Gerhard Tersteegen

Tersteegens Leben.

Es wird hier das Geistigste und Anregendste aus den Schriften eines Mannes mitgeteilt, dessen Leben und Wirken den Beweis geben, wie harmonisch und fruchtbar unser Dasein wird, wenn wir uns still und gläubig dem Rufe Gottes hingeben. Solche, von dem Herrn im Frieden Berufene, wollen auch uns in ihren seligen Frieden einladen, und dies wird der Mann, von dem wir hier reden, auf den folgenden Blättern tun.

Gerhard Tersteegen wurde am 25. November 1697 in Moers, in der preußischen Rheinprovinz Kleve, geboren und war von den acht Kindern des dortigen reformirten Kaufmanns Heinrich Tersteegen das jüngste. Der früh zur Witwe gewordenen Mutter erlaubten es ihre Vermögensumstände nicht, unsern Gerhard dem geistlichen Stande zu bestimmen, für dessen Wahl sein frommes Herz und sein ernster Geist frühzeitig sprachen. So schien die Kenntnis der alten Sprachen, die er sich bis in sein fünfzehntes Lebensjahr mit ausgezeichnetem Erfolge zu erwerben strebte, für ihn fruchtlos, als ihn in diesem Alter sein Schwager, ein Kaufmann zu Mülheim an der Ruhr, zu sich in die Lehre nahm, deren vierjährige Zeit er mit innerem Widerstreben aushielt. Aber hier wurde der gefühlvolle Jüngling durch eine Beschäftigung, die täglich seine pünktlichste Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, an jene Besonnenheit und Pünktlichkeit gewöhnt, die ihm sein Leben hindurch den Frieden befestigte und ihn, den Gefühlsmenschen, vor der einseitigen Richtung eines übermächtigen Gefühls bewahrte. Und das Widerstreben seines Gemütes gegen diesen Beruf, der ihm dadurch auferlegte Druck, war doch das beste Mittel, sein gepresstes Herz entschieden zu dem zu kehren, der ihm allein Trost und Hoffnung zu bieten vermochte. So lernte er schon in seinem sechzehnten Jahre den guten Kampf des Glaubens kämpfen, in welchem er ganze Nächte mit Lesen, Gebet und frommen Betrachtungen zubrachte. Ein in das Ende seiner Lehrzeit fallendes Ereignis war für seine religiöse Richtung entscheidend. Von seinem Lehrherrn in Geschäften nach Duisburg gesandt, wurde er auf dem Wege, im einsamen Walde, von so heftigen Kolikschmerzen befallen, dass er sich niederwerfen musste und zu sterben meinte. In seine Todesangst legte sich der Schrecken der Sünde, die er nun in seiner ganzen Macht empfinden sollte; und in dieser Not flehte er zu dem Gott der Erbarmungen um Fristung seines Lebens, damit ihm Zeit werde, sich auf die Ewigkeit zu bereiten. Schnell wichen die Schmerzen, und die Heimsuchung mit dem vollen Schrecken der Sünde, der uns Ale treffen muss, damit wir wissen, was zu fliehen ist, sie erreichte an dem Jungling ihren Zweck.

In solcher Zeit aber ist zwar die Nacht des Herzens vergangen, aber verschiedene Wege liegen jetzt vor des Sehenden Augen und welchen soll er wählen, dass er zum Frieden führe? Soll er in der bisherigen Umgebung bleiben, und wenn dies, wie soll er sie nun auf sich wirken lassen? Soll er sich losreißen? Darf er bei dem bisherigen Kreise seiner Arbeiten und Erholungen, seiner Weltansichten und seiner Ansprüche ans Leben beharren? –

Hier tritt das Bedürfnis nach einem im Glauben gereiften, führenden Mitpilger fast noch dringender ein, als in der Zeit des religiösen Unterrichts in den Jahren der Kindheit. Auch für Tersteegen war ein solcher Führer bereit; wäre jedoch des Jünglings Herz nicht früh, durch geistige und körperliche Leiden, gedemütigt und gebrochen worden, es hätte den Führer jetzt übersehen. Die Außenwelt musste ihm so weh tun, damit sich ihre Reize für ihn verminderten; die äußere Umgebung musste eine eitle, weltgesinnte sein, damit er den ausgefaulten, hohlen Raum unter der grünen, äußeren Hülse erkenne. Seiner Umgebung war er bereits zu niedrig, was sollte er nun, wenn er Gottes Rat aus Menschenherzen wollte, Anderes tun, als sich herabhalten zu den Niedrigen? Bei ihnen ließ der Herr ihn finden, was er bedurfte: ein schlichter Weber in Mülheim wurde des Jünglings Führer und Tröster. Dieses zufriedene Herz, in seiner stillen Arbeit und seinem niedrigen Stande, voll froher Liebe zu seinem Gott, enthüllte ihm hier zum ersten Male die verborgene Herrlichkeit des in seinen Urquell eingekehrten Menschenlebens. Tersteegen wählte, nach erstandener kaufmännischer Lehrzeit, den Beruf dieses Mannes. Am Webestuhl dieses Armen war ihm zum ersten Male recht innerlich wohl geworden, und nun hatte er erkannt, zu was ihn Gott bestimmt habe. Diesem zarten Wesen, in seiner schwächlichen kranken Hülle, stand der von der Welt abgekehrte Beruf eines beschaulichen Lebens am Besten an. Solche Herzen haben nichts zu geben als Liebe; sie ist ihr Element. Das Element der Welt aber ist die lieblose Selbstsucht; darum tut sie solchen Herzen so weh und stößt sie herum als unnütze Knechte; denn was sie leisten, kann sie nicht brauchen. Und so wird sie immer hart gegen sie, oft ohne dass sie es selbst weiß. Soll es aber dem eingekehrten beschaulichen Leben wohl werden, so wird ihm Gott helfen, auch wenn er ihm eben nicht gerade die Pforten eines Klosters aufschließt, wo es sich vielleicht nur verbergen würde, um vor sich selbst zu scheinen. Jeder ist der Menschheit von Rechts- und Liebeswegen seine Abgabe schuldig; auch der Beschauliche muss ihr nützen, denn auch ihm wird genügt von ihr; er muss ihr wohltun, denn das Aufhören seiner Liebe wäre seines Herzens Tod. Was er zu leisten hat, das wird er aber am Besten in einem verborgenen, in Niedrigkeit harmlosen Berufe leisten, durch den er der Welt bescheiden nützt, ohne von ihr andere, als die allerunentbehrlichsten Gegenleistungen anzunehmen.

Zunehmende Kränklichkeit nötigte ihn, von dem erwählten Berufe bald wieder abzustehen. Er erwählte nun das Seidenbandweben. Von seinem kärglichen Erwerbe verwendete er so wenig auf sich, dass ihm noch Mittel zur Unterstützung der Kranken und Dürftigen blieben, die oft kaum so krank und dürftig sein mochten, als Er. Er pflegte sie, nach seinem Tagewerk, in den späten Abendstunden, um von Niemanden sonst gesehen zu werden, zu besuchen und zu erquicken. Das waren seine fast einzigen Ausgänge und Erholungen, und die Welt sorgte dafür, dass er sich nimmermehr aus seiner Einsamkeit heraussehnte. Seine nächsten Verwandten verachteten ihn, seiner Niedrigkeit wegen, so sehr, dass sie seinen Namen nicht mehr nennen mochten, und selbst den Niedrigsten war er bald zu niedrig. Er erzählt von jener Zeit: „Oft wusste ich auf morgen kein Brot. Von fünf Uhr des Morgens bis neun Uhr des Abends wirkte ich, lag auch wohl zehn bis zwölf Wochen krank zu Bette oder auf dem Boden, ohne dass die Freunde, bei denen ich gegen Kostgeld war, nur eine ihrer müßigen Mägde hinaufgeschickt hätten, mir einen Trunk Wassers zu reichen.“ – Einst ließ ihn die Magd, die er im brennenden Durst des Fiebers um einen Trunk gebeten, vom Morgen bis zum Abend darauf warten. Da die Menschen sein vergessen und ihn gleichgültig hätten verschmachten lassen, wurde er ein immer sanfterer, treuerer Menschenfreund. Als in jene Zeit der Tod seiner Mutter fiel, verteilte er das mütterliche Erbe an Notleidende, weil er nichts Besseres damit anzufangen wusste. Und in dieser Verlassenheit und Armut lebte er, wie er sagt, gleich einem Könige, ob er wohl oft acht Tage lang keinen Menschen sah, außer der Magd, die ihm Nahrung zu bringen hatte.

So blieb sein Leben verborgen in Gott, der täglich bei ihm die beseligende Einkehr hielt. Er hatte ihn mit der Gabe des Dichters begnadigt; und in seine stille, bescheidene Arbeit sang er dem Herrn seine tiefen, kunstlosen Lieder. Aber auch das Streben nach Wahrheit war in seiner ganzen Kraft in ihm; wenn er der Arbeits- und Liebespflicht seine Tage und Abende gewidmet hatte, so verwendete er die Stunden der Nacht zum Lesen fördernder Bücher und zum Übersetzen französischer und lateinischer religiöser Schriften, wie der des Kempis, Bernieres, der Guion und Ähnlicher. – Aber die Stimme des Sängers verstummte, seufzend vollbrachte er bald seine Arbeit, gramvoll ging er hin, die Leidenden aufzurichten und in Tränen wachte er in seinen Nächten. Der süße Genuss der Gnade wurde ihm fünf Jahre lang entzogen. Er zweifelte an seinen Gnadenstand. Dunkel und trostlos sollte er ausharren in Geduld und lieben auch, wo er die Huld der Liebe seines Gottes nicht empfand. An die Zweifel seines Herzens reihten sich die Zweifel seines Verstandes; der tiefe Verfall der Menschen, die vielen Sekten und einander widersprechenden Religionsmeinungen und die trostlose Selbstsucht, die in denselben sich zu befriedigen suchte, brachten ihn einmal selbst in Zweifel gegen das Dasein Gottes. Jetzt erst ward ihm das Leben recht fremd in seiner Einsamkeit; er war wie ein armes, von den Eltern in die Welt gewiesenes Kind, das in der Fremde erkrankt ist, und weil es keine vertraute Seele findet, die sich sein erbarmt, nun selbst am Vater verzweifelt, der es in diese öde Fremde gewiesen; bis es in tausend Tränen wieder an die Liebe des Vaters denkt und zu vergehen meint in der Sehnsucht nach den Vaterarmen. Da geht die Türe auf in der Kammer desselbigen Kindes, und der Vater, die Mutter und alle seine Lieben eilen ihm entgegen. Über der großen Freude genest wohl das Kind. So trauerte und so genas Tersteegen. Da er mit Allem, was in ihm war, nur noch verlangen und sich sehnen konnte, kam der zu ihm, der mehr als Vater, Mutter, Freund und als Alles zusammen ist, und schloss ihn in die Arme seiner Gnade. Was ihm jetzt sein Heiland war, das bezeugen die folgenden Worte, in welchen er sich ihm auf Zeit und Ewigkeit übergab und deren Anblick ihm fortan sein Versprechen immer neu er halten sollte. Er schrieb am Abend des grünen Donnerstages des Jahres 1724, in seinem 27. Lebensjahre, Folgendes nieder:

„Meinem Jesu!

Ich verschreibe mich dir, meinem einigen Heiland und Bräutigam, Jesu Christo, zu deinem völligen und ewigen Eigentum. Ich entsage von Herzen allem Recht und Macht, so mir der Satan über mich selbst mit Unrecht möchte gegeben haben, von diesem Abend an, an welchem du, mein Blutbräutigam, mein Goel, durch deinen Todeskampf, Ringen und Blutschwitzen im Garten Gethsemane mich dir zum Eigentum und zur Braut erkauft, die Pforten der Hölle zersprengt und das liebevolle Herz deines Vaters mir eröffnet hast. Von diesem Abend an sei dir mein Herz und meine ganze Liebe auf ewig zum schuldigen Dank ergeben und aufgeopfert! Von nun an bis in Ewigkeit nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Befiehl, herrsche, regiere in mir; ich gebe dir Vollmacht über mich und verspreche, mit deiner Hilfe eher mein Blut bis auf den letzten Tropfen vergießen zu lassen, als mit Willen und Wissen, in- und auswendig, dir untreu oder ungehorsam zu werden. Siehe, da hast du mich ganz, süßer Seelenfreund, damit ich in keuscher, jungfräulicher Liebe dir stets anhange. Dein Geist weiche nicht von mir, dein Todeskampf unterstütze mich. Ja, Amen. Dein Geist versiegle es, was in Einfalt geschrieben dein unwürdiges Eigentum.“

Er hatte sein Gethsemane überstanden und konnte sich nun getrost mit seinem Heiland kreuzigen lassen zum Tode dessen, was da zu sterben hat.

Aber er hatte noch ein anderes Erbe zu geben, als das Erbe seiner Mutter und noch andere Gaben zu spenden, als die er seiner Armut abgespart. Der nichts inne hatte, solte Viele reich machen. Aus seiner Abgeschiedenheit riefen ihn Diejenigen, deren das Himmelreich ist; seit dem Jahre 1724 unterwies er die Kinder seiner lieblosen Geschwister in der Religion der Liebe. Und drei Jahre später veranlasste ihn ein frommer Prediger in Mülheim, das bis an seinen Tod sein Wohnort blieb, in den dort vor Kurzem entstandenen Privatversammlungen zu sprechen. Viele Herzen gewann er dem Herrn dadurch und solches Vertrauen erwarb er, dass er einen großen Teil seiner Zeit der bei ihm Rat und Aufrichtung Suchenden im mündlichen Verkehr und im Briefwechsel widmen musste. Seine durch diese Anstrengungen und durch fortgesetzte Nachtwachen noch tiefer zerrüttete Gesundheit nötigte ihn, sein Gewerbe aufzugeben und von den Gaben zu leben, die ihm die Liebe mit ihm enge verbundener Christen, namentlich durch Vermächtnisse bot. Aber sein Dasein fühlte sich nur dann gefristet, wenn es das Leben Anderer fristen konnte, und so flossen die meisten der erhaltenen Liebesgaben durch ihn andern Bedürftigen zu. Sein bisheriges Leben war nur Vorbereitung für sein gegenwärtiges; er hatte sich nun ganz dem Beruf des christlichen Seelsorgers zu widmen, für den er sich dadurch noch weiter ausbildete, dass er nun das Neue Testament in seiner Grundsprache und die Väter der griechischen und lateinischen Kirche, so wie die Hauptschriften der Theologen seiner Zeit studierte und in vertrauten Umgang mit frommen Predigern trat. Hätte er in den ersten Jahrhunderten der Kirche gelebt, so wäre ihm von irgendeiner christlichen Gemeinde das Hirtenamt über sie, selbst wider seinen Willen, aufgenötigt worden. Nun aber beschränkte sich seine Wirksamkeit auf die Seelsorge und Lehrerpflicht, ohne von einer menschlichen Macht dazu berufen worden zu sein. Seine Vorträge bewegten sich nur in den religiösen Privatversammlungen seines Wohnorts und der Umgegend. Erst im Jahr 1756 gab er wegen zunehmender Körperschwäche und wegen unmittelbar von dem angestrengten lauten Reden herbeigeführter Gebrechen seines Körpers, die Vorträge auf.

Seine öffentliche Wirksamkeit heißt uns das Verhältnis beleuchten, in dem er mit dem Glauben und dem Leben der Kirche stand. Nachdem ihm die abweichenden Meinungen der Sekten so lange zu schaffen gemacht, fand er seinen Frieden in dem Gemeingut aller gläubigen Glieder der verschiedenen Konfessionen und Sekten, wie dies ihm von Gottes Wort aufgeschlossen wurde. Das Abweichende hielt er, als bloßes Menschenwerk, für Nebensache, an der er sich nicht mehr aufzuhalten brauchte. Neben der Bibel zogen ihn zunächst die Schriften der christlichen Mystiker an, an die er sich mit seinem eingekehrten Wesen schon von Natur anschloss. Von der Verderbtheit der Menschennatur, die nur durch Gnade gerettet und geheiligt werden kann, aus Erfahrung an sich und Andere überzeugt, und von der hilfreichen Liebe Christi beseligt, fand er im Genuss der ihm einwohnenden Gnade volles Genügen, denn er lernte über der Nähe Gottes seiner selbst und seiner Sünde vergessen. Seine und der Kirche Zukunft legte er getrost in des Erlösers Hand und hielt sich von den Forschungen über die Offenbarung Johannes, wie sie damals durch Bengel angeregt wurden, und von den abweichenden Meinungen über Verdammnis und Wiederbringung fern, ohne dagegen zu reden. Sein stiller Glaube begnügte sich mit dem, was ihm sein Heiland war in der Gegenwart, und sein vorherrschendes Gefühl ließ er, damit es nicht irre, von der strengsten Besonnenheit leiten, die ihn alle dem Reich Christi feindlichen Mächte, Babylon und die apokalyptischen Tiere zunächst im eigenen Herzen suchen und überwinden ließ. Weil ihm das Christentum die Religion der Liebe war, so war es ihm die Religion der Freude. So schrieb er an eine Freundin: „Meinst Du denn, der Heiland habe Dich zur Melancholie berufen? Keineswegs, sondern zur Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist. Du musst nicht durch einen Weg der Furcht, sondern der Liebe und des kindlichen Vertrauens geführt werden, welches Gott wirken wird. Du hast Dich Jesu zum Eigentum ergeben, dass er Dir Deine Sünden vergebe und abnehme; dieses hat der liebe Heiland nun auch auf sich genommen. Darüber soll sich Dein Herz freuen und den Herrn lieben. Er wird Dir Dein ganzes Herz abnehmen.“ Die Genugtuungslehre enthüllte sich ihm, wie die mitgeteilten Karfreitagsreden darlegen, in ihrer ganzen Notwendigkeit und vom Kreuz herab ward ihm all‘ sein Trost, wie er in den herrlichen Worten singt:

„Wie wenn du wolltest mich umfassen, So neigest du dein Haupt und stirbst.“ Seiner Pilgerzeit fehlten die Freuden nicht, denn er hatte Ursache, sich der Menschen zu freuen, weil er mit den Frommen lebte; und der zarte Sinn für die Herrlichkeit der Schöpfung war seinem Dichterherzen eigen. Im Genuss dieser Freuden hat ihn die Weltentsagung nichts gekostet.

Der Kirche, in der er geboren und erzogen war, blieb er treu, aber auf seine Weise. Ales Sektiererische war seinem klaren Geiste zuwider, er sah darin das Streiten um Nebendinge und selbstsüchtige Einseitigkeit. Der Gerechte jeder christlichen Konfession wurde von ihm als Bruder geliebt; er sah in jeder Kirche die Mittel zur Seligkeit und hielt daher nichts auf Konfessionswechsel. Die Entstehung der ehrwürdigen Brüdergemeinde sah er mit fast übermäßigem Misstrauen an und gab keinen Anforderungen, sich an sie anzuschließen, Gehör. An dem öffentlichen Gottesdienste seiner Kirche nahm er Teil, wenn der Prediger seinen Glauben weder ermüdete noch ärgerte. Aber tat er, als Konventikelredner, der Kirche keinen Eintrag? Seine Reden waren Predigten nach dem Muster der alten Kirchenlehrer und wurden wohl mehr besucht, als die Predigten der Geistlichkeit Mülheims und der Umgegend; denn gewöhnlich waren die sechs Zimmer des Hauses, in dem er wohnte, voll von Zuhörern. Nie stellte er sich über, aber doch neben die Kirche. Aber ihn rechtfertigte und beruhigte der Erfolg; er sah, wie die Menschen durch ihn besser wurden; wie durfte er da dem Geiste, der ihn trieb, widerstehen? Ihm genügte, die Kirche nicht anzugreifen, wie denn überhaupt sein sanftes Gemüt sich nie in Hader und Neid gab. Wenn ihn die Kirche anzugreifen versuchte, so kam er mit seiner ruhigen Freimütigkeit zuvor, mit der er zu den Behörden ging und sich und seine Brüder zu rechtfertigen wusste. Der Kirche war er sogar ergebener, als die meisten Theologen seiner Zeit; ihm war ihre große Vergangenheit aufgetan, er holte sich Nahrung aus den Werken ihrer heiligen Väter und Auserwählten. In seiner Zeit jedoch vernahm er statt der Glaubensinbrunst und Herzensfrische der Alten nur ein trockenes Abkanzeln der Glaubenslehren, und ein unzulässiges Hintansetzen der christlichen Sittenlehre. Was vermochte die Engherzigkeit und Halbheit der Schultheologen einem solchen Herzen zu geben! Er hatte mehr, und die Liebe verbot ihm, sein Pfund zu begraben. Das Aufsehen, das er machte, hatte er nie gesucht, aber er durfte ihm auch nicht ausweichen, denn er nützte der Kirche mehr, als ihre Prediger, ob ihm auch über dem Innern, in dem er sich zunächst bewegte, das, was äußerlich einzurichten und zu verwalten ist, dunkel blieb.

Er tritt in seiner Wirksamkeit als Stellvertreter einer Gattung auf; wir würdigen mit ihm zugleich den Pietismus und sein Verhältnis zu der Kirche, und nehmen hier Gelegenheit zu dieser Würdigung. Was sich jetzt in Kirche und Konventikel auseinander zu trennen scheint, das war in der ersten Kirche wesentlich eins. Lässt sich dies erweisen und wird zugegeben, dass die apostolische Kirche die wahre gewesen, so können Kirche und Pietismus, wenn sie beide in der Wahrheit bleiben wollen, die von Vielen befürchtete Trennung nicht vollziehen, sondern sie müssen ihrer Einheit bewusst werden und einander durchdringen. Das taten sie wirklich im Anfang. Der Geist Gottes war nicht nur im Munde der Lehrer ein zeugender, sondern machte den ganzen Leib Christi zur Handreichung lebendig. Von den Aposteln und ihren Gehilfen ging er aus, durch ihre Predigt, ihre Zuschriften, Anordnungen und ihr Beispiel gaben sie den Gemeinden die Gründe der christlichen Wahrheit und des christlichen Lebens. Jedes Mitglied der Gemeinde aber half mit den Gaben, die ihm der Geist gegeben, den durch die Hauptlehrer begründeten und aufgerichteten Bau einbauen. So bauten nicht nur die Apostel, sondern alle Glieder auf Christum den Grund, der gelegt war. Jeder half an der vollständigen Erläuterung und Fruchtbarkeit des Evangeliums mit. Alle zusammen hatten sich als eine Bruderfamilie zu betrachten, die ihre brüderlichen Familienrechte und Familienpflichten nicht nur in stummem Anhören und in knechtischer Befolgung des Vernommenen empfingen und übten, sondern selbst mitsprachen und mitberieten. Der Predigt und dem Dienst der Sakramente folgte nicht nur der häusliche Gottesdienst, sondern das christliche Gespräch der versammelten Heiligen, von Zeichen und Wundern noch begleitet. Den Hirten der Gemeinde machte die nicht nur von Außen her erhaltene Vollmacht dazu, sondern das Vertrauen der Gemeinde selbst, die sich frisch und lebenskräftig unter seinem väterlichen Walten bewegte. Weil er ihr Hirte war, so war er, nach des Meisters Lehre, ihr Diener.

Als sich die Kirche der Gunst und der Mitgliedschaft der Großen zu erfreuen begann, und diese des Meisters Lehre von der Dienstbeflissenheit seiner Jünger nicht annahmen, wurde diese Lehre von den Vorstehern der Gemeinden auch vergessen und ging Menschengunst vor Gottesgunst. Die Geistlichkeit wurde dem Volk zu vornehm, die Kirche ein gelähmter Leib, an dem nur der Mund mit seinen Reden Befehle und Vorschläge, aber weder Kraft noch Leben mitteilen konnte. Und als vollends statt wahrer Bekehrung mehr und mehr nur die Form galt, da konnten die Priester sich selbst nur für die Kirche halten; das Volk aber fiel wieder in Finsternis und Schatten des Todes. Nur Wenige, aus Priestern und Laien, folgten der Demut des Herrn und wurden durch sie frei von Menschenmacht, fielen aber in Menschenverfolgung oder verbargen sich in mönchische Einsamkeit.

Die Reformation vermochte den Schaden nur teilweise zu heben; sie reinigte die Lehre und führte wieder zu der Freiheit in Gott durch die Entfesselung seines geoffenbarten Wortes, aber sie ließ die Gestaltung dieser Freiheit mehr eine nur innere bleiben. Die Großen bereicherten sich an den eingezogenen Kirchengütern und Kirchengewalten, das Volk wollte auch sein weltliches Teil empfangen und brachte die Schmach des Bauernkriegs über die evangelische Kirche. Sie hatte vollauf zu tun, die alte Unwissenheit und Rohheit aufzuheben und der Schrift Eingang zu verschaffen, die diese eben der Rohheit des Landvolkes wegen zunächst nur in den Städten finden konnte. Und selbst der Jammer des dreißigjährigen Krieges vermochte nicht, die evangelische Kirche im Äußern zu etwas Höherem zu bilden, als zu einer theologischen Schule, die dem Volke nur das dürre Gerippe der durch Hader und Neid festgestellten Dogmen zuwarfen und statt des lieberfüllten Glaubens die übermütige Gelehrsamkeit für die Aufgabe hielt, mit der sie endlich den Glauben untergrub, und nun ihr grundloses Gebäude in der Luft emporhält mit kraftlosen Armen, bis es über diesen zusammenbricht, wo nicht der Herr der Kirche zu einem neuen Baue schreitet.

Der Geist aber kann weder geheim noch verborgen bleiben. Er war geblieben in der römischen Kirche und hatte sich bei der Reformation zu seinem Siegesboten nicht die Gelehrtesten der Zeit, sondern die frischesten, liebesempfänglichsten Herzen gewählt, wie damals, als er über die galiläischen Fischer kam. Luther wurde das erste Licht der Reformation, nicht durch seine Gelehrsamkeit, denn seine Gehilfen, selbst seine Gegner waren gelehrter als er. Er wurde es durch sein frisches, herrliches Glaubensleben, durch die ihm vom Herrn geschenkte Kraft, die des Volkes Herzen aus dem langen Drucke führte in den fröhlichen, gesunden Odem der evangelischen Freiheit. Diese aber wandeln bald wieder nur im Stillen auf heimlicher Flur, zunächst im verborgenen Frieden der Mystik, während die Schultheologen mit ihren trüben Predigten die Herzen zwar in ehrbarer Zucht zu halten, aber nicht lebendig in Liebe zu machen verstanden. Es konnte nicht fehlen, der Glaube musste seine Ertötung auch durch die Seelen erleuchteter Theologen strafen. Diese, wie Spener und seine Nachfolger, führten die Evangelischen zurück zur Botschaft der Freude und Liebe. Im Kreise ihrer Anhänger hat sich die Herzenseinfalt und Frische des ersten Christentums nicht nur erhalten, sondern dieser verkannte Kreis ist es, der besser als die theologischen Schulen die evangelische Wahrheit gegen die Lehren einer auf Vernunft, nicht auf Offenbarung sich gründenden Weisheit verteidigt; denn die Wege des Herrn sind ohne Wandel. Je mehr der Unglaube zunimmt, desto mehr flüchten sich bedürftige Herzen in den Kreis der Konventikel. Mögen oft auch Misstrauen, Auswüchse der Selbstsucht und einer über die Grenze schreitenden Phantasie seine menschlichen Flecken sein, – sie sind eben so wenig sein Wesen, als das Wesen der Kirche in ihren gegenwärtigen Flecken, in Unglauben und Gleichgültigkeit besteht. Beide werden sich nur reinigen, wenn sie wieder eins werden. Ihre Trennung von einander bringt die Ausartung in beide. Nur in ihrem Zusammenstehen werden sie den Einflüssen einer bösen Zeit widerstehen. Die Kirche hat den ersten Schritt zu tun, denn sie empfängt ihre besten Früchte von dem Pietismus. Wo wohltätige Zwecke zu erstreben, Seelenrettung, Armen und Kranken Trost zu leisten sind, da hat sie ja wohl erfahren, wer ihr am bereitwilligsten beitritt. Sie sehe doch von vereinzelten widerlichen Bildern ab; sie trachte nicht mehr nach hohen Dingen, sondern halte sich wieder herunter zu den Niedrigen. Da wird ihr unser liebes Vaterland viele hundert Menschen zeigen, die in angestrengtester Arbeit durch Not und Entbehrung gehen, von der Wiege bis zum Grabe, und die wenigen Stunden, die ihnen Gottes Erbarmung zur Erholung übrig lässt, zu keinem Andern gehen, als zu ihrem Herrn und sich selig fühlen in der Betrachtung seines Wortes, in den Gedanken an seine Liebe. Du hörst diese Armen nicht klagen noch murren, sie tragen zufrieden ihr dürftiges Los, sie stehen in Dankgebeten um ihr karges Mahl her und dulden in sich nicht die bösen Gedanken, an den Hausgenossen kein böses Wort. Verwandtenliebe, Kindesgehorsam, Elterntreue, Zucht und Friede wohnen in ihren niederen Hütten. Wenn du sie vor dir wandeln siehst, so bemitleidest du sie; dürftest du sie sterben sehen, so würdest du sie beneiden. Vielleicht gibst du diese Herzensgüter ihnen zu, hältst aber ihren Kopf für leer, oder für angefüllt mit Aberglauben. Sprich doch mit ihnen über ihren Glauben, du wirst bald erfahren, wie sie sich in ihre Bibel so fest hineinlebten und liebten, und ihre Grunde lehren sich so treu von Kindheit an einprägten, dass sie in dem Verständnis der Schrift viel seltener irren, als die vornehmen Weisen der Schule. Sie sind wenigstens keines Raubes an der Wahrheit schuldig. An ihnen kannst du das Bruderleben der Jüngerschaft Christi wieder sehen, sie sind wieder eine Familie, wo sich die Kinder in dem Vater lieben. Soll die evangelische Kirche ihres Namens würdig werden, so muss wieder Leben in alle ihre Glieder strömen. Der kirchliche Gottesdienst muss die Gesamtheit, wie verschieden ihre Teile an Wert, Gaben und Bildung sein mögen, vereint halten, muss ihr die Gründe des Glaubens und Lebens im Herrn bauen und die Gerichte aufrichten. Den ausführlichen Einbau kann sie nur bewerkstelligen, wenn sie die Bibel Jedem aufschließt durch deren Erklärung. Hierzu reicht der häusliche Gottesdienst nicht zu, denn wie viele Väter im Volke können hier als Lehrer ihrem Hause vorstehen? Auch die Bibelstunden in der Kirche sind nicht ausreichend, ihre Versammlungen sind noch zu gemischt, und ihrer Zeit wegen, die sich nicht in Nachtstunden verlegen lässt, Wenigen zugänglich. Das dritte Glied sind Privatversammlungen, wo Christen von gleicher Bildung und von gleichen Ansichten Gottes Wort treiben, und in ihren brüderlichen Vereinen das Familienleben im Bruderbunde Christi erreichen. Der Hirte der Gemeinde sei hier der freundliche Diener Aller, Er komme und berichtige, wo Manches nicht verstanden und falsch gedeutet wird. Wenn er der reichste an Liebe ist, so hat er keine Verwirrung zu besorgen, kann Misstrauen, Kränkungen und Widersprüche ertragen und dadurch überwinden. Nur in diesem Ausleben des göttlichen Wortverständnisses in Allen, in diesem göttlichen Familienleben wird die Erweckung und Verwendung der Geistesgaben in Allen möglich, und wo diese harmonisch in einer Gemeinde wirken, da überwindet sie Alles.

Auf dieses Ziel wirkte Tersteegen hin, fromme Prediger traten auf seine Seite und nahmen seinen Rat über die Verwaltung ihrer Ämter entgegen. Und die Erscheinung von Männern, wie Tersteegen, im Kreise eines mehr missdeuteten als ausgearteten Pietismus ist uns ein Beweis weiter, dass er nicht von dieser Welt ist. Tersteegen hatte nun die Laufbahn erreicht, auf die ihn Gottes Lenkung vorbereitet, und er durchlief sie bis zum Ziele zu seines Meisters Ehre. Schriftstellerische Arbeiten, öffentliche Vorträge, Beratungen bedrängter Seelen, Reisen zu religiösen Zwecken, worunter alljährliche nach Holland, füllten seine Zeit aus. Um von seinen geistigen Anstrengungen auf eine seinen Brüdern förderliche Weise hier und da zu ruhen, beschäftigte er sich mit der Bereitung einfacher Arzneimittel für die Dürftigen. Darüber schreibt er an einen Freund, der sich auf dieselbe Verrichtung legen wollte: „Wir sollen nur Alles dem Herrn tun, was wir tun, dadurch werden die geringsten Dinge groß und Kot gleichsam zu Gold gemacht. So suche auch ich in der Medizin dem dürftigen Nächsten seit manchen Jahren ein wenig zu dienen. Bleibt Ihr, das rate ich aus Erfahrung, bei der ungekünstelten Einfalt, geheime Seltsamkeiten macht Gott zu Schanden und segnet verachtete Kräuterchen. Die Medizin gibt viel Verantwortung; ich brauche nur ein paar Sorten und tue es als ein Nebenwerk.“

Sein Geist wurde von der gebrechlichen Hülle, nach den vielen sanft und freundlich getragenen Leiden einer beschwerlichen Wassersucht, gelöst am 3. April 1769, weilte also 72 Jahre auf Erden. Seine Scheideworte waren: „Du armer, unansehnlicher Lazarus! Und doch schämen sich die heiligen Engel nicht, dich auszupacken.“

Die letzten zwei Tage seines Erdenlebens waren frei von Schmerzen, ohne Todeskampf schlummerte er hinüber. Wohl mochten sich die Engel freuen!

Als in seinem Todesjahre geistliche Freunde ihn um die Abfassung seiner Lebensbeschreibung baten, um sich sein Andenken lebendiger zu erhalten, erwiderte er ihnen: „Wie so gar mager, wie so verwischt, oder wohl gar hier und da anstößig würde das herauskommen. Ich habe die Gewissheit eines vollkommenen, wahren und ewigen Lebens, welches bei und in Gott ist, glücklich erkannt. Da werdet ihr, meine Brüder, mein Leben sehen, da werdet ihr mit mir leben, und da wollen wir, Einer dem Andern, zum ewigen Lobe Gottes, einander unsere Lebensbeschreibungen erzählen. Nur jetzt noch ein wenig treu sein, dulden, warten! Bald kommt, der da kommen soll. Ja, Amen.“