Friedrich Trechsel

Die bernische Akademie, die erste wissenschaftliche Schöpfung des neuen Bern, war am 2. November 1805 feierlich eingeweiht worden; den 17. November des nämlichen Jahres öffnete sie zum ersten Male den Studierenden ihre Hörsäle. An diesem denkwürdigen Tage wurde Friedrich Trechsel geboren, als das zweite Kind des an derselben wirkenden Professors der Mathematik Joh. Friedrich Trechsel und seiner Gattin Maria Margaritha, geb. Hahn. Er selber erblickte in diesem Zusammentreffen eine Art Vorbedeutung, dass er ein Kind der Akademie sein und bleiben sollte. Öftere schwere Krankheiten bei starkem Wachstum hatten eine frühzeitige Schwäche seiner Konstitution zur Folge, die erst durch wiederholten Sommeraufenthalt im Berner Oberlande, namentlich im Pfarrhause zu Habkern, einigermaßen gehoben wurde. Auch für die geistige und gemütliche Entwicklung des Knaben war diese physische Schwäche nicht ohne Nachteil; er lernte erst spät und mit großer Mühe lesen, eine Schwierigkeit, die sich, nach Trechsels eigener Aussage, nachher auch bei andern Sprachen wiederholte. Dagegen zeigte er früh ein vorzügliches Gedächtnis, besonders für Geschichte, welche ihn stets anzog. Der scharfblickende und feinfühlende Vater unterließ es denn auch nicht, diese Anlage und Neigung aufs Trefflichste zu pflegen und durch eigenen Unterricht und passende Lektüre Geist und Herz, Phantasie und Geschmack seines Sohnes zu bilden und zu bereichern.

Nach dem Wunsche seiner Eltern sollte Friedrich Trechsel Theologie studieren, und es erschien diese Laufbahn dem Knaben umso selbstverständlicher, als sie ihm teils durch den väterlichen Vorgang, teils durch häufige Schilderungen von dem Glücke eines Landpfarrers nahe gelegt wurde. Er durchlief daher die Literar- oder sogenannte „grüne“ Schule, die damals einzige für höheren Unterricht, ohne sich Anfangs besonders auszuzeichnen. Erst durch das Überspringen einer Klasse, deren Lehrer dem Vater kein Vertrauen einflößte, und daherige angestrengte und konzentrierte Arbeit wurde sein Wissenstrieb und das Interesse am Studium derart geweckt, dass Trechsel auf der glücklich erreichten höheren Stufe und auch fernerhin stets zu den besten Schülern gehörte. Ein ähnlicher Versuch wurde beim Übertritt ins Gymnasium gewagt. Von dem später als tüchtiger Philologe bekannten Professor Rauchenstein in Aarau gehörig vorgeschult, stellte sich Trechsel zur Prüfung sowohl für die obere als für die untere Abteilung des Gymnasiums, wobei es jedes Mal einzig auf eine Übersetzung ins Lateinische ankam. Da ergab sich das Sonderbare, dass seine Probe für die höhere Abteilung vollkommend genügend, diejenige für die untere dagegen für schwach und kaum annehmbar erfunden wurde. Professor Trechsel, der in der Prüfungsbehörde mitsaß, benutzte den Anlass, um auf das Einseitige einer Prüfungsweise, die zu so lächerlich widersinnigen Resultaten führe, hinzuweisen, und erklärte, nachdem die Aufnahme seines Sohnes ins Obergymnasium unbeanstandet stattgefunden, dessen freiwilligen Rücktritt in die untere Abteilung. Es war dies jedenfalls ein großer Gewinn für den heranwachsenden Jüngling, der dadurch vor verfrühter, treibhausartiger Entwicklung bewahrt und befähigt wurde, in Prima den Unterricht des trefflichen Professors Samuel Lutz umso besser benutzen zu können. Trechsel schreibt über diesen Mann: „Der imponierende Ernst seines Wesens, die strenge Gründlichkeit im Unterricht, die er sowohl übte, als verlangte, seine stete, planmäßige Bemühung, uns zum Selbstdenken und Arbeiten anzuleiten, die Treue, womit er weit über den Stundenplan hinaus sich uns widmete, waren in hohem Maße geeignet, wenigstens bei den Besseren von uns, auf Bildung des Geistes und Charakters gleich vorteilhaft einzuwirken. Ich für meinen Teil muss die zwei Jahre, die ich unter seiner Leitung zubrachte, zu den gewinnreichsten meiner Jugendzeit rechnen, und kann es nur bedauern, dass es mir nicht vergönnt war, ihn auch später als theologischen Lehrer zu hören, ein Mangel, der mir weder durch seinen persönlichen, zum Teil kollegialen Umgang, noch durch das Studium seiner Schriften vollständig ersetzt wurde.“

Nach geschehener Konfirmation und bestandenem Examen wurde Trechsel zu Ostern 1821, nur 15 1/2 Jahre alt, in die Akademie befördert und hatte zunächst den dreijährigen Kurs der Philologie und Philosophie durchzumachen. Die jungen Leute hießen und waren nun Studenten, fühlten und gebärdeten sich auch als solche, ohne jedoch die dazu nötige Reife der Einsicht und des Charakters zu besitzen. Von Seiten der Lehrer geschah wenig, um ihnen entgegen zu kommen, so dass der „akademischen Freiheit“, den Zerstreuungen, Liebhabereien, Nebenbeschäftigungen in Vereinen u. dergl. ein ziemlich weiter Spielraum geöffnet blieb. Dass sich indessen Trechsel von solchen Dingen nicht allzu weit fortreißen ließ, hatte er seinem Lerneifer und der Überwachung des gestrengen Herrn Vaters zu verdanken. Wie groß der erstere war, beweist folgender Zug. Es war ihm nicht entgangen, dass das Hauptgewicht durchgängig auf das Lateinische gelegt wurde; er nahm sich daher gleich von Anfang an vor, jeden Tag eine kürzere oder längere Stilübung zu machen, und brachte es durch drei Jahre langes Festhalten an dieser Regel zu einer solchen Sicherheit und Gewandtheit des Ausdrucks, dass bei allen Prüfungen seine Stilproben stets fehlerlos und sprachrichtig ausfielen. Die von ihm gehaltene lateinische Rede, wie sie zur Promotion in die „Theologie“ verlangt wurde, hatte sogar das Glück, besonders prämiert zu werden, und Trechsel durfte mit dem ungewöhnlichen Prädikate „mit Auszeichnung“ an das eigentliche theologische Studium herantreten.

Bevor dies aber wirklich geschah, brachte ihn sein Vater, sowohl der Übung im Französischen wegen, als zu allgemeinerer Ausbildung, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern, nach Genf, wo er im Hause des Herrn Vaucher ein glückliches Jahr zubrachte. Die Bekanntschaft hervorragender Männer, wie u. A. des Grafen Capo d’Istria, das Studium zu Füßen großer Gelehrter, wie Pictet, August de la Rive, de Candolle und Choisy, das ganze geistige Leben der Stadt, die treue Freundschaft mit gleichgesinnten Seelen, namentlich mit dem vielseitig tätigen Naturforscher C. von Fischer-Doster, die landschaftliche Schönheit der Umgebungen Genfs, Alles vereinigte sich, um den dortigen Aufenthalt zu einem so genussreichen zu machen, dass Trechsel noch in alten Tagen dieses Jahr mit Begeisterung als das schönste seines Lebens bezeichnete und darauf zurückschaute, wie auf eine „mondbeglänzte Zaubernacht“. Da das Nachschreiben der mit französischer Lebhaftigkeit gehaltenen Vorträge ihm Anfangs Schwierigkeiten bereitete, so gewöhnte er sich, nur die Hauptpunkte zu notieren, nach denen er sodann zu Hause das Ganze möglichst sorgfältig ausführte, und gewann durch solche Arbeit den doppelten Vorteil einer genauen Wiederholung und Durcharbeitung des Gehörten und einer trefflichen Übung im Französischschreiben. Das letztere wurde ihm allmählig so geläufig, dass er noch später, wie des Latein für das Theologische, so für Naturwissenschaftliches und im Briefschreiben sich vorzugsweise des Französischen bediente. Nur zu schnell verfloss die Zeit, Trechsel musste nach Bern zurückkehren und erhielt beim Abschiede von seinen Lehrern noch den Auftrag, im Vorbeireisen die Aufsehen erregende Erscheinung des „roten Sees“ bei Murten zu untersuchen. Er tat es, und seine Beobachtungen wurden von de Candolle in seinem Berichte an die schweiz. naturforschende Gesellschaft lobend verwertet. Eine von ihm später eingesandte Arbeit über die farbigen Schatten fand ebenfalls Anerkennung; sie erschien in der Bibliothéque universelle und ging von da in englische Zeitschriften über.

Nach Bern zurückgekehrt, musste er sich nun zunächst sein Berufsstudium, die Theologie, zur Hauptsache machen. Zwar waren ihm seine Promotionsgenossen nicht weit vorangekommen, im Gegenteil, Trechsel nahm bald wieder die erste Stelle ein. Schmerzlich berührte ihn der große Kontrast der bernischen theologischen Fakultät mit dem regen wissenschaftlichen Leben Genfs. Es wirkten an der ersteren lauter Männer von höherem Alter, denen bei aller Trefflichkeit der Gesinnung und allem Reichtum an Kenntnissen doch jener geistige Schwung, jene Wärme und Lebendigkeit abging, welche den Studierenden Begeisterung und Liebe zu dem Gegenstande der Behandlung einzuflößen vermag. Trechsel bemerkt über dieselben: „Der Professor des Bibelstudiums, Joh. Fr. Stapfer, setzte die Reihe jener Theologenfamilie fort, welche im letzten Jahrhundert so manche tüchtige Lehrer der Kirche geschenkt hatte, seine Exegese jedoch gehörte noch mehr einer früheren Zeit an und hatte nicht mit der neueren Entwicklung Schritt gehalten.“ Doch wird an ihm die klassisch-lateinische Sprache hervorgehoben, in der er sich wie in seinem Elemente bewegte. „Die Fächer der Dogmatik, Moral und Kirchengeschichte wurden durch Professor Hünermadel vertreten, dessen Gewissenhaftigkeit und Streben nach erschöpfender Gründlichkeit ihn veranlasste, seine Kollegien Jahre und mehrere Jahre lang auszudehnen, so dass man kein Ganzes zu hören bekam und jeder Überblick verloren ging. Der praktische Unterricht endlich wurde mit anerkennenswertem Fleiße von Professor Samuel Studer in rationalistischem Sinne und nicht sehr anregender Weise erteilt. Von sonstigen Dozenten oder Privatvorträgen war damals nicht die Rede.“ Auch Trechsel machte sich das Nachteilige dieser Verhältnisse fühlbar, doch befand er sich dabei in besserer Lage als Andere. Obwohl Stipendiat, war ihm gestattet, im elterlichen Hause und nicht auf der Schule zu wohnen und so die Obhut und Anregung seines Vaters zu genießen. Zudem übte der von Genf mitgebrachte Antrieb immer noch seine nachwirkende Kraft; das geistige Streben und Schaffen war ihm zum Bedürfnis geworden, zu dessen Befriedigung auch die Stellung als Unterbibliothekar der Stadtbibliothek Anlass und Mittel bot. Neben den Fachstudien wurden zwar auch die Naturwissenschaften nicht bei Seite gelegt, sondern bei Bernhard Studer Mineralogie getrieben; doch erschienen Trechsel die ersteren umso anziehender und lieber, je mehr er auf dem früheren, selbstgelegten Grunde fortbauen durfte. Dies gab ihm auch in Kurzem den Mut, sich an eine eigene, größere Arbeit, die Lösung einer Preisaufgabe über Augustin, zu wagen. Es hatte dieselbe nicht nur den augenblicklichen Erfolg, gekrönt zu werden, sondern sie wurde insofern von größerer, gewissermaßen entscheidender Wichtigkeit, als sie ihrem Bearbeiter zur speziell kirchenhistorischen Forschung gleichsam den Weg bahnte und den Anstoß gab. Zum Zeichen ihrer Zufriedenheit mit seinen wissenschaftlichen Leistungen sah sich Trechsel von der theologischen wie von der philosophischen Fakultät für die große Hallersche Preismedaille vorgeschlagen, welche alle vier Jahre einem Zögling der Akademie erteilt wurde. Durch eine gegen die Theologen gerichtete Intrige ward ihm ein Jurist vorgezogen, doch erhielt er die Genugtuung, mit der üblichen Festrede auf Ostern betraut zu werden, eine Arbeit, die umso größeren Reiz für ihn hatte, als der gegebene Gegenstand sich mit Naturgeschichte berührte. Außer einem Preise wurde ihr die Ehre zu Teil, im literarischen Archiv der Akademie abgedruckt zu werden.

Den gesellschaftlichen Vergnügungen entsagte Trechsel bei alledem keineswegs; er war ein treues und hervorragendes Mitglied des Zofingervereins und leitete in seinem letzten Semester als Präsident die Berner Sektion desselben.

Im Frühjahr 1827 absolvierte Trechsel nach nur zweijährigen theologischen Studien die Kandidatenprüfung; er wurde mit neun Kommilitonen ins bernische Ministerium aufgenommen und am 24. Juni konsekriert((Konsekrieren bedeutet, dass eine Person oder Sache dem weltlichen „Gebrauch“ entzogen und in den alleinigen Dienst Gottes gestellt wird, und bezieht sich auf die eigentliche Weihehandlung. )). „Nicht dass wir“, sagt er selbst, „zum Amte schon tüchtig gewesen wären; unsere wissenschaftliche Ausrüstung war im Allgemeinen kaum genügend, unser Glaubensstandpunkt meist derjenige eines abgeblassten Supernaturalismus oder Rationalismus, eines inneren Berufes und Ergriffenseins von der Größe und Wichtigkeit unserer Lebensaufgabe konnten wir uns nicht rühmen, und ich insbesondere hatte nicht sowohl das praktische Pfarramt, als eine gelehrte Tätigkeit mir zum Ziele gemacht.“

Zur Weiterbildung und Ergänzung seines Wissens war daher ein längerer Aufenthalt auf deutschen Hochschulen wünschenswert und schon lange beschlossene Sache. In freigebigster Weise unterstützte die Regierung Trechsels Vorhaben, indem sie ihm ein außerordentliches akademisches Stipendium von tausend Franken a. W. aussetzte. Dadurch ward, wenn auch nicht ausdrücklich, doch stillschweigend seine Bestimmung zum akademischen Lehrer angedeutet. Nach kurzem Aufenthalte in Genf und im Waadtlande reiste Trechsel im September 1827 in Begleitung seines Vaters nach Paris, wo er während vier Wochen viel Neues und Interessantes zu sehen bekam und als größten Gewinn die Bekanntschaft mit Phil. Albert Stapfer, dem gewesenen helvetischen Minister der Künste und Wissenschaften, welcher dort hochangesehen als Privatmann lebte, davontrug. Noch durfte er seinen Vater über Metz bis Frankfurt a. M. begleiten, dort trennten sich ihre Wege, dieser zog der Heimat und seinen Berufsgeschäften, der junge Kandidat aber den deutschen Musensitzen entgegen.

Von den Tagen Albrecht von Hallers weg galt Göttingen als die traditionelle Berner Universität, zu der man gleichsam selbstverständlich wallfahrtete. Sie war auch Trechsels erstes Ziel. Freilich traf er dort eine Art theologischen Interregnums; die hervorragenden älteren Lehrer waren bis auf Professor Plank alle gestorben, der junge gelehrte Nachwuchs stand noch in seinen Anfängen. Deshalb wohl trat einen Augenblick die Versuchung an Trechsel heran, Medizin zu studieren, indem er meinte, mit seinen Vorkenntnissen und bei angestrengtem Fleiße in zwei Jahren es bis zum Doktorexamen bringen zu können. Bald aber überwand die Liebe zur Theologie und die Rücksicht auf die ihm verliehenen Stipendien diesen Wunsch, und mit umso größerem Eifer wurden die Studien wieder aufgenommen. Besonders war es Professor Lücke, der geistvolle Ausleger des Neuen Testamentes, der einen tiefen und bleibenden Einfluss auf seine Zuhörer ausübte und mit welchem Trechsel bald in einem so freundschaftlichen Verhältnis stand, dass Lücke denselben sehr häufig am Schlusse des Kollegiums erwartete, um auf einem Spaziergange das Vorgetragene näher mit ihm zu besprechen, ihn in seinem Hause empfing und als Ersten zu einer „theologischen Gesellschaft“ warb, in welcher den Studierenden Gelegenheit geboten wurde, durch Privatstudien und Diskussionen in lateinischer Sprache ihre Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. So fiel Trechsel der Abschied von Göttingen sehr schwer, als er im März 1828 nach Schluss des Semesters nach Halle abreiste, und der erste Eindruck, den diese Stadt mit ihrem Steinkohlendunst, mit ihren engen, nicht sehr reinlichen Gassen, samt dem Leben und Tone der Studenten auf ihn machte, war keineswegs geeignet, eine fröhlichere Stimmung in ihm zu erwecken. Halle war noch immer die eigentliche alte Theologenuniversität, wo aber anstatt des Pietismus, wie ehedem, der Rationalismus fast ausschließlich vorherrschte. Gegen tausend Theologen drängten sich damals in die dortigen Hörsäle, um „Rationalist zu studieren“. Nur noch in kleinerem Kreise hatte Tholuck seine Gegenwirkung zu entfalten begonnen. Trechsel konnte der rationalistischen Richtung keinen Geschmack abgewinnen, sein Gefühl sagte ihm, dass diese das religiöse Bedürfnis nicht zu befriedigen vermöge, so hielt er sich von den so gesinnten Lehrern ferne und benutzte den Aufenthalt in Halle vorzüglich, um sich unter der Leitung von Gesenius und Rödiger in das Studium des Hebräischen und der demselben verwandten Dialetzte zu vertiefen. Seine tägliche Erholung waren Spaziergänge, gewöhnlich an den Ufern der Saale nach dem romantischen Giebichenstein, wo ihm das Haus des Universitätsdirektors, Geheimrat Schmelzer, stets offen stand. Auch bei Gesenius und dem ehrwürdigen Kanzler Niemeyer war er ein gern gesehener Gast; in des Letzteren Haus fand er Gelegenheit, die Bekanntschaft des später berühmt gewordenen Palästina-Reisenden Robinson zu machen. Von verschiedenen Seiten suchte man ihn nach Schluss des Semesters in Halle zurückzuhalten, aber die Notwendigkeit weiterer Ausbildung in den spezifisch wissenschaftlichen Fächern der Theologie ließ Trechsel diesem Ansinnen widerstehen und im Herbst 1828 nach Berlin übersiedeln. Dort nahmen bald die Vorlesungen und Studien, die sich zum Teil auf einem ihm neuen Gebiete bewegten, seine Tätigkeit und geistige Spannkraft vollauf in Anspruch. Dies war in besonderem Maße der Fall bei Schleiermacher, in dessen Art und Behandlung der christlichen Sittenlehre er sich zuerst gar nicht hineinfinden konnte, dessen dialektische Methode seine ganze bisherige Logik und Denkweise auf den Kopf zu stellen schien. Je tiefer er aber in dessen Lehrgebäude eindrang, desto größer wurde der bestimmende Einfluss des Mannes, dessen Wirkungen sich auf Trechsels ganzes Leben erstreckten. Neben Übungen in der syrischen Sprache bei Dr. Hengstenberg waren es außerdem vorzüglich Neanders Vorlesungen, welche von ihm fleißig besucht wurden. Der große Kirchenhistoriker mit seiner Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit, seiner mit fester Glaubenstreue gepaarten Milde im Urteil wurde das Vorbild, welchem nachzustreben Trechsel auch späterhin sich bemühte.

Solchergestalt trefflich vorbereitet und mit großen Kenntnissen ausgerüstet, kehrte der junge Kandidat 1829 in seine Vaterstadt zurück, wo er am 14. Juni vor Kuratel und sämtlichen Professoren der Akademie in klassisch-lateinischer Rede über den in Deutschland zugebrachten Zeitraum und seine Studien Rechenschaft ablegte. Seine Anlage und sein Wunsch gingen auf eine akademische Tätigkeit; er hoffte (und Viele mit ihm), seine reichen Gaben und Kenntnisse als theologischer Lehrer in den Dienst der studierenden Jugend und der bernischen Landeskirche stellen zu dürfen es sollte nicht sein, der Mensch denkt und Gott lenkt. Anfangs schien sich freilich Alles günstig anzulassen. Trechsel erstrebte und erhielt die Predigerstelle an dem großen städtischen Spitale in Bern, in welcher er sowohl auf dem Felde der Krankenseelsorge als auf der Kanzel seine Kraft entfalten konnte, welche ihm aber auch genügend Muße zu wissenschaftlicher Tätigkeit übrig ließ. Nach gründlichen Vorbereitungen habilitierte er sich im Sommer 1832 an der theologischen Fakultät als Privatdozent für Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese. Die ersten Vorlesungen, welche er ankündigte, betrafen die Geschichte des christlichen Altertums und der Reformation, später trug er Einleitung ins Neue Testament und Erklärung mehrerer biblischer Schriften vor und leitete privatim die Übungen einer aus den Studierenden gebildeten theologischen Gesellschaft. Erinnern die ersten Lektionsgegenstände an Trechsels frühe erwachten Sinn für geschichtliche und insbesondere kirchengeschichtliche Studien, so wird in den letzteren unzweifelhaft Lückes Einfluss nachwirkend gewesen sein. Diesem „unvergesslichen Lehrer“, sowie „dem teuren und würdigen Vater“ widmete der junge Dozent seine erste größere Arbeit über den Kanon, die Kritik und Exegese der Manichäer, eine Abhandlung, welche er seiner Zeit in Göttingen in Lückes theologischer Gesellschaft lateinisch vorgetragen hatte und nun in gänzlich umgearbeiteter Gestalt und deutscher Sprache herausgab (Bern, Jenni, 1832).

So schien Trechsel seine öffentliche wissenschaftliche Tätigkeit aufs Schönste begründet zu haben, als er auf die unerwartetste Weise und für immer aus derselben verdrängt wurde durch das Eingehen der alten Akademie und die Gründung der neuen bernischen Hochschule. Die Akademie vermochte allerdings den Anforderungen der Zeit nicht mehr zu genügen, ihre Grenzen waren gar zu enge gezogen, ihre Mängel offenkundig. Vor Allem stieß man sich an der Bestimmung des Reglementes, welche den Eintritt in die Literarschule nur solchen Knaben gestattete, „die nach Stand, Beruf oder Vermögen ihrer Eltern auf eine gebildete Erziehung Anspruch machen können“, dagegen „die Unehelichen, die Kinder von Dienstboten, die Kantonsfremden und alle Diejenigen ausschloss, welche nicht infolge des Ranges, Standes oder Vermögens der Eltern zu wissenschaftlicher Bildung sich eignen“. Es ließ sich ferner nicht leugnen, dass die Anstalt einen vorwiegend theologischen Charakter besaß; die philosophische Fakultät war nichts Anderes als eine Vorschule für die Theologie; Juristen und Mediziner sahen sich nicht im Stande, die nötige Vorbildung zu erwerben, wodurch ihre Studien sowie die spätere Ausübung des Berufs bedeutend gehemmt wurden. Endlich war es von großem Nachteil, dass jede Disziplin nur vom einem Lehrer vorgetragen werden durfte, jede Lehrfreiheit, jede freie Konkurrenz somit ausgeschlossen war. Es führte dies naturgemäß zum strengsten Kollegienzwange für die Studenten, eine Maßregel, welche für die Wissenschaftlichkeit derselben nur verhängnisvoll werden konnte. Aus solchen Gründen beschloss der Große Rat des Kantons Bern am 14. März 1834 die Errichtung eines höheren Gymnasiums und die Umgestaltung der bisher unter dem Namen Akademie bestandenen Lehranstalt in eine Hochschule, welch‘ letztere am 15. November des gleichen Jahres feierlich eröffnet wurde. Freilich waren zu diesem Beschlusse nicht nur jene idealen Motive maßgebend, es wirkten vielmehr in hohem Grade politische Gründe mit, galt es doch, den radikalen Umschwung von 1831 zu befestigen und eine Generation von wissenschaftlich gebildeten, aber den neuen Grundsätzen ergebenen Männern heranzuziehen. Dazu bedurfte man „gesinnungstüchtiger“ Professoren und Dozenten und sah sich deshalb veranlasst, manche treffliche Kraft, welche an der alten Akademie gewirkt, bei Seite zu stellen und durch Fremde zu ersetzen. Die beiden Trechsel, Vater und Sohn, waren als politisch konservativ bekannt und deshalb missbeliebig. Professor Trechsel stand zu den Mitgliedern der verhafteten Siebnerkommission in engen Beziehungen; Hahn war sein Schwager, drei andere der Herren seine intimsten Freunde. Friedrich Trechsel hatte öffentlich seiner Entrüstung über das Vorgehen der Regierung gegen jene Kommission Worte verliehen, ja er wäre bei einer etwas tumultuarischen Demonstration vor dem Erlacherhofe, an welcher er teilnahm, beinahe verhaftet worden genug, Karl Schnell und Fetscherin verlangten die Beseitigung Beider. Die kräftige Erklärung des späteren Schultheißen Neuhaus, „Professor Trechsel sei ein Ehrenmann, der es nicht verdiene, dass man ihn bloß seiner Farbe wegen auf die Seite setze“, rettete zwar dem Vater den bisher bekleideten Lehrstuhl; zwei Trechsel aber waren zu viel, der Sohn blieb unberücksichtigt, und die Fächer, welche er bisher gelehrt hatte, wurden einem Fremden, dem Privatdozenten Bernhard Hundeshagen((Mit welchem ihn übrigens bis zu dessen Tode die innigste Freundschaft verband.)) in Gießen übertragen.

Es ist Trechsel nicht leicht geworden, all‘ seinen stolzen Plänen, seinen Hoffnungen und Lieblingsneigungen zu entsagen und sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, das Katheder mit der Kanzel, die akademische Tätigkeit mit dem Pfarramte zu vertauschen. Er fühlte eben in sich die Kraft, in dem begonnenen Berufe Bedeutendes zu leisten((Wie groß dieses Verlangen war, beweist der Umstand, dass Trechsel noch im 65. Jahre den Gedanken hegte, sich um eine Honorarprofessur an der bernischen Hochschule zu bewerben. Nur die Bitten und Vorstellungen seiner Söhne vermochten ihn davon abzubringen.)), während das praktische Wirken ihn damals weniger anzog. Noch im Greisenalter sprach er oft mit Wehmut von jener jähen Wendung seines Geschickes. Mit um so größerer Treue widmete er sich nun den Anforderungen seiner Pfarrstelle und seinen Privatstudien, als deren Frucht er schon im folgenden Jahre eine Arbeit über „Johannes Philoponus“ in den „theologischen Studien und Kritiken“ veröffentlichte. Als 1837 die Landpfarrei Vechigen erledigt wurde, bewarb sich Trechsel um dieselbe und ward neben mehreren Bewerbern gewählt. Dort in dem prächtig gelegenen, 1 1/2 Stunden von Bern entfernten Pfarrhause verlebte er die schönsten und glücklichsten Jahre seines Lebens. Reich gesegnet nach Außen und Innen, in Haus und Beruf, gingen die Tage in stiller Arbeit vorbei, und jeder Morgen brachte neue Anregung und neue Freude. Den 4. Mai 1840 vermählte er sich mit seiner Cousine, Maria Luise Rudrauff, von Bern, mit welcher er 43 Jahre lang in treuer Harmonie und gemeinsamem Streben verbunden bleiben durfte. Die energisch-kräftige und dabei doch so freundlich-liebevolle Frau verstand es prächtig, ihrem Gatten die äußeren Sorgen und Geschäfte abzunehmen, ihr Hauswesen zu leiten und die Erziehung der munteren Kinderschaar (fünf Söhne und eine Tochter) zu überwachen. Hand in Hand mit ihrem Manne hat sie als echte Pfarrfrau im Stillen gewirkt, viele Tränen getrocknet, viele Herzen aufgerichtet, ihr Andenken wird mancherorts im Segen bleiben.

In dieser ländlichen Stille reiften die schönsten Früchte wissenschaftlicher Tätigkeit. Im Jahre 1839 erschien der erste Band seines Hauptwerkes „Die protestantischen Antitrinitarier vor Faustus Socin“, welchem 1844 ein zweiter folgte. Das Buch hat den Namen seines Verfassers weit über die Grenzen des engeren Vaterlandes bekannt gemacht; lange galt es für das Beste, was über diesen Gegenstand erschienen, und wenn auch seither neue, tiefe Forschungen über manche der behandelten Personen neues Licht verbreitet haben, so sind Trechsels „Antitrinitarier“ gleichwohl nicht veraltet und werden von jedem sachbezüglichen Forscher zu Rate gezogen werden müssen. In Anerkennung seiner Verdienste ehrte ihn 1855 die theologische Fakultät in Heidelberg durch Verleihung des theologischen Doktortitels, eine Auszeichnung, welche außer ihm nur noch zweien seiner Kollegen im praktischen Amte, den Dekanen Güder und Rüetschi, zu Teil geworden ist. Ganz besonders aber fand die spezielle Geschichte der bernischen Landeskirche in Trechsel einen gewissenhaften Erforscher und Bearbeiter. Sie bot demselben ein weites Feld gelehrter Tätigkeit, welches bisher kaum beachtet worden war. Wohl hatte Dekan Zehender im 18. Jahrhundert vier Foliobände „kurz gefasste bernische Kirchengeschichten“ geschrieben, das Werk ist aber rein chronologisch geordnet und für die jetzigen wissenschaftlichen Bedürfnisse nur als Quelle benutzbar. Das alte Scheurersche Mausoleum war von Pfarrer Kuhn in Burgdorf unter dem Titel „Die Reformatoren Berns“ auf das Reformationsjubiläum 1828 neu bearbeitet worden, und diesem Feste verdankten auch andere Publikationen über die bernische Kirchenverbesserung ihr Erscheinen, allein die übrigen Perioden der heimatlichen Kirchengeschichte ruhten noch in tiefem Dunkel. Eine vollständige Darstellung der Entwicklung der bernischen Landeskirche zu geben, lag in Trechsels Absicht. Leider war ihm nicht vergönnt, seinen Plan zu verwirklichen, doch verdanken wir demselben eine Reihe trefflicher Vorarbeiten in Gestalt von Biographien und Monographien. Es fallen von solchen in die Zeit seines Aufenthaltes in Vechigen namentlich die Abhandlungen über Samuel König und den Pietismus zu Bern, über Samuel Huber, den Kammerer zu Burgdorf und Professor zu Wittenberg, und die größere Arbeit über Samuel Lucius und den bernischen Pietismus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sämtlich im Berner Taschenbuche erschienen. Die Begeisterung zu historischen Forschungen, die ihn erfüllte, auch bei Andern zu wecken, gab er unter dem Titel „Beiträge zur Geschichte der schweizerisch-reformirten Kirche, zunächst derjenigen des Kantons Bern“ eine in zwanglosen Heften erscheinende Zeitschrift heraus, welche zum Teil größere Abhandlungen, zum Teil kirchengeschichtliche Aktenstücke und kleinere Notizen enthält. Sind davon auch nur vier Hefte in den Jahren 1841 und 1842 veröffentlicht worden, so dienten sie doch dazu, den Ruf ihres Herausgebers zu verbreiten, und werden auch heute noch von Forschern viel gebraucht. Zum Mitarbeiter an dem seit 1854 unter der Leitung des Professor Herzog in Erlangen erscheinenden großen Sammelwerke „Theologische Realenzyklopädie“ berufen, verfasste Trechsel für dieselbe 14 treffliche Artikel, worunter namentlich die Arbeiten über „Berchtold Haller“, die „Bernerdisputation“, den „Berner Synodus“, die „Helvetische Konsensusformel“, sowie über die Sekten der „Antonianer“ und „Brüggler“ (Christian und Hieronymus Kohler) hervorzuheben sind, welche er später auch in der zweiten Auflage bearbeitete. Dass es dem hochgeachteten Manne an äußeren Ehrenbezeigungen und Vertrauensstellungen ebenfalls nicht fehlte, lässt sich denken. Durch allgemeines Zutrauen zum Dekan gewählt, hat er dieses Amt von 1851-1860 bekleidet und die kirchlichen Angelegenheiten der Klasse Bern geleitet. Auch in der theologischen Prüfungskommission saß er als ein strenger und gewissenhafter Examinator, der den Kandidaten die Prüfung nicht leicht machte. Wie er sich selber mit großem Maßstabe maß, so verlangte er auch von Andern tüchtiges und gründliches Wissen, alle Halbheit, aller Schein war ihm zuwider.

Trotz aller Liebe zum Landleben, trotz der angesehenen Stellung, welche Trechsel in seiner Gemeinde und deren weiterer Umgebung einnahm, legten ihm doch gegen das Ende der fünfziger Jahre Familienverhältnisse einen Wechsel der Pfarrstelle nahe. Seine fünf Söhne, welche sich sämtlich wissenschaftlichen Berufsarten widmeten, wuchsen heran, ihre Kurse nötigten sie zum Aufenthalt in der Stadt, von welcher sie nur Sonntags und in den Ferien nach Hause zurückkehren konnten. Einer solchen Zersplitterung des Familienlebens vorzubeugen, bewarb er sich daher um eine durch den Tod des bekannten Helfers J. J. Schädelin erledigte Stelle am Münster zu Bern und zog im Frühjahr 1860 als Helfer an der Hauptkirche wieder in seine Vaterstadt ein. Schon im gleichen Jahre wurde er zum vierten Pfarrer erhoben. Es war ein großes Opfer, welches Trechsel dadurch seiner Familie brachte, und er verhehlte sich keineswegs, dass das neue Amt und seine Anforderungen ihm wenig Zeit zu wissenschaftlicher Muße übrig lassen würden. Die Stellung eines Stadtgeistlichen, mit ihren zahlreichen Pflichten in einer bevölkerten Gemeinde, mit ihren unzähligen Nebenaufgaben erfordert ganze und volle Tätigkeit, und Trechsel war nicht der Mann, der es mit der Erfüllung seiner Obliegenheiten leicht genommen hätte. In allen Beziehungen suchte er nach Möglichkeit das Beste zu leisten, unermüdlich besuchte er die Kranken und Armen, mit freundlichem Worte, mit der ihm wunderbar eigenen Gabe des Gebets zu trösten und aufzurichten; gewissenhaft bereitete er sich jeweilen auf den kirchlichen Religionsunterricht vor, welchen er in öffentlichen Schulen und privaten Kursen erteilte und dessen Gründlichkeit und erhebender Wärme gewiss Viele sich noch dankbar erinnern. Seine Hauptsorge blieb aber der sonntäglichen Verkündigung des göttlichen Wortes gewidmet. Während er früher auch frei gepredigt hatte, war es ihm seit Jahren zum Bedürfnis geworden, seine Vorträge genau niederzuschreiben und sich wörtlich an das Konzept zu halten. Welche Arbeit diese Gewohnheit mit zunehmendem Alter dem Prediger brachte, wissen nur diejenigen, welche ihm zunächst gestanden. Jahrelang ist Trechsel in der seiner Predigt vorangehenden Nacht nicht zu Bette gegangen und wenige der Zuhörer, welche an seinen tiefempfundenen Worten sich erbauten, haben es geahnt, mit welcher Hingabe und Aufopferung sie erkämpft worden sind. Trechsel war nie ein hervorragender Kanzelredner, sein etwas monotoner Vortrag vermochte die Hörer nicht mächtig zu fesseln, seine Predigten waren mehr belehrender als erbaulich-rührender und packender Art; aber was er brachte, war eine große Gedankenarbeit, welche auch im Hörer Nachdenken weckte, tiefempfundenes, aus dem Grunde eines strenggläubigen Herzens entquollenes Zeugnis von Christo. Weil aber alles prunkende Beiwerk fehlte, vermochte die ernste, oft fast strenge Predigtweise, die in manchem an Schleiermacher erinnerte, keinen sehr großen Hörerkreis dauernd um sich zu fesseln; Trechsel gehörte nie zu den „populären“ Predigern Berns. Größer war die Anziehungskraft seiner Abendandachten, welche er abwechselnd mit seinen Amtsbrüdern hielt und in denen er meist Bilder aus dem Leben der Kirche und des Reiches Gottes in erbaulichem Sinne darzustellen wusste. Ihnen ist der Inhalt des vorliegenden Buches entnommen, aus welchem der Leser sich selbst eine Vorstellung der Trechselschen Vortragsweise schöpfen möge.

Auch nach anderer Seite hin ward seine bewährte Kraft vielfach in Anspruch genommen. Die Prediger-Witwen- und Waisen-Stiftung des Kantons Bern, sowie diejenige der Klasse Bern zählten Trechsel zu ihren Vorstandsmitgliedern, im Stipendienkollegium der Tillier- und der Frischingstiftung hatte er seinen Sitz, und manchen wohltätigen Anstalten lieh er seine Einsicht, seine Sachen- und Personenkenntnis. Da dürfen wir uns denn nicht wundern, dass die Zeit der Muße gar gering war und der Quell wissenschaftlicher Produktivität nicht mehr sprudelte wie in Vechigen. Erst als er einen Teil der Amtsgeschäfte jüngeren Schultern übertragen durfte, entflossen ihm wieder köstliche Arbeiten. Staatsarchiv und Stadtbibliothek boten mit ihrem großen handschriftlichen Material dem Forscher reichen Stoff, der, durch Trechsels gewandte Feder bearbeitet, zu Vieler Belehrung und Förderung ans Tageslicht trat. Im Jahr 1868 veröffentlichte er im Berner Taschenbuch eine Studie über Dr. Max Rütimeyer, den Berner Abgesandten zur Dordrechter Synode, zwei Jahre später die gründliche, ganz auf Urkunden beruhende Darstellung des Hexenwesens im Kanton Bern, welcher er 1869 unter dem Titel „Gott weiß es“ eine ergreifende Schilderung eines einzelnen Hexenprozesses, der in den Jahren 1576 und 1577 in Dron sich abgespielt, vorausgeschickt hatte. An den von verschiedenen Geistlichen der Stadt gehaltenen öffentlichen Vorträgen ebenfalls beteiligt, sprach Trechsel im Februar 1868 über Aonio Paleari und das Büchlein von der Wohltat Christi. Wir heben diesen Vortrag besonders heraus, weil er am Sterbebette eines 19jährigen Sohnes entstanden ist und der von Schmerz zerrissene Vater fürchten musste, beim Heimkehren aus dem Großratssaale seinen Sohn als Leiche zu finden. Wahrlich, nicht Jeder wäre unter solchen Umständen im Falle gewesen, der übernommenen Verpflichtung nachzukommen.

Inzwischen waren dem tätigen Manne die Beschwerden des Alters nicht ferne geblieben. Körperliche Gebrechen, namentlich beginnende Taubheit, erschwerten ihm den Verkehr mit seinen Gemeindegenossen und bannten ihn an seine Studierstube. In die neue Ordnung der kirchlichen Dinge, wie sie das bernische Kirchengesetz von 1874 herbeigeführt, wusste er sich nicht recht mehr zu schicken. Da inzwischen auch seine Kinder alle wohl versorgt waren, so trat Trechsel auf 1. August 1876 von seiner Pfarrstelle zurück, nicht um der Ruhe zu genießen, aber um in ungestörter Stille seinen Studien zu leben. Es war ihm denn auch vergönnt, mit völliger Geistesfrische noch nahezu 9 Jahre im Verkehr mit seinen Büchern und Handschriften zuzubringen und in früherer Weise literarisch tätig zu sein. Im Jahre 1876 erschien seine Darstellung der „Gesellschaft zu Schuhmachern“, 1882 „Joh. Rudolf Rudolf, Professor und Dekan, ein Theologenbild der alten Schule“, 1883 „Die Familie Rebmann (Ampelander), Sittenzüge und Kulturbilder aus dem Leben des 16. Jahrhunderts“. Für die Sammlung bernischer Biographien bearbeitete er von Neuem das Leben seines Vaters, welches er schon früher in Fachzeitschriften geschildert hatte, und Meilis „theologische Zeitschrift aus der Schweiz“ veröffentlichte nach dem Tode des Verfassers (1885) aus Trechsels Feder einen Aufsatz über eine rätselhafte Variante im bernischen Reformationsmandate von Viti und Modesti 1523. Die letzte Arbeit des Hochbetagten war eine auf Wunsch seiner Angehörigen begonnene Selbstbiographie; leider ist sie nur bis zu seinen Studienjahren fortgeschritten, der Tod nahm ihm mitten in einem Satz die Feder aus der Hand.

Während so sein Leben äußerlich gleichförmig, innerlich reich ausgefüllt dahinfloss, war es auch schön geschmückt mit Familienfreuden. Überall in den Häusern seiner Kinder aufs Herzlichste willkommen, vertauschte das greise Elternpaar oft die Stadtwohnung mit einem Aufenthalte an den Gestaden des Thunersees, im reizenden Bödeli, auf dem Längenberge und in den Hochtälern des Jura. Wie freute sich der Großvater seiner Enkelschar, kindlich und herzlich wusste er mit den Kindern zu scherzen, ihre kleinen Sorgen und Anliegen zu erforschen und zu befriedigen, während er mit seinen Söhnen deren praktische und wissenschaftliche Aufgaben besprach und ihnen mit tatkräftiger Hilfe und reicher Erfahrung stets zur Seite stand. Nichts lag seinem vielseitigen Geiste fern, mit derselben Gründlichkeit und Genauigkeit, mit welcher er sich in wissenschaftliche Probleme oder schwierige Fragen der Seelsorge vertiefte, besprach er die Kultur einer Pflanze oder die Vorkommnisse des täglichen Lebens. Doch auch Kreuz und Leiden sollten nicht ausbleiben. Ein lästiges körperliches Übel, sowie zunehmende Schwerhörigkeit zwangen Trechsel, von äußerem Verkehr abzusehen und sich ganz auf die engsten Familienkreise zu beschränken; Todesfälle seiner Angehörigen drückten ihn hart darnieder. Nachdem er 1881 einen blühenden Enkel betrauert, traf ihn der schwerste Schlag durch den Hinscheid seiner treuen Lebensgefährtin, welche am 16. April 1883 einer Lungenentzündung erlag. Von da an war seine Kraft sichtlich gebrochen, und als ihm im November 1884 auch einer seiner Söhne entrissen worden war, bereitete er sein Haus, in der Gewissheit seines bevorstehenden Endes. Der Herr ließ den müden Knecht nicht allzu lange warten. Noch hatte er in der Familie seiner Tochter ein stilles, glückliches Neujahr gefeiert, da warf auch ihn eine Lungenentzündung aufs Sterbebette. Den 30. Januar 1885 entschlief er sanft im Alter von 79 Jahren und 2 Monaten.

Es ist ein äußerlich stilles und ziemlich gleichförmiges Leben, auf welches wir zurückblicken, und doch wie reich gesegnet, wie fruchtbar hat es sich gestaltet! Trechsel war kein Mann der Öffentlichkeit. An den bewegenden Tagesfragen und Erscheinungen hat er zwar stets den lebendigsten Anteil genommen, seine Überzeugung gebildet und derselben, wenn nötig, ungescheut Ausdruck verliehen. Aber im Kampfgewühl der Meinungen und Parteien zu stehen, seinen Spieß in jede Schlacht zu tragen, war seine Sache nicht. Die stille Arbeitsstube des Gelehrten, die Betten der Kranken, die Hütten der Armut bildeten das Feld, auf dem er das Seine geleistet und in der Stille manche Tat getan, welche menschlichem Auge sich verbirgt und welche nur die Ewigkeit einst offenbaren wird. Was ihn auszeichnete, das war die ernste Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit seines Handelns, die Lauterkeit und Reinheit seines Charakters; sie erwarben ihm die ungeteilte Hochachtung Aller, die mit ihm in Berührung kamen, und die herzlichste Liebe Derer, welche ihm nahe standen. Möge sein Andenken im Segen bleiben und sich an ihm das Wort der Schrift erfüllen: „Die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz, und Die, welche Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne, immer und ewig“ (Dan. 12, 3).

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