Johann Tauler

Johann Tauler

Johann Tauler.

Johannes Tauler, schon im 14. Jahrhundert der erleuchtete Lehrer genannt, wurde geboren zu Straßburg, im Jahre 1290, von einer rathsherrlichen Familie. Frühe dem geistlichen Stande gewidmet, trat er um 1308 in den Dominikanerorden, begab sich/ nach Paris und studirte Theologie in dem Prediger-Collegium von St. Jacob, wo kurz vorher Meister Eckart seine tiefsinnigen Speculationen vorgetragen hatte. Die in unfruchtbare Spitzfindigkeiten und Streitfragen sich verlierende Scholastik zog ihn wenig an, bei den „großen, kunstreichen Meistern von Paris“, welche wie er in einer seiner Predigten sagt, fleißig viele Bücher lesen aber wenig in dem wahren Buche des Lebens forschen, fand sein Gemüth nicht was es suchte. Geboren in einer Stadt, wo seit längern Zeiten der Mysticismus einheimisch war, neigte er sich von Jugend auf zu einer tiefern, lebendigern Theologie. Als er von Paris nach Straßburg zurückkehrte, traf er hier mehrere mystische Lehrer, die nicht ohne Einfluß auf seine Denkungsart geblieben sind; es waren dies besonders der praktische und populäre Nicolaus von Straßburg, und der einen höhern Flug nehmende Meister Eckarts der in glühender, begeisterter Sprache seine pantheistischen Ansichten in den Klöstern predigte. Zahlreiche Ursachen, die Zerrüttung des Reichs, die bürgerlichen Unruhen, besonders der Zwiespalt, der durch das von Johann XXII. gegen Ludwig den Baier und dessen Anhänger ausgesprochene Interdikt hervorgebracht war, vereinigten sich damals um die Gemüther ernster zu stimmen; in Straßburg namentlich gestalteten sich die Verhältnisse auf eine Weise, welche die Einwohner tief erschütterte. Die Geistlichkeit theilte sich, in Folge des Interdikts; der größte Theil derselben befolgte gleich anfangs die päpstlichen Verbote; nur wenige blieben dem Volke treu; zuletzt wurde in allen Kirchen der Gottesdienst eingestellt. In dieser kirchlichen Noth schlossen sich, unter Geistlichen und Layen, die ernster Gesinnten enger an einander an; sie verbanden sich um sich selber und das verlassene rathlose Volk zu erbauen, da wo die Prediger schwiegen und die Stadt-Obrigkeiten den Gottesdienst wieder herzustellen wünschten. So entstand der Verein der Gottesfreunde, zum Zwecke der Erhaltung des christlichen und kirchlichen Lebens. Aus dem verworrenen Treiben der Welt wollten sich diese Leute in sich selber zurückziehen, nach innerm Frieden strebend durch unaussprechliche Vereinigung mit Gott. Ihre Frömmigkeit, obgleich mystisch, war jedoch keine thatenlose; sie achteten das Gebot der Liebe höher als das Verbot des Papstes; sie glaubten die Bannflüche sollten das arme Volk nicht treffen im Streite der Fürsten; daher waren sie thätig überall wo der Magistrat es verlangte oder gestattete den Gottesdienst aufrecht zu erhalten. Zu diesen Gottesfreunden gehörte auch Tauler; in ihrem Sinne predigte er, beinah der einzige während des Bannes zu Straßburg zurückgebliebene Bruder, in der Landessprache, zum Troste und zur Ermuthigung des Volkes. Allgemein hörte man ihn gerne und liebte ihn; sein Ruf erscholl weit über die Stadt hinaus; bis in Italien wurde er bekannt als ein ausgezeichneter Lehrer, „durch den der Name Christi immer mehr verbreitet werde“. Er war in Verbindung mit den meisten Mystikern und Gottesfreunden seiner Zeit; in verschiedenen Klöstern der Rheingegenden, Baierns, der Schweiz, verehrte und liebte man ihn wie einen Vater; täglich wuchsen sein Einfluß und sein Ansehn; er stand mit aufmunterndem Rathe dem Priester Heinrich von Nördlingen bei, als dieser zu Basel, nach aufgehobenem Interdikt, als Prediger auftrat; er besuchte die ihm geistverwandten Predigermönche von Kölln, ja bis nach den Niederlanden, zu Ruysbroek soll er gekommen sein.

Während dieser, an Beweisen der Liebe und Achtung für Tauler so reichen Wirksamkeit, traf er mit einem Manne, einem Layen, zusammen, der einen höchst merkwürdigen Einfluß auf ihn ausübte, so daß dieß Zusammentreffen zu einem Wendepunkte in dem Leben des berühmten Lehrers wurde. Dieser Laye war Nicolaus von Basel, das geheimnißvoll und thätig wirkende Oberhaupt eines Waldensischen Vereins, dessen Mitglieder sich gleichfalls Gottesfreunde nannten, und, weit entfernt von dem Pantheismus der Brüder des freien Geistes, mit den mystischen kirchlichen Gottesfreunden in mancher Berührung gestanden zu sein scheinen. Nicolaus hatte gehört von Tauler’s tiefer Frömmigkeit und seinem unabhängigen liebevollen Wirken während des Bannes; deßhalb entschloß er sich den Prediger aufzusuchen, der eine der seinigen ähnliche Richtung befolgte, und ihn durch die geistige Macht, die der merkwürdige Mann ausgeübt zu haben scheint, ganz für seine Sache zu gewinnen. Viele Wochen lang blieb er in Straßburg, in innigem Verkehr mit Tauler, sich immer mehr vor ihm erschließend, immer ernster in ihn dringend der Welt vollends zu entsagen, und nur dem „höchsten Lehrer aller Wahrheit“, Christo anzuhängen. Der Mönch kämpfte lange, ehe er, „ein gelehrter Pfaffe“, dem ungelehrten Layen sich gänzlich überließ und sich den geistlichen Uebungen unterwarf, die dieser ihm auferlegte. Um jeden Rest von Dünkel zu unterdrücken, untersagte ihm Nicolaus das Predigen; Tauler gehorchte, lebte zwei Jahre lang einsam in seiner Zelle, den Spott seiner Klosterbrüder so wie das rücksichtslose Urtheil des Volkes „über den von Sinnen gekommenen Prediger“ mit Geduld ertragend. Endlich gestattete ihm sein geheimnißvoller Freund das Predigen wieder; doch erst nach wiederholter Demüthigung und nach seltsamen Vorfällen bei seinen ersten Vorträgen, gewann er eine feste Freudigkeit und mit ihr die alte Liebe des Volkes wieder. Zwar schon vor seiner Zusammenkunft mit dem „großen Gottesfreunde aus dem Oberland“ war er ein geistreicher, frommer Prediger gewesen; allein sicher hat dieser in Dunkel gehüllte, später in Frankreich als Ketzer verbrannte Mann, viel dazu beigetragen, ihn immer mehr auf den alleinigen Grund des evangelischen Lebens zurückzuführen und ihm immer mehr Liebe für das sonst so geringgeschätzte Lavenvolk einzuflößen. Er predigte nun wieder häufig in seiner Klosterkirche und in den stillen „Sammlungen“ oder Beguinenhäusern, deren mehrere in Straßburg bestanden. Sein Predigen war, wie ein alter Chronist berichtet, ein seltsam Ding; weder trockene, scholastische Grübelei, noch unnütze, fabelhafte Heiligengeschichten trug er vor, sondern er sprach in einfacher, herzlicher Weise, von der Nichtigkeit alles Irdischen, von der Notwendigkeit durch Entsagung und Selbstverläugnung, durch völlige Armuth des Geistes und innige Liebe sich mit Gott, dem einzig wahren Gute, zu vereinigen. Mag auch zuweilen seine Rede dunkel gewesen sein, so hat er darum doch nicht weniger segensreich gewirkt, denn was er von der Liebe zu Gott und den Menschen, von dem Heile durch Christum allein und der Nutzlosigkeit der ohne Glauben vollbrachten Werke predigte, das konnte von Jedermann’s Gemüthe aufgefaßt und ergriffen werden. Zugleich strafte er mit christlichem Ernst die Sünden seiner Zeitgenossen, der Geistlichen so wie der Laven. Es wird erzählt, die Geistlichkeit, aufgebracht über die Klagen, die er gegen sie führte, habe ihm einmal das Predigen untersagt, der Magistrat aber die Ausführung dieses Verbotes verhindert. Auf manche Geistliche dagegen übte Tauler einen bessernden Einfluß aus, so daß „viele Priester ganz fromm wurden“. „Was die Leute zu schicken hatten, das mußte er allzumal ausrichten mit seiner Weisheit, gleichviel, ob es geistliche oder weltliche Sachen waren; und was er ihnen rieth, das thaten die Leute willig und waren ihm ganz gehorsam“, sagt die Chronik. Die mystischen Gottesfreunde schlossen sich natürlich noch inniger an ihn an, wie z. B. der reiche Bürger Rulman Merswin, der nachherige Gründer des Straßburger Johanniterhauses und Verfasser des Buches von den neun Felsen; im Jahre 1347 war Tauler dessen Beichtvater. Selbst der Bischof von Straßburg „hat ihn viel und gern gehört und mit Verwunderung“. Bald darauf jedoch wurde letzterer Tauler’s Gegner. Nach dem Tode Ludwig’s V. und der Wahl Karl’s IV. verweigerte Straßburg dem Kaiser seine Anerkennung; das Interdikt blieb deßhalb in Kraft, und der Bischof, des neuen Kaisers Anhänger, trat gegen die Bürger und die Geistlichen auf, welche, wie Tauler, fortfuhren Gottesdienst zu halten. Zu den politischen und kirchlichen Zerwürfnissen gesellte sich im Jahre 1348 die durch den schwarzen Tod verbreitete Angst und Noth. Wegen des auf Straßburg noch lastenden Bannes entbehrten Kranke und Sterbende des Trostes der Kirche. Tauler aber erbarmte sich des armen Volkes; zwei edle Geistliche wirkten mit ihm, der damals zu Straßburg sich aufhaltende Generalprior der Augustiner Thomas, und der Karthäuserprior Ludolph von Sachsen, Verfasser eines im Mittelalter berühmten Lebens Jesu. Die drei christlichen Männer erließen Schreiben an den gesammten Klerus, um zu zeigen, wie lieblos es sei, „daß man das arme unwissende Volk also im Banne sterben lasse“; Christus, sagten sie, sei für alle Menschen gestorben, der Papst könne einem, der unschuldig im Banne sterbe, den Himmel nicht verschließen; wer übrigens den wahren christlichen Glauben bekenne und sich nur gegen des Papstes Person verfehle, sei deßhalb noch kein Ketzer. Die Verbreitung dieser Schriften wurde untersagt, Tauler und seine Freunde mußten die Stadt verlassen, aber sie hatten unendlichen Trost verbreitet; die Leute, heißt es, seien getroster gestorben und haben den Bann nicht mehr gefürchtet. Als einige Monate darauf der Kaiser nach Straßburg kam, ließ er die drei Mönche vor sich kommen; sie wiederholten vor ihm und den anwesenden Bischöfen ihre Grundsätze, die als ketzerisch verworfen wurden; was jedoch gegen sie selbst vorgenommen wurde, ist nicht bekannt.

Von dieser Zeit an verschwindet Tauler, bis kurz vor seinem Tode, aus der Geschichte seiner Vaterstadt. Er zog nach Köln, wo er in der Kirche des Klosters zu St. Gertrud mehrere Jahre lang als Prediger wirkte. 1361 finden wir ihn sterbend zu Straßburg wieder; Nicolaus von Basel, den er zu sich beschieden, erschien und pflog mehrere Tage lang ernste Gespräche mit ihm; den 16. Juni starb der greise Prediger, in dem Gartenhause seiner Schwester, einer Nonne des Klosters zu St. Niclaus in Unden. Tiefes Leid verbreitete sich in der Stadt bei der Nachricht von seinem Tode; der große Gottesfreund aus dem Oberland, in dem die Bürger den Freund ihres Vaters Tauler ehren wollten, floh von Stund‘ an aus der Stadt und zog wieder der Schweiz zu. Tauler wurde in seinem Kloster begraben; den Stein, der seine Ruhestätte bedeckte, haben die Protestanten (1824) in der ehemaligen Predigerkirche aufstellen lassen, in der vor einem halben Jahrtausend der edle christliche Mann unsre Väter zur Entsagung ermahnte, um sie zum Heile in Christo zu führen. Sein Geist aber lebt fort in seinen Schriften, in seinen von inniger Gottesliebe durchdrungenen Predigten, und seinem tiefsinnigen, erbaulichen Buche von der Nachfolgung des armen Lebens Christi. Wenn auch nicht alles, was er gelehrt, mit unserm Glauben übereinstimmt, so war er doch in einer trüben, schweren Zeit ein ehrwürdiger, ächter Zeuge unsres Herrn.

C. Schmidt in Straßburg.

Evangelisches Jahrbuch für 1856
Herausgegeben von Ferdinand Piper
Siebenter Jahrgang
Berlin,
Verlag von Wiegandt und Grieben
1862

Kommentare sind geschlossen.