Alcuin.

Alcuin.

Wer zu einer großen und eingreifenden Wirksamkeit in der Welt berufen ist, dem werden die Gaben der Geburt und die Segnungen einer reich gepflegten Jugend mit auf den weiteren Lebensweg gegeben. Alcuin (Alhwin, Tempelfreund), aus edlem angelsächsischem Geschlechte stammend, geboren in der brittischen Grafschaft York vor 735, fand an der Schule zu York, der besten, die England damals hatte, die trefflichste Pflegerin seiner fruchtbaren Anlagen. Hier wirkten neben einander Egbert und Aelbert, beide nach einander Bischöfe dieses Sprengels; durch sie erhielt des Jünglings feuriger Sinn und aufstrebende Kraft die schönste Nahrung und edelste Richtung. Während zuerst der Bischof Egbert nur das N. T. erklärte, gab Aelbert Unterweisung in fast allen damaligen Wissenschaften und erklärte außerdem das A. T., gewann aber dadurch ohne Zweifel den größeren Einfluß, bis auch er nach Egberts Tode 766 den erzbischöflichen Stuhl bestieg. Egbert liebte Alcuin wie seinen eigenen Sohn, hatte ihn gern um sich und vertraute ihm seine liebsten Schätze, die in der Stiftsschule gesammelten Bücher, deren Vermehrung ihm, auch mit den ansehnlichsten Opfern an Geld, vorzugsweise am Herzen lag. Aelbert aber nahm ihn nach einigen Andeutungen als Begleiter auf einer Reise ins Ausland mit, um, was er dort Neues an Studien und Büchern fände, in sein Vaterland zu verpflanzen, und Alcuin schaute daher vielleicht in einem Alter von reichlich zwanzig Jahren schon den Mittelpunct der damaligen Welt, die Stadt Rom. Früh entwickelte er eine höchst erregbare, nach allen Seiten hin frisch empfängliche Natur; den Sturm seiner wogenden Leidenschaften wußte er zu beschwichtigen durch Wachen, Beten und Fasten. Der natürliche Mensch mußte unter solchem Ringen seines Innern erliegen; Demuth und Gehorsam traten an die Stelle des wild brausenden Sinnes. Wie an Wissen und Einsicht, in Kunst und Thätigkeit, ragte er auch in Sitte und Gesinnung hervor über seine Mitschüler. Die Gewandtheit seines Geistes, verbunden mit seiner raschen Aneignung der alten Sprachen, besonders auch der griechischen und hebräischen, machte ihn vorzugsweise geeignet, wieder neue Schüler zu bilden. Aelbert, durch sein bischöfliches Amt am Unterrichte in der früheren Ausdehnung behindert, übergab ihm daher, nachdem er ihn zum Diakonus geweiht, die Leitung der ganzen Schulanstalt und die Aufsicht über den vorhandenen Bücherschatz. Hier wirkte er lange Zeit hindurch für die Bildung zahlreicher, später berühmt gewordener Schüler; unter diesen ist der nachmalige Bischof zu Münster, Liudger, der Apostel der Sachsen genannt, vielleicht der bekannteste geworden. Aber in dieser unscheinbaren, wenn auch reich gesegneten Wirksamkeit sollte er nach höherem Rathschlusse nicht immer bleiben; ein anscheinender Zufall führte ihn seiner bedeutsameren Bestimmung entgegen. Aelbert starb 780 und Eanbald, ein Zögling der Schule zu York, wurde zu seinem Nachfolger erwählt; dieser sandte Alcuin nach Rom, um vom Papste das erzbischöfliche Pallium für ihn zu holen. Da mußte er, als er dieses Weges zurück wieder durch die Lombardei kam, in Parma die Bekanntschaft des großen Frankenkönigs Karl machen, der mit seiner Familie vom Winteraufenthalte in Rom zurückkehrte. Dieser entbrannte sofort von dem lebhaften Wunsche, den Schatz der Bildung und Gottesfurcht, den er in diesem Manne gewahrte, aus der Stille des Klosterlebens an die Welt hervorzuziehen und für seinen Hof und sein Reich zu gewinnen. Alcuin stand bereits in dem Alter von nah an fünfzig Jahren, und sein in ungestörter Ruhe den Studien und der Andacht gewidmetes Leben war für das Geräusch des Hofes wenig geeignet. Und ungünstigere Zeiten konnte es kaum geben, als grade die damaligen waren mit ihren stets wiederholten Kriegszügen gegen die Sachsen und nach Italien hin. Dennoch versprach er nach beendigtem Geschäfte zu kommen, und kam wirklich, zugleich mit dreien seiner Schüler als Gehülfen, in das fränkische Hoflager, wo Karl ihn sogleich zum Vorsteher der neu errichteten Hof- oder Pfalzschule machte. Hierbei war es zunächst auf Bildung von Geistlichen, nicht auf Volksunterricht abgesehen, welcher vielmehr erst das weitere Ergebniß jener Bestrebungen wurde. Der Segen seiner Wirksamkeit war hier bald sehr groß. Es bildete sich um ihn ein seltener Verein von Männern, die ein lebhaftes Verlangen nach allen Schätzen der Erkenntniß trieb; man hat diesen Verein wohl mit einer Akademie verglichen und so genannt, wenn sie es auch nicht wirklich war. Der mächtige Kaiser selbst ließ sich durch Alcuin tiefer in das Verständniß der heiligen Schrift einführen, und verschmähte es nicht, mit ihm die Dornenpfade der Rhetorik und Dialektik zu gehen. Die Söhne und Töchter des Kaisers erhielten Unterricht von ihm und es bildete sich dadurch ein schönes, innerlicheres Verhältniß, das sich auch später noch in dem uns erhaltenen Briefwechsel abspiegelt. Unter den Söhnen zog ihn der älteste, Karl, des Vaters Ebenbild und Liebling, mit seinem mehr auf weltliche Thätigkeit gerichteten Streben weniger an als der demüthige und zum Contemplativen geneigte Ludwig. Den mittleren Pipin, der seine Bitte um Freilassung kriegsgefangener Avaren erfolgreich bei dem Vater unterstützt hatte, ermahnt er in dem Antwortsschreiben eben so freimüthig als vertrauensvoll: „Suche den Adel deiner Abkunft durch den Adel deiner Sitten zu zieren, und bemühe dich, des allmächtigen Gottes Willen und die Ehrfurcht vor ihm mit voller Kraft zu erfüllen, weil seine unschätzbare Huld den Thron deines Reiches erhöhen, feine Grenzen erweitern und die Völker deiner Herrschaft unterwerfen kann. Sei freigebig gegen Arme, huldvoll gegen Fremde, hingegeben im Dienste Christi; behandle mit Ehrerbietung die Kirche und ihre Diener, damit ihr eifriges Gebet dich unterstütze. Höre auf den Rath der Greise und gebrauche den Dienst der Jünglinge. Es seien Gedanken der Nüchternheit in deinem Herzen, Worte der Wahrheit in deinem Munde, Muster der Sittlichkeit in deinem Wandel, damit dich die göttliche Gnade überall erhöhe und behüte.“ – Und wie die Fürstenkinder, so mußten auch die Großen des Hofes mit ihren Söhnen Theil nehmen an dem Unterrichte. Die Wissenschaften wurden hier gründlich und in einem für jene Zeit ausgedehnten Umfange, wenn auch innerhalb der einzelnen Fächer mit einer gewissen Beschränkung und Einseitigkeit, gelehrt, so daß neben der heiligen Schrift das Alterthum, aber fast lediglich nach seiner formalen Seite, besonders in der Kunst und Uebung des Versmaßes, vorgeführt ward. Dialektik, Rhetorik und Grammatik galten als vorbereitende Wissenschaften, die Mathematik und Astronomie wurden besonders gepflegt und durch Beobachtungen fruchtbar gemacht; Alles aber diente im letzten Grunde der höchsten Wissenschaft, der Theologie.

Dessenungeachtet ward Alcuin beim Kriegsgeräusche des Hofes hier nicht heimisch und sehnte sich deshalb nach seinem stillen Kloster in England zurück. Karl dem Großen entging diese Sehnsucht nicht, und er übertrug ihm deshalb, um ihn nicht für immer zu verlieren, so schmerzlich er auch schon in seiner nächsten Umgebung ihn vermißte, die Aufsicht über zwei benachbarte Klöster. Aber auch hier ward die Sehnsucht nach seinem geliebten Heimathslande nicht gestillt. Die Rohheit der fränkischen Klosterbrüder und ihre geringe Empfänglichkeit für Wissenschaft und Kunst traten ihm störend entgegen. Der König Karl mußte ihm 790 eine Reise nach York gewähren, wo er zwei ganze Jahre, vom fränkischen Hofe entfernt, verweilte, aber gerade während dieser Zeit auch dort das Ungemach und die schweren Folgen gewaltsamer innerer Staatserschütterungen erfahren mußte. Wäre er schon aus diesem Grunde gern Mieder zurückgegangen, so rief ihn vollends die Stimme seines Gewissens zum Kampfe in Glaubenssachen wieder nach dem Festlande hinüber. Hier war nämlich schon seit 783 von neuem der nestorianische Streit: ob Christus auch feiner menschlichen Natur nach Gott genannt werden müsse? oder ob er nur durch Adoption Gottes Sohn geworden sei? mit Heftigkeit entbrannt. Zwei Bischöfe hatten diese Frage aufs Neue verneint, und, obwohl die Kirchenversammlung zu Narbonne 788 ihre Ansicht schon als ketzerisch verworfen hatte, dem Streite neue Nahrung gegeben. König Karl wünschte die Sache auch auf deutschen Kirchenversammlungen frei und offen verhandelt, und seinen schriftgelehrten und kampfgeübten Alcuin als Streiter darin auftreten zu sehen. Darin aber erkannte dieser eine höhere Weisung: ein heiliger, prophetisch begabter Mann habe ihm dieß, wie er selbst bezeugt, in seinem Vaterlande vorhergesagt, und sein alter Lehrer habe ihn ermahnt, wo er höre, daß neue, den apostolischen Lehren entgegengesetzte Richtungen aufkämen, da der Vertheidigung des wahren Glaubens sich zu widmen. Er eilte auf den Kampfplatz und rechtfertigte das Vertrauen, das in seine glänzende Führung der christlichen Waffen gesetzt war. Auf zweien Kirchenversammlungen, zu Regensburg 792 und zu Frankfurt 794, wurde der eine Gegner, Bischof Felix überwunden; dem andern, Erzbischof Elipandus von Toledo, war in dem damals maurischen Spanien nicht anzukommen, und die schmähende Art der Streitschrift des alten Mannes zeigte deutlich, daß mit Worten bei ihm nichts mehr auszurichten sei. Indessen legte doch Alcuin, um die Schwachen nicht irre werden zu lassen, in einer Erwiederungsschrift gegen die ihm gemachten Beschuldigungen dar, daß er den frommen Kaiser grade vor Ketzereien bewahre und daß die Dialektik, welche nach des heil. Augustinus Urtheil unumgänglich nothwendig sei, um in göttlichen Dingen zu bestimmten Begriffen zu gelangen, aus diesem Grunde grade auch den Fürsten am meisten fromme, damit ihre Seele nicht von mannichfaltigen Irrthümern bestrickt werde. Ein anderer, um dieselbe Zeit neu erwachter Streit sollte später nicht ohne außerordentliche Folgen für die Stellung des fränkischen Königs, wie nicht ohne Betheiligung Alcuins bleiben. Es war der Bilderstreit, der von dem byzantinischen Hofe dadurch erregt ward, daß er den auf seine Veranlassung gefaßten Beschlüssen des pseudo-ökumenischen Concils zu Nicäa ohne Weiteres auch für das Abendland rechtliche Gültigkeit beilegte. Die Befreiung davon war ein Mittel mehr zu der größeren Selbstständigkeit innerhalb der römischen Kirche.

Nach diesen Ereignissen war Alcuin leicht zu bewegen, seiner Heimath zu entsagen; er fand jetzt im Frankenlande Ruhe zu literarischen Beschäftigungen und um sich einen Kreis kundiger und einsichtsvoller Freunde der Wissenschaften. Er zog sich also in das Kloster zu Tours zurück, wo er das Leben der Mönche freilich der sittlichen Zucht und strengen Klosterregel nicht unterworfen fand. Auch der Abt des Klosters, der zugleich Erzkanzler des kaiserlichen Palastes war, folgte derselben Richtung. Aber der bald darauf (796) erfolgte Tod desselben brachte die Abtei in Alcuins Hände und damit eine andere Ordnung in das Klosterleben, als dieser schon jenen Sitz hatte verlassen und nach Fulda ziehen wollen. Sein erstes Werk war nun die Anlegung einer Schule; das Lehren war ihm selbst zu einem geistigen Bedürfnisse geworden, es, war fort und fort das Element, worin er frisch und freudig mit seiner schönen Gabe sich bewegte. Und er zog sofort die Mönche, die bis dahin mehr die Wälder gelichtet, die Reben gepflanzt und die Saatfelder bebauet hatten, zum Anbau des geistigen Ackers und zur Pflege der Literatur hinüber, um die sie sich auch in äußerlicher Thätigkeit so sehr verdient machen konnten, wenn sie ihren Fleiß dem Abschreiben von Büchern widmeten. Der Mangel an diesen war ihm der empfindlichste; er wollte gern auch in dieser Beziehung die Vorzüge seiner geliebten Heimath auf fränkischen Boden verpflanzen. Wie sehr überhaupt die Sorge für das Gedeihen dieser seiner Schule sein ganzes inneres Leben beseelte, zeigen die Berichte an seinen königlichen Freund. „Ich suche,“ schreibt er in einem derselben, „Einigen den Honig der heiligen Schriften zu reichen, Andere bemühe ich mich mit dem lauteren Weine der alten Wissenschaften zu tränken, Andere beginne ich mit den Früchten grammatischer Feinheit zu nähren, Manche suche ich durch die Ordnung der Gestirne zu erleuchten. Ich bin Vielen Vieles geworden, um ja recht Viele zum Frommen der heiligen Kirche Gottes und zur Zierde Eurer Regierung zu erziehen, damit nicht des allmächtigen Gottes Gnade an mir vereitelt, noch die Freigebigkeit Eurer Güte zwecklos sei.“ Und gleich darauf bemerkt ‚er über das Ziel seines Strebens, den Zweck einer edlen Bildung: „daß wir auf jeder Seite der heil. Schrift zur Erlernung der Weisheit ermuntert werden, daß es zur Erreichung eines glücklichen Lebens nichts Erhabeneres, zur Uebung nichts Angenehmeres, gegen das Laster nichts Wirksameres, in jeder sittlichen Würde nichts Rühmlicheres, und auch nach den Aussprüchen der Philosophen zur Regierung eines Volks nichts Nöthigeres, so wie zu einem reinen Lebenswandel nichts Besseres gibt als die Zierde der Weisheit, den Ruhm der Gelehrsamkeit und den Einfluß der Bildung.“ Auch sein auf demselben Wege geäußerter Wunsch nach einem größeren Bücherschatze wurde befriedigt: es gingen Beauftragte nach York, um dort Abschriften zu nehmen, diese wurden dann in Tours vervielfältigt und damit die Hauptbibliotheken des fränkischen Reichs versorgt.

Unmittelbar an seine Lehr-Thätigkeit schloß sich seine schriftstellerische an. Er schrieb über die meisten Zweige der Wissenschaft eigene Lehrbücher, von denen uns einige erhalten sind. Auslegungen der Schrift, erbauliche Betrachtungen, Lebensbeschreibungen frommer Männer, Briefe und Gedichte in großer Zahl voll warmen Sinnes und schöner Gedanken, zeigen uns weiter die ungemeine Betriebsamkeit des Mannes. Bei seiner Schriftauslegung strebte er die tiefe, innerliche Verbindung zwischen dem Alten und Neuen Testamente aufzuweisen und liebte die mystisch-allegorische Erklärungsart bis zur symbolischen Zahlendeutung hin. In seiner Eintheilung der Wissenschaften verschmolz er die alterthümliche mit der mittelalterlichen Weise. Aus jener nahm er die drei Haupttheile, machte jedoch zur dritten die Theologie und ließ dann in den beiden andern, der Ethik und Physik, die sieben freien Künste von selbst aufgehen.

Alcuin stand auch dem politischen Streben seines fürstlichen Herrn nicht ferne. Zerrissene Beziehungen zu Staaten seiner Heimath wußte er wieder zu heilen und bei dem wichtigsten Schritte, der Erlangung der Kaiserwürde, ist er offenbar nicht unbetheiligt geblieben. Offen und freimüthig bezeichnete er die päpstliche Gewalt als die höchste auf Erden; denn die Kirche Jesu Christi stand ihm höher als die Reiche dieser Welt und der Stuhl des heiligen Petrus war den weltlichen Thronen überlegen. Aber die größte Gewalt auf Erden nächst dem Papste bekleidete der römische Kaiser auf dem byzantinischen Throne; darnach kam erst die königliche Würde. Alcuin konnte, so viel höher er auch den großen Karl nach seinen persönlichen Eigenschaften stellen mußte, dem er um seiner Macht, seiner Weisheit und seines Ruhmes willen mit der innigsten Verehrung anhing, doch um der Ueberzeugung willen solches nicht zurückhalten, warf aber damit einen neuen Stachel in die hochstrebende Seele des Fürsten. Erwachte darum in diesem der Gedanke, Rom und den päpstlichen Stuhl für immer von dem byzantinischen Reiche loszureißen und an seinen eigenen Staat zu ketten, eben damit aber auch die Weltherrschaft des römischen Reichs durch Erneuerung der abendländischen Kaiserwürde auf die fränkische Nation zu übertragen, so mußte das mit Alcuins Gedanken und Wünschen nothwendig zusammentreffen. Und als nun der nach Hadrians I. Tode ungewöhnlich schnell wieder erwählte Papst Leo III., vielleicht nicht ohne Schuld seines sittlichen Verhaltens, bei einer feierlichen Prozession im April 799 von einem bewaffneten Haufen überfallen und so blutig mißhandelt ward, daß er in einer Klosterkirche für todt liegen blieb, da drang Alcuin, der in dem Papste die von ihm vertretene Kirche beschimpft sah, mit kräftiger Sprache in den König, seine Pflicht als Schirmherr der Kirche zu erfüllen und derselben ihr Recht und ihre unverletzte Würde wiederherzustellen. Während aber der unter den Schutz des fränkischen Herzogs von Spoleto geflüchtete Papst der Aufforderung Karls folgte, zu ihm in das Heerlager nach Paderborn zu kommen, blieb zwar Alcuin persönlich fern, weil er aus Schwäche der Gesundheit das Kloster nicht verlassen konnte, aber ertheilte doch durch Briefe und vertraute Freunde auch in dieser Sache seinen Rath und widersetzte sich insbesondere dem Gedanken, daß die Sache des Papstes auf dem Wege Rechtens zur Entscheidung gebracht werde, bis er endlich für ihn die Verstattung einer eidlichen Reinigung von den wider ihn erhobenen Anklagen erwirkte. Aber die zur Zeit noch verborgene Frucht der dort zwischen dem Könige und dem Papste getroffenen Verabredung sollte bald ans Licht kommen.

Als Karl der Große nach den Vorbereitungen für eine längere, auf Italien berechnete Abwesenheit im Sommer 8(10 die Seeküsten seines Reichs bereiste, kam er auch nach Tours und besuchte Alcuin mit welchem er sich dabei in den wichtigsten Erwägungen ergangen haben muß. Sein Aufenthalt verlängerte sich dort, weil seine ihn begleitende Gemahlin Luitgarde daselbst erkrankte und starb. Die dem Könige nachgesandten Briefe Alcuins, die wir noch besitzen, trösten ihn mit inniger Theilnahme über den schmerzlichen Verlust. Noch einmal ladet der König ihn von Mainz aus zur Begleitung auf der weiteren Reise ein, aber Alcuin lehnt es beharrlich ab. In Italien verfuhr Karl bei der Beschützung der päpstlichen Würde und bei der Bestrafung der Frevler offenbar ganz nach den darüber eingezogenen Ansichten seines Freundes. Was aber dort in der Kirche am ersten Weihnachtsfeiertage geschah, überraschte ohne Zweifel Alcuin nicht. Die jugendlich feurige Sehnsucht, mit welcher er der Rückkehr des Kaisers entgegensah, spricht nur zu deutlich dafür, welchen innerlichen Antheil er an dieser Sache genommen. Auch war unter seinen zur Weihnachtsfeier bestimmten und nach Rom voraus gesandten Geschenken eine Bibel mit der Inschrift, daß sie zum Ruhme der „Kaiserlichen“ Würde dienen solle. Mit prophetischem Blicke hatte er die Zeit vorher geschaut, wo die päpstliche Macht das wurde, was sie nach seinen Begriffen sein sollte, zugleich aber dadurch, daß diese Kaiserwürde persönlich in Rom vom Papste verliehen wurde, unbewußt den Grund legen helfen zu jener völligen Vermischung und Abhängigkeit, die später eintrat. Diese erklärt es uns denn auch, wie der sonst dem geistlichen Wirken still hingegebene Mann so oft rathend und schlichtend in die politischen Händel hat hinein gezogen werden können. Davon zeugt wieder der sofortige Besuch des zurückgekehrten Kaisers in der einsamen Abtei, wo er ihn ohne Zweifel zum letzten Male sah; davon der ganze Briefwechsel, den er fast ununterbrochen mit ihm unterhielt. Aber eben dieselbe Vermischung bewirkte auch bald einmal einen Zwiespalt, der beinahe eine Lockerung, wenn nicht gar eine Lösung, des ganzen schönen Verhältnisses hätte herbeiführen können. Es war nämlich ein Geistlicher in Orleans wegen gewisser Vergehungen von seinem Bischofe zu einer Gefängnißstrafe verurtheilt worden, aber aus seiner Haft entflohen und hatte im Asyl des Klosters zu Tours Schutz gesucht. Der Bischof hatte sich darauf vom Kaiser Vollmacht zur Anwendung von Gewaltmaßregeln geben lassen und drang mit bewaffneten Leuten in die Kirche ein. Aber die Mönche eilten herbei, das Heiligthum und Asyl ihres Klosters zu schützen, und die Leute des Bischofs entgingen der Wuth des herbeigeeilten Volks nur dadurch, daß die Mönche sie aus ihren Händen rissen und ins Kloster brachten. Sobald als Alcuin dieses Alles erfuhr, mißbilligte er es nicht, sondern nahm sich mit dem größten Eifer seines Klosters an, ja als der Kaiser einen eigenen Sendboten schickte, der die Schuldigen streng bestrafte und die Auslieferung des Geistlichen forderte, versagte er den Gehorsam. Der Kaiser aber ließ in einem harten Schreiben den Abt und die ganze Brüderschaft seinen Unwillen empfinden, indem er zwar zunächst nur die Zuchtlosigkeit der Mönche verurtheilte, mittelbar aber dadurch den Abt um so empfindlicher in demjenigen angriff und beschuldigte, was so recht sein eifrigstes Bemühen und sein schönster Ruhm immer gewesen war. Und er verschmerzte diesen tiefen Kummer nicht wieder; einer Krankheit, die er sich dadurch zuzog, erlag er am 19. Mai 804.

Dem Segen seines Lebens folgte auch im Tode noch die allgemeinste Liebe und Verehrung nach. Schaaren von Menschen drängten sich zu seiner Leiche, als wäre sie mit wunderthätiger Kraft begabt. Sie wurde feierlich in der Kirche des heiligen Martinus zu Tours beigesetzt. In der Nacht, wo er starb, wollte man einen so hellen Lichtglanz über dieser Kirche gesehen haben, daß es schien, als ob sie in Flammen stände, als ob der Himmel sich geöffnet habe, um die scheidende Seele des frommen Mannes aufzunehmen. Ein Einsiedler in Italien wollte in derselben Stunde einen himmlischen Chor von Heiligen gesehen haben, in deren Mitte Alcuin, glänzend geschmückt, seinen triumphirenden Einzug in den Himmel gehalten.

Friedr. Lübker in Parchim.

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