Georg Spalatin

Georg Spalatin

Georg Spalatin.

Georg Burckhard, nach seinem Geburtsort Spalatinus genannt, der einflußreiche Rathgeber dreier Churfürsten, der vertraute Freund Luther’s und thätige Förderer der deutschen Reformation, war der Sohn eines Rothgerbers in Spalt, einer Landstadt des Bisthums Eichstätt, und wurde geboren am 17. Januar 1484.

Nachdem er seine Vorbildung auf der Sebalder Schule in Nürnberg erhalten hatte, bezog er 1499 die Universität Erfurt, wo er nach Jahresfrist bereits die Ehren des Bacealaureats davon trug. Ob er mit Luther, welcher 1501 an demselben Musensitze sich einfand, damals schon in nähere Berührung gekommen ist, läßt sich nicht ermitteln; aber früher oder später mußten beide sich finden, denn sie waren für einander bestimmt. Als die Universität Wittenberg eröffnet wurde, sah man ihn als der Ersten einen dahin eilen und 1502 zum Magister promoviren; später kehrte er aber nach Erfurt zurück, um sich nun vor Allem auf das Studium der Rechte zu werfen und dann erst zu seinem Hauptfach, „der heiligen Theologie“, überzugehen. Durch seine treffliche Begabung und seinen eisernen Fleiß hatte er schon damals die Augen der angesehensten Männer auf sich gelenkt, wie er denn namentlich bei dem Humanisten Mutianus für einen ebenso „unterrichteten“ als „durch und durch rechtschaffenen“ jungen Gesellen galt: ein Urtheil, welches ihm zu nicht geringer Empfehlung gereichte.

Die ersten öffentlichen Aemter, welche Spalatin bekleidet hat, sind nur Vorstufen seines höheren Berufs gewesen; es war, als könnte er nicht frühzeitig genug zu der Stellung gelangen, in welcher er bei Anbruch der Reformation bereits festen Fuß gefaßt haben mußte. Im Jahre 1507 zum Priester geweiht, dann als Pfarrer nach Hohenkirchen am Fuße des Thüringer Waldes berufen und 1508 zum Präceptor der Novizen in dem nahe gelegenen Kloster Georgenthal ernannt, befand er sich, als abermals ein Jahr um war, bereits in Wittenberg als Lehrer des sechsjährigen Churprinzen Johann Friedrich. Hier fängt nun sein Lebensgang an sich dem entscheidenden Wendepunkte zu nähern. Vom Jahre 1511 an beauftragte ihn Churfürst Friedrich, welcher jetzt Gelegenheit gehabt hatte, ihn näher kennen zu lernen, die Studien seiner beiden Neffen Otto und Ernst von Braunschweig-Lüneburg zu leiten, und bald darauf verlieh er ihm nicht nur ein Kanonikat an dem Georgenstifte in Altenburg, sondern er ernannte ihn auch zu seinem Hofkapellan, Geheimschreiber und Bibliothekar. Ein großes Feld vielseitiger Thätigkeit, welches dadurch eine noch weitere Ausdehnung erhielt, daß der Churfürst ihn zugleich veranlaßte, die Geschichte seines Regentenhauses zu schreiben, hatte sich jetzt vor ihm eröffnet.

Die Wahl derjenigen, welche in Zeiten großer welthistorischer Bewegungen einflußreiche Stellungen einzunehmen bestimmt sind, vollzieht sich nicht ohne Gottes wunderbare Fügung. Spalatin gehörte nicht zu den Persönlichkeiten, welche schon bei ihrem ersten Auftreten imponiren; er war mehr klein als groß, mehr mager als schmächtig; nur sein großes, leuchtendes Auge, seine hohe, gewölbte Stirn und sein offenes, einnehmendes Angesicht konnten jene Erwartungen von ihm erregen, welche er fortan unter den schwierigsten Verhältnissen gerechtfertigt hat. Denn er war ein Hofprediger, welcher ohne Menschenfurcht seines Amtes wartete, und ein Geheimschreiber, dem man Alles anvertrauen konnte. Vielseitig gebildet und der alten Sprachen, wie des Deutschen mächtig, ein scharfer Beobachter und immer sogleich bei der Sache, eine poetische Natur und doch zugleich äußerst gewandt in Geschäften, vorsichtig bis zur Aengstlichkeit, aber, wenn er sich einmal entschieden hatte, eben so unerschütterlich in seiner Ueberzeugung und in seinem Thun, vereinigte er Eigenschaften in sich, welche für seine Stellung von unschätzbarem Werthe waren. Was aber schwerer als Alles wog, das war sein durchaus lauterer und zuverlässiger Charakter! Nie ist dasselbe Maß von Klugheit mit einem höheren Grade von Redlichkeit verbunden gewesen.

Daß der Churfürst wußte, was er an ihm hatte, bewies das Wohlwollen, dessen er ihn würdigte. Wenn er sich öffentlich zeigte, sah man fast immer Spalatin an seiner Seite; im Cabinet aber ließ er Alles durch seine Hände gehen und legte großes Gewicht auf seinen Rath: ein Vertrauen, welches der treue Diener durch eine auf persönliche Verehrung gegründete Ergebenheit vergalt. „Friedriche,“ hat er einmal gesagt, „kann man viele finden, aber schwerlich einen, welcher mit dem unsrigen zu vergleichen wäre.“

Um dieselbe Zeit hatte sich aber auch bereits zwischen ihm und Luther ein auf den tiefsten Motiven ruhendes festes Verhältniß gebildet. Im Jahre 1508 war letzterer als Professor nach Wittenberg berufen worden, und bald darauf begann jener lebendige geistige Verkehr zwischen den beiden Männern, welcher ohne Unterbrechung bis zum Tode des ersteren fortgedauert hat. Schon in Erfurt hatte Spalatin „um sein theures Geld“ sich eine Bibel gekauft; jetzt war es Luther, welcher ihm auf seine Anfrage, wie er Theologie studiren solle? rieth, allezeit mit Gebet zu beginnen, die heil. Schrift vom Anfang bis zum Ende durchzuarbeiten, von andern Schriften aber vorzugsweise Augustin, Hieronymus und Ambrosius, Cyprian, Hilarius und Tauler zu lesen. Von diesem Augenblick an gehörten sie einander. „Unser Spalatin“, pflegte man zu sagen, „verehrt und befragt Luther wie ein Orakel;“ dieser aber gab sich jenem mit aller Liebe, deren seine starke Seele fähig war, hin. Nie haben zwei Männer häufigere und eingehendere Briefe gewechselt, als diese beiden; denn sie waren einander unentbehrlich geworden. Welchen Werth schon diese Correspondenz, so weit wir dieselbe noch besitzen, für das Verständniß der Reformation hat, sei nur im Vorübergehen angedeutet.

So waren denn nach jeder Seite hin die Fäden angeknüpft, welche einen so wichtigen Einschlag in dem Gewebe der nachfolgenden Ereignisse bilden sollten. Welche Stellung der Churfürst zu Luther einnahm, ob diese beiden so ungleichen Charaktere einander verstanden, und ob der erstere den letzteren gewähren ließ, oder nicht? wie viel hing davon ab! Friedrich war aber eine bedächtige, zurückhaltende Natur, welche mit feinem Tact behandelt sein wollte, und Luther stand ihm in mehr als einer Hinsicht fern: es bedurften deshalb beide eines Vermittlers, welcher in gleichem Maße das Vertrauen des Einen wie des Andern besaß und sie auf die edelste Weise einander anzunähern vermochte. Dazu war Spalatin durch Gottes augenscheinliche Fügung berufen worden, und was er in dieser Hinsicht geleistet wie er überhaupt als Rathgeber des Hofs in Kirchen-, Schul-, Universitäts-, literarischen und öffentlichen Angelegenheiten bald durch eingelegte Fürsprache, bald durch ausgestellte Gutachten, bald durch seine persönliche Anwesenheit bei den bedeutendsten Reichstagen und Conventen, deren Verhandlungen er mit der Genauigkeit eines Historikers und mit der Gewissenhaftigkeit eines vereideten Dieners aufzeichnete, nach allen Seiten hin fördernd in den Gang der Reformation eingegriffen hat, das wird um des Herrn willen, dessen auserwähltes Werkzeug er gewesen ist, nimmermehr vergessen werden dürfen.

Wir begleiten nun Spalatin zu den öffentlichen Versammlungen, welche ihm Gelegenheit gegeben haben, die Sache Luther’s mit der Wärme eines gleichgesinnten Freundes zu vertreten.

Während des Augsburger Reichstages von 1518 gelang es Friedrich dem Weisen, Luther’s Citation nach Rom rückgängig zu machen; Spalatin war es gewesen, welcher ihn zu diesem ersten entscheidenden Schritte bewogen hatte. Daß man auch in Rom das Ansehen, in welchem er bei seinem Fürsten stand, bereits kannte, beweist das an ihn gerichtete Breve, in welchem bald darauf der Papst ihn aufforderte, „des Teufelskindes übermäßigen Frevel mit dämpfen zu helfen.“ Luther hatte sich schon darauf gefaßt gemacht, nach Frankreich flüchten zu müssen; Spalatin hielt ihn zurück. Im Hause des letzteren zu Altenburg und unter seiner persönlichen Vermittlung fand sodann am 3. Januar 1519 die Verhandlung zwischen Luther und Miltitz statt, welche mit einem augenblicklichen Waffenstillstand endigte. Noch in demselben Jahre begleitete Spalatin den Churfürsten zur Kaiserwahl nach Frankfurt, 1520 zur Krönung Carl’s V., 1521 zum Reichstag nach Worms, 1523 und 1524 nach Nürnberg; schon die bloße Aufzählung dieser Staatsactionen läßt ersehen, in wie Vieles er eingeweiht war. Als es in Worms sich darum handelte, ob Luther kommen sollte, oder nicht, glaubte zuletzt auch er ihn abmahnen zu sollen; nachdem aber jener, entschlossen, „allen Pforten der Hölle und allen Mächten, die in der Luft herrschen, zu trotzen,“ sich dennoch gestellt hatte, wich Spalatin Tag und Nacht nicht von seiner Seite, wie denn auch er es war, durch welchen ihm eröffnet wurde, daß man den Plan gefaßt habe, ihn zu verbergen. Auf der Wartburg sah sich Luther fast von allen seinen Freunden abgeschnitten, nur von demjenigen nicht, welcher jetzt bereits im vollsten Sinne des Worts sein Vertrauter war. Durch ihn erhielt er die Arzneimittel, deren er auf seinem Patmos bedurfte; durch seine Hände gingen die Schriften, welche Luther zum Druck befördert wissen wollte. Dabei kam es denn wohl auch zu Zeiten vor, daß beide in ihren Ansichten von dem, was räthlich sei, weit aus einander gingen. Daß der Churfürst und Spalatin noch eine Zeitlang fortfuhren, Reliquien zu sammeln, mag außer Betracht bleiben; denn 1522 hatte es auch damit ein Ende. Von desto größerem Belang war aber der Umstand, daß man bei Hofe erst lernen mußte, wie Glaubenssachen zu behandeln seien. Es waren besonders zwei Punkte, um derentwillen Luther und der letztere mehr als einmal scharf an einander geriethen. Die „menschlichen Gedanken“, mit welchen dieser „sich das Herz abfraß“, und die Fesseln, welche man ihm von oben her anlegen wollte, während er im Sturmschritt vorzugehen gedachte, fand er unerträglich. Der vorsichtige Fürst und sein rücksichtsvoller Rathgeber fürchteten für ihn und seine Sache; er aber wollte von dem Arm, welcher Fleisch ist, eben so wenig geschützt als gehindert sein. „Wenn das Evangelium,“ schreibt er an den letzteren, „der Art wäre, daß es durch die Potentaten der Welt fortgepflanzt würde, hätte Gott dasselbe nicht Fischern befohlen.“ Spalatin sucht ihn, da er anfängt, einen „Kehr ab“ und „Hefenstürzer“ nach dem andern gegen „den Antichrist“ und seinen Anhang ausgehen zu lassen, im Auftrag des Fürsten zur Mäßigung zu stimmen; Luther antwortet: „Du wirst aus einem Schwert keine Feder, noch aus dem Kriege Frieden machen. Das Wort Gottes ist Schwert, Krieg, Untergang, Aergerniß, Verderben, Gift und (wie Amos sagt) wie der Bär auf dem Wege und die Löwin im Walde, so begegnet es den Kindern Ephraim.“ Er klagt seinen besten Freund des Unglaubens und der Weltklugheit an; er will, ehe er weicht, lieber ihn und den Fürsten selbst und alle Creatur verlieren, und Spalatin läßt sich nicht nur Alles von ihm sagen, sondern er beugt sich auch vor Luther’s gewaltigem Glauben. Je heftiger er von ihm getadelt worden ist, desto eifriger spricht er bei dem Churfürsten für ihn.

Von der Wartburg zurückgekehrt, unterließ Luther nicht, auch den Rath des sprach- und sachkundigen Spalatin bei Uebersetzung der h. Schrift in Anspruch zu nehmen. Bald darauf – im Winter 1524 – begleitete letzterer den Churfürsten noch zum Reichstag nach Nürnberg; fast hätte aber schon um diese Zeit sein Verhältniß zum Hofe sich gelöst. „Ich werde,“ klagt er, „mit Gottes Wort zu handeln, je länger je blöder, und laß mich je länger je mehr bedünken, daß viel mehr Stärke, Lehre, Kunst und Frömmigkeit dazu gehöre, denn ich armer Schweiß bei mir befinde.“ Luther wußte aber dem zur Schwermuth geneigten Manne durch das Glaubenswort: „Christus hat Dich berufen; diesem weiche!“ und durch andere gewichtige Gründe so gewaltig zu imponiren, daß er in seiner Stellung verblieb. Als nach kurzer Zwischenzeit (5. Mai 1525) sein „gnädigster, liebster Herr,“ der ihm noch auf dem Todtenbette einen Jahrgehalt von 160 Goldgulden aussetzte, starb, mußte es ihm zu großer Beruhigung gereichen, bis an’s Ende bei ihm ausgeharrt zu haben.

Der jetzt erbetene Abschied wurde ihm von dem Nachfolger, Johann dem Beständigen, gewährt, und bald darauf sah er sich mit Zustimmung desselben von dem Rathe zu Altenburg als erster evangelischer Oberpfarrer der Stadt berufen. Bei diesem Anlaß war es, wo Luther ihm vor dem Churfürsten das Zeugniß gab: „Die Person ist wohl gelehrt, wohl beredt, dazu sittig und züchtig und, das am höchsten mich bewegt, hat ein gutes rechtschaffenes Herz, denn er das Wort Gottes und die Seelen mit Treuen meint.“ Das Amt war beschwerlich, Altenburg „schier ganz gefressen von Bettlern,“ und er ein von Herzen demüthiger Mann, – „wie sehr hätte ich gewünscht,“ sagt er, „daß man weit Tüchtigere als mich ausgesucht hätte!“ – nur die Zusprache der Freunde und der Trost, welchen er in dem Worte fand: „Wisse, daß ich dich berufen habe!“ konnte ihn ermuthigen, anzunehmen. Am 13. August 1525 hielt er seine Antrittspredigt; am 19. November trat er „nach dem Vorbild der frömmsten Menschen früherer und jetziger Zeit“ mit Katharina, einer gebornen Heidenreich oder Streibel von Altenburg, einem armen, aber ehrbaren einzigen Töchterlein, in den Ehestand. Luther und Melanchthon beglückwünschten ihn; die päpstlich gesinnten Domherren aber, welche ihm überhaupt bis zum Jahre 1533 durch „ihr elendes ceremonisches Unwesen“ vielen Verdruß verursachten, beantworteten die bedingte Einladung zur Hochzeit mit einer höhnischen Ablehnung. Die von „den Baalspriestern“ verdammte Ehe mit seiner „vielgeliebten Kette“, wie Spalatin nach Luther’s Vorgang seine Käthe nannte, wurde von Gott mit zwei Töchtern gesegnet.

Die Arbeitslast, welche seiner in Altenburg gewartet hatte, verdoppelte sich, als er 1528 zum Superintendenten des ganzen Kreises ernannt wurde. Ein Glück für ihn war es, daß er bei seinem eben nicht starken Körper einer guten Gesundheit genoß; er hatte sich aber auch so sehr an dieselbe gewöhnt, daß er schon bei einem starken Katarrh sagen zu müssen glaubte: „Mein frommer Gott hat mich unter die Sporn genommen.“ Kann er sich einen Augenblick losreißen, so widmet er ihn seinem Schooßkinde, der Bibliothek in Wittenberg, und seine Freude ist eine zweifache, wenn er nicht nur sie wieder eingesehen, sondern „Gottlob auch unsern lieben Herrn Doctor Martinus gesund und fröhlich gefunden hat.“ Solche Erholung war dem vielbeschäftigten Manne um so mehr Bedürfniß, da auch Churfürst Johann sich vorbehalten hatte, ihn zu allen wichtigen kirchlich-politischen Verhandlungen mitzunehmen. In Folge dessen finden wir ihn 1526 auf dem Reichstag in Speyer, wo er, unbeirrt durch den „Christushaß der Pharisäer,“ unter dem Zudrang vieler Tausende in der Herberge seines Herrn „das in Ewigkeit bleibende Wort Gottes“ predigt. Während der Jahre 1527-29 hatte er als einer von den für das Oster- und Voigtland ernannten Visitatoren alle Hände voll zu thun; 1530 aber wohnte er dem großen Reichstag in Augsburg als einflußreicher Rathgeber und standhafter Bekenner bei. Ihm verdanken wir die eingehendsten Berichte über den Gang der Verhandlungen; von ihm stammt das Wort: die Verlesung der Confession sei „der allergrößten Werke eines, das je auf Erden geschehen;“ durch ihn erhielt Luther die genaueste Kenntniß von Allem, was vorging; an ihn hat letzterer „aus dem Reiche der Vögel und Dohlen“ damals seine herrlichsten Briefe geschrieben. Als eintrat, was sein vorschauender Geist geahnt, hat er Spalatin ermahnt: „Sei stark in dem Herrn; der Zorn der Könige und Fürsten ist ein günstiges Vorzeichen;“ als die Gegner immer offener mit ihren „wälschen Listen“ hervortraten, hat er mit den übrigen Freunden auch ihn von diesem Convent absolvirt und gesagt: „Kommt nur im Namen des Herrn, welcher auch die Drohungen der Menschen zu nichte machen wird, gleichwie er die Pforten der Hölle überwältigt hat!“

Kaum von Augsburg zurückgekehrt, mußte Spalatin den Churprinzen Johann Friedrich über Cöln, wo derselbe einen Protest gegen die Königswahl Ferdinand’s zurückließ, nach Jülich begleiten; 1532 aber rief ihn der Churfürstentag nach Schweinfurt, wo er während seines sechswöchentlichen Aufenthalts fast täglich, zuerst in der Liebfrauenkapelle, dann um des großen Zulaufs willen unter freiem Himmel, das Evangelium predigte und dadurch den ersten Anstoß zur Reformation des dortigen Kirchenwesens gab. Ein bleibendes Denkmal dieser Thatsache ist die Schrift: „Ein getreu Unterricht aus Gottes Wort von allem dem, das ein Christenmensch wissen soll,“ welche er zunächst für die wegen versagter beiderlei Gestalt des Sacraments ohne geistlichen Beistand dahin sterbenden Pestkranken verfaßte. Von Schweinfurt aus begab er sich mit dem Churprinzen zum Reichstag nach Nürnberg, wo er während der Friedensverhandlungen viel mit Osiander verkehrte und sich lebhaft mit den kirchlichen Verhältnissen der Stadt beschäftigte. Am 23. Juli 1532 wurde der Friede geschlossen; am 16. August starb Johann der Beständige, und es gelangte nun Johann Friedrich zur Regierung, welcher nicht genug eilen konnte, dem Lehrer seiner Jugend Beweise eines Vertrauens zu geben, das eben so groß war als seine Dankbarkeit. Kaum hatte 1533 der päpstliche Nuntius Rangoni in Weimar Audienz verlangt, um wegen des Concils zu unterhandeln, so wurde schleunigst Spalatin von Altenburg herbeigerufen, und als dies vorüber war, nahm die zweite Kirchenvisitation im Öster- und Voigtland seine ganze Thätigkeit in Anspruch. Die Commission, deren angesehenstes geistliches Mitglied er war, hatte den Vollzug der früheren Anordnungen zu controliren; es war aber nebenbei noch eine Menge von schwierigen Fragen, welche zu einem lebhaften Briefwechsel mit Luther Anlaß gaben, zur Entscheidung zu bringen. Im Jahre 1534 begleitete er, erfüllt von patriotischen Erinnerungen an „den theuren deutschen Fürsten Arminius,“ seinen Herrn nach Cadan und Cleve, 1535 zur Belehnung nach Wien, von dort nach Schmalkalden zur Beschlußfassung über Vergerio’s Propositionen und endlich zum Zweck des Ankaufs von werthvollen Büchern sowohl als Handschriften sogar nach Venedig. Im Jahre 1536 erhielt die Universität Wittenberg eine neue Dotation; Spalatin, welcher bei diesem Anlaß auch der Concordie beitrat, war es, der die churfürstliche Verleihungsurkunde auf dem Schlosse verlas. Während der ersten Februarwochen des Jahres 1537 wohnte er, wie immer, als Schriftführer, dem Schmalkaldischen Convente bei, – die Artikel hatte er schon vorher mit unterzeichnet; – dann eilte er auf den Wunsch des Herzogs Heinrich als Visitator nach Freiberg, wo er nicht ohne Mühe, aber mit dem gesegnetsten Erfolge das ganze Kirchenwesen ordnete; die letzte größere Arbeit aber, zu welcher er beigezogen wurde, war die Reformation der Meißner Lande, welche unter seiner thätigen Mitwirkung von den alten Mißbräuchen gereinigt wurden und eine dem Vorbild der chursächsischen angepaßte Kirchenordnung erhielten. Als dieses Werk vollbracht war, zog er sich, der unaufhörlichen Reisen müde, aber auch jetzt noch an allen kirchlichen und politischen Ereignissen der Zeit den regsten Antheil nehmend, mehr und mehr auf seine nächsten amtlichen Obliegenheiten und seine umfassenden geschichtlichen Arbeiten, deren er bekanntlich auch neben einer ansehnlichen Zahl von Uebersetzungen und andern Schriften viele hinterlassen hat, zurück. Nur die Visitationen in Zeiz und im Amte Wurzen haben ihn 1541-42 noch einige Male über die Gränzen seines Sprengels hinausgeführt.

Der Tod des von Sorgen, Reisen und Arbeiten aufgeriebenen Mannes erfolgte am 16. Januar 1545. Ein schwieriger Ehefall, über dessen Entscheidung er sich Gewissensbedenken machte, und die Besorgniß, als ob man ihm am Hofe nicht mehr gewogen sei, hatten ihn auf das Krankenlager geworfen. Ueber den ersteren tröstete ihn Luther, schriftlich und mündlich; die Fortdauer seiner fürstlichen Zuneigung verbürgte ihm Johann Friedrich durch seinen Leibarzt, welchen er an ihn abordnete, durch einen Eimer des besten Weins, an welchem er sich erquicken sollte, und durch ein eigenhändiges Schreiben, welches seine erprobte Treue in den ehrendsten Ausdrücken anerkannte. Jetzt konnte er ruhig sterben, zumal da er von seiner „lieben Hausfrau“ und seinen beiden Töchtern, welche mit andern Freunden sein Lager umstanden, wußte, daß sie auch nach seinem tödtlichen Abgang „ein Ränftlein Brods“ haben würden. Seine Grabstätte hat man ihm in der Bartholomäuskirche bereitet, sein Gedächtniß hat ihn überlebt; denn er gehört in erster Linie mit zu denjenigen, deren Namen unzertrennlich von dem Werke der Reformation sind. Viele haben ihn im Leben geliebt, Fürsten und Herren ihn mit Gunstbezeugungen überhäuft, die bedeutendsten Männer des Jahrhunderts ihn gesucht; aber höher als die Anerkennung aller Uebrigen ehrt ihn heute noch das Urtheil und die Freundschaft Luther’s. Er nennt ihn „wegen seiner Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Treue den Liebsten unter den Lieben, den Diener Christi am sächsischen Hofe, den treuesten Knecht Gottes,“ wie er denn um seinetwillen auch Altenburg zu den Städten gezählt hat, „welche auf zwei Augen stünden,“ und ihn zu den Männern, „dergleichen man, wenn sie stürben, nicht leichtlich wieder bekommen werde.“

Ch. H. Sixt in Nürnberg, später in Anspach

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

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