheten lehrt: „Unterstütze und stärke die müden Kniee!“ Das habe ich nach meinem Vermögen, und gegebener Gnade Gottes gethan, da einmal fünfzehn liebe Männer aus der Markgrafsschaft Baden mußten weichen, unter welchen ein gelehrter alter Mann war, heißt Doctor Mantel, der mein sammt Anderer zu Baden inne ward, zu mir kam, Rath und Trost von mir begehrte, da er mit Weinen sagte: „Ach, ich alter Mann mit viel kleiner Kinder!“ DA ich ihm aber Matthäus Zeller Haus und Herberge zusagte, wie ward sein Herz erfreuet, uns seine müden Kniee gestärket! – Im 1524ger Jahre mußten auf Eine Nacht anderthalb hundert Bürger aus dem Städtlein Kenzingen im Breisgau entweichen, kamen gen Straßburg, davon ich auf dieselbige Nacht 80 in unser Haus aufgenommen, und 4 Wochen lang, nie minder denn 50 oder 60 gespeiset, darzu viel frommer Herren und Bürger steuerten und halfen erhalten. – Im 1525ger Jahre, nach dem Todschlag der armen Bauern, da so viel elender, erschrockener Leute gen Straßburg kamen, hab ich sie mit Meister Lux Hackfurt, des gemeinen Almosens Schaffner, nebst zweier ehrsamen Wittwen, die Kräftinnen genannt, in das Barfüßer Kloster geführt, da es eine große Menge war, und hab viel ehrlicher Leute, Mann und Weib angerichtet, daß sie ihnen dieneten, und große Steuer und Almosen gegeben wurden.“ Unter solchen Arbeiten, deren sie nie ledig wurde, war es ihr eine Herzenserquickung, die Gespräche der reformatorischen Männer zu hören, die bei ihrem Manne aus und ein gingen. Und besonders, als im Jahr 1529 die schweizerischen und oberdeutschen Theologen auf ihrer Reise zu dem Marburger Religionsgespräch in Straßburg sich sammelten, erzählt die mit großer Freude: „Ich bin 14 Tage Magd und Köchinn gewesen, da die lieben Männer Oekolampad und Zwingli hie zu Straßburg waren, daß sie sammt den Unsern gen Marburg zu Doctor Luther reiseten.“ Auch unterhielt sie mit Vielen schriftlichen Verkehr. Luther hat ihr auf einige Briefe freundlich geantwortet.

In diesem Umgang lernte sie die Aufgabe der Reformation, für christliche Volksbildung Sorge zu tragen, hochschätzen. Und auch dafür suchte sie, mit richtiger Erwägung dessen, was sie als Frau vermochte, thätig zu seyn. Als nämlich zu den altberühmten Bildungs-Anstalten in Straßburg sich viele arme Schüler eingefunden hatten, gab sie die Anregung, daß man ihnen freies Unterkommen und mütterliche Pflege verschaffte. Das St. Wilhelms-Kloster wurde dazu hergegeben. Und so ist sie als eine Mitbegründerinn des Studienstiftes St. Wilhelm, welches bis auf diesen Tag besteht, anzusehen.

Die Pfarrfrau nahm mit ihrem lebhaften Herzen wärmsten Antheil am Gang und den öffentlichen Schicksalen der Reformation. Nach den Abschluß der Wittenberger Concordie 1538 begleitete sie ihren Mann auf seiner Reise zu Luther. Da gibt sie nun Rechenschaft von all den Städten und Merkwürdigkeiten, welche sie gesehen. Sie sey mit ihm bei 300 Meilen auf derselbigen Reis‘ aus und ein gezogen bis an das Meer. Viele große Müh und Arbeit ihres Leibes, und große Kosten der bloßen Nahrung habe sie erlitten, „das mich aber nit gedauert, – fügt sie freudig hinzu – und mich nit gereuet, sondern Gott darum danke, daß er mich solches Alles sehen und hören hat lassen.“ – Das Interim, jener unlautere Versuch, den neuen Most in alte Schläuche zu füllen, d. h. Papstthum und Evangelium in einander zu weben, welcher theilweise und vorübergehend auch in Straßburg geduldet wurde, machte der deutschen, graden, frommen Frau viel Herzeleid. In ihrem Nachlaß fand sich ein Bündel Flugschriften über diesen Gegenstand. Auf den meisten stehen zu r Seite von ihrer Hand geschriebene Randbemerkungen, die wie Seufzer klingen, z. B. „ O Straßburg, wie willst Du bestehen, um deines Unglaubens willen? Nimmt Gott Matthis Zeller bald davon, lug um, wie es dir wird ergehn!“ Ein ander Mal: „ O, Herr Christus, mach mich fromm in dir! Mein Herz soll solchem Recht nimmermehr abfallen.“ Katharina Zellin.“

Nach Zell’s Tode, – er starb den 9. Januar 1548, – in den Armen seiner treuen Frau, – und nach Martin Bucer’s Flucht nach England stand auch in Straßburg ein anderes Geschlecht auf den Kanzeln und Lehrstühlen. Die heilige, großherzige, in ihrer Demuth so schöne Begeisterung für da Evangelium verlosch mehr und mehr. man begann um Nebendinge gehässig zu hadern, man buchstäble an Lehrsätzen herum, um deretwillen man sich verketztere, und in den Bann that; man stolzire mit der Rechtgläubigkeit des Bekenntnisses, man redete mit Menschen- und mit Engelzungen und es war doch eine klingende Schelle und tönendes Erz; denn die Liebe war draus hinweg gestorben.

Wie bitter weh ward der Wittwe Zell unter den Zänkern! Sie erlebte persönlich schmerzlichsten Undank. Sie hatte lange Zeit einen Pflegesohn im Haus, einen reich begabten Jüngling aus Memmingen, den nachmaligen Dr. Ludwig Robus. Dieser wurde Zells Nachfolger, ließ sich aber bald zu solcher Leidenschaftlichkeit hinreißen, daß er schamlos und mit den gehässigsten Worten die heimgegangenen Lehrer und Reformatoren Straßburgs der Ketzerei beschuldigte. Seiner Pflegemutter, die ihm als „noch ein Stücklein von der Ripp des seligen Matthis Zellen“ Vorstellungen machte, schrieb er von Ulm aus, wohin er versetzt worden war, unholdige Briefe. Sie antwortete, wie eine Mutter, ernst und sanft. Ihr Verhalten zum Interim zeigt, wie unverbrüchlich fest sie an dem Evangelium hielt. Aber auf diesem Grunde, außer welchem kein Anderer gelegt werden kann, hatte sie einen freien Stand. Mit ihren hellen Gedanken unterschied sie bestimmt die Hauptsache von Nebendingen. Mit wem sie sich in der Hauptsache Eins wußte, der war ihr Glaubensgenosse, sollte er auch in Einzelnem von ihrer Ueberzeugung abweichen; und die hierin Irrenden wollte sie viel lieber schonen und tragen, als anfeinden. Viel fromme Leute gab es damals wie jetzt, welche Christum lieb hatten, die Schrift als einziges Richtmaaß der Lehre erkannten, dieselbe aber in manchen Stücken anders auslegten, als es in den öffentlich anerkannten evangelischen Confessionen geschah. Von diesen hielten sich besonders viele Wiedertäufer und Anhänger des schlesischen Edelmanns Caspar Schwenkfeld in Straßburg auf. Den Letztgenannten hatte das Zell’sche Ehepaar als einen Flüchtling längere Zeit in seinem Hause beherbergt und liebgewonnen, um seiner demüthigen, innerlich zarten Frömmigkeit willen. Sie übersahen es, daß er in einigen Stücken ein Schwärmer sei, und hatten mit ihm Gebet und brünstige Heilandsliebe gemein.

Als nun die Tage kamen, da man nicht bloß mit Gift und Geifer des Wortes, sondern mit blutiger Verfolgung hinter allen Andersgläubigen her war, wurde das im Glauben so liebeswarme Mutterherz unserer Katharina voll heiliger Entrüstung. und in der That, man weiß nicht, soll man mehr die Herrlichkeit der evangelischen Freiheit rühmen, oder das schöne nicht aufzuhaltende Feuer der Liebe, welches sich in der Entrüstung dieser Phöbe zeigt, die um des Herrn willen von dem engherzigen Buchstabendienste ihren Liebesdiensten keine Schranken will ziehen lassen. Ihre Worte hierüber sind köstlich, und leuchten hell in unsere Zeit und Zustände hinein:
„Es soll Jeder seinen Zugang zu uns haben, – ruft sie aus, – und Alle, so den Herrn Christum für den wahren Sohn Gottes und einigen Heiland aller Menschen glauben und bekennen, die sollen Theil und Gemein an unserm Tisch und Herberg haben; wir wollen auch Theil mit ihnen an Christo und im Himmel haben, er sei, wer er woll! Also habe ich mit Zells Willen und Wohlgefallen mich vieler Leut angenommen, für sie geredt und geschrieben, es seien, die so unserm lieben Doctor Luther angehangen, oder Zwinglio, oder Schwenkfelden, und die armen Taufbrüder, reich und arm, weis oder unweis, nach der Red des heiligen Pauli. Alle haben zu uns kommen dürfen. Was hat uns ihr Name angegangen? Wir sind auch nit gezwungen gewesen, Jedes Meinung und Glaubens zu sein, sind aber schuldig gewesen, einem Jeden Liebe, Dienst und Barmherzigkeit zu beweisen; das hat uns unser Lehrmeister Christus gelehrt.“

„Die armen Täufer, da ihr so grimmig zornig über sie seid, und die Obrigkeit allenthalben über sie hetzet, wie ein Jäger die Hund über ein wild Schwein oder Hasen, die doch Christum den Herrn auch mit uns bekennen, im Hauptstück, da wir uns vom Papstthum getheilt haben, über die Erlösung Christi; aber sich in andern Dingen mit vergleichen können, soll man sie gleich darum verfolgen, und Christum in ihnen, den sie doch mit Eifer bekennen, und Viele unter ihnen bis in das Elend, Gefängnis, Feuer und Wasser bekannt haben? Lieber gebet euch die Schuld, dass wir in Lehr und Leben Ursach sind, dass sie sich von uns trennen! Wer Böses thut, den soll die Obrigkeit strafen, den Glauben aber nit zwingen und regieren, wir ihr meint; er gehört dem Herzen und Gewissen zu, nit dem äußerlichen Menschen. Leset alle alten Lehrer und die, so euch das Evangelium bei uns wieder erneuert haben, zuvor unsern lieben Luther und Benzren, der noch lebet, was er geschrieben hat von ihnen, und sie hoch beschirmet, dass eine Obrigkeit nit mit ihnen zu thun habe, denn in bürgerlichen Sachen. Leset es in dem Büchlein, das der gute Mann Martinus Bellius an den Fürsten und Herzog Christofel zu Wirtemberg geschrieben hat, nach des armen Serveti Todbrand zu Genf, da er für uns zu dieser Zeit aller Frommen, Verständigen und Gelehrten…Red und Meinung fleißig zusammengezogen hat, wie man mit irrenden Menschen, die man Ketzer nennt, soll handeln! Wenn euch die Obrigkeit folgete, sie würde bald ein Thyrannei anfangen, daß Städt und Dörfer leer würden. – Straßburg stehet noch nicht zum Exempel, Schand und Spott dem Teutschen Land, sondern vielmehr zum Exempel der Barmherzigkeit, Mitleidens und Aufnehmung der Elenden, ist auch noch nit müd worden, Gott sei Lob, und ist mancher armer Christ noch darinnen, den ihr gern hättet gesehn hinaustreiben. – Das hat der alte Matthäus Zell nit gethan, sondern die Schafe gesammelt, nit zerstreut; hat auch in solches nie gewilligt, sondern mit traurigem Herzen und großem Ernst, da es die Gelehrten auf einmal also bei der Obrigkeit anrichten, öffentlich auf der Kanzel und im Convent der Prediger gesagt: Ich nimm Gott, Himmel und Erdreich zum Zeugen an jenem Tag, dass ich unschuldig will sein an dem Kreuz und Verjagen dieser armen Leute.“

Wie eifersüchtig ist sie im Angesicht Deutschlands auf den unbefleckten Nachbarn ihres Straßburgs! Und ein schöner Charakterzug, ein recht deutscher und weiblicher an dem Wesen dieser Frau ist das Ineinandergeschlungensein ihrer Heimathliebe und ihres Glaubens. „Christus wird mir dessen Zeugnis geben, – schrieb sie einst, – dass ich mit großer Freud und Arbeit, Tag und Nacht meinen Leib, meine Kraft Ehre und Gut, dir, du liebes Straßburg!, zum Schemel deiner Füße gemacht habe.“

Nach Zells Tode hatte man ihr gestattet, noch einige Jahre im Pfarrhaus zu wohnen. Sie fuhr auch nachher fort im Dienst an der Gemeinde, und wo möglich noch mit größerem Eifer, weil sie dadurch das Andenken ihres Mannes, welches ihrem Herzen sehr theuer war, zu ehren gedachte. „Er hat mich, sagte sie in wehmüthig süßer Erinnerung, um so mehr darum geliebet, sein Leid und Haus meiner vielmehr lassen ermangeln, und mich gern der Gemeinde geschenkt, mir auch solches nicht mit Gebot, sondern mit freundlicher Bitt, solchem weiter nachzukommen, an seinem Ende befohlen; dem ich auch, wie ich hoff, treulich nachkommen bin, da ich noch 2 Jahr 11 Wochen nach Zells Abschied im Pfarrhaus geblieben, die Verzagten und Armen aufgenommen, die Kirche helfen erhalten, und derselbigen Gutes gethan habe, in meine Kosten, ohne Jemandes Steuer.

Auch im Wittwenstande und bei drohender Noth war es ihr eine Ehrensache, sich mit eignen Kräften durchzuschlagen. Wie leicht ihr das Dienen ward, so schwer das Sichdienenlassen. Bucer und Fagius, als sie nach England flüchten mußten, ließen heimlicher Weise der verehrten Frau einige Goldstücke als Nothpfennig zurück. „Ihr habt mich, schrieb sie ihnen, mit dem Gelde, so ihr mir heimlich in dem Brief hinterlassen, auf das äußerte betrübet. Auf dass aber meine Schamröthe eines Theils hingelegt werde, habe ich euch eure zwei Stücke Goldes wiederum in diesen Brief wollen legen, wie Joseph seinen Brüdern. Da ist ein des Interims wegen verjagter Prädicant mit fünf Kindern zu mir kommen, und eines Prädicanten Frau, deren Mann vor ihren Augen man den Kopf abgeschlagen hat. Die hab ich zehn Tag bei mir gehabt, und hab das eine Stück Gold diesen beiden zur Zehrung geschenkt, aber nicht mein-, sondern euretwegen; das andere hab ich euch wiederum in diesen Brief gethan, dass ihr es selber sollet brauchen, und ein anderes Mal nit so gütig sein. Ihr werdet noch viel bedürfen, auch euer Volk, wenn es in Engelland euch nachkommen soll. Und seid also Gott befohlen in seinem Schutz und Schirm ewiglich, wider alle seine und eure Feind!“

Das Jahr ihres Heimgangs ist unbekannt; wahrscheinlich aber war’s 1562, oder bald darnach. Denn in einem Brief vom 3. März 1562 läßt sie sich durch einen Freund bei Ludwig Lavater in Zürich entschuldigen, daß sie diesem auf sein Schreiben noch nicht geantwortet, denn „sie sei durch lange Krankheit halb todt, und könne seit vielen Monaten die Feder nicht mehr zur Hand nehmen.“

Wie steht doch der Reformationsgarten so voller Blüthen! Und auch diese Straßburgerinn ist seiner frischesten Rosen Eine.

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859

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