Thomas von St. Paul

Thomas von St. Paul

Wie, wenn der Schnee lange in den März hinein gelegen hat, und dann in einer warmen Nacht schmilzt, und man findet am Morgen die Schneeglöckchen und Leberblümchen und Veilchen schon in Blüthe stehen: so sah es aus vor drei Jahrhunderten, als nach dem langen Winter des Papstthums plötzlich der Frühlingshauch der Reformation über Deutschland und von da über die andern Länder Europas wehte. Es war ein junges frisches Glaubensleben, wie in der apostolischen Zeit, wieder in der Kirche erwacht, überall traten Glaubenszeugen und Bekenner mit der frohen Botschaft des lautem Evangeliums auf und sammelten Gemeinden zu gleicher Gesinnung und gleichem Leben. Auch nach Frankreich hatte der Reformationsgeist sich Bahn gebrochen, und um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts finden wir schon protestantische Gemeinden in Paris, in Meaux, in Poitiers, Angers, Bourges, Tours und Orleans; in ganz Frankreich gegen 1200 theils größere, theils kleinere, zum Theil wohlhabende protestantische Gemeinden; kurz, über eine Million Menschen, die sich offen und entschieden zum evangelischen Glauben bekannten.

 

Wie aber in der Natur im Frühlinge Gewitter die Erde erschüttern und sie fruchtbar machen, so blieben auch in der Kirche diese Erschütterungen nicht aus. Konnte das Papstthum auch gegen die so reißend um sich greifende Reformation mit Gewalt nichts ausrichten, so ließ es doch seinen alten Haß gegen die Wahrheit wenigstens an einzelnen Bekennern derselben aus; aber auch da offenbarte sich die siegende Kraft des Evangeliums, für welches sie ihr Leben opferten. Hatte König Franz der Erste die sogenannten Hugenotten verfolgt, weil er glaubte, ihre Lehre predige Ungehorsam und Empörung, so nahmen diese Verfolgungen unter seinem Nachfolger Heinrich dem Zweiten, welcher 1547 den Thron bestieg, noch einen ernsteren Charakter an. Während er mit den Protestanten in Deutschland sich verband und ihnen Hülfe sandte, um des Kaisers Uebermacht zu brechen, verfolgte er sie in seinem eigenen Lande mit der größten Grausamkeit. Kein Geschlecht, kein Alter, kein Stand blieb verschont. Der erfinderische Kardinal von Lothringen hatte eigene Kammern für die Bestrafung der Ketzer angelegt, die von dem Strafmittel, dessen sie sich bedienten, den Namen der Feuerkammern erhielten. Ein Inquisitor, Namens Mouchy, hatte unter seinem Befehl ein ganzes Heer von Spionen, die Tag und Nacht beschäftigt waren, die Schlachtopfer aus allen Winkeln herbeizuholen. Straflosigkeit und ein Theil des konfiscirten Vermögens war den Anklägern versprochen. In Folge dessen sah man treulose Dienstboten gegen ihre Herrschaften, Frauen gegen ihre Männer aufstehen und sie dem Blutgericht überliefern. Im Jahre 1549 wurde zu Paris ein Schauspiel gegeben, das eines Nero würdig war. Nach einer prächtigen Procession in die Kathedrale begab sich der Hof auf einen Balcon am Grive-Platze und sah hier zu, wie unter verschiedenen Gerüsten Feuer angezündet wurden, über welchen man überführte Ketzer an Ketten, die in Rollen liefen, bald hinabließ, bald heraufzog, bald wieder hinunterließ, um ihre Qualen zu verlängern. Das Entsetzliche dieses Anblicks erschütterte selbst den König; dennoch wurde diese Maßregel fortgesetzt. Wie aber in der apostolischen Zeit, so offenbarten auch hier wieder die französischen Märtyrer einen Muth im Bekenntniß der Wahrheit, eine Festigkeit der Ueberzeugung, eine Freudigkeit zum Sterben für ihren Herrn und Heiland, daß von neuem das Blut der Märtyrer der Same der Kirche wurde, und man oft in die Scharfrichter dringen mußte, die Hinrichtung zu beschleunigen, damit nicht die anwesenden Zuschauer durch den erbaulichen Anblick der Sterbenden zur Ketzerei verführt wurden. Unter der Zahl dieser Blutzeugen finden wir Menschen aus allen Ständen und Altern, unter Andern auch einen Jüngling von achtzehn Jahren Thomas von St. Paul, der, zu Soissons geboren, im Jahre 1549 sich mit seiner Mutter, seinen Brüdern, und vielen andern Verwandten nach Genf begeben und dort die von Calvin gepredigte neue Lehre kennen gelernt und lieb gewonnen hatte. Nachher hatte er in seinem Geschäft mancherlei Reisen in Frankreich unternommen, insbesondere im Jahre 1551 in den Herbergen, wo er übernachtete, viele Gefahren ausstehen müssen, weil er die Gotteslästerungen, welche er dort hörte, und die im Schwange gehenden Laster, deren Augenzeuge er war, nicht ungestraft hatte hingehen lassen können. Gott hatte ihn aber aus all‘ diesen Gefahren errettet und ihn gesund und unverletzt nach Paris geführt, damit er dort für die evangelische Wahrheit und gegen deren zahlreiche Feinde öffentlich Zeugniß ablegen könnte. Gelegenheit dazu fand sich bald. Als er eines Tages auf dem Markte seine Waare verkaufte, traf sich’s, daß ein Gotteslästerer den Namen Gottes schrecklich mißbrauchte. Unmöglich konnte Thomas, heiligen Eifers voll, dazu schweigen, und obgleich er erst ein Jüngling von achtzehn Jahren war, drang er in den Lästerer mit gar freundlichen und lieblichen Worten und bat ihn, daß er sich in’s künftige vor einer so großen Sünde in Acht nehmen möchte. Der erbitterte Gotteslästerer nahm aber diese Ermahnung übel auf, und in der Voraussetzung, Thomas müsse ein Lutheraner sein, ließ er auf ihn aufpassen, wo er hinginge und seine Wohnung hätte.

 

So bedenklich und gefährlich war es damals überhaupt, nur ein frommes und ernstes Wort zu sprechen. Kaum hatte er seine Wohnung ausgekundschaftet, so zeigte er ihn sofort bei Johann André an, welcher mehrere Jahre hindurch in Paris ein Hauptverfolger der Protestanten war. Die Folge war, daß er ergriffen und in das Gefängniß, Chastelet genannt, geworfen wurde. Es wurde nun der Prozeß gegen ihn eingeleitet. Man bemächtigte sich der Briefe, welche er bei sich führte, um aus ihnen Anklagen gegen ihn feststellen zu können; doch bewiesen diese Briefe viel weniger gegen ihn, als die entschiedenen mündlichen Bekenntnisse, welche er unerschrocken vor den Richtern ablegte. Er wurde darauf zum Feuertode verurtheilt, weil er sich, wie die Richter sagten, muthwillig und halsstarrig d. h. getrost und standhaft, im Bekenntniß seines Glaubens gezeigt hatte.

 

Was die Richter auch aufboten, die furchtbarsten Martern und Peinigungen, oder die Anerbietungen des Lebens und der Befreiung, um ihn vom Glauben abwendig zu machen und zum Widerruf zu bewegen, es war Alles vergeblich. Es war ihnen ja auch nicht um das Leben und die Jugend des Verurtheilten zu thun, sondern allein darum, ihn in’s Verderben zu stürzen und durch seinen Abfall ein Aergerniß zu bereiten, Gott aber stärkte den jugendlichen Zeugen wunderbar und gab ihm Gnade, daß er die unüberwindliche Wahrheit des Evangeliums wider alle Anfechtungen getrost und beständig vertheidigte. Ungeachtet sie ihn auf’s furchtbarste marterten, wie man damals nur Mörder und Straßenräuber zu peinigen pflegte, ungeachtet sie drohten, sie würden ihn in Stücke zerreißen, wenn er nicht seine Glaubensgenossen ihnen anzeigte, hat er keinen angegeben, als nur einige wenige, von denen er sicher wußte, daß sie aus ihren Händen entronnen und bereits an solchen Orten angelangt waren, wo man das Evangelium ungehindert predigen und hören konnte. Nicht ein einziger evangelischer Christ in Paris ist durch ihn in Gefahr gekommen. Die Richter indeß hörten nicht auf, ihn zu foltern, um ihm Geständnisse abzuzwingen; aber wer malt ihr Staunen und ihre Verwunderung, als er fest und bestimmt ihnen erwiderte: „Wie kommt es doch, daß ich euch so viele fromme Leute nennen soll? was soll euch das nützen, als nur, daß ihr sie auch also zu martern denket, wie ihr jetzt mich martert? Wenn ich wüßte, daß ihr ihrem Beispiel wolltet nachfolgen und frommer werden, so wollte ich sie euch wohl anzeigen: aber ich weiß, wenn ihr sie in eurer Gewalt hättet, ihr würdet, wo es möglich wäre, noch grausamer mit ihnen umgehen als jetzt mit mir.“ Darauf befahlen die erbitterten Richter dem Henker, er solle die furchtbarsten Folterwerkzeuge hervor holen und an ihm gebrauchen, und sprachen: „du Schelm, du mußt deine Mitgenossen anzeigen, oder wir wollen dich in Stücke zerreißen.“ Die Henker gehorchten und wurden zuletzt bei diesen Folterungen so matt und müde, daß sie die Hände sinken ließen. Da legte sich der eifrigste Verfolger, der Lehrer der Sorbonne, Maillard, als er einsah, daß alle seine Bekehrungsversuche an Thomas scheiterten, mit seinem ganzen Leibe auf die Seile, damit der arme Dulder desto mehr ausgespannt würde, und bereitete demselben solche unerhörte Schmerzen, daß selbst der römische Kommissarius Albertus, der damals dabei gewesen, ein sonst unbarmherziger und grausamer Mensch, und besonders der Evangelischen blutdürstigster Feind, solche Quälerei nicht länger ansehen konnte, sondern mit Thränen in den Augen davon ging und später in einer Gesellschaft ausdrücklich bezeugte: er habe oft und von vielen Dingen, auch von der Reformation und ihren Lehren mit diesem Thomas gesprochen und gefunden, daß er durchaus ein frommer, ehrliebender und aufrichtiger Mensch sei. Wie in der apostolischen Zeit, so stärkte auch jetzt Gott seinen Bekenner auf außerordentliche und übernatürliche Weise; Thomas von St. Paul überstand alle diese Martern mit unerschütterlicher Standhaftigkeit und ward auch bei ihm der Glaube der Sieg, der die Welt überwand. Nun wurde er von seinen Richtern zum Tode verurtheilt und auf den Platz geführt, wo er sollte lebendig verbrannt werden.

 

Maillard ging ihm immer zur Seite, ihn unaufhörlich plagend mit seinen Zuredungen, und noch beim Feuer das Leben ihm zu wiederholten Malen anbietend, wenn er sein abgelegtes Bekenntniß widerrufen wollte. Thomas entgegnete ruhig, „er wolle lieber tausendmal sterben, wenn es möglich wäre“ Darauf wurde er am Gerüst heraufgezogen, und als er das Volk ermahnen wollte, das Feuer angezündet. Nachdem ihn das Feuer wohlversengt und verbrannt hatte, wurde er auf Maillard’s Befehl wieder herausgezogen und ihm eröffnet: wenn er seine Meinung ändere und an den obersten Rath appelliren würde, so sollte er noch davon kommen. Thomas schrie, so laut er konnte: „Weil ich bereits auf dem Wege zu meinem himmlischen Vater gewesen bin, so bringet mich doch wieder darauf und lasset mich wandern.“ Darauf wurde er endlich verbrannt, nachdem er als ein tapferer Kriegsmann Jesu Christi ritterlich gestritten; und hat zu Paris seine Ehrenkrone erlangt am 19. September 1551. Er gehört mit zu der Zahl derjenigen, von denen Psalm 148, Vers 12, sagt: „Jünglinge und Jungfrauen sollen loben den Namen des Herrn,“ und an welche Johannes schreibt: „Ich habe euch Jünglingen geschrieben, daß ihr stark seid und das Wort Gottes bei euch bleibt und den Bösewicht überwunden habt.“

 

Friedr. Arndt in Berlin.

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