Konrad Beckhaus

  1. Kindheit und Jugend.

 

1821-1846.

 

Konrad Friedrich Ludwig Beckhaus wurde am 18. August 1821 in Lingen als der Sohn des gleichnamigen Superintendenten und Pfarrers an der dortigen reformirten Gemeinde geboren. Der Knabe war erst wenige Wochen alt, als er seinen Vater verlor. Seine Mutter, eine Tochter des Medizinalrats Beckhaus in Bielefeld kehrte nun mit dem Kinde in das Elternhaus zurück, wo der kleine Konrad die nächsten Jahre verlebte. Unter der Hut und Pflege seiner Mutter und Großeltern entwickelte sich der liebliche Knabe trefflich an Leib und Seele, und ward bald der Liebling des ganzen Hauses. Nichts freute ihn mehr, als wenn er an der Hand des Großvaters hinauswandern, und auf der alten Stadtmauer Blumen und Steine suchen, oder den Großvater auf seinen ärztlichen Gängen begleiten durfte.

 

Seine Mutter verheiratete sich später zum zweiten Male mit dem Gerichtsrat Hüttemann in Bielefeld, der dem Knaben ein liebevoller Vater geworden ist. Der heranwachsende Sohn schloss sich von ganzem Herzen an seinen Vater an, und schrieb ihm noch im späteren Leben zu seinem Geburtstage: „Mit großem Danke gegen Gott erkenne ich es an, wie segensreich es für meine ganze Lebensrichtung geworden ist, dass du mein Vater wurdest.“ Aus der zweiten Ehe der Mutter erwuchsen ihm zwei Schwestern, die er mit großer Zärtlichkeit liebte. Als er bereits Student in Halle war, schrieb er öfter an seine kleinen Schwestern Briefe, die in ihrem kindlich naiven Ton von seiner brüderlichen Liebe wie von seinem reichen Talent und tiefem Gemüte zeugen, bei einem wird man an Luthers Brief an Hänschen erinnert.

 

Doch zunächst wollen wir den Knaben noch durch seine Jugendzeit. begleiten. Schon früh verriet er ungewöhnliche Geistesgaben, so dass er zumal bei seiner großen Treue im häuslichen Fleiße – die Aufgaben, die ihm die Schule stellte, mit Leichtigkeit erledigte. Um eine ungesunde Frühreife des lebhaften Knaben, der bereits mit 9 Jahren die Quarta zierte, zu verhindern, ließen ihn die wegen seiner fast zu raschen geistigen Entwicklung besorgten Eltern ein Jahr länger in dieser Klasse zurückhalten. Doch hatte diese Maßregel den unerwarteten Erfolg, dass Konrad nun, wo sich seinem regen Geiste nichts neues mehr bot, zu aller Arbeit unlustig wurde. Dies änderte sich aber sofort, als er in eine höhere Klasse ausrückte. Von da an lernte er wieder mit dem alten Eifer, so dass er nicht nur der Fleißigsten einer, sondern wie ein alter Mitschüler bezeugt, bei seinen hervorragenden Gaben der Bedeutendste in seiner Klasse war. Den Konfirmanden-Unterricht empfing er von dem reformirten Pastor Schmidt, der ihn auch zu Ostern 1835 konfirmierte. In raschem Fluge durcheilte er das Gymnasium, so dass er dasselbe bereits im Alter von 16 1/2 Jahren mit einem sehr guten Zeugnisse verlassen konnte.

 

Beckhaus war schon auf dem Gymnasium eine nach Innen gerichtete Natur, seinen Mitschülern gegenüber von etwas zurückhaltendem Wesen. Daher erklärt sich die Bemerkung, die seine Lehrer ihm in das Abgangs-Zeugnis gesetzt haben: „Sein Betragen war durchaus tadellos, doch hätte man mehr Freundlichkeit in seinem Wesen gewünscht.“ Damals bereits haben manche, die ihn nicht tiefer kannten, ihm sein eigentümliches, in sich gekehrtes Wesen als Selbstüberschätzung und Hochmut angerechnet irriger Weise, denn Beckhaus war nichts weniger als dies. Ein noch lebender Jugendfreund, der seinem Herzen sehr nahe stand und ihn darum genau kannte, gibt ihm das Zeugnis: „Er war eine durchaus aufrichtige und offene Natur und konnte doch nur schwer eine eigentümliche, fast mädchenhafte Scheu, mit dem Worte hervorzutreten, überwinden. Man hat ihm das früher wohl als Hochmut ausgelegt, mit dem größten Unrecht. Ich halte ihn von seiner Jugend her für einen der demütigsten, wohlwollendsten und anspruchslosesten Menschen, die ich gekannt habe. Ich wüsste nicht, dass jemals zwischen ihm und mir eine Disharmonie gewesen wäre, etwas wie Streit und Uneinigkeit; indes war das sein Verdienst, nicht meins.“

 

Merkwürdig, wie er schon als Schüler sich zu der Wissenschaft mächtig hingezogen fühlte, in der er später ein Meister werden sollte, zur Pflanzenkunde. Ein tiefer Zug zur Natur und ihrem Leben und Weben war ihm angeboren. Er kannte schon als Knabe nichts lieberes, als draußen im Freien umherzuschweifen, den Vogelstimmen im Walde zu lauschen und den bunten Schmetterlingen nachzujagen. Vor allem aber waren die Blumen, wie überhaupt die Pflanzen seine Lieblinge. Angeregt durch seinen Lehrer, den Professor Jüngst, der durch seine Flora Westfalens weithin bekannt geworden ist, wandte er sein ganzes Interesse der Pflanzenkunde zu. Der Professor, der bald Beckhaus‘ hervorragende Begabung auf diesem Gebiete erkannte, fand Wohlgefallen an seinem geweckten Schüler und nahm ihn häufig mit auf seinen botanischen Ausflügen, so dass Beckhaus am Ende seiner Gymnasialzeit bereits ein beträchtliches botanisches Wissen besaß. Interessant ist, was hierüber in seinem Abgangs-Zeugnis bemerkt ist. Bei dem Fache Physik und Naturbeschreibung heißt es offenbar aus der Feder des Professors Jüngst wörtlich: „Er hat nicht nur in beiden die gesetzlichen Forderungen vollkommen befriedigt, sondern auch in letzterer mit besonderem Interesse für diese Wissenschaft, wie auch die den Prüfungsarbeiten beigelegte freie botanische Arbeit nachweist, recht erhebliche und die gewöhnlichen Schulforderungen übersteigende Kenntnisse sich erworben.“ Dass er auch mit diesem Pfunde redlich gewuchert hat, werden wir an einer späteren Stelle sehen.

 

Zu Ostern des Jahres 1838 bezog Beckhaus die Universität Halle. Noch war er nicht völlig mit sich einig, welchem Studium er sich zuwenden sollte. Anlage und Neigung trieben ihn zur Philosophie und besonders zu den Naturwissenschaften, auf die er sich denn auch zunächst mit Eifer warf. Aber schon nach einem halben Jahre erklärte er: haec disciplina animum non explet tranquillitatis desiderio flagrantem, d. h. diese Wissenschaft stillt das brennende Verlangen der Seele nach Frieden nicht. So ging er denn zur Theologie über. Noch war aber sein Herz keineswegs für den Herrn gewonnen. Auf der evangelischen Kirche lag damals wie ein Bann der Nationalismus, der der Person des Sünderheilandes teils gleichgiltig teils feindlich gegenüberstand. Die Träger eines lebendigen Christentums, dessen Mittelpunkt die Person des Gekreuzigten und Auferstandenen war, lebten als die Stillen im Lande, von der Welt zurückgezogen und verachtet. Da erweckte der Herr im Ravensberger Lande einen wunderbaren Geistesfrühling. Die harte winterliche Eisdecke der Gleichgültigkeit gegen die himmlischen Dinge brach in vielen Herzen und wieder erwachte mit unwiderstehlicher Gewalt die eine große Frage: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Und Gott der Herr ließ es an geisterfüllten Zeugen nicht fehlen, die den fragenden Seelen aus Gottes Wort die rechte Antwort zuriefen: Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig. Der Hauptträger dieser neuen Bewegung, die immer weitere Kreise ergriff, war der Pastor Volkening in Gütersloh, später in Föllenbeck.

 

Beckhaus steckte, als er zur Theologie überging, noch mitten im Rationalismus, aber der Heilige Geist hatte bereits sein Werk an ihm. Auf die Frage eines Freundes, was ihn denn zur Theologie getrieben habe, antwortete er: „Mir ward um meine Seele bange!“ Dabei stand er der erwähnten Bewegung im Ravensberger Lande durchaus feindlich gegenüber. Der Name Pietist war ihm ein Gräuel. Einen Freund, der nach Berlin ging, warnte er nachdrücklich vor Hengstenbergs gläubiger Theologie. Er hat später auch auf der Kanzel vor seiner Gemeinde nie ein Hehl aus seiner damaligen Stellung zum lebendigen Christentum gemacht. Mit tiefem Schmerz wie einst Paulus, da er an die Zeit zurückdachte, wo er die Gemeinde Gottes verfolgte, bekannte Beckhaus seine frühere feindliche Stellung zum Heilande, um dann mit bewegten Worten die Gnade Gottes zu preisen, die seine Seele errettet hatte aus der tiefen Hölle. Aber damals, als er der Theologie sich zuwandte, ja auch später bis in seine Kandidatenzeit hinein war sein natürlicher Sinn noch nicht gebrochen. Sein theologischer Standpunkt unmittelbar nach seiner Studentenzeit war noch ein „ultrarationalistischer.“ Aber die Hand des Herrn ließ ihn nicht los. Die Angst um seine Seele ward immer größer. Er hatte keinen Frieden. Da traf ihn eines Tages wie ein Blitz das Wort der Heiligen Schrift: Es ist dem Menschen gesetzt einmal zu sterben und danach das Gericht. Das war der Wendepunkt in seinem inneren Leben. Wie gewaltig ihn die Gotteshand anfasste, hat er uns selbst in einer Predigt erzählt: „Ich vergesse es in Ewigkeit nicht, wie der Herr mich angerührt hat mitten im Spott gegen Alles, was göttlich ist, dass sein Wort wie Donner in meine Seele fiel, was ich in der Schule vor Jahren gehört hatte: Es ist dem Menschen gesetzt einmal zu sterben und danach das Gericht.“

 

Eine solche Entscheidungsstunde musste einmal kommen. Denn ein Mann wie Beckhaus, eine so tiefangelegte Natur mit einer solchen Geistesschärfe und eindringenden Erkenntnis konnte unmöglich an der christlichen Wahrheit gleichgiltig vorüber gehen. Er musste entweder ein entschiedener Feind oder ein entschiedener Freund des Heilandes werden. Doch der Herr hatte eben seine besonderen Absichten mit ihm, er sollte ihm ein auserwähltes Rüstzeug werden zum Segen für viele Seelen. Aber als er nun einmal gewonnen war für seinen Herrn, da gab er sich ihm auch hin mit ganzem Herzen und als höchstes Ziel stand ihm vor Augen, ein treuer Diener seines Herrn zu werden. Mit ganz andrer Freudigkeit umfasste er nun seine liebe Theologie, da es in seinem Herzen jubelte:

 

Ich habe nun den Grund gefunden,

Der meinen Anker ewig hält,

Wo anders als in Jesu Wunden?

 

Von besonderem Segen für seine innere Entwicklung waren nach seiner eigenen Angabe die Schriften von Schleiermacher, Hofacker und M. Boos. Schleiermachers Glaubenslehre verhalf ihm zur „Lösung von rationalistischer Anschauung,“ Hofackers Predigten gaben ihm „die Erkenntnis des Heilsweges,“ aus M. Boos Leben lernte er, „was Glauben ist.“

 

Mit welchem Eifer und Ernst übrigens Beckhaus seine Studienzeit benutzt hat, zeigt uns ein interessanter Vorgang aus der theologischen Prüfung. Der Examinator im Hebräischen, Professor Bleek aus Bonn fragte die Kandidaten, welche Bücher des Alten Testaments sie in der Ursprache gelesen. Während der eine diese, der andere jene Bücher aufzählte, antwortete der Kandidat Beckhaus dem Examinator kurz: ich habe sie alle gelesen! Alle? fragte Bleek. Ja! alle! und nicht bloß einmal sondern zweimal, zum Teil dreimal! Auch die späteren Bücher wie den Propheten Daniel usw.? Sa! alles! war die Antwort; eine Leistung, die umso mehr Staunen erregt, da Beckhaus erst auf der Universität das Hebräische begonnen hat. Sein damaliger geistlicher Vorgesetzter, Superintendent Scherr in Bielefeld gibt ihm das Zeugnis einer „ausgezeichnet gereisten, sowohl allgemein wissenschaftlichen als insbesondere theologischen Bildung.“ Er berichtet über ihn an seine Behörde: „Wie seine geistige Entwicklung und Ausbildung schon während er eine Zierde des hiesigen Gymnasiums war, seinen Jahren in seltenem Maße voraneilte, so ist er darin, zumal seitdem er mit großer Begeisterung das theologische Studium ergriffen hat, immer in gleichem Verhältnisse fortgeschritten und er berechtigt deshalb zu den vorzüglichsten Hoffnungen.“

 

Nachdem Beckhaus auch das zweite theologische Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, blieb er zunächst im Hause der Eltern, da dieselben nicht wünschten, dass er eine Hauslehrerstelle annähme. Hier in Bielefeld hat er auch vorübergehend Religionsunterricht erteilt. Einer, der diesen Unterricht genossen, wusste noch nach vielen Jahren von dem tiefen Eindruck zu erzählen, den der junge Kandidat auf ihn gemacht habe.

 

Doch schon hatte ihm Gott das Arbeitsfeld ersehen, auf dem er seine Kräfte entfalten sollte. In der Stadt Höxter war zur Zeit (1846) die Rektor- und Hilfspredigerstelle neu zu besetzen, und Beckhaus bewarb sich um dieselbe. Er hatte damals das kanonische Alter noch nicht ganz erreicht, und das nahm man als Vorwand, seine Wahl zu verhindern. In seiner Probepredigt hatte er darüber keinen Zweifel gelassen, wes Geistes Kind er sei. Man witterte in ihm einen von den neuen Pietisten und wollte von einem solchen nichts wissen. Bereits war aber in Höxter eine kleine, aber rührige Partei, die der Bewegung im Ravensberger Lande freundlich gegenüber stand und mit aller Macht dahin arbeitete, einen Mann der neuen Richtung für die vakante Stelle zu gewinnen. Es gelang ihr denn auch, die anfänglichen Widersacher auf die bei allem Widerstreben der junge Pastor doch einen nicht geringen Eindruck gemacht hatte dahin zu bringen, dass sie seiner Wahl zustimmten. Nachdem er bereits im Oktober 1846 das Rektorat der Bürgerschule übernommen hatte, wurde er am 28. März 1847 ordiniert und in sein neues Amt eingeführt. Die Stadt war festlich geschmückt, auf der Kanzel lagen Myrthensträuße. Er hielt seine Antrittspredigt über Joh. 21, 15-17: Simon Johanna, hast du mich lieb? Dieselbe ist noch in seinem Nachlass vorhanden und ein köstliches Zeugnis seiner brennenden Heilandsliebe, das, wie mir Hörer versichert haben, der versammelten Gemeinde tief ins Herz drang.

 

Damit treten wir in die zweite Periode seines Lebens ein.

 

  1. Öffentliche Wirksamkeit.

 

1846-1890.

 

Zunächst einiges von seinem Äußeren. Beckhaus war von stattlicher Gestalt, über Mittelgröße, breit und kräftig gebaut. Von dem mächtigen Haupte fiel das lange dunkle Haar zu Zeiten fast bis auf die Schultern hinab. Unter der hohen Stirn lagen zwei tiefe, ernste Augen, aus denen doch, wenn er mit anderen sprach, eine unbeschreibliche Herzensgüte hervorleuchten konnte, über das Angesicht war der Ernst der Ewigkeit gebreitet. Sein Schritt und seine ganze Haltung, besonders in den jüngeren Jahren waren männlich und fest. Schon sein Äußeres machte den Eindruck eines ungewöhnlichen Mannes. In seinem Alter, wo sein langes Haar ergraut war, hatte seine Gestalt etwas ungemein ehrwürdiges; wie Vater Abraham, sagte ein Kandidat, der ihn besucht hatte.

 

Der Grundzug seines Wesens war Offenheit und Wahrhaftigkeit. Er war ein rechter Israeliter, ohne Falsch. Was er lehrte und predigte, kam aus einem lauteren, überzeugten Herzen und darum hatte es überzeugende Kraft, man fühlte es seinen Worten an: der ganze Mann stand dahinter! Darum genoss er bei seinen Gemeindegliedern, wie bei allen, die ihn kannten, ein unbegrenztes Vertrauen. Er war ein Mann ohne Menschenfurcht, der sich nicht scheute, auch nach oben hin die Wahrheit zu sagen, wo ihn seine Überzeugung dazu drängte. Dass ein solcher Mann auch die Meinung anderer achtete, versteht sich von selbst. Obwohl er selber dogmatisch und kirchenpolitisch mit überzeugtem Herzen auf der Rechten stand und mit aller Entschiedenheit diesen Standpunkt zur Geltung zu bringen suchte, war er doch keineswegs ein Fanatiker. Dazu war er eine viel zu vornehme Natur, dazu besaß er auch einen viel zu weiten Blick und eine zu umfassende Bildung, vor allem aber: dazu war er zu fromm. Er ehrte jede fremde Überzeugung, wenn sie nur ehrlich war. Ein Gräuel war ihm nur die innere Unwahrhaftigkeit, und wer etwa meinte, sich bei ihm als orthodox aufspielen zu müssen, der kam übel an. Dass er aber für das, was er als wahr und der Kirche heilsam erkannt hatte, auf Synoden und Konferenzen mit der Wucht seiner Persönlichkeit eintrat und kämpfte, war sein gutes Mannesrecht. Doch nichts lag seiner groß angelegten Natur ferner als Engherzigkeit.

 

Sein Temperament war lebhaft und feurig, er konnte leicht aufbrausen, wenn eine Sache ihn erregte, doch zumeist blieb er ernst und gelassen. Was er anfasste, das fasste er mit voller Hingebung und Kraft an und legte sein ganzes Herz hinein. Darum lag auch in seinen Predigten eine so hinreißende Glut, sein Herzblut pulsierte darin. So streng er äußerlich anzusehen war, war doch sein Gemüt von außerordentlicher Zartheit und Milde. Das Bewusstsein geliebt zu werden tat ihm wohl, schon ein einfacher Gruß, den man ihm sandte, erquickte ihn. Zu den Kleinen fühlte er sich besonders hingezogen. Wie freundlich blickte sein Aиде зи den Kindern nieder, denen er auf der Straße die Hand reichte. Er konnte es nicht leiden, das geringste Tierlein mutwillig zu töten. Wie zart sein Empfinden war, erhellt aus folgendem Vorgang. Auf einem Ausfluge hatte er einige Blumen mehr abgepflückt als er für seine botanischen Zwecke gebrauchte. Er gab die überflüssigen seinem Sohne mit den Worten: „Lege sie in den Schatten, damit sie wenigstens etwas länger leben!“ Sein frommes Gemüt sah in jedem Tier, in jeder Pflanze ein Wunderwerk des großen Gottes, das man nicht zwecklos zerstören dürfe. Von ihm kann man in Wahrheit sagen: er war ein edler Mensch, mit einem Herzen voll Liebe und Güte. Das merkten diejenigen bald, die in der Not Zuflucht und Trost bei ihm suchten. Er war dienstbereit und gefällig dem Vornehmsten wie dem Geringsten. So konnte er denn in der ersten Predigt nach seinem fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum (1871) mit Recht sagen: „Ich habe meine Kräfte nicht geschont, und welche Vorwürfe mir auch der Eine und der Andre machen kann, das weiß ich; ich habe nie auch dem Geringsten einen Dienst abgeschlagen, den ich leisten konnte.“

 

Sein gütiges Herz kannte kein Misstrauen, mit offenem Vertrauen kam er jedem entgegen und ließ sich dadurch nicht entmutigen, dass seine Herzensgüte oftmals missbraucht wurde. Wer ihn zuerst kennen lernte, war allerdings im Anfang enttäuscht. Fremden gegenüber war er nach Westfalenart meist zurückhaltend und wortkarg. Darum haben manche, die ihn nur oberflächlich kennen gelernt haben, über ihn geurteilt, er sei kalt und abstoßend. Doch das war nur die äußere Schale, der Kern war süß und milde. Diejenigen, die mit ihm umgingen, wussten, dass hinter der rauen Außenseite sich ein liebreiches Herz von goldener Treue verbarg.

 

Wie treu war er seinen Freunden! Ihnen erschloss er sein ganzes Herz mit einer geradezu kindlichen Offenheit. Wenn er

 

dann so mit den ihm Nahestehenden über Welt und Menschen, über irdische und himmlische Dinge sprach, dann war alle Strenge aus seinem Angesicht verschwunden, in solchen Stunden konnte er von bezaubernder Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit sein, ließ sich gern einen Scherz gefallen, den andere erzählten und konnte so herzlich darüber mitlachen. Zu seinen täglichen Gewohnheiten gehörte es, dass er alsbald nach dem Essen | Mittagsschlaf kannte er nicht – nach dem nahe gelegenen Felsenkeller, einem herrlichen Aussichtspunkte, einen Spaziergang machte, den er auch bei schlechtem Wetter nicht aussetzte, um dort bei einer Tasse Kaffee die Kreuzzeitung zu lesen. Dort konnte man dem Vielbeschäftigten und Vielangelaufenen am leichtesten nahe kommen. Seine Freunde und Bekannten wussten es auch, dass er

sich hier am liebsten sprechen ließ, und so versammelte sich denn öfter ein kleiner Kreis, besonders von jungen Theologen um ihn, denen er auf ihre Fragen willig Antwort stand; und was er dann aus der Fülle seines umfassenden Wissens und aus seiner reichen, seelsorgerlichen Erfahrung mitteilte, das ist manchem zum Segen geworden für Zeit und Ewigkeit. Ja, das waren köstliche, unvergessliche Stunden! Das waren die Stunden, in denen man in sein gutes, menschenfreundliches Herz tiefe Blicke tun konnte, die Stunden, in denen er die, welche ihm näher treten durften, mit unzerreißbaren Banden der Liebe und Verehrung an sich zog. Viele junge Geistliche sind auf diese Weise mit ihm in Berührung gekommen, aber nicht ein Einziger ist darunter, der ihn nicht von Herzen lieb gewonnen und für die Zeit seines Lebens lieb behalten hätte. Dabei hätte Niemand sich eine ungeziemende Vertraulichkeit zu erlauben gewagt, denn bei aller Zutraulichkeit, die er seinen Freunden gestattete, umgab ihn stets, auch in den Stunden herzlichen Zusammenseins, eine gewisse Hoheit, die jeden zur Ehrfurcht zwang. Mit Recht sagte Pastor Hartog in seiner Gedächtnispredigt, seine Person sei von einem merkwürdigen Zauber umgeben gewesen, durch welchen man in ehrfurchtsvoller Ferne gehalten wurde und doch mit unwiderstehlicher Gewalt sich angezogen fühlte.

 

Dabei machte Beckhaus aus sich selber gar nichts. Er war von seltener Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Das größte an ihm vielleicht war seine tiefe Demut und Selbstlosigkeit. Thomas von Kempen, der Prediger der Demut, war ihm ein lieber Freund, seine Nachfolge Christi nannte er selbst: mein einziges Andachtsbuch!

 

Von allen Worten Jesu war ihm das das wunderbarste: Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Er hatte selbst etwas von einer arglosen Kindesnatur an sich. Daraus erklärt sich so manches, was von Leuten, die ihn nicht kannten, ganz anders und ganz falsch beurteilt wurde, wie er dann hernach zu seinem Schmerze erfahren musste. Er trachtete nicht nach hohen Dingen in dieser Welt. Wenn Einer Aussicht gehabt hätte zu steigen in Ämtern und Würden, dann hätte es Beckhaus bei seiner vielseitigen und außergewöhnlichen Begabung gehabt, aber er war nichts weniger als eitler Ehre geizig. Seine erste Gemeinde ist auch seine einzige geblieben, vierundvierzig Jahre lang. Verächtlich war ihm alles Strebertum und alles Mühen um die Gunst Höherstehender. Scherzend sagte er einst im Gespräch: „Ich möchte wohl, wenn ich Zeit hätte, ein Buch darüber schreiben, wie man Karriere machen kann, ich glaube, ich würde damit einen großen Erfolg erzielen.“ Das nichtige Weltwesen hatte für einen so tief angelegten Geist seine Anziehungskraft verloren. Früh war sein Blick auf das Ewige gerichtet.

 

Seine Demut wurzelte in einer herzlichen Frömmigkeit. Er fühlte seine völlige Abhängigkeit von dem allmächtigen und ewigen Gott, für dessen Größe und Weisheit ihm seine eindringende Naturerkenntnis ein offenes Auge gab. Beckhaus trug in sich einen tiefen Zug zum Leben. Der Tod erschien ihm als etwas Unnatürliches. Das Sterben in der Natur, die Vergänglichkeit alles Irdischen erfüllte ihn mit Trauer. Wer ihn genauer kannte, dem konnte nicht entgehen, dass eine gewisse Wehmut über seinem ganzen Wesen lag, die vielfach in seinen Predigten, namentlich am Totenfeste, ergreifend zum Ausdruck kam. Von Gefühlsseligkeit lag nichts darin. Es war die Wehmut eines Salomo, der in die Welt mit ihrer Herrlichkeit, in das Menschenleben mit seinem rastlosen Arbeiten und Schaffen hineinschaut mit durchdringendem Blick und bekennen muss: „Es ist alles ganz eitel!“ Die Welt, die den Wurm des Todes in sich trug, war ihm nichts, umso mehr trachtete er nach der unvergänglichen Welt, umso mehr dürstete seine Seele nach dem lebendigen Gott. An diesen Gott, den er seit seiner Bekehrung als seinen Vater in Christo Jesu erkannt hatte, fühlte er sich mit Leib und Seele gebunden. In seinen Dienst stellte er sich mit seinen reichen Gaben.

 

Mit der vollen Glut der ersten Liebe trat der reichbegabte Mann im Alter von fünfundzwanzig Jahren sein Amt an, zunächst als Hilfsgeistlicher und Rektor der Bürgerschule. Die Gemeinde. zählte damals etwa eintausendneunhundert Seelen. Das Glaubensleben war auch in Höxter matt. Der Rationalismus hatte noch die Herrschaft in der evangelischen Kirche. Das im Ravensberger Lande, namentlich durch Volkenings mächtigen Weckruf neuerwachte Glaubensleben wurde mit misstrauischen Augen angesehen. Pietist war ein Schimpfwort. Die innere Mission Wicherns, die erste Liebesfrucht des neuen Lebens, war eben darum der Mehrzahl verdächtig. Der junge Beckhaus aber wandte sich mit ganzer Seele den neuen Bestrebungen zu. Veranlasst durch das Schreckensjahr 1848, in dem das tiefe sittliche Verderben als Folge des Abfalls von Gott offenbar geworden war, gründete Beckhaus, im Verein mit seinem älteren Kollegen, Pastor Schmidt, am zweiten Weihnachtstage desselben Jahres einen Verein für Innere Mission, der sich nach seinem Statut die Aufgabe stellte: „das christliche Leben in der Gemeinde zu erwecken und zu fördern auf jedem Wege, den ihm Gott zeigen wird, namentlich durch brüderlichen Zuspruch, Verbreitung geeigneter Schriften und christliche Pflege Armer und Verwahrloster, soweit nötig und möglich durch geordnete Anstalten.“ Eine Anzahl treuer, bekehrter Seelen scharten sich um den glaubenseifrigen, jungen Pastor und stellten freudig ihre Person in den Dienst des Herrn. Alsbald entfaltete nun der Verein eine außerordentlich rege Tätigkeit. Die beiden Gemeindediakonen, drei Hilfsdiakonen und vier Sammler, suchten, unterstützt von elf Familienpflegern und -pflegerinnen der Armut zu steuern. Der Kranken nahmen sich, abgesehen von den Geistlichen, ein Vorsteher mit sechs Krankenbesuchern, eine Vorsteherin mit dreizehn Krankenbesucherinnen an. Außerdem waren mit dem allgemeinen Verein verbunden: ein Bibelleseverein, ein Verein zur Verbreitung christlicher Volksschriften, ein Sammelverein für die innere Mission in Deutschland, ein Sonntagsverein zur Hebung der Sonntagsheiligung, ein Landverpachtungs- und Spar-Verein, später noch ein Friedensbund und Jünglingsverein – also ein reiches und, wie sich bald zeigte, von Gott gesegnetes Vereinsleben. Dabei war und hier tritt uns früh Beckhaus gesunder, kirchlich nüchterner

 

Sinn entgegen keineswegs beabsichtigt, aus dem Rahmen der kirchlichen Ordnung herauszutreten und die Wirksamkeit der kirchlichen Organe unnötig zu machen oder gar zu beeinträchtigen, worin die Gefahr aller christlichen Vereinstätigkeit liegt. Ausdrücklich war in § 2 des Statuts ausgesprochen: „Der Verein betrachtet sich als Hilfsverein für das Presbyterium, so weit dessen Wirksamkeit das Gemeindeleben betrifft.“ In den monatlichen Versammlungen tauschten die Mitglieder ihre Erfahrungen aus, ermunterten sich zu neuer Arbeit und stärkten sich durch Gottes Wort und Gebet. Verschiedene Anstalten wurden ins Leben gerufen, natürlich vorerst in kleinem Umfange, so eine allgemeine Anstalt für Verwahrloste, eine Kleinkinderanstalt wozu schon zwanzig Jahre zuvor die königliche Regierung vergeblich angeregt hatte eine Anstalt für halberwachsene Kinder, eine evangelische Erziehungsanstalt für Kinder aus der Diaspora. Alsbald wurde auch eine Kaiserswerther Diakonissin zur Unterstützung der Kranken- und Armenpflege angestellt. Man sieht, mit wie brennendem Liebeseifer das Elend an vielen Stellen zugleich angefasst wurde. Die wichtigste und segensreichste Frucht dieser mannigfachen Bestrebungen wurde die evangelische Erziehungsanstalt für die Diaspora, das spätere St. Petristift. Auf Bitte des Vereins für Innere Mission stellte die evangelische Gemeinde zu diesem Zwecke einen sehr schönen und ausgedehnten Bauplatz, den Platz, auf dem die von Jerome Napoleon abgebrochene Petrikirche gestanden hatte, umsonst zur Verfügung. Am 18. Nov. 1849 wurde im Vertrauen auf den lebendigen Gott der Grundstein gelegt, obwohl nur erst ein geringer Teil zur Bausumme vorhanden war. Die Synode Paderborn hatte zu gleicher Zeit die Errichtung eines solchen Konfirmandenhauses beschlossen und übergab nun diese Aufgabe dem Verein für Innere Mission in Höxter. Am 16. Juli 1851 konnte das neue Haus durch den Superintendenten Baumann in Gegenwart der Behörden und vieler Geistlichen und anderer Freunde aus der Diözese wie auch der benachbarten braunschweigischen, lippeschen, waldeckschen und hessischen Gemeinden eingeweiht werden. Gott der Herr aber ließ die auf ihn trauten nicht zu Schanden werden. Das schwache Reislein schlug fröhlich Wurzel und wurde ein starker, stattlicher Baum im Paderborner Lande, unter dessen Zweigen heute etwa achtzig Kinder evangelisch leben und evangelisch sterben Lernen.

 

Es muss damals eine köstliche Zeit gewesen sein in der Gemeinde Höxter; wie an so vielen Stellen die Keime neuen Lebens den harten Boden durchbrachen, wie bei so Vielen ein herzliches Verlangen nach ihrer Seelen Seligkeit erwachte, und damit der Wunsch, ihrem Heilande an den Armen und Verlorenen zu dienen. Der Brennpunkt dieses sich regenden Lebens war der Hilfsprediger Beckhaus. Er war rastlos tätig, hielt Versammlungen und Konferenzen ab, reiste, um für die Zwecke der inneren Mission zu wirken und zu sammeln, und führte einen ausgedehnten Briefwechsel. Dabei widmete er der guten Sache nicht bloß seine Zeit und Kraft, sondern ging auch in der Opferwilligkeit allen voran. Selbstlosigkeit war ja überhaupt ein hervorragender Charakterzug an ihm. Damals aber waren seine Einnahmen noch knapp. So kam es denn bei seiner Freigiebigkeit nicht selten vor, dass ihm selber fast das Notwendigste zum Leben fehlte, und dass er seine Ausgaben auf das Äußerste beschränken musste. Wer könnte ohne Rührung die folgende Stelle eines Briefes lesen, den er 1849 an seine Schwester schrieb: „Zu bemerken ist noch, dass ich für mich nur sehr selten noch Zigarren und Zucker gebrauche, was für die Zukunft große Ersparnis gibt, auch monatlich für 1 Thlr. weniger Brot holen lasse, und kann doch den kranken Kindern noch alle Tage was abgeben.“

 

Es ist schier erstaunlich, aus den noch vorhandenen Akten des Vereins für Innere Mission aus den ersten Jahren zu ersehen, eine wie vielseitige Tätigkeit Beckhaus in so jungen Jahren entfaltet hat, und noch erstaunlicher die Sicherheit und Klarheit des Urteils und der weite Blick des jugendlichen Pastors. Es ist wahr, was Einer von ihm gesagt hat: er war von jungen Jahren an ein völliger Mann.

 

Vergessen wir auch nicht, dass er zugleich Rektor der Bürgerschule war, und als solcher in den Elementarfächern viele Stunden zu geben hatte, was ihm bei seinem hochfliegenden Geiste gewiss nicht ganz leicht geworden ist. Er hätte das Alles unmöglich leisten können, hätte er seine außergewöhnliche Begabung und Arbeitskraft nicht mit einem eisernen Fleiße verbunden, der ihn in jungen Jahren oft schon um 4 Uhr morgens aus dem Bette trieb.

 

Dabei dürfen wir nicht verhehlen, dass die neuen Bestrebungen der inneren Mission in der Gemeinde durch mancherlei Anfechtungen hindurchgehen mussten. Die überwiegende Mehrzahl der Gemeindeglieder sah Anfangs das neue Wesen teils mit Gleichgültigkeit, teils mit Argwohn an, viele waren ganz entschiedene Gegner desselben. Das drückte sein zartes Gemüt zu Zeiten schwer, und da unter der übermäßigen Arbeitslast auch seine Gesundheit litt, so hatte er damals viel mit Kränklichkeit und Trübsinn zu kämpfen. Doch erfuhr er auch reichlich die erquickende Nähe seines Heilandes, und während der Predigt überkam ihn oft ein solcher Strom des Friedens, dass ich mich nur mit Mühe überwinden konnte, nicht laut auszusingen: Mir ist Erbarmung widerfahren!“ Auch die Liebe und Fürbitte vieler treuen Seelen innerhalb und außerhalb der Gemeinde war ihm ein süßer Trost.

 

Am 12. Mai 1851 ging sein älterer College, Pastor Schmidt, nach mehrtägiger schwerer Krankheit heim, wegen seines liebreichen und gefälligen Wesens von seinen Gemeindegliedern herzlich betrauert. Die Gemeinde, die je länger je mehr die lautere Gesinnung, den glühenden Eifer und die ausgezeichneten Gaben ihres Hilfsgeistlichen schätzen gelernt hatte, wählte denselben trotz manchen Widerspruchs zu ihrem Pfarrer. Beckhaus trat sein Amt an mit der Predigt über Ps. 16, 6: Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche, mir ist ein schön Erbteil geworden. Dieser Spruch, der dem Vorausblickenden vorerst nur ein Wort der Hoffnung sein konnte, hat sich ihm als wahr erwiesen, wie er später bei Rückblick oft bezeugt hat. So begann er noch im Jahre 1887 eine Predigt mit den Worten: „Da ich es lange nicht gesagt habe, und wieder ein Jahr angefangen ist, so darf ich es wohl einmal wieder sagen, wie ich Gott danke, dass ich euer Pastor geworden bin, und euer Pastor geblieben bin.“ Eine seiner ersten Taten als Pfarrer war die, dass er die Abtrennung der Hilfsgeistlichenstelle von dem Rektorat der Bürgerschule bei der Behörde erwirkte. Er hatte an sich selber die Erfahrung gemacht, dass es eine Unmöglichkeit war, beide Ämter zugleich ohne Schädigung der Gesundheit in Treue zu verwalten. Um die Sache zu fördern, bot er uneigennützig einen Teil seines Pfarrgehaltes zur Gründung einer selbständigen Hilfspredigerstelle an.

 

Als Pfarrer konnte nun Beckhaus seine für das geistliche Amt reich angelegte Persönlichkeit voll zur Entfaltung bringen. Am größten war er offenbar als Prediger. Er predigte gewaltig. Seine Rede erinnerte unwillkürlich an einen Bergquell, der mit urwüchsiger Kraft aus der Tiefe hervorbricht, von so köstlicher, originaler Frische waren seine Predigten.

 

Wohl trugen sie alle das Gewand schlichter, ungekünstelter Einfachheit – „die Predigtsprache kann und darf nicht mustergültig sein, so wenig etwa wie die Sprache einer Mutter mit ihrem Kinde“ aber in die einfache Form ergoss sich aus dem innersten Grunde seines gläubigen Herzens ein mächtiger Strom tiefer Gottesgedanken, der die Hörer unwiderstehlich mit fortriss. Seine Ausdrucksweise war knapp und markig und so gedankenreich, dass ein Geistlicher mit Recht sagte: Beckhaus sagt oft in einem Satze mehr, als mancher auf einer ganzen Seite. Seine Wahrhaftigkeit hasste bei der Predigt nichts mehr, als den hohlen Wortschwall. Er wusste wohl, dass die Wahrheit allein im Stande ist, die Herzen zu überwinden, darum wollte er die Wahrheit nicht verhüllen mit noch so schönen Worten. Er wies es auch weit von sich, die göttliche Wahrheit dem menschlichen Verstande schmackhaft zu machen, oder sie gar vor ihm zu rechtfertigen. Vielmehr war es seine tiefste Überzeugung, die auch in seinen Predigten immer wiederkehrt, dass das Wort von dem gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn unserer Vernunft allezeit eine Torheit sein würde und sein müsse; ja eben dies war ihm überaus tröstlich und glaubensstärkend, denn es war ihm grade der Beweis, dass sie von Gott war. Auf die Frage: warum wirken die Predigten von uns gläubigen Geistlichen nicht mehr? antwortete er: Weil wir es nicht lassen können, schön und geistreich zu predigen, statt einfältig und töricht zur Seligkeit.“ Alles kam ihm darauf an, seine Hörer zur Beantwortung der einen Hauptfrage zu drängen: was muss ich tun, dass ich selig werde? Denn nie vergaß er, dass es Sterbende waren, die unter seiner Kanzel saßen, Darum warb er um ihre Seelen mit so herzandringender Wärme. Und weil die Sünde die Ursache aller Unseligkeit ist, so war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, die Erkenntnis der Sünde zu wecken. Darum ließ er dem göttlichen Worte seine erschütternde Kraft. Er kannte die Opfer, die Gott gefallen: ein geängsteter Geist und ein zerschlagenes Herz! Er wusste, nur solche Herzen verlangen nach dem, der gekommen ist, die Sünder selig zu machen; nur solche Herzen können von seinen Lippen die seligmachende Botschaft hören: „Sei getrost! deine Sünden sind dir vergeben!“ Buße und Vergebung der Sünden war der Stern und Kern seiner Predigten. Eine Predigt, die diese beiden Stücke nicht enthielt, verglich er mit leerem Stroh. In einem Synodalbericht warf ein Geistlicher die Frage auf: wie muss die Predigt sein, um grade Männern unserer Zeit etwas zu bieten? Darauf gab er die ihn und seine Predigtweise trefflich charakterisierende Antwort: „Ein Pastor, der die Kraft des Evangeliums erfahren hat, und von ihr und dem Auftrage des Herrn getrieben wird, muss das Evangelium von der Buße und Vergebung der Sünden im Namen Jesu, des Gekreuzigten und Auferstandenen predigen; dann wird es ihm an Zuhörern zu keiner Zeit und an keinem Orte fehlen, und seine Predigt wird allen Menschen aller Zeiten und Orte das bringen, wonach im innersten Herzen alle Menschen verlangen.“

 

Es ist wahr, Beckhaus predigte scharf, mit zerschmetternder Wucht traf er die sicheren Gewissen, und deckte ihnen schonungslos ihr Sündenelend auf. Aber was bei aller schneidenden Schärfe seine Predigt doch wieder so lieblich und erquickend und darum für aufrichtige Seelen so unwiderstehlich anziehend machte, war dies, dass er den zerschlagenen Herzen den vollen süßen Trost der Vergebung darbot. Die Gemeindeglieder merkten bald: es war nur die besorgte Liebe des treuen Seelsorgers, die so ernstlich die Sünde strafte, welche der Leute Verderben ist, damit sie in Buße und Glauben Vergebung suchten, und dem Verderben entrönnen.

 

Die Vergebung der Sünden aber ruht in der Person Jesu, der als das Lamm Gottes der Welt Sünde getragen hat. Um ihn, den Sünderheiland, bewegte sich darum seine Predigt als um ihren Mittelpunkt. Der Name Jesus war die Sonne seiner Verkündigung. Seine Herrlichkeit in der Knechtsgestalt zu predigen und zu preisen ward er nicht müde. Zu ihm führte er die Kinder hin, ihn gab er den Brautleuten mit in den Ehestand. Unter sein Kreuz wies er die Mühseligen und Beladenen, und die Mahnung, womit er seine Grabreden zu schließen pflegte war die: „Suche Jesum und sein Licht, alles andere hilft dir nicht!“ Als er dann selber sein Stündlein nahe glaubte, gab er seiner Gemeinde, gleichsam als sein Testament, den Spruch, mit dem er sie sterbend grüßte: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

Sein ganzes Trachten war ja, den ihm anvertrauten Seelen ein Gehilfe ihrer Seligkeit zu werden. Darum drang er so gewaltig auf die Entscheidung für den Herrn, auf die Bekehrung, zumal an besonderen Tagen, wie Bußtag, Karfreitag und Toten fest. Dann schien es nicht anders, als ob der alten Propheten einer auf der Kanzel stände, und riefe mit Donnerstimme in die Gemeinde, wie einst Elias: Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Von so erschütternder Gewalt waren an solchen Tagen seine Zeugnisse.

 

Von besonderer Kraft waren auch seine Predigten am Reformationsfeste. Wie hätte es anders sein können bei einem Manne, der so fest in der Gnade wurzelte, dass er einmal gegenüber Hengstenbergs Lehre von den Stufen der Rechtfertigung sagte: „Von Niemand, und ob es ein Engel vom Himmel wäre, wollen wir uns ein Titelchen anrühren lassen an unserem einigen Trost im Leben und im Sterben: dass auch der allerschwächste Glaube, wenn er aus Gott ist, die volle Vergebung aller Sünden aus lauter Gnaden empfängt und annimmt.“ Er hatte mit seltener Klarheit die lutherische Lehre in ihrer Tiefe erfasst. Die Reformation pries er als die große Segensquelle, die Gott unserem deutschen Volke erschlossen, und „Vater Luther“ war sein besonderer Liebling, dessen Predigten er vor allem den jungen Theologen zum Studium empfahl. Seine Predigten an den evangelischen Fest- und Gedenktagen in der überfüllten Kirche waren gewaltige Zeugnisse seines reformatorischen Geistes. Unvergesslich ist wohl allen, die sie gehört haben, die Predigt am Lutherjubiläum 1883. In der Einleitung verlas er das herrliche Schreiben des alten Kaisers Wilhelm, worin derselbe seine evangelischen Mitchristen zur Feier des denkwürdigen Tages aufforderte. Eine tiefe Bewegung ging dann durch die Herzen, als er in Anlehnung an die historischen Worte Luthers an Herzog Erich langsam und feierlich dem verlesenen Schreiben hinzufügte: das danke dir Gott, Kaiser Wilhelm, in deiner letzten Stunde! Und nun folgte eine mächtig ergreifende Predigt über die Worte des Lutherliedes: Eine feste Burg ist unser Gott. Um das Kleinod der evangelischen Wahrheit der Gemeinde noch teurer zu machen, erneuerte Beckhaus auch das Andenken an die reformatorische Vergangenheit von Höxter, an die Leiden der Gemeinde im dreißigjährigen Krieg, an die Standhaftigkeit der Väter, die lieber Gut und Blut, als ihren evangelischen Glauben lassen wollten. Alljährlich wurde am Donnerstag nach Ostern zur Erinnerung an die Zerstörung von Höxter ein besonderer Abendgottesdienst gehalten.

 

Noch köstlicher aber als seine Hauptpredigten waren seine Ansprachen in den Abendgottesdiensten, den sogenannten Betstunden, wo ein kleinerer Kreis erweckter Seelen sich um ihn versammelte, die er tiefer hineinführte in das Verständnis des göttlichen Heilsratschlusses. Hier stand er gleichsam wie ein Vater im trauten Familienkreis, der den Seinen das Brot austeilt. Schlicht, innig und tief, aus dem Innersten seines in Gott ruhenden Herzens hervorquellend war sein Wort; seinen geistlichen Kindern waren diese Abendgottesdienste Stunden süßer Erquickung und reichen Segens. Die Krone vielleicht von Allem, was Beckhaus so geredet hat, sind seine Betrachtungen über die Passionsgeschichte und seine Ansprachen an den Abenden der Karwoche. Einige sind vor Jahren in dem evangelischen Monatsblatt für Westfalen abgedruckt, andere finden sich in dem vorliegenden Bande, es sind wahre Perlen der Predigt-Literatur. Um seiner Gemeinde das Verständnis der Heiligen Schrift zu öffnen, hielt er besondere Bibelstunden ab, in denen er ganze Bücher oder Abschnitte der Heiligen Schrift fortlaufend erklärte, so unter anderen das erste Buch Mose, viele Psalmen, das Hohelied, die Bergpredigt, den Römerbrief, die Johannesbriefe und die Offenbarung.

 

Beckhaus war bei seinem nach Innen gerichteten Wesen und seinem Hang zur Geistesstille ein Kenner des menschlichen Herzens wie Wenige. Er kannte das geheime Sehnen, Hoffen und Fürchten der Seele, ihr Dürsten nach Frieden und Erlösung aus den Banden der Sünde, ihr Bangen vor dem Tode und der Ewigkeit, ihre geheime Traurigkeit, die sich oft genug hinter einem lachenden Angesichte verbirgt. An diesem innersten Punkte fasste er die Seelen an, daher auch die tiefgehende Wirkung seiner Predigten, daher auch die seltene Tatsache, dass alle Stände, Vornehme und Geringe sich von ihm angezogen fühlten und unter seiner Kanzel Erbauung fanden. Seine Predigt brachte eben um mit seinen allen Menschen das, wonach alle im eigenen Worten zu reden innersten Herzen verlangen.

 

Zugleich war er ein feiner Beobachter des Menschenlebens und besonders der Natur. Daraus flossen ihm wie von selbst eine große Zahl sinniger Vergleiche und Bilder zu, die seine Gedanken treffend illustrierten. Bezeichnend für seine Eigenart und seinen Gedankenreichtum war auch hier, dass er derartige Bilder niemals weiter ausmalte, sondern ihre Ausführung den Hörern überließ.

 

Wie wir oben erwähnten, waren Beckhaus Predigten knapp in der Form und gediegen von Inhalt. Das lag zum guten Teil daran, dass er dieselben auf das gewissenhafteste vorbereitete. Er trug sie die ganze Woche über in sinnendem Geiste und auf betendem Herzen und er schrieb sie wörtlich nieder. Er dachte zu hoch von dem göttlichen Worte, zu hoch von der Stellung eines Predigers, er liebte die ihm anvertrauten Seelen viel zu sehr, als dass er jemals ohne gründliche Vorbereitung vor sie hingetreten wäre. Er wusste, dass es bei unvorbereitetem Reden gemeiniglich mehr Worte als Gedanken regnet. Seine Treue ging so weit, dass er selbst die kleineren Reden bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen wörtlich niederschrieb, bis in sein Alter. Wir aber haben doppelt Ursache, uns dieser seiner Gewissenhaftigkeit zu freuen, denn ihr allein verdanken wirs, dass die nachfolgenden Predigten erscheinen können, denen wills Gott später noch manches Andere aus dem wertvollen Schake seines Nachlasses folgen wird. So folgen seine Werke ihm nach, so redet er noch im Tode zu uns.

 

Dass Beckhaus ein reichbegnadeter Prediger war, wusste man übrigens in weiten Kreisen Westfalens, namentlich im Ravensberger Lande, und manche Festpredigt hat er in seinen kräftigeren Jahren gehalten. Wie gern man ihn als Festprediger hörte, darüber haben wir ein Zeugnis aus dem Munde eines noch lebenden namhaften Geistlichen unserer Provinz, der ihn für ein großes Missionsfest um eine Predigt bat mit dem Hinzufügen: „Jedes Manko an Stimme, Gehör und dergl. nehmen wir gern mit in Kauf, jede Partikel von Ihnen ist uns so lieb, dass wir uns mit der kürzesten Rede begnügen würden.“ Von seinen Predigten ist manche im Laufe der Jahre in dem evangelischen Monatsblatt für Westfalen abgedruckt und in dem großen Leserkreise desselben jedes Mal mit Freuden begrüßt und gelesen worden.

 

So fest es nun aber für Beckhaus stand, dass im evangelischen Gottesdienste die Predigt allezeit den Mittelpunkt bilden müsse, so achtete er doch keineswegs die liturgischen Bestandteile des Gottesdienstes gering, vielmehr maß er ihnen für die Erbauung der Gemeinde einen hohen Wert bei. Er hatte sich schon früh mit großem Fleiß auf das Studium der Liturgik geworfen und machte es sich nun zur Aufgabe, den gänzlich darniederliegenden liturgischen Teil des Gottesdienstes zu heben und würdig zu gestalten. Vom Presbyterium unterstützt, führte er nach und nach für seine Gemeinde in Anlehnung an die alten Agenden eine reich ausgestaltete Liturgie ein, die das Psalmwort von den schönen Gottesdiensten des Herrn erst zur vollen Wahrheit machte und für die Gemeinde eine Quelle der Erbauung wurde. Das Wesen des Gottesdienstes stand ihm mit Recht darin: der Herr kommt zusammen mit seiner Gemeinde. Auf diesem Grundgedanken war die Liturgie mannigfaltig und doch einheitlich aufgebaut und bis ins einzelste lebensvoll gegliedert. Allerdings wars nicht zu verwundern, dass im Anfang Vorurteile zu überwinden waren; manche meinten, es würde zu viel gesungen und nannten den Altargesang des Geistlichen katholisch, während doch in früherer Zeit die lutherischen Pastoren der Gemeinde außer der Predigt kein Wort gesprochen hatten. Mit der Zeit aber verstummten die anfänglichen Widersacher gänzlich und die Gemeinde erkannte mit dem wachsenden Verständnis die schöne Liturgie immer mehr als einen wahren Schatz. Fremde, die nach Höxter kamen, waren überrascht und erfreut von dem reichen liturgischen Schmuck, mit dem die Predigt umrankt war.

 

Mehr noch als die Hauptgottesdienste waren die Nebengottesdienste zu liturgischer Ausgestaltung geeignet und wurden auch alsbald hierzu benutzt. Die Lobgesänge des Zacharias, der Maria und des Simeon, sowie der Psalmengesang wurden eingeführt und manches herrliche Stück aus dem überreichen liturgischen Schatz der lutherischen Kirche ans Licht gezogen und der Gemeinde aufs Neue dargeboten. Mit besonderer Sorgfalt pflegte Beckhaus auch den Gemeindegesang, hatte er doch schon lange ehe das gediegene Ravensberger Gesangbuch in Höxter eingeführt war, seinen Konfirmanden die alten evangelischen Kernlieder diktiert und ihre Melodien in der Schule einüben lassen. Durch das innige Zusammenarbeiten von Kirche und Schule erwarb sich die Gemeinde im Laufe der Jahre einen so reichen Melodienschatz wie wohl wenig Gemeinden. Die Freude am Gesange wuchs sichtlich. In vollem Chor durchbrausten am Sonntag die schönen Gesänge das Gotteshaus. Bei seinen liturgischen Bestrebungen wurde Beckhaus von einigen treuen nun auch längst heimgegangenen Lehrern der Bürgerschule sowie von dem Leiter des St. Petristiftes, die mit ihren wohlgeschulten Kinderchören ihm die volle Ausführung erst ermöglichten, mit verständnisvollem Eifer warm unterstützt. Für die Benutzung in den Sonnabends-Vespern hatte er selber treffliche Summarien der Evangelien und Episteln des Kirchenjahres ausgearbeitet, die in dem Schneiderschen Kalender für Geistliche Jahrgang 1874 abgedruckt sind.

 

Beckhaus war aber nicht bloß ein Kenner der Liturgik und der liturgischen Literatur, sondern ebenso ein Meister in der Ausübung der Liturgie. Seinem Auftreten und seiner ganzen Haltung fühlte man die Ehrfurcht vor dem Heiligen ab, die sein Herz bewegte, seine priesterliche Erscheinung vor dem Altar stimmte zur Andacht und war allein schon eine Erbauung. Und wie meisterlich verstand er die Liturgie zu halten, wie wusste er in jedes Wort den rechten Ton zu legen! wie wusste er jedem Kyrie und jedem Halleluja die rechte Bedeutung zu geben! Vielen jungen Geistlichen, die als Hilfsprediger ihm zur Seite standen, ist er in der langen Reihe der Jahre dadurch Vorbild und Lehrer geworden, aber keiner von allen hat ihn, was Kraft, Würde und Schönheit des liturgischen Vortrags anlangt, jemals erreicht, geschweige übertroffen.

 

Zugleich sorgte er dafür, dass auch in der Bekleidung der heiligen Stätten, des Altars, des Taufsteins und der Kanzel „der Geschmacklosigkeit gewehrt, das kirchliche Dekorum gewahrt und das Schöne geschaut und geschont werde,“ nach dem Dichterwort:

 

Es schimmert rings das schöne, \\

Das heilige Gerät, \\

Und alle Farben, alle Töne \\

Begrüßen sich mit Majestät.

 

Die Gewänder in den fünf liturgischen Farben der alten Kirche wechselten je nach den Zeiten des Kirchenjahrs. „Wie in der Natur nach den Jahreszeiten, so wechseln auch im Kirchenjahr die Farben nach den Festzeiten.“ Überhaupt verlangte Beckhaus, wenn er auch die überladene Pracht römischer Gotteshäuser und Gottesdienste nicht liebte, dass bei dem Baue und der inneren Ausstattung des Gotteshauses dem Schönen Rechnung getragen werde. Gott hat uns nicht bloß Ohren, sondern auch Augen gegeben. Und Gottes Haus baut die Gemeinde nicht bloß für sich, sondern für Gott, der uns in der Bemalung der Welt gezeigt hat, wie ers liebt.“

 

Doch nicht allein der Gemeinde Höxter, sondern wie wir weiter unten sehen werden, der ganzen Provinz ist sein reiches liturgisches Wissen zu Gute gekommen.

 

Bisher haben wir Beckhaus Wirksamkeit innerhalb des Gotteshauses ins Auge gefasst, wie war er denn aber in der Gemeinde? Von seiner vielseitigen Wirksamkeit auf dem Gebiete der inneren Mission haben wir bereits oben gesprochen. Als reife Frucht war aus diesen Bestrebungen das sich immer blühender entwickelnde St. Petristift hervorgegangen. Später als immer mehr Ämter und Aufgaben seine Zeit und Kraft in Anspruch nahmen, war der vielbeschäftigte Mann nicht mehr im Stande, sich der Vereins- und Liebestätigkeit wie früher anzunehmen, sondern musste dieselbe seinen Hilfspredigern sowie anderen treuen Gemeindehelfern überlassen. Doch begleitete er alle diese Bestrebungen mit warmem Interesse in treuer Fürbitte und fehlte bei besonderen Veranlassungen und Festen selten. Er unterschätzte die Wichtigkeit des Vereinslebens für unsere Zeit keineswegs, sagte er doch noch in den letzten Jahren einmal: wenn ich noch Kraft dazu hätte, so würde ich einen Arbeiter-Verein ins Leben rufen!

 

An der Gründung des evangelischen Gymnasiums in Höxter hat er hervorragenden Anteil gehabt. Schon im Jahre 1851, als die Errichtung eines christlichen Gymnasiums für das nordöstliche Westfalen beabsichtigt wurde, bemühte er sich eifrig, dasselbe für Höxter zu gewinnen, man entschied sich indes, wie bekannt, für Gütersloh. Desgleichen hat er an der Errichtung der evangelischen Töchterschule und des großen Gymnasial-Alumnates an seinem Teile redlich mitgeholfen. Die größte Freude war ihm die Erneuerung der altehrwürdigen, aus dem elften Jahrhundert stammenden Kilianikirche, die 1882 neu geweiht wurde. Bei allen derartigen äußeren Werken war es sein Grundsatz, nur auf die Gesinnung zu wirken, die Sache aber nicht selbst in die Hand zu nehmen, sondern aus der freien Entschließung der Gemeinde hervorgehen zu lassen. „Keiner soll euch treiben, wenn euch euer Herz nicht treibt!“ eine ideale Anschauung, die  sich leider wohl schwerlich immer durchführen lässt.

 

Von den regelmäßigen Besuchen Haus bei Haus hielt er nicht viel. Er meinte, es käme für die Seelen wenig dabei heraus und raube dem Pastor viele kostbare Zeit, die er im Interesse der Gemeinde fruchtbringender verwerten könne. Ob diese Meinung wohl von Allen geteilt wird? Nach seiner Ansicht sollten die Hausbesuche an besondere, traurige oder fröhliche, Familienereignisse anknüpfen, dann allein seien sie recht gesegnet. Und diese Besuche machte er denn auch mit großer Gewissenhaftigkeit. Er war ein rechter Seelsorger, mit einem warmen, teilnehmenden Herzen zugleich für das irdische und leibliche Wohl und Wehe. Wie treulich besuchte er namentlich seine Kranken! Wie geduldig ging er auf ihre Klagen ein! Wie liebreich wusste er sie zu trösten aus Gottes Wort, dessen Kraft er am eigenen Herzen erfahren hatte! An wie manchem Krankenbette, in wie manchem Trauerhause sind dem an scheinend so strengen Manne unter dem tröstlichen Zuspruche die Augen übergegangen! Er weinte mit den Weinenden, weil sein liebevolles Herz fremde Not als die eigene empfand. Kein Trauriger ging von seiner Schwelle ohne Trost, kein Unglücklicher ohne Hilfe, gegen Arme war er freigiebig über sein Vermögen. Beckhaus besaß eine ungemein seelsorgerliche Begabung. Gar freundlich verstand er die angefochtenen Seelen zu erquicken und zur Glaubensfreudigkeit zurückzuführen. Er wusste aus eigener schmerzlicher Erfahrung, wie steil und dornicht der Pfad ist, der uns zur Vollendung führt. Hatte er doch selber, auch in reiferen Jahren noch, mancherlei Anfechtungen zu erdulden, „Anfechtungen völligen Unglaubens, so dass mir alles Unsichtbare völlig weg geschlagen wird.“ Aber der treue Herr, der versucht ward allenthalben wie wir und darum helfen kann denen, die versucht werden, ließ ihn auch reichlich seine Verheißung erfahren: Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen. Solche Erfahrungen an der eigenen Seele machten ihn geschickt, auch anderen angefochtenen Seelen den Weg zum Frieden zu zeigen.

 

Er hat manches Samenkörnlein, das er in der Kirche ausgestreut hat, und das in den Tagen der Trübsal in den Herzen aufging, begossen und gepflegt! Er hat aber auch manche Erquickung an Kranken- und Sterbebetten erlebt! Mancher hats ihm auf dem letzten Lager noch gedankt, dass er ihm ein Führer zum Heilande und damit zum seligen Sterben geworden sei. Das gab ihm dann immer wieder neue Freudigkeit. Damit tröstete er auch zagende Amtsbrüder, denen er einmal zurief: „Lassen wir uns nicht selber müde machen! ein Dank von sterbenden Lippen ist doch viel tausendmal mehr, als Alles, was wir mit aller Arbeit verdient haben.“ Er säte auf Hoffnung und er durfte es oft wunderbar erfahren, dass Hoffnung nicht zu Schanden werden lässt. Ein den vornehmen Ständen angehöriger, aber unkirchlicher Mann war in eine andere Stadt verzogen. Hier warf ihn eine schwere Krankheit so darnieder, dass er seinen Tod erwarten musste. Was tat er? er ließ sich in seinem leidenden Zustande nach Höxter ins Krankenhaus bringen. Eines Tages besuchte Beckhaus das Krankenhaus und war überrascht, ihn hier zu finden. Auf seine Frage: aber wie kommen Sie denn nach Höxter? gab der Kranke zur Antwort: ich möchte gern selig sterben und ich weiß, das kann ich von Ihnen erfahren! Eine vornehme, ebenfalls nach auswärts verzogene Frau gab ihrem Manne noch auf dem Sterbebette ausdrücklich den Auftrag, dem Pfarrer Beckhaus in Höxter dafür zu danken, dass sie durch ihn zur Erkenntnis des Heilandes gekommen sei, dessen sie sich jetzt getröste.

 

Solche Erfahrungen machten ihn außerordentlich milde im Urteil über die einzelnen Seelen, namentlich am Grabe. So scharf er die Gemeinde auf der Kanzel anfasste und zur Buße rief, so zurückhaltend und milde sprach er sich über die einzelnen geschiedenen Gemeindeglieder aus und wer wollte ihm darin nicht vollkommen beipflichten? Ihn leitete dabei die Überzeugung, die er auch aussprach, dass der Heilige Geist in den letzten Tagen und Stunden, die eine Seele noch in dieser Gnadenzeit verlebe, mit aller Macht, die ihm zu Gebote stehe, an der Seele arbeite, um sie selig zu machen. Dass er dabei der Wahrheit nichts vergab, und dass er die Lebenden umso ernstlicher ermahnte, sich auf die Ewigkeit zu rüsten, bedarf wohl nicht erst der Versicherung.

 

Seine seelsorgerlichen Erfahrungen an den Erwachsenen zeigten ihm die außerordentliche Wichtigkeit des Jugend-Unterrichts. Freundlich, aber ernst ging er mit seinen Konfirmanden um. Auch hier war sein Hauptbestreben darauf gerichtet, in den Herzen die Erkenntnis der Sünde und die Sorge um ihre Seligkeit zu wecken, damit sie frühe lernten, in dem Sünderheiland ihren einzigen Trost im Leben und im Sterben zu erkennen und zu suchen. Die Eindrücke, die seine Schüler von ihm empfingen, waren tief und bleibend. Unauslöschlich war Vielen für ihre ganze Lebenszeit die Frage ins Herz gebrannt: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Dieser tiefe, nachhaltige Eindruck wurde wohl zunächst hervorgerufen durch den heiligen Ernst, der über seiner Person lag und unwillkürlich zur Ehrfurcht nötigte, sodann vor allem durch die heilige Liebe zu den Seelen, die man seinem Unterricht abfühlte. Diese Liebe brach besonders hervor bei der Konfirmation, die er zwar feierlich und würdig, aber ohne jede Beimischung ungesunder Gefühlsseligkeit abhielt. Seine Konfirmationsreden waren ergreifende Zeugnisse inniger Hirtenliebe. Sein Herz war an diesem Tage freudig bewegt, wenn er seine kleine Herde am Altar überblickte. Wars auch eine Freude mit Zittern für manchen, den er vor sich sitzen sah – so wars doch eine Freude. Man hört nicht selten ältere Geistliche klagen, dass ihnen bei der Konfirmation von Jahr zu Fahr schwerer ums Herz werde, weil sie die traurige Erfahrung machen, dass so Mancher nach der Konfirmation die Welt wieder lieb gewinnt. Ganz anders Beckhaus. Er vertraute so fest auf die rettende Gnade Gottes, der er seine schwachen Schäflein befahl und sagte, man dürfe nicht zu hohe Anforderungen an den Glauben der Kinder stellen – „von Kindern kann man in allen Stücken nichts Großes sehen“ wobei er daran erinnerte, einen wie schwachen Glauben der Herr selber an seinen Jüngern gefunden habe, und doch habe er ihnen so Großes anvertraut.

 

Wie treulich er sein Hirtenamt an seinen Konfirmanden ausübte, dafür besitzen wir ein Beispiel, das mehr sagt, als alle Worte. Im März des Jahres 1875 starb seine Mutter in Bielefeld. Auf die Kunde von ihrer tödlichen Erkrankung war er zu ihr geeilt, traf sie aber nicht mehr am Leben. Nach hartem Kampfe reiste er noch vor der Beerdigung nach Höxter zurück, weil er seinen Konfirmanden, die der Konfirmation entgegengingen, seine Kraft und Zeit nicht glaubte entziehen zu dürfen. Und wie liebte er diese Mutter! An seine Braut schrieb er einst über sie: „Ich liebe sie nicht nur als Mutter, ich verehre sie als eine Heilige.“

 

Um die Kinder in der Wahrheit zu vertiefen und zu befestigen, hielt Beckhaus an den Sonntagnachmittagen des Sommerhalbjahres die sogenannte Christenlehre, Katechismus-Unterredungen, an denen die Konfirmierten Teil zu nehmen verpflichtet waren, denen aber auch viele Erwachsene beizuwohnen pflegten. Schade, dass heut zu Tage wohl in den meisten Gemeinden diese Katechismus-Gottesdienste von den Erwachsenen fast gänzlich gemieden werden, und doch wäre es Vielen so dringend not und zweifellos zu großem Segen, ihren Katechismus wieder zu treiben, den ein Luther bis an sein Lebensende nicht auslernen zu können behauptete.

 

Die Kraft aber zu seiner gesamten Amtstätigkeit holte er sich von oben. Darin ruht das Geheimnis des tiefgehenden Einflusses seiner Person: er war ein Beter. Darum gingen Ströme des lebendigen Wassers von seinem Leibe aus. Nur wer sich von Gott reich machen lässt, kann Andre reich machen, und Gott will gebeten sein, soll er etwas geben. Daraus erklärt es sich, dass seine Predigten so durchs Herz gingen, weil Kräfte der Ewigkeit darin wirksam waren, man fühlte es ihnen ab: sie waren aus dem Gebetsverkehr mit Gott herausgeboren. Er selbst trug seine Gemeinde auf priesterlichem Herzen vor Gott, legte er doch auf die Fürbitte den höchsten Wert. Immer wieder kehrt in den Briefen an seine Verwandten am Schlusse die Bitte: betet für mich! Seinen Amtsbrüdern in der Diözese aber gab er die Mahnung, unablässig Gott, der allein Wachstum und Gedeihen geben kann, anzurufen für die ganze Gemeinde und für jeden Einzelnen, den Gott uns in irgendeiner Weise bemerklich macht; lassen Sie uns treu sein in der Fürbitte, wer bittet, dem wird gegeben!“

 

Der Erfolg seiner gesamten geistlichen Wirksamkeit in der Gemeinde war, wie nicht anders zu erwarten, ein großer. Schon in den ersten Jahren seines pfarramtlichen Wirkens ging merkbar eine Erweckung durch die Gemeinde. Hatten auch anfangs manche den jugendlichen Pastor wegen seiner unerschrockenen und kraftvollen Predigt von der Buße und Vergebung der Sünden als einen strengen und finsteren Zeloten angefeindet und den Ernst seiner Predigt mit der spöttischen Bemerkung abtun zu können geglaubt, er predige immer nur vom Teufel, so schmolz das Häuflein seiner Widersacher mit jedem Jahr mehr zusammen. Nur wenige konnten sich des Eindrucks seiner gewaltigen Predigt entziehen. Die Gottesdienste wurden so zahlreich besucht, dass die geräumige Kirche, auch an den gewöhnlichen Sonntagen, bald zu klein wurde. Auch die Nebengottesdienste erfreuten sich eines starken Besuchs. In vielen Seelen erwachte wieder ein Fragen nach Gott und der Seelen Seligkeit, ein Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Die Hausandachten wurden in manchen Familien wieder eingeführt. Es waren nur wenige, die sich von Gottes Wort und Sakrament gänzlich fern hielten. Innere und äußere Mission, wie Gustav-Adolfs-Sache wurden eifrig gepflegt, so dass Beckhaus seiner Gemeinde das Zeugnis geben konnte, dass das Christentum eine die Gesamtheit der Gemeinde bewegende Macht sei.

 

Er selbst genoss mit Recht dafür die höchste Verehrung und Liebe. Seine Gemeinde wusste, was sie an ihm hatte und was sie ihm verdankte. War er doch durch eine vierundvierzigjährige Amtstätigkeit mit der ganzen Gemeinde aufs engste verwachsen. Die Meisten hatte er getauft, konfirmiert und getraut. Darum erschien er der Gemeinde nicht anders als ihr Vater, zu dem sie mit herzlicher Ehrfurcht und kindlicher Liebe emporblickte.

 

Diese Anhänglichkeit erwiderte er aus vollem Herzen. Die Gemeinde Höxter war seine erste und einzige Liebe, der ihn auch die glänzendsten Anerbietungen von außen nicht untreu zu machen vermocht hätten. Wiewohl er sich unter seiner Gemeinde fühlte, dafür haben wir oben bereits ein schönes Zeugnis aus seinem Munde gehört. Bei seinem fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum sprach er es vor versammelter Gemeinde aus: „Jedes der fünfundzwanzig Jahre ist mir ein Quell immer neuen Segens und immer neuer Freude von Gott gewesen. Und von der Gemeinde habe ich in all der Zeit nichts als lauter Freundlichkeit erfahren. Darum bin ich ja so mit euch zusammengewachsen, dass ich mir gar nicht denken kann, ich könnte noch irgendwo anders in der Welt leben, als unter euch; jede Reise, die ich zu machen habe, zeigt es mir immer aufs Neue, dass ich mich nirgends anders wohl fühlen kann, wie die Schnecke sich nur wohl fühlt in ihrem Hause.“ An seinem Leben kann man recht deutlich sehen, ein wie unaussprechlicher Segen für eine Gemeinde ein treuer Hirte ist. Auch die Unkirchlichen in der Gemeinde begegneten ihm doch mit großer Achtung und Ehrerbietung, weil alle von ihm den Eindruck eines bedeutenden Mannes hatten. Seine Gemeinde aber fühlte sich wie verwaist, als ihr Vater und Hirte am 13. August 1890 seine Augen geschlossen hatte, und nun erst kam es allen recht zum Bewusstsein, was sie an ihm verloren hatten.

 

Es mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. So erkannte man in weiteren Kreisen früh die hervorragenden Gaben des jungen Beckhaus. Er war erst 36. Jahre alt, als die Synode Paderborn ihn zu ihrem Superintendenten erwählte; er hat dies Amt 33 Jahre treulich und in reichem Segen verwaltet.

 

Zu dem ihm unterstellten Geistlichen seiner Synode hatte er fast durchgängig ein herzliches Verhältnis. Die älteren verkehrten mit ihm wie Freunde, die jüngeren ehrten und liebten ihn, wie einen Vater. Aller nahm er sich gleichermaßen mit Rat und Tat in fürsorgender Liebe an. Es war bei dem äußerst geringen Einkommen der kleinen Diasporastellen des Paderborner Landes manchem Geistlichen nicht leicht gemacht, im Kampfe mit häuslichen Sorgen sich die volle Amtsfreudigkeit zu bewahren. Da wusste Beckhaus immer wieder zu trösten und aufzurichten, aber auch durch immer wiederholte Bitten und Anträge nach Oben der Not zu steuern. „Lasst uns trachten meine Brüder, dass wir selig werden mit Furcht und Zittern; so gewiss es niemand so schwer wird den Tod zu bedenken als dem Totengräber, so gewiss wird es auch keinem so schwer, selig zu werden als den Pastoren. Das allein ist auch die wahre Arznei gegen die Diaspora-Krankheit der Pastoren; und das wird es am ersten ertragen lassen, wenn durch langes Studieren, Geldopfer und Examinieren endlich ein Leben voll Entbehrung und häuslicher Sorge erreicht ist, deren stetes Wachsen man vor Augen sieht.“ Mit dem Trost aber verband er zugleich heilige Mahnung. Er war nicht bloß das Herz, sondern auch das Gewissen seiner Geistlichen. Immer wieder mahnte er zur Treue und Gewissenhaftigkeit in der Amtsführung. Den Pastoren schob er einen großen Teil der Schuld zu, dass in den Gemeinden so wenig vom Heiligen Geist und ewigen Leben zu spüren sei, und rief sie zur Buße auf, wobei er sich selbst mit einschloss. „Vergessen wir nie, dass der Herr die Sendschreiben der Offenbarung an die Pastoren adressierte. Nur so weit hat der Regel nach die Predigt Kraft, als sie volle Wahrheit ist auch in unserem Munde, als wir in dem, was wir predigen, selber leben! Und wer zählt unsre Unterlassungssünden! Nicht allein der wird verworfen, der seine großen Gaben nicht gebraucht hat, sondern auch die geringste Gabe soll bei Strafe der ewigen Finsternis angelegt werden auf Wucher.“ Bei dem mannigfachen Wechsel der Geistlichen in der Diözese war und blieb er durch mehr als drei Jahrzehnte der lebendige und feste Mittelpunkt des Paderborner Kirchenkreises, die starke Eiche, die die Schwächeren stützte. Bei ihm holten sie Anregung zum Studium, Trost in inneren und äußeren Leiden, Ermunterung zur Glaubenstreue, Rat und Hilfe. So ist er durch die Einwirkung auf einen großen Kreis von Pastoren, die unter ihm arbeiteten und gleichsam durch seine Schule gingen, von weitreichendem Einfluss und Segen für die Provinzialkirche geworden.

 

In gleicher Weise trug Beckhaus Sorge für die Gemeinden. Von je her waren die Gemeinden des Paderborner Landes als ein gefährdeter Vorposten der evangelischen Kirche in einer äußerst schwierigen Lage gewesen. An Seelenzahl gering, zumeist zerstreut unter einer fanatisch katholischen Bevölkerung, waren sie der Mehrzahl nach auch finanziell nicht im Stande, auf eigenen Füßen zu stehen. Mit Umsicht und Tatkraft wachte der treue Mann über seinen kleinen Diasporagemeinden, stützte die wankenden Mauern und baute neue. So sind unter seiner Superintendentur eine Reihe von Gemeinden neu gegründet und damit feste Stützpunkte für das evangelische Leben in der römischen Umgebung geschaffen, Kirchen, Schulen und Pfarrhäuser wurden teils neu gebaut, teils wieder hergestellt. Unermüdlich war er in Gesuchen an die Behörden, in Bitten an die Gustav Adolf-Vereine, um die armen Gemeinden auch finanziell zur Selbstständigkeit zu bringen. Es ist eins seiner größten Verdienste um die evangelische Kirche, dass er dreiunddreißig Jahre lang so mannhaft und treu auf dieser schwierigen Grenzwacht im Paderborner Lande ausgeharrt hat. Das Superintendentur-Archiv wie die Protokolle der Kreissynode Paderborn reden hierüber eine beredte Sprache.

 

Vermöge seines Amtes als Superintendent gehörte Beckhaus auch der Provinzialsynode an, auf der er bis an sein Ende eine hervorragende Stellung einnahm. Obwohl ursprünglich reformirt erzogen und konfirmiert, hatte er sich später mit ganzem Herzen dem lutherischen Bekenntnis zugewandt, dessen tapferer und unentwegter Vorkämpfer er Jahrzehnte lang auf Synoden und Konferenzen war. Wie bekannt, waren in den fünfziger und sechziger Jahren auf der Provinzialsynode scharfe konfessionelle Kämpfe zu bestehen. Beckhaus war ein entschiedener Gegner einer absorptiven, d. h. die Bekenntnisse verschlingenden Union, er forderte vielmehr, wie verheißen, Freiheit des Bekenntnisses innerhalb der Union und ließ sich furchtlos nach oben und unten – durch nichts wankend machen. Zur Pflege und Förderung des lutherischen Bekenntnisses gründete er mit Anderen die damals sehr misstrauisch angesehene lutherische Konferenz des Ravensberger Landes. Er selbst hat sie Jahre lang geleitet und zu hoher Blüte gebracht. Dabei war er keineswegs ein Feind der Union, er wusste die Vorzüge derselben und ihre geschichtliche Notwendigkeit wohl zu würdigen, aber er wollte nicht eine Union der Lehre und des Kultus, d. h. keine Konfessions-Mengerei, sondern eine Union der Verfassung, im Übrigen aber bot wohl niemand herzlicher wie er den reformirten Brüdern die Hand zu einträchtigem Beieinanderwohnen.

 

Beckhaus umfasste seine teure evangelische Kirche mit der ganzen Liebe seines Herzens und hat als ihr treuer Sohn bis an sein Ende gearbeitet, gekämpft und gelitten, damit der Mutter die ihr gebührende Stellung zu Teil würde. Er war ein Feind aller bösen Vermischung von Staat und Kirche, wobei die Kirche doch immer die geknechtete ist. Darum unterstützte er auf das wärmste die Bestrebungen, die darauf hinaus liefen, der evangelischen Kirche eine größere Freiheit der Bewegung und Selbstständigkeit gegenüber dem allmächtigen Staat zu erringen. Dabei aber strebte er nicht etwa eine Freikirche an, er wollte die Landeskirche erhalten wissen. Und so hielt er auch fest an der Stellung des Königs als des obersten Bischofs der evangelischen Kirche. Noch gegen Ende seines Lebens sagte er einmal: „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich die geschichtliche Notwendigkeit des landesherrlichen Kirchenregiments.“ Umso mehr aber forderte er, dass auch der Staat der Kirche gebe, was der Kirche ist. Wenn er auch hier seine Freunde zur Nüchternheit und zum weisen Maßhalten in ihren Forderungen an den Staat ermahnte, so schien ihm doch zweierlei unbedingt notwendig: 1. Selbständigkeit der kirchlichen Gesetzgebung, so dass ein Kirchengesetz zu Stande kommt ohne Dazwischenkunft des Staatsministeriums und des Abgeordnetenhauses, durch unmittelbaren Verkehr der obersten Kirchenbehörde mit dem Träger der Kirchengewalt, Sr. Majestät dem Könige. 2. Freiheit der Kirchenlehre vom staatlichen Einfluss, d. h. dass der Staat nicht hindernd in die kirchliche Lehre eingreife und deshalb der Kirche den nötigen Einfluss bei Anstellung und Beaufsichtigung der Professoren der Theologie, sowie der Religionslehrer an den Seminarien und allen Unterrichtsanstalten gewähre. Sein ceterum censeo auf den Synoden war: „Wenn die Kirche soll kämpfen können, muss sie frei werden von den Umarmungen des Staates!“ Dagegen protestierte er mit aller Entschiedenheit gegen die Zurückführung des Episkopates. „Wir haben keine Kirchenfürsten und wollen keine haben, vor denen die Soldaten präsentieren; den Bischofstitel, wie er sich in der römischen Kirche entwickelt hat, hat Gott durch die Geschichte gerichtet; wir sollten ihn verabscheuen.“

 

So wichtig ihm alle diese Bestrebungen waren, immer wieder betonte er auf das nachdrücklichste das, worin unsere Kirche zugleich ihr festes Fundament und ihre einzige und endlich siegreiche Waffe habe: Gottes Wort und Sakrament. Die göttliche Wahrheit der Schrift aber fand er wesentlich niedergelegt in den Bekenntnissen der Kirche, auf sie legte er darum den höchsten Wert, in ihnen sah er die schützenden Dämme gegen die Fluten modernen Unglaubens. Wer ihm die Bekenntnisse antastete, in dem sah er einen Feind der Kirche. Darum forderte er unablässig für die Kirche eine angemessene Mitwirkung bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle, nicht etwa um die Freiheit der theologischen Forschung zu binden, sondern um dem Ärgernis zu wehren, dass in den theologischen Fakultäten, von denen die Kirche gezwungen ist, ihre Diener ausbilden zu lassen, kirchenstürzende Lehren vorgetragen werden.

 

Ebenso fest wie nach der linken Seite stand Beckhaus auch nach der rechten. Einer Absonderung von der Kirche, wie sie den Kreisen der Erweckten eine ständige Versuchung ist, war er durchaus abhold. „Ich bin überzeugt, dass unser Herr nicht christliche Häuflein in den Völkern, sondern christliche Völker haben will.“ Er war ein echter Kirchenmann, aber er wars im besten Sinne des Wortes. „Darum ist die Kirche so was Herrliches, weil sie uns zu dem lebendigen Jesus bringt, und weil der lebendige Jesus durch sie uns alle seine Gaben mitteilt“ (siehe Predigt am Sonntag Lätare). Er wusste, dass zur Durchdringung des Volkslebens mit den Segensmächten des Christentums die festen Formen der Kirche nicht zu entbehren sind, so wenig wie die Seele wirken kann ohne Körper. „Die Landeskirche aufgeben, heißt das Christentum aus dem Volksleben wegnehmen.“ Nicht als ob er von den kirchlichen Formen und Ordnungen an sich irgendwie das Heil erwartet hätte, sondern weil er wusste, dass ohne dieselben Unordnung und Zersplitterung, d. h. eine Schädigung des religiösen Lebens, die unausbleibliche Folge sein würde. Mit Recht hielt er die kirchlichen Ordnungen für unentbehrlich, um dem Volksganzen dauernd den segensreichen Einfluss des Christentums nahe zu bringen. Keiner drang wohl entschiedener wie er auf eine gründliche, täglich erneute Bekehrung und auf ein lebendiges Christentum in der persönlichen Gemeinschaft mit dem Heilande, aber er forderte mit Recht, dass das christliche Leben in seiner Betätigung im Rahmen der kirchlichen Ordnung bleiben müsse, deren Träger und Mittelpunkt er im geistlichen Amte sah. Dies Beides: stetes Dringen auf lebendiges Christentum und höchste Wertschätzung der kirchlichen Ordnungen und Formen, Beides in inniger Verbindung und Durchdringung war Beckhaus charakteristische Eigentümlichkeit. Beides stellte er in seiner Person in unvergleichlicher Weise dar, und nur wenn man sich dies stets vergegenwärtigt, kann man seine Person wie sein öffentliches Wirken ganz verstehen. Durch diese Verbindung erreichte er in seiner Gemeinde einerseits, dass sich nie auch nur die Spur von sektiererischem Wesen zeigte, ja dass anziehende Glieder von Sekten sich meist zu seinen Gottesdiensten hielten, und andererseits, dass die Erweckten innerhalb der kirchlichen Ordnung ein Salz und Segen für die noch geistlich Toten wurden. So innig er auch seinem Heiland anhing, war ihm doch alles bloße Gefühlschristentum fremd. Lange Gebete liebte er nicht außer im Kämmerlein. In einer Donnerstags-Betstunde hielt er einmal eine Ansprache über den Text: Wer sich auf sein Herz verlässt, ist ein Narr (Spr. 28, 26). Ihm ruhte die Gewissheit seiner Seligkeit nicht auf schwankenden Gefühlen, sondern auf dem Felsengrunde der göttlichen Verheißungen und das „es steht geschrieben“ war ihm über allen Zweifel erhaben.

 

Beckhaus hatte ein bewunderungswürdig feines Gefühl für alles echt Kirchliche. Dieser sichere Takt für das kirchlich Würdige beherrschte sein gesamtes kirchliches Handeln. Im Gottesdienst, wie überhaupt in seinem Amte war ihm nichts unwichtig. Jede Nachlässigkeit im Dienst am Heiligtum verurteilte er scharf. Den kirchlichen Handlungen gab er die ihnen gebührende Würde und Feierlichkeit, so hätte er z. B. nie eine heilige Handlung, auch in den Häusern nicht, anders als im vollen Ornat gehalten. Wir erwähnten schon oben, wie man es seinem ganzen Auftreten abfühlte, welche Ehrfurcht vor dem Heiligen ihn erfüllte, aber er selber wusste auch das Ehrfurchtgebietende des geistlichen Amtes in seiner Person zum Ausdruck zu bringen, wie Wenige. Nie vergab er seiner Würde etwas und doch war so gar nichts von geistlichem Hochmut in ihm.

 

Ja er war ein echter Kirchenmann, ein Kirchenvater. Sein fürsorgender Blick richtete sich nicht bloß auf das Einzelne, sondern auf das Ganze. Er war einer der ersten, der seine Stimme erhob, um auf die schreienden kirchlichen Notstände Berlins „die Herzwunde unserer Kirche, gegen die alle Diaspora-Nöte doch nur Wunden an den Gliedern sind,“ hinzuweisen. Mit seinem weitblickenden Auge erkannte er früh, von wie unermesslichem Einfluss Berlin als das Herz des preußisch-deutschen Reiches auf den großen Volkskörper sein müsse; „der Geist, der in Berlin herrscht, ist der Sauerteig, der nach und nach das ganze Volk durchdringt.“ In ernster, herzandringender Rede rief er bereits auf der Provinzialsynode 1865 die Kirche zu rascher, tatkräftiger Hilfe auf. Auf seinen Antrag beschloss die Provinzialsynode an den Ober-Kirchenrat die Bitte zu richten, diese große geistliche Not den Gemeinden der Landeskirche ans Herz zu legen und für Abhilfe dieser Not Sorge zu tragen. Je himmelschreiender die kirchlichen Notstände wurden, und je weniger seitens der großen Landeskirche geschah ihnen abzuhelfen, umso lauter und dringender erhob Beckhaus seine Stimme, so dass der selige Generalsuperintendent O. Wiesmann in einer Sitzung der Provinzialsynode vom Jahre 1880 ihm das ihn ehrende Zeugnis gab, dass er seit vielen Jahren „in Bezug auf diese Mission das ernste Gewissen der Synode gewesen sei.“ Es ist Beckhaus immer wiederholtem Drängen und Bitten zu danken, dass endlich in der gesamten Landeskirche wenigstens zunächst eine Kirchenkollekte für die Berliner Stadtmission abgehalten werden konnte.

 

Alsbald nach seinem ersten Eintritt in die Provinzialsynode im Jahre 1859 wurde der junge achtunddreißigjährige Superintendent Beckhaus zum Vorsitzenden der liturgischen Kommission gewählt, die er 30 Jahre lang geleitet hat. Die Liturgik war, wie wir oben sahen, sein besonderes Studium. Unter seinem Vorsitz hat die Kommission im Laufe der Jahre zur Hebung der Liturgie viel getan, was auch von der Provinzialsynode mehr als einmal mit Dank anerkannt ist. Neben seiner ausgebreiteten Kenntnis der Liturgik und liturgischen Literatur besaß Beckhaus auch ein feines Verständnis für das, was liturgisch schön und wertvoll war. Aus dem reichen Schatze der kirchlichen Literatur stellte er, namentlich unter Benutzung der alten schönen Liturgien der lutherischen Väter, eine Reihe herrlicher Formulare zusammen. Auch hier leitete ihn überall ein feiner kirchlicher Takt. Die wertvollen Arbeiten der liturgischen Kommission wurden nacheinander in sechs Heften später in einem Band vereinigt gedruckt, die fast ausschließlich sein Werk sind. Auf Beckhaus liturgische Tätigkeit ist es zurück zu führen, wenn allmählich in weiteren Kreisen der Provinz wieder eine Ahnung davon erwachte, wie wichtig die Liturgie für die Erbauung der Gemeinde ist.

 

Später trat Beckhaus auch an die Spitze der Kommission für konfessionelle Angelegenheiten, wozu er durch seine reichen Erfahrungen aus der Paderborner Diaspora besonders geeignet war. Keineswegs war er ein blinder Eiferer gegen die römische Kirche, davon hätte ihn allein schon sein weiter kirchlicher Blick zurückgehalten, war er doch sogar in den ersten Amtsjahren in Höxter mit dem katholischen Caplan daselbst befreundet. Gern erinnerte er sich des gemeinsamen Glaubensgrundes beider Kirchen und, wenn es möglich gewesen wäre, mit der römischen Kirche ein aufrichtiges Freundschafts-Verhältnis zu unterhalten, er hätte nichts lieber getan, als mit ihr Schulter an Schulter gegen die Mächte des Abgrundes zu kämpfen. Willig erkannte er an, dass dem Herrn auch in der römischen Kirche noch ein Häuslein frommer, aufrichtiger Seelen diene. Bei einem Hinweis auf die Biographie der Louise Hensel von Reinkens sagte er: „Wenn auch die Möglichkeit in der Kirche, welche immer mehr in Menschenvergötterung ausgeht, kaum zu begreifen ist, aber man wird überführt, dass es in der katholischen Kirche Herzen gibt, die ihre Irrtümer teilen und doch Jesum lieb haben, so lieb, wie man ihn selber haben möchte.“ Mit dem Schmerz des deutschen Mannes erkannte er in der unseligen Glaubensspaltung das größte Unglück, darunter unser deutsches Vaterland in den letzten Jahrhunderten gelitten. Nach den wundervollen Siegen des großen Krieges von 1870/71, der unser geeintes Volk auf die Höhen der Weltgeschichte hob und die alten, sehnsüchtigen Träume von deutscher Kaiserherrlichkeit über Bitten und Verstehen zur Erfüllung brachte, sprach er die denkwürdigen, schönen Worte: „Die politische Einigung des deutschen Volkes lässt den tiefen, kirchlichen Riss umso schmerzlicher empfinden. So gewiss ich überzeugt bin, dass die evangelische Kirche der reine Trieb der Wurzel ist, welche Gott in dem Herrn und seinen Aposteln und Propheten gepflanzt hat, und dass jede In Differenzierung ihrer Wahrheit ein Preisgeben des höchsten Gutes ist, so gewiss ist sie doch nicht die Krone des Stammes, und wir geben die Hoffnung nicht auf, dass alle Gemeinschaften, die noch auf demselben Grunde mit uns stehen, sich nicht durch Menschenmachen, aber durch Gottes Wundergnade, zu einer Krone zusammenschließen werden.“

 

Allerdings musste er zu seinem Kummer erleben, dass – durch Roms Schuld – die Kluft zwischen beiden Kirchen immer größer wurde. Die katholische Kirche wurde immer mehr zur römischen Papstkirche, der es weniger um die Seligkeit der ihr anvertrauten Seelen, als um die Befriedigung ihrer Machtgelüste zu tun war. Ihr Verhalten gegenüber der evangelischen Kirche wurde immer anmaßender und beleidigender. Ein kleines Pröbchen davon, dass unsere Kirche niemals als gleichberechtigte Kirchengemeinschaft anerkannt wird, dass sie günstigsten Falls die geduldete ist, hatte Beckhaus schon in seinen ersten Amtsjahren empfangen. Unter dem 29. März 1847 hatte er Namens des evangelischen Vereins für Innere Mission in Höxter ein herzliches Schreiben an den dortigen katholisch-kirchlichen Armenverein gerichtet mit der Bitte, um brüderliches Zusammenarbeiten; auf dieses Schreiben erfolgte nie eine Antwort. Als Superintendent der Diözese Paderborn hat er dann durch mehr als 30 Jahre die trübsten Erfahrungen von Roms Unaufrichtigkeit und Unduldsamkeit machen müssen. Ihm konnte kein Sirenengesang ultramontaner Politiker von der „evangelischen Schwesterkirche“ jemals die sich ihm immer mehr befestigende Überzeugung wankend machen, dass die heutige Papstkirche der Todfeind des evangelischen Glaubens sei und darum rief der Vielerfahrene den evangelischen Brüdern warnend zu: „Mögen wir nie vergessen, dass wir in der römischen Kirche niemals einen zuverlässigen Bundesgenossen haben können, auch nur gegen religiöse und politische Anarchie; Rom ist immer da zu finden, wo die besten Geschäfte zu machen sind für die Ausdehnung seiner Macht.“ So glänzend und mächtig aber auch die römische Kirche äußerlich erschien, er ließ sich dadurch nicht blenden, immer klarer erkannte er, „dass diese ganze Macht auf einer Lüge beruhte. Unsre Kirche ist unüberwindlich, wenn sie in Gottes Wort und Sakrament gegründet bleibt, die ganz gewiss den Endsieg haben.“ Diese Gewissheit tröstete ihn über die Kreuzesgestalt und Kreuzeswege der evangelischen Kirche. „Die römische Kirche stellt das Pharisäertum des Neuen Testaments dar. Sind die Pharisäer aber des Herrn mächtig geworden und haben sie ihn gekreuzigt, so dürfen wir uns über die zunehmende Feindschaft und Macht der römischen Kirche nicht wundern, und wenn es ihr gelingen sollte, den Leib Christi nochmals zu kreuzigen, so wissen wir, dass ihre Niederlage und unsere Auferstehung nahe ist.“

 

Von solchen Anschauungen beseelt, leitete er die Arbeiten der Kommission für konfessionelle Angelegenheiten, deren Aufgabe es war, der ungeheuren einheitlichen Macht Roms, welcher ein von Zerstörungswut und Siegesgewissheit glühender Haufe zu Gebote stand, unverwandt in die Augen und auf die Finger zu sehen“ und an die Provinzialsynode geeignete Vorschläge und Anträge zu richten, was zur Abwehr römischer Angriffe und Übergriffe, zur Schärfung evangelischen Ehrgefühls und zur Weckung und Pflege evangelischen Lebens geschehen könne. Beckhaus drang namentlich auf allgemeine und gleichmäßige Handhabung der Kirchenzucht, die er bis zur Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses, als des einzig wirklich durchschlagenden Zuchtmittels gegen die ungetreuen Glieder der eigenen Kirche ausgedehnt wissen wollte, mit der Begründung, dass gerade die Barmherzigkeit verlange, nicht wie ein stummer Hund die Gemeindeglieder in der Sünde hingehen zu lassen, sondern ihnen fühlbar zur Erkenntnis zu bringen, was sie tun.“ Bei der Behandlung dieses wichtigen Gebietes der Kirchenzucht, namentlich in Mischehen, sowie vieler andrer das Verhältnis der evangelischen zur römischen Kirche betreffenden Fragen und Aufgaben entfaltete die Kommission unter der Leitung ihres erfahrenen Vorsitzenden eine rege und erfolgreiche Tätigkeit.

 

Die Provinzialsynode aber erkannte je länger je mehr Beckhaus‘ hervorragende Tüchtigkeit und Tätigkeit an und bewies ihm ihr besonderes Vertrauen auch dadurch, dass sie ihn zwei Mal zum Mitgliede der General-Synode erwählte, sowie dadurch, dass sie in rühmlicher Anerkennung seiner gediegenen theologischen Bildung ihn zum Mitgliede der Prüfungs-Kommission für die Kandidaten der Theologie in Münster erwählte. In den nahezu 25 Jahren, in denen er dies Amt versah, hat er die schriftlichen und mündlichen Leistungen manches Theologen zu beurteilen gehabt, aber stets auch abweichenden theologischen Ansichten – wenn er sie auch nicht billigte – Gerechtigkeit und Milde widerfahren lassen.

 

Bei allen Mitgliedern der Provinzialsynode erfreute er sich der höchsten Achtung. Für gewöhnlich saß er schweigsam da und folgte aufmerksam den Verhandlungen, geduldig auch langen Reden zuhörend. Er selbst war von vielem und langem Reden kein Freund, aber wenn er sich das Wort erbat, wandte sich aller Aufmerksamkeit ihm zu. Seine Reden waren kurz und knapp, aber immer traf er den Nagel auf den Kopf und sein Wort war oft von entscheidender Bedeutung. Er war in seinem Urteil schnell und sicher, seine Weltanschauung festgeschlossen. Die irdischen Dinge und Größen sah er alle im Lichte der Ewigkeit. Gottes Wort war der Maßstab, den er an alles anlegte. Darum erschienen seine Urteile bisweilen hart, aber näher besehen, waren sie es nicht und immer kamen sie aus einem wahrhaftigen Herzen; und hatte er Jemanden vielleicht einmal durch eine schroffe Form verletzt, verletzen wollte er nie und gern war er bei seiner großen Demut bereit, es dem Andern abzubitten. Als der treue Hüter der rheinisch-westfälischen Kirchen-Ordnung verfehlte er nie das Wort zu nehmen, wenn er die kirchliche Freiheit der westlichen Provinzen, namentlich von oben her, gefährdet glaubte. Dann erhob er laut seine warnende Stimme und warf die ganze Wucht seiner Persönlichkeit in die Waagschale. Daher drang er in Hin blick auf den, für die Selbständigkeit der rheinisch-westfälischen Provinzialkirchen ihm höchst bedrohlich erscheinenden, § 10 der Generalsynodal-Ordnung unablässig auf das feste Zusammenhalten von Rheinland und Westfalen. Noch im Jahre 1889 sprach er es aus, wenn ihm Gott die Gnade gebe, dass er noch einmal auf die Provinzial-Synode komme, so solle das seine Hauptmission sein, auf einen immer festeren kirchlichen Zusammenschluss der beiden Provinzen hinzuarbeiten. Doch Gottes unerforschlicher Ratschluss hat ihn wenige Wochen vor Eröffnung der Synode zur triumphierenden Gemeinde heim gerufen. Wie an so manchen Stellen, so hat auch auf der Provinzial-Synode sein Scheiden eine schmerzliche, schwer ausfüllbare Lücke gerissen.

 

Als Superintendent der Diözese Paderborn war ihm zugleich die Aufsicht über die evangelischen Schulen seines Kirchenkreises übertragen, wozu er umso geeigneter war, da er im Anfang seiner Amtszeit als Rektor der Bürgerschule in Höxter mehrere Jahre praktisch im Schuldienste gearbeitet hatte. Wie groß seine Verdienste um die Erhaltung und Pflege der kleinen evangelischen Diasporaschulen, deren Bestehen für die evangelischen Gemeinden geradezu eine Lebensfrage war, gewesen ist, wie unermüdlich er für dieselben gesorgt hat, das steht in den Verhandlungen der Kreissynode Paderborn in unvergänglichen Lettern geschrieben. Während des Kulturkampfs wurde, wie bekannt, den Geistlichen vielfach die Schulaufsicht genommen, aber nach Beilegung des Kampfes meistens zurückgegeben. So hat auch Beckhaus noch manche Jahre das evangelische Schulwesen seiner Diözese geleitet, bis ihm seine schwere Erkrankung die Fortführung derselben unmöglich machte. Dass er auf das entschiedenste die innige Verbindung zwischen Schule und Kirche anstrebte, und namentlich der Volksschule die christliche Grundlage zu erhalten suchte, bedarf wohl nur der Erwähnung. Den ihm unterstellten Lehrern ist er allezeit ein gütiger und milder Vorgesetzter, ein fürsorglicher Vater und treuer Berater gewesen.

 

Und derselbe Mann, der so ganz in seinem geistlichen Amte aufging, der in seiner eigenen, wie in der Provinzialgemeinde eine so vielseitige Tätigkeit entfaltete, dass er für immer zu den Bedeutendsten und Einflussreichsten gezählt werden muss, derselbe Mann fand daneben noch Zeit und Kraft, auf einem ganz anderen, schwierigen und umfangreichen Gebiete Hervorragendes, ja Großes zu leisten: Beckhaus war anerkanntermaßen einer der ersten Pflanzenkundigen unserer Zeit. Wie wir uns erinnern, lag schon in dem Knaben ein tiefer Hang zur Natur und ihrem Leben. Draußen in Gottes Schöpfung, fern vom Lärm der Welt, unter den grünen Bäumen, zwischen Blumen und Pflanzen war ihm am wohlsten. Auch später im Amt war es seine liebste Erholung, in den Mußestunden das herrliche Wesertal und die es umrahmenden waldigen Berge sinnend und forschend durchwandern zu können. Dann war er ganz der stille, deutsche Gelehrte. Mit scharfem Blicke musterte er jeden moosbedeckten Stein, jeden flechtenbewachsenen Baum, an dem er vorüberkam, nach botanischer Ausbeute. Seine seltene Begabung für die Botanik verband er mit hingebendem Eifer und unermüdlichem Fleiße. Mehr als 50 Jahre lang hat er sein scharfes Auge und seinen scharfen Verstand in den Dienst dieser Wissenschaft gestellt und für die Erforschung der westfälischen Flora sich unvergängliche Verdienste erworben<mfn>Diese und die nachfolgenden Ausführungen beruhen auf den Mitteilungen botanischer Fachmänner.</mfn>. Fast alle Gegenden unserer Provinz hat er durchwandert und durchforscht. So hat er denn an Umfang der Forschungen die größten Botaniker übertroffen. Seine Bedeutung als Botaniker erhellt allein aus der Tatsache, dass er drei umfangreiche Gebiete dieser Wissenschaft, nämlich Phanerogamen, Laubmoose und Flechten eingehend bearbeitet hat. Was die Entdeckungen auf dem Gebiete der Phanerogamen angeht, so zählen seine Funde von Neuigkeiten bezüglich der Varietäten und Formen nach Tausenden. Nicht minder groß sind seine Verdienste um die Erforschung der Kryptogamen-Flora Westfalens, ja hier ist er geradezu bahnbrechend geworden und gehört durch seine Arbeiten seit dem Jahre 1855 mit in die Reihe der wenigen wirklich berühmten Männer, sowohl auf dem Gebiete der reizenden Mooswelt als auf dem weit umfangreicheren und äußerst schwierigen Gebiete der Flechten. Bedeutende Forscher haben ihm dadurch ihre Anerkennung gezollt, dass sie mehrere neu entdeckte Pflanzen mit seinem Namen benannten. Die Ergebnisse seiner mehr als 50jährigen Forschungen gedachte er in einem großen Werke „Die Flora Westfalens,“ niederzulegen, das er leider nicht selbst vollenden sollte, doch steht in sicherer Aussicht, dass dasselbe demnächst von einigen befreundeten Botanikern herausgegeben wird. Eine merkwürdige Fügung wollte es, dass ihm grade am Tage vor seinem Tode der erste Teil gedruckt übersandt wurde. Erst in späteren Jahren hat Beckhaus auch der Schmetterlingskunde sich zugewandt, oft bedauernd, dass er damit nicht eher begonnen habe. Auch hier waren seine Kenntnisse bedeutend und sein Eifer so groß, dass er eine wertvolle, viele Tausende umfassende Sammlung von Schmetterlingen hinterlassen hat.

 

Es versteht sich nach dem Gesagten wohl von selbst, dass Beckhaus, so sehr er auch alles Heil für die Menschheit in der törichten Predigt vom Kreuze sah, dennoch kein Feind von Wissenschaft und Bildung war, besaß er doch selber eine vielseitige und umfassende gelehrte Bildung. Doch verlangte er, dass sich die Wissenschaft nicht überhebe und dass sie von den Gelehrten als eine Gabe Gottes angesehen und mit Demut in seinem Dienste gebraucht werde. Das Bezeichnendste, was wir hierüber aus seinem Munde besitzen, ist die Rede, die er 1870 bei der Weihe des Progymnasiums über das Textwort hielt Luk. 2, 49: Wisset ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist? Darin sagte er unter andrem: „Gottes ist das, was im Progymnasium getrieben wird. Die Gabe Gottes, der im Anfang sprach und dem wir Menschen nachsprechen wie die Kinder dem Vater, ist die Sprache. Gottes Gabe ist unsre teure Muttersprache, die Sprache des Volks, dem Gott vor allen anderen die Kämpfe seines Reichs vertraut hat. Gottes Gabe ist die lateinische Sprache, die alle Gelehrten der Welt zu Einem Volke verbindet. Gottes des großen Baumeisters, der allem Ziel und Maß gesetzt hat, ist die Mathematik. Was die Naturlehre uns hineinsehen lässt, das ist ein Hineinblicken – ich kann nicht sagen Hineinschauen in Gottes Gedanken. Und wenn uns die Geschichte die Wege der Völker zeigt, so sind es die unbegreiflichen Wege, die sie Gott geleitet hat.“ Ihn selbst zogen natürliche Anlage und Neigung zur Philosophie und Naturwissenschaft, und letztere trieb er, wie wir sahen, bis zu seinem Ende mit besonderer Vorliebe. Durch sie wurde sein Auge immer offener für die Größe Gottes in der Natur. In jeder Blume fand er – wie er selber sagte – einen Gedanken Gottes. Er konnte wohl sagen: „Wo ihr lauter Dreck seht, da sehe ich lauter Herrlichkeit Gottes.“ Das meinte er in Bezug auf die Kryptogamen-Flora. Jahre lang konnte er das Wachstum einer Flechte beobachten und freute sich, wenn sie endlich blühte. Sein frommer, tiefer Sinn sah auch aus dem geringsten Hälmchen Gottes Weisheit, Allmacht und Liebe hervorleuchten. Auch in allem Großen, was der Menschengeist ersinnt und die Menschenhand schafft, sah er Gottes Güte, die es dem Menschen gelingen ließ. Darum konnte er auch des menschlich Großen sich aufrichtig freuen, wenn ihm auch freilich die vergängliche, irdische Herrlichkeit nur ein Abglanz der ewigen, himmlischen Herrlichkeit war, auf die sein sehnendes Herz sich richtete.

 

Die edle Musika liebte er sehr. Er selbst hatte schöne musikalische Anlagen, wenngleich die Mutter einst den munteren Knaben, dem das lange Sitzen unbequem war, zuweilen am Klavier festbinden musste. Auch mit dichterischen Versuchen befasste er sich in jüngeren Jahren viel. Er las von Dichtern am liebsten den Engländer Walter Scott. Von neueren Schriftstellern schätzte er vor allem Charles Kingsley. Seine besonderen Lieblinge aber waren für sein tiefes, sinniges Kindesgemüt höchst bezeichnend – unsere deutschen Volksmärchen. Wie unbefangen er das Edle und Große auch in der weltlichen Dichtkunst zu schätzen wusste, dafür haben wir aus seinem eigenen Munde ein schönes, ihn treffend charakterisierendes Zeugnis an der Grabrede, die er am 23. Januar 1874 dem Dichter Hoffmann von Fallersleben in Corvey gehalten hat. Da finden wir beides neben einander: liebevolle Bewunderung des gottbegnadeten Dichters auf der einen Seite und freudiges Bekenntnis zu Christo Jesu, dem einigen Heiland für alle Menschen, auch für „die großen Geister, Dichter und Gelehrten“ auf der anderen Seite.

 

In dieser Grabrede hatte er vor allem den vaterländischen Sänger gepriesen. Er selbst umfasste sein Vaterland mit warmer Liebe. Mit unverbrüchlicher Treue hing er an seinem Königshause. Die traurigen Verirrungen des Jahres 1848 erfüllten sein königstreues Herz mit Schmerz und Entrüstung und trieben ihn, öffentlich dagegen aufzutreten. Er ist damals als junger Pastor in Höxter auf dem sog. Rondell, einem runden Platz der Kastanienwall-Promenade unerschrocken vor das Volk hingetreten, um auch für seinen irdischen König zu zeugen. Bei dem allbeliebten Volks- und Kinderfeste, das am 3. August, dem Geburtstage Friedrich Wilhelms III., unter dem Höxter preußisch geworden war, gefeiert wurde, sah man ihn in jüngeren Jahren festen Schrittes an der Spitze der Kinder marschieren. Auf dem Festplatze auf der Höhe des Siegesberges brachte er dann mit zündenden Worten das Hoch auf den geliebten König aus. Als in den ersten sechziger Jahren die demokratische Mehrheit des Abgeordnetenhauses in unehrerbietiger Opposition dem König und seiner Regierung entgegen trat, da hat er freimütig zum Gehorsam gegen König und Obrigkeit aufgefordert. Charakteristisch ist in dieser Beziehung eine kraftvolle Predigt am Königs-Geburtstag 1863 über den Grundgedanken: Welche Politik Gottes Wort von dem Christen fordert und wie darum Christen den Geburtstag des Königs feiern. So sehr er sein deutsches Vaterland liebte, und so freudig er die endliche Einigung und Größe Deutschlands begrüßte, für sein Preußenland behielt er dennoch zeitlebens eine besondere Vorliebe und wollte die preußische Eigenart nicht aufgegeben wissen. Politisch war er streng konservativ, von altem preußischem Schrot und Korn, ein getreuer Leser der Kreuzzeitung. Vom Parlamentarismus sprach er geringschätzig. Die Bedeutung des Adels für Kirche und Staat schätzte er hoch, ja er hatte sogar eine gewisse Vorliebe für diesen Stand, vermutlich weil er in ihm nicht mit Unrecht — eine der festesten Stützen von Thron und Altar erblickte.

 

So war er in allem ein treuer Diener seines irdischen, wie seines himmlischen Königs. Großes in Staat und Kirche hat er erlebt in den langen Jahren seines amtlichen Wirkens. Welch ein Wandel der Dinge in den letzten vierzig Jahren der vaterländischen Geschichte! nach Schmach und Zerrissenheit Einheit und Größe! Welch ein Wandel auch in der Geschichte der Kirche! nach der glaubensarmen Zeit des Rationalismus ein neuer Glaubens- und Liebesfrühling! Zur Besserung auf beiden Gebieten hat Beckhaus sein redliches Teil mit beigetragen.

 

Doch auch das reichste Menschenleben ist endlich, ist wie eine Kerze, die sich selbst verzehrt, indem sie brennt und leuchtet.

 

Beckhaus selbst sagte einmal von sich, er werde früh sterben, weil er früh angefangen habe zu leben, womit er auf seine Frühreife hindeutete. Seit jenem Jugendtage, da ihn zum ersten Mal das Wort des lebendigen Gottes wie ein Blitz getroffen hatte: Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben und danach das Gericht, verließ ihn der Todesernst nicht mehr, er war seinem Angesichte aufgeprägt, er lag auf allen seinen Predigten. Unablässig mahnte er seine Gemeindeglieder, den furchtbaren Ernst des Sterbens und der Ewigkeit zu bedenken. Seine Predigten am Totenfeste waren geradezu erschütternd. In dem einzigen Andachtsbuche, das er überhaupt gebrauchte, in der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen, las er am liebsten die Kapitel, die vom Sterben handelten. Als Pastor Niemöller im Jahre 1881 seine Abschiedspredigt gehalten hatte, begann er am folgenden Sonntag seine Predigt mit den Worten: „Als am vorigen Sonntag der Pastor Niemöller seine Abschiedspredigt hielt, da dachte ich: wann wirst du wohl deine Abschiedspredigt halten? Das weiß ja Gott der Herr über Leben und Tod allein. Aber weil es ja so weit nicht mehr sein kann, so will ich jede Predigt halten als wäre es meine letzte und euch und mir nur immer das Eine predigen: selig! nur selig!“ Nun kamen, je mehr seine Lebensbahn sich abwärts neigte, schwere Trübsale über ihn, das Sterben des Liebsten schlug seinem weichen Gemüte tiefe und schmerzliche Wunden. So kann es nicht Wunder nehmen, dass je mehr er selbst dem Tode entgegenging, der Todesernst in seinem Herzen wie in seinem öffentlichen Zeugnis zunahm. In den letzten Jahren nahmen seine Kräfte merklich ab. Den Altardienst musste er bei der zunehmenden Schwachheit fast ganz den Hilfsgeistlichen überlassen. Dagegen von seinem Predigtstuhl war er nicht eher zu trennen, bis dass sein mächtiger Zeugenmund sich im Tode schloss. So oft es sein Zustand erlaubte, ließ er es sich nicht nehmen, seine liebe Kanzel zu besteigen. Wie herzandringend waren gerade diese Zeugnisse aus seinen letzten Jahren. Er ahnte, dass sein Lebenstag bald zu Ende ging. Seiner Gemeinde hatte er so oft mit ergreifendem Ernst die Bitterkeit des Todes geschildert. Nun sollte er sie selbst erfahren, kein Tropfen des Leidenskelches blieb ihm erspart, er musste. ihn bis zur Hefe trinken.

 

Am 2. Mai 1888 rührte ihn der Schlag. Seitdem war seine Kraft gebrochen. Und leider war nicht nur seine rechte Seite gelähmt, sondern auch seine Sprachwerkzeuge waren mitbetroffen, ein schweres Kreuz für den Mann, dessen höchste Freude es war, der Mund seines Heilandes zu sein. Indessen gab Gott Gnade, dass die Sprache fast in alter Deutlichkeit wiederkehrte. Wohl wurde es ihm sauer, die Kanzel zu besteigen. Aber wenn er oben stand und zu reden anfing, so kam derselbe freudige Geist über ihn wie früher, und seine Worte trafen noch grade so die Herzen wie in den Tagen der Kraft. Ja sie gingen noch tiefer zu Herzen, weil die Hörer das Gefühl hatten: es ist ein Mann, der an den Pforten der Ewigkeit steht, der zu uns redet, weil sie bei jeder Predigt sich fragen mussten: wird es nicht seine letzte sein? Doch der Herr erfüllte an ihm seine Verheißung: „Ich will heben und tragen und erretten!“ So hatte er denn noch die Freudigkeit, zu Ostern 1890 nach Münster zu reisen und an der Prüfung der jungen Theologen, die er seit bald fünfundzwanzig Jahren mit abgehalten hatte, sich zu beteiligen. Gott hatte ihn auch in diesen Wochen wunderbar gestärkt. Es war der letzte Dienst, den er der Kirche leistete. Ermüdet und abgespannt kehrte er mitten in der Woche vor Rogate heim, aber es ließ ihm keine Ruhe, es trieb ihn – wiewohl er dies in früheren Jahren nie getan hatte gleich am Sonntag seine alte, liebe Kilianikanzel zu besteigen. Am Donnerstag darauf war das Fest Christi Himmelfahrt. Zum letzten Mal erschien seine ehrwürdige Gestalt inmitten seiner Gemeinde, zum letzten Mal öffnete sich sein Mund zum Zeugnis. Himmelwärts wies er noch einmal in dieser letzten Predigt die Gemeinde, aus dem Evangelium die Antwort gebend auf die Frage: Was ist der Himmel und wie kommen wir hinein? Nichts Anderes ist der Himmel als die vollkommene und ungestörte Gemeinschaft mit Jesu, der dem begnadigten Sünderherzen die ganze Fülle der göttlichen Seligkeit erteilt. Und der Weg dorthin? Es gilt, sich in Kraft des dreieinigen Gottes durchzuglauben und durchzubeten.

 

Das war seine Abschiedspredigt. Die Tage seiner irdischen Wallfahrt waren gezählt, der müde Pilger sollte nun bald nach Hause kommen. In der Woche nach dem Himmelfahrtsfeste ergriff ihn eine heftige Krankheit und es begann eine schwere Leidenszeit. Gott führte seinen Knecht erst durch tiefe Wasser und ließ ihn sein Wort reichlich schmecken: „Wir müssen durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen.“ Fast fünfzehn lange Wochen dauerte die Krankheit, musste er auf seine Erlösungsstunde warten. Endlich schien sie schlagen zu wollen. Am Sonnabend vor dem sechsten Sonntag nach Trinitatis (12. Juli) glaubte er sein Ende nahe. Wie ein Patriarch des Alten Bundes schickte er sich zum Sterben an, von dem er so oft ergreifend gepredigt hatte. Er empfing das heilige Abendmahl und nahm von den Seinen Abschied. Mit schwacher Stimme diktierte er seiner Gattin, der treuen Pflegerin, einen Abschiedsgruß für seine teure Gemeinde, der am folgenden Tage von der Kanzel verlesen wurde und in dem er seinen Gemeindegliedern jenen köstlichen Spruch als sein Testament ans Herz legte, den Luther eine Bibel im Kleinen genannt hat: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. „Nun lasst uns glauben und das ewige Leben empfangen.“ Hierauf ließ er sich noch einmal zurecht legen und betete dann: Mein Heiland komm! Er hoffte, nun eingehen zu können zu der Ruhe des Volkes Gottes, nach der ihn herzlich verlangte. Einem lieben jungen Freunde und Amtsbruder, der wehmütig von ihm Abschied nahm, sagte er zweimal, indem er mit dem Finger nach oben wies: Wie wirds droben sein!

 

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Nun sollte nach Gottes unerforschlichem Rat das Leiden erst recht beginnen. Und wie schwer, wie schwer musste er leiden! Wie oft schien es unmöglich, das Kreuz länger zu tragen. Und doch kam kein Wort der Klage und des Murrens über seine Lippen. Freundlich gegen seine Umgebung und dankbar für jeden Liebesdienst, trug er mit Sanftmut und Gelassenheit dem Heilande sein Kreuz nach. Gottes Verheißungen waren ihm Sonne und Schild im finsteren Tal, er fürchtete den Tod nicht, denn der selige Trost aller Gotteskinder erfüllte sein Herz: Himmelwärts wird mich der Tod in die rechte Heimat führen, da ich über alle Not ewig werde triumphieren. Als sein Seelsorger, Pastor Hartog, ihn fragte: „Können Sie auch noch tragen, was Ihr Heiland Ihnen auferlegt hat?“ Da antwortete er mit aufleuchtenden Augen: „Ja, das kann ich! das will ich!“ Als die Not noch immer höher stieg, seufzte er: „Es ist schwer, aber man kommt hindurch!“ Er ließ die Hand seines Herrn nicht los, die ihn in die Tiefe führte. Freilich fehlte es auch nicht an geistlichen Anfechtungen schwerer Art, und dürfen wir uns darüber wundern, da unser Herr und Heiland selbst in der Gluthitze der Anfechtung gerufen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In einer besonders schweren Leidensstunde kam es über seine Lippen: „Das Himmelreich ist zu groß und zu herrlich für mich, ich bin ja ein Sünder!“ Seine Gattin erinnerte ihn daran, dass ja auch der Schächer am Kreuz in die Freuden des Paradieses eingegangen sei. Dieser Hinweis erquickte ihn wunderbar, er erwiderte: „Das lass mich fassen, das will ich festhalten!“ Als er nicht mehr sprechen konnte, ließ er sich das Bild des Gekreuzigten bringen, seine müden Augen ruhten darauf aus, und das arme, bange Herz fand Trost in dem Anblicke seines Heilandes. Am qualvollsten waren die letzten Tage, qualvoll besonders dadurch, dass der Schwerleidende durch eine Lähmung des Mundes seiner Sprache fast ganz beraubt war, er wollte immer noch reden, konnte sich jedoch nicht verständlich machen; ach das waren schwere, herzzerreißende Stunden für ihn und die Seinen. So fand ich ihn einen Tag vor seinem Tode, als ich noch einmal bei ihm war, um Abschied von ihm zu nehmen. Ich werde es nie vergessen, wie er ein Bild des Jammers – mir wehmütig lächelnd die Hand reichte. Doch der Herr war nun nahe. Der letzte Tag, der 13. August, brach an. Noch rief ihm seine Gattin seinen Lieblingsvers tröstend zu: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir“ und betete sein Lieblingsgebet: „Herr Jesu, dir leb ich, Herr Jesu, dir sterb ich, Herr Jesu, dein bin ich, tot und lebendig, mach mich selig, Herr Jesu!“ Der Vormittag war voller Unruhe, sein Leib in Todesschweiß wie gebadet. Die letzten Worte, die hörbar über seine Lippen kamen, war der Gebetsseufzer: „Mein Herr! mein Heiland!“ Gegen vier Uhr nachmittags ließ die Unruhe nach. Noch einmal ein verklärtes Aufleuchten seiner nach oben gerichteten Augen, noch ein tiefer Atemzug, dann sank das Haupt zurück, er hatte ausgelitten und sein müder Geist ward hinaufgetragen ins himmlische Canaan, wo die Wasser des Lebens rauschen und die Krone des Lebens winkt, wie geschrieben steht: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.

 

Er ist nun daheim, wir trauern um sein Scheiden, aber wir beklagen ihn nicht. Er ist im Herrn gestorben und ruht nun von seiner Arbeit und seine Werke folgen ihm nach. Von seinen Predigten aber haben wir die gute Zuversicht, dass sie bleiben, weil sie aus der Regel geflossen sind, die der nun selig Vollendete für seine Amtsbrüder einst in die goldenen Worte gefasst hat: Ein Pastor, der die Kraft des Evangeliums erfahren hat, und von ihr und dem Auftrage des Herrn getrieben wird, muss das Evangelium von der Buße und Vergebung der Sünden im Namen Jesu des Gekreuzigten und Auferstandenen predigen; dann wird es ihm an Zuhörern zu keiner Zeit und an keinem Orte fehlen, und seine Predigt wird allen Menschen aller Zeiten und Orte das bringen, wonach im innersten Herzen alle Menschen verlangen.

 

Burgbacher,

 

Pfarrer.

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