Clemens von Rom

Clemens von Rom

Die Vorsehung hat auf verschiedene Weise für das Gedächtniß der Heiligen und der Männer und Frauen gesorgt, die sich um die Kirche Christi (nach menschlicher Weise zu reden) verdient gemacht haben. Während sie uns von den Einen die äußere    Lebensgeschichte, die Geschichte ihrer Thaten und Leiden aufbewahrt hat, hat sie uns von Andren blos ihre schriftlichen Werke erhalten und sie auf die Nachwelt kommen lassen. Dies Letztere ist der Fall mit dem Manne, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen, und der zu der Reihe der „apostolischen Väter“ oder der Männer gehört, die noch an das apostolische Zeitalter hinanreichen, und deren Schriften dem Alter nach den kanonischen Schriften des N. T. am nächsten stehen. Wir wissen nur wenig über sein äußeres Leben; aber in seinen Schriften, oder vielmehr in der einen, mit Sicherheit ihm zugeschriebenen Schrift, haben wir ein Zeugniß seiner christlichen Denkweise, das so gut eine That genannt werden darf, als irgend eine andere Glaubens- und Liebesthat zum Besten der Kirche.

Clemens von Rom (Clemens Romanus), den man zum Unterschiede von einem andern, um ein volles Jahrhundert spätern Clemens, dem von Alexandrien (Clemens Alexandrinus), immer mit diesem bestimmten Beisatze anführt, ist nach dem Dafürhalten Vieler derselbe Clemens, den Paulus, Phil. 4,3., seinen Mitarbeiter nennt, dessen Name mit dem der übrigen Mitarbeiter „eingeschrieben sei im Buche des Lebens.“ Ein Zeugniß, das die schönsten und ausgeführtesten Biographien vieler weltberühmten Leute aufwiegt! Wir finden ihn zu Ende des ersten Jahrhunderts als Bischof zu Rom, und zwar als Nachfolger des Anakletus (Kletus), der auf Linus gefolgt war. So berichtet wenigstens der Kirchengeschichtschreiber Euseb (K. G. III, 13 u. 15.). Andere lassen ihn gleich nach Linus, noch Andere unmittelbar nach Petrus folgen. Er starb (nach dem Zeugniß desselben Geschichtschreibers III, 34.) im dritten Jahr der Regierung des Kaisers Trajan (101), nachdem er neun Jahre lang der Predigt des göttlichen Wortes und der Leitung der Kirche vorgestanden. Spätere katholische Schriftsteller haben ihn einen Märtyrer genannt. Nach der Legende soll ihn nämlich Trajan nach dem taurischen Chersones verbannt und ihn in Folge wunderbarer Ereignisse haben im Meer ertränken lassen; allein die beglaubigte Geschichte weiß davon nichts. Starb Clemens auch (wie anzunehmen ist) eines natürlichen Todes, so dürfen wir ihn dennoch den Glaubenszeugen der Kirche zuzählen, insofern seine unter mannigfachen Leiden und Drangsalen bewährte Gesinnung der eines Märtyrers würdig ist.

Diese Gesinnung tritt uns besonders aus dem Briefe entgegen, den Clemens an die Gemeinde zu Corinth richtete. Wie diese Gemeinde schon zu Paulus Zeiten durch Spaltungen zerrüttet war, so scheint diese Uneinigkeit, wenn auch unter andern und rohern Formen, aufs Neue ausgebrochen zu sein, da sie sich namentlich in Widersetzlichkeit gegen die kirchlichen Obern kund gab. Der hiervon unterrichtete Clemens ermahnt nun die Gemeinde in seinem Schreiben, das er wohl gegen Ende der Neunzigerjahre verfaßt haben muß (obwohl Andre es früher setzen, noch vor die Zerstörung Jerusalems), zur Einigkeit, zur Demuth, zum Gehorsam, zur Geduld, und hält ihnen das bevorstehende Gericht und die Hoffnung der künftigen Auferstehung vor, von der schon die Natur mit ihrem Wechsel von Tag und Nacht, von Saat und Ernte, sowie der Vogel Phönix in Arabien ein sprechendes Sinnbild sei. Ebenso benutzt er die sichtbare Schöpfung zu seinem Hauptzwecke, die störrischen Gemüther zur Ruhe zu weisen, indem er in ihr eine Stimme Gottes an den Menschen sieht, die ihn zum Gehorsam gegen die göttlichen Gesetze auffordert. Bewegt sich doch der Himmel nach diesen ewigen Gesetzen; Tag und Nacht durchwandeln die ihnen angewiesene Bahn, ohne einander zu stören. Sonne und Mond und der Sterne Chor kreisen nach des Schöpfers Geheiß in den ihnen bestimmten Schranken, ohne sie zu überschreiten. Die fruchtbare Erde bringt nach seinem Willen zu ihrer Zeit Nahrung in Fülle hervor für Menschen und Thiere und alle Geschöpfe auf ihr, ohne Weigerung und Zögerung. Die unzugänglichen Tiefen des Abgrundes werden durch dieselben Gesetze gehalten, und des Ungeheuern Meeres Schlund wird durch seine Schöpfermacht zusammengedrängt, damit er nicht die ihm gesetzten Riegel sprenge; denn also spricht der Herr: „bis hieher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen.“ Der den Menschen unüberschreitbare Ocean und die Welten, die drüber hinaus liegen, folgen denselben Anordnungen des Herrn. Frühling, Sommer, Herbst und Winter lösen einander in friedlichem Wechsel ab. Die Winde verrichten ungehindert ihren Dienst an ihrem Orte und zu ihrer Zeit. Die nie versiegenden Quellen, geschaffen zu unserm Genuß und zu unserer Gesundheit, reichen unaufhörlich ihre Brüste dar zur Erhaltung des menschlichen Lebens, und in Frieden und Eintracht verkehren die kleinsten Thiere miteinander. Das Alles hat der große Schöpfer und Herr aller Dinge geordnet, daß es bestehe in Frieden und Eintracht, zum Besten Aller, besonders aber zu unsrem Besten, die wir unsre Zuflucht nehmen zu seiner Barmherzigkeit durch unsern Herrn Jesum Christum, welchem sei Ehre und Lobpreisung von Ewigkeit zu Ewigkeit. – Wie auf die ewigen Gesetze der Schöpfung, so weist Clemens seine Leser auf die Heilige Geschichte. Er stellt ihnen das Beispiel eines Henoch, Noah, Abraham, Loth, Moses, Hiob, David und Anderer, auch das Beispiel der christlichen Märtyrer, besonders der Apostel Petrus und Paulus vor Augen. Vor Allen aber weist er sie auf Christum hin, den er ihnen als das erhabenste Beispiel der Demuth und des Gehorsams darstellt. „Sehet, ruft er aus, geliebte Männer! welch ein Beispiel uns hier gegeben ist. Wenn sich der Herr also erniedriget hat, was sollen wir thun, die wir durch ihn unter das (sanfte) Joch seiner Gnade gekommen sind.“ So ernst und nachhaltig übrigens Clemens zur christlichen Tugend ermuntert, so weit entfernt ist er von dem Wahne, als ob der Mensch durch seine eigene Gerechtigkeit das Wohlgefallen Gottes sich erwerben könne. Vielmehr spricht er es deutlich aus, daß wir, die wir durch den Willen Gottes in Christo berufen sind, nicht durch uns selbst gerechtfertigt werden, weder durch unsre Weisheit, noch durch unsern Verstand, noch durch unsre Frömmigkeit, noch durch die Werke, die wir in der Heiligkeit unsres Herzens gethan haben, sondern durch den Glauben, durch welchen der allmächtige Gott von Ewigkeit her Alle gerechtfertigt hat. Deßhalb sagt er auch: „Jesus Christus ist der Weg, auf dem wir unser Heil finden; er, der Hohepriester, der unsre Gaben darbringt, er der Fürsprecher und Beistand unsrer Schwachheit. Durch Ihn lasset uns aufschauen zu des Himmels Höhen, durch Ihn, wie durch einen Spiegel schauen Gottes unbeflecktes und erhabenes Angesicht; durch Ihn sind die Augen unsres Herzens aufgethan; durch Ihn ist unser unverständiges und verfinstertes Gemüth wieder zu seinem bewundernswürdigen Licht ersucht; durch Ihn wollte uns der Herr seine unsterbliche Erkenntniß zu schmecken geben, durch Ihn, welcher ist der Abglanz seiner Herrlichkeit.“ – Diese Stellen mögen genügen, uns eine Vorstellung von dem Geist und Inhalt des Briefes zu geben. – Es wurde derselbe in der ersten Christenheit sehr hoch gehalten und (nach der Versicherung alter und glaubwürdiger Zeugen) mit den heiligen Schriften in den christlichen Versammlungen vorgelesen. – Außer diesem (ersten) Briefe wird noch ein zweiter Brief des Clemens an die Corinther genannt, der aber nur in Gestalt eines Bruchstückes, und zwar eher einer Rede (Homilie), als eines Briefes vorhanden ist und den Manche dem Clemens absprechen.

Auch sonst sind noch Schriften unserm Clemens zugeschrieben worden, die aber durch ihre ganze, vom reinen apostolischen Christenthum abweichende Haltung, sich als das Machwerk häretischer Parteien verrathen, und die daher von allen Einsichtsvollen für untergeschoben gehalten werden. Es kann hier nicht unsre Aufgabe sein in diese pseudo-clementinischen Schriften näher einzugehen, so sehr sie für den Kirchenhistoriker eine interessante Quelle sind, aus der die Geschichte der christlichen Verirrungen, wie sie schon in den ersten Jahrhunderten, der gesunden Predigt des Evangeliums gegenüber Platz griffen, geschöpft werden muß. In einer dieser Schriften (Recognitiones) erscheint die Geschichte unseres apostolischen Vaters in Form eines Romanes, dessen Inhalt kurz folgender ist: Clemens, der Sohn eines vornehmen Römers, Faustinianus, wird nach langen und schweren Zweifelskämpfen durch die Predigt des Barnabas in Rom veranlaßt, nach Palästina zu reisen, um dort vom Apostel Petrus sich genauer im Christenthum unterrichten zu lassen, zu dem ihn schon längst eine Sehnsucht hingezogen hatte. Er findet den Apostel zu Cäsarea und empfängt von ihm den Unterricht im Christenthum, wobei aber dem Petrus Lehren in den Mund gelegt werden, die durchaus nicht mit der apostolischen Lehre übereinstimmen, sondern Wahres und Falsches, Christliches und Jüdisches, in seltsamer Mischung untereinander mengen. Von dem unverhofften Wiederzusammentreffen des Clemens mit seinem Vater und seinen verloren geglaubten Brüdern hat das Buch seinen Namen. In ähnlichem Geiste sind die sogenannten Clementinen (Homiliae) geschrieben, in denen das häretische Element noch stärker hervortritt, als in den Recognitionen. – Es gehörte das nun eben mit in den geschichtlichen Entwickelungsgang der Kirche Christi, daß auch die verfinsternde Macht des Irrthums mit dem Schein der apostolischen Autorität sich zu umgeben suchte, um desto sicherer die Herzen zu bethören. Es ist daher eine ernste Aufgabe der theologischen Wissenschaft, das Wahre vom Falschen zu scheiden, und die ehrwürdigen Gestalten des Alterthums von dem Spinngewebe zu befreien, womit sie entweder die bewußte Lüge oder eine traumreiche Einbildungskraft umsponnen hat. Dieß ist denn auch namentlich in neuerer Zeit durch die gelehrten Untersuchungen geschehen, welche über diese pseudo-clementinischen Schriften angestellt worden sind. Je mehr die Nebel des Irrthums sich zerstreuen, desto reiner wird uns der Glanz des ächten clementinischen Briefes entgegenstrahlen; ein milder Stern am Himmel der ersten Kirche, der, wenn auch überstrahlt von dem kräftigern und reinern Lichte des apostolischen Wortes, dennoch sein Licht von derselben Sonne empfängt, wie diese.

K. R. Hagenbach in Basel.

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