Biographie und Martyrium Adolph Clarenbachs

Biographie und Martyrium Adolph Clarenbachs

Biographischer Vorbericht.

Unser Märtyrer für die evangelische Wahrheit war aus dem Herzogthume Berg, einem Lande wo auch jetzt das Evangelium herrlich blühet, und beglühet hat, während es in den meisten Gegenden unseres teutschen Vaterlandes von den Kanzeln nicht mehr zu vernehmen war. Sein Geburtsort hieß der Busch oder Buscher-Hof im Kirchspiele Luttringhausen, daher er sich in dem Briefe an den Grafen von Waldeck selbst Clarenbach zum Busche nennt. Zu Milde’s Zeit noch eine weitläufige, wohlbemittelte Familie Clarenbach, die ohnweit von Lennep bei der Crewinkelbrücke an der Wupper wohnte und mehrere Eisenhämmer besaß.Ihr damaliges Haupt hieß Peter Clarenbach, und war ein Greiß von 70 Jahren. Dessen Vater, Caspar Clarenbach zu Engerkusen, war 91 Jahre alt geworden, und auch sein Großvater, Johannes Clarenbach, ein Sichelschmied zu Gershagen, hatte ein hohes Alter erreicht; weswegen Milde meint, der älteste Ahnherr, dessen die Familie denken könnte, ein Messerschmied im Buscher-Hofe und der Vater dieses Johannes, könne wohl derselbe Bruder Adolphs gewesen seyn, von dessen Haushaltung auf dem Buscher-Hofe ins einen Verhören die Rede ist. Den Namen Clarenbach hatte diese Familie ohne Zweifel von dem Thale bei Luttringhausen, durch das die Clarenbach fließt, da es noch zu Milde’s Zeit nach ihrem ersten oder nachherigen Wohnsitze benannt waren. Auch der Name von Adolphs Mitmärtyrer, Peter Fleisteden, wird uns unten ein Beispiel hiervon geben, so wie die Namen anderer Personen, die in Adolphs Proceßgeschichte vorkommen.

Adolph wurde von seinen Eltern fleißig zur Schule gehalten, und hatte selbst auch einen besondern Trieb zum Lernen; daher er sich zum Studieren entschloß. Als er herangewachsen war, besuchte er die damals sehr berühmte Lehranstalt zu Münster, und kam hier zugleich in die heilsame Schule der äußern Noth, weil seine Eltern, wiewohl sie eine ziemliche Nahrung hatten, ihn nicht genugsam für seine Studien unterstützen konnten. (Vorrede zur Warh. Hist.) Darauf studirte er zu Köln und hatte hier zu Lehrern zwei Männer, Arnold von Tongern und Johann von Venradt, die nachmals, jener als erzbischöflicher Ketzermeister, dieser als Pfarrer zu St. Johann dem Täufer, seine Inquisitoren wurden. (S. unten die Verhöre.) Stets lebte er sittig, nüchtern, keusch, und war eines geduldigen Herzens. (Vorrede zur W. H.) Seine Studien hatten einen so glücklichen Fortgang gehabt, daß er sich im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen Kenntnisse erworben, die in dieser Zeit selten bei einander waren. Er konnte daher die Bibel in den beiden Grundsprachen lesen und war in ihr ungemein bewandert, wie er das seinen Inquisitoren nur zu sehr bewies.

Mit diesen Kenntnissen ausgerüstet, wurde er in Köln zum Magister-Noster gemacht, (S. die Verhöre) widmete sich aber mit ihnen nicht dem geistlichen Amte, sondern dem Schulwesen, bis er endlich doch einem Rufe als Diakonus in Meldorp im Holsteinischen folgen wollte, wozu es aber nicht kam. Er sträubt sich auch in seinen Verhören standhaft dawider, daß er Cleriker sey, wozu ihn seine Inquisitoren durchaus machen wollte, um ihm den geistlichen Eid zuschieben zu können. (S. die Verhöre) Vorsichtiger als Milde, der ihn Pastor nennt, heißt ihn daher Seckendorf (Am oben angef. O.) bloß einen Studiosus der Theologie.

Sein erstes Schulamt verwaltete er da, wo er selbst Schüler gewesen war, – in Münster, wo er 1523 als Conrector lehrte. (Hamelmann p. 1187.) In derselben Eigenschaft kam er darauf 1525 nach Wesel. (Ebendas. p. 1014. Daß er die Schule zu Lemgow dirigirt habe, giebt der Index zu Hamelmann unrichtig an. Der Verf. selbst sagt dies S. 244 von Arnold Broickschmied, einem von Clarenbachs Inquisitoren.) Schon in Münster war es ihm nicht genug, seine Schüler in den nöthigsten Schulkenntnissen zu unterrichten, sondern er suchte auch auf die Bürger zu wirken und ihnen das evangelische Licht anzuzünden. Es gelang ihm auch. Geweckt durch ihn aus dem Schlafe ihrer Kirche, kauften sie sich nun Luthers Schriften, die dort durch Handelsleute in Umlauf kamen; doch hat er, wie die Verhöre zeigen, weder jetzt noch später, irgend einem eine Schrift von Luther in die Hände gegeben und selbst auch nur weniges von dem, was der Reformator bereits geschrieben hatte, gelesen. Die Schrift selbst hatte ihn gelehrt, was Wahrheit ist, und überall lehrte er nun diese Wahrheit wieder, weil die Schrift sie befahl, nicht weil Luther oder sonst irgend einer sie empfahl.

Wie zu Münster, so ließ er hierauf auch zu Wesel sein Licht helle leuchten, und darauf zu Osnabrück, Lürich, Elberfeld, Lennep und Luttringhausen. Daher wurden die Feinde der Wahrheit sogleich auch seine Feinde. Schon da er Conrector in Wesel war, brachte der Fiscal Trip in Cöln Anklagen voll der gröbsten Lügen bei dem Cölner Officialis gegen ihn an; dieser meldete, was ihm Trip fälschlich berichtet hatte, dem Herzoge Johann von Clece, und der betrogene Fürst entsetzte den Unschuldigen seines Amtes und ließ ihm den Aufenthalt in Wesel aufkündigen. Doch entdeckte der Herzo später, wie sehr er betrogen worden war, und wollte Adolph in sein Amt und in alle genossenen Bürgerrechte wieder einsetzen. Dies erzählt er selbst in seinem Abschieds- und Vertheidigungsschreiben an den Rath und die Gemeinde von Lennep, (Dieser Brief ist von 1527. Er steht in der Warhafftigen Historia S. 1 ff. und wie oben erinnert, hat ihn Francke in seinem Schulprogramme aus Ludewig Rabus wieder abdrucken lassen. Nach Ranner haben ihn auch die Unschuldigen Nachrichten ad ann. 1728 p. 845 ff. aufgenommen. Ich entnehme bloß das Historische aus ihm, und setze ihn nicht ganz her. Ebenso mache ich es mit den beiden Briefen an den Grafen von Waldeck, die Clarenbach dem Schreiben an die Lenneper als Beilage beischloß. Sie stehen in der Warhafftigen Historia S. 36 ff.) und wiederholt es gegen Trip in den Verhören (Vergl. auch Hamelm. p. 1015.). In eben jenem Schreiben erzählt er auch, wie ihn die Pfaffen in Bürich verfolgt haben. Hier nemlich hielt er sich, vielleicht nachdem er Münster verlassen hatte, eine Zeit lang auf, wirkte nach Gewohnheit auch hier für die evangelische Erkenntniß und ging vertraut mit dem dortigen Pastor Klopreis um, von dem gleich im folgenden Kapitel die Rede seyn wird. Das war den Mönchen zu Dürsten ein Aergerniß; sie verklagten ihn mit groben Lügen bei eben dem Herzoge von Cleve, aber verhofften mit der bloßen Anklage zu ihrem Zwecke zu kommen; denn da sie sich stellen sollten und zu Rechte beweisen, fand sich keiner ein.

Von Wesel vertrieben, und begleitet von Landsleuten und Franzosen, kam er nach Osnabrück. Hier nahm ihn eine fromme Lydia, die Wittwe Warendorp, in ihr Haus auf, – eine Wohlthat, der er noch auf dem Wege zum Scheiterhaufen nicht vergaß. In der Wohnung dieser guten Frau erklärte er nun der Jugend das Evangelium Johannis nebst Melanchtons Dialektik, und lud darauf in einem gut lateinischen Anschlage, der sich bei Hamelmann erhalten hat, zu einer Vorlesung über den Brief an Philemon ein. Auch in der öffentlichen Schule gab er außerordentlichen Unterricht. Aber wie hätten die Pharisäer dies sein Wirken und Lehren lange dulden können, da es so ganz dem entgegengesetzt war, was sie lehrten und wollten? Wirklich brachten es schon im ersten Viertel des Jahrs 1527, nachdem er vielleicht nicht ein Jahr in Osnabrück gewesen war, die Domherren bei dem Bischofe dahin, daß er aus der Stadt gebannet wurde. (Dies alles bei Hamelmann p. 1127 ff.)

Er verließ Osnabrück zu Ostern mit einigen Zöglingen, die Clever und Cölner Eltern seinem Unterrichte anvertraut hatten. Diese brachte er daher erst wieder zu den Ihrigen und kehrte dann von Cöln aus nach seinem Geburtsorte, dem Buscher Hofe zurück, wo damals sein Bruder eine eigene Wirtschaft anfing. Hier wurde er nun der Lehrer derer, die ihn am nächsten angingen, – seiner Eltern, Brüder, Schwester, aber auch anderer Christen aus der Nachbarschaft. (Der Brief an die Lenneper.) Anfangs warnten ihn seine Eltern und warfen ihm öfter vor, daß er die Prälaten zu Cöln und die Doctoren der heil. Schrift eines bessern zu belehren sich unterstände. (Vorrede zur Warh. Hist.) Aber er antwortete mit Luthers Muth, mit Gottes Gnade wollt ich mit allen Mönchen und Pfaffen im Lande Bergen des Evangelii halber zum Feuer disputiren, möcht’ ich darüber untergehen oder siegen. (Brief an die Lenneper.) Mit Gottes Gnaden! sagte er; denn der christliche Muth, der allein wahrer Muth heißen kann, ist nie ohne Demuth und hat vielmehr seine Wurzel in dieser. Darum sprach er zu einer andern Zeit auf die Warnungen seiner Eltern: O daß Gott wollte, ich wäre würdig, um der Wahrheit willen zu leiden und zu sterben, aber ich besorge, Gott achtet mich viel zu gering dazu, daß ich um seines Namens willen getödtet werde. (Vorrede zur Warh. Hist.) Mehr aber als der Folgen, hatte er er seiner reinen Lehre selbst wegen mit seinen Eltern manchen Kampf zu bestehen, z.B. übe die Anbetung und die Göttlichkeit der Jungfrau Maria, über die Anrufung der Heiligen, über Vigilien etc. Dagegen aber waren sie auch in der ganzen Blindheit und Unwissenheit ihrer Zeit aufgewachsen, und der Mutter war selbst die Lehre von der Auferstehung eine unbekannte Sache geblieben. Sie nannte, was er davon sagte, eine närrische Rede, denn wie können Knochen, zu Pulver verbrannt, oder verweset, Fleisch, von Raben und Fischen verzehrt, wieder zu einem Leibe werden? (Warh. Hist.)

Anfangs dachte er nur kurze zeit bei seinen Eltern zu bleiben und dann gleich einem an ihn geschriebenen Rufe nach Meldorp, wo er Kaplan werden sollte, zu folgen, zugleich aber auch Bremen zu besuchen, weil man ihn auch hier gern gehört hätte. Aber sein Aufenthalt auf dem Buscherhofe dauerte den ganzen Sommer hindurch, doch so, daß er nicht bloß hier wirkte, sondern auch die benachbarten Orte besuchte. Auch jetzt blieben daher die Verfolgungen nicht aus. Sogleich, als er von Cöln aus in der Heimath angekommen war, wurde ihm hinterbracht, daß die Mönche wider ihn tobten und ihn als Ketzer verschrieen. Man ermahnte ihn ernstlich, sich davon zu machen, weil die Pfaffen darauf ausgingen, den herzog von Jülich zu vermögen, daß er ihn gefangen nehme. Andere hohe Personen gewannen sie wirklich gegen ihn. Godert Ketteler, Ritter und Drost zu Elberfeld und Vater des ersten Herzogs von Curland, wurde durch ihre Lügen so gegen ihn eingenommen, daß er öffentlich vor dem ganzen Kirchspiele sagte, wenn Adolph sich noch einmal in Elberfeld blicken ließe, so wolle er solch einen Gang mit ihm gehen, daß er das Wiederkommen wohl vergessen möchte; worauf sich aber Adolph mit wahrer christlicher Sanftmuth und Liebe erklärte. Eben so gelang es den Widersachern mit dem Grafen Franz von Waldeck, Domherrn von Cöln und Amtmann der Bienburg. Dieser schickte seine Hunnen (Schutzboten) nach Luttringhausen, und ließ in der dasigen Kirche öffentlich verkünden, daß Adolph sein Gebiet und Amt nicht wieder betreten sollte; würde er darin ertappt, so sollte die Bienburg seine Wohnung werden. (Dies alles erzählt er in dem Briefe an die Lenneper.) Leicht errathend, durch wen und durch welche Mittel der Graf zu diesem Bannbefehle bewogen worden sey, schrieb er vom Busche aus einen demüthigen Brief an ihn, worin er ihm folgende Vorstellungen machte: Diejenigen, die ihn, (den Grafen) zu diesem Schritte vermocht hätten, scheuen Wahrheit und Recht, und suchen durch Gleißnerei die Gewalt gegen ihn aufzubringen. Es möge ihm daher vergönnt seyn, sich gegen diese Widersacher zu verantworten, die nicht im Stande seyn würden, ihm mit irgend etwas zu beweisen, daß er gegen ihn, den Grafen, oder gegen den Herzog von Cleve oder sonst gegen eine Obrigkeit etwas Unerlaubtes und Unchristliches gesprochen oder gethan hätte. Auch gegen keinen andern Menschen habe er geredet. Gelehrt habe er, aber nie anders als nach der Schrift. Das alles erbiete er sich zu Rechte zu erweisen, entweder vor dem Grafen, oder vor dem Lenneper Gerichte, gegen Geistliche und Weltliche, Edle oder Unedle, Alte oder Junge. Aber auf diesen Brief bekam Adolpf gar keine Antwort. Er sandte noch einen zweiten, und dieser wurde gar nicht einmal angenommen, sondern dem Ueberbringer mit den Worten zurück gegeben: habe ich ihn etwa noch zu wenig warnen lassen?

Auf das alles hin beschloß er, diese Gegend zu verlassen. Entweder nun nachdem er sie verlassen hatte oder da er im Begriff war, es zu thun, erließ er an seine Lenneper jenes Abschiedsschreiben, wodurch er sie in den Stand setzen wollte, nach Wahrheit über sein Lehren und Thun zu urtheilen, was die Gerüchte auch über beides sagen möchten. Zugleich übermachte und widmete er ihnen ein ausführliches Glaubensbekenntniß, in dessen erstem Theile er erklärte, was er nach der heiligen Schrift glaubte, im andern, was er nach derselben nicht glaubte und nicht glauben dürfte. Es steht in der Warhafftigen Geschichte gleich hinter dem Briefe an die Lenneper, auf 25 Quartseiten, und stellt den Verfolgten ganz seinem rein-evangelischen Glauben nach treulich dar. Der erste Theil handelt über Gesetz, Evangelium, Glaube, Hoffnung und Liebe, und sagt hierüber ganz rein der Bibellehre gemäß: Der Mensch ist von Natur Sünder, könnte aber seine Sünde nicht erkennen, wäre nicht das Gesetz hinzugekommen. Wird ihm dann durch dieses seine Sünde offenbar, so entsteht im Menschen Zorn über das befehlende Gebot und seine Urheber, denn es deckt den Schaden auf, ohne ihn zu heilen. Das Gesetz kann daher nicht versöhnen und Keiner vermag durch des Gesetzes Werke vor Gott rechtfertig zu werden. Darum mußte darauf das Evangelium kommen und den durch das Gesetz verdammten und gedemüthigten Sünder wieder aufzurichten etc. Der zweite oder polemische Theil eifert gegen die Messe, das Verbieten von Speisen, das heidnische und pharisäische Gebeteplappern, gegen das falsche Fasten, die Anrufung der Heiligen, das Fegefeuer, das Cölibat der Geistlichen etc. Bei der Kürze des Raums, auf den ich mich bei dieser kleinen Schrift beschränken muß, darf ich mir nicht erlauben, aus diesem Glaubensbekenntnisse mehr mitzutheilen als ich gethan habe. Ueberdies würde dann von dem, was Adolph in demselben ausspricht, in der nun folgenden Geschichte seines Märtyrthums zu vieles wiederholt vorkommen. Nur zu vieles kommt schon in dieser selbst wiederholt vor, aber durch die Schuld seiner Inquisitioren, die immer hofften, er würde ein zweites oder drittes Mal, über ein und dasselbe gefragt, anders antworten, als er das erste Mal geantwortet hatte; worin sie sich aber betrogen.

Ein halbes Jahr nach seiner Flucht aus der Heimath finden wir ihn wieder mit Johann Klopreis zusammen, wie das folgende Kamptel zeigen wird. Ob er aber diese ganze Zeit über mit ihm zusammen gelebt oder ihn erst gegen Ostern des folgenden Jahres wieder aufgesucht hat, darüber schweigen die Nachrichten.

Clarenbach’s Gefangennehmung.

Im Jahre 1528 den 3ten April, Freitags vor Palmarum kam Clarenbach nach Cöln. Nicht ahnend, was ihm hier widerfahren würde, begleitete er seinen Freund Johann Klopreis dahin, um zu sehen, in welches Gefängniß sie ihn setzen würden, und um ihn vor dem geistlichen Gerichte treulich und nach Kräften zu vertheidigen, wo er Recht hätte. (Warhaffte Historia etc. S. 42 u. 88. Milde S. 16.) Auch dieser Klopreis nemlich war seit geraumer Zeit von den Pharisäern verfolgt worden. Auf ihren Betrieb war er schon 1525 (So nach Milde. Hamelmann p. 1255 hat statt dessen das Jahr 1527, aber gewiß unrichtig.) von dem Herzoge Johann von Cleve aus Bürich, einer kleinen Stadt bei Wesel, wo er als Geistlicher angestellt, die reine Lehre verkündigt hatte, vertrieben worden. Hamelmann p. 1015, 1048, 1255.) Aber das hatte ihn nicht gehindert, dennoch wieder dahin zu gehen und das Evangelium daselbst von neuem zu predigen; (That er dies im J. 1527, so erklärt sich vielleicht Hamelmanns so eben bemerkter Irrthum.) bis er jetzt abermals in seinem Wirken gehindert wurde. Denn jetzt mußte er – sey es auf Vorladung, Milde a.a.O.) oder als gefänglich Abgeführter (Hamelmann, p. 1015.) – sich einem geistlichen Gerichte in Cöln stellen. (Milde vermuthet, er habe nach seiner Vertreibung aus Bürich den Päpstlichen Besserung versprochen, weil sie zu Clarenbach in einem Verhöre sagen, Klopreis sey recidivus (in der Warhafften Historia etc. S. 90 steht verdruckt residuus,) und könne daher keiner Gnade mehr gewärtig seyn. Aber möchten sie ihn nicht vielleicht bloß deswegen so genannt haben, weil er es von neuem gewagt hatte, in Bürich das Evangelium zu lehren? Hat er sich aber jener Untreue und Unlauterkeit wirklich schuldig gemacht, so ist es um so weniger zu verwundern, daß er nachmals, da er aus dem Cölnischen Verhafte entronnen war, sich zu den Münsterischen Wiedertäufern schlug, und ungeachtet der damaligen, bekanntlich so schrecklichen Greuel dieser Sekte ein Anabaptist blieb, bis er als solcher mit Gottfried Stralen sein Leben auf dem Scheiterhaufen endete. Hamelmann p. 1254.)

Zu Cöln angekommen, wurde nun Klopreis vor dem Saale sogleich gefänglich angegriffen (So drückt sich hier unsere Quelle S. 42 aus, und es scheint demnach auch nach ihr, als sey er bloß als Vorgeladener, nicht als Gefangener nach Cöln gekommen. Doch könnte Hamelmann mit dieser Quelle und mit Milde vielleicht noch ausgeglichen werden, wenn man annähme, daß der Vorlader zugleich Befehl gehabt habe, ihn sogleich und sicher mitzubringen, und erst da er mit Klopreis vor dem Saale angekommen, dieser förmlich als Arrestant behandelt worden sey; was um so wahrscheinlicher wäre, wenn der Saal, wie der Name anzudeute scheint, ein damaliges Gerichtshaus gewesen ist.), und auf die Dranckporte ins Gefängniß gebracht. Seinen Begleiter Clarenbach nahm man vor dem Wirtshause zum Bäumchen fest, und setzte ihn auf den Franckenthurm, ein Gefängniß, in das die Gefangenen zuerst gebracht zu werden pflegten. Am Montage nach Palmarum aber ließen die Turmmeister, Gwelrichter (sonst Gewaltrichter genannt.), und andere Abgeordnete des Cölnischen Raths auch seinen Mitgefangenen in diesen Thurm bringen, und kündigten hier beiden an, daß sie, weil sie Geistliche wären, dem Unterdekan zum weitern Verfahren überantwortet werden sollten.

Dagegen konnte Klopreis nichts einwenden, Clarenbach aber protestirte. „Ehrsame, weise Herren, sagte er, ich bin kein Geistlicher, und gehöre also vor des Kaysers Gericht; vor dem muß ich gerichtet werden.“ – „Nun wohl, versetzten jene, wenn ihr denn kein Geistlicher seyd und vor das Gericht der Herrn (des Raths) gestellt zu werden begehrt, so nehmen Euch diese zwar an, aber bedenket wohl, daß, wenn Ihr vor dem weltlichen Gericht in die Enge kommt, Euch keine Vertheidigung mit irgend einem geistlichen Rechte mehr zustehen wird.“ Aber das waren leere Worte, durch die sich Clarenbach auch nicht abschrecken ließ. Er bestand darauf, daß er als Laye vor dem Gerichte seiner Herren müsse und wolle gerichtet werden, und wure daher in dem Franckenthurme gelassen, statt daß man seinen Mitgefangenen dem Unterdekan überlieferte. Nun erfolgten seine Verhöre durch weltliche und geistliche Herren.

Erstes Verhör.

Am Mittwochen nach Ostern, früh um 7 oder 8 Uhr, erschienen die Thurmmeister, die Gwelrichter, der Canzler und andere Herren auf dem Franckenthurme und ließen den Gefangeneen vor sich kommen.

Adolph, hub der Canzler an, hier sind meine Herren, vom ehrsamen Rathe abgeschickt, Eure Sache zu verhören, und wollen zuerst wissen, auf welche Art Ihr vor Jahren von Wesel weggekommen seyd?

Adolph. Ich war hier Conrector (Gehülfe) des Rectors, und dieser gab mir den Abschied. Canzler. Aber wie ist das zugegangen? Sagt uns die Wahrheit, denn es wird doch so an den Tag kommen. Thut Ihr das, so wird es Euch glimpflicher gehen.

Jetzt erzählt Clarenbach, welche Lügen der Fiskal Trip zu Cöln beim Official über ihn vorgebracht, und daß dieser dann die lügenvolle Anklageschrift des Fiskals an den Fürsten von Cleve, Johann III, geschickt habe, begehrend, Seine fürstlichen Gnaden wollen doch der Stadt Wesel Befehl thun, daß sie dem Adolph Clarenbach keinen llängern Aufenthalt gestatten sollte. Fürst Johann habe diesen Befehl wirklich ergehen lassen, und ihm sey dann durch den Bürgermeister von Wesel der Aufenthalt in der Stadt aufgekündigt. (Daß aber Fürst Johann nachher Trips Lügen erkannte und dem Vertriebenen gestattete, sich wieder in Wesel aufzuhalten, sahen wir oben Nro. 2. Ueber Trips Lügen weiter unten noch zwei Stellen.) Sogleich habe er sich dann in Gehorsam von dannen begeben, und den Rath zu Wesel bloß ersucht, ihm ein Geleite gegen Gewalt beizugeben. Das sey geschehen, und er danke dem Rathe dafür.

Hierauf legte ihm der Canzler nun noch allerlei Dinge zur Last und befragte ihn darüber. Adolph antwortete: „Ich weiß nicht, daß ich anders gehandelt habe, als einem frommen Christen geziemet. Will man mich aber des Gegentheils beschuldigen, so bringe man den Ankläger vor mich, daß er Fuß bei Fuß stelle und Mund bei Mund.“

Canzler. Adolph, das ist in diesem Falle nicht nöthig, weil Ihr mit der neuen lutherischen Lehre in Gerücht seyd. Drum fragen Euch meine Herren nun, ob Ihr’s mit dieser neuen Schriftauslegung haltet, oder mit den Concilien und der alten Auslegung?

Adolph. Ich halt’s insonderheit mit deren keiner, sondern mit Christo, von dem ich den Namen Christ habe. Worin aber die alten Ausleger, die Concilien und die Lutheraner mit dem Herrn Christo und seiner Lehre übereinkommen, da halt ich’s mit ihnen, worin sie aber nicht damit übereinkommen, da halt ich’s nicht mit ihnen.

Canzler. Aber hier sind doch zwey Secten, die alte und die neue, mit einer von beiden müßt Ihr’s doch halten? So sagt uns nun, mit welcher Ihr’s haltet? Thut Ihr das nicht, so müssen wir Euch andere Leute unter die Augen stellen, die dazu verordnet sind und die euch wahrlich anders vornehmen werden.

Adolph. Einem Christen gebühret nicht, es mit Secten zu halten, noch sich irgend eines Menschen zu rühmen, wie Paulus lehret (1. Corinth. V. 21-23) sondern er soll sich halten an das gewisse Wort der Lehre Christi. Darum habe ich gesagt, daß ich mich der beiden Secten, wie Ihr sie selbst so nennt, keiner berühme, sondern des Herrn Jesu Christi allein.

Canzler. Adolph, da ihr uns keinen andern Bescheid gebet als diesen, so werdet ihr andere Leute zu sehen bekommen, die euch die Sachen härter vorlegen, als meine Herren jetzt gethan haben. Doch wollen wir, was Ihr gesagt habt, unsern Herren vom Rathe vortragen, und Euch, so viel als möglich ist, helfen, daß Ihr dieses Gefängnisses entlassen werden möget.

Adolph. Darum bitte ich um Gottes Willen, Ehrsame und Gnädige Herren!

Somit wurde Adolph in seine Haft wieder zurückgeschickt.

Zweites Verhör.

Am andern Dienstage nach Ostern kamen die vorigen ehrsamen Herren vom Rathe wieder auf den Franckenthurm, und mit ihnen die Geistlichen und Ketzermeister, zusammen an zehn Personen. Adolph wurde vorgeführt und der Canzler fing an: Adolph, diese würdigen Herren, die Ketzermeister samt den übrigen Verordneten, sind da, Euch zu fragen, was denn Euer Glaube ist?

Adolph. Ehrsame, Weise, Fürsichtige liebe Herren, wie ich gleich Anfangs begehret habe, von Euch, die ihr an des Kaysers und einer ganzen ehrsamen Gemeinde zu Cöln Statt sitzet, und nicht von Geistlichen gerichtet zu werden, so begehre ich das jetzt auch noch, –

Canzler. (ihm in die Rede fallend) Gut, auf den Kayser hast du dich berufen, zum Kayser sollst du auch kommen!

Adolph. Nun bringt es aber das kayserliche Recht mit sich, daß dem Verklagten, der verhört wreden soll, seine Kläger gegenwärtig gestellt werden. Ich begehre daher demüthiglich, man wolle mir, den Rechten gemäß, keine Kläger ins Gesicht stellen, wenn ich verhört werden soll.

Canzler. Habt Ihr eines gelesen, so muß Euch auch das andere bekannt seyn. Ich meine, Ihr könnt wissen, und ist Euch auch schon bei dem ersten Verhöre gesagt worden, daß, weil Ihr der unrechten Lehre beschrien seyd, das Verfahren, von dem Ihr sagt, nicht angewendet zu werden braucht, sondern man muß mit Euch einen andern Weg gehen; – welchen aber? das zu entscheiden sind diese würdigen herren eben hier.

Adolph. Aber hat man diesen Weg Rechtens doch auch St. Paulo nicht verweigert, da er auch der unrechten Lehre beschrieen war. (Apostelgesch. 23, V. 35.) Er wurde aus der Juden, der Hohenpriester und der Pharisäer blutgierigen Händen erlöst, und durfte sich gegen sie verantworten.

Magister Roster, Johann von Venradt. (Pfarrer zu St. Johannis, des Täufers.) Wie St. Paulus schreibet, so darf es hier nicht zugehen.

Adolph. Aber ich hoffe doch, und vertraue durch Christum unsern Herrn, daß mir eine christliche Obrigkeit gestatten werde, was eine heidnische dem Apostel Paulo nicht verweigerte, ja sogar anbot, indem sie sagte: Ich will dich verhören, wenn deine Ankläger gegenwärtig sind.

Die Geistlichen. Ja, das war ein ander Ding, deine Sache ist eine geistliche!

Adolph. War doch St. Pauli Sache auch geistlich, und viel geistlicher noch als diese, wie in den Geschichten der Apostel klärlich zu lesen.

Hierauf schwiegen Alle stille. Der Canzler brach endlich das Stillschweigen und redete den obersten Ketzermeister, Arnold Broickschmied (Es war ein Lemgoer, Doctor der geistlichen Rechte, und Official zu Cöln. Warhaffte Historia S. 41. Er hatte, ehe er nach Cöln kam , die Schule in seiner Vaterstadt Lemgo dirigirt, war ein gelehrter und berühmter Mann von großen Ansehen. Hamelmann p. 244.) an: „Magister Roster, meiner Herren vom Rathe Verlangen ist, daß Ihr diesen Mann nach Euerer Weise untersuchen wollet.“ – Der Ketzermeister sagte also zu dem Gefangenen: Adolph, wir sind nicht daher gekommen, mit Euch zu disputiren, sondern, da ihr berüchtigt seyd der Ketzerei, Euch zu fragen, was Euer Glaube ist; und wenn Ihr etwa irretet, so wollten wir Euch gern eines bessern unterrichten, so gut wir’s vermöchten, wo Ihr anders Euch unterrichten lassen wolltet.

Adolph. Würdige Herren, ich habe meinen Herren vom Rathe schon neulich gesagt, und sage es noch, daß ich glaube, was ein Christenmensch glauben muß, nemlich die Artickel des Glaubens: Ich glaube an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde etc.

Johann von Venradt. Das thun die Juden auch!

Adolph. Aber sage ich nicht, daß ich alle Artikel des Glaubens annehme? Das thun ja aber die Juden nicht; denn sie glauben nicht an Jesum Christum, an den heiligen Geist, an die heilige christliche Kirche.

Johann von Venradt. Er hat den Teufel in sich!

Adolph. Herr, Ihr sollt mich nicht richten; der Herr Christus wird mein Richter seyn!

Johann von Venradt. Ich richte Euch nicht.

Arnold von Tongern. (Ketzermeister von Seiten des Bischofs zu Cöln. Päpstlicher Ketzermeister über Mainz, Trier, Cöln war Conrad Köllin aus Ulm, ein Prediger-Mönch. Warhaffte Historia S. 42.) Ihr seyd der Ketzerei halben berüchtigt, darum ist es nicht genug, daß Ihr euch mit den Glaubensartikeln verantwortet, sondern Ihr müßt uns Rede geben auf das, was wir Euch fragen werden.

Adolph. Der Ketzerei berüchtigt sey ich, sagt ihr? Aber das Gerücht erzählt sowohl Lügen als Wahrheit; darum ist es, den Rechten gemäß, nöthig, erst zu beweisen, was das Gerücht sagt.

Arnold von Tongern. Es ist alles bewiesen.

Adolph. Ich aber weiß von keinen Beweisen. Man müßte sie in meiner Gegenwart geben, daß ich im Stande wäre, mich vor meinen lieben Herren vom Rathe dagegen zu verantworten.

Arnold von Tongern. Herr Fiskal, Ihr klaget ja diesen Mann eines solchen Gerüchts halben an, und Euch ist es genugsam bewußt, daß das Gerücht Wahrheit ist.

Fiskal Trip. Ja, Herr, das ist es!

Arnold von Tongern. Recht!

Adolph. Aber eben dieser Fiskal Trip hat vor einem Jahre in seiner Klage wider mich in dieser Sache diee unverschämtesten Lügen vorgebracht; durch den Official sind sie an meinen gnädigen Herren Fürsten von Cleve gelangt und haben mich bei demselben so in Ungnade gesetzt, daß ich genug zu thun hatte, durch Herren und Freunde seine Gunst und mein Recht zu erhalten. Was kann also der Fiskal mich eines Gerüchts halben anklagen, das er selbst mit unverschämter Lüge ersonnen hat?

Arnold von Tongern. Nun, Adolph, der erste Artikel ist also, ob Ihr auch glaubet, daß der Papst ein Haupt der Kirche ist?

Adolph. Als ich noch hier in Cöln studirte, und uns Magister Roster (Dies war eben der jetzt gegenwärtige Magister Roster Johann von Venradt. Denn unter ihm hatte Clarenbach zu Cöln studirt. Auch der Ketzermeister Arnold von Tongern. war hier sein Lehrer gewesen. Milde S. 8 f.) am grünen Donnerstag Abend Collation auf der Börse gab, ermahnte er uns, nicht viel Disputirens zu machen, wenn wir wegen unseres Glaubens versucht, und gefragt würden: „was glaubest du?“ sondern wir sollten es machen, wie ein in Todesnöthen Daliegender, der auf die Frage: „was glaubest du?“ antworte: „was die heilige Kirche glaubt.“ – „Was glaubt die heilige Kirche?“ – „Was ich glaube.“ Da ich denn nun jetzt auch wegen des Glaubens versucht und gefragt werde, so sage ich nach der Anweisung meines Lehrers auch: ich glaube, was die heilige allgemeine Kirche glaubt; diese glaubt aber nichts anderes als was die Glaubensartikel besagen, also glaube ich auch nichts anderes.

Arnold von Tongern. Das ist auf unsere Frage nicht geantwortet! (Es war aber allerdings darauf geantwortet.) Ich frage, ob der Papst ein Haupt der heiligen Kirche sey, und Ihr das glaubet?

Adolph. Anders als ich gethan, kann ich hierüber nicht also gleich Antwort geben. Ich habe über die Sache nicht eben studirt und Bücher nachgelesen, daß ich gleich das Rechte bei der Hand hätte, was auf Eure Frage zu sagen ist. (Daß Clarenbach mit dieser Antwort ausweichen wollte, ist bei dem derben Bescheide, den er gleich hierauf übe den Papst als Haupt der Kirche giebt, nicht denkbar. Um nachzuweisen, mit welchem Unrecht sich der Papst zum Haupte der Kirche gemacht hätte, bedurfte er Bedenkzeit und gewiß auch der Hülfe von Büchern, da die Kirchengeschichte nicht das Fach war, das er studiret hatte.) Ihr aber habt euch lange besonnen und wißt’s aus Büchern, was Ihr mir vorlegen wollt. (Im Original heißt es: „auf welche (Frage) Eure Würden sich so lang besunnen, wie sir mir fur wollten stellen, dazu in Schriften verfaßt.)

Arnold von Tongern. Herr Notar, (Herrmann Broil (Warhaffte Gesch. S. 95. Er war Notar des hohen Gerichts und ist nicht zu verwechseln mit dem Notar des Raths von Cöln, Nicol. von Dülmen. (S. 42.)) schreibt: er hat nicht antworten wollen! – Und Ihr, ehrsame Herren, wisset, daß treffliche Junkherren aus dem Clever Lande, die Adolph auch wohl kennen wird, mir geschrieben haben, daß Johann (D.i. Johann Klopreis) und er dort Viele geärgert und auf öffentlicher Straße gesagt: alle Dinge seyen schlecht. Adolph habe sich hier und da auf die Gassen gestellt und ganzen Rotten gepredigt.

Adolph. Mit Verlaub, Magister Roster, das ist nicht wahr!

Arnold von Tongern. Und wäre solcher Unfug, schreiben die Junkherren weiter, nicht bei Zeiten gestraft worden, so würden noch viel mehr Leute geärgert worden seyn. Ich habe die Briefe da bei mir. Doch ich hätte davon geschwiegen, wenn Adolph sich willig gegeben hätte zu antworten. Ich frage Euch aber noch ein Mal, Adolph, ob Ihr glaubet, daß der Papst ein Haupt der Kirche sey?

Adolph. Nein, denn ich glaube, daß Christus ein Haupt der heiligen Kirche ist; wäre nun der Papst auch ein solches Haupt, so wäre die Kirche ein Monstrum mit zwei Köpfen.

Joseph von Venradt. Hilf Gott, was saget Ihr? Ich wollte so etwas nicht für diese Kammer voll Gulden gesagt haben!

Arnold von Tongern. Glaubet Ihr denn nicht, daß man dem Papste und den Bischöfen gehorsam seyn solle?

Adolph. Ja, wenn sie Gottes Wort predigen und gebieten, so soll man ihnen so gehorsam seyn, wie Christo selbst; wann sie das aber nicht thun, soll man ihnen nicht gehorchen.

Arnold von Tongern. Spricth doch St. Petrus, seyd gehorsam euerm Herrn mit aller Furcht, auch den ungeschlachten.

Adolph. Das sagt St. Peter zu Hausknechten, die unterthan seyn sollen ihren leiblichen Herren. (1. Petr. 2, V. 18.) Er sagt also nichts von Päpsten und Bischpfen; das aber lehret er kurz vorher, daß man der weltlichen Gewalt gehorsam und unterwürfig seyn solle.

Arnold von Tongern. Wenn aber Kayser und weltliche Obrigkeiten wider das Wort Gottes sind, soll man ihnen dann auch gehorchen?

Adolph. Nein, denn man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen. (Apostelg. 5.)

Arnold von Tongern. Sehet, so allgemach möcht’ es besser werden. (Man sieht aber nicht, was nun schon gewonnen war. Uebrigens bemerke man in dem jetzt Folgenden die schlauen Uebergänge von dieser Frage zu andern: „Darf man der Obrigkeit gehorchen, wenn sie wider Gottes Wort etwas befiehlt?“ – „Darf man einen Eid schwören?“ – „Darfst du einen Eid schwären?“ – Sagte Adolph unbedingt, man darf gar keinen Eid schwören, so sprach er gegen die Gesetze der weltlichen Obrigkeit. Sagte er aber unbedingt, ja man darf schwören, so mußte auch er den Eid leisten, den man jetzt von ihm wollte.) Nun will ich Euch noch ein anderes fragen, Adolph; glaubet Ihr, daß man einen Eid schwören darf um der Wahrheit willen?

Adolph. Der Herr Christus lehret, daß wir allerdinge nicht schwören sollen, sondern „unsere Rede soll seyn, Ja, Ja, Nein, Nein, was darüber ist, ist vom Bösen.“

Arnold von Tongern. Soll man denn in keinem Falle einen Eid schwören?

Adolph. Ja, wenn er der Ehre Gottes und der Liebe des Nächsten wegen nothwendig ist.

Arnold von Tongern. Glaubet Ihr denn auch wohl, daß Ihr einen Eid schwören dürft um der Wahrheit willen?

Adolph. Würdiger Herr, darauf zu antworten, bin ich nicht sogleich gefaßt, und begehre, daß mir Zeit gelassen werde, darüber nachzudenken. (Denn er mußte sich fragen: warum will man gerade wissen, ob ich wohl glaube, daß ich einen Eid schwören könne?)

Arnold von Tongern und die Uebrigen. Wie, darauf solltet Ihr nicht antworten können? Ein Kind müßte die Antwort auf unsere Frage wissen!

Adolph. Eurer Würden dünkt freilich diese Antwort leicht, weil Ihr so lange darüber nachgedacht habt; ich armer Tropf aber komme aus der Kinderschule und vom Schulstaube weg, wie sollt’ ich sogleich auf Fragen Bescheid geben können, die mir nie vorgekommen sind? Da ich zu Cöln Magister werden wollte, studirte ich ganze drei Jahre über den Fragen, die ich in der rothen Kammer beantworten sollte, und ging das letzte halbe Jahr mit meinen Cameraden ad reparationes, daß ich die Fragen recht in den Kopf fassen und in rother Kammer gut darauf antworten möchte. Wie sollt’ ich Euch denn nun unvorbereitet auf eine Frage antworten können, über die ich nie nachgedacht habe?

Johann von Venradt. Da sitzt der Bube und lacht unser!

Adolph. Herr, ich bin kein Bube, und habe auch nicht gelacht.

Johann von Venradt. Reparationes, reparationes! Wäret Ihr bei den reparationibus geblieben, so wär’s viel besser gewesen!

Adolph. So begehre ich denn also, daß mir erlaubt werde, über diese Frage nachzudenken.

Arnold von Tongern. (zu dem Official und den Uebrigen.) Meine Herren, darüber müssen wir uns berathen.

Sie beriethen sich eine Zeitlang, kamen dann wieder, und Arnold von Tongern. sprrach: Adolph, wir haben uns berathen, und weil Ihr denn so hart auf Bedenkzeit bestehet, so wollen wir sie Euch bewilligen, wiewohl wir es nicht schuldig sind. Dagegen wollen wir aber von Euch einen Eid, daß Ihr über die Artikel, die wir Euch vorlegen, nach der Wahrheit schriftliche Erklärung geben wollet.

Adolph. Die Wahrheit will ich Euch schreiben, aber auf mein Ja und mein Nein, drüber darf ich nicht thun.

Arnold von Tongern. Ihr habt mir doch selbst gesagt, man könne wohl schwören, wenn es der Ehre Gottes und der Liebe des Nächsten wegen nothwendig sey. Nun seyd Ihr aber übel berüchtigt, und bessert es den Nächsten nicht, wenn dies böse Gerücht durch Euren Eid niedergeschlagen wird?

Adolph. Ich habe aber vorhin gesagt, daß dies Gerücht Lüge, und das Gegentheil noch zu beweisen sey.

Arnold von Tongern. Es ist bewiesen!

Adolph. Nein doch, es ist mir noch nicht bewiesen und meinem gnädigen Fürsten von Cleve auch nicht.

Großprediger Münch. (Licentiat zu Cöln, zu Paris Magister Noster geworden. Warhaffte Historia S. 42.) Aber die Liebe strecket sich doch auch zu sich selbst.

Adolph. Anders sagt St. Paul, die Liebe suchet nicht das ihre. 1. Cor. 13.

Arnold von Tongern. Nun hören wir öffentlich, daß Ihr irret. Sagt nicht der Herr Christus, habe deinen Nächsten lieb als dich selbst? Muß man sich also nicht selbst lieb haben?

Adolph. Der Herr Christus gebeut in diesem Spruche nicht, daß wir uns selbst lieben sollen, sondern unsern Nächsten. Weil wir uns aber selbst so überaus lieb haben, so will der Herr, daß die Liebe, die wir dem Nächsten schuldig sind, unserer falschen Selbstliebe gegen uns selbst an Stärke gleich seyn solle. Christus und Paulus also stimmen fein überein.

Johann von Busco. (Magister Noster, Canonicus zu St. Gereon und Pfarrer zu St. Paul a.a.O.) Aber wer es mit sich selbst nicht gut mein, wie kann der andern gut seyn?

Arnold von Tongern. St. Petrus sagt, “seyd allezeit bereit zu antworten jedermann, von der Hoffnung, die in euch ist.” Darum wäret Ihr ja billig schuldig, auf die Euch vorgelegten Punkte willig zu antworten, ohne daß wir Euch Bedenkzeit dazu geben, wie wir daszu thun versprochen haben, wenn Ihr den Eid ablegt.

Adolph. St. Petrus handelt aber von der Hoffnung, die in uns ist, und welcheHoffnung in mir ist, darüber habe ich mit Hersagung der Glaubensartikel schon vorhin Antwort und Zeugniß gegeben.

Johann von Busco. Aber man bekennet sich ja doch mit dem Munde zur Seligkeit.

Adolph. wohl, mit dem Munde bekenne ich ja aber auch, daß Christus der Herr ist.

Arnold von Tongern. Noch einmal, Adolph, wollt Ihr uns den Eid ablegen, so wollen wir Euch Eurem Begehren gemäß gestatten, mit Vorbedacht Eure Erklärung über die Artikel zu schreiben.

Adolph. Man gebe mir die Artikel, so will ich darüber die Wahrheit schreiben, mit der Gnade Gottes und einfältiglich, mit Ja, Ja, Nein, Nein, wie mir der Herr Christus befohlen hat.

Arnold von Tongern. Wollt Ihr also den Eid nicht ablegen?

Adolph. Nein, denn das hat mir der Herr Christus verboten.

Arnold von Tongern. Höret, er sagt, daß die Bürger keinen Eid leisten dürfen!

Adolph. Das sage ich nicht, und bitte, man wolle mir nicht Schuld geben, weiß ich nicht schuldig bin. Sagte ich vorhin nicht, wenn es der Ehre Gottes und der Liebe des Nächsten willen nöthig sey, so möge man schwören?

Arnold von Tongern. Ehrsame Herren vom Rathe, so seyd Ihr also Zeugen, daß wir ihm genug angeboten haben, er sich aber geweigert, den Eid zu thun, und der heiligen Kirche ungehorsam ist. Wollet also solches meinen Herren vom Rathe vortragen, darauf zu erkennen, was Recht ist. Will er durchaus nicht schwören, so müssen wir ein anderes mit ihm vornehmen.

Adolph. In Gottes Namen; was Gott will, das muß geschehen. – Aber, Herr Notar, vergeßt nicht, das mit anzumerken, und mir für mich und meine freunde dann das Instrument darüber auszufertigen, (Wohl bedächtig erfüllte der Notar diese Notar-Pflicht nicht, wie weiter unten vorkommt.) daß mir die Geistlichen verweigert haben, was Gang und Weg Rechtens ist, und nicht gethan, was der Herr selbst will, wenn er sagt: „Habe ich übel geredet, so beweise es. Denn auch ich sage: habe ich übel oder unchristlich gehandelt, so beweiset mir es. Und wie der Herr weiter spricht: „habe ich aber wohl geredet, warum schlägest du mich?“ so sage auch ich weiter: habe ich aber wohl gehandelt, warum haltet Ihr mich denn in der Gefängniß? Auch Paulo ist, wie gesagt, dieser Weg Rechtens und noch dazu von einer heidnischen Obrigkeit zugestanden worden.

Jetzt standen Alle auf. Johann von Busco aber trat zu dem Verhörten und sprach: Adolph, laßt Euch unterrichten, jeder ist in seiner eignen Sache blind, darum folgt und thut den Eid!

Adolph. Ich handle hier, wie mir der Herr Christus befohlen hat. Damit bin ich mit Ihm und Er ist mit mir.

Notar. Ja, dürft Ihr sagen, daß Christus mit Euch sey?

Adolph. Wohl darf ich das, denn davon habe ich ja den Namen Christ, un wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

Hiermit ließen die Herren vom Rathe Adolph noch trinken, und dann ins Gefängniß zurückführen.

Drittes Verhör.

Vier Wochen darauf, am Dienstage vor Himmelfarth, kamen die Herren vom Rathe nebst den Ketzermeistern und übrigen Geistlichen wieder auf den Franckenthurm und ließen Adolph vor sich kommen. Der Thurmmeister einer redete ihn an: Adolph, hier sind nun diese würdigen Herren wieder, zu hören, weß Ihr Euch besonnen habt, ob Ihr den Eid leisten wollet, oder nicht?

Adolph. Ehrsamen, weisen lieben herren, ich habe Euch die Ursache gesagt, warum ich diesen Eid nicht thun darf, nemlich weil nach dem Worte des Herren Christus Matth. 5. alles Schwören verboten sey, außer wenn’s die Ehre Gottes und die Liebe des Nächsten erfordern. Und wie ich von diesen weisen Herrn begehrte, mir zu beweisen, daß Gottes Ehre und die Liebe des Nächsten es seyen, die in diesem Falle einen Eid von mir erheischen, haben sie mir geantwortet, daß die Liebe sich auch zu sich selbst strecke, da doch nach Paulus an die Corinther die Liebe nicht das ihre suchet, und derselbe Apostel an die Philipper schreibt: „ein jeder sehe nicht auf das seine, sondern auf das, was des andern ist.“ Wie wir denn in der Schrift schöne Exempel genug davon haben, daß einer nicht das seine gesucht hat, vornemlich an unsern Herrn selbst, der sich selbst nicht geliebt hat, sondern uns, desgleichen an Paulus, wenn er begehret, verbannet zu werden für seine Brüder, oder an Moseh, als wünschte aus dem Buche der Lebendigen gestrichen zu seyn.

Arnold von Tongern. Wir sind nicht gekommen, mit Euch zu disputiren, Adolph, sondern weil Ihr der Ketzerey berüchtigt seyd, Euch zu fragen, was Euer Glaube sey?

Adolph. Nun darauf habe ich ja mit den Glaubensartikeln geantwortet, nemlich, daß ich glaube an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde etc.

Indem er nun von neuem das apostolische Bekenntniß wieder hersagen wollte und an die Worte kam: „ich glaube an den heiligen Geist, an eine heilige allgemeine Versammlung etc,“ unterbrach ihn Johann von Venradt und sagte: seht, da haben wir ihn! Soll man nicht sagen: eine heilige christliche Kirche?

Adolph. Lieber Herr, rufet nicht zu laut, ehe ihr gewonnen habt! Die heilige allgemeine Versammlung ist die heilige christliche Kirche; denn Kirche (ecclesia) heißt Versammlung.

Steinwich. (Dieser ist in der Warh. Hist. S. 42 unter Clarenbachs Richtern nicht mit aufgeführt.) Aber es steht ja doch da katholische Kirche, und Ihr sagt allgemeine?

Adolph. Wisset Ihr noch nicht, was catholicus heißt, könnt Ihr kein Griechisch? Catholicus heißt zu Latein universalis und zu Teutsch allgemein, oder was sich von einem zu allen und von allen zu einem erstrecket. Erzürnet Euch doch nicht so, liebe Herren, ich zürne auch nicht.

Johann von Venradt. Was heißt denn ecclesia?

Adolph. Zu Latein congregatio, zu Teutsch Versammlung oder Kirche.

Nun fuhr Adolph in dem Glaubensbekenntnisse fort: „Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.“ Sehet würdige Herren, das ist mein Glaube!

Johann von Venradt. Das glauben die Juden auch.

Adolph. Nicht doch, wie ich Euch schon letzthin gesagt habe. Die Juden glauben nicht an alle diese Artikeln, ich aber bin ein Christenmensch und glaube sie durch die Gnade Gottes, und davon sollt Ihr mich nicht abbringen, hättet Ihr auch alle Teufel zu Hülfe.

Johann von Busco. Man wird Euch hier andere Artikel vorhalten!

Adolph. Ja, wollt Ihr neue Artikel des Glaubens machen? Wer hat Euch dazu Gewalt gegeben? Ich bleibe bei den alten, die mich meine Mutter gelehrt hat, und hätte ich nie einen Buchstaben gelernt, so müßte ich doch durch den Glauben, den diese Artikel in sich halten, selig werden; mit Gottes Gnade will ich dabei bleiben.

Arnold von Tongern. Nun, so werdet Ihr zum Kayser gehen müssen!

Adolph Wohl, ist doch St. Paulus auch zum Kayser gegangen!

Johann von Busco. Ja, St. Paulus hatte einen andern Geist.

Adolph. Wir haben denselben Geist, den St. Paulus hatte, weil nicht mehr denn Ein Geist ist, und müssen uns für Christen bekennen, wenn wir gleich nicht so vollkommen sind, als St. Paulus gewesen.

Johann von Busco. Dürft Ihr Euch frech rühmen, ein Christ zu seyn? Wir dürfen das nicht.

Adolph. Wie, Ihr dürft Euch nicht rühmen, Christen zu seyn? So habe ich es also nicht mit Christen zu thun, sondern mit Unchristen. Ich sage aber nochmals, daß ich mir nicht bewußt bin, anders gehandelt zu haben als ein Christ. Habe ich aber anders gehandelt, und bezeuget also mein Leben, daß ich einen andern Glauben habe als ein rechter Christ, so beweise man es mir. Habe ich aber nicht so gehandelt, warum hält man mich denn in dieser Gefängniß?

Arnold von Tongern. Wir sind bereit Euch alles vorzuhalten, warum Ihr hier gefangen sitzt; erst aber müßt Ihr den Eid thun.

Adolph. Den darf ich aber nicht thun, weil es mir der Herr Christus verboten hat. Dazu wäre ja auch ein Eid, unter meinen Umständen gethan, wider alle Ordnung des Rechts und gegen alle Vernunft.

Arnold von Tongern. Nehmet nur einmal das Decretum und die Decretales Clementinas, so werdet Ihr wohl finden, daß Ihr den Eid zu thun schuldig seyd.

Steinwich. Und der Kayser hat es ja in seinem Codex de jure jurando, daß Ihr in solchem Falle schwören müßt; wie könnt Ihr denn sagen, daß ein solcher Eid wider die Ordnung des Rechts sey?

Adolph. Würdige Herren, ich kann ein wenig Letein, von Gottes Gnaden; ich bitte, legt mir das Buch her, daß ich darin nachsehe.

Steinwich. Ich habe wohl eher einem Doctor des Wahren berichtet, kann ich’s Euch denn nicht?

Adolph. Daß Ihr das gethan habt, will ich nicht bestreiten; aber ich für meine Person kann Euch in diesem Falle nicht glauben. Denn Ihr habt mir hier neulich die heilige Schrift nach Euerm Wahn, nicht nach ihrem natürlichen Sinne erklärt, und erlaubt Ihr euch das bei dem Worte Gottes, wie viel mehr werdet Ihr’s bei einem menschlichen Gesetzbuche thun?

Steinwich. Wie, das hätt’ ich gethan?

Adolph. Nein, Ihr persönlich nicht, sondern ich spreche im Allgemeinen. Es geschahe vor Euch allen, Ihr saßet mit dabei und sagtet nichts dagegen. Es war der Spruch Petri: Ihr Hausknechte etc., den Ihr zu Euern Gunsten verdrehetet.

Steinwich. Ich darf wohl sagen, daß Ihr nicht recht einfältig von Christo glaubeet.

Adolph. Wie dürft Ihr Gott in sein Gericht greifen, und etwas sagen, was Ihr mit keinem Düpflein beweisen könnt? Ja, wenn Ihr alle zusammengeschmolzen würdet, so könntet Ihr mir so etwas doch nicht beweisen. Und ich sage auch noch, wenn Ihr so viel wider mich aufzubringen hättet, als ich wider Euch habe, – denn Ihr habt das Wort Gottes verdrehet – so wären zehn Feuer nicht genug, mich zu verbrennen.

Arnold von Tongern. Adolph, damit wir die Zeit nicht unnütz verlieren, so sage ich noch ein Mal, wollt Ihr uns den Eid thun, so sind wir erbötig, Euch die Artikel vorzulegen.

Adolph. Ich darf keinen Eid thun, denn es ist wider Christi Lehre und Gebot.

Arnold von Tongern. Ehrsame, fürsichtige Herren, so nehme ich Euch denn abermals zu Zeugen, daß wir ihm zwei Mal gerichtlich angeboten haben, ihm die Artikel zu übergeben, er uns aber den Eid verweigert hat. Wir empfehlen Euch daher, daß Ihr ihn in Gewahrsam haltet, und ihn vermöget, uns den Eid zu thun und dann auf die Artikel zu antworten.

Adolph. Ich aber protestire dawider, daß mich der Ketzermeister auf den Eid dringen will, gegen das Gebot Christi, wider die Rechte, und wider das gewohnte Verfahren der ehrsamen, würdigen Herren von Cöln, und versagen mir den Gerichtsgang, den der Herr selbst gut geheißen, und eine heidnische Obrigkeit seinem Apostel Paulo verwilligt hat.

Nun standen Alle auf. Magister Roster (Johann von Venradt) rief aber den Gefangenen allein zu sich, und stellte ihm vor, daß er sein Lehrer gewesen, und wie er selbst nicht anders sagen werde, immer seine Seligkeit zu befördern gesucht habe. So ermahne er ihn denn noch einmal, den Eid zu thun, und sich und seinen Richtern zu helfen. Aber Adolph blieb standhaft dabei, er könne wider Christi Gebot keinen Eid schwören. Darauf fing Arnold von Tongern. an: Herr Notar, also nochmals hat er uns den Eid verweigert! Und Adolph entgegnete: Ja, Herr Notar, das habe ich nochmals gethan, und zwar, weil es mir von dem Herrn Christo geboten ist, das merket mit an. – Während der Notar dies schrieb, sagte Johann von Busco zu einem neben ihm Stehenden, ist das nicht ein gefährlich Ding, daß der Mensch so verhärtet ist und vom Teufel besessen und beklammert, daß er sich von Niemandem will sagen lassen? – Adolph, der dies hörte, versetzte, ich bin nicht vom Teufel besessen, und was richtest du deinen Bruder? Vor Christi Richterstuhle sollen wir allesammt gerichtet werden, denn ihm hat der Vater alles Gericht übergeben.

Johann von Busco. Meinen Bruder nennst du dich? Du bist nicht mein Bruder.

Adolph. Um so weniger solltest du mich richten, denn die draußen und nicht Brüder sind, richtet Gott.

Busco. Du sollst’s wohl erfahren, wie man dich richten soll!

Adolph. So Gott für uns ist, wer will dann wider uns seyn? (Ein Schnippchen schlagend) nicht so viel achte ich darauf! Gehet nur hin und berathet Euch noch einmal einen ganzen Monat, wie Ihr’s jetzt gethan habt.

Viertes Verhör.

Am folgenden Morgen nach jenem dritten Verhöre, als auf Himmelfahrts-Abend, brachten die Gerichtsdiener den Gefangenen auf den Cunnibertsthurm, und den nächsten Dienstag darauf wurde er auswärts am Graben herum auf die Ehrenpforte geführt, warum? ist ihm gar nicht gesagt worden.

In diesem neuen Gefängnisse saß er mehr als zehn Wochen, ohne daß in dieser Zeit mehr geschahe, als daß er zuweilen von den Thurmmeistern und Gwelrichtern befragt wurde. Vergebens beschwerte er sich darüber, daß er gefangen sitze und nicht wisse, warum? Es haben ihm die Ketzermeister einige Artikel in teutscher Sprache vorgelegt, und er habe darüber schriftliche Erklärung von sich gegeben; habe er in dieser geirrt, so bäte er demüthiglich, ihn aus der göttlichen Schrift, aus der er sich ja gern unterrichten lassen wolle, eines bessern zu belehren.

Erst am 27ten Juny, Nachmittags um 4 Uhr, erschienen die beiden Ketzermeister nebst den übrigen Geistlichen, so wie die Thurmmeister und Gwelrichter, auf der Ehrenpforte, um Adolph von neuem zu vernehmen. Der Thurmmeister redete ihn mit Folgendem an: Hier sind nun diese würdigen Herren Ketzermeister wieder, und begehren nach wie vor, daß Ihr den Eid thuet und auf diesen Eid dann saget, was Wahrheit ist. Zweimal habt Ihr euch dessen trotzlich geweigert und Euch auf kayserliche Rechte berufen. Nach denen würde es Euch doch warlich weit unglimpflicher ergehen! Milder ist doch immer das geistliche Recht, als das weltliche und kaiserliche; darum wäre Euch zu rathen, daß Ihr bei jenem bliebet. Warlich Ihr macht’s Euch selbst sauer und verlängert Euere Haft. Hättet Ihr neulich gleich den Eid gethan und darauf beantwortet, was Ihr sollt, längst wäre die Sache vorbei. Darum thut es noch, zeiget Euch gehorsam, und helfet Euch selbst.

Adolph. Ehrsamen etc. Herren Thurmmeister, Gwelrichter, und übrige Abgeordnete des Raths von Cöln, ich bleibe dabei, daß ich vor Euerm Gerichte gerichtet werden möge, und nicht vor dem geistlichen, es sey so geistlich, als es wolle. Daß ich aber den Eid abgelehnt habe, davon habe ich die gegründete Ursache angegeben; auch ist es ja gar nicht Gebrauch, daß Gefangenen auf dem Thurme, meine Herren von Cöln, die ja doch auch meine Richter sind, ein solcher Eid auferlegt werde, sondern meine Herren verachten und verlachen vielmehr dergleichen Eide, und halten’s als für Lügen. An diesen löblichen Gebrauch halte ich mich denn und berufe mich darauf, zumal er mit Christi Gebote übereinstimmt. Es haben mich ferner meine Herren über etliche Punkte und Artikel gefragt, und ich habe Rede und Antwort ddarüber gegeben, auch erklärt, ich wolle mich aus göttlicher Schrift unterweisen lassen, wenn ich geirrt. Das, hoffe ich, ist genug.

Arnold von Tongern. Adolph, bei Euch wird das nicht genug seyn. Denn einmal seyd Ihr der Ketzerei halber berüchtigt, und zweitens habt Ihr jene Antworten nicht vor den competenten, dazu verordneten Richtern gegeben. Uns aber habt Ihr in beiden Verhören oft und freventlich den Eid verweigert, den wir Euch auflegten. So vermahnen wir Euch denn jetzt zum dritten Male gerichtlich, und fordern unter der Kraft des heiligen Gehorsams und unter Strafe des Bannes und Confessats – was das heißt, werdet Ihr wohl wissen – daß Ihr diesen Eid nicht länger ablehnet. Weigert Ihr Euch aber ferner des Schwörens, so möget Ihr zusehen, wie es Euch dann ergehen wird. Den Eid müßt Ihr schwören, denn wie sollten wir urtheilen können, ob Ihr Ketzerei treibt oder nicht, wenn Ihr nicht vermittelst Eides antwortet?

Der Gwelrichter. Ja, Adolph, es ist wahr, wir haben Euch über verschiedene Artikel befragt, wie wir das von Amts wegen bei allen Gefangenen thun. Aber weil Ihr der Ketzerei angeklagt seyd, und somit meine Herren vom Rathe in Euerer Sache keine Richter seyn können, so haben sie die würdigen Herren Ketzermeister, als welche über dergleichen zu richten verordnet sind, ersucht, Euch zu verhören, und zwar zu Euerem Besten und damit Ihr belehret würdet, wenn Ihr geirrt hättet, wie Ihr denn ja selbst sagtet, daß Ihr Euch wolltet zurecht weisen lassen. Darum versaget diesen würdigen Herren Ketzermeistern Eure Antwort nicht.

Arnold von Tongern. Nun, Herr Official, so ermahne denn noch Ew. Würden, als ein bischöflicher Richter, Adolphum, daß er den Eid thun und dann auf denselben nach Wahrheit antworte, über die Punkte, die wir ihm vorlegen werden.

Arnold Broickschmied, der Official. Adolph, so muß ich denn Kraft meines Amts Euch ermahnen und auffordern, zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male, unter der Kraft des heiligen Gehorsams und unter Form des Bannes und Confessats den Eid zu thun und die Wahrheit zu sagen auf die Artikel, die Euch die würdigen Herren Ketzermeister vorlegen werden.

Adolph. Würdiger Herr, diesen Eid zu thun, ist wider mein Gewissen, um des Gebots Chrsiti willen. Darum bitte ich um Gottes und des Todes Jesu Christi willen, Ewre Würden wolle mich doch nicht dringen, wider mein Gewissen zu handeln. Ich armer Gefangener will ja Ewre Würden ohne Eid die Wahrheit sagen auf alles, über was ich gefragt werde.

Auf diese Worte Adolphs schrieen die Ketzermeister und Johann von Venradt zugleich und wüthend auf ihn hin, in der Meinung, sie würden ihn übertäuben und in Schrecken jagen. Aber vergebens, er bat sich bloß aus, daß doch nur einer sprechen möchte, damit man sich verstände.

Arnold von Tongern. Die Worte Jesu gebieten nicht, daß man überhaupt nicht schwören solle; denn um die Wahrheit zu sagen, mag man wohl schwören.

Adolph. Habe ich denn nicht auch gesagt, daß man wohl schwören dürfe, wenn es Gottes Ehre und die Liebe des Nächsten erfordere?

Arnold von Tongern. (zu den Andern.) Da hat er eine Glosse zum Texte gemacht, und ist mit seiner eignen Glosse geschlagen. Denn der Eid, den er thun soll, betrifft unsern Glauben, und in diesem liegt ja die Ehre Gottes.

Adolph. Nicht also! Der Eid betrifft unsern Glauben nicht, denn der ist kurz verfaßt in den Artikeln: Ich glaube an Gott Vater etc. An alle diese Artikel sammt und sonders, glaube ich durch Gottes Gnade, und so könnt Ihr mich ja für keinen Ketzer halten, da alle Ketzer, die je gewesen, von irgend einem der Glaubensartikel abgewichen sind. Auch habe ich keine Glosse zum Texte gemacht, wie Ihr mir Schuld gebt. Zwar sagt der Herr, daß man aller Dinge nicht schwören soll, aber weil doch er selbst und auch Paulus geschworen hat, so müssen wir sehen, in welchen Sachen sie geschworen, und darin findet sich es klar, daß sie es nirgends gethan, wo es nicht Liebe, Noth und Nutzen des Nächsten und vornehmlich die Ehre Gottes betraf.

Weiter mochten sie ihn nicht hören, sondern steckten die Köpfe zusammen mit dem Official und beriethen sich. Dann fing der Official von neuem an: Adolph, ich frage Euch auf Ja und Nein, wollt Ihr den Eid thun oder nicht?

Adolph. Der Eid ist wider mein Gewissen, und ich bitte Ew. Würden um Gottes willen, mich nicht mehr dazu zu dringen.

Päpstlicher Ketzermeister (Köllin von Ulm.) Solche Gewissenhaftigkeit ist irrig und ketzerisch. Es ist wider die Schrift, daß man keinen Eid thun dürfe, und verdammte Ketzerei. Siehe 5 Mos. 6, Hebr. 6, Jerem. 4.

Àdolph. Würdiger Herr, ich sage ja auch nicht, daß man gar nicht und in keinerlei Sache schwören solle, sondern daß dieser Eid gegen mein Gewissen seyn, weil er meine eigene Sache betrifft. Denn, wie Ihr selbst sagt, hängt die Befreiung aus diesem Kerker davon ab. Wollen dagegen meine Herren Thurmmeister, daß ich schwören solle, ihnen treu und hold zu seyn, so thu’ ich’s, wenn’s des allgemeinen Besten wegen so geschehen muß.

Johann von Venradt. Ihr seyd bloß hartnäckig und wollt Euern Prälaten und Vorgesetzten nur nicht gehorchen. So ist’s, und wenn Ihr das auch sagt, so sagt Ihr die Wahrheit.

Romber. Adolph, ich bin zwar als der allergeringste geachtet von allen, die hier sind, (Rombe ist S. 42. der Warhafften Historia nicht mit aufgeführt.) aber ich will den Eid auf mein Gewissen nehmen, und Euch gut dafür seyn, daß Ihr keine Sünde damit begehet.

Adolph. Gott hat mich gelehret, auf keinen Menschen zu vertrauen, bei Verlust meiner Seligkeit. Denn verflucht ist, wer auf Menschen vertrauet, steht Jerem. 17.

Arnold von Tongern. So erklären wir denn nun, daß wir alles gethan und keinen Fleiß gespart haben, um Adolph zu dem Eide zu vermögen, er sich aber ungehorsamlich und freventlich dessen geweigert.

Adolph. Daß ich freventlich den Eidschwur abgelehnt, saget Ihr euretwillen; ich habe genugsam zu erkennen gegeben, warum ich es gethan. Ueberdies bin ich armer Gefangener ja eine Laye, als solcher also nicht einmal schuldig, den geistlichen Eid zu thun. Darumb habt Ihr keine Macht, einen solchen von mir zu fordern.

Arnold von Tongern und Johann von Venradt. Nein, Adolph, Ihr seyd ein Cleriker und ein Gelehrter.

Adolph. Ich bin kein Cleriker; und Gelehrte, die dies nicht sind, werden Euch nicht schuldig seyn zu schwören.

Johann von Venradt. Ihr seyd aber doch ein Cleriker!

Adolph. Ich bin’s nicht!

Johann von Venradt. Nun, das soll sich schon finden.

Adolph. Freilich, das wird es schon.

Arnold von Tongern. Ihr wollt also durchaus nicht schwören. Seyd Ihr aber bereit zu thun, wozu Ihr Euch erboten habt, nemlich die Wahrheit zu bekennen ohne Eid, auf Ja und Nein?

Adolph. Dazu bin ich bereit. Aber weil ich über die Fragen und Artikel, die Ihr mir vorlegen werdet, nicht nachgedacht habe, so bitte ich armer Gefangener demüthig und um Gottes willen, Ihr möget sie schriftlich, wie Ihr sie bei Euch habt, mir übergeben und mir Zeit gönnen, reiflich darüber nachzudenken und dann meinen Bescheid zu schreiben. Das, deut’ ich, möchte mir nach den Rechten wohl gebühren.

Arnold von Tongern. Nein, Ihr müßt mit lebendiger Stimme antworten, so bringt’s unser Brauch mit sich. (Gleichwohl hatte, wie wir sahen, eben dieser Arnold von Tongern. dem Inquisiten mehrmals nicht nur Bedenkzeit, sondern auch die Erlaubniß, seine Antworten schriftlich von sich zu geben, gestatten wollen, wenn er vorher den Eid geschworen hätte. Da er nun aber diesen nicht schwören wollte und somit vereitelt war, was sie mit dem Schwure, auf dem sie nicht umsonst so hartnäckig bestanden, im Schilde führten, so war ihnen nichts mehr übrig, als ihn mit mündlichen, aus dem Stegreife zu gebenden Antworten noch zu fangen. Eben diesen Kunstgriff gebrauchten diese Päpstler auch gegen Leonhard Kayser, der zwei Jahre früher in Bayern verbrannt worden, und gegen Andere.)

Adolph. Nun gut denn, aber dermalainst, wenn wir vor Einen Richter kommen, möget Ihr eingedenk seyn, daß Ihr mir jetzt widerrechtlich abgeschlagen habt, was ich den Rechten gemäß begehrt und begehren kann.

Arnold von Tongern. Zum 1ten fragen wir Euch, ob Ihr auch einen kennt, der Martinus Luther heißt?

Adolph. Von Angesicht kenne ich ihn nicht, gehört aber habe ich viel von ihm.

Arnold von Tongern. Zum 2ten, ob Ihr seiner auch einige Kundschaft habt?

Adolph. Darauf habe ich geantwortet.

Arnold von Tongern. Zum 3ten, ob Ihr auch einigen Umgang (Im Originale steht Gemeinschaft. Daß dies hier aber Umgang bedeuten solle, erhellet aus Adolphs Antwort und dem darin statt dessen gebrauchten Ausdrucke Gesellschaft.) mit ihm gehabt?

Adolph. Ich kenne ihn nicht von Angesicht, wie soll ich denn Umgang mit ihm gehabt haben?

Arnold von Tongern. Zum 4ten, ob Ihr auch je gewünscht habt, daß Luthers Schriften verbreitet und vertheidigt würden?

Adolph. Ja, insofern sie mit dem Evangelio Christi übereinstimmten, aber weiter nicht.

Arnold von Tongern. Habt Ihr Luthers Bücher gelesen?

Adolph. Ja, etliche.

Arnold von Tongern. Habt Ihr sie gut geheißen?

Adolph. Ja, insofern sie mit Gottes Worte überein kommen.

Arnold von Tongern. Zum 5ten, ob Ihr, nachdem Ihr gewußt, daß Luther in den Bann gethan, einigen Umgang (Hier steht im Originale Gesellschaft.) mit ihm gehabt, oder ob Ihr slchen Umgang für sündlich haltet?

Adolph. Darauf ist geantwortet.

Arnold von Tongern. Zum 6ten, ob Ihr Luthern für einen Heiligen und Gerechten geachtet habt, den man als solchen erheben solle?

Adolph. Ich bin über Luthern nicht zum Richter gesetzt, sondern Christus allein, der uns mit ihm richten wird.

Arnold von Tongern. Ob Ihr auch glaubet und bekennet, daß jegliches General-Concilium, auch das zu Costnitz, die allgemeine Kirche vorstelle?

Adolph. Ja, insofern solche Concilien nicht gewesen und gehalten sind gegen Gottes Wort.

Arnold von Tongern. Zum 8ten, ob Ihr glaubet an das, was die heiligen Concilien zu Gunsten des Glaubens und der Seelen Seligkeit approbirt haben, auch meinet, daß alle Christen es approbiren müssen, hingegen verdammen, was die Concilien, als dem Glauben und den guten Sitten zuwider laufend, verdammt haben und verdammen?

Adolph. Ist es nach und mit Gottes Worte, was sie beschlossen und verordnet haben, ja, so soll man’s glauben und annehmen, wo nicht, so soll man’s verwerfen.

Arnold von Tongern. Adolph, so dürft Ihr nicht antworten, sondern mit Ja oder Nein, wie Ihr Euch ja erboten habt. (Denn freilich waren tausend Fragen möglich, auf welche die Antworten ihn als den größten Ketzer verdammt hätten.)

Adolph. Ich habe gesagt, ich wolle antworten Ja, Ja, Nein, Nein, aber in dem Sinne, wie Christus meint, der auf der Juden und Pharisäer Fragen auch nicht immer mit bloßem Ja und Nein geantwortet hat. – Aber, Herr Notar, ich bitte, schreibet meine Verantwortung doch teutsch, daß meinen gnädigen Herren, einem Ehrsamen Rathe, alles also vorgelesen wede, wie ich es gesagt.

Notar. In’s Teutsche kann man’s nachher schon übersetzen.

Adolph. Werde ich ja doch teutsch gefragt, und antworte teutsch.

Notar. Processus juris leidet’s nicht anders!

Adolph. Was beschadet das den processus juris? Schreibt Ihr mir meine Antwort auf teutsch, daß sie mir durch’s Uebersetzen nicht verändert werde, und meine gnädigen Herren hören, was ich wirklich gesagt habe.

Notar. Nein, das geht nicht an! Eure Antworten sollen nicht verändert werden, dafür sorget nicht.

Adolph. Darum bitte ich.

Arnold von Tongern. Zum 9ten, glaubet Ihr, daß die Verdammung Martin Luthers durch den heiligen Stuhl nach Recht und Gebühr geschehen sey, und jeder Christgläubige also dafür halten müsse?

Adolph. Daß solche Verdammung geschehen sey, hab’ ich wohl gehört, ob aber nach den Rechten, kann ich nicht sagen; (Er hatte nemlich von Luthers Schriften wenig gelesen, wie gleich folgt.) so viel aber sage ich, ist sie nach und mit Gottes Worte geschehen, so ist sie recht, wo nicht, so ist sie unrecht.

Johann von Venradt. Was, Ihr zweifelt daran? Ich habe allhier in Cöln öffentlich von der Canzel wider Luther gepredigt, seine Bücher sind hier verbrannt worden und verdammt, auf Geheiß des Papstes und des Bischofs; meint Ihr denn, daß ich daran Unrecht gethan?

Adolph. Wenn Eure Predigt und Verdammung mit Gottes Worte bestehen mögen, so sind sie recht, wo anders, so sind sie unrecht.

Johann von Venradt. Ey, daß dich! –

Arnold von Tongern. Zum 10ten, ob Ihr geglaubt, und noch glaubt und saget, daß Luther ein Ketzer, gewesen und noch sey, und seine Bücher und Lehre verkehrt gewesen und noch sind, und der heilige Stuhl ihn solcher Bücher und seiner Verhärtung wegen verdammt habe?

Adolph. Ich habe schon vorhin geantwortet, daß Luther seinen Richter habe. Was aber seine Bücher betrifft, so habe ich ihrer wenig gelesen, und kann also kein allgemeines Urtheil darüber sprechen.

Arnold von Tongern. Welche habt Ihr gelesen?

Adolph. Das, über die 10 Gebote, über das nunc dimittis, über das Sakrament des Abendmahls, wider die Schwärmer.

Arnold von Tongern. Ist das wider Oekolampadius und Zwingly?

Adolph. Ja, wider diese und etliche Andere.

Arnold von Tongern. Das über die christliche Freiheit habt Ihr nicht gelesen?

Adolph. Auch dieses.

Arnold von Tongern. Habt Ihr darin Ketzerei gefunden?

Adolph. Nein, was mich deuchte, ist darin nach Gottes Wort nichts ketzerisches.

Arnold von Tongern. Habt Ihr auch die Bücher wider das Sakrament des Altars gelesen?

Adolph. Nein.

Arnold von Tongern. Zum 11ten, habt Ihr besessen oder besitzet noch irgend Traktaten, Briefe etc., von Luther oder seinen Schülern herausgegeben?

Adolph. Ja, wie ich schon bekannt; und zwar, um das Gute, was darin stände, herauszunehmen, das Böse aber vorbei zu lassen, nach Pauli Spruche: Prüfet alles und das Gute behaltet.

Arnold von Tongern. Zum 12ten, habt Ihr selbst auch Schriften nach der Lehre Luthers geschrieben, und unter Euerm oder anderm Namen gemein gemacht?

Adolph. Ich habe Episteln geschrieben, nach der Lehre des Evangelii Christi; diese Lehre halte ich für allein gut, und wo Luther sie auch hat, da halt ich’s mit ihm, nicht um seinet-, sondern um der Lehre willen.

Arnold von Tongern. Zum 13ten, kennt Ihr Personen, die Luthers Schriften haben?

Adolph. Wohl tausend, die ich aber nicht alle aufzählen kann.

Arnold von Tongern. Zum 14ten, glaubt Ihr, daß die Sentenz des apostolischen Stuhls udn Papstes Leo X. wider Luther und seine Bücher, als wahr gelten müsse und als katholisch, daß nemlich Luthers Bücher unkatholisch seyen, einige notorisch ketzerisch, andere irrig, etliche lästerlich, wieder etliche frevelhaft und aufrührerisch und noch andere anstößig für fromme Ohren?

Adolph. Darauf hab’ ich doch zuvor geantwortet, und dabei bleib’ ich.

Arnold von Tongern. Zum 15ten, glaubet Ihr, daß der frevelhafte Verächter der Kirchengewohnheiten und der Ceremonie, als der Segnung des Weihwassers, des Salzes, der Kerzen, der Palmen und Kräuter etc. ein Todsünder sey?

Adolph. Wer dergleichen aus eigenem Frevel verachtet, der thut nicht wohl, ob er aber eine Todsünde begehe, das weiß ich nicht.

Arnold von Tongern. Zum 16ten, glaubet Ihr, daß im Sakramente des Altars, nach der Consecration des Priesters, unter dem Elemente des Brods und Weins, nicht materiel Brod und Wein sey, sondern derselbe Christus allenthalben, der am Kreutze gelitten hat?

Adolph. Ich glaube, es sey der wahrhaftige Leib und das wahrhafte Blut Christi, nach seinem eigenen Ausspruche: das ist mein Leib etc. Ob aber nun Brod und Wein noch bleiben, weiß ich nicht; der Herr hat mir auch nicht befohlen, weiter darnach zu forschen. Ich nehme an, was die heilige Schrift gründlich darüber sagt, und weiteres nicht.

Arnold von Tongern. Zum 17ten, ist nach der Consecration das fleisch und Blut unter der Gestalt des Brodtes allein, und ohne die Gestalt des Weines?

Adolph. Das sind hohe Fragen, von denen ich nichts verstehe. Ich halte mich hier schlechthin an die bloßen Worte Christi, der saget: das ist mein Leib etc. wie ich vorhin schon sagte. Man pflegt im Sprichworte zu sagen, ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten können.

Hört, er heißt sie Narren! rief einer der Abgeordneten.

Adloph. Wie sollt ich armer Narr auf so viele Fragen so vieler Weisen, und so ganz ohne Vorbedacht antworten können?

Arnold von Tongern. Zum 18ten, glaubet Ihr, daß die Gewohnheit der Heiligen, den Layen das Sakrament bloß unter der Gestalt des Brodes zu reichen, bleiben müsse, und die daran ändern wollen, als Ketzer zu behandeln seyen?

Adolph. Sofern es nicht ist wider Gottes Wort.

Arnold von Tongern. Zum 19ten, glaubet Ihr, daß Christen, die die Empfahung des Sakraments, der Beicht, der Firmung, des heiligen Oeles verachten, Todsünde thun?

Adolph. Die aus eigenem Frevel solche Verachtung üben, thun nicht wohl daran, ob sie aber Todsünde thun, darüber laß ich Gott richten.

Arnold von Tongern. Zum 20ten, glaubet Ihr, daß ein reuiger Christ, der einen Priester weiß, dem er beichten könne, nur diesem allein beichten dürfe, und nicht auch einem oder mehrern Layen, so fromm diese auch seyn mögen?

Adolph. Die Beicht ist gut und tröstlich denen, die von ihren Sünden geängstet werden, „und nicht wissen, wo hinaus, von wegen das Evangelium zu hören, das ihnen insonderheit gepredigt wird,“ wo man aber keinen bequemen Priester hätte, möchte die Beichte auch bei dem Nächsten geschehen.

Ein Rathsherr. Er weiß nicht, was er sagt. (Undeutlich war Adolphs Antwort zum Theil allerdings, ich habe sie daher mit den Worten der Quelle hergesetzt.)

Arnold von Tongern. Kann der Priester in den ihm zugelassenen Fällen, dem Sünder, der gebeichtet hat und zerknirsch ist, die Sünden vergeben und ihm Pönitenz auflegen?

Adolph. So fern solches mit und durch Gottes Wort geschieht, und nicht weiters.

Arnold von Tongern. Zum 22ten, kann, wer gebeichtet hat und zerknirscht ist, durch die heiligen Werke, die ihm der Priester zur Pönitenz aufgelegt, für seine Sünden genug thun?

Adolph. Ich glaube, daß die wahre Auflegung der Pönitenz sey: Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr. Joh. 8.

Ein Rathsherr. Das wäre freilich der rechte Weg, wer ihn nur wandeln könnte!

Adolph. Zweitens glaube ich, daß keine Genugthuung für die Sünde sey, als allein in dem Tode Christi, so nach der Schrift.

Arnold von Tongern. Glaubet Ihr also nicht, daß unsere guten Werke nöthig sind zur Seligkeit?

Adolph. Nein, dazu ist uns Christus allein genug, so wir das anders fest glauben. Unsere Werke sind bloß Zeichen, Zeugniß und Pfand dieses Glaubens, wieder nach der Schrift.

Arnold von Tongern. Zum 23ten, glaubet Ihr, daß die Jungfrau Maria Jungfrau geblieben sey, nachdem sie Christum geboren.

Adolph. Ja.

Arnold von Tongern. Das ist doch gut, daß Ihr uns so viel nachgebt! Aber nun zum 24ten, glaubet Ihr auch, daß Maria als Mutter Gottes, von allen Christgläubigen müsse geehrt, angerufen und gebeten werden?

Adolph. Man soll sie ehren, und als ein Exempel des Glaubens und der Liebe darstellen, aber sie nicht anrufen, nichts von ihr erbitten; denn es ist Ein Gott und Ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nemlich der Mensch Jesus Christus, 1. Tim. 2, oder wie Johannes sagt, wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten.

Arnold von Tongern. Zum 25ten, ist Maria ohne alle Sünde empfangen und geboren?

Adolph. Nein, das ist der Herr Christus allein. Wie es sich aber mit der Empfängniß und Geburt der Maria verhalte, befehle ich Gott.

Arnold von Tongern. Ist sie nicht ein Brunn der Gnade, und kann uns bei Gott Gnade erwerben?

Adolph. Darauf ist geantwortet, nemlich Christus allein ist unser Mittler bei Gott.

Der obige Rathsherr. Was ist das geredet? Nicht angesehen, daß Joh. 1 geschrieben ist, aus der Fülle Christi haben wir alle empfangen Gnade um Gnade. (Stimmt der Rathsherr hiermit dem Verhörten nicht bei, so weiß man nicht was er will, und ihm gehört dann sein eigenes Wort: er weiß nicht, was er redeet.)

Arnold von Tongern. Zum 27ten, hat die heil. Kirche etliche Schriftstellen zum Lobe der Maria anwenden, und beim Gottesdienste, mit Lesen, Singen und Predigen, füglich gebrauchen können?

Adolph. Was die Schrift klärlich von ihr sagt, kann man auf sie anwenden; doch muß man dabei ihren natürlichen Sinn unverrückt lassen.

Arnold von Tongern. Zum 28ten, darf man die andern Heiligen, die hier zu Cöln sind, ehren und anrufen?

Obiger Rathsherr. Lieber, darum fraget ihn doch nicht! Hat er das bei unserer lieben Frau nicht zulassen wollen, wie sollt er’s bei den Heiligen?

Adolph. Ja, ich sage hier, wie zuvor bei der Frage über die Verehrung der Jungfrau Maria.

Der Rathsherr. Wußt’ ich’s nicht?

Johann von Venradt. So ist’s also nichts mit dem: „Heilige Maria, bitte für uns, heiliger Petrus bitte für uns!“

Arnold von Tongern. Zum 29ten, darf der Christgläubige der heiligen Heiligthum und Bild, darf er das Crucifix verehren?

Adolph. Nein, Gott allein soll man anbeten und ihm in allem dienen. 5 M. 6. Matth. 4.

Johann von Venradt. So ist’s also auch mit dem crucem tuam adoramus, nichts!

Arnold von Tongern. Zum 30ten, ist das religiöse Mönchsleben, das von der heil. Kirche gebilligt ist, von den heil. Vätern mit Recht eingeführt?

Adolph. Ist es mit, nach und durch Gottes Wort eingeführt, so ist es recht, wo nicht, so ist es unrecht und wird ein Ende nehmen.

Arnold von Tongern. Zum 31ten, haben Bischöfe und Prälaten Macht, ungehorsame Unterthanen zu bannen, zu aggraviren und reaggraviren, und müssen die Unterthanen diesen Censuren sich unterwerfen?

Adolph. Geschieht der Bann nach Gottes Worte, Matth. 18, 1. Cor. 5, 2. Thess. 3, so ist er recht.

Arnold von Tongern. Zum 32ten, dürfen Layen, Männer und Frauen das Wort Gottes predigen?

Adolph. Das haben vornehmlich die dazu verordneten Geistlichen zu thun, die Layen aber, wenn sie das Wort gehört haben, sollen unter sich darnach handeln, sich damit einander vermahnen und unterweisen, wie Paulus in den Episteln sagt.

Johann von Venradt. Luther und Paulus, die sind Eure Patronen.

Arnold von Tongern. Zum 33ten, soll jeder Priester, auch wenn er nicht gesandt ist, frei predigen, wo, wann und wem er will.

Adolph. Vornehmlich sollen die predigen, die gesandt sind; predigen aber die, so nicht gesandt sind, so soll man’s ihnen auch nicht wehren. 1 Cor. 14.

Arnold von Tongern. Zum 34ten, ist alle Todsünde, sonderlich die öffentliche, öffentlich zu strafen?

Adolph. Ja, nach 1 Corinth. 5.

Arnold von Tongern. Zum 35ten, glaubet Ihr auch, daß es ein leibliches Fegefeuer giebt?

Adolph. Nein, denn die Seelen haben keinen Leib, und können darum auch nicht mit leiblichem Feuer gefeget werden. Obendrein steht das Wort Fegefeuer nicht in der Schrift.

Arnold von Tongern. Zum 36ten, glaubet Ihr auch, daß die Seelen im Fegefeuer ihrer Seligkeit gewiß sind?

Adolph. Ich gebe ja gar kein Fegefeuer zu; und sagt der Herr nicht Matth. 16, wer glaubet und getauft wird, der wird selig werden? Wer also im Glauben stirbt, der ist selig und gerechtfertigt von Sünden Röm. 6, ihm ist also kein Fegefeuer vonnöthen.

Arnold von Tongern. Zum 37ten, glaubet Ihr auch, daß die Seelen im Fegefeuer sich entsetzen vor der Pein, immer Ruhe suchen, und also sündigen ohne Unterlaß?

Adolph. Die Frage hat nach meinen letzten Antworten keine Statt mehr.

Arnold von Tongern. Zum 38ten, hat der Mensch auch einen freien Willen, daß er mit Gott frei gute Werke thun kann?

Adolph. Die Sinne und Gedanken des Menschen sind allzeit zum Bösen geneigt, oder genauer nach dem hebräischen Texte, sind sie allzeit böse 1 Mos. 6 und 8. Folglich hat der Mensch zum Guten keinen freien Willen, sondern Gott wirket in ihm das Wollen und Vollbringen Philipp. 2. So meints auch St. Augustin, wo er wider die Pelaginer schreibt. Auch findet sich der Ausdruck freier Wille nicht in der heil. Schrift.

Arnold von Tongern. Zum 39ten und letzten, sind die guten Werke verdienstlich, und um die ewige Seligkeit zu erlangen, vonnöthen?

Adolph. Darauf habe ich vorhin schon geantwortet. (S. oben bei der 22ten Frage.) Doch je mehr man Gutes thut, desto mehr zieht man den Herrn Christum an.

Arnold von Tongern. Das waren nun die Fragen, die wir unserer Seits Euch vorzulegen hatten. Nun soll’s bald ein Ende haben.

Adolph. Der Herr sey gelobt!

Obiger Rathsherr. Ja wäre es nur alles verantwortet, so wäre es gut!

Arnold von Tongern. Jetzt ist noch übrig, daß wir Euch kürzlich noch die Artikel vorhalten, über welche Ihr beeits von diesen Herrn vom Rathe befragt seyd.

Adolph. Darüber habe ich ja aber meinem Herrn Thurmmeister und Gwelrichter schon Antwort gegeben, und das ist, mein’ ich, genug.

Arnold von Tongern. Nein, das ist nicht genug: Ihr müßt auch uns darauf antworten, damit es alles gehe, wie’s Recht und Brauch ist; denn in solchen Sachen sind wir die geeigneten Richter: – es soll aber nicht lange dauern. So fragen wir Euch denn auf den 1ten Artikel: Glaubet Ihr, (Glaubt Ihr? so heißt es in den folgenden ähnlichen Fragen immer, obgleich überall kein Glauben Statt finden. Am sonderbarsten lautet es in der siebenten, achten und neunten Frage.) daß vor etlichen Jahren, besonders 1523, die Secte Martin Luthers nebst ihrer Lehre und ihren Schriften durch unsern Allerheiligsten Papst und unsern Allerunüberwindlichsten Kayser öffentlich als ketzerisch verdammt worden sey?

Adolph. Wohl weiß ich das.

Arnold von Tongern. Zum 2ten, glaubet Ihr auch, daß die Schriften Luthers und seiner Anhänger auf Befehl der genannten Oberhäupter in Cöln öffentlich verbrannt worden sind, wie das doch gemein kundig ist?

Adolph. Ja, ich habe es gehört.

Arnold von Tongern. 3tens, glaubt Ihr, daß unser Hochwürdigster Herr Erzbischof Herrmann, um die päpstlichen und kayserlichen Mandate zu vollstrecken, an den würdigen Herrn Official einen Brief erlassen hat, kraft dessen der letztere am 1ten Febr. 1523 in Betreff dieser Schriften ein Verbietungs-Mandat ergehen lassen, zur Nachachtung aller Buchhändler und sammtlicher übrigen Einwohner des Stifts Cöln?

Adolph. Das alles ist mir allerdings bekannt geworden. (Es steht noch dabei: und ich referire mich zu dem Mandat, und weiter unten in der zweitfolgenden Antwort: ich referire mich an das Mandat. Beides soll ohne Zweifel heißen: ich erinnere mich wohl daran.)

Arnold von Tongern. 4tens, glaubet Ihr, daß in diesem Mandate allen Einwohnern in Stadt und Stift Cöln unter allerhärtesten Strafen verboten war und noch ist, Schriften Luthers und seiner Anhänger, als verdammte Bücher, zu drucken, zu verkaufen oder mitzutheilen, und auch sonst andere Schriften, die nicht von den verordneten Commissarien als kanonisch und heilsame Lehre enthaltend befunden und erlaubt worden, zu lesen, daraus zu lehren oder zu predigen und sie Andern mitzutheilen?

Adolph. Ich habe gesagt, daß ich von jener Zeit an das Mandat weiß. (Halte steht in der Quelle; indem der Uebersetzer zu genau das teneo der lateinischen Acten wiedergab. Auf diesem Wege sind bekanntlich viele Latinismen ins Teutsche übergegangen.)

Arnold von Tongern. 5tens, glaubt Ihr, daß eben dies Mandat am 23. Febr. 1523 in der heil. Synode zu Cöln abgelesen und publicirt worden ist?

Adolph. Ich erinnere mich daran.

Arnold von Tongern. 6tens, glaubt Ihr auch, daß es in dem besagten Jahre am Sonntage Reminiscere in allen Kirchen von Stadt und Stift Cöln von den Canzeln bekannt gemacht worden?

Adolph. Auch dessen erinnere ich mich.

Arnold von Tongern. 7tens, glaubt Ihr, vor, in und nach dem Jahre 1523 im römischen Reiche, d.i. an Orten, die dem Papste, den geistlichen Herren und dem Kayser unterworfen sind, stets gewohnt habt?

Adolph. Ja.

Arnold von Tongern. 8tens, glaubet Ihr, daß Ihr seit dem vorigen Jahr im Stifte Cöln, d.i. an Orten, die unserm Hochwürdigsten Herrn Erzbischofe in geistlichen Sachen unterworfen sind, öffentlich gelebt habt?

Adolph. Ja, aber was ist damit geschehen?

Arnold von Tongern. Das sollt Ihr jetzt gleich hören. Zum 9ten, Ihr glaubet demnach, daß Ihr Euch zu allen diesen Artikeln ungezweifelt und offenbar bekannt habt und bekennet?

Adolph. Darauf hab’ ich doch geantwortet.

Arnold von Tongern. Glaubt Ihr auch 10tens, daß Ihr deswegen billig hättet den Mandaten des Papstes, des Allerunüberwindlichsten Kaysers und unsers Hochwürdigsten Herrn gehorsam seyn, und Euch des Lesens, des Gebrauchs, der Bekanntmachung der Bücher Luthers und seiner Anhänger, ihrer verkehrten und verdammten Lehre, so wie des Verkehrs mit denjenigen, die mit den lutherischen Ketzereien im Gerüchte sind, hättet enthalten sollen?

Adolph. Ich meine nicht, daß ich wider meiner Obern Mandate gehandelt habe. Denn die lutherischen Bücher habe ich gelesen, um Gutes daraus zu lehren und das Schlechte darin fahren zu lassen, nach Pauli Spruche: Prüfet alles und das Gute behaltet; und lehret ja auch der Papst selbst in seinem Rechte, daß man ketzerische Bücher lesen solle, um sie mit ihren eigenen Worten widerlegen zu können?

Arnold von Tongern. 11tens, glaubet Ihr nicht minder, daß das eben Gesagte durch ein im Schwange gehendes Gerücht, und das Nachfolgende durch Anbringung nicht Eines, sondern vieler, nicht Argwöhnischer, sondern Glaubhafter, zu den Ohren des Herrn Prokurators und Fiskalis Johann Trip gekommen sey, daß Ihr nemlich den Mandaten ungehorsam gewesen seyd, de facto dawider gehandelt und Euch mit den Ketzereien und dem lutherischen Unglauben besudelt habt?

Adolph. Das glaube ich nicht.

Arnold von Tongern. 12tens, daß Ihr nach dem Jahre 1523 verschiedene Bücher von Luther und seinen Anhängern gehabt und noch habt, sie selbst gelesen und Vielen beiderlei Geschlechts mitgetheilt?

Adolph. Mehr als einmal habe ich bereits gestanden, daß ich der lutherischen Bücher wenige und diese nur in der Absicht gelesen habe, um das Gute darin zu behalten; allein mitgetheilt habe ich sie keinem. Wohl aber habe ich Etlichen das Neue Testament in teutscher Sprache zugeschickt und mittgetheilt.

Arnold von Tongern. Und zwar nach Luthers Verteutschung?

Adolph. Das weiß ich nicht, es war in Holland gedruckt, wo Luther nicht wohnt.

Arnold von Tongern. 13tens, daß Ihr laut gesagt und gepredigt, die Lehre Luthers und seiner Anhänger, wie sie in diesen Büchern stehn, sey für wahr, gut und heilsam zu halten und zu befolgen?

Adolph. Ich habe gesagt, die Lehre Christi allein sey wahr, gut, heilsam und zu befolgen, und wo Luther diese Lehre schrift- oder mündlich vortrage, lauter und unentstellt, solle man sie von ihm so gut annehmen, wie von allen andern, die sie ausbreiten.

Arnold von Tongern. 14tens, zum Beweise des Obigen, bringt der Fiskal Trip bei, daß Ihr als Schulmeister in Münster Euere Schüler mit den lutherischen Schriften bekannt gemacht habt, und sie daraus unterwiesen.

Adolph. Schulmeister bin ich zu Münster gewesen, aber daß ich meinen Schülern solche Schriften mitgetheilt und sie daraus gelehret, kann man mit der Wahrheit nicht beweisen.

Arnold von Tongern. 15tens, Darauf habt Ihr als Schullehrer zu Wesel im Krysam Cöln das nemliche gethan.

Adolph. Auch zu Wesel war ich Lehrer, aber habe den dortigen Kindern, wie denen zu Münster, ihre Grammatik und sonstiges Schulwissen, beigebracht, außerdem sie auch im Evangelio Christi unterwiesen, so viel mir Gott Gnade dazu gegeben; das ist’s alles.

Arnold von Tongern. 16tens, daß Ihr in derselben Zeit zu Wesel und zu Bürich jene Schriften Priestern und andern Personen beiderlei Geschlechts mitgetheilt, sie daraus unterrichtet, daraus gepredigt und versichert habt, daß die darin enthaltene Lehre heilsam und zu befolgen sey.

Adolph. Nicht so, sondern ds habe ich gesagt, daß die Lehre Christi allein heilsam und zu befolgen sey, wie ich nun mehrmals bekannt habe.

Arnold von Tongern. 17tens, Ihr habt die besagten Schriften dem Priester Johann Klopreis mitgetheilt und ihn in der lutherischen Lehre unterwiesen und bestärkt.

Adolph. Auch nicht so, doch das ist wahr, daß J. Klopreis einmal alle meine Bücher bei sich gehabt hat, ob er sie aber gelesen, weiß ich nicht. Die heil. Schrift dagegen habe ich gemeinschaftlich mit ihm häufig gelesen.

Arnold von Tongern. 18ten, daß Ihr zu Bürich auf dem Pfarrhofe mit Johann Klopreis und einem verlaufenen Observanz-Mönch, Doctor Ferken genannt und der lutherischen Ketzerei berüchtigt, Unterhaltung gepflogen.

Adolph. Kam dieser Mann, den ihr Doctor Ferken nennet, auf einige Zeit zu uns, oder kam ich zufällig nach bürich, wann er da war, so habe ich mit ihm gesprochen wie mit jedem Andern, und die Lehre betreffend, so haben wir uns vom Worte Gottes und dem Evangelio Christi unterhalten.

Arnold von Tongern. 19tens, habt Ihr Wissens, daß die Büricher von jenen Euern Zusammenkünften zu sagen gepflegt: die Synagoge kommt zusammen?

Adolph. Nein.

Arnold von Tongern. 20tens, glaubt Ihr, daß Ihr zu Münster, Wesel und Bürich, laut gelehret, daß man für die Seelen der Verstorbenen nicht beten solle?

Adolph. Ich habe gesagt, aus den kanonischen Büchern der heil. Schrift könne es nicht erwiesen werden, daß man dies solle, und das sage ich auch noch, bis man mir diesen Beweis giebt.

Arnold von Tongern. 21tens, zum fernern Beweise bringt der Fiskalis vor, daß zu Münster Euere Schüler und andere Personen, von Euch verleitet und bewogen, die große Leuchte auf dem Kirchhofe, in die andächtige Christen die Kerzen für die Verstorbenen setzen, zerbrochen haben.

Adolph. Das ist nicht wahr.

Arnold von Tongern. 22tes, in den genannten Städten und anderswo habt Ihr öffentlich gesagt, man solle die Bilder der Heiligen aus den Kirchen werfen.

Adolph. Nein, ich habe gesagt, wenn solche Bilder von dem Volke angerufen würden, so seyen die Pastoren und Prädikanten schuldig, dagegen zu predigen und nach dem Beispiels des Richters Gideon, der Könige Hiskia und Josia sie dem Volke aus den Augen zu schaffen, um der Abgötterei zu wehren.

Arnold von Tongern. Soll man denn den Bildern der Heiligen gar keine Ehre anthun?

Adolph. Darauf hab’ ich längst geantwortet, habt Ihr’s schon vergessen?

Arnold von Tongern. Soll man denn auch das Crucifix nicht anbeten?

Adolph. Nein, wohl aber mag man es als ein Zeichen des Leidens Christi führen, wie wir dessen ein ähnliches Beispiel haben an den Rubeniten, Gaditen und dem halben Stamme Manasse.

Romber. (ihn unterbrechend) richtig, Josua 22. (Romber will bloß zeigen, daß er in der Bibel auch Bescheid weiß.)

Adolph. Diese, als sie den übrigen Stämmen das gelobte Land hatten erobern helfen und nach Hause zurückkehrten, richteten einen großen Altar auf zum Zeugnisse. Ebenso erhöhete Moseh zum bloßen Zeichen eine Schlange, denn das Anbeten hat er verboten.

Arnold von Tongern. 23tens, der Fiskal bringt als Beweis, daß Ihr zu Münster obiges wirklich gesagt, bei, Ihr habet hier Euere Schüler dazu vermocht, die Bilder der Heiligen, und die Crucifixe auf den Gräbern niederzuwerfen und zu zerbrechen.

Adolph. Ist das, wie ich nicht weiß, dort geschehen, so ist es nicht auf Anweisung von mir geschehen. Im Gegentheil habe ich wohl gesagt, dergleichen zu thun komme Niemanden zu als der Obrigkeit.

Arnold von Tongern. 24tens, und darum sollt Ihr aus der Schule und Stadt vertrieben worden seyn?

Adolph. Dem ist nicht so.

Arnold von Tongern. 25tens, daß Ihr zu Osnabrück ein Bild der lieben Frauen an den Kax gehängt, oder durch Andere habt hängen lassen, wenigstens es ihnen eingegeben.

Adolph. Auch nicht waahr.

Arnold von Tongern. 26tens, daß Ihr gelehret, man solle die Legenden der Heiligen dem Volke nicht auslegen und predigen.

Adolph. So habe ich gesagt: Legenden, die auf die heil. Schrift sich gründen, darf man als Beispiele des Glaubens und der Liebe wohl predigen; die aber ihren Grund in der Schrift nicht haben, und mit ihren Lehren nicht übereinstimmen, sollen nicht gepredigt werden.

Arnold von Tongern. Wisset Ihr denn welche, die wider die Schrift sind?

Adolph. Ja, z.B. in der Catharinen-Legende sind schriftwidrige Stücke.

Arnold von Tongern. 27tens, noch bringt der Fiskal als Beweis vor, daß Ihr als Schullehrer zu Wesel einem braven Mänch von der Observanz, als er in der Kirche eine Legende ausgelegt, mit lauter Stimme vor allem Volke widersprochen habt.

Adolph. Damit ist es ganz anders. Dieser Mönch brachte in seiner Predigt die Rede auf die Weseler Schule; ich theilte meinem Rector mit, was er gesagt hatte, und dieser schickte mich zu ihm, mit dem Entbieten, daß, wenn er an der Schule etwas auszusetzen hätte, er dies schriftlich an den Tag legen möchte, worauf ihm guter Bescheid werden sollte. Dies entbot ich dem Mönch, da er nach der Predigt in der Sakristei war. So verhält sich die Sache und nicht anders.

Arnold von Tongern. 28tens, habet Ihr auch einen andern Mönch dieses Ordens, als er zu Wesel vom freien Willen predigte, öffentlich Euch entgegengesetzt und gesagt, der Mensch habe keinen freien Willen, wie Ihr das vor dem Rathe von Wesel genugsam zu zeigen bereit seyd?

Adolph. Auch damit war es ganz anders. Der Mönch forderte wiederholt alle diejenigen, die gegen seine Predigt etwas einzuwenden hätten, auf, zu ihm zu kommen, er wolle sie gütlich und gut unterweisen. Nach der Predigt ging ich daher mit einigen frommen Bürgern zu ihm in die Herberge, und unterhielt mich mit ihm über die Freiheit des Willens.

Arnold von Tongern. Ja, was haltet Ihr denn vom freien Willen?

Adolph. Darüber habe ich Euch längst Bescheid gegeben, habt Ihr das so schnell vergessen?

Arnold von Tongern. 29tens, der Vikar Abel in Gaem, den Ihr wohl kennt, hat eines Tages in Bürich Messe lesen wollen, und weil es ihm an einem Diener gefehlt, seyd ihr zu ihm getreten und habt gesagt: Herr ich wollte Euch wohl dienen zur Messe, aber Ihr dürft den Herrn Christum nicht opfern, denn er ist nur einmal geopfert. Hierüber habt Ihr Euch in einem Briefe an die Thurmmeister und Gwelrichter verantwortet, und dieser Euer Brief lautet: daß ich Herrn Abel je zur Messe gedient habe, kann ich mich nicht erinnern, auch nicht, daß ich solches zu ihm gesagt hätte; man könnte ihn fragen, aber weil er ein alter frommer Mann ist, so hätt’ ich nicht gerne, daß er meinetwegen beschwert würde. Habe ich ihm aber bei einer andern Gelegenheit je so etwas gesagt, so hab’ ich’s so gemeint: die Messe oder des Herrn Abendmahl ist kein Opfer, sondern ein Gedächtniß des einigen Opfers, das Christus selbst für unsere Sünden gethan hat. Denn Luc. 22 und 1 cor. 11 heißt es: so oft Ihr von diesem Brodte esset und von diesem Kelche trinket, sollt Ihr’s thun zu meinem Gedächtniß, und Hebr. 7 und 9: Christus ist Ein Mal geopfert etc. nebst Hebr. 10: mit Einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die Geheiligten, und ist nun kein Opfer für die Sünde mehr hinterstellig; sondern jetzt sollen nach Christi vorbilde unsere Leiber zum Opfer geben etc. Röm. 12.

Arnold von Tongern. Dabei bleibet Ihr? (Adolphs Antwort nicht abwartend.) Aber da ist noch ein Pünktlein wegen der Ceremonien, doch das wird nachher wohl noch vorkommen. Nun also 30tens, habt Ihr zu jener Zeit in Wesel nicht vviele Personen beiderlei Geschlechts in der lutherischen Lehre unterrichtet?

Adolph. Nein, in der Lehre Christi habe ich sie unterwiesen, nach der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, und wenn Luther eben diese Lehre schreibt oder predigt, will ich mich seiner nicht schämen.

Arnold von Tongern. 31tens, daß Ihr auf Befehl des Herrn Herzogs von Cleve Eures Schulamts entsetzt und aus Wesel verjagt worden seyd.

Adolph. Ja, wegen einer unverschämten Lüge, die Herr Fiskal Trip vorgebracht, und der Official zu Cöln an meinen gnädigen Herrn Fürsten geschrieben hat. Als aber mein gnädiger Herr und ein ehrsamer Rath zu Wesel herausgebracht, daß es eine Lüge gewesen, bin ich wieder in mein Amt und in den vorigen Genuß der Stadtfreiheit eingesetzt worden.

Official. Wie, Adolph, ich hätte an den Herrn Herzog von Cleve Euretwegen geschrieben?

Adolph. Einen Brief von dem Official zu Cöln, des Fiskals Klagen und Lüge über mich enthaltend, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, aber dieser Official seyd nicht Ihr, denn es ist schon vor vier Jahren geschehen.

Official. Ja, da war ich noch nicht Official.

Arnold von Tongern. 32tens, Ihr ahbt einen verlaufenen Observanz-Mönch, Doctor Ferken genannt, mit einer Beghine copulirt.

Adolph. Ist auch er Lügen eine.

Arnold von Tongern. Ihr habt einen Priester, Namens clemens aus Lennep, erst verlobt, dann ehelich getrauet mit einer Magd, die er heimlich entführt hatte; habt beide auch, als sie zu Bremen wohnten, recht in ihrem Unglauben zu stärken gesucht.

Adolph. Alles eitel Lügen!

Arnold von Tongern. Kennt Ihr doch aber diesen Clemens?

Adolph. Wohl, er ist der clemens von Rade vorm Walde, war zu Wesel auf der Matenna Capellan, und letzt jetzt in Holstein bei Hausen.

Arnold von Tongern. 34tens, ebenso habt Ihr Euern eigenen Bruder, der sich zuvor heimlich mit einer Person verlobt hatte, im Kirchspiele Luttringhausen mit einer andern Person copulirt, mit der er noch zusammen lebt.

Adolph. Nicht so. Mein Bruder wurde mit der Verwandten Bewilligung mit einer Person verehelicht, aber ein Knecht hat dagegen Einsprache gethan; weshalb die Frauensperson mit diesem noch jetzt in Cöln zu Gericht geht, wie dem Herrn Official wohl bewußt ist.

Arnold von Tongern. 35tens, Ihr habt auf Eueres Vaters Hofe an heiligen Tagen nach lutherischer Weise auf teutsch Messe gelesen.

Adolph. Wieder Unwahrheit! Sind an heiligen Tagen Leute zu mir gekommen, und haben begehrt, daß ich ihnen etwas vom Worte Gottes und dem Evangelio sagen sollte, so habe ich ihnen die 10 Gebote, den Glauben, das Vater Unser und sonst etwas aus dem Worte Gottes vorgehalten und ausgelegt.

Arnold von Tongern. 36tens, auch habt Ihr die löblichen Gebräuche und Ceremonien der Kirche verdammt und Euch nicht geschämt, laut zu sagen, daß sie nur ein Fastnachtsspiel seyen.

Adolph. Die Ceremonien der heiligen christlichen Kirche habe ich gepriesen und preise sie noch.

Arnold von Tongern. 37tens, Ihr seyd mit Johann Klopreis der lutherischen Ketzerei berüchtigt worden, habt sie dann verschworen, aber dann wieder angenommen, Euch abermals zu Klopreis gesellet und ihn in seinem Unglauben bestärkt, bis Ihr zuletzt gar mit ihm hierher gekommen seyd, in dem Vorhaben, ihm beizustehen, und in seinem Unglauben zu vertheidigen.

Adolph. Ich bin allerdings mit ihm hierher gekommen, um ihm beizustehen, wo er Recht hätte, und so viel ich vermöchte, solches thaten ja schon die Heiden einander.

Arnold von Tongern. 38tens, darum hat Euch ein Ehrsamer Rath gegriffen und gefänglich eingesetzt.

Adolph. Ich bin gegriffen worden, wie am Tage liegt, ob aber gerade darum, weiß ich nicht.

Arnold von Tongern. 39tens, Ihr habt auf dem Frankenthurme gesagt und bekannt, die heil. allgemeine Kirche habe kein Haupt hier auf Erden als Christum allein, sonst wäre sie ein Monstrum mit zwei Häuptern.

Adolph. Ja, habt Ihr’s vergessen, oder wollt Ihr, daß ich es jetzt anders sagen soll? Ich habe es gesagt, und bleibe auch dabei.

Arnold von Tongern. Zum 40ten und letzten, glaubet Ihr, daß alles, was ich Euch da vorgehalten habe, bekannt und in der Leute Munde sey und allgemein versichert werde?

Adolph. Es ist damit, wie ich bei jedem Punkte gesagt habe.

Nun aber, Herr Notar, schreibt: daß ich von den Ketzermeistern gedrungen und gezwungen, auf alle obigen Fragen habe antworten müssen, ohne daß mir Bedenkzeit vergönnet worden. Weil nun ein Mensch leicht irren kann, wenn er unbedacht und über so vielerlei reden muß, so bitte ich armer Gefangener in Demuth, daß man mich über die etwanigen Irrthümer unterrichten wolle, jedoch aus der heiligen Schrifft kanonischer Bücher, und so daß der rechte und natürliche Sinn derselben unverrückt und unverbogen bleibe. Daher lege man dabei die Bibel in’s Mittel und lese daraus vor, womit man mich des Irrthums zu überweisen meint, damit jegliche Stell in ihrem rechten Zusammenhange angesehen und daraus ihr wahrer Sinn erkannt werde.

Jetzt wurde der Tisch gedeckt und guter Rathswein nebst Speisen aufgetragen. Adolph aber mußte, von den Gerichtsdienern bewahrt, hinten stehen, bis endlich Arnold von Tongern. mit dem Becher zu ihm ging und sagte: Adolph, ich bring’s Euch zu! Ihr seyd mein Schüler gewesen, ich hoffe, Ihr werdet Euch noch besinnen und umkehren.

Adolph. Magister Roster, meine Verantwortung steht jetzt geschrieben, und mit Gottes Gnade bleibe ich bei allem was ich gesagt habe.

Arnold von Tongern. (zu einem Andern) Lieber, schenkt ihm doch ein, daß er trinke.

Adolph trank und blieb an der Thür stehen, bis alle aufbrachen und weggiengen. Beim Hinausgehen redeten sie ihn, der eine nach dem andern, noch einmal an und suchten ihn weich zu machen. Was? Adolph, sprach Romber, laßt Euch doch sagen, alle Artikel, auf die Ihr gefragt seyd, wollte ich, aus der Schrift noch stärker erhärten als Ihr gethan habt, und doch nachher aus derselben Schrift das Gegentheil darthun.

Adolph. Ja freilich, es ist nichts so unwahr und trügerisch, daß man es nicht mit schönen Worten könnte so stellen und legen, daß es nach was aussieht, mit Christo aber ist’s nicht also!

Romber. Nun, ich will zu Euch kommen, und da wollen wir sehen: ich hoffe, wir werden schon einig werden.

Adolph. Gut, kommt nur.

Arnold von Tongern. Lieber Adolph, besinnt Euch: Ihr seyd das erste Mal vor unserm Gerichte, Johann Klopreis aber ist recidivus; Euch mag noch Gnade widerfahren, ihm aber nimmer.

Adolph. Eure Würde, die Ihr Doctoren der heiligen Schrift heißet, wollen mir aber zuvor aus dieser heiligen Schrift zeigen, daß und worin ich nachgeben muß.

Busco. Adee! Adolph, und laßt Euch sagen.

Adolph. Ich habe meinen Bescheid gegeben.

Officialis. Bedenkt Euch noch! Ich bin auch Schulmeister gewesen und weiß, die Schulmeister wollen immer mehr wissen als andere Leute. Doch ichhabe in der Sache nicht so viel gelesen, daß ich recht urtheilen könnte; wir haben mit unsern Sachen so viel zu schaffen, daß wir uns nach dergleichen nicht viel umsehen können. Drum bedenkt Euch selbst, ich bin Euch nie entgegen gewesen.

Adolph. Würdiger Herr, ich habe meine Meinung gesagt, kann aber Ewr. Würde etwas beitragen, daß ich erledigt werde, so thut Euer Bestes.

Johann von Venradt. Was? Es wird Euch genug gesagt; wollt Ihr’s thun, so thut’s; wollt Ihr’s nicht thun, so laßet’s!

Ketzereien, die Clarenbach widerrufen soll.

Nachdem Adolph neue sechs Wochen gesessen hatte, kamen endlich in der siebten die beiden Ketzermeister ins Gefängniß und hielten ihm 23 Artikel vor, die man als Ketzereien aus den Verhörs-Protokollen erhoben hatte, und die er widerrufen sollte. Sie lauten:

1) Er hat gesagt, daß er nicht schwören dürfe, wenn es seine eigene Sache, (nemlich den Glauben) angehe, wegen des Worts Christi, „ihr sollt ganz und gar nicht schwören.“

2) Er zweifelt, ob die allgemeine Concilia dem Worte Gottes gemäß gehalten worden.

3) Es scheint, als glaube er, daß dieselben zuweilen etwas wider das Wort Gottes beschlossen haben oder beschließen können.

4) Er hält dafür, daß Luther vom Papste verdammt worden, zweifelt aber, ob es nach dem Worte Gottes geschehen sey.

5) Sagt er, daß er etliche Bücher Luthers gelesen, aber nichts darin gefunden habe, das ihm ketzerisch vorkomme.

6) Er zweifelt, ob nach der Consekrierung Brod und Wein da bleiben, so wie

7) ob der eine Todsünde begehe, der die Beicht, Firmung und das heil. Oehl verachte.

8) Die Beicht, meint er, sey gut, ob aber nothwendig, giebt er nicht an.

9) Es sey keine andere Genugthuung für unsere Sünde, als der Tod Christi; unsere guten Werke seyen nur Zeichen und Pfand, zur Seligkeit aber nicht nöthig.

10) Die Jungfrau Maria solle man ehren, aber nicht anrufen noch anbeten, Christus allein sey unser Mittler und Fürsprecher.

11) Er glaubt nicht, daß Maria ohne alle Sünde empfangen sey, sagt dennoch, er befehle es hart, wie es damit seyn möge, denn es gehe über seinen Verstand.

12) Glaubt er auch nicht, daß sie ein Brunn der Gnaden sey, und uns irgend Gnade erbitten könne.

13) Man solle die Heiligen nicht anrufen noch anbeten, so wie

14) auch nicht das Heiligthum ehren.

15) Er zweifelt, ob der geistliche Stand, von der Kirche eingesetzt, sich mit dem Worte Gottes vergleiche, oder nicht.

16) Es dürfen auch die, so nicht gesandt sind, predigen.

17) Er glaubt nicht, daß es ein Fegefeuer gebe.

18) Auch nicht, daß der Mensch einen freien Willen habe.

19) Noch, daß die guten Werke verdienstlich seyen, und was man ihnen zumesse, entziehe man Christo.

20) Aus der heil. Schrift könne man es nicht beweisen, daß man für die Todten bitten solle.

21) Er will nicht, daß man die Bilder der Heiligen ehren solle, auch nicht das Crucifix.

22) Die Messe sey kein Opfer, sondern ein Gedächtniß. Christus habe mit Einem Opfer vollendet alle heiligen. Endlich

23) Die Kirche auf Erden habe kein anderes Haupt als Christum allein.

Ob Clarenbach diese Artikel sogleich widerrufen sollte, oder ob ihm Frist zum Widerrufen gegeben wurde, ob er keine Einwendungen dagegen machte, daß hier und da in ihnen seine Antworten verstümmelt oder entstellt wieder gegeben waren, darüber bemerkt die Quelle nicht, sondern erzählt nun weiter:

Wie man Clarenbach das Urtel gesprochen?

Dies geschahe erst am vierten März 1529. In der 8ten Woche nach Trinitatis hatte man ihm die 23 ketzerischen Artikel vorgelegt, also von da an mehr als 28 Wochen von neuem im Kerker schmachten lassen, hoffend vielleicht, daß die Länge der Gefangenschaft ihn noch biegsam machen und zum Widerrufe bewege würde. Aber vergebens, er war und blieb unerschütterlich standhaft.

An dem gesagten Tage endlich kamen seine Richter zusammen, aber jetzt nicht mehr auf der Ehrenpforte, sondern im Hause des erzbischöflichen Greven. Diese Richter waren außer dem Greven der päpstliche und der erzbischöfliche Ketzermeister, dann Arnold von Tongern, der Dechan von St. Joris, Johann von Busco, Johann von Venradt, der Doctor Paderbornis und der Untersiegler Tremonie. Außerdem fanden sich noch Welt- und Klostergeistliche und viele Layen ein; es ward also die Sentenz bei offenen Thüren gesprochen.

Die geistlichen Herren setzten sich nach ihrer Gewohnheit nieder, die Layen aber standen hinter ihnen, und Clarenbach wurde von dem Greven und zwei Gerichtsdienern aus dem Kerker herbeigeholt. Hier schied er von einem Mitgefangenen, der auch als Ketzer saß, weil er, wie Clarenbach, meinte, das Brod im Abendmahle müsse nicht als Gott angebetet werden. Es war Peter Fleisteden, von dem gleich unten mehr erzählt werden wird. Unter den Tröstungen dieses Gleichgesinnten verließ er das Gefängniß, und kam vor dem Greven-Hause an, wo mehrere Bürger versammelt standen. Der Friede Gottes sey mit Euch allen! sagte er zu diesen, und betrat dann den Gerichtssaal, wo der Greve ihn auf einem Stuhle in der Mitte des Zimmers sich niedersetzen hieß.

Jetzt hub der päpstliche Ketzermeister Köllin von der römischen Kirche zu reden an. Sie habe ihren Anfang genommen mit Peter, als demjenigen Apostel, zu dem der Herr gesagt: „du bist Petrus, der Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde erbauen; was du bindest auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden seyn, und was du lösest auf Erden, da soll im Himmel auch gelöset seyn.“ Von Peter an sey diese Gewalt auf alle Päpste gekommen, und solle der römischen Kirche bleiben in Ewigkeit. Es gebe keine andere christliche Kirche, als die römische, wie ja Paulus sage: „Ein Glaube, Eine Taufe, Eine Kirche,“ und wer in dieser Kirche nicht bleibe, der sey kein Christ etc. Seyd denn aber, Ihr Adolph, – so schloß er, – in Irrthümer gerathen, die dieser alleinig heiligen römischen Kirche widerstreiten, so sind wir alle hier erschienen, Euch noch einmal zu fragen, ob Ihr von solchen Irrthümern ablassen und Euch der heil. römischen Kirche wieder unterwerfen wollet, oder nicht? Mit großem Ernste fordern wir Euch zu diesem Gehorsame auf, es treu und redlich mit Euch meinend, und Eurer Seelen Seligkeit suchend. Darum gebet uns eine kurze und gute Antwort auf diese unsere Frage.

Statt ihm aber diese zu geben, richtete Adolph das Wort an die versammelten Zuschauer und erzählte ihnen den ganzen Gang seines Prozesses, wessen man ihn fälschlich beschuldigt, was man ihn gefragt und was er geantwortet habe. Lange ließ man ihn so reden, bis ihnendlich der päpstliche Ketzermeister unterbrach und sagte: Das, Adolph, ist ja keine Antwort auf unsere Frage, wir wollen von Euch weiter nichts wissen, als ob Ihr von den ketzerischen Meinungen abstehen wollet?

Adolph. Aber die Anwesenden wissen ja von diesen nichts; darum lasset mich reden, daß sie es erfahren und urtheilen können.

Der Ketzermeister. Nein, darum sind wir nicht hergekommen, und wenn Ihr uns nicht auf unsere Frage antworten wollt, so sind wir gedrungen, Euch sogleich die Sentenz zu sprechen.

Aber nun legten sich die Anwesenden aus dem Volke ins Mittel. Das Reden muß man ihm vergönnen! riefen sie, und legten ihren Unwillen laut darüber an den Tag, daß man ihn nicht sprechen lassen wollte. Sie wollen’s nicht, sagte der eine, damit wir’s nicht hören, wie unchristlich sie mit ihm umgegangen sind. Ein Anderer: Sie wandeln in Finsterniß, und scheuen das Licht der Wahrheit! und so Andere anders. Aber Adolph durfte dennoch nicht reden. Er appellirte abermals an den Kayser, und zeigte, wie diese Appellation jedermann vergönnet seyn müßte. allein vergebens, sie wollten von einer solchen Appellation nichts wissen. Er erinnerte dann auch jetzt an das Beispiel Pauli, wie dieser Apostel sich auf den Kayser berufen, wie Festus ihm diese Appellation vergönnet und den Apostel mit großen Kosten nach Rom vor den Kayser habe bringen lassen. So hat es, sagte er, eine heidnische Obrigkeit Paulo gemacht, und mir armen Gefangenen will es die christliche Obrigkeit, vor der ich hier sitze, (er deutete mit dem Finger auf den Greven) nicht so machen?

Ketzermeister. Es wäre nicht christlich, sondern ketzerisch, in solchen Sachen an den Kayser zu appelliren.

Adolph. So war also Paulus, der Apostel Jesu Christi, auch ein Ketzer, denn er hat in solchen Sachen auch an den Kayser appellirt? Notar, schreibt das, es sey ketzerisch, an den Kayser zu appelliren.

Hierauf bat Adolph nun noch einmal um Gottes willen, man möchte ihn doch belehren und aus der heiligen Schrift überweisen, daß und wo er im Irrthume wäre, sie solle der Richter über ihn und seine Richter seyn. Nun, erwiderte der Ketzermeister, wir sind nicht gekommen, mit Euch zu disputiren. Oft genug sind wir bei Euch gewesen, um Euch zurecht zu weisen, aber Ihr seyd halsstarrig und unbeweglich geblieben.

Die übrigen Alle. Die Zeit verläuft, Magister Roster leset die Sentenz!

Adolph. Aber so leset doch erst die ketzerischen Arrtikel ab, damit die Umstehenden wissen, warum Ihr mich verdammet!

Ketzermeister. Sollte dies böse Gift in reine Gefäße gegossen und diese besudelt werden?

Ueber diese Worte wurde der Ketzermeister vom Volke verlacht, und Adolph stand auf, um in sein Gefängniß zurückzukehren. Valete! sprach er, und die Gerichtsdiener ließen ihn wirklich ungehindert gehen. Aber da sprang der Untersiegler Tremonie auf, ergriff ihn beim Arme und stieß ihm mit der Faust in den Nacken, mit den Worten: geht auf Euern Stuhl, und hört die Sentenz!

Adolph. Wollt Ihr mein Henker seyn?

Nun noch eine Weile, so schlug der Ketzermeister das Meßbuch auf, da wo das Evangelium steht: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das sWort.“ Man malte das Crucifix, und der Ketzermeister verlas auf lateinisch die Sentenz, welche so endete: So schneiden wir denn diesen Adolph Clarenbach als ein reudig Schaaf und als ein faules, stinkendes Glied von der Kirche ab, und übergeben ihn der weltlichen Obrigkeit, jedoch mit der Bitte, daßs sie ihm an Leib, Leben und Blute nichts zufügen möge, – eine christliche Bitte, die sie, wie die Quelle bemerkt, ihren Verdammungsurtheilen immer anzuhängen pflegen, aber nie erfüllt wissen wollen. Adolph hörte seine Sentenz, aber wie der Ketzermeister diesen ihren Schluß aussprach, rief er: macht die Fenster auf, damit der böse Quelm herausschlage! Was ging aber die Pfaffen dieser Hohn an? Sie waren fertig mit ihrem christlichen Werke, und legten demselben jetzt nur noch eine fromme Zugabe bei. Denn der Ketzermeister theilte an die Helfershelfer zu dem Werke 300 Jahr-Ablässe aus, wahrscheinlich damit ihnen die grobe Sünde, die sie an Adolph begangen hatten, gleich auf der Stelle vergeben würde. Die übrigen Umstehenden bekamen solche geistlichen Gaben auch, nemlich eilf Jahr-Ablässe, aber ein Theil von ihnen trieb seinen Spott damit, ein anderer sagte: er soll St. Velten mit seinem Ablaß haben; – Nachdem diese fromme Handlung vorbei war, machten sie sich auf und schlichen davon, fürchtend, es möchte hier noch Schläge geben. Weggehend sagte Johann von Venradt zu dem Verurtheilten: habe ich Euch nicht neulich gesagt, daß es so gehen würde? Freilich, antwortete Adolph, denn Ihr sagtet mir, es würde nicht nach St. Pauli Meinung gehen, und das ist richtig eingetroffen. Zum Notar aber sprach er: Pedell, Ihr seyd mir verdächtig! Ich habe letzthin von Euch das Instrument darüber verlangt, daß sie mir den rechten Prozeß verweigert haben, der jedem Gefangenen gestattet werden muß, und auch Paulo verstattet worden ist; aber Ihr habt mir dies Instrument schön nicht gegeben. Darum requirire ich es jetzt nochmals von Euch, und auch eins darüber, daß sie gesagt haben, es sey ketzerisch, an den Kayser appelliren. Aber Hermann Broil wollte an Beides nicht, so daß Adolph ihn an seinen Notar-Eid mahnen mußte, vermöge dessen er Allen, die Instrumente begehren, sie ausfertigen müsse. Ob dies geholfen hat, sagt die Quelle nicht.

Jetzt gingen alle aus einander, und Adolph wurde unter den Trostsprüchen vieler guter frommer Leute wieder ins Gefängniß geführt. Von nun aber war dies für ihn in des Greven Hause.

Neue Versuche, Adolph herumzubringen.

In diesem Verhafte saß Adolph von März an bis zu Michaelis. Im Laufe des Sommers kamen mehrere Geistliche, etwa fünf an der Zahl, und auch andere Leute zu ihm in des Greven Haus und ließen ihn vor sich kommen, theils ihn zu sehen, theils zu versuchen, ob sie ihn nicht mit Bitten und gütlichen Worten von seiner Meinung abbringen könnten. Unter ihnen war Schlebusch, der Vikar im Dome. Dieser redete ihm aufs Beste zu. Lieber Adolph, sagte er, gewiß ich rathe dir zu deinem Besten, und bitte dich, daß du dich bedenken wollest; leicht könntest du los kommen, wenn du nur wolltest. Ich weiß gewiß, unser Herr Erzbischof ist ein gnädiger Herr, du darfst ihm nur bekennen, daß du geirrt hast, so geschieht dir Gnade. Dazu sind dir gar viele Herren günstig und gewogen, du giltst bei Ihnen für einen verständigen, gelehrten Mann, bist ihnen lieb und werth, und sie werden dir gerne helfen, es kommt alles auf dich an.

Hierauf nahm der Pfarrer von Clarenbachs Vaterstadt das Wort, und redete ihn auf’s Beweglichste zu. Warlich, seht, Adolph, sagte er, ich habe noch einen alten Gulden, den kriegt der erste Bote, der mir die Botschaft bringt, daß sich Adolph bekehrt hat. So thut’s doch, mein lieber Adolph, thut’s doch, ich bitte Euch um Gottes und Jesu Christi Willen. Dies sagte er mit so gerührter Stimme und Gebärde, daß Adolph durch solche Liebe hätte erweicht werden müssen, wenn die höhere Liebe, die Wahrheit selbst, nicht so ganz sein Herz beherrscht hätte. Stumm saß er da und schwieg zu allem stille, was diese Leute ihm Liebes sagten. Warum antwortest du denn nicht, Adolph, fragten sie endlich, was sagst du dazu, willst du deinen Irrthum nicht bekennen? Freunde, sprach er, ich kann keine andere Glaubensartikel machen, als ich von meiner Mutter gelernt habe.

Der Pfarrer von Lennep. Ja, Adolph, Ihr wollt’s genommen haben wie Ihr’s versteht, und die Ketzermeister wollen’s anders verstanden wissen. Sie können doch Euch nicht folgen, sondern Ihr müßt Ihnen folgen.

Adolph. Darauf kann ich nicht anders als mit Christo antworten: habe ich übel geredet, so beweise man’s, wo nicht, warum hält man mich denn gefangen? Sie mögen mich doch um Gottes und seiner Barmherzigkeit willen unterweisen, ich will mich ja gerne von einem Kinde unterweisen lassen!

Wir können nichts ausrichten, es ist alles an ihm verloren, sagte der Pfarrer, und nun fingen sie an, ihm Angst zu machen. Adolphen strömten die Thränen zud en Augen heraus, daß er seufzend sprach: Gott erbarme sich meiner! Indeß kamen noch mehrere dazu, worüber unter den Anwesenden ein Stillschweigen entstand, bis man den Doctor (War dies Paderbornis, oder ist das doctor der lateinischen Urschrift aus Unachtsamkeit durch der statt durch ein Doctor übersetzt?) aufforderte, auch das Seinige beizutragen. Dieser ließ sich dann weitläufig über die Sache aus, brachte allerlei Beispiele bei, unter andern das von Anno,und schloß mit der siegreichen Apostrophe: Wäre die alte Weise, von unsern Vorvätern bis zu uns herab geerbt, nicht die rechte, so hätte Gott wohl einmal von den Todten auferstehen lassen müssen, der uns das gesgt hätte und uns angewiesen, wie wir’s denn eigentlich halten sollten. – Fürwahr, das ist ein stark Argument! sagte der Greve. Ja, ein überaus starkes Argument! rief Schlebusch mit lauter Timme. – Was sagt Ihr dazu, Adolph? fragte man.

Adolph. Wen Christus lehrt, der kann nicht irren, und mich hat er gelehrt. Wer an Ihn glaubet, hat das ewige Leben, und ein solcher glaubet gut und kann nicht irren.

Jetzt fing Schlebusch und noch mehr der Pfarrer von Lennep wieder an, ihm zu drohen. Wenn Gewalt kommt, ist Recht todt! versetzte er, und ihre Schreckworte verfingen nichts. Daher kam der Pfarrer wieder gelinde, und sprach: Lieber Adolphe, Ihr seyd ein junger Mann, wollt doch Euern jungen Leib nicht dem Tode hingeben; Schade wär’s um Euern Verstand, rettet Euch doch, ich bitt’ Euch um Gottes und Christi willen.

Aber die guten Worte wollten so wenig wirken als die Schreckworte, so daß Einige sagten: es ist alles verlorne Arbeit! Nun, wenn Ihr denn nicht anders wollt, Adolph, so sehet, wie übel Ihr fahren werdet: denn Leib und Leben wird es kosten. Ja ja, fiel der Greve ein, ich fürchte, Adolph, es kostet Euch den Hals. Der ist hier, antwortete Adolph und streckte den Hals hervor. Haben sie diesen gleich, so haben sie doch ihren Willen noch nicht; ich aber werde das ewige Leben haben und zuletzt sollen sie’s wohl erfahren, was sie gethan.

Nachdem nun noch hin und her geredet war, wollte der Greve Adolphen wieder abführen lassen. Indeß kam des Greven Frau dazu und fragte ihn: also darf man die Mutter Gottes nicht ehren?

Das habe ich nicht gesagt, versetzte Adolph. Sie fragte weiter. auch die Heiligen nicht anrufen? Was er hierauf antwortete, ward nicht mehr angehört; denn Pfaffen schrien durch einander, der eine hier, der andere dort. Adolph gab ihnen allen die Hand, segnete sie und befahl sich Gott. Als ihn die Diener wieder abgeführt hatten, meinte einer der Anwesenden, wenn mancher so mit Worten davon kommen könnte, wie dieser da, so würde er kein Narr seyn und sich wieder einsperren lassen.

Peter Fleisteden, Clarenbachs Mitgefangener.

Er hatte seinen Namen von einem Jülichschen Dorfe ohnweit Cleve, Fleisteden, Flysteden oder Findsteden, aus dem er gebürtig war. Auch er gehörte zu der Zahl derjenigen, denen das Licht der evangelischen Wahrheit aufgegangen war, und kam im Jahre 1528 in der Absicht nach Cöln, dies Licht auch Andern in ihre Finsterniß scheinen zu lassen. Vorzüglich empörte sein Gemüth die Abgötterei, die seine Kirche mit dem Sakramente des Abendmahls trieb; über diese vornehmlich und zuerst wünschte er daher den Cölnern die Augen zu öffnen, und wählte, um hierzu Gelegenheit zu bekommen, ein Mittel, das freilich etwas sehr Auffallendes hatte, das aber weniger auffallend erscheint, wenn man sich zurückdenkt in jene Zeit des kräftigen Willens, wo es auf das Wie? nicht besonders ankam, wenn es mit dem Was? seine volle Richtigkeit hatte. Peter nemlich begab sich in die Domkirche und stellte sich mit dem bedeckten haupte zum Hochaltare hin; auch da der Priester die Monstranz aufhob, zog er sein Baret nicht ab, noch beuchte er die Knie; ja er kehrte dem Volke den Rücken zu, seufzte tief und spie aus. Geistliche wie Layen waren höchst verwundert über dies seltsame Betragen, doch fragte ihn keiner, warum er das thäte? Keiner verwies ihm seine That. Dies aber hatte er beabsichtigt; denn auf einen solchen Verweis wollte er Gelegenheit nehmen, der Gemeinde über das abgöttische Spiel zu predigen, das man da mit dem Mysterium getrieben hätte und treibe. Dafür erreichte er auf andere Art seinen Zweck; denn aufgefordert von den Geistlichen, holte der Arm des Gerichts ihn ein, und das hatte er eben gewünscht. Der Gwelrichter erschien mit seinen Gerichtsdienern und ließ ihn greifen, während er noch vor dem Dome mit seinen Bekannten sprach. Du mußt mit! so redete ihn der Richter an. Gerne, antwortete Peter unerschrocken und mit lachendem Munde, dazu eben bin ich gekommen! So nahmen sie ihn mit, und setzten ihn zuerst auf den Franckenthurm.

Hier hatte er eine gute Zeit gesessen, als endlich Abgeordnete des Raths nebst den Ketzermeistern und andern Geistlichen erschienen, um ihn zu examiniren. Unter den vielen Fragen, die sie an ihn thaten, war natürlich vor allem die: warum er letzthin das Hochwürdige so entheiligt und beschimpft hätte? Er antwortete: nicht das Nachtmahl Christi habe ich verächtlich behandeln wollen, sondern seinen Mißbrauch, und dieß bloß in der Absicht, um, befragt über die Ursache meines Betragens, Gelegenheit zu haben, das irrende Volk zu belehren, daß man das Sakrament nicht als seinen Gott verehren und anbeten solle.

Man fragte weiter, ob ihn diese That gereue und ob er sie wohl noch einmal thun möchte? Nein, sagte er, sie gereuet mich nicht, und wäre ich jetzt wieder zu Hause, so käme ich doch nach Cöln zurück, und thäte, was ich gethan habe; denn solche Abgötterei muß man nicht dulden. Das Sakrament ist nicht Gott, sondern Brod und Wein sind äußere Zeichen und müssen im Glauben genossen werden.

Das Protokoll über diese und die übrigen Fragen und Antworten wurde nun dem Rathe von seinen Abgeordneten vorgelegt, (Der Verf. der Warhafften Historia kannte auch Fleistedens Proceß aus den Acten, wollte aber aus diesen nicht mehr als das oben Gesagte anführen. S. 103.) und man beschliß hierauf, den Schuldigen dem Greve des hohen und weltlichen Gerichts zu überantworten, damit das Recht an ihm vollstreckt wede. Mit fröhlichem Angesichte ging zu jedermanns Verwunderung Peter in des Greven Haus, und kein Grauen war an ihm zu bemerken, da die Thür des Gefängniß-Kellers sich ihm öffnete.

Doch ehe auf seinen Tod erkannt wurde, versuchte man noch alles, um ihn zum Widerrufe zu bewegen. Der Greve und die Schöffen ließen ihn auf’s schärfste foltern, und trieben dies so lange, daß sogar der Henker, wie dieser selbst gestanden hat, sich seiner erbarmte und sich weigerte, ihn ferner zu peinigen. Aber man gewann mit allen Martern nichts; Peter seufzte zu Gott, rief ihn um Trost und Hülfe an, und dankte, daß er würdig befunden wäre, um seines Evangelii willen zu leiden. Da sie denn nun nichts mit ihm ausrichten konnten, ließen sie ihn wieder in die schweren Stöcke und Ketten legen, und hielten ihn von da an oft bloß bei Wasser und Brod, aber immer noch erwartend, daß er wohl noch herumgebracht werden würde. Denn sie fuhren noch immer fort, ihn zu befragen, ihm zuzusprechen, zum öftern mit Schwerdt, Wasser und Feuer zu drohen, und noch allerlei andere Mittel anzuwenden, um ihn zum Widerrufe zu bewegen. Dies trieben sie fort und fort, bis Adolph Clarenbach zu ihm ins Gefängniß gelegt wurde. Von da an gaben sie Fleisteden auf, und verwandten alle ihre Mühe auf Adolphs Bekehrung, aber, wie wir sagen, versagte sie auch an ihm.

Adolphs und Peters letzte zwei Tage im Gefängnisse.

Die bieden Gefangenen zum Tode zu verdammen, kam dem Cölner Senate eben nicht leicht an. Aber es war seit einiger Zeit ein Umstand eingetreten, der den blutdürstigen Pfaffen vortrefflich zu Statten kam, und den sie auch vortrefflich zu ihrem Vortheile zu benutzen wußten. Es war nemlich im Cölner Gebiete eine bisher unbekannte Seuche ausgebrochen, die schweißende Krankheit (Warhaffte Historia. S. 104.) oder der englische Schweiß genannt, (Schröckh Kirchengesch. seit der Reformation. 1 Th. S. 404.) und raffte viele Menschen hin. Das ergriffen die Prediger in Cöln, sie schrien und schalten auf den Canzeln über die einbrechende Ketzerei, und über die Schonung, die man mit ihren Urhebern habe, als die einzige Ursache, warum Gott seinen Zorn über die Stadt ausließe und sie mit dieser verheerrenden Krankheit heimsuchte; darum sey nichts anders übrig, als den Zorn Gottes mit dem Tode dieser Gottlosen zu versöhnen. (Joh. Sleidanus sagt hierüber: Culpam ejus rei (nemlich der Hinrichtung Clarenbachs und Fleistedens) plerique confeberant in theologos concionatores, qui suppliciis impiorum placandam esse clamabant iram die, novo morbi genere nos verberantis. (de statu religionis et reipubilicae etc. p. 97. Ausg. v. 1555.) Dies wirkte kräftig und so wurde der Tod der beiden Märtyrer beschlossen.

Am 27ten September, dem Tage vor der Hinrichtung, ging der Greve zu dem Gefängnisse, wo sie beide zusammen saßen und fragte von oben durch das Keller-Loch: Wie geht es?

Wie es dem Herrn gefällt, antwortete Adolph allein, denn Peter hatte eine schwache Stimme, die bis zum Keller-Loche hin nicht vernehmbar gewesen wäre; außerdem sprach er überhaupt sehr wenig, und nur wenn er ausdrücklich gefragt wurde. – Wollt Ihr noch nicht von Euerm Irrthume lassen? sprach der Greve weiter; wie lange wollt Ihr in Eurer Meinung beharren?

Adolph. So lange als Gott will.

Greve. Nun, wenn Ihr denn nicht davon ablassen wollt, so wird Euch Euer Recht widerfahren. Ihr müßt sterben; soll ich Euch einen Mönch kommen lassen, dem Ihr beichtet?

Adolph. Wie Ihr wollt. haben wir gegen diesen Mönch gesündigt, so wollen wir ihm beichten und ihn um Verzeihung bitten.

Dies sagte Adolph lachend, und setzte hinzu: Aber, Herr Greve, wenn nun der Mönch käme, so hätten wir ja doch kein Geld, ihm die Beichte zu bezahlen, wie sollten wir’s denn machen?

Der Greve. Nun, nun, es wird schon anders mit Euch werden!

An demselben Tage, zwischen 4 und 5 Uhr, kam Aleff von Gynt an das Keller-Loch, grüßte die Gefangenen freundlich und bat sie inständigst, doch Belehrung anzunehmen. Diese, meinte er, können sie ja gleich von den bieden Prediger-Mönchen empfangen, dies ich eben jetzt hier auch einfanden. Der eine Mönch legte sich auf das Loch und fragte lateinisch: Wollt Ihr denn bei Euerm Glauben bleiben? Die Stunde ist da, die Euch den Tod bringen wird; wenn Ihr aber von Euerm Glauben abstehet, so verspreche ich Euch, daß Ihr gut davon kommen sollt. Adolph antwortete: „Wir glauben allein an Jesum Christ, unsern Heiland.“ Aber Aleff und die Mönche ließen bis in die Nacht nicht ab mit Reden und Zureden, bis Adolph, ihres Geredes müde, ihnen seinen Ueberdruß zu erkennen gab. – „Wie?“ sprach Aleff, „Ihr wollt um Christi willen leiden, und es it Euch zu viel, eine Nacht seinetwillen zu wachen? Ich bitte Euch nochmals, nehmt doch Unterricht an.“ – „Ja,“ antwortete Adolph, „Unterricht aus der heiligen Schrift nehmen wir gerne an, den gebt uns nur!“ Aber damit war Aleff noch nicht abgewiesen, sondern er sowohl als die Mönche setzten ihnen von neuem mit Bitten und Ermahnungen so sehr zu, daß sie sich in vorgeblichen Versuchen erschöpften. Jetzt wünschten sie ihnen gute Nacht, aber noch scheidend wiederholten sie die Bitte: Lasset Euch doch unterweisen! und Adolph antwortete abermals: „Könnt Ihr mir beweisen, daß ich mit dem, was Christus mich gelehrt hat, irre daran bin, so will ich mich belehrenn lassen.“ Auch Peter sprach jetzt etwas, das sie aber theils nicht vernehmen konnten, theils nicht genug beobachteten, weil sie ihn als einen längst aufgegebenen Ketzer mehr haßten als seinen Mitgefangenen.

Endlich kam nun der Sterbetag Adolphs und Peters, und siehe! der unermüdete Aleff erschien noch einmal wieder, diesmal mit zwei Augustiner-Mönchen, die der Greve aufgefordert hatte, die Deliquenten beichten zu lassen. Jetzt kam es zu folgendem Gespräche:

Aleff. Adolph, wie steht es?

Adolph. Gut, Herr Aleff, aber wir hoffen, heute wird’s noch besser werden.

Aleff. Freilich wohl würde es das, wenn Ihr Euch wolltet sagen lassen. Bleibet Ihr aber bei Eurer Meinung, so wird’s nicht besser, sondern dann müßt Ihr sterben.

Adolph. Anderes wünschen wir nichts als den Tod, auf daß wir erlöset werden von unsern Feinden, das ist, von unserm Fleische, von Sünden, Hölle und Teufel. Kann uns das nicht ein herrlicher Trost seyn, daß wir des Feindes los werden, der uns täglich bestreitet, – des sündlichen Fleisches, das immer gelüstet wider den Geist? So lange wir hienieden auf Erden wallen, endet nicht der Streit des Fleisches wider den Geist und des Geistes wider das Fleisch. Galat. 5, und wir können nicht so vollkommen werden, als wir wohl wollten. Auch sehnen wir uns, frei zu werden von der Feindschaft des Widersachers, – des Satans, der umhergehet wie ein brüllender Löwe und uns vielfach versuchet, ob wir von unserm Glauben abstehen wollen. Wir wünschen zu sterben, und sind von Gott berufen zu diesem unsern Leiden, sintemal Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelassen, daß wir nachfolgen sollen seinen Fußstapfen; welcher keine Sünde gethan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde funden, welcher nicht wieder schalt, wenn er gescholten wurde, nicht dräuete, da er litte, er stellete es aber dem anheim, der da recht richtet. Er opferte unsere Sünden selbst an seinem Leibe, auf dem Holze, auf daß wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunder wir sind heil worden. Denn wir waren wie die irrenden Schaafe, aber nun sind wir bekehret zu dem Hirten und Bischof unserer Seelen 1 Petr. 2. Hier schlug er in die Hände, und rief freudig aus: Ist das nicht wahr?

Aleff. Ja Christus war ohne Sünde, und starb um unserer Sünde willen, wir aber sind voll Sünden.

Adolph. Aber darum eben ist er gestorben, daß uns unsere Sünden nichts schaden können an der Seele, so wir sie vor ihm bekennen. Er ist dann unser alleiniger Mittler und Fürsprecher bei dem himmlischen Vater. Was wollen wir mehr? Wenn wir Christum haben, so haben wir genug!

Peter. Ja wir halten uns an Christum!

Aleff. Aber Ihr wisset doch, Adolph, daß wir Glieder der heil. Kirche seyn müssen, wenn wir wollen selig werden, und wer von dem Leibe der Kirche abgeschnitten wird, mag es nicht werden. Euer Leiden kommt Euch also nicht zu Nutze, wenn Ihr der Kirche nicht mehr gehöret. Drum, Adolph, laßt Euch rathen und vereinigt Euch wider mit der heil. römischen Kirche.

Adolph. Christus, unser Herr, ist das Haupt der christlichen Kirche, darum halten wir uns an das Haupt und sind mit ihm vereinigt.

Jetzt legte sich der eine Augustiner-Mönch, der ein Jude gewesen war, ins Gespräch, und fragte auf lateinisch: Adolph, wie verstehest du die Worte: „nehmt hin den heiligen Geist.“ „Welchem ihr die Sünden vergebet, dem sind sie vergeben, wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten.“ Hier hat ja Christus Petro und allen seinen Nachfolgern auf dem römischen Stuhle die Macht gegebben, die Sünden zu erlassen und zu behalten. Von Christi Statthalter aber haben alle Bischöfe, Prälaten und Priester diese Gewalt zu lösen und zu binden.

Adolph. Ich glaube, das binden und lösen gehe eigentlich auf das Predigen des Worts Gottes, das dann allen Menschen befohlen ist, nicht bloß dem Papste, der ja auch gar wenig darin thut. So bedarf auch Christus keines Statthalters auf Erden, und sagt mir doch, wer hat der gekrönten Bestie die Macht gegeben sich Allerheiligster Vater heißen zu lassen?

Aleff. Wenn sich der Papst hält, wie er sich halten soll, so ist er heilig.

Adolph. Aber wenn wir leben, wie sich’s gebührt, so sind wir das Alle. Und was das Sündenvergeben betrifft, so wißt Ihr doch, wie uns die gekrönte Bestie mit seinem Ablaß verführt hat, und ist ein Krämer worden damit; seine Krämerei aber hat ein Ende, weil der gemeine Mann seiner Büberei inne geworden ist.

Aleff. Daß Ihr ihn eine gekrönte Bestie heißet, ist wieder die Liebe.

Der Augustinere. Und wißt Ihr nicht, daß Paulus sein Wort zurücknahm, als er den Hohenpriester eine übertünchte Wand schalt, sobald er hörte, daß es der Hohepriester war?

Aleff. Auch nicht, daß wir unterthan seyn sollen dem Herrn, nicht nur den gütigen, sondern auch den ungeschlachten. So müssen wir denn dem Kayser, dem Papst und aller Obrigkeit gehorsam seyn.

Adolph. Vom Kayser und der Obrigkeit sag ich nichts, denen müssen wir gehorchen in äußern Dingen, wenn sie nicht wider Gott sind. Aber die gekrönte Bestie hat sich an Gottes Statt gesetzt, – hier an diese Stelle, die Gott allein gehört (auf seine Brust zeigend) – hier in unsern Gewissen und Seelen, und damit hat er uns unser Geld und Gut abgenommen. Er ist es, von dem Paulus 2 Thess. 2. weissagt, – der Mensch der Sünden und das Kind der Verderbung, – der Widerwärtige, der sich erhebet über alles was Gott ist und geehret wird, also daß er sich setzet in den Tempel Gottes als ein Gott und giebt sich aus, er sey ein Gott, und hat es dazu gebracht, daß man seine Gebote fleißiger hält als Gottes Gebote.

Der Augustiner. Was haltet Ihr denn vom Sakramente?

Adolph. Nicht mehr und nicht weniger als was davon in der Schrift steht. Ihr aber, wie habt Ihr Euch unterstehen dürfen, Christum noch einmal zu opfern, da er sich ein Mal geopfert für Alle, – für aller Welt Sünde? Hebr. 9 u. 10. Das Opfer, was uns nun noch übrig bleibt, und das Gott gefällt, ist ein geängsteter Geist, wie der Psalmist sagt. Hiermit gehet hin, ihr beschornen Glatzen!

Aleff. Lieber Adolph, wir wollte nicht mit Euch disputiren, sondern Euch das Ende zu bedenken geben. Gott wird Euch aus dem Irrthume helfen.

Adolph. Wir halten uns an den Herrn Jesum Christum und an sein Wort, so können wir nicht irren. Sein Wort wollen wir bekennen, so lange uns der Mund offen steht, und Ihn, unsern Herrn, wollen wir bekennen vor den Menschen, so wird er uns wieder bekennen vor seinem himmlischen Vater. Auf keine Menschen verlassen wir uns, seyen sie so heilig gewesen als sie wollen, auch auf unsere guten Werke nicht, denn wir haben ihrer keine. So wir denn keine haben und sollen doch heute sterben, wo sollen wir denn hinaus? Zum Teufel wollen wir nicht, Menschentrost hilft uns nicht, und all unser Thun ist umsonst, dieweil wir mit allem, was wir gethan, nur unnütze Knechte sind. Darum verlassen wir uns billig allein auf den Tod unseres Erlösers, den er für uns gelitten hat, und sonst auf kein Ding in der Welt, scheine und gleiße es, wie es wolle!

Der Augustiner. Ihr verachtet alle äußern Ceremonien und haltet allein auf den Glauben. Aber warum hat denn Gott befohlen zu taufen mit Wasser und dem heiligen Geiste. Wär’ es mit dem heil. Geiste nicht genug gewesen, wenn’s am Glauben genug wäre?

Adolph. Es hat dem himmlischen Vater also gefallen. Wer ist sein Rathgeber, oder wer mag zu ihm sprechen: warum machest du das also und nicht anders.

Das aber ist gewiß, wenn der Glaube nicht da ist, so ist alles nichts. Wer nicht glaubt, der wird verdammt, sey er getauft oder nicht.

Hiermit ging Aleff und der Mönch weg, und jetzt war auch die Stunde da, daß die Gefangenen aus dem Kerker zum Richtplatze geführt werden sollten.

Der Zug durch die Stadt.

Adolph und Peter ließen in dem Kerker noch einen mitgefangenen Meßmacher zurück. Scheidend baten sie diesen, alle Brüder zu grüßen, fest bei dem zu bleiben, was er von ihnen gehört hätte, und sich durch die Münche nicht irre machen zu lassen. Vor dem Gefängnisse banden die Henker dann beide zusammen, und als sie aus des Greven Hause getreten waren, sagte einer zu ihnen: „jetzt denkt an unsern Herrn, wie er aus Pilatus Hause ging.!

Adolph (zum Greven.) Ja Pilato war’s zu verzeihen, denn er wußte nicht, was er that, Ihr aber wißt’s.

Peter (zu eben demselben.) Du bist ärger als Pilatus, denn du hättest uns gern durch Pein von Christo weggepeinigt, aber wisse, daß keine Marter zu erdenken ist, die uns Ihm wegbringen könnte.

Indem sie nun mit den Gwelrichtern und den geharnischten Wächtern von da zogen, brach Adolph in ein lautes Gottloben aus und betete: „Lob, Ehre und Dank sey dir, Vater, daß du uns diesen Tag hast erscheinen lassen, nach dem uns so sehr verlanget hat! O Herr siehe herab, denn die Zeit ist nahe“ – Da trat ein Tuchscherer hinzu und redete Ihn mit tröstenden Worten an. „Ich bin in Christo getröstet“ sprach Adolph. „Ich sterbe der Christen Tod, und es geschieht der Wille des Herrn. Ihm erging es so, wie sollt’s uns nicht so gehen? Er ging voran, und wir müssen nachfolgen, wenn wir seine Brüder seyn wollen.“ – Beim Hauses des Kaufmanns Gurtzenig sprach ihn ein Oberländer an: „Bist getröstet Adolphe!“ Davon war er sehr erfreuet; er lächelte und hätte dem lieben Mann gern die Hand gegeben, aber sie war zu eng gebunden. Lange noch ging dieser Mann mit ihm. – An der Wachpforte wurde er eines Weselers ansichtig, und begrüßte ihn: „Sey du gegrüßet, Bruder, und den andern Brüdern sag’ gute Nacht. Ermahne sie, daß sie nicht ablassen von Christo und seinem Worte, aus Furcht vor dem Tode. Denn es muß geschehen, daß alle, die wollen gottselig leben in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Darum will ich Christo nachfolgen, und Euch vorangehen.“ „O Cöln, Cöln,“ fuhr er fort, „wie verfolgest du das Wort Gottes! Es ist eine Wolke in der Luft, die wird noch einmal herabfließen.“ – Alles Volk verwunderte sich der Freiheit und Festigkeit, mit der er redete; der Pfaffen etliche aber sagten, er hat gut gezecht, die Zunge ist ihm gelöst! Peter sprach gar wenig, aber statt seines Mundes redete die Freude, die auf seinem Angesichte leuchtete.

Man war zu der sogenannten Hacht gekommen, wo die Missethäter bleiben müssen, bis die Sterbeglocke geläutet wird. Hier stellten sich die zwei Augustiner-Mönche wieder ein. „Was wollt Ihr mit den Hunden,“ sagte der Hachtmeister, der sie einließ, „sie sind hart wie Stein und beichten doch nicht. Der eine kann schwatzen, daß er ein ganzes Land verführen könnte.“ – Adolph begehrte eine Bibel, bekam sie auch, und las das 5te Kapitel im Briefe an die Römer laut vor. Peter hörte aufmerksam zu, aber ein Begharde, (Zu der Urschrift Baggard, in Westerburgs gleichzeitiger Geschichte Backart.) redete immer drein und suchte ihn am Lesen zu hindern. „Ach, Lieber, laßt mich doch ein wenig mich ergötzen im Worte Gottes,“ sagte Adolph, und las weiter. Einiges legte er auch aus, und da er zu den Worten kam: „sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden,“ sprach er: „O, das ist etwas Gutes, an das muß ich unterwegs denken!“ Beim weitern Vorlesen fielen ihm die Mönche immer wieder ins Wort, so daß er es zuletzt unterlassen mußte. Das wollten sie, denn sie mochten lieber von ihren päpstlichen Dingen sprechen, und der gewesene Jude bracht’ es mit Adolph wieder auf’s Fegefeuer. „Das ist Pfaffentetsch,“ antwortete dieser, „trüg’s nicht so viel Geld ein, traun, es würde weniger Wesens daraaus gemacht. Uns bringt dies Feuer auf den Scheiterhaufen.“ – Während sie hiervon weiter sprachen, wobei der Jude zuletzt ganz spöttisch und spitzig wurde, sprach Aleff mit Peter von der christlichen Kirche. „Die rechte Kirche,“ sagte dieser, mit großen Ermste, „wird aus dem Worte Gottes geboren. An dies Wort sind wir gläubig worden, und halten uns an Gott allein und geben nichts um den Antichrist in rom, der das arme Volk vom Worte Gottes ableitet auf Menschen-Lehre und Satzung.“ – Der Jude kam endlich mit dem Eigentlichen heraus und bot Adolphen an, ob er ihn das würdige Sakrament sollte sehen lassen? Aber von diesem Zeigen und Monstriren wollte Adolph nichts wissen, und schloß mit dem Wunsche: „Gott erleuchte Euch, lieber Herr!“ „Also begehreet Ihr mein nicht?“ fragte der Jude noch? „Nein,“ war Adolphs Antwort, „wartet, bis ich Euch einen Boten sende.“

Jetzt wurde die Sterbeglocke geläutet. Als Aleff hierauf aufmerksam machte, rief Adolph aus: „Gott der Herr sey gelobet, daß die Stunde hie ist, da wir um seinetwillen den Tod leiden sollen!“ – Nun kam auch der Henker und mahnte: „die Zeit ist hie, meine lieben Brüder, es muß seyn!“

Adolph. Wann Ihr wollt, wir sind schon bereit!

Der Henker. So bitt’ ich Euch denn, daß Ihr mir verziehen wollet den Tod, den ich Euch anthun muß.

Adolph und Peter. Von Herzen thun wir das; thut, was Euch befohlen ist.

Aleff (Adolph bei der Hand nehmend) Lieber Vetter, ich bitt’ Euch um Gottes willen, besinnet Euch noch, denkt was Ihr Euern Freunden schuldig seyd!

Adolph. Wer Vater oder Mutter mehr lieb hat als mich, der ist mein nicht weth, spricht der Herr!

Aleff. Nun, wenn’s denn nicht anders ist, so muß es Gott geklagt seyn!

Adolph (zu Peter.) Bruder, halt dich fest an Gottes Wort!

Peter. Wir sind stark in dem Herrn!

Von der Hacht aus ging es nun erst zu dem hohen Gerichte, wo der Greve mit seinen Schöffen das Todesurtheil sprechen mußte. Aber dies Mal ward keines gesprochen. Darum fragte Adolph, wo sind jetzt unsere Ankläger, unsere Ketzermeister, unsere Richter? Müssen doch sonst die Ankläger da seyn, wenn einer sterben soll!

Peter. Auch ich möchte sie gern sehen!

Adolph. O, welche Richter sind das hier! – Ihr lieben Brüder und Bürger, das ist kein Recht, sondern Gewalt. (zu Peter) Was ist das für ein Gericht, daß unsere Kläger auch unsere Richter seyn sollen! (zum Greven, der mit dem Richterstabe winkte, daß man sie wegführen sollte) Greven, ist das Gericht so schnell zu Ende? – Nun denn, dein Wille geschehe, o Herr, der Jünger soll nicht besser seyn als der Meister!

Damit alles schneller ginge, wurden sie auch nicht zum blauen Steine geführt, an den alle durch Urtel zum Tode Verdammten gestoßen zu werden pflegten, sondern es ging so eilig zur Hacht zurück, daß Adolph einem Bekannten, der ihn anredete, kaum mehr sagen konnte, als: Grüßet meine Wirthin in Osnabrück! – Auf dem Wege zur Hacht hätte nach Gebrauch der Geistliche den Glauben beten sollen, aber Adolph betete ihn selbst und Peter antwortete auf jeden Artikel; so daß sich jedermann wunderte über die Geistes-Gegenwart und Sammlung, womit sie sprachen. Vor der Hachtpforte wollte indeß der Begharde doch thun, was seines Amtes war, und fragte Peter, ob er ihm das Kreuz vorhalten sollte und ihm was Gutes dabei vorsagen?

Peter. Wir sind noch stark genug im Glauben, Gott habe Lob! Das Kreuz Christi haben wir im Herzen, Euer Kreuz mag uns nichts nutzen!

Der Begharde. Jetzt aber müßt Ihr Euch umwenden, und St. Petrus und die heiligen drei Könige segnen.

Adolph. Der die heil. drei König selig gemacht hat, wird uns heute auch selig machen, ehe es ein Uhr schlägt.

Unter der Hachtpforte mußte wegen des großen Gedränges eine Zeitlang stille gehalten werden. Dies benutzte Adolph, dem Volke einiges zu sagen, aber ein Gerichtsbote schlug ihn auf die Hände und der Henker stieß ihm in die Seite. Als sie aus dem Gedränge gekommen waren, that Adolph, was sonst der Geistliche zu thun hat, – er sprach die zehn Gebote, und Peter antwortete ihm. Dann legte er mit Geist und Salbung die Bitten im Vater unser einzeln aus, und endete mit dem Gebete: „ja, unser Vater, ich bitte dich durch Jesum Christum, deinen Sohn, du wollest uns geben nach deinem göttlichen Wohlgefallen, alles, warum wir nach deinen Worten geflehet haben.“ – Dies alles hatte er dem Gerichtsboten Leonhard zu laut gesprochen, aber Adolph antwortete auf seinen Verweis: „du verstehest die Schrift nicht. Mein Herr hat mich gelehret, meinen Glauben öffentlich vor jedermann zu bekennen.“ Zu dem Volke aber sprach er bei der hohen Schmitten: „Lieben Freunde, betet doch für uns ein Unser Vater, daß uns Gott Standhaftigkeit verleihen wolle, dieses um seines Worts und seines heiligen Namens willen zu leiden;“ und darauf vor dem Barfüßer Kloster, wo gerade einige Mönche standen: „Hütet euch vor den falschen Papisten! Laßt euch nicht verführen von ihnen, denn das Wort Gottes ist hell und klar und bedarf keiner Glossen.“ – Nur so viel konnte er hier vernehmbar sprechen, denn der Greve sprengte mit seinem Pferde herbei, damit das Volk nichts hören könnte. Eben diesem Kloster gegenüber, im Silberhofe, hatte sich Johann von Venradt, der ihn verhört hatte, ins Fenster gelegt, und gab ihm den christlichen Abschied: „Gehet nun, daß Euch St. Antonius verbrenne!“ Auch erblickte hier Adolph einen andern Bekannten, Schweius, zu dem sagte er: „jetzt, Lieber, wirst du bald ein Schauspiel sehen, desgleichen du nie gesehen hast.“ – „Ja, lebe wohl,“ sprach Schweius, „und behalte Gott in deinem Herzen!“

Bei Margarten sagte Adolph zu Peter: „Bruder, laß uns beten, daß wir nicht in Versuchung fallen,“ – und betete nochmals das Vater unser, dann das Ave Maria, endlich den Glauben. Als er diesen gesprochen hatte, fragte er Peter: „Bruder, glaubest du das alles?“ – „Ja,“ antwortete Peter, „ich glaub’s und es ist also.“ Das Volk aber, das dies alles gehört hatte, sagte unter sich: Haben uns nicht die Pfaffen und Mönche weiß gemacht, daß sie weder von Gott noch von den Heiligen halten; hören wir sie aber nicht den Glauben und das Ave Maria sprechen, und gar ernstlich die Jungfrau Maria nennen, daß sie gebenedeiet sey über alle Weiber und Christum der Welt geboren habe? Wie unverschämt lügt doch dies Volk!

Als Adolph den Glauben zu Ende gesprochen hatte, redete er nochmals das Volk an: „Also müssen wir dem neuen Adam, Christo im Leiden nachfolgen, soll er anders zu uns kommen. Je mehr Druck und Verfolgung, desto größeres Wachsthum des neuen Menschen und Tod des alten, des Fleisches, der Sünde, des Teufels und der Welt. Diese verspottet uns jetzt und läßt uns trostlos, aber wir setzen gegen sie den Einigen Christum, unsern Tröster, Vertreter, und einzigen Mittler, der uns wohl vertreten wird vor seinem himmlischen Vater. Aergert Euch nicht an unserm Tode; denn Christus mußte auch leiden, und durch’s Leiden in sein Reich eingehen. Durch diesen Christus ermahne ich Euch, lieben Bürger, daß Ihr ohne Aufruhr, liebreich, brüderlich und christlich unter einander leben wollet, und aller Obrigkeit gehorchen. Unser Herr wird alles zum Besten kehren, und Euch seine Gnade und sein göttliches Wort geben.“

Dann fing auch Peter an, weil Adolph über Müdigkeit klagte: „Lieben Bürger, also muß man Christo mit Leiden in sein Reich nachfolgen. Wir waren sünder, da wir aus Mutterleibe kamen, und hätten nach Gottes Gerechtigkeit den Tod sogleich verdient.“ – Hier unterbrach ihn einer, dem das nicht päpstlich lautete: „Höret, was er da spricht, wir sollten Sünder seyn, wie wir aus Mutterleibe kommen!“ Peter aber wurde von einem andern deshalb vertheidigt, und fuhr fort: „So ermahne ich Euch heute im Namen Gottes, haltet Euch allein an Sein Wort, allein an Christum, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, und kehret Euch weg von der gekrönten Bestie in Rom und seiner Kirche, die Euch von der Gnade Gottes und von Christi Genugthuung abführt, und Euch dafür Siegel, Bullen, Ablaß, Wallfarthen, und gottlose Menschen- und Teufelslehre giebt, damit sie ihre Beutel und Küchen füllen.“ –

Beim Hospitale verlangte einer der Begharden, daß sie vor dem großen Kreuze knien sollten. Aber wie sollten’s nicht einmal ansehen. „Wir haben im Herzen ein anderes Kreuz,“ sagte Adolph, „an jenem hölzernen da sind wir nicht erlöset; mein Herr Christus ist im Himmel, – dies Holz will ich nicht anbeten, darum muß ich auch sterben.“ – Jetzt dürstete ihn. Ein vornehmer Herr ließ Bier hohlen, wovon der Henker beide Märtyrer trinken ließ. Dann hub Adolph seine Augen gen Himmel und bat für die Stadt Cöln, daß sie Gott nicht heimsuchen wolle, und für alle Bischöfe, Prälaten und Prediger, daß der Herr ihr Herz erleuchten möge und sie von ihrer Blindheit heilen. Das Volk bat er nochmals, ein Vater unser zu beten, daß sie stark wären im Geiste. In der alten Ehrenpforte rief er noch einmal mit heller Stimme: „O Herr erbarme dich über die Obern dieser Stadt und über das Volk.“ Der Geistlichen einer spottete seiner darüber. Aber er fuhrt fort, „O Herr, vergieb allen denen, die uns den Tod anthun, richte sie nach deiner Barmherzigkeit, nicht nach deiner Gerechtigkeit. Uns aber hilf überwinden, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ –

An der neuen Ehrenpforte, wo er im Gefängnisse gewesen war, sagte er der Burggrevin gute Nacht, und bat sie um etwas zu trinken, denn es dürstete ihn noch. Aber sie schickte nichts, und der Begharde erinnerte, der Herr habe ja auch gesprochen: „mich dürstet.“ Ja, das war ein anderer Durst, sprach Adolph, und rief der Burggrevin zu: „Ade, Gott segne Euch!“ Sie nickte mit dem Kopfe, und machte viele Kreuze vor dem halsstarrigen Ketzer. Einem Bürger ging es durch’s Herz, daß man ihn mit keinem Trunke loben wollte, und äußerte sich laut darüber, woran sich aber der Gerichtsbote, der die dazu bestimmte Flasche trug, nicht kehrte. Auch andere rechtschaffene Bürger murrten laut, und etliche sagten gar: „es mag wohl was daran seyn, was die Leute sagen, die Pfaffen haben die Gerichtsdiener erkauft, daß sie mit ihnen zum Gerichte eilen sollen und ihnen nichts zu trinken geben, damit sie weder Zeit noch Kraft haben, zu uns von der Pfaffen Verführung zu reden. Eben darum wehren sie uns auch von ihnen ab, damit wir sie nicht hören sollen.“

Der Zug durch das Feld.

Als man zur Stadt hinaus war, sprachen Adolph und Peter: „O Herr, du bist das Licht der Welt, das in Ewigkeit scheinet! O Herr, dir sey Lob, Ehre und Dank, daß du uns diesen Tag hast erscheinen lassen, du allein bist der Herr!“ – „Ja, dich bitte ich,“ fuhr Adolph fort, „daß du den Funken göttlicher Liebe, den du in meinem Herzen angezündet hast, vermehrest bis in meinen Tod“ und Peter: „Du, der du Himmel und Erde und alle Elemente gemacht hast, stehe uns heute bei!“ – Jetzt zeigte ihnen der eine Begharde ein Kreuz, das er in der Hand trug. „An diesem Kreuze,“ sprach er, „hat Christus, Euer Schöpfer, gehangen.“

Adolph. Das ist nicht also!

Der Begharde. Hasset Ihr mich?

Adolph. Nein, ich habe Euch so lieb als jeden andern.

Der Begharde. Ihr habt diesen Tod wohl verdient, wollt Ihr gerne sterben?

Adolph. Nein, diesen Tod habe ich nicht verdient.

Der Greve. Also hast du noch viel bösere Stücke verübt, wodurch du den Tod verdient hast?

Adolph. Ja, gleich da ich geboren ward, verdiente ich den Tod durch Adams Fall.

Peter. Aber durch das Blut des Lammes Gottes werden wir rein und selig.

Adolph. Ja, mir ist mein Herz so fröhlich im Leibe, daß ich glaube, keine Freude der Welt ist dieser Freude gleich!

Der Henkger. Soll man jetzt die Heller zur Seelenmesse sammeln?

Adolph. (lächelnd) Was sagt Ihr da von Seelenmessen? Denkt Ihr den Pfaffen den Beutel zu füllen?

Henker. Ihr müßt ja aber doch ins Fegefeuer.

Adolph. Ja, das Fegefeuer ist der Pfaffen tetsch.

Darüber lachte das Volk, und wiederholte sich das Wort. Adolph aber belehrte den Henker weiter, daß dies das rechte Fegefeuer für ihn wäre, daß er um des göttlichen Wortes Willen diesen Tod geduldig zu leiden hätte. Warlich, so spricht der Herr, wer mein Wort höret und glaubet an den, der mich gesandt hat, der kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben durchgedrungen. Er braucht also in kein Fegefeuer. – Von da an konnte man ihn wegen des Gedränges und Getümmels nicht mehr verstehen, bis er das Herr Gott dich loben wir anstimmte, was ihn aber der Greve nicht singen ließ. Es sey, meinte er, schon Gnade genug, daß man ihn reden lasse.

Als der Zug aus der sogenannten hohlen Straße heraus war, drängte sich das Volk hart herbei, und Peter sagte ihm seinen Glauben her. Bei den Worten: „ich glaube an den heiligen Geist“ schrie der Greve: fort, marsch weiter! Peter ließ sich nicht stören und fuhr fort: „an eine allgemeine christliche Kirche.“ – An die glaubt er doch nicht, sagte der Greve zu dem neben ihm reitenten Schöffen, und als Peter ihm erklären wollte, wie er’s meinte, schrie der Greve: „Schweig still, du Lekker, es glaubt dir doch keiner, denn du bist ein verdammter Ketzer.“

Peter. Ich rede aber doch die Wahrheit. Wer mir folgt, wird nicht unrecht gehen. Warum bin ich denn ein Ketzer?

Greve. Weil du weder an eine christliche Kirche, noch an unsere liebe Frau, noch an die heiligen Sakramente glaubst.

Peter. Weil Ihr so sprecht, Herr Greve, so muß ich’s doch öffentlich vor dem Volke bekenne, was ich glaube: Die heilige Kirche lieben Brüder, ist gebauet auf Christum und sein Wort. Wo dies Wort in die Herzen der Menschen dringt, da ist die heilige Kirche, es sey zu Cöln oder zu Trier; solche Menschen sind dann zu einem Leibe vereinet, dessen Haupt Christus ist. Glauben aber soll man allein an Gott, nicht an diese Kirche, von dieser bloß, daß sie da und heilig ist. Eure römische Kirche dagegen ist auf Menschengesetz gebrauet und der wüste Greuel. Ihr Oberherr will sich über Christus setzen, der doch das alleinige Haupt der Kirche ist; er führet neben dem Worte Gottes seine eigene Lehre herein, und macht dieser Menschenlehre das göttliche Wort unterthan, damit sein Stuhl, Bauch und Greuel erhalten werde, Christi Wort aber untergehe. Darum, lieben Bürger, bitte ich Euch um Christi willen, laßt ab von der gekrönten Bestie in Rom und von ihrem Greuel, bleibt allein bei Christo und seinem Worte, Er wird Euch nicht abweisen und von sich stoßen, denn er spricht ja: „kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken.“ Keinen einzigen stoßt er von sich, denn er sagt: kommt Alle!

Als das Volk ihn so reden hörte, drängte es sich je mehr und mehr hinzu. Der eine Gerichtsdiener Hastenbauer, schlug unter die Leute und fluchte: „daß Euch St. Hiob plage!“ Die andern riefen dem Greven, daß er doch Platz machen möchte. Dieser sprengte daher mit so großem Ungestüm auf seinem Pferde unter die Leute, daß Adolph ihn bitten mußte, doch linder zu verfahren. Peter aber erklärte ihnen nun auch, was er von der Mutter Gottes und den Sakramenten halte und was nach der heil. Schrift von beiden gehalten werden müsse. „Du red’st zu viel!“ unterbrach ihn der Greve, als sich das Volk heftig herandrängte. „Nein,“ antwortete Peter, „das Wort Gottes will ich verkündigen, so lange ich reden kann!“ – „Aber nicht gar so heftig,“ fiel Adolph ein, „denn wer predigen will, muß sanft reden.“ – „Sie sind voll!“ sprach der Gerichtsdiener. „Ja wohl,“ versetzte Adolph, „voll Durst!“

Dann kam der eine Begharde von neuem auf die Capitel vom Hellersammeln für eine Seelenmesse, vom Fegefeuer, von der Fürbitte der Jungfrau Maria, aber dergleichen wurde abgewiesen, wie immer. Unterdessen war man dem Hochgerichte so nahe gekommen, daß man die Hingerichteten konnte hangen und auf dem Rade liegen sehen. Siehe da, Bruder, sprach Adolph zu Peter, diese haben um Golds und Guts willen oder als Mörder so gelitten; wie sollten wir denn nicht um Christi willen leiden? Das Fleisch ist schwach, aber der Geist ist stärker.“

[

Adolph und Peter auf dem Hochgerichte.

Als sie den Galgenberg hinangingen, fing Adolph an zu beten: „O Herr, erhebe meinen Geist, daß ich allen meinen Feinden verzeihen möge von Grunde des Herzens!“ und beide waren so unverzagt und gleichmüthig, als wären nicht sie es, die gerichtet werden sollten. Auf dem Gerichte baten sie den Greven, daß er einen weiten Kreis um sie schließen lassen möchte, aber das schien dem Henker nicht thunlich, weil das Volk gar zu sehr herandränge. Hierauf fragte sie ein Begharde, wollt Ihr beichten?

Adolph. Nein, wir haben alle Tage schon gebeichtet.

Begharde. Habt Ihr denn alle Tage Priester bei Euch gehabt?

Adolph. (zum Himmel blickend) wir haben dem Herrn gebeichtet!

Greve. Warum wollt Ihr denn Raum haben?

Adolph. Wir wollten gerne dem Volke noch etwas sagen. Wo seyd nun aber Ihr, Pfaffen und Mönche, hier könnten wir’s mit Euch ausmachen. Hier stehen wir, dort steht der Scheiterhaufen!

Indem nun der Kreis geschlossen wurde, traten die beiden Augustiner und zwei Begharden in denselben, und machten sich, die einen zu Adolph, die anderen zu Peter. Sie sprachen: „Lieber Adolph, lieber Peter, laßt Euch doch unterweisen, noch ist es Zeit!“

Adolph. Wie haben wir denn je etwas anderes gewollt als das? Immer wollten wir gern unterwiesen seyn aus dem Worte Gottes, aber unsere Theologen haben das nie gethan, weil sie uns nicht beweisen konnten, daß wir irrten. Jetzt drang so viel Volks herbei, daß Gerichtsdiener, Greven und Schöffen nicht genug wehren konnten, und sprachen: „das Volk muß von Sinnen seyn!“ Auch der Gwelrichter Kirstgenborn sprengte mit dem Pferde heran und schrie: „Zurück, zurück, was habt ihr hier zu schaffen? Wollt ihr predigen hören, so gehet in den Dom.“ Freilich, ließ einer verlauten, möchte man hier wohl so gut predigen hören wie in der Domkirche.

Greve. (zum Henker) Bind’ auf, Christoffel!

Adolph. Nein, nicht also, wir haben noch etwas zu sagen.

Greve. Habt Ihr noch nicht genug gered’t?

Peter. Nein, es währet noch kurze Zeit mit uns, laßt uns noch etwas reden.

Greve. Wir sollen wohl den ganzen Tag hier stehen und schwatzen?

Adolph. Ich bitt’ Euch, Herr Greve, laßt uns noch etwas reden, wir wollen’s kurz machen.

Peter. (zum Volke) Ja, lieben Brüder, wir wollen unser Testament noch machen, und sagen, was wir glauben, damit man uns hernach nichts nachreden kann, was die Wahrheit nicht ist.

Greve. Schweig, du Lekker, du bist ein Bube, man kennt dich schon, du möchtest gern Aufruhr unter dem Volke machen!

Als sich aber Peter nicht irre machen ließ und immer fort redete, rief der Greve voll Ingrimm dem Henker zu: „Christoffel, binde ihm das Maul zu, und schlag ihn die Daumeneisen an, daß er schweigen muß!“

Peter. Nein, Herr Greve, wir wollen keinen Aufruhr erregen, sondern nur unser Testament machen, und dem Volke sagen, warum wir sterben müssen.

Das Volk. Ist das nicht ein elend Ding? Diebe und Mörder läßt man so lange reden als sie wollen, diese armen Gesellen aber sollen’s nicht dürfen?

Weil nun das Volk so sehr murrete und der eine dies, der andere das verlauten ließ, ritt der Schöffe Ercleus zum Greven und sagte ihm ins Ohr, er möchte doch des murrenden Volkes wegen die Missethäter reden lassen. Jetzt schwieg Greve still, und Peter fing an zu reden. Er kam sogleich auf die beiden Hauptpunkte, wegen welcher sie vorzüglich von den Feinden zum Tode verdammt wären, – auf ihre Meinung von der Jungfrau Maria und dem Sakramente. So wisset denn, sprach er, daß wir glauben, Maria sey von, in und nach der Geburt Jungfrau gewesen, und würdig erfunden, durch die Gnade Gottes, die Mutter unseres Heilandes Jesu Christi zu werden. Aber darum sollten wir sie nocht nicht anbeten, noch um Gnade anrufen, da sie doch selbst aus Gnaden die Mutter Christi worden ist; sondern ehren sollen wir sie, mit der Ehre, die ihr der englische Gruß im Evangelio beimisset.

Der Greve. (ihm ins Wort fallend) Jetzt hört Ihr’s, daß man die Mutter Gottes ehren soll. Aber sprich nun hier auch, wie du im Keller von ihr sprachst, und sag’ die Wahrheit!

Peter. Wie sollt’ ich jetzt noch anders als die Wahrheit sagen? Hier stehe ich, dort der Scheiterhaufen!

Aber hier fielen ihm alle ungestüm ins wort und überschrien ihn, daß er schweigen mußte.

Adolph. (zum Greven) Lieber, laßt ihn doch reden; seine Rede ist zugleich auch meine Rede.

Peter nahm seine Rede wieder auf und fuhr fort: so wisset also, daß wir meinen und glauben, die Mutter Gottes sey gewesen eine edle Creatur, zwar von Gott geschaffen wie andere Menschen, aber begabet mit den Gaben des heiligen Geistes. Wir sollen sie nicht anders loben und preisen als Gott sie gelobet und gepriesen hat, sollen aber ihr Lob Gott dem Herrn zuschreiben, und ihn durch sie loben, wie sie denn selbst im Magnificat nichts sich, und Gott allein alles zuschreib. Desgleichen halten wir von dem Sakramente nichts anders als die Worte des Herrn sagen, womit er es als Nachtmahl einsetzt.

Der Greve. (zum Henker) Binde den Buben auf!

Peter. Herr Greve, Ihr fangt an Christenblut zu verfolgen, aber sehet zu, ob Ihr’s werdet vor Gott verantworten können. Pilatur wußte nicht was er that, Ihr aber wißt’s, und wißt, warum Ihr’s thut. Ihr könnt nicht heimgehen und sagen, ich wasche meine Hände in Unschuld! Es stehet geschrieben: Ihr Richter richtet recht!

Dies verdroß den Greven so sehr, daß er dem Henker befahl, Petern sogleich auszukleiden und in die Hütte zu führen, wo er verbrannt werden sollte. Jetzt aber nahm Adolph das wort und redete das Volk an: „Ihr lieben Bürger und Brüder, sage es einer dem andern, was ich jetzt reden will, denn alle können’s nicht hören. Zuerst bitten wir Euch, daß Niemand unsern Tod rächen wolle an den Papisten in Cöln, – dann, daß Ihr uns nicht anders nachredet, als Ihr von uns gehört habt und von mir hören werdet. Höret aber was wir glauben!“ Hier sagte er den Glauben her, und legte ihn kürzlich aus. „An diese 12 Artikel glaubt der Teufel auch, aber er glaubt nicht, daß sie auch ihn und seine Seligkeit angehen. Ich aber glaube festiglich, daß alles, was in ihnen steht, meiner armen Seele und den Seelen Aller, die glaubig sind, zu Nutz und zu Gute komme.“

Da hört man nichts Unrechtes, sprach das Volk, weß zeihet man sie denn? Adolph aber dürstete es sehr, und er beklagte sich, wie man so unbarmherzig sey und ihm nicht einmal zu trinken geben wolle, da man doch sonst den Uebelthätern so viel Trank reiche, als sie begehren.

Dies bewog den Henker, die Flasche zu holen und ihn trinken zu lassen. Dadurch erquickt und gestärkt, fing er dann von neuem an: „Lieben Brüder, wir müssen sterben, wie Ihr vor Augen sehet, und von Euch scheiden. Wenn aber der Richter kommen wird, der uns alle zur Rechten und zur Linken sondert, dann werden wir uns Alle wieder sehen. Damit wir denn zu denen kommen, die zur Rechten stehen, so wollen wir diesen Tod, will’s Gott der Herr, geduldig und williglich leiden. Dort wird sich’s dann ausweisen, was ein jeglicher geglaubt hat und wir glauben; ob wir Recht oder Unrecht haben, wird dann an den hellen Tag kommen. Darum sehe ein jeder wohl zu, was er zu thun hat, und halte sich an Gott und sein Wort allein, und die das thun, mit denen werden wir uns in dem Herrn alle wiedersehen und wiederfinden!

Hierauf fleheten beide, (denn Peter war noch immer nicht in die Hütte geführt) den Herrn um Vergebung ihrer Sünden an. Nach dem Gebete verhieß Peter seinem Freunde die Vergebung seiner Sünden in dem Blute unseres Herrn Jesu Christi, und fragte ihn: „Glaubest du, daß dich dies Blut rein machen wird von allen Sünden?“ – „Ja,“ antwortete Adolph, „das ist mein Trost!“ – „Nun so verzeihe auch mir,“ sprach Peter weiter, „alles was ich dir gethan haben möchte in der Zeit, da wir bei einander waren.“ Adolph: „Ja gerne thue ich das, und vergib du auch mir, wenn ich dich etwa erzürnet hätte.“ Nun küßten sie sich zur Letzte, und schieden freundlich von einander.

Jetzt erst nach der Henker Petern, zog ihn bis auf’s Hemd aus und band ihm die Hände fest über einander. Wie er nun so entkleidet da stand, trat Adolph noch einmal wieder zu ihm, und stärkte ihn: „Bruder, sey stark in dem Herrn, und vertraue auf ihn, denn heute kommen wir zu unserm Bruder Christo und werden mit ihm leben in Ewigkeit. Darum sey standhaft im Glauben, und laß dich vor dem Feuer nicht erschrecken. Auch ich will auf den Herrn vertrauen und mein Wort soll mein Siegel seyn.“ Peter antwortete: „Ich will sterben als ein Christ, und wie wir Christo, unserm Bruder, versprochen haben, um seines Namens willen zu sterben.“ – Nun wurde Peter in die Hütte geführt. Er wollte noch etwas sagen, aber der Henker stieß ihn mit Gewalt in die Hütte. „Wer hat dir befohlen zu predigen?“ fragte ihn der Augustiner, der ein Jude gewesen war. „Wer hat es dir befohlen?“ fragte Peter. „Ich bin dazu verordnet,“ antwortete jener, und spie vor ihm aus und stellte sich gar ungestüm. Unterdeß schlug ihm der Henker die Ketten so fest um den Hals, daß er nicht mehr reden konnte, und schon erstickt war, ehe Adolph zu ihm in die Hütte kam. Während ihn der Henker an den Pfosten schlug, beschäftigte sich der eine Begharde mit Adolph. „Weißt du nicht,“ sagte er, „daß viel gelehrte Leute und Doctoren zu Cöln sind, die sich wohl auf die Schrift verstehen, und achtest du dich weiser als sie alle?“ Adolph. „das sag’ ich nicht, daß es nicht viel Schriftgelehrte in Cöln giebt, sondern das sage ich, daß sie das Evangelium Jesu Christi verfolgen, besonders die Theologen, die doch am meisten mit der Schrift umgehen und sich dünken, sie verstehen sie.“ auf diese Worte brach der Begharde über die Maaßen in Scheltworte aus, der andere Augustiner aber, nicht der gewesene Jude, redete ihn sanft an: „Lieber Adolph, noch habe ich Euch nicht zugeredet, jetzt aber hört doch ein wort von mir.“

Adolph. Ja gerne, macht es aber kurz!

Der Augustiner. Der Herr sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nicht sterben ewiglich.

Adolph. Lieber, sagt mir das noch einmal vor!

Der Begharde. (zum Augustiner) Schweigt still, er nimmt’s doch übel auf!

Der Augustiner. Was übel aufnehmen? Es sind nicht meine Worte, sondern der Herr Christus hat sie gesprochen, warum sollt’ ich sie denn nicht auch sprechen?

Adolph. Ja saget sie mir noch einmal!

Der Augustiner. Ich bin die Auferstehung und das Leben etc.

Adolph. So habt Dank, daß Ihr mir das Evangelium verkündet habt, und grüßet alle Brüder in dem Herrn Christo.

Auch ein Priester redete ihn tröstend an: „Bist getröstet in dem Herrn, Adolph, und davon laß dich nicht abbringen.“ Der Jude aber stand da und hohnlächelte und geiffelte. Adolph, der das sahe, fragte ihn: „Warum lachet Ihr da so spöttlich? Ihr wollt doch geistlich seyn und vollkommner denn andere Leute, solltet daher billig Mitleid mit uns haben, wenn wir auch Unrecht hätten, was doch nicht bewiesen ist.“

Jetzt mußte der Henker ihn entfesseln, und Adolph, nachdem er dem Greven ein Büchlein übergeben hatte, es seinen Brüdern einzuhändigen, entkleidete sich selbst. Während dem Auskleiden sprach er zum Greven noch: „Herr Greve, Ihr wollt mich tödten, aber ich möchte doch gern wissen, warum ich sterben muß, nicht meinetwegen, sondern um der Umstehenden willen, daß sie’s doch sagen können, warum man mich verbrannt hat. Wiewohl ich ein Sünder bin, so habe ich diesen Tod doch nicht verdient. Vermeinet Ihr aber, mir zu dräuen und Schrecken zu machen mit diesem Feuer, so irret Ihr Euch; mich ficht das nicht an, denn ich weiß, Ihr könnet mir kein Haar auf dem Kopfe kränken, wenn es Euch nicht von oben zugelassen wird. Habt Ihr mich auch getödtet, so habt Ihr doch nicht, was Ihr wolltet, ich aber habe das ewige Leben. Der Tod erschreckt mich nicht, denn Christus hat Tod, Teufel und Hölle, und alles was darin ist, überwunden. Diesen meinen himmlischen Bruder will ich bitten, meine Seele zu stärken, daß ich von ganzem Herzen gerne denen vergebe, die mir diesen Tod anthun. Von ganzem Herzen gerne will ich ihn auch sterben.“

Zu diesem Allen schwieg der Greve stille. Adolph aber, sobald er sich ausgezogen hatte, ging willig und von selbst in die Hütte, und schlug vor derselben noch einmal die Augen auf gen Himmel und sprach: „O Herr, hiernach hat mich lange verlanget! Denn so muß es geschehen, auf daß wir durch’s Kreuz bewähret werden.“ – Als er in die Hütte kam und sahe, daß sein Bruder den Geist aufgegeben hatte, sprach er zu ihm: „Bruder, hast du deinen Geist aufgegeben? So sey dir der Herr gnädig und barmherzig, ich komme dir gleich nach.“ – Auch stellte er sich ganz von selbst an den Pfosten; der Henker schlug ihn an und hänge ihm einen Sack mit Pulver um den Hals. Jetzt sprach zu ihm noch Herr Ortwin: „Adolph, bedenkt doch Eurer Seelen Wohlfahrt!“ Der Greve aber befahl dem Henker, das Feuer anzuzünden, denn es helfe bei ihm doch nichts mehr. Endlich fragte ihn der Begharde noch: „Willst du als ein Christ sterben?“

Adolph. So habe ich ja immer gesagt; drum sprecht mir den Glauben vor, so lange Ihr könnt.

Begharde. Gerne will ich ihn Euch vorsprechen, und so, wie ich ihn von meiner Mutter gelernt habe.

Er that es. Adolph sprach ihm alle Worte des Glaubens nach, und setzte am Schlusse hinzu: „Das glaube ich, dabei will ich bleiben, darauf will ich leben und sterben!“

Inzwischen steckte der Henker das Feuer an, und da es schon hoch empor loderte, schrie Adolph mit lauter Stimme: „Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Nun entzündete sich das Feuer, und erstickte ihn bald.

„Es ergingen aber,“ – so schließt unsere Quelle, – „mancherlei Urtheile über ihn, je nachdem es einem jeden ums Herz war und wie er’s verstund.“ –

Anhang.

Ueber gleichzeitig Verfolgte in Cöln.

Unter die zahlreichen Schlachtopfer der fanatischen Wuth, die in dieser Zeit fielen, gehörte der vortreffliche Heinrich von Zütphen, dem unser Clarenbach im Predigtamte zu Meldorf nachzufolgen berufen war. (Milde. S. 21.) Empörend und grausend war das Ende, das dieser Edle, – das vierte der Opfer, die das Augustiner-Kloster in Antwerpen dem Stuhle zu Rom brachte, – unter den Händen der wüthenden Fanatiker nahm. (Eine kurze Darstellung seiner Leiden giebt die vortreffliche Geschichte der christlichen Kirche von Joseph Milner 5 B. S. 273 – 76 der Mortimerschen Uebers. Luther selbst gab eine Nachricht über Heinrichs Martyrer-Tod heraus, damit man, wie er in der Zuschrift an die Bremer sagt, die göttliche Gnade erkenne, ehre und lobe, die jetzt so reichlich gegeben werde. Ebendaselbst S. 320.) Aber auch in Cöln selbst mußten außer Adolph und Peter noch andere Bekenner der Wahrheit um diese Zeit ihr Leben auf dem Hochgerichte lassen. Mehrere derselben, und neben ihnen unseres Clarenbachs und Fleistedens, gedenkt der gleichzeitige Gerhard Westerburg, Doctor der geistlichen Rechte; aber gewiß würde er den Cölnern diese ihre Blutschulden nicht haben vorwerfen können, sondern wäre selbst unter die Zahl der Geopferten gekommen, wenn er sich nicht bei Zeiten aus Cöln entfernt und in Eßlingen an den Kayser appellirt hätte. Denn ganz ähnlich, wie gegen Clarenbach, verfuhr man gegen ihn; beide hatten auch einen und denselben Ketzermeister Arnold von Tongern zum Inquisitor, und Westerburg neben diesem noch den in der Reformations-Geschichte so berüchtigten Hochstraten. Es wird daher dem Leser vielleicht nicht unerwünscht seyn, wenn ich der Geschichte Clarenbachs die der Verfolgungen dieses Westerburgs als Parallele gegenüber stelle. Ich erzähle sie in einem kurzen Auszuge aus seiner eigenen Schrift, die er 1533 herausgab. (Sie hat den Titel: Wie die Hochgelerten von Cölln Doctores in der Gottheit und Ketzermeister den Doctor Gerhard Westerburg des Fegfewrs halben, als einen unglaubigen verurtheilt und verdampt haben etc. Marburg bei Franz Rhodieß.

Eine frühere, schon 1523 (Bei Seckendorf de Lutheranismo (im 83. Suppl.) steht unrichtig: 1526. Denn Westerburg sagt in der Schrift von 1533 selbst zweimal, er habe den Aufsatz über das Fegefeuer vor zehn Jahren in Druck gegeben. Auch kommen unten in den doch erst durch diesen Aufsatz veranlaßten Händeln die Jahreszahlen 1525, 1526 etc. vor.) herausgekommene Schrift über das Fegefeuer war die Ursache, daß ihn die Päpstlichen in Cöln anfielen. Sie hatte reißenden Abgang gefunden, und war und wurde auch in Cöln gelesen. Während sie aber hier Aufsehen erregte, war Westerburg gerade nicht anwesend in seiner Vaterstadt Cöln, sondern in Sachsen, wo er sich eben verheirathet hatte. Das benutzten die Geistlichen, um auszusprngen, er sey landflüchtig geworden und habe nicht getrauet zu bleiben, und wegen seines Buchs Rede zu stehen. Aber solbald er dies durch seine Freunde erfuhr, machte er sich ungesäumt auf den Weg in die Heimath, und hielt gleich nach seiner Ankunft bei dem Rathe um die Erlaubniß an, seine Schrift gegen jedermann, der dagegen auftreten wolle, in freier öffentlicher Disputation vertheidigen und beweisen zu dürfen, daß sie der heil. Schrift gemäß lehre. Aber der Rath wollte sich in Glaubenssachen nicht mischen, und untersagte ihm nicht nur alles mündliche, sondern auch das schriftliche Disputiren. Westerburg gehorchte auch, und kehrte nach Sachsen zurück. Allein bald hernach nöthigten ihn seine häuslichen Umstände, wieder nach seiner Vaterstadt zu kommen, da er hier sein väterliches Erbe und Haus anzutreten hatte; er kam daher mit Weib und Kindern an. Sobald die Geistlichen dies in Erfahrung gebracht hatten, berannten sie den Rath mit der Vorstellung: ein ketzerischer Doctor, der lutherische Lehre in Druck gegeben habe, sey in Cöln angekommen oder werde noch ankommen; diesem wolle also der Rath den Aufenthalt in der Stadt untersagen. Klüglich hüteten sie sich, diesen Doctor mit Namen zu nennen, weil einige von Westerburgs Verwandten mit im Rathe saßen, und da diese wegen des Zusatzes: oder noch kommen wird, an nichts weniger als daß ihr Verwandter, der ja doch schon gekommen war, gemeint seyn möchte, so wurde einstimmig im Rathe beschlossen, daß dem ungenannten Doctor der Aufenthalt verwehrt werden sollte. Erst da der Rath aus einander gegangen war, entdeckte man den pfäffischen Betrug, und vergebens war jetzt Westerburgs Protestation, weil die meisten Rathsherrn von den Geistlichen umgarnet wurden. Doch da er gleich darauf erfuhr, daß man mit seiner Verhaftung umgehe, schrieb er abermals an den Senat und bat, daß man doch seine Freiheit und Person nicht gegen kayserliche und seine eigenen Bürgerrechte antasten wolle, ehe erwiesen wäre, daß er wirklich ketzerisch gelehrt hätte. Dies erst gegen ihn zu erweisen, komme seinen Anklägern, den Geistlichen, zu; aber sie scheuen einen solchen Beweis, weil sie ihn nicht führen können, und gehen darum seit drittehalb Jahren darauf aus, ihn mit Gewlat, mit Fangen und Hangen, mit Stöcken und Blöcken zu überführen. Auf diese Protestation versicherte ihn der Rath zwar für jetzt des ungekränkten Genusses seiner Rechte und Freiheit; aber es dauerte nicht lange, so ließ sich der Senat durch die Geistlichen von neuem zu dem Befehle bewegen, daß Westerburg, wo er sich nur öffentlich zeigen würde, eingezogen werden sollte. Westerburg hielt sich daher zu Hause, und kam dem Befehle genau nach. Aber das war den Gegnern nicht genug; sie wollten ihm noch näher beikommen und versuchten jetzt, ob sie ihn nicht aus dem Hause locken und zugleich zur Uebertretung des frühern Raths-Befehls, nach welchem er sich des öffentlichen Disputirens enthalten sollte, verleiten könnten. Zu dem Ende veranstalteten sie eine Dispuation über das Fegefeuer, schickten die Resultate davon durch zwei Pedellen an Westerburg und luden ihn zur zweiten Disputation ein. Aber er durchschaute wohl, was sie im Schilde führten, und ging nicht in ihre Falle. Allein auch so noch war es ihnen recht; denn nun sagten sie den Studenten, Westerburg sey herausgefordert worden, aber habe sich nicht stellen wollen. Der Doctor seiner Seits meldete dem Senat diesen Vorfall und sein Benehmen dabei.

Nun aber trat in dieser Zeit der Graf Wilhelm von Isenburg mit seinen Schriften über die Anrufung der Heiligen auf, und dieser Umstand war zu Westerburgs Vortheile. Denn obgleich der Graf mehr und heftiger schrieb, als der Doctor gethan hatte, so war es den Cölner Geistlichen doch nicht möglich, sich an ihn zu machen, sondern sie mußten es ruhig ansehen, daß er mitten unter ihnen in Cöln lebte. Da nun aber das war, – da ein Fremder, der die Kirchenlehre stärker angegriffen hatte als Westerburg, ungehindert in Cölns Mauern leben durfte, wie viel mehr war man einem Eingebornen und Einsässigen schuldig, ihn in seiner gänzlichen bürgerlichen Freiheit zu lassen. Dies stellten Westerburgs Verwandte, die Rathsglieder waren, im Senate vor, und so gestattete ihm der Rath von neuem den vollen Genuß seiner bürgerlichen Freiheit, ja zwei Glieder des Raths selbst überbrachten ihm diesen, die Pfaffen so demüthigenden Beschluß. Aber unmöglich konnten sei solche Kränkung verschmerzen! Sie wandten sich an den Erzbischof von Cöln mit einer Vorstellung, so andächtig, fromm und demüthig abgefaßt, als hätte sie ein Engel geschrieben. Wirklich schritt der Erzbischof beim Rathe ein und erinnerte ihn an den obwaltenden Vertrag, nach welchem in Cöln keine Lutherischen geduldet werden sollten. Jetzt mußte also bewiesen werden, daß er ein Lutherischer sey, und so wurde eine Untersuchung über Westerburgs Lehre unumgänglich nothwendig. Der Rath mußte also beschließen, und lud den Angeklagten ein, im Prediger-Kloster vor der Rathsversammlung und der Geistlichkeit zu erscheinen. Westerburg fand sich ein, und hoffte, daß es nun wirklich über seine Lehre zur Sprache und zu dem Beweise, daß sie ketzerisch sey, kommen würde. Aber er irrte. Statt daß hiervon die Rede war, zog einer der Pastoren einen Zettel mit Fragen aus dem Aermel, und fragte den Doctor eben so, wie nachher Clarenbach examinirt wurde, ob er bei Luther gewesen sey? Ob ihm seine Lehre behage? Wie er dazu gekommen wäre, über das Fegefeuer zu schreiben? Auf diesen Fragen wollte Westerburg nicht antworten, sondern er drang darauf, daß man von der Sache selbst handeln sollte und ihn darüber nach der Schrift belehren, wenn man könnte. Zur Antwort hierauf bekam er ebendas, was man Clarenbach antwortete: und Andern zu antworten pflegte: man sey nicht gekommen, mit ihm zu disputiren, sondern weil er der Ketzerei halben befämt sey, so habe er auf obige Artikel zu antworten. Dazu verstand er sich denn jetzt auch, und sagte: Luthern habe er allerdings gesehen, auf seine Schriften halte er viel, denn sie stimmen mit dem Worte Gottes überein etc. Aber das führte ihn nicht zum Ziele. Statt daß es jetzt zur Sache gekommen wäre, wurden, wieder wie bei Clarenbachs Prozesse, seine Kläger auf einmal seine Richter, und legten ihm einen Eid auf, in welchem er beschwören sollte, er wolle jeder Zeit, wann er vorgefordert würde, vor den Ketzermeistern etc. erscheinen, er wolle glauben, was sie sagten, wolle seine Lehre vom Fegefeuer als ketzerisch widerrufen und die gelinde Pönitenz, die man ihm wegen dieser Ketzerei auflegen würde, sich gefallen lassen. Das war viel verlangt! Westerburg dagegen verlangte weiter nichts, als man möchte ihm aus der Schrift beweisen, daß seine Artikel ketzerisch seyen. „Allgemein sind sie als solche anerkannt!“ rief Arnold von Tongern mit den übrigen Theologen: „Doch zum Ueberflusse wollen wir Euch unterrichten, wenn wir das gleich nicht nöthig haben.“ – Dies schwere Geschäft wurde dann dem Doctor Jobst übertragen, und er entledigte sich desselben auf die leichteste Art. „Dergleichen Irrthümer,“ sagte er, „sind mehr vorgekommen, aber von der Kirche immer verdammt worden.“ Westerburg bestand wieder auf Schriftbeweise; Jobst aber fuhr ungestört fort: „hat nun die heilige römische Kirche eine Meinung, wie Ihr sie habt, als ketzerisch verowrfen, so könnt’ Ihr sie auch mit gutem Gewissen verdammen.“ – Westerburg provocirte wieder auf die Schrift, wogegen Jobst sich wieder auf die Kirche berief, und nun mit der Frage: ob er denn zwischen der apostolischen und der römisch-katholischen Kirche einen Unterschied machen wolle, (wovon doch keine Rede gewesen war) seitwärts ablenkte. Weiter kam es in dieser Sache nicht, und statt ihm zu beweisen, bestürmte man ihn wie Clarenbachen, von allen Seiten, und immer und immer von neuem, mit dringenden Ermahnungen, daß er doch den Eid schwören möge. Aber da alles nichts verfing, erklärte endlich Hochstraten, er sey hiemit auf kommenden Freitag vorgeladen, um seine Sentenz zu hören, und alle erhoben sich zornig von ihren Sitzen. Nach wiederholten vergeblichen Zuredungen, lud ihn Hochstraten zum zweiten und dritten Male zum Widerrufe ein, aber er war nicht zu bewegen, und wurde mit Zorn und Drohen entlassen.

Weil es nun so gar streng ausgesprochen war, daß nächsten Freitag die Sentenz über ihn gesprochen werden sollte, so suchten seine gutmeinenden Verwandten, die Geistlichkeit zu bewegen, daß sie sich doch diesen Nachmittag noch einmal versammeln und den Verklagten vernehmen möchten. Das konnten und mochten sie aus christlicher Liebe nicht abschlagen, und so mußte Westerburg heute (am Sonnabend Lätare 1526) zum zweiten Male erscheinen,. Drei Stunden lang wurde jetzt hin und her geredet, und man war noch immer wo man gewesen war; doch ließen sich die Gegner jetzt ein wenig auf die heilige Schrift ein, und wollten unter andern das Fegefeuer aus dem alten Testamente bewesen, nemlich aus der Geschichte von Jacob, wie sein Sohn Joseph ihn ehrlich begraben habe und wie auch die andern Patriarchen ein ehrliches Begräbniß erhalten haben. Da konnte sich der Rechtsgelehrte Fastart, obgleich er auf ihrer Seite war, doch nicht entbrechen zu fragen, ob man denn damals auch Seelenmessen und Begegnisse gehabt hätte? – Eine Frage, die ihm mit einem sauern Gesichte und einem Verweise beantwortet wurde. Zu Westerburg aber wandte sich der strenge Ketzermeister Tongern nochmals in Güte und stellte ihm vor, daß er sich von der heiligen Kirche abgeschnitten habe und daß dies die Quelle seiner Irrthümer sey; er solle nur wieder in ihren Schoos zurückkehren und seinen Verstand unter ihren Ungehorsam gefangen geben, so würde wohl alles wieder in Richtigkeit kommen. Aber dem Doctor dünkte das nicht so, und er blieb bei seiner Weigerung.

Leicht konnte er ermessen, was ihm hierauf am Freitage oder schon früher widerfahren würde; er machte sich daher schon am Montage von Cöln weg, um nach Eßlingen zu reisen, wo damals das Kammergericht war. An eben diesem Tage schon ließ der Rath von neuem Befehl ergehen, daß er verhaftet werden wollte, wo er sich öffentlich blicken ließe, und am Freitage kamen die Ketzermeister und übrigen Theologen zusammen, die Sentenz über ihn zu sprechen. Nachdem man lange (dem Scheine nach?) auf ihn gewartet hatte, verbrannte man seine Schrift, und dann that Hochstraten und Tongern ihn als Ketzer in den großen Bann, doch so, daß die weltliche Obrigkeit, der er hiermit übergeben sey, ihn an Leibe und Blute nichts zufügen möge, – eine Clausul christlicher Milde, mit der es eben so wenig ernstlich gemeint war, wie in der Sentenz über Clarenbach. Als Grund, warum sie ihn also verdammten, führten sie aus seiner Schrift über das Fegefeuer 17 ketzerische Artikel an, aber diese waren denn, wie bei Clarenbachs Verdammung, durch ihre Kunst, Worte und Gedanken zu entstellen, erst ketzerisch geworden.

Die Sentenz wurde dem Geflüchteten eiligst nachgeschickt, und nun säumte dieser nicht länger, deswegen an den Kayser zu appelliren. Der Erfolg war günstig. Schon am 27ten März 1526 ergingen an die Cölner zwei kayserliche Mandate, eines an den Rath, das andere an die Geistlichkeit, beide zusammen des Inhalts, daß man einstweilen nichts weiter thun solle, als des Supplikanten Vermögen inventiren, ihn aber im ganzen Genusse desselben belassen und seiner Person keine Gewalt anthun, bis zu erkannter und ausgemachter Sache. Damit aber in derselben gehörig erkannt werden könne, solle man ungesäumt gewissenhaften Bericht über das Factum abstatten, und zugleich die nöthigen Acten übersenden. Das war ein Donnerschlag für die blutgierigen Pharisäer; der Rath hingegen war froh, daß er dieser theologischen Händel entledigt war, und erklärte den Doctor in Folge kayserlichen Mandats in den vollen Genuß seiner Bürgerrechte. Acten sollten jene an’s Cammergericht übermachen? Aber was hatten sie anders für Acten, als solche, die auswiesen, welchen Weg Unrechts sie mit dem Angeklagten gegangen waren? Darum ließen sie die Sache beruhen, und hielten, dem kayserlichen Befehle ungehorsam, mit ihren Acten zurück.

So hatte denn Westerburg bis ins achte Jahr Ruhe vor ihnen, außer daß sie es an allerlei Neckereien nicht fehlen ließen, bis endlich nach Weihnachten 1532 zu ihren Gunsten und Freuden zu Cöln ein kayserliches Mandat publicirt wurde, das in Widerspruche mit dem zu Regensburg an alle Reichsstände ergangenen, alle Anhänger der lutherischen und anderer Ketzereien der weltlichen Bestrafung unterwürfig machte. Dies Mandat setzte die Cölner Theologen in große Thätigkeit. Sie verboten sogleich im folgenden Jahre (1533) den Druck der Schriften des bekannten Cornelius Agrippa, und fingen von neuem auch gegen Westerburg zu arbeiten an. Die Schrift über das Fegefeuer, nun vor 10 Jahren gedruckt, wurde wieder ins Andenken gebracht und Klage daraus erhoben; zu alter, längst erwiesener Lüge (Diese jetzt wieder hervorgesuchte Lüge war folgende: Während jener beinahe achtjährigen Ruhe- und Friedenszeit wurde Westerburgs Bedienter, Adrian Blenkfleit, an der Pest krank. Sein Herr bestellte ihm ein besonderes Haus, ließ ihn da warten und pflegen, besuchte ihn auch selbst und sprach ihm Trost zu. Kaum erfuhren dies die Geistlichen, so schickten sie ihm Beichtiger zu, die ihm Beichte abnehmen, und dann die Oelung und das Sakrament ertheilen sollten. Adrian bat, man müchte ihn in Ruhe lassen, er habe Gott gebeichtet, und tröste sich seiner Gnade. Nicht unbewandert in der Schrift, gab er ihnen auch den nöthigen Bescheid auf das, was sie einwandten; sie aber droheten ihm, daß er an keinem geweiheten Platze begraben werden sollte, wenn er nicht beichtete. Dessen war Adrian wohl zufrieden, denn wenn er todt wäre, saagte er, möchte man ihn begraben, wo man wollte. Er starb, während sein Herr abwesend war, und die Geistlichen versagten ihm als Ketzer wirklich ein Begräbniß auf dem Kirchhofe. Die Hausfrau übergab daher seinen Leichnam einem Manne, der ihn gegen Lohn des Nachts an einem heimlichen Orte begraben wollte, aber statt dessen mitten auf der Gasse und so einerdigte, daß der Kopf aus dem Grabe hervor stand. Das mußte nun Westerburg selbst so veranstaltet haben! Gefordert vor den Rath und gefragt, warum er das gethan hätte? verlangte er den Beweis, daß er es gethan habe. Man stellte ihm den Todtengräber Peter Geyler unter die Augen als denjenigen, durch den er seinen Bedienten für acht Weißpfenninge so habe begraben lassen. Geylers Aussage begann mit einer langen Lobeserhebung über Westerburgs christliche Liebe, die er an seinem Bedienten erwiesen habe, und endete freilich damit, daß Westerburg ihm geheißen hätte, den Todten zu begraben. auf dessen Frage, ob dem wirklich so sey, verstummte er. Dann fragte der Rath selbst, und jetzt lautete es, daß Westerburg nicht selbst, sondern seine Hausfrau ihn bestellt und in seinem Namen gelohnt habe. Es wurde daher die Hausfrau herbeigeholt, aber diese sagte aus: einen solchen Auftrag habe ihr der Doctor nicht gegeben, und sie habe ihn überhaupt seit 4 Tagen nicht gesehen. Somit also bestand Geyler als falscher Zeuge, von wem gedrungen? ist leicht zu errathen.) wurde neue hinzugethan, und dem Rathe so zugesetzt, dem kayserlichen Mandate nachzukommen, daß dieser endlich abermals aussprach, Westerburg solle verhaftet werden, wenn er sich auf der Gasse antreffen ließe. Auch wurde er nun an seinen Gütern angetastet und durch Betreiben des Erzbischofs seines ererbten Fahramtes zu Deutß am Rheine beraubt.

Dies geschahe in demselben 1533ten Jahre, da er jene Schrift, von der ich erzählt habe, in Marburg herausgab, und jetzt wahrscheinlich hier oder doch nicht mehr in Cöln lebte. Sie endet mit den Worten: Ein feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen, nachdem sie den Cölner Theologen unsere beiden Märtyrer, Adolph und Peter, wieder vor Augen gestellt hat. Ihr Theologen sagt sie, Ihr Doctores in der Gottheit, die Ihr dem Worte Gottes muthwillig und wissentlich widersteht, lasset ab, höret auf, höret auf, die Wahrheit zu verfolgen und die sie, das ist Christum, bekennen. Ihr habt Bluts genug auf Euch geladen, insbesonders mit den zween, vor kurzen verbrannten, Adolphus und Petrus, die den christlichen Glauben, wie alle Welt Zeuge ist, bis in den Tod bekannt und als Christen geendet haben.

Noch in einer spätern Schrift an die weltlichen Stände des Cölnischen Erzbisthums (Der Titel meines Exemplars dieser Schrift ist mangelhaft, aber am Schlusse derselben steht: Gedruckt zu Straßburg durch Wendel Rihel 1545.) vergaß er nicht, den Theologen ihre Greuelthat, die sie an diesen beiden Frommen verübt hätten, wieder vorzurücken, und nennt neben ihnen noch zwei andere Blutzeugen, Martin Sant und Richard, (Letzern heißt er Glaßmacher. Vielleicht ist dieser der Meßmacher, dem Adolph und Peter im Gefängnisse zurückließen: Denn die Warhaffte Historie ist voll Druckfehler.) die zu dieser Zeit durch sie auf’s Hochgericht gefördert worden seyen. Auch die Römischen ihrer Seits vergaßen unsern Adolph Clarenbach noch lange nicht. Noch im Jahre 1667 gedachte seienr der römische und spanische Index librorum prohibitorum, und verbot seine Schriften. (Milde. S. 7.)

Kanne, Johann Arnold – Zwei Beiträge zur Geschichte der Finsterniß in der Reformationszeit
oder Ph. Camerarius Schicksale in Italien, nach dessen eigener Handschrift und Adolph Clarenbachs Martyrthum nach einer sehr selten gewordenen Druckschrift

An den Früchten sollt ihr sie erkennen.

Frankfurt am Main
Verlag der Hermannschen Buchhandlung. 1822.

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