John Wiclif

John Wiclif

Unter den Vorläufern der Reformation ist Wiclif anerkannt einer der hervorragendsten, und zwar sowohl vermöge seiner Persönlichkeit, der christlichen Erkenntniß, des mannhaften entschlossenen Charakters und der unermüdlichen Arbeit für apostolische Reform der Kirche, als vermöge der nachhaltigen und ausgebreiteten Erfolge seines Wirkens.

Johann von Wiclif stammte aus Nordengland, aus dem nördlichsten Strich der Grafschaft Dork, und ist, laut der glaubhaftesten Nachrichten, in einem jetzt nicht mehr vorhandenen Dörfchen Spreswell, zu dem Pfarrsprengel des Dorfes Wycliffe gehörig, geboren. Er gehörte einer begüterten Familie, der Wiclif’s von Wycliffe an, einem Geschlechte vom niederen Adel in Yorkshire, welches wie die ganze Bevölkerung jener nördlichen Gegend, den kerndeutschen sächsischen Stammescharakter mit aller Zähigkeit Jahrhunderte lang festgehalten hat.

Der Zeitpunkt seiner Geburt ist weniger sicher. Wiclif ist spätestens 1324, eher einige Jahre früher geboren. Ueber seine Kindheit und Jugendzeit fehlt es ganz an urkundlichen Nachrichten. Erst in der Zeit des angehenden Mannesalters tauchen einige feste Punkte auf. Ohne Zweifel ist er schon im Knabenalter nach der Universität Oxford gebracht worden, um auch schon den vorbereitenden gelehrten Unterricht daselbst zu empfangen. Und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er als Scholar zu allererst in das Balliol-Collegium aufgenommen worden ist, welches ungefähr 50 Jahre früher von der normannischen Adelsfamilie Balliol auf Bernard Castle, unweit des Pfarrdorfs Wycliffe, gestiftet worden war.

Seine Studien hat er sowohl in dem vorbereitenden Stadium als in der eigentlichen Universitätszeit mit größtem Eifer, aber begreiflich nur innerhalb der Schranken seines Zeitalters gemacht. Daher ging ihm, wie fast allen Gelehrten des XIII. und XIV. Jahrhunderts, die Kenntniß nicht nur der hebräischen, sondern auch der griechischen Sprache ab; es erhellt sicher genug aus seinen Schriften, daß er die griechischen Klassiker und selbst die christliche Literatur griechischer Sprache im besten Falle aus lateinischen Uebersetzungen, mitunter nur durch Ueberlieferung kannte. Aber die Philosophie und Theologie, natürlich die scholastische, studirte Wiclif mit solchem Eifer und Erfolg, daß er ein Meister in der Dialektik wurde. Haben ihm doch selbst Gegner das Zeugniß ertheilt, er sei „in der Philosophie keinem nachgestanden, in der scholastischen Wissenschaft sei er unvergleichlich gewesen.“ Allein er begnügte sich nicht mit Dialektik und Scholastik, widmete sich vielmehr mit besonderer Vorliebe auch mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien, und verband damit, wie jeder richtige Theologe in der mittleren Zeit, die Wissenschaft des kanonischen Rechts.

Nach Vollendung der Lehrjahre ist Johann von Wiclif ruhig in Oxford geblieben. Sein Mannesalter begann mit stillem Wirken an der Universität, als graduirter Gelehrter und vollberechtigtes Mitglied eines der damals noch wenig zahlreichen Stifter, „Collegien“ genannt. Wiclif war, wie wir erwähntermaaßen Grund haben anzunehmen, als Scholar in das Balliol-Collegium aufgenommen worden. Die damaligen Vermögensverhältnisse dieser Stiftung brachten es aber mit sich, daß er, wie jeder andere in gleichem Falle, sobald er promovirt hatte, das Stift verlassen mußte. Er wurde zum Fellow von Merton-College gewählt, als dessen Seneschall er im Jahre 1356 vorkommt. Und einige Jahre später ist er zum Oberhaupt desselben Kollegiums Balliol erhoben worden, dem er als Scholar angehört hatte. Im Jahr 1365 aber ernannte ihn der Erzbischof von Canterbury, Islip, zum Vorstand eines von ihm selbst kürzlich gestifteten Collegiums in Oxford, der „Canterbury-Halle.“ Diese Stelle verlor er jedoch schon nach Jahr und Tag, als nach dem Tode seines Gönners (1- 26. April 1366) Simon Langham an dessen Stelle als Primas von England kam. Dieser war früher Mönch gewesen und hatte seine mönchische Denkart beibehalten. Er entsetzte Wiclif seiner Würde als Oberhaupt der „Halle“, und zugleich die drei Mitglieder, welche mit ihm eingesetzt worden waren, und gab ihnen Mönche zu Nachfolgern. Wiclif und die drei Genossen appellirten vom Erzbischof an den Papst. Allein der Proceß zog sich in die Länge, und endigte erst im Jahr 1370 damit, daß Wiclif und Genossen abgewiesen wurden und ihre Nachfolger Recht behielten. Die Päpstlichen haben, um die Gesinnung und die Beweggründe des Mannes anzuschwärzen, Wiclif’s spätere Angriffe auf das Papstthum und was dazu gehört, aus angeblicher Rachsucht wegen dieser Kränkung abgeleitet, aber ohne allen Grund. Denn die oppositionelle Stellung, welche er gegen Mönchsthum, Prälaten und Papstthum eingenommen hat, ist sichtlich nicht aus persönlicher Empfindlichkeit oder aus niedrigen Motiven, sondern aus sachlichen Gründen und reiner Ueberzeugung hervorgegangen. Inzwischen war ihm, zwischen 1365 und 1374, die theologische Doctorwürde zu Theil geworden. Als Doctor setzte er die theologischen Vorlesungen fort, die er schon als Baccalaureus der Theologie angefangen hatte. Und aus diesen Vorlesungen sind seine theologischen Schriften entstanden. Uebrigens hat er sich keineswegs auf wissenschaftliche Leistungen beschränkt. Er übte nebenbei eine ersprießliche praktische Thätigkeit als Fellow, Seneschall, mit der Zeit als Collegienvorstand von Balliol. Als Erzbischof Islip ihn zum Oberhaupt der Canterburyhalle ernannte, begründete er dies in einer noch vorhandenen Urkunde durch Hinweisung auf Wiclif’s bewährte „Treue, Umsicht und Rührigkeit.“ Schon im Jahr 1361 war er durch das Balliol-Collegium zum Pfarrer (rector) des im Patronat dieses Stifts befindlichen Pfarrdorfes Fillingham ernannt worden. Allein er verließ deshalb die Universität nicht, sondern erwirkte sich eine bischöfliche Licenz, in Oxford bleiben zu dürfen, mußte somit die pfarramtlichen Geschäfte anderweit versorgen. Wohl aber hat er als ein treuer Patriot, an den Angelegenheiten seines Vaterlandes warmen thätigen Antheil genommen. Niemals hat er sich in rein staatliche Dinge verloren, sondern nur da mitgewirkt, wo es sich um kirchlich-politische Fragen handelte. Zuletzt aber hat er seine volle Kraft ungetheilt dem kirchlichen Wesen zugewandt.

Daß Wiclif seine Thätigkeit für Reform der Kirche mit Angriffen auf die Bettelorden eröffnet habe, ist bis in die neuste Zeit herein die herrschende Annahme gewesen. Sie ist aber ungegründet. Aus seinen eigenen Schriften läßt sich nachweisen, daß er nicht nur in den sechziger, sondern auch noch in den siebziger Jahren des XIV. Jahrhunderts über die Bettelorden mit aller Achtung und warmer Anerkennung gesprochen hat. Die oppositionelle Stellung Wiclif’s hat einen anderen Ausgangspunkt gehabt.

Im Jahre 1365 hatte Papst Urban V. die seit 33 Jahren ausgesetzte Zahlung von 1000 Mark jährlich als Lehenszins auf’s neue gefordert, eine Abgabe, welche Innocenz III. 1213 dem König Johann Ohneland auferlegt hatte. König Eduard III. legte nun die Angelegenheit dem Parlamente, das im Mai 1366 zusammentrat, zur Erklärung vor. Sowohl die Prälaten als die weltlichen Lords und die Gemeinen gaben ihr Gutachten einhellig dahin ab, daß König Johann gar nicht befugt gewesen sei, das Land ohne dessen Zustimmung einer anderweiten Oberherrlichkeit zu unterwerfen; sollte aber von Seiten des Papstes irgend ein Schritt gegen den König geschehen, so werde man der Krone alle Kräfte und Hülfsquellen der Nation zur Verfügung stellen. Urban V. gab stillschweigend nach, und seitdem ist nie mehr von einem päpstlichen Oberlehensrecht über England die Rede gewesen.

Bei dieser hochwichtigen Nationalangelegenheit war auch Wiclif betheiligt. In Folge einer Herausforderung, die ein Doctor der Theologie aus den Mönchsorden an ihn schriftlich gerichtet hatte, gab er eine Streitschrift heraus, ganz im Sinne der erwähnten Erklärung des Parlamentes. Und gerade ihm wurde der Fehdehandschuh hingeworfen, weil er, wie erst in neuester Zeit erkannt worden, als klerikaler Sachverständiger zugezogen, im Maiparlamente 1366 Sitz und Stimme gehabt und ohne Zweifel maaßgebenden Einfluß geübt hatte.

Einige Jahre später, 1372, erschien in England ein päpstlicher Agent, Arnold Garnier, als Nuntius und Einnehmer von Gefällen der apostolischen Kammer. Die Regierung erlaubte ihm das Eintreiben päpstlicher Gefälle nur unter der Bedingung, daß er zuvor einen ihm vorgeschriebenen Eid schwöre, worin die Rechte der Krone und die Interessen des Landes gewahrt wurden. Damit waren aber nicht alle Besorgnisse patriotischer Männer beschwichtigt. Wiclif gab eine Denkschrift heraus, worin er nachzuweisen suchte, daß ein Widerspruch bestehe zwischen dem eidlichen Versprechen die Rechte und Interessen des Landes nicht beeinträchtigen zu wollen, und dem Auftrag des Einnehmers, in England Gelder für die Kurie einzutreiben und aus dem Lande zu führen. Hiebei tritt nicht nur Wiclif’s patriotische und constitutionelle Gesinnung in’s hellste Licht, sondern auch seine sittlich-religiöse und positiv christliche Denkart. Seine Opposition gegen den absolutistischen Papismus ruht auf Hochachtung gegen das Pfarramt und auf dem Grundsatz, daß die h. Schrift maaßgebende Regel und Richtschnur für den Christen sei.

Als im Sommer 1374 Abgeordnete der englischen Regierung mit Beauftragten Gregor’s XI. über Abstellung kirchlicher Landesbeschwerden zu Brügge in den Niederlanden verhandeln sollten, wurde „Johann von Wiclif, der Theologie Doctor“ neben zwei Prälaten und vier Herren von nichtgeistlichem Stande zu königlichen Commissaren ernannt. Das war der Höhepunkt der Ehre und des Einflusses, welchen Wiclif erreichte. Durch die vielen Ernennungen von Italienern und Franzosen zu geistlichen Stellen in England so wie durch mannigfache kirchliche Abgaben an die päpstliche Kammer, war damals das englische Volk in allen Ständen auf’s äußerste gereizt. Nun sollte durch die beiderseitigen Bevollmächtigten Abhülfe geschafft werden. Allein die Unterhandlungen zogen sich in die Länge, und schlossen endlich nach Jahr und Tag, ohne ein befriedigendes Ergebniß. Uebrigens waren für Wiclif selbst die Erfahrungen die er in Brügge, einer damaligen Großstadt, im Umgang mit Staatsmännern und papistischen Prälaten machte, von unvergleichlichem Nutzen; namentlich eröffnete sich ihm hier mancher Einblick, der ihm in seiner Heimath nicht möglich gewesen wäre. Die Verhandlungen mit päpstlichen Abgeordneten machten einen ähnlichen Eindruck auf Wiclif, wie der Aufenthalt in Rom auf Martin Luther. Auch war nicht ohne Bedeutung für ihn die häufige Berührung, in die er mit dem eben damals wegen der Friedensverhandlungen mit Frankreich in Brügge weilenden Johann von Gent, Herzog von Lancaster, dritten Sohn Eduard’s III. kam.

Eben zu der Zeit, wo Wiclif von der Krone, den Staatsmännern und dem Parlamente mit hohem Vertrauen geehrt, von der Universität Oxford durch verschiedene Würden ausgezeichnet, als ein berühmter Gelehrter und einflußreicher Patriot auf der Höhe seines Glückes und Ansehens stand, brach ein Unwetter gegen ihn los. Im Laufe des Jahres 1377 ist er zweimal zur Verantwortung vor geistliche Richter vorgeladen worden. Das erstemal vor die Convocation, das zweitemal vor einige Prälaten als Commissare des Papstes selbst.

Am 19. Februar 1377 versammelten sich die Würdenträger und Abgeordneten der Kirche in der Paulskirche zu London, und Wiclif war vor die Convocation vorgeladen worden, um sich wegen „ketzerischer Sätze“ zu verantworten. Nun aber erschien als Begleiter und Beschützer Wiclif’s der Herzog von Lancaster nebst dem Großmarschall, Lord Heinrich Perey. Und diese Herren nahmen sich seiner, dem Bischof von London, Courtnay, gegenüber so nachdrücklich ja drohend an, daß der Bischof die Sitzung aufhob. Die Folge davon war ein Auflauf der Bürger von London, die sich in ihrem Bischof gekränkt fühlten und sich gegen den Herzog kehrten.

Nun wandten sich die englischen Bischöfe nach Rom. Und am 22. Mai 1377 unterzeichnete Gregor XI. fünf Bullen wider 19 Sätze Wiclif’s. Sie waren gerichtet an den Erzbischof von Canterbury und den Bischof von London, an den König Eduard III. und an die Universität Oxford. Inzwischen starb Eduard III., sein Sohn Richard II. bestieg den Thron, und erst im December erging die Vorladung von Seiten des Erzbischofs und des Bischofs von London an Wiclif. Anfang des Jahrs 1378 stellte er sich vor den beiden Prälaten als Commissaren des Papstes, in der Kapelle des erzbischöflichen Palastes zu Lambeth. Hier aber erschien ein Hofbeamter der Prinzessin von Wales, Mutter des minderjährigen Königs, und forderte, daß die Commissare von Fällung eines Urtheils abstünden. Ueberdies drängten sich Londoner Bürger in die Kapelle, und nahmen lärmend und drohend Partei für Wiclif, so daß dieser mit einer bloßen Verwarnung davonkam.

Nicht lange nach dem Verhör in Lambeth ist Gregor XI. (27. März 1378) gestorben. Und wenige Monate später trat die große und langwierige Kirchenspaltung ein, welche das sittliche Ansehen des Papstthums gründlich erschütterte, und alle Wohlgesinnten dazu anstachelte, alles aufzubieten, um dem Nothstand abzuhelfen und die gesunkene Kirche wieder zu heben. Nachdem Wiclif bis dahin überwiegend als kirchlich-politischer Reformer aufgetreten war, ist er von da an erst als kirchlicher Reformator aufgetreten, natürlich ohne darum je den Patrioten zu verleugnen.

Vor allem hat er für Reform der Predigt und Hebung des Pfarramts gearbeitet, und zwar so, daß er den Anfang damit machte, in dem eigenen Berufe seine Pflicht zu thun; erst von da aus griff er in weitere Kreise ein. Zahlreiche Predigten von ihm, theils in lateinischer theils in englischer Sprache, sind auf uns gekommen, und legen Zeugniß ab von dem heiligen Ernst, mit dem er das Predigtamt verwaltet hat. Die lateinischen Predigten, von denen es mehrere Sammlungen gibt, sind ohne Zweifel in Oxford, vor Mitgliedern der Universität gehalten. Dagegen sind die englischen Predigten, deren nicht weniger als 293 jüngst im Druck veröffentlicht worden sind, vermuthlich theils in Lutterworth vor der Gemeinde gehalten, theils von ihm als Muster für Reiseprediger aus seiner Schule entworfen.

Wiclif läßt sich mehr als einmal auf eine Kritik der Predigt, wie sie zu seiner Zeit war, ein. Er rügt als den schlimmsten Fehler die Unsitte, daß man nicht Gottes Wort predige, sondern allerlei Dinge, Geschichten und Sagen, welche der Bibel völlig fremd feien. Der zweite Vorwurf, den er zur Sprache bringt, ist der, daß man, auch wenn man Gottes Wort verkündige, dies nicht in der rechten Weise thue, sondern logische Künste aller Art und mancherlei Redeschmuck anbringe. Er verlangt vielmehr, Gottes Wort solle gepredigt werden; dieses sei der Lebenssame, welcher Wiedergeburt und geistliches Leben zeugt; daher müsse man das Evangelium nach der Schrift verkündigen. Auf die Frage aber: wie man Gottes Wort predigen solle, antwortet er, das solle geschehen in angemessener Weise, schlicht und treffend, und aus frommer treuer Gesinnung. Seine eigenen Predigten verrathen zwar auch die Macht der Gewöhnung und den Einfluß des damaligen Zeitgeistes; aber wir spüren an ihnen stets einen Eifer um Gottes Ehre, eine aufrichtige Sorge um das Heil der Seelen, einen redlichen Ernst für das „rechtschaffene Wesen in Christo Jesu“, kurz eine wahrhaft gottesfürchtige Gesinnung, dabei aber eine vollendete Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, vermöge welcher seine Predigten zugleich einen Maaßstab abgeben für den jeweiligen Stand seiner christlichen Erkenntniß und Denkweise.

Während er vermöge seiner gewissenhaften Treue in Predigt und Seelsorge zu Lutterworth, einem Städtchen in der Grafschaft Leicester, zu dessen Pfarrer er im April 1374 durch königliche Huld ernannt worden war, als ein Muster dastand, hat er zugleich mit Wort und That dafür gearbeitet, die rechte Predigt des Evangeliums weit und breit zu befördern. Dies geschah vorzugsweise durch Reiseprediger. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er schon in Oxford eine Schule von biblischen Predigern gebildet und freiwillige Reiseprediger ausgesandt. Später, als er sich völlig nach Lutterworth zurückzog, hat er diese Wirksamkeit nur desto eifriger fortgesetzt. Diese Männer, „arme Priester“ genannt, gingen in langen Gewändern aus grobem Tuch von rother Farbe, mit einem Stab in der Hand, barfuß einher, wanderten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, predigten, vermahnten und lehrten, und trugen, wo irgend willige Hörer sich fanden, „Gottes Gesetz“ d. h. Gottes Wort in der Muttersprache schlicht und treu, aber auch mit Schärfe und Nachdruck vor.

Aber damit hat er sich nicht begnügt. Wiclif hat den Grundsatz, daß Gottes Wort dem Volke gepredigt werden solle, dahin erweitert: die Schrift müsse Gemeingut Aller werden. Und zu diesem Behuf schritt er zu einer Uebersetzung der Bibel in die Landessprache. Zuerst übersetzte er, wie Luther, das Neue Testament, aber allerdings aus der Vulgata, nicht wie Luther aus dem Grundtext. Hierauf wurde die Uebersetzung des Alten Testaments in Angriff genommen, aber nicht von ihm selbst, sondern von einem seiner Freunde und Mitarbeiter, Nicolaus von Hereford. Als aber die Uebersetzung der ganzen Bibel zu Stande gebracht war (was vermuthlich 1382 geschah), schritt er an eine Durchsicht derselben und Verbesserung ihrer Mängel. Diese Ueberarbeitung ist jedoch, aller Wahrscheinlichkeit nach, erst 4 Jahre nach Wiclif’s Tod vollendet worden. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß Wiclif’s englischer Stil in seiner Bibelübersetzung, verglichen mit seinen übrigen englischen Schriften, sich durch Klarheit, Schönheit und Nachdruck auszeichnet. Ja Wiclif’s Bibelübersetzung ist im Entwickelungsgang der englischen Sprache ebenso bedeutend und epochemachend, wie Luther’s Bibelübersetzung in der Geschichte deutscher Sprache. Wie mit der Luther-Bibel das Neuhochdeutsche beginnt, so steht die Wiclif-Bibel an der Spitze des Mittelenglischen.

Was die Lehre betrifft, so ist Wiclif je mehr und mehr zu der Einsicht durchgedrungen, daß die h. Schrift allein maaßgebend, daß sie Regel und Richtmaaß aller Lehrer und Lehren ist. Diesen Grundsatz hat er in dem ausführlichen Buche „Von der Wahrheit der h. Schrift“ (aus dem Jahre 1378) vielseitig beleuchtet, begründet und gegen alle möglichen Einwände vertheidigt.

An einer hochbedeutsamen Stelle hat Wiclif das römisch-katholische Lehrsystem angegriffen, als er gegen die scholastische Lehre von der Wandlung im Abendmahl eine schneidende Kritik richtete. Bis zum Jahr 1378 war er nachweislich der Lehre von der Wandlung zugethan. Von da an gestaltete sich seine Ueberzeugung anders, und im Sommer 1381 trat er mit 12 kurzen Thesen über das h. Abendmahl und wider den Lehrsatz von der Wandlung auf. Der gewichtigste Vorwurf, welchen er gegen diesen Satz erhebt, ist der, daß derselbe schriftwidrig sei; überdieß habe diese Lehre Abgötterei zu Folge, indem man der geweihten Hostie wahrhaft göttliche Verehrung widme. Das fei ein „Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte“. Seine eigene Ansicht besteht darin, daß im Sakrament des Altars nach der Consekration wahres Brod und wahrer Wein bleibe, daß es aber zugleich Christi Leib und Blut sei, so daß der gläubige Communicant in Gestalt des Brodes Christi Leib wahrhaft aber geistig empfange und genieße.

Diese Erklärungen machten in Oxford ungeheures Aufsehen. Der Kanzler der Universität ließ sich von einer Anzahl Doctoren der Theologie und der Rechte, unter denen 8 Mönche sich befanden, ein Gutachten über Wiclif’s Thesen erstatten. Das Gutachten ging einhellig dahin, die Thesen seien irrig und häretisch. In Folge dessen erließ der Kanzler ein Mandat, worin er zwei Sätze, die den Kern jener 12 Thesen bilden, als der Kirchenlehre widersprechend erklärte, und deren Aufstellung und Vertheidigung an der Universität bei Strafe der Suspension verbot. Wiclif appellirte von dem Kanzler an den König, mußte sich jedoch mündlicher Erörterungen über die Abendmahlslehre von da an enthalten. Dagegen trug er in vielfachen Schriften, groß und klein, lateinisch und englisch, seine Lehre vom h. Abendmahl unermüdlich vor.

Im Jahr 1382 schritt der neue Erzbischof von Canterbury, Wilhelm Courtnay, gegen Wiclif und seine Partei ein, nachdem inzwischen der Bauernaufstand ausgebrochen und niedergeschlagen worden, welchen die Gegner auf Rechnung Wiclif’s, als des intellectuellen Urhebers, zu schreiben gute Lust hatten.

Der Erzbischof ließ durch eine kirchliche Notabelnversammlung 17. ff. Mai 1382 in London die Lehre von der Wandlung auf’s neue sanctioniren und die entgegenstehenden Sätze theils als irrthümlich theils als ketzerisch verurtheilen. Während diese Versammlung tagte, wurde London durch ein furchtbares Erdbeben erschreckt. Wiclif erkannte in diesem Erdbeben ein Gottesurtheil gegen das Vorgehen jener Versammlung, und pflegte diese von da an nur das „Erdbebenconcil“ zu nennen.

Allein in Folge der Beschlüsse des Concils, erließ nun der Erzbischof Verbote gegen die gerügten Sätze an die Universität Oxford und an die Bischöfe. Ferner beantragte er bei dem Parlament die Erlassung von Befehlen an die Staatsbeamten gegen die wiclifitischen Reiseprediger. Und in der That ließ König Richard II. einen Befehl an die Sheriffs ergehen, daß sie die „Ketzer“ und deren Gönner in Gewahrsam nehmen sollten. Der Erzbischof ging nun nachdrücklich darauf aus, die namhaftesten Männer aus Wiclif’s Schule zu beugen, und das gelang ihm mit Philipp Repington, Johann Aston und Anderen. Wiclif selbst wurde vor die Provinzialsynode geladen, welche am 18. Nov. 1382 in Oxford eröffnet wurde. Dieselbe ist jedoch in keinem Fall gegen ihn eingeschritten, hat sich doch Wiclif zu gleicher Zeit mit einer Denkschrift an das Parlament gewendet. Die englische Hierarchie ist mit dem bei der Nation hochangesehenen Mann säuberlich verfahren, man ließ ihn in den letzten zwei Jahren seines Lebens unangefochten. Er brachte diese Zeit ohne Unterbrechung in der Stadt Lutterworth zu, in Erfüllung seines pfarramtlichen Berufes und unter reger Thätigkeit als Schriftsteller so wie als Leiter von biblischen Reisepredigern. Daß er von Urban VI. nach Rom vorgeladen worden sei, beruht auf Missverständniß. Indessen schwebte er dennoch stets in Gefahr. Er war sich dessen wohl bewußt, war auch darauf gefaßt, als Streiter für die Sache Christi noch mehr verfolgt zu werden, und sein Leben vielleicht noch als Märtyrer zu enden. Allein das wurde ihm durch Gottes Gnade erspart. Nachdem er schon zwei Jahre an den Folgen eines ersten Schlaganfalls gelitten hatte, wurde er am 28. Dec. 1384, während er in der Pfarrkirche zu Lutterworth die Messe hörte, gerade unter der Elevation, zum zweiten Male vom Schlage gerührt, so daß er von da an kein Wort mehr reden konnte. Und einige Tage darauf, am Silvestertage den 31. Dec. 1384, wurde er von dem Zustand der Lähmung durch den Tod erlöst.

Lange nach seinem Tode wurde er am 4. Mai 1415 durch das Concil zu Constanz feierlich für einen Ketzer erklärt, wobei seine Lehre verdammt und der Befehl erlassen wurde, daß seine Gebeine ausgegraben und weggeworfen werden sollten. Vollzogen wurde aber dieser Befehl erst 12 Jahre später: Bischof Fleming von Lincoln wurde 1427 von Martin V. an die Pflicht erinnert, den Constanzer Beschluß auszuführen; er ließ Wiclif’s Gebeine, nachdem sie 43 Jahre lang unter dem Chor der Kirche zu Lutterworth im Frieden geruht hatten, ausgraben, verbrennen und die Asche davon in’s Wasser schütten.

Suchen wir das Gesammtbild des großen und edlen Mannes uns zu vergegenwärtigen, so drängt sich unwillkührlich eine Vergleichung mit dem 99 Jahre nach seinem Tode geborenen Luther auf. Beide wirkten für eine Reformation der Kirche Christi an Haupt und Gliedern, mit Begeisterung und rastloser Arbeit. Beide wollten nicht sowohl niederreißen und umstürzen, als aufbauen und die Kirche zu ihrer ursprünglichen apostolischen Reinheit zurückführen, denn sie standen beide, unter Verwerfung menschlicher Satzungen und Ueberlieferungen, auf dem Grunde der h. Schrift, als der alleinigen Quelle der Wahrheit und Regel des Glaubens und Lebens. Beide suchten die Bibel durch Uebersetzung in ihre Muttersprache dem Volke zugänglich zu machen, wobei jedoch Wiclif die kirchlich gebräuchliche lateinische Uebersetzung, Luther aber den Urtext selbst zu Grunde legte. Allein Wiclif war nicht ein Gemüthsmensch, ein geniales Gemüth, wie Luther, sondern ein Verstandesmensch, ein Mann von klarem scharfem durchdringendem Verstand. Es ist als spürte man in Wiclif das scharfe frische kühle Wehen der Morgenluft vor Sonnenaufgang, während wir in Luther etwas von der wohlthuenden Wärme der Morgensonne selbst empfinden. Aber mit dem überwiegenden Verstandeselement ist in Wiclif harmonisch vereinigt ein mächtiger Wille, ein mannhafter zäher heldenmüthiger Wille. Seine Ueberzeugungen haben stets eine sittliche Quelle. Kaum jemand hat in seinen Schriften mehr seine Persönlichkeit ausgeprägt und mehr sittlich gehandelt als Wiclif. Immer tritt er mit vollem Mannesernste, mit markiger Kraft auf. Beide, Wiclif und Luther, stimmen, was den Kern der Lehre betrifft, darin überein, daß Jesus Christus die alleinige Quelle des Heils, der einige Mittler ist zwischen Gott und Menschen. Aber in Hinsicht des Heilsweges hatte Wiclif den evangelischen Begriff des Glaubens und die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein noch nicht erfaßt, war vielmehr geneigt, die Gerechtigkeit vor Gott nebenbei mit auf Rechnung der guten Werke zu schreiben und den Bekehrten ein gewisses Verdienst beizulegen. Luther aber hat die Wahrheit von der Rechtfertigung durch den Glauben allein klar rein und voll erkannt, und zum Mittelpunkte evangelischen Bekenntnisses gemacht. Dies war auch der Hauptgrund, aus welchem Wiclif nicht selbst Reformator, sondern nur Vorläufer der Reformation geworden ist. Aber auch als solcher ist er bedeutend genug, und würdig in Ehren gehalten zu werden. Er ist die erste reformatorische Persönlichkeit gewesen, der erste Mann, der sich mit all‘ seinem Sinnen und Trachten, mit der ganzen Gedankenkraft eines überlegenen Geistes, mit der vollen Willensmacht und Opferfreudigkeit eines Mannes in Christo dem Werke der Kirchenreform gewidmet hat. Und „seine Arbeit ist nicht vergeblich gewesen in dem Herrn“ (1. Kor. 15, 58).

Gotthard Lechler in Leipzig.

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

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