Karl der Große

Zu Aachen, wo manchem großen deutschen Kaiser die Krone auf das Haupt gesetzt wurde, zum Wahrzeichen, daß er der vornehmste Herrscher sei in der Christenheit, steht in dem uralten Münster ein schlichter Grabstein, darauf sind die Worte zu lesen: „Karl dem Großen. Bei diesem Steine soll Jedermann, der in die Kirche eintritt, des großen Kaisers Karl gedenken, dessen Name einst gepriesen und gefürchtet wurde von Christen und von Heiden bis zum fernen Morgenlande, weil er ein siegreiches Schwerdt führte, und doch groß und gut war und weise regierte, der auch dieses Gotteshaus gegründet hat, wo er zuletzt nach allen herrlichen Thaten bestattet worden ist, um auszuruhen von seinem schweren Tagewerke. Mehr als tausend Jahre sind seitdem verflossen, und längst ist das ganze deutsche Volk eingegangen zu den Pforten der Kirche, längst hat sich die Asche des großen Kaisers mit dem Staube vermischt, und andere Herrscher haben die Welt mit ihrem Ruhme erfüllt; aber vergessen ist er darum nicht, denn keiner von allen Kaisern war größer als er, und wollte man einen am höchsten preisen, dann sagte man: „Er hat gewaltet wie Karl der Große.“ Denn alles Leben wie es geworden ist in deutschen Landen, und weit darüber hinaus, in bürgerlichen Einrichtungen und kirchlichen Ordnungen, das gibt Zeugniß von dem was er gethan hat, und unter allen, die ein Werkzeug waren in der Hand Gottes, ist er das gewaltigste gewesen. Mit starkem Arm hat er einen großen Theil der deutschen Erde durchfurcht, damit sie jenes Senfkorn in sich aufnehme, das nun zu einem hohen Baume aufgewachsen ist, und in dem Schatten seiner mächtigen Zweige haben seitdem viele Millionen Menschen Obdach, Schutz und Frieden gefunden.

Als Karl im Jahre 768 nach dem Tode seines Vaters Pipin, der auch ein großer Herrscher war, zum Reiche kam, da hatte im Lande der Franken das Licht des Christenthums schon lange die alte Finsterniß verscheucht, denn in den Städten erhoben sich Kirchen und Bethäuser, und die Bischöfe nahmen der Lehre wahr, und den Armen und Unwissenden wurde das Evangelium gepredigt, und die Menschen wohnten friedlich neben einander wie es Christensitte und Brauch ist. Aber so stand es nicht überall. Denn auf dem festen Lande herrschte die christliche Lehre nur noch jenseits der Alpen in Italien, wo in der uralten Stadt Rom der Papst seinen Sitz hatte, der damals der oberste Bischof der Christenheit war.

Wie ein Eiland aus dem stürmischen Meere erhoben sich diese Länder unter dem Panier des Kreuzes, das hoch aufgerichtet war und weit hinausschaute in die Welt, denn rings umher waren sie eingeschlossen von Heiden und Ungläubigen, die von allen Seiten einzubringen trachteten in die Christenheit. Da wohnte im Norden von Deutschland bis zur Elbe hin das tapfere und zahlreiche Volk der Sachsen, dem das sanfte Joch Christi eine schmähliche Knechtschaft schien, und über die Elbmündung hinaus saßen die harten Dänen und Normannen, die auch Heiden waren und auf ihren Raubschiffen alle christlichen Länder heimsuchten, und tiefer nach Osten hinein die Slaven und Wenden, die bittere Feinde waren aller Deutschen und des Christenthums. Weiter hinab im heutigen Ungerlande hauste ein fremdes Volk, das wilder und grausamer war als alle andern, das hieß die Avaren. Und jenseits des hohen Pyrenäengebirges in Spanien war das weite Reich der Saracenen, die glaubten zwar an einen einigen Gott, aber ihr Glaube war verworren. Denn sie hielten Mohamed für einen göttlichen Propheten, und haßten die Bekenner der Lehre Christi. Also war die Christenheit überall von Heiden umgeben, da bedurfte es eines glaubensfesten Sinnes und eines starken Schwerdtes, um sie vor Schaden zu hüten und den Untergang des Reich abzuwehren. Auch hatte Karl viele und schwere Kämpfe zu bestehen; denn wo einer die Hände nach seiner Hülfe ausstreckte, da erschien er mit seinem Heere, und alle seine Kriege hat er allein zum Schutze wider die Heiden geführt, und zum Beistande der Schwachen wider übermüthige Feinde.

Zuerst aber rief der Papst seine Hülfe an gegen den mächtigen König der Langobarden, der hatte dem Papste mehrere Städte entrissen und ihn in seinem eigenen Sitze bedroht. Da überstieg Karl mit seinem Heere die Alpen und lagerte sich vor Pavia, der festen Hauptstadt des Königs. Der aber stand auf dem höchsten Thurme der Stadt und schaute hinaus nach dem feindlichen Lager. Als er nun den König Karl erblickte im glänzenden Helmschmuck, wie er weit kenntlich vor den andern hoch auf seinem Rosse saß mit dem Speer in der Hand, da erschrak er über den gewaltigen Mann, der Muth entsank ihm, und er stieg vom Thurme herab. Bald darauf wurde die Stadt erobert und das ganze Reich der Langobarden, und der Papst war gerettet, und alle christlichen Reiche in Italien, Frankreich und Deutschland, gehorchten fortan nur einem Herrscher, dem Könige Karl. Als er nur wenige Jahre darauf einen Reichstag hielt mit den Großen des Landes zu Paderborn, da erschienen abermals Bittende vor seinem Throne; das waren Statthalter der Saracenen, die schon von seiner Macht und Weisheit gehört hatten. Sie unterwarfen sich und ihre Städte seinem Regimente, und flehten, er möge ihnen zu Hülfe kommen wider die Bedrückungen des Chalifen, der in Spanien herrschte. Karl aber hieß sie willkommen und erkannte in ihrer Bitte den Ruf, daß er die Kirche solle wiederherstellen helfen im Lande der Saracenen. Und er zog über die Pyrenäen und den großen Fluß Ebro, und eroberte die Stadt Saragossa; alles Land aber, durch welches er gekommen war, gehorchte ihm von jetzt an. Da er nun auf dem Rückwege einherzog, auf engem Pfade zwischen den steilen Felsenwänden, deren Spitzen sich in die Wolken verlieren, da brachen aus verborgenen Klüften die feindlichen Gebirgsvölker hervor, und viele tapfere Mannen wurden erschlagen, oder in den Abgrund gestürzt; doch Karl und die Seinen brachen sich Bahn und erreichten die Heimath wieder.

Hier aber warteten seiner noch schwerere Kämpfe. Denn schon vorher hatte der blutigste unter allen Kriegen begonnen, den Karl je bestanden hat, gegen die Sachsen. Der kostete vielen Tapfern auf beiden Seiten das Leben, und hat drei und dreißig Jahre lang gedauert. Schien es aber, er sei beigelegt, so brach er wie eine alte und unheilbare Wunde immer wieder von Neuem aus. Die Sachsen und Franken waren Nachbaren und von alten Zeiten her Feinde. Wenn nun die heidnischen Sachsen einfielen in das Reich und die Kirchen verbrannten, dann faßten auch die heimlichen Heiden, die noch unter den Franken im Verborgenen lebten, neuen Muth und drohten sich zu erheben, darum war dieser Krieg gefährlicher als alle anderen. Lange Zeit wechselte Sieg und Niederlage, und Bekehrung und Abfall, aber der König ruhete nicht eher als bis er die Sachsen bezwungen und ihren harten Sinn gebrochen hatte. Da empfingen ihre vornehmsten Führer die Taufe, und das Volk nahm den Glauben und die Sitte der Christen an. Da nun der König im Sachsenlande Burgen und Kirchen errichtet hatte, überschritt er auch die Elbe und lernte die Völker der Wenden und Slaven kennen. Einen Theil von ihnen und auch die Böhmen unterwarf er dem Reiche, und so kam das Christenthum auch zu diesen. Dann aber ging er wider die Avaren im Ungerlande, die eine Plage waren für alle benachbarten Völker, denn sie plünderten weit und breit, und häuften alles geraubte Gut in ihren festen Plätzen zusammen. Doch Karl eroberte ihre Festen, entriß ihnen den Raub, und legte Grenzwehren wider sie an, damit das Reichs gesichert wäre vor ihren Einfällen. Auch die Dänen bekriegte er, und schloß dann einen Frieden mit ihnen, daß ihre Raubschiffe ihm fortan keinen Schaden mehr thäten.

So hatte Karl ein großes Reich gestiftet, wie seit Jahrhunderten keines war gesehen worden, denn alle deutschen Stämme gehorchten ihm und die Völker in Italien und Frankreich, die Saracenen am Ebro, die Slaven an der Elbe und die Avaren an der Raab. Ueber dreißig Jahre waren nun unter wechselnden Geschicken verflossen, da geschah es, daß Karl wiederum nach Italien ziehen mußte, denn abermals hatte der Papst seinen Schutz angerufen. Der Papst, welcher damals in Rom herrschte, hieß Leo; gegen den erhoben sich seine Feinde, und da er im feierlichen Zuge durch die Straßen ritt, fielen sie über ihn her und verwundeten ihn. Da aber seine Wunden geheilt waren, entfloh er aus der Stadt, und eilte nach Deutschland, das mit Karl ihm helfe. Als dieser die Bitte Leo’s vernommen hatte, wurde er zornig über die geschehene Frevelthat, bot seine Mannen auf und zog nach Rom. Hier untersuchte der König Alles nach dem Rechte, strafte die Frevler und stellte den Frieden wieder her. Da es nun um die Weihnachtszeit war, so beging er zu Rom das hohe Fest wie es sich ziemt. In der Peterskirche aber war er zugegen mit seinen Rittern bei dem feierlichen Hochamte, und als er niedergekniet war vor dem Altare, da legte ihm der Papst vor allem Volke eine Kaiserkrone auf das Haupt, und begrüßte ihn als Kaiser und Herrn der Christenheit. Das Volk aber rief mit lauter Stimme: „Heil und Sieg dem erhabenen Karl, dem großen und erlauchten Römischen Kaiser, den Gott gekrönt hat.“ Das war ein großer und feierlicher Augenblick, wie er selten vorkommt in dem Leben der Menschen, denn das war der Ursprung und Anfang des deutschen Kaiserthums, das tausend Jahre bestanden, und auf die Geschicke vieler Völker eingewirkt hat bis auf den heutigen Tag. Karl aber nannte sich von nun an einen Kaiser von Gottes Gnaden, und achtete sich für einen Schirmherrn der Kirche und Vorsteher der Christenheit, dem Gott das Amt gegeben, daß er in Kirche und Reich zum Rechten sehe, und die Seelen Aller, die Gott seiner Herrschaft untergeben habe, den Weg des Heils führe.

Als ein wahrer Kaiser trug er nun Sorge für das große wie für das Kleine, für Recht und Gerechtigkeit, für den Schutz der Armen und Bedrängten, für die Kirche und die Reinheit ihrer Lehre, für Predigt und Gottesdienst, für Schulen und Unterricht der Kinder und die Wissenschaft. Alles dessen nahm er wahr neben den Sachen des Staats, den Kriegen und Heerzügen und Botschaften, die er aus Theilen des Reichs anhörte. Auch durchzog er das Land und wollte überall selbst sehen und hören wo zu helfen sei. Dann versammelte er die Grafen, Bischöfe und Aebte, und berieth mit ihnen das Wohl des Landes, und gab Gesetze und ordnete alles, wie es am besten schien.

Vor Allem aber sorgte er für die Kirche, für ihre Erhaltung, wo sie eben gepflanzt war, für ihre Förderung und Besserung, wo sie schon länger bestand. Weil nun bei den Sachsen das Heidenthum am tiefsten eingewurzelt war, sandte er dorthin die kräftigsten Streiter und Arbeiter. Da predigte und taufte Liudger, Lebuin und Willehad, die ihre Gedenktage im christlichen Kalender haben. Auch theilte er das ganze Land in Sprengel, denen er Bischöfe vorsetzte, damit sie auf das Heil des Volkes sehen und das Gewonnene erhalten möchten. So wurden Bischofsitze errichtet in Paderborn und Münster, in Osnabrück und Bremen. Und auch zu den Avaren wurde von Salzburg aus das Christenthum gebracht. Mit den Bischöfen aber wachte der Kaiser über die Reinheit der Lehre, und wenn sich irgendwo zum Verderben der Leute Irrlehrer erhoben, dann trat er ihnen mit den scharfen Waffen des Geistes entgegen, und suchte sie auf den richtigen Weg zurück zu führen. Doch die Bischöfe selber ermahnte er zu untadelichem Wandel und zur Wachsamkeit über Leben und Predigt der Priester, daß sie dem Volke das lautere Evangelium verkündigten, und nichts aufkomme was der Schrift zuwider sei. „Sie sollen predigen,“ verordnete der Kaiser, von der Dreieinigkeit und der Menschwerdung Christi, sie sollen das Laster strafen, zur Liebe ermahnen, Glaube und Hoffnung erwecken und auffordern zu allen christlichen Tugenden, damit die Leute vom Bösen lassen und das Gute thun.“ Zum Muster und Vorbilde ließ er eine Sammlung der Predigten der alten und großen Kirchenlehrer machen. Damit aber die Priester nicht aus Unwissenheit in Irrlehren verfielen, und zu allen Zeiten Rechenschaft geben könnten von dem Inhalte der heiligen Schrift, wollte er, daß sie auch in Sprache und Wissenschaft sollten bewandert sein. Darum rief er große Gelehrte, die damals vor allen Ländern in Italien und England waren, an seinen Hof, und an den Bischofsitzen und in den Klöstern ließ er Schulen einrichten. Auch die Kinder sollten in dem Glauben unterrichtet werden, und der Kaiser achtete es nicht unter seiner Würde, in den Schulen in ihre Mitte zu treten, und sie zu loben oder zu tadeln. Dann aber stellte er im ganzen Reiche alle verfallenen Kirchen wieder her, und erbaute neue, unter diesen aber war ihm keine lieber als die zu Aachen. Die schmückte er mit kaiserlicher Pracht und ließ Säulen, Marmor und Kunstwerke aus Rom und Ravenna kommen, und hier feierte er am liebsten die hohen Feste Weihnachten und Ostern. Damit nun solche Feste begangen würden wie es sich gebührt, berief er berühmte Lehrer des Kirchengesanges aus Italien, daß die Franken auch hierin unterwiesen würden; auch ließ er Orgeln in den Kirchen aufstellen.

War nun Friede im Reiche, dann lebte der Kaiser in seinem Palaste mit jenen gelehrten Männern, und im Umgange mit ihnen suchte er selbst noch zu lernen in allen guten Dingen. So lernte er noch in späten Jahren fremde Sprachen, und versuchte zu schreiben, und ließ sich unterrichten in allen Künsten und Wissenschaften, wie sie damals getrieben wurden. Oft unterredete er sich mit den gelehrten Bischöfen und Aebten über die Vorzeit, über die Bücher der heiligen Schrift, und über Gott und göttliche Dinge, denn er durstete nach der Erkenntniß des Grundes auf dem alles Leben ruht, und dann rief er aus: daß Gott mir solche Männer senden möchte, wie der h. Hieronymus und Augustinus waren!“ Vor allen liebte er den h. Augustinus, und selbst wenn er bei der Mahlzeit saß, ließ er sich aus dessen Buche vom Reiche Gottes, vorlesen. Sonst war der Kaiser in seiner Lebensweise ein schlichter Mann, der einfach einherging wie die übrigen seines Volkes. Dennoch aber erkannte Jedermann, daß er der Kaiser sei und ein gewaltiger Herrscher. Er war groß von Gestalt, hatte leuchtende Augen, ein offenes und freies Antlitz und eine helltönende Stimme. Fest und majestätisch schritt er einher, und wer in seine Nähe kam, der blickte auf ihn mit Ehrfurcht. In allen Künsten des Kriegs und der Tapferkeit war er wohlerfahren, und unter allen Königen jener Zeit war er an Weisheit und Hoheit des Sinne der erste. Wie er ein jegliches Ding nach seinem Wesen erkannt hatte, also führte er es aus, und war dabei unerschütterlich, und zagte nicht in der Gefahr, noch überhob er sich im Glücke.

Als er nun längere Zeit geherrscht hatte, verbreitete sich sein Ruhm weit hinaus über die Grenzen seines Reichs zu fremden Fürsten und Völkern bis in das Morgenland; da schickten sie alle Gesandte nach Aachen an den Hof, daß sie mit dem Kaiser die gemeinsamen Dinge besprächen. So thaten die stolzen Kaiser in Constantinopel und auch der Chalif des Arabischen Reichs, der ihm herrliche Geschenke übersandte. Auch der Patriarch von Jerusalem schickte ihm die Schlüssel des heiligen Grabes, weil der Kaiser unter allen Königen der Christenheit der mächtigste war, und die heiligen Orte unter seine Obhut nehmen sollte. Denn auch die Christen in Jerusalem und Alexandria, und wo sie sonst in Asien und Afrika seines Schutzes bedurften, hatte er zu allen Zeiten unterstützt. Weil aber nun Karl so viel Gewaltiges vollbracht hatte, darum nannten ihn seine Zeitgenossen den Großen; er aber nannte sich nicht so, sondern demüthigte sich in seinem Herzen und sagte: „Gott allein ist groß, ihm allein gebührt die Ehre“. Denn auch an schweren Prüfungen neben den vielen Kriegen hat es ihm nicht gefehlt. Im Reiche empörte sich der Baiernherzog, der ihm nahe verwandt war, wider ihn, so daß er ihn absetzen mußte, und einer seiner Söhne machte eine Verschwörung unter dem Volke, und trachtete seinem Vater nach Leben und Reich, da ließ ihn der Kaiser in ewiges Gefängniß sehen. Dann starben seine besten und tapfersten Söhne Karl und Pipin vor ihm, die schon in mancher heißen Schlacht glücklich für ihn gekämpft hatten. Das beugte den Kaiser tief, denn er dachte sein Reich unter sie zu theilen, daß sie dereinst neben einander herrschen sollten in der Weise des Vaters. Nun aber war noch der jüngste seiner Söhne übrig, der hieß Ludwig und wurde der alleinige Erbe des weiten Kaiserreichs.

Seit der Zeit aber alterte Karl rasch, und nachdem er sechs und vierzig Jahre rastlos gewirkt hatte, sehnte er sich von seinem großen Tagewerke auszuruhen, und er fühlte, daß er nun bald sterben werde. Darum begann er sein Haus zu bestellen und berief seinen Sohn Ludwig nach Aachen. Hier aber versammelte er einen großen Reichstag, wie er ihn oft gehalten, und ermahnte die großen und Mächtigen, daß sie seinem Sohne die Treue bewahren sollten unverbrüchlich, wie sie ihm gethan hätten. Dann aber war ein feierliches Hochamt in der Kirche, da erschien Karl noch einmal in seiner kaiserlichen Pracht, aber schon war er schwach, und wenn er ging, mußte er sich auf seinen Sohn stützen. Dann knieten beide nieder und beteten lange, und auf dem Altare vor ihnen lag eine Kaiserkrone. Als sie sich erhoben hatten, sprach der Kaiser mit lauter Stimme zu seinem Sohne, und vor den Bischöfen und Grafen und unzähligem Volke ermahnte er ihn zum letzten Male, er solle Gott alle Zeit vor Augen haben, die Kirche solle er schützen vor Bedrückung und Unbill, die Bischöfe ehren als seine Väter, das Volk lieben wie seine Kinder, den Frevlern ein strenger Richter sein, den Armen ein Vater, Gerechtigkeit solle er üben gegen Jedermann, und selber unsträflich wandeln vor Gott und allem Volke. „Willst du mir in allen diesen Dingen gehorsam sein?“ Da antwortete Ludwig: „Ich will es mit Gottes Hülfe.“ Dann befahl der Kaiser, daß er die Krone vom Altar nehme und zum Zeichen des Kaiserthums selbst sich auf das Haupt setze. Ludwig that wie ihm geheißen, und sie stimmten mit allem Volke den Lobgesang an, und kehrten in den Palast zurück.

Also schloß Karl mit der Welt ab. Nun lebte er still in seinen Gemächern, ging bei Tage und, wenn er es vermochte, bei nächtlicher Weile zum Gebete, las viel in den evangelischen Büchern und verbesserte ihre Abschriften mit eigner Hand. Nicht lange nachher aber ergriff ihn ein heftiges Fieber, seine Kräfte schwanden mehr mit jedem Tage, und er fühlte, daß nun sein Ende nahe. Da ließ er einen getreuen Bischof kommen, und empfing aus seiner Hand das Abendmahl. Als nun der Morgen des 28. Januar 814 anbrach, war seine letzte Stunde gekommen. Da bezeichnete er sich mit dem Kreuze, faltete die Hände über der Brust, schloß die Augen und betete mit leiser Stimme: „Herr in deine Hände befehle ich meinen Geist. Das waren seine letzten Worte, dann verschied er. Bald aber verbreitete sich die Kunde, daß der Kaiser, der so viele Jahre ruhmvoll geherrscht hatte, gestorben sei, und überall war tiefe Trauer und Klagen, denn Alle fühlten, daß ein großer Mann von ihnen geschieden sei.

Darauf wurde er feierlich bestattet in der Kirche zu Aachen, die er selbst erbaut hatte. Der Körper aber wurde einbalsamiert, und bekleidet mit den kaiserlichen Gewändern und der Krone, und umgürtet mit dem Schwerdte, so wurde er auf einen Thron gesetzt in einer Nische des Grabgewölbes. Auf seinen Knieen lagen die Evangelien, zu seinen Füßen das Scepter und kaiserliche Schild, so daß er auch im Tode als Kaiser zu herrschen schien. Alsdann wurde das Grab geschlossen, und diese Worte darauf gesetzt: „In dieser Gruft ruht der Leib des großen und frommen Kaisers Karl, der das Reich der Franken ruhmvoll vergrössert und sieben und vierzig Jahre segensreich geherrscht hat. Er starb über siebzig Jahr alt im Jahre des Herrn 814 am 28. Januar.“ So lebte und starb Kaiser Karl der Große.

R. Köpke in Berlin.

Nonna

Das Christenthum verlangt den ganzen Menschen und bietet sich der ganzen Menschheit als Heils- und Lebensquelle dar. Hierin bleibt es für Alle und zu allen Zeiten sich selbst vollkommen gleich. Doch aber tritt es nach dem unerschöpflichen Reichthum seines innern Wesens auch wieder in ein besonderes Verhältniß zu verschiedenen Zeitaltern, Völkern, Geschlechtern und Personen, je nach deren eigenthümlicher Art und vorwaltendem Bedürfniß. Ein lebendiges Vorbild hiervon ist uns der große Apostel der Völker: er hatte für alle nur ein Evangelium, das von Christo dem Gekreuzigten, den Juden ein Aergerniß den Heiden eine Thorheit; dennoch ist er in seiner evangelischen Liebe und Weisheit den Juden ein Jude, den Heiden ein Heide geworben.

Ein ganz besonderes, ebenso schönes und zartes, als tiefergreifendes Verhältniß besteht zwischen dem Christenthum und der Frauenwelt. Und zwar ist dieses Verhältniß nach beiden Seiten hin von großer Wichtigkeit, ebenso für das weibliche Geschlecht wie für das Christenthum selbst. Dürfte man auf diesem Gebiete von menschlichem Verdienst sprechen, so würde man sagen müssen, daß sich nicht nur das Christenthum um die Frauen das höchste Verdienst erworben, sondern daß auch diese sich um das Christenthum verdient gemacht.

Wenn das Christenthum sich überhaupt als weltumwandelnde göttliche Kraft bewährt hat, so hat es als solche sich wieder in ganz besonderer Art bethätigt zum Heil und Frommen des weiblichen Geschlechts. Das Christenthum erst hat die volle Werthschätzung jeder unsterblichen, zur Ebenbildlichkeit und Gemeinschaft Gottes geschaffenen Seele in die Welt gebracht, und eben damit, ohne das naturgemäße Verhältniß der Unterordnung zu zerstören, das Weib in seiner unvergänglichen Würde an die Seite des Mannes gestellt, in reiner, göttlich geweihter Liebe ihm verbunden. Das Christenthum erst hat die Familie im höchsten Sinne begründet als Haus und Tempel Gottes, im Kleinen, als den ersten ursprünglichsten Feuerheerd alles höheren Lebens, aller Frömmigkeit und Sitte, in dessen Bereich alle Angehörigen zubereitet werden sollen zu jeglichem Guten, großen und Schönen in der größeren Lebensgemeinschaft, und hat der Frau, vornehmlich aber der Mutter die herrliche Bestimmung gegeben, die Pflegerin des heiligen Feuers, die belebende und erwärmende Seele in diesem Kreise zu sein. Das Christenthum endlich hat auch außer dem Hause den Frauen erst ihren wahrhaft gottgefälligen Wirkungskreis angewiesen, das große, unermeßliche Feld der Werke helfender Liebe, und ihnen eben damit sowohl die schönste innere Befriedigung verheißen, als das königliche Siegel seiner eigenen Huld und Schönheit auf die Stirn gedrückt. Mit einem Wort: das Christenthum erst hat das Weib in seiner ächten unvertilgbarer Hoheit geschaffen, in der Hoheit des Glaubens und der Demuth, in der Würde, die aus der Freudigkeit der Aufopferung und aus dem still wirkenden Geiste erbarmender und dienender Liebe entspringt, als die in gleicher Weise zum Höchsten und Ewigen bestimmte Genossin des Mannes und als die Seele der Familie, die ein Tempel Gottes für sich selbst und ein Grundstein des Reiches Gottes. im großen sein soll.

Hinwiederum hat auch das Christenthum in seiner zeitlichen Erscheinung den Frauen vieles zu verdanken, von jenen biblischen Frauen an, die den Herrn glaubend und liebend umgaben, bis auf eine Elisabeth Frey herab, die in seinem Geiste die Gefangenen besuchte und allen Mühseligen Hülfe brachte. Was schon in früher Zeit das Christenthum auch seinen Feinden ehrwürdig machte und ihm viele seiner Siege verschaffte, die Bewährung einer bis dahin unerhörten Bruderliebe, die aufopfernde Fürsorge für Arme, Kranke und Unglückliche aller Art, die Gastfreundschaft gegen Lebende und die Theilnahme selbst für Verstorbene, wurde vornehmlich von Frauen geübt; und was zu allen Zeiten dem Christenthum Bahn brach in die Familie und, indem es ihm hier seine recht heimische Stätte bereitete, das beste Lebensfundament für die Kirche und das ganze menschliche Gemeinwesen legte, auch das ist einem guten Theile nach auf die Frauen zurückzuführen. Durch Frauen am meisten ist das Christenthum in seiner Milde und Innigkeit, in seinem stillen gottseligen Sinn, in seiner duldenden Kraft und in seiner opfernden Liebe verherrlicht worden; durch sie sind vielfach die Männer gewonnen, die Kinder in der Zucht und Vermahnung zum Herrn herangezogen, durch sie die ersten, nicht mehr zu zerstörenden Keime der Frömmigkeit in die Seele von Söhnen gelegt worden, die nachmals als weitleuchtende und tiefwirkende Kirchenlehrer oder als Lebensführer in der christlichen Gemeinschaft auftraten.

Der letztere Punkt ist ganz besonders wichtig und einen Fall dieser Art haben wir in einem leuchtenden Muster vor uns. Unter den Frauen des christlichen Alterthums, die, obwohl bescheiden im häuslichen Kreise verbleibend, doch durch ihre Söhne weit hinauswirken durften auf das Ganze der Kirche, haben sich vornehmlich drei dem gesegneten Andenken der Christenheit empfohlen: Anthusa, die Mutter des Johannes Chrysostomus, Monika, die Mutter des Augustinus, und diejenige, der wir diese Blätter widmen, Nonna, die Mutter des Gregorius von Nazianz. Durch diesen Sohn Gregorius, einen der vorzüglichsten griechischen Kirchenlehrer im vierten Jahrhundert, wegen eifriger und erfolgreicher Vertheidigung der Lehre von der Gottheit Christi mit dem Beinamen des „Theologen“ beehrt, ist auch der Name der Mutter in der Kirche berühmt geworden. Aber es ist nicht bloß um dieses Lichtes willen, welches von dem Sohn auf die Mutter zurückfällt, weshalb wir uns hier ihr Bild vorhalten; sondern es geschieht um ihrer selbst willen, weil sie uns, wie nicht viele andere, das schöne Verhältniß zwischen dem Christenthum und der Frauenwelt in ihrer Person anschaulich macht, weil sie, selbst durch das Christenthum wiedergeboren und neubeseelt, der erneuernde und belebende Mittelpunkt einer christlichen Familie wurde, deren Gliedern sich ihr Geist durch stillen Einfluß mittheilte und in deren Schooße auch ihr Sohn Gregorius allein das werden konnte, was er geworden ist.

Das Land, in welchem diese Familie, zuerst vielleicht auf einem Landsitze Arianzus, dann in der kleinen Stadt Nazianzus lebte, trug damals den Namen Cappadocien und bildete, dem innern Kleinasien angehörig, einen Theil des ungeheuren Römerreiches. Die Kappadocier galten für tapfer, aber auch für treulos, tückisch und verwildert, und waren selbst in einem gangbaren Sprichwort übel berüchtigt. Gerade unter einem verwilderten Geschlechte jedoch erweckt sich der göttliche Geist oft um so kräftigere Werkzeuge, und unter verdorbenen Umgebungen bildet sich das christliche Leben um so reiner, fester und strenger heran. Dazu kam, daß das Christenthum damals in diesen Gegenden zwar weit verbreitet, aber noch nicht allgemein durchgedrungen war. Es galt also noch Kampf mit dem Heidenthum und einen strengen Gegensatz gegen alles Heidnische. Das alles sehen wir in dem Wesen der Nonna sich abspiegeln; und wenn ihre christliche Frömmigkeit bei großer Tiefe und Innigkeit, in ihrer Kraft auch etwas Strenges und besonders dem Nichtchristlichen gegenüber, auch etwas scharf Ausschließendes und mitunter Gesetzliches hatte, so werden wir das nicht nur der menschlichen Beschränktheit zu gute halten, sondern wir werden es in diesen verderbten Umgebungen und in dieser Uebergangsperiode des Christenthums aus der Kampfeszeit und dem Heldenalter in die Zeit des Friedens und der Herrschaft ganz natürlich und nothwendig finden. Wir haben uns hier vornehmlich das christlich Rechte und Schöne in ihrer Persönlichkeit vor Augen zu stellen.

Nonna, aus einer angesehenen, längst christlichen Familie abstammend, war mit Sorgfalt im Christenthum erzogen worden. Ihr Gatte dagegen, welcher auch Gregorius hieß, gehörte einer nichtchristlichen Religionspartei an, deren Mitglieder den Namen Anbeter des Höchsten, Hypsistarier, führten, weil die Grundlage ihrer Religion der einfache Glaube an einen höchsten, allmächtigen Gott war, womit sie jedoch überlieferte Religionsbestandtheile, vermuthlich jüdische und persische, verschmolzen zu haben scheinen. Der eifrig christlichen Nonna war es ein tiefer Herzenswunsch, ihren Ehegenossen für das Christenthum zu gewinnen. Unter stetem Flehen zu Gott drang sie in ihn mit Bitten und Mahnungen; vor allem aber suchte sie ihm ihren Glauben durch thätige Frömmigkeit und liebevolle Hingebung zu empfehlen. Das letztere war ohne Zweifel das wirksamste. Daran können wir nicht zweifeln, wenn wir uns das Wesen der Nonna mit den Worten ihres Sohnes vergegenwärtigen: „Sie war eine Hausfrau nach dem Sinne Salomo’s; in allen Dingen ihrem Gatten nach den Gesetzen der Ehe unterthan, schämte sie sich nicht, in wahrer Frömmigkeit seine Lehrerin und Führerin zu sein. Sie löste die schwere Aufgabe, eine höhere Bildung, vornehmlich in der Erkenntniß göttlicher Dinge, und strenge Uebung der Andacht mit pünktlicher Sorge für ihr Hauswesen zu vereinigen. War sie im Hause thätig, so schien sie von den Uebungen der Frömmigkeit nichts zu wissen; beschäftigte sie sich mit Gott und seiner Verehrung, so schien ihr jedes irdische Geschäft fremd zu sein: so war sie bei jedem ganz und ungetheilt. Erfahrungen hatten ihr unbegrenztes Vertrauen auf die Wirkungen des glaubensvollen Gebetes eingeflößt. Sie war daher die fleißigste Beterin, und überwand durch das Gebet auch die tiefsten Empfindungen des Schmerzes über eigene und fremde Leiden. Sie hatte dadurch eine solche Gewalt über ihre Seele erlangt, daß sie bei allem Traurigen, was ihr begegnete, nie einen Klagelaut ausstieß, ehe sie Gott dafür gedankt hatte. Am wenigsten hielt sie es für geziemend, Thränen zu vergießen oder ein Trauerkleid anzulegen an den Tagen der christlichen Festfreude; so vollständig war sie durchdrungen von dem Gedanken: eine gottliebende Seele müsse alles Menschliche dem Göttlichen unterordnen. Wichtiger als die Uebungen der Andacht war ihr thätiger Gottesdienst: Unterstützung der Witwen und Waisen, Besuchen der Armen und Kranken. Unerschöpflich war ihre Freigebigkeit, ja fast in Leidenschaft ausartend, so daß sie – auch dies sind Worte ihres Sohnes – wohl zu sagen pflegte: sie könnte, wenn es anginge, sich selbst und ihre Kinder verkaufen, um das erlöste Geld den Armen zu geben.“ Ein tägliches Vorbild dieser Art konnte auf den ernsten, empfänglichen Sinn des Gatten nicht ohne Einfluß bleiben. Er fand sich zuletzt von dem christlichen Geist seiner Gattin überwunden und ein Traum befestigte entweder seinen Entschluß oder brachte ihn zu voller Klarheit. Es war ihm, als ob er die Stelle Psalm 122,1. sänge: „Ich freue mich deß, das mir geredet ist, daß wir werden in’s Haus des Herrn gehen.“ Gregorius wurde im Beisein von Bischöfen, die gerade damals zur ersten großen Kirchenversammlung nach Nicäa reisten, (325) getauft; er verblieb nun auch nicht mehr lange im Laienstande, sondern ward Priester und bald nachher zum Bischof der in letzter Zeit vernachlässigten Gemeinde von Nazianz verordnet. Dieses Amt bekleidete er mit Kraft und Milde 45 Jahre lang bis zu einem fast hundertjährigen Alter. „Er war – um auch über ihn das Zeugniß des Sohnes anzuführen – ein Mann von feurigem Geist und ruhigem Antlitz; sein Leben war voll Hoheit, sein Sinn voll Demuth; sein Wesen schlicht und recht, fromm ohne Scheinheiligkeit; seine Kleidung einfach, sein Umgang sanft und zuvorkommend; er theilte gern mit, aber die Freude des Gebens überließ er seiner Gattin.“

Nachdem in solcher Weise Nonna ihren Gatten für Christenthum und kirchliches Wirken gewonnen, war der feste Grund zu einem christlichen Familienleben gelegt. Dieses breitete sich nun ganz natürlich und ohne innern Gegensatz auch in den Kindern aus, doch so, daß offenbar am meisten die Mutter die Seele des höhern Lebens im Hause blieb. Die Eltern hatten drei Kinder, eine Tochter Gorgonia, zwei Söhne, Gregorius und Cäsarius. Sie waren unter sich sehr verschieden, namentlich die Brüder, reiften aber alle drei zu trefflichen, von christlichem Geiste erfüllten Persönlichkeiten heran. Am nächsten stand wohl dem Herzen der Mutter der Sohn Gregorius, der nachmals berühmte Theologe, und auf ihn ging auch am meisten, man kann sagen schon mit der Muttermilch, ihr Geist über.

Nonna hatte sich einen Sohn gewünscht und denselben, wenn er ihr zu Theil werden sollte, schon vor der Geburt den Dienste Gottes gelobt. Als sie wirklich eines Knaben genas, der nach dem Vater Gregorius genannt ward, eilte sie mit ihm zur Kirche und legte zum Zeichen der Weihe seine zarten Hände auf die heilige Schrift. Gregorius verglich nachher oft seine Mutter mit der Anna, die ihren Sohn Samuel auch schon vor der Geburt dem Dienste des Herrn geheiligt hatte. Natürlich erzog Nonna den ihr geschenkten Sohn ganz in dem Sinne ihres Gelübdes. Frühe gab sie ihm, nach dem Vorbild der ersten Weihe, die heilige Schrift auch zum Lesen und zur Beherzigung in die Hand und pflegte in ihm den ernsten, innerlichen, von der Welt abgezogenen Sinn, der einen Grundzug seines Wesens ausmachte. Als er im Jünglingsalter verschiedene Lehranstalten in entlegenen Ländern besuchte, um sich die Schätze der damaligen Bildung anzueignen, war es das Bewußtsein, daß das Gebet der Mutter ihn begleite, waren es noch mehr die im Elternhause empfangenen Lebenseindrücke, was ihn nicht nur in äußerer Gefahr z. B. einem schweren Seesturm stärkte, sondern ihn auch vor inneren Gefahren bewahrte. Es scheint dies namentlich ein Seelenschutz für ihn gewesen zu sein während seines Aufenthalts in Athen, wo damals noch den studierenden Jünglingen das Heidenthum von allen Seiten reizend und verlockend entgegentrat. Nur so konnte er auf den Punkt geführt werden, wo er selbst wieder als einflußreicher Kirchenlehrer andern zur Stärkung und Befestigung gereichte.

Nach Vollendung ihrer Studien, denen sie an verschiedenen Orten obgelegen, kehrten die Brüder Gregorius und Cäsarius, glücklich zusammentreffend, in das Vaterhaus zurück. Oft hatte die jetzt schon betagte Nonna Gott im Gebete darum angefleht, daß ihre Söhne gemeinschaftlich das elterliche Haus wieder betreten möchten. Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Beide kamen wohlbehalten und tüchtig ausgerüstet zu den Ihrigen zurück. Aber von da an schlugen sie ihrer Eigenthümlichkeit gemäß verschiedene Lebenswege ein. Gregorius, mehr ein Abbild der Mutter, gab sich mit Vorliebe der stillen Betrachtung und dem Studium göttlicher Dinge hin und konnte nur durch die Gewalt der Umstände bewogen werden, auf den Schauplatz kirchlicher Wirksamkeit hinauszutreten, auf welchem er jedoch, besonders während seiner bischöflichen Thätigkeit zu Constantinopel in entscheidender Zeit, durch Festigkeit des Glaubens, Macht und Glanz der Beredsamkeit, und ernste christliche Lebenshaltung bedeutende Erfolge erzielte. Cäsarius dagegen, der sich der Natur- und Arzneikunde mit Auszeichnung gewidmet hatte, war durch sein, mehr dem Vater ähnliches, Wesen vorherrschend auf das Wirken in der Welt angewiesen; er gelangte zu hohen Ehren, wurde kaiserlicher Leibarzt und bekleidete selbst vorübergehend ein ansehnliches Staatsamt; aber auch in der günstigsten Lage verleugnete er die christlichen Grundsätze, die er in der Jugend in sich aufgenommen, nicht; es war auch am Hofe sein Stolz, den Namen eines Christen nicht nur zu führen, sondern zu verdienen, und sein Bruder konnte an ihm eine hieraus entspringende Eigenschaft, die in solcher Lage so selten ist, rühmen: hohe und ungeheuchelte Einfalt. Gegen Ende seines Lebens wollte auch Cäsarius sich in die Stille zurückziehen; aber der Tod überraschte ihn: doch hatte er noch vorher die Weihe der Taufe empfangen, denn es kam damals, einer weit verbreiteten Sitte zufolge, auch bei christlich ernsteren Personen nicht selten vor, daß sie die Taufe bis in eine spätere Lebenszeit, ja bis zum Herannahen des Todes verschoben.

Die Mutter Nonna überlebte alle die Ihrigen, mit Ausnahme ihres Sohnes Gregorius, der auch ihr die letzten Pflichten der Liebe und Verehrung erweisen konnte.

Zuerst starb ums Jahr 368 oder 369 Cäsarius. Als seine irdischen Reste zu den Gräbern der Märtyrer hingetragen wurden, folgte auch Nonna dem Zuge, nicht im Trauerkleide, sondern im weißen Gewande festlicher Freude. Sie erkannte die christliche Bedeutung des Todes als einer Geburt zum höhern Leben, und überwand ihre Trauer durch heilige Psalmgesänge. Gregorius feierte das Andenken des Bruders durch eine Rede, in welcher er unter andern sagte: der Verklärte werde wohl jetzt über alles hier unten von oben herab lächeln „über die sogenannten Reichthümer und Ehren, über den falschen Ruhm, über den verführerischen Sinnenreiz und über den Sturm dieses Lebens über das alles werde er lächeln, zur Seite des großen Königes stehend und durch das von ihm ausstrahlende Licht erleuchtet.“

Bald darauf folgte im Tode die Schwester Gorgonia. Auch sie war nach der Weise der Mutter eine wackere Hausfrau und fromme Christin gewesen. Nach dem Tode sich sehnend, hatte sie nicht nur ein Vorgefühl desselben, sondern auch eine Ahnung von der Zeit seines Eintretung. Sie bereitete sich darauf vor, wie auf einen Festtag, versammelte Gatten, Kinder und alle die Ihrigen um ihr Lager und nahm von ihnen unter erbebenden Gesprächen über ein besseres Leben Abschied. Es war eine heilige Feier, an der auch die alte Mutter Theil nahm. Schon schien die Sterbende nicht mehr zu athmen, da bewegten sich noch einmal ihre Lippen und hauchten mit dem Geiste die Worte des frommen Lobliedes aus: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden.“

Nach langer und schwerer Krankheit, in welcher die Tröstungen des Christenthums seine Stärkung waren, verschied, vermuthlich im Frühling 374, auch der Vater Gregorius. Es wurde ihm zu Theil, was der edle Heide Epistet sich wünscht: er starb betend. Die höchste Achtung und Liebe seiner Gemeinde folgte ihm, und auch ihm hat sein Sohn in einer Leichenrede ein dauerndes Denkmal gesetzt. In dieser Rede ruft der Sohn der einsamen Mutter folgende Worte zu: „Das Leben, meine Mutter, und der Tod, wie man das nennt, obgleich sie sehr verschieden zu sein scheinen, geben doch in einander über und treten eines an des andern Stelle. Das Leben beginnt von Verderbniß, unsrer allgemeinen Mutter, und geht durch Verderbniß hindurch, indem uns das Gegenwärtige immer entrissen wird, und endigt auch mit Verderbniß, mit der Auflösung dieses Lebens selbst. Der Tod aber, der eine Erlösung von den jetzigen Uebeln gewährt und zu einem höheren Leben führt, ich weiß nicht, ob man ihn eigentlich Tod nennen sollte, da er mehr dem Namen als der That nach furchtbar ist. Es gibt nur ein Leben, auf das (göttliche) Leben hinzuschauen; es gibt nur einen Tod, die Sünde; denn sie ist der Seele Verderben. Alles Uebrige aber, um deßwillen manche sich stolz erheben, ist ein Traumgesicht, ein verführerisches Trugbild der Seele. Wenn wir so denken, o meine Mutter, dann werden wir uns des Lebens wegen nicht überheben, noch um des Todes willen uns ängstigen. Denn was doch erdulden wir Schlimmes, wenn wir von hier zum wahren Leben hindurch dringen, wenn wir, aus allem Wandel, aus allem Strudel, aus allem Ueberdruß, aus aller Zinsbarkeit an das Schlechte befreit, dort sein werden bei den ewigen, nicht mehr wandelbaren Dingen, als kleine Lichter das große Licht umkreisend!“

Diese Worte des Sohnes schienen für die Mutter, deren ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tod gewesen, eine noch nähere Mahnung an das Ende zu sein. Wahrscheinlich überlebte die Hochbetagte ihren Gatten nicht lange. Sie hatte einen Tod ihres Lebens würdig. Ohne von Kränklichkeit oder Alter niedergebeugt zu sein, ging sie zum Gebet in die Kirche. Hier in dem Gotteshause, welches ihr Gatte großentheils erbaut und vor dem Altar, wo er so lange als treuer Hirte gedient, ward ihr das Ziel der Lebensbahn gesteckt. Wahrscheinlich vom Schlage gerührt, hielt sie sich mit der einen Hand am Altare fest, die andere erhob sich flehend zum Himmel und sank dann mit den Worten zusammen: Sei mir gnädig, mein König Christus!“ Und sie wurde, betrauert von allen, besonders von Armen, Witwen und Waisen, bei den Märtyrern zur Seite ihres Gatten bestattet. Der allein überlebende Sohn feierte sie durch eine Rede und durch mehrere Gedichte. In einem derselben sagt er: „Beweinet, Sterbliche, das sterbliche Geschlecht! Wenn aber jemand wie Nonna betend starb, dann weine ich nicht.“

Indem wir hiermit die Lebensschilderung der Nonna schließen, wird vielleicht der Leser sagen: ist darin nicht fast mehr von andern, von ihrem Gatten und ihren Kindern, die Rede gewesen, als von ihr selbst? Wir antworten: Nein; während von diesen die Rede gewesen ist, ist von ihr die Rede gewesen. In ihnen und durch sie lebte sie; in ihnen hat sich ihr eigenstes, innerstes Leben entfaltet und fortgesetzt. Eben das ist die hohe, herrliche Bedeutung der christlichen Hausfrau und Mutter: indem sie für sich in ihrem Gott und Erlöser etwas Aechtes und Wahres ist, ist sie das Beste und Schönste für andre und in andern. Will man sie schildern, so muß man ihre Familie schildern. Damit haben wir dann auch einen Blick gethan in eine edle Familie des christlichen Alterthums, eine Familie, durch den liebevoll gewinnenden Einfluß der Gattin und Mutter gegründet auf denselben Glauben und in der natürlichen Verschiedenheit ihrer Glieder zusammengehalten durch die eine göttlich geweihte Liebe. Die katholische Kirche erkennt diese innerliche Zusammengehörigkeit der Familie unserer Nonna dadurch an, daß sie alle Mitglieder derselben als Heilige verehrt. Wir evangelische Christen können das, im Hinblick auf den einen Mittler, Versöhner und Vertreter und auf das durch ihn allein hergestellte Kindschaftsverhältniß zu Gott, nicht in demselben Sinn thun. Aber auch uns weiset unser Bekenntniß an, das Andenken christlich geheiligter Personen zu erneuern, damit wir ihren Glauben und ihre guten Werke nach der Berufung nachahmen. Und so mag auch uns das Vorbild einer solchen Familie in dem Sinne heilig sein, daß wir den Geist, der sie durchdrang, im eigenen Hause pflegen, ohne durch die Verehrung menschlicher Tugend, die immer mangelhaft bleibt, von der heiligen Urquelle alles Guten, von dem, der allein gut ist, in irgend einer Weise abgeleitet, vielmehr um immer tiefer und lebendiger in seine Gemeinschaft hineingeführt zu werden.

C. Allmann in Heidelberg.

Widukind

Dreihundert Jahre waren verflossen seit die Franken das Evangelium angenommen hatten. Seitdem hatten sich auch die übrigen deutschen Stämme dem Kreuze unterworfen bis auf einen, das waren die mächtigen Sachsen, die wohnten zwischen dem Rhein und der Elbe und nach Süden hin tief in das Land hinein. Sie waren Heiden in Glauben und Sitte, und wie in alten Zeiten ihre Väter gelebt und gethan hatten, so lebten und thaten auch sie noch, und wollten nimmer lassen von ihrer angestammten Weise. Darum haßten sie alles was ihnen von andern Völkern kam, und so verwarfen sie mit dem Bösen auch das Gute und wurden Feinde des Christenthums, das sie doch nicht kannten. Viele von ihnen hausten noch in Schluchten und Thälern und bei den dunkeln Bächen, die tief im Walde rinnen, wo das Wild seine Lagerstätte hat. Auch ihr Sinn war wild und zügellos, und dort im Waldesdunkel, an verborgenen Orten, hatten sie ihre Altäre und Opferstätten, denn sie meinten, es hätten die Götter vornehmlich in hoben und rauschenden Bäumen ihren Sitz. Vor Allem aber achteten sie einen großen Baum heilig an dem war ein Götterbild befestigt, dieser Baum hieß Irmensäule und lag bei dem festen Orte Eresburg an der Diemel. Auch wähnten sie im Gesange der Vögel und im Wiehern ihrer Pferde die Stimmen der Götter zu vernehmen. Das gemeinsame Wohl aber beriethen sie in großen Versammlungen des Volkes, und wenn ein Krieg ausbrach, wählten sie einen obersten Führer aus den Mächtigen des Landes.

Bei dem Stamme der Westfalen war einer der angesehensten Widukind, der ragte hervor durch Adel seines Geschlechts und Reichthum an Land und Knechten. Seine Stimme galt bei Allen, denn er war klug im Rathe, tapfer und besonnen in der Schlacht, seinem Volke und seinen Göttern eifrig ergeben, und oft hatte er die Sachsen im Krieg geführt. Da nun Kaiser Karl zur Herrschaft kam, wollte er auch die Sachsen für das Christenthum gewinnen, und auf dem Heereszuge in ihr Land begleiteten ihn Bischöfe und Aebte, die sollten versuchen, ob die Sachsen auf ihre Predigt hören würden. Und Karl stürzte die heilige Irmensäule in den Staub und kam bis zur Weser. Die Sachsen aber vertheidigten sich tapfer, und Widukind kämpfte unermüdlich an ihrer Spitze. Kehrten aber die Franken in ihr Land zurück, dann stand er hinter ihnen auf mit allem Volke und verfolgte sie. So schwankte der Krieg manches Jahr hin und wieder, bis der Kaiser abermals im Sachsenlande erschien. Da ließen sich viele taufen und unterwarfen sich. Widukind aber entfloh über die Elbe zu den Dänen, die auch Feinde des Kaisers waren, und wartete ab, bis dieser heimgezogen sei. Darauf kam er wieder in das Land, und rief das Volk zum Kampfe auf für seine alten Götter, da fielen alle vom Christenthum ab, das Heer des Kaisers wurde geschlagen, die Sachsen drangen bis zum Rhein, verwüsteten die Felder, verbrannten die Kirchen und erschlugen die Priester. Auch im Lande der Friesen machte Widukind einen großen Aufstand und die Altäre der Götzen wurden wieder aufgerichtet. Da kam ein großer Schrecken über die Franken, und der Kaiser wurde zornig und kam mit einem größeren Heere, und drohte dieses hartnäckige Volk auszurotten, weil es immer von Neuem auf Abfall sinne. Widukind aber entwich von Neuem zu den Normannen, und der Kaiser hielt ein blutiges Strafgericht über die Sachsen.

Nun erkannte der Kaiser, daß nimmer das Christenthum Eingang finden würde im Lande, bevor er nicht Widukind‘s eisernes Herz bezwungen habe, und er beschloß ihn durch Milde zu gewinnen. Also sandte er Boten aus und ließ ihm sagen, er solle nicht länger wider den Stachel löken, sondern das Evangelium annehmen, er möge nicht selbst sein Volk in’s Verderben führen, der Kaiser wolle ihn halten und ehren, wie es einem tapfern Manne gezieme. Widukind überdachte aber, wie er dem Kaiser in so viel Schlachten Schaden gethan habe an Land und Leuten, und er meinte, er könne ihm nimmer vergeben; aber er bedachte auch, wie viele der Seinen schon gefallen waren, wie die Götzenbilder gestürzt wurden, und die Welt rings umher eine andere geworden war; da erkannte er, daß er es nicht vermöge wider den Stachel zu löken. Als nun der Kaiser einen andern Boten sandte, und ihm gelobte, daß er nimmer an Rache denke, und daß Widukind seinem kaiserlichen Worte vertrauen möge, da glaubte er ihm und verließ das Sachsenland, und mit ihm ein anderer Führer Namens Abbio. Der Kaiser aber beschied sie nach der Stadt Attigny im Frankenreiche. Da trat Widukind vor den Kaiser, und beide tapfere Männer sahen sich von Angesicht zu Angesicht, und verziehen einander Alles was sie sich Böses gethan hatten, und Widukind empfing die Taufe in der Kirche zu Attigny im J. 785.

Also hatten die Sachsen ihren besten Führer verloren, und ihre Kraft war seitdem gebrochen. Widukind aber führte die Waffen nicht mehr wider die Franken, sondern lebte nach Christenweise, und wurde der Stammvater eines mächtigen Geschlechts, das zu allen Zeiten festhielt am Christenthum und eifrig bemüht war, es unter seinem Volke auszubreiten.

R Köpke in Berlin.

Thomas von St. Paul

Wie, wenn der Schnee lange in den März hinein gelegen hat, und dann in einer warmen Nacht schmilzt, und man findet am Morgen die Schneeglöckchen und Leberblümchen und Veilchen schon in Blüthe stehen: so sah es aus vor drei Jahrhunderten, als nach dem langen Winter des Papstthums plötzlich der Frühlingshauch der Reformation über Deutschland und von da über die andern Länder Europas wehte. Es war ein junges frisches Glaubensleben, wie in der apostolischen Zeit, wieder in der Kirche erwacht, überall traten Glaubenszeugen und Bekenner mit der frohen Botschaft des lautem Evangeliums auf und sammelten Gemeinden zu gleicher Gesinnung und gleichem Leben. Auch nach Frankreich hatte der Reformationsgeist sich Bahn gebrochen, und um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts finden wir schon protestantische Gemeinden in Paris, in Meaux, in Poitiers, Angers, Bourges, Tours und Orleans; in ganz Frankreich gegen 1200 theils größere, theils kleinere, zum Theil wohlhabende protestantische Gemeinden; kurz, über eine Million Menschen, die sich offen und entschieden zum evangelischen Glauben bekannten.

 

Wie aber in der Natur im Frühlinge Gewitter die Erde erschüttern und sie fruchtbar machen, so blieben auch in der Kirche diese Erschütterungen nicht aus. Konnte das Papstthum auch gegen die so reißend um sich greifende Reformation mit Gewalt nichts ausrichten, so ließ es doch seinen alten Haß gegen die Wahrheit wenigstens an einzelnen Bekennern derselben aus; aber auch da offenbarte sich die siegende Kraft des Evangeliums, für welches sie ihr Leben opferten. Hatte König Franz der Erste die sogenannten Hugenotten verfolgt, weil er glaubte, ihre Lehre predige Ungehorsam und Empörung, so nahmen diese Verfolgungen unter seinem Nachfolger Heinrich dem Zweiten, welcher 1547 den Thron bestieg, noch einen ernsteren Charakter an. Während er mit den Protestanten in Deutschland sich verband und ihnen Hülfe sandte, um des Kaisers Uebermacht zu brechen, verfolgte er sie in seinem eigenen Lande mit der größten Grausamkeit. Kein Geschlecht, kein Alter, kein Stand blieb verschont. Der erfinderische Kardinal von Lothringen hatte eigene Kammern für die Bestrafung der Ketzer angelegt, die von dem Strafmittel, dessen sie sich bedienten, den Namen der Feuerkammern erhielten. Ein Inquisitor, Namens Mouchy, hatte unter seinem Befehl ein ganzes Heer von Spionen, die Tag und Nacht beschäftigt waren, die Schlachtopfer aus allen Winkeln herbeizuholen. Straflosigkeit und ein Theil des konfiscirten Vermögens war den Anklägern versprochen. In Folge dessen sah man treulose Dienstboten gegen ihre Herrschaften, Frauen gegen ihre Männer aufstehen und sie dem Blutgericht überliefern. Im Jahre 1549 wurde zu Paris ein Schauspiel gegeben, das eines Nero würdig war. Nach einer prächtigen Procession in die Kathedrale begab sich der Hof auf einen Balcon am Grive-Platze und sah hier zu, wie unter verschiedenen Gerüsten Feuer angezündet wurden, über welchen man überführte Ketzer an Ketten, die in Rollen liefen, bald hinabließ, bald heraufzog, bald wieder hinunterließ, um ihre Qualen zu verlängern. Das Entsetzliche dieses Anblicks erschütterte selbst den König; dennoch wurde diese Maßregel fortgesetzt. Wie aber in der apostolischen Zeit, so offenbarten auch hier wieder die französischen Märtyrer einen Muth im Bekenntniß der Wahrheit, eine Festigkeit der Ueberzeugung, eine Freudigkeit zum Sterben für ihren Herrn und Heiland, daß von neuem das Blut der Märtyrer der Same der Kirche wurde, und man oft in die Scharfrichter dringen mußte, die Hinrichtung zu beschleunigen, damit nicht die anwesenden Zuschauer durch den erbaulichen Anblick der Sterbenden zur Ketzerei verführt wurden. Unter der Zahl dieser Blutzeugen finden wir Menschen aus allen Ständen und Altern, unter Andern auch einen Jüngling von achtzehn Jahren Thomas von St. Paul, der, zu Soissons geboren, im Jahre 1549 sich mit seiner Mutter, seinen Brüdern, und vielen andern Verwandten nach Genf begeben und dort die von Calvin gepredigte neue Lehre kennen gelernt und lieb gewonnen hatte. Nachher hatte er in seinem Geschäft mancherlei Reisen in Frankreich unternommen, insbesondere im Jahre 1551 in den Herbergen, wo er übernachtete, viele Gefahren ausstehen müssen, weil er die Gotteslästerungen, welche er dort hörte, und die im Schwange gehenden Laster, deren Augenzeuge er war, nicht ungestraft hatte hingehen lassen können. Gott hatte ihn aber aus all‘ diesen Gefahren errettet und ihn gesund und unverletzt nach Paris geführt, damit er dort für die evangelische Wahrheit und gegen deren zahlreiche Feinde öffentlich Zeugniß ablegen könnte. Gelegenheit dazu fand sich bald. Als er eines Tages auf dem Markte seine Waare verkaufte, traf sich’s, daß ein Gotteslästerer den Namen Gottes schrecklich mißbrauchte. Unmöglich konnte Thomas, heiligen Eifers voll, dazu schweigen, und obgleich er erst ein Jüngling von achtzehn Jahren war, drang er in den Lästerer mit gar freundlichen und lieblichen Worten und bat ihn, daß er sich in’s künftige vor einer so großen Sünde in Acht nehmen möchte. Der erbitterte Gotteslästerer nahm aber diese Ermahnung übel auf, und in der Voraussetzung, Thomas müsse ein Lutheraner sein, ließ er auf ihn aufpassen, wo er hinginge und seine Wohnung hätte.

 

So bedenklich und gefährlich war es damals überhaupt, nur ein frommes und ernstes Wort zu sprechen. Kaum hatte er seine Wohnung ausgekundschaftet, so zeigte er ihn sofort bei Johann André an, welcher mehrere Jahre hindurch in Paris ein Hauptverfolger der Protestanten war. Die Folge war, daß er ergriffen und in das Gefängniß, Chastelet genannt, geworfen wurde. Es wurde nun der Prozeß gegen ihn eingeleitet. Man bemächtigte sich der Briefe, welche er bei sich führte, um aus ihnen Anklagen gegen ihn feststellen zu können; doch bewiesen diese Briefe viel weniger gegen ihn, als die entschiedenen mündlichen Bekenntnisse, welche er unerschrocken vor den Richtern ablegte. Er wurde darauf zum Feuertode verurtheilt, weil er sich, wie die Richter sagten, muthwillig und halsstarrig d. h. getrost und standhaft, im Bekenntniß seines Glaubens gezeigt hatte.

 

Was die Richter auch aufboten, die furchtbarsten Martern und Peinigungen, oder die Anerbietungen des Lebens und der Befreiung, um ihn vom Glauben abwendig zu machen und zum Widerruf zu bewegen, es war Alles vergeblich. Es war ihnen ja auch nicht um das Leben und die Jugend des Verurtheilten zu thun, sondern allein darum, ihn in’s Verderben zu stürzen und durch seinen Abfall ein Aergerniß zu bereiten, Gott aber stärkte den jugendlichen Zeugen wunderbar und gab ihm Gnade, daß er die unüberwindliche Wahrheit des Evangeliums wider alle Anfechtungen getrost und beständig vertheidigte. Ungeachtet sie ihn auf’s furchtbarste marterten, wie man damals nur Mörder und Straßenräuber zu peinigen pflegte, ungeachtet sie drohten, sie würden ihn in Stücke zerreißen, wenn er nicht seine Glaubensgenossen ihnen anzeigte, hat er keinen angegeben, als nur einige wenige, von denen er sicher wußte, daß sie aus ihren Händen entronnen und bereits an solchen Orten angelangt waren, wo man das Evangelium ungehindert predigen und hören konnte. Nicht ein einziger evangelischer Christ in Paris ist durch ihn in Gefahr gekommen. Die Richter indeß hörten nicht auf, ihn zu foltern, um ihm Geständnisse abzuzwingen; aber wer malt ihr Staunen und ihre Verwunderung, als er fest und bestimmt ihnen erwiderte: „Wie kommt es doch, daß ich euch so viele fromme Leute nennen soll? was soll euch das nützen, als nur, daß ihr sie auch also zu martern denket, wie ihr jetzt mich martert? Wenn ich wüßte, daß ihr ihrem Beispiel wolltet nachfolgen und frommer werden, so wollte ich sie euch wohl anzeigen: aber ich weiß, wenn ihr sie in eurer Gewalt hättet, ihr würdet, wo es möglich wäre, noch grausamer mit ihnen umgehen als jetzt mit mir.“ Darauf befahlen die erbitterten Richter dem Henker, er solle die furchtbarsten Folterwerkzeuge hervor holen und an ihm gebrauchen, und sprachen: „du Schelm, du mußt deine Mitgenossen anzeigen, oder wir wollen dich in Stücke zerreißen.“ Die Henker gehorchten und wurden zuletzt bei diesen Folterungen so matt und müde, daß sie die Hände sinken ließen. Da legte sich der eifrigste Verfolger, der Lehrer der Sorbonne, Maillard, als er einsah, daß alle seine Bekehrungsversuche an Thomas scheiterten, mit seinem ganzen Leibe auf die Seile, damit der arme Dulder desto mehr ausgespannt würde, und bereitete demselben solche unerhörte Schmerzen, daß selbst der römische Kommissarius Albertus, der damals dabei gewesen, ein sonst unbarmherziger und grausamer Mensch, und besonders der Evangelischen blutdürstigster Feind, solche Quälerei nicht länger ansehen konnte, sondern mit Thränen in den Augen davon ging und später in einer Gesellschaft ausdrücklich bezeugte: er habe oft und von vielen Dingen, auch von der Reformation und ihren Lehren mit diesem Thomas gesprochen und gefunden, daß er durchaus ein frommer, ehrliebender und aufrichtiger Mensch sei. Wie in der apostolischen Zeit, so stärkte auch jetzt Gott seinen Bekenner auf außerordentliche und übernatürliche Weise; Thomas von St. Paul überstand alle diese Martern mit unerschütterlicher Standhaftigkeit und ward auch bei ihm der Glaube der Sieg, der die Welt überwand. Nun wurde er von seinen Richtern zum Tode verurtheilt und auf den Platz geführt, wo er sollte lebendig verbrannt werden.

 

Maillard ging ihm immer zur Seite, ihn unaufhörlich plagend mit seinen Zuredungen, und noch beim Feuer das Leben ihm zu wiederholten Malen anbietend, wenn er sein abgelegtes Bekenntniß widerrufen wollte. Thomas entgegnete ruhig, „er wolle lieber tausendmal sterben, wenn es möglich wäre“ Darauf wurde er am Gerüst heraufgezogen, und als er das Volk ermahnen wollte, das Feuer angezündet. Nachdem ihn das Feuer wohlversengt und verbrannt hatte, wurde er auf Maillard’s Befehl wieder herausgezogen und ihm eröffnet: wenn er seine Meinung ändere und an den obersten Rath appelliren würde, so sollte er noch davon kommen. Thomas schrie, so laut er konnte: „Weil ich bereits auf dem Wege zu meinem himmlischen Vater gewesen bin, so bringet mich doch wieder darauf und lasset mich wandern.“ Darauf wurde er endlich verbrannt, nachdem er als ein tapferer Kriegsmann Jesu Christi ritterlich gestritten; und hat zu Paris seine Ehrenkrone erlangt am 19. September 1551. Er gehört mit zu der Zahl derjenigen, von denen Psalm 148, Vers 12, sagt: „Jünglinge und Jungfrauen sollen loben den Namen des Herrn,“ und an welche Johannes schreibt: „Ich habe euch Jünglingen geschrieben, daß ihr stark seid und das Wort Gottes bei euch bleibt und den Bösewicht überwunden habt.“

 

Friedr. Arndt in Berlin.

Raimund Palmarius

Zu der Zeit da Kaiser Friedrich Barbarossa mit Heeresmacht zum ersten Male über die Alpen zog, wohnte in Piacenza, einer mächtigen Stadt im Lande Italien, ein stiller Handwerksmann, der war weder reich noch arm, sondern wessen er bedurfte das hatte er; denn er nährte sich redlich von seiner Hände Werk, betete und arbeitete und kümmerte sich nicht um der Welt Händel. Dieser Mann hatte einen Sohn Namens Raimund, den wollte er auch zu einem schlichten Handwerker erziehen. Darum gab er ihn, als er soweit herangewachsen war, zu einem andern Meister in die Lehre. Der Knabe aber hatte einen eigenen Sinn und war nicht wie die Gespielen seines Alters. Er war still und in sich gekehrt, und trachtete nicht nach dem was die Jugend liebt und wünscht, sondern sehnte sich nach etwas Anderem, das er noch nicht kannte, das schien weit ab von ihm zu liegen in ungewisser Ferne. Da er nun älter wurde, erfüllte ihn mehr und mehr eine Unruhe, den Weg zu finden, der zum Leben und zur Wahrheit führt; darum hätte er am liebsten den geistlichen Stand gewählt, doch aber gehorchte er seinem Vater und blieb bei dem Handwerke.

Da geschah es nach einiger Zeit, daß sein Vater starb. Raimund fühlte, er werde bei einem Handwerke nimmer den Frieden finden, denn es brannte auf seinem Herzen wie ein heißer Durst, und er lechzte danach ihn zu löschen aus dem Quell jenes lebendigen Wassers, von dem gesagt ist, wer von diesem Wasser trinkt, den wird ewiglich nicht durften. Und obwohl er nur arm war und unwissend in Kenntnissen und ohne Erfahrung der Welt, so sollte doch an ihm offenbar werden, daß der Geist weht wo er will, und man hört ein Brausen wohl, und weiß nicht von wannen er kommt noch wohin er fährt. Ein Zeuge sollte er werden dafür, daß hoch und niedrig, alt und jung, geistlich und weltlich gleich sind vor Gott, der sich eine Werkzeuge erweckt aus denen die geringe sind und niedrig vor der Welt. Raimund aber entschloß sich in der Unruhe seines Herzens, wie damals viele Tausende thaten, nach Jerusalem zu wallfahren, und am Grabe des Herrn zu beten, ob er an heiliger Stätte erleuchtet würde. Da nun seine Mutter seine Gedanken vernahm, wollte sie nicht von ihm lassen, sondern schickte sich an mit ihm in das gelobte Land zu gehen. Der Bischof der Stadt aber bezeichnete beide mit dem rohen Kreuze, wie es üblich war, und gab ihnen einen Segen. Sie aber nahmen Abschied von allen ihren Freunden unter vielen heißen Thränen, und fuhren über das Meer. In Jerusalem durchwanderten sie die Stadt, und beteten voll Inbrunst am Grabe, und zogen nach Bethlehem und Bethanien und in das Thal Josaphat, und sahen alle heilige Orte, wo einst der Herr wandelte und lehrte, litt und gestorben war. Da sie nun mit Augen. Alles geschaut hatten, wonach ihr Herz sich sehnte, bestiegen sie wieder das Schiff um heim zu kehren. Auf dem offenen Meere aber kam ein schweres Ungewitter über sie, und Sturm und Regen brachen herein, so daß die Schiffer verzweifelten, und meinten sie würden die Heimath nimmer wiedersehen. Dazu war Raimund nach allem Ungemach, was er auf der Reise erfahren hatte, in ein hitziges Fieber verfallen, und ohne Besinnung lag er auf dem Verdecke des Schiffes und war dem Tode nah. Die Schiffer waren voll. Aberglauben und meinten, wenn Jemand stürbe auf dem Schiffe, so müsse es untergehen in den Fluthen mit allen die darauf seien. Darum beschlossen sie Raimund in das Meer zu werfen, bevor er stürbe, um sich und ihr Schiff zu retten. Als seine Mutter das hörte, warf sie sich über ihn und rief das Mitleid der Schiffer an, daß sie ihr den einzigen Sohn, ihren Trost und Stütze nicht rauben möchten; solle er sterben, so begehre auch sie nicht länger zu leben. Ihr Flehen rührte die Schiffer und sie beteten mit ihr, Gott möge ihren Sohn am Leben erhalten. Also geschah es. Raimund begann sich zu erholen, sie wurden gerettet, und alle betraten wohlbehalten die Küste des Vaterlandes. Raimunds Mutter aber sah die Heimath nicht wieder, sie erkrankte auf der Reise vor Erschöpfung und starb bald darauf Da er nun allein stand in der Welt, kehrte er voll tiefer Trauer nach Piacenza zurück. Als er aber einging in die Thore der Stadt, trug er, wie es Sitte war, einen grünen Zweig in der Hand, zum Zeichen, daß er komme aus dem Lande des Friedens. Darum nannte man ihn Palmarius, das ist Palmenträger. Und ein Bote des Friedens sollte er seiner Vaterstadt werden. Darauf nahm er ein Weib, und arbeitete wieder als ein Handwerker im Schweiße seines Angesichts, und mühte sich von früh bis spät für die Seinen und ihren Unterhalt. Wiederum aber wurde er inne, der Mensch lebe nicht vom Brode allein, darum wandte er sich dem Leben im Geiste und der Betrachtung zu. Und es trieb ihn die heiligen Schriften kennen zu lernen als einen Quell der Erkenntniß. Weil er aber als ein schlichter Mann jener Zeit nicht lesen konnte, so suchte er Abends in der Feierstunde und an Festtagen, wenn das Handwerkszeug ruhte, fromme und gelehrte Männer auf, und unterredete sich mit ihnen, und hing an ihren Lippen, und ruhte nicht eher, bis er kundig geworden war alles dessen, was gehört zum Reiche Gottes. Darauf fing er an zu reden zu seinen Handwerksgenossen, und mahnte sie ab von eitlem Geschwätz und leichtfertigen Spielen, und in einer Werkstätte verkündete er ihnen Sonntags die großen Thaten Gottes. Die ganze Stadt aber staunte über den Geist der aus ihm redete, und viele eilten herbei die Worte des gewaltigen Predigers zu hören. Manche sagten, er möge eine Stimme erheben laut auf öffentlichem Markte. Er aber antwortete: „Mit Nichten! Solches ist die Sache der Priester und Gelehrten. Ich bin ein schlichter Mann und kann leicht irren; ich will kein Aergerniß geben.“ Also blieb er in seinem Hause und bei seinen Genossen, und wurde bald der Angesehenste unter ihnen. Darauf kam ein großes Leid über ihn, denn nach einander starben ihm fünf Söhne; und als ein Weib den sechsten gebar, folgte sie ihnen selbst nach. Also war er wieder allein mit seiner Unruhe. Da faßte er voll tiefer Traurigkeit einen neuen Entschluß, daß er endlich den vollen Frieden finden möchte. Er trat zu seinen Verwandten, übergab ihrer Pflege seinen Sohn und all‘ sein Hab und Gut und sprach: „Ich habe mich von der Welt geschieden und ziehe hinaus nach Rom, und will aufsuchen alle Oerter der Heiligen. Ich werde nicht mehr zurückkehren, und ihr werdet mich nimmer wiedersehen. Denn alle noch übrige Zeit meines Lebens will ich wandern ohne Rast über Land und Meer, bis ich eingehe in den Hafen der Ruhe, da wo der Herr bestattet ist.“ Ueber die Rede erschraken eine Verwandten sehr, und drangen in ihn mit Bitten, er möge abstehen von solchem ruhelosen Leben, und im Lande bleiben und sich ferner redlich nähren. Er aber achtete nicht auf ihre Worte, sondern schüttelte den Staub von seinen Füßen und verließ Piacenza. Als ein Bettler wanderte er nun nach St. Jacob von Compostela in Spanien, und nach der Reihe besuchte er alle heilige Stellen in der Provence, zu Marseille und Vienne und Clairvaux, und überall betete er inbrünstig. Also kam er wieder zurück nach Italien und zog darauf nach Rom zur Schwelle des heiligen Petrus, und gedachte dann abermals über das Meer zu gehen nach Jerusalem. Aber Gott hatte einem Suchen endlich ein Ziel gesetzt. Denn eines Tages, als er ermattet eingeschlafen war in einem Säulengange bei der Peterskirche, hatte er einen wunderbaren Traum. Es däuchte ihm, daß der Herr ihm erscheine im Pilgergewande, in jener Gestalt, wie er einst gegangen war mit den beiden Jüngern nach Emmaus, und in der Tiefe seines Herzens vernahm er die Worte: „Raimund, mein Knecht, du sollst die Welt fernerhin nicht also durchziehen; dein Laufen und Rennen ist nichts nütze. Meinest du ich werde am Tage des Gerichts sehen auf Pilgerfahrten und Uebung guter Werke solcher Art, wenn ich sprechen werde: Gehet ein, ihr Gesegneten meines Vaters, zu der Herrlichkeit die euch bereitet ist? Du aber folge mir nach, verleugne dich selbst und nimm mein Kreuz auf dich. Den Mühseligen und Beladenen, den Armen und Kranken, den Wittwen und Waisen sollst du meinen Trost bringen, sie rufen meine Hülfe an, aber Niemand achtet ihrer. Stehe auf und ziehe heim; verschwende nicht länger Zeit und Mühe hier in Rom. Ich werde mit dir sein, und der Geist wird deinen Worten Kraft verleihen.“ Das Gesicht verschwand, da erwachte Raimund und rief: „Herr dein Wille geschehe!“ und verließ Rom und kehrte zurück nach Piacenza. Also zog er im Büßergewande, mit einem hölzernen Kreuze, ein in seine Vaterstadt; und alles Volk eilte aus den Häusern auf die Gassen, da es hörte, der fromme Raimund sei in solcher Gestalt wiedergekehrt. Er aber achtete ihrer Reden und Blicke nicht, sondern schritt hin durch die Menge bis er zum Palaste des Bischofs kam. Diesem stellte er sich dar und sagte: „Der Ruf des Herrn ist an mich ergangen, daß ich in dieser Stadt erfülle die Werke seiner Liebe. Dazu gieb mir deinen Segen und versage mir deine Hülfe nicht.“ Da erkannte der Bischof, daß der Geist ihn treibe, und er that wie er verlangte. Nun begann Raimund zu wirken unter ihnen mächtig und wunderbar wie der Propheten und Heiligen einer, und Gott war mit ihm sichtbar in allen seinen Unternehmungen. Neben der Kirche der zwölf Apostel gab man ihm ein Haus, darin sammelte er eine Anzahl Genossen, die sein Leben mit ihm theilen wollten und thun wie er that. Nun durchzog er die Stadt, und stieg hinab an die untersten Oerter der Erde, wo die Kranken und Elenden wohnen allein und fern von aller Hülfe, und er suchte die auf, welche ohne ein Wort zu sprechen ihre Armuth trugen, weil sie sich ihrer schämten. Als er ihr Leiden erforscht hatte, ging er durch die Straßen und rief: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Da gaben alle, die zu geben vermochten, mit vollen Händen; er aber ging heim und theilte was er erhalten hatte zu gleichen Theilen unter die Armen und Bedürftigen. Als nun auch die Bettler der Straße kamen und forderten ihren Antheil, sagte er ihnen: „Ihr seid nicht krank und schwach und habt zu erröthen verlernt. Gehet hin, und thut wie ihr bisher gethan habt.“ Sein Haus aber wurde eine Freistätte für alle Armen und Verlassenen, die kein Obdach hatten, für die Fremden und Reisenden, und es erwuchs zu einem großen Hospital für die Kranken und Elenden, denen es daheim an Pflege, Wartung und Heilmitteln gebrach. Raimund selbst und seine Freunde sorgten Tag und Nacht, und so wurde er ein Arzt des Leibes und der Seele. Dann ging er hinaus die ausgesetzten Kinder am Wege aufzusuchen. Und häufig geschah es, daß er nach Hause zurückkehrte, und trug auf jedem Arme ein Kind, und er dankte Gott, daß er sie ihm gegeben habe an Stelle seiner gestorbenen Kinder, und er erzog sie neben einem eigenen Sohne. Auch Frauen, die alt und schwach waren, sammelte er in seinem Hause; und auch solche, die auf den Straßen in Unehren lebten und waren ausgestoßen von aller Welt. Wenn sie auf eine Stimme hörten, so stellte er sie unter die Aufsicht ehrwürdiger Frauen, und sie begannen wieder zu leben von ihrer Hände Arbeit, und dankten ihm, daß er sie gerettet habe aus dem Schlamme der Sünde. Zu den Verbrechern, die in den Gefängnissen saßen um irgend einer Schuld willen, stieg er hinab, denn er meinte, nicht die Gesunden, sondern die Kranken bedürfen des Arztes. Er tröstete die, welche warteten, daß sie zum Tode geführt würden, und erfüllte ihre angstvolle Seele mit Worten des ewigen Lebens. Anderen aber redete er zu, daß sie ablassen sollten von ihrem verbrecherischen Wandel, und verbürgte sich für sie vor dem Richter, und nahm sie mit sich in eine Freistätte, damit sie nicht von Neuem in Versuchung fielen, und leitete sie an zu einem arbeitsamen und gottesfürchtigen Leben. Also wurde seine Frömmigkeit und Mildherzigkeit gepriesen weit und breit, und er galt für einen Vater aller Bedrängten und Unglücklichen. War Einer in geistiger oder leiblicher Noth, der kam und klagte es ihm, denn er wußte, der fromme Raimund werde Hülfe schaffen. Er stiftete Frieden in den Häusern wo Zwietracht war, und führte die Sache der Witwen und Waisen, wenn sie bedrängt wurden, vor dem Richter, und trat hin vor die Mächtigen und Gewaltigen und mahnte sie ab mit freimüthiger Rede, daß sie die Schwachen und Ohnmächtigen nicht drängen und drücken sollten. Unter den Bürgern der Stadt aber war mancherlei Unsitte und Zwiespalt und Blutvergießen. Denn oft zogen die Männer und Jünglinge mit glänzenden Waffen und zu Roß hinaus auf das Feld zum Kampfspiele, um ihre Kräfte und ihre Gewandtheit in der Führung der Waffen gegen einander zu erproben. Dann wurde nicht selten aus dem Scherze Ernst, und Blut floß, und Manchem kostete solches Spiel das Leben. Da sagte Raimund zu ihnen: „Lasset ab von diesem gefährlichen Spiele! Was stachelt ihr euern Zorn nach Art der reißenden Thiere und schadet euch an Leib und Gliedern? Nicht um thörichter Eitelkeit willen, sondern für das Wohl des Vaterlandes und zur Ehre Gottes sollt ihr euer Leben lassen.“ Und er ruhete nicht eher als bis sie abstanden von ihrem Beginnen. Aber auch im Ernste trafen die Bürger zusammen mit den Waffen in der Hand. Denn in der Stadt waren zwei Parteien, das waren die Guelfen und Ghibellinen, die einen hingen dem Papste, die andern dem Kaiser an. Sie hassten sich tödtlich und legten die Hand an das Schwerdt wo sie sich sahen, und schonten ihres Blutes und Lebens nicht. Wenn nun der Kampf wüthete auf den Plätzen und in den Straßen, dann ging Raimund zum Bischof und sagte: „Siehst du nicht, wie deine Heerde zerstreut ist und geschlagen? Gehe hin und zeige dich als einen guten Hirten, sammle sie wieder in die Hürden!“ Da aber der Bischof muthlos wurde und nicht wagte etwas zu thun, da ergriff Raimund ein Kreuz, damit trat er unerschrocken hinaus unter die erhobenen Schwerdter und Lanzen der Kämpfenden und rief: „Wehe dir, aufrührerisches Piacenza, daß du den Herrn nicht fürchtet! Schon bereitet er ein Feuer, daß es dich verzehre; und in deinem Streite wirst du deine Güter verlieren jammt deinem Leben!“ Doch nicht bloß in der Stadt, sondern auch draußen war Krieg und Zwietracht. Denn die Bürger von Piacenza waren verfeindet mit ihren Nachbaren, und mit keinen mehr als mit denen von Cremona. Beide zogen oft gegen einander aus, und konnten ihren Haß nicht löschen in allem Blute das vergossen wurde. Da nun wieder ihre Heere zusammen treffen wollten, eilte Raimund hinaus zu ihnen, um Frieden zu stiften, und ging von dem einen Heerhaufen zu dem andern und rief: „Höret mich an, ihr Piacentiner, und auch ihr Cremoneser höret mich! Was eilet ihr in den Kampf um vergänglicher Güter willen, und um eurem Nächsten den Tod zu bereiten? Gedenket, daß ihr Christen seid! und vergebet euren Schuldigern, damit euch eure Schuld vergeben werde. Blicket auf zu dem, der für euch gestorben ist, damit ihr nicht sterben möchtet! Nehmet ihn zum Mittler an!“ Die Cremoneser aber wollten nicht auf ihn hören, sondern trieben ihn von sich mit Schlägen. Da er aber dennoch wiederkehrte, riefen sie: „Was will dieser lästige Mensch?“ und griffen ihn und warfen ihn in ein Gefängniß zu Cremona. Aber auch so verzagte er nicht, sondern er trat an das Kerkerfenster und rief hinaus mit lauter Stimme: „Herr, vergieb den Cremonesern, sie wissen nicht was ihnen nütze ist. Ich aber bin bereit in den Tod zu gehen, wenn du den Sinn dieses hadernden Volkes zum Frieden wendet.“ Als das die Cremoneser hörten, entließen sie ihn aus seinen Banden, und er kehrte heim zu den Seinen. So wirkte und lebte Raimund in seiner Vaterstadt zwei und zwanzig Jahre lang. Endlich aber erkrankte er und er fühlte, daß ein Ende nahe bevorstehe. Da sammelte er eine Genossen und Freunde und alle seine Armen noch einmal um sich und sagte zu ihnen: „Ich gehe jetzt ein zu den Stätten des ewigen Friedens, nicht um meines Verdienstes willen, sondern durch die unendliche Gnade Jesu Christi. Haltet auch ihr ferner fest, wie ich gethan habe, an dem Glauben, welcher die Welt überwindet. Lasset nicht nach, ihr Genossen meiner Arbeit, sondern fahret fort wie bisher zu wirken für die Armen und Verlassenen. Lasset euch nicht bange sein, ob ich gleich von euch scheide, denn er wird mit euch sein, der gesagt hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Darauf entschlief er in Frieden am 27. Juli des Jahres 1200. Er hatte einen guten Kampf gekämpft sein Leben lang, und war gewesen ein getreuer Knecht seines Herrn, von dem gesagt ist: „du bist getreu gewesen über Weniges, ich will dich über Viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.“ In der ganzen Stadt Piacenza aber erhob sich unter den Armen ein lautes Weinen und Klagen, denn sie alle hatten ihren wahren Vater in ihm verloren. Die Leiche aber setzten sie bei in dem Hause, wo er dem Geiste des Herrn eine Wohnung bereitet hatte, und über einem Grabe erhob sich als eine Zufluchtsstätte aller Verlassenen und Elenden und als ein Denkmal seiner Liebe das Hospital des frommen Raimund Palmarius.

R. Köpke in Berlin

Berthold von Regensburg

In der Zeit, da das mittelalterliche Papsthum bereits den Höhepunkt seiner Macht und Herrlichkeit erreicht, und durch eine Geistliches und Weltliches umfassenden Ansprüche auf unbedingte Machtvollkommenheit eine mannigfaltige kräftige Gegenwirkung hervorgerufen hatte, waren es besonders die Bettelmönchorden der Dominicaner oder Prediger und der Franziscaner oder Minoriten (mindere Brüder), welche das Ansehen der Hierarchie vornehmlich mit geistigen Waffen zu verfechten den Beruf hatten. Die alten Stützen derselben waren mehr oder weniger morsch geworden: die Geistlichkeit meist verweltlicht, theilweise ins fürstliche Interesse hineingezogen, die Mönchsorden abgelebt und ausgeartet, die kirchliche Wissenschaft keineswegs frei von Abweichungen, die den herkömmlichen Lehrbestand bedrohten und in ihrer rechtgläubigen Richtung dem Gegentheil oft kaum gewachsen. Dazu kamen die gewaltigen Regungen und Angriffe in den höheren und niederen Kreisen des Lebens: die in den Hohenstaufen sich concentrierenden Anfechtungen von Seiten der politischen Macht, welche auch in den verschiedenen Schichten des Volkes nachwirken mußten; sodann die theils aus lauterer biblischer Frömmigkeit, theils aus einer durch mancherlei fremdartige Elemente getrübten Sinnesart hervorgegangenen Bewegungen religiöser Opposition, welche man als ketzerisch zu bezeichnen pflegt, welche aber freilich nur theilweise einen der christlich-kirchlichen Grundwahrheit zu nahe tretenden und dieselbe untergrabenden oder umstoßenden Charakter an sich trugen, jedenfalls aber mit wohlgewählten Mitteln, mit unter Gefahr und Verfolgung zunehmender Klugheit oder auch Schlauheit in den Gemüthern des Volks, der Vornehmeren wie der Geringeren Eingang zu finden wußten, und in den vielfach aufgelockerten Boden den Samen der die kirchlichen Missbräuche und Aergernisse aufdeckenden und ein reineres Christenthum darbietenden Wahrheit, oder auch gröberer und feinerer, mehr oder minder gefährlicher Irrthümer einzustreuen beflissen waren. Da erwachte nun ein ursprünglich reineres, katholisch-kirchliches Streben, das von allen Seiten bedrohte Christenthum, dessen Bestand man in redlicher Gesinnung an die bestehende Verfassungsform gebunden achtete, mit den geeigneten Mitteln gegen die andringenden Gefahren sicher, und sein Recht und seine Wahrheit durch Wort und That ins Licht zu stellen. Das Aergerniß der in Reichthum und Ueppigkeit sich gehen lassenden Geistlichkeit und Mönchsorden mußte geheilt werden durch ein den Forderungen auch der edelsten Secten entsprechendes Leben einfacher armer Lebensweise nach dem Vorbild Christi und seiner Apostel; die hohen und gebildeten Geister mußten gewonnen werden durch eine, alles bisherige überbietende Wissenschaft und Gelehrsamkeit; allen insgemein mußte man zur Belebung des Glaubens, zur Erneuerung der kirchlichen Treue, zur Befreiung von widerkirchlichen Einflüssen Handreichung thun durch eine kräftige, frische, verständige Predigt, welche auch durch Eingehen in das ganze, von allerlei Aberglauben und Unsitte verunreinigte Volksleben sittlich reinigend wirken, und einer Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit, wie einer edleren und frommeren Sitte im häuslichen und bürgerlichen Leben Vorschub thun konnte.

 

Dieses Streben verkörperte sich in jenen beiden Orden, von denen der eine vom Predigen den Namen erhielt, aber auch durch gediegene Wissenschaft auf eine höchst bedeutende Weise eingewirkt hat, wie das Beispiel Alberts des Großen und des Thomas von Aquino zeigt, welche übrigens nicht blos tiefgelehrte und geistvolle Männer der Wissenschaft, sondern auch ausgezeichnete Prediger und durch ihren Wandel tröstende Persönlichkeiten waren; der andere aber, der Orden der Minoriten, gleichfalls in jeder Hinsicht Großes leistete: durch Männer der Wissenschaft, wie durch ausgezeichnete Prediger und Vorbilder des geistlichen Lebens, auch solche, welche Alles dieses in sich vereinigten, wie z. B. Bonaventura. Unter den Männern dieses Ordens aber nimmt als Prediger, als geistlicher Volksredner eine höchst bedeutende Stelle ein der Bruder Berthold oder Berchtolt; und ihm zur Seite ein Lehrer und Freund: Bruder David von Augsburg, in den Chroniken bezeichnet als der „der mit Bruoder Berchtolt gienc“. Ueber das Verhältniß dieser beiden Männer hat Fr. Pfeiffer neues Licht verbreitet, nachdem schon Jac. Grimm (in den Wiener Jahrbb. 1825. B. 32) darauf hingewiesen hatte. Beide scheinen Landsleute gewesen zu sein. Jedenfalls war Berthold aus Regensburg; aber auch David stammte wahrscheinlich eben daher, und führt den Beinamen „von Augsburg“ wegen seines 25jährigen Lebens und Wirkens daselbst bis an seinen Tod. Von Bertholds früherem Leben ist uns nichts bekannt, sein Familienname scheint Lechs gewesen zu sein; denn es wird eine Schwester von ihm, dieses Namens, erwähnt, die in Regensburg begraben sei. Seine Geburt fällt wohl in das dritte Jahrzehend dieses Jahrhunderts. Er trat in den Minoriten-Orden; und in dem Novizenhause in Regensburg, nicht in Augsburg, wie J. Grimm meint, kam er in die Unterweisung des Br. David, welcher damals Novizenmeister in dem dortigen Convent und Professor der Theologie war. Der Leitung dieses Lehrers, welcher zuerst in Regensburg, später in Augsburg während einer Reihe von Jahren durch Bildung der jungen, seiner Pflege anvertrauten Herzen aufs wohlthätigte gewirkt hat, hatte wohl Bertholds angeborenes großes Talent vorzugsweise die volle Entfaltung und Reife zu verdanken. Ein Band zärtlicher Freundschaft schlang sich um den älteren und jüngeren Bruder. Auch nachdem der Lehrer nach Augsburg übergesiedelt war, wurde die Gemeinschaft unterhalten. Br. David richtete ein inniges, Liebe athmendes Schreiben an den Bruder Berthold und an alle Novizen in Regensburg, mit herzlichen Wünschen für ihren guten Fortgang im Wege Gottes und ihr beständiges Wachsthum in den Tugenden und in der geistlichen Gnade, und zu einem Zeugniß, daß er, obwohl dem Leibe nach abwesend, mit dem Herzen oftmals bei ihnen, und in einen geringen Gebeten ihrer nicht uneingedenk sei. Auf Bertholds Bitte, ihm etwas zur Erbauung zu schreiben, widmete er ihm ein Büchlein: „Formula novitiatus.“ Auch die unter Bertholds Predigten gekommene Abhandlung: „der Spiegel der Tugenden,“ ist wahrscheinlich auf Bertholds besondere Veranlassung geschrieben, der überhaupt die geistvollen Arbeiten des älteren Freundes gern benutzte, und bei einem rascheren Gemüth und bewegteren Leben in dem still und tief sinnenden David eine wahre Ergänzung gefunden haben muß, wie hinwiederum dieser an dem mit mächtiger Beredsamkeit in alle Falten des Gemüths und in alle Verhältnisse des Volkslebens eindringenden Berthold, den er soviel als möglich auf seinen Wanderungen als Reiseprediger begleitete. – Beide arbeiteten vereint für den Bestand der Kirche gegen die an- und eindringenden ketzerischen Parteien. Denn es ist wenigstens höchst wahrscheinlich gemacht, daß die, einem sonst durchaus unbekannten Yvonetus zugeschriebene Schrift gegen die Ketzerei der Armen von Lyon ein Werk Davids ist, woraus Berthold in einer scharfen und energischen Bekämpfung der Ketzer geschöpft haben muß, was er von den Lehren und sonstigen Kennzeichen der Secten da und dort in seinen Predigten beibringt. Ueber David und Berthold und ihr Verhältniß zu einander wüßten wir nichts Besseres zu sagen, als was Fr. Pfeiffer in der genannten Schrift in folgenden Worten ausspricht: „Es ist eine wahrhaft edle Persönlichkeit, die uns in David entgegentritt, voll Tiefe des Gemüths, voll Hoheit der Gesinnung. Ueberall offenbart sich in ihm jener tiefsittliche Ernst und jener heilige Geist der Demuth, Sanftmuth und Liebe, der sich selbst aufs strengste beurtheilt, für die Fehler. Anderer aber ein Herz voll Schonung und Milde trägt. Ueberall zeigt er, daß der Geist der göttlichen Lehre in ihm lebendig geworden und daß er in Wahrheit ein Lehrjünger Christi sei. Er war einer jener Geister, die in der Stille und Zurückgezogenheit von der Welt leben, lehren und wirken; ohne äußern Glanz und Flimmer, langsam und bedächtig, aber darum, desto nachhaltiger und sicherer. Ein solcher Mann muß zum Lehrer und Bildner der Jugend für besonders befähigt erscheinen; und gewiß hat die fleckenlose Reinheit eines Lebens, die Milde, Klarheit und Tiefe seines Geistes, auf seine Schüler den mächtigsten Eindruck ausgeübt. Wir kennen zwar von diesen nur den einen Berchtold; aber dessen Wirksamkeit mag allein die von hundert andern aufgewogen haben. – Gewiß bilden diese beiden Männer, Lehrer und Schüler, ein schönes Paar ebenbürtiger Geister. David vor allem auf innere geistige Vollkommenheit des Herzens dringend, in engem Raume und kleinem Kreise lehrend, leitend, bildend, sanft, milde und voll Demuth. Berchtold dagegen, mit mächtigem Drange nach äußerer Wirksamkeit erfüllt, ergriffen von feuriger Begeisterung, den in einsamer Zelle gewonnenen Geist christlicher Lehre in die Welt hinauszutragen, und dem verlassenen nach Trost und Erbauung durstenden Volke wahres Christenthum zu verkünden; unablässig zur Tugend antreibend, die Fehler und Gebrechen nachsichtslos strafend; dabei praktisch, populär, mit den Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten der niederen wieder höheren Stände bis ins Kleinste vertraut, kurz ein christlicher Volksredner im vollsten Sinne des Worts. Wie konnte es fehlen, daß das in verborgener Stille gesäete, gehegte und gepflegte Samenkorn zu herrlicher Reife gedieh, und Berchtolds zum erstenmal in Deutschland deutsch gedachte und gesprochene Predigten vom staunenden Volke mit einem Beifall aufgenommen wurden, der beispiellos dasteht in der Geschichte, und vor oder nach nie einem Prediger in solchem Maße zu Theil geworden ist! Wenn, nach dem Ausdruck eines Chronisten, Berchtolds Wort wie eine Fackel in Deutschland leuchtete und gleich einem Schwerte in die Herzen der Zuhörer drang, so kann man Davids Rede einer ruhigen Flamme vergleichen, die in mildem Glanze strahlt, und deren stille tiefe Gluth das Herz und Gemüth des Lesers belebt, erwärmt und zur Liebe entzündet. Dabei weht in seinen Reden ein eigenthümlich warmer poetischer Hauch, dem man es wohl anfühlt, daß er einer Zeit zugehört, die von dichterischem Geiste noch ganz durchdrungen war. Man könnte sagen, daß etwas vom Geiste eines Ordensstifters, des h. Franciscus auf ihn übergegangen sei, dessen Liedern und Hymnen voll Wohllaut der Sprache und feuriger Begeisterung, wie die Sage meldet, sogar die Vögel des Feldes mit Entzücken lauschten.“

 

Das öffentliche Hervortreten Bertholds als Prediger fällt in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Um diese Zeit finden wir ihn in Augsburg, auf welche Stadt auch mehrere der gedruckten Predigten hinweisen; und die Vermuthung liegt nahe, daß der dorthin übergesiedelte Br. David ihn dazu veranlaßt habe, indem er seine vorzügliche Begabung dafür erkannte. Dieß wird nicht ausschließen, daß er schon vorher in „Alamannien“, namentlich in Graubünden (Pfeffers) aufgetreten sei, wo er noch zu Lebzeiten Kaiser Friedrich II. (vor 1250) gewesen sein und gegen Sünde und Unrecht aller Art gepredigt und Gottes Rache über Solche angekündigt haben soll. Weiterhin treffen wir ihn in Baiern, und zwar zu verschiedenen Zeiten in Regensburg, auch in Landshut, dann in Oestreich und in Mähren; in Böhmen, namentlich in Glatz (damals böhmisch), wo er auf einer Linde predigte, welche noch späterhin nach ihm genannt wurde; endlich in Thüringen, wo während er predigte „nach glaubwürdigen Zeugen“ mehrere strahlende Kronen über seinem Haupte fliegend erschienen sein sollen. – Wo er aber hinkam, da sammelte sich das Volk in großen Schaaren. Die Chroniken reden von 60.000, 100.000, ja 200.000 Zuhörern. Wie viel man auch hievon der vergrößernden Sage zuschreiben mag, jedenfalls muß er, wie J. Grimm sagt, einer der populärsten Männer gewesen sein, die vorher und nachher in Deutschland gewirkt haben, ein wahrer Mann des Volks, der das Volk mit einer ganzen geistlichen und leiblichen Noth auf dem Herzen trug, ein ächter Freund des Volks in allen seinen Ständen, der ihm ohne Schmuck die Wahrheit sagte, seine Gebrechen und Sünden aufdeckte, und ihm die Wege der Besserung und des Friedens zu weisen sich angelegen sein ließ. Bei ihm hieß es wohl: wessen das Herz voll ist, davon geht der Mund über; in hoher Einfalt, in ursprünglicher Kraft und Fülle strömte die Rede von seinen Lippen; was aber so von Herzen kam, das mußte auch wieder zu Herzen gehen. Seine Rede ist aber nicht allein kräftig und herzlich, sondern auch, als von Br. Davids ebenbürtigem Schüler, voll Anmuth und Schönheit, ausgezeichnet durch Ebenmaaß und Wohlklang. Sie ist bilderreich; aber die Bilder sind nicht gehäuft, immer an der rechten Stelle gebraucht und aus dem Leben gegriffen. Sie sind auch um so lebendiger, da er meist nicht in geschlossenem Raume, sondern unter freiem Himmel predigte und so von dem was ihn umgiebt, von dem Himmel über ihm und von der Erde zu seinen Füßen Bild und Gleichniß hernimmt, wodurch eine Lehre und Ermahnung viel anschaulicher und eindringlicher wird. Das Predigen unter freiem Himmel war den beiden Orden vom Papst ausdrücklich gestattet; und von Berthold wird an mehr als einer Stelle berichtet, wie denn auch die Predigten selbst hier und da es zu erkennen geben, daß er nicht in Kirchen gepredigt, sondern nach altchristlicher Weise auf Bergen und Wiesen. Ein Gerüste auf dem Gipfel eines Baumes bildete die Kanzel, von wo aus der Prediger die rings im Grün gelagerte Menge überschaute. „Berthold aber stand da, wie ein Prophet des Herrn, wie ein Elias: sein Wort brannte, wie eine Fackel; Gott machte seinen Mund wie ein scharfes Schwert.“ Geistliche und Volk – alles sah mit Bewunderung zu ihm auf; und reicher Segen verbreitete sich in Bekehrung von Sündern und Verführten, wie in Trost und Stärkung der Gläubigen. Hohe und Niedere, Fürsten und gemeines Volk hielten ihn hoch. Und wer möchte solches bezweifeln, wenn er mit freiem empfänglichem Gemüthe dem Eindrucke dieser Predigten sich hingiebt, von denen J. Grimm mit Recht sagt, daß nicht leicht eine darunter sei, die nicht noch heute das Herz rühren könnte! Wenn er den Christenglauben und die Herrlichkeit, Köstlichkeit und Segensfülle desselben preiset, wenn er die Gottesliebe, die Liebe Jesu, ihre Höhe, ihre Tiefe, ihre Zärtlichkeit und Inbrunst verkündiget, wenn er die Freude und Wonne des Himmelreichs schildert, die Seligkeit der Gottschauenden, die heiligende unauflöslich an Gott bindende Macht dieses Schauens: da geht einem das Herz weit auf und man fühlt es ihm an, wie er selbst mächtig bewegt, gehoben, durchdrungen, hingenommen ist von der großen und heiligen Sache. Wenn er die Würde und den Ernst der Tugend, der christlichen Gerechtigkeit des Lebens, wie sie eine wachsende und werdende, den ganzen Menschen in Anspruch nehmende, in allen ihren Verzweigungen. Eine und untheilbare ist, wenn er ihren Segen und ihr Glück anpreist, so hat man den Eindruck: das ist dem Manne selbst eine rechte Herzensangelegenheit: etwas Ganzes und Vollkommenes zu werden, zum Preise seines großen und liebreichen Schöpfers und Erlösers. Ja der kräftige und strebende Geist hat eine solche Lust zum Kämpfen und Ringen, eine solche Freudigkeit des Wachsens und Werdens, daß er spricht, wenn er sicher wäre auf diesem Erdreich, daß er das Himmelreich nie verlieren möchte, so wollte er lieber ein tugendhafter Mensch auf Erden sein, als ein Heiliger im Himmel; denn so wollte er von Tage zu Tage, von Jahr zu Jahr immer heiliger werden. – Und das Wort eines Solchen kann ja nicht anders als eine mächtig anregende Wirkung hervorbringen. – Wenn er aber die Sünde in ihren mancherlei Arten und in ihren gröberen wie feineren Ausbrüchen vor Augen malt, und ihre Greulichkeit und Häßlichkeit, wie ihre schrecklichen zeitlichen und ewigen Folgen zu bedenken giebt, da empfindet man den hohen Ernst eines Kämpfers für Gottes heilige Ordnung, der um Gottes Ehre eifert, und den das Elend jammert, in das der Sünder durch Beharren in der Sünde sich selbst hineinstürzt. Er redet aber nicht nur so ins Allgemeine hinein, sondern als ein Mann, der unter dem Volke lebt und wandelt, der es in seinen Sitten und Gewohnheiten aller Orten beobachtet, der überall hin horcht, der ihm in alle seine Verirrungen mit väterlicher Achtsamkeit nachgeht, und in mannigfaltigem Seelsorgerlichem und beichtväterlichem Verkehr vermöge des Vertrauens, das er zu gewinnen weiß, die geheimsten Regungen und Selbstbeschönigungen des menschlichen Herzens kennen gelernt hat, – als ein solcher dringt er mit treffender Rüge und Warnung wie Lockung und Ermunterung in die vielfache Besonderheit des inneren und äußeren Lebens ein, wozu er freilich den Schlüssel in dem eigenen durch Gottes Wort und Geist erleuchteten Gewissen hat, in der klaren Selbsterkenntniß eines lebendigen Christen, und in der eindringenden durch Wort und That der Heiligen vermittelten Erkenntniß der h. Schrift. So finden wir denn eine Ermahnung und Bestrafung als eine die Sünden und Verkehrtheiten aller Stände, Alter, Geschlechter umfassende, durch und durch praktische und oft in hohem Grade ergreifende. Und dieß wird noch gesteigert durch die Art seines Vortrags, indem er oft mitten in der Rede diesen und jenen, den Unkeuschen, den Geizigen oder auch den Leidenden, den Unterdrückten rc. anredet, und mit scharfer Mahnung, Rüge, Drohung, oder mit herzerquicklichem, tröstendem, ermunterndem Zuspruch ihm nahe tritt. Oder er läßt sich in einen Dialog mit den Zuhörern oder mit dieser und jener Klasse derselben ein, also daß er ihre Einreden, Entschuldigungen u. dgl. vorbringt und darauf antwortet. Besonders ernst und einerseits streng, andererseits weich und mild wird eine Rede, wenn er die Härte der Mächtigen und Reichen und die Bedrängniß der frommen Armen ins Auge faßt: man fühlt da die mächtige Bewegung eines menschenliebenden Gemüths. Menschenliebe aber und Gottes Liebe geben sich gleichermaßen kund in dem Eifer, womit er rügend und warnend allerlei Verführungen entgegentritt, sei es solchen wodurch Seele und Leib Schaden leidet wie die gewerbsmäßige Verführung zur Unzucht, oder solchen wodurch die Seele von der rechten Bahn des Heils abgelenket wird, wie das durch die im Finstern schleichende Wirksamkeit ketzerischer Menschen, oder durch ruchlose Reden frecher Spötter, oder durch die lügnerische Anpreisung des Ablasses mit Zurückstellung der Buße geschah. So oft und so nachdrücklich aber geht er gegen kein Laster an, wie gegen das Laster des Geizes. Auf den Geizigen kommt er immer wieder zu reden, wohl auch klagend, daß derselbe ihn so viel Zeit koste, die er zum Trost und zur Belehrung der Armen und Elenden besser verwenden könnte. Ihn schildert er als den aller verstocktesten Sünder, dem nimmermehr zu rathen sei, bei dem die Buße gar keinen Raum finde. Die Buße aber, die treibt er mit großem Eifer, zwar im kirchlichen Sinn, aber nicht so, daß er die geistliche Herrschaft dadurch zu heben beflissen wäre, sondern in der Richtung auf das Seelenheil und auf Abwendung des Seelenschadens, indem er einerseits die innere Seite der Sache, die Reue und den Abscheu vor der Sünde, andererseits die Bethätigung derselben im Wiedergutmachen, namentlich in Wiedererstattung des irgendwie mit Unrecht erworbenen und in Besitz genommenen, hervorhebt. Darauf dringt er unbedingt, und so daß keine Rücksicht auf herkömmliche Form der Erleichterung oder des Sichlosmachens von der ernsten Bußpflicht zugelassen wird. Weder Wallfahrten, noch Anrufung der Heiligen und der Mutter Gottes, nichts und Niemand, wie hoch er stehe im Reiche Gottes, keine Fürbitte, kein Mönchsgewand rc. kann die Seele dessen, der auch nur das Mindeste in dieser Hinsicht zurückläßt, aus der Verdammniß erretten. –

 

Mit solcher Lauterkeit hält B. über dem, worin er die göttliche Ordnung der Wiederherstellung des Sünders erkennt. Uebrigens ist er nicht so innerlich oder einseitig mystisch, daß er die Beobachtung der h. Gebräuche geringschätzig behandelte; ja er scheint eine ans Abergläubische streifende Empfehlung derselben, z. B. des Hersagens der Gebetsformeln, sich zu Schulden kommen zu lassen. Indes auch hierin kann er insofern gerechtfertigt werden, als er dabei die Schwachen im Auge hat, und deren Uebung und Gewöhnung, insbesondere Abhaltung von fremden Gedanken und Fixierung der Seele auf das was vorliegt. – Wir könnten noch Vieles erwähnen von der Vielseitigkeit der Rüge und Ermahnung dieser Predigten, worin alles frisch aus dem Leben gegriffen ist und in das Leben hineingreift, wie z. B. die Beschreibung der weiblichen Hoffart in Kleidern, der thörichten Verzärtelung der Kinder u.s.f. – Aber das Gesagte wird hinreichen, um von der Bedeutung und Größe dieses ächten, christlichen Volksredners eine Vorstellung zu bekommen, und wir fügen nur noch ein paar Proben aus den Predigten selbst bei. Gleich die erste der gedruckten Sammlung giebt uns in ihrem Eingang einen Blick in seine helle Erkenntniß des Zusammenhangs der heilsamen Wahrheit, die zur Gottseligkeit führt. Sein Text ist das Gleichniß vom Schatz im Acker. Der Acker ist die heilige Christenheit. Der Schatz, der darin verborgen liegt, das ist eines jeglichen reinen Christenmenschen Seele. Das ist Gott gar ein lieber Schatz, und ist ihm halt so lieb, daß er verkaufte alles ein Gut, damit ihm der Schatz werde. – Die Seele ist ein verborgener Schatz: sie sieht niemand; sie hört niemand; sie rührt niemand an. – Und darum verkaufte der allmächtige Gott alles ein Gut, und kaufte den Acker, die heilige Christenheit, daß ihm der Schatz werde. Ihr Herren, ihr kaufet eure Aecker nur mit Pfenniglein und mit Silberlein. Unser Herr Jesus Christus verkaufte seinen eigenen Leib und kaufte den Acker, daß ihm der Schatz werde, des reinen Christenmenschen Seele. O lieben Christenleute! nun habt den allmächtigen Gott lieb; denn er hat euch ohne Maaßen lieb gehabt. Und daß er den Acker kaufte mit einem eigenen Leib, das genügte ihm dennoch nicht, er wollte ihn auch selber bauen; so gar herzlich lieb war ihm der Acker wegen des Schatzes, der darin verborgen lag. So wollte er den Acker Niemandem vertrauen, der ihn bauete, denn ihm selber: weder Patriarchen, noch Propheten, noch einem der zwölf Boten, noch Engeln, noch Menschen, Niemand im Himmel noch auf der Erde, und überhaupt Niemand; sogar lieb war ihm der Acker rc. O ihr seligen Christenleute, wie herzlich lieb solltet ihr haben aller Engel Herrn und aller Welt Herrn, und Kaiser und König aller Könige; der hat den Pflug selber um euretwillen gehalten. Ihr Herrschaften, ihr lohnet dem Knechtlein, das den Acker bauet; dem gebet ihr ein wenig „Gütelins.“ Da war ihm der Acker so lieb, die heilige Christenheit, daß er ihn Niemand wollte lassen bauen, und er hat den Pflug selber gehalten, aller Engel Herr. Ein Pflug muß von Eisen und von Holz sein. Also war das heilige Kreuz von Holz und von Eisen die Nägel, die ihm da gingen durch Hände und durch Füße; und also hielt er den Pflug, bis er den Tod dran nahm. Nun seht, ihr liebe Christenheit, wie lieb euch Gott hat gehabt. Und daran genügte ihm nicht, daß er ihn kaufte mit seinem eigenen Leibe und ihn da selber bauete, und ihn, den Pflug, auch selber hielt; und hat ihn auch selber gedünget mit seinem eigenen Blute. Wo ward je ein Acker so übertheuer gekauft, und so theuer vergolten (bezahlt), und so zärtlich gebauet und so hart gebauet, und so lieblich gedünget und so minniglich gedünget! Denn er hat ihn gedünget mit einem edeln minniglichen Herzblut; denn damit ward die Erde begossen.  Nun seht, wie herzlich lieb euch Gott gehabt hat, und wie herzlich er euch geminnet hat. Und darum, wie er selber spricht und gebietet, so sollen wir ihn minnen von allem unserem Herzen und von aller unserer Kraft und von aller unserer Seele, und unsern Nächten wie uns selber. Da er uns so herzlich lieb hat gehabt, so will er auch, daß wir ihn lieb haben. Und die Liebe, die er von uns muthet (verlangt), ist um unserer Seele Seligkeit und unsers Leibes. Ist Jemand hier, der ihm Ehre und Seligkeit und Gutes wohl gönnet, der habe Gott lieb von allem einen Herzen rc. und seinen Nächsten, wie sich selber. Wer das thut, der gönnt ihm selber Gutes wohl und alle Seligkeit; denn das zerrinnt ihm halt nimmermehr. Ich will ein großes Wort sprechen: er hat halt alles, das Gott selber hat. Und wir sollen von (wegen) der selben Liebe, daß er uns so lieb hat, unsern. Nächsten lieb haben. Denn wen der Herr lieb hat, den soll das Hofgesinde auch lieb haben. Und also hat er uns alle lieb gehabt. Hat einer mehr denn der andere; er hat doch den Armen so lieb als den Reichen.

 

Wie arm er ist, wie ungestalt er ist, du weißt nicht, was Gott mit ihm im Sinn hat, mit des Armen Armuth, und mit des Reichen Reichthum. Und darum sollst du deinen Nächsten, das ist deinen Nebenchristen minnen wie dich selber; denn Gott selber hat ihn so lieb, daß er den Tod seinetwegen litt.“ Wie tief und innig er das Wesen der Liebe erfaßt hat, zeigt folgende Darstellung: die Minne ist recht (gerade) wie das Feuer. Was man in das Feuer legt, das wird auch Feuer. Legt man Eisen in das Feuer, es wird auch Feuer. Also ist die Minne. Alles was dem Menschen je geschehen mag, der die wahre Minne hat, das ist ihm alles eine Minne. Hat er große Arbeit, das ist ihm auch eine Minne; hat er große Armuth, es ist ihm eine Minne. In der Liebe unters Herrn leidet er Schmach und alle die Armuth, die über ihn kommt. Wie meine Frau St. Maria Magdalena: die minnete unsern Herrn so ernstlich, daß er ihr erschien. Und sie wollte wähnen, es wäre ein Gärtner. Da sprach sie: „Herr, hat du mir ihn genommen? Zeige mir ihn, ich will ihn hintragen.“ Hört ihr nicht, welch‘ eine wunderliche Rede. Seht so heiß und so recht war ihr zu unserem Herrn von rechter Liebe, daß sie wollte wähnen, es wüßten alle Leute, wie es um die Liebe stände, die sie gegen unsern Herrn trug. Und also war sie entzündet mit der wahren Minne und Liebe, daß sie so wunderlich sprach und daß sie nichts belästigte, was sie durch Gottes Liebe that. – Nun hat ihre Arbeit alle ein Ende, die sie in der Minne litt; aber ihre Freude gewinnt nimmermehr ein Ende.“ Wenig über ein Jahr hat Berthold seinen Lehrer und Freund David überlebt. Dieser starb den 16. Nov. 1271. Die Stunde seines Heimgangs soll B. geoffenbart worden sein, der gerade in Regensburg predigte, und in einem Verse ihn dem Volke pries als einen Mann, der fromm war und klug, demüthig und sittsam, nüchtern, keusch und stille, so lange er lebte:

 

„Qui pius, prudens, humilis, pudicus,\\

Sobrius, castus fuit et quietus,\\

Vita dum praesens vegetavit ejus corporis artus.“

 

Er selbst folgte ihm nach im Dec. 1272. Doch gehen die Angaben über den Tag auseinander: nach den Einen starb er den 24. oder nach einer andern Lesart den 14. Dec. (IX. und XIX. Cal. Jan.); womit aber nicht stimmt, daß er am Tage der h. Lucia 13. Dec. in Regensburg begraben worden. – Sein Gedächtniß ist werth, auch in der evangelischen Kirche im Segen zu bleiben. Denn ob er auch nach einer innern und äußern Stellung in der damaligen Kirche die ganze kirchliche Institution mit ihrer römischen Spitze in gutem Glauben festhielt und in der mittelalterlich-hierarchischen Anschauungsweise sich bewegte, daher auch die Opposition dagegen als ein gefährliches und verderbliches Treiben bekämpfte; so war er doch weit entfernt davon, widerchristlichen Ausartungen und Missbräuchen das Wort zu reden, und ein ganzes Streben ging dahin, die Seelen der Christenmenschen dem Reiche Gottes zuzuführen, die in die Gemeinschaft des Heils hineinzuleiten und darin zu befestigen, und alles widergöttliche Wesen, in welcher Gestalt es sich ihm darbieten mochte, alles was die Seelen verderbt und von der Gemeinschaft des heiligen und seligen Lebens in Christo abzieht, mit allem Ernte zu bekämpfen, auf daß der Zweck der Erlösung erfüllt werde, und der Herr Christus ein Volk des Eigenthums habe, das fleißig wäre zu guten Werken. So mag denn sein Name unbedenklich im evangelischen Kalender stehen. Ist ja doch die evangelische Kirche ihrem wahrhaftigsten Selbstbewußtsein nach nicht eine bloß glücklichere Fortsetzung früherer Sectengemeinschaften, jener unreifen Versuche einer antikatholischen Gesellschaftsbildung. Als die in Wahrheit apostolische und sonach katholische weiß sie sich in unzertrennlichem Zusammenhang mit den gesunden christlichen Elementen und Persönlichkeiten aller Zeiten und Gebiete der Einen Kirche, mit allem was die unsichtbare Kirche in den sichtbaren Kirchenanstalten bildet. Sie will ja nichts anderes als das ursprüngliche Zeugniß Christi und von Christo, gereinigt von den fremdartigen Zuthaten späterer Zeiten, erneuern und bewahren und nach dem Bedürfniß des Zeitalters darlegen und entfalten mit treuer Benutzung und Aneignung alles dessen, was von Zeit zu Zeit zur wahren Verherrlichung Christi und zum Ausbau eines Reichs in der Menschheit versucht und gearbeitet worden ist, somit auch der Personen, welche als treue Arbeiter in diesem Werke erfunden werden und deren Grundrichtung eine gesunde katholische ist, nicht gerichtet auf Stärkung und Erhöhung hierarchischer Gewalt, sondern auf Förderung des Reichs Gottes in der bestehenden Kirchenform, auf Erweckung und Belebung des christlichen Volks aus dem Worte und Werke Gottes. Hierdurch ist ja der wahrhaften Erneuerung der Kirche, wie dieselbe in der Reformation auf eine weit- und durchgreifende Weise geschehen ist, eben so vorgearbeitet worden, wie durch die dem römischen Wesen entschieden, ja schroff entgegentretenden Wahrheitszeugen. Denn haben. Diese dieß gethan theils durch ihren Protest gegen das Unevangelische, Unapostolische, Schriftwidrige des päpstlichen Regiments und der demselben dienenden Einrichtungen, theils durch Hervorhebung der apostolischen Wahrheitselemente, wenn auch noch einseitig und häufig nicht ohne Beimischung von Fremdartigem und Falschem; so haben Jene dafür gewirkt durch Bewahrung der Katholicität als solcher und Geltendmachung des wahrhaft Christlichen innerhalb derselben, wenn auch nicht ohne Beimischung von Falschem, wie es das Sein und Leben im Papsthum mit sich brachte. Als einen solchen die evangelische Erneuerung der Kirche in lauterem und tüchtigem Streben mit vorbereitenden Geist führen wir demnach den Br. Berthold im evangelischen Kalender mit auf; wir möchten noch zum Schluß hinzufügen, als einen Mann der innern Mission in einer Zeit, wie er denn nicht allein predigend und mit mächtigem Worte gegen die Sünde und für die Gerechtigkeit eifernd dem in den Massen verbreiteten heidnischen Verderben aller Art entgegengewirkt hat, sondern auch in liebreicher rettender That den Schaden zu bessern suchte, indem er z. B. Weiber von unkeuschen Sitten, die durch eine Predigten bekehrt wurden, verheirathete, nachdem er von der zahlreichen Zuhörerschaft so viel Almosen gesammelt, als zur Ausstattung für die erforderlich war.

 

Chr. Fr. Kling in Marbach.

Ambrosius von Siena

In der altberühmten Stadt Siena in Italien lebte der edle Bonatacha Sansedone mit einer Gattin Justina in gutem Frieden. Er wie sie stammte aus einer kriegerischen Familie, welche im Kampfe mit den Saracenen groß und reich geworden war. Am 16. April 1220 wurde die Frau in Abwesenheit des Gatten durch die Geburt eines Sohnes mehr betrübt als erfreut. Denn das Kind war sehr mißgestaltet, Arm und Bein verwachsen, das Gesicht schwarz und häßlich. Als einmal vor der Hausthüre, wo die Amme das Kind im Schoße hatte, ein alter Mann dasselbe scharf ansah, wollte die Amme es schnell der Neugierde entziehen; der Greis aber rief ihr weissagend zu: sie solle das Kind nicht verhüllen, der ungestalte Knabe werde noch das Licht und die Zierde der Stadt werden. Die inbrünstigen Bitten seiner Mutter erlangten es auch, daß der übelgeborene Sohn sich wohl entwickelte und nach Leib und Seele zu ihrer Freude heranwuchs. Frühe zeigte sich in ihm ein Trieb nach Höherem. Nichts war dem Knaben wichtiger, als einen Geistlichen zu sehen und Bücher waren eine Unterhaltung früh und spät. Spielten die Kinder mit einander, so baute er am liebsten kleine Altärchen mit Kreuzen, vor denen er kindlich kniete und betete. Im Lernen machte er bald die größten Fortschritte; namentlich lernte er schon Psalmen und behielt ganze Predigten auswendig, ehe er sieben Jahre alt war. Sah er Fremdlinge oder Arme, so nahm er sie bei der Hand und führte sie in’s älterliche Haus, um sie zu laben und zu bedienen. Mit neun Jahren begann er an den heiligen Tagen zu fasten und mitten in der Nacht zum Gebete aufzustehen. Am liebsten ging er mit Geistlichen um. Von einem reichen Vater erbat und erhielt er die Erlaubniß, an jedem Sonntage fünf Pilger bewirthen und beschenken zu dürfen. Da stellte der fromme Schüler sich Sonnabends an das Thor der Stadt, wo die von den Gegenden jenseits der Alpen herkommenden Fremden eingehen mußten. Aus der Zahl derer, welche um ein Almosen baten, wählte er fünf aus, führte sie in die dazu bereitete Kammer, bediente sie, zog ihnen die Schuhe aus und reinigte dieselben, wusch ihnen die Füße und half sie entkleiden. In der Früh weckte er sie und ging mit ihnen zur Messe; nach einem Gang durch die Hauptkirchen der Stadt führte er sie zum Frühstück, gab ihnen noch einen Zehrpfennig und entließ sie, nachdem er sich ihrer Fürbitte empfohlen. Gleiche Theilnahme bewies er den im Gefängnisse Schmachtenden. An jedem Freitage besuchte er fiel und wenn er Arme darunter fand, versah er sie an einem Wochentage heimlich mit Speise und Geld. Jeden Sonntag besuchte er auch das Spital der Stadt, um bei der Pflege der Kranken zu helfen und letztere leiblich und geistlich zu erquicken. Auch zu den Hausarmen ging er mit vollen Händen. Wo Jemand im Unglück war, da kam der edle Jüngling als freundlicher Tröster.

 

Eine ganz besondere Freude hatte er daran, wenn er Aergernisse heben und Feinde versöhnen konnte. Zwischen manchen Todfeinden hat er Frieden gestiftet. Angefochtene Wittwen zu vertheidigen, mißhandelte Waisen zu schützen war er nicht weniger eifrig.

 

Heiligen Sinnes wich der heranwachsende Jüngling den Verführungen der Jugend gründlich aus. Statt zu Gesellschaften und Hochzeiten ging er an einsame Plätze. Als er nun einmal die Einladung zur Hochzeitsfeier eines Verwandten abgelehnt hatte und zu einem außerhalb der Stadt gelegenen Cisterzienser Kloster sich begab, begegnete ihm ein alter Mann in der Tracht eines Dominikanermönchs, der ihn um ein Almosen bat und dabei folgenderweise ansprach. „Glaubst du bei Gott mehr zu verdienen und besser für dein Seelenheil zu sorgen, wenn du von weltlichem Umgang und der Feier einer heiligen Eheschließung dich zurück zieht? Ich sage dir, größere Gnade und größeres Verdienst bei Gott wirst du haben, wenn du mit deinen Alters-Genossen umzugehen nicht verschmäht; denn es gilt mehr bei Gott, gegen die Versuchungen und Gefahren der Seele zu kämpfen, als in der Stille ein sicheres Leben zu führen, wie du es vorhat. Glaube nicht die göttliche Gnade zu erlangen, wenn du nicht gegen die Fallstricke des Feindes tapfer kämpfen willst; das aber wird besser geschehen, wenn du im Umgang mit deinen Altersgenossen Gelegenheit findet, den Versuchungen durch festen Willen zu widerstehen. Leicht wirst du in Hochmuth gerathen durch solche Zurückgezogenheit von allen Gesellschaften. Du willst unverheirathet bleiben? Bist du auch von Gott dazu bestimmt? Wie willst du das Heil deiner Seele schaffen, wenn du ohne den Gottgeordneten Ehestand die Versuchungen des Fleisches zu überwinden nicht vermagst? Es ist eine freie Gabe Gottes, wenn er Einigen das Vermögen, ein keusches Leben außer der Ehe zu führen, verleiht. Willst du aber durch menschliche Kraft Keuschheit bewahren“?….

 

Also war auch mitten in jenen mönchischen Zeiten die klare Stimme evangelischer Freiheit und Weisheit selbst noch auf der Gasse zu finden. Aber allermeist ließ man sie auf der Gasse stehen und ging lieber in Klöster und Klausen nach der längst geheiligten unevangelischen Sitte der Zeit. Die Erscheinung jenes freisinnigern weisen Mannes selbst wurde von den Zeitgenossen für eine verlarvte Erscheinung des Satans angesehen, welcher den frommen Jüngling habe versuchen wollen. Ambrosius habe auch sogleich das Kreuz davor gemacht, sei in das Kloster geflohen, wo er unruhevoll mehrere Tage zubrachte, bis er in einer Nacht im Schlafe die Stimme gehört: „Laß die Worte des Versuchers; bleib deinem Vorsatz treu; Gottes Hülfe wird dir nicht fehlen.“ Die Aeltern wünschten, der junge Mann solle in die Ehe treten. Er aber erklärte, er wolle auf Alles verzichten und um Gott besser dienen zu können, Mönch werden. Der Vater gab nach und setzte auf des Sohnes Bitten ein großes Kapital zum Besten der Armen und besonders zur Ausstattung edler, armer Töchter aus. Am 16. April 1237 als an seinem 17. Geburtstage trat Ambrosius in den Prediger-Orden zu Siena. Nicht ein träges, sondern ein thätiges Leben wollte er haben. Er wünschte in Paris seine theologischen Studien zu vollenden unter dem berühmten deutschen Kirchenlehrer Albert dem Großen. Unterwegs befiel ihn ein schweres Fieber. Ein Einsiedler, dem schon andere glückliche Heilungen gelungen waren, wurde zu dem Kranken gerufen. Auch dieser wollte ihn bewegen, lieber umzukehren von dem Wege, auf welchen ihn nicht Gott berufen habe. Er solle lieber die Rechte studieren zu Nutz seiner Vaterstadt, zur Ehre Gottes und zur Freude seiner Aeltern. Aber auch in dieser Stimme erkannte Ambrosius nur eine teuflische Versuchung. Er ließ nicht zu, daß der Einsiedler die Hand auf ihn lege und befahl sich lediglich in Gottes Hand, die ihn denn auch bald wieder gesund machte und glücklich nach Paris kommen ließ. Im Studium der Weltweisheit wie der Gottesgelahrtheit machte Ambrosius so große Fortschritte, daß er bald den Ehren-Grad eines Baccalaureus erhielt, obschon er demütig sich ihn verbat. Nach zwei Jahren begann er auch zu predigen. Alles strömte dem begabten und gesalbten junge Manne zu. Nebenbei hielt er Bibelstunden und erklärte schwierigere Stellen der Schrift so trefflich, daß selbst die gelehrten Doktoren ihm zufielen. Doch ward ihm die Unruhe zu lästig, er bat, in der Stille als Mönch leben zu dürfen. Aber bald mußte er wieder herfürtreten und öffentliche theologische Vorlesungen halten, was er nur unentgeltlich that, drei Jahre lang. Selbst die angesehensten Lehrer, wie Thomas von Aquino, der größte unter den italienischen, und Albertus Magnus, der größte unter den deutschen Gottesgelehrten jener Zeit, saßen zu den Füßen des frommen und weisen Bruders von Siena, der auch einige gelehrte Werke herausgab.

 

Von seinen Obern als Lehrer der Theologie nach Köln geschickt, hielt er sich mehrere Jahre daselbst auf und lernte deutsch, um auch dem Volke predigen zu können. Von Pabst Gregor X. zu einem Gesandten ernannt, reiste er predigend, namentlich durch Deutschland, stiftete Frieden zwischen Fürsten und Völkern und forderte zum Kreuzzug gegen die Tartaren auf, gegen welche der ungarische König Bela IV. damals wiederholt siegreich zu Felde zog.

 

Indessen hatte Pabst Clemens IV. die Stadt Siena wegen ihrer Anhänglichkeit an den deutschen Kaiser Friedrich II. mit dem Interdikt (Versagung alles Gottesdienstes) belegt. Da wurde Ambrosius gerufen, dem Unheil ein Ende zu machen. Unter großem Zulaufe des Volkes, dessen Menge von keiner Kirche gefaßt wurde, predigte er auf dem Kirchplatze, versöhnte die von Parteien zerrissenen Familien und erhielt vom Pabste, an den er von seiner Vaterstadt abgesandt wurde, die Aufhebung des Bannes. Sofort erhielt er den Auftrag, als päbstlicher Gesandter das Kreuz in Frankreich zu predigen. Zum Lohn für seine Treue sollte er ein Bisthum bekommen, Ambrosius aber lehnte solche Würde wiederholt in Demut ab. Dafür ließ Innocenz IV. ihn nach Rom kommen als Lehrer der Theologie. Drei Jahre lang wirkte er hier auf dem Lehrstuhl und auf der Kanzel mit großem Erfolge. Hierauf brachte er fünfzehn Jahre in verschiedenen italienischen Klöstern in stiller Zurückgezogenheit zu. Wer so viel ausgab, wie er, mußte ja wohl in heiliger Sammlung auch wieder einnehmen aus dem Quell frommer Betrachtung und gläubigen Gebetes. Zu seiner Schule zurückgekehrt, erhielt er zumal nach dem Tode des großen Thomas von Aquino immer größern Zulauf von Schülern.

 

Im Jahre 1267 kam der letzte Hohenstaufe Konradin von Schwaben mit Heeresmacht nach Italien. Nach einem Triumpheinzuge in Rom wurde der vom Pabst Gebannte und Verfolgte durch Karl von Anjou geschlagen und gefangen. Aus dem Kerker zu Neapel suchte der unglückliche Heldenjüngling durch Ambrosius die Gnade des Pabstes nach, und auf die Bitte des beredten Friedensmannes wurde sie alsbald gewährt. Innocenz V. sandte den Ambrosius auch nach Florenz, um es zum Frieden mit Pisa zu bewegen. Der hinreißenden Predigt des Mönches gelang es, die Parteien zu versöhnen, nachdem auf seine Fürsprache das päbstliche Interdikt über Florenz aufgehoben war. Auch in Venedig und Genua hatte er ein gleiches Friedenswerk begonnen, als der Pabst starb. So konnte auf Bruder Ambrosius recht das Wort angewandt werden: „wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen.“ War er doch die Liebe und Milde, die Demut und Sanftmut selber. Alle Ehre lehnte er ab, weil sie allein Gott gehöre. Stets machte er eine Reisen zu Fuß. Am liebsten war er mit Armen und Geringen zusammen. Feind war er jeder Schaustellung der Frömmigkeit. Schüchtern im gewöhnlichen Verkehr war er in öffentlicher Rede unerschrocken wie ein Prophet Gottes. Für den Predigerorden war er ein unschätzbarer Gewinn. Fürsten und Vornehme bewog er zur Stiftung von Dominikanerklöstern. Auch viele fromme, namentlich Frauen-Vereine gründete er zu gemeinsamem Leben und zur Pflege der armen Kranken. Hart gegen sich selbst war er mild gegen Andere. Versöhnung, Vergebung, Friede war das Ziel seines Lebens und Wirkens. Enthaltsam im Essen und im Schlafe, anhaltend und oft ganz entzückt im Gebete, streng in der Selbstzüchtigung gab er ein Muster „heiligen“ Lebens nach katholischem Zuschnitt. Er trug stets einen bleiernen Gürtel um die Hüften auf bloßem Leibe. Als er einst in der Fastenzeit zu Siena mit gewohntem Feuer-Eifer predigte, bekam er Nachts einen Blutsturz. Trotz allen Bitten der Brüder predigte er des andern Tags ebenso eifrig gegen den Wucher. Ein neuer Blutsturz überzeugte ihn, daß sein Ende nahe sei. Die darob weinenden Brüder hieß er vielmehr sich freuen. Er betete inbrünstig, verlangte das heilige Abendmahl, empfing es trotz seiner Schwäche auf den Boden kniend, ließ sich dann wieder ins Bette heben und mit der letzten Oelung versehen. Die Umstehenden tröstend und einen nach dem andern zum Abschiedskuß umarmend verschied er sanft den 20. März 1287. Ganz Siena huldigte dem Verstorbenen, das Volk riß sich um Stücke von seinen Kleidern, auf öffentliche Kosten wurde ihm ein herrlicher Marmorsarg bereitet, Wunder über Wunder sollen an seinem Grabe gewirkt worden sein. Doch wurde er von Pabst Bonifacius nicht heilig gesprochen, weil seine Familie gibellinisch (kaiserlich) und nicht welfisch (päbstlich) gesinnt war. Erst Eugen IV. erlaubte es 1443, daß, zumal in den Dominikanerklöstern von Siena, das Fest des seligen Ambrosius gefeiert werden dürfe, als ob er förmlich heilig gesprochen worden wäre. Am Grabe des frommen Mannes, des von Kind an eifrigen innern Missionärs, des demütigen Gelehrten, des feurigen Predigers, des im Dienste des Gekreuzigten sich verzehrenden Boten der Liebe und Versöhnung sprechen auch wir Evangelischen, die wir auf Alles Acht haben sollen, was uns reizen kann zur Liebe und guten Werken, über Ambrosius von Siena das große Wort unseres Meisters nach: „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

  1. v. Merz in Schwäbisch Hall, jetzt in Stuttgart.

Bonaventura

Bonaventura ist einer der hervorragendsten unter den Kirchenlehrern der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. Er gehört einer Zeit an, wo eine mächtige Bewegung die denkenden Geister ergriffen hatte; reichbegabt und vielseitig gebildet, hat er mit ernstem Streben nach der Erkenntniß der christlichen Wahrheit geforscht und ist tiefer als mancher Andre in dieselbe eingedrungen, wenn auch, wie es von einem mittelalterlichen Theologen nicht anders zu erwarten ist, seine Ansichten nicht frei von allerlei, theils der Philosophie, theils der Phantasie angehörigen Irrthümern sind. Indessen, wie sehr er auch in diesen Irrthümern einer Zeit befangen war, so gehört er doch zu den frömmsten Bekennern einer Kirche; wir erblicken und bewahren in ihm ein liebenswürdiges, reines Gemüth, so harmonisch, daß einer seiner Bewundrer ihm das allerdings übertriebene Lob gespendet hat, in Bonaventura scheint Adam nicht gesündigt zu haben; sein Leben schien so fehlerfrei, daß man meinte die Erbsünde sei ohne Einfluß auf ihn geblieben. Wäre dies in der That der Fall gewesen, so hätte er keines Erlösers bedurft; glücklicher Weise hatte er selber keine so hohe Meinung von seiner Vollkommenheit. Er ward geboren im Jahr 1221 zu Bagnarea in Toscana; sein einem Adelsgeschlecht angehörender Vater hieß Johann Fidanza, seine Mutter Ritella. Bei der Taufe erhielt er den Namen Johann. Einer alten Sage zufolge verfiel er in einem fünften Jahr in eine schwere Krankheit; die geängstete Mutter wandte sich an den bereits wie ein Heiliger verehrten Franz von Assisi; dieser betete zu Gott, er möge das Kind erhalten, und als diese Bitte erhört ward, soll er erstaunt ausgerufen haben: o buonaventura! o das glückliche Ereigniß! Diese Erzählung mag nicht ganz ungegründet sein; der Ausruf des h. Franz ist ganz seiner naiven Weise gemäß; ebenso stimmt es mit der Sitte der Zeit, daß in Folge desselben dem Kinde der sonst nicht gewöhnliche Name Bonaventura beigelegt wurde. Um ihre Dankbarkeit zu bezeugen, that die Mutter das Gelübde ihr Sohn müsse einst Franziskaner werden. Ueber seine Jugend ist sonst nichts bekannt. Um das Jahr 1243 trat er in den Orden, ohne Zweifel in einem Kloster seines Vaterlandes. Da er glückliche Anlagen zeigte, ward er das Jahr darauf nach Paris geschickt um daselbst seine Bildung zu vollenden. Zu Paris herrschte damals ein reges geistiges Leben; die philosophischen und theologischen Studien waren in eine neue Richtung eingetreten, die sie schnell auf ihren höchsten Gipfel, aber auch ebenso schnell wieder herunterführte. Die Gelehrten, die lange Zeit von Aristoteles nichts gekannt hatten als seine logischen Schriften, waren seit einiger Zeit auch mit dessen physischen, metaphysischen, psychologischen und moralischen Werken vertraut worden und hatten dieselben mit wahrer Begeisterung ergriffen; Aristoteles war für sie „der natürliche Meister“ geworden, „dem nur das Licht der Gnade gefehlt hatte um der größte Lehrer der Kirche zu sein“. Die Theologen wandten eine Methode auf ihre Wissenschaft an und vermischten diese mit vielen seiner Lehren; dabei übten sie sich im Disputieren über das Für und Wider jedes Satzes, untersuchten alle nur denkbaren Fragen um keine ohne Antwort zu lassen und bestrebten sich jeden Widerspruch zu lösen, in der Absicht die kirchliche Lehre gegen allen Zweifel zu schützen und sie dem Verstand zurechtzulegen der sie begreifen wollte ohne jedoch über dieselbe hinauszugehn. Tiefer denkende Geister konnten auf diesem Wege dahingelangen nach großartigem Plan das Gebäude des dogmatischen Systems aufzuführen; die Grübler dagegen und die Sophisten mußten sich in endlosem Zerspalten der Begriffe und unfruchtbarem Streiten über Nebendinge verlieren; ja indem sie Einwürfe ersannen, nur um ihre Fertigkeit in der Bekämpfung derselben zu zeigen, gaben sie zuletzt die Theologie dem Skepticismus preis und nahmen ihr allen Halt. Als Bonaventura nach Paris kam, lehrte daselbst in einem Ordenskloster der englische Franziskaner Alexander von Hales, der erste, der den ganzen Aristoteles für die Theologie ausbeutete und in der dialektischen Behandlung des Für und Wider weder Dunkel noch Widerspruch mehr dulden wollte. Die Vorlesungen dieses Mannes hörte indessen Bonaventura nicht lange; Alexander starb schon 1245. Als ein fernerer Lehrer wird ein Schüler Alexanders genannt, der Franziskaner Johann von La Rochelle, von dem ein nicht uninteressanter psychologischer Traktat existiert. Wie gelehrt und scharfsinnig aber auch die Vorträge dieser Lectoren waren, der blos scholastische Geist derselben konnte dem jungen frommen Italiener nicht genügen. Die allgemeine Sitte der Zeit machte es ihm zwar zur Pflicht sich auch seinerseits in die Bücher des Aristoteles zu vertiefen und unter den dogmatischen Werken vornemlich die unter dem Titel Sentenzen, von Peter Lombardus gesammelten und mehr oder weniger systematisch geordneten und bearbeiteten Stellen der Kirchenväter durchzustudieren; allein man sieht aus seinen eigenen Schriften, daß er seine Haupt-Aufmerksamkeit der Bibel und den Werken derjenigen Lehrer zuwandte, die man die mystischen nennt, weil sie nicht blos die Bedürfnisse des Verstandes, sondern mehr noch die des nach Vereinigung mit Gott sich sehnenden Gemüths zu befriedigen suchen. Nach mehreren Jahren eifrigen Lernens, trat er 1253, als Johann von La Rochelle sein Amt aufgab, an dessen Stelle, und bald war sein Ruf so verbreitet, daß ihn das im Jahr 1256 versammelte Kapitel der Franziskaner zum General des Ordens erwählte. In letzterm war eine Spaltung ausgebrochen zwischen solchen, die behaupteten, das Gelübde der Armuth dürfe nicht im strengsten Sinn ausgelegt werden, und solchen, die keine Milderung zugeben wollten. Zu letztern, unter denen sich auch die apokalyptischen Ansichten des Abtes Joachim von Floris verbreitet hatten und die man die Spiritualen nannte, hatte auch der Ordensgeneral Johann von Parma gehört. Die Päpste waren auf die Seite der mildern Partei getreten und hatten ihr, in Bezug auf Güterbesitz, bedeutende Verwilligungen gemacht. In dem Generalkapitel von 1256 ward daher Johann von Parma genöthigt sein Amt niederzulegen; er selber schlug Bonaventura zu seinem Nachfolger vor, der auch sofort die Stelle erhielt. Den Gegnern eines Vorgängers nachgebend, mußte er ihn zur Untersuchung ziehen; man fand ihm jedoch nichts vorzuwerfen als seine Vorliebe für die Schriften des Abtes Joachim, so daß er ohne andre Strafe entlassen ward als den Befehl in einem bestimmten Kloster zu leben. Das Jahr darauf, 1257, ward Bonaventura, der bisher nur in seinem Kloster gelehrt hatte, zugleich mit dem berühmten Dominikaner Thomas von Aquino als Professor der Theologie an der Pariser Universität angestellt. Beide Männer waren gleich geachtet; die Vorlesungen des einen zogen eben so viel Zuhörer an wie die des andern; dabei waren sie innig befreundet und strebten gemeinsam, jeder in seiner Weise, das dogmatische System ihrer Kirche wissenschaftlich zu gestalten. Die Zeit ihres Zusammenwirkens war die glänzendste Periode der Pariser theologischen Facultät; die mittelalterliche Theologie erreichte damals ihren Höhepunkt, von dem sie bald nachher wieder herunterfiel. Während Thomas von Aquino mit bewundernswürdigem Scharfsinn der eigentlichen Scholastik ihre letzte Vollendung gab, hob Bonaventura mehr das praktische und mystische Element hervor. Obgleich auch er mit dem Scholastischen Formalismus umzugehn wußte und in durchaus scholastischem Sinn einen Commentar über die Sentenzen des Lombarden schrieb, – eine Aufgabe der sich damals kein Lehrer entziehen konnte – so wußte er sich doch anderwärts von der Herrschaft der bloßen dialektischen Vernunft frei zu machen, der die meisten Theologen unterworfen waren; eben so gelehrt wie alle andern, wollte er zunächst das religiöse Gefühl beleben, und dies konnte damals nur in der Form des Mysticismus geschehn. Bonaventura ist von dem mystischen Sinn des Stifters eines Ordens beseelt, allein dieser Sinn ist geregelt bei ihm durch Gelehrsamkeit und philosophisches Denken. Seine Mystik ist nicht die tiefsinnige des Meisters Eckart, noch die evangelisch-praktische des Dominikaners Tauler; sie schließt sich an diejenige Hugos und Richards von St. Victor an und besteht, wie diese, in einem Versuch die Contemplation mit der Scholastik zu verbinden, um letzterer wo möglich ein tieferes religiöses Interesse zu geben. Bonaventura bekennt, daß er kein Freund des Aristoteles ist; er giebt zu daß die Vernunft bis zu den äußersten Enden des Weltalls vordringen kann, meint aber, daß alles was über diese Grenzen hinausgeht ihr verborgen bleibt; mit der Philosophie allein kann sich daher der Mensch nicht begnügen, der Glaube muß dazu kommen der in der Liebe wurzelt und den Geist erleuchtet, indem er ihm Gewißheit über das verleiht was er natürlich nicht erreichen kann. Ja selbst das was wir durch eigene Kraft erstreben können, erhält erst durch den Glauben einen wahren Werth; Bonaventura hat ein eigenes Buch geschrieben um zu zeigen wie alle weltlichen Wissenschaften erst in der Erkenntniß der heiligen Schrift ihre Vollendung finden. Für eine Schüler, denen er auf seinem Katheder die Bibel und den Petrus Lombardus erklärte, verfaßte er zwei kurze Lehrbücher in rein wissenschaftlicher Form, Centiloquium und Breviloquium betitelt; das letztere ist vielleicht die beste, wenigstens die einfachste Dogmatik des Mittelalters. In diesen Schriften vermeidet er eine Menge subtiler Fragen und Distinctionen; die Theologie stellt er nicht, wie Thomas von Aquino, als eine speculative Wissenschaft dar, sondern weit richtiger als eine praktische, die nicht nur für den Verstand eine Bedeutung hat, sondern vor Allem zu Gott führen und sich durch die Reinheit des Lebens bezeugen soll; es ist dies ein Grundsatz der auch heute noch eine Wahrheit hat. Bonaventura’s mystische Werke sind ziemlich zahlreich; ich will hier nicht alle anführen; nur die vorzüglichsten mögen genannt werden, nemlich der Traktat von den sieben Graden der Contemplation und der Wegweiser des Gemüthes zu Gott; in diesen beiden finden sich eine Ansichten in ihrer vollständigsten Fassung entwickelt; die übrigen sind mehr zur Erbauung bestimmt. Es ist ein eigenthümliches Ding um diesen Mysticismus; er soll eine Methode, so zu sagen eine Kunst sein um zum unmittelbaren Schauen Gottes zu gelangen; zu diesem Zweck verwendet er auf die analytische Untersuchung der Seelenzustände ebenso viel Scharfsinn und oft eben so viel Spitzfindigkeit wie die Scholastiker auf das Zerlegen abstrakter Begriffe; das Ganze wird indessen von einem lebendigen Hauch religiöser Innigkeit erwärmt, den man vergebens bei den meisten Theologen der blos scholastischen Richtung sucht. Bonaventura’s Theorie geht nicht von einer metaphysischen Speculation über die göttliche Wesenheit aus, sondern von einer psychologischen und ethischen Prüfung der Fähigkeiten und Bedürfnisse der menschlichen Seele. Der Mensch, so lehrt er, ward geschaffen um die Wahrheit, die sich in Gott zusammenfaßt, unmittelbar ohne Hinderniß und Mühe zu schauen; dieses Schauen, das eine Seligkeit sein sollte, wurde jedoch durch die Sünde unmöglich gemacht. Die Unwissenheit in Bezug auf Gott, die geistige Finsterniß in der wir befangen sind, ist daher nicht ein Resultat unserer ursprünglichen Natur, sondern des durch die Sünde über uns gekommenen Verderbens; sie ist nicht die nothwendige Bedingung unserer geistigen Fähigkeiten, sie ist die Folge des Abfalls von Gott. Die Erkenntniß der Wahrheit ist daher nicht von der alleinigen Bildung des Verstandes zu erwarten, die immer schwierig und unvollkommen bleibt, sie kann nur von der Reinigung des Herzens kommen, von der Wiederherstellung der Verbindung mit Gott. Dies ist nach Bonaventura etwas wesentlich Praktisches, das nicht durch die Dialektik ermöglicht wird, sondern nur durch den Glauben an den Erlöser, durch Gebet, Liebe und Heiligung des Lebens. Der Beruf des Menschen ist daher Rückkehr zu Gott aus der Entzweiung zur Einigung. Die verschiedenen Stufen dieser Rückkehr stellt Bonaventura unter dem Bild einer Leiter von sieben Staffeln dar, welche das Weltall, die Gesammtheit aller geschaffenen, sowohl sinnlichen als geistigen Dinge bedeutet. Diese Dinge müssen wir der Reihe nach betrachten, um so zum Schauen der höchsten Wahrheit zu gelangen. In den einen erkennen wir die Spuren Gottes in den andern ein Bild; die erstern sind außer uns, das andere ist in uns. Die Spuren Gottes in der sichtbaren Welt, die uns dessen Eigenschaften ahnen lassen, führen uns dann in unser eigenes Innere ein, wo er sich uns in den Kräften der Seele offenbart. Von da müssen wir zuletzt zu ihm selber aufsteigen; um uns dies möglich zu machen, bietet er uns eine Gnade in Christo an. Christus mußte vom Himmel herabsteigen und menschliche Natur annehmen, um die zum Himmel führende Leiter, die durch Adams Sünde zerbrochen ward, wiederherzustellen. So sehr auch Einer vom Lichte der natürlichen Vernunft und der erworbenen Wissenschaft erleuchtet sein mag, er kann doch nur durch Christi Vermittelung, wenn er an ihn glaubt, ihn liebt und auf ihn hofft, dazu kommen, daß er Gott wahrhaft erkennt und sich mit ihm vereint. Wenn auf den untern Stufen, wo es sich um das Auffinden der Spuren Gottes handelt, die Philosophie von Nutzen ist, so bedarf es auf den höhern der Betrachtung der heiligen Schrift. Auf diese Weise gelangt man immer höher zur Vollendung der Erleuchtung des Geistes; in Christo schaut man dann nicht mehr blos den Vermittler, sondern Gott selber mit dem man sich eins fühlt in Frieden und ungetrübter Seligkeit. Dieser Zustand erfordert, daß man allem Irdischen und Eigenen entsage; man muß mit Christo sterben um mit ihm aus dieser Welt zum Vater zu gehn und, so weit es dem geschaffenen Geiste möglich ist, „gottförmig“ zu werden. Wir haben hier kurz die Grundzüge von Bonaventura’s Mystik zusammengefaßt und alles weggelassen was zur scholastischen Form und zur symbolischen Einkleidung der Ideen gehört; das Gesagte kann genügen, um zu zeigen, daß ein tief religiöses Interesse zum Grunde liegt, obschon man sich nicht verhehlen kann, daß die Rückkehr zu Gott, so wie der Verfasser die schildert, doch mehr nur eine Aufgabe der Intelligenz als des Gemüthes ist und daß sie, in ächt katholischem Sinn, ein eigenes Werk des Menschen bleibt, wobei die göttliche Gnade nur als nachhelfendes Mittel erscheint. Indessen verkennen wir nicht, daß wenn auch die mystischen Schriften Bonaventura’s uns nicht in dem nemlichen Grade ansprechen wie diejenigen Taulers, die dennoch so viel Zeugnisse christlichen Geistes und innerlicher Erfahrung enthalten, daß man sie nicht ungern und ohne Nutzen zur Hand nimmt. Doch kehren wir zur Lebensgeschichte des Mannes zurück. Er war, wie gesagt, Bettelmönch und zugleich Professor an der Pariser theologischen Facultät. In dieser doppelten Eigenschaft ward er in einen Streit verwickelt, der damals großes Aufsehn erregte. Die etwa vierzig Jahre vorher gestifteten Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner waren rasch zu großer Bedeutung gelangt. Ihr ursprünglicher Zweck war Buße zu predigen und die Völker im Bekenntniß des katholischen Glaubens zu befestigen; jeder einzelne Bruder sollte durch Armuth, Opferfähigkeit und Sorge für das Seelenheil der Menschen ein Bild des apostolischen Lebens darstellen. Da die Weltgeistlichen größtentheils ihre Pflichten vernachlässigten und, in den Städten, so wie auf dem Lande, meist nur daran dachten ihre Sporteln und Zehnten einzuziehen um ein bequemes Dasein zu führen, so waren die wandernden, nur von Almosen lebenden und anfangs von glühendem Eifer beseelten Mönche bald viel beliebter geworden als die Pfarrer. In kurzer Zeit hatten sie sich einen außerordentlichen Einfluß erworben. Dieser war noch gestiegen als sie auch anfingen sich mit gelehrten Studien zu befassen und als Professoren der Theologie aufzutreten. Ueberdies hatten ihnen die Päpste wichtige Vorrechte ertheilt; namentlich war der Grundsatz der Armuth dahin gemildert worden daß die Bettelklöster Güter erwerben durften. Dies alles hatte zur Folge, daß die Weltgeistlichkeit mit Eifersucht auf die beiden Orden blickte und jeden Anlaß suchte um sie anzugreifen. Es fehlte übrigens nicht an gegründeten Ursachen zum Angriff. Das Ansehen, das sie beim Volke genossen, die Schenkungen, die ihnen gemacht wurden, die Reichthümer, die sie erwarben, die päpstlichen Privilegien, die sie gegen die Bischöfe schützten, hatten bei den Dominikanern sowohl als bei den Franziskanern einen Ehrgeiz und eine Habsucht erweckt, die mit ihrer ursprünglichen Regel in seltsamem Widerspruch standen. Nur wenige waren von dieser Verweltlichung frei geblieben. Die meisten strebten nur darnach den Klöstern reiche Novizen zuzuführen oder von Sterbenden Vermächtnisse zu erlangen, indem sie das Mönchthum als die höchste Vollkommenheit des christlichen Lebens priesen; dabei waren sie im Beichtstuhl nachsichtiger als die Pfarrer, legten leichtere Bußen auf, verlangten für die priesterlichen Handlungen geringere Gebühren, und thaten überhaupt alles um die Layen von den Pfarrkirchen abzuwenden um sie in die Klosterkirchen zu ziehen. Nicht weniger als von den Weltgeistlichen wurden sie von den Doktoren der Parier Universität angefeindet, weil sie sich hier des gesammten theologischen Unterrichts zu bemächtigen und, auf ihre Vorrechte gestützt, die keinem Mönchsorden angehörenden Professoren bei den Studenten zu verdächtigen suchten.

 

Als nun Bonaventura und Thomas von Aquino zu Paris dozierten, trat ein Doctor der Sorbonne, Wilhelm von Saint-Amour, als Gegner der beiden Orden auf. In einer höchst merkwürdigen Schrift „über die Gefahren der jüngsten Zeit“ griff er, ohne sie indessen namentlich anzuführen, ihr ganzes Wesen an. „Gott, sagt er unter Anderm, will nicht, daß alle Menschen die nemliche Lebensweise befolgen; man kann auf verschiedenen Wegen zum Heil gelangen; es wird daher mit Unrecht behauptet, daß die mönchische Armuth die einzige Vollkommenheit sei; der Besitz irdischer Güter ist an sich nicht verwerflich, das Betteln aber ist Sünde, denn weit entfernt ein Beweis von Demuth zu sein, begünstigt es den Hochmuth und den Müßiggang. Will Jemand seinem Reichthum entsagen, so mag er es thun, nur soll er dann arbeiten um sich auf ehrliche Weise einen Unterhalt zu verschaffen; Christus und die Apostel waren arm, sie haben aber nie gebettelt. Und was ist es für ein großes Verdienst in einen Orden zu treten? Viele lassen sich nur aufnehmen um ihr Leben in sorgloser Trägheit zubringen zu können.“ Ferner beklagt sich Wilhelm von Saint-Amour über die Eingriffe der Mönche in die Rechte der Geistlichen; er nennt sie geradezu falsche Propheten, die nur darauf ausgehn die Kirche zu zerrütten.

 

Gegen diesen kräftigen Angriff erhoben sich Bonaventura für die Franziskaner und Thomas von Aquino für die Dominikaner. Ersterer besonders sucht zu beweisen, daß die Armuth eine evangelische Vorschrift ist, wobei er freilich aus den hierauf bezüglichen Stellen des Neuen Testaments eine Folgerung zieht, die nicht darin liegt. Dann zeigt er, daß die Weltgeistlichen für die zahlreichen Bedürfnisse der Kirche nicht genügen, daß Niemand besser als der Bettelmönch die Zustände des Volks ermitteln und mit seinem Elend Mitleid haben könne; daß Niemand demüthiger sein und strenger auf seine Sitten achten müsse, weil Niemand mehr von der Achtung und Freigebigkeit der Gläubigen abhänge; daß übrigens die große und schnelle Verbreitung der Orden ein hinlängliches Zeugniß für ihre Vortrefflichkeit sei.

 

Der Eifer indessen mit dem Bonaventura das Interesse der Bettelorden nach außen hin gegen deren Feinde bekämpfte, hinderte ihn nicht die bei den Franziskanern herrschenden Uebelstände zu erkennen. Sobald er zum General erwählt worden war, machte er Reisen um die Klöster zu visitieren. Er fand da. Vieles das ihn schon im Jahr 1257 bewog, von Paris aus ein Rundschreiben an alle Provinzialen zu erlassen, worin er sagt er habe mit Betrübniß bemerkt, daß der Glanz der Anstalt des heiligen Franz so häufig durch Habsucht, Trägheit, zudringliches Betteln, Errichten zu prächtiger Klöster, Einmischen in weltliche und geistliche Geschäfte verdunkelt werde; die Brüder wollen sich nicht mehr mit wenigem begnügen, daher seien sie den Menschen lästig geworden und werden es bleiben, so lang sie nicht zur alten Ordnung zurückkehren. Also gerade die nemlichen Vorwürfe die von Wilhelm von Saint-Amour und Andern gemacht wurden. Wilhelms Schrift war schon 1256 von Papst Alexander IV. verdammt worden; man hatte ihm das Recht verweigert sich über solche Dinge auszusprechen, weil er das ganze Bettel-Institut angegriffen hatte; Bonaventura hingegen, der Ordensgeneral, war vollkommen befugt die Franziskaner-Mönche zurecht zu weisen; seine Warnungen halfen jedoch ebenso wenig als die Klagen und Beschwerden der Gegner; mit nicht besserm Erfolg hielt er 1260 zu Narbonne ein Generalkapitel, und später eines zu Pisa, zur Reform der Ordensstatuten; an diesen wurde einiges gebessert, das alte Wesen dauerte aber fort. Wäre das Mönchthum in der That die Vollkommenheit des christlichen Lebens gewesen, so wäre es nicht so schnell nach jedem Versuch es neu zu heben wieder in Verfall gerathen; dazu kam bei den Bettelorden der sonderbare Widerspruch, daß die einzelnen Brüder arm, die Klosterconvente aber reich sein sollten. Nur diejenigen Franziskaner waren consequent, welche in schwärmerischer Nacheiferung des Stifters, die Regel der Armuth im buchstäblichen Sinn durchführen wollten. Bonaventura war jedoch ein Gegner dieser Partei, und konnte daher nur Rathschläge geben, die in der Praxis eben so schwer zu befolgen waren wie die absolute Besitzlosigkeit der Spiritualen. Mit diesen letztern theilte er nur die hauptsächlich von ihnen ausgegangene enthusiastische Verehrung für den Heiligen von Assisi. Auf dem Generalkapitel von 1260 erhielt er den Auftrag dessen Leben zu beschreiben; an die Stelle der zahlreichen Legenden die bereits im Umlauf waren, sollte er eine bewährte Geschichte setzen. Zu diesem Zweck besuchte er in Italien alle Orte wo Franz sich aufgehalten hatte, befragte dessen Zeitgenossen, so viel derer noch übrig waren, und benutzte was schon schriftlich über ihn vorhanden war. Und doch hat auch er nicht wenige phantastische Sagen aufgenommen, obschon er selber gewiß nichts hinzugedichtet hat. Ganz im Sinn der Spiritualen, welche den heiligen Franz für den Anfänger einer neuen Periode in der Geschichte der Menschheit hielten, vergleicht er ihn bald mit dem Morgenstern der den nahenden Tag verkündet, bald mit dem Regenbogen der einst das Zeichen der Erneuerung des Bundes Gottes mit den Menschen war; er nennt ihn den Vorgänger, der den Weg bereiten sollte durch die Wüste der Armuth, indem er durch Wort und Beispiel die Buße predigte; er sieht in ihm den Engel von dem im Buch der Offenbarung gepredigt wird K. 7, V. 2; ja er redet von der Gnade die von Neuem in diesem „Knechte Gottes“ erschienen ist, auf daß die, welche die göttliche Barmherzigkeit in ihm betrachten, lernen mögen wie sie ihr Leben dem des Herrn „gleichförmig“ machen können. Diese Biographie des heiligen Franz die, wie Hase sich ausdrückt, „sich bald wie ein Evangelium liest, bald wie ein Gedicht“, schrieb Bonaventura erst 1263 zu Paris, wo er neben der Besorgung einer Ordensgeschäfte stets fortfuhr Theologie zu lehren. Im Jahr 1265 trug ihm Papst Clemens IV. das Erzbisthum von York in England an; er weigerte sich diese Würde anzunehmen. 1269 schrieb er abermals eine Schutzschrift für die Bettelmönche gegen Girard von Abbeville, der sie mit ähnlichen Gründen wie Wilhelm von Saint-Amour angegriffen hatte. 1273 ernannte ihn Gregor X. zum Cardinalbischof von Albano. Als solcher wohnte er das Jahr darauf der allgemeinen Kirchenversammlung bei, die der Papst nach Lyon ausgeschrieben hatte, um den erkaltenden Eifer für die Kreuzzüge wieder zu erwärmen und die Griechen, die aus politischen Rücksichten neue Versöhnungsvorschläge gemacht hatten, mit der römischen Kirche zu vereinigen. Bonaventura und Thomas von Aquino, der damals zu Neapel lehrte, sollten auf dem Concil die griechischen Bischöfe vollends durch theologische Gründe überzeugen. Thomas kam indessen nicht bis nach Lyon; er starb auf der Reise den 7. März. Uebrigens war eine Beweisführung zu Gunsten des lateinischen Katholicismus nicht nöthig; die Griechen beschworen alle Formeln, die man ihnen vorlegte, freilich nur um sie bald nachher, als ihre Bedrängniß vorüber war, wieder zu vergessen. Nach der vierten Sitzung des Concils starb auch Bonaventura, den 15. Juli; der Papst, der König von Aragonien, sämmtliche Prälaten, mehrere hundert an der Zahl, wohnten seiner Leichenfeier in der Franziskanerkirche bei, wo der Cardinal von Ostia, Erzbischof von Lyon und später Papst Innocent V, eine Lobrede auf ihn hielt und wo er begraben ward. Die Sage erzählt, daß an seinem Grabe später wunderbare Heilungen statt gefunden haben. Auf die Theologie hat er nur geringen Einfluß ausgeübt; einige wenige seiner Schüler haben von einem Geist durchdrungene Schriften hinterlassen; die Mehrzahl der Gelehrten war damals nicht zum Mysticismus geneigt; die Herrschaft der Scholastik war zu allgemein um ein System aufkommen zu lassen das den dialektischen Verstand in gewisse Grenzen zurückdrängen wollte. Selbst die Franziskaner verließen den von Bonaventura eingeschlagenen Weg, um einem andern Theologen ihres Ordens zu folgen, dem Duns Scotus, der nichts weniger als ein Mystiker ist. So wie die meisten Dominikaner Thomisten, das heißt Schüler des Thomas von Aquino waren, so waren die Franziskaner beinah ausschließlich Scotisten. Bonaventura fiel in Vergessenheit, so sehr, daß zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts der ihm geistesverwandte Johann Gerson sich darüber beklagen konnte, „daß die unfrommen, übermüthigen Scholastiker sich nicht viel mit ihm beschäftigten“. Während daher auch Thomas von Aquino bereits 1323 heilig gesprochen ward, mußte Bonaventura, um der nemlichen Ehre theilhaftig zu werden, warten bis der Franziskaner-General Francesco della Rovere als Sixtus IV. den päpstlichen Stuhl bestieg, der 1482 ihm, im Interesse seines Ordens, die Canonisation verlieh. Im sechzehnten Jahrhundert räumte ihm Sixtus V., gleichfalls ein Franziskaner, die sechste Stelle unter den größten Lehrern der Kirche ein und gab ihm den Beinamen doctor seraphicus mit Anspielung auf den heiligen Franz den man den pater seraphicus nannte; als solcher steht nun Bonaventura dem heiligen Thomas, dem doctor angelicus der Dominikaner gegenüber. C. Schmidt in Straßburg.

Joachim von Floris

In den Anfängen desjenigen Jahrhunderts, welches den Höhepunkt des Mittelalters in Wissenschaft und Kunst bezeichnet, um die Zeit, da die Macht des Papstthums ihren Gipfel erreichte, ums J. 1202 schied aus der streitenden Kirche Joachim, Abt von Floris, ein frommer, mit tiefer Einsicht in das Wort und in die Wege Gottes begabter Mann, der als ein wahrer Prophet bei Vielen in seiner und in den darauffolgenden Zeiten galt, als ein die bessere Zeit weissagender Zeuge der Wahrheit auch in der evangelischen Kirche Anerkennung gefunden hat. – Ein Prophet? Freilich die Zeit der Propheten, der von Gott persönlich berufenen Männer, welche auf Grund der uralten Verheißung die Erlösung vom alten Fluch und den Segen, der von Abrahams Samen über alle Geschlechter sich ausbreiten sollte, bald mehr in dunkeln Andeutungen, bald in hellen Anschauungen und klaren Bildern einer über die ganze Erde sich erstreckenden Erkenntniß und Anbetung des lebendigen Gottes, eines Alles umfassenden Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens, und eines Königes, der ein Held ist und ein Friedefürst, ein die Schuld der Sünde sühnender Dulder und ein milder frommer Herrscher – die Zeit der Propheten, welche Solches aus unmittelbarer göttlicher Offenbarung, die in Wort und Gesichten und anderen Weisen an sie ergangen, verkündigt und vorgezeichnet haben, war geschlossen. Aber wie es auch außerhalb Israels eine Art Weissagung gab: zarte und tiefe Ahnungen des Heils, wenn auch in viel Dunkel gehüllt und mit viel Irrthum vermengt; so hat das Weissagen auch über die Zeit der Erfüllung der Verheißung in Jesu Christo und einem Erlösungswerke und dessen beginnender Verwirklichung hinausgereicht. Unter den Gaben des Jesum verklärenden heiligen Geistes ist auch die Gabe der Prophetie, des in Geistes-Kraft und -Schwung erfolgten Aussprechens der Geheimnisse gemäß den empfangenen Einblicken in die göttlichen Rathschlüsse, Werke und Wege. – Diese Gabe, welche ihre natürliche Basis hat an dem Divinationsvermögen des menschlichen Geistes, hat als solche jederzeit ihre Substanz und den Mittelpunkt ihrer Kundgebungen an der Idee des werdenden, wachsenden und sich vollendenden Reiches Gottes, an einem Kampf und Sieg, ihre Wurzel in den göttlichen Verheißungen in der h. Schrift; auch geht die spätere Prophetie mehr oder weniger bestimmt und ausdrücklich zurück auf die frühere, und vermittelt sich an ihr, indem sie pneumatische Auslegung derselben ist: geisterleuchtete Beziehung und Anwendung auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Weissagenden, Deutung und Aufschließung der zeitlichen Entfaltung des Reichs Gottes im Lichte der in den Offenbarungs-Kanon aufgenommenen prophetischen Aussprüche und Thatsachen, und des Zusammenhangs derselben. Vornehmlich beschäftigt sie sich mit der Vollendung des Reichs Gottes und den derselben vorangehenden Läuterungs- und Strafgerichten. – Hierin liegen zugleich die Kennzeichen, wodurch sich ächte christliche Prophetie unterscheidet von der falschen, welche als ihr Zerrbild neben jener hergeht und von ihr an sich reißt, was sie in ihrem Sinn verwenden kann, und es hiernach umdeutet und verdreht, zur Stützung ihres Irrthums, zur Weissagung ihres widergöttlichen und widerchristlichen Reichs. – Die Gabe der Prophetie wird aber wirksam insbesondere in großen geschichtlichen Epochen, wo das Alte, wenn auch noch in scheinbarer Blüthe und Herrlichkeit, einem Untergang entgegenreift. Bestrafung der Ausartung, des Verderbens, Ankündigung naher Gerichte, einer hiedurch zu erzielenden Läuterung der noch Läuterungsfähigen, und der hierauf eintretenden Blüthezeit des Reichs Gottes – das ist die Summa solcher Prophetie, wie sie von der Apokalypse an in verschiedenen Perioden der Geschichte hervortritt. So finden wir es denn auch in der mittelalterlichen Prophetie, insbesondere, nach dem Vorgang der h. Hildegard bei unserem Joachim. Joachim, seiner Herkunft nach ein Calabrese, geboren 1145, früher Abt des Klosters Corace (Curatium) in Calabrien, späterhin Stifter des Klosters Floris und einer eigenthümlichen Mönchscongregation, ein ernster, innig frommer und tiefblickender Mann, von glühender Phantasie, der katholischen Kirche, ihrem Glauben und ihren Ordnungen aufrichtig zugethan bis an sein Ende, erhielt schon frühe die innere Weihe für einen prophetischen Beruf. Ja schon vor seiner Geburt sollen Anzeichen, die auf etwas Besonderes hindeuteten, vorgekommen sein. Als seine Mutter Gemma ihn unter dem Herzen trug, erschien ihr, wie erzählt wird, während der Ruhe ein schöner Jüngling in weißem leinenem Gewand, und sagte zu ihr, wenn sie wünsche, daß der Knabe, mit dem sie schwanger sei, am Leben bleibe, so solle sie ihn vor dem siebenten Jahre nicht taufen lassen. Nach seiner Geburt aber sei es seinem Vater, Maurus Tabellio, gewesen, als sehe er über dem Altar des h. Erzengels Michael einen Knaben, dessen Scheitel das Dach der Kirche berühre, und bei ihm einen Chor in weißen Kleidern stehen, der laut sang: Ein Kind ist uns geboren, Hallelujah! Ein Sohn ist uns gegeben, Hallelujah! So war schon in seinen Eltern etwas Ahnungsvolles. – Als nach 7 Jahren der Vater den Tag der Taufe festgesetzt, fing die Mutter an schwer zu erkranken und starb. Erst 3 Jahre darauf wurde nun der Knabe getauft, nicht ohne geheimmißvolle Anzeichen (non sine mysterio). – Bis ins 14te Jahr legte er sich nun auf die Grammatik, und zeichnete sich eben so durch Scharfsinn und festes Gedächtniß als durch Sittenreinheit aus. Den Versuchungen am Hofe (Rogers) zu entgehen, trat er bald eine Pilgerfahrt nach Jerusalem an, in weißem rauhem Mönchsgewand, und mit einigen Armen, die er beköstigte. Auf dieser Reise soll er wundersame, für sein ganzes Leben bedeutsame Erfahrungen gemacht haben. Als er in einer Wüste, von Durst abgemattet, sich in feinen Sand eingrub, um nicht unbegraben von wilden Thieren verzehrt zu werden, und über das Verständniß der Schrift nachsinnend eingeschlafen war: da sieht er einen Oelstrom und daneben einen Menschen stehen, der zu ihm sagt: trinke von diesem Strom; worauf er zur Genüge getrunken. Als er erwachte, lag der Sinn der ganzen h. Schrift offen vor ihm da. Der Drang der Andacht führte ihn auch auf den Berg der Verklärung. Nachdem er hier in einer alten Höhle oder Cisterne die Fastenzeit in Wachen, Beten, Fasten, Palmen und Lobgesängen zugebracht, ging ihm in der Osternacht ein ungemein heller Lichtglanz auf; und indem er mit den Augen seines Geistes auf die Gestalt des Herrn hinblickte, meinte er die von Petrus gewünschte Hütte zu bewohnen. In himmlischer Begeisterung erkannte er den Einklang beider Testamente, und alle Schwierigkeiten und Verhüllungen der Schrift. Es war dieß gleichsam die Empfängniß((So, von der innern Conception der Grundgedanken, vom innerlich gefaßten Plan und Grundriß ist es wohl zu verstehen, wenn es heißt, er habe sie da „angefangen.“)) seiner Hauptwerke, in denen er die Schrift und den darin verzeichneten Entwicklungsgang des Reichs Gottes beleuchtet hat. – Aber nicht allein die größten Entbehrungen bestand er auf dieser Pilgerfahrt, sondern auch die lockendsten Versuchungen weiblicher Nachstellung, denen der schöne Jüngling ausgesetzt war, die er aber standhaft von sich wies. – Auf der Rückreise hielt er sich eine Zeitlang in Sicilien in einer Höhle am Fuße des Aetna auf, in Gebet und Fasten, so daß er an 3 Tagen der Woche sich der Nahrung gänzlich enthielt. In Calabrien, wohin er sich von da aus begab, hatte er eine Zusammenkunft mit seinem Vater, der ihm seinen Kummer darüber aussprach, daß er in seiner Erwartung einer Erhöhung der Familie durch ihn so getäuscht worden sei, aber endlich durch seinen demüthigen und frommen Zuspruch sich beruhigen ließ. Er schloß sich nun zunächst an den Cistercienser-Orden, und brachte das Kloster Corace, dessen Abt er wurde, zu hoher Blüthe. In dieser Zeit arbeitete er eifrig an seinen Schrifterklärungen, an den Werken über den Einklang (concordia) beider Testamente, und der Auslegung der Offenbarung (Apocalypsis expositio), aufgemuntert vom Papste Lucius III, zu dem er sich begab, um sicherer zu fahren. Zur Vollendung des ersteren Werkes zog er sich in das Kloster Cajamare zurück, und überreichte es dann dem Papste, dessen Beifall es fand. Auch Urban III. und Clemens III. begünstigten und beförderten diese seine Arbeiten, und der letztere entband ihn, damit er sich ganz der Schriftauslegung widmen könnte, der zeitlichen Geschäfte des Klosters. So legte er denn seine Abtstelle nieder und begab sich mit einem Freunde in die Nähe von Cosenza, wo er nach einiger Zeit das Kloster Floris mit strenger Regel gründete – der Anfang einer ansehnlichen, vornehmlich über Neapel und Sicilien sich verbreitenden Congregation. Joachims Ruf stieg höher und höher; aber er selbst erhob sich keines Dings. Stille ging er seinen Weg, treu in dem was ihm befohlen war, in allen Stücken väterlich besorgt für die Bedürfnisse der Seinigen, unermüdet in geistiger und leiblicher Arbeit, ferne vom Trachten nach der Menschen Lob oder Gunst, nur darum besorgt, daß ihm sein Gott gnädig sei, daß er ihm durchhelfe in allem seinem Thun und ihn, wenn er die Kämpfe der letzten Zeit erleben sollte, einen guten Kampf kämpfen und zum himmlischen Reich gelangen lassen möchte.

 

So war sein Leben: von seltener Reinheit, von ungemeiner Energie der Selbstbeherrschung, der Enthaltsamkeit in der Richtung auf die Beschauung, insbesondere auf das geistliche Verständniß der stufenweise erfolgenden Entwicklung des göttlichen Reichs in der Menschheit durch Erforschung der Schriften des A. und N. T., wodurch das ihm in jenen lichten Momenten inneren Schauens gewordene Centrallicht nach allen Seiten hin Klarheit verbreitete. Das ist das Wesentliche seiner Prophetie, welche nicht sowohl in einzelnen Vorhersagungen zukünftiger Ereignisse, als in der Beleuchtung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus dem im Lichte des Geistes sich ihm aufschließenden Gotteswort bestand. Er selbst schrieb sich auch keineswegs die Prophetie im engeren Sinne, sondern nur die Gabe der Erkenntniß (intelligentiae) zu, und war sich in Bezug auf die Bestimmung des Zukünftigen einer Schranke, durch die von der Schrift selbst gesetzte Gränze und die der Gegenwart noch vorenthaltenen Aufschlüsse, wohl bewußt. Er hielt es für vermessen, nach dem Ende der Welt, nach Zeiten und Stunden zu fragen, und nur die Vorempfindung (Ahnung) der Zeichen der Zeit für Sache des Glaubens (fidele). Er wollte sich nicht darauf einlassen, etwas zu erklären, als was ihm gegeben wäre. Er überließ es denen, welche die Erfüllung gewisser Weissagungen erleben würden, zu erkennen, ob dieß alles buchstäblich oder geistlich, oder theils buchstäblich, theils geistlich erfüllt werden müsse. Seine Anschauung der Geschichte des Reichs Gottes, wie es durch eine Stufen der Vollendung entgegengeht, entnehmen wir den 3 Schriften, welche allein als ächte Erzeugnisse eines Geistes mit Zuversicht behauptet werden können: „Einklang des A. und N. T,“ „Erklärung der Apokalypse,“ und „Psalterium von 10 Saiten“ (psalterium X chordarum). Der Kern dieser Anschauung ist die Lehre von dem dreifachen Zustand, oder den drei Perioden, worin jener stufenweise Fortschritt sich darstellt, eine Dreiheit, welche mit der der göttlichen Personen in Beziehung steht, und auch an den drei Aposteln Petrus, Paulus und Johannes ihre Typen hat, und wie in verschiedenen herrschenden Ständen, so in verschiedenen Charakteren sich ausprägt. Die erste Periode, die Zeit des Vaters, reicht von Adam bis Zacharias (Vater des Johannes), die zweite, die Zeit des Sohnes, von da bis auf den Zeitpunkt des Eintritts der Periode des h. Geistes, welche nach der Berechnung der Menschenalter nahe sein muß: um das Jahr 1200 über den Verlauf der dritten läßt sich noch nichts Näheres bestimmen. Vor dem Ablauf der einen sind aber schon die Anfänge der andern wahrzunehmen: „das Alte verzehrt sich, während Neues entsteht.“ Und in jedem Zustand ist zu unterscheiden die Zeit des Anfangs und des Fruchtbringens. Das heißt: es vergeht eine gewisse Zeit zwischen einem Anfang und dem Moment, wo eine rechte Fruchtbarkeit fürs Reich Gottes beginnt. So wird in der ersten Periode der darin herrschende Stand der Verheiratheten ein fruchtbringender von Abraham oder Jakob an; in der zweiten der Stand der Kleriker oder Prediger, der zur Zeit des Usias oder des Propheten Elia angefangen, von Zacharias an (Johannes der Täufer, Christus); in der dritten der Stand der Mönche, die Enthaltsamen, Geistlichen, Beschaulichen, der mit dem h. Benedictus begonnen, von der Generation an, in welcher die zweite Periode zu Ende geht und die dritte, die schon während der zweiten angebahnt worden, beginnt. So sind demnach die späteren Perioden (oder Zustände) in den früheren dem Keim oder Anfang nach schon mitgesetzt, schon im Werden und Wachsen, aber erst zur Zeit der Vollendung der ersten tritt das Fruchtbringen der zweiten oder des darin herrschenden Standes ein, und eben so zur Zeit der Vollendung der zweiten das Fruchtbringen der dritten, oder ihres herrschenden Standes. Die erste aber ist die Zeit der gesetzlichen Werke, ihr Charakter ein Leben nach dem Fleisch, Herrschaft der Furcht, knechtisches Wesen; die zweite die Zeit der Lehre und der Unterwerfung unter die Zucht (Disciplin), ihr Charakter ein Mittleres zwischen Fleisch und Geist, Herrschaft der Weisheit, Knechtschaft, aber kindliche. Die dritte die Zeit der völligen Enteignung und Weltverachtung, die Zeit der Beschaulichkeit und der Freundschaft, des Lobens und Dankens; ihr Charakter Leben im Geiste, Herrschaft der Liebe, und daher Freiheit. Sie verhalten sich in ihrer Aufeinanderfolge wie Gras, Aehre und voller Waizen in der Aehre. Und wie der h. Geist vom Vater und Sohn ausgeht, so der dritte Zustand aus dem ersten und zweiten; und der diesem angehörige geistliche Verstand der Schrift aus dem Buchstaben des alten und dem Buchstaben des neuen Testaments (dem ersten und zweiten Verstand). Wie im zweiten Zustand dem neuen Testament eine Achtung vor dem alten ist, woraus das neue hervorgeht, so im dritten eine Achtung vor jenen beiden, in welchen die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes sich offenbart, wie im dritten die des h. Geistes. Der erste und zweite Zustand verlaufen aber in einander entsprechenden je 7 Generationen, welche in den Schöpfungstagen vorgebildet sind. Die siebente ist in beiden eine Zeit der Ruhe, des Friedens, der aber vorangeht eine Zeit schwerer Kämpfe in der sechsten Generation. Dieß ist in der zweiten neutestamentlichen Periode der antichristische Kampf, in welchem über die römische Kirche, die zwar als Bewahrerin des rechten Glaubens vor der griechischen sich wesentlich auszeichnet, aber, insbesondere in ihrem Klerus, an großer Sittenverderbniß leidet, ein schweres Gericht ergeht. – Der Widerchristen sind zunächst viele, und zwar in zwei Classen: weltliche Gewalthaber, welche die Kirche bedrängen (vornehmlich die hohenstaufischen Kaiser) und die ketzerischen Schaaren der Patarener, welche aber da und dort verschiedene Namen führen. Aus ihnen wird zuletzt der große Widerchrist hervorgehen, der sich als Gott in den Tempel Gottes jetzt u.s.w. In dieser Zeit des härtesten Kampfs wird aus den Ueberresten der in ihrer Masse entarteten römischen Kirche eine Hülfe kommen: zwei Zeugen, wahrhaft geistliche Männer, werden auftreten; und wie Jakob 12 Söhne, Christus 12 Apostel hatte, so werden sie 12 Männer um sich sammeln, die mit ihnen zeugen und gegen die Lüge streiten. Nun werden auch die Erwählten aus der griechischen Kirche herbeigebracht und die Juden und Heiden durch die Predigt des Evangeliums ins Reich Gottes gesammelt. Es erfolgt eine allgemeine mächtige Ausgießung des h. Geistes; das Volk Gottes kommt zu einer Ruhe; als Christi Stellvertreter waltet ein geistlicher Mann, und das Reich Christi wird offenbar in seiner Herrlichkeit; da ist keine Arbeit, keine Zucht mehr, lauter Freude und Jubel im Schauen und Genießen, die Erde voll der Erkenntniß des Herrn, ungestörtes Walten des h. Geistes, ein freies Reich der Liebe. Joachim hat sich, wie schon aus diesen Andeutungen erhellt, in das Wort der Weissagung, wie Keiner vor ihm, vertieft, und im Lichte derselben aus der kirchlichen Gegenwart, deren Mängel er klar erkannte und schmerzlich empfand, in die zukünftige Vollendung hinausgeschaut. Freilich ist im Einzelnen viel Gewagtes und Willkürliches, und seine Anschauung ist bedingt durch die vorhandenen Lebensformen, unter denen das Mönchthum ihm als die Vollendung des christlichen Lebens erschien. Aber mit klarem Blicke schaut er das Verwandte im Bereiche der Offenbarungen alter und neuer Zeit zusammen, mit hellem Auge nimmt er die Gebrechen des bestehenden Kirchenthums wahr, obwohl er es in seinen Formen, in einer Verfassung ehrt, und sich der höchsten Autorität desselben in aller Bescheidenheit unterordnet; mit tiefer Einsicht zeichnet er aus dem Worte der Weissagung das Bild der herrlichen Zukunft. In dieser einer prophetischen Begabung und Thätigkeit ist er ein kräftiger Zeuge der Wahrheit geworden, und es hat sich an ihn, der der Gunst und Gutheißung der Päpste seiner Zeit sich erfreute, ein mächtiger Gegensatz gegen das Papstthum angeknüpft, welches mehr und mehr in eine hochmüthige Selbstgenügsamkeit hineingerieth und alle Anklage gegen den bestehenden Zustand als ein Majestätsverbrechen behandelte und mit Gewalt unterdrückte. Die vornehmlich in den Franziskaner-Orden hinübergenommene und da gepflegte joachimitische Prophetie wurde nun eine strenge Gegnerin der römischen Kirche und des Papstes, und glaubte hier das Babylon und das Thier aus dem Abgrund zu finden. Sich selbst aber fanden die strengen Franziskaner geweissagt in den Erklärungen Joachims über die zwei Zeugen; und so wurde sowohl in den dem Joachim untergeschobenen Auslegungen des Jesajas und Jeremias, als auch in andern aus dieser Richtung hervorgegangenen Schriften die ursprüngliche Schriftdeutung Joachims geschärft, und in eine ihm selbst noch fremde Bestimmtheit und Gegensätzlichkeit gebracht.

Chr. Fr. Kling in Marbach.

Friedrich Barbarossa

Wo einem Volke von Gott ein großer Mann gegeben ist, stehet er da wie ein feuriges Wahrzeichen, das hoch aufgerichtet ist auf einem Berge, und leuchtet weit hinaus über das Land, und alles Volk wendet seine Blicke hinauf zu der wunderbaren Feuersäule. Wenn aber Jahrhunderte vergangen und andere Geschlechter gekommen sind, dann sehen sie noch mit Staunen den hellen Wiederschein fernhin an dem tiefen Himmel glühen. Solcher Wahrzeichen waren dem deutschen Volke vor andern viele gegeben, und es war reich an großen Männern und gewaltigen Herrschern, die es seinen Weg führten durch Kampf und Noth, die das Recht handhabten, aber auch das Schwerdt zu Schutz und Trutz in jenen harten Zeiten, wo auch der friedliche Mann es nimmer bei Seit legen durfte, damit er in Frieden bleiben könne. Zu den gewaltigen Herrschern des deutschen Volkes nach dem großen Kaiser Karl und dem ersten Otto gehörte auch Kaiser Friedrich der Erste. Der war ausgerüstet mit einem starken und mächtigen Willen und einer eisernen Hand, die schwer lastete auf Allen, die ihm zu widerstreben dachten. Wenn ihm aber die Kraft verliehen war, vor. Vielen ein Werkzeug zu sein in der Hand Gottes, und große Thaten zu thun, so war ihm auch beschieden zu leiden für Viele. Denn nicht allein was er thut und wie er es thut, ist eines großen Mannes Zeichen, sondern auch an dem erkennt man ihn, was er leidet und wie er leidet. Also war Kaiser Friedrichs Herrschaft reich an Wechsel und Schickungen, an Kampf und Sieg und Freude und Leid. Darum ist er geworden zu einem feurigen Wahrzeichen in der Geschichte des deutschen Volkes.

 

Kaiser Friedrich stammte aus dem edlen und mächtigen Hause der Hohenstaufen, das in Schwaben, herrschte, und sein Vater Friedrich war Herzog gewesen in diesem Lande, und seines Vaters Bruder war König Konrad der Dritte, der erste der Hohenstaufen, der das Scepter führte in dem deutschen Reiche. Zu dieser Zeit kam der fromme Abt Bernhard von Clairvaux nach Deutschland und predigte mächtig vor dem Könige und den Großen des Landes, das Kreuz zu nehmen, und nach dem fernen Morgenlande zu ziehen. Denn es drohete Gefahr, daß das heilige Grab den Händen der Christen wieder entrissen würde, das doch mit so vielem Blute war erkauft worden. Und wie ein Sturm wehte es aus dem Munde Bernhards, und es ergriff viele aus dem Volke. So geschah es auch dem jungen Friedrich, dem Herzoge von Schwaben. Und er bezeichnete sich mit dem Kreuze und folgte einem Oheim nach dem gelobten Lande. Aber die Thaten der Kreuzfahrer gelangen nicht, so, wie sie es gemeint hatten. Denn wie Schnee an der Sonne schmolz das Heer zusammen vor Noth und Elend aller Art. Da ging der König, damit er doch die heilige Stätte gesehen habe, zu Schiff nach Jerusalem, und Herzog Friedrich begleitete ihn mit andern edlen Rittern. Sie beteten daselbst an allen heiligen Orten, und wanderten durch Samaria und Galilaea. Nach manchem harten Strauß mit den Ungläubigen zogen sie dann wieder heim nach Deutschland.

 

Bald darauf aber starb König Konrad im J. 1152. Da er den starken und mannhaften Sinn eines Neffen erkannt hatte, und dieser sich auch im heiligen Lande als einen ritterlichen Helden gezeigt hatte, empfahl er sterbend den Großen des Reiches, nicht seinen unmündigen Sohn, sondern seinen Neffen Friedrich zum Könige zu wählen. Denn es waren stürmische Zeiten und es bedurfte eines kundigen Steuermannes, der das Schiff durch die Fluthen und zwischen Klippen und Felsen sicher hindurch zu führen wisse, Es versammelten sich die Herzoge, Grafen und Bischöfe wieder in der alten Stadt Aachen, und in dem Münster führten sie den gewählten König zu dem Throne Kaiser Karls; der Erzbischof von Cöln krönte ihn, und Alle huldigten ihm als dem neuen Herrn Da wollte ein Diener, den Friedrich um eines Vergehens willen vom Hofe verbannt hatte, die Freude dieses Augenblicks nutzen, und warf sich vor ihm nieder, mitten in der Kirche, und rief seine Gnade an. Der König aber erhörte ihn nicht, sondern sagte: „Nicht aus Haß, um der Gerechtigkeit willen habe ich dich verbannt. Habe sie denn ihren Lauf!“ Und er blieb unerbittlich. Als das die Fürsten hörten, erschraken sie, denn sie erkannten die Strenge und den festen Sinn des jungen Königs. Friedrich aber war damals in der Fülle der Manneskraft. An Gestalt ragte er stattlich hervor, hell und weiß war ein Gesicht, die Wangen geröthet in Jugendfrische, die Augen leuchtend und durchdringend. Ueber der Stirn kräuselte sich das blonde Haar und röthlich schimmerte ein Bart, darum nannten ihn die Wälchen Barbarossa, d. h. Rothbart. In Allem aber zeigte er sich als einen großen Mann. Er war klug und fest im Rath, stark und tapfer in der That, streng gegen Uebelwollende, leutselig gegen eine Freunde, und in allen kriegerischen Werken der Erste. Im Grauen der Morgendämmerung besuchte er die Kirche, um den Tag mit Gebet zu beginnen, und in mancher Stunde versank er in andächtige Betrachtung, und litt nicht, daß man ihn mit weltlichen Fragen belästigte. Vor Allem aber meinte er, von Gott habe er ein hohes Amt, er sei ein König von Gottes Gnaden, dem es aufgetragen sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Denn wer den Bösen schone, thue dem Guten Schaden, und unzeitige Milde werde zur Brandfackel in der Hand des Frevlers. Darum galt vor ihm kein Ansehn der Person, und wo er auftrat, da bebten die Uebelthäter.

 

Ein solcher Herrscher that dem Reiche Noth; denn überall gab es Hader und Zwiespalt. Die Fürsten stritten unter einander, und wo sie sich vereinten, erhoben sie sich wider den König; wohl wollten sie einen Herrscher, aber er sollte also herrschen, wie es ihnen gut dünkte und genehm war. So war von des Kaisers alten Rechten. Vieles verloren gegangen, und Alle zerrten daran, daß fiel ein Stück davon losrissen nach dem andern. Darum beschloß Friedrich, es solle anders werden, und das Kaiserthum wieder reich an Macht und Ehren vor allen Völkern, wie es früher gewesen war. Zuerst aber söhnte er die hadernden Fürsten und Lehnsmannen des Reichs mit einander aus. Auf den Reichstagen hörte er ihre Ansprüche, und gab einem Jeden was ihm gebührte, und stellte Ruhe und Frieden wieder her. Deßwegen waren ihm alle Fürsten zugethan.

 

Dann aber warf er sein Auge auf die fremden und benachbarten Völker, bei denen das Deutsche Reich auch einst hoch in Ansehen gewesen war. Damals stritten in Dänemark drei Stammesvettern um die königliche Krone, und Friedrich schlichtete ihre Sache auf einem Reichstage, und gab dem Einen die Krone, daß er sie trüge als ein Lehen des Reichs, und unterwarf ihm die beiden andern. Als dann erhob er sich zu einem Feldzuge wider die Polen. Hier war der Herzog vertrieben von seinen Brüdern, und lebte der Herrschaft beraubt im Elend. Friedrich aber kam siegreich in das Land und strafte die Kronenräuber, daß sie einen Theil des Landes wieder herausgeben mußten, und anerkennen, daß sie wollten dem Reiche unterthänig sein, und seinen Richterspruch über sich ergehen lassen.

 

Härtere Kämpfe aber und Schwereres stand ihm bevor in dem Lande Italien, wohin er nun zu ziehen gedachte. Hier war ein großer Streit seit den Zeiten Ottos des Ersten, der die Kaiserkrone dem Deutschen Volke wieder gewonnen hatte. Dem Reiche waren seitdem unterthan die Lande jenseits der Alpen bis nach Neapel hinab, wo die Normannen herrschten, und auch der Papst zu Rom stand mit der Stadt unter dem Kaiser. Dann aber, hundert Jahr vor Friedrich, war ein Papst gekommen, der hieß Gregor, und war dieses Namens der Siebente. Der war auch ein starker und gewaltiger, aber kein geistlicher Mann. Er war nicht zufrieden mit der Herrschaft in der Kirche, obwohl auch diese nur eines unsichtbaren Hauptes ist, sondern er trachtete nach dem was von der Welt ist, und wie er die Kirche mache zur Herrscherin der Erde, und zu einem Reiche von dieser Welt. Darum hatte er geschrieben alle Kronen und Herrschaften seien von Gott in seine Hand gegeben, alle Fürsten und Könige seien Räuber und Todtschläger, und aller Menschen Eigenthum gehöre dem heiligen Petrus, d. h. dem Papste zu Rom. Gegen solche verkehrte und unchristliche Lehre aber hatten sich die Kaiser und Könige gesetzt, ein großer Kampf war entstanden, und der den Segen bringen sollte, hatte einen Brand entzündet, der nimmer zu dämpfen war. Darüber hatte sich Verwirrung und Unordnung aller Art erhoben in Deutschen und Italienischen Landen, und von den Rechten und der Macht des Kaisers war Vieles abhanden gekommen. Vornehmlich aber hatten die reichen Städte der Lombarden im oberen Italien viel gewonnen. Sie waren stolz auf ihre Macht und trotzig hinter ihren festen Mauern, und meinten, der Kaiser dürfe ihnen nichts vorschreiben. Unter ihnen aber war keine Stadt mächtiger als das stolze Mailand. Das war nicht zufrieden frei zu sein, sondern es wollte herrschen über die andern, minder mächtigen Städte, überzog sie mit Krieg, schleifte ihre Mauern und trat sie unter die Füße.

 

Da nun Friedrich wieder auf einem Reichstage zu Gericht saß, erschienen vor ihm die Bürger einer Italienischen Stadt, klagten die Mailänder an, und baten ihn die vor ihrem Uebermuthe zu erretten. Friedrich aber zog mit Heeresmacht zum ersten Male über die Alpen nach Italien und züchtigte die widerspenstigen Städte, daß sie sich ihm unterwerfen mußten. Dann ging er nach Rom, wo ihm Papst Hadrian feierlich die Kaiserkrone auf das Haupt setzte. Da aber war wieder der Anfang eines großen Kampfes. Denn bald darauf kam der Kaiser mit dem Papste in einen Streit. Dieser sandte zwei seiner Cardinäle an ihn ab mit einem Briefe, darin fand, wie die Römische Kirche ihm die Fülle der Würden und Ehren übertragen habe, als sie ihm die Kaiserkrone zum Lehen gegeben. Als nun dieses Schreiben verlesen wurde vor dem Kaiser in der Versammlung der Fürsten, da brach ein lauter Unwille aus. Und als einer der Cardinäle sagte: „Von wem denn hat der Kaiser sein Reich, wenn nicht vom Papste?“ hätten die Fürsten Hand gelegt an die Boten, wenn der Kaiser es nicht verhindert hätte. Auf jenen Brief aber antwortete er: „Gottes Allmacht, von dem alle Gewalt herkommt im Himmel und auf Erden, hat uns einem Gesalbten das Reich und die Herrschaft aufgetragen. Durch die Wahl der Fürsten haben wir von Gott allein beides, und von keinem Andern. Auch der Apostel Petrus selber hat gelehret: Fürchtet Gott und ehret den König! Wer aber sagt, es sei unter Kaiserthum ein Lehen vom Papste, der verunehret uns, und redet wider die göttliche Einrichtung und den Apostel Petrus und macht sich einer Lüge schuldig. Darum gebe der Papst solche eitle und unerhörte Rede auf!“ Also wollte Friedrich sein und herrschen als ein Kaiser von Gottes Gnaden. Der Papst aber erschrak sehr, und er schrieb einen andern Brief zurück, und besänftigte den zürnenden Kaiser.

 

In der Zeit aber erhoben sich auch die Städte wieder, trotz ihrer Versprechungen, und Friedrich ging abermals über die Alpen und schlug die Mailänder, und verurtheilte sie zu schwerer Buße und demüthigender Strafe. Darauf hielt er auf dem Felde zur Roncaglia einen feierlichen Kaisertag mit aller Pracht eines großen Herrschers, und forderte zurück von den Städten alle Kaiserrechte, die sie an sich genommen hatten im Laufe vieler Jahre, ohne Willen und Schenkung des Kaisers. Und so stellte er als ein von Gott gesetzter und verordneter Kaiser die alte Macht wieder her. Die Lombarden aber und auch der Papst wurden bestürzt über so gewaltiges Regiment, denn sie fürchteten Friedrichs Macht, und begannen ihn nur desto mehr zu hassen, und dachten darauf, wie sie ihn zu Falle brächten.

 

Bald darauf nachdem dieses geschehen war, starb der Papst Hadrian. Die Cardinäle aber konnten nicht eines Sinnes werden über die Wahl eines neuen Papstes. Die Einen waren für Victor den Vierten, die Andern aber wählten später Alexander den Dritten, einen heftigen Mann, der des Beispiels Gregors des Siebenten gedachte, und sich auch schon als einen Feind des Kaisers gezeigt hatte. Dieser aber nahm Aergerniß an einer solchen Spaltung der Kirche, und meinte durch sein kaiserliches Amt sei er berufen den Frieden auch in der Kirche zu wahren, wie vor Zeiten auch Kaiser Otto darum einen Papst seiner Würden mit Beirath der Bischöfe entsetzt hatte. Danach berief Friedrich die beiden Päpste vor eine große Versammlung der Bischöfe des Reichs nach Pavia, damit sie hier ihre Sache führen möchten. Doch Alexander folgte diesem Rufe nicht, denn er erachtete seine Wahl allein für die rechte und die der wahren Kirche, und schalt den andern Papst einen Abtrünnigen und Ketzer. Auch sei er nicht dem Kaiser unterthan, sondern der Herr desselben, und nimmer dürfe der Kaiser eingreifen in die Rechte der Römischen Kirche. Deßwegen entwich er nach Frankreich, und belegte dort den Kaiser mit dem Banne der Kirche.

 

Doch Friedrich wankte nicht, sondern hielt fest an einem Rechte, und ging wieder nach Italien die Städte zu strafen, die durch solche Rede des Papstes neuen Muth gewonnen hatten. Wieder aber traf des Kaisers Zorn Mailand am Schwersten, das jetzt mehr trotzte als jemals, denn mit des Papstes Hülfe hoffte es nun zu siegen. Da belagerte Friedrich die Stadt acht Monate lang und Hunger, Elend und Krankheit begannen die Einwohner fort zu raffen, bis die Uebrigen die Gnade des Kaisers anriefen. Friedrich aber ergrimmte in seinem Zorne, und wollte nichts hören von Gnade, sondern sie alle ohne Schonung und Erbarmen die Schwere seiner Hand fühlen lassen, weil sie sich so oft wider ihn empört hatten. Da kamen die Mailänder, klagend und in Büßergewändern, Stricke um den Hals, Asche auf dem Haupte und mit bloßen Füßen, in das Lager zum Kaiser, und warfen sich flehend vor ihm nieder. Alle Fahnen und Kriegszeichen, auch ihre größeste Fahne mit dem Bilde des heiligen Ambrosius legten sie vor seine Füße in den Staub, jammt den Schlüsseln ihrer Stadt. Der Kaiser aber blieb hart, und erbarmte sich ihrer nicht, sondern blickte von einem Throne auf sie nieder und sagte: „Erkennet ihr, Mailänder, endlich, daß ich euer Herr bin und Kaiser? Ihr Alle habt das Leben verwirkt, doch die Milde, die euch, werden kann nach dem Gesetze, soll euch werden!“ Die Mailänder aber harrten voll Angst, was mit ihnen geschehen werde, Da befahl ihnen Friedrich auszuziehen, mit Weib und Kind und allen ihren Habseligkeiten, sich zu zertheilen, und von jetzt an zu wohnen, fern von ihrer Heimath in einem kleinen Flecken. Die Mauern aber der stolzen Stadt ließ er durchbrechen, die Gräben ausfüllen, die Thürme umstürzen, die prächtigen Gebäude zerstören, und nur der großen Kirchen schonte er, „Das alter Mailand sollte verschwinden vom Boden der Erde, und die Stätte wüste bleiben und leer zum Zeichen, wie furchtbar der Zorn des Kaisers sei, und wie schwer er strafe alle die ihm widerstehen. Und mit Weinen und Wehklagen verließen die Mailänder ihre Vaterstadt

 

Da aber Friedrich aller Milde vergaß, und gedachte die Ueberwundenen zu zertreten, geschah es, daß auch seine Kraft sollte gebrochen werden. Denn weil die Mailänder zu Boden gedrückt wurden von ihrem schweren Unglück, jammerte ihr Schicksal alle Städte, auch die, welche ihnen vorher feind gewesen waren um ihres Uebermuthes willen. Alle begannen den Kaiser wegen seiner Härte zu zürnen, und sie sannen, wie sie an ihm Rache nehmen möchten. Darum schlossen die Lombarden, einen Bund, daß sie Mailand herstellten, und ihre Rechte wie früher behaupteten gegen den Kaiser. Der Papst hieß Alles gut, was sie thaten, und erklärte laut, aus göttlicher Machtvollkommenheit nehme er Friedrich das Kaiserthum und seine Herrschaft, und alle Unterthanen entbandt er des Eides, den sie ihm geleistet, und sagte, es sei ein gutes Wert, wenn sie sich gegen ihren Herrn erhöhen. Nun entbrannte der noch heftiger als zuvor, und Friedrich entbot alle Fürsten des Reiches zu einem neuen Zuge nach Italien.

 

Unter den Fürsten aber war keiner mächtiger und größer als Herzog Heinrich, den man den Löwen nannte, der in Sachsen und Baiern herrschte, und abstammte aus dem hohen und uralten Hause der Welfen. Und die Welfen waren neben den Hohenstaufen so gewaltig im Reiche, daß sie lange mit ihnen stritten, und die Kaiserkrone hätten gewinnen können. Doch Friedrich hatte den alten Streit geschlichtet und sich versöhnt mit Herzog Heinrich. Denn dieser war sein Vetter und Blutsverwandter durch des Kaisers Mutter. Er hatte ihn reich gemacht an Ehren und Ansehen, also daß es keinen Größern gab, und er der Erste war nach dem Kaiser selber. Auch Heinrich war ein tapferer und stolzer Mann, der nach hohen Dingen trachtete; nie konnte ihm der Ehre genug geschehen, und er dann darauf, wie seine Macht noch größer würde, und er den Kaiser selbst überträfe. Also versagte er ihm zu diesem Heereszuge einen Beistand, und wollte ihm nicht anders mit seinen Mannen zuziehen, als wenn er ihm die Stadt Goslar als Lehen überließe, die dem Reiche unterthan war. Aber Friedrich wurde unwillig über dieses Ansinnen, und wollte die Hülfe eines Lehnsmannes, dem er doch gebieten konnte, um diesen Preis nimmer erkaufen. Noch aber hoffte er ihn mit Güte zu überwinden, darum berief er ihn nach der Stadt Chiavenna im Süden der Alpen. Als sie nun zusammenkamen, stellte er ihm alle Dinge vor, wie sie seien, und welche Macht der Papst und die Lombarden hätten, und wie das Reich in großer Gefahr sei, und bat ihn mit dringenden Worten, er möge seinen Kaiser und Vetter nicht verlassen. Da nun Heinrich auf einem Sinne verharrte, wurde Friedrich von tiefem Schmerze ergriffen, vergaß seiner kaiserlichen Würde, und that vor seinem Lehensmanne einen Fußfall, und bat ihn flehend, er möge bei ihm aushalten in diesem schweren Kampfe. Aber er fand keine Erhörung; denn Heinrich blieb kalt und stolz, und die Demüthigung des Kaisers rührte ihn nicht. Da trat, wie erzählt wird, die Kaiserin herzu und sagte: „Erhebe dich, o Herr! dieser Stunde wird Gott gedenken!“ Der Kaiser aber erhob sich, und bat nicht mehr. So schieden die Fürsten von einander in Feindschaft.

 

Nach diesem Abfalle hatte Friedrich nur wenige Schaaren um sich, aber die Lombarden hatten in ihrem Durste nach Rache ein großes Heer gesammelt. Und beide trafen auf einander bei Legnano im Jahre 1176, und eine große Schlacht wurde geschlagen, und heiß gestritten den ganzen Tag hindurch; denn die Mailänder vor Allen wollten lieber sterben, als länger so leben, und sie gedachten alles Leides, das der Kaiser ihnen angethan hatte. Ob nun gleich dieser und die Seinen ritterlich kämpften, so wurden sie dennoch geschlagen, und die Lombarden gewannen einen großen Sieg. Viele Fürsten und Herrn wurden gefangen, die Fahne des Kaisers, sein Schild jammt vieler anderer Beute fiel in die Hände der Sieger; das Roß des Kaisers wurde unter ihm getödtet, und er selbst sank zu Boden. Die Seinen wurden erfüllt von Schreck und Bestürzung, als sie ihn nicht mehr erblickten, denn sie meinten, auch er sei unter den Gefallenen. Aber noch hatte sich der Tod von ihm abgewendet; doch aber war es ein harter Schlag für den gewaltigen Mann. Aus einem Sieger war er ein Besiegter geworden, und jetzt that der Friede ihm selber Noth. Darum schloß er einen Stillestand mit den Lombarden, und sie behaupteten ihre Macht wie vorher, und Mailand erhob sich von einem tiefen Falle, und wurde von den Siegern aus Schutt und Trümmern wieder aufgebaut.

 

Auch mit dem Papste Alexander wollte der Kaiser sich jetzt versöhnen, damit Italien und die Kirche nach so langem Kampfe endlich Frieden hätten. Deßhalb hielt er mit ihm eine feierliche Zusammenkunft zu Venedig, in der wunderbaren Stadt, die im Meere liegt, und um des Friedens willen fügte er sich in Alles was der Papst von ihm verlangte. Auf dem Platze vor der Kirche des heiligen Marcus erschien Friedrich mit seinen Fürsten und Rittern vor dem Papste, der saß auf einem Sessel und um ihn her standen seine Cardinäle und Bischöfe. Der Kaiser aber legte seinen Mantel ab, und kniete nieder vor dem Papste, wie es damals Sitte war, und dieser erhob ihn vom Boden und ertheilte ihm den Kuß des Friedens. So wurde die Eintracht wieder hergestellt, und Alle freuten sich, daß endlich der Streit beigelegt sei, der achtzehn Jahre hindurch gedauert hatte. Das war für alle Lande ein großer Gewinn, aber auch ein schweres Opfer für den Kaiser. Denn von allem Leid, das er erfahren hatte, war dieses die härteste und schwerste Prüfung, daß Gott ihn gedemüthigt, und ihn in die Hand seines stolzen und herrschsüchtigen Feindes gegeben hatte. Zweimal in seinem Leben hatte der Kaiser einen bittern Fußfall gethan, vor dem so viele Besiegte im Staube gelegen hatten, und Vieles von dem, was er mit aufrichtigem Herzen zum Wohle des Reichs gesucht hatte, war doch nicht in Erfüllung gegangen. So ist das Schicksal des Menschen und einer Größe, daß er erkennen lerne alles Irdische, wie glänzend und herrlich es auch erscheinen möge, sei nichtig und hinfällig.

 

Da es nun Friede war, kehrte der Kaiser nach Deutschland zurück, denn er gedachte Heinrichs des Löwen, und wie eine Feindseligkeit alles dieses veranlaßt habe. Und Friedrich erklärte ihn für einen Feind des Reichs, belegte ihn mit der Acht, nahm ihm die Herzogthümer, Lehen und was er sonst vom Reiche hatte, und überzog seine Stammlande mit Krieg. Heinrich aber vermochte dem Kaiser nicht zu widerstehen, und mußte auch um Frieden bitten, Und er trat auf dem Reichstage vor den Kaiser, fiel nieder vor ihm, und flehte eine Gnade an. Friedrich aber war eingedenk seines eigenen schweren Schicksals, und hob ihn vom Boden auf unter vielen Thränen. Also hatte Gott jener Stunde zu Chiavenna gedacht, und mit allmächtiger Hand hatte er die beiden großen Fürsten gebeugt, den Einen durch den Andern. Heinrich aber wurde auf drei Jahre des Reiches verwiesen.

 

Fünf und dreißig Jahre waren nun verflossen, seit Kaiser Friedrich in Deutschland herrschte gewaltig und ruhmvoll. Wenn er auch war besiegt worden, so sahen ihn doch Alle für einen großen Herrscher an, und einen würdigen Nachfolger Karls des Großen und Ottos des Ersten. Er hatte strenge gehalten auf Recht und Gerechtigkeit, hatte gestritten wider den Trotz der Städte, den Uebermuth der Fürsten, die Anmaßung und Herrschsucht des Papstes, und hatte viele und schwere Wandlungen erlebt. Nun dachte er darauf, wie er das Geschick des Reiches und seines Hauses auf die Zukunft sichere. Darum verheirathete er seinen ältesten Sohn Heinrich, der auch ein tapferer und kühner Mann war, und ihm dereinst im Reiche folgen sollte, mit der Tochter eines Königs von Neapel, so daß Heinrich daselbst König werden sollte.

 

Um diese Zeit aber ging abermals der Ruf des Kreuzes durch Europa. Denn es kam die Schreckenskunde, wie Saladin, der Sultan von Aegypten, die Christen zu Jerusalem geschlagen, und die Stadt wieder gewonnen habe. So war acht und achtzig Jahre nach Gottfried von Bouillon das heilige Grab wieder eine Beute der Ungläubigen geworden. Da erinnerte sich Friedrich seiner Jugend, wie er vor Damascus gekämpft, und zu Jerusalem im Tempel gebetet habe; wie nun nach so langen Jahren, da er ein Greis sei, und ein Kaiser an Ruhm und Ehrenreich, derselbe Ruf zu ihm komme, wieder nach dem gelobten Lande zu ziehen, und Alles, was er gethan, durch die Eroberung des heiligen Grabes herrlich zu vollenden. Weil er nun im Reiche. Alles wohl geordnet sah, nahm er auf dem Reichstage zu Mainz gegen Ostern des Jahres 1189 das Kreuz. Seinem Beispiele folgten Herzoge, Grafen und Herrn, Bischöfe und Ritter, und unzähliges Volk, die alle in den Kampf ziehen wollten wider die Ungläubigen. Den Kaiser aber begleitete sein Sohn Herzog Friedrich von Schwaben, und auch die Könige von Frankreich und England schickten sich an zur See nach dem heiligen Lande zu gehen.

 

Alsbald war ein großes Heer versammelt, und der Kaiser, als ein kundiger Kriegesfürst, trat an die Spitze, und führte es wohlgeordnet an der Donau hinab nach Presburg. Hier aber, in der Ungarischen Mark, hielt er noch einen glänzenden Reichstag, und alle Streiter waren um ihn versammelt. Er ordnete noch einmal an. Alles, wie es sollte gehalten werden in einer Abwesenheit, und nahm einen letzten, feierlichen Abschied von Allen, die zurückblieben, vornehmlich von einem Sohne Heinrich, dem er das Reich übertragen hatte. Denn er war dem Greisenalter nahe, und der Weg, den er ging, weit, und mit tausendfacher Gefahr verbunden, und wohl mochte er es ahnen, daß er das Vaterland und die Seinen nimmer wiedersehen werde. Aber der frische Jugendmuth und die alte Kraft kehrte ihm wieder, wenn er des Zieles gedachte, das vor ihm lag. So führte er das Heer durch die Länder der Ungarn und Bulgaren, und der treulosen Griechen, die dem Kaiser und den Deutschen feind waren, hinüber nach Asien in das Land der Türken. Da war mancher Kampf zu bestehen mit den Ungläubigen, die hervorbrachen aus dem Hinterhalte, und das Heer beunruhigten, das des Weges nicht kundig war. Und Viele verschmachteten vor Hunger und Durst in der Wüste, und in den engen Gebirgspässen stürzten Menschen und Thiere in die Abgründe. Friedrich aber blieb standhaft, und sagte: „Wir werden uns dennoch Bahn brechen mit dem Beistande des Herrn.“ Darauf kamen sie nach der Stadt Seleucia am Flusse Saleph in der Provinz Cilicien, von wo sich der Weg südwärts wendet nach Syrien und dem gelobten Lande. Und das Heer schickte sich an über den Fluß zu gehen. Der Weg aber oben auf den Bergen, die an dem Saleph sich hinziehen, war schwierig und voller Gefahr, und es war eine weite Strecke bis zu der einen Brücke, die über den Fluß führte. Friedrich aber wurde ungehalten über die Zögerung, denn es trieb ihn vorwärts, und er eilte mit seinem Gefolge hinab zum Rande des Flusses. Und in ungeduldiger Hast wie ein Jüngling, gedrückt von der Hitze des Tages, warf er sich mit seinem Rosse in den Strom, um so das jenseitige Ufer zu gewinnen. Umsonst hatten die Seinen vor so raschem Thun gewarnt. Das Wasser aber war kalt wie Eis, und hatte einen jähen und raschen Fall. Da erfaßte der Strudel den alten Kaiser, und es verließen ihn mitten im Flusse die Kräfte, er erstarrte, und bevor ihm die Seinen zu Hülfe kommen konnten, war es um sein Leben geschehen, und nur einen Leichnam brachten sie an das Ufer. Das geschah am 10. Juni des Jahres 1190, an einem Sonntage, gegen Abend. Da erfaßte Bestürzung das ganze Heer, und Alle brachen in lautes Weinen und Klagen aus, und wollten fast verzweifeln, daß solches Leid sie betroffen habe, denn ihren Feldherrn und Führer, ihren Kaiser, ihren Vater hätten sie verloren. Herzog Friedrich führte darauf das Heer in tiefer Trauer nach Antiochia; dort bestatteten sie die Gebeine des Kaisers feierlich in der Kirche des h. Petrus fern von dem deutschen Heimathlande. Sein Herz hatten sie beigesetzt zu Tarsus, in der Stadt des Apostel Paulus. Aber das deutsche Volk hat das Andenken Kaiser Friedrichs in einem Herzen bewahrt, und nennt den Namen mit Allem, was groß und herrlich ist, bis auf diesen Tag.

 

  1. Köpke in Berlin