Jean Calvin

Jean Calvin

Johann Chauvin, nach Luther der Bedeutendste unter den Reformatoren, wurde 1509 zu Nuyon in der Pikardie geboren. Schon im Knabenalter war er mit einer Pfründe bedacht und sollte Theologie studiren. Allein er war kein Mensch, dessen Seelenglück in den fruchtbaren Tiefen religiöser Geheimnisse ankert und Genügen findet. Die Kraft und Lust seines Verstandes zog ihn von der Theologie ab – und zum Studium der Rechte, in welchem der berühmte Jurist Volmar sein Lehrer war. Dann ging er zu den humanistischen Studien über, und sein rastloser Geist durchdrang bald das gesammte Wissen der Alten. Nun giebt es keine bessere Schule, um zu lernen, wie man die Menschen und ihre Verhältnisse ordnet und beherrscht, als das römische Recht. Die humanistischen Studien aber erheben den Geist zu einer Höhe und Weite, dass er sich seine eigene Weltanschauung bildet. Calvin zog aus Beidem diesen Nutzen. Allein die centrale Wissenschaft, das Hauptrüstzeug jener Zeit, war die Theologie, und Calvin, der den Drang zum Wirken in’s Grosse spürte, konnte nicht anders, als zur Theologie zurückkehren. Zu gleicher Zeit aber nahm er die Grundideen der deutschen Reformation begeistert in sich auf.
Zuerst zog er in Paris wider das Pabstthum zu Felde. In der Stadt und am Hofe standen sich zwei Parteien gegenüber, König Franz I. schwankte, die katholische behielt die Oberhand und Calvin musste, obgleich die Königin Margarethe von Navarra ihn schützen wollte, flüchten. Jetzt liess er in Basel sein dogmatisches Hauptwerk – Institutio christianae -religionis – drucken, welches ihn rasch bekannt machte. Es sollte seine Apologie an Franz I. sein, welchem auch Zwingli seine Dogmatik gewidmet hatte. Nachdem Calvin Italien besucht hatte, und auch nach seiner Rückkehr in Frankreich nicht Fuss fassen konnte, lehrte er wieder in Basel, bis ihn sein Freund Farel nach Genf berief, und er auf dessen Verwendung als Religionslehrer angestellt wurde. Hier fand er freien Boden. Die Stadt hatte sich von ihrem alten Landesherrn und zugleich von der alten Religion losgerissen, und da die neuen Zustände noch nicht befestigt waren, wucherte Verwilderung der Sitten. Calvin wusste Ordnung zu schaffen. Er lehrte, während Farel predigte. Die Widersacher stoben vor ihm zurück. Denn die Fülle seines Wissens gab ihm Mittel für die Dialektik, mit deren unerbittlicher Schärfe er Alles zerschnitt, was nicht für seine Sinnesart passte. Diese Sinnesart war ein stählerner Republikanismus, der sich nur unter das Joch des Zwingli’schen Ideals der altchristlichen Gemeinde beugte. Calvins Lehre aber folgte jener harten Logik, welche bis zu dem furchtbaren Satze von der Prädestination vordrang. Mit seiner Verstandeskraft glaubte er in Gottes Geheimnisse einzudringen. Seine Moral war fromm und edel; allein so gewiss er im Mittelalter Stifter eines strengen Mönchsordens geworden wäre, so mönchisch feindselig trat er gegen Tanz, Theater, Kunstgebilde, selbst gegen die reinen Genüsse der Natur auf.

Diese strenge Kirchenzucht erweckte ihm eine Menge Feinde. Als er sich der Lausanner Synode widersetzte, welche Taufsteine und Fasten beibehalten wollte, wurde er mit Farel aus Genf vertrieben. Er ging nach Strassburg, wo sich von flüchtigen Hugenotten eine Gemeinde gebildet hatte, die ihn als Prediger annahm. Auch hier errang er ein so grosses Ansehen, dass man ihn drei Jahre später von Strassburg als Abgeordneten zum deutschen Reichstage schickte. Zur selben Zeit erhielt seine Partei in Genf wieder die Oberhand und rief ihn zurück.

Jetzt sorgte er, dass man die Reinheit seiner Lehre nicht wieder trübte. Ein Consistorium wurde errichtet von Predigern und Aeltesten, diesem wurde die Polizei über Lehre und Leben und das Schwert des Gerichtes in die Hand gegeben. Wer von anders Denkenden nicht flüchtig ging, kam in den Kerker oder aufs Blutgerüst. Der Spanier Serveta war in seinen Forschungen zu pantheistischen Ideen gekommen, die er gern verkündete: als er durch Genf reisete, klagte ihn Galvin an, dass er die Dreieinigkeit leugne, liess ihn verhaften und auf den Scheiterhaufen bringen.

So dauerte Calvin’s Herrschaft in Genf bis zu seinem Tode 1564 länger als zwanzig Jahre. Er entfaltete eine unglaubliche Thätigkeit. Er predigte und lehrte, führte einen Briefwechsel über ganz Europa, schrieb seinen Catechisme de l’eglise de Geneve, der in alle Sprachen übersetzt wurde, seine vier Bände Commentaires sur la concordance ou l’harmonie des Evangelistes und andere Schriften. Kein anderer Theolog konnte sich mit ihm an Scharfsinn und Gewandtheit. messen. Seine Rede war so hinreissend, wie sein Stil edel und würdig. Genf, wo er mit Beza und Viret wirkte, wurde nun die Hochschule der Reformirten: die Prediger, welche hier an Calvin’s Lehranstalt sich bildeten, waren in allen Ländern von ihren Glaubensgenossen gesucht. Freilich bewirkten sie und ihr Meister auch, dass die Kluft zwischen Lutherischen und Reformirten fortan unausfüllbar wurde.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863
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