Maria, Martha, Lazarus

Maria, Martha, Lazarus

Maria, Lazarus, Martha:- Glaube, Hoffnung, Liebe? Fast möchte man so deuten. Der Glaube sitzt empfangend zu Jesu Füßen: Maria; – die Hoffnung schweigt, blickt aufwärts und wird gekrönt: Lazarus; – die Liebe wirft, rührt sich und dienet: Martha. Doch was bildern wir, wo die Gedichte so mächtig redet und so reiche Gedankenschätze vor uns aufthut? – Maria, Lazarus, Martha. Kaum leben im kirchlichen Bewußtsein drei andre Persönlichkeiten der heiligen Geschichte in sicherern Gestalten und kräftigern Zügen fort, als diese.

Bethanien! Wer vernimmt dieses Namens süßen Klang, und träumt nicht von einem Himmelsvorhof im Thal des Todes? – Das aus der drei Geschwister war ein solcher. Nirgends findet sich vor dem großen Pfingsttage das neue Geistesleben in solcher Fülle, Frische und Vertiefung schon entfaltet, wie hier. Die Familie Bethaniens gewährt den herzerhebenden, verheißungsreichen Anblick eines lebensvollen Vorbildes des vollendeten Christusreichs auf Erden. Als in dem liebsten Gehege seines hoffnungsvoll erblühenden Gottesgartens pflegte der Herr nach des Tages Last und Hitze hier zu weilen. Auf seine Einkehr in Bethanien hat man das Wort des Hohenliedes deuten wollen: „Mein Freund ist hinab gegangen in seinen Garten zu den Würzbeeten, daß er sich weide und Rosen breche.“

An dem Herzen Maria’s fand der göttliche Sünderfreund für die Himmelsaussaat seines Worts ein fruchtbares und ergiebiges Ackerwerk. Ein tiefes Heilsbedürfniß führte ihm diese innige und reichbesaitete Seele zu, und ließ sie in dem Manne von Nazareth den Mittler Gottes schon erahnen, ehe dieser es selbst noch an der Zeit erachtete, als solchen sich der Welt zu offenbaren. Mit der Losung Assaphs in der Tiefe ihres Gemüths: „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde,“ klammerte sie sich bald nach der ersten Begegnung schon, eine Halt und Hülfe suchende Epheuranke, mit allen Fasern ihres innern Lebens an ihn an. Was sie mit Schmerzen gesucht, aber nirgends gefunden, fand sie in überschwänglicher Fülle bei Ihm. Vielleicht wußte sie’s eine geraume Zeit hindurch mit Namen nicht zu nennen, doch hatte sie’s. Saß sie, seinen Lebensworten lauschend, zu seinen Füßen, so fühlte sie sich am Ziele ihres innersten und heiligsten Begehrens, und schaute er sie an mit dem Auge von Erbarmung, so trank sie wie aus unsichtbaren Wunderquellen an dem Doppelbewußtsein getilgter Schuld und wiedergewonnener Gotteskindschaft eine Friedenswonne bis in’s Herz, von der sie früher kaum eine Ahnung hatte. Welch ein Festtag ging der Hütte zu Bethanien auf, so oft Er dieselbe mit seiner regnenden Einkehr wiederum beglückte. Dann däuchte der lieben Jüngerin ihr Haus ein Tempel, ihr armes Gemach ein Allerheiligstes, das die Herrlichkeit des Herrn erfüllte. Sie war nur Auge dann und Ohr für Ihn. Wie in den honigreichen Blüthenfeld die Biene, so versenkte sich ihre Seele in jeden Laut seiner Lippe. Wie der Morgenstern, des eignen Glanzes sich begebend, in dem Strahlenmeer der heraufsteigenden Sonne, so ging sie auf in der Herrlichkeit, von der Johannes zeuget: „Wir sahen sie, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“

Lukas, der Evangelist, führt und in eine solche Feierscene ein. Da begegnet uns denn die Sinnige ganz wieder an den ewigen Magnet ihres Herzens hingegeben. Lebendiges Wasser strömt von seinem Munde: sie trinkt’s mit vollen, seligen Zügen. Mit seinen Weisheitssprüchen aber trinkt sie sich sein Bild, mit seinen Trostesworten Ihn Selbst in’s Herz herein. Martha, die ältere Schwester, vielleicht verwitwet, weil Eigenthümerin des Hauses, ist mit der Bereitung des Abendbrodes für den hohen Gast beschäftigt. Auch sie ist überglücklich, unter ihrem Dache den Mann zu wissen, von dessen Ruhme damals noch Judäa voll war, und welchem die göttliche Sendung so unverkennbar in leuchtenden Zügen von der Stirn strahlte. Was indeß ihre Seele so froh bewegte, war mehr die Ehre seiner Gegenwart, als deren Heilsbedeutung. Aeußerlicher, als Maria, und zur Zeit viel weniger gründlich noch in ihres Herzens wahren Zustand und innerstes Bedürfniß eingeweiht, gelangte sie mit ihrer Ahnung über den Gottgesandten Lehrer und Propheten in Jesu kaum weit hinaus, und ihre Liebe zu ihm war bei aller ihrer Innigkeit und Wärme einstweilen mehr erst ein menschlich begeistertes Hingenommensein von dem Ideale sittlicher Schöne und Holdseligkeit, das in seiner Erscheinung ihr verkörpert entgegentrat, als jene heilige, unbedingte Hingegebenheit des in sich selbst verlorenen Kindes an Ihn, als an den einigen Retter und Seligmacher. „Jesus hatte auch Martha lieb,“ meldet ausdrücklich das Evangelium. Wie hätte er sie auch nicht lieben sollen. Mochte doch eine ungeschminktere, durchsichtigere und wohlwollendere Seele in Israel nicht gefunden werden, als sie; und Jesus, der schon in ihrer Einfalt das Gottessiegel der Erwählung ihr aufgedrückt erblickte, freute sich in der Knospe schon der Rose.

Freilich tritt an Martha bald ein Zug hervor, der, obenhin gewürdigt, an der Kindlichkeit und Lauterkeit der lieben Magd uns wieder irre machen könnte. Wie sie nämlich, emsigst mit den Zurüstungen zu dem Mahl beschäftigt, die Maria unbeweglich zu des Meisters Füßen verharren sieht, wagt sie es, diesen in seiner Rede zu der Gnadendurstigen zu unterbrechen, indem sie sich nicht ohne Empfindlichkeit das etwas unwirsche Wort an ihn erlaubt: „Herr, kümmert’s dich nicht, daß mich meine Schwester alleine dienen lässet? Sage ihr, daß sie mit mir angreife.“

Wir beklagen diese Aeußerung, die uns allerdings einem rauhen Luftzuge gleich den zarten Blüthenschmelz von ihrer Erscheinung streifen will. Hätte Martha harmlos und ohne Seitenblick in ihrer häuslichen Liebesthätigkeit sich fortbewegt, so fiele uns nicht ein, aus der letztern der rührigen Schaffnerin einen Vorwurf zu machen, oder dieselbe gar als Merkmal eines noch nicht in das rechte Verhältniß zum Herrn eingegangenen Herzens aufzufassen. Wir würden sagen: auch solche Persönlichkeiten haben ihre Stelle im Reiche Gottes, und auch in derartigen Formen bethätigt sich die unermüdliche und erfinderische Liebe zu dem Herrn. Aber daß die Schwester die Hingebung Maria’s an Jesum nicht nur nicht begreift, sondern gar darüber aus sein kann, sie aus ihrer innigen Vertiefung in die Mittlerherrlichkeit des Eingeborenen vom Vater in die eigne Zerstreutheit und Vielgeschäftigkeit um den Herrn her herüber zu ziehn, das erscheint bedenklich, und verräth nur die Oberflächlichkeit wie ihres Glaubenslebens überhaupt, so ihrer Anschauungen von Jesu Person und dem letzten Zwecke seiner Sendung insbesondere. Oder sagt ihr vielleicht ein dunkles Ahnen, daß die Schwester den hohen Gast richtiger würdige und gebührender sich zu ihm verhalte, als sie, und darum auch unverkennbar einer nicht geringen Bevorzugung seinerseits sich zu erfreuen habe? In der That hat es den Anschein, als gehe beim Blick auf die so selig an Jesum Angeschmiegte etwas wie Neid, und zugleich wie unwillkürliche Selbstanklage durch Martha’s Herz, und als verrathe sich in ihren gereizten Worten ein, wenn auch nur halbbewußter, Versuch, dem Gewissen, das sie richtet, den Stachel abzubrechen, und ihrer Eifersucht den Gegenstand zu entziehen und den Raum zu nehmen.

Dürfen wir uns Martha’s gemüthliche Stellung also deuten, und wir sind allerdings dazu berechtigt, so söhnen wir uns insofern mit dem freilich, immer unentschuldbaren Ausbruch ihrer innern Verstimmung wieder in etwas aus, als wir uns dadurch schon zu dem Schlusse berechtigt glauben, daß sie anfange sich dessen bewußt zu werden, was ihr noch mangele, und als wir daraus die Hoffnung schöpfen, es werde das bessere Gefühl, wider das sie vorläufig noch niederkämpfend angeht, schon die Oberhand in ihr gewinnen.

Martha, Martha!“ – Mit diesem Wächterrufe gebeut der Herr der ruhelos Umgetriebenen Stillestand auf ihrem Irrgang. Was einst der Hahnenschrei dem taumelnden Petrus, das soll jener Doppelruf der Martha werden. Es ist wohl nie noch auf Erden in einem Worte so viel schonende Zartheit bei so durchdringender Schärfe, so viel liebevolle Milde bei so gewaltigem Ernste offenbar geworden, wie in dem Wort der Rüge, das der Herr an Martha richtet: „Du hast viel Sorge und Mühe;“ buchstäblich: Um Vieles sorgest und beunruhigest du dich. „Eins aber ist Noth! Maria hat das gute Theil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ Unverkennbar wirft er hiermit zunächst der Martha vor, daß sie seine Einkehr in ihr Haus gar zu menschlich ansehe und behandle, da er ja nicht seiner selbst halben gekommen, und am wenigsten erschienen sein könne, sich ein Festmahl bereiten zu lassen. Doch geht der Sinn Seiner Rede sofort in’s Geistliche über, und rügt an Martha die Vielgespaltenheit und Zerstreutheit in den kleinen Sorgen und Mühen, es ihm unter ihrem Dache recht behaglich zu machen, während sie besser, in Erinnerung an sein Wort, wie er gekommen sei nicht, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene, vor allem darauf bedacht gewesen wäre, seine Gnadengegenwart für ihre unsterbliche Seele auszubeuten und ihn sammt der Fülle seines Heils lauschend und glaubend in sich aufzunehmen. Nicht ihren Dienst in Vielem verwirft der Herr als solchen. „Gerne nimmt er,“ bemerkt ein Ausleger bei dieser Stelle richtig, auch im Vielen die viele Liebe an. Manchmal ist wirklich in äußerer Geschäftigkeit für den Herrn Vieles Noth, und es fleißig zu besorgen ein Lob.“ Es tadelt der Herr nur die zerfahrene Gemüthsrichtung, die ihrem Dienen zu Grunde liegt. Eins ist Noth: daß man Seiner theilhaftig werde, und vor Allem mit ihm, dem Himmelsbrode, zum göttlichen Leben sich speisen und nähren lasse. Maria hat das gute Theil erwählt, nicht darin etwa, daß sie in müßiger Beschaulichkeit zu Jesu Füßen saß, sondern darin, daß sie durch Beschränkung aller ihrer Sorgen auf die eine, daß nur Christus Gestalt in ihr gewinne, den Weg betrat, in welchem man erst die Tüchtigkeit erlangt, dem Herrn recht zu dienen. „Maria’s Theil wird nicht von ihr genommen werden.“ Was Martha erzielt: die Süßigkeit des Bewußtseins, ihre Sache gut, und dem hohen Gaste in ihrer Hütte es recht angenehm gemacht zu haben, ist eitel, und ohne nachhaltig tröstende, geschweige heilbringende Bedeutung. Maria dagegen legt einen guten Grund auf’s Zukünftige, und eignet in der gläubigen Ergreifung Christi einen Schatz sich an, der da bleibet in das ewige Leben.

Daß Martha den Herrn in seinem zurechtweisenden Wort verstanden habe, und auch des ganzen Segens dieses Wortes theilhaftig worden sei, steht außer Frage. Das eigenthümliche Gepräge ihrer ursprünglichen Naturanlage verwischte sich freilich auch nachmals nicht, sondern heiligte und verklärte sich nur. Sie blieb bei allem Zuwachs an Verinnerlichung die heitre, rührige, vorzugsweise zu Geschäftigkeit und Dienst der Liebe aufgelegte Martha. Wie Petrus zu Johannes, so verhielt sie sich zur Schwester Maria. Wie verschieden jedoch die Gefäße, der verborgene Schatz in ihrem Innern war derselbe. Gelegenheit, uns hievon zu überzeugen, geben und die Tage der Heimsuchung, die bald über die Hütte zu Bethanien hereinbrachen.

Lazarus, der geliebte Bruder, erkrankte schwer, und zum nicht geringen Kummer der Schwestern weilte der Meister zu der Zeit fern in der Wüste am Jordan. daß Er der Bekümmerten erster Gedanke war, ist begreiflich. Sobald die Krankheit einen bedenklichern Charakter annahm, sandten sie Botschaft an Ihn ab, beschränkten sich aber darauf Ihm, dessen Herz sie kannten, in zartester und sinnigster Weise nur sagen zu lassen: „Herr, siehe, den Du lieb hast, der liegt krank.“ Sie trauten’s ihm zu, daß er auf diese Kunde unverzüglich nach Bethanien eilen werde; aber – ihre Hoffnung täuschte sie. Der Bote kam ohne Ihn zurück; doch überbrachte er den Sorgenvollen von dem Herrn die herzerleichternde Antwort: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde.“ Was Wunder, daß sie diesem Räthselworte die Deutung gaben, der Bruder werde nicht sterben, sondern zum Preise Gottes wiederum genesen. Wie groß war darum ihre Bestürzung, als statt dessen die Krankheit von einem Augenblick zum andern sich steigerte, ja endlich das für unmöglich eintrat, und das theure Bruderhaupt im Tod erblaßte. Ach, sie vernahmen nicht das verheißungsreiche Wort, mit welchem der Meister die Nachricht von der Lazarus Verscheiden entgegen nahm. „Lazarus, unser Freund,“ sprach er, „schläft; aber ich gebe hin, daß ich ihn auferwecke;“ und als die Seinen die bildliche Rede nicht faßten, und erwiderten: „Herr, schläft er, so wird’s ja besser mit ihm,“ da fügte er, eigentlicher redend, hinzu: „Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, daß ich nicht dagewesen bin, auf daß ihr glaubet; aber lasset uns zu ihm ziehn!“ Doch, deß vernahmen die Schwestern nichts, und schwer dürfte zu sagen sein, was sie am tiefsten daniederbeugte: ob die Trauer um den unersetzlichen Verlust, den sie erlitten, oder ob der Schmerz über die bittre, die Herrlichkeit des Herrn ihnen verdunkelnde, Täuschung, welche sie erfuhren.

Vier Tage schon ruhete Lazarus in seiner Gruft, als den Thränenreichen zu Bethanien die Kunde kam, der Meister sei im Anzug. Sofort flog Martha, ganz ihrem Charakter entsprechend, auf, dem Heißersehnten entgegen zu eilen. Dem Herzensbedürfnisse der ganz vom Gram überwältigten Maria entsprach es mehr, daheim zu bleiben, und fern vom Gewühl der Straße, den Nahenden in ihrer häuslichen Stille zu empfangen. „Herr,“ so lautete Martha’s Bewillkommensgruß, als sie mit Jesu zusammentraf, „wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“ Wie wahr fühlte und redete Martha hier! Es hätte sich nicht geziemt, daß in der Gegenwart Dessen, der das Leben selber ist, Jemand eine Beute des Todes geworden wäre. „Ich weiß aber auch,“ fuhr Martha fort, „daß, was Du bittest von Gott, wird Dir Gott geben.“ Als einen Vertrauten und Liebling des himmlischen Vaters, wie kein zweiter es sei, hatte sie Jesum erkannt; darüber hinaus aber ging – vielleicht ihre Ahnung wohl, – aber noch nicht ihr Glaube. Nichtsdestoweniger erscheint uns Martha gegen früher schon wesentlich am inwendigen Menschen gefördert. Der Herr sucht sie nun stufenweise zu höheren Anschauungen von seiner Person und Würde emporzuheben. Zuerst besiegelt er die Zuversicht, die sie zu ihm geäußert, mit der bestimmten Eröffnung: „Dein Bruder wird auferstehn.“ Da aber Martha den eigentlichen Kern dieser Rede verkennt, und dieselbe zu der für den Augenblick ihre tief gebeugte Seele wenig zufriedenstellenden Versicherung verallgemeinern und abschwächen will, daß Lazarus einmal in weit entlegener Zukunft, nämlich am jüngsten Tage erstehen werde, da entkleidet der Herr seine Majestät der letzten Hüllen, indem er das große Zeugniß von sich ablegt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“ – Das schlägt durch. Martha’s Seele liegt anbetend vor dem Herrn am Staube und als Echo seines Zeugnisses dringt aus ihrem Innern volltönig das Bekenntniß hervor: „Ja, Herr, ich glaube daß Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist.“

Auf den Flügeln erwartungsvoller Freude eilt sie nach Bethanien zurück, und, damit ein unnöthiger Volkszusammenlauf verhütet werde, flüstert sie leise ihrer eben von einem Schwarme beileidsbezeugender Nachbarn und Anverwandten umgebenen Schwester Maria zu: „Der Meister ist da und rufet dir.“ Diese Eröffnung reicht hin, auch Mariens Füße zu beflügeln. Vor dem Herrn angelangt sinkt sie schluchzend zu seinen Füßen nieder, und spricht, klarer nur des Grundes ihrer Aeußerung sich bewußt, wie Martha: „Herr, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ – „Als nun Jesus sie weinen sah,“ meldet die Geschichte, „und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst,“ d. h. da gab er sich ganz der tiefen, heiligen Entrüstung hin, die ihn erfaßte, der Entrüstung des Heiligen in Israel, des Herrn vom Himmel wider die Sünde, diese furchtbare Mutter all des namenlosen Elends und Gräuels auf Erden. Dann sprach er mit der erhabenen Ruhe Dessen, der sich allen Mächten des Verderbens gewachsen weiß: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ „Herr, komm und siehe!“ lautete die Antwort.“ „Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt!“ Andre sprachen Andres. Nachdem er aber an das Grab herangetreten, gebot er: „Hebet den Stein ab!“ – Doch nun sollte noch einmal seiner Herrlichkeit gegenüber die ganze Armseligkeit des kleingläubigen, im Schein befangenen, dem Thatenkreise Gottes entfremdeten und entwöhnten und mit seinen Anschauungen lediglich innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen festgebannten Menschenherzens zu Tage treten. „Herr, er riechet schon,“ bemerkte Martha, denn er hat schon vier Tage gelegen.“ Auf diese klägliche und kleingeistige Neuerung erfolgte aber zunächst, die Glaubensschwache aus ihren armen, dunkeln Erdenträumen vollends aufzurütteln, das Wort der Majestät: „Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, solltest du die Herrlichkeit Gottes sehn?“ – Dann wurde der Stein abgehoben, und was sich nun begab, und wie die Versichrung des Herrn: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde,“ jetzt Ja und Amen wurde, weiß Jeder. Jenes glorreiche, mit unvergänglichem Glanze die Welt durchleuchtende Wunder der Auferweckung trat jetzt ein, an welches zur Rechten und zur Linken so große Entscheidungen sich knüpften: Entscheidungen zu dämonischer Verderbensreife, aber auch zu göttlicher Glaubensvollendung. Unstreitig fiel auch Martha’s vollständigere Erleuchtung und Wiedergeburt mit jener unvergleichlichen Selbstverherrlichung des Meisters in einen Moment zusammen. Viele erstanden geistlicher Weise mit Lazarus von den Todten; was aber die Schwestern feierten und erlebten, glich eher einer Himmelfahrt, als einer Auferstehung.

Noch einmal führt die heilige Geschichte das liebe Geschwisterkleeblatt, und namentlich die Maria uns vor, und diese in einer Handlung, welche in ihr verborgenstes Innere uns fast noch tiefere Blicke thun läßt, als alle früheren Scenen. Der Herr, auf seinem letzten Gange nach Jerusalem begriffen, weilt, sechs Tage vor Ostern, wieder in Bethanien, wo die dortigen Jünger und Freunde, und zwar diesmal im Hause des durch ihn geheilten Simons, „des Aussätzigen,“ ihm ein Fest- und Ehrenmahl bereitet haben. Martha erscheint auch in dem befreundeten Hause wieder als die dienende, aber in gar anderm Sinn und Geiste jetzt, wie weiland. Lazarus, den vom Tode auferweckten, dürfen wir uns beim Mahle vielleicht zur Rechten, Simon, den Hauswirth, zur Linken des Meisters denken, so daß Dieser inmitten zweier lebendiger Siegeszeichen erscheint. Maria hängt mit stiller Seligkeit an ihres Freundes Blick und Munde. Ehe man sich’s aber versteht, erhebt sie sich von ihrem Sitze, und nachdem sie leise und unvermerkt dem Manne, der ihre ganze Seele ausfüllt, sich genähert, nimmt sie das Köstlichste, was sie besitzt: ein Salbenfläschlein mit edler unverfälschter Narde, zerbricht es über des Meisters Haupt, und salbet ihm nicht dieses nur, sondern überreichlich, in Demuth niedersinkend, auch die Füße, die sie dann mit ihrem aufgelösten Haare wieder trocknet. Diese Handlung, symbolisch durch und durch, deutet jedem sinnigen Gemüthe schon sich selbst. Wer verkennt darin einen Art rückhaltloser Herzensübergabe an den Herrn, und athmet nicht mit dem süßen Duft der ausgeschütteten Narde, der das ganze Haus erfüllt, zugleich den noch viel köstlichern Wohlgeruch der unbegrenzten Verehrung, feurigen Dankbarkeit und zärtlichen Liebe, wovon Mariens Herz hier überwallt. Mit ihrer Narde gießt sie hier huldigend und opfernd ihre ganze tief bewegte Seele zu Jesu Füßen aus. Unverkennbar aber geht durch ihre freudige Feierstimmung zugleich ein Hauch verborgener Wehmuth. Ein leises Ahnen sagt ihr, daß sie den Meister so in der Gegenwärtigkeit seiner leiblichen Erscheinung nicht lange mehr besitzen werde. Sie weiß ihn auf dem Wege nach Jerusalem, und es bangt ihr vor den Dingen, die dort seiner harren dürften. Doch auch das ist ihr bewußt, daß auch zu diesem verhängnißvollen Gange nur die Liebe ihm räth, die rettende Sünderliebe, und dieser Gedanke steigert die Inbrunst ihrer Gegenliebe vollends zu lodernder Opferflamme.

Ungern leihen wir unser Ohr dem schreienden Mißklang, der, und noch dazu von einer Seite her, von wannen man ihn nicht hätte erwarten sollen, die liebliche Harmonie der sinnigen That Mariens für einen Augenblick stören und unterbrechen durfte. Judas Ischarioth, unfähig, eine That, wie jene, in ihrer Schönheit und Tiefe zu verstehn, erfrechte sich, das Wort zu nehmen, und sprach – (auf eine Untersuchung der verabscheuungswürdigen Motive seiner herzlosen Rede lassen wir uns hier nicht ein): „Was soll diese Verschwendung? Diese Salbe hätte besser mögen um dreihundert Denarien verkauft und den Armen gegeben werden!“ – So der finstre Egoist, und leider!, freilich ohne dieselbe böse Absicht, stimmten mehrere der andern Jünger, vorübergehend von Jenes Gifthauch angesteckt, in des unglückseligen Gesellen heuchlerische, schneidend kalte Worte ein. Da aber wirft sich für die Schwergekränkte, damit sie an sich selbst und ihrer That nicht etwa irre werde, der Herr in den Riß. „Was,“ beginnt er, mit ernster und zugleich wehmuthsvoller Rüge wider die unberufnen Tadler, „bekümmert ihr dies Weib. Lasset sie mit Frieden, sie hat ein gutes Werk an mir gethan. Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“ – Dann, hindeutend auf den tiefern Sinn der That Maria’s, und nicht ohne leise prophetische Anspielung auf seine eigne Auferstehung, fügt er hinzu: „daß sie diese Salbe auf meinen Leib gegossen hat, damit ist sie zuvor gekommen, mich zum Grabe zu bestatten;“ und schließt dann seine Rede mit der Versichrung: „Wahrlich, ich sage euch, wo dieses Evangelium geprediget wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtniß, was sie gethan hat.“

So lepte der Herr seiner innigen, demüthigen Jüngerin selbst ein Denkmal, das, „dauernder, als Erz,“ bis heute steht, und ewig nicht verwittern wird, noch kann. Wo hinfort sein Evangelium ertönt, da wird auch deß gedacht, was Maria im Drange heiligsten Gefühles einst dem Herrn that, und an ihrem Bilde erneut sich immer wieder das Bewußtsein, daß es für jeden vor allem Andern Eine gelte: die unbedingte Hingabe des ganzen Herzens an Jesum, den Herrn der Herrlichkeit, und daß, was die reine Liebe thut, sie, die das Vorrecht hat, die Formen ihrer Bethätigung sich unbeschränkt zu wählen und zu fordern, daß man nur nach ihrem eigenen Gesetz sie richte, unnachahmlich sei und unantastbar, über jede Bekrittlung erhaben, und in Gottes Augen köstlich, wie nichts Anderes.

F. W. Krummacher in Berlin.

6. Agnes.

Die heilige Agnes, durch ihren Namen schon als die „unbefleckte“ und „jungfräuliche“ gepriesen, prangt unter den Blumen des Märtyrergartens Gottes als die weiße Lilie, und gewährt durch den grellen Gegensatz ihrer zarten Jugend und des blutigen Looses, das ihr, der dreizehnjährigen schon, während der Diocletianischen Verfolgung beschieden war, vor Andern einen eben so erhebenden als rührenden Anblick. Römerin von Geburt, einem edeln Geschlecht entsprossen, hatte sie aus den Verkündigungen der verachteten Nazarener nicht so bald den Herrn Jesum, und in Ihm den Sohn des lebendigen Gottes und einigen Heiland der Welt erkannt, als sie auch mit jener ungetheilten, feurigen Liebe sich Ihm hingab, die nichts mehr weiß noch wissen mag, als Ihn, und alle Herzen Ihm glaubt erobern zu müssen. Wirklich gelang es ihr, ihrer Gespielinnen und Gefreundeten Viele mit dem Odem ihrer heiligen Begeisterung erwärmend anzuhauchen und Christo zuzuführen. Was Wunder, daß darob des Satans Neid entbrannte? – Schien doch durch die Zartheit des Gefäßes, welches das Himmelslicht umschloß, dem letztern ein nur um so siegreicherer und ungehemmterer Durchbruch in die Nacht des Heidenthums ermöglicht. Wie fein jedoch der Arge seine Netze spinnen und wie scharf er seine Pfeile schleifen mochte, der Takt der Unschuld erweist sich im immer feiner, und undurchdringlich ist der Schild des Glaubens.

Es währte nicht lange, als auch Agnes die Wahrheit des apostolischen Wortes erfuhr, daß “ Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen.“ – Der Vorgesetzte der Stadt, Symphronius nennt ihn die Ueberlieferung, dem der stille aber mächtige Einfluß der jungen Bekennerin mehr und mehr ernste Besorgnisse für die Religion des Staates einzuflößen begann, stellte ihr endlich, nachdem alle Ueberredungskünste an der Klarheit ihres Geistes, wie an der Festigkeit ihres Glauben gescheitert waren, unter feierlicher Geltendmachung seiner ganzen Amtsgewalt die Wahl, entweder durch ein den Göttern, und, falls sie es vorziehe, immerhin nur der jungfräulichen Minerva, dargebrachtes Opfer dem Christenthum förmlich zu entsagen, oder sich auf das Loos einer öffentlichen Preisgebung gefaßt zu halten.

Mit dem Gleichmuth einer Seele, die in den Händen Dessen sich geborgen weiß, der den Seinen verheißen hat, daß er sie behüten wolle „wie einen Augapfel im Auge,“ entgegnete Agnes: „Kenntest du den Herrn, dem ich diene, du muthetest Solches mir nicht zu. Ich verkünde dir, daß mein Herr weder bis zum Rückfall zu deinen Götzen mich verlassen, noch zugeben wird, daß man meines Kranzes mich beraube!“ –

„So weihe ich dich denn der öffentlichen Entehrung,“ herrschte der Präfekt, und ertheilte Befehl, daß man die Störrige an der Ecke einer volkreichen Straße ausstelle. Also geschah’s. – Da stand sie denn wie ein stilles Opferlamm, aber getrost in Gott. Und siehe, die Menge wogte still und ehrfurchtsvoll wie an einer Heiligen an ihr vorüber, und Niemand fühlte sich auch nur versucht, einen verletzenden Blick ihr zuzuwerfen. Zuletzt erfrechte sich ein loser Bube, mit frevelm Ansinnen der Jungfräulichen sich zu nähern; aber nicht allein wich er vor dem Glanze der Unschuld, der wie ein himmlisches Lichtgewand die Holdselige umfloß, beschämt und verwirrt zurück, sondern wurde auch in demselben Augenblicke wie von einem ungesehenen Blitz getroffen, und stürzte geblendet und halbentseelt zu Boden. Die Ueberlieferung meldet, daß er in Folge der Fürbitte der Agnes Leben und Augenlicht wieder erhalten habe.

Diese Thatsachen indeß vermochten die Erbitterung der Feinde so wenig zu beschwichtigen, daß sie vielmehr nur neues Oel in dies selbe gossen. „Hinweg mit der Zauberin! “ schrie die tobende Rotte um so ergrimmter, je mächtiger sich das Gefühl, besiegt zu sein, in ihnen geltend machte, und der Präfekt verurtheilte die Schuldlose als eine „Verächterin der Götter“ und „Verführerin des Volks“ zum Tode durch das Schwert. –

Der Henker naht. Freudig, als ging’s zu einem Ehrenthrone, wandelt sie zum Blutgerüste. – Der Dichter Prudentius, den wir aus seinem Lobgesange auf den heiligen Laurentius schon kennen, besang in seinem Buche „von den Siegeskränzen“ auch das Märtyrerthum der heiligen Agnes, und legt dieser in dem Momente, da der Mordstahl sich wider sie entblößte, folgende Werte in den Mund:

„Vor einem Werber, rauher Mann, wie Du,
Der mit dem Schwerte schreitet auf mich zu,
Der statt mit Salbenduft und Schmeichelwort
Mit finstrer Drohung mir sich naht zum Mord, –
Vor einem Solchen kommt kein Graun mich an,
Ja freudig will ich selber ihm mich nah’n.“.
Der Dichter fährt dann fort:

„Sie spricht’s, und während drauf zum Herrn sie fleht
In stillem, heißem, innigem Gebet,
Hält sie das Haupt gesenkt, damit es gleich
Empfange den ersehnten Todesstreich.“

Der schauerliche Streich erfolgte, und „Christus,“ – so sagt der heilige Ambrosius in seiner der Verherrlichung der heiligen Agnes gewidmeten Gedächtnißrede, – „Weihete sich die Jungfrau, schön geschmückt mit dem Rosenrothe ihres eigenen Blutes, in der zweenfachen Würde einer Bekennerin und einer geistlichen Braut.“ Prudentius singt von ihrem Tode also:

„Was sie gewünscht, erfüllt des Schergen Hand:
Es fällt der Streich, – Heil ihr! – sie überwand.
Schnell kam der Tod dem Todesschmerz zuvor.
Es ringt der Geist sich los und schwebt empor.
Sie sieht, wie Gottes Engel ihr sich nah’n
Und sie geleiten hoch auf lichter Bahn.
Sie schaut erstaunt den Erdkreis unter sich
Von Dunkel eingehüllt, – sein Glanz erblich!
Sie lächelt über allen Tand der Welt,
Und Alles, was der Sonne Strahl erhellt;
Was in der Dinge dunkelm Lauf entsteht,
Und in der Zeiten raschem Flug vergebt:
Tyrannen, Königreiche, Glanz und Pracht,
und Ehre, die den Thoren eitel macht;
Gold, Silber, was der Menge Gier erweckt,
Und oft das Herz mit Sünd‘ und Schuld befleckt;
Der Prachtgebäude stolze Herrlichkeit,
Der Prunkgewänder eitle Nichtigkeit;
Gefahren, Sorgen, Wünsche, Haß und Zorn,
Der Freude Rose mit des Schmerzes Dorn,
Des blassen Neides Fackel, deren Rauch
Die Hoffnung trübt, den Ruhm der Menschen auch;
Und, was der Uebel schrecklichstes: die Nacht
Des Heidenthums und seine finstre Macht.
Dies Alles sieht sie tief im Nebelmeer
Vergeh’n, und siegreich schreitet sie einher.
Ihr Fuß tritt auf des alten Drachen Haupt,
Der Alles, was der Erde Tand bestaubt,
Vergiftet und zuletzt mit jähem Riß;
Hinabstürzt in das Reich der Finsterniß.
Er liegt gebändigt vor ihr wie ein Lamm,
Und senkt des feuerspei’nden Hauptes Kamm,
Und hebt, besiegt, den Nacken nicht mehr auf.
Indessen schwebt sie höher noch hinauf:
Da schmückt der Herr mit einem Doppelkranz
Der jungfräulichen Martyrstirne Glanz:
Der eine beut ihr sechzigfachen Lohn
Für all das Leid, dem sie nunmehr entfloh’n,-
Und hundertfachen beut der andre dar
Im Reich des Lichts, in der Gerechten Schaar!“

Die Eltern der Agnes, durch sie dem Herrn zugeführt, wachten nachmals öfter ganze Nächte durch in wehmüthiger Erinnerungsfeier bei dem Hügel der Verklärten, und wurden daselbst einst, — so berichtet die kirchliche Sage, – eines lieblichen Gesichts gewürdigt. Eine Jungfrauenschaar in golddurchwirkten Lichtgewändern schwebte vor ihnen nieder, und unter den leuchtenden Gestalten erschien auch Agnes, ein weißes Lamm zu ihrer Seite. Als die überraschten Eltern zurückbeben wollten, redete Agnes mit holdem Ton sie also an: „Betrauert mich nicht länger als eine Todte; ihr seht ja, daß ich lebe. Freuet euch mit mir, und wünschet mir Glück, daß ich mit diesen Allen die Wohnungen des Lichts ererbte, und nun ewig Dem im Himmel vereinigt bin, den ich auf Erden von ganzem Herzen liebte.“ Sie sprach’s, und verschwand. Von da an ward es kirchlicher Brauch, die h. Agnes mit einem Lamm zur Seite abzubilden.

In der Mitte des vierten Jahrhunderts schmückte ein römischer Bischof das Grab der h. Agnes auf dem nach ihr genannten Gottesacker mit einer Marmorplatte. In der Nähe des Letztern wurde nicht lange nachher die Kirche St. Agnese erbaut, welche im Jahre 626 von Grund auf erneuert wurde, in dieser zweiten Gestalt aber bis heute erhalten blieb. Es werden in ihr am Feste der 5. Agnes, den 21. Januar, die Lämmer geweiht, die den Nonnen irgend eines Klosters zur Auferziehung übergeben, und aus deren Wolle dann die Pallien oder Amtsgewänder gewoben werden, welche die römisch-katholischen Patriarchen und Erzbischöfe von dem Papste erhalten.

Der der Agnes geweihten Kirchen und Klöster ist eine große Zahl. Unter den letzteren erwähnen wir nur dasjenige des Agnesberges bei Zwolle, dessen Geschichte Thomas von Kempen mit um so größerer Liebe beschrieben hat, mit je höherer Begeisterung er selbst die jungfräuliche Patronin vor vielen andern Heiligen verehrte und feierte.

Die H. Agnes veranschaulicht und besiegelt mit ihrem Vorbilde die Wahrheit des Herrnwortes. an den Apostel: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig;“ und steht im Heiligen-Chore der Kirche als Zeugin da für die Alles überwindende Macht des Glaubens auch im schwächsten Gefäße. Aus diesem Gesichtspunkt hat die Kirche von Alters her sie angeschaut und den Erlösten zum Trost- und Musterbilde aufgestellt. „Ihr Männer,“ ruft der ehrwürdige Altvater Ambrosius aus, „bewundert die Agnes; ihr Kinder verzagt nicht mehr, nachdem ihr sie gesehen; staunet sie an, ihr Vermählten; ihr Unvermählten eifert ihrem Vorbilde nach.“ – „Sehet einen Glauben hier,“ fährt er fort, „über die Jahre, eine Tugend über die Natur hinaus. Sie, die noch nicht weiß, was Sterben sei, ist schon bereit zum Sterben. Sie, die das Leben kaum gekostet, gibt es dahin, als hätte sie es schon erschöpft.“ – In einem Opfer habt ihr hier ein zweenfaches Märtyrerthum: das der Jungfräulichkeit und das des Glaubens. Wer ist des Lobes werther, als wer von allen gelobt werden kann und muß?“ So der heilige Ambrosius. Wir stimmen in seine Worte ein. Die heilige Agnes prangt als ein Stern lieblichsten Glanzes am Himmel nicht blos der römischen, sondern der allgemeinen christlichen Kirche.

F. W. Krummacher in Berlin.

7. Christiana.

Das Land Iberien liegt wohlgeborgen zwischen zwei großen Meeren und zwei großen Gebirgsketten: in der Richtung von Osten nach Westen zwischen dem kaspischen und schwarzen Meere, nach beiden Seiten von Bergen gedeckt: in der Richtung von Norden nach Süden zwischen den kaukasischen und armenischen Bergen. Die Nachbarschaft könnte an die heidnischen Sagen erinnern, welche schon die Knaben in der Schule zu lernen anfangen, ohne in den tieferen Sinn einzubringen, an die Sage vom Prometheus und seiner Strafe im Kaukasus, an die Fabeln von Kolchis und Phasis, von dem goldnen Vließe und der Argo, von Jason und Medea. Iberien ist später unter dem Namen Georgien bekannter geworden: und jetzt bildet es die russische Provinz Grusien. Der Landstrich ist von der Natur reichlich ausgestattet. Getreide, Wein und Oel gedeihen in Fülle und in vorzüglicher Güte. Und wer hätte nicht von der Schönheit der Menschen in Georgien am Kaukasus, den südlichen Nachbarn der Tscherkessen, etwas gehört? Der Hauptstrom hieß sonst Cyrus, jetzt Aur. Die Hauptstadt ist jetzt Tiflis: in den ältesten Zeiten war die Hauptstadt Mtskhetha (Mezchita) genannt, in uralter Zeit von Mitsthethos erbaut. Aber welche Veränderungen sind seit zwei Jahrtausenden über das Land ergangen! und wie ist es jetzt beschaffen? Seit 1807 befinden sich die sämmtlichen Archive des Landes mit allen historischen und wissenschaftlichen Schätzen in Petersburg. Damit scheint die Geschichte des alten Landes Iberien für jetzt abgeschlossen zu sein.

In eben diesem Lande Iberien finden wir am Anfange des vierten christlichen Jahrhunderts mitten unter dem heidnischen Volke eine christliche Magd, von welcher uns noch aus demselben Jahrhundert durch einen Fürsten dieses Landes, Namens Bacurius, wohlverbürgte Kunde zugekommen ist, aber nicht ihr Name: darum heißt sie Christiane d. h. Christin. Sie war entweder durch Kriegsgefangenschaft in die Iberische Sklaverei gerathen, oder durch ein anderes widriges Ereigniß zur Flucht gezwungen und auf dieser der Dienstbarkeit in der Fremde verfallen. Ohne Zweifel stammte sie aus dem benachbarten Lande Armenien, in welches schon seit dem zweiten Jahrhunderte die Botschaft von Christo wenigstens einigen Eingang gefunden und endlich auch den König des Landes gewonnen hatte. Aber in Iberien war es noch finstre Nacht, als die Jungfrau daselbst ankam, wie ein Licht an einem dunkeln Ort. Zunächst war es der schlichte Wandel im einfältigen Glauben, mit welchem sie zeugte, treu, nüchtern, züchtig, wie sie war: sie fastete, sie betete, sie blieb oft in der Stille, entfernt von dem Treiben der Menschen: das mußte befremden, der Abstand gegen das heidnische Leben trat auch ohne Wort hervor. Man fragte bald: woher kommt das? Ihre Antwort war: Nicht aus mir selber! Und nun zeugte sie auch durch das Wort von Christo, dem wahrhaftigen Gotte, wie einst Petrus. (Matth. 16,16.) Die Heiden verwunderten sich, denn es war ihnen ein Neues: aber das war auch alles, weiter reichte der erste Eindruck nicht. Später geschah es, so berichtet die Sage, daß ein todtkrankes Kind nach der Sitte des Volkes von der Mutter überall herumgetragen wurde, ob etwa Jemand ein Heilmittel gegen die Krankheit hätte. Die Mutter geht von Haus zu Haus; aber all ihre Mühe war vergeblich gewesen. In der Angst und Sorge geht sie nun auch zu der christlichen Magd. Diese nimmt das Kind und setzt es auf ihre Decke und betet darüber zum Herrn. Da wird das Kind gesund unter Anrufung des Namens Jesu Christi. So gibt sie es der Mutter zurück.

Das Gerücht von dieser Heilung geht von Mund zu Mund: es gelangt bald auch zu den Ohren der Königin, welche an schwerer und schmerzlicher Krankheit hart darnieder lag. Die Königin schickt nach der Jungfrau, aber diese scheut sich, nach dem Schlosse zu kommen: es dünkt ihr zu anmaaßlich und vermessen, und für das weibliche Geschlecht insbesondere nicht schicklich; sie war sich auch wirklich keiner eigenen Wunderkraft bewußt und wollte nicht damit sich selbst groß machen. Da läßt sich die kranke Königin in die Hütte der Magd tragen; und hier geschieht der hohen Patientin auf Anrufung des Herrn Jesus, wie dem kranken Kinde geschehen war: sie geneset alsbald. Die Magd aber verkündet, daß nicht sie, sondern Gott in Christo, welcher das Gebet in Christi Namen erhöre, der Kranken Gesundheit und frisches Leben wieder geschenkt habe. So kehrt die Königin erfreut und verwundert in ihren Palast zurück, sie eilt zum Könige; sie preiset Christum als ihren Arzt und Helfer, sie bittet ihren Gemahl, zum Dienste des wahren Gottes sich zu bekennen, und das Volk dazu anzuleiten. Der König freut sich des Wunders um der Gattin willen, aber er zögert, etwas weiteres zu thun: die Königin erinnert ihr Anliegen mehr als einmal, aber der König verschiebt die Ausführung stets auf eine gelegenere Zeit.

Endlich geschieht es, daß ihn auf einer Jagd mitten am Tage urplötzlich ein dicker Nebel wie die finsterste Nacht befällt. Er wird von seinem Gefolge getrennt, er kann nicht rückwärts, nicht vorwärts. In der Angst ruft er nach seinen Göttern, aber umsonst. Die Finsterniß wird immer drückender: er weiß nicht aus, noch ein. Da erinnert er sich des Herrn, der Gebete erhören kann, er ruft zu dem Gotte der Sklavin. Er betet zu Christo: wenn er wirklich Gott sei, wie die Sklavin seiner Gattin bezeuget habe, so möge er ihn aus dieser Finsterniß befreien; er gelobt zugleich auf ein solches Zeichen seinen unsichtbaren Erretter schuldigermaaßen anzubeten. Da wird plötzlich aus der Nacht wieder lichtheller Tag, wie vorher aus hellem Tage plötzlich Nacht geworden war.

Der gerettete König eilt jetzt zu seiner Gattin zurück, um nun sein Gelübde und ihre Bitte zugleich zu erfüllen. Die Magd wird herbeigerufen: sie erzählt alles, was sie weiß, von der Offenbarung Gottes in Christo, sie erzählt, wie sie festiglich glaubt, von dem Heiland der Welt, in dem allein Heil ist. Sie gibt auch Unterricht, so gut sie kann, über christlichen Gottesdienst und christliche Gebetesweise.

Von der Botschaft ergriffen, predigen nun der König und die Königin selbst; durch ihn werden viele Männer gläubig, durch sie viele Frauen: so wird ausdrücklich berichtet.

Auf den Rath der Magd wird auch der Bau einer christlichen Kirche beschlossen; die fremde Jungfrau beschreibt die Form des Baues, so gut sie kann. Das Werk wird mit Eifer begonnen. Bald ist die Kirche vollendet und zum Gottesdienste zugerichtet.

Jetzt fehlte es nur noch an geweihten Priestern und an einem Bischofe. Auf den Rath der Jungfrau wurde deshalb eine Gesandtschaft an den Kaiser Konstantin abgeordnet. Der Kaiser gewährt die Bitte, denn er freute sich über diese Kunde viel mehr, als er sich über irgend einen Zuwachs fremder Reiche zur Römischen Weltherrschaft hätte freuen können. Ein alter armenischer Schriftsteller nennt die Jungfrau, um sie nicht ohne Namen zu lassen, Nunia; und den König nennt er Miranus. Nach ihm ist die Jungfrau eine der heiligen Frauen gewesen, deren Konvent durch ein widriges Ereigniß aufgelöset und zur Flucht genöthigt war, auf welcher Nunia nach der Hauptstadt Mezchita verschlagen ward.

Von dem weiteren Leben der merkwürdigen Jungfrau schweigen übrigens die Nachrichten gänzlich. Ihre Person tritt hinter der großen Angelegenheit, um die es sich handelt, mehr als in anderen Erzählungen gleicher Art zurück. Wie der Name, so bleibt auch das fernere Schicksal und das Ende der fremden Magd fremd und im Dunkel; es wird auch wohl dunkel bleiben, bis am Ende Alles wird offenbar werden.

Zunächst halten wir historisch daran fest, daß es eine geringe Frau war, welche zuerst für Iberien das Amt der Mission verwaltet hat. So waren es auch Frauen, welche zuerst herzutraten und gläubig wurden, erst eine Mutter mit ihrem kranken Kinde, dann die Königin des Landes selbst. Unter einer Königin, Namens Thamar, gelangte das Land auch später am Ende des zwölften Jahrhunderts zu seiner weitesten Ausdehnung vom schwarzen bis zum kaspischen Meere, und in politischer wie in kirchlicher Beziehung zu seiner höchsten Blüthe. Den Grund dazu hatte Niemand anders gelegt, als eine geringe Magd: ihrem Gedächtnisse ist im Römischen Heiligen-Kalender der 15. December gewidmet, statt ihres Namens wurde sie als die Magd oder die Christin eingezeichnet. Der 15. December gilt mithin als ihr himmlischer Geburtstag: er erinnert wie jeder Kalendertag an den Tod, der auch uns nahe bevorsteht zu einem neuen Leben. Aber er kann uns zugleich, so oft er wiederkehrt, als ein Missionsfest dienen: er mahnt namentlich an die Mission, die auch den Frauen zu ihrem Theile befohlen ist; er mahnt an die innere und äussere Mission zumal, denn Christiane war in der Lage, daß sie mit einer auch die andere übte. In der Erzählung selbst berühren sich, wie in allen historischen Anfängen, Geschichte und Sage oder schriftliche und mündliche Ueberlieferung treuherzig und einfältig mit gleicher Wahrheit. Der Inhalt der Geschichte mahnt zugleich an das wunderbare Verhältniß des Menschen zu Gott durch Christum, wie es im Gebete gegeben und durch das Wort Gottes offenbaret ist, wie es in der Gebetserhörung sich selbst offenbart. So erkennen wir auch an diesen Thatsachen, wie Gott denen, die ihn anrufen, über alles ihr Bitten und Verstehen gibt, welches geschieht, indem ihnen zu dem Erbetenen dasjenige mitgegeben wird, ohne welches das menschliche Herz bei Befriedigung aller einzelnen ausgesprochenen Wünsche dennoch im tiefsten Grunde unbefriedigt bleibt. Die um leibliche Gesundheit bitten, erhalten Heilung und Erquickung für die Bedürfnisse der Seele zur Genesung. Die in der Nacht um das helle Tageslicht bitten, empfangen zugleich einen hellen Schein in’s Herz, der in das ewige Leben reicht. Und wie das mangelhafte Gebet, so wird auch der mangelhafte Glaube mittelst des Gebetes ergänzt; denn auch die werden erhört, und mehr als erhört, die noch nicht glauben, so sie nur einfältig bitten, und den guten Willen haben zu glauben, wenn ihnen ein Zeichen wird durch Erhörung. So schlicht und einfach die Sage ist, so führt sie doch in die Tiefen des Wunders überhaupt, in welchem sich jene Welt mit dieser berührt, durch welches die niedere Welt erinnert wird an die obere und an die Wirklichkeit der obern Welt mittelst lautpredigender Zeichen. Zugleich eröffnet uns die Geschichte, wie sie uns überliefert ist, einen Einblick in die unterschiedenen Wege und Weisen, in welchen sich die Liebe Gottes zu den einzelnen Menschen herabläßt: sie lehrt uns, wie die suchende Gnade, bald aus Leicht- und Weltsinn abgewiesen, bald in gemächlicher Sicherheit überhört, endlich doch den Sieg behält, dem Ueberwundenen zum Segen. So sehen wir auch, wie Menschenwitz und Menschenkraft erst gebrochen und alle Höhen eigener Hülfe abgetragen werden müssen, ehe die Kraft Gottes in dem Schwachen mächtig werden kann.

So ist nicht minder historisch gewiß, daß mit dem Christenthum auch hier wie überall sittliche Hebung und wissenschaftliche Regsamkeit begann: es erwuchs nun auch allmählig eine nicht unergiebige Literatur, erst kirchliche, dann weltliche und poetische. Und es hat sich das Christenthum unter den Iberiern, seit jenen Anfängen in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, wenn auch unter manchen Wandelungen und Verirrungen, in orientalischer Weise erhalten bis auf diesen Tag.

C. F. Göschel in Berlin.

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