Johann Adam Steinmetz

Der berühmte Steinmetz, der Sohn eines schlesischen Predigers, wurde am 24. September 1689 zu Groß- Koniegnitz geboren und erhielt in der Taufe den Namen Johann Adam. Von frühe an wurde er zu dem Herrn seinem Erlöser durch die treuen Eltern hingewiesen Mit der größten Hingebung arbeitete der Vater an der Bildung seines Geistes und Herzens. Der Geist Speners waltete im elterlichen Hause. Der zehnjährige Knabe gab in seinem Wandel, namentlich auch durch seinen Eifer zum Gebete, Zeugniß von den kräftigen Zügen des heil. Geistes. Um diese Zeit trat auch ein Hauslehrer dem erziehenden Vater zur Seite. Die großen Fähigkeiten des Knaben machten ihren beiden den Unterricht leicht. Neben überraschenden Fortschritten gehen aber auch die unverkennbaren Führungen, Behütungen und Förderungen Gottes her, so daß Alles zusammenkam, um einen eben so gesalbten als befähigten Diener des Herrn zu schaffen. Auf dem Gymnasium sind dem jungen Steinmetz neben den Classikern Arnds Buch von dem wahren Christenthum und Speners Schriften die liebsten Gefährten.

Im Jahre 1710 bezog er die Universität Leipzig. Hier vollendete er zunächst seine classische Ausbildung und trieb das Studium der großen Kirchenväter der fünf ersten Jahrhunderte der Christenheit mit außerordentlichem Fleiße. An dem Dr. Gottfried Olearius findet er einen eben so frommen als gelehrten Führer in das Studium der Gottesgelehrsamkeit. Bezeichnend für diesen Mann ist sein Ausspruch: „Wer nicht die Gnade von Gott erbeten, bei dem theologischen Studium Kopf und Fragen zu lassen, der sollte davon bleiben.“ Steinmetz war ein Studiosus der Theologie in diesem Sinne. Der Eifer, die göttliche Wahrheit der Offenbarung ganz in sich aufzunehmen, zu erforschen und zu vertheidigen, verzehrte ihn. Aber bei alledem übte er die kindlichste Frömmigkeit, lebte mit der hingebensten Liebe in der Kirche, ließ sich nur von dem heil. Geiste allewege leiten und treiben und blieb anhaltend im Gebete. So wurde er im wahrsten Sinne des Wortes ein Gottesgelehrter. Zum ersten Male predigte er zu Molwitz bei Brieg. Er ergriff die dortige Gemeinde so, daß diese fortan von dem Wunsche beseelt blieb, Steinmetz zu ihrem Prediger zu erhalten. Eine förmliche Berufung gelangte dieserhalben an ihn. Erst aber, nachdem von vielen Seiten in ihn gedrungen und im Gebete Gewißheit erlangt war, solcher Schritt sei dem Herrn gefällig, nahm er an. Es war im Jahre 1715, daß er mit großer Freudigkeit das Predigtamt zu Molwitz übernahm und dasselbe bis zu dem Jahre 1717 verwaltete. Nacheinander war er dann Pfarrer in Toppliwode, Ober-Prediger und Inspector zu Teschen, Superintendent und erster Prediger zu Neustadt an der Aisch, Abt des Klosters Bergen, Consistorialrath und Generalsuperintendent im Herzogthum Magdeburg (1732 – 1762). Steinmetz starb 10. Juli 1762. „Ich weiß an meinem Theile am besten, was für überschwengliche Gnaden und Barmherzigkeit mir armen Sünder widerfahren ist. Das soll mein Leichentext sein.“ Dieß ist einer seiner letzten bemerkenswerthen Aussprüche. Welch reichen Segen der Herr auf diesen treuen, hochbegabten Diener legte, kann hier in der Kürze nicht geschildert werden. Wie viel göttliche Erkenntniß und Trost seine Schriften verbreitet haben, davon zeugten unzählig Viele. Was er der gläubigen Christenheit ist und bleiben wird, das tritt uns in folgenden Zeugnissen entgegen.

Der gefeierte Bogatzky dichtete auf ihn die Strophen:

„Hier wiesest du das Volk stets zur Gerechtigkeit,
und gabest jeglichem das ganze Heil und Kleid.“

Hierzu bemerkte der treue Mann: Es hat der erfahrene Herr Abt mehrentheils schriftlich und mündlich bezeugt und gewünscht, daß doch die Lehrer möchten beständig die rechte Heilsordnung treiben, damit die Seelen nicht nur ein und anderes Stück der göttlichen Wahrheit, sondern den ganzen Rath Gottes von ihrer Seligkeit verstehen lernten, und wie auch der selige Herr Professor Franke schreibt, das ganze Kleid bekennen. – Es geschieht aber gar oft, daß manche auch gut meinende Lehrer wohl viel gute Lehren und Ermahnungen geben, und für manche Zuhörer erbaulich predigen, aber nicht die Heilsordnung genug treiben, nicht auf eine wahre Bekehrung und neue Geburt erst dringen, sondern so reden, als wenn schon Alle gläubige und wiedergeborene Christen wären, da doch in allen Gemeinden und Kirchen die meisten Menschen noch unbekehrt sind, und also oft nicht einmal verstehen, was ein Prediger sagt, weil sie solches mehr für wahre Gläubige, als unbekehrte Menschen gehört. Die Predigt von dem gekreuzigten Christo ist der bloßen menschlichen Vernunft und Klugheit eine thörichte Predigt; aber vor Gott doch göttliche Weisheit und Kraft.“ .

Der theuere Generalsuperintendent Hähne dichtete auf Steinmetz:

„Er ruhet sanft in seines Jesu Armen,
Genießt erst recht das geistliche Erbarmen,
So ohnedem sein Element hier war.“

Derselbe bemerkt hierzu: „Wer den nunmehr selig vollendeten Herrn Abt Steinmetz etwas genauer gekannt, wird mir Beifall geben, das, freie, göttliche Erbarmen . sei sein Element, d. h. die Sache, worin und wovon seine Seele lebte, gewesen. Wenn ein Vogel in freier Luft und ein Fisch im vollen lauteren Strome sich befinden, dann sind sie in ihrem Elemente. – Ich bin ehedem 14 Jahre im Kloster Berg, um diesen theueren Knecht Jesu gewesen. Ich habe ihn vor Kurzem gesehen und gesprochen. Soll ich schreiben, was ich gesehen, was ich wahrgenommen habe, so kann ich mich kurz und gut darüber ausdrücken: Der Herr Abt Steinmetz lebte in dem freien und göttlichen Erbarmen als in seinem Elemente. Darin fand er Weide, Freude und ein seliges Wohlleben seines Geistes.“

Ein eigenthümliches Zeugniß gibt dem Seligen auch der alte Dessauer, des großen Friedrichs großer Held. Er besänftigte den, wegen Steinmetzens Widerstand gegen die Anstellung eines Tanzmeisters zu Bergen aufgebrachten König mit den Worten: „Ew. Majestät, lassen Sie diesen alten ehrlichen Mann. Es werden wenige Siege sein, die er nicht auf seinen Knieen für Ew. Majestät erbeten hätte. Mir hat er einmal in einer Predigt so bange in meinem Herze gemacht, daß ich’s mein Lebenlang nicht vergessen werde.“

Johann Albrecht Bengel

Johann Albrecht Bengel

Johann Albrecht Bengel, „der Begründer einer biblisch-prophetischen Schule in der protestantischen Theologie und hervorragender Exeget des N. T.,“ wurde den 14./24. Juni 1687 zu Winnenden geboren. Sein Vater, M. Albrecht Bengel, Diaconus daselbst, starb früh als ein Opfer treuer Amtsverrichtung zur Zeit einer Seuche; die Mutter, Barbara Sophia, war die Tochter des Herzoglich Württemb. Consistorialraths und Stiftspredigers, auch Abts zu Herrenalb Johann Lorenz Schmidlin, und der Barbara Sophia, geb. Hafenreffer; der Grossvater, Joseph Beugel, Stiftsverwalter in Stuttgart; die Grossmutter Christiana, eine geb. Vaihin, gest. 1661; der Urgrossvater, M. Joseph Bengel, Pfarrer in Bennigheim, gest. 1626; die Urgrossmutter Euphrosina, gel. Megenhart, gest. 1626; der Urur-Grossvater, Conrad Bengel, Vogt zu Marbach, gest. 1610; die Urur-Grossmutter, Anna, geb. Ruthart, gest. 1616; der Urur-Urgrossvater Johann Bengel, dessen in der von Erh. Cellius über den Tod Schnepf’s gehaltenen Parentation Erwähnung geschieht.

Johann Albrecht, wegen eingetretener gefährlicher Schwachheit jäh getauft, ward, nachdem er 6 Jahre alt seinen Vater durch eine Seuche verloren hatte, auch in demselben Jahre Winnenden von den Franzosen eingeäschert worden war, mit seinem Bruder dem nachmaligen Expeditionsrath und Vogte zu Sulz Joseph Bengel, gest. 1752, (vermählt mit Augusta Sophia, geb. Beerlin,) nach Marbach zur Schule geschickt. Später kam er nach Schorndorf, zuletzt nach Stuttgart, (1699), in welch‘ letzterer Stadt er das damals unter dem bekannten Rector Essich stehende Gymnasium besuchte. Im Jahre 1703 in das Herzogliche Stipendium in Tübingen aufgenommen, magistrirte er 1704, widmete sich nun ganz der Theologie, nach deren Absolvirung er 1707 zu Mezingen u. Urach vicarirte. Im folgenden Jahre wurde er Repetens im fürstlichen Stipendio, zugleich 1709 Vicar zu Nürtingen, 1711 bei der Stadtkirche zu Tübingen und im Sommer des gleichen Jahres in Stuttgart. 1713 zum Closter-Professor und Prediger zu Denkendorf ernannt, bereiste er von da aus Franken, Sachsen, Thüringen, Hessen und die untere Pfalz. Das clösterliche Amt bekleidete er 28 Jahre. Die damaligen Pröbste dieses Closters waren D. Hochstetter, Knoll, Drommer und Weissensee; seine Collegen der nachmalige Abt zu Anhausen, Liesching, der als Special in Nürtingen starb, und Steinweg.

1741 wurde Bengel zam Rath und Probst des Closters Herbrechtingen ernannt, 1747 kam er in den grossen, 1748 aber in den engeren Landschaftsausschuss; 1749 erhielt er die Prälatur Alpirsbach mit dem Wohnsitze in Stuttgart.

In seiner Lebensbeschreibung sagt er selbst u. a.: „Gegen Höhere hielt ich mich als einen geringeren, gegen meinesgleichen handelte ich je und je nach der Gleichheit, und geringere sah ich an als solche, denen zu Diensten die grösseren da sind.“

Bengel starb, nachdem ihm noch ein Jahr vorher die theologische Fakultät in Tübingen die Doctorwürde ertheilt hatte, zu Stuttgart 1752, den 2. November.

Er war, heisst es in einer der auf seinen Tod gemachten Epicedien:

Ein Auge den Blinden,
Ein Rath den Sehenden,
Ein Leiter der Schwachen,
Ein Muster den Starken,
Ein Glanz den Gelehrten,
Eine Zierde der Kirche.

Seine Werke sind weltbekannt geworden, es sind deren nicht weniger als 29. In seinem Gnomon N. T. (Scholien zum N. T.), Tübingen 1742, nahm er die Apokalypse als prophetisches Buch an, berechnete nach ihr die Dauer der Welt auf 7777 7/9 Jahre, bestimmte die Zeit Offenb. 12, 14 auf 777 7/9 Jahre; Alles was von Offenb. 12, 14-20 steht, habe sich in den Begebenheiten seit 1058 wirklich zugetragen, das übrige aber werde sich in der Folge noch vollziehen, so dass mit dem Jahre 1836 das Ende herbei komme. Die Irrthümer in seiner Zeitrechnung hat Wurm nachgewiesen. Besonderes Verdienst erwarb er sich um die Berichtigung des Textes des N. T.; die erste Ausgabe des N. T. mit dem kritischen Apparat erschien Tübingen 1734, im Auszuge von Büttig Leipz. 1736 (später ohne den Apparat Stuttg. 1734, 38, 53, 77, Leipz. 1737.) Als Dichter ist er ebenfalls bekannt geworden.

Seine Gattin war seit 1714 Johanna Regina, des Landschafts-Einnehmers Friedrich Seeger Tochter. Kinder:

  1. Sophia Elisabeth, vermählt mit dem Herzoglich Württembergischen Hof- und Reise-Arzt D. Albert Reichart Reuss.
  2. Johanna Rosina, verm. mit dem Kaiserlichen wirklichen Rath zu Esslingen Christian Gottlie ) Williardt.
  3. Maria Barbara, vermählt mit dem Specialsuperintendenten und Stadtpfarrer in Markgröningen M. Philipp David Burk.
  4. Catharina Margaretha, verm, mit dem Specialsuperintendenten und Stadtpfarrer in Sulz am Neckar M. Eberhard Friedrich Hellwag.
  5. Victor Bengel, Medic. Lt. Practicus in Stuttgart, verm. 18. April 1758, mit Magdalena Elisabetha, geb. Moser. Er starb 12. September 1759.
  6. Ernst Bengel, geb. 12. März 1735 zu Denkendorf. Derselbe trat in die Fusstapfen des Vaters und starb 1793, 1. April, als Superintendent und Abendprediger in Tübingen. Seine Gattin war Maria Friederika, Tochter des Dr. Johann Conrad Gmelin, in Tübingen. Sohn: Ernst Gottlieb von Bengel, geb. 3. Nov. 1769 zu Zavelstein, erst Prediger in Marbach 1800, hierauf erster Professor der Theologie in Tübingen, 1800 Mitglied des Senats, später Superintendent des dortigen evangelisch-theologischen Stifts und Probst der St. Georgenkirche, erhielt 1820 den Titel eines Prälaten und starb 1826, 23. März, mit Hinterlassung verschiedener Schriften. Gattin: seit 27. Febr. 1800 Johanna Elisabetha, Tochter des Decans in Neuffen Carl Friedrich Hartmann und der Sophia geb. Becherer.

Die Bengel’sche Familie blüht noch heutzutage im Mannsstamm durch den einzigen Sohn des Vorbenannten: Carl Ernst Albert Bengel, geb. 21. Sept. 1809, einen angesehenen Arzt Württembergs.

Valerius Herberger

Daß unsere evangelische Kirche nach langem Siechthum zu neuem Leben erwachte, erhellt schon aus der regen Theilnahme, mit der sie sich ihrer längst vom Schauplatz abgetretenen Väter, Vorkämpfer und Fahnenträger wieder erinnert. Männer Gottes, die für immer dem Grabe der Vergessenheit anheimgefallen zu sein schienen, feiern den Tag ihrer geistigen Auferstehung, und treten in Biographien oder in neuen Ausgaben ihrer Schriften freudigst willkommen geheißen, zeugend und tröstend unter die Lebendigen zurück. Zu diesen vom Rufe liebender Verehrer aus grauer Vergangenheit neu Heraufbeschworenen gehört in erster Reihe nächst den Reformatoren auch der gesalbte Pastor des Fraustädter „Krippleins Christi“, Valerius Herberger, der Mann, dessen in reicher Zahl hinterlassenen Werken allen der Titel, den eins derselben trägt: „die evangelische Herzpostille“, als Gesammttitel eignen würde, indem nicht viele Prediger so mächtig zum Herzen ihrer Zuhörer zu reden, und so tief und gewaltig die Gemüther zu ergreifen gewußt haben mögen, wie jener.

Die Zeit des Valerius war nicht mehr diejenige, von welcher Luther singen durfte:

Der Sommer ist hart vor der Thür,
Der Winter ist vergangen.
Die zarten Blümlein gehn herfür.

Ueber das Blumenfeld, welches Luther so lieblich und verheißungsreich sprießen sah, tobte verheerend der Gluthwind des confessionellen Haders und jener „Theologenwuth“, von der der treffliche Melanchthon sagte, daß schon die Aussicht auf Erlösung von ihr nicht wenig dazu beitrage, ihm den Gedanken an den Tod zu versüßen. Eine unerquickliche trübe Zeit war’s, welche nur dem Widerpart des Evangeliums zur Rechten und zur Linken zur Ergötzung gereichte und heimlichen Triumph bereitete; den „Stillen im Lande“, den Herzensfrommen dagegen gar manchen tief ausgeholten Seufzer entpreßte. Hin und wieder jedoch ließ sich auch damals, den wenigen gesund gebliebenen unter den Christen zur Aufrichtung und zum Troste, unter allem scholastischen Gebelfer und Rabengekrächz eine liebe und ersehnte Nachtigall vernehmen. Von den Gelehrten nenne ich als solche nur neben dem weltbekannten Johann Gerhard, den Johannes Matthäus Mevfart, den Verfasser des herzerhebenden Liedes: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“; und von den Pastoren neben dem unvergleichlichen, aber schmählich verkannten und hart verfolgten Johann Arndt den Valentin Andreä. Eine Nachtigall von sonderlich süßem und herzigem Schlage war aber auch der Mann, der uns das allbekannte tapfere Glaubenslied gesungen:

Valet will ich dir geben
Du arge falsche Welt!

und mit ihm gedenken wir uns jetzt etwas näher zu befreunden.

In dem damals polnischen, jetzt preußischen Städtchen Fraustadt erblickte jener theuerwerthe Zeuge am Dienstag nach Jubilate 1562, ein Jahrzehend nach dem Uebertritt des Orts zur Reformation, in bescheidener Handwerkerhütte das Licht der Welt. Sein Vater, Martin Herberger, seines Gewerbes ein Kürschner, und nebenher, wie sein Sohn uns meldet, „gefreiter (d. i. zum Meister gesprochener) Fechter, Sänger und deutscher Poet,“ der Meistersänger-Zunft angehörig, war, was mehr als jenes Alles bedeuten will, ein von Herzen frommer gottesfürchtiger Mann, der, bevor noch die Fraustädter zur Fahne des Augsburgischen Bekenntnisses geschworen hatten, oftmals mit einigen gleichgesinnten Freunden heimlich über Land zog, um da und dort einen Prediger des neuen von den römischen Satzungen gereinigten Evangeliums zu hören. Die Mutter, Anna geborene Hoffmann, eine treue, rührige Hausfrau, theilte ganz ihres Eheherrn christliche Gesinnung, und lehrte später ihren kleinen Valerius, wie das Söhnlein nach dem Namen des Pastors, der es getauft, genannt worden war, seine ersten Gebetlein stammeln. Als der Vater wiederholt bemerkt hatte, daß der Säugling in seiner Wiege beim Aufwindeln drei Fingerlein seiner rechten Hand in die Höhe zu recken pflegte, glaubte er darin mit großer Freude und Zuversicht eine gute Vorbedeutung zu erblicken, und sprach: „Ihr werdet sehn, der wird einmal ein Prediger werden, und wie weiland Johannes der Täufer mit Fingern auf den Herrn Jesum weisen!“ Und daß dies wahr werde, dazu that der Vater schon frühe Alles, was in seinen Kräften stand, indem er dem heranwachsenden Knäblein nicht allein von Gott und dem Herrn Jesu sagte und es zum Gebete anhielt, sondern es auch lesen und schreiben, ja sogar, soweit er selbst dessen kundig war, lateinisch dekliniren und conjugiren lehrte. Als aber der kleine Valerius in sein fünftes Lebensjahr eingetreten war, übergab er ihn der städtischen Schule. Das war ein feierlicher Tag für das Herbergersche Haus. Zuerst führte der Vater ihn in die Kirche, wo er in seinem Kirchstuhl ihn auf den Knieen der Gnade und Obhut seines Gottes befahl, und den Herrn anrief, daß Er den Knaben doch zu einem Gefäße der Barmherzigkeit und zu einem Segenswerkzeug für seine Kirche machen wolle. Dann geleitete er ihn zu seinen künftigen Lehrern, band ihn denselben dringendst auf’s Herz, und hatte fortan keine größere Freude, als wenn er letztere bezeugen hörte, daß sie den Valerius zu ihren gehorsamsten, hoffnungsvollsten und liebsten Schülern zählten.

Neun Jahre war der Knabe alt, als sein Vater im Frieden Gottes entschlief, und mit ihm dem Anscheine nach zugleich sein süßer Lebenstraum von des Söhnleins zukünftigem Berufe zu Grabe ging. Bestand doch seine ganze Nachlassenschaft für die Seinen kaum in etwas mehr, als in einer Anweisung an die Barmherzigkeit Gottes, und die Mutter hatte fortan ihre Mühe, sich und ihre Kinder nothdürftig mit der Grützmühle zu ernähren. Nichtsdestoweniger wurde der väterliche Creditbrief im Himmel anerkannt, was sich zunächst darin kundgab, daß der Mutter Schwester, die Ehefrau eines ehrsamen Fleischhauermeisters, sich bewogen fand, mit völliger Zustimmung ihres Mannes den Valerius zu sich zu nehmen, und ihn in Allem ihren leiblichen Kindern gleich zu halten. So konnte er denn die Schule fort besuchen, bis er in seinem siebenzehnten Lebensjahre als erster der obersten Klasse mit den besten Zeugnissen entlassen wurde. Seine Mutter war mittlerweile eine neue Ehe mit einem Schuhmachermeister eingegangen, welcher den Stiefsohn für sein Handwerk bestimmte. Valerius widersprach nicht, und der Tag seiner Aufnahme in die Werkstatt war bereits festgesetzt. Als aber des Valerius Pathe, der Fraustädter Pastor Arnold, dies vernahm, beschied er den Jüngling zu sich, und sprach zu ihm: „Höre, mein Pathsohn, Du willst ein Handwerk lernen; aber wisse, daß dort oben ein Anderes über Dich beschlossen ist. Dein Vater pflegte von Dir zu sagen: „“der Knabe muß mir studiren und wenn ich’s erbetteln sollte. Er wird auf den Herrn Jesum mit Fingern weisen, wie einst Johannes Hat!““ Nun hat Dein Vater auf seinem Todesbette mich gebeten, daß ich dazu thun sollte, was ich vermöchte. Weil er im Propheten Daniel gelesen, die Lehrer würden leuchten wie des Himmels Glanz, so werde er sich am jüngsten Tage alsobald umsehn, wo er denn seinen Sohn als solch‘ ein glänzend Licht erschaue. Da wirst Du denn, ich weiß nicht, in welchem dunkeln Winkel stecken, und des Vaters Hoffnung wird zerronnen sein. Also, mein lieber Pathe, bedenke Dich!“ Als hierauf Valerius heim zu seiner lieben Mutter kommt, spricht er mit einem frommen Unmuth: „Nun lerne ein Handwerk dieser und jener; ich aber nun und nimmermehr. Mein Vater will mich einmal anders vor sich stehen sehn.“ So ward Valerius beim Studium erhalten. Nachdem er, von seinen Pflegeeltern und dem Pastor Arnold unterstützt, noch drei Jahre zur Vollendung seiner Vorbildung in der höheren Lehranstalt zu Freistadt in Schlesien zugebracht, bezog er zuerst zu Frankfurt a. O. und dann zu Leipzig die Hochschule. Durch Ertheilung von Privatunterricht und vermittelst einiger kleinen Stipendien schlug er sich an beiden Orten tapfer durch und lag mit großem Fleiße seinen Studien ob. Er hatte aber das akademische Triennium noch nicht vollendet, als der Magistrat seiner Vaterstadt ihn in eine Lehrerstelle an einer der unteren Klassen der dortigen Schule berief. Valerius, wissenschaftlich wohl ausgerüstet, erkannte in diesem Rufe einen Befehl seines Gottes und verwaltete sein Schulamt sechs Jahre hindurch mit Ruhm und den glücklichsten Erfolgen. Im Jahre 1590 aber wurde ihm nach wohlbestandener theologischer Prüfung das eben erledigte Amt eines Diakonus oder zweiten Predigers an der Pfarrkirche seiner Vaterstadt übertragen, und nun erst war ihm Raum geschafft, die ganze Fülle der ihm verliehenen göttlichen Gnadengaben in gesegnetster Weise zu entfalten. Schon seine Antrittspredigt über Lukas 4,16-22 ließ die zu freudigster Begeisterung hingerissene Gemeine nicht mehr darüber in Zweifel, wie Großes sie von diesem Manne zu erwarten habe. So wahr, warm, innig und gedankenreich glaubte sie nie noch das lautere Evangelium verkündigen gehört zu haben, wie es als der reine volle Ausdruck einer tiefgewurzelten lebendigen Ueberzeugung von seinen gesalbten Lippen floß, und Manche gingen in ihrer lobenden Anerkennung des jugendlichen Evangelisten so weit, daß sie ihn mit dem Namen eines zweiten „Martin Luther“ beehrten. In jeder Woche hatte er alternirend mit seinem Amtsgenossen, dem Oberprediger Bernadus, fünf Predigten zu halten, fand aber, so oft er auftrat, die geräumige Marienkirche bis in den äußersten Winkel hinein von einer andächtig horchenden Versammlung angefüllt. Mit seinem Predigteifer hielt seine Seelsorgerthätigkeit gleichen Schritt. Es war bald kein Glied der Gemeine mehr, das er nicht persönlich kannte und auf fürbittendem Herzen trug. Wie hätte diese Pastorale Wirksamkeit, die sich Jedem auf den ersten Blick nur als die Manifestation und natürliche Lebensbethätigung einer ganz vom Evangelium durchdrungenen und erfüllten Persönlichkeit zu erkennen gab, ohne Frucht bleiben können, zumal, da sie das glänzendste Siegel durch das private und häusliche Leben erhielt, das er mit seiner ihm völlig gleichgesinnten Gattin, der Anna, einer gebornen Rüdiger, führte, dieser „gottseligen Hanna, allezeit reinlichen und fleißigen Susanna, demüthigen Rahel, gutthätigen Thabita und im Kreuz beständigen Maria“, wie sie auf ihrem Grabstein genannt wird? Binnen kurzem sah er sich von einer großen Schaar gründlich bekehrter Seelen umgeben, von deren heilsbegieriger Andacht und stillen Gebeten er, so oft er die Kanzel betrat, sich wunderbar gehoben und getragen fühlte.

Der Segen in der Gemeine wuchs, als ihm 1595 an Stelle des nach Freistadt abberufenen Oberpredigers Bernadus der bisherige Superintendent zu Liegnitz, Pastor Kreutzheim, als College zugesellt wurde. Dieser treffliche Mann war bei Gelegenheit einer Kirchenvisitation, an der neben Andern auch der sächsische Theologe Hunnius Theil nahm, als „Philippist“ d. i. als ein Freund und Anhänger Melanchthons erfunden, und, da er sich weigerte, die Concordienformel als den adäquaten Ausdruck der Schriftlehre anzuerkennen, seines Amtes entsetzt worden. Unser Valerius war, nicht etwa aus blinder Unterthänigkeit unter die Satzungen seiner Kirche, deren manche, z. B. den Exorcismus, er entschieden verwarf, sondern aus innigster im Wege freier biblischer Forschung erlangter Ueberzeugung, von Herzen Lutheraner, weßhalb er auch an der Kirchenversammlung zu Thorn, welche die Befestigung des im Jahre 1570 zu Sendomir zwischen lutherischen, schweizerischen und böhmischen Brüdern zu Stande gebrachten confessionellen Vergleichs bezweckte, sich persönlich nicht zu betheiligen vermochte. Zuerst aber und vor allem Andern war er Jünger Jesu und evangelischer Christ, und weil dies sein neuer Amtsgenosse gleichfalls war, hieß er denselben nicht allein mit unbefangenster Herzlichkeit willkommen, sondern trat auch bald in ein so inniges Verhältniß zu ihm ein, daß dieser als der viel ältere Mann ihn zärtlich seinen „lieben Sohn“ und er jenen mit eben so aufrichtiger Liebe seinen „Vater“ zu nennen pflegte. Beide trieben nun das Werk des Herrn an der Gemeine mit gleichem Eifer und in einem Geiste, und die Ueberlegenheit des Diakonus an amtlicher Begabung vermochte so wenig den Neid des Collegen zu erregen, daß dieser vielmehr nicht ruhte, bis er dem Magistrate die Versicherung abgedrungen, Valerius solle einst nach seinem Tode als Oberprediger sein Nachfolger werden, was denn allerdings schon nach Verlauf von dreien Jahren sich verwirklichte.

Was den Predigten Herbergers die ungewöhnliche Macht und Gewalt über die Gemüther verlieh, war neben der Einfalt und Klarheit, die überströmende Innigkeit, Salbung und Begeistrung, womit er zu reden pflegte. Jesus der Sünderfreund erfüllte seine ganze Seele, und mit Recht hieß man ihn schon früh mit Nachdruck den „Jesusprediger.“ Ueberall in Schrift und Geschichte entdeckte er seinen Heiland. „Besser“, dachte er, „Jesum auch da zu finden glauben, wo Er nicht ist, als Ihn einmal übersehen, wo Er sich wirklich befindet!“ So hören wir ihn z. B. einmal predigen: „Wie schlecht und albern klingt’s, wenn wir 1 Könige 17,10 lesen, daß die arme Witwe von Zarpath ein Holz oder zwei aufgelesen, um für sich und ihr Söhnlein zu guter Letzt noch vor ihrem Ende ein niedliches Bißlein zuzurichten. Hält man aber stille und denkt bei diesen zweien Hölzlein oder Spähnen an die zwei Querhölzer des Kreuzes Jesu Christi, und an das, was unser Seligmacher daran erworben hat, so kommt Trost und Freude die Fülle in das Herz.“ Ein andres Mal spricht er: „Wenn wir lesen von dem Messen des Propheten Eliä, über dem Söhnlein der Witwe, oder von den seltsamen Gebehrden des Propheten Elisa bei der Erweckung des Söhnleins der reichen Sunamitin 2 Kön. 4, 34. 35., so scheint’s wohl schlecht Ding zu sein; nehmen wir aber in Acht, daß sie beide mit ausgestreckten Armen, eben wie der Herr Christus am Kreuze that, beten und flehen, so finden sich bald die holdseligen Gedanken, daß wir im Namen des gekreuzigten Herrn Jesu beten müssen, wofern wir dem ewigen Tode entlaufen wollen.“ Allegorische Deutungen dieser Art begegnen uns zahlreich fast in allen seinen Vorträgen. Dies berechtigt aber keinesweges zu dem Schlusse, daß er nicht auch auf dem Gebiete des alten sowohl wie des neuen Testamentes ein gründlicher, sprachkundiger und gelehrter Exeget gewesen sei. Er war ein solcher sogar in ungewöhnlichem Grade. Zugleich gebot er vermöge seiner ausgedehnten Bekanntschaft mit der Weltgeschichte über eine unerschöpfliche Fundgrube von Thatsachen und Exempeln zur Veranschaulichung und Besiegelung der Wahrheiten, die er vortrug. Und flossen auch seine Reden „meist süßer denn Honig und Honigseim“ von seinen Lippen, so verstand er’s doch auch, wo es galt, wie Wenige, seine Stimme zu erheben wie eine Posaune. Seine Bußpredigten brauseten über die Gemeine dahin wie ein Sturm, vor dem Alles sich beugen oder brechen mußte, und nicht selten geschah es, daß unter dem Donner seines mächtigen vom göttlichen Feuergeist getragenen Wortes die ganze Versammlung in ein lautes Weinen und Schluchzen ausbrach.

Solch‘ ein gewaltiger Prediger war Valerius, weil er ein Mann des Gebetes war. Wenige mögen das apostolische „Betet ohne Unterlaß“ so durchhaltend und treu geübt haben, wie er, dessen Wandel wahrhaft „im Himmel war“, und der z. B. in sein Tagebuch nichts, auch nicht das Unbedeutendste, verzeichnete, ohne irgend einen Seufzer zu seinem Herrn hinzuzufügen. Seine kirchlichen Gebete waren das Rührendste, Ergreifendste und Herzerhebendste, was man hören konnte, und oft hat die Gemeine dieselben mit der wunderbarsten, unzweideutigsten Erhörung gekrönt gesehn. Im Jahre 1621 schrieb man allgemein den bei Choczin wider alles Erwarten von den Polen über die Türken und Tartaren erfochtenen glänzenden Sieg dem inbrunstvollen und zuversichtlichen Gebete zu, mit welchem Valerius kurz vorher vor versammelter Gemeine den Himmel bestürmt hatte. Jedem war dabei sogleich der Eindruck geworden, dieses Gebet dringe durch die Wolken, und ehe man sich’s versah, erfand sich’s, daß man sich darin nicht geirrt habe. Kein Wunder, daß Valerius in Folge solcher Erfahrungen allmälig ein fast prophetisches Ansehn gewann, und wirklich scheint ihm eine starke divinatorische Gabe eigen gewesen zu sein. So geschah es einmal, daß er, als er in einer erschütternden Predigt über die letzten Dinge der am Fraustädter Rathhausthurme hangenden Sturm- und Feuerglocke als eines Bildes sich bediente, urplötzlich, und, wie er später selbst bekannte, ganz unwillkührlich, in den dreimaligen Ruf: „Feuer, Feuer, Feuer!“ ausbrach und darauf die Worte folgen ließ: „Ihr Fraustädter, wo ist’s Feuer? Wann wird es kommen? – Um Mitternacht! – Wer hat’s gesagt? – Der Herr Jesus sagt’s Matth. 25, 6.: Zu Mitternacht kommt der Bräutigam!“ – Die Gemeine gerieth über diesen wunderbaren Worten in eine nicht geringe Bestürzung. Wie sollte sie sich diese auffallende Rede ihres Pastors deuten? Nun, die Deutung fand sich binnen Kurzem. Schon in der nächstfolgenden Nacht, und zwar grade um die Mittemachtstunde, schlug plötzlich jene Glocke am Rathhausthurme an. Ein furchtbares Feuer war ausgebrochen, das in kurzer Zeit nicht weniger als drei ganze Viertel in Asche legte. Als während des Brandes Valerius selbst betend und helfend unter den Löschenden erschien, wurde er von Vielen mit der Frage bestürmt, wer ihm doch dieses Unglück zuvor geoffenbart habe, worauf er antwortete: „Kinder, es hat Gott der Herr meinen Mund gezwungen, so seltsam zu reden, wie ich in der Kirche geredet habe. Nimmer, nimmermehr lasse Er mich einen Propheten sein, der euch Unglück verkünde. Nur Gottes Gnade und seinen Segen wünsche ich euch von ganzem Herzen. Aber ihr – o thuet Buße, daß euch nicht einst das ewige höllische Feuer ergreife!“ –

Noch nicht gar lange hatte sich die Stadt aus ihren Trümmern wieder erhoben, als sie von einer neuen Heimsuchung und zwar von einer noch empfindlicheren und schwereren betroffen wurde. Die Pest brach in Fraustadt aus, und zwar in so verheerender Weise, daß in kurzer Frist nicht weniger als 2000 Menschen hingerafft wurden. Da feierte denn die Hirtentreue des Valerius den Tag ihrer höchsten und schönsten Verklärung. Während Alle, denen irgend Mittel dazu zu Gebote standen, eilends entflohen, hielt er nicht allein fest und unerschütterlich bei seiner Heerde Stand, sondern war auch Tag und Nacht in Bewegung, um den Kranken und Sterbenden in ihren verpesteten Räumen den Trost des Evangeliums und das Labsal des Sakramentes zuzutragen. Furcht kannte er nicht. Sein Glaube war der Sieg, der, wie den Tod, so Alles, was Apprehension, Ekel und natürliches Grauen heißt, weit überwunden hatte. Oft sah man ihn auf den menschenleeren Straßen der Stadt ganz allein, ein Sterbelied singend, vor dem Karren hergehn, auf welchem der Todtengräber wieder eine oder mehre Leichen zum Friedhof führte. Wer dann ihm etwa begegnete, wich erschrocken aus, aber nicht, ohne den Muth des Mannes zu bewundern, der „auch sein Leben nicht theuer achtete, auf daß er das Amt vollendete, das er von dem Herrn empfangen hatte.“ In welchem Maaße dies sein pastorales Verhalten die Liebe und das Vertrauen seiner Pfarrkinder zu ihm steigern mußte, ist leicht zu ermessen. Wie ein Enkel Gottes wurde er, wo er erschien, willkommen geheißen, und sonderlich waren es die Kinder, die dem freundlichen Pastor, wo sie ihn erblickten, wie einem Vater fröhlich entgegensprangen, und ihm traulich ihre Händchen reichten.

Freilich konnte es einem Manne der Wahrheit, wie er war, auch an erbitterten Widersachern nicht fehlen. Den Gottlosen in der Gemeine mußte er schon als deren anderes Gewissen und als ernster und freimüthiger Wächter über das sittliche Leben seiner Pfarrkinder ein Dorn im Auge sein. Zu mehren Malen ist ihm sogar von Libertinern, die sein strafendes Wort getroffen hatte, nach dem Leben getrachtet worden, und es wäre den Bösewichtern ihr schlau eingefädelter Mordplan gelungen, hätte nicht Gott der Herr in wunderbarster Weise seine schirmende Hand über dem Haupte seines treuen Knechts gehalten. Viel tiefer jedoch, als die Wuth seiner Gegner, betrübten ihn so manche Rückfälle scheinbar Bekehrter in ihr früheres Welt- und Sündenleben, so wie das Offenbarwerden Anderer als solcher, die ihr ganzes Christenthum nur erheuchelt hatten. Außerdem erwuchsen ihm aus den damals noch häufig vorkommenden Hexenprozessen, zu denen er als geistlicher Richter hinzugezogen wurde, nicht geringe Sorgen und Kümmernisse. Kaum aber hatte ihm etwas einen größeren Schmerz verursacht, als der urplötzlich schon im Jahre 1604 vom Polenkönige Sigismund III. erlassene Befehl, laut welchem die schöne geräumige Marienkirche, die Pfarrkirche der Stadt, an das winzige Häuflein theils übriggebliebener, theils erst seit Kurzem neu angesiedelter Katholiken wieder abgetreten werden sollte. Alles Bitten und Flehen der Evangelischen um Zurücknahme dieser ebenso harten als ungerechten Forderung blieb fruchtlos, und so wurde denn das der Gemeine so theuer gewordene Gotteshaus unter vielen Thränen geräumt, und zunächst mit einer Nothkirche vertauscht, zu der man zwei aneinanderstoßende Bürgerwohnungen nach Durchbrechung ihrer Zwischenwände herzurichten wußte. Doch gelang es dem rastlosen Eifer Herbergers, durch Anfeuerung der Gemeine zu fröhlicher Opferwilligkeit, und durch veranstaltete Collekten in der Nähe und Ferne den dürftigen Raum allmählich zu einer recht freundlichen Kirche umzugestalten, die er unter begeisterter Zustimmung der ganzen Gemeine mit dem lieblichen und sinnigen Namen des „Krippleins Christi“ schmückte.

Herbergers letzte Lebensjahre fielen in das erste Drittel des unheilvollen dreißigjährigen Krieges, von dessen vielgestaltigen Schrecken auch seine Gemeine keinesweges unberührt blieb. Er begann recht innig nach der himmlischen Ruhe sich zu sehnen, und zu nicht geringem Troste gereichte es ihm, seinen geliebten ihm völlig gleichgesinnten Sohn Zacharias, der ihm schon im Jahre 1614 als Diakonus zugesellt worden war, als einen treuen Gehülfen zu seiner Seite zu erblicken. Uebrigens aber blieb nach wie vor das „Wirket so lange es Tag ist!“ sein Wahlspruch, den er so lange ein Odem in ihm war unausgesetzt mit der That besiegelte. Die Gemeine, die sich mit ihren geistlichen Bedürfnissen an ihn und seinen beichtväterlichen Rath und Zuspruch gewiesen fühlte, erstreckte sich schon frühe nach allen Seiten hin über die Grenzen derjenigen, die seiner Seelsorgerpflege zunächst und amtlich anvertraut war, weit hinaus. Das Verlangen nach erbaulichen Schriften aus seiner Feder steigerte sich von Jahr zu Jahr. Seine „Herzpostillen“, enthaltend Predigten über sämmtliche Perikopen des Kirchenjahrs, seine „Blaßnalin Dei“, seine geistlichen „Trauerbinden“, eine Sammlung von Grabreden und Leichenpredigten, seine 95 Predigten über den Jesus Sirach, sowie sein „Passionsanzeiger“, und eine große Menge anderer Traktate geringeren Umfangs, wie der vom „himmlischen Jerusalem“, boten, immer wieder neu aufgelegt, Tausenden eine reiche Herzensweide. Wurden mehrere dieser Schriften in neuester Zeit aus der Vergessenheit wieder an das Licht gezogen, so waren sie dessen vollkommen würdig. Sie werden auch heute noch allen denen zur wahren Erbauung gereichen, welche an manchen freilich allzu kühnen und mitunter fast spielenden Allegorien sich nicht stoßen, sondern auch aus ihnen die kindliche Glaubenseinfalt und die innige Jesusliebe herauszuschmecken vermögen, wovon sie beseelt und durchdrungen sind. –

Nach einer 37jährigen überaus gesegneten Wirksamkeit, während welcher er mehr als einen ehrenvollen Beruf in andre Kirchsprengel aus zärtlicher Anhänglichkeit an sein liebes Fraustadt abgelehnt hatte, starb der Mann, der in der evangelischen Kirche seiner Zeit als eine der allertröstlichsten und wohlthuendsten Erscheinungen uns begegnet, und welcher für alle Zeiten ein Predigerspiegel und ein pastorales Musterbild bleiben wird. Es war am 18. Mai des Jahres 1627, als er mit dem Namen „Jesus“ auf der erblassenden Lippe in die Wolke jener Zeugen aufgenommen wurde, deren die Welt nicht werth war. Mit ganz besonderem Nachdruck darf auch auf ihn bezogen werden, was von dem frommen Abel geschrieben steht: „Er redet noch, wiewohl er gestorben ist.“ Eine Ehrenstelle, und eine hervorragende, gebührt ihm vollkommen. Sein Angedenken bleibe in der Kirche Jesu Christi im Segen! –

Fr. W. Krummacher in Potsdam f.

Johann Arnd

Welcher wahrhaft evangelische Christ im deutschen Lande kennte nicht den berühmten Verfasser des „Wahren Christenthums“ und des „Paradiesgärtleins“, den Cellischen General-Superintendenten, Johann Arndt, am Anfange des 17. Jahrhunderts? Geboren am Tage Johannis des Evangelisten, den 27. December 1555 zu Ballenstädt im Anhaltschen, erhielt er von seinem Vater, Jacobus Arndt (d. h. Adler), welcher daselbst als Pfarrer stand, den Vornamen Johannes. Früh schon wurde er in der Leidensschule geprüft, indem er im zehnten Jahre bereits seinen Vater durch den Tod verlor; indeß nahmen wohlwollende Freunde sich seiner an, und sorgten für seine fernere Erziehung und Ausbildung auf den Schulen zu Aschersleben, Halberstadt und Magdeburg. Mit entschiedener Vorliebe neigte er sich zum Studium der Medicin und der Naturwissenschaften; eine heftige, lebensgefährliche Krankheit aber änderte plötzlich seine Lebensrichtung. Auf dem Krankenlager nehmlich gingen ihm ganz neue Blicke auf über das menschliche Herz und Leben, und er that das Gelübde, daß wenn ihn Gott wieder gesund machen würde, er fortan alle seine Gaben und Kräfte dem Studium der Theologie und dem Dienste der Kirche widmen wollte. Er genas und ward Theologe. Die Schriften des heiligen Bernhard, Tauler, Kempis und die deutsche Theologie gewährten ihm Trost, Erbauung und Geistesnahrung, wie bei Luther; in ihnen ging ihm, wie er sich selbst ausdrückt, das Licht der Besserung, der Andacht, der Heiligkeit und der geistlichen Weisheit auf. Vom 21. Jahre ab studirte er auf den Universitäten zu Helmstadt, Wittenberg, Straßburg und Basel, wo er zugleich seine früher eingesammelten medicinischen Kenntnisse bei dem berühmten Naturkundigen, Theodor Zwinger, noch zu erweitern suchte, auch schon mehrere Privatvorlesungen über Naturlehre, Sittenlehre und Rednerkunst hielt und mit großem Fleiß und Beifall den Brief an die Römer erklärte. Hier hätte er unfehlbar schon seinen Tod in den Fluthen des Rheins gefunden, wenn er, der des Schwimmens unkundig war, nicht von seinem Zögling, einem polnischen Baron, bei den Haaren herausgezogen und gerettet worden wäre. Im Jahre 1582, 27 Jahre alt, kehrte er nach seiner Heimath, Ballenstädt, zurück.

Nachdem er daselbst ein Jahr hindurch das Amt eines Schullehrers versehen und Erfahrungen mancherlei Art im Schulfach eingesammelt hatte, erhielt er seine erste Predigerstelle in dem nur wenige Stunden von dort entfernten Dorfe Badeborn 1583. Sieben Jahre verwaltete er treu und gewissenhaft sein Amt bei dieser seiner ersten Gemeinde, und wäre unstreitig noch länger dort geblieben, wenn nicht der Fürst Johann Georg mit Gewalt den Exorcismus in den Anhaltschen Kirchen hätte abschaffen und den reformirten Glauben einführen wollen. Arndt protestirte Gewissenshalber gegen diesen Eingriff des weltlichen Armes in die Heiligthümer der Kirche, ward am 21. September 1590 abgesetzt und Landes verwiesen. In demselben Augenblick aber erhielt er auch, durch Gottes wunderbare Vorsehung, zugleich zwei Vocationen, die eine nach Mannsfeld, die andere nach Quedlinburg. Er entschied sich für letztere, und wirkte hier volle neun Jahre in großem Segen, besonders 1598 (wo die Pest in der Stadt furchtbar wüthete, in dem einen Jahre gegen 3000 Menschen hinwegraffte), ward fleißig gehört, häufig von seinen dankbaren, ehemaligen Gemeindegliedem aus Ballenstädt und Badeborn besuche setzte sich jeder Lebensgefahr aus, tröstete, ermunterte, belehrte, ermahnte, wo und wie er wußte und konnte, und hatte, namentlich im Pestjahre, manchmal mit Studiren, Leichenpredigten und Beichtesitzen bis in die Nacht hinein zu thun. Dennoch fand er für alle diese Bemühungen und Anstrengungen nicht die wohlverdiente Anerkennung, ward im Gegentheil hart verläumdet, und dankte Gott, als er 1599 den Ruf nach Braunschweig erhielt und annehmen konnte.

Hier wirkte er wieder neun Jahre und hatte schwere Zeiten bürgerlicher Unruhen und wiederholter Belagerungen der Stadt durch den Herzog Heinrich Julius durchzumachen. Im Jahre 1605, in Arndt’s fünfzigstem Lebensjahr, erschien sein erstes Buch vom wahren Christentum, aus von ihm gehaltenen Wochenpredigten zusammengestellt, gewissermaßen das erste Erbauungsbuch der evangelischen Kirche. Theils aus Neid über Arndt’s gesegnete Wirksamkeit, theils weil in dem Buche mehrere Ausdrücke der früheren Mystiker vorkamen, griffen ihn seine Amtsbrüder, namentlich sein eigner College, als Schwärmer und Ketzer, auf und unter der Kanzel an, und verbitterten ihm dermaßen das Leben, daß die folgenden Jahre ihm rechte Kreuz- und Kampfjahre waren, und er schon daran dachte, sich in’s Privatleben zurückzuziehen und sein Amt niederzulegen, um nur Ruhe zu finden. Glücklicherweise war das nicht nöthig. Der Ruf nach Eisleben 1608 machte diesen Streitigkeiten vorläufig ein Ende. Inzwischen hatte das erste Buch vom wahren Christenthum außerhalb Braunschweigs bereits so viel Absatz, Anerkennung und Lob gefunden, daß der Wunsch nach Fortsetzung des herrlichen Werkes immer lauter und allgemeiner sich aussprach, und 1609 Arndt sich bewegen ließ, noch drei Bücher herauszugeben, jedes unter einem besondern Titel; das erste hieß das Buch der heiligen Schrift, das zweite das Buch des Lebens, das dritte das Buch des Gewissens, das vierte das Buch der Natur. Das Grundthema aller Bücher war: Christus in uns, fußend auf dem Christus für uns. Auch in Eisleben hatte Arndt 1610 eine schwere Pestzeit durchzuleben und schon sein Testament gemacht; Gott aber bewahrte ihn vor der ansteckenden Krankheit, denn Er hatte noch Größeres mit ihm im Sinn; im Jahre 1611 berief ihn der Herzog Christian zum General-Superintendenten des Fürstenthums Lüneburg nach Celle. Hier begann Arndt’s letzte und umfassendste Wirksamkeit. Wichtig ist diese Zeit namentlich durch die General-Kirchenvisitation, welche er 1615 in sämmtlichen Kirchen des Fürstenthums veranstaltete; eine völlig neue, aber erfolgreiche Erscheinung: die von Arndt entworfenen Protocolle und Berichte nahm der Herzog selbst zur Hand, und traf danach die nöthigen Verbesserungen zum Besten der Kirche. Hier gab Arndt seine Predigten heraus über die Evangelien, über den ganzen Psalter und über Luther’s Katechismus. Hier feierte er 1617 das Reformationsjubiläum der evangelischen Kirche. Hier ließ er die deutsche Theologie und eine Uebersetzung des Thomas v. Kempis erscheinen. Sein bloßer Name reichte hin, um alle diese Bücher zu empfehlen und ihnen großen Eingang zu bahnen. Hier entwarf er 1619 eine neue Kirchenordnung, viel vollständiger und umfassender, als die frühere. Hier hielt er am 3. Mai 1621 seine letzte Predigt über die Worte: „Die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten, sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ (Ps. 126, 5. 6.) Als er erschöpft nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: „Ich habe jetzt meine Leichpredigt gethan.“ Ein hitziges Fieber warf ihn auf’s Krankenlager, von welchem er nicht wieder aufstehen sollte; von Tag zu Tag schwanden seine Kräfte immer mehr: am 9. Mai genoß er nochmals das heilige Abendmahl, und am 11. Mai ging er Nachts um halb 12 Uhr ein zu seines Herrn Freuden, im 66sten Jahre seines Alters, nachdem er vorher noch aus dem 143sten Psalm gebetet: „Herr, gehe nicht in’s Gericht mit Deinem Knecht :c.“; bald darauf in die Worte ausgebrochen: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als die des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit; jetzt habe ich sie gesehen; ei, welch‘ eine Herrlichkeit ist das! Die Herrlichkeit ist es, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz kommen ist; diese Herrlichkeit habe ich gesehen;“ und um 9 Uhr zuletzt noch gesagt: „Nun habe ich überwunden!“ –

Seine Lebenslosung war: „Christus hat viele Diener, aber wenig Nachfolger.“ Seine Gemeinden und Zeitgenossen rühmen seine Freundlichkeit und Dienstfertigkeit, seine Demuth und Wohlthätigkeit, seine Geduld und Nachgiebigkeit, wo er eines Bessern überzeugt wurde, und vor allem seinen Gebetsgeist, der im Paradiesgärtlein Worte gewinnt und den er unter seinen vielen bittern Leiden und Angriffen gelernt und geübt hatte. Sein Hauptwerk aber, das ihn allein schon unsterblich gemacht hat, ist und bleibt sein wahres Christenthum. Fast in alle Sprachen der Welt ist es übersetzt worden, und nicht zu zählen sind die verschiedenen Ausgaben und Auflagen, welche es erlebt hat. Sehr gern hat er über dasselbe gepredigt, Dr. Beyer in Jena hat darüber Vorlesungen gehalten. M. Justus Siber nannte Joh. Arndt den heiligsten Theologen und sagt: „der heilige Geist hat selbst durch diesen göttlichen Mann gebetet und geschrieben,“ und Bengel erklärt ihn für den Engel, der nach Offenbar. 14, 6 durch die Mitte des Himmels flog und das ewige Evangelium verkündete. Zwei Jahrhunderte haben bereits sein Lob geredet in dem alten Verse:

Er soll, er soll Johannes heißen!
Denn seine Seel‘ ist gnadenvoll.
Die Welt mag ihn mit Schmähen schmeißen
Und auf ihn schütten Gall‘ und Groll!
So bleibt er doch ohn‘ allen Streit
Der größte Adler seiner Zeit.

Das Leben des Valerius Herberger

Nachfolgende kurze Beschreibung des Lebens des Valerius Herberger möge eben so wohl dazu dienen, das Gedächtniß eines treuen Dieners Christi zu erneuern, als auch die gläubigen Herzen zum Dank gegen den HErrn der Kirche erwecken, der ihr stets zu rechter Zeit und am rechten Ort kräftige Rüstzeuge gesandt hat, und die Zuversicht mehren, daß der HErr es auch fürderhin seiner Gemeinde nicht an Werkzeugen fehlen lassen werde, die sein Reich bauen helfen.

Valerius Herberger’s Jugendjahre.

Zu Fraustadt in Großpolen lebte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine fromme, gottesfürchtige Familie: Martin Herberger, Kürschner und deutscher Poet, und sein Eheweib Anna, geborne Hoffmann. Nicht wenige der Meistergesänge des Martin Herberger, von Christo und seinen Wundern handelnd, wurden mit Preisen gekrönt. Einen Meistergesang zum Preise der Barmherzigkeit Gottes mag er wohl in seinem Herzen angestimmt haben, als ihm am 21. April 1562, Dienstag nach Jubilate, ein Knäblein geboren wurde; denn Leibeserben zu haben, und einen derselben im Dienste des göttlichen Worts zu sehen, das war ein Wunsch, den Martin Herberger lange bei sich herumtrug. Nun ward schon der Anfang zur Gewährung seines Herzenswunsches gemacht, und auch der zweite Theil desselben sollte sich erfüllen, wenn er auch nicht mehr in der Hülle seines sterblichen Leibes seinen Leibeserben als Botschafter an Christi Statt sehen konnte. Als das Knäblein am 23. April getauft wurde, ward es vertreten von Martin Arnold, damals Rektor, später Pfarrer in Fraustadt, von Matthäus Ressel, Stadt- und Gerichtsvogt daselbst, und Frau Ubermann aus der böhmischen Gemeinde. Dabei erhielt es den Namen Valerius. Martin Herberger zog seinen Valerius, wie es christlichen Aeltern geziemt, in der Furcht Gottes auf, und zu dieser seiner wichtigsten Arbeit gab ihm auch Gott ein reiches Gedeihen. Frühzeitig zum Gebet und zu allen christlichen Tugenden angehalten, und von seinem Vater im Gesang geistlicher lieblicher Lieder geübt, gewann der kleine Valerius gar bald die Herzen christlich gesinnter Leute, besonders die Liebe des D. Joh. Pitiseus, evangelischen Pfarrers zu Fraustadt. Schon als Knabe wußte er die schwere Weise: „An Wasserflüssen Babylons“, die er oft von seinem Vater singen hörte, rein und richtig zu singen. Kein Wunder, wenn der Vater im Hinblick auf die so frühzeitig hervortretende Liebe seines Knaben zu Gott und Gottes Wort öfters äußerte: „Dieser Sohn muß mir studieren, und wenn ich’s erbetteln muß.“ Ueberdem sagte der Vater oftmals zu seinen guten Freunden: „Ihr werdet’s erfahren, es wird ein Prediger aus ihm werden, er wird von dem Herrn JEsu zeugen.„ Darum befahl er auch täglich mit besonderer Inbrunst seinen Valerius der Gnade Gottes, und übergab besonders an dem Tage, an welchem er ihn in die Schule führte, ihn im Gebete dem HErrn Christo, und bat, daß er ihn zum Gefäß seiner Barmherzigkeit machen und ein Werkzeug seiner Kirche aus ihm wolle werden lassen. Und der HErr sprach sein Ja und Amen zu diesem Gebet. Gar bald sollte dem Knaben die führende Hand seines treu besorgten Vaters entzogen werden, damit er frühe schon in der Schule der Armuth seine Zuversicht setzen lerne auf den HErrn HErrn. Er stand im neunten Lebenjahre, als sein Vater auf seinem Sterbelager mit dem Tode rang. Am 8. Februar 1571 stellten sich bei dem alten Herberger die Vorboten des Todes ein. Des Valerius Pathin, die böhmische Schwester Ubermann, hielt ihm in der Todesnoth ein Crucifix vor. Da sprach er: ,O ich habe keinen hölzernen Gott und Trost“ und that sein Bekenntniß richtig von Christo, dem Gekreuzigten. Valerius Herberger erzählt selbst von seinem Vater, er habe bei herannahendem Tode viele Anfechtungen durchzumachen gehabt, dabei es sich bei ihm vernehmen ließ: Ich will’s nicht thun; endlich aber habe es ihm gedünkt, er höre die Orgel mit der ganzen Gemeinde darin zusammenstimmen: „Wir glauben All an einen Gott rc.“, weshalb er seinen Gevattermann M. Arnold gebeten, er möge doch, damit er’s auch höre, die Ohren zu seinen Ohren neigen; und darauf sei er denn sanft entschlafen.

„Armuth weh thut, das hab ich erfahren“ pflegte Valerius Herberger oft zu sagen; denn mit dem Tode seines Vaters begann für ihn und die Seinigen eine schwere Zeit. Nur mit Mühe konnte seine Mutter in den theuren Jahren sich und ihre drei Kinder ernähren. Aber der Gott, der da ein Vater der Wittwen und Waisen zu sein verheißen, war ihre Zuflucht in den großen Nöthen, die sie trafen; sie tröstete sich damit, daß all unsere Trübsal doch nur zeitlich und leicht sei und eine ewige, über alle Massen wichtige Herrlichkeit schaffe, und daß es bei Christi Nachfolgern zur Freude nur durchs Leid, zur Krone nur durch’s Kreuz gehe. Zwei Jahre ernährte sie ihre Kindlein mit der Grützmühle und griff nicht einen Heller von des Vaters nachgelassenen Baarschaft, so daß sich die Vormünder selber darüber wunderten. Weil sie ihren Wittwenstand führte als ächte christliche Wittwe, darum ward sie auch in der Zeit der Noth nicht ohne Zufriedenheit, Hülfe und Freude. Später verheirathete sie sich wieder.

Gott erweckte das Herz der Schwester seiner Mutter, Barbara, Georg Wendens Weib, daß sie sich des zehnjährigen Valerius liebend annahm, ihn wie ihr leibliches Kind hielt, und fleißig zur Schule und Gottes Wort anhielt; eine Liebe, die Val. Herberger später dadurch erwiderte, daß er sie in ihren alten Tagen auch in sein Haus aufnahm und bis zu ihrem letzten Hingang mit kindlicher Liebe pflegte. Daneben hatte sich Valerius auch der treuesten Liebe von Seiten seines Taufpathen, des nunmehrigen Pfarrers Martin Arnold, zu erfreuen, und dieser war auch Werkzeug, dessen sich der HErr bediente, um Val. Herberger zum Studieren zu bringen. Der Wille seines Stiefvaters ging dahin, Valerius solle ein Schuhmacher werden. Als aber Martin Arnold die guten Anlagen seines Pathen sich immer mehr entfalten sah, und des herzlichen Wunsches seines dahingegangenen Gevattermannes gedachte, da versuchte er’s, auf den jungen Valerius einzuwirken und sein Herz für das Studium der Theologie zu gewinnen. Schon war der Tag bestimmt, an welchem Valerius als Lehrling des Schuhmacherhandwerks aufgenommen werden sollte; da nahm ihn M. Arnold mit in sein Stüblein und sprach: „Höre, mein Pathe, du willst ein Handwerk lernen. Du denkst, es soll’s Niemand erfahren, gleichwohl hat mir’s der kleine Finger gesagt. Auf den Sonntag willst du dich lassen aufnehmen. Niemand soll’s wissen, aber Gott weiß wohl deinen Vorsatz. Lieber Pathe, laß mit dir reden: Dein Vater pflegte von dir zu sagen: dieser Sohn muß mir studieren, und wenn ich’s soll erbetteln. Wenn man dich aufwickelte, so recktest du die drei Fingerlein in die Höhe, wie der Salvator, wenn er den Weltapfel trägt. Da sagte dein Vater: Ihr werdet sehen, das wird gewiß ein Prediger werden; so wird auf den HErrn JEsum mit Fingern weisen, wie Johannes der Täufer. Mich aber hat er auf seinem Todtenbette gebeten, könnte ich dich nicht zum Studieren fördern, wie denn Alles in Göttes Hand stünde, so sollte ich doch mit Händen und Füßen wehren, daß du kein Handwerk möchtest lernen; denn also würdest du gezwungen studieren müssen. So groß war deines Vaters Glaube, du würdest ein gelehrter Mann werden. Nun ist er in dem Gedanken gestorben, du seiest nach ihm ein gelehrter Mann geworden. Weil er aber im Propheten Daniel gelesen: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich, so wird er sich am jüngsten Tage bald umsehen, wo denn sein Sohn sei, das große, glänzende Licht. Da wirst du vor allen Heiligen Gottes, ich weiß nicht, in welchem Winkel stecken und mit des Handwerks Wachs beschmieret sein. Lieber Pathe, bedenke dich!“

Solch‘ herzliche Worte verfehlten ihres Zweckes nicht. Valerius verließ das Haus seines Pathen mit dem festen Vorsatz, sich dem Studium zu widmen, und zu Hause angekommen sprach er zu seiner Mutter: „Nun lerne dieser oder jener ein Handwerk, ich aber nun und nimmermehr. Sollte ich einst vor meinem Vater besudelt stehen? Das thue ich nicht.“ Und dieser sein Vorsatz war bald ausgeführt.

2. Valerius Herberger’s Studien.

Siebenzehn Jahre alt zog Valerius aus seiner Vaterstadt. Sein Pathe M. Arnold und seine Pathe Barbara Wende, die für seine nothwendigsten Bedürfnisse gesorgt hatten, geleiteten ihn. Der Weg ging nach Freistadt in Schlesien, wo er die dortige berühmte Schule besuchen und sich auf sein Studium vorbereiten sollte. In einem dortigen Bäckerhause ward Wohnung und Kost für ihn ausgemittelt. Gott aber hatte Besseres für ihn ausersehen. Der Stadtschreiber in Freistadt M. Petrus Scultatus hatte, weil er nicht schlafen konnte, frühe sein Lager verlassen und einen Spaziergang auf den Markt angetreten; dorten traf er nach Gottes Fügung mit M. Arnold zusammen und erfuhr von ihm den Zweck seines Aufenthalts in Freistadt. Sogleich erklärte sich Scultatus dahin, den Valerius Herberger in sein Haus aufzunehmen. Es gelang ihm auch, ihn von dem Bäcker loszumachen, und so zog Valerius in des Stadtschreibers Haus, wo freilich die nicht geringe Aufgabe seiner wartete, dessen Söhne und Verwandte zu unterrichten. Er that’s in Unverdrossenheit und Treue und legte einen guten Grund in seinen Schülern und Herberger durfte in späteren Jahren seine früheren Schüler in Aemtern und Würden sehen. Drei Jahre arbeitete er in Freistadt an seiner und seiner Schüler Ausbildung. Besondere Mühe verwandte er auf die hebräische Sprache. Aus seinen späteren Studien über das alte Testament geht hervor, daß er dieser schwierigen Sprache völlig mächtig geworden ist. Nachdem er in allen Gegenständen bedeutende Fortschritte gemacht, ertheilten ihm seine Lehrer selber den Rath, höher zu steigen, und diesen Rath befolgend verließ er Freistadt, um die Universität in Frankfurt an der Oder zu besuchen. Sein Herz war voll Danks gegen alle seine Wohlthäter in Freistadt. „Ich kann ja nicht vergessen, schreibt er später, die besonderen Wohlthaten und große Treue, welche mir in der löblichen Freistadt, welche wohl mag heißen mein anderes Vaterland (wie Nazareth des HErrn Christi Vaterland), nicht allein von geringen Leuten, sondern auch von den vornehmsten Amtspersonen, welche zum Theil in Gott ruhen, zum Theil in Gottes Geleite gehen und leben, sind erzeigt worden, davon ich viel freimüthiger am jüngsten Tage vor meinem HErrn JEsu, als allhier vor der Welt, gedenke zu reden.“

Daß Valerius Herberger die mancherlei Ausgaben, welche mit seiner Uebersiedlung nach Frankfurt an der Oder verbunden waren, decken konnte, ward ihm von dem Bürgermeister Klose in Freistadt ein ansehnliches Geschenk gegeben worden. Bald jedoch verließ er Frankfurt auf den Rath seines ehemaligen Lehrers, des M. Ludovicus, und zog nach Leipzig am 20. Juni 1582. Durch die Mildthätigkeit vieler Personen, die von Herbergers Fleiß und Fortschritten gehört und ihn darum lieb gewonnen hatten, konnte er hier seinen Studien weiter obliegen; auch wurde er in den Genuß von Stipendien gesetzt. Anfangs wohnte er in Leipzig im Frauen-Collegium; später jedoch fand er eine liebevolle Aufnahme im Hause des Dr. Michael Bahrdt, Professors der Medicin, dem er als Famulus diente. Ununterbrochen besuchte er die theologischen Vorlesungen und zeichnete sich durch solchen Privatfleiß aus, daß er den größten Theil der Nächte zum Arbeiten nahm. Die Sorge für seine Gesundheit trieb den Prof. Bahrdt, ihn öfters zu mahnen, daß er auch seinem Körper die ihm nöthige Pflege schuldig sei. Einmal trieb ihn Bahrdt zu Nacht von seinen Büchern weg und sprach: „Harr! harr! Es wird die Zeit kommen, du wirst mit aufgehobenen Händen bitten, daß du nur könntest schlafen, und mit dem vierten Psalm V. 9 sagen: Ich liege und schlafe ganz im Frieden, denn allein du, HErr, hilfst mir, daß ich sicher wohne.“ Ueber den frommen, fleißigen Jüngling hielt aber auch Gott seine schützende und bewahrende Hand und rettete ihn öfters aus augenscheinlicher Todesgefahr. Dreimal war er in Gefahr, ermordet zu werden; einmal wollte ihn ein Dieb, der sich in seine Stube eingeschlichen hatte, um Geld zu finden, todtschießen; fünfmal war er in Wassersgefahr und zweimal hätte er durch einen schweren Fall aus der Höhe um’s Leben kommen können. So reifte der Jüngling heran zum Gelehrten sowohl, wie auch zum tiefen Kenner und innigen Liebhaber Gottes und seines heiligen Wortes, und als in seiner Vaterstadt die Stelle des untersten Lehrers an der Schule sich erledigte, richteten sich die Augen des dortigen Raths auf ihn, und er erhielt von daher den Antrag, dieselbe anzunehmen. Der angetragene Dienst war freilich gering und Herberger noch jung; aber er sah in solchem Antrag einen Fingerzeig Gottes und nahm den Dienst in Gottes Namen an.

3. Valerius Herberger im Amte.

Am 9. April 1584, nachdem er also nur 2 Jahre in Leipzig sich aufgehalten hatte, ward er auf dem Rathhause in Fraustadt in sein Amt eingesetzt, und durch den Rektor Caspar Hoffmann in die Schule eingeführt. Sein Herz war dabei voll Dankes für diese gnädige Fürsorge Gottes und er that am Trinitatisfeste 1585 das Gelübde, an diesem Tage alljährlich den armen Leuten im Hospitale ein Almosen zu geben, zum Gedächtniß, „daß Gott seinen ersten Ausgang aus seinem Vaterlande glücklich geleitet und gesegnet, ihn hernach aus dem Staube erhoben und den Stuhl der Ehren erben lassen.“ Rüstig arbeitete er in seinem Berufe und es konnte nicht fehlen, daß er sich durch seine Treue und Fleiß die Achtung des Raths und die Liebe der Diener des göttlichen Worts in Fraustadt, besonders des M. Arnold und Michael Gebhard, erwarb. Letzterer Zureden bewog den Val. Herberger, sich einmal im Predigen zu versuchen und am Sonntage Reminiscere 1586 hielt er seine erste Predigt.

Sechs Jahre arbeitete er in diesem Dienste als Lehrer, während welcher Zeit von verschiedenen Seiten her allerlei Anträge zur Annahme besserer Stellen an ihn ergangen waren. Er hatte sie alle abgelehnt. Fraustadt sollte den Anfang und das Ende seiner amtlichen Wirksamkeit sehen. Fast zu gleicher Zeit erledigten sich in Fraustadt zwei Predigerstellen. Sein Pathe und Versorger M. Arnold hatte am 23. Sonntage nach Trinitatis über Matth. 22, 15-22 gepredigt und durch seine Predigt den Unwillen des Raths auf sich geladen. Die Folge des hieran sich knüpfenden Zwistes war des Arnold Absetzung. Was Herberger darüber dachte, erhellt aus seinen Worten: „Seine Feinde haben alle ihren schlechten Lohn als Gewinn davon gehabt. Wer solche Leute anrührt, der rührt Gottes Augapfel an.“ Michael Gebhard, Arnolds College, hatte eine Berufung nach Gurau empfangen, dieselbe angenommen und am zweiten Tage nach Arnolds Absetzung auch um seine Entlassung gebeten. Herberger erhielt den Ruf, an des Letzteren Stelle zu treten, wurde am 1. Februar 1590 von dem Superintendenten Leonhard Kreuzheim in Liegnitz geprüft, am 3. aber vor dem Altar zum evangelischen Predigtamte geweiht, wobei fünf alte, wohlverdiente Prediger ihm die Hände auflegten, und öffentlich über ihn beteten.- Ehre sei Gott in der Höhe! Seine Antrittspredigt am Sonntage Sexagesimä (25. Februar) handelte von der ersten Predigt Christi in seinem Vaterlande zu Nazareth. Genannter Leonhard Kreuzheim stammte aus dem Städtchen Iphofen bei Würzburg. Im Pabstthum geboren wurde er in der Schule zu Kitzingen dem evangelischen Bekenntniß zugethan, genoß höheren Unterricht zu Nürnberg und wurde auf der Universität Wittenberg ein treuer Anhänger und Liebling Melanchthons. In Liegnitz schwang er sich vom Capellan zum Superintendenten. Im Jahre 1593, nach einer weitläufiges Untersuchung der Neigung zum Calvinismus überführt, wurde er entlassen, aber nach einem kurzen Aufenthalt in Böhmen nach Fraustadt als Pastor berufen, wo er später in engen Freundschaftsbund mit Herberger getreten ist.

Bald drang allerlei Noth und Betrübniß auf ihn herein. Seit dem Religionsgespräch zu Thorn 1595, durch welches die Katholiken sehr erbittert wurden, hatte Herberger in seinem Amte durch dieselben viel zu leiden, denn sie trachteten nun in Polen eine Kirche um die andere wegzunehmen. Dazu kamen theuere Jahre, in welchen die Fraustädter bis nach Breslau fuhren, um Getreide zu holen. Endlich ward Fraustadt von einer großen Feuersbrunst heimgesucht: Am Morgen des zweiten Adventsonntages hatte Herberger über das Feuer gepredigt, das am jüngsten Tage über die Seelen der Gottlosen kommen werde, und ermahnte dabei, mit beiden Augen als mit Eimern Wasser herbeizutragen und zu weinen bitterlich wie Petrus und herzlich wie Magdalena über die Sünden, denn das letzte Feuer werde den größten Schaden thun. „Als ich auf diese Worte kam, erzählt er selbst weiter, entfuhren mir über alle Gedanken solche Reden: Was bedeuten die Feuerstrahlen, die jetzund so häufig gesehen werden? Antwort: Sie sind unsers Herrn Gottes Feuerglocken. Feuer, Feuer, Feuer ist da, ihr Fraustädter! Wann wird’s kommen? Um Mitternacht. Wer hat’s gesagt? der HErr JEsus Matth. 25, 6. Zu Mitternacht kam der Bräutigam. Ueber diese Reden erschrack ich sehr, und ich selbst war neben euch darüber bestürzt. Was geschah? Bald folgenden Abend, gerade um Mitternacht, ging ein Feuer an, das verbrannte drei ganze Viertel der Stadt, gleichwie ich dreimal das Wort Feuer ausgesprochen hatte, also daß mich ihrer Viele bei brennendem Feuer fragten, wer mir’s zuvor offenbaret hätte. Liebe Herzen, das ist ein greifliches Merkzeichen der Gegenwart Gottes bei seiner Ordnung. Ich hatte auf dies Unglück niemals gedacht, aber Gott hat meinen Mund gezwungen, also zu reden. Ach schlaget nicht in den Wind, was eure Seelsorger aus gutem Herzen mit euch reden“. Während des Brandes stand Herberger am Markt bei dem Rathhaus und betete unablässig. „Der ernste Himmelsmann, JEsus Christus, – so berichtet er davon – hielt einen feurigen Advent am andern Adventsonntag zu Nacht. Er kam zu uns und zündete die halbe Stadt an, und rang mit uns von Mitternacht an, bis die Morgenröthe anbrach, daß die Feuerfunken in der Luft stoben, daß man’s über zehn Meilen Weges und weiter hat sehen können. Da stellte sich JEsus, als wäre er unser Feind worden und wollte uns gar verderben. Wir mußten die ganze Nacht ringen, beten, weinen und schreien. Es schien, als wäre Alles verloren und vergebens, wir müßten untergehen und in der Asche liegen. Wir hätten uns mögen zu Tode beten und ringen. Aber der fromme Himmelsmann JEsus machte sich uns nicht zu stark, sondern ließ sich überzwingen und überbitten. Da die Morgenröthe anbrach, da segnete er uns und erhörte uns und ließ uns merken, daß es bei der halben Stadt würde bleiben und die Sonne ging uns auf. Das Unglück hörte auf. Darum heißt Fraustadt auch billig Pniel; denn wir haben auch Gott gesehen in seinen ernsten Werken, und unsere Seele ist genesen. Wir sind auch Israeliten, denn wir haben mit JEsu Christo, Gott und Menschen gekämpft und sind abgelegen. Gelobet seist du, HErr JEsu! Hilf, daß wir dich in allen Nöthen fest ergreifen, halten, und nicht lassen, du segnest uns denn! Amen!“ Am darauf folgenden Sonntage predigte er sodann über 4. Mos. 11, l -3, und betrachtete in seiner Predigt: 1) welches das rechte Zündpulver sei, das solche Brandschäden verursache; 2) wie der Mann heiße, der das Zündpulver ausstreuet; 3) was Feuersnoth für ein Elend sei; 4) welches das beste Wasser sei, das das zeitliche und ewige Feuer löschet; 5) wie man die Brandstätte merken und mit Namen behalten soll zum Gedächtniß.

Zu Ende des Jahres !598 wurde dem Herberger vom Rathe das Pastorat angetragen, nachdem sein Freund Kreuzheim entschlafen war. Als das Feuer jenes großen Brandes sich der Wohnung Kreuzheims näherte, hatte man ihn auf das nächste Dorf schaffen müssen. Von Stund an nahm seine Schwäche zu. Die Sehnsucht abzuscheiden und bei Christo zu sein steigerte sich bei ihm zu der Herzensgewißheit, daß ihm die Krone der Gerechtigkeit nicht entgehen werde. Zu seiner Frau sagte er kurz vor seinem Ende: „Liebe Dorothea, laß nicht mit mir prahlen, sondern laß sagen: Leonhard Kreuzheim ist selig gestorben und hat Gott vertraut, das wird viel besser klingen.“ Herberger hielt ihm die Leichenpredigt über den Text: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Am Neujahrstage 1599 hielt Herberger in der neuen Würde seine erste Predigt von dem süßen Namen JEsu; und als nicht lange nachher ihm und dem neuerwählten Diakonus vor dem ganzen Rathe die Kirche angetraut wurde, schrieb er folgendes Gebet in das Kirchenbuch: Christe JEsu, sei du selbst Prediger! Wir wollen dir willig und gern unsern Mund und unsere Zunge leihen. Amen! Gegen vier Jahre predigte er hier in Beweisung des Geistes und der Kraft. Er ist nicht ohne Grund „der kleine Luther“ und nicht minder ein „Pater Abraham a Santa Clara im evangelischen Sinne“ genannt worden; wohl zu merken: im evangelischen Sinn, denn „sein Witz herrscht nie, sondern dient in Demuth.“ Er predigte niemals über seinen Text hinweg, sondern suchte hineinzudringen. „Oftmals, so sagt er selbst, hat der Text von Außen ein geringes Ansehen; aber wenn man stille steht, nachsinnet, und die Worte gegen das neue Testament hält, so springen daraus so schöne Gedanken, daß die Freude im Herzen nicht auszusprechen ist.“

Ueber seine Predigtarte spricht sich Ledderhose also aus: „Herberger ist wirklich eine Art Luther. Wie der steht er im Kern und Stern des Evangeliums, in der seligen Lehre der Rechtfertigung des Sünders vor Gott durch den Glauben an JEsum Christum. Wenn er anfängt, die betrübten Herzen zu trösten mit dem Honigseim des Evangeliums, so müssen die Thränen des Petrus und der Maria Magdalena zu frohen Dankthränen werden. Da fallen die Sorgensteine hinweg und man athmet die süße Himmelsluft der frohen Ewigkeit und schmeckt die Kräfte der zukünftigen Welt. Nichts desto weniger ist er ein scharfer, Mark und Bein durchdringender Bußprediger. Man fühlte sich an die Ufer des Jordans versetzt, und hört den Mann in der rauhen Haut und mit dem ledernen Gürtel, wie er sein: „ihr Otterngezüchte!“ in die Menge hineinschleudert. Dabei Alles dies auf eine klare volksthümliche Weise, mit vielen, oft treffenden Witzen, mit einer Masse von Beispielen sowohl aus der heiligen, als aus der Weltgeschichte durchwoben. Die Bibel steht ihm zu Gebot, wie kaum einem Prediger.“ „Der Psalter, so sagt er selbst, ist mir das liebste Buch in meiner Lieberei, mein Vademecum und stetes Handbuch zu Haus und auf der Straße. Es gehet kein Tag hin, da ich nichts darinnen lese. Sonst würde ich mit Titus Vespasianus sagen: Meine Freunde, diesen Tag habe ich verloren.“ Im Jahre 1601 machte er den Anfang mit einem Buche, das er unter dem Titel schrieb: Magnalia Dei, d. i. die großen Thaten Gottes von JEsu, der ganzen Schrift Kern und Stern„.

4. Valerius Herberger am Kripplein Christi.

Herberger hielt fest an der lutherischen Kirchenlehre, darum hatte er von den Katholiken mancherlei zu leiden. Die Sorge um den Fortbestand seiner Gemeinde, sowie um den fortwährenden Besitz der den Evangelischen gegebenen Pfarrkirche beschäftigte ihn Tag und Nacht; denn schon ließen die dortigen Katholiken nicht undeutlich ihre Lust nach derselben merken. In der Neujahrsnacht des vierten Jahres seines Pastorats hatte er einen wunderbaren Traum. Es träumte ihm, er höre in der Kirche singen: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ Bald darauf sei die Orgel voller Mönche gewesen, er aber in ein schönes, jedoch leeres Haus versetzt worden. Bei den feindlichen Bestrebungen der Katholiken, den Evangelischen die Kirche zu entreißen, ahnte er, was dieser Traum bedeuten solle. Die Versuche der Katholiken wurden immer dringender, obwohl sie dieser Kirche gar nicht bedurften, da ihrer nur Wenige waren und sie ohnehin die Kirche des Franziskanerklosters hatten. Valerius Herberger ermahnte nun seine Gemeinde öffentlich, um Abwendung dieser Bedrängniß zu flehen, und als eine Commission wegen Abtretung der Kirche angeordnet wurde, hielt er eine besondere Predigt darüber aus dem 83. Psalm: Gott schweige doch nicht also, und sei doch nicht so stille. Am Schlusse derselben rief er: „Kommt, ihr lieben Kinder, wir wollen eine Mauer um die Kirche bauen. Helft mir beten!“ Hier that er ein heißes und gewaltiges Gebet. „Gott sei Lob und Dank, die Mauer war JEsus“, bemerkt er selbst; denn die Commission ging zurück. Mehrere Monate darnach aber erschien ein königlicher Befehl, der, den Reklamationen der Katholiken günstig, zum Inhalt hatte, daß die Evangelischen die Kirche räumen mußten. Jedoch ward ihnen die freie Uebung des Gottesdienstes nicht untersagt. Während der drei noch gestatteten Monate säumten die Evangelischen nicht, sich nach einem andern Ort umzusehen, wo sie fürderhin in der Predigt des Evangeliums, sowie im Genuß der Sacramente nicht gestört werden könnten. Sie erkauften deshalb nahe am polnischen Thore zwei Häuser und durch reichliche Liebesgaben waren die Unkosten zur Einrichtung derselben zu einer Kirche aufgebracht. Während am 24. December 1603 die erste Messe in der Pfarrkirche gelesen wurde, zogen die Evangelischen an demselben Tage in ihre neuhergerichtete Kirche ein, verbrachten die Nacht mit den zur völligen Herrichtung nöthigen Arbeiten und am 25. December hielt Herberger hier seine erste Predigt, in welcher er dieser Kirche den Namen „Kripplein JEsu“ beilegte, indem er rief: „hat das JEsuskind nicht Raum in der Herberge, so hat es doch Raum in dem Kripplein. Hie liegt Christ in dem Kripplein, ohn‘ Ende ist die Herrschaft sein – hat Petrus von Dresden schon vor 200 Jahren gesungen. Freilich heißt es heute: Hie liegt das ausgejagte JEsulein; es wird aber nicht immer liegen, es wird auch aufstehen.“ Und sobald er dies ausgesprochen hatte, fiel er mit der ganzen großen Versammlung auf die Kniee, und weihte das Haus mit einem kräftigen Vater Unser ein, dessen Bitten er durch eingelegte Worte auf diese Feier bezog.

An dieser Kirche, am „Kripplein JEsu“, wirkte Herberger bis an sein Ende.

5. Valerius Herbergers häusliche Erfahrungen.

Nachdem Herberger sein Amt als Pfarrer angetreten, sah er sich nach einer Lebensgefährtin um, und fand sie in Anna Rüdiger, der Tochter eines Rathsherrn. Am 25. Mai 1590 feierte er seine Verlobung, am 8. Oktober desselben Jahres seine Hochzeit. Von dem Rath zu Fraustadt erhielt er als Hochzeitgabe 4 Reichsthaler und 2 Dukaten. Was er aber für eine köstliche Gabe an diesem Tage von Gott empfangen habe, das rühmte er in den Worten: „HErr Gott, sei gelobet und gedanket für die treue Gesellin des Lebens, des Glaubens, des Gebets und der Sorgen, Anna Rüdigerin, die da eine Tochter der Gottesfurcht und Bescheidenheit, ein lebendiges Exempel wahrer Demuth, ein Spiegel der Taubeneinfalt, ein Paradies der häuslichen Glückseligkeit ist.“ Mit zwei Söhnen war diese Ehe gesegnet. Seinen erstgebornen Sohn nannte er in der heiligen Taufe Zacharias, „weil er des HErrn solle eingedenk sein.“ Wie Herberger überhaupt nichts ohne Anrufung Gottes und Christi begann, so übergab er auch diesen seinen Sohn mit einem inbrünstigen Gebete seinem Heiland. Bei der Taufe seines zweiten Sohnes Valerianus, welcher Name in seinem Klange die Namen des Vaters und der Mutter zusammenschloß, befand sich unter den drei Taufzeugen der oben genannte Leonhard Kreuzheim. Valerianus machte durch seinen regen Geist und seine frühzeitige Frömmigkeit den Eltern große Freude. Das Tischgebet schloß er täglich mit den Worten:

Liebster JEsu, Licht der Welt, unser Leben, Trost und Heil,
Laß uns werden weder todt, noch der heißen Höll‘ zu Theil.

Dann dankte er den Eltern, indem er ihnen die Hände reichte, und sprach: „Gelobt sei Gott der HErr!“ Wenn er in tiefen Gedanken war, schrieb er allezeit mit dem Finger in die Erde. – Bald forderte der HErr den liebenden Aeltern dieses geliebte Kind ab. Als Valerianus zum Tode krank war, küßte er in seiner Angst beide Händlein ohne Unterlaß, reckte sie gen Himmel und sprach: „O du süßester JEsu! O komm doch! Ich wäre gar gern hinauf! Wo hast du dich hinverborgen? Laß dich doch sehen! Hilf mir doch! Erlöse mich doch!“ Darauf gab er sich selber Antwort: „Ja, fürwahr, ich will dich erlösen.“ Nach seiner Angst sah er ein schönes Engelein und zeigte, wo es säße. Als sein Vater ihn fragte, ob er wollte Mandeln oder Zucker haben, antwortete er: „Nein, nur JEsus.“ Da seine Mutter ihn fragte: „Liebes Kind, willst du nicht bei mir bleiben?“ sprach er: „Nein, zu meinem HErrn muß ich doch.“ Bald darauf mußte Herberger ihn begraben.

Während der langen Pestzeit in Fraustadt (siehe Nr. 6) blieb jedoch Herberger mit den Seinigen vom Würgengel verschont.

Im Jahr 1615 durfte Herberger die Freude erleben, seinen Sohn Zacharias als Prediger nach Fraustadt berufen zu sehen. Herberger’s Freund, der fromme Timäus, ward im Jahre 1614 von seiner Seite genommen. Obwohl durch zwei merkwürdige Träume darauf hingewiesen, gedachte er doch mit keinem Worte an seinen Sohn, der damals nahe daran war, seine Studien in Leipzig zu vollenden, sondern schlug dem Rathe einen schwer verfolgten Prediger in Posen vor, der aus Fraustadt gebürtig war. Die Gemeinde aber verfiel von selbst auf Zacharias und zwar einmüthig und wollte von keinem Anderen hören. Er ward daher zu Leipzig ordinirt und that am 20. März 1615 seine erste Predigt über die Worte Jeremiä: Ach HErr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Drei Jahre darauf ward Herberger’s Herz durch die Geburt eines Enkels verjüngt. Mit diesem Enkel, der auch Valerius hieß, erlosch das Geschlecht Herberger’s. Er starb 24 Jahre alt am 8. November 1641 in Königsberg, nachdem er vor seinem Ableben noch durch Testament ein Stipendium von 1000 Speciesthalern für unvermögende, zum Studiren tüchtige, Fraustädter, welche der reinen, unveränderten Confession zugethan sind, gestiftet hatte. Dieses Stipendium besteht heute noch. So mischten sich Freuden und Leiden in Herberger’s Leben. Er mußte auch noch die Schrecken des dreißigjährigen Krieges erleben. Wilde Kosakenhorden umschwärmten im Jahre 1622 die Gegend von Fraustadt, um sie Monate lang mit den schändlichsten Greueln zu erfüllen. Diese Gelegenheit wollten seine Feinde benützen, ihn aufzuheben. Aber auch hier half ihm der HErr. Von einem ehrlichen Hauptmann ward er, wie auch einst Justus Jonas in Halle, gewarnt. Dazu kamen noch bei ihm die Bekümmernisse um den Ausgang des Krieges, in den König Sigismund mit den Türken gerathen war. Alles, was ihm an Freud und Leid beschieden war, nahm er aus des HErrn Hand mit Dank und mit dem Lobspruch: „Gelobet sei der HErr JEsus in Ewigkeit!“ Wo er eine besondere Wohlthat Gottes vermerkt hatte, die ihm widerfahren war, stimmte er freudige Lobpreisungen an, wie diese: „JEsu, dir sei Ehre! JEsu, du Ritter St. Georg, sei gelobt in Ewigkeit! Ehre sei Gott in der Höhe! Ruhm, Ehr und Preis sei dir, o König Christus, der du unser Heiland bist.“ Ja, als er einmal nur „ein gemein Gesindelein“ gemiethet hatte, war es mit dem Gebete geschehen: „HErr JEsu, der du in allen Herzen herrschest, regiere uns mit deinem heiligen Geiste, daß dieser Wechsel meinem Hause zum Segen gereiche!“

6. Valerius Herberger während der Pestzeit.

Im Jahre 1613 sollte das größte Unglück über Fraustadt kommen. Es wüthete die Pest in Fraustadt und gewann alsbald eine furchtbare Gewalt. Wer nur konnte verließ die schwer heimgesuchte Stadt. Die ersten Wochen rafften 740 Menschen dahin; im Ganzen starben an der Pest 2135 Menschen. In dieser schweren langen Drangsalszeit – die Pest währte 17 Jahre – arbeitete Herberger an seiner bedrängten Gemeinde als treuer Helfer an Leib und Seele. Er brachte die Seinigen fort, blieb aber selbst zurück und mag wohl die Hälfte der 630 Leichen haben bestatten helfen, die mit der Schule beerdigt wurden, ohne daß er von der Seuche angetastet wurde. Herberger selber berichtet hierüber: „Anno 1613, bald nach Pfingsten, verjagte mich von dieser Arbeit (den Magnalia Dei) die gräuliche Pestilenz. Da mußte ich mich, weil wir den Tod alle Augenblicke vor Augen sahen, in andere Gedanken richten, und meine Pestilenzbillen ausarbeiten, und geistliches bewährtes Giftpulver aus der Bibel suchen. In dieser schrecklichen Pest bewahrte mein HErr JEsus mich und die Meinigen, daß uns nicht das kleinste Unglück begegnete. Es war gleich, als wenn ein Engel mit einem blanken Schwerte mein Haus belagert hätte, daß ihm kein Leid mußte widerfahren.“ Unter täglicher Todesgefahr hielt ihn der Glaube an Gottes Schutz fern von Furcht und Eckel. Sein Trost dabei war dieser: „Wer Gott im Herzen, ein gut Gebet stets im Vorrath, einen ordentlichen Beruf im Gewissen hat, und nicht fürwitzig ausgehet, wohin ihn weder Amt noch des Nächsten Wohlfahrt ruft, der hat ein starkes Geleite, daß ihm keine Pest beikommen kann.“ Während der Pestzeit konnte in Fraustadt Niemand an Erwerb oder Arbeit denken. Herberger bat, wo er konnte, um Unterstützung für seine Armen, Kranken und Verwaisten und vertheilte unter sie die erzielten Gaben. Er besuchte alle Kranke unermüdet, und obwohl sie ihm manchmal schon von Weitem mit den Händen winkten, zurückzubleiben, achtete er doch nicht darauf, oder trat wenigstens an das Fenster und rief ihnen noch gute Trostsprüchlein zu. In der ersten Zeit, da die Pest so grausam wüthete, begrub er manche Leiche mit dem Todtengräber ganz allein. Er ging betend voran und der Todtengräber führte ihm die Leichen auf einem Karren nach, an dem ein Glöcklein hing, daß die Leute in den Häusern bleiben sollten, um nicht angesteckt zu werden. Dennoch dachte er stündlich der nahen Todesgefahr und dichtete unter derselben in einer gesegneten Stunde des Jahres 1613 das Lied: „Valet will ich dir geben, du arge, falsche Welt“, dessen Verse mit den Anfangsbuchstaben seines Namens beginnen. Um während dieser Drangsal Jedem Gelegenheit zu geben, sich zu bereiten auf den Tod, hielt er in den drei ersten Wochen mit dem Diakonus täglich öffentliche Communion und stärkte an jedem Sonntage die Gemeinde durch ein herrliches Gebet. Erst gegen Ende des Jahres 1630 nahm man wahr, daß die Pest erlösche und am Sonntage Sexagesimä des folgenden Jahres feierte man das Dankfest. Während so Viele der Pest erlagen, erhielt der HErr am Leben die beiden evangelischen Geistlichen, die meisten Schullehrer, die Kirchen- und Armenvorsteher, Arzt und Apotheker.

Einige noch erhaltene Leichenreden Herberger’s, die er während der Pestzeit hielt, führen die Ueberschrift: „Unter der Ruthe des HErrn.“

7. Valerius Herberger als Dichter.

Valerius Herberger dichtete meist in seinen späteren Lebensjahren, mehrere Lieder, von welchen das ausgezeichnetste ist: „Valet (Abschied) will ich dir geben“. – Die Melodie dazu ist von dem damaligen Kantor am Kripplein Christi, Melchior Teschner, nachmaligem Pfarrer in Ober-Prietschen. Im Jahre 1615 wurde es gedruckt mit der Aufschrift: „Valet des Valerius Herberger, der Welt gegeben Anno 1613, im Herbst, da er alle Stunden den Tod für Augen gesehen, aber dennoch gnädiglich, ja so wunderlich, als die drei Männer im babylonischen Feuerofen, erhalten worden.“

Te Jesum sitio, terram detestor iniquam;
O coelum salve! munde maligne, vale.

JEsu, du bist mein Verlangen, vor der Erde eckelt mir;
Freudenhimmel sei gegrüßet; arge Welt, nur weg mit dir.

Hinter dem Liede steht:

Perfide munde vale! salve Salvator Jesu!
Fahre hin, du falsche Welt! sei gegrüßt, o JEsu, mein Erlöser!

Dem Liede voran aber steht noch ein Gebet aus den Psalmen und Propheten, sammt der Litanei.

Mit diesem Liede hat Valerius Herberger, wie schon angedeutet, ein Akrostichon auf seinen Namen gemacht. Im ersten Vers sind die Buchstaben Vale in’s Auge zu fassen; V. 2 gibt den Buchstaben – K; V. 3 – I; V. 4 – U (V); V. 5 – S. So ist sein Taufname Valerius vollendet.

Dieses Lied, ein Kleinod des evangelischen Liederschatzes, verbreitet und beliebt, wie wenige, hat durchaus biblischen Grund. Wir finden den 1. Vers gegründet auf die Schriftstellen: 1. Joh. 2,15. Sir. 37,3. Gal. 1, 4. Matth. 17, 4. Phil. 1, 3. Offenb. 22, 12. Matth. 5,12; den 2. Vers auf: Ps. 16, 7. Matth. 24, 22; Vers 3 auf: Hohel. 8, 6. 2. Cor. 4, 6. Ps. 23, 4; Vers 4 auf: Ps. 25, 5. Hohel. 2, 14. 2. Timoth. 4, 18. Jes. 32, 18; Vers 5 auf: Luc. 10, 20. Offenb. 3, 5. Ps. 92, 14. Röm. 8, 21. Ps. 126, 2. Offenb. 19, 11. Ps. 31, 6.

Dieses Lied wurde bald in mehrere Sprachen, selbst in die malabarische, übersetzt.

Merkwürdig sind folgende, von Koch in der Geschichte des Kirchenlieds angeführte, Notizen.

Einst wurde in der schlesischen Gemeinde Wiesa, an der der gottselige Pfarrer Schwedler stand, vor der Kommunion der 1. Vers dieses Liedes gesungen. Wie nun die Gemeinde an die Worte des Liedes zu singen kam: „Dein eitel böses Leben mir durchaus nicht gefällt“, so gerieth Schwedler in einen solchen Eliaseifer, daß er über die Orgeltöne und über so viel hundert Stimmen mit Donnerschall rief: „Um Gottes willen! was singet ihr? was gefällt euch nicht? – Der HErr JEsus gefällt euch nicht; saget ihr zu dem: Du gefällst uns nicht, so sagt ihr die Wahrheit. Ihr aber sprechet: “„die Welt!?““ Ist’s nicht schreckliche Sünde, da ihr doch wisset, was ihr Nachmittags vorhabt, dem allgegenwärtigen Gott vorzusingen: „„der Welt ihr sündliches Leben mir durchaus nicht gefällt!““ Nachdem er ihnen nun diese Wahrheit auf eine so durchgreifende und eindringende Weise vorgehalten hatte, daß sie Alle, von ihrem Gewissen überzeugt, in Jammer und Thränen da saßen, sagte er: „Nun, wenn’s so wäre, wenn’s so werden sollte, wem die Welt und ihr eitel böses Leben zuwider worden, der mag es nun in JEsu Namen bekennen.“ Da wurde endlich dieser Vers noch einmal angestimmt, aber vor Angst und Kummer mehr geweint, als gesungen, von ihrer Vielen mit einem solchen Vorsatz, der zum wenigsten zu der Stunde ein süßer Geruch Christi war. Graf Zinzendorf hat es mit angesehen und mit angehört und äußerte einstmals, als er das in einem Gespräch darüber, wie das Singen predigen helfen müsse, erzählte: „das ist heroisch und nicht zum Nachmachen.“

Dr. Valentin Ernst Löscher, Pastor an der h. Kreuzkirche und Oberkonsistorialrath in Dresden, ließ, da er an allerlei Krankheitsfällen merkte, daß die Zeit seines Abscheidens nahe sei, am 3. Sonntag nach Epiphanias 1749, als er noch mit der Gemeinde das h. Abendmahl genoß, öffentlich nach der Predigt dieses Lied singen, gleichsam als sein Abschiedslied. Und wirklich war das seine letzte Predigt; denn bald darauf, am 28. Jan. 1749, traf ihn der Schlag, eben als er seinen Leichentext in der Bibel vor sich aufgeschlagen hatte.

Der bekannte Missionar Christian Friedrich Schwarz, der 43 Jahre lang vom Jahre 1750 an so segensreich in Ostindien arbeitete, ließ sich während seiner letzten Krankheit dieses Lied alle Tage nach dem Abendgebet von den englischen Schulkindern vorsingen, bis er damit eingesungen war zur ewigen Ruhe am 13. Februar 1798.

Die Pfarrerin Maria Doroth. Marg., Pregitzer in Untertürkheim stimmte eines Montags, am 29. April 1727, als sie noch ganz gesund war, dieses Lied mit ihrem Mann und älteren Sohne an und starb dann bald darauf plötzlich – hat sich also selbst damit zu Grab gesungen.

8. Valerius Herberger’s seliges Ende.

Im Jahre 1623, am Abend vor dem 19. Trinitatis, wurde Herberger von einem Schlagfluß befallen, die erste Stimme, daß sein Abschied von der Welt nahe sei. Er konnte aber Tags darauf wieder seine Predigt halten. In sanftem Scherze pflegte er davon zu sagen: „Gottlob, Gott spielte mit mir das Evangelium von dem Gichtbrüchigen.“ Nach Ostern 1626 befiel ihn ein sehr heftiges hitziges Fieber und ließ ihn bis zum Trinitatisfeste nicht los. Obwohl er davon genas, so nahmen doch seine Kräfte von Tag zu Tag mehr ab. „Bei mir – so schloß er den dritten Theil seines Psalterparadieses – bei mir ist die Kraft sehr gelähmt. Ich gehe daher wie ein baufälliges, wackelndes Haus, das bald will in Haufen fallen. Ich wedele wie ein schwacher Strohhalm. Hilf, o HErr Christ, dem Schwachen! Soll aber ich alter, 65jähriger Vater schlafen gehen, so sei das auch zu guter Letzt mein Wort: HErr, erhebe dich in deiner Kraft, so will ich im Himmel singen und loben deine Macht. Amen!“ – Am 21. Febr. 1627 wurde er abermals von einem Schlage betroffen. Doch hielt er noch eine Leichenpredigt über 1. Mos. 18, 27. Es war seine letzte Predigt. Er soll sie, als wäre sie seine eigene, mit ungemeinen Seufzern verrichtet und mit den Worten geschlossen haben: „Nun Ade, du arme Erde und Asche, gehab dich wohl! Mein JEsu spanne mich auch aus; ich bin doch eben das, was Abraham ist; mich verlanget nach der Ruhe. HErr, meinen Geist, befehle ich dir.“ Noch desselbigen Tages warf ihn die Krankheit auf’s Lager. Zwölf Wochen ertrug er ein höchst beschwerliches Brustweh mit unermüdlicher Geduld und rief öfters: „JEsus, ach sei und bleibe mir ein JEsus!“

Nachdem er sein irdisches Haus bestellt, entschlief er am 18. Mai 1627, Dienstag nach Exaudi, gerade als die Glocke 12 Uhr nach Mitternacht geschlagen hatte, sanft und still in einem Alter von 65 Jahren, 3 Wochen und 6 Tagen. Der Tod des theuern Gottesmannes erregte allgemeine und tiefe Betrübniß. Acht Tage ließ man seinen Leichnam über der Erde um das Beschauen desselben allen Trauernden zu gestatten. Am 26. Mai wurde er zu seiner Ruhestätte getragen. Seine Gebeine wurden nicht in der Kirche beigesetzt. Er hatte befohlen, man solle ihn auf dem allgemeinen Kirchhof begraben mitten unter seine Schäflein, damit er am Tage der Auferstehung vor ihnen her und mit ihnen seinem Heilande entgegen gehen könne. Valentin Preibisch, Pastor in Glogau, hielt ihm die Leichenpredigt über Luc. 10, 20: „Freuet euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ Valerius Herberger hatte selbst diesen Text gewählt und die Eintheilung gemacht. Preibisch sollte predigen:

  1. wer der Schreiber sei, so im Himmel einschreibt;
  2. welches die Tinte und
  3. welches die Feder sei, damit Gott einschreibe;
  4. welches das Buch sei, darein Gott schreibe;
  5. was es für eine Schrift sei.

Von ihm selber solle er dann nichts anders rühmen, als daß er seinen HErrn JEsum herzlich geliebet, ihn seinen Zuhörern treulich vorgetragen, auf ihn und sein theures Verdienst gelebt habe und selig gestorben sei. Das that denn auch Preibisch und betheuerte, daß man von seinem Freunde sagen könne, was Fortunatus von dem Bischof Martinus gerühmt: „Er war ein Mann, dem JEsus seine Liebe, JEsus seine Furcht, JEsus sein Alles war.

Während sein Leichnam fast mitten im Kirchhof begraben liegt, ward sein Leichenstein an die Mauer gesetzt. Dies geschah, weil man den unversöhnlichen Haß seiner Gegner unter den Katholiken kannte, und befürchtete, daß sie die Ruhe seiner sterblichen Ueberreste irgendwie stören möchten.

9. Valerius Herbergers Werke.

Von Herbergers zahlreichen Schriften nennen wir:

  1. die evangelische Herzpostille;
  2. die epistolische Herzpostille;
  3. geistreiche Stoppelpostille aller und jeder evangelischer Texte, die an den heil. Sonn- und Festtagen nicht vorkommen;
  4. Magnalia Dei, d. i. die großen Thaten Gottes von JEsu, der ganzen Schrift und Stern;
  5. Passionszeiger;
  6. geistliche Trauerbinden, lauter Leichenpredigten;
  7. Erklärung des Jesus Sirach in 95 Predigten;
  8. Psalterparadies zur Erklärung der Psalmen, womit er aber nur bis zu Ps. 23: „der Herr ist mein Hirte“ und zwar bis bis zu V. 3 gekommen ist. Im Vertrauen auf die Hirtentreue des HErrn schließt der alte Mann. Sein Sohn Zacharias, sein Amtsnachfolger, setzte das Werk des Vaters fort von den Worten an: „Und ob ich schon wanderte im finstern Thale“ – bis zu Ps. 28.

Daniel 12, 3.

Die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz;
Und die, so Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Valerius Herberger’s sonnabendliches Gebet.

„HErr Christe, mein Tod ist nur ein Sonnabendschlaf. Es wird darauf folgen der gewünschte Sonntag. Da wirst du Alles in Allem sein. Ich habe die Woche meines Lebens zu Ende gebracht. Nun höre ich auf von aller meiner Arbeit, nun lege ich ab den besudelten Kittel meines Leibes. Ach! wie freue ich mich auf das weiße Sonntagshemd der Unschuld, das du mir wirst schenken. Wie freue ich mich auf die schönen Sonntagsröcke der ewigen Seligkeit. Da wird ein ewiger Sonntag sein. Du Sonne der Gerechtigkeit wirst uns im Himmel aufgehen und nimmermehr untergehen. Du wirst unseres Herzens Leuchte sein. Da werden wir feiern, ja heilige Wege gehen. Da werden wir zur Kirche gehen, die nicht mit Menschenhänden gemacht ist. Da werden wir den großen Redner JEsum selbst hören. Da wird das ganze Orgelwerk zusammengehen, alle frommen Herzen werden wie die Pfeifen in der Orgel zusammenstimmen und Gott in Ewigkeit preisen. Da werden sie hüpfen und springen als die Israeliten, da sie aus Egypten gezogen waren. Das laß mich, HErr JEsu, mit Freuden sehen. Amen!“

Johann Arnd

General-Superintendent zu Celle.

(Geb. 27. December 1555, gest. 11. Mai 1621.)

„So euch die Welt hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat.“ (Joh. 15, 18.)

„Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten.“ (1. Cor. 2, 2.)

Zu denjenigen Männern der evangelischen Kirche, welche nicht bloß für ihre Zeit mit dem größten Segen gewirkt haben, sondern noch fort und fort von dem heilbringenden Einfluß sind, gehört besonders Johann Arndt, der Verfasser der „vier Bücher vom wahren Christenthum.“ Es ist dies eines der herrlichsten Erbauungsbücher unserer Kirche, und unzählige Christen haben aus ihm Belehrung, Ermunterung und Trost geschöpft, und schöpfen noch immer reichlich. Viele sind dadurch auf den rechten Weg gebracht worden. Ich erinnere nur an die Salzburger, bei welchen es ganz besonders mitwirkte, daß sie zur Erkenntnis der Wahrheit kamen, und in derselben so weit gestärkt wurden, daß sie um ihres Glaubens willen Verfolgungen mit Freuden duldeten.

Johann Arndt wurde am 27. Dezember 1555 zu Ballenstädt im Anhaltschen geboren. Schon in seinem zehnten Jahre verlor er seinen Vater, der daselbst Prediger war, und wurde genöthigt, seine Vaterstadt zu verlassen. Gott sorgte aber wunderbar für ihn, und erweckte mehrere wohlthätige Leute, die sich seiner annahmen. Durch ihre Unterstützung bildete er sich auf den Schulen zu Aschersleben, Halberstadt und Magdeburg aus. Das Beispiel seines frommen Vaters, der ihn schon im zarten Kindesalter mit dem Heilande bekannt und vertraut gemacht hatte, der frühe Tod desselben, die selbstgemachte Erfahrung, daß Gott die Waisen versorgt, sowie viele körperliche Leiden und Gefahren, aus denen der Herr ihn gnädig errettete, hatten schon sehr früh den Geist des lebendigen Christenthums in ihm erweckt. Dennoch neigte er sich mit besonderer Vorliebe zum Studium der Medicin, und war fest entschlossen, wenn es ihm möglich seyn würde, ein Arzt zu werden. Deshalb beschäftigte er sich mit den Naturwissenschaften und den einzelnen Zweigen der Arzneikunde, behielt aber die schöne Sitte des älterlichen Hauses bei, täglich in der h. Schrift zu lesen, und erwählte die Schriften Luthers, Bernhards von Clairvaux und des Thomas von Kempis zur täglichen Lektüre. „Was gilt’s,“ pflegte seine Mutter zu sagen, wenn er sich über den hohen Genuß, den ihm diese Schriften gewährten, mit Begeisterung aussprach, „was gilts, er vertieft sich in dieselben noch dermaßen, daß ich ihn doch noch einst im Chorrocke seines Vaters sehe!“ Aehnlich wie bei Luther, rief der Herr einen anderen Entschluß bei Arndt hervor. Er wurde lebensgefährlich krank, und that auf dem Krankenbette ein Gelübde, daß, wenn ihn Gott wieder gesund machen würde, er sich ganz seinem Dienst weihen wollte. Der Herr nahm das Gelübde gnädig auf: er wurde wieder gesund, und er hat, so viel an ihm war, das Gelübde treulich gehalten.

Nachdem er auf den Universitäten Helmstädt, Wittenberg, Basel und Straßburg studirt hatte, wurde er als Hülfsprediger und als Lehrer an de Bürgerschule zu Ballenstädt berufen. Den sprechendsten Beweis für sein gesegnetes Wirken als Schulmann liefert schon die Thatsache, daß er sich bereits nach den ersten Wochen seines Amtsantritts auf fast wunderbare Weise theils das vollste Vertrauen der Aeltern seiner Zöglinge, theils die unbedingteste Liebe und Ergebenheit dieser letztern zu erwerben gewußt hatte, und daß ihm manche seiner damaligen Schüler später, im gereiften Alter, das Geständniß ablegten, daß sie das Gute, das etwas an ihnen sei, nächst der Gnade Gottes, seiner Unterweisung zu verdanken hätten. Er verwaltete aber auch sein Amt mit großer Treue und Gewissenhaftigkeit, und ließ es vor Allem seine Sorge seyn, sie Gott durch sein Wort erkennen zu lehren, und sie zu dem Heilande hinzuführen. Freilich mußte er auch schmerzliche Erfahrungen machen, wenn böse Buben sich seiner Zucht widersetzten, und sogar ihre Aeltern sie in Schutz nahmen. Später, wie wir hören werden, war er mit der Beaufsichtigung einer großen Anzahl von Schulen beauftragt, und da hat er es erst recht deutlich erkannt, daß ihn Gott so treu geleitet, und ihm zu den für seine spätere Amtsführung so nöthigen Erfahrungen verholfen hatte. Aber schon am 30. Oktober 1583 wurde er als Pfarrer zu Badeborn, einem Dorfe im Anhaltschen berufen. Bei seiner gesammten Amtswirksamkeit ging er davon aus, daß, wer als Prediger oder Lehrer auf Andere segensreich wirken wolle, vor allem bei sich selbst dies Werk zu beginnen habe. Er ließ sich daher das Wort des Apostels: „Habet nun acht auf euch selbst!“ auf das Ernsteste gesagt seyn. Um sich recht kennen zu lernen, uns sich tüchtig zu machen, kannte er keinen bessern Weg, als das reine Licht des Wortes Gottes. um aber dieser Frucht des Bibellesens desto gewisser zu seyn, so ließ er das Gebet der erste dabei seyn. Was seine Predigten und andere Reden betrifft, so verwandte er auf sie den größten Fleiß, und nur mit Widerwillen konnte er es anhören, wenn sich manche vermeintlich hohen Geister es zum großen Ruhme anrechnen wollten, daß sie ihre Predigten nicht ausarbeiten, und kaum einige Stunden des Nachdenkens gebraucht hätten. Der Hauptzweck aber, welchen er bei seien kirchlichen Vorträgen verfolgte, war ein anderer, als seine Zuhörer zu erbauen auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. um sie für diesen Glauben empfänglich zu machen, suchte er sie zur wahren Erkenntniß ihrer selbst zu bringen, da er wohl wußte, daß nur dann ein rechtes Verlangen nach dem Heil in Christo entstehen konnte. Er drang aber auch auf ein neues Leben in Christo, auf den wahren Glauben, der durch die Liebe thätig ist, während so oft der Glaube zu einem Ruhekissen für die Sünde gemacht würde.

Noch wichtiger aber, als sein eigentliches Predigtamt, war ihm die Seelsorge. So oft es daher Zeit und Umstände gestatteten, suchte er die Mitglieder seiner Gemeinde auf, und benutzte jede ihm sich darbietende Gelegenheit, da nachzuhelfen, wo es gerade Noth that. Er war unermüdet darauf bedacht, Entzweite zu versöhnen, Laue anzufeuern, Pflichtvergessene an ihre Obliegenheit zu erinnern, den Niedergebeugten Trost und Erquickung, den Schwachen Kraft und den Irregeleiteten Licht aus dem Evangelio zu bringen. Den Armen und Nothleidenden suchte er nach Kräften auch leibliche Hülfe zu gewähren. Und hierin sah er sich durch seine brave Gattinn auf das Kräftigste unterstützt, indem sie zahlreichen Kranken und Armen in der Gemeine theils die nöthige Kost oder Kleidung verabreichte, theils dieselben in ihren Häusern aufsuchte, und entweder selbst ihnen Pflege angedeihen ließ, oder auf andere Weise Rath schaffte. Auch die Katechismuslehre des Sonntags Nachmittags hielt er mit den Kindern sehr eifrig, um diese gleichfalls frühe zu ihrem Heilande hinzuführen.

So verlebte hier Arndt sieben glückliche und gesegnete Jahre, und noch bis auf den heutigen Tag haben sich Spuren des durch ihn gestifteten Segens in Badeborn erhalten. Noch immer lebt er im Andenken der dortigen Gemeinde fort, und sein wahres Christenthum und Paradiesgärtlein ist in vieler Händen. Da brach aber ein großer Sturm über ihn aus. Der Fürst Johann Georg von Anhalt befahl allen seinen Geistlichen, bei Strafe der Absetzung, den Exorcismus (die Abschwörung des Teufels) bei der Taufe fahren zu lassen. Dieser religiöse Gebrauch war schon lange von einem Theil als schriftwidrig bestritten worden. Selbst ganze lutherische Länder hatten ihn abgeschafft., z. B. Würtemberg. Indeß neigte der Fürst Anhalts allerdings zur reformierten Confession hin. Da Arndt die Abschaffung des Exorcismus nicht mit seinem Gewissen vereinigen konnte, und sich entschieden weigerte, so wurde er im Jahre 1590 abgesetzt, und Landes verwiesen. Zweimal verwandten sich seine Pfarrkinder für ihn bei dem Fürsten; sie wurden indeß abschlägig beschieden.

Jedoch der Herr hatte schon für seinen aus dem Vaterlande verstoßenen Knecht gesorgt. Er bekam nämlich zu gleicher Zeit einen Ruf nach Mansfeld und nach Quedlinburg. Er folgte dem letztern. Auch hier wirkte er in demselben Geiste, wie in Badeborn. Er war die ganze Woche darauf bedacht, an den Krankenbetten und in den Hütten der Kranken und Armen Trost und Erquickung zu spenden, und diesen die rechte Seelenarznei zu geben. Und der Herr war mit ihm uns seinem Worte. Er hatte die Freude, herrliche Früchte wahrzunehmen, und Viele in der Gnade wachsen zu sehen.

Allein nach einiger Zeit erwachte auch hier der Verfolgungsgeist wider ihn. Einige Leute, die durch seinen Eifer und das Haus Gottes, durch sein lauteres Zeugniß gegen die im Schwange gehenden Laster, und sein Dringen auf thätigen Glauben, theils in ihrem Weltsinn sich bestraft, theils in Verfolgung selbsterwählter Himmelswege sich gestört fühlten, erregten eine Verfolgung gegen ihn.

Der Haupträdelsführer war der Bürgermeister Lüders. Es gelang ihm sogar, ihm vielfach sein Einkommen zu schmälern, so daß er bei seinem nachmaligen Abgange von hier sich beklagen mußte, während der neun Jahre seiner Amtsverwaltung nur dreimal seine volle Besoldung erhalten zu haben. Seine Wohnung ließen sie gänzlich zerfallen, und es wurde so arg, daß Sparren, Balken und Boden über seinem Haupte verfaulten. Unter diesen Umständen blieb er daher nicht einmal von Nahrungssorgen befreit, was ihn um so mehr schmerzte, als er jetzt seinem Zuge zur Mildthätigkeit nicht so folgen konnte, wie er wünschte.

Doch dabei blieb es nicht. Weil jene Menschen sich durch seine Zeugnisse getroffen fühlten, so suchten sie ihn durch Schmähungen und Lästerungen aller Art bei seiner Gemeinde zu verdächtigen. Bald bezeichnete man ihn als einen überspannten Schwärmer, bald als einen ungläubigen Freidenker. Seine Freimüthigkeit, mit der er ohne Ansehn der Person strafte, mußte elende Rache seyn u. dgl. m. Besonders trug man sich mit Erdichtungen wegen seines häuslichen Unfriedens herum. Und wenn gleich Leute, die täglich in seinem Hause ein- und ausgingen, versicherten, nie auch nur eine Spurt davon bemerkt zu haben, so mußte es einestheils seine pharisäische Verstellungskunst seyn, anderntheils die Klugheit seiner Frau, welche solches zu verhüllen wußte. Ja, es kam so weit, daß man unter seiner Predigt lärmte, lachte, uns so auf schamlose Weise den Gottesdienst störte.

Alles dieses überwand Arndt mit großer Geduld, Sanftmuth und Treue, und erfüllte mit gleicher Liebe an Freunden wie an Feinden seine Seelsorgerpflichten. Dies zeigte sich besonders während einer im J. 1598 grassirenden Pest, welche in Quedlinburg in einem Jahre 3000 Menschen dahinraffte. In die niedrigsten Häuser ging er hinein, in denen oft ein so übler Geruch verbreitet war, daß die Einwohner kaum selbst davor bleiben konnten. Er kroch gleichsam den ganzen Tag in der größesten Hitze auf der Gasse und allen Winkeln umher, und begleitete die an der Pest Gestorbenen zu Grabe. Er predigte von Trinitatis bis Michaelis alle Tage, und erklärte den ganzen Psalter. Ueberdies hielt er viele Leichenpredigten, und besorgte nicht selten bei Solchen, deren nächsten Angehörigen bereits sämmtlich ausgestorben, oder mit der scheußlichen Krankheit noch behaftet waren, die Bestattung des Leibes in eigener Person und mit eigener Hand. Und wenn er dann des Abends, oft bis zur Erschöpfung müde, spät von seiner Arbeit heimkehrte, so ließ ihn die Liebe für seine Pflegebefohlenen auch dann noch nicht ruhen, sondern er that noch manches brünstige Gebet für sie.

Eben, als die Seuche anfing, nachzulassen, berief ihn die Stadt Braunschweig an ihre Hauptkirche. Nachdem er die Sache sorgfältig vor Gott überlegt, reiste er hin, hielt die Probepredigt, und schickte sich an, sein neues Amt zu übernehmen. Aber nun lernte Quedlinburg einsehen, welchen Schatz es verlieren sollte. Hatte man ihm früher sein Amt auf jede Weise zu verleiden gesucht, so war man jetzt aufgebracht, daß er fortgehen wolle. Man bezweifelte seine Lauterkeit, da er eine bessere Stelle annehmen wolle; man beschuldigte ihn der Undankbarkeit gegen eine Stadt, die ihn einst so gastfreundlich aufgenommen habe. Man drohte ihm, seine Besoldung nicht auszuzahlen. Wolle er seine Abschiedspredigt halten, so werde man ihm die Kirche verschließen u. dgl. m. Arndt wurde dadurch in kummervolle Verlegenheit gesetzt, und sah sich genöthigt, nach Braunschweig zu schreiben, man möge seine Abholung noch einige Zeit verschieben. Endlich gelang es durch gütliche Unterhandlung, daß er im Jahre 1599 ruhig scheiden konnte, und mit ehrenvollen Zeugnissen entlassen wurde.

Auch in den neun Jahren seines Aufenthalts in Braunschweig fand Arndt, neben vieler Liebe in seiner Gemeinde, und großer Achtung bei Hohen und Niedrigen, viel Noth, Haß und Verfolgung. Besonders schwere Leiden stürmten auf ihn ein, als er im Jahre 1605 das erste Buch seines wahren Christenthums herausgab. Es hat dies Buch, wie er es selbst ausspricht, den Hauptzweck, die Christen von dem todten Glauben ab- zu dem lebendigen hinzuführen, was der Apostel mit den Worten ausdrückt: „Ich lebe, aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir.“ (Gal. 2, 20) Diese Aufgabe ist auch herrlich gelöst, und gleich nach dem ersten Erscheinen fand das Buch eine außerordentlich freundliche Aufnahme. Es erwarb sich bald auch außerhalb Braunschweigs viele Freunde, und nahm seinen Gang durch ganz Europa. Zahlreiche Gelehrte und hochangesehene Fürsten dankten ihm, und baten um Fortsetzung der Schrift. Aber gerade je lauter der Beifall war, den seine Schriften fanden, desto mehr hatten sie bei mehreren seiner Amtsgenossen den glühendsten Neid erregt. Die Braunschweiger Prediger klagten ihn auf der Kanzel als Schwärmer und Ketzer an, warten im Beichtstuhle vor seinen, wie sie sagten, schädlichen und gefährlichen Lehren. Indem er nämlich zu sehr auf die rechtschaffene Erneuerung des Geistes, auf ein Leben in Christo dringe, und dabei Worte gebrauche, die ihnen unbekannt, also verdächtig waren, trete er der Lehre von der Rechtfertigung aus Gnaden zu nahe. Ja, sein eigener College an der Martinskirche, Denecke, that es allen andern weit zuvor, lief von Haus zu Haus, um Arndt zu verdächtigen, weil dieser nämlich mehr Liebe in der Gemeinde genoß, als er. Trotz aller dieser Unannehmlichkeiten nahm er einen Ruf nach Halberstadt, wenn er sich gleich äußerlich dadurch gebessert hätte, nicht an, sondern ließ sich durch seine ihm treu gebliebenen Pfarrkinder, und den ihm gewogenen Bürgermeister Kale bereden, zu bleiben. Wohlthuend mag im diese Anerkennung gewesen seyn; aber gleich darauf begann die harte Belagerung der Stadt durch den Herzog Heinrich Julius vom 16. Oktober 1605 bis Ende März 1606. Die Drangsale derselben hatte Arndt durchzumachen. Unsägliches Elend und große Theuerung, ja theilweise Hungersnoth waren die Folgen. Arndt litt unsäglich dabei. Auch trat die Feindschaft gegen seine Bemühungen um Belebung des wahren Christenthums immer heftiger auf. Man hörte nicht auf, ihn des Irrthums anzuklagen, daß nicht Gottes Gnade allein Alles thue bei unserer Bekehrung und Seligkeit, sondern der Mensch das Wichtigste mitwirken müsse, oder ihn als einen Schwärmer zu verschreien. Wo er hinkam, fühlte er sich beengt durch das Mißtrauen, welches ihm bewiesen wurde.

Da beriefen ihn im Jahre 1608 die Grafen von Mansfeld als Pastor und Beisitzer der Consistoriums nach Eisleben, und dankbar nahm er den Ruf, der ihn aus dem streitsüchtigen Braunschweig befreite, als Gottes Hand an. Hier ging es ihm, die erste Zeit abgerechnet, in den drei Jahren seiner dortigen Amtswirksamkeit 1608 – 1611, gut. Hier hatte er endlich einige Ruhe vor seinen Feinden; er fand offene und ihm sehr zugethane Herzen an dem Grafen von Mansfeld und an dem Superintendenten Schleupner; letzterer war sein aufrichtiger Freund. Daher konnte er auch die lange versprochenen vier Bücher vom wahren Christenthum herausgeben. Er schrieb auch die geistige Seelenarznei wieder die abscheuliche Seuche der Pestilenz. Diese trat nämlich im Jahre 1610 auch in Eisleben mit großer Gewalt auf. Arndt’s Wirken während derselben war eben das, wie früher in Quedlinburg. Er selbst machte sein Testament, und dachte ernstlich an sein Ende. Und wahrlich, es war allein die Hand des Herrn, die ihn behütete, und ihm aufs Augenscheinlichste bewies, daß der 91. Psalm seine volle Geltung noch nicht verloren hat.

Im Jahre 1611 folgte er einem Rufe als Generalsuperintendent des Fürstenthums Lüneburg nach Celle. Es kostete ihm freilich manche bittern Kämpfe, da der Graf von Mansfeld und seine Gemeinde alles aufboten, ihn zu behalten. In seiner neuen Stellung waren seine äußeren Verhältnisse wesentlich verbessert, und jetzt konnte er wohlthun und mittheilen nach Herzenslust. er hat es auch gethan. Alles Beichtgeld z. B. warf er jedesmal, ehe er zur Kirche hinausging, in den Armenkasten. Auch seine amtliche Wirksamkeit wurde viel ausgedehnter und einflußreicher. Bald finden wir ihn auf Visitationsreisen, bald in den Sitzungen des Consistoriums weise Anträge stellend, bald sämmtliche Schulen des Landes besuchend. Und in welchem Geiste, mit welcher Weisheit, und mit welchem Segen er seinen Berufsgeschäften oblag, dafür ist der sprechendste Beweis, daß sich unter seiner Leitung sowohl das kirchliche Leben, als besonders das Schulwesen wunderbar herrlich umgestaltetet. Und manche seiner trefflichen Einrichtungen verdankt Lüneburg ihm noch jetzt. So hervorragend jedoch auch seine Stellung war, nie machte sie ihn die rechte Stellung zu Christo vergessen. Er rühmte sich am allerliebsten seine Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei ihm wohne.

Unter seinen Schriften, die er in dieser Zeit verfaßte, verdienen besonders folgende erwähnt zu werden: die treffliche Postille über die Sonntagsevangelien, seine Auslegung des ganzen Psalters und Predigten über den lutherischen Katechismus. Außerdem gab er die deutsche Theologie, und eine von ihm selbst verfertigte Uebersetzung der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen heraus, und fand mit diesen Schriften Eingang bei den Erbauung suchenden Christen. Im Jahre 1618 verfaßte er eine neue, den Bedürfnissen des Landes entsprechende Kirchenordnung, durch die er sich große Verdienste um Kirche und Schule erwarb. So dringt er z. B. auf sofortige Errichtung von deutschen Landschulen, die damals nirgends zu finden waren. Gänzlich neu war ferner die Anordnung regelmäßiger Kirchenvisitationen.

Von allen Seiten, von Nah und Fern gingen Sendschreiben ein, welche den aufrichtigen Dank aussprachen für den Segen, den seine Schriften gestiftet hatten. So schrieben ihm z. B. der Herzog Georg Rudolph zu Liegnitz, der Hofprediger Weber zu Ohrdruff, der Prediger Enopius aus Reval, und tausend andere achtbare Männer Briefe voll Anerkennung und Verehrung. Selbst römisch-katholische Prälaten verehrten seine Bücher vom wahren Christenthum hoch. Der schwedische Generalfeldhauptmann, Jakob de la Gardie, liebte dies Buch so sehr, daß er es nicht bloß in Friedenszeiten fleißig las, sondern es auch in Kriegszeiten zu Feld stets mit sich führte und gebrauchte, wie Alexander den Homer. Aber auch vielfache Klagen wurden gegen ihn noch immer erhoben, und seine Rechtsgläubigkeit stark und heftig bezweifelt. Manche herbe, bittere Stunde mögen ihm diese Angriffe bereitet haben. Oft und schlagend hat er sich gegen die Vorwürfe der Ketzerei und Schwärmerei vertheidigt, und seine Uebereinstimmung mit der Lehre der h. Schrift und den symbolischen Büchern nachgewiesen.

Arndt hatte schon den ganzen Winter von 1620 auf 1621 über Mattigkeit und Schlaflosigkeit geklagt, wahrscheinlich durch vieles Arbeiten entkräftet. Am 3. Mai 1621 wurde er bettlägerig. Er hatte an diesem Tage seine letzte Predigt gehalten über Ps. 126, 5 6: „Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten; sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben.“ Als er nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: „Ich habe jetzt meine Leichenpredigt gethan.“ Anfangs schien sein Uebelbefinden nicht bedenklich, da er nur an einer anscheinend leichten Halsentzündung litt. Aber bald trat ein heftiges Fieber hinzu, so daß er stets große Hitze und einen quälenden Durst empfand, und der Rest seiner Kräfte vollends verzehrt wurde. Es wurden viele Gebete für ihn, sowohl von den Seinen, als auch öffentlich in der Kirche von der Gemeinde und in den Schulen von den Kindern zu Gott emporgesandt; aber Arndts Stunde hatte geschlagen. Er wußte es auch und hatte sich daher gleich von Anfang der Krankheit an nicht mehr um seine Amtssachen, die ihm sonst so sehr am Herzen lagen, bekümmert, um sich gänzlich mit seiner Seele Heil beschäftigen zu können. Wohl hatte er oft die heftigsten Schmerzen, aber nie zeigte er auch nur die leiseste Spur von Unmuth und Ungeduld. Am 9. Mai, Morgens um 6 Uhr, ließ er seinen Beichtvater, Wilhelm Storch, zu sich fordern, um durch den Genuß des Leibes und Blutes Christi sich noch enger mit seinem Heilande zu vereinigen. Auf dem Stuhle sitzend, sprach er andachtsvoll seine Beichte, und genoß dann, im Beiseyn seiner Frau, seiner Amtsgenossen und Anderer das h. Abendmahl. Weil er jedoch immer schwächer wurde, so sprach ihm Storch die vornehmsten Trostsprüche der h. Schrift zu, die er gewöhnlich selber beschloß. Als ihn jener auch einmal angeredet: er, Storch, zweifle nicht, daß, gleichwie er bis dahin nie einem einigen Irrthum, so Gottes Wort zuwider, zugethan gewesen, sondern allezeit bei dem reinen, klaren, lautern Wort Gottes, bei den Schriften der Propheten und Apostel, bei der ersten und unveränderten Augsburgischen Confession und Concordienformel fest und standhaft geblieben, und alle Gegenlehren ernstlich und herzlich gehasset und verworfen, er auch also bei derselben Lehre und Glauben, wie er bisher dargestellt, öffentlich gepredigt und bekannt, durch Gottes Gnade beständig bis an sein Ende bleiben und verharren werde, – erklärte Arndt mit schwacher, aber vernehmlicher Stimme etliche Male: „Ja, das will und werde ich.“ Am 11. Mai, als an seinem Sterbetage, – es war ein Freitag, und an diesem Tag eine Sonnenfinsterniß, – betete er gegen Abend die Worte des 143. Psalms: „Herr, gehe nicht ins Gericht mit Deinem Knecht!“ Es wurde ihm geantwortet, es stände Joh. 5, 24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wer mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben, und kommt nicht in das Gericht.“ Darauf schlief er ein wenig, erwachte aber bald wieder, schlug seine Augen auf, und brach in die Worte aus: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Seine Frau fragte ihn, wann er die Herrlichkeit gesehen habe. Er antwortete: „Jetzt habe ich sie gesehen; ei, welch eine Herrlichkeit ist das! Die Herrlichkeit ist es, die kein Auge gesehn, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist; diese Herrlichkeit habe ich gesehn.“ Um acht Uhr fragte er, wie viel es schlüge. Um neun Uhr wiederholte er die Frage. Als ihm die Antwort wurde, sagte er: „Nun habe ich überwunden!“ Dies waren seine letzten Worte. Bis halb zwölf Uhr lag er nun stille, und entschlief dann sanft und selig unter den Gebeten der Umstehenden, im 66. Jahre seines Alters. Am 25. Mai wurde er, allgemein betrauert, in der Pfarrkirche in Celle zur Erde bestattet. Der Herzog Christian und seine Brüder wohnten der Feier persönlich bei. Die Leichenpredigt hielt ihm Storch über 2. Tim. 4, 6 – 8: „Ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden. Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird; nicht mir aber allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung haben.“

Johannes heißt der „Gnadenvolle,“ und mit Recht gebührt ihm der Name; ebenso wenig bedeutungslos war sein Name: Arndt, welches Adler heißt. Darauf zielt das alte Verslein:

„er soll, er soll Johannes heißen!
Denn seine Seel‘ ist gnadenvoll.
Die Welt mag ihn mit Schmähen schmeißen,
und auf ihn schütten Gall‘ und Groll, –
So bleibt er doch ohn‘ allen Streit
Der größte Adler seiner Zeit.“

 

Johann Arnd

Johann Arnd

Arnd, Johann, geb. am 27. December 1555 zu Ballenstädt im Fürstenthum Anhalt. Sein Vater Jacob Arndt, den er schon in seinem 10. Lebensjahre verlor, war daselbst Prediger unter der Regierung des Fürsten Wolfgang, nicht aber dessen Hofprediger, wie insgemein behauptet wird. Er besuchte die Schulen zu Aschersleben, Halberstadt und Magdeburg; begab sich 1576 auf die Universität Helmstädt, und gieng von da nach Wittenberg, Basel und Straßburg. Am letzten Orte hätte er durch einen Fall in den Rhein beinahe sein Leben verloren. Im Jahre 1583 wurde er in sein Vaterland berufen, als Diakonus zu Ballenstädt und Pfarrer zu Badeborn, welchem Amte er 7 Jahre lang vorstand, da er dann von den Calvinisten verdrängt wurde. Er gieng von da nach Quedlinburg, wo er 9 Jahre Pastor zu St. Nikolai war, dann nach Braunschweig, wo er 10 Jahre an der Martinskirche stand, ferner nach Eisleben, wo er das Pastorat bis ins dritte Jahr verwaltete; endlich wurde er General-Superintendent zu Zelle, wo er im Jahre 1621. am 11. May gestorben. Seine letzte Predigt hatte er über die Worte gehalten: Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ärndten. Als er am Tage seines Todes einige Zeit geschlummert, erwachte er und rief mit besonderer Heiterkeit aus: Wir sahen sein Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingebornen rc. und da ihn seine Frau sagte, wann er denn diese Herrlichkeit gesehen habe, gab er zur Antwort: Eben jetzt habe ich sie gesehen, diese Herrlichkeit. Ey welch eine Herrlichkeit ist das, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, und in keines Menschen Herz kummen ist!

Valerius Herberger

Valerius Herberger

ein frommer und erbaulicher Prediger zu Frauenstadt in Pohlen, geboren daselbst am 21. April 1562. Sein Vater starb ihm in seiner Kindheit; sein Stiefvater, ein Schuhmacher, wohllte ihn zu seinem Handwerk bereden, allein sein Taufpathe, Martin Arnold, Prediger in Frauenstadt, widerrieth es unter der dem jungen Herberger einleuchtenden Persuasion, „daß sein Vater dermaleinst im Himmel, sich nach ihm, als einem hellglänzenden großen Lehre umsehen, und sehr erschrecken würde, wenn er ihn mit Schuhmacherpech besudelt erblicken sollte.“ Er studirte nun zu Leipzig, war Diakonus und seit 1598 Pfarrer in seinem Geburtsorte. Er starb am 18. May 1627.

Nachrichten von Liederdichtern des Gesangbuchs
von Immanuel Löffler.
Sulzbach, in des Kommerzienraths J. E. Seidel Kunst- und Buchhandlung.
1819

August Hermann Francke

dieser ausgezeichnete Gottesgelehrte und Stifter des Waisenhauses und des Königl. Pädagogiums zu Halle, wurde geb. am 12. März 1663 zu Lübeck, wo sein Vater, Joh. Francke, Doktor der Rechte und Syndikus bei dem Domkapitel war. Er verließ schon im 3ten Jahre mit seinen Eltern die Vaterstadt und kam nach Gotha, wo sein Vater Hof- und Justizrath bei Herzog Ernst dem Frommen wurde. Nachdem er hier das Gymnasium besucht hatte, zeigte er schon im 14ten Jahre solche Fähigkeiten, daß man ihn für reif zur Universität hielt. Er blieb aber noch bis 1679 auf dem Gymnasium zu Gotha, ging dann nach Erfurt, Kiel und Leipzig, trieb dort die Theologie und alte Sprachen, promovirte 1681, und stiftete eine Geselltschaft von Freunden, die mit ihm dem Studium der heiligen Schrift eifrigst oblagen (Collegium Philobiblicum). Er ging nun nach Wittenberg und Lüneburg, hielt sich hierauf 2 Monat in Dresden auf, und genoß hier des Umganges mit Dr. Spener. Nachdem er nach Leipzig zurückgekehrt war, hielt er daselbst praktische Vorlesungen über die heilige Schrift, die vielen Beifall fanden. Er wurde verfolgt, ging 1680 nach Erfurt, wo seine Predigten selbst von Katholiken zahlreich besucht wurden: dieß gab Ursach, daß er Befehl erhielt, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen, was unter vielen Thränen seiner Gemeine geschah. Ihm waren mehre Einladungen geworden; er ging aber nach Halle, wo eben die Universität errichtet war, und ihm die Professur der orientalischen Sprachen, späterhin die der Theologie, übertragen wurde. Mit dieser erhielt er auch das Pastorat in der Vorstadt Glaucha, die denn nun der Ort seiner frommen Stiftungen wurde. Er fing den Bau des Waisenhauses am 13. Juni 1698 an, und ward deselbe im nächsten Jahre vollendet. Er erhielt 1714 das Pastorat an der St. Ulrichskirche in Halle; seine Geschäfte, die sich von Jahr zu Jahr mehreten, machten es nöthig, daß er zur Erhaltung seiner Gesundheit 1717 eine Reise durch Thüringen, Hessen, Franken und Schwaben machte. Doch untergrub endlich eine Zurückhaltung des Urins und eine lähmende Gicht, zu welcher sie die rothe Frieseln gesellten, seine Gesundheit so sehr, daß der fromme, von aller Andächtelei freie, glaubensvolle Lehrer und Wohlthäter am 8. Juni 1727 in die ewige Freude seines Herrn und Heilandes eingieng.

Geistlicher Liederschatz
Sammlung der
vorzüglichsten geistlichen Lieder für
Kirche, Schule und Haus
Berlin, bei Samuel Elsner
Gedruckt bei Trowitzsch und Sohn
1832

Johann Albrecht Bengel

Johann Albrecht Bengel

Bengel: Johann Albrecht B., Begründer einer biblisch-prophetischen Schule in der protestantischen Theologie und hervorragender Exeget des N. T., geb. 24. Juni 1687 zu Winnenden bei Stuttgart, † 2. Nov. 1752 als Consistorialrath und Prälat in Stuttgart. Seinen Vater, Diakonus in Winnenden, verlor er schon im sechsten Jahre, wurde von einem Freunde des Hauses erzogen und vollendete seine Schulbildung auf dem Stuttgarter Gymnasium. Sein Stiefvater, der Klosterverwalter Glöckler, verschaffte ihm die Mittel, sich seit 1703 auf dem theologischen Stift zu Tübingen auf das kirchliche Amt vorzubereiten. Neben gründlichen theologischen Studien widmete er der Philologie vielen Fleiß; und auf sein Gemüth wirkten besonders die Schriften von Joh. Arndt und der Spener’schen Schule.

Nach Vollendung der Universitätsstudien war er ein Jahr Vicar in Metzingen, dann Repetent im Tübinger theologischen Stift und machte 1713 eine größere wissenschaftliche Reise durch Deutschland, welche vornehmlich dem Besuch der gelehrten Schulen und dem Studium ihrer Methoden gewidmet war. Auch knüpfte er mit angesehenen Theologen, besonders aus der pietistischen Schule persönliche Verbindungen an. Im Alter von 26 Jahren (Nov. 1713) übernahm er die Stelle eines Klosterpräceptors auf dem für künftige Theologen eingerichteten Seminar zu Denkendorf, in welchem bescheidenen Amt er fast 28 Jahre mit großer Treue und Erfolg arbeitete und im Anschluß an seine nächsten Berufsaufgaben den Grund legte zu seiner fruchtbaren schriftstellerischen Thätigkeit. Seine bedeutendsten Werke veröffentlichte er als Prälat in Herbrechtingen und fürstlicher Rath (1741–49) und wurde 1749 zum Consistorialrath und Prälat in Alpirsbach mit dem Wohnsitz in Stuttgart ernannt. Erst ein Jahr vor seinem 1752 erfolgten Tode ertheilte ihm die theologische Facultät in Tübingen die Doctorwürde.

Neben einer ungemein ausgebreiteten und auch in weite Ferne segensreichen seelsorgerischen Wirksamkeit vertrat B. in dem würtembergischen Kirchenregiment die Grundsätze weiser Mäßigung, welche den Privatversammlungen freiere Bewegung innerhalb der Landeskirche gestattete und viele tüchtige Kräfte vor dem Separatismus bewahrte und der Landeskirche erhielt. Es ist zum großen Theil ein Verdienst Bengel’s, daß sich der Pietismus in Würtemberg gesunder entwickelte, als im nördlichen Deutschland, und durch gründliche Vertiefung in die heilige Schrift und im engeren Anschluß an die öffentliche Kirche bis auf den heutigen Tag eine fruchtbare religiöse Kraft im Lande geblieben ist. In dem engeren Kreise seines Vaterlandes genoß daher B. auch mehrere Menschenalter hindurch ein prophetisches Ansehen; eine zahlreiche Schule hervorragender Schriftforscher, Prediger und Seelsorger, wie Oetinger, Steinhofer, die beiden Rieger, Ph. M. Hahn, Roos u. A. verehrten in ihm den geistlichen Vater.

Aber auch in weiteren Kreisen wuchs Bengel’s Einfluß und Ansehen, wie denn die neuere positive evangelische Theologie in ihren namhaftesten Vertretern an die von ihm ausgegangene Anregung anknüpfte. Für seine besonnene kirchliche Stellung ist ein beredtes Zeugniß seine ebenso nachdrückliche als gemäßigte Polemik gegen die Ausschreitungen des Grafen Zinzendorf und die von ihm gegründete Herrnhuter Brüdergemeinde. Sein „Abriß der sogenannten Brüdergemeinde“, Stuttgart 1751, ist ein Muster christlicher Polemik. In der Einwirkung Bengel’s auf die Theologie unterscheiden wir zwischen dem Werth seiner zum Theil sehr hervorragenden litterarischen Arbeiten und zwischen der noch bedeutenderen geistigen Anregung, die von ihm ausging. Seine Schriften beziehen sich 1) auf die kritische Revision des neutestamentlichen Textes, 2) auf die biblische Chronologie, 3) auf die Erklärung des Neuen Testamentes. Die Ergebnisse seiner von früher Zeit mit ungemeiner Sorgfalt fortgesetzten textkritischen Studien war sein 1734 erschienenes „Novum Testamentum Graecum“, verbunden mit einem ausführlichen Apparatus criticus. Das Verdienst dieser von orthodoxer Seite damals viel angefochtenen Arbeit bestand nicht allein in der Vergleichung neuer, bei den früheren Ausgaben unbeachtet gebliebener Urkunden und Zeugen – hierin überholt ihn sein Zeitgenosse Wetstein – sondern namentlich in der Unterscheidung zusammengehöriger Familien von Handschriften und in der Beleuchtung der Grundsätze zur Ermittelung der ursprünglichen Lesart. Die neuere biblische Textkritik ist seit Griesbach von den Bengel’schen Grundgedanken ausgegangen. Weniger bleibenden Werth haben Bengel’s chronologische Arbeiten „Richtige Harmonie der vier Evangelisten“, 1736 u. 1747, „Ordo temporum a principio per periodos oeconomiae divinae historicas et propheticas etc.“, 1741, „Cyclus sive de anno magno“, 1745, „Weltalter“, 1746. Wenigstens hat seine Methode, das Alter der Welt, so wie den Zeitpunkt ihres Endes in der Zukunft Christi zu berechnen und aus den Evangelien ein genaues Bild von dem chronologischen Verlauf der Geschichte Jesu zu gewinnen, sich nicht bleibend bewährt. Allein in diesen chronologischen Arbeiten, auf die B. selbst großen Werth legte und viele Zeit verwandte, verbarg sich eine tiefe und fruchtbare theologische Idee, aus der auch die apokalyptischen Schriften Bengel’s „Erklärte Offenbarung Johannes“, 1740, „Sechzig erbauliche Reden über die Offenbarung Johannis“, 1747 hervorgegangen sind.

B. sah die heilige Schrift nicht als einen dogmatischen Codex, sondern als ein Denkmal der geschichtlichen Haushaltung Gottes an, welche Christum zum Alles beherrschenden Mittelpunkt habe und vom Anfang bis zum Ende der Welt eine gleichmäßig fortschreitende Entwickelungsreihe bilde. Die innere Gliederung und Harmonie dieser historischen Entwickelung suchte er in der biblischen Chronologie auch äußerlich darzustellen und sah in dem Einblick in diese Geheimnisse der göttlichen Haushaltung eine tiefwichtige Entdeckung. So wenig nun das äußere Zahlensystem, in das er die Weltgeschichte eintheilte, oder die Deutung der Apokalypse auf den Verlauf der Kirchengeschichte, oder die Berechnung des Anfanges des tausendjährigen Reiches um das J. 1836 bleibenden Werth hat, so hat doch die reichsgeschichtliche Auffassung der Bibel und ihrer Geschichte eine neue Bahn in der evangelischen Theologie eröffnet. Das classische Hauptwerk Bengel’s ist sein „Gnomon Novi Testamenti“, Tub. 1742, ein gedrängter, aber reichhaltiger Commentar zum ganzen N. T., noch heute eine ergiebige Fundgrube für jeden Exegeten, an Klarheit und Tiefblick von keinem anderen Werk übertroffen. Auch hier weist er allenthalben auf den inneren Zusammenhang der heiligen Geschichte und deutet die biblischen Grundbegriffe, frei von dem dogmatischen System, in ihrem originalen religiösen Sinn. Mit dem Gnomon begann eine neue und fruchtbarere Methode des Schriftgebrauches in der evangelischen Kirche. Das letzte Vermächtniß Bengel’s war eine mit Anmerkungen versehene Uebersetzung des Neuen Testamentes, zu der er die Vorrede wenige Wochen vor seinem Tode verfaßte, ein von bibelforschenden Laien noch immer gebrauchtes Buch. Die theologische Bedeutung Bengel’s beruht auf einer ebenso freien, vom dogmatischen System unabhängigen, als innerlichen in die Tiefen der Heilsgedanken Gottes eindringenden Exegese und deren Anwendung auf die gesammte Theologie. Er ersetzte die dogmatische Methode des Schriftgebrauches wieder durch die grammatisch-historische; blieb aber nicht beim Buchstaben und beim Einzelnen stehen, sondern führte ein in den innern Zusammenhang der göttlichen Heilshaushaltung. Wenn seither wiederholt der Versuch gemacht wurde, die Bibel als Denkmal einer göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts auszulegen, so hat B. dazu einen nachhaltigen Anstoß gegeben. Auch seine Vorliebe für die prophetischen Schriften der Bibel stammte aus dem Blick auf das Endziel der Wege Gottes, in dessen Licht er die gesammte menschliche Geschichte betrachtete. Die mystische Tiefe eines Jak. Böhme, die ethische Wärme eines Joh. Arndt, die historische Betrachtungsweise eines Joh. Coccejus und die nüchterne, philologische Genauigkeit eines Hugo Grotius vereinigten sich in ihm. Er hat anregend, reinigend und fortbildend auf die gesammte Theologie und Kirche eingewirkt.