Gottfried Arnold

Gottfried Arnold

Den 30. May 1714 starb zu Perleberg im Brandenburgischen: Gottfried Arnold. Er war geboren den 5. Sept. 1666 zu Annaberg in Sachsen, wo sein Vater Präceptor war. Nachdem er schon im fünften Jahre seine Mutter Maria, geb. Lahlin, verloren hatte, mußte er schon in seinen Knabenjahren an mancherley Entbehrungen sich gewöhnen, und durch Lektionengeben seinen Unterhalt verdienen. Auf dem Gymnasium zu Gera und der Universität Wittenberg hielt ihn eine außerordentliche Lernbegierde von der Theilnahme an den Thorheiten und Ausschweifungen seiner Altersgenossen zurück, dagegen blieb er nicht frei von den Versuchungen des Ehrgeizes, die jedoch an der schon frühe an seinem Herzen arbeitenden und ihn zu öfterem Gebet im Verborgenen antreibenden Gnade Gottes einen kräftigen Widerstand fanden. Nach vollendeten Studien übernahm er eine Hofmeisterstelle zu Dresden, wo er Gelegenheit fand, Speners Predigten und erbauliche Vorlesungen zu benützen. Als er es sich aber angelegen seyn ließ, mit seiner religiösen Ueberzeugung unter allen Umständen auch sein Leben in Uebereinstimmung zu bringen, und mit Wort und Wandel die Sünden seiner Umgebung strafte, so wurde er unversehens von seiner Hofmeisterstelle entlassen, fand jedoch bald zu Quedlinburg bey Stiftshauptmann v. Stammen eine andere, die er vier Jahre lang beibehielt, da er hier ungehindert Christo nachfolgen, und in allem Guten wachsen konnte. In dieser Zeit gab er die Schrift heraus: „Von der ersten christlichen Lauterkeit der ersten Christen nach ihrem Glauben und Leben.“ Ueberhaupt legte er sich in dieser Zeit nach dem Rathe einiger Freunde vorzüglich auf das Studium der Kirchengeschichte, davon er die Früchte in mehreren viel gelesenen Schriften mittheilte, zugleich aber auch veranlaßt wurde, das Lehramt der Geschichte auf der Universität Gießen (1697) anzutreten.

Auf seine „Abbildung der ersten Christen“ ließ er 1698 in zwey starken Foliobänden seine „Kirchen- und Ketzergeschichte“ folgen, ein nicht allein durch Reichthum gelehrter Materialien, sondern vornehmlich durch Eigenthümlichkeit der Ansichten sich auszeichnendes Werk. Er hatte sich nämlich darin die Aufgabe gestellt, darauf hinzuweisen:

  1. daß sehr häufig gerade die gottseligsten und erleuchtetsten Männer unschuldig verketzert worden seyen;
  2. daß die Vorsteher der Kirchen, statt väterliche Hirten und Lehrer der wahrhaftigen Christen zu seyn, nicht selten sich als die ärgsten Verfolger derselben bewiesen haben, woraus viele Spaltungen und sogar Blutvergießen hervorgegangen;
  3. daß die Kirchenversammlungen und Synoden meistens aus zanksüchtigen Leuten bestanden seyen, die Gottes Geist nicht gehabt, und zeitlichen Gewinn mehr zu Herzen genommen haben als das Heil der Kirche;
  4. daß die Kirche unter dem Kreuze alle Mal am schönsten geblüht habe, und daß das wahre Christenthum nie bey dem großen Haufen und den Verfolgern, sondern stets bey der kleinen verfolgten Heerde sich gefunden habe; und
  5. daß die falsche Kirche jederzeit das Wesen der Religion in äußerliche Dinge, Ceremonien, Bilder u. dgl. gesetzt, und dagegen die lebendigen Christen, die nach dem Wesen getrachtet, gehaßt habe.

Es war zwar nicht zu verwundern, daß er bey der Lösung dieser neuen, eigenthümlichen Aufgabe hie und da auf Einseitigkeiten gerieth, und ungerecht gegen die äußere Kirche wurde, auch hin und wieder auch Andere zu gleichen Ungerechtigkeiten verleitete; nichtsdestoweniger muß man gestehen, daß er noch viel mehrere von ältern Geschichtsforschern begangene Ungerechtigkeiten wieder gut machte, und entschiedener als irgend ein Anderer auf das hinwieß, was das Schönste und Wichtigste in der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden ist. Daß er übrigens mit seinem Buche vielfältigen Anstoß erregen werde, fühlte er selbst, und legte daher gleich bey Herausgabe desselben sein Professorat nieder, indem er sich hierüber auf folgende Art erklärte: Es laufe gegen sein Gewissen, dieses Amt so zu verwalten, wie es die nun einmal hergebrachte Sitte erfordere. Er würde auch das Amt gar nicht angenommen haben, wenn er zum Voraus gewußt hätte, wie groß das Verderben der Universitäten sey, und genau gekannt hätte die mancherley damit verbundenen, von christlichem Ernste ganz und gar ableitenden Eitelkeiten, namentlich seyen ihm die häufigen Schmausereien ein Gräuel, und er könne es nicht vertragen, daß er durch allerley zu nicht frommende Zusammenkünfte um die Zeit komme, die er gerne auf’s Gebet verwenden möchte. Endlich finde er, daß er nicht aus reiner Liebe für’s Amt dasselbe gesucht, sondern daß allerley Nebenabsichten mit untergelaufen seyen, insbesondere Ehrgeiz, Nahrungssorgen und Kreuzesflucht. Nach dieser Erklärung begab er sich wieder nach Quedlinburg, um in zurückgezogener Stille dort zu leben, allein die Geistlichkeit erregte einen gewaltigen Federkrieg gegen ihn, den endlich eine Königl. Preussische Untersuchung niederschlug.

Nicht lange darnach – den 5. Sept. 1700 – verheirathete er sich mit einer gottesfürchtigen Jungfrau, Anna Maria Spebgel, die ihm zwey Kinder gebar, die jedoch bald starben; er ließ sich durch die verwittwete Herzogin von Sachsen-Eisenach zum öftern Predigen in Allstädt bewegen, wo er auch die Erklärung der Sonn- und Fest-Evangelien verfaßte, endlich übernahm er sogar 1705 die Superintendentur Werden, und 1707 die zu Perleburg. Sowohl in seiner Verheirathung als in der Annahme dieser Aemter wollten Manche einen Widerspruch mit seinen frühern Schriften, sogar einen Abfall vom ächten Christenthum finden; allein er erklärte durch Wort und that, daß hierdurch seine treue Anhänglichkeit an Christum nicht gestört, und der Grund seiner Geburt aus Gott nicht erschüttert worden sey. Sey er auch früher anderer Meinung gewesen, so gehöre solche Veränderung nicht zu dem Wesentlichen des Christenthums, und rühre nicht von einem Abfall von Christo, sondern vielmehr von der ununterbrochenen Fortsetzung der immer weiter führenden Gnadenleitung Christi her.

In seinem göttlichen „Liebesfunken“ und „dem Geheimniß der göttlichen Sophie“ bewährte er auf eine nicht minder verdienstliche Weise seine christliche Dichtergabe als in andern seine gesegnete Geschichtsforschung. Namentlich verdankt man ihm die schönen Lieder: „Herzog unserer Seligkeiten etc.“ „Heiligster Jesu, Heiligungsquelle etc.“ „O Durchbrecher aller Bande etc“ „So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen etc.“

Im Jahre 1713 wurde er von einer scorbutischen Krankheit befallen, die das Karlsbad nicht ganz zu heilen vermochte; als am Pfingstfest 1714 Soldaten in seine Kirche stürzten, und gewaltsam einige junge Leute zu Rekruten wegnahmen, erschrack er so sehr, daß er auf’s Neue erkrankte, und die nähe seines Todes fühlte. Die neun Tage seines Krankenlagers waren reich an tiefen, geistlichen Erfahrungen; nach einigen, schweren Kämpfen drang er aber zu so großer Freudigkeit durch, daß er einmal rief: „Frisch auf, frisch auf, die Wage her, und fort“; dann wurde er wieder still, und entschlief sanft unter den Gesängen seiner Freunde.

Quelle: Reli. Historie der Wiedergebornen, 4. Thl.

Der Christen-Bote. Herausgegeben von M. Johann Christian Friedrich Burk, Pfarrer in Thailsingen und Nebringen bey Herrenberg. Jahrgang 1833 Stuttgart, bey Johann Friedrich Steinkopf

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