Jane Grey Dudley

Johanna Grey.

Johanna Grey, geboren im Jahre 1537 im Schloß Bradgate in der Grafschaft Leicester, war die Tochter des Heinrich Grey, nachmaligen Herzogs von Suffolk, und der Francisca, einer Schwestertochter K. Heinrich’s VIII. von England. Sie genoß eine fürstliche und im hohen Grade wissenschaftliche Erziehung durch classisch gebildete, zugleich evangelisch gerichtete Männer. Ihr eigentlicher Lehrer, dessen Pflege sie mit vollem Vertrauen von ihren Eltern übergeben wurde, war Johannes Aylmer, nachmaliger Bischof von London, der mit Vorliebe sich mit Plato beschäftigt zu haben scheint und seine so sehr begabte Schülerin auch in dessen Verständniß einführte. Sie gewann aber nicht nur eine gründliche Kenntniß der alten Schriftsteller, sondern ergriff auch lebendig die heilsame Wahrheit des Evangeliums. Und gelangte auf Grund heiliger Schrift wie zu einer frühen Reife des Charakters, so zu einer Kraft der Ueberzeugung, mit der sie, nachdem sie 7 Tage die ihr aufgedrungene Krone getragen, in einem Alter von 17 Jahren glaubensfreudig in den Tod ging.

Die Lauterkeit und Demuth aber, in der sie, in hoher Stellung, geschmückt mit den Gaben des Körpers und des Geistes, einherging, verleiht ihrem Bilde den milden Glanz, wie die Geschichte ihres Lebens und selbst die Katastrophe ihres Todes es vor Augen malt.

Von ihrem Leben im väterlichen Hause, ihrem Verhältniß zu Eltern und Lehrer entwirft uns ein anschauliches Bild Roger Asham in einer seiner Schriften. Nach seiner Erzählung, machte er einen Besuch auf Schloß Bradgate und fand Johanna auf ihrem Zimmer beschäftigt den Phädon Platons in der Ursprache zu lesen. Ihre Eltern waren mit einer Gesellschaft im Park, wo sie sich mit der Jagd belustigten. Auf seine Frage, warum sie nicht an den Vergnügungen der Gesellschaft Theil nehme, antwortete sie lächelnd: All‘ ihr Vergnügen erscheint mir kaum wie ein Schatten, verglichen mit demjenigen, das mir Plato gewährt. Ach! die guten Leute haben nie gefühlt, was wahre Freude ist. Asham wünschte zu erfahren, wie sie denn zu dieser wahren Freude gekommen sei, da man so wenige ihres Geschlechts im Besitz derselben sehe. Ich will es euch sagen, erwiederte sie ihm, und ihr werdet euch vielleicht über meine Antwort verwundern. Eine der größten Wohlthaten, die Gott mir verliehen ist die, daß er mir so strenge Eltern und einen so sanften Lehrer gegeben hat. Wenn ich mich in Gegenwart meines Vaters oder meiner Mutter befinde, sei es, daß ich spreche oder schweige, sitze, stehe oder gehe, oder irgend etwas anderes vornehme, so muß es mit solcher Feierlichkeit, solcher Gemessenheit geschehen, ja so vollkommen sein, wie Gott die Welt geschaffen hat, sonst macht man mir strenge Vorwürfe, ja man schlägt und stößt mich zuweilen. Dieß bringt mich in eine solche Unruhe, daß ich mich in die Hölle versetzt glaube, bis es Zeit ist zu meinem Lehrer zu gehen, der mich auf eine so milde Art unterrichtet, und mich so liebreich zum Lernen ermuntert, daß mir die Stunden wie ein Augenblick hingehn. So verursacht mir Alles außer der Wissenschaft Furcht und Verdruß; meine Bücher dagegen gewähren mir täglich mehr Vergnügen.

Sie selbst aber zeigt sich auf’s Lieblichste, wie sie Anleitung zur Gottseligkeit sucht und empfängt, in den drei Briefen, die sie an Heinrich Bullinger in Zürich schrieb. Sie hatte sein Buch von der Vollkommenheit des Christen, das er ihrem Vater geschickt, mit großer Andacht gelesen und dankt ihm für den Segen, der ihr daraus zugeflossen. Sie bittet ihn um weitere Anleitung zu einem frommen gottseligen Leben, und um seine kräftige Fürbitte, daß der Herr sie darin weiter führe. Aus diesen Briefen geht auch hervor, daß sie die hebräische Sprache studirte um das alte Testament in der Ursprache zu lesen, denn sie fragt Bullinger, wie sie dieselbe am leichtesten erlernen könne.

Nach dem Tode Heinrich’s VIII. im Jahr 1547, wohnte Johanna längere Zeit bei seiner Wittwe, Katharine Parr – sie war seine sechste Gattin gewesen – einer verständigen und gottesfürchtigen Frau, deren heilsamer Einfluß auf sie nicht unbedeutend war. Aber schon damals schien sie auserlesen, das Opfer verwerflicher politischer Bestrebungen zu werden. Katharine Parr heirathete den Onkel Edward’s VI, den Lord-Admiral Thomas Seymour. Dieser ehrgeizige und hinterlistige Mann wußte sich von den Eltern Johanna’s die Verfügung über deren Hand zu verschaffen, und hatte im Plane durch ihre Verbindung mit einem ihm ganz ergebenen Gliede seiner Familie sein eigenes Ansehn und seinen Nutzen zu befördern. Er wurde aber staatsverbrecherischer Umtriebe angeklagt und sein eigener Bruder, der damalige Reichsverweser Eduard Seymour, Herzog von Somerset, der ihn aus dem Wege schaffen wollte, bestätigte das vom Parlamente über ihn ausgesprochene Todesurtheil. Nach seinem Tode kehrte Johanna wieder zu ihren Eltern zurück.

Aber nun sammelten sich über ihrem Haupte die finstern Wolken zu dem Ungewitter, das ihren frühen Tod herbeigeführt hat.

Eduard Seymour wurde seiner Stelle beraubt und Johann Dudley zum Herzog von Northumberland ernannt, nahm dieselbe ein. Er war in der Gewalt eines finstern Geistes, der den Wunsch in ihm erweckte seine Familie mit der königlichen zu verbinden, und selbst, unter welchem Namen es auch wäre, die Herrschaft über England in der Hand zu behalten. Die Umstände schienen sich günstig für ihn zu gestalten. Denn im Jahre 1553 erregten die wiederholten Krankheitsanfälle des jungen Königs die allgemeine Besorgniß, er werde nicht lange mehr leben. Starb er, so ging die Krone auf Maria, die Katholische, die älteste Tochter Heinrich’s VIII. über. Die Furcht vor neuen blutigen Verfolgungen der Protestanten durch dieselbe, so wie die von Heinrich dem Parlamente abgezwungene Erklärung seine Verbindung mit Katharina von Arragonien und Anna Boleyn sei unrechtmäßig gewesen, dienten Northumberland als Vorwände, den kranken jungen König, der ein eifriger Protestant war, wenn auch nach langem Widerstreben zu vermögen seine beiden Schwestern Maria und Elisabeth von der Regierung auszuschließen und seine Cousine Johanna Grey, die er wegen ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit achtete und liebte, zu seiner Nachfolgerin zu bestimmen. Der Staatsrath, ein williges Werkzeug des allgewaltigen Reichsverwesers, bestätigte diese Bestimmung.

Johanna war seit Kurzem mit Guilford von Dudley, dem Sohne Northumberlands verheirathet. Sie trachtete nach nichts weniger als nach einer Königskrone. Ein stilles zurückgezogenes Leben im Hause ihres von ihr innig geliebten Gatten und die Beschäftigung mit den Wissenschaften im Dienste des Herrn sagten ihrem Sinne mehr zu als die Zerstreuungen des Hoflebens und die Sorgen der Regierung. Wie wir sie kennen, mußte sie von der größten Bestürzung erfüllt werden, als nach dem Tode Edward’s VI. am 6. Juli 1553 ihr Vater, ihr Schwiegervater und ihr Schwager Pembroke ihr unter feierlichen Huldigungen die Krone anboten. Beharrlich schlug sie sie aus. Nein, sagte sie, die Gesetze des Königreichs und das natürliche Recht sprechen für die Schwestern des Königs; wie könnte ich mein Gewissen so hintergehn sie vom Throne zu verdrängen! Wahrhaftig! das hieße Gottes spotten und die Gerechtigkeit verhöhnen, wenn ich mich scheue einen Schilling zu stehlen und kein Bedenken trüge, eine Krone auf ungerechte Weise an mich zu reißen. Sie wies auf die Tücken des Glückes hin und daß schon zwei Königinnen von England ihren Ehrgeiz die Krone zu tragen mit dem Tode von Henkers Hand gebüßt hatten. Und gesetzt auch, fügte sie hinzu, die Krone würde kein Verderben über mich bringen, und das Glück würde mich seiner Beständigkeit versichern, wäre es wohl der Klugheit gemäß diese Dornen auf mich zu nehmen, die mich, wenn auch nicht geradezu tödten, doch zerfleischen würden. Nein, ich will meinen Frieden nicht gegen Hofneid und glänzende Fesseln tauschen.

Keine Bitten, auch die ihres Gemahls nicht, vermochten Johanna zu bewegen, die königliche Herrschaft anzunehmen. Sie änderte ihren frommen und weisen Entschluß erst, als man ihr bedeutete, man sei schon zu weit gegangen, um ihr noch die Wahl frei lassen zu können; denn wurde Maria Königin, so waren Johanna’s und ihres Gemahls Familien des Hochverrath’s schuldig. Sie ließ sich die Krone auf’s Haupt setzen, und wer könnte es aussprechen, was sie gedacht und gefühlt haben mag, als sie mit ihrem Gemahle von ihren Verwandten und dem Staatsrathe, nicht im Triumph, sondern unter dem Drucke mancherlei Sorgen nach dem Tower geführt wurde, wo gewöhnlich die Könige von England die ersten Wochen nach der Thronbesteigung wohnten. Der Friede Gottes war nicht im Herzen der Königin, aber auch auf diesem Abwege war der Gott des Friedens bei ihr. Finstere Stunden warteten auf sie, aber sie wird die Erfahrung machen, daß der Herr sich die Seinen nicht aus der Hand reißen läßt. Gehe Johanna! im Tower wird der Herr dir die Märtyrer-Krone reichen und zu dir sprechen: Sei getrost, ich nehme dich zu mir, daß du meine Herrlichkeit schauest!

Maria hatte, trotz ihrer entschieden katholischen Gesinnung, doch viele Anhänger im Volke. Ihre Freunde sammelten ein Heer, und wo sie sich zeigte, wurde sie als Königin ausgerufen. Als Northumberland den Befehl über die wenigen Mannschaften, die er zusammenbringen konnte, nothgedrungen selbst übernahm und mit ihnen London verließ, fiel der Staatsrath von Johanna ab und auch die Einwohnerschaft der Hauptstadt erklärte sich für Maria, die rechtmäßige Erbin des Thrones. Northumberland, der bald erkannte, daß er mit seinem ihm ungern folgenden Heere seinen Gegnern die Spitze nicht bieten könne, doch sein Leben retten wollte, erklärte sich ebenfalls für die Tochter Heinrich’s VIII. und gab sich gefangen. Es half ihm nichts. Denn kaum war sie in London eingezogen, so ließ sie ihn und den Vater der Johanna mit noch mehreren andern, die ihr feindlich entgegenstanden, als Staatsverbrecher im Tower in Haft bringen. Auch Johanna und ihr Gemahl wurden gefangen gehalten. Maria beraubte sie selbst der Linderung, die sie in ihrer Liebe und gegenseitigem Trost gefunden hätten, indem sie befahl, sie in verschiedene Zimmer einzuschließen.

Northumberland wurde des Hochverraths schuldig befunden und am 22. August 1553 auf dem Towerhügel enthauptet, der Herzog von Suffolk dagegen, der Vater Johanna’s, erhielt seine Freiheit, aber unter der Bedingung, sich auf den ersten Ruf zu stellen. Am 3. October fand die Krönung der Maria Statt und bald nachher begann der Prozeß Johanna’s, ihres Gemahls und seiner zwei Brüder. Sie anerkannten ihre Schuld, und nachdem das Todesurtheil über sie gesprochen worden, wurden sie wieder in ihre einsamen Zellen im Tower zurückgeführt. Bei diesem traurigen Vorgang bewies die junge Frau die vollkommenste Ruhe und Unerschrockenheit, die sie in ihrem Glauben fand, und gewährte dadurch ihren Unglücksgefährten Trost und Stärkung. Auf dem Rückwege in das Gefängniß zeigte ihr das Volk die herzlichste Theilnahme und das einstimmige Zeugniß von Geschichtschreibern geht dahin, daß, wenn ihr Vater sich nicht zu den Empörern, die Maria vom Throne stürzen wollten, geschlagen hätte, ihre Jugend und Unschuld doch am Ende das harte Herz der fanatischen Königin gerührt und sie von ihr Verzeihung und Schonung ihres Lebens erhalten hätte.

Die Empörung wurde unterdrückt und der Tag kam heran, wo der Rache der Königin Johanna’s Leben als Opfer dargebracht werden sollte. Voll freudigen Glaubensmuthes ging sie ihm entgegen. Die Königin ließ nämlich nichts unversucht, um sie in den Schooß der katholischen Kirche zurückzubringen. Sie schickte deshalb ihren Beichtvater Feckenham zu ihr. Siegreich bekämpfte Johanna alle Gründe, die er vorbrachte. Feckenham bezeigte ihr sein Mitleid, nahm Abschied von ihr und sagte, sie würden nun einander nicht mehr sehen; worauf Johanna antwortete: Es ist wahr, wo ihr euch nicht bekehret, werden wir einander im Himmel nicht antreffen, denn ihr seid mit gefährlichen Irrthümern behaftet. Ich bitte Gott, daß er euch den heiligen Geist mittheile, und wie er euch so viel Beredsamkeit gegeben, er auch euer Herz erleuchte, die Wahrheit zu erkennen.

In ihrem Gefängnisse schrieb sie mehrere Briefe, die beweisen, wie lebendig sie von der Gotteskraft des Evangeliums durchdrungen war. Einem vornehmen Manne, der aus Menschenfurcht von der evangelischen Wahrheit sich wieder zum Papstthum gewendet hatte, schrieb sie: Wenn ich bedenke, daß diejenigen, so die Hand an den Pflug legen und zurück sehen, nicht geschickt sind zum Reiche Gottes, und die holdseligen, tröstlichen Worte unseres Heilandes betrachte, die er von denen sagt, die sich selbst verleugnen und ihm nachfolgen, so habe ich große Ursache zu klagen. Zuvor warst du mein lieber Bruder, sagt sie ihm, nachdem sie ihm seine schwere Verschuldung vorgehalten, jetzt bist du mir ein Fremdling; nicht mehr ein tapferer Kriegsheld Jesu Christi, sondern ein feldflüchtiger, meineidiger Bösewicht. Der Brief endigt mit den Worten: Wenn es dem göttlichen Rathschluß nicht zuwider wäre, so würde Christus eher noch einmal leiden, denn daß du solltest verloren werden … Christus hat dich erlöset und der Himmel steht dir noch offen. – In dem an ihren Vater gerichteten Schreiben klagt sie sich an, daß sie zwar bestürmt worden sei, die ihr angebotene Krone anzunehmen, daß sie aber doch vor Gott und den Menschen schuldig sei und sie ihren Tod nur als die gerechte Strafe ihres Verbrechens ansehe; aber sie freue sich, daß sie so frühe heimgehn dürfe und bei ihrem Heilande von ewiger Freude umgeben, sein werde. Sie hatte ein griechisches neues Testament, das sie ihrer Schwester als Andenken schickte, aber nicht ohne auch an sie ernste und liebevolle Ermahnungen zu richten, die sie auf ein in dem Buche sich befindendes weißes Blatt schrieb. Wir theilen nur den Anfang und das Ende mit. „Ich übersende dir, liebe Schwester Katharina, dieses Buch, welches zwar auswendig nicht mit Silber und Gold gezieret, aber inwendig viel besser und köstlicher ist, denn alle Perlen und Edelsteine; nämlich das Evangelium des Herrn Jesu Christi, der letzte Wille und Testament, das er uns armen Sündern hinterlassen hat. Wenn du dieses Buch mit der Hülfe und Gnade des heiligen Geistes fleißig lesen und betrachten wirst, so wirst du die hohe Kunst lernen, wie man christlich leben und gottselig sterben kann. Lies daher, lies Schwester fleißig und täglich darin und richte all‘ dein Thun und Leben nach Gottes Gebot und Lehre ein. Lebe so, daß du täglich recht sterben lernest, damit du durch den zeitlichen Tod in’s ewige Leben eingehn mögest. Widerstehe dem Teufel und deines Fleisches bösen Lüsten und habe deine Lust an dem Herrn. Gehab dich wohl, meine liebe Schwester, und setze alle deine Hoffnung auf den Herrn, von welchem deine Hülfe kommt. Amen. – Deine Schwester Johanna Dudley.“

Das schrieb sie in der Nacht vor ihrer Hinrichtung. Nachdem sie noch lange gebetet, schlief sie mehrere Stunden ganz ruhig. Da brach der 12. Februar 1556 an. Ihr Gemahl hatte um die Erlaubniß nachgesucht, von ihr Abschied nehmen zu dürfen, aber sein Wunsch, obgleich von der Königin gewährt, wurde von ihr selbst verweigert. Sie ließ ihm sagen, daß, wenn sie sich vor ihrem Wiedersehn im Himmel, in dieser Welt noch einmal sähen, sie überwältigt vom Schmerze nicht mit ruhigem Hinblick auf den Herrn den letzten Gang würden machen können.

An Guilford Dudley wurde das Todesurtheil zuerst vollzogen, und zwar auf dem Towerhügel. Als er dahin geführt wurde und unter den Fenstern seiner Gemahlin vorbeiging, empfing er das letzte Pfand ihrer Liebe in dieser Welt. Aus Furcht, ihre Jugend und ihre Unschuld möchten das Mitleid der versammelten Menge in gefährlichem Grade erregen, hatte der Staatsrath, unter Abänderung seines früher gefaßten Beschlusses, verfügt, daß sie nicht dort, sondern innerhalb des Walles enthauptet würde. Der Lieutenant des Towers begleitete sie. Und als ob sie den Schmerzeskelch bis auf die Heefe trinken sollte, wurde eben die Leiche Guilford’s vorbeigetragen. Mit großer Demuth und Salbung redete sie noch zu den Umstehenden und sprach: „Liebe Brüder und Christen, ich bin unter dem Gesetz und durch das Gesetz zum Tode verurtheilt; ich bin unschuldig, denn wider meinen Willen bin ich zu dem Unrecht gezwungen worden, das ich mit dem Tode bezahle. Aber im Uebrigen bekenne ich mich als eine arme Sünderin. Ihr möget nun auch Zeugen sein, daß ich über dem christlichen Glauben bis an mein Ende beständig halte und die Hoffnung meiner Seligkeit auf nichts anderes, als auf das Blut meines Herrn Jesu setze.“

Nach diesen Worten kniete sie nieder und betete den 51sten Psalm. Ruhig, und als wäre sie schon dem Jammer dieser Welt entrückt, legte sie ihr Haupt auf den Block und rief: „Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“

S. Spörlein in Antwerpen.

Adelheid

Das Leben mancher Menschen ist vor Andern reich an wunderbaren Fügungen und vielfachem Wechsel der Geschicke, und so bunt gewirkt aus Freud‘ und Leid, aus heller Lust und hoffnungslosem Schmerz, aus tödtlicher Gefahr und unvermutheter Rettung, daß man wohl meinen könnte, es sei ein Mährchen zur Kurzweil ersonnen und leicht vorübergehenden Täuschung. Und doch ist Alles wahr und wirklich so geschehen, wie es erzählt wird. Wessen Sinn aber mit Ernst verweilet bei den räthselhaften Schicksalen der Menschen, wie der Eine gestürzt wird, eben als er fest zu stehen wähnte im Besitze der Macht, und wie ein Anderer, der glaubte verderben zu müssen, errettet wurde aus der Hand des Todes, der wird erkennen, daß Gottes Rathschluß unerforschlich und seine Plane wunderbar seien. Wie oft führt er den Menschen zu seinem Heile eine dunkle Straße, wo das irdische Auge keinen Ausweg und keine Rettung sieht, bis der zagende Wanderer unerwartet hinaustritt in das freie sonnenhelle Land, und er beschämt gestehen muß, Gottes Wege seien nicht der Menschen Wege. Das aber wird auch recht offenbar an dem Leben der Kaiserin Adelheid, die nach schweren Drangsalen die Gemahlin ward des deutschen Kaisers Otto des Ersten. Ihre Geschichte ist reich an Gefahren und Prüfungen und nicht minder an Beweisen frommen und standhaften Sinnes. Darum verdient sie wohl, wieder erzählt zu werden.

Adelheid war die Tochter des Königs Rudolph von Burgund, und wurde, da sie noch in zarter Jugend stand, verheirathet in Italien an den jungen König Lothar. Und sie war in allen Landen berühmt wegen ihrer hohen Schönheit und nicht weniger wegen ihrer Tugend, und Jedermann pries sie wegen der vielen Gaben, mit denen Gott sie ausgestattet hatte und meinte, sie sei berufen zu großen Dingen ans Erden und müsse dereinst eine mächtige Fürstin werden. Aber Niemand ahnte, daß ihr vorher noch viele und schwere Prüfungen bevorständen. König Lothar war mild und gütig von Natur, aber seine Kraft war nur gering und er vermochte nicht den trotzigen Sinn der Großen seines Reiches zu bändigen. Und nach einer kurzen Regierung und wenigen Jahren der Ehe starb er und hinterließ Adelheid als eine kinderlose Wittwe. Es gab aber Manche, die glaubten, er sei vergiftet worden, und klagten dessen den Markgrafen Berengar an, einen stolzen und habsüchtigen Mann, voll tiefer Pläne, der schon lange in der Stille darnach getrachtet hatte, wie er selber sich zum Könige machen könne. Böser noch als dieser war seine Gemahlin Willa, die war ein rachgieriges, hinterlistiges und grausames Weib. Als nun Lothar gestorben war, wähnten Beide, sie hätten ihr falsches Spiel gewonnen, und scheuten kein Unrecht und keine Gewalt, denn sie raubten den königlichen Schatz, und ergriffen Adelheid und warfen sie in einen dunkeln und tiefen Kerker, und ließen ihr von allem Gefolge nur eine einzige Dienerin. Willa selbst riß ihr voller Wuth die königlichen Kleider mit eigner Hand vom Leibe, und raufte ihre langen schönen Haare, und schlug sie mit Fäusten, daß sie wund und blutig wurde. Denn am Liebsten wäre es Beiden gewesen, wenn die Königin unter den Händen ihrer Peiniger um das Leben gekommen wäre, alsdann wären sie mit einem Male aller Furcht vor Strafe ledig gewesen. Denn Berengar hatte sich auch vor dem letzten Schritte nicht gescheut, und hatte sich öffentlich die Krone aufsetzen lassen, die er mit räuberischer Hand an sich gebracht hatte, und er schrieb sich König von Italien. Da rief Adelheid aus der Tiefe ihres Kerkers Gott an, er möge ihr einen Helfer erwecken in der Noth, und sie nicht ihrem Verderben überantworten. Und Gott rührte das Herz eines frommen Bischofs Namens Adelhard, der hörte von den Leiden der Königin und sann nach, wie er sie befreien könnte. Er schickte einen seiner Geistlichen zu ihr ab, der hieß Martin, daß er ihr Trost und Hülfe bringe. Dieser fand Eingang in ihren Kerker, und da er sah, wie Alles wohl verwahrt und scharf bewacht wurde, beschloß er Adelheid mit List aus dem Gefängniß zu führen. Er grub in der Mitte ein Loch in die Erde, dann durchbrach er die Mauer und als er nach langer gefahrvoller Arbeit eine Oeffnung gemacht hatte, die hinausführte in das Freie, geleitete er durch diese die Königin und ihre Dienerin. Und es war Nacht, da sie nach langen Qualen zuerst wieder unter Gottes Sternenhimmel trat, und des Dankes voll aufathmete aus der Tiefe ihres Herzens. Doch noch lange nicht waren sie am Ziele und vor allen Gefahren gesichert.

Als nun die drei Flüchtlinge unbemerkt aus der Rahe des Schlosses entkommen waren, eilten sie in das Land hinein, und gelangten zu einem See, dessen Ufer waren dicht bewachsen mit Schilf und dunkelm Weidengebüsche. Hier fanden sie eine Zufluchtsstätte, da der Tag graute, und verbargen sich im Moore, wo die Sumpfvögel hausen zwischen Rohr und Schilf und deckten sich, so gut sie es vermochten. An dieser unwirthbaren Stelle blieben sie, bis wieder die Nacht anbrach. Sie zitterten vor Frost und Hunger, und schreckten voll Angst empor bei jedem Geräusche des Windes, und fürchteten, es seien die Verfolger da, sie zurückzuführen in das Gefängniß. Martin aber war zu seinem Bischofe vorausgeeilt, um dessen bewaffnete Mannen zum Schutze der Königin herbei zu holen. Da fand sie in der Nacht ein Fischer, der auf den See hinausgefahren war auf den Fischfang, der erbarmte sich ihrer Noth. Er zündete ihnen ein Feuer an, daß sie sich wärmen konnten, und theilte ihnen mit, was er an Speise und Trank bei sich führte. Dann flohen sie weiter, und am Tage, wenn die Sonne hoch am Himmel stand, suchten sie eine Zuflucht in den dichten Kornfeldern, wo die Aehren am Höchsten standen, und über ihren Häuptern zusammenschlugen. Unterdessen aber war ihre Flucht Berengar bekannt geworden, und er ließ die Hörner blasen, und Reiter und Fußknechte durchstreiften das Land, denn er wollte die Königin um Alles wieder in seine Gewalt bringen. Da kamen die Verfolger auch in das Kornfeld, und sie beugten mit ihren langen Speeren die dichten Halmen rückwärts und vorwärts, um zu sehen, ob Adelheid hier verborgen sei. Und obgleich sie ihr ganz nahe kamen, so sahen die Verfolger sie dennoch nicht, denn Gott deckte die Königin mit dem Schilde seiner Gnade, und verblendete ihre Feinde. Alsbald kehrte auch Martin zurück mit den Mannen seines Bischofes, und geleitete Adelheid sicher nach dem festen Schlosse von Canossa, und so wurde sie gerettet.

Unterdessen aber hatte der mächtige und tapfere König der Deutschen Otto von allen diesen Freveln und wunderbaren Begebenheiten gehört, und er beschloß, das Recht der verfolgten Königin zu schirmen und den Uebelthaten des Berengar ein Ende zu machen. Er zog mit seinem reisigen Heere über die Alpen und nahm die festen Burgen ein; auch die Hauptstadt Pavia fiel in seine Hand. Berengar aber wagte nicht zu widerstehen. Denn die Großen verließen ihn, und das Volk haßte ihn wegen seiner Habgier und Grausamkeit. Alsdann ließ Otto die Königin nach Pavia führen, und warb um ihre Liebe; sie aber verband sich gern mit ihrem Erretter und Befreier. Darauf hielten sie feierlich Hochzeit zu Pavia, und Adelheid übergab ihrem Gemahl ihr Anrecht auf die Italische Krone.

Adelheid aber lebte von nun an zwei und zwanzig Jahre lang mit dem Könige Otto in einer glücklichen und gesegneten Ehe, und es trübte sich ihr Friede nicht, wenn ihnen auch manche schwere Prüfung in ihrem eigenen Hause beschieden war. Adelheid gebar ihm Söhne und Töchter und trug neben Otto die Kaiserkrone und stand ihm in Allem, was er im Unglück gelitten und im Glücke ausgeführt hatte, getreulich zur Seite. Zu allen Zeiten war sie mild und liebevoll, und lenkte Otto’s strengen Sinn oft zum Guten.

Als nun der Kaiser im J. 973 gestorben war, war Adelheids Herz voll tiefer Betrübniß, denn sie hatte in ihm ihren Erretter, ihren Gemahl und zweiten Vater verloren, und sie ging darauf in das stille Nonnenkloster zu Quedlinburg. Sie wußte, was immer auch kommen möchte, sie werde nimmer so glücklich sein, wie sie gewesen war. Von der Zeit lebte sie dem Gebete, den Werken der Milde und Barmherzigkeit, und trachtete allein nach dem, was keinen Anfang hat und kein Ende, nach der Gnade Gottes, die da bleibet in Ewigkeit, und allein wollte sie ruhen in der Liebe dessen, der da gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Darum legte sie allen äußerlichen Prunk und Glanz ab zugleich mit dem kaiserlichen Gewande, ging schlicht und einfach einher im Wittwenschleier, und spendete Almosen mit vollen Händen. Oft wankten ihre Knie und es schwanden ihre Kräfte, so lange war sie helfend und tröstend zwischen den dichten Schaaren der Armen und Bedürftigen auf und nieder geschritten. Obgleich sie nur Werke der Liebe in der Stille that, so blieb sie doch nicht verschont von dem giftigen Zahn des Neides und der Verläumdung. Denn ihre Feinde hinterbrachten ihrem Sohne, dem jungen Kaiser Otto, wie sie das Gut der Familie und des Reiches verschleudere und nur Schaden stifte mit ihrer Mildthätigkeit. Ihre Schwiegertochter Theophania aber war eine herrschsüchtige und weltliche Frau, die gönnte der Kaiserin nichts Gutes und entfremdete ihr auch den Sinn ihres Sohnes, daß er den falschen Reden glaubte und kalt und lieblos wurde gegen seine Mutter. Darüber wurde ihr Herz mit schwerem Gram erfüllt, Sie trennte sich von ihren Kindern und ging nach Italien, dann zu ihrem Bruder Konrad nach Burgund. Fromme Männer aber ermahnten Otto, daß er in sich gehe und erkenne, wie übel er an seiner Mutter gehandelt habe. Da rührte ihn sein Gewissen und er eilte zu ihr, siel ihr zu Füßen und weinte vor ihr heiße Thränen der Reue. Das Mutterherz aber verzieh ihm gern allen Kummer, den er ihm bereitet hatte. Doch Adelheid ahnte nicht, daß der Wiedergefundene so bald sollte ihren Armen entrissen werden, denn Otto’s Tage waren gezählt, und er starb nach manchem harten Kampfe und manchem verwegenen Kriegszuge mitten in der Fülle der Jugend und Kraft im Jahre 983. Das ober war eine neue schwere Prüfung, die Gott der frommen Kaiserin auferlegte. Denn in dieser Zeit standen auch alle Feinde des kaiserlichen Hauses auf, weil sie wußten, es sei Niemand da, der ihnen hatte wehren mögen. Zwar hinterließ Otto einen Sohn, der war aber erst drei Jahr alt, und er hieß ebenfalls Otto nach seinem Vater und Großvater. Unter den Gegnern des jungen Königs war der mächtigste sein Oheim, der Herzog von Baiern, der dachte dem Kinde die Krone zu rauben und sich an seiner Statt zum Könige zu machen. Auch die Mutter des Königs war nach Italien gezogen und die stolze Frau demüthigte sich nun vor der Kaiserin Adelheid, die sie oft gekränkt hatte. Da baten alle Freunde die alte Kaiserin, sie möge nach Deutschland zurückkehren und mit ihrem Ansehen sich ihres Enkels annehmen. Obwohl nun Adelheid gedacht hatte, in der Stille ihre Tage zu beschließen, so ging sie doch noch einmal in die Welt hinaus. Darauf sammelte sie die treu Gebliebenen, half überall mit Rath und That, und befreite ihren Enkel aus den Händen der Feinde. Sie zeigte in allen Dingen, wie sie nicht nur eine fromme und gute, sondern auch kluge und standhafte Frau sei, die wohl verdiene eine Kaiserin zu heißen und über Land und Leute zu herrschen. Dann wachte sie über die Erziehung ihres Enkels, bis er ein Jüngling geworden war und konnte, wie sein Vater und Großvater gethan, nach Rom ziehen mit dem deutschen Heere, und sich dort zum Kaiser krönen lassen.

Nach alle dem aber kehrte Adelheid in ihr stilles und beschauliches Leben wieder zurück, und lebte der geistlichen Betrachtung und dem frommen Andenken ihres Gemahles und Sohnes und aller Freunde, die vor ihr hingeschieden waren. Sie besuchte noch einmal alle heilige Stellen, die ihr lieb waren, und bedachte Kirchen und Klöster mit reichen Geschenken. Dann aber kam eine Krankheit über sie, und sie fühlte ihr nahes Ende. Und auf ihrem Sterbebette betete sie mit frommen Geistlichen und Frauen, und seufzte mit dem Apostel: „Ich wünsche nun abzuscheiden und bei Christus zu sein.“ Ihre Stunde schlug am 16. Dezember des Jahres 999 und sie starb fromm, wie sie gelebt hatte. Darauf wurde sie bestattet im Kloster zu Seltz.

Also war das Leben der Kaiserin Adelheid. Sie hatte allen seinen Wechsel erfahren und seine Herrlichkeit gesehen, und allen Schmerz und Kummer, den es bringt, gekostet bis auf den Grund. Verfolgung und Drangsal hatte sie ausgehalten, und zu sterben gemeint in ihren jungen Jahren. Gott aber hatte sie aufbewahrt zu hohen Dingen, denn mit drei Kaisern hatte sie gelebt und geherrscht, und war die Gemahlin des Einen, die Mutter des Andern, die Großmutter des Dritten gewesen. Und in allen Prüfungen und Anfechtungen wurde sie bewährt erfunden, und harrte aus bis an’s Ende; und wie sie einging zu einem seeligen Leben, so soll, wie bis auf die gegenwärtige Stunde, auch ferner ihres Namens gedacht werden.

.R. Köpke in Berlin.

Kaiserin Adelheid

(gest. 16. December 999.)

„Und die Könige sollen deine Pfleger, und ihre Fürstinnen deine Säugammen seyn.“ (Jes. 49, 23.)

Die Adelheid, von welcher hier erzählt wird, ist, wie ihr Name klingt, edel und von Adel an Geburt und Gestalt, an Herz und Geist, und an Bewährung des Lebens, eine Rose in deutschem Garten.

Sie war die Tochter des Königs Rudolph von Burgund. Da Adelheid zur Jungfrau aufgeblüht war, wurde ihre Schönheit und die glänzende Begabung ihres Geistes gepriesen. Aber das Preiswürdigste muß Schild und Wehr mitbringen, da eben ihm die härtesten Gefahren drohen. – Die holdselige Königstochter ward dem König Lothar von Italien zum Weib gegeben. – Dieser Fürst war gütigen Herzens, doch nicht ritterlicher Art, und vielfach angefochten vom Trotz der Gewaltigen seines Reichs. Vor Allen neidete ihm Markgraf Berengar seine Krone. So war’s nun diesem eine unverhehlte Freude, als nach wenigen Jahren sein König Lothar starb. Aber Adelheid stand ohne mütterlichen Trotz am Sarg des Gemahls; weinend ahnte sie schwere Tage. Denn so plötzlich und eigenthümlich hatte den König der Tod ereilt, daß man sich in‘s Ohr raunte, er sei am Gift Berengars gestorben, welcher des Thrones und des Scepters heftig begehre. Und ohne Zaudern setzte er sich gewaltsam in Besitz aller Ehren und Schätze des Königs.

Die Königinn Adelheid aber, daß sie nicht etwa entfliehe, mit Roß und Reisigen wiederkehre, und wider ihn Panier aufwerfe, ließ der Kronräuber ergreifen, und von ihren Pagen und Edelfrauen getrennt, nur mit einer Dienerinn in ein tiefes, düsteres Verließ bringen. Auf ihrem Gang zum Kerker letzte sich Witta, Berengars Weib, an dem bleichen, betrübten Angesicht der Gefangenen. Ja, es überkam die Tückische eine dämonische Wollust der Rache und Schadenfreude, daß sie wie wahnsinnig ihre Hände an die edle Adelheid legte, die königlichen Kleider ihr vom Leibe riß, ihr das lange blonde Haar raufte, und sie schlug, bis sie wund und blutig ward. Wie weh war da der geschändeten Königinn im einsamen Kerker!

Aber dennoch war Gott ihr Trost. Und der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Dieweil Berengar triumphierenden Stolzes sich als König von Italien ausrufen ließ, war’s der treue Bischof Adelhard, der, unterrichtet von Adelheids Geschick, auf Hülfe sann. Einem eben so frommen als rüstigen und klugen Mann aus seinen Geistlichen, Martin genannt, übertrug er, Trost und Rettung der Gefangenen zu bringen. Diesem gelang es, auf heimlichen Wegen bis in den Kerker der Königinn vorzudringen. mit unsäglicher Mühe brachte er von der Mitte des Gefängnisses aus einen unterirdischen Gang durch die Burgmauer in’s Freie zu Stande. Da sie nun endlich nächtlicher Weile heraustraten, geführt von dem treuen, beständigen Martin, gedachten die frohen Frauen des Wortes, das geschrieben steht: „Aber der Engel des Herrn that in der Nacht die Thür des Gefängnisses auf, und führete sie heraus;“ und erlabten sich der frischen, würzigen Luft, und die Königinn schaute zu den funkelnden Sternen auf, und pries die Barmherzigkeit Gottes.

Aber eilenden Fußes entfernten sich die Entronnenen aus der Nähe des Schlosses, daß nicht die Häscher Berengars sie ergriffen. Nach etlichen Stunden gelangten sie an einen See, der war dicht von Schilf und Weidengebüsch umstanden. Weil nun die Nacht verdämmerte, und die helle Morgenröthe anbrach, verbargen sie sich dahinter im Moor und Riethgras, bis zum sinkenden Abend. Sie zitterte vor Frost und Angst; denn so ist ein Sumpfvogel aufrauschte, meinen sie schon, die Hand des Verfolgers strecke sich nach ihnen aus. Auch stellte sich der Hunger ein. Da gewahrte sie ein Fischer, welcher des Nachts an seinem Netze arbeitete; ihn jammerte der Schmachtenden und Erschrockenen. Er hieß sie getrost herzu kommen, und an seinem brennenden Feuer sich wärmen, und erquickte sie auch mit Speise und Trank. Also gestärkt flohen sie weiter in die Nacht hinaus. Bei scheinendem Tageslicht bargen sie sich heut in Wäldern, morgen in hohen Kornfeldern. Berengar, als ihm die Flucht angesagt wurde, ward bleich vor Zorn und Schreck, ließ seine Reiter aufsitzen, und den Flüchtigen auf der entdeckten Spur nachjagen. Diese waren nun wie gehetzte Rehe ohne Ruhe und Athem vor ihren Verfolgern. Einstmals sauste die gewappnete Schaar neben dem Feld vorüber, da die Frauen wieder in hohem Korn ihr Versteck hatten. Weh! einige der Reiter halten an, und biegen, Verdacht schöpfend, mit ihren langen Speeren weithin die Halme zurück. Schon sehen die Geängsteten die blinkenden Lanzenspitzen wie Schlangen, durch die Aehren nach ihnen hin stechen; schon will der Schrei des Entsetzens verrätherisch laut werden: da werden die Speere zurück gezogen. Die Reiter, meinend, sie hätten sich getäuscht, werfen sich auf’s Roß, und jagen ihren Gesellen nach. Denn der Engel des Herrn war um die Flüchtlinge gelagert. Auch war nun das Ende ihrer traurigen Flucht vorhanden. Martin nämlich, der voraus geeilt, und seinem Bischof gemeldet, was geschehen, war von diesem mit einer großen Schaar Gewappneter der Königinn entgegen geschickt worden. Sie wurde bald gefunden, und in Mitten der bischöflichen Mannen sicher zur Burg Canossa geleitet. Sie sollte bald noch glücklichere Tage erleben. Der deutsche König Otto hatte die Kunde von der Frevelthat Berengars vernommen. Ritterlich und rasch, wie er war, eilte er mit mächtigem Heer und fliegendem Banner über die Alpen nach Italien hinab. Im Fluge nahm er die Burgen und Städte des Feindes, und zog triumphirend in Pavia ein. Mit glänzendem Geleit ließ er Adelheid herbei führen, und bot ihr ihren mit deutschem Schwert wieder gewonnenen Thron dar und zugleich seine Hand. Gern ward die junge königliche Wittwe ihres Erretters Gemahlinn, und schenkte ihm ihr Recht auf die italienische Königskrone.

Nachher theilte Adelheid mit Otto den hohen Glanz der deutschen Kaiserwürde. Ihre Milde hielt seine oft stürmische Kraft in Schranken, ihr kluger Rath ist ihm nicht selten ein Licht in Verlegenheit gewesen. Die fromme, glückliche, mit Kindern gesegnete Ehe dauerte 22 Jahre. und als Otto im Jahr 973 starb, verbarg sie ihren Wittwenschmerz in der Einsamkeit eines Klosters zu Quedlinburg. da ward sie eine Mutter der Armen und Elenden. Aber der Trost, den sie mit fürstlicher Freigebigkeit spendete, war ihr Ursache bittern Leides.

Ihr Sohn, Kaiser Otto II., war mit Theophania vermählt, einer stolzen Frau griechischen Herkommens, welche die deutsche Art nicht verstand. Sie neidete drum die rührende Liebe des Volkes zu ihrer alten Kaiserinn Adelheid, und suchte Ursache, ihr zu schaden. Das Herz ihres Gemahls wandte sie ränkesüchtig von de Mutter ab, durch die Beschuldigung, sie verschleudere die Güter, und hemme den Einfluß des Kaiser.

Gekränkt und tief betrübt, daß ihr die Liebe des Sohnes geraubt, und die Freude des Wohlthuns mißgönnt war, ging sie der unholdigen Schwiegertochter aus dem Weg. Sie nahm ihren Aufenthalt in Italien, und darnach bei ihrem Bruder Conrad im heimischen Burgund. Doch konnte Otto der verehrten Mutter nicht entbehren; die Kindesliebe brach durch alle Ränke hell hindurch. Er eilte zu ihr, und weinte heiße Thränen an dem treuen, selig bewegten Mutterherzen. Aber nur zu kurz war dies theure Glück. Der junge, ritterliche Kaiser wurde mitten aus weiten Plänen und großen Kämpfen durch den Tod 983 hinweggerafft.

Es kam eine verhängnisvolle Zeit. Des Kaisers Sohn, Otto III., war erst 3 Jahre alt beim Tode seines Vaters. Die Feinde gedachten sich diese rathlose Unmündigkeit zu Nutz zu machen; der gefährlichste war der Baiern-Herzog, des jungen Otto Oheim; er hatte Lust zur deutschen Königskrone.

Theophania, der Dinge nicht mächtig, war, ungeliebt vom Volk, nach Italien entwichen. Der Drang der Umstände beugte ihren Stolz, so daß sie bei ihrer Schwiegermutter Schutz suchte. Diese, wiewohl sie Sehnsucht nach klösterlicher Stille und verborgenen Liebesdiensten, gab nach, als sie auch von den Treuesten und Edelsten des Volkes dringend gebeten wurde, sich ihres Enkels und des hart bedrohten Reiches anzunehmen. Sie kehrte nach Deutschland zurück. Bald zeigte die glückliche Wendung der öffentlichen Angelegenheiten, wie viel ihr scharfer Blick und ihre muthige Entschlossenheit vermochte. unter dem Schirm der alten Kaiserinn gedieh das Reich und der Enkel, bis dieser, zum Jüngling herangewachsen, gleich seinem Vater und Großvater, an der Spitze eines stattlichen Heeres, nach Italien zog, um in Rom die deutsche Kaiserkrone auf sein Haupt zu setzen.

Da ging Adelheid, froh, daß sie es konnte, nach so hartem Tagewerk, in die Stille zurück. Das Reich, welches nicht von dieser Welt ist, war ihr Begehr. Dankbar ihrem Heiland für den Frieden dieser Hoffnung, wandte sie Kirchen und Klöstern reiche Schenkungen zu. In den letzten Tagen des Jahrhunderts ward ihr zu Theil, was sie geglaubt hatte. Am 16. Dezember 999 ging sie heim, und wurde im Kloster zu Selz bestattet. – Diese Adelheid war eine große Kaiserin, und, was noch größer ist, eine treue Magd des Herrn. –

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

Elisabeth von Thüringen

Elisabeth, Tochter des Königs Andreas von Ungarn und seiner Gemahlin Gertrud, geb. 1207, war auf den Antrag des Landgrafen Hermann von Thüringen von ihren Eltern schon als vierjähriges Kind nach der Wartburg entlassen, wo sie heranreifen und dann die Gemahlin Ludwigs, des künftigen Nachfolgers auf dem landgräflichen Thron werden sollte.

Schon früh that sich in ihr ein entschiedener Zug geistlicher Lebensanschauung kund. Ihrer Seele ursprünglich eigen, mochte er durch das Innewerden ihrer Stellung in der Fremde und die Kunde von dem räthselhaften gewaltsamen Tode ihrer Mutter, die ihr dann in ihren Träumen vorkam und das Kind um Fürbitte anging, gekräftigt werden. Als zartes Kind sehen wir sie in der Kirche den Altar aufsuchen und auf ihren Knien liegen; mitten in ihren Spielen springt sie nach der Kapelle zu und küßt ihre Mauern; auf dem Kirchhofe, zwischen den Gräbern durch schreitend, gedenkt sie des Wechsels von Leben und Tod, der auch für sie eintreten werde. Wie gesund dieser Trieb war, erhellt aus seinem Verbundensein mit herzlicher Zuneigung zu Armen und Leidenden: armen Kindern steckt sie ihre kleinen Gewinnste, Bettlern am Thor Brod und Speise zu, die sie aus der Küche für sie holt. Am höchsten wird die Demuth zu preisen sein, die sich in all‘ ihrem Thun und Reden ausprägt, die anspruchslose Ergebenheit, mit der sie harte Urtheile der Landgräfin Mutter über ihr unscheinbares, unfürstliches Wesen, die spöttischen Bemerkungen der ihr fast gleichaltrigen Prinzessin Agnes und die Reden einer Hofpartei erträgt, welche darauf dringt, daß man sie zu ihrem Vater wieder zurückschicken solle, weil sie eher zu einer Magd als zu einer Fürstin tauge. Mit dem vierzehnten Jahre hörte dieser Zustand des Gedrücktseins auf: Landgraf Ludwig, der nach dem Tode seines Vaters Hermann im Jahre 1216 und seitdem in Friedens- und Kriegsgeschäften sich als trefflicher Fürst bewährt hatte, reichte in seinem 22. Jahre der Frühentwickelten seine Hand zum Ehebunde. Sie war nun im Genuß selbständigen fürstlichen Ansehens, und eine Reihe von glaubwürdig überlieferten Zügen erweist den kindlich liebenden Sinn, mit dem sie ihrem Gatten zur Seite stand, den Eifer, womit sie ihre fürstliche Stellung zum Wohlthun der Bedrängten benutzte und den tiefen Ernst ihres Ringens um das Seelenheil.

Von der Zeit her, wo sie Verlobte waren, hatten die fürstlichen Ehegatten die freundliche Gewohnheit, sich Bruder und Schwester zu nennen, und schön ist’s zu lesen, wie die Schwester an dem Bruder hing, wie sie bei Tische zu seiner Seite saß, wie ungern sie sich von ihm trennte; wo immer es möglich war, begleitete sie ihn auf seinen vielfachen Reisen: sie ritt dann zu Pferd neben ihm und ertrug mit ihm Wind, Regen und Schnee. Waren die Reisen zu weit, oder zog Ludwig, was während ihrer Ehe fast jedes Jahr nöthig war, in Krieg oder Fehde, so betrachtete sie die Zeit seiner Abwesenheit als eine Trauerzeit: sie legte ihre fürstlichen Kleider ab und harrte in einfachem Witwenkleid seiner Wiederkehr: kam er dann wieder, so holte sie zum Zeichen ihrer Freude und wohl wissend, daß sie als Gattin ihrem Eheherrn auch äußerlich gefallen müsse, die glänzenden Gewänder wieder hervor und bewillkommte ihn in ihrem Schmuck. Als unumschränkte, nur ihrem Gatten verantwortliche Fürstin konnte sie nun der tiefsten Neigung ihrer Seele, den Armen und Leidenden Linderung ihrer Noth zu verschaffen, auf’s Reichlichste nachleben: Hülfesuchende und Bettler fanden bei ihr ein stets offenes Ohr: arme Kranke und Wöchnerinnen suchte sie persönlich in ihren Wohnungen auf: sie griff dann in die Pflege selbstthätig ein; als es einmal an Milch gebrach, verschmähte sie es nicht, in den Stall zu gehen und sich am Euter einer Kuh zu versuchen, was ihr denn freilich beinahe übel bekommen wäre. Bei neugeborenen Kindern armer Leute übernahm sie Pathenstelle, erfreut über die ihr also gebotene Gelegenheit, ihnen nun um so mehr Wohlthaten erzeigen zu können. So war beständig ihr Thun. Kein Zeitraum aber sah mehr Beweise ihrer Liebe, als die Jahre 1225 und 1226, wo eine Theuerung und in ihrem Gefolge schwere Seuchen ganz Deutschland in steigendem Druck bedrängten. Unzählige nahmen damals zu der Burg ihre Zuflucht, wo sie sich eine freundliche Fürsorgerin wußten, und Keinen wies sie von ihrer Schwelle. Den Hungernden ließ sie Brod backen, die Schwachen speiste sie von ihrer eigenen Tafel und brach sich ab, damit sie ihnen desto behülflicher sein könnte. Von dem Sommer, den ihr Gemahl, vom Kaiser nach Cremona gerufen, in Italien zubrachte, wird berichtet, daß sie täglich 300 Arme persönlich versorgte. Für die Kranken, die den steilen Berg nicht ersteigen konnten, richtete sie in Eisenach ein Spital ein, in welchem 28 Kranke Lager und Pflege fanden, die sie dann täglich besuchte und mit gottseligen Worten erquickte. Ein anderes Haus hatte sie für arme und kranke Kinder bestimmt: auch diese besuchte sie fleißig, brachte ihnen zur Erheiterung Spielsachen, Töpfchen, glänzende Ringe und Anderes mit und bewies ihnen, wie sie denn von Allen als Mutter begrüßt wurde, die mütterlichste Treue; gerade mit den elendesten und entstelltesten befaßte sie sich und drückte sie an ihren Busen. Nicht, als wäre das ihrem äußerlichen Menschen leicht geworden: dumpfe, verdorbene Luft war sonst ihr Abscheu; aber den Dunst der Krankenstuben, in denen es ihre Hoffräulein bei der heißen Jahreszeit kaum aushalten konnten, ertrug sie mit aller Geduld und Heiterkeit. Als der Herbst nahte und es nun galt, den Armen für die bevorstehende Erntearbeit Schuhe und Sicheln anzuschaffen, und da die Vorräthe in Folge der beständigen Ausgaben auf die Neige gingen, griff sie nach ihren seidenen Kleidern und verschenkte sie mit den Worten: nicht zum Putz, sondern verkauft sie für eure Nothdurft und arbeitet! denn es steht geschrieben: du sollst dich von deiner Hände Arbeit nähren, und wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Und glücklich war sie zu preisen: ihr Wohlthun, von den Amtsschössern freilich als Verschwendung gescholten, war ganz im Sinne ihres Gemahls: als er zurückkehrte, bedeutete er die Klagenden mit den Worten: lasset sie um Gottes willen geben und armen Leuten gütlich thun, so viel sie will, wenn uns nur Wartburg und Naumburg zu unserer Herrschaft verbleiben!

Diese Erweisungen thätiger christlicher Liebe werden uns erst dann in ihrer vollen Bedeutung erscheinen, wenn wir uns erinnern, daß es die Thaten einer Siebzehn- oder Achtzehnjährigen sind, die sich vor unsern Augen erheben. So früh einem Leben der aufmerksamsten Liebe zu ihrem Gemahl, und der unermüdlichsten Barmherzigkeit gegen Nothleidende ergeben! Diese Elisabeth wird ohne Aufhören in der Erinnerung des deutschen Volks, in der Christenheit fortleben, ein Vorbild für die christlichen Frauen jedes Standes und Alters, erhoben von den empfänglichen Herzen, geliebt von den Gleichgesinnten, und denen zur Scham genannt, die, wie weit auch an Jahren voraus, noch nicht vermocht haben, sich über den Genuß hinaus zum Bewußtsein eines christlichen Berufs für die Welt emporzuschwingen.

Das folgenschwerste Ereigniß in Elisabeths Leben ist nun, daß sie sich unter die Führung eines Beichtigers begab, der unter dem besondern Einfluß des Papstes stand. Conrad von Marburg erschien nach dem, was der treue Biograph Ludwigs erzählt, als ein Mann, der durchaus Vertrauen verdiente. Er war gelehrt, von reinen Sitten, die heilige Schrift floß ihm zu; durch seine Thätigkeit als päpstlicher Legat in Deutschland, wobei er sich den guten Christen gnädig und geneigt, den ungläubigen hart und gestreng gezeigt hatte, hatte er sich einen Ruhm erworben, der den Bruder Berthold in die Worte ausbrechen läßt, daß sein tugendlich Leben in deutschen Landen als ein lichter Stern leuchtete. Dadurch wird begreiflich, wie ihm Landgraf Ludwig vor dem Antritt seines Kreuzzugs im Jahre 1227 die Besetzung aller der seinem Patronat untergebenen Kirchenstellen übertragen konnte; begreiflich, wie er, wahrscheinlich ein Jahr vorher, bereitwillig seine Genehmigung dazu ertheilte, daß sich seine Elisabeth in den Gehorsam Conrads begäbe. Feierlich, in einer Kirche, ward Elisabeths Versprechen zugleich mit dem Gelübde, im Fall des Todes ihres Gatten unverheirathet zu bleiben, gegeben und angenommen: Ludwig ließ ihm freie Bestimmung in der Führung seiner Gattin: nur seine Rechte als Gatte behielt er sich vor. Was etwa noch jugendlich Schwankendes, Unfertiges, Willkürliches in Elisabeth war, konnte so am Sichersten von ihr abgestreift und der unvergleichliche Grund von Gottesfurcht und Liebe, der in ihr lag, auch für ihre Stellung als Fürstin herausgebildet werden. – Aber je mächtiger Conrads Persönlichkeit, je gefügiger Elisabeths Wille war, desto gewisser war andererseits die Möglichkeit gegeben, daß er sich nicht darauf beschränkte, das Ueberwuchernde ihrer Liebesthätigkeit wegzuschneiden, wie wir denn lesen, daß er ihr die Liebkosung der Aussätzigen in der That verboten hat, sondern die beichtväterliche Leitung zur geistlichen Knechtung werden ließ.

Es ist nicht ausgemacht, ob Conrad Weltpriester oder Dominicaner oder Franciscaner gewesen. War er, wie man neuerdings vermuthet hat, Mitglied der weitern Genossenschaft des heiligen Franciscus, so wurden unmittelbar durch ihn die franciscanischen Anschauungen und Grundsätze der heiligen Elisabeth nahe gebracht. War er’s nicht, so läßt sich darthun, daß diese jenseits der Berge aufgekommene Geistesrichtung ihren anderweitigen Einfluß zeitig auf sie geübt hat. Zwar werden wir gerechtes Bedenken tragen, der Angabe der Franciscaner-Annalen, wonach Elisabeth mit dem Heiligen von Assisi in brieflichem Verkehr gestanden und von ihm seinen eigenen Rock zum Geschenk erhalten habe, Glauben zu schenken, da die unzweifelhaften Quellen davon Nichts erwähnen. Aber wenn doch eine ihrer Dienerinnen, Eisentrud von Hörselgau, erzählt, daß ihre Herrin eigenhändig Wolle zu Kleidern für die Mennebrüder gesponnen, und wenn Conrad selbst in einem Briefe an den Papst mittheilt, daß sie solchen eine Capelle in Eisenach verschafft habe, so ist eine Beziehung zu ihnen schon in dieser Zeit ihres Lebens unzweifelhaft, und selbst die Nachricht der Annalen ist nicht unglaublich, daß schon der erste Beichtvater Elisabeths, Namens Roding, ein Franciscaner gewesen.

So sehen wir die junge deutsche Fürstin von Einflüssen umgarnt, welche in Italien ihre Quelle hatten und durch eignen Willen unter eine Hand gebeugt, die stark genug war, den anerbotenen Gehorsam bis auf’s Aeußerste zu erwirken.

Und was waren nun die Folgen dieser Erziehung Conrads?

Die Denksprüche, welche er wahrscheinlich in dieser Zeit Elisabeth gab, haben zwar ihrem größten Theil nach einen rein biblischen Inhalt: „Habe Gott immerdar im Herzen und gedenke sein“, „Sei barmherzig gegen den Nächsten“, „Weil Gott für dich gelitten hat, so trage auch du geduldig das Kreuz“, wir dürfen hinzufügen, einen solchen, den Elisabeth von jeher an sich wahr zu machen sich befleißigt hatte, sind aber allesammt unter die Richtschnur jenes von Dominicus wie von Franciscus ergriffenen und neu proclamirten Grundsatzes von der freiwilligen Armuth gestellt „in ihr trage Verachtung mit Geduld“; und schließen damit Ziele ein, die von einer Fürstin nicht zu erreichen waren, oder, wurden sie erreicht, ihrem Fürstenthum ein Ende machen mußten.

Jedenfalls kam Alles auf die Art ihrer Geltendmachung an, und hier zeigt sich unverkennbar ein Fortschritt vom Aeußern zum Innern, vom Geringern zum Größern. Eine eigenthümliche Lebenserschwerung verursachte ihr Conrad zunächst durch das Verbot aller Speisen, über deren Herkunft sie kein vollkommen ruhiges Gewissen habe. Zwar von dem Fürsten, der einst fränkische Ritter mit blutiger Fehde gestraft, weil sie einem armen Krämer Waare und Esel weggenommen hatten, läßt sich nicht annehmen, daß er seine Tafel mit Geraubtem habe besetzen lassen. Nur von dem Ertrag der Domanialgüter, das wird Conrads Wille gewesen sein, nicht von dem der unter Umständen mit Gewalt eingetriebenen Steuern sollte Elisabeth leben. Da geschah es denn, daß sie bisweilen auf der Tafel nichts fand, was sie genießen konnte; aber willig und heiler unterwarf sie sich, sie zerbröckelte dann ihr Brod und that, als äße sie; als sich einmal unter vielen Gerichten nur eine Schüssel kleiner Vögel befand, die für sie eßbar erschien, nahm sie sich ein wenig davon und vertheilte das Uebrige unter ihre gleichgesinnten Dienerinnen, deren Hungern ihr viel drückender war, als das eigne. – Je nachdem die Tafel besetzt war, sagte sie zu ihnen: „Heute giebts nur zu essen“ oder „heute giebts nur zu trinken“; fand sich beiderlei, so klatschte sie in die Hände und rief: „Wohl uns! heut laßt uns essen und trinken!“ So überwand sie, auch von ihrem Gemahl unterstützt, der einmal zu den enthaltsamen Dienerinnen sagte, er würde sich, wenn er nicht den Widerspruch seiner Dienstmannen scheute, gern selbst der Regel unterwerfen, mit liebenswürdiger Heiterkeit die darin für sie liegende Versuchung; und nur dadurch wird es ihr wahrhaft schwer gemacht worden sein, dem Gebote nachzukommen, daß es Conrad in seiner Härte auch auf die Fälle ausdehnte, wenn sie bei Andern zu Gaste war.

Gleichfalls auf dem Gebiet des Aeußern liegt eine andre Beweisung seines Einflusses auf Elisabeth. Schon früher hatte sie die Gewohnheit gehabt, sich Nachts zuweilen von der Seite ihres Gatten zu erheben und am Bette kniend zu beten: sie ließ sich dazu von ihren Dienerinnen wecken. Dies, früher namentlich in der Fastenzeit und an den Freitagen geübt, that sie nun, nachdem sie sich in Conrads Gehorsam begeben, nach dem Bericht Eisentruds oftmals; gerade von dieser Zeit wird es zu verstehen sein, was sie weiter mittheilt, daß Elisabeth, wenn ihr Gemahl abwesend war, viele Nächte unter Kniebeugungen, Geißelungen und Gebeten hinbrachte.

Nur berühren können wir hier den plötzlichen Wechsel der Dinge auf der Wartburg, den Sturz und das weitere Leben Elisabeths, worin gleichfalls weitere Spuren von geistlicher Einwirkung auf sie fühlbar sind; wie Elisabeth nicht lange nach der Rückkehr von jener Heerfahrt ihres Gemahls nach Cremona einst zufällig in dem Rocke desselben das Kreuz entdeckte, das er, dem Aufruf des Kaisers zu einem Zug wider die Sarazenen folgend, vom Bischof von Hildesheim erhalten, aber aus Liebe zu ihr bisher verborgen; wie sie in Ahnung deß, was da kommen sollte, in tödtlichen Schrecken gerieth und nur durch seine Liebesworte getröstet wurde; wie die Beiden vor ihrer Trennung übereinkamen, das Kind, das sie unter dem Herzen trug, einst dem Dienst des Herrn zu weihen; wie er, um Johanni 1227 zum Heereszug aufbrach, wie sie, nachdem er von den Kindern, seinem fünfjährigen Heinrich und der etwas jüngeren Sophie, den rührendsten Abschied genommen, nicht auf der Wartburg von ihm scheiden wollte, sondern ihn weit, bis zur Landesgrenze begleitete – und wie dann im Herbst die Trauerkunde kam, und wie sie bei ihrem Empfange außer sich vor Schmerz in die Worte ausbrach: Todt, todt ist mir nun die Welt und all‘ ihre Freude! Alsbald nach diesem Leid kam Schmach und Vertreibung über sie, indem der eigene Bruder ihres Gemahls, begierig nach der Landgrafenkrone, sie, die kaum von dem Wochenbett Genesene, schmählich von der Wartburg verjagte, und sie fand in Eisenach Niemand, der sich ihrer annahm, bis sie endlich in dem stallähnlichen Gelass einer Herberge Unterkunft erhielt, in welchem sie zuerst mit ihren drei kleinen Kindern, die man ihr Tags darauf unbarmherzig in’s Elend nachschickte, und dann, nachdem für diese irgendwo eine bessere Pflege gefunden war, mit einigen ihrer Hofdienerinnen den ganzen Winter hindurch verweilte.

Wie ein überirdisches Licht, unvergänglich schön, glänzte in diesem Dunkel ihre Demuth, Gottesfurcht und Gottinnigkeit. Wenige Stunden, nachdem das Unglaubliche geschehen, raffte sie sich aus der Kammer ihrer Schmerzen auf, ging in die Kapelle ihrer Barfüßer und bat sie, ihr ein Tedeum zu singen um der Trübsal willen, die der Herr ihr sendet. Und als sie an einem Tage der vorösterlichen Fasten vor einem Altar auf ihren Knien liegend lange gebetet hatte, und dann zu Haus in einen Zustand der Beschauung gerieth, worin sie bisweilen weinte, bisweilen freundlich lächelte und endlich in die Worte ausbrach: „ja, Herr, du willst sein mit mir, und ich will sein mit dir, und niemals will ich von dir geschieden sein,“ da antwortete sie auf die Frage ihrer Eisentrud, mit wem sie denn geredet habe: „Ich sah den Himmel offen und meinen süßen Herrn Jesus sich zu mir neigen und mich trösten über meine vielen Aengste und Nöthe, und so lange ich ihn sah, war ich froh und lachte, und wenn er sein Angesicht zum Fortgehn wandte, weinte ich; und erbarmungsvoll wandte er sein lichtes Angesicht mir wieder zu und sprach: wenn du mit mir sein willst, will ich mit dir sein! und ich antwortete, was du gehört.“

Wer hat je so geredet? Hat sich hier nicht wirklich eine Seele dem Himmel aufgethan?

Und doch, das ist nicht zu läugnen, steht neben diesem Lichtblick ein dunkles Räthsel. Als Elisabeth in so heißer Liebe zu ihrem Gott und Heiland stand, wo war die fürsorgende Liebe zu ihren Kindern, deren erstes der geborene Fürst des Landes war? wenn sie zur Zeit ihrer Macht Tausenden das dargebracht, was sie zur Stillung des Hungers bedurften und auch jetzt in ihrer Noth Sorge trug, daß ihre Kinder irgendwelcher leiblicher Pflege theilhaftig wurden, wo war der doch auch heilige Liebestrotz der Mutter, die das ihrem fürstlichen Sohne gebrochene Recht wieder herzustellen suchte? Dafür hatte die geistliche Zucht, der sie sich ergeben, ihr den Sinn geraubt. Conrad, der das Verdienst hat, sich später mit Andern Elisabeths in der Art gegen ihren Bedränger angenommen zu haben, daß er der Beraubten das landgräfliche Witthum zu verschaffen suchte, hat hievon Nichts geltend gemacht. Das ideal zu verstehende, vom h. Franciscus als Regel des gemeinen Lebens für die Seinen hingestellte Wort des Evangeliums: „dem Bösen nicht zu widerstehen“, wird von Conrad und Elisabeth als ausreichende Richtschnur für ihr äußeres Verhalten angesehen und der Gedanke an die Vertheidigung der Rechte des Prinzen nicht in ihre Seele gekommen sein.

Eine etwas bessere Zeit brach für sie an, als die Schwester ihrer Mutter, Aebtissin Mathilde in Kitzingen, sie mit ihren Kindern und Hofdienerinnen in ihr Kloster, und einige Zeit darauf ihr mütterlicher Oheim Bischof Eckbert von Bamberg auf sein Schloß Pottenstein einlud. Hier lebte sie in einer ihr gebührenden Umgebung etwa ein Jahr lang, die ihr gemachten Anerbietungen zu einer neuen Verheirathung mit Entrüstung von sich weisend, bis die thüringischen Genossen ihres Gemahls, Schenk Rudolf von Vargila an der Spitze, nach Vollendung des Kreuzzugs mit den Gebeinen Ludwigs in Bamberg anlangten. Noch einmal offenbart sich die Innigkeit ihrer Gattenliebe zugleich mit ihrer Gottergebenheit auf ergreifende Weise. Als die Truhe vor ihr geöffnet wurde, sprach sie: „ich danke dir, daß du mein Flehen erhört hast, die Gebeine meines Geliebten zu sehen, daß ich an ihnen weinen kann. Ich hätte alle Herrlichkeit der Welt für ihn hingegeben! Nun möchte ich ihn aber nicht mit einem Haare meines Hauptes gegen deinen Rathschluß zurückrufen“. Nach dem Willen des Bischofs zog sie mit dem Sarge nach Reinhardsbrunn zur Beisetzung. Hier gelang es der kühnen Beredsamkeit Rudolfs, den Landgrafen Heinrich zur Anerkennung der Rechte Elisabeths und ihrer Kinder zu bringen: so sehr es auch in Bezug auf den Prinzen an der vollen Geltendmachung gefehlt hat; er versöhnte sich mit ihr, gestand ihr 500 Mark jährliches Leibgedinge und den ihr schon bei ihrer Verheirathung bestimmten Besitz von Marburg zu und ließ sie auf der Wartburg und der Kreuzburg wohnen.

Aber trotzdem, daß sie auch hier in früherer Aermlichkeit lebte, standen ihres Herzens Gedanken doch nach andern Dingen. Nicht auf Schlössern, noch in der Umgebung des Ueberflusses, sondern als Klausnerin oder sonst in einem Gott wohlgefälligen Stande gedachte sie das Heil ihrer Seele zu schaffen. Es kam nur darauf an, was Conrad, der ohne Zweifel in Folge von Mittheilungen über sie, nun vom Papste den Befehl erhalten hatte, sie in besondere Obhut zu nehmen, dazu sagen würde. Mit vielen Thränen, berichtet Conrad, bat sie mich, daß ich ihr erlauben möchte, als Bettlerin von Thür zu Thür zu gehen. Als ich ihr das schlechthin verweigerte, sagte sie: Das thue ich, das thue ich, was Ihr mir nicht wehren könnt! Am Charfreitag des Jahres 1229 legte sie in der erwähnten Barfüßerkapelle zu Eisenach in Gegenwart einiger Klosterbrüder die Hände auf den entblößten Altar und sprach ein feierliches Gelübde aus: sie entsagte allem Gegenwärtigen und Vergangenen, dem eigenen Willen, aller Pracht der Welt und dem, was der Welterlöser im Evangelium zu verlassen gebeut. Als sie ihren Besitzungen entsagen wollte, sagt Conrad weiter, ließ ich es nicht zu, theils um die Gebühr ihres Mannes – das Wort wird nicht von Schulden, sondern von Seelenmessen zu verstehen sein – zu entrichten, theils der Unterstützung der Armen wegen.

Dieser Act, der letzte, den sie von der Wartburg aus vollzog, der Abschluß ihres bisherigen Lebens und die allmählich gereifte Frucht ihrer innern Entwickelung bildete den fruchtbaren Keim einer neuen Epoche ihrer Wirksamkeit. Sie zog, um der darin für sie gestellten Aufgabe zu genügen, wie Eisentrud berichtete auf das Geheiß Conrads, wie er selbst sagt wider seinen Willen (wahrscheinlich beziehen sich diese verschiedenen Aussagen auf verschiedene Zeiten), ihm auf ihr Witwengut Marburg nach, dem äußersten Grenzort der Landgrafschaft, welcher damals, abgesehn von der landgräflichen Burg, die ihm den Namen gegeben, ein geringer, dem Dorf Oberweimar eingepfarrter Flecken war.

Hier, in der Ferne vom Leben des Hofs und der Welt, suchte sie nun, zuerst noch von ihren Kindern und Hofdienerinnen umgeben, unter Conrads Aufsicht die geistliche Vollkommenheit zu erringen, die ihr als Ziel vorstand. Den Aufenthalt auf der Burg verschmähend und wie Eisentrud hervorhebt, auch hier von den Ihrigen verfolgt, nahm sie ihre Zuflucht zu dem nahe gelegenen Dorfe Wehrda. Noch zeigt man da ein Haus, wo sie gewohnt habe, und erzählt, wie sie von da aus in die in der Nähe auf einem Hügel gelegene Kirche gegangen sei. Das Richtige ist, daß damals dort ein Burgsitz mit einer Kemenade war, unter deren Treppe sie wohnte, indem sie sich mit Zweigen gegen die Strahlen der Sonne zu schützen suchte. Sie bereitete hier für ihre kleine Haushaltung, was sie an Speisen erhalten konnte, und trug die Beschwerden der Sonnengluth, des Rauchs und des Windes mit aller Freudigkeit. Inzwischen war in der Nähe Marburgs, vermuthlich in der Gegend des Platzes westlich von der Elisabethkirche, ein niedriges Häuschen von jener Bauart, die noch heute hier in Anwendung kommt, von Holz und Lehm fertig geworden, welches sie nunmehr bezog. Hier lebte sie im grauen Kleid der Schwestern des h. Franciscus, unterzog sich den geringsten häuslichen Arbeiten und übte vor Allem die Pflege armer Kranker, in denen sie Christum vor sich sah, mit einer Ergebenheit und Fröhlichkeit, welche ihren feindseligen Verwandten das Wort in den Mund gab, daß sie ihres Gemahls ja bald vergessen habe. Aber nicht vorübergehend sollten ihre Wohlthaten sein. Indem sie allen Schmuck, den sie aus früherer Zeit noch besaß, und ihr gesammtes Einkommen zusammenthat, und sich selbst an der täglichen Speise abbrach, gelang es ihr, die Mittel zur Gründung eines Spitals für Kranke zu gewinnen, welches zu der noch bestehenden Anstalt des Landkrankenhauses den Grund gelegt hat und von ihr, da sie fürchtete, daß es von den Ihrigen später wieder aufgehoben werden möchte, in die Hand des Deutschherrnordens gegeben wurde, eine That, wodurch sie die eine der beiden großen Grundsäulen der spätern Existenz Marburgs gestiftet hat, während die andere auf dem lebendigen Andenken an das, was sie selbst war, auf jener geistigen Nachwirkung beruht, welche in der herrlichen über ihrem Grab gewölbten Kirche nur einen Theil ihres sichtbaren Ausdruckes hat.

Denn wenn sich schon das äußere Schalten und Walten der in treuer Meinung um Gottes willen arm gewordenen Königstochter der Erinnerung des Volks tief einprägen mußte, wenn man es nicht vergessen konnte, wie sie in dem Spital selbst pflegend und reinigend Hand angelegt – noch zeigt man den Brunnen, an dem sie gewaschen haben soll -, wie viel tiefer mußte doch die Kunde von der sauern Arbeit gehen, die sie im Ringen um die Seligkeit auf sich nahm! Conrad war in Folge des vom Papst erhaltenen Auftrags nicht gelinder, sondern strenger in seiner Behandlung Elisabeths geworden: nachdem sie ihrem eignen Willen entsagt hatte, galt es, diese Entsagung auf’s Bestimmteste durchzuführen. Wie berührt, hatte er ihr verboten, Aussätzige zu berühren. Als er erfuhr, daß sie ein junges mit Aussatz behaftetes Mädchen in ihr Haus aufgenommen, ihr das Bett mache, sie speise und wasche, griff er mit eigner Hand ein. „Gott vergebe mirs, schreibt er darüber, ich habe sie auf’s heftigste gestraft.“ Für geringere Abweichungen von seinem Willen erfolgten Backenstreiche, für größere Geißelung; und alles dies nahm sie willig hin: sie dachte an Christus, der auch Beides erduldet, und sagte einmal nach erhaltener Geißelung: wie das im Flusse stehende Schilf bald niedergetrieben werde, bald wieder aufstehe, so sei es dem Menschen nöthig, bald gedemüthigt, bald wieder froh aufgerichtet zu werden. Ueberaus lieblich ist der Bericht ihrer Dienerin Irmengard, daß das Weinen ihr Angesicht nicht entstellte: ihre Thränen seien wie aus einem lautern und fröhlichen Quell entsprungen; sie habe von denen, welche ihr Gesicht im Weinen entstellen, gesagt: „es scheint, als wollten sie Gott abschrecken; mögen sie doch das, was sie haben, Gott mit Heiterkeit und Fröhlichkeit geben!“

Aber nicht läugnen läßt sich, daß sie von Conrad auch ihrerseits gelernt hat, gegen Andre streng zu sein. Einem jungen durch sein schönes Haar ausgezeichneten Mädchen, welches bei einer Armenspeisung das Gebot, den angewiesenen Ort nicht zu verlassen, bei Strafe geschoren zu werden, noch dazu ohne Wissen übertreten hatte, läßt sie ohne weiteres das Haar abschneiden; freilich muß sie auch dies mit der reinsten Anmuth befohlen haben, da wir sehen, daß sich die Gestrafte sofort in ihre Umgebung begiebt. Eine Frau, von der sie gehört, daß sie nicht zur Beichte gehe, ließ sie eigenhändig die Geißel fühlen, ohne daß uns von einem gleich glücklichen inneren Erfolg berichtet wäre.

Mehr aber als Schläge haben andre Maßnahmen Conrads in Elisabeths Herz einschneiden müssen. Ihre Kinder hatte sie schon früher abgegeben; jetzt mußte sie ihre Dienerinnen entlassen, und Conrad ersetzte sie durch eine häßliche Nonne und eine taube Witwe von Adel, die ihr das Leben erschwerten, indem sie sich freundlich gegen sie stellten, aber hinter ihrem Rücken ihre kleinen Vergehen, wenn sie etwa einem Armen mehr geschenkt als sie gesollt, bei Conrad anbrachten: Alles, damit sie es in der Ueberwindung der Ungeduld weiter und weiter bringe.

Und Geduld war ja in ihr, und mit der Geduld noch vieles andre Große und Erstaunliche. Wenn sie betete, da funkelten ihre Augen; für eines Jünglings Heil betete sie einmal mit dessen Zustimmung in seiner Anwesenheit so herzlich und so feurig, daß er ausrief: o endet, ich halte es vor Gluth nicht mehr aus! und ihre Liebe zu Gott war so innig, daß sie darüber alle Güter der Erde vergaß. Sie sagte selbst einst zu ihren Dienerinnen: „Der Herr hat mein Gebet erhört, ich erachte alle meine weltlichen Besitzungen, die ich einst geliebt, für Staub. Gott sei mein Zeuge, meine Kinder sind mir jetzt wie jeder andre Nächste: ich habe sie Gott übergeben, er mache mit ihnen, was ihm wohlgefällt; Schmähung, Verläumdung, Verachtung bringt mir Lust, ich liebe nichts, als Gott allein.“

So war, was der in ihre Seele gepflanzte geistliche Drang ersehnte, was Conrad erwirken wollte, und woran der Papst Gregorius durch briefliche Ansprachen an sie mitarbeitete, wirklich erreicht: die graue Schwester Elisabeth, die, Fürstin und mit gesticktem Rock, an Krankenbetten stand oder Schüsseln wusch, hatte der Welt entsagt, und ihr Geist sich zu himmlischen Regionen aufgeschwungen. Aber die Kraft zum Leben war auch dahin: in den Novemberwochen des Jahres 1231 lag die 24jährige Witwe Ludwigs auf ihrem Sterbelager. Nachdem sie von der Wand her einen süßen Gesang, wie eines Vögleins Stimme vernommen, dem sie nachsummte, ging sie, gestärkt vom Sacrament des Altars, wie in sanftem Schlummer, hinüber.

Eine Erscheinung vielleicht ohne Gleichen: innig fromm, demüthig, geistig belebt, voll Liebe Gottes und der Menschen. Aber auch so an ihrem Sterbebette muß es bekannt werden: ein Opfer der geistlichen Mächte ihrer Zeit, entrissen den Ihrigen, vor Allen ihrem Erstgebornen, der eines trefflichen Fürsten Sohn berufen war, ihm nachzufolgen, und mit verkümmertem Recht thatenlos verkommen ist, entrissen dem Vaterlande, das in schwerster Zeit eines blühenden Thüringens bedurfte und ein zerstückeltes fand. Wir haben eine Heilige mehr, eine rechte Fürstin und Mutter weniger.

E. Ranke in Marburg.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

Königin Fritigild

(1. April)

„Die Heiden werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“ (Jes. 60, 3.)

Gleichwie die Weisen aus dem Morgenlande nach Bethlehem kamen, um das heilige Kind mit Gold, Weihrauch und Myrrhen zu begrüßen, und seines Anblickes froh zu werden, so erschien einst gegen Ende des vierten Jahrhunderts eine Gesandtschaft fremder Männer zu Mailand bei dem frommen Bischof Ambrosius mit königlichen Geschenken und dem Begehr, die frohe Botschaft von Christo, dem Friedefürst und Weltheiland, zu empfangen. nach einiger Rast kehrten sie, mit diesem unvergänglichen Golde beladen, aus dem schönen Italien über die Alpen wieder heimwärts in ihr Land gen Norden. Königinn Fritigild hatte diese gesendet. Sie war die Gemahlinn des Königs der Markomannen, eines deutschen Volksstammes, welcher kräftig und kriegswild, in dem jetzt Böhmen genannten Lande saß. Dies Volk kannte schier kein ander Tagewerk, als das mit Roß, Schwert und Speer gethan wird. Hierbei kam die Beschaffenheit seines Landes trefflich zu Statten. Denn dasselbe ist von Bergen als wie von riesigen Thürmen, Mauern und Wällen umschlossen. So wohnen die Markomannen gleichsam in einer wohlverwahrten Festung, aus welcher sie, so oft sie mit Beute beladen zurückkehrten, ohne daß der Feind es wagen durfte, ihnen nachzufolgen. Besonders richteten sie ihre Kriegs- und Raubzüge südwärts, wo die Donau vorüberzieht. Bis zu diesem Fluß nämlich war alles deutsche Land der römischen Botmäßigkeit unterworfen. Die Markomannen haßten die Herrschaft der Römer, und waren lüstern nach ihren Schätzen. Durch Feuer, Schwert und Blutvergießen gewann ihre trotzige Kraft den Ruhm der Tapferkeit, und ihr Name war zum Schrecken ringsumher.

Nun geschah es, daß eines Tages ein fremder Mann zur Königsburg kam. Er war weit gereist, und wußte viel aus fernen Landen zu erzählen. Fritigild, die Königinn, lauschte seiner Rede, und als er von Italien berichtete, wie dort Jesus, der gekreuzigte Heiland, gepredigt und geglaubt werde, und man ihn in schönen Kirchen verehre, und selig werde durch seine Erlösung, da ward ihr Herz wunderbar bewegt. Mehr und immer mehr begehrte sie von Jesus zu hören; aber der Fremdling wies sie an Ambrosius; der sei ein Jünger des Heilands, und Bischof zu Mailand, und es scheine in ihm hell dies wahrhaftige Licht, und er werde ihr auch alle Schätze und kündlich großen Geheimnisse dieser süßen Botschaft mittheilen.

Darauf fertigte die Königinn jene Gesandtschaft nach Mailand ab. Ambrosius, als er sah, daß Christus an das Herz einer heidnischen Fürstinn angeklopft habe, ward hocherfreut. Er gab den Gesandten einen Brief an Fritigild mit, welcher, nach Art eines Katechismus verfaßt, von Christo handelte, wie er leiden mußte, und eingehen zur Herrlichkeit seines Vaters, damit Alle das ewige Leben hätten. Auch bat er, daß sie ihres Volkes gedenke, und es bekehre von seinem bluttriefenden Heldenruhm zu der guten Ritterschaft des Glaubens an den, der sich sanftmüthig und demüthig nenne.

Fritigild bewegte alle diese treuen Worte des Briefes in ihrem Herzen. Aber es ward in ihr die Sehnsucht wach, von Angesicht zu Angesicht den Mann zu sehen, welcher ihr das geschrieben, und seine Stimme zu hören. So umgab sie sich mit fürstlichem Geleit, und zog hinab gen Italien, nicht achtend der Gefahren und Beschwerden des Weges, der durch tiefe Wälder und über wolkenhohe Berge führte. Aber der Engel des Herrn war um sie gelagert, daß ihr auf dem weiten Zuge nichts Leides geschah. Doch, als sie in Mailand einzog, und nach Ambrosius fragte, sagte man ihr: „Du kannst sein Angesicht hienieden nicht mehr schauen; er ist in die ewigen Hütten heimgegangen zu seinem Herrn, wie er geglaubt hat.“ Da hub sie vor großer Traurigkeit an zu weinen, bis der Geist, der Tröster, ihren Thränen werte durch die Vergewisserung, daß sie in Christo, dem Einen Meister, mit ihrem geliebten Lehrer verbunden sei.

Fritigild kehrte heim. Der König, ihr Gemahl, war dem Evangelium hold, so das Licht von nun an die dunkeln Wälder mild zu leuchten anfing. Und der kriegswilde Troß der Markomannen zerschmolz, wie Erz im Feuer. Denn sie hatten jetzt den Friedefürsten kennen gelernt.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

Renata von Ferrara

Italien, das schöne gesegnete, vielfach von den Dichtern besungene Italien, hatte auch seine Zeit der geistigen Blüthe und nicht blieb es unberührt von dem Leben weckenden Hauche des Evangeliums. Daß nicht nur in Rom, sondern auch in dem übrigen Italien das Christenthum schon frühzeitig Wurzel gefaßt haben muß, geht unter andrem aus dem Gruße hervor, den der Verfasser des Briefes an die Hebräer seinen Lesern ausrichtet von denen „aus Italien“ (Hebr. 13, 24). Als dann später die Bischöfe zu Rom ihr Ansehen rings umher geltend zu machen suchten, und zwar meist auf Unkosten der übrigen, geschichtlich gleich berechtigten Kirchen, fehlte es in ihrer Nähe nicht an Solchen, die diesem Beginnen mit christlichem Freimuth sich widersetzten und die Unabhängigkeit von Rom zu bewahren suchten. So hat namentlich die Kirche von Mailand, der einst der große Ambrosius als Bischof vorstand, eine selbstständige Stellung, hinsichtlich ihrer gottesdienstlichen Gebräuche zu behaupten gewußt. So hat dann auch zu einer Zeit, als der Bilderdienst, das Reliquien- und Wallfahrtswesen in der abendländischen Kirche überhand genommen, ein italischer Bischof, Claudius von Turin gegen diese Mißbräuche redlich gekämpft, und zwar mit der Bibel in der Hand. Und wenn auch die Vorläufer der Reformation, die Waldenser, nicht auf diesen Claudius und auf die Thäler seines Bisthums zurückzuführen sind, wie man längere Zeit angenommen hat, so ist doch gewiß, daß jene frommen Leute, die als die „Armen von Lyon“ im 12ten Jahrhundert verfolgt wurden, auch in der Lombardei und in Oberitalien überhaupt sich festsetzten. Desgleichen finden wir unter den heftigsten Gegnern des Papstthums im Mittelalter einen Arnold von Brescia, dessen republikanische Ideen vielfachen Anhang in Rom selbst fanden und das Volk zu Schritten hinrissen, die allerdings über das Maaß evangelischer Berechtigung hinausgingen. Nicht zu gedenken der Katharer, der Brüder und Schwestern des freien Geistes, der Spiritualen, Fraticellen und anderer Secten, welche den Süden Europas vielfach beunruhigten. Es gährten aber sehr verschiedene Elemente durcheinander, welche erst bei reinerer Einsicht in das Gesetz der Freiheit sich scheiden sollten. Wenn nun auch das Licht der Wissenschaft allein nicht hinreichend ist, diesen Scheidungsprozeß zu vollziehen, sondern erst die göttliche Erleuchtung, welche von der christlichen Offenbarung ausgeht, den Sinn der Menschen auf die rechten, Gott wohlgefälligen Wege zu leiten vermag, so trug doch auch die wissenschaftliche Klärung, welche selbst von manchen Päpsten befördert wurde, dazu bei, eine Erneuerung der Kirche vorzubereiten. Und so wurde, nachdem das eigentliche Mittelalter seine welthistorische Aufgabe erfüllt, seine geistigen Kräfte erschöpft hatte, Italien das Land, von welchem eine neue, durch das Studium des klassischen Alterthums befruchtete Bildungsperiode eingeleitet werden sollte, die man gewöhnlich mit dem vielleicht allzu voll klingenden Namen einer „Wiederherstellung der Wissenschaften“ bezeichnet. Noch vor dem Untergang des byzantinischen Kaiserthums und der Eroberung Constantinopel durch die Türken (1453), in Folge dessen griechische Flüchtlinge die genauere Kenntniß der alten Litteratur ihres Volkes nach dem Abendlande brachten, hatten Kunst und Wissenschaft in Italien eine reiche Pflege gefunden. Wer kennt nicht die Namen eines Dante, Boccaccio, Petrarca! Und war es nicht zu Anfang des 15ten Jahrhunderts der gelehrte Laurentius Valla, der (nach der Aussage des gelehrten Erasmus) „die alte Litteratur aus ihrem Grabe erweckte und den alten Ruhm der italienischen Beredsamkeit wiederherstellte.“ Aber das nicht allein. Derselbe Gelehrte griff auch schon mit kühner Kritik die Echtheit jener Schenkung Constantins an, auf welche die Päpste ihren weltlichen Besitz gründeten und widersetzte sich trotz der Verfolgungen, denen er nicht entging, so manchen Vorurtheilen und Mißbräuchen der Zeit. Wie dann später ein Marsilius Pleinus, ein Johann Franz Pico, Graf von Mirandola, dessen Schriften Zwingli mit größtem Eifer studirte, das Studium der Philosophie unter den Gebildeten Italiens beförderten, während der fromm begeisterte, bis an das Schwärmerische streifende Dominikaner Girolamo Savonarola in Florenz als gewaltiger Bußprediger den Ernst der göttlichen Gerichte mit dem Nachdruck und der Autorität eines Propheten verkündigte, daran genüge zu erinnern. –

An wechselseitigen Berührungen zwischen Italien und Deutschland hatte es nie gefehlt, wie schon die ganze politische Geschichte des Mittelalters, wie der Kampf der Guelfen und der Ghibellinen, die Römerzüge der deutschen Kaiser, die Kreuzzüge und die großen Kirchenversammlungen zu Pisa, Costnitz und Basel es beweisen. Demnach war von dem neu erwachten geistigen Leben Italiens ein heller Schimmer über die Alpen gedrungen. Aber auch umgekehrt konnte die große Erhebung der Geister in Deutschland wider das gleichfalls aus Italien eingedrungene Verderben nicht lange ohne Rückwirkung auf dieses Land selbst bleiben. Mochten auch anfänglich die seltsamsten Gerüchte über das kühne Auftreten des Augustinermönches zu Wittenberg unter dem welschen Volke sich verbreiten, bald sollte die Meinung der Gebildeten auch über diese Vorgänge und über die eigentliche Tendenz der deutschen Reformation sich aufklären, indem die Schriften eines Luther, Melanchthon, Zwingli, Bucer und Anderer, wenn auch mehrentheils unter absichtlich veränderten Namen, ihren Weg nach Italien fanden, geschweige des lebendigen Verkehrs zwischen Italien und der ebenfalls in religiöser Gährung begriffenen Schweiz. Bald war keine bedeutendere Stadt Italiens, die nicht einzelne Freunde und Bekenner des Evangeliums zählte, von denen dann wieder eine weitere Wirkung auf die Massen ausging. So verbreitete zu Florenz Antonio Brucioli die heilige Schrift in der Landessprache; so predigte zu Bologna der Minoritenmönch Giovanni Mollio; zu Pavia sammelten sich die heils- und wißbegierigen Studirenden um ihren Lehrer Celio Secundo Curione; selbst bis nach Neapel und Sicilien verbreitete sich die neue, in der That aber alte Lehre der Reformation. In Neapel stand der edle Spanier Juan Valdez an der Spitze der Gläubigen, denen Bernhardino Occhino und Peter Martyr (Vermiglio) das Wort Gottes verkündigten; in Palermo finden wir als Prediger Benedetti Locarno, und auch in der kleinen Landschaft Lucca, am Meerbusen von Genua, wohin Peter Martyr von Neapel aus sich begeben, schaarte sich ein beträchtliches Häuflein von Christen, die durch ihn zu einer helleren Religionserkenntniß gekommen waren. Daß aber der Protestantismus der Italiener nicht etwa nur im Verneinen des bisher Geglaubten und im Verwerfen der alten Ueberlieferungen und Autoritäten bestand, sondern daß der positive Grund des Glaubens ihnen bewußt war, das geht zur Genüge aus der kleinen aber gediegenen Schrift hervor, welche 1542 in Venedig unter dem Titel: „über die Wohlthat Christi“, erschien, und als deren Verfasser uns Aonio Paleario von Siena genannt wird. Wie einfach klar und schriftgemäß und eben darum auch mit eindringender Ueberzeugungskraft die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben in diesem Büchlein entwickelt wird, davon können sich unsere Leser nun selbst überzeugen, nachdem dasselbe unverhofft, da man es schon durch die Inquisition gänzlich vernichtet geglaubt, wieder aufgefunden, und im Jahre 1855 von der Hand eines deutschen Theologen deutsch und italienisch herausgegeben worden ist.

Nach dieser allgemeinen Uebersicht über die reformatorischen Bewegungen in Italien lenken wir nun den Blick auf einen der kleineren Fürstenhöfe Italiens, an denen vielleicht mehr als irgendwo im Lande die um ihres Glaubens willen verfolgten Protestanten eine Zuflucht fanden, und zwar ist es hier eine edle Frau, deren wir als einer muthigen Freundin und Beschützerin des Evangeliums zu gedenken haben. Renata (Renoe) war die Tochter Ludwigs XII. von Frankreich und der Anna von Bretagne. Sie wurde geboren den 25. Oct. 1510 auf dem Schlosse zu Blois, woselbst ihre Mutter drei Jahre nachher starb. Sie erhielt eine ihrem hohen Stande gemäße Erziehung, und wenn auch das, was einige Schriftsteller von ihrer hohen und ausgebreiteten Gelehrsamkeit melden, etwas übertrieben sein mag, so war doch schon der Sinn für edlere Geistesbildung ein Vorzug, der um so schätzenswerther ist, als er hinter den noch höheren Vorzug einer frommen und tugendlichen Gesinnung zurücktrat. Schon frühzeitig hatten sich um die Hand der Prinzessin fürstliche Freier beworben. Sie war bereits an Karl von Oestreich, den nachmaligen Kaiser verlobt, als dieses Verhältniß sich wieder auflöste. Auch die nachgesuchte Verbindung mit dem protestantischen Kurfürsten Joachim von Brandenburg kam nicht zu Stande. Dagegen ward Renata an einen italischen Fürsten, Herkules II. von Este, Herzog von Ferrara und Modena, im Jahre 1527 verehelicht. Schon vor ihrer Verheirathung war sie durch einen jener Gelehrten, welche häufig an den Hof der berühmten Margarethe von Navarra (der Schwester Franz I.) kamen, mit den Lehren der Protestanten vertraut geworden und hatte ihnen ihr Herz geöffnet, und nun suchte sie diesen Lehren auch Eingang in ihrer neuen Heimath zu verschaffen. Ihr Gemahl, der weder durch seine geistigen Vorzüge, noch durch seine sittliche Haltung sich einer solchen Gattin würdig zeigte, ließ sie so lange gewähren, als politische Rücksichten es ihm erlaubten. So fanden denn auch zunächst ihre Landsleute, die um der Religion willen sich aus Frankreich geflüchtet hatten, ein Asyl am herzoglichen Hofe. Unter diesen bemerken wir im Jahre 1534 den berühmten Dichter Clement Marot, dem die französische Kirche die Uebersetzung und poetische Bearbeitung der Psalmen Davids verdankt. Ihn hatte die Gouvernante der Herzogin, die Frau von Soubise eingeführt und ihm die Stelle eines Secretairs verschafft. Mit ihm erschien sein Freund, Lyon Jamet. Selbst Calvin hielt sich einige Monate als Flüchtling unter dem angenommenen Namen Charles d‘ Heppeville, an dem Hofe zu Ferrara auf. Auch später unterhielt Renata briefliche Verbindungen mit diesem großen und ausgezeichneten Geiste. Aber auch italienische Gelehrte, die sich der Reformation zuwandten, fanden eine freundliche Aufnahme und konnten unter der Aegide ihrer Wissenschaft auch dann noch ungestört in Ferrara verweilen, als der Herzog, aus Rücksichten für den Kaiser und Papst die französischen Flüchtlinge, zum großen Schmerz seiner Gattin, weggewiesen hatte. Unter diesen Männern, welche durch ihre Anwesenheit dem Hofe zur Zierde gereichten, hoben sich hervor ein Celio Calcaguini und der schon oben genannte Eelio Secundo Curio (Curione); Lelio Giraldi, Bartolomeo Riccio, ferner Maucelli Palingenio, Marco Antonio Flaminio, S. Kilian und Johann Sinapi, und Fulvio Peregrino Morato, ein geborner Mantuaner und Vater der nachmals berühmten Olympia Morata. Mit dieser gemeinsam genoß die Tochter Renata’s, Anna, die nachmalige Gattin des Herzogs Franz von Guise, den Unterricht des gelehrten Vaters. War es doch in jener Zeit überhaupt nichts Ungewöhnliches, daß auch Frauen in der Litteratur der Griechen und Römer sich einführen ließen und ihre Dichterwerke auswendig lernten ja, gelegentlich in dramatischen Spielen darstellten. (So gaben während des Besuches, den der Papst Paul III. im Jahre 1543 zu Ferrara abstattete, die jungen Familienglieder des Herzogs, unter ihnen seine drei Töchter die „Brüder“ des Terenz zum Besten.) Auch die Mutter, Renata, schenkte den Arbeiten der gelehrten, sprach- und geschichtskundigen Männer ihre Aufmerksamkeit und diese Einsicht in die alten Sprachen und in die Geschichte des Alterthums trug ohne Zweifel auch ihre Frucht in Absicht auf eine genauere Erkenntniß der in der Bibel gegebenen Lehren und Geschichten. Wie weit nun diese christlichen Akademiker auch ihren protestantischen Glauben öffentlich bekennen, wie weit sie ihm in Predigt und Gottesdienst einen Ausdruck geben durften, läßt sich bei dem Mangel an Nachrichten nicht sicher entscheiden. Auch war der Grad ihrer evangelischen Ueberzeugungen selbst ein verschiedener; bei den Einen blieb es bei bloßen Sympathien, während Andere einen entschiedenen und zur Erkenntniß durchgebildeten Glauben an den Tag legten. So viel aber ist gewiß, daß die Hauptperson des Hofes, der Herzog selbst mit der religiösen Richtung seiner Gattin nicht nur nicht einverstanden war, sondern daß er sogar den Einflüsterungen Frankreichs nur allzu willig Gehör gab, als von dort aus ernstliche Versuche gemacht wurden, dem Umsichgreifen der evangelischen Lehre in Italien Einhalt zu thun. König Heinrich II., der Neffe Renata’s, sandte sogar seinen Großinquisitor, den Dominikaner Matthias Orry (Orriz) nach Ferrara, um daselbst gegen die Ketzerei zu predigen und den Herzog zur Verfolgung der an seinem Hofe sich aufhaltenden Protestanten zu ermahnen. Sollte doch sogar Renata gezwungen werden, die Controverspredigten des fanatischen Mönchs mit anzuhören! Allein vergebens. Sie blieb ihrem Glauben getreu auch dann, als man die Grausamkeit so weit getrieben hatte, sie ihrer Kinder zu berauben und sie selbst wie eine Gefangene aufs Strengste zu bewachen. Nach dem Tode ihres Gatten zog sie sich aus Italien zurück und lebte auf ihrem Schlosse Montargis, unweit Orleans, seit 1559. Auch hier hörte sie nicht auf, die Freundin und Beschützerin der verfolgten Glaubensbrüder zu sein. Oft speiste sie zu Hunderten an ihrer Tafel. Auch die Hebung dieser Gastfreundschaft sollte ihr jedoch verwehrt werden. Die dem Papst ergebenen Höflinge überredeten den König, daß in Montargis ein Komplot wider ihn angezettelt werde. Demnach erhielt Renata den gemessenen Befehl, ihre Gäste zu entlassen. Ja, ihr eigner Schwiegersohn, der Herzog von Guise erschien eines Tages mit bewaffneter Macht vor dem Schlosse und drohte dasselbe mit Kanonen beschießen zu lassen, wenn sie die Rebellen nicht ausliefere. „Sagt euerm Herrn,“ erwiderte sie den Abgeordneten des Herzogs, „daß ich selbst auf die Zinnen steigen und sehen will, ob er es wagen darf, eine Königstochter umzubringen.“ Bald nach dieser Scene nahm Guise ein trauriges Ende, indem er nach der Schlacht bei Dreux (1563) von einem fanatischen Protestanten, dem Edelmann Poltrot (Jean de Merey) mit vergifteten Kugeln, die dieser aus einem Verstecke nach ihm abschoß, getödtet wurde. Die Herzogin sprach in einem Brief an Calvin den aufrichtigen Abscheu aus, den sie gegen diese That empfand. Sie hoffte, daß ihr unglücklicher Eidam trotz seiner Verblendung gegen die evangelische Wahrheit, dennoch nicht zu den von Gott Verworfenen gehöre. Sie sprach diese Hoffnung unbefangen aus, auch auf die Gefahr hin, von ihren eigenen Glaubensgenossen des Mangels an religiösem Eifer bezichtiget zu werden. –

Nachdem nun auch der König in seinem eigenen Namen sie aufgefordert hatte, die Protestanten fortzuschicken und sie ihm vergebens Vorstellungen gegen diesen Eingriff in ihr Hausrecht gemacht hatte, wich sie endlich der Gewalt; aber auch noch im Scheiden gab sie ihren Schützlingen die zartesten Beweise ihrer Liebe, indem sie ihnen das Harte ihres Looses, so viel an ihr war, zu erleichtern suchte. Sie stellte ihre eigenen Kutschen und Wagen zur Verfügung der Wegreisenden und leistete ihnen allen möglichen Vorschub. Sie selbst blieb ihrer evangelischen Ueberzeugung unwandelbar getreu bis an ihr seliges Ende. Dieses erfolgte in Montargis den 12. Juni 1575.

Wir können nicht schließen, ohne überhaupt die Bemerkung zu machen, wie in den prüfungsvollen Zeiten des 16. Jahrhunderts, ähnlich wie in den ersten Jahrhunderten der Christenheit, es besonders den Frauen gegeben war, mit einem über die Schwäche ihres Geschlechts sich erhebenden Heldenmuthe die heiligsten Ueberzeugungen des Herzens auch da zu bekennen, wo die äußerste Gefahr mit diesem Bekenntniß verbunden war. Es ließen sich dafür zahlreiche Beispiele anführen, sowohl aus Italien, als aus andern Ländern der Christenheit. Aber auch schon das Interesse, welches die Frauen jener Zeit den theologischen Untersuchungen schenkten und die männliche Beharrlichkeit, womit sie sich, ohne darum gelehrt scheinen zu wollen, in solche Studien vertieften, reißt uns zur Bewunderung hin. Hören wir darüber das Zeugniß eines katholischen Augenzeugen, der noch im 17. Jahrhundert sich also vernehmen läßt: „Im gegenwärtigen Zeitalter bietet sich uns das bewundernswürdige Schauspiel von Frauen dar, deren Herz, sonst mehr der Eitelkeit als der Gelehrsamkeit ergeben, von der himmlischen Lehre tief durchdrungen ist. In Campanien, wo ich jetzt schreibe, kann der gelehrteste Prediger durch eine einzige Unterredung mit einer Dame noch gelehrter und heiliger werden. Auch in meinem Vaterland Mantua fand ich dasselbe und ich könnte mich mit Vergnügen bei manchen Beispielen geistiger Größe und inbrünstiger Andacht von Seiten der Schwesterschaft verweilen, von denen ich zu meiner nicht geringen Erbauung Zeuge wurde und welche ich selten bei den gelehrtesten Männern meines Standes angetroffen habe.“ So ein katholischer Italiener über die Italienerinnen seiner Zeit. – Wie ganz anders freilich jetzt! Und doch sind gerade in den letzten Jahren auch in diesem Lande merkwürdige Dinge vorgegangen, welche uns auf eine stille Bewegung der Geister schließen lassen, die, wenn einmal das Wort Gottes noch weiter sich Bahn gebrochen, gewiß ihre Frucht schaffen wird. Wie allen Landen, so kann auch diesem vielfach aufgeregten Lande nur der rechte Friede kommen von dem, von welchem Italiens großer Dichter gesungen:

„Nicht sprach zu seinen ersten Jüngern Christus:
Gehet hin und prediget der Erde Fabeln,
O nein! er gab wahrhaften Grund denselben,
Und dieser tönte so aus seinem Munde,
Daß kämpfend sie, den Glauben zu entstammen.
Im Evangelium Schwerdt und Schild geschaffen.“

(Dante, Paradies XXIX. B. 109-114)

K. R. Hagenbach in Basel

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

Hedwig von Schlesien

Sowohl durch die Fülle lebendiger, für die Gegenwart wichtiger Kräfte als durch den Reichthum geschichtlichen Lebens nimmt Schlesien unter den Ländern, die heut um den Thron von Hohenzollern versammelt sind, eine bedeutende Stelle ein: es ist ein Kleinod von weithin leuchtendem Glanze in jenem durch lange kunstvolle und gottgesegnete Arbeit zusammengefügten Diadem unseres Herrscherhauses. – In zwei Zeitaltern vornehmlich ist die Geschichte dieses Landes von hohem Interesse: das eine liegt uns näher und steht in seinen Wirkungen noch unmittelbar vor unseren Augen: wir meinen den langen Waffengang zwischen den beiden Confessionen – da der Protestantismus eine Weile die Aussicht hatte, sich das ganze Land zu eigen zu machen, darauf ihm der Katholicismus zuerst mit Abwehr, dann mit siegreichem Angriff und mit dem Unternehmen völliger Ausrottung des überwältigten Gegners antwortete, bis zuletzt mit der preußischen Herrschaft ein fruchtbarer Wettstreit ebenbürtiger, einander einschränkender Mächte der Inhalt des kirchlichen Lebens der Provinz geworden ist. Durch den evangelischen Kalender sollte man erwarten zunächst auf diese Kampfesbahnen geführt zu werden, und wohl wäre es eine belohnende Aufgabe, von der Kraft des Bekenntnisses und des Märtyrerthums, welche die lutherische Kirche auf diesem schlesischen Boden bewährt hat, einmal lebendiges Andenken unter den Zeitgenossen zu wecken. Wir aber wollen uns heut zu Schlesiens ersten! großen Geschichtstag zurückwenden, da das Land für eine der merkwürdigsten und folgenreichsten Entwickelungen, von denen dies christliche Europa weiß, für die koloniale Ausbreitung der deutschen Nation so recht Beispiel und Muster sein kann, da es aus einem polnischen ein deutsches Land geworden. Nur in diesem Zusammenhang wird das edle und bedeutende Bild verständlich, das unserer Betrachtung heute Namen und Mittelpunkt geben soll, und dessen Anziehungskraft freilich – unabhängig von jeder örtlichen und nationalen Schranke – in den Geheimnissen Gottes mit den Seelen Seiner Erwählung und mit den Stufenaltern Seines Reiches wurzelt.

 

Die Polen haben in ihrer Geschichte einen leeren Raum von zwei Jahrhunderten: es sind die Zeiten, seit Boleslav III. ein ausgezeichneter, von dem geistlichen und kriegerischen Schwung, der das Abendland mit dem Beginn der Kreuzzüge ergriff, auch an seinem Theile zeugender Fürst, seine von dem großen Gedanken, den Polen den Weg an die baltische Küste zu eröffnen und ihnen dadurch das Recht einer gebietenden Stellung zu geben, beseelte Regierung im Jahr 1139 mit dem unheilvollen Entschluß der Theilung des Reichs unter vier Söhne beendete, bis dahin, daß Wladislav Lokietek, in den ersten Decennien des 14ten Jahrhunderts, den größten Theil der altpolnischen Lande wieder in seiner Hand vereinigte und seine Krone in völliger Unabhängigkeit in die Gemeinschaft der christlichen Monarchien einführte. Aber was man in der Zeit, die zwischen jener Zersplitterung und dieser Wiederherstellung liegt, über den entsetzlichen, niemals ruhenden Kämpfen zwischen den piastischen Brüdern und Vettern versäumt hatte, ließ sich in keiner folgenden Zeit wieder einbringen. Gerade die Menschenalter, da Polen sich selbst vergaß, waren für die Deutschen die größten und fruchtbarsten. Der große, eben durch das unvergleichliche Geschlecht der Staufer vertretene Name des heiligen Römischen Reichs gab dem deutschen Volke Einheit und Zuversicht: das Andere, was zu kolonialen Gründungen im Großen gehört, Mannigfaltigkeit des politischen Triebes und die Fähigkeit der Selbstregierung war ihm nicht minder beschieden: wie wuchsen das geistliche, das furstlich-adelige Territorium, die bürgerliche Communität, jedes in einer Reihe individueller Ausprägungen so eben empor! Von der Fülle schöpferischen Lebens, das in der Nation ruhte, geben uns die aus jener Zeit überbliebenen Werke der Baukunst und Dichtkunst Zeugniß: wie oft fordern sie Maaße der Anschauung von uns, denen wir nicht mehr gewachsen sind! Damals war es, daß die Deutschen den unteren Lauf und das Mündungsgebiet der Weichsel, des Pregel, des Niemen, der Düna den Polen wie vorwegnahmen, diese Nation auf eine bloß binnenländische Existenz verwiesen und damit ihr künftiges Geschick vorbereiteten. Damals ist auch das schlesische Land ganz umgewandelt und Deutschland angeschlossen worden: keine Spur deutschen Wesens läßt sich vor der Mitte des 12ten Jahrhunderts darin entdecken: dann weiß man das 13te hindurch von mehr als 60 Städten, die entweder ganz von deutschen Ansiedlern gegründet, oder wenn es schon feste, des städtischen Namens werthe Niederlassungen hier gegeben, doch mit deutschem Recht bewidmet und in freie Gemeinwesen verwandelt worden sind; der Catalog der nach der Weise des deutschen Ackerbau’s eingerichteten, in deutsche Rechtsformen gekleideten Dörfer winde, wollte man ihn aufstellen, begreiflich noch viel zahlreicher ausfallen. Die Ortsnamen verändern sich, aus Medzibor wird Mittelwalde, aus Szroda Neumarkt, aus Psepole Hundsfeld, aus Kaminice Steinau. Die Kriege der Fürsten gegen einander ziehen viel deutsche Adlige nach Schlesien: auch der eingeborne Adel läßt die heimischen Gerichtsstätten veröden und schließt sich den aus der Fremde eingewanderten Institutionen an. Wie es zu dem Jahrhundert unseres Verfalls gehört, daß die deutschen Höfe sich nach dem Muster von Versailles einrichten, die deutsche Sprache aus dem Munde der Vornehmen verschwindet, so ist es umgekehrt ein Zeichen jener alten deutschen Größe, daß diese Fürsten slavischer Geburt deutsche Sitte und Art in ihrer Nähe pflegen; ihre Urkunden bezeugen, daß ohne deutsches Gewerbe einer Stadt Wohlfahrt nicht gesichert sei: ihre Freibriefe entbinden die Bürger von der Verpflichtung, in polnischer Zunge Recht zu nehmen: einem dieser schleichen Plasten begegnen wir unter den Minnesingern. Kein Wunder dann, daß es für Wladislav Lokietek und seinen großen Sohn Casimir, da sie endlich das Reich wieder sammeln, wie eine Vorbedingung ist, Schlesien ganz von dannen zu lassen: bald ist es in rechtlicher Form vom polnischen Staatskörper gesondert, und als Kaiser Carl IV, der neue Oberherr, die statistische Aufnahme des reichen Fürstenthums Breslau, des eigentlichen Herzgebiets des Landes, bewirken läßt, finden sich nur noch zwei Dörfer polnischen Rechtes darin.

 

Wie es damit im Einzelnen gegangen? Schon Wladislav II, derjenige unter den Söhnen Boleslavs III, zu dessen Antheil auch Schlesien gehörte, sah sich bei dem Kriege mit den Brüdern auf deutsche Hülfe angewiesen: seine Gemahlin, Leopolds III, Markgrafen von Oesterreich aus dem Babenberger Haus, Tochter, war eine Halbschwester Conrads III, des ersten Hohenstaufen auf dem Kaiserthron: von der Uebermacht der Brüder vertrieben, mußte er den Schutz Friedrich Barbarossa’s anrufen: dessen Vermittelung verdankten seine Söhne die Wiedereinsetzung in das schlesische Erbe des Vaters. Der älteste von ihnen, Boleslav, der bei weiterer Theilung Nieder- und Mittelschlesien mit Breslau erhalten hatte, führte wieder eine deutsche Frau heim – die Tochter des Grafen Berengar von Sulzbach, die Schwägerin Conrads III. Man kennt den Einfluß der Frauen: wie so oft mit ihnen das Christenthum in die fürstlichen Paläste eingezogen ist, so hier deutsche Sprache und Ordnung, die nachmals gerade dort des in seine Reinheit wiederhergestellten Evangeliums treueste Verbündete sein sollten. Und gleich von Anfang an kamen sie in kirchlichem Gewande. Boleslav war es, der – 1175 – mit Berufung von Cisterciensern aus Pforta an der Saale den eigentlich entscheidenden Schritt gethan. Leubus war den Gästen zu ihrem schlesischen Stammsitz erwählt: die reichste Ausstattung ward dem neuen Kloster zu Theil; Entwilderung des Bodens, Ackerbau, Pflege des Gartens und des Neinbergs gehören zu den wesentlichen Gesichtspunkten dieses Ordens; Freiheit von vielen Lasten, welche die Eingeborenen zu tragen hatten und die Wohlthat der Autonomie waren den Deutschen, die das Kloster auf seinen Ländereien ansiedeln würde, zugesagt: wie natürlich, daß sie – von den deutschen Besitzungen und Verbindungen des Ordens her – zahlreich sich einfanden, Feld und Gemeinde die deutsche Einrichtung zu geben, und ringsum Alles zum Wetteifer aufzurufen.

 

Trefflich gedieh diese Saat unter dem Sohn und Nachfolger Boleslavs – Heinrich dem Bärtigen. Die für ihn erwählte Gemahlin war es, in der diese Ausgießung des deutschen und christlichen Geistes über Schlesien ihren großartigsten Ausdruck erhalten sollte – Hedwig aus dem Hause der Grafen von Andechs und Herzoge von Meran. Dies ein merkwürdiges Fürstengeschlecht. Die Forscher haben lange die Stätte gesucht, auf der sein Herzogstitel ruhte, bis man darüber eins geworden, daß er nicht von dem berufenen Punkte in Tyrol, sondern von einem Gebiet an der dalmatisch-albanesischen Küste stamme. Denn das ist eben das gleichsam Mährchenhafte an der Größe dieses Hauses, daß es von Burg Andechs am Ammersee in Ober-Bayern ausgegangen, binnen wenigen Menschenaltern mit den alten Beziehungen in den tyrolischen Thälern, mit bedeutendem Erbe und Amt in Bayern und Franken, Rechtstitel und Ansprüche im Königreich Ungarn, Besitz in Kärnthen und Istrien und weit von da, am andern Ende der damaligen kaiserlichen Oberhoheit, die Pfalzgrafschaft in Burgund zu verknüpfen, seine jüngeren Söhne hier zum goldenen Bischofsstuhl von Bamberg, dort zum Patriarchat von Aquileja zu erheben weiß. So recht eine von den Machtbildungen, die des räumlichen Mittelpunktes gleichsam noch nicht bedürftig, Dem, wie sich später der Staat und sein vom Haupt in die Glieder dringendes Wesen unter uns erhoben hat, völlig entgegengesetzt sind; in verjüngtem Maaße ein Abbild jener weithin erstreckten hohenstaufischen Waltung, mit deren Jahrhundert, der Regel nach auch in deren Bündniß, sie groß geworden war, um ziemlich gleichzeitig mit ihr wieder vom Schauplatz zu verschwinden. Kaum daß der Name der Andechse noch im Liede anklänge, wenn nicht die Dankbarkeit uns nöthigte, Dessen zu gedenken, worin sie Andern vorgearbeitet haben: ein ansehnlicher Theil der nachmaligen fränkischen Lande unseres Königshauses stammt von ihrem Erwerb: die Plassenburg bei dem Ausgang des meranischen Mannsstammes an eine der Erbtöchter gelangt, ist von da dann durch weiteren Vertrag den Zollern zugebracht worden.

 

Hier in Franken, wo so große Interessen ihrer Familie zusammenstießen, zu Kloster Kitzingen am Main war Hedwig, die Tochter Herzog Bertholds III., erzogen worden: nach der besten Combination 1174 geboren, ward sie schon 1186, 12 Jahr alt – so war die damalige Fürstensitte – mit Heinrich vermählt: sie hat mit ihm 1201 den Herzogsthron bestiegen, und er hat sie 1238 als Wittwe zurückgelassen. Von sechs Kindern, drei Söhnen und drei Töchtern, die in dieser Ehe geboren worden, sind Boleslav, Agnes und Sophie schon früh wieder geschieden; auch Conrad ward mit jähem Tod – durch Sturz auf der Jagd – lange vor den Eltern abgerufen; Heinrich, der des Vaters alleiniger Erbe geworden, fiel nach nur drei Regierungsjahren auf jener der gesammten Christenheit unvergeßlichen Wahlstatt, in dem unglücklichen und doch rettenden Kampfe wider die mongolisch-tatarische Fluth (9ten April 1241). In den letzten Lebensjahren standen neben Hedwig nur die allein überbliebene Tochter Gertrud und die Schwiegertochter Anna aus dem böhmischen Königshaus, die erste im Nonnenschleier, die andere in fürstlicher Sorge, als Vormünderin der minderjährigen Söhne, der Mutter Vorbild nachzustreben bemüht. Hedwig selbst ist am 15. Oktober 1243, den Siebenzig also, die das Schriftwort uns zumißt, nahe, heimgegangen.

 

So weit nun die Mühe und Arbeit dieses Lebens sich nach Außen wenden, so weit es greifliche Erfolge haben und sehen sollte, wird es ganz durch eben die Richtungen bestimmt, die ihm schon in zarter Jugend diesen schlesischen Schauplatz angewiesen hatten. Gleich nach der Thronbesteigung beschließt das fürstliche Paar die Gründung eines Frauenklosters. Gerade dies, sagt Heinrich in der Urkunde, habe seinem Lande noch gefehlt. Trebnitz, nicht weit von der Hauptstadt, wird zum Sitz erkoren; der Herzog faßt für den Haushalt seiner Stiftung große Gesichtspunkte, Hedwig bestimmt ihr Heirathsgut dafür. Der im Jahre 1203 begonnene, 1219 zur Einweihung gediehene Bau hat 30,000 Mark gekostet. Hedwig scheint man bei allem Aufwand nicht rasch vorwärts gekommen zu sein: sie erwirkt bei ihrem Gemahl, daß, so lange der Bau dauert, kein zum Tode Verurtheilter dem Nachrichter übergeben wird: die Verbrecher sollen – nach der Anschauung der Zeit – durch Theilnahme an der gottgefälligen Arbeit von ihrer Sünde abbüßen und zugleich das Werk fördern. Man hatte sich auf tausend Bewohner eingerichtet und doch noch Raum und Mittel für stete Gastfreiheit gesichert: der wirklichen Klosterfrauen gab es in dem ersten Jahrhundert der Stiftung 100-120. Die Gründerinnen waren, was so deutlich Hedwigs Einfluß erkennen läßt, aus Bamberg herbeschieden worden: die Führerin der geistlichen Colonie ward die erste Aebtissin; ihr folgte eben Gertrud, die Tochter des Hauses im Regiment. – Indern man sich noch in der eigenen Zelle ausbaut, beginnt schon die große Thätigkeit für das Land. Von 1206 ist die erste Urkunde, die das Kloster zur Gründung deutscher Dörfer anweist: von dem nächsten Jahrzehnt an werden sie häufiger: sie bezeichnen Localitäten bald im Lebuser oder Schwiebusser Kreis, bald bei Löwenberg, bei Ohlau, bei Heinrichau, bei Münsterberg – so weit überhaupt die Waltung des Herzogs reicht: in dem einen Fall macht er der Aebtissin das Geschenk mit der Weisung, die Colonisation zu bewirken: in dem zweiten übernimmt er selbst Sorge und Aufwand dafür: in einem dritten ordnet er die Rechtslage der neuen Ansiedler, die schon Platz genommen haben. Auf Waldgrund bei Frankenstein, der, wie Gertrud selber sagt, bisher dem Kloster von keinem Ertrage gewesen, erhebt sich eine deutsche Pflanzung; gewiß mit gutem Recht gilt der Tradition die Kirche hier, wie an manchem andern Orte, als Hedwigs unmittelbare Wohlthat. – Leicht läßt sich dies Bild freudigen Wachsthums vervielfältigen. Leubus hat aus denselben Jahren eine nicht minder zahlreiche Reihe von Gründungen. Bei einem Gastmahl gewann man Herzog Heinrich die Erlaubniß zur Stiftung von Kloster Heinrichau ab; ein in seinen Diensten zu Ansehn und Reichthum emporgekommener Mann übernahm die erste Ausstattung. Die ersten Mönche waren von Leubus: nicht lange hernach erhielt auch Camenz Sendlinge aus diesem Mutterkloster. Bei Naumburg am Bober wird die Augustiner-Propstei gegründet, die nachmals nach Sagan verlegt, in den ersten Tagen der Reformation an ihrer Spitze den Abt gesehen hat, der mit einem Stecken Herrschaft und Pfründe verließ, sich gläubig zu den Füßen des großen Augustinerbruders zu Wittenberg niederzusetzen. Indem man die alten, noch aus polnischer Zeit stammenden Stifter auf die Bahn dieser Kolonisation trieb, versäumte man nicht, sich der neuen Blüthen des kirchlichen Geistes, an denen das Zeitalter so reich war, zu versichern; auf Hedwigs Fürbitte wurden die Templer angesiedelt; ihnen folgen bald Johanniter; frühe Jünger Franzens von Assisi finden hieher ihren Weg; ein Schlesier macht unter Dominikus Guzmans Augen sein Noviziat zu Rom, um auch den Orden, der sich nach diesem Namen nennt, in seine Heimath zu verpflanzen. Daran schließen sich die Liebeswerke, deren die sich so eben in die Städte zusammendrängende Menge besonders bedarf: in Breslau wird das Spital zum heil. Geist gegründet. Den aussätzigen Frauen bereitet man ein Asyl bei Neumarkt; die Pflicht der Selbsterhaltung, die hier wie überall in unserer abendländischen Welt unbedingten Krieg gegen dies aus dem Orient eingeschleppte Uebel gebietet, weiß Hedwigs Liebe zu mildern: es gehört zu ihren Sorgen, jene Unglücklichen mehrmals in der Woche mit Lebensmitteln, Kleidern und Almosen zu bedenken.

Denn in Alle Dem ist ein Element Dessen, was wir in dem höchsten, vor jeder Mißdeutung sicheren Sinn Civilisation und Cultur nennen dürfen, und ein anderes, was Religion schlechthin, die Kraft des guten Geistes in ihrer Unbedingtheit zu heißen verdient. Es ist keine Frage, daß bei unserer Fürstin das erste Interesse seinen Platz hat, aber das andere ist es, das diese Seele wesentlich einnimmt. So ist Trebnitz von Anfang an zur Aufnahme auch solcher Jungfrauen bestimmt, die später in die Ehe treten sollen. Sie will es als Erziehungshaus in der Weise, die sie in der Heimath zu sehen gewohnt gewesen. Bezeichnend, daß sie eine Bekehrte aus dem Preußenvolk, die zu ihrem Hofe gehört, antreibt, die schöne, ja auch der Kirche dienende Kunst der Frauenklöster, die Goldstickerei zu erlernen, aber noch mehr charakteristisch, welche Mühe sie anwendet, eine hochbetagte Frau, die in dem niedern Dienste der Wäscherin bei ihr ist, das Gebet des Herrn zu lehren: sie läßt sie zehn Wochen hindurch auch des Nachts nicht von der Seite: aus dem Schlaf erwachend raunt sie der neben ihr Ruhenden die heiligen Worte in’s Ohr, sie dem schon schweren Gedächtniß um so sicherer einzuprägen. – Gebet ist ihr Leben: alle stillen Stunden, die ihr geschenkt sind, widmet sie dem einsamen Gespräch mit Gott. So lieb ihr hier das Kämmerlein, so sehr sie auch ihr häusliches Wesen von Gottes Wort erfüllt zu sehen wünscht – auch beim Mahl läßt sie sich Erbauliches lesen – so widerstrebt doch die Sitte der Fürsten und Vornehmen, sich das heilige Amt gleichsam in Haus und Gemach bringen zu lassen, ihrem Sinn. In härtester Winterzeit, im schlimmsten Wetter sieht man sie zur Frühmesse in der Kirche: sie will dann, daß kein Priester dem, worin sie seinen höchsten Beruf versteht, fehle, daß der Meßgesang von allen Altären wiederklinge. – Diese Inbrunst hat ihre Früchte. In der Kirche sieht man Hedwig nie ohne die Almosenschüssel: sie glaubt wie an ein Recht der Dürftigen, hier die Hülfe ihrer Freundin zu erwarten: immer dreizehn Arme sind auserwählt, ihrem Hofe zu folgen; der Küchenmeister, der für die Bedürfnisse derselben zu sorgen hat, gilt als eine wichtige Person dieses Haushalts: die Herzogin will, daß diese Gäste vor allen andern ihre Speisung empfangen: sie läßt ihnen von der eignen Tafel das Beste reichen: den einzigen Apfel, der ihr einmal dargebracht werden kann, theilt sie mit diesem Gefolge. An Hofburg und Landhaus zieht kein Bedürftiger vorüber, ohne seine Gabe zu empfangen; Kleriker oder Solche, die zu heiligen Schwellen ziehen, die das Kreuz genommen haben, sind besonderer Gnade gewiß. – Verurteilten Verbrechern Verzeihung zu erwirken, gehört zu den Geschäften, die sie am liebsten bei ihrem Gemahl ausrichtet: auf ihren eigenen Gütern wohnt sie gern selbst dem Gericht bei, und läßt dann öfter statt Richter und Voigt einen ihrer Capelläne das Urtheil sprechen, auf daß es milder ausfiele: auf das Dringendste weist sie ihren Beamten an, die Insassen nicht mit zu hohen Abgiften zu beschweren. Geldbußen, deren sie schuldig geworden, trägt sie selbst an ihrer Statt. Es ist wie ein Vorausnehmen von Bestrebungen, die erst in viel jüngeren Tagen durchgedrungen, daß sie die armen Wöchnerinnen mit Liebesgaben aufsucht, daß sie die in Haft Befindlichen mit frischem Linnen versehen läßt, dafür sorgt, daß ihnen der Gebrauch des Lichts gestattet werde: auch die Widersacher ihres Gemahls sollten in der Nacht ihrer Kerker dieser Wohlthaten theilhaft werden. – Wie wird dann der milde, sanfte Sinn der Fürstin ihren Dienern gegenüber gerühmt! nie läßt sie sich, auch wo Grund zur Rüge ist, zu Zorn- und Scheltworten hinreißen. „Warum hast du das gethan? der Herr vergebe dir!“ ist ihre Rede an die Fehlenden. Den Diener, durch dessen Nachlässigkeit drei silberne Becher verloren gegangen sind und der nun bangen Herzens vor ihr steht, entläßt sie mit der Weisung, noch einmal und sorgfältiger zu suchen.

Die Heiligung des inneren Menschen, die schon aus alle diesem Bezeigen spricht – sie bewährt sich am sichersten da, wo über dies in Gott gefaßte Gemüth die Stunden schwerster Prüfung kommen. Als man ihr das verhängnißvolle Ende ihres Sohnes Conrad noch verbergen will, ihr bloß von seiner Erkrankung reden möchte – umsonst – sagt sie – spiegelt ihr mir vor, mich an sein Krankenbett zu rufen; ich weiß, daß ich zu seiner Gruft gehe: lange habe ich es im Geist gesehen. Bei dem Tode ihres Gemahls, da Alles ringsumher in Thränen zerfließt, bleibt gerade sie allein trockenen Auges. Wozu euer Jammer? ruft sie den Schwestern zu. Wer von Euch will gegen des Herrn Willen streiten? In Seiner Fürsorge ist unser Trost. Ja selbst bei dem härtesten Schlag, da zu jener Fluchtstätte von Krossen, wohin man vor den Tataren zurückgewichen, die Kunde von Heinrichs des Sohnes Tod dringt – auch da hat sie keinen Klagelaut. Die Hände zum Herrn erhoben spricht sie: „ich danke Dir Gott, daß Du mir diesen Sohn gegeben hast, der mich nie betrübt hat, der mir immer mit Liebe und Ehrfurcht begegnet ist. Gern hätte ich ihn noch bei mir auf Erden: aber ich preise ihn glücklich, daß er mit dem Opfer seines Blutes in Deinen Himmel eingegangen ist. Dir empfehle ich seine Seele.“

Wahrlich, so thut nur, wem das große Wort: „ich weiß, daß mein Erlöser lebt“, zur obersten aller Erfahrungen geworden ist. Redet aber Alles in diesem Bilde von dem Geheimniß dieses Trostes? Giebt es nicht Züge darin, die ein Irrewerden an dem Opfer, das ewiglich gilt, verrathen, die von dem alten Wahn der Feindschaft zwischen göttlichem und menschlichem Leben verdüstert sind? – Gewiß, wir möchten Hedwigs Biographen weniger ruhmredig über den Entschluß der Enthaltung finden, den die Gatten, nachdem sie in dem Kindersegen die Pflicht des Ehebetts erfüllt gesehen, öffentlich und unter kirchlichen Formen gefaßt haben und dem sie dann durch dreißig Jahre bis an ihr Ende treu geblieben sind: wir erließen ihm gern die Meldung, daß Hedwig von dem Beginn dieser neuen Lebensordnung aus Rücksicht auf den Leumund der Welt, dem Gemahl nie anders als vor Zeugen begegnet und selbst an seinem Krankenbett nur im Geleit der Schwiegertochter erschienen sei. Haben wir nicht gesehn, daß unserer Heldin Dinge zur Ehre Gottes gelangen, wie sie eben nur auf den Höhen des Lebens, vom Thron herab möglich sind? woher nun, wenn sie fürstliches und gottgefälliges Walten in diese lautere Harmonie zu bringen vermag, das Recht ihres Entschlusses, noch bei Lebzeiten des Gemahls den Hof zu verlassen und in die Einsamkeit von Kloster Trebnitz zu fliehen? Wir freuen uns ihrer Demuth, da sie auf dem Sterbebett das Verlangen ausspricht, auf dem gemeinen Kirchhof ohne alle Auszeichnung begraben zu werden; auch das ist vom Wesen der Kinder Gottes, daß sie, da sie mit jenem Wunsche nicht durchdringt, die Stätte in der Kirche wählt, wo ihre Enkel, die im Alter der Unschuld Heimgegangenen, ruhen: aber es bekundet wieder jene uns fremdartige und bedenkliche Sinnesweise, daß sie um Alles nicht die Gruft des Gemahls theilen will, von dem sie einmal durch ihr Gelübde getrennt sei. Wir begreifen an ihr, daß sie von früher Jugend an den Kleiderprunk gehaßt, daß man sie in prächtigem Kopfputz, in kostbarem Geschmeide nie gesehen, daß eine treue Dienerin sie an ihre vernachlässigte Kleidung erinnern muß: aber wir wenden uns von den Beschreibungen ab, die uns von dem härenen Untergewand, das sie getragen, von jenem knotigen Gürtel von Roßhaaren gemacht werden, der um ihren Leib geschlungen war, und als man ihn von ihrem schon in Fäulniß fallenden Fleisch loswinden mußte, sogleich durch einen anderen von derselben Qual ersetzt wurde. Wir haben nicht die Bewunderung und Ehrfurcht der Zeitgenossen vor jenen blutigen Spuren, die die tägliche Geißelung an ihrem Leibe hinterlassen, vor den Beulen und Wunden an Fuß und Hand, den Folgen jener unausgesetzten mühseligen Dienste, mit denen sie den Himmel erwerben will, den zu Säcken gewordenen Schwielen ihrer Kniee, den Zeugen ihres unablässigen Ringens im Gebet – und dennoch – könnten wir bloß mit achselzuckendem Mitleid daran vorübergehn? – Die Pünktlichkeit und Strenge des Weibes in den Dingen des Haushalts hat Hedwig auf ihre Fastenordnung übertragen. Drei Tage, darunter der Sonntag, haben das Vorrecht der Fisch- und Milchspeisen, zwei müssen sich mit trockener Zukost, die anderen zwei mit Wasser und Brod begnügen: mit weiblicher List weiß sie neben dem Gemahl in dem Glanz der fürstlichen Tafel das Geheimniß dieser Bußübung zu bewahren: sie scheint die Speisen zu Munde zu führen und bleibt doch ihrem Gelübde treu. Noch einer andern Region der Askese gehört es an, daß die Brosamen, die man von dem Tisch der Mönche und Nonnen sammelt, ihre liebste Speise bilden; Bettlerinnen empfangen diese Gabe an der Klosterpforte, und bringen sie um guten Lohn zu der Herzogin Thür: diese will den Hündlein Christi angehören, der Gnaden des Lazarus gewürdigt werden und zugleich ihre Verehrung vor Allem bezeugen, was mit den Brüdern und Schwestern, die der Welt entsagt haben, irgend in Berührung gekommen ist. „Die Speisen der Religiösen erscheinen ihr wie die Nahrung der Engel“ – sagt ihr Biograph. Sie selbst will den Schleier nicht nehmen: um so höher spannt sich ihre Verehrung vor den Männern und Frauen der Zelle: um so stärker drängt es sie, die Himmelsluft zu athmen, die sie von daher wehen glaubt. Hedwig küßt die Schemel, die den Nonnen in der Zelle, die Sitze, die ihnen im Chor dienen: sie küßt die Fußtapfen, die sie zurückgelassen, die Ruthen, mit denen sie ihre Bußdienste vollziehen, das unsauberste Tuch, an dem sie ihre Hände trocknen; sie netzt Auge und Wange mit dem Wasser, darin sie ihre Füße gewaschen haben!

Wagen wir dergleichen zu glauben, und wenn wir es wagen, wie es verstehen und wozu das Andenken daran erneuen? Die Legende stellt an uns diese Fragen: versuchen wir aus dem großen Buche der Geschichte die Antwort zu geben. Wir sahen Hedwig in die große Entwickelung aufgenommen, durch die Schlesien ein deutsches Land geworden: Wer dürfte glauben, daß dergleichen ohne tiefe Kämpfe sich vollzieht? Schon Heinrichs des Bärtigen elterliches Haus war von diesem Gegensatz erfüllt. Er selbst war der Sohn Boleslavs l. von der deutschen Gemahlin; ein älterer von einer slavischen Mutter geborner Bruder erhob sich, um den Einfluß jener zu brechen und ihre Kinder von der Nachfolge auszuschließen zu strafloser, zuletzt – schlimm genug zu berichten – mit dem Bisthum Breslau in fürstlicher Ausstattung belohnter Empörung. Das waren die Eindrücke, unter denen Hedwig das Land betrat, die das erste Jahrzehent ihres Lebens dort einnahmen. Als man den Thron bestiegen, die eigenen Söhne heranwuchsen, wiederholt sich unter ihnen der hier in den Dingen selbst wurzelnde Conflict; Heinrich ist für die Deutschen, Conrad für die Polen. Umsonst, daß der Vater durch eine frühzeitige Landestheilung dem Schlimmsten zuvorzukommen gesucht hat. Der Bruderkrieg entzündet sich: die Aeltern müssen ihm unthätig und rathlos zusehen: höchst bezeichnend, daß Hedwig sich in Heinrichs, der Vater sich in Conrads Gebiet begiebt. Als dann Conrad überwunden, mit seinem nun zwiefach erschütternden Tode die alleinige Erbfolge Heinrichs II. und damit der Fortgang der deutschen Interessen für dies Schlesien gesichert ist, des alten Zündstoffs bleibt doch genug. Denn im Grunde genommen ist es die Frage der Nationalitäten, die bald mit dem Streit über die Oberhoheit, bald mit den Händeln gemeiner Tücke und Habsucht verschürzt, das dämonische Gelüst dieser piastischen Brüder und Vettern, sich und ihr Volk zu verderben, zu immer neuen entsetzlichen Ausbrüchen treibt. Einmal inmitten dieser Verwickelungen ist Hedwigs Gemahl schon in des Meuchelmörders Hand gegeben; ein deutscher Getreuer deckt seinen Leib und rettet mit dem Opfer des eigenen Lebens das des Herrn; schwer verwundet entkommt dieser nach Haus. Zwei Jahre darauf wird er nach Siegen auf dem Schlachtfeld durch verrätherischen Ueberfall von Conrad von Masovien gefangen genommen; schon hat der Sohn gerüstet den Vater zu befreien, als Hedwig (1229) sich aufmacht die Lösung und wenigstens für die nächste Zeit den Frieden zu bewirken. Als dann die Männer geschieden sind, wie bange wird es der Großmutter bei dem Anblick des heranwachsenden Geschlechts: sie ahnt von dem Enkel Verderben, und vielleicht hat sie nur zu gut in dem Herzen des sich eben entfaltenden Jünglings gelesen: nicht lange hatte sie die Augen geschlossen – und das Land war durch Boleslavs II. wildes Wesen hart an den Rand des Abgrunds gebracht.

Das ist bei allen Erfolgen dieses Menschenalters, für die die Nachwelt dankbar sein muß, der Anblick daheim. – Doch wir haben noch andere Vorhänge zu lüften. Wir lernten oben Gertrud die Aebtissin kennen. War sie von Anfang an dem geistlichen Stande bestimmt? Mit Nichten: durch große, weltbekannte Geschicke ward sie dafür geweiht. Sie war die fürstliche Braut, um die Otto von Wittelsbach freite. Mag nun auch die Geschichte von dem Uriasbrief König Philipps vor der Kritik nicht bestehen, eben dann wird – wie immer, wenn man der Geschichte das Kleid wohlfeiler Erfindung auszieht, – das Ereigniß nach unserer Seite noch bedeutender, dann vernichtet sich nicht ein unwürdiger Bewerber, sondern das einfache Wort der Chronik, daß Otto, als er den Mord beging, der Verlobte Gertruds gewesen, behält Recht, und dies Fürstenhaus erhält die Kunde, daß der Mann, der ihm schon mit schwer wiegenden Banden für das Leben angeschlossen ist, plötzlich den Fluch der furchtbarsten Blutschuld auf sein Haupt geladen hat. Man kennt die Scene dieses Mordes. Den einen Bruder unserer Hedwig, den Herzog Otto von Meran hat der König zum Ehebund mit der eigenen Nichte an den Altar geführt; er ruht von der Feststunde, da der Mörder eindringt, dessen Anstifter und Gehülfen Bischof Ekbert von Bamberg und Markgraf Heinrich von Istrien – zwei andere Brüder Hedwigs – sind. In der bischöflichen Pfalz geschah der Mord des geistlichen Hirten, der an ihm zum Hochverräther ward, Gastfreund war der König gewesen. Nie hat der Makel der Mitschuld von beiden Brüdern abgewaschen werden können: mit der Ausführung des Achtspruchs, der den Flüchtigen auf der Ferse folgte, sank die Stammburg ihres Hauses in Trümmer; ihre später erfolgte Wiederherstellung in Besitz und Würden beruhte mehr auf den Wechseln der Parteibildung im Reiche, als auf einer besseren Ueberzeugung von ihrer Unschuld. Eine von Hedwigs Schwestern, Gertrud war an Andreas II. von Ungarn verheirathet – eine Frau männlichen Geistes, die Zügel des Reichs, die den ohnmächtigen Händen ihres Gemahls entsanken, festzuhalten entschlossen: auch sie unterstützte das deutsche Element dem magyarischen gegenüber. Diese ihre Stellung zu Volk und Regiment war es wahrscheinlich, was das Schwert des Meuchelmörders gegen sie waffnete (1213); doch hat sich an ihr gräßliches Ende bei den Ungarn die Tradition ansetzen können, daß sie den Frevel begünstigt habe, den einer ihrer Brüder an dem Weibe des Mörders, eines der Großen des Reichs begangen, und daß sie also das Opfer gerechter Rache geworden sei. Urkundlich wird ihr Bruder Berthold, den wir in mächtiger – auch wiederum geistlicher – Stellung neben ihr kennen, angeklagt, bei seiner wohl durch ihre Ermordung veranlaßten Entfernung aus dem ungarischen Reich sich auch die Schätze der Schwester widerrechtlich angeeignet zu haben. Wir wissen noch von einer andern Schwester Hedwigs – es war ein glänzender Tag (Juni 1196), da König Philipp August zu Compiegne Agnes von Meran als seine Braut empfing: wie beugte sich Alles vor ihrer Schönheit: wie bewundert man ihre Haltung zu Roß: der Mönch von St. Denys, der diese Geschichten erzählt, kann nicht unterlassen, von ihrem schönen Fuß, ihrer zarten Hand zu sprechen: die Söhne von Nevers und Montreuil nehmen ihre Farben: im Geräusch der Jagd wie des Turniers ist sie der Mittelpunkt aller Lust. Aber in wie schwere Schuld ist ihr kurzes Glück verstrickt! Um sie freilich bat die Krone Frankreichs in aller Form geworben: sie weiß sich nicht anders als des Königs Gemahlin. Aber Philipp August hatte kein Recht zu dieser Ehe; er hat die rechtmäßige Gemahlin unter trügerischem Vorwand verstoßen, und Agnes muß sich von Papst Innocenz laut eine Ehebrecherin schelten lassen. Unter der Geißel des Interdicts stellt der König die erste Ehe wieder her, und verweist Agnes nach Schloß Poissy: hier ist sie, gebrochenen Herzens, im Jahr 1201 gestorben.

Verstehen wir nun die Wetter, die über Hedwig daher gehen, den Druck, mit dem die aus Schuld und Verhängniß zusammengewobenen Geschicke dieser Fürstenhäuser auf diesem zarten Herzen gelastet haben mögen? Wir haben es mit einer nach Christi Vorbild ringenden und doch zur Klarheit Seines Antlitzes nicht durchgedrungenen Seele zu thun. Darf es nicht das Geheimniß jener Bußdienste gewesen sein, dies Leben darbringen zu wollen als Opfer für die Missethaten der Blutsgemeinde? Es ist dies recht eigentlich die Signatur des Mittelalters, daß Tugend und Laster, Großthat und Unthat in gigantischen Maaßen einander entgegentreten, Welt und Kirche durch eine unermeßliche Kluft getrennt erscheinen. Dies meranische Haus scheint mehr als einmal berufen, die ganze Wucht dieser Gegensätze an sich und seinen Schicksalen zu erfahren und für Mit- und Nachwelt zur Darstellung zu bringen. Erinnere man sich, daß die Tochter Gertruds der Ungarnkönigin die heilige Elisabeth war. Viel jünger als die Mutterschwester scheint sie dem Beispiel dieser zu folgen, und doch geht sie ihr wieder in der Vollendung und in hohem Nachruhm bei der Christenheit voran. Wie sich ja leicht erkennen läßt, sind die Ueberlieferungen von Beiden in manchem Punkte verwandt. Auf den ersten Blick könnte uns der Argwohn beschleichen, daß wir hier die Abwandelung derselben Formel in zwei Exempeln vor uns hätten; so wie wir näher herzutreten, zeigt sich uns die durchgreifende Verschiedenheit individueller Gestalten, die einander erklären und ergänzen und deren jede die Wahrheit der andern erhärtet; zwei Zweige von demselben Baum genommen, über alle räumliche Ferne hinaus in einer Art Sympathie des Wachsthums und doch jeder von seiner Sonne abhängig. Bei Elisabeth drängt sich Alles zu enger Bühne zusammen und läuft deshalb auch schneller ab: der zartesten Selbstverleugnung tritt in Heinrich Raspe die roheste Selbstsucht unmittelbar gegenüber: auch die Ascetik ist hier nicht Selbstgespräch der kämpfenden Seele, sondern Zwiesprach der Heiligen mit dem strengen Meister, Conrad von Marburg. So hat Elisabeths Bild mehr dramatischen Reiz; Hedwig aber, in dem Conflikt zweier großer Volksthümlichkeiten webend, zwischen den glücklichen Fortgang der abendländischen Cultur und eine der größten Gefahren, die diese jemals bedroht haben, den Erguß von Dschingischan’s Horden, gestellt – ist, daß wir das Wort wagen, von höheren geschichtlichen Gnaden.

Solche Erscheinungen nun haben auch für unsere Tage einen hohen Werth. Sie belehren über Beides: die Nothwendigkeit der Reformation und das Ungemeine ihrer Aufgabe. Wir sehen noch einmal die Gefangenen Zions der Befreiung warten, wir hören noch einmal flehende Stimmen wie jene des alten Bundes: aber wir empfinden auch, daß es kein Geringes um den Glauben ist, der leisten soll, was die Dienste dieser Inbrunst, die Werke dieser Weltentsagung nicht zu leisten vermochten. Das Eine erfüllt uns mit Dankgefühl gegen Gott, der uns aus der Finsterniß zum Licht geführt und uns von der Arbeit, damit die irdischen Zeiten Sein Reich vorbereiten sollen, ein höheres und freudigeres Tagewerk anvertraut hat. Das Andere mahnt uns zu demüthigem Bekenntniß der schweren Verirrungen, denen eben unser Weg und unser Ziel uns aussetzt, und von denen unsere Geschlechter wahrlich nicht frei geblieben sind.

Wie nun Hedwig dem Christenthum des Mittelalters, der Römischen Kirche unauflöslich verknüpft ist, so kann sie auch des Wunders nicht entbehren: es dringt schon in ihr Leben ein; es umgiebt ihren Sarkophag. Dem Zeugniß der Wunder folgt die Heiligsprechung durch Papst Clemens IV. 25. März 1267. – Evangelische Christen, brauchen wir uns nicht daran zu erinnern, daß wir von Niemandes Vollmacht selig zu sprechen oder zu verdammen wissen: uns genügt, wenn wir schüchtern und doch mit Zuversicht sagen dürfen, „daß ihr die Krone der Gerechtigkeit beigelegt ist, die der Herr der gerechte Richter an jenem Tage Allen geben wird, die Seine Erscheinung lieb haben.“ Aber seine geschichtliche Bedeutung dürfen wir jenem Akt der Canonisation doch nicht aberkennen. Hedwig ward damit die Patronin des schlesischen Katholicismus. Als Stammmutter der Piasten von Niederschlesien zugleich zu den Ahnen des preußischen Königshauses zählend, galt sie nach der preußischen Eroberung als die natürliche Vermittlerin zwischen der neuen Dynastie und den Katholiken des Landes, die im Bewußtsein der schweren Schuld, welche ihre Kirche gegen die evangelischen Mitbrüder auf sich geladen hatte, eine solche Fürsprecherin gern anriefen. Auch die Denkweise des 18. Jahrhunderts hatte die Achtung vor derlei schirmherrlichen Rechten nicht ganz verloren: in den Kreisen des Philosophen von Sanssouci stellte man wohl im Scherz und doch mit gutem Sinn Hedwig dem wie bekannt zu gutem Theil auf Trug beruhenden erst mit der katholischen Restauration des 17. Jahrhunderts eingedrungenen Ansehn des heil. Nepomuk entgegen: man sah in diesem Oestreichs Mann, und preist sie als Vorkämpferin der Preußen. Im Zusammenhange damit ist es, daß als der katholischen Kirche die nach Maaßgabe der Zeiten ungemeine Gunst zu Theil ward, an dem stattlichsten Platze der preußischen Hauptstadt ein Gotteshaus errichten zu dürfen, dies der heil. Hedwig geweiht ward. So hat die Heilige ihren Sitz inmitten unserer Königsschlösser bekommen – ein Symbol des unvergleichlichen Dienstes, den diese Monarchie an der Versöhnung der Zeitalter der Kirche hat, und eine Hinweisung auf die Früchte, die sie einst mit den Tagen des großen Gottesfriedens heimbringen wird.

Siegfried Hirsch in Berlin

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

Isabella von Dänemark

(auch: Elisabeth von Dänemark)

Eine der edlesten Gestalten des sechszehnten Jahrhundert führen wir unseren Lesern vor in der Person einer hochgeborenen Fürstinn, deren Loos es wurde durch Noth und Drangsal zu gehen, die im strengsten Katholicismus erzogen doch ihren evangelischen Glauben in harter Zeit bewährte, in ihres Lebens frühestem Lenz an einen damals mächtigen, leidenschaftlichen, später höchst unglücklichen König gebunden alles Leid mit ihm theilte, um nie von der Pflicht einer treuen Hausfrau zu weichen.

Isabella von Österreich war die Tochter des Philip von Burgund, der in seiner zehnjährigen Ehe mit der Infantinn Johanna von Spanien sechs Kinder hatte, geboren 1501 in Spanien, wohin die Eltern sich von den Niederlanden begeben hatten, um ihre Rechte auf den Thron zu sichern. Drei von den Kindern, Carl, Eleonora und Isabella, blieben bei der Muhme, der thatkräftigen gescheiten Margrethe, welcher der Kaiser Maximilian die Statthalterschaft über die unruhigen Niederlande übergeben hatte. Margrethe nahm sich der Erziehung der ihr anvertrauten Kinder mit wahrer mütterlicher Fürsorge an, ernsthaft und sehr liebreich wußte sie die Herzen der Kinder so an sich zu fesseln, daß diese das ganze Leben hindurch sie mit kindlicher Liebe und Ergebenheit verehrten. Isabella war ein weiches und zartes Kind, erzogen zwar unter der ihrem Stand gebührenden Pracht, doch meistens in stiller Zurückgezogenheit; unter ihren Lehrern war der später berühmte Papst Adrian VI.

Aus diesem stillen Leben wurde Isabella bald herausgerissen und in das bewegte hineingezogen. Die Sitte der damaligen Zeit verlobte die Fürstinnen im zartesten Alter, so wurde auch Isabella in ihrem dreizehnten Jahre Christiern dem Zweiten, Beherrscher von den drei nordischen Reichen verlobt, einem zwanzig Jahre älteren Manne, der mit glänzenden Eigenschaften und mit einem scharfen Verstand und einer seltenen Einsicht in die Bedürfnisse der neuen Zeit, welche in Anbruch war, eine große Leidenschaftlichkeit und Härte der Gesinnung verband. In einem Alter von 20 Jahren hatte er, nach dem Wunsche seines Vaters, Königs Hans, die Verwaltung Norwegens übernommen, wo seine Kraft und Tüchtigkeit sich auch bewährten. Dort lernte er die Düveke kennen, die sein Herz einnahm, und deren Mutter Siegbritt, welche später großen Einfluß auf die Regierung Christierns bekam. Nach dem Tode seines Vaters (1513) den Thron besteigend, mußte Christiern einen harten Kronvertrag eingehen, welcher ihn fast in allen Regierungshandlungen von der Willkür des Adels und der höheren Geistlichkeit abhängig machte. Seine kräftige Natur widerstrebte dem unnatürlichen Zwange, und von dem Wunsche beseelt, die unberechtigten Gewalten zu brechen, suchte er Verbindungen anzuknüpfen, welche ihm die Aussicht auf Erfüllung derselben erleichterten. So bot er Isabellen, der Enkelinn des Kaisers Maximilian und der reichen Marie von Burgund, seine Hand. Als Christiern als Brautwerber dastand, war er durch seine Reiche und seine Verbindungen einer der mächtigsten Fürsten in Europa, sein Mutterbruder war der Churfürst Friedrich von Sachsen, sein Schwager Churfürst Joachim von Brandenburg; mit Frankreich, Schottland und England war er theils verschwägert, theils befreundet, so konnte er der hochgeborenen Fürstinn eine königliche Hand bieten, und Isabella, die beinahe noch ein Kind war, willigte ein. Das Schönste in ihrem Leben von nun an war, daß sie, sobald sie ihr Jawort dem so viele Jahre älteren Bräutigam gegeben hatte, ihm eine unverbrüchliche Treue, Ehrerbietung und Liebe in ihrem Herzen gelobte, und diese Tugenden bis zu ihrem Tode unter den schwierigsten Verhältnissen bewährte. Die Hochzeit wurde per procuram den 11. Juni 1514 begangen. Im nächsten Jahre holte eine glänzende Gesandtschaft auf sechs oder sieben prächtig ausgerüsteten Schiffen die Prinzessinn von den Niederlanden nach Dänemark ab.

Man hätte an dem burgundischen Hof gern gesehen, daß die Abreise noch verzögert worden wäre, nicht allein weil Isabella überall beliebt war und das Scheiden sehr schwer wurde, sondern vornemlich weil allerlei ungünstige Gerüchte über den König und sein Verhältniß zu Düveke umhergingen. Isabella blieb jedoch fest, die Heiligkeit Ihres Verlöbnisses stand ihr klar vor der Seele. Begleitet von einigen der edelsten Familien verließ sie ihre freundliche Heimath und landete nach einer überaus stürmischen Seereise, ermattet an Leib und Seele in Helsingur den 4. Aug. 1515. Von da schrieb sie gleich nach ihrer Landung einen demüthigen und liebevollen Brief an ihre Muhme. Ihr Einzug in Kopenhagen wurde durch die Anwesenheit vieler fürstlichen und anderen hochgestellten Personen verherrlicht. Gegenwärtig waren Christierns Oheim der Herzog Friedrich von Holstein, seine Schwester Elisabeth, Churfürstinn von Brandenburg und ihr Gemahl Joachim, Gesandter seines mütterlichen Oheims, der Herzog von Mecklenburg, im Auftrag ihres Großvaters Maximilian, der Gesandte des Papstes u. a. Den 12. Aug. fand die Vermählung und Krönung statt durch den Erzbischof Birg er, alles war voller Festlichkeit und Pracht. Nur die junge Königinn war sehr leidend; sie hatte sich kaum von der Seekrankheit erholt; manche Gerüchte über das Verhältniß des Königs zu seiner Buhlinn trübten auch die Aussicht auf die Zukunft; doch gab eine strenge Religiosität und ein unerschütterliches Pflichtgefühl der jungen Königinn Stärke, alles, auch das Härteste, zu ertragen.

Der König bezeugte übrigens seiner Gemahlinn alle mögliche Ehre und Aufmerksamkeit, bestimmte ihr große Einkünfte, gab ihr Antheil an den Regierungsgeschäften, berieth sich mit ihr über die wichtigsten Angelegenheiten, ertheilte ihr seine Befehle in entscheidenden Augenblicken und führte, wenn er abwesend war, einen lebhaften Briefwechsel mit ihr, immer auf Dänisch, welche Sprache sie sehr schnell erlernte, wenn gleich man aus ihrem Styl die französische Weise und die niederländische Herkunft spüren konnte. Merkwürdig ist es, daß nach dem plötzlichen Tode der Düveke – der allgemeinen Meinung zufolge veranlaßt durch Gift – die Mutter derselben Siegbritt sogar in genauere Verbindung mit der Isabella kam, sei es, daß die Königinn ihrem Gemahl auch dieses Opfer brachte, oder, was wahrscheinlicher ist, daß die junge in Dänemark einsam dastehende Frau an der klugen und erfahrenen Landsmännin eine gute Stütze fand. Die Alte stand der Königinn bei der Geburt ihrer Kinder bei; ihr wurde die Erziehung des Prinzen Johann übergeben; der König theilte oft seiner Gemahlinn Befehle durch Siegbritt mit, empfahl auch derselben in gefährlichen Umständen, daß sie auf Siegbritt passe, „damit diese auch das Maul halte;“ der Klugheit und der Erfahrung dieser Frau ist es auch zuzuschreiben, daß die Königinn, die so jung war, als sie in die Ehe trat und die Krone empfing, sobald die Lage der Verhältnisse kennen lernte, so daß der König ihren Beistand und ihre Verwendung bei mehreren Gelegenheiten gebrauchen konnte. –

Die Zustände in Schweden wurden sehr drohend; der König gebrauchte Geld zu seinen Rüstungen wider die Aufrührerischen, und so erhielt Isabella öfters auf ziemlich unzarte Weise den Befehl, den Rest des ihr zustehenden Brautschatzes bei ihrem Bruder Carl einzufordern. Dies brachte sie oft in große Verlegenheit. So lange die Kaiserwahl noch unentschieden war, nahm Carl Rücksicht auf seinen Schwager, der durch seine Verbindungen sich für ihn verwenden konnte. Sobald er aber Kaiser geworden war, behandelte er ihn mit Kälte. Darüber mußte Isabella manches von dem Unmuth ihres Gemahls hören; ihr Beichtvater wurde entfernt und einer ihrer Hofbeamten wurde aus noch unerklärten Ursachen hingerichtet. Der burgundische Hof schrieb drohende Briefe an Christiern in dieser Angelegenheit; dadurch wurde Isabellas drückende Lage vergrößert. Sie hing ja mit kindlicher und dankbarer Liebe an ihrer mütterlichen Tante, mit schwesterlicher Anhänglichkeit an ihrem Bruder, während Pflicht und Neigung sie zu ihrem Gemahl hinzog.

Noch mehreres kam hinzu, um diesen von ihren Verwandten zu entfernen. Die reformatorischen Bewegungen in Deutschland zogen sehr bald die Aufmerksamkeit des Königs auf sich. Da er Gelegenheit genug gehabt hatte, die Mißbrauche des Clerus zu erfahren und mit redlichem Sinne auf die Beglückung der niedrig gestellten Bevölkerung hinarbeitete, war die Reformation der Kirche ihm eine sehr willkommene Erscheinung, er lud sogar Luther selbst ein (1519) nach Dänemark zu kommen, um die Kirchenverbesserung zu fördern. Erasmus, mit dem der König in Brügge Bekanntschaft machte, wo er ihn täglich zur Tafel zog, erzählt in einem Briefe an Hutten, daß Christiern ihm geäußert hätte: „Die Lage der Kirche wäre so schlimm, daß man durch gelinde Mittel nichts ausrichten könne, man müsse eine Radicalkur anwenden“. Isabella, deren tief religiöses Gemüth sich in allen ihren Briefen ausspricht, wurde wahrscheinlich schon sehr früh für das reine Evangelium gewonnen, und sie hielt unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Ueberzeugung fest mit der ganzen Stärke eines weiblichen Herzens. Wie hart wurde von nun an das Schicksal der erlauchten Frau! Das Stockholmer Blutbad im November 1520 hatte manche Anhänger des Königs von ihm entfremdet. Bald nach seiner Rückkehr von Schweden zog sich auch in Dänemark ein Unwetter über sein Haupt zusammen, das sich um so erschütternder auf ihn entlud, je weniger er darauf vorbereitet war. Der Adel und die Geistlichkeit in Jütland kündigten ihm den Gehorsam auf (20. Jan. 1523) und beriefen seinen Oheim den Herzog Friedrich von Holstein auf den Thron. Merkwürdig genug war der Muth dem Könige im entscheidenden Augenblicke entfallen; er hätte den Bürger- und Bauernstand, der ihm für die zahlreichen Wohlthaten, die er empfangen, mit treuer Liebe anhing, zu wirksamer Vertheidigung aufrufen können; so aber verlor er die Fassung und entschloß sich mit Frau und drei Kindern (d. 14. April 1523) zu entweichen und in den Niederlanden Hülfe zu suchen. Der Reichsrath und Friedrich boten der Isabella an, im Lande zu bleiben und wollten ihr ein anständiges Leibgeding zusichern; sie wollte nichts davon hören, sondern folgte ihrem Manne mit unwandelbarer Treue in der Landflüchtigkeit und theilte mit ihm alle Leiden und Entbehrungen und Kränkungen mit der aufrichtigen Demuth einer christlichen Dulderinn. Die vielen Briefe aus der Verbannung, die jetzt zum Vorschein gekommen sind, geben ein glänzendes Zeugniß von der Treue und der klaren Einsicht dieser jungen Frau; so schwach und zart ihre Gesundheit war, so stark war ihr Geist. Es ist kein übles Zeugniß für den König, daß eine Anzahl angesehener Männer, die sich von seinem Schicksal nicht trennen wollten, ihn begleiteten, mit diesen stand Isabella in steter Verbindung; der König ertheilte ihnen öfter seine Aufträge durch sie, und es ist bewunderungswürdig, mit welchem Verstand, Ruhe und Glaubenskraft die oft einsame Fürstinn die Unterhandlungen betrieb. Mit diesen Männern, Geistlichen und Weltlichen führte sie eine sehr lebhafte Correspondenz, immer um die Sache ihres Gemahls zu fördern; von ihnen empfing sie so manches Schreiben, das sie in ihrem Elende mit dem Evangelium herzlich tröstete.

Die Hinneigung des königlichen Paars zur lutherischen Lehre entfremdete ihnen ihre mächtigen Verwandten, und das Gerücht von der Grausamkeit des Königs machte, daß auch einige hochgestellte Genossen seines Glaubens sich scheu von ihm zurückzogen. Beständige Geldverlegenheiten lösten oft die Truppen auf, die er mühsam zusammengebracht hatte, um sein Reich wieder zu erobern. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Niederlanden und England, von wo der König nach Spanien wollte, um Carl aufzusuchen, zogen sie nach Deutschland. Längere Zeit lebte die unglückliche Königinn am Hofe ihres Schwagers, des Churfürsten Joachim von Brandenburg, wo sie in der Schwester ihres Gemahls eine treue Anhängerinn der evangelischen Lehre hatte, während der König unruhig herumreiste, stets von dem Gedanken erfüllt, seine Reiche wieder zu erlangen. Aber auch der dortige Aufenthalt war für Isabella eine Quelle mancher Trübsal. Der Churfürst war dem Könige nicht gut. Oft wußte sie nicht, wo ihr Gatte weilte, und bei der drückenden Geldverlegenheit, worin sie sich befand, sah sie sich mehrmals genöthigt, ihre Kleinodien zu verkaufen. Trotzdem athmen ihre vielen Briefe die innigste Zärtlichkeit für den König. Sie warnte ihn oft, daß er sich vorsehe, denn sie wisse, daß Viele ihm nach dem Leben stehen; sie bittet ihn unaufhörlich, daß er sie zu sich kommen lasse, denn sie wolle lieber bei ihm bleiben und leiden, was es auch wäre, als getrennt von ihm leben: „Ich sehne mich zum Tode,“ schreibt sie, „wofern Eure Gnaden mir nicht bald Nachricht zukommen lassen.“ – „Ich weiß nicht, wo ich besser sein kann als bei Euren Gnaden.“ – Auf seinen Reisen durch Deutschland lernte Christiern auch Luther und Melanchthon persönlich kennen und hörte den Ersteren predigen. „Ich hatte,“ schreibt er, „noch nie Jemand also das Evangelium predigen hören; ich bin bereit, Alles zu leiden, da Christus so viel für uns gelitten.“ Daß es vom Könige ernstlich gemeint war, leidet keinen Zweifel. Er suchte ja auf eigene Kosten die Bibel durch Hans Mikkelsen, früher Bürgermeister zu Malmö, ins Dänische übersetzen zu lassen und sandte seiner Gemahlinn die einzelnen Bogen, welche erschienen, wie auch andere evangelische Schriften. Luther hatte auch die beste Hoffnung von der Bekehrung des Königs und äußerte einmal: „Gott möge vielleicht ein seltenes Wildprett, das heißt einen König und eine Königinn in den Himmel haben wollen; und das den König, von dem man es am wenigsten gehofft hätte; so wunderbar ist Er zu täuschen der Menschen Gedanken.“ Der König arbeitete sogar selbst an der Uebersetzung mehrerer alttestamentlichen Bücher, was man aus seinen Briefen sieht. Auch spricht er sich hinsichtlich ihrer Besorgnisse um sein Leben in einer wahrhaft gottesfürchtigen Weise aus. Aber seine unstäte Sinnesweise und sein beständiges Trachten, den verlorenen Thron wieder zu bekommen, wobei er auf den Kaiser und andre streng katholische Fürsten hoffte, ließen ihn die gewonnene Ueberzeugung nicht festhalten. Anders war es mit Elisabeth. Sie ergriff das reine Evangelium mit der Innigkeit eines weiblichen Gemüthes, suchte ihren Trost und ihre Erhebung darin und bewahrte ihren Glauben unter den härtesten Prüfungen, ja unter den größten Anfechtungen.

Wahrhaft erhebend ist es, wenn wir hören, wie Isabella auf den Wunsch ihres Gemahls den Nürnberger Reichstag (1524) besuchte, um dort seine Sache zu führen und ihm Freunde zu erwecken. Die einfachen aber beredten Worte der frommen tiefgebeugten Frau machten einen gewaltigen Eindruck auf die glänzende Versammlung, und Wenige waren, deren Augen sich nicht mit Thränen gefüllt hatten, allein der Ruf ihres Gatten war so übel, und alle Hoffnung schlug fehl. Da hier viele Anhänger der reinen Lehre um ihren Glauben zu bezeugen, öffentlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt nahmen, so verbarg auch Elisabeth ihre Ueberzeugung nicht in der entscheidenden Stunde. Von ihrem Herzen getrieben und zugleich dem Rathe ihres Gatten folgend, beichtete sie vor Osiander und nahm das Abendmahl nach der Einsetzung des Herrn. Ihrem Bruder, König Ferdinand, der, hierüber aufs äußerste erbittert, sie nicht mehr als seine Schwester betrachten wollte, antwortete sie mit christlicher Demuth und Zuversicht: „Unsre gemeinsame Mutter hat uns doch Beide als leibliche Geschwister zur Welt gebracht. Ich will mich an Gottes Wort halten, und darin Gott und keinen Menschen anerkennen; in allen andern Dingen will ich mich gern meinem Bruder unterwerfen und ihm gehorchen. Will er mich als seine Schwester verläugnen, so mag er es thun; ich werde das Gott anheimstellen.“

Nach unausgesetzten Unterhandlungen, wobei sie eine ausführliche Korrespondenz übernehmen mußte, kam sie sehr leidend nach den Niederlanden, wo Margarethe ihr und ihren Kindern das freundliche Städtchen Lier in der jetzigen Provinz Antwerpen zum Aufenthalt anwies und für eine anständige Hofhaltung Sorge trug. Inzwischen war Isabellens Gesundheit von Kummer und Sorge, sowie von Anstrengungen in der Sache ihres Gatten gänzlich zerrüttet worden. Vergebens hatte man die Bäder in Aachen versucht. Doch noch war ihr flüchtiges Umherirren nicht zu Ende. Vermuthlich, um Geld aufzubringen, mußte sie wieder nach Deutschland, und im November 1524 finden wir sie wieder in Berlin. Schon im nächsten Monat kehrte sie indeß mit ihrem Gatten nach Lier zurück.

Im Mai 1525 holte die Statthalterinn die Kinder, damit sie wegen der schwächlichen Gesundheit der Königinn in Mecheln erzogen würden. Natürlich war dies ein harter Schlag für das liebende Mutterherz. Bald kamen Seelenleiden hinzu, welche aus neuen widerwärtigen Verwickelungen ihres Gatten hervorgingen. Gegen Ende des Jahres reiste Christiern mit der kranken Königinn nach Zwynarde, einem Kloster unweit Gent, mit dessen Abte Gerhard der König befreundet war. Sie kamen dort den 5. December 1525 an. Isabella fühlte, daß ihre Tage gezählt feien und wünschte innigst ihre Kinder zu sehen. Margaretha sandte sie nebst mehreren Hofleuten und einem Geistlichen, der sie mit der römischen Kirche vereinigen sollte. Wie zärtlich sie ihren Gatten liebte, davon zeugt ein noch aufbewahrter Brief, welchen die Königinn fünf Tage vor ihrem Tode geschrieben, und in welchem sie die Angelegenheiten ihres Gatten der Fürsorge Margarethens empfahl. Ihrer evangelischen Ueberzeugung blieb sie treu. Der König hatte ihren Beichtvater Hans Moenbo aufgefordert, nach Zwynarde zu kommen, um zu ihren Diensten zu sein, doch ist es ungewiß, ob er früh genug kam. Sie starb den 19. Januar 1526.

Ihr Gatte schildert ihren Tod in einem Briefe an Luther (den 28. Januar 1526) mit folgenden Worten: „Wer in dem Maße, als ihre Krankheit zunahm, hat sich unsere Gemahlinn Gott, unserm Vater, und Christo, unserm Erlöser, ganz und gar hingegeben, Herz und Sinn auf ihn allein in einem festen Glauben gestellt, alle Menschen um Verzeihung gebeten und von Jedem demüthig begehrt, daß er in der Fürbitte für sie zu dem Allmächtigen beständig anhalte, damit er ihr seine göttliche Gnade verleihe um einen wahren, starken, festen Glauben an ihn zu haben, sich seiner grundlosen Barmherzigkeit zu getrösten und gern nach seinem Willen den Tod zu erleiden u. s. w. Und da nun die Schwäche immer mehr zunahm, hat Frau Margarethe ihr Gefolge und andere vornehme Leute zu ihr geschickt, welche sie bereden sollten, den papistischen antichristlichen Glaubensweg zu betreten. So hat denn Gott nach seiner Milde unserer Gemahlinn die Sprache zu rechter Zeit genommen, so daß sie ihnen keine Antwort darauf gab; nichts desto weniger haben sie sie mit Oel bestrichen und mit Ueberredungen nicht nachgelassen. Aber sie hatte zuvor mit inniger Sehnsucht, festem Glauben und wohl bedachtem Muth das heilige hochwürdige Sacrament nach rechter christlicher Weise genommen, und da einer unserer Prediger sie nach Gottes Wort ermahnte, versprach sie uns beständig in einem rechten starken Glauben an den Herrn zu bleiben und auf den Aberglauben der Andern nicht zu antworten, bis sie ganz sprachlos wurde. Sie nahm aber mit vielen Zeichen eines wahren Glaubens zuletzt Abschied von der Welt den 19. Januar. Der Allmächtige sei ihrer Seele gnädig in aller Ewigkeit. Aber wir haben die unzweifelhafte Hoffnung, daß sie ein Kind der ewigen Seligkeit ist. Dazu helfe uns Gott. Amen.“

Der König wollte jedoch nicht diesen Brief sogleich bekannt gemacht haben. Denn dem burgundischen Hofe mußte es unangenehm sein, wenn man erführe, daß eine Schwester des Kaisers, des ersten Vertheidigers der katholischen Kirche, als Ketzerinn gestorben sei. Man ließ daher auch eine Beschreibung ihres Todes von Thomas Blankaert, Rektor und Notar in Zwynarde, verfassen, zufolge welcher sie im katholischen Glauben starb (Dieser Bericht auf Pergament geschrieben wurde in dem Sarg der Königin gefunden, als die Kaiserin Maria Theresia bei einem Besuche in Gent den Sarg öffnen ließ.). Ihr Tod erregte allgemeines Bedauern; in Belgien, Spanien, Oesterreich, ja selbst in Dänemark wurden Seelenmessen für sie gelesen. Luther gedenkt ihres Lebens und Todes mit großer Hochachtung; selbst Heinrich VIII. war bewegt. Sie wurde mit königlicher Pracht in Gent begraben, wo ihr kostbares Monument stand, bis die Franzosen Gent im Jahre 1810 eroberten. Bei dieser Gelegenheit wurde die Kirche in ein Magazin verwandelt, und die Soldaten raubten Alles, was an Silber und Kupfer werthvoll war. Der Prediger an der Petri-Kirche Malingie nahm sich der Gebeine der edlen Königinn an und ließ sie in der restaurirten Kirche beisetzen, wo sie sich noch befinden. Die Versuche, den irdischen Ueberresten einer der edelsten Persönlichkeiten ihrer Zeit ein würdigeres Begräbniß zu verschaffen, sind bisher mißlungen.

H. Kalkar in Kopenhagen.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

Luise Kurfürstin von Brandenburg

(Geb. 27. November 1627, gest. 18. Juni 1667.)

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ (Hiob 19, 25.)

Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugend unter den wildesten Stürmen des dreißigjährigen Krieges verlebt. Drum sandten ihn seine Aeltern aus dem verwüsteten und zerrütteten Deutschland zu seiner Ausbildung nach Holland, wo Wohlstand, Künste und Wissenschaften trotz des viel längeren Krieges, welchen dies heldenmüthige Volk wegen seines Glaubens zu führen hatte, in reicher Blüthe stand. Zu der Zeit war Friedrich Heinrich von Oranien Erbstatthalter der Niederlanden, ein Held im Kriege und Frieden und Enkel des edeln Coligny, des in der blutigen Bartholomäusnacht zu Paris ermordeten Admirals von Frankreich. Der Kronprinz lernte des Statthalters liebliche Tochter kennen, die Oranische Prinzeß Luise, deren Schönheit an Leib und Seele sanft war, wie Mondenglanz. Um diese freiete er hernach, und die Oranierinn gab mit Freuden Hand und Herz dem stattlichen, ritterlich edlen und frommen brandenburgischen Fürstensohn. Die erlauchten Aeltern dankten beiderseitig Gott für ihrer Kinder Verbindung. Am 7 Dezember 1646 wurde ihre Hochzeit zu Gravenhaag in Holland gefeiert. Wenige Tage zuvor, am 27. November war die Braut 19 Jahre alt geworden; der Bräutigam zählte 26 Jahre. Der Braut Vater konnte kaum der Trauung beiwohnen, so sterbenskrank war er. Die fromme Luise pflegte ihn bis zu seinem Tode, und dann erst, nachdem sie auch ihre Mutter Amalie den ersten, herbsten Wittwenschmerz gemildert, kam ihr Gemahl, welcher gleich nach der Hochzeit in sein Land und Regiment zurückgekehrt war, sie heimzuholen, im Juni 1647.

Damals hatte der große Kurfürst seine Hofhaltung von der fernen Spree an den Rhein nach Cleve verlegt, um den Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück näher zu seyn. Und der Kurfürstinn war es traulich, daß von Cleve aus Holland nicht weit war. Hier verlebte sie ungetrübteste Tage. Zu allem Glück der Ehe fügte Gott das reichste: er schenke ihr den Muttersegen.

Am 21. Mai 1648 gebar Luise ihren ersten Sohn. Schon seit mehreren Monaten hatte sie den Rath und die Hut der treuen Mutter unter sich. Das Glück des Kurfürsten war nicht zu ermessen. Alle seine Lande freuten sich mit ihm. Die Taufe des Prinzen wurde mit einem glänzenden Feste gefeiert. Viele Verwandte beider Fürstenfamilien kamen zu Gast ins Clever Schloß. Luise, vom Kurfürsten gefragt, wie sie den Prinzen zu nennen wünsche, erwiderte: „Mein Sohn soll deinen Namen, Wilhelm, erhalten, und auch den Namen Heinrich, wegen meines in Gott ruhenden Vaters.“

Der westfälische Frieden war endlich am 24. Oktober 1648 zu Stande gekommen. Das mahnte den Kurfürsten, seine Residenz wieder in den brandenburgischen Stammlanden zu nehmen; und seine Gegenwart daselbst war dringend nothwendig geworden. Er mußte folgenden Jahres schon voraus dorthin aufbrechen, wie schwer ihm auch die Trennung von Luise und seinem Kinde ward.

Dir Kurfürstinn begab sich im Frühherbste 1649 auf die Nachreise. Es wurde ihr sehr schwer, vom Rheine, aus den Armen ihrer Mutter, aus der Nähe ihrer Heimath, zu scheiden. Aber der schwerste Abschied war ihr noch vorbehalten. Der kleine Kurprinz, der bisher ein frisches Gedeihen hatte, in dem die erste Morgenröthe des geistigen Erwachens schon bedeutungsvoll angebrochen war, erkrankte plötzlich in Wesel. Die Angst der Mutter ist unbeschreiblich. Kein Opfer scheint ihr zu groß. Aber wie sie auch über allen Mitteln, welche die Kunst der Aerzte gegen den Tod ersann, im Gebete gerungen hat, der Leidenskelch sollte nicht vorübergehen. Das Kind starb. – Da hat der allmächtige Gott die jammernde Mutter in jene Schule genommen, in welcher man lernt, was Todesfurcht vertreiben kann. Und was war wohl nöthig, damit sie viele Tausende das Triumphlied des Glaubens lehren konnte: „Jesus, meine Zuversicht, und mein Heiland ist im Leben!“

Kurz nach dem Tode ihres Kindes verfaßte nämlich die fromme Kurfürstinn dieses Lied, welches seitdem überall die evangelische Christenheit am Auferstehungstage des Herrn und auf ihren Friedhöfen singt.

Es stehe darum gleich hier, und zwar ganz so, wie es ursprünglich lautet:

1) Jesus, meine Zuversicht,
Und mein Heiland ist im Leben.
Dieses weiß ich, sollt‘ ich nicht
Darum mich zufrieden geben,
Was die lange Todesnacht
Mir auch für Gedanken macht?

2) Jesus, er, mein Heiland lebt. –
Ich wird auch das Leben schauen,
Sehn, wo mein Erlöser schwebt,
Warum sollte mir denn grauen?
Lässet auch ein Haupt sein Glied,
Welches es nicht nach sich zieht?

3) Ich bin durch der Hoffnung Band
Zu genau mit ihm verbunden;
Meine starke Glaubens-Hand
Wird in ihn gelegt befunden,
Daß mich auch kein Todesbann
Ewig von ihm trennen kann.

4) Ich bin Fleisch, und muß daher
Auch einmal zu Asche werden.
Das gesteh ich; doch wird Er
Mich erwecken aus der Erden,
Daß ich in der Herrlichkeit
Um ihn seyn mög‘ allezeit.

5) Dann wird eben diese Haut
Mich umgeben, wie ich gläube;
Gott wird werden angeschaut
Dann von mir mit diesem Leibe;
Und in diesem Fleisch wird‘ ich
Jesum sehen ewiglich.

6) Dieser meiner Augen Licht
Wird ihn, meinen Heiland, kennen.
Ich, ich selbst, ein Fremder nicht,
Wird in seiner Liebe brennen.
Nur die Schwachheit um und an
Wird von mir seyn abgethan.

7) Was hier kranket, seufzt und siecht,
Wird dort frisch und herrlich gehen;
Irdisch werd‘ ich ausgesät,
Himmlisch werd‘ ich auferstehen;
Hie geh ich natürlich ein,
Dort, da wird ich geistlich seyn.

8) Seid getrost und hocherfreut!
Jesus trägt euch, meine Glieder;
Gebt nicht Statt der Traurigkeit!
Sterbt ihr, Christus ruft euch wieder,
Wenn die letzt‘ Posaun‘ erklingt,
Die auch durch die Gräber dringt.

9) Lacht der finstern Erden-Kluft,
Lacht des Todes und der Höllen,
Denn ihr sollt euch durch die Luft
Eurem Heiland zugesellen;
Dann wird Schwachheit und Verdruß
Liegen unter eurem Fuß.

10) Nur, daß ihr den Geist erhebt
Von den Lüften dieser Erden,
Und euch dem schon jetzt ergebt,
Dem ihr beigefügt wollt werden!
Schickt das Herze da hinein,
Wo ihr ewig wünscht zu seyn!

Vom Grabe des Kindes hinweg, setzte die Kurfürstinn Anfangs November ihre Reise fort. Sie war so überaus glücklich gewesen bei dem Gedanken, mit dem Kurprinzen auf dem Arme ihr Brandenburgisch Volk begrüßen zu können; jetzt war der schöne Mutterstolz auf’s schmerzlichste gedemüthigt. Zwar in unsäglicher Wehmuth, von ihrer Einsamkeit gepeinigt, aber doch still in ihrem Heiland, dem Lebensfürsten, reiste die junge Fürstinn auf rauhen Wegen in rauher Winterzeit weiter.

Zu Tangermünde in der Altmark hatte sie einige Monate Winterrast. Die Stille und der fromme Herzensverkehr mit ihrem Manne that ihr wohl. Und die Trauer verklärte sich in Dem, der die Auferstehung und das Leben ist. Aber noch nicht war der Schnee weggeschmolzen, da mußte sie schon wieder die Beschwerden der Reise ertragen. Ein Vorspiel der vielen und aufreibenden Unruhen ihres Lebens. Sie folgte dem Kurfürsten zur Huldigung nach Minden, Halberstadt und Magdeburg.

Am 10. April 1650 hielt das kurfürstliche Paar seinen Einzug zu Köln an der Spree, d. h. nach jetziger Geographie zu Berlin.

In den Brandenburgischen Marken sah es um diese Zeit über die Maaßen traurig aus. Land und Leute waren durch den langen Krieg, der gerade hier einen ununterbrochenen Tummelplatz hatte, verödet und verwüstet. Selbst nach dem westfälischen Frieden hausten in diesen Gegenden noch mehrere Jahre hindurch schwedische Regimenter mit aller Rohheit verwilderten Kriegsvolkes. Der Kurfürst konnte erst im Jahre 1650 für seine Lande das Friedensfest ausschreiben.

Mit sinnigem, seelenkundigem Takt und wirthschaftlicher Klugheit faßte sie ihre Aufgabe an. Sie begriff, daß mit Geldspenden in die Hand der verkommenen Landeskinder Nichts geholfen sey. Aber sie verwendete ihr Geld, und nicht kärglich, um Pflanzschulen der Hülfe ins Leben zu rufen. Da sollten die gesunkenen Landeskinder den Wunsch und den Muth erst wieder lernen, aufzustehen, selbst zu wandeln und zu handeln.

Der Kurfürst war ein eifriger Jäger. Er liebte es, in seinen Forsten von den Regierungssorgen sich zu erholen. Nicht weit von Berlin, in dem Städlein Boetzow, besaß er ein Jagdschloß, nach Art der Ritterburgen aus schwerfälligem, massiven Gemäuer mit Thurm und Zinnen versehen. Dahin hatte ihn Luise, deren Nähe er nicht entbehren konnte, öfter begleitet. Die Gegend rundum ist reizend. Durch feste Wiesengründe läßt die Havel ihre lichtblauen Wellen in vielen Windungen friedlich daher ziehen, dicht unter den Schloßfenstern vorüber. Dunkle, wildreiche Waldungen tragen in festen Linien bald weiter hervor, bald tiefer zurück. Gern schaute Luise aus der Thurmhöhe des Jagdschlosses über diese liebliche Landschaft hin. Sie sah ein Bild ihrer niederländischen Heimath.

Der Kurfürst bemerkte ihr Wohlgefallen, und schenkte ihr auf Lebenszeit Boetzow mit allen dazu gehörenden Dorfschaften, Seen und Fluren, und zur Abrundung des Besitzthums kaufte er noch das Dorf Kloetzeband von einem Herrn von Gröben. auch gestattete er gern, daß Boetzow von nun an den Namen Oranienburg haben, dagegen Kloetzeband jetzt Boetzow heißen solle.

Dieses Oranienburg ward nun das erstgeborne, und, man kann sagen, mit allem Uebermaß junger Mutterliebe gepflegte Kind der kurfürstlichen Landesmutter. Und das war ihr Erstes, daß sie das Vertrauen vieler Leute, welche nun noch in besonderm Sinne ihre Unterthanen geworden, sich durch ihre ungefärbte Leutseligkeit gewann.

Ihr Plan war zunächst, den gänzlich versäumten und verlernten Bau des Landes wieder in Gang zu bringen. Es kam ihr dabei zu Statten, daß sie ein sehr reiches Erbgut besaß. Das verwendete sie nun eben so fürstlich, als mit kluger Umsicht. Aus Holland, durch seine Kunst, den Boden in mannichfaltigster Weise fruchtbar zu machen, berühmt, ließ sie Gärtner, Ackerer und Hirten kommen. Da schwand Gestrüpp und Gestein aus den Fluren, der Pflug ging wieder durch den Grund, und der Säemann zwischen den Furchen. Die verschlammten Wiesen wurden rein, auf den Auen weideten Heerden, und die Ställe füllten sich mit Vieh. Um das Schloß her sah man bald in reinlichen Gärten das Schöne und Nützliche miteinander frisch aufwachsen.

In der Nähe von Oranienburg liegt das Dorf Zehlendorf, durch die Kriegsjahre ganz verödet, und endlich auch von den letzten Einwohnern verlassen. Luise hatte bei einem ihrer Ausflüge diese traurige Dorfruine gesehen, zugleich aber auch den trefflichen Getreideboden rundumher bemerkt. Sie ließ sich Zehlendorf, das einem Herrn von Götz gehörte, kaufen, und setzte eine Kolonie holländischer und friesländischer Bauernfamilien hinein. Diesen wurden Häuser, Ställe und Scheunen gebaut, auch alles nöthige Ackergeräthe geschenkt. Ihre eigenen Prediger hatten sie sich mitgebracht. Als aber trotz Allem die Holländer sich nicht behaglich fühlten, und die ganze Gemeinde mit ihren Geistlichen sich wieder in die Heimath zurückbegaben, ließen sich ackerbautreibende Westfalen zur Einwanderung willig finden. Und als nun die Landwirthschaft auf der Zehlendorfer Gemarkung fröhlich und einträglich gedieh, fanden sich auch wieder Manche der frühern Bewohner ein. Lutheraner und Reformirte lebten in Frieden zu Einer Gemeinde verbunden; und die kurfürstliche Herrin berief den Pfarrer.

Der Kurfürst sah mit stiller Verwunderung unter den Händen seiner Luise so reichen Landessegen aufblühen. Um den Nutzen, welchen tüchtige Vorbilder gewähren, noch zu mehren, schenkte er seiner Gemahlinn ein großes Stück Land, dicht bei Berlin vor dem Spandauer Thore. Sie wandelte alsbald das Wildland in eine musterhafte Gartenanlage mit einer Milcherei um. Sie that noch weitere Schritte, um auf dem Luisenhof, – den Namen erhielt diese Anlage – eine Art von Ackerbauschule zu errichten. Unter ihrer Aufsicht und Mitwirkung mußten die verständigen Holländer, ihre Verwalter, Anweisungen zur Garten- und Wiesenbenutzung, zur Butter- und Käsebereitung, zur Viehzucht u. s. w. ertheilen.

Von allen ihren Anlagen war ihr das heimathsähnliche Oranienburg am liebsten. Diesem Besitzthum hatte sie auch am reichsten ihren Geist und Geschmack und die Liebeswärme ihres Herzens aufgeprägt. Oft begehrte sie hierin aus dem Geräusch der Residenz. Und um aus diesem tiefen Stillleben alle Erinnerungen an Krieg und Rohheit zu bannen, ließ sie an die Stelle der düstern, schwerfälligen, und Wällen und Gräben umschanzten Burg ein helles, anmuthiges Schlößchen bauen. Und rundum, wo sonst ekelhafte Sümpfe starrten, blühete ein reinlicher Garten. Zur Einweihung dieser neuen Schöpfungen hatte sie ihren lieben Kurfürsten mit einem Volksfeste überrascht. Die Urkunden wissen viel von der einmüthigen Fröhlichkeit dieses Festes zu erzählen. Nicht die Herrinn habe man in ihr erkannt, sondern nur die fürstliche Mutter.

Während Gärten und Blumen um Luisens Schloß glänzten, da zogen eine lange Zeit schwere, schwarze Wolken durch ihre Seele. Denn es schien, als sollte sie kinderlos bleiben. Das Land war traurig bei dem Gedanken, daß sein altes, treugeliebtes Kurhaus verlöschen sollte.

Vom Volke ging ein Liedlein:
„Vom Kurhaus
Geht Stamm und Wurzel aus!
Und wer ist Schuld?“

Der Kurfürstinn konnten diese vorwurfsvollen Stimmen nicht verborgen bleiben. Sie schnitten ihr durch die Seele, gleichwie jener ersten Hanna die Worte ihrer Widerwärtigen, wenn selbige sie „betrübte und ihr sehr trotzte, daß der Herr ihren Leib verschlossen hätte.“ (1. Sam. 1, 6.) Sie verhehlte sich nicht ihrer Hoffnungslosigkeit. Aber ihre Traurigkeit offenbarte sie nur ihrem Gott. Sie rang im Gebet um den allerschwersten Entschluß. Sie glaubte, dem Staate das Opfer der Scheidung von ihrem Manne schuldig zu seyn. Das treue Herz wollte brechen; denn sie sollte einen Besitz entbehren, der ihr unentbehrlich geworden war. Aber in Gott gefaßt, erschien sie vor ihrem Gemahl, und redete ihn mit feierlicher Stimme an: „Ich trage bei Euch auf Ehescheidung an; nehmt Euch eine andere Gattinn, die Euer Land mit einem Thronerben erfreut! Das seyd Ihr Euren Völkern schuldig.“

Der Kurfürst, durch den feierlichen Ton dieser Rede schier außer Fassung gebracht, antwortete ihr nach kurzem Schweigen: „Luise, habt Ihr schon den Spruch unserer Trauung vergessen: Was Gott, der Herr, zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden?“

Als sie noch etwas einwenden wollte, erwiderte er mit männlicher Entschlossenheit: „Was mich betrifft, so werde ich den vor Gott geleisteten Eid halten; und so es Ihm dabei gefiele, mich und das Land zu strafen, so müssen wir es uns gefallen lassen.“ Darauf reichte er ihr die Hand, und fügte fast scherzhaft hinzu: „Nun, was noch nicht ist, das kann ja noch werden.“

Da löste sich die unsägliche Angst des treuen Weibes, und an des treuen Mannes Brust flossen unter Schauern der Liebe die lang verhaltenen Thränen reichlich.

Das war die Gottesfurcht eines Fürsten, der dem Herrn Himmels und der Erden nicht ungehorsam seyn wollte, um vielleicht eine Züchtigung und Trübsal aus dem Wege zu gehen.

Wie Hanna‘s Schmerz durch Luisens Seele, so drang nun auch Hanna’s Flehen auf ihre Lippen, jenes bekümmerten, kinderlosen Weibes, welche nachher die glückliche Propheten-Mutter ward. „Wenn der Herr noch auf Erden ginge, wie in den Tagen seines Fleisches, – hörte man die Kurfürstinn sagen, – ich wollte mich noch mehr demüthigen, mehr ihn anflehen, – mehr ihm anhangen, als das Cananäische Weiblein; aber was ich auf leibliche Weise und mit leiblichen Gebärden nun nicht thun kann, daß will ich im Geist und im Herzen thun, in gewisser Zuversicht, daß er auch im Stande der Herrlichkeit ein solcher Hoherpriester und getreuer Heiland sey, der Mitleiden hat, und helfen werde.“ Und daß ihr Gebet um einen Thronerben in eben diesem Geist der Demuth und Selbstverleugnung noch ernstlicher und recht thatsächlich werde, und mehr sei, als ein Hauch der Lippen, nahm sie das Gelübde auf ihre Seele, in Oranienburg etwas Unmögliches zu stiften, so der barmherzige Gott ihre flehentliche Bitte erhören wolle.

Im September 1654 erschien aus dem Haag mit ihrer jüngsten Tochter Luisens Mutter. Sie wollte die keimende Hoffnung der Kurfürstinn mit mütterlicher Verständigkeit pflegen. „Ihr müsset mir, – sagte sie zum Kurfürsten, – eine kleine Regentschaft gestatten, wenn ich etwas Nützliches bewirken soll.“ „Herzlich gern in allen Stücken, erwiderte er, wenn Gott der Herr nur meiner Luise wollte gnädig und barmherzig seyn.“

Hoch erfreut über die geschenkte Hoffnung, ließ der Kurfürst die oberste Geistlichkeit zu sich entbieten, um seine Gemahlinn ihrer und des ganzen Landes Fürbitte zu empfehlen. „Helfet mir mit Gott ringen, sagte er schließlich, daß doch die Fürbitten im Lande von Herzensgrund geschehen!“

Und sie geschahen mit rechter Inbrunst von dem sehnsüchtig harrenden Volke. Der fromme Hofprediger Dr. Joh. Bergius hielt 3 Predigten über 1 Sam. 1, indem er die Kurfürstinn mit der frommen Hanna verglich. Und „das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Denn gar bald durfte auch Luise mit der Hanna des Alten Testaments frohlocken, und dankend bekennen: „Der Herr führet in die Hölle, und wieder heraus“ (1. Sam. 2, 6.)

Am 6. Februar ist des Kurfürsten Geburtstag. Schloß und Residenz schmückt sich festlich. Von den Thürmen erschallen feierliche Posaunen-Chöre, dem Höchsten zu danken, und ihn zu bitten für den Landesvater. Friedrich Wilhelm weilt tief bewegten Herzens allein in seinen Gemächern. Da tritt seine Schwiegermutter herein, die Fürstinn von Oranien. Eben so fröhlich, wie blaß und matt ist ihr Angesicht, wie’s in der Chronik heißt. Sie spricht: „Luise sendet Euch hier ein Angebinde. Lüftet nur leise die Decke, die darüber liegt; ich muß es mit beiden Armen festhalten.“ Es geht ihm eine heiße Wallung unendlicher Freude durch’s Gemüth, als er einen Sohn erblickt, sein kleines Ebenbild. „O Gott!“ ruft er aus, wie steht es denn um Luisen? ich muß zu ihr!“ Die Fürstinn tritt ihm in den Weg, und spricht: „Als Regentinn heiße ich Euch diesen Euren Sohn mit dem ersten Vaterkuß begrüßen. Luise jedoch dürft ihr zwar sehen, aber nicht mit ihr reden.“ Er tritt leise sein. Die Kurfürstinn schaut ihn mit einem Auge voll heller Wonne an. Still beugt er sich über die junge Mutter, indem große Thränen über seine Wangen fließen.

Alles Volk des Kurfürsten jubelte, und dankte Gott. Die brandenburgischen Stände überreichten eine prächtige Denkmünze, auf welcher der Kurfürst dargestellt ist, wie er mit dem Ausdrucke hoher Freude seiner Gemahlinn die Hand reicht. Zwischen beiden steht der Kurprinz, mit dem einen Händchen des Vaters, mit dem andern der Mutter Hand ergreifend. Die Umschrift heißt:

Der sechste Hornungstag hat geben
Dem Vater und dem Sohn das Leben.

Bei der Taufe, welche in Berlin und im Haag festlich gefeiert ward, empfing der Kurprinz den Namen Karl Emil. Die Kurfürstinn wurde noch drei Mal Mutter. Am 11. Juli 1657 wurde Prinz Friedrich zu Königsberg geboren. Damals sang der fromme Königsberger Dichter, Simon Dach, weniger zwar aus prophetischem Drang, als um seine Huldigung dem Kurfürsten darzubringen:

Sag‘, was bedeutet des Friedrichs Geburt auf dem Königsberge?
Höret des Sehers Spruch: Friedrich wird König einst seyn.

Und dieser ist es wirklich, welcher nachher eine Königskrone sich auf’s Haupte setzte. – Am 19. November 1646, genas Luise eines Zwillingspaares. Aber dem Knäblein folgte bald das Mägdlein ins Grab. Der Kurfürst soll überaus getrauert haben, als das liebliche Ebenbild seiner Luise ihm genommen wurde. Und der mütterliche Schmerz wurde durch den Schmerz des mitleidenden Gatten noch verdoppelt. Ihr letztes Kind, den Prinzen Ludwig, gebar die Kurfürstinn zu Cleve am 8. Juli 1666.

Ihre Kinder galten ihr als die kostbarsten, mit heißem Flehen und Gebet der göttlichen Gnade abgerungenen Kleinodien. So achtete sie die Erziehung derselben als Gottesdienst. Und es gehörte zu ihrem größten Kummer, daß sie so oft zur langen Trennung von ihnen genöthigt war. Es tröstete sie dabei allein die Zuverlässigkeit des Mannes, welchem man die Erziehung der Prinzen anvertraut hatte.

Das war der edle Otto von Schwerin, Pommerschen Adels, festen Charakters, lautern Herzens, frommen Gemüthes, welcher, als das pommersche Land ungerechter Weise Schweden zufiel, Ehren und Güter seiner Heimath verließ, um im Land und Dienst seines rechtmäßigen Herrn, des Brandenburgischen Kurfürsten, zu leben.

Dieser Otto von Schwerin wurde der Elieser des Kurhauses. Friedrich Wilhelm ließ 20 Jahre lang alle wichtigsten und verschwiegensten Geschäfte durch seine Hand gehn. Zugleich war er der Kurfürstinn Oberhofmeister. Die Ausführung vieler ihrer Gedanken legte sie in seine geschickten Hände; besonders hat er um die Schöpfungen in Oranienburg großes Verdienst.

Bewundernswerth ist, bei aller opferfreudigen Zärtlichkeit und Tiefe, die heilige Ruhe, die unter Gottes Hand sich beugende Demuth ihrer Mutterliebe. Auf die Nachricht von ernster Erkrankung des Kurprinzen schreibt sie einst an den bekümmerten Schwerin: „Ich kann mir denken, in welcher Sorge Sie sind; aber Sie haben mit Aeltern zu thun, die versichert sind, daß kein Haar von unserm Haupt fallen kann, ohne Gottes Willen, daß uns nichts von ungefähr geschieht, daß Alles von Seiner Hand kommt. Wir werden nicht die zweiten Ursachen suchen, sondern Denjenigen, der Gutes und Böses schickt, von dem Leben und Tod abhängt.“

Sie hatte tief den Schmerz der Einsamkeit einer Mutter gefühlt, die ohne Kinder ist. So wollte sie sich nun der Einsamkeit von Kindern erbarmen, die ohne Mutter und ohne Vater sind. Sie beschloß ihr Gelübde, das sie bei Erflehung des Prinzen gethan, durch Stiftung eines Waisenhauses zu lösen.

Mit der Ausführung ging es für ihren Eifer viel zu langsam. Die Zeitverhältnisse waren zu ungünstig. Auch wollte sie keine Uebereilung, sondern reelle, verständige, fürstliche und dauerhafte Lösung ihres Gelübdes. Das war aber schon darum nicht leicht, weil ähnliche Anstalten damals in Deutschland noch nicht bestanden. Es galt das Muster erst zu erfinden, und die Bahn zu brechen. Nach 10 Jahren konnte das Waisenhaus zu Oranienburg eingeweiht werden. Sie hatte es ihrem Schlosse gegenüber erbauen lassen; sie begehrte ihren Pflegekindern mütterlich nahe zu seyn. Der Geist der Anstalt, ihre Einrichtung und Wirthschaftlichkeit wird am frischesten unmittelbar aus der Stiftungsurkunde erkannt, welche die Kurfürstinn selbst verfaßt hat.

„Wir Luise von Gottes Gnaden, Markgräfinn und Kurfürstinn zu Brandenburg, geborne Prinzessinn zu Oranien u. s. w., urkunden und bekennen hiermit vor Uns und Unsern Erben, daß wir öfters bei uns erwogen, wie viel und mancherlei in unserm Leben unterlassen wird, was dennoch unser Erlöser Christus von uns fordert, vorab in den Werken der Liebe und Barmherzigkeit. Als wir uns nun vornämlich erinnert, wie Gott der Herr sich selbst einen Vater, einen Helfer und einen Beistand der Waisen zu seyn verheißt, und Allen und Jeden befiehlt, dieselben gebührlich zu verpflegen, daher es dann dem Hiob zur Gottseligkeit zugerechnet, daß er seine Bissen nicht allein gegessen, sondern die Waisen solches mit genießen lassen; und in der Schrift es für einen unbefleckten Gottesdienst geachtet wird, die Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen; und Wir dagegen verspüren, wie gar wenig solcher Befehl in Handhabung armer, verlassener Waisen in Acht genommen wird, daß auch deren nicht allen viele kümmerlich umkommen, sondern der Mehrertheil aus Mangel nöthiger Aufsicht und guter Erziehung der bösen Welt zu Theil wird, und an Statt daß sie zu Gottes Ehren leben sollten, nur des Satans Reich vermehren helfen: so haben wir zu der Zeit, da wir Gott, den Allerhöchsten, eben an diesem Ort so herzlich um seinen so lange verweilenden Ehesegen angerufen, der uns auch gnädig erhöret hat, und dem wir dafür nebst allen unsern Nachkommen ewig Lob und Dank sagen wollen, diesen beständigen Vorsatz genommen, Gott dem Allerhöchsten zu Ehren, und Christo, der uns sämmtlichen die Kinder so hoch anbefohlen, zum Gehorsam, allhier zur Erziehung und Erhaltung von 024 Waisen, nicht allein ein Waisenhaus zu erbauen, sondern auch zu deren Verpflegung gewissen Unterhalt zu verordnen, und, wie es damit zu allen Zeiten gehalten werden soll, zu bestimmen; gestalt wir dann hiermit, nachdem durch Gottes Gnade das Gebäude fertig geworden, wir auch das übrige selber, vermittelst dieser unserer Verschreibungen, richtige und beständige Verordnung machen wollen.

Nach dieser Einleitung wird der Plan bis ins Einzelste ausgeführt. Dotirung, Hausgeräth, Kleidung, Pflichten und Rechte der Haus-Aeltern, Berechtigung zur Aufnahme der Waisen, Verwaltung u. s. w. werden so genau verhandelt, daß man über die Wirthschaftskenntniß der Kurfürstinn erstaunen muß.

Doch ihr fürstliches Auge, weit über die Grenzen der nächsten Häuslichkeit hinausgehend, erfaßte mit gleichem Geschick und Eifer die großen Verhältnisse des Staatshaushaltes. Aufgewachsen in der Anschauung des blühenden Handels und Wandels ihrer Heimath, war sie fortwährend darauf bedacht, in die kurfürstlichen Länder die Keime eben solchen Aufschwungs der Volkswirthschaft und der öffentlichen Wohlfarth zu verpflanzen. So legte sie z. B. auf einem ihrer Güter bei Berlin, nach holländischem Muster, eine Papiermühle an. Und was der große Kurfürst gethan zur Hebung des Verkehrs und Handels, besonders die Anlegung des Friedrich-Wilhelm-Grabens, (auch Müllroser Kanal genannt), welcher die Oder mit der Spree verbindet, verdankt das Land dem Rath seiner Gemahlinn. Denn diese kannte den goldenen Segen, welche ihr Holland durch seine berühmten Kunst-Wasserstraßen täglich ärntete.

Es ist allein den Naturen höherer Art eigen, in den kleinsten Dingen so heimlich und tüchtig zu seyn, als seyen für sie die großen nicht da, und zu gleicher Zeit in den großen Dingen so heimlich und tüchtig zu seyn, als seyen die kleinen für sie nicht da. – So bei Karl dem Großen. – Luise war mit derselben Herzensfülle des Hauses, wie des Landes Mutter.

Aber darum konnte Sie eine solche Mutter seyn, weil sie ein solches Weib war, treu und fest, mit voller Kraft und Begeisterung ihrem Manne ergeben. Und auch der Kurfürst, dieser Mann sturmgewohnt, unbeugsam und prächtig, wie die Eichen seiner Wälder; seine Ehren und Sorgen, und sein Leben waren ihm leid, hätte er nicht Alles mit seinem theuren Weib gemeinsam gehabt. Wir haben schon gehört, wie er das Schwerste, was einem Fürsten geschieht, der die Fundamente zu einem Bau der Zukunft legt, wie er leichter die Erlöschung seines Stammes erträgt, als die Scheidung von Luise. Er will sie immer um sich haben, und sie ihn. Es hat sie unsägliche Mühe gekostet, unsägliche Entbehrungen ihr aufgelegt, in dieses rastlos vielbewegte Fürstenleben hineingeschlungen zu seyn; aber Trennung war beiden immer noch viel mühsamer.

Es war nicht eine Zeit friedlicher Entwicklung, sondern der Gewalt, des stürmischen Werdens und Wachsens, als wie im Vorfrühling die Fluthen brausen. Und Friedrich Wilhelm war, so weit das von einem Menschen gesagt werden kann, selbst und allein der Herr, welcher nach festen, nur von ihm verstandenen Zielen mit seiner Regierung hinstrebte. Die verschiedenartigsten, zum Theil sich widerstrebenden Völkerschaften wohnten unter einem Scepter: Rheinländer, Westfalen, Brandenburger, preußische Polen. Jeder dieser Stämme sollte aus seiner Umgebung und Geschichte gelöst, den andern, meist durch weite Ländergebiete getrennten, verbunden werden: für alle mußte Ein gemeinsames Interesse fühlbar, und Eine gemeinsame Geschichte begonnen werden. Die ungemein kraftvolle Person des Kurfürsten selbst und allein war der Brennpunkt, an dessen Feuer diese, oft bis zu den trotzigsten Gegensätzen gespannten Verschiedenheiten zergehen, und in eine lebenskräftige Einheit zusammen schmelzen mußten. Damit der Staat zur freien, frischen Entwicklung komme, galt es oft, die herkömmliche Selbstständigkeit der Ländertheile mit eherner Hand so weit zu brechen, als es zur widerstandslosen Eingliederung in den neu geschaffenen Staatskörper nothwendig war. Es ist ihm gelungen. Indeß seine Völker, indem sie den Verlust mancher alten Rechte zu verschmerzen hatten, ohne sofort der neuen Vortheile froh zu werden, haben ihn mehr gefürchtet und bewundert, als geliebt. Aber es ward alsbald ihr Stolz, daß man ihn den großen Kurfürst nannte.

Aus diesen Umständen erklärt es sich leicht, daß des Kurfürsten Gegenwart an den auseinanderliegendsten Punkten seiner zerstreuten Länder oft sehr nothwendig war. Man hat berechnet, daß er von seiner ganzen, langen Regierungszeit nur 12 Jahre in seinem Residenzschloß zu Berlin verbracht hat, also die übrigen 36 Jahre auswärts in seinen Landen.

Und Luise war, je und dann nur ganz kurze Zeiten ausgenommen, daheim und draußen immer um ihn. Und oftmals in Krieg und Gefahr.

Im Jahre 1655 war sie ihm in das ferne Preußen nach Königsberg gefolgt. und die Mutter mußte ihr jüngst gebornes Kind, den Kurprinzen, unter fremder Obhut zurücklassen. Die Reise ist unendlich beschwerlich. Es gilt als eine Erleichterung, daß die kurfürstlichen Wagen über Knüppeldämme fahren. Kaum in Ruhe nach der lästigen Herbstreise, kommt der Schwedenkönig, Karl Gustav, mit Heeresmacht gen Königsberg mitten im Winter herangestürmt. Nach kurzer Belagerung der Stadt, die sich nicht halten kann, ertrotzt er ein Bündniß des Kurfürsten gegen Polen. Nun schüttelt der erzürnte Polenkönig seine Tartaren-Schwärme über Preußen aus, Brand und Mord unter ihren Händen. Der Kurfürst sieht sich gezwungen, dem schwedischen Bündniß heimlich den Rücken zu wenden, damit er die Polen vom Halse bekommt. Ueber dem Allen beginnt die Pest Königsberg zu geißeln. Er flüchtet seine Luise auf’s Land. Bald erkrankt sie heftig; auf einer Sänfte muß sie wieder zur Stadt gebracht werden. Und hier gebiert sie nun, wie oben gemeldet, am 11. Juli 1657 den Prinzen Friedrich, den nachmaligen König. So hatte sie mitten in dem Wirbel und den Wetterwolken dieser rasch sich folgenden Ereignisse gestanden, ihrem Manne bei allen Aengsten ein Rath und Trost.

Endlich, am 10. November 1657, schien, durch einen günstigen Friedensvertrag mit den Polen, die Herrschaft des großen Kurfürsten gesichert, uns seine Anwesenheit in dem fernen Königsberg nicht mehr nöthig zu seyn. Mitten im strengsten Winter rüstete man sich zur Abreise nach Berlin. Wohl fällt es der vielgeprüften Mutter schwer, ihren kränklichen Säugling Friedrich, dem noch dazu, durch Unvorsichtigkeit seiner Wärterinn, das Rückgrad verkrümmt war, den Gefahren der weiten, beschwerlichen Reise auszusetzen. Aber das Verlangen, ihr zurückgelassenes Kind in Berlin wieder zu sehen, sowie das Drängen ihres Gemahls, läßt sie nicht länger weilen. Und als nun der lang ersehnte Augenblick da ist, als sie in Berlin die Stufen zu ihrem Schlosse hinauf, und durch alle Gemächer eilt, um ihren Sohn zu sehen: da findet sie ihn munter und fröhlich beim Spiel mit seinen Tocken, oder Puppen. Sehnsüchtig breitet sie ihre Hände nach ihm aus, und ruft ihn; aber dem Knaben ist die Mutter unbekannt geworden; er schaut sie verwundert an, und spielt ruhig weiter. Luise dankte für die Verwahrung ihres Karl Emil Gott und der treuen Dienerschaft so beweglich, daß diese in Thränen ausbrachen.

Später im Herbst 1662 treffen wird sie noch einmal in Königsberg. Der Kurfürst hatte die polnische Oberhoheit über Preußen, das peinliche Joch seines stolzen Nackens, abgeschüttelt, und war gekommen, sich als souveräner Herzog von Preußen huldigen zu lassen. Die Großen des Landes, eifersüchtig auf ihre alten Rechte, deren Fortbestehen Friedrich Wilhelm zum größten Theil nicht mehr dulden konnte, waren sehr schwierig, Königsberg offner Empörung nahe. Luise, an der Seite ihres Mannes, tritt furchtlos unter dies gährende Volk, unter den Schwingen des Adlers die Taube. Und das kurfürstliche Paar empfing im Königsberger Schloßhof unter freiem Himmel die Huldigung des Landes.

Vorher, im Winter 1659, war sie, die unerschrockene Genossinn des fürstlichen Feldherrn und Kriegsmannes, ihm in die jütländischen Feldlager gefolgt. Der Krieg gegen die Schweden hatte im September begonnen, und sich über Erwarten in die Länge gezogen. Die Briefe des Kurfürsten, die er von den Schlachtfeldern heimschrieb, waren voll herzlichster Sehnsucht. Das Vierteljahr der Trennung ward ihm zu unerträglichem Schmerz. Im Januar brach die Getreue auf. Durch Frost und Kriegsgefahr eilte die ersehnte Fürstinn in das nordische Jütland. Der Einnahme von Fridericia wohnte sie bei. Doch bald fühlte sie, daß Heerlager und Schlachtfelder zum Aufenthalt für Frauen sich nicht eignen. Ihre Rückkehr geht zur See nach dem Haag. Eine Winterfahrt auf dem nordischen Meer ist nicht ohne Gefahr; das brandenburgische Heer vereinte sich mit ihrem besorgten Kriegsherrn zur Fürbitte, daß der Kurfürstinn Fahrt glücklich werde.

Ihre Mutter hatte sie nach Holland zur Hochzeit einer jüngern Schwester, eingeladen. Aber noch andere Gründe bewegten den Kurfürsten, in diese Reise einzuwilligen. Der Kriegsschauplatz hatte sich tiefer hinein in die unwirthlichen Gegenden Jütlands gezogen. Zufuhren aus der Ferne waren nothwendig; vielleicht auch Beistand zur See, den die holländische Flotte schon einmal geleistet hatte. So konnte die Anwesenheit Luisens in Holland, welches mit steigender Verehrung stolz auf sie war, von großem Vortheil seyn. Es ist ein Zeichen ihrer Herrscherklugheit. Daß sie nicht die Residenz Haag, wo durch diplomatischen Einfluß ihr Blick und Hand leicht hätten unfrei werden können, sondern Groeningen zu ihrem Sitz wählte. Von hier aus war es ihr möglich, den Kurfürst mit der ganzen Armee, falls das Aeußerste eintreffen, ihm nämlich der Rückzug durch Deutschland unmöglich gemacht werden sollte, auf holländischen Schiffen über’s Wasser zu retten.

„ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen; sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von Ferne bringet: sie thut ihren Mund auf mit Weisheit; sie merket, wie ihr Handel Frommen bringt: ihre Leuchte verlöscht des Nachts nicht.“ Dieses königliche Frauenlob (Sprichw. Salom. 31.) wird mit Fug der Kurfürstinn gespendet. Die kurfürstliche Schatzkammer bereicherte sie mit kostbarem Geschmeide. Die kurfüstlichen Besitzungen mehrte sie beträchtlich durch Güterkauf; in Preußen, wo in der vorangegangenen bösen Zeit die Kammergüter fast ganz verschleudert, oder in Pfandschaft übergegangen waren, löste sie Eins nach dem Andern wieder ein. Es wird ihr möglich durch ihre kluge Sparsamkeit und ausgezeichnete wirthschaftliche Begabung. „Sie ist das Kaufmannsschiff, des Mannes Nahrung aus der Ferne bringend.“ – Ihr heller Verstand, der mit gesundem Blick die schwierigsten Verhältnisse des Staates einfach zu sondern und zu erfassen wußte, ist dem Kurfürsten unentbehrlich geworden. Man erzählt, daß er nicht selten mitten aus der Sitzung seiner Minister zu seiner Gemahlinn geeilt sey, um mit ihr die schwebenden Fragen zu besprechen. Dann gab sie ihren Rath immer in jener rührenden Einfalt, die ihres Werthes sich nicht bewußt ist. Es blieb ihr eine Gewissenssache der Demuth, ihren Einfluß auf öffentliche Angelegenheiten nur durch den Willen des Kurfürsten bestimmen zu lassen, und anders nicht, als nur unter seinen Augen zu üben. Heilig waren ihr die Grenzen, innerhalb welcher das Handeln und Wandeln des Weibes schön bleibt. Mit sicherm Gefühl erkannte sie dieselben. Aber darinnen war sie ihrem Manne eine „Leuchte, die auch des Nachts nicht verlöschet.“

Sie war das keusche Sonnenlicht des Hofes. Vor der Macht ihrer weiblichen Schönheit und Reinheit mußte das Gemeine und Unreine zurückscheuen. Eine Zeit der Reinigung beginnt in den kurfürstlichen Hoflagern, die in den langen Kriegsjahren wild und wüst geworden.

Die schönen Künste, welche vorher nur als Fremdlinge in der brandenburgischen Residenz geachtet waren, machte die rein gebildete, poesie-frische Frau in ihrer Umgebung heimisch. Aus Holland verpflanzte sie die Malerei herüber. Ihr Mann überraschte sie einst mit einem kolossalen Standbild aus feinstem kararischem Marmor, seine Heldengestalt selbst darstellend. Sie gestattete ihm gern, daß er seinen Wahlspruch darüber meißeln ließ: „Domine, fac me scire viam, quo amulaturus sim!“ (Herr, thue mir kund den Weg, auf dem ich wandeln soll!“ Psalm 143, 8.) Sie selbst liebte und übte die Musik. Der Kurfürst, welcher bei der Riesenaufgabe seines Lebens für Förderung der Künste nicht Zeit und Mittel, wie er wünschte, fand, genoß mit zärtlichster Dankbarkeit, was davon seine Luise im darbot.

In dieser geistigen Verklärung ihres Hofes bewegte sie sich mit höchster Anmuth. Wie viele Leidenslast sie auch zu ertragen bekam, das Licht ihrer inwendigen Fröhlichkeit brach doch immer wieder hindurch. Sie hatte eine ganz ungewöhnliche Begabung, ihre reine, holdselige Heiterkeit wie einen Sonnenstrahl aus sich auf Andere scheinen zu lassen, was wohlthuender ist, als es beschrieben werden kann. Und eben darum, und weil sie mit zarter Hand dem Unangenehmen zu wehren, und das Angenehme herbei zu locken verstand, war sie eine fürstliche Meisterinn in häuslichen Festen. konnte sie nicht zu den Festen kommen, so wurden Feste zu ihr gebracht. Darum feierten mehrere ihrer Schwestern ihre Hochzeit im Schloß zu Cleve, da sie gerade dort Hof hielt.

Luise war der freundlichste Weg und der sicherste zur kurfürstlichen Gnade. Mancher im Lande, den die Schärfe des Gesetzes, oder des Kurfürsten eben so feurig aufbrausender, als bald besänftigter Zorn tief verwundet hatte, segnete die milde Herrinn, die ihm aus der Angst geholfen. Von reuigen Verurtheilten ward sie hierzu stets willig gefunden. Die heilige Schrift war der Born, aus welchem Luise ihr Glauben, Lieben und Hoffen schöpfte, in welcher sie ihre Gedanken alle, und all ihr Dichten und Trachten versenkte, daß sie, rein gebadet vom Staube dieser Welt, wieder emporstiegen. In der Schrift fand sie Jesum Christum, den Heiland, ihre Zuversicht, in dessen Hand sie ihre glaubensstarke Hand legte, zu ewiger und seligster Verbindung. Und es erfüllte sich an ihr des Herrn Verheißung: „Wer an mich glaubet, von deß Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“

Wie heimathlich sie sich im Schriftwort fühlte, ließ sich ihrer Rede, und läßt sich allem, was von ihr niedergeschrieben ist, abmerken; es ist Alles durchklungen mit Gottes Wort.

Nur wenn sie krank ist, fehlt sie in der Kirche; man liest Gottes Wort, betet und singt in ihrem Krankenzimmer. An den Nachmittagen des Sonntags überdachte sie noch einmal die gehörte Morgen-Predigt, und wandte sie an auf Herz und Haus.

Es war der Kurfürstinn eine immer gewünschte Freude, mit erleuchteten Männern über die höchsten Dinge sich zu unterhalten. Der Hofprediger Stosch berichtet, „er habe wohl viel hundert Stunden in Privat-Audienz mit geistlichen Gesprächen, Fragen und Antworten bei ihr zugebracht; nicht Eine Frage oder Lehre, so zur Prüfung unserer selbst, und zur Erweckung und Uebung der Gottseligkeit diene, sey zwischen ihnen unbesprochen geblieben; keine sey zu nennen, welche die Kurfürstinn nicht aus ihrer innern Erfahrung erläutert hätte.“ Und es ist ihr dabei allen Ernstes, nicht um eitles Wissen und geistreiche Spielereien mit Worten zu thun, sondern um erleuchtete Augen des Verständnisses und um Herzensbesserung. „Ich wiederhole, – sagte sie einst zu Stosch, – daß Ihr alle meine Sünden und Fehler mir vorhaltet, auch wenn nur ein Schein hiervon da wäre. Vergesset nicht, daß Ihr Seelsorger seyd; ich beschwöre Euch bei Gott, Eurem und meinem künftigen Richter.“ Dagegen konnte sie Nichts so sehr erzürnen, – wie ein Mann aus ihrer Umgebung berichtet, – als wenn sie zu hören bekam, daß sektirerische Lehren im Gespräch auch der Christlich-Gesinnten am Hof zu einem leeren Spiel des Witzes und Scharfsinnes gemacht wurden.

Eben so zuwider war ihr auch der gehässige Kanzelkrieg der beiden evangelischen Confessionen. Ihr zartes Gewissen fühlte klar, daß nicht sittlicher Ernst, sondern Leidenschaft die Feueresse dieser Streitigkeiten sey, welche ihr nicht als heilige Kämpfe, vielmehr als elende Zänkereien erschienen.

Sie war mit dem Kurfürsten von Herzen der reformirten Kirche zugethan, jedoch nicht nach der schroffen Dordrechter Ausprägung. Es ist bekannt, daß der Kurfürst die Einigung der ev. Schwesterkirchen in seinen Landen ernstlich gewollt hat. Und als das von ihm in Berlin veranlaßte Liebesgespräch, welches die brennden Punkte ausgleichen sollte, in einen heftigen Streit ausschlug, untersagte er durch ein Gesetz mit demselben Ernst, wie die Verunglimpung der Reformirten auf der lutherischen Kanzel, so auch jede gehässige Deutung der lutherischen Lehre auf der reformirten Kanzel.

Aber stiller und freundlicher pflanzte sich der ev. Glaubensfriede, wo Luisens sanfte Hand herzgewinnend waltete. Der Oranienburger Magistrat hatte ihr ehrfurchtsvoll dankbar das Recht übertragen, den Rektor der lateinischen Schule daselbst zu berufen. Sie stellte an der lutherischen Lehranstalt einen reformirten Oberlehrer an, welcher, nach der damaligen Sitte, zugleich Geistlicher war. Und die geistlichen Lehrer beider ev. Confessionen wohnten und wirkten friedlich unter Einem Dach. Bald geschah es sogar, daß der reformirte Prediger zu Zehlendorf in der lutherischen Kirche zu Oranienburg das heil. Abendmahl spendete. Das war kein Drang und Zwang, sondern nur ein heimliches Wünschen und ein freundliches Zugestehen. Und beides im Liebesgeist jener Sanftmuth, welche vom Herrn selig gepriesen ist, weil sie das Erdreich besitzen wird.

Ueberhaupt, was nur aus dem Heiligthum ihres Innern hervortrat, schien es auch zunächst bloß der äußern Welt anzugehören, hatte immer den Kern einer höheren Weihe, einer religiösen Beziehung. Die Hebung der leiblichen Wohlfahrt ihrer Unterthanen war ihr nur die nothwendige Form der geistlichen, christlichen, sittlichen Pflege derselben. Ihre Dienerschaft, deren zeitliches Vorankommen sie mütterlich besorgte, war zugleich Glied ihrer Hausgemeinde. Aus ihrem Gebet um den ersehnten Kindersegen blühete das Waisenhaus auf. Das Waisenhaus, zunächst eine Zufluchtsstätte für obdachlos und Pflegens gewordene Kinder, wurde alsbald vorbildliche Anstalt christlicher Erziehung. Der Jubel und feurige Dank ihres Herzens für das Gnadengeschenk, das ihr in dem Kurprinzen zu Theil ward, verklärte sich zu einem wöchentlich wiederkehrenden Feiertag. Denn von nun an bringt sie, einem Gelöbnis treu, jeden Dienstag, auf welchen Wochentag sie den Kurprinzen geboren, fern vom Geräusch des Hofes, mit Fasten und Beten und im Gespräch mit ihren Seelsorgern zu.

In der König. Bibliothek zu Berlin wird ein merkwürdiges Zeugniß davon aufbewahrt, wie sie, durch stete Reinigung des Gewissens, aus dem Bad der Wiedergeburt zur vollen Lebensheiligung aufzusteigen sich täglich bestrebt hat. Es ist dies eine, mit dem Geist aus der Höhe gesalbte, geistliche Uebung, von ihrer Hand unter dem Titel niedergeschrieben: Louysen Kurfürstin von Brandenburg tägliches Bußgebet. In derselben heiligen Demuth und Beugung verfaßte sie ein köstliches Bußlied, welches hier folgen soll:

1) Ich will von meiner Missethat
Zum Herren mich bekehren;
Du wollest selbst mir Hülf und Rath,
Hierzu, o Gott, bescheeren,
Und Deines guten Geistes Kraft,
Der neue Herzen in uns schafft,
Aus Gnaden mir gewähren!

2) Natürlich kann ein Mensch doch nicht
Sein Elend selbst empfinden:
Er ist ohn‘ Deines Geistes Licht
Blind, taub und todt in Sünden.
Verkehrt ist Will‘, Verstand und Thun:
Des großen Jammers komm‘ mich nun,
O Vater, zu entbinden!

3) Klopf‘ durch Erkenntniß bei mir an,
Und führ‘ mir wohl zu Sinnen,
Was Böses ich für dir gethan, –
Du kannst mein Herz gewinnen, –
Daß ich aus Kummer und Beschwer‘
Laß über meine Wange her
Viel heiße Thränen rinnen!

4) Wie hast Du doch auf mich gewandt
Dein Reichthum Deiner Gnaden!
Mein Leben dank ich Deiner Hand;
Du hast mich überladen
Mit Ruh‘, Gesundheit, Ehr‘ und Brod, –
Du machst, daß mir noch keine Noth
Bis hierher können schaden.

5) Hast auch in Christo mich erwählt
Tief aus der Höllen Fluthen,
Daß niemals mir es hat gefehlt
An irgend einem Guten.
Und daß ich ja Dein eigen sey,
Hast Du mich auch aus großer Treu
Gestäubt mit Vater-Ruthen.

6) Gegeben zu genießen?
Schenk aber ich Gehorsam dir?
Das zeuget mein Gewissen,
Mein Herz, in welchem Nichts gesund,
Das tausend Sünden-Würmer wund
Bis auf den Tod gebissen.

7) Die Thorheit meiner jungen Jahr,
Und alle schnöden Sachen
Verklagen mich so offenbar:
Was soll ich Armer machen?
Sie stellen, Herr, mir für’s Gesicht
Dein unerträglich Zorngericht
Und Deiner Höllen Rachen.

8) Ich habe meiner Gräuel Qual,
Und schäm‘, sie zu bekennen;
Es ist weder Maaß noch Zahl,
Ich weiß sie nicht zu nennen.
Und ist keiner doch so klein,
Um welchen Willen nicht allein
Ich ewig müsse brennen.

9) Bisher hab ich in Sicherheit
Fein unbesorgt geschlafen,
Gesagt: es hat noch lange Zeit,
Gott pflegt nicht bald zu strafen,
Er fähret nicht mit unsrer Schuld
So strenge fort; es hat Geduld
Der Herr mit seinen Schafen.

10) Dies Alles jetzt zugleich erwacht,
Mein Herz will mir zerspringen,
Ich sehe Deines Zornes Macht,
Dein Feuer auf mich dringen.
Du regest wider mich zugleich
Des Todes und der Höllen Reich,
Die wollen mich verschlingen.

11) Die mich verfolgt, die große Noth,
Fährt schnell ohn‘ Zaum und Zügel.
Wo flieh ich hin? Du Morgenroth,
Ertheil mir deine Flügel!
Verbirg mich wo, du fernes Meer,
Stürzt hoch herab, fallt auf mich her,
Ihr Klippen, Thürm‘ und Hügel!

12) Ach nur umsonst! und könnt ich auch
Bis in den Himmel steigen,
Und wieder in der Höllen Bauch
Mich zu verkriechen neigen:
Dein Auge dringt durch Alles sich,
Du wirst da meine Schand‘ und mich
Der lichten Sonnen zeigen!

13) Herr Jesu, nimm mich zu dir ein,
Ich flieh in Deine Wunden,
Die Du, o Heiland, wegen mein
Am Kreuze hast empfunden,
Als unter Aller Sünden Müh‘,
Dir o Du Gotteslamm, ward sie
Zu tragen aufgebunden.

14) Wasch mich durch Deinen Todesschweiß
Und purpurrothes Leiden,
Und laß mich sauber seyn und weiß,
Durch Deiner Unschuld Leiden!
Von wegen Deines Kreuzes Last
Erquick‘, was du zermalmet hast,
Mit Deines Trostes Freuden.

15) So angethan, will ich mich hin
Vor Deinen Vater machen;
Ich weiß, er lenket seinen Sinn,
Und schaffet Rath mir Schwachen.
Er weiß, was Fleisches Lust und Welt
Und Satan uns für Netze stellt,
Die uns zu stürzen, wachen.

16) Wie werd‘ ich mich mein Lebenlang
Für solcher Plage scheuen?
Durch Deines guten Geistes Zwang,
Den Du mir wollst verleihen;
Der mir vor aller Sünden List,
Und dem, was Dir zuwider ist,
Helf ewig mich befreien.

Der Geist des Herrn kam noch öfter über sie im heiligen Gesange, sodaß sie im dichterischen Aufschwung wie eine Lerche ward, die am Lenzmorgen lobpreisend zum Licht sich erhebt.

In dem Gesangbuch, welches Christoph Runge zu Berlin im Jahre 1653 auf ihren Antrieb herausgab, und das Kernlieder der lutherischen, wie der reformirten Glaubensgemeinschaft enthält, finden sich noch zwei andere von der Fürstinn gedichteten Lieder: 1) das Loblied:
„Gott, der Reichthum Deiner Güte,
Dem ich Alles schuldig halt‘,
Ursacht, daß mir mein Gemüthe
Gegen Dir vor Freude wallt, u. s. w.

Sodann das Lied des Gottvertrauens in der Zeit des Kriegs und der Pest:
Ein Andrer stelle sein Vertrauen
Auf die Gewalt und Herrlichkeit
Und auf Hochmuth zu jeder Zeit
Ich will auf Gott, den Höchsten, bauen, u. s. w.

So tritt die reformirte Fürstinn in den Sängerkreis der lutherischen Kirche, und wünscht, daß derselbe auch aufgenommen sey in den Chor der reformirten Kirche; denn in allen Wäldern des Herrn haben seine Sänger denselben Sang und süßen Schlag. Die Lieder der Fürstinn sind von hoher, poetischer Schönheit, nicht gemacht, sondern aus ihrem, in allen seinen Wechselfällen vom evangelischen Glauben getragenen Leben frisch herausgewachsen. Das güldene Kleinod, welches Luise mit dem Lied: „Jesus, meine Zuversicht“, der evangelischen Kirche geschenkt, hat sie selbst mit ihrem glaubensstarken, geheiligten Sterben besiegelt.

Für den Winter 1665 hatte der Kurfürst eine längere Reise nach Cleve beschlossen, Luise sollte mit ihm gehen. Vorher indeß wollte sie noch einmal alles, was sie geschaffen hatte, besonders das Oranienburger Waisenhaus, besichtigen, und von Allen, wie eine Mutter von ihren Kindern, Abschied nehmen. An allen Orten erfuhr sie ungeheuchelte Beweise der Liebe. Bei ihrer Abfahrt von Oranienburg drängte man sich mehr, denn je, um ihren Wagen, gleich als wüßte man, daß auf diesen Abschied ein Nimmerwiedersehen auf Erden folgen sollte. Allen, namentlich ihren Waisen, reichte sie die mütterliche Hand.

Im October 1665 ward die Reise angetreten. Luise sah heiter aus. Den Sommer 1666 brachte Luise mit ihrem Gemahl in Cleve zu, und gebar hier ihren letzten Sohn Ludwig. Da sie sich noch nicht wieder erholen konnte, widerriethen die Aerzte die beschwerliche Herbstreise nach Berlin zurück. Die Trennung war dem kurfürstlichen Paar ahnungsvoll schmerzlich. Sie fuhr in Begleitung ihrer Mutter den Rhein hinab, um im Haag die rauhe Jahreszeit zu verbringen. Die körperliche Schwäche wollte nicht schwinden; auch im Beginn des Frühlings nicht. Sie ahnte, daß sie diese Krankheit nicht überstehen werde. Eine heftige Sehnsucht nach dem Gatten und den Kindern ergriff ihr Herz. Sie drängte zur Heimreise, welche sie auch bald nach Ostern antrat. Schon in Duisburg verschlimmerte sich ihr Zustand so, daß sie einige Zeit verweilen, und der Forderung des Arztes, den man aus Wesel hatte kommen lassen, folgen mußte. Dem sie begleitenden holländischen Prediger Spanheim sagte sie: „Wenn mir Gott die Gnade erweist, mein Ziel zu erreichen, so will ich gern mit Simeon ausrufen: Herr, nun lässest Du Deinen Diener im Frieden fahren!“ Ein ander Mal: „Gott hat mich zu dem Scheiden in der Schule der Leiden vorbereitet; er hat die Zeichen seiner Ruthe in mein Fleisch gedrückt, aber auch seine Furcht in mein Herz gesiegelt.“ Dann zum Himmel blickend, fuhr sie fort: „Es ist mir lieb, Herr, daß Du mich gedemüthigt hast; aus Deiner Züchtigung erkenne ich, daß Du mich liebest, daß ich Dein Kind bin, daß du Acht auf mich hast, daß Du meinen Tod nicht begehrest, sondern daß Du aus einem tiefen Schlaf mich erweckest. Du hast mir gezeigt, daß das Wesen dieser Welt vergeht, daß aber, wen Deinen Willen thut, in Ewigkeit bleibet.“ Als nach Fortsetzung der Reise ein Rasttag gemacht wurde, und Spanheim über die Worte: „Gott mit uns!“ gepredigt hatte, wandte sie das Gehörte auf sich an: „Gott mit uns!“ Welch ein Trost in so trauriger Einsamkeit, in gefährlichen Wüsteneien, in abmattenden Kindbetten, im Hause des Weinens, bei den tausendfach listigen Ränken! Wohl uns, wenn Gott dann mit uns ist; wenn sein Auge unser Wächter, seine Vorsehung unsere Burg, die Engel unsere Hüter, sein Schatten unser Schirm ist!“

Die Nachricht von ihrem Unwohlseyn erregte in Berlin die größte Bestürzung. Man eilte ihr entgegen. Allen voraus der von Angst beflügelte Kurfürst; er trifft sie schon in Halberstadt; in der Nähe von Ziesar sieht sie ihre Kinder; zu Amt Rellin den Hofprediger Stosch. Dies Reisen im Wagen konnte sie nicht mehr ertragen. In einer Sänfte wurde sie 30 Meilen weit nach Berlin gebracht. Als Spanheim ihn zur Ankunft Glück wünschte, und Hoffnung zur Genesung aussprach, antwortete sie: „Für das Erste danke ich Gott, und das Zweite stelle ich ihm anheim; wenn er die Haare auf dem Haupte zählt, wie vielmehr unsere Tage. Wir vermögen nicht Eine Stunde zu ihrer Länge, noch Eine Elle zu ihrer Größe zuzusetzen. Derselbe hat mir angegeben, eine Zeit lang bei meiner theuren Mutter zu verweilen, und jetzt zu meinem Herrn zurückzukehren; Nun mag er mit mir machen nach seinem heiligen Willen.“

Sie war jung, erst im 40. Jahr, und mit vielen Banden der Liebe in das diesseitige Leben verschlungen. Die natürlichen Sinne sträubten sich wider das Sterben: „Was bitter ist der Tod! Fleisch und Blut erschrickt vor ihm!“ hörte man sie seufzen; aber der wiedergeborne Geist hatte den Muth, sich loszureißen. „Ich nähere mich dem Hafen himmlischer Ruhe, – sagte sie bald darauf freudig; schon sehe ich die Spitzen und Höhen der ewigen Stadt. Wenn ich wieder genese, so werde ich von Neuem in das unruhige Leben, in das ungestüme Meer voller Klippen zurückgetrieben.“ Auch der schmerzliche Gedanke an die Trennung von ihrem Manne verklärte sich ihr je mehr und mehr durch den Glanz der Hoffnung: „Einer von Beiden, – sagte sie, – muß voran; es ist mir nun um so lieber, diejenige zu seyn, die ihm eine Stelle zubereiten kann.“

Der Kurfürst rang in großer Seelenangst mit Gott; daß ihm das Theuerste erhalten bliebe. Man fand folgendes Gelübde von seiner Hand niedergeschrieben: „Nachdem der Höchste meine herzvielgeliebte Gemahlinn gar hart und schwer mit Krankheit heimgesuchet, und daß auch alle menschlichen Mittel umsonst und verloren seyen: so habe ich ein Gelübde dem Höchsten gethan, daß ich, daferne Ihre Liebden von diesem Lager wieder aufkommen, ich Ihr zu Ehren ein Armenhaus bauen, und zur Unterhaltung desselbigen jährlich 6000 Rthlr. verordnen will, so zu ewigen Zeiten von meinen Nachkommen darzustellen ausgefertigt wreden; und damit sie nun dieselbigen desto sicherer bekommen mögen, so verweise ich sie an die Salz-, Bernstein- und Postgelder hiermit dergestalt und also, daß von jedem 2000 Rthlr. jährlich für alle anderen Ausgaben ihnen zum Unterhalt gereicht werden sollen; wie ich dann denen Bedienten, so die Einnahme in Händen haben, ganz ernstlich und bei höchster Strafe anbefehle, solche Gelder alle Jahre richtig abzustatten. Des zur Urkunde habe ich dieses eigenhändig geschrieben und unterschrieben.“
Gegeben zu Berlin den 4. Mai Anno 1667.
Friedrich Wilhelm

Aber der Menschen Gedanken waren nicht Gottes Gedanken. Bevor die Schwachheit überhand nahm, versammelte sie ihre Dienerschaft um sich, dankte für die Treue, und erbaute sie durch ihren Abschied, die Fürstinn ihr Gesinde. Noch ergreifender ist ihr Abschied von den Kindern. Die zwei älteren Prinzen stehn vor ihrem Bette, den jüngsten, noch Säugling, einen lieblich gedeihenden Knaben, reicht man zu ihr hin, daß sie auch ihn segne. Alles ist von Schmerz überwältigt, sie allein in erhabener Ruhe, als gehöre sie schon dem Jenseits an.

Stosch besucht sie täglich. Am 17. Juni empfing sie ihn mit den Worten: „Es ist mir lieb und erwünscht, eines Dieners Christi in Anspruch zu vernehmen. Der Proceß, – fuhr sie fort, – den der Herr mit Elia gehalten, worin er ihn einen Sturm, ein Beben der Erde und ein Feuer hat erfahren lassen, ist auch über mich ergangen; nun hoffe ich, es werde auch ein sanftes Sausen nachfolgen, Er werde mir mit Gnade und Hülfe erscheinen.“

Folgenden Tages kommt Stosch, von Unruhe getrieben, Eine Stunde früher. Sie hieß ihn und die Andern beten. er bat Gott zuerst um leibliche Hülfe. Als er die Wendung nahm, „daß der Herr, wenn es Sein Wille sey, das Ewige für das Zeitliche darreichen möge“, hob sie ihre gefalteten Hände höher. Nach einiger Ruhe schlug sie bei allgemeiner Stille wieder die Augen auf. Da richtete Stosch an die sie Frage: „Ob sie fühle, daß Gott ihr gnädiger Vater sey?“ Sie antwortete Allen hörbar: Ja. Sie sank zurück und lag regungslos. Da brach Stosch das heilige Schweigen; zu dem von Schmerz erstarrten Kurfürsten gewandt, sprach er: „Sie ist Ew. Durchlaucht wie eine Garde auf Wegen und Stegen gewesen; aber der Trost bleibt, daß die letzten Seufzer dieser frommen Seele künftig, um Christi Willen, die Kraft eines täglichen Gebetes haben werden.“ Während dieser Ansprache hatte der Kurfürst Luisens Hand ergriffen; er glaubte sie entseelt, spürte aber ganz deutlich einen dreifachen Druck derselben. Das war ihr letztes Lebenszeichen. Sie starb am 18. Juni 1667, Nachmittags 6 Uhr. Sie ist wenige Monate über 39 Jahre alt geworden; davon die letzten 20 ½ in der Ehe mit dem Kurfürsten.

Der Kurfürst fühlte, daß „die Sonne seines Hauses erloschen sey.“ Er trat später, durch die Macht der Gewohnheit und der Verhältnisse gezwungen, in eine zweite Ehe, mit Dorothee, einer gebornen Prinzessinn von Holstein-Sonderburg. Aber man hörte ihn öfter, vor dem Bild der Verklärten weilend, ausrufen: „O Luise, wie oft vermisse ich Euren Rath!“ Das Volk fühlte seinen Verlust um so schmerzlicher, als ihm schien, Dorothee sei eine Stiefmutter, wie des Kurhauses, so des Landes. Mit desto größerer Eifersucht bewahrte es das Andenken der Hochgefeierten. Es schmückte seine Töchter mit ihrem Namen; bis auf Kind und Kindeskind wurden die Kirchenbücher mit dem Namen Luise erfüllt. In vielen Häusern der brandenburgischen Lande, und nicht bloß in den reichen, sah man ihr Bildniß in Oel gemalt; noch im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, da man anfing, das Bild der andern neben das ihre zu hangen. Sie ist eng verwachsen mit der Begründung und dem wunderbaren Aufschwung des preußischen Staates. Der große Kurfürst war genöthigt, mit eisernem Pflug tiefe Furchen zu ziehen, durch Felsen und wildes Gestein; sie ist wie Thau und Morgenröthe über seine Saaten, die als eine neue Flur, geschlossen und eigenthümlich, zwischen den europäischen Saaten-Gefilden aufsproßten.

Und wer von dem Glauben durchdrungen ist, jedes Ereigniß in der Geschichte, – auch das nebenhergehende, untergeordnete, – werde eben so gewiß, wie das folgenreichste, durch die göttliche Weisheit bestimmt: dem muß es höchst bedeutungsvoll erscheinen, daß in der Oranischen Fürstinn Luise, der Urenkelinn des edeln Cologny, dieser Märtyrer der französisch reformirten Kirche, unter die Ahnen des Hohenzollerschen Hauses aufgenommen ist, neben jenem Märtyrer-König der lutherischen Kirche. Denn Gustav Adolph ist der Oheim des großen Kurfürsten.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859