Johannes Kepler

Johannes Kepler

Als ein Stern erster Größe leuchtet unter den Geisteshelden aller Zeiten der Name Johann Keplers neben dem seines großen Vorgängers, Nikolaus Kopernikus. Denn er führte den unumstößlichen Beweis für die von diesem ans Licht gebrachte Wahrheit von der Bewegung der Erde und der übrigen Planeten um die Sonne durch die Entdeckung der wahren Gestalt und der Gesetze dieser Bewegung, und begründete dadurch die Reform der gesammten astronomischen Wissenschaft. Aber in dem Glanz dieses unvergänglichen Ruhmes zeigt uns sein Lebensbild auch die Gestalt eines demüthigen gläubigen Christen. Von der Wiege bis zum Grabe dunkele Wege geführt, bewährt er sich unter den schwersten Prüfungen als ein treuer Zeuge der Wahrheit des Evangeliums und als ein standhafter Bekenner des evangelischen Glaubens.

Einer altadligen heruntergekommenen Familie entsprossen, ward er am 27. December 1571 in der kleinen schwäbischen Reichsstadt Weil geboren, wo sein Großvater Bürgermeister war. Seine früheste Kindheit schon entbehrt der treuen Vater- und Mutterliebe. Sein Vater, ein leichtfertiger, abenteuerlicher Mann, kämpft in den Niederlanden wider seine Glaubensgenossen, die Mutter folgt ihm nach auf den Kriegsschauplatz; das verlassene Kind erkrankt während dessen im großelterlichen Hause lebensgefährlich an den Blattern und behält davon zeitlebens eine „Blödigkeit des Gesichts“, die später des Astronomen Arbeit ungemein erschwerte. Die Eltern verlieren nachher in Leonberg den größten Theil ihres Besitzes durch Schuld des Vaters, der später als Pächter eines Wirthshauses vergeblich seine Familie zu ernähren sucht. Der reichbegabte kränkliche Knabe muß harte Feldarbeit thun und um niedriger Dienstleistungen in der Wirthschaft willen oft die Schule versäumen. Endlich wegen seiner Schwächlichkeit 1583 zum Studium der Theologie bestimmt, besucht er die Klosterschulen zu Adelberg und Maulbronn und bezieht 1589 die Universität Tübingen, wo er als Zögling des berühmten theologischen Stifts in den beiden ersten Jahren den philosophischen und klassischen Studien mit großem Eifer und glänzendem Erfolge sich widmet.

Hier bewahrt er sein kindlich gläubiges Herz, das er trotz der Gefahren der Verwilderung aus dem zerrütteten Familienleben sich gerettet, unter der väterlichen Zucht seiner Lehrer, unter denen besonders Mästlin, der Lehrer der Mathematik und Astronomie, sich seiner liebevoll annimmt. Dieser fromme Mann, der ihm zeitlebens ein treuer väterlicher Freund blieb, führte ihn mit anderen lernbegierigen Jünglingen in die Lehre des Kopernikus durch Privatunterricht ein, während er aus Rücksicht auf die jener Lehre feindselige Orthodoxie, die an der Universität herrschte und die Wahrheit von der Bewegung der Erde um die Sonne als schriftwidrige Ketzerei verwarf, in seinen öffentlichen Vorlesungen das entgegengesetzte alte ptolemäische System vortragen mußte. Unter seiner Leitung setzte Johann Kepler auch in den folgenden ausschließlich dem theologischen Studium gewidmeten Jahren seine mathematischen und astronomischen Studien fort. Während er sich als Theolog durch seine Leistungen das höchste Lob erwirbt, macht er sich in Aufsätzen und Disputationen mit seinen Studiengenossen als eifrigen Vertreter der kopernikanischen Lehre bekannt.

Da empfängt er plötzlich und unerwartet noch vor Ablauf seiner Studienzeit den Ruf in das Lehramt der Mathematik und Moral an dem ständischen evangelischen Gymnasium zu Graz in Steiermark, Er folgte diesem Ruf auf den Rath seiner Vorgesetzten, die ihn wegen seiner kopernikanischen Ansichten lieber in diese Laufbahn als in die kirchliche eintreten sahn. Er folgte ihm freilich, wie er selbst sagt, ohne eine übermäßige Neigung für dieses Lehramt und ohne speziellen Eifer für die Astronomie, mehr mit Anlagen als mit Kenntnissen dazu ausgerüstet, „durch das Ansehn seiner Lehrer gleichsam dahineingestoßen“. Aber er sah zugleich darin Gottes Fügung. „Ein verborgenes Schicksal, sagt er, treibt den einen zu diesem, den andern zu jenem Beruf, damit sie überzeugt werden, daß sie unter der Leitung der göttlichen Vorsehung stehn.“ „Ich wollte, schreibt er an Mästlin in demselben Jahr 1595, in welchem er im März arm und mittellos mit geborgtem Gelde nach Graz gegangen war, ich wollte Theolog sein; lange trieb es mich um; aber siehe da, Gott wird durch meine Arbeit in der Astronomie auch verherrlicht.“

Mit solch‘ einem frommen Sinn vertiefte er sich in seine Forschungen. Als er nach langen vergeblichen Anstrengungen plötzlich im Sommer 1595 durch einen unbedeutenden Zufall die Grundlinien seines „Geheimnisses des Weltbaus“ oder „Prodromus“ (Vorhalle), seines ersten großen Werks, gefunden hatte,-in welchem er „das Geheimniß von dem wunderbaren Verhältniß der himmlischen Bahnen und den wahren Ursachen ihrer Anzahl sowie der periodischen Bewegungen“ darzulegen suchte; konnte er in jenem scheinbaren Zufall um so freudiger eine Schickung Gottes erblicken, als er nach seinem Zeugniß „unaufhörlich zu Gott gebetet hatte, er möge, wenn Kopernikus die Wahrheit verkündigt habe, seine Bemühungen gelingen lassen“. Darum bricht er auch am Schluß des Werks in das Dankgebet aus: „Großer Künstler der Welt, ich schaue bewundernd die Werke Deiner Hände, in der Mitte die Sonne, die Ausspendrin des Lichts und Lebens, die nach heiligem Gesetz zügelt die Erde und sie lenkt in verschiedenem Lauf, Ich sehe die Mühen des Mondes und dort die Sterne zerstreut auf unermessener Flur. Vater der Welt, was bewegte Dich, ein armes, schwaches kleines Erdengeschöpf so zu erheben, so hoch, daß es im Glanze dasteht, ein weithin herrschender König, fast ein Gott; denn er denkt Deine Gedanken Dir nach.“

Seine Frömmigkeit ging nicht neben seiner Wissenschaft her, sondern war die Seele seines Forschens. Die Lehre von der Ewigkeit der Welt verwerfend steht er fest in dem ersten Glaubensartikel, daß der allmächtige Gott nach dem ewigen Plan seiner Weisheit die Welt geschaffen habe. Er sieht die Welt „von dem weisesten Schöpfer in vollkommenster Harmonie auferbaut“ und bezeugt es als seine Lebensaufgabe, „diese Herrlichkeit der Werke Gottes den Menschen zu verkünden.“ „Wir Astronomen, sagt er, sind Priester des höchsten Gottes für das Buch der Natur; daher geziemt es uns nicht, das Lob unseres eigenen Geistes, sondern nur die Ehre des Schöpfers im Auge zu haben.“ Die astronomische Arbeit ist ihm ein Nachdenken der Gedanken Gottes in den Gesetzen der Natur; die Sternkunde ist ihm die Ausübung eines erhabenen Priesterthums in dem unermeßlichen Tempel des Weltalls. Er weiß sich dabei im unmittelbaren Verkehr „mit dem weisen Schöpfer und Meister der Welt, dessen göttliches Walten in der Natur die Sternkunde gleichsam mit Händen fasset.“ Er weiß sich bei seinen Forschungen „begleitet von einem Genius, der ihm die Wahrheiten von Ferne zulispelt“; er erkennt, „daß der Weltbau durch einfache, zusammenstimmende Kräfte im Gange erhalten wird“; er lauscht der Harmonie der Sphären, die zwar nur der Unendliche in ihrem ganzen Umfange erkenne, von der aber auch der Erdball ein Nachgefühl habe. Unter dem Druck der vielen Drangsale, die ihn so oft die Worte ausrufen lassen, welche er in manches Stammbuch schrieb: „O wie sorgen die Leute und doch wie nichtig ist Alles“, bezeugt er wiederholt die Erhebung, Tröstung und Erquickung, die seine Seele in dem Umgang mit dem ewigen Gott durch die Anschauung seiner Herrlichkeit in der himmlischen Welt empfange. In schwerer Zeit ruft er einmal aus: „die Astronomie ist die edelste Beschäftigung, weil sie den weisesten Schöpfer verherrlicht; ist daher etwas, das den Menschen in diesem niederbeugenden Exil aufrichten kann, so ist es diese Wissenschaft.“

Als sein Lehrer Mästlin, dessen „dankbarsten Schüler“ er sich stets nennt, und auf dessen Lob er bescheiden antwortet: „bester Lehrer, du bist die Quelle des Stromes, der meine Felder befruchtet“, die Veröffentlichung des genannten Werks durch den Druck 1596 besorgt hatte, würde von Seiten des akademischen Senats in Tübingen eine öffentliche Anklage gegen ihn wegen Verletzung der Auctorität der heiligen Schrift, deren er sich durch die Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne schuldig gemacht, erhoben worden sein, wenn seiner Arbeit nicht schon die lobende Anerkennung seitens des Herzogs Friedrich zu Theil geworden wäre. Aber die ihm privatim ertheilte Verwarnung veranlaßt ihn, klar und deutlich in ächt evangelischem Geiste seine Stellung zur Bibel als dem Buch der Offenbarung der Gnade Gottes neben dem Buch der Offenbarung Gottes in der Natur, auszusprechen. „Die Bibel, sagt er, redet von den Dingen des menschlichen Lebens mit den Menschen, wie Menschen davon zu sprechen gewohnt sind; sie ist kein Lehrbuch der Optik und Astronomie, sie will einen höheren Zweck erreichen; es ist ein tadelnswerther Mißbrauch, wenn man die Bearbeitung von Fragen über weltliche Dinge in ihr sucht. Josua wünschte die Verlängerung des Tags. Gott erhörte seinen Wunsch. Wie? Das war hier nicht zu untersuchen.“

Ebenso mußte er bei der pflichtmäßigen Anfertigung des jährlichen Kalenders nach zwei Seiten hin als Zeuge der Wahrheit gegen seine eigenen Glaubensgenossen auftreten. Gegenüber der Verwerfung der durch den Gregorianischen Kalender (seit 1582) verbesserten Zeitrechnung seitens der Protestanten, „die lieber nicht mit der Sonne als mit dem Pabst übereinstimmen wollten“, weil sie auf diesem Wege „den aus der Kirche glücklich ausgetriebenen Satan durch den Statthalter Christi sich wieder einschleichen“ sahn, legte er diese Zeitrechnung seinen Kalendern zu Grunde. Ebenso trat er gegen den in diesen Kalendern nach der Sitte der Zeit getriebenen astrologischen Aberglauben auf. Zwar mußte er sich bei seinem geringen Gehalt der Forderung, aus dem Stand der Gestirne nicht blos die Witterung, sondern auch die „Praktika“ des neuen Jahres in Staat und Kirche vorher anzuzeigen, noch möglichst accommodiren, da ja „die Mutter Astronomie bei ihrer buhlerischen Tochter Astrologie Unterstützung zu suchen genöthigt sei.“ Aber er that es nicht ohne sarkastische Verspottung der astrologischen Regeln und ohne ausdrückliche Betonung der völligen Unsicherheit selbst der nach erkennbaren natürlichen Ursachen angestellten Vermuthungen. Er beklagt es schmerzlich, daß man die schöne Gottesgabe und edle Kunst von des Himmels Lauf und Wirkung durch unziemliches abergläubisches Anrühmen in Verachtung gebracht habe. „Aber, ruft er aus, der Tag wird bald anbrechen, wo die fromme Einfalt sich ihres blinden Aberglaubens schämen, wo man die Wahrheit sowohl im Buch der Natur, als in der heiligen Schrift erkennen und sich über beide Offenbarungen freuen wird.“

Als sich Kepler 1597 mit einer wohlhabenden Erbin der verwittweten Barbara Müller, geb. von Mühleck, verheirathete, bat er Mästlin, ihn mit seiner Fürbitte zu begleiten, und freute sich mit kindlichem Dank gegen Gott, daß er ihm jetzt Alles, klein und groß, so nach Wunsch gehen lasse; er wage nicht mehr von Gott zu erbitten, als was er ihm jetzt gewährt habe.

Aber die zugleich ausgesprochene Vorahnung des nur kurzen Bestandes dieses Glückes erfüllte sich bald. Die jesuitische Gegenreformation führte auch in Steiermark zu einer allgemeinen Protestantenverfolgung. Johann Kepler wankte nicht einen Augenblick und bewährte sich als treuer Bekenner. Alle evangelischen Prediger und Lehrer wurden durch ein Edikt von 1598 des Landes verwiesen. Mit vielen Glaubensgenossen flüchtete er nach Ungarn. Zwar ließ man ihn wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste bald zurückkehren, jedoch mit der Weisung, „sich allenthalben gebührlicher Bescheidenheit zu gebrauchen, widrigenfalls er diese Gnade wieder verlieren würde.“ Der wissenschaftliche Verkehr, in welchem er mit gelehrten, die Astronomie betreibenden Jesuiten stand, wurde von diesen zu fortdauernden Bekehrungsversuchen ausgebeutet. Man bedrohte ihn, man machte ihm glänzende Versprechungen. Da stärkte ihn Luthers Glaubensmuth und Luthers Vorbild im tapferen Widerstande wider solche Versuchungen. Er wies sie ab mit dem guten Bekenntniß: „Ich bin Christ, ich habe das Augsburgische Glaubensbekenntniß aus dem väterlichen Unterricht, aus oftmals wiederholter genauer Prüfung, aus täglichen Uebungen und Versuchungen geschöpft. Ich hange ihm an, heucheln habe ich nicht gelernt, Glaubenssachen behandle ich mit Ernst, nicht wie ein Spiel; darum bekümmere ich mich auch ernstlich um die Ausübung der Religion, um den Gebrauch der Sacramente.“

In seinen 1598 und 1599 an Mästlin gerichteten Briefen schildert er in ergreifenden Zügen die Verfolgungen, die nun auch die evangelischen Bürger zu erdulden hatten: Geldbußen, Kerkerhaft, Güterconfiskation, Verbannung, das Alles die Strafe für die Majestätsbeleidigung, die darin gefunden wurde, daß man von evangelischen Geistlichen an der Grenze oder in Privathäusern Taufe und Abendmahl verrichten ließ, die lutherische Bibel und Poftille las, evangelische Versammlungen besuchte und ein evangelisches Lied anstimmte, während dieser Bedrängniß starben ihm hintereinander seine kleinen Kinder; bevor er sein Töchterchen Susanna nach evangelischem Ritus begraben durfte, mußte er nun harte Geldbuße zahlen. Vergebens klagt er dem Freunde in Tübingen seine Roth und bittet unter Verzicht auf die früher vorbehaltene Anstellung im geistlichen Amt um die Berufung in eine philosophische Professur. Mästlin kann ihm nicht helfen. Man will den Ketzer nicht haben. Er aber steht fest in der evangelischen Wahrheit und Freiheit und will auch ferner das Aeußerste für sie erdulden. „Ich hatte nicht geglaubt, schreibt er an Mästlin, daß in eben dem Maaße, in welchem die Verfolgung steigt, auch die Freudigkeit zunehmen könne; jetzt begreife ich, wie es so leicht sein müsse, für die Religion zu sterben.“ Aber auch seine Arbeitskraft wächst unter dem Druck der Leiden; in dem Trübsalsjahr 1599 legt er den Grund zu seinem großen Werk: „Harmonie der Welt.“ Endlich muß er mit den Seinen unter Preisgebung der Güter seiner Frau als Exulant davonziehn.

Er findet eine Zuflucht bei dem berühmten Astronomen Tycho de Brahe, der, aus Dänemark geflüchtet, vom Kaiser Rudolf II. an der kaiserlichen Sternwarte auf Schloß Benatek bei Prag berufen war. Seine Einladung an Kepler und dessen Reise dorthin kreuzten sich. Fieberkrank kommt er Anfangs 1600 dort an. Froh, als Gehülfe bei Tycho einen solchen Wirkungskreis gefunden zu haben, geräth er mit demselben wegen wissenschaftlicher Fragen, wegen seines hochfahrenden, leidenschaftlichen Wesens und wegen der unpünktlichen Zahlung der kärglichen Raten seines Gehalts in tiefgehende Differenzen, Da stirbt Tycho 1601 und Kepler wird in seine Stelle als kaiserlicher Hofastronom berufen. Trotz der erfahrenen Kränkungen und Aergernisse nimmt er sich der Hinterbliebenen seines Vorgängers liebreich an und vertheidigt edelmüthig dessen Ehre und Andenken gegen seine Feinde. Aber seine eigene Noth und Drangsal nimmt kein Ende. Während er von einer großen Entdeckung zu der anderen schreitet und die nach ihm benannten Gesetze der Bewegungen der Himmelskörper auffindet und feststellt, hungert er mit den Seinen; sein Gehalt wird ihm nicht gezahlt; Monate lang muß er die beste Zeit mit vergeblichem Betteln um seinen Lohn bei der Hofkammer zubringen.

Als unter den politischen Wirren, zwischen Kaiser Rudolf und seinem Bruder Matthias 1609 seine persönlichen und amtlichen Verhältnisse immer drückender wurden, bewirbt er sich von Neuem um eine Anstellung in Würtemberg, nachdem er dort zuvor seine „neue Astronomie“ mit der großen Entdeckung der elliptischen Bahn der Planetenbewegung vorgelegt hatte. Aber er wird^ abgewiesen, weil er ehrlich und offen erklärte, daß er wegen der ihm nicht schriftgemäß erscheinenden Lehre von der Allgegenwart des Leibes Christi und wegen der Verdammung der Reformirten die Concordienformel nicht unbedingt, sondern nur mit dem Vorbehalt der Forderung des kirchlichen Friedens unterschreiben könne, „da er nun schon viele Jahre in der Hoffnung stehe, daß der Kirche Gottes dermaleins von dieser Zwietracht geholfen werden möchte.“

Als Calvinist verketzert erfährt er im J. 1611 viel neues Unglück. Seine Gattin verfällt aus Schwermuth in Wahnsinn und stirbt am Typhus; die Kinder sind lebensgefährlich an den Blattern krank; der älteste Knabe stirbt. Köstliche Trostbriefe von Freunden und wissenschaftlichen Mitarbeitern gehen ein. Sein Gönner, der Kaiser, sitzt, während Matthias sich auch noch die Böhmische Krone aufs Haupt setzt, in seinem Schloß gefangen und läßt ihn nicht von sich. Erst nach dessen Tode 1612 kann er nach völliger Verödung der kaiserlichen Sternwarte, in seinem Amt als Hofastronom verbleibend, mit kaiserlicher Erlaubniß dem Ruf in eine Professur am Gymnasium zu Linz Folge leisten.

Da treffen den Schwergeprüften neue harte Schläge. Der kürzlich aus Würtemberg nach Linz berufene Oberpfarrer Hitzler schließt ihn vom heiligen Abendmahl und damit von der Kirchengemeinschaft aus, weil er der zuvor an ihn gestellten Forderung, die Concordienformel unbedingt und ohne Verwahrung zu unterschreiben, nicht genügen kann. Vergebens bat er das Consistorium in Stuttgart um einstweilige Zulassung zum Sacrament. Dies bestätigte seine Excommunikation, und ertheilte ihm die Weisung, „seine fürwitzige Natur im Zaum zu halten und sich aller Dinge nach Gottes Wort zu reguliren.“ Dies geschah einem treuen Bekenner des Namens Jesu Christi als des eingebornen Sohnes Gottes, einem gläubigen lutherischen Christen, der in seinem 1617 „für seine Kinder, Hausgesinde und Angehörige“ katechetisch verfaßten „Unterricht vom Sacrament“ auf die Frage: Was geschieht im heiligen Abendmahl? die Antwort giebt: „Christus giebt uns darin seinen wahrhaftigen Leib, für uns geopfert zur Speise, und sein eigen Blut, für uns vergossen zu einem Trank, den Glauben damit zu stärken und die verwundeten Gewissen zu heilen.“ Er blieb fest in seiner Ueberzeugung. „Ich ehre, sagt er, in allen drei christlichen Religionsbekenntnissen das, was ich mit dem Worte Gottes übereinstimmend finde, protestire aber ebensowohl gegen neue Lehren, als gegen alte Ketzereien.“ Er sagt, er könne ja allem Streit ein Ende machen, wenn er unterschriebe und nichts ausnehme; aber es sei ihm nicht gegeben, in Glaubenssachen zu heucheln; sein Gewissen erlaube ihm nicht, sich durch seine Unterschrift zum verdammenden Richter über seine reformirten Brüder aufzuwerfen.

Ein neues häusliches Glück war ihm 1614 durch seine zweite Verheirathung beschieden. Jedoch eine zahlreiche Kinderschaar erhöhte die Nahrungssorgen, während er sich vergeblich um die Auszahlung seines schon auf 12000 Gulden sich belaufenden rückständigen Gehalts bemühte. Mehrere Kinder starben früh dahin. Besonders aber wurde für ihn und die Seinen eine Quelle namenlosen Grams und Kummers das schreckliche Loos seiner hochbetagten Mutter, die in Folge unvorsichtigen Verhaltens von böswilligen Menschen als eine mit dem Satan im Bunde stehende Zauberin angeklagt wurde und als Hexe zum Feuertod verdammt worden wäre, wenn es nicht dem Sohn durch unsägliche Anstrengungen gelungen wäre, die Unschuld der Mutter zur Anerkennung zu bringen, so daß sie 1620 nach sechsjähriger Dauer dieses Hexenprozesses freigesprochen wurde. Kepler sah dadurch seinen Namen „als Sohn einer Hexe“ geschändet, sein kleines Vermögen aufgezehrt, die Ehre seiner Familie bei dem nun einmal herrschenden Aberglauben befleckt.

Und doch hatte er die Kraft, in dieser schweren Zeit seine bedeutendsten Arbeiten und Forschungen theils fortzusetzen theils zu vollenden. So schloß er 1619 sein Lieblingswerk, „die Harmonie der Welt“, in welchem er seine Entdeckungen im Zusammenhang darstellte, „um seinem Gott ein Gezelt daraus zu bauen.“ Trotz seiner Bedrängniß lehnte er in dieser Zeit verschiedene lockende Rufe nach England und Italien aus Liebe zu seinem deutschen Vaterland und wegen seines Festgewurzeltseins in deutscher Sitte und deutschem Leben entschieden ab. Neue Prüfungen kamen über ihn 1625 durch den Ausbruch der allgemeinen Protestantenverfolgung in Oberösterreich, von denen auch die Linzer Gemeinde betroffen ward. „Bekehrung zu Rom oder Auswanderung“ hieß die Loosung. Abermals ein heimathloser Flüchtling kehrte er Linz im November 1626 den Rücken, brachte seine Familie nach Regensburg und ging nach Ulm zur Besorgung der Herausgabe seiner astronomischen Tafeln.

Sein Unglück für ihre Zwecke auszubeuten, machen die Jesuiten neue Versuche, ihn zur römischen Kirche hinüberzulocken. Von Neuem erweist er sich als tapferer Protestant, aber auf dem Boden der untrüglichen Schrift wider den untrüglich sich dünkenden Pabst, das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, erhoben wider römische Satzung. Hören wir sein Bekenntniß: „Was steht dem römischen Stuhl mehr im Weg, als daß er den Schein der Irrthumslosigkeit haben will. All dieses Blendwerk benimmt mir aber das eine Wort Pauli: Eines jeglichen Werk wird offenbar werden, der Tag wird es klar machen durchs Feuer. Nicht aus Parteihaß gegen Pabst, Bischöfe und Priester, sondern aus Liebe zu Gottes Wort, zu der Unterweisung Jesu Christi und der Lehre der Apostel verharrte ich in der evangelischen Freiheit und habe ich mich nicht unter das römische Joch gebeugt, unter das Joch von Leuten, die den Christen nicht blos gesetzliche Ceremonien und Satzungen aufbürden, sondern auch die Worte Christi und der Apostel auf das Gefährlichste auslegen und sich allein das Recht der Auslegung anmaßen. Ist aber dies Recht der Auslegung einmal verloren, so fehlt’s auch dem Antichrist an nichts mehr, um sein Reich in der Kirche aufzurichten und das Reich Christi zu zerstören.“

Rathlos, wohin er mit seinem Weib und seinen kleinen Kindern sich wenden soll, wird er endlich mit seiner wiederholten Bitte um Auszahlung seines Gehalts vom Kaiser an den Herzog von Friedland gewiesen, der seine Ansprüche aus den Einkünften des von ihm eroberten Herzogthums Meklenburg befriedigen sollte. Kepler folgte nun dem Rufe Wallensteins an dessen Hof nach Sagan in Schlesien, wo er (vom Juli 1628 bis October 1630) mit Hülfe der für ihn angelegten Druckerei in Ruhe mehrere große Arbeiten vollendete und veröffentlichte, unter anderen den Aufruf an die Astronomen, in welchem er zur Beobachtung des für das Jahr 1631 eintretenden Vorübergangs des Merkur und der Venus vor der Sonne aufforderte. Aber auch Wallenstein täuschte seine Hoffnung auf Erlangung seines Gehalts. Durch Wallensteins Sturz auf dem Reichstag zu Regensburg sah er sich mit seiner Familie neuer bitterer Noth Preis gegeben. Da macht er sich allein zu Pferde auf den weiten Weg nach Regensburg, um vor Kaiser und Reich sein Recht zu erlangen. Unterwegs dankt er von Leipzig aus seinem Freund Bernecker in Straßburg für das ihm dort angebotene Asyl und bittet ihn einstweilen für seinen in Tübingen studirenden Sohn Ludwig und für seine Tochter Vaterstelle zu vertreten. „Gott schütze euch und erbarme sich über das Elend meines Vaterlandes. Ergreife mit starker Hand den einzigen Anker der Kirche, das Gebet zu Gott, bete für die Kirche und für mich.“ Das waren seine letzten geschriebenen Worte.

Entkräftet von den Anstrengungen der mühseligen Reise, gekränkt durch die schnöde Zurückweisung seiner gerechten Ansprüche, verfällt er in Regensburg in ein hitziges Fieber. Mehrere Geistliche kommen an sein Lager, um ihn „mit dem lebendigen Wasser evangelischen Trostes zu erquicken.“ Insbesonders stärkte ihn der Pastor Donaver zum letzten Kampf durch geistlichen Zuspruch. Auf die Frage, wodurch er selig zu sterben hoffe? antwortete er: „einzig durch das Verdienst unseres Herrn Jesu Christi“ und bezeugte in festem Glauben, daß darauf allein all seine Zuversicht, Trost und Heil gegründet sei. So starb er als treuer Bekenner seines Herrn, 59 Jahr alt, am 15. November 1630. Donaver hielt ihm die Leichenrede über die Worte des Herrn: „Selig sind die Gottes Wort hören und bewahren“ (Luc. II, 28). Er wurde auf dem Kirchhof von St. Peter begraben an den Außenwerken der Festung, mit deren Niederlegung seine Grabesstätte verschwunden ist. Aber nicht weit davon ist ihm 1808 ein Denkmal gesetzt, auf dem dargestellt ist, wie der Genius Keplers vom Angesicht der Urania den Schleier hebt. –

Wir aber fügen als das schönste Denkmal, welches er sich selbst gesetzt hat, das innige Dankgebet hinzu, mit welchem er in seiner „Harmonie der Welt“ die begeisterte Schilderung der Herrlichkeit Gottes in seiner Schöpfung schließt: „Der Du in uns durch das Licht der Natur das Verlangen nach dem Licht Deiner Gnade weckst, um dadurch uns hinüberzuführen zu dem Licht Deiner Herrlichkeit, ich sage Dir Dank, Herr und Schöpfer, daß Du mir diese Freuden an Deiner Schöpfung und das Entzücken über die Werke Deiner Hände geschenkt hast. Siehe nun habe ich vollendet das Werk meines Berufs, ausnutzend das Maaß der Kräfte, das Du mir verliehen hast. Ich habe die Herrlichkeit Deiner Werke den Menschen kundgethan, so viel mein endlicher Geist von Deiner Unendlichkeit fassen konnte. Ist etwas von mir vorgebracht worden, was Deiner unwürdig ist, oder habe ich eigene Ehre gesucht, so verzeihe mir gnädiglich.“

David Erdmann in Breslau.

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