Karl der Große

Zu Aachen, wo manchem großen deutschen Kaiser die Krone auf das Haupt gesetzt wurde, zum Wahrzeichen, daß er der vornehmste Herrscher sei in der Christenheit, steht in dem uralten Münster ein schlichter Grabstein, darauf sind die Worte zu lesen: „Karl dem Großen. Bei diesem Steine soll Jedermann, der in die Kirche eintritt, des großen Kaisers Karl gedenken, dessen Name einst gepriesen und gefürchtet wurde von Christen und von Heiden bis zum fernen Morgenlande, weil er ein siegreiches Schwerdt führte, und doch groß und gut war und weise regierte, der auch dieses Gotteshaus gegründet hat, wo er zuletzt nach allen herrlichen Thaten bestattet worden ist, um auszuruhen von seinem schweren Tagewerke. Mehr als tausend Jahre sind seitdem verflossen, und längst ist das ganze deutsche Volk eingegangen zu den Pforten der Kirche, längst hat sich die Asche des großen Kaisers mit dem Staube vermischt, und andere Herrscher haben die Welt mit ihrem Ruhme erfüllt; aber vergessen ist er darum nicht, denn keiner von allen Kaisern war größer als er, und wollte man einen am höchsten preisen, dann sagte man: „Er hat gewaltet wie Karl der Große.“ Denn alles Leben wie es geworden ist in deutschen Landen, und weit darüber hinaus, in bürgerlichen Einrichtungen und kirchlichen Ordnungen, das gibt Zeugniß von dem was er gethan hat, und unter allen, die ein Werkzeug waren in der Hand Gottes, ist er das gewaltigste gewesen. Mit starkem Arm hat er einen großen Theil der deutschen Erde durchfurcht, damit sie jenes Senfkorn in sich aufnehme, das nun zu einem hohen Baume aufgewachsen ist, und in dem Schatten seiner mächtigen Zweige haben seitdem viele Millionen Menschen Obdach, Schutz und Frieden gefunden.

Als Karl im Jahre 768 nach dem Tode seines Vaters Pipin, der auch ein großer Herrscher war, zum Reiche kam, da hatte im Lande der Franken das Licht des Christenthums schon lange die alte Finsterniß verscheucht, denn in den Städten erhoben sich Kirchen und Bethäuser, und die Bischöfe nahmen der Lehre wahr, und den Armen und Unwissenden wurde das Evangelium gepredigt, und die Menschen wohnten friedlich neben einander wie es Christensitte und Brauch ist. Aber so stand es nicht überall. Denn auf dem festen Lande herrschte die christliche Lehre nur noch jenseits der Alpen in Italien, wo in der uralten Stadt Rom der Papst seinen Sitz hatte, der damals der oberste Bischof der Christenheit war.

Wie ein Eiland aus dem stürmischen Meere erhoben sich diese Länder unter dem Panier des Kreuzes, das hoch aufgerichtet war und weit hinausschaute in die Welt, denn rings umher waren sie eingeschlossen von Heiden und Ungläubigen, die von allen Seiten einzubringen trachteten in die Christenheit. Da wohnte im Norden von Deutschland bis zur Elbe hin das tapfere und zahlreiche Volk der Sachsen, dem das sanfte Joch Christi eine schmähliche Knechtschaft schien, und über die Elbmündung hinaus saßen die harten Dänen und Normannen, die auch Heiden waren und auf ihren Raubschiffen alle christlichen Länder heimsuchten, und tiefer nach Osten hinein die Slaven und Wenden, die bittere Feinde waren aller Deutschen und des Christenthums. Weiter hinab im heutigen Ungerlande hauste ein fremdes Volk, das wilder und grausamer war als alle andern, das hieß die Avaren. Und jenseits des hohen Pyrenäengebirges in Spanien war das weite Reich der Saracenen, die glaubten zwar an einen einigen Gott, aber ihr Glaube war verworren. Denn sie hielten Mohamed für einen göttlichen Propheten, und haßten die Bekenner der Lehre Christi. Also war die Christenheit überall von Heiden umgeben, da bedurfte es eines glaubensfesten Sinnes und eines starken Schwerdtes, um sie vor Schaden zu hüten und den Untergang des Reich abzuwehren. Auch hatte Karl viele und schwere Kämpfe zu bestehen; denn wo einer die Hände nach seiner Hülfe ausstreckte, da erschien er mit seinem Heere, und alle seine Kriege hat er allein zum Schutze wider die Heiden geführt, und zum Beistande der Schwachen wider übermüthige Feinde.

Zuerst aber rief der Papst seine Hülfe an gegen den mächtigen König der Langobarden, der hatte dem Papste mehrere Städte entrissen und ihn in seinem eigenen Sitze bedroht. Da überstieg Karl mit seinem Heere die Alpen und lagerte sich vor Pavia, der festen Hauptstadt des Königs. Der aber stand auf dem höchsten Thurme der Stadt und schaute hinaus nach dem feindlichen Lager. Als er nun den König Karl erblickte im glänzenden Helmschmuck, wie er weit kenntlich vor den andern hoch auf seinem Rosse saß mit dem Speer in der Hand, da erschrak er über den gewaltigen Mann, der Muth entsank ihm, und er stieg vom Thurme herab. Bald darauf wurde die Stadt erobert und das ganze Reich der Langobarden, und der Papst war gerettet, und alle christlichen Reiche in Italien, Frankreich und Deutschland, gehorchten fortan nur einem Herrscher, dem Könige Karl. Als er nur wenige Jahre darauf einen Reichstag hielt mit den Großen des Landes zu Paderborn, da erschienen abermals Bittende vor seinem Throne; das waren Statthalter der Saracenen, die schon von seiner Macht und Weisheit gehört hatten. Sie unterwarfen sich und ihre Städte seinem Regimente, und flehten, er möge ihnen zu Hülfe kommen wider die Bedrückungen des Chalifen, der in Spanien herrschte. Karl aber hieß sie willkommen und erkannte in ihrer Bitte den Ruf, daß er die Kirche solle wiederherstellen helfen im Lande der Saracenen. Und er zog über die Pyrenäen und den großen Fluß Ebro, und eroberte die Stadt Saragossa; alles Land aber, durch welches er gekommen war, gehorchte ihm von jetzt an. Da er nun auf dem Rückwege einherzog, auf engem Pfade zwischen den steilen Felsenwänden, deren Spitzen sich in die Wolken verlieren, da brachen aus verborgenen Klüften die feindlichen Gebirgsvölker hervor, und viele tapfere Mannen wurden erschlagen, oder in den Abgrund gestürzt; doch Karl und die Seinen brachen sich Bahn und erreichten die Heimath wieder.

Hier aber warteten seiner noch schwerere Kämpfe. Denn schon vorher hatte der blutigste unter allen Kriegen begonnen, den Karl je bestanden hat, gegen die Sachsen. Der kostete vielen Tapfern auf beiden Seiten das Leben, und hat drei und dreißig Jahre lang gedauert. Schien es aber, er sei beigelegt, so brach er wie eine alte und unheilbare Wunde immer wieder von Neuem aus. Die Sachsen und Franken waren Nachbaren und von alten Zeiten her Feinde. Wenn nun die heidnischen Sachsen einfielen in das Reich und die Kirchen verbrannten, dann faßten auch die heimlichen Heiden, die noch unter den Franken im Verborgenen lebten, neuen Muth und drohten sich zu erheben, darum war dieser Krieg gefährlicher als alle anderen. Lange Zeit wechselte Sieg und Niederlage, und Bekehrung und Abfall, aber der König ruhete nicht eher als bis er die Sachsen bezwungen und ihren harten Sinn gebrochen hatte. Da empfingen ihre vornehmsten Führer die Taufe, und das Volk nahm den Glauben und die Sitte der Christen an. Da nun der König im Sachsenlande Burgen und Kirchen errichtet hatte, überschritt er auch die Elbe und lernte die Völker der Wenden und Slaven kennen. Einen Theil von ihnen und auch die Böhmen unterwarf er dem Reiche, und so kam das Christenthum auch zu diesen. Dann aber ging er wider die Avaren im Ungerlande, die eine Plage waren für alle benachbarten Völker, denn sie plünderten weit und breit, und häuften alles geraubte Gut in ihren festen Plätzen zusammen. Doch Karl eroberte ihre Festen, entriß ihnen den Raub, und legte Grenzwehren wider sie an, damit das Reichs gesichert wäre vor ihren Einfällen. Auch die Dänen bekriegte er, und schloß dann einen Frieden mit ihnen, daß ihre Raubschiffe ihm fortan keinen Schaden mehr thäten.

So hatte Karl ein großes Reich gestiftet, wie seit Jahrhunderten keines war gesehen worden, denn alle deutschen Stämme gehorchten ihm und die Völker in Italien und Frankreich, die Saracenen am Ebro, die Slaven an der Elbe und die Avaren an der Raab. Ueber dreißig Jahre waren nun unter wechselnden Geschicken verflossen, da geschah es, daß Karl wiederum nach Italien ziehen mußte, denn abermals hatte der Papst seinen Schutz angerufen. Der Papst, welcher damals in Rom herrschte, hieß Leo; gegen den erhoben sich seine Feinde, und da er im feierlichen Zuge durch die Straßen ritt, fielen sie über ihn her und verwundeten ihn. Da aber seine Wunden geheilt waren, entfloh er aus der Stadt, und eilte nach Deutschland, das mit Karl ihm helfe. Als dieser die Bitte Leo’s vernommen hatte, wurde er zornig über die geschehene Frevelthat, bot seine Mannen auf und zog nach Rom. Hier untersuchte der König Alles nach dem Rechte, strafte die Frevler und stellte den Frieden wieder her. Da es nun um die Weihnachtszeit war, so beging er zu Rom das hohe Fest wie es sich ziemt. In der Peterskirche aber war er zugegen mit seinen Rittern bei dem feierlichen Hochamte, und als er niedergekniet war vor dem Altare, da legte ihm der Papst vor allem Volke eine Kaiserkrone auf das Haupt, und begrüßte ihn als Kaiser und Herrn der Christenheit. Das Volk aber rief mit lauter Stimme: „Heil und Sieg dem erhabenen Karl, dem großen und erlauchten Römischen Kaiser, den Gott gekrönt hat.“ Das war ein großer und feierlicher Augenblick, wie er selten vorkommt in dem Leben der Menschen, denn das war der Ursprung und Anfang des deutschen Kaiserthums, das tausend Jahre bestanden, und auf die Geschicke vieler Völker eingewirkt hat bis auf den heutigen Tag. Karl aber nannte sich von nun an einen Kaiser von Gottes Gnaden, und achtete sich für einen Schirmherrn der Kirche und Vorsteher der Christenheit, dem Gott das Amt gegeben, daß er in Kirche und Reich zum Rechten sehe, und die Seelen Aller, die Gott seiner Herrschaft untergeben habe, den Weg des Heils führe.

Als ein wahrer Kaiser trug er nun Sorge für das große wie für das Kleine, für Recht und Gerechtigkeit, für den Schutz der Armen und Bedrängten, für die Kirche und die Reinheit ihrer Lehre, für Predigt und Gottesdienst, für Schulen und Unterricht der Kinder und die Wissenschaft. Alles dessen nahm er wahr neben den Sachen des Staats, den Kriegen und Heerzügen und Botschaften, die er aus Theilen des Reichs anhörte. Auch durchzog er das Land und wollte überall selbst sehen und hören wo zu helfen sei. Dann versammelte er die Grafen, Bischöfe und Aebte, und berieth mit ihnen das Wohl des Landes, und gab Gesetze und ordnete alles, wie es am besten schien.

Vor Allem aber sorgte er für die Kirche, für ihre Erhaltung, wo sie eben gepflanzt war, für ihre Förderung und Besserung, wo sie schon länger bestand. Weil nun bei den Sachsen das Heidenthum am tiefsten eingewurzelt war, sandte er dorthin die kräftigsten Streiter und Arbeiter. Da predigte und taufte Liudger, Lebuin und Willehad, die ihre Gedenktage im christlichen Kalender haben. Auch theilte er das ganze Land in Sprengel, denen er Bischöfe vorsetzte, damit sie auf das Heil des Volkes sehen und das Gewonnene erhalten möchten. So wurden Bischofsitze errichtet in Paderborn und Münster, in Osnabrück und Bremen. Und auch zu den Avaren wurde von Salzburg aus das Christenthum gebracht. Mit den Bischöfen aber wachte der Kaiser über die Reinheit der Lehre, und wenn sich irgendwo zum Verderben der Leute Irrlehrer erhoben, dann trat er ihnen mit den scharfen Waffen des Geistes entgegen, und suchte sie auf den richtigen Weg zurück zu führen. Doch die Bischöfe selber ermahnte er zu untadelichem Wandel und zur Wachsamkeit über Leben und Predigt der Priester, daß sie dem Volke das lautere Evangelium verkündigten, und nichts aufkomme was der Schrift zuwider sei. „Sie sollen predigen,“ verordnete der Kaiser, von der Dreieinigkeit und der Menschwerdung Christi, sie sollen das Laster strafen, zur Liebe ermahnen, Glaube und Hoffnung erwecken und auffordern zu allen christlichen Tugenden, damit die Leute vom Bösen lassen und das Gute thun.“ Zum Muster und Vorbilde ließ er eine Sammlung der Predigten der alten und großen Kirchenlehrer machen. Damit aber die Priester nicht aus Unwissenheit in Irrlehren verfielen, und zu allen Zeiten Rechenschaft geben könnten von dem Inhalte der heiligen Schrift, wollte er, daß sie auch in Sprache und Wissenschaft sollten bewandert sein. Darum rief er große Gelehrte, die damals vor allen Ländern in Italien und England waren, an seinen Hof, und an den Bischofsitzen und in den Klöstern ließ er Schulen einrichten. Auch die Kinder sollten in dem Glauben unterrichtet werden, und der Kaiser achtete es nicht unter seiner Würde, in den Schulen in ihre Mitte zu treten, und sie zu loben oder zu tadeln. Dann aber stellte er im ganzen Reiche alle verfallenen Kirchen wieder her, und erbaute neue, unter diesen aber war ihm keine lieber als die zu Aachen. Die schmückte er mit kaiserlicher Pracht und ließ Säulen, Marmor und Kunstwerke aus Rom und Ravenna kommen, und hier feierte er am liebsten die hohen Feste Weihnachten und Ostern. Damit nun solche Feste begangen würden wie es sich gebührt, berief er berühmte Lehrer des Kirchengesanges aus Italien, daß die Franken auch hierin unterwiesen würden; auch ließ er Orgeln in den Kirchen aufstellen.

War nun Friede im Reiche, dann lebte der Kaiser in seinem Palaste mit jenen gelehrten Männern, und im Umgange mit ihnen suchte er selbst noch zu lernen in allen guten Dingen. So lernte er noch in späten Jahren fremde Sprachen, und versuchte zu schreiben, und ließ sich unterrichten in allen Künsten und Wissenschaften, wie sie damals getrieben wurden. Oft unterredete er sich mit den gelehrten Bischöfen und Aebten über die Vorzeit, über die Bücher der heiligen Schrift, und über Gott und göttliche Dinge, denn er durstete nach der Erkenntniß des Grundes auf dem alles Leben ruht, und dann rief er aus: daß Gott mir solche Männer senden möchte, wie der h. Hieronymus und Augustinus waren!“ Vor allen liebte er den h. Augustinus, und selbst wenn er bei der Mahlzeit saß, ließ er sich aus dessen Buche vom Reiche Gottes, vorlesen. Sonst war der Kaiser in seiner Lebensweise ein schlichter Mann, der einfach einherging wie die übrigen seines Volkes. Dennoch aber erkannte Jedermann, daß er der Kaiser sei und ein gewaltiger Herrscher. Er war groß von Gestalt, hatte leuchtende Augen, ein offenes und freies Antlitz und eine helltönende Stimme. Fest und majestätisch schritt er einher, und wer in seine Nähe kam, der blickte auf ihn mit Ehrfurcht. In allen Künsten des Kriegs und der Tapferkeit war er wohlerfahren, und unter allen Königen jener Zeit war er an Weisheit und Hoheit des Sinne der erste. Wie er ein jegliches Ding nach seinem Wesen erkannt hatte, also führte er es aus, und war dabei unerschütterlich, und zagte nicht in der Gefahr, noch überhob er sich im Glücke.

Als er nun längere Zeit geherrscht hatte, verbreitete sich sein Ruhm weit hinaus über die Grenzen seines Reichs zu fremden Fürsten und Völkern bis in das Morgenland; da schickten sie alle Gesandte nach Aachen an den Hof, daß sie mit dem Kaiser die gemeinsamen Dinge besprächen. So thaten die stolzen Kaiser in Constantinopel und auch der Chalif des Arabischen Reichs, der ihm herrliche Geschenke übersandte. Auch der Patriarch von Jerusalem schickte ihm die Schlüssel des heiligen Grabes, weil der Kaiser unter allen Königen der Christenheit der mächtigste war, und die heiligen Orte unter seine Obhut nehmen sollte. Denn auch die Christen in Jerusalem und Alexandria, und wo sie sonst in Asien und Afrika seines Schutzes bedurften, hatte er zu allen Zeiten unterstützt. Weil aber nun Karl so viel Gewaltiges vollbracht hatte, darum nannten ihn seine Zeitgenossen den Großen; er aber nannte sich nicht so, sondern demüthigte sich in seinem Herzen und sagte: „Gott allein ist groß, ihm allein gebührt die Ehre“. Denn auch an schweren Prüfungen neben den vielen Kriegen hat es ihm nicht gefehlt. Im Reiche empörte sich der Baiernherzog, der ihm nahe verwandt war, wider ihn, so daß er ihn absetzen mußte, und einer seiner Söhne machte eine Verschwörung unter dem Volke, und trachtete seinem Vater nach Leben und Reich, da ließ ihn der Kaiser in ewiges Gefängniß sehen. Dann starben seine besten und tapfersten Söhne Karl und Pipin vor ihm, die schon in mancher heißen Schlacht glücklich für ihn gekämpft hatten. Das beugte den Kaiser tief, denn er dachte sein Reich unter sie zu theilen, daß sie dereinst neben einander herrschen sollten in der Weise des Vaters. Nun aber war noch der jüngste seiner Söhne übrig, der hieß Ludwig und wurde der alleinige Erbe des weiten Kaiserreichs.

Seit der Zeit aber alterte Karl rasch, und nachdem er sechs und vierzig Jahre rastlos gewirkt hatte, sehnte er sich von seinem großen Tagewerke auszuruhen, und er fühlte, daß er nun bald sterben werde. Darum begann er sein Haus zu bestellen und berief seinen Sohn Ludwig nach Aachen. Hier aber versammelte er einen großen Reichstag, wie er ihn oft gehalten, und ermahnte die großen und Mächtigen, daß sie seinem Sohne die Treue bewahren sollten unverbrüchlich, wie sie ihm gethan hätten. Dann aber war ein feierliches Hochamt in der Kirche, da erschien Karl noch einmal in seiner kaiserlichen Pracht, aber schon war er schwach, und wenn er ging, mußte er sich auf seinen Sohn stützen. Dann knieten beide nieder und beteten lange, und auf dem Altare vor ihnen lag eine Kaiserkrone. Als sie sich erhoben hatten, sprach der Kaiser mit lauter Stimme zu seinem Sohne, und vor den Bischöfen und Grafen und unzähligem Volke ermahnte er ihn zum letzten Male, er solle Gott alle Zeit vor Augen haben, die Kirche solle er schützen vor Bedrückung und Unbill, die Bischöfe ehren als seine Väter, das Volk lieben wie seine Kinder, den Frevlern ein strenger Richter sein, den Armen ein Vater, Gerechtigkeit solle er üben gegen Jedermann, und selber unsträflich wandeln vor Gott und allem Volke. „Willst du mir in allen diesen Dingen gehorsam sein?“ Da antwortete Ludwig: „Ich will es mit Gottes Hülfe.“ Dann befahl der Kaiser, daß er die Krone vom Altar nehme und zum Zeichen des Kaiserthums selbst sich auf das Haupt setze. Ludwig that wie ihm geheißen, und sie stimmten mit allem Volke den Lobgesang an, und kehrten in den Palast zurück.

Also schloß Karl mit der Welt ab. Nun lebte er still in seinen Gemächern, ging bei Tage und, wenn er es vermochte, bei nächtlicher Weile zum Gebete, las viel in den evangelischen Büchern und verbesserte ihre Abschriften mit eigner Hand. Nicht lange nachher aber ergriff ihn ein heftiges Fieber, seine Kräfte schwanden mehr mit jedem Tage, und er fühlte, daß nun sein Ende nahe. Da ließ er einen getreuen Bischof kommen, und empfing aus seiner Hand das Abendmahl. Als nun der Morgen des 28. Januar 814 anbrach, war seine letzte Stunde gekommen. Da bezeichnete er sich mit dem Kreuze, faltete die Hände über der Brust, schloß die Augen und betete mit leiser Stimme: „Herr in deine Hände befehle ich meinen Geist. Das waren seine letzten Worte, dann verschied er. Bald aber verbreitete sich die Kunde, daß der Kaiser, der so viele Jahre ruhmvoll geherrscht hatte, gestorben sei, und überall war tiefe Trauer und Klagen, denn Alle fühlten, daß ein großer Mann von ihnen geschieden sei.

Darauf wurde er feierlich bestattet in der Kirche zu Aachen, die er selbst erbaut hatte. Der Körper aber wurde einbalsamiert, und bekleidet mit den kaiserlichen Gewändern und der Krone, und umgürtet mit dem Schwerdte, so wurde er auf einen Thron gesetzt in einer Nische des Grabgewölbes. Auf seinen Knieen lagen die Evangelien, zu seinen Füßen das Scepter und kaiserliche Schild, so daß er auch im Tode als Kaiser zu herrschen schien. Alsdann wurde das Grab geschlossen, und diese Worte darauf gesetzt: „In dieser Gruft ruht der Leib des großen und frommen Kaisers Karl, der das Reich der Franken ruhmvoll vergrössert und sieben und vierzig Jahre segensreich geherrscht hat. Er starb über siebzig Jahr alt im Jahre des Herrn 814 am 28. Januar.“ So lebte und starb Kaiser Karl der Große.

R. Köpke in Berlin.

Eberhard im Bart, Herzog von Wirtemberg

Einen Mann, über den man ganze Bücher schreiben könnte und geschrieben hat, auf wenigen Seiten abfertigen, ist eine schwere Aufgabe, und kann, wenn’s gut geht, nur dazu dienen, nach jenen Büchern lüstern zu machen. Denn Eberhard gehörte zu den wenigen Menschen, von denen ihre Umgebungen dachten, sie könnten nicht blos einen höheren, sondern den höchsten Wirkungskreis ausfüllen; seine Unterthanen pflegten von ihm zu sagen: „Wenn Gott nicht Gott wäre, so müßte unser Eberhard Gott sein.“ Und doch war er nicht von denen, die „in der Taufgnade geblieben sind;“ er ging durch viele Verirrungen, und mußte über viele Sünden Buße thun, ehe er den Weg des Lebens richtig wandeln konnte; er war ein Sünder, aber ein begnadigter.

 

Am 11. Dec. 1445 wurde Eberhard im Schloß zu Urach geboren, wo sein Vater, Graf Ludwig zu Wirtemberg, der drei Jahre vorher mit seinem Bruder Ulrich das Land getheilt hatte, damals residierte. Eberhard war der jüngere Sohn; aber ein älterer Bruder litt an unheilbarer Kränklichkeit, der Vater starb 1450 an der Pest, und das unglückselige Loos, das seitdem so manchen Jammer über Wirtemberg gebracht hat, frühzeitig und unreif zur Regierung zu gelangen, stand dem jungen Grafen bevor. Seine Mutter, Mechthild, Tochter des Kurfürsten von der Pfalz, eine durch Bildung und Charakter ausgezeichnete Frau, in der Bibel wohl bewandert, ließ es zwar in ihrem Theil an weiter Erziehung nicht fehlen; aber nachdem sie sich an Erzherzog Albrecht von Oestreich verheirathet hatte, stand der Knabe ganz unter der Leitung des eingesetzten Vormundschaftsraths, der dem trefflichen Lehrer Nauclerus die Hände band, daß er nicht thun konnte, wie er wollte. Nicht einmal die lateinische Sprache wurde gestattet, in jener Zeit der unentbehrliche Schlüssel zur Wissenschaft, weil fast alle guten Bücher lateinisch geschrieben waren. Den Vorwand bot die Schwächlichkeit des jungen Prinzen, die man nicht übermäßig anstrengen dürfe; der eigentliche Grund war vielleicht, daß sie selbst um so länger am Ruder bleiben möchten. Dagegen wurde er zu allen ritterlichen Uebungen sorgfältig angehalten, und im Reiten, Jagen, Fechten u. dgl. stand er Keinem nach. Schon in seinem vierzehnten Jahre trat er die Regierung seines Landestheils an, und mit den Fesseln der Vormundschaft zerbrach er nun auch alle anderen Bande der Zucht und Sitte. Junge Räthe sammelte er um sich her, die einen sinnlichen Gelüsten keine Schranken setzten; und an seinem Hofe zu Urach, sowie in den benachbarten Frauenklöstern, ging es mit Reigen, Tanzen, Fechten, Stechen, Jagen und Banketiren so lustig her, daß er dadurch sogar seiner Gesundheit bleibenden Schaden that. Drückende Steuern, Schulden, Ungerechtigkeiten und Verderbniß durch das schlimme Beispiel waren die natürlichen Folgen eines so zügellosen Lebens; und wohlmeinende Unterthanen sahen mit Bangigkeit in die Zukunft und mit Seufzen gen Himmel. Zu den Seufzenden gehörte namentlich auch des jungen Grafen Mutter, die Erzherzogin Mechthild, die sich um den ungerathenen Sohn sehr bekümmerte; und ihr Seufzen war nicht vergeblich. Mag die Erinnerung an die herzlichen Ermahnungen seines sterbenden Vaters und an die wiederholten ernstlichen Vorstellungen des frommen Propstes von Güterstein dabei mitgewirkt haben, – welcher Werkzeuge, welcher inneren und äußeren Stimmen sich die Gnade Gottes dabei bediente, wissen wir nicht mehr genau; aber so viel ist gewiß, eine mächtige Anregung von Oben muß in das Herz des jungen Grafen gekommen sein; wo Andere das zügellose Leben oft erst recht beginnen, da setzte ihm Eberhard auf einmal ein Ziel, und wurde zum Staunen aller seiner Umgebungen von Stund an ein andrer Mensch. Daß er dazu eines kräftigen Anlaufs bedurfte und sich gewaltig aufraffen mußte, ist auch in dem Wort Attempto angedeutet, daß er von da an zu seinem Wahlspruche machte; aber der Anlauf gelang, und er kam wirklich über den Graben. Seinen festen Entschluß, von nun an ein anderes Leben zu führen und auch in seinen Umgebungen die Liederlichkeit nicht mehr zu dulden, bethätigte sich zunächst in der Reform des Klosters Offenhausen, das so oft der Schauplatz seiner Ausgelassenheit gewesen war, an dessen Verdorbenheit aber alle Reformversuche scheiterten, so daß nichts übrig blieb als es eingehen zu lassen. Sofort glaubte er auch, nach den Vorstellungen der damaligen Zeit, einer Vergangenheit ein Sühnopfer schuldig zu sein; und die wiederholten Erzählungen des wackern Ritters Georg von Ehingen, der im Gelobten Lande gewesen war, brachten ihn auf den Gedanken, es durch eine Pilgerfahrt zum heiligen Grab zu bezahlen. Am 10. Mai 1468 trat er mit einem Gefolge von 24 Edelleuten, 2. Kaplanen, 1 Arzt, 1 Wundarzt, 3 Trompetern, 2 Köchen und etlichen Dienern und Schützen die Reise an, und gelangte über Venedig am 29. Juni nach Joppe, von da über Ramla nach Jerusalem, wo er in den Orden der Ritter des heil. Grabes aufgenommen wurde. Nachdem er noch Bethlehem und den Jordan besucht hatte, kehrte er über Italien nach der Heimath zurück. Auf der Reise hatte er sich den Bart wachsen lassen, von dem er fortan den Beinamen erhielt.

 

Durch die Empfehlung des Markgrafen Albrecht von Brandenburg war Eberhard auf die Tochter des Markgrafen von Mantua aufmerksam gemacht worden. Er warb um die durch den Ritter Georg von Ehingen; die Heirath kam zu Stande und die Hochzeit wurde in Urach mit großer Pracht gefeiert. Barbara von Mantua war eine treffliche, gebildete Prinzessin, die Italienisch, Deutsch und Lateinisch verstand, hatte häuslichen Sinn, schickte sich sehr gut in die kleineren, engeren Verhältnisse des Uracher Hofes, und lebte mit Eberhard in einer frommen, glücklichen Ehe, welche auch mit zwei Kindern gesegnet war, die aber bald wieder starben. Die Versäumnisse in seiner Erziehung fühlte Eberhard schmerzlich. Zu einer Zeit, wo das Lateinische so häufig angewendet wurde, kam es nicht selten vor, daß ihm die Unbekanntschaft mit dieser Sprache Verlegenheit bereitete; und nicht selten sprach er es aus, daß Wissenschaft Niemand so nöthig habe wie ein Fürst. Er suchte freilich das Versäumte so viel als möglich nachzuholen, zog gelehrte Männer, namentlich einen früheren Lehrer Nauclerus, in seinen Umgang, und lernte von ihnen mit angestrengter Aufmerksamkeit, machte sich auch noch mit dem Lateinischen etwas bekannt; aber doch brachte er es nicht so weit, daß er die Schriften der römischen Classiker im Zusammenhang hätte lesen können, und mußte sich daher mit Uebersetzungen behelfen, die er sich durch seine gelehrten Freunde anfertigen ließ. Mit besonderer Vorliebe las er im Josephus und in der heiligen Schrift, in der er sehr bewandert war. Sein Lieblingsbuch war das Evangelium Johannis; und das Exemplar, dessen er sich bediente, ein schöngeschriebenes deutsches Manuscript auf Pergament, wird jetzt noch aufbewahrt. Je mehr er aber an sich selbst erfahren hatte, welche schlimme Folgen die Verwahrlosung in der Jugend hat, desto ernstlicher lag es ihm an, Anderen zu dem zu verhelfen, was ihm selbst abging. Dieß war es, was ihn zur Gründung der Universität Tübingen bewog, die im J. 1477 zu Stande kam. Er gründete sie, wie er selbst in der Stiftungsurkunde sagt: „zur Ehre Gottes, der ganzen Christenheit zu Trost, Hilf und Macht, auch der Herrschaft Wirtemberg „Lob, Ehr‘ und Nutzen zu erwerben, und in der guten Meinung, graben zu helfen den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt geschöpft werden möge unersichtlich tröstliche und heilsame Weisheit zu Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit.“ Er übergab der Universität liegende Güter und Gefälle, Einkünfte aus verschiedenen geistlichen Stiftungen und das Patronat über mehrere Kirchen des Landes, verlegte auch nach Tübingen das Chorherrenstift zu Sindelfingen.

 

Johann Nauclerus wurde der erste Rector der Universität. Bei ihm hatte Eberhard sein Absteigequartier, wenn er nach Tübingen kam, was häufig geschah, und die Studenten nannte er seine Söhne. Im J. 1482 reiste Eberhard nach Rom, um die Fastenzeit dort zuzubringen. Er wurde vom Papst mit großen Ehren empfangen und mit der goldenen Rose beschenkt, „wegen seiner Verdienste um den heil. Stuhl, und weil er, nicht ohne Beschwerlichkeit, in Person gekommen sei, um diesen heiligen Orten seine Ehrfurcht zu bezeugen.“ Indessen wußte ein Mann von so hellem Kopfe wie Eberhard, in dessen Gefolge sich auch Johann Reuchlin befand, sehr gut, wie weit er in dieser Hinsicht gehen durfte, und beharrte z. B. standhaft auf seinem Investiturrecht. So lange er an der Regierung sei, erklärte er, werde er sich von keinem päpstlichen Höfling Eintrag thun lassen, denn wenn er es thäte, würden eine Unterthanen irre an ihm werden und glauben, er sei ganz aus der Art geschlagen. Der Papst selbst wagte es nicht, weiter in ihn zu dringen. Im Rückweg besuchte Eberhard auch den Fürsten Lorenz von Medici in Florenz; und dieß gab Veranlassung, daß er nachher mehrere junge Wirtemberger zu weiterer Bildung in Sprachen und Philosophie nach Italien schickte. Marsilius Ficinus bewunderte die Liebe des Mannes zu den Wissenschaften so, daß er ihn die Sonne unter den deutschen Fürsten nannte. Mittlerweile war der Regent des andern Landestheils, Graf Ulrich der Vielgeliebte, der seinen Sitz in Stuttgart hatte, und dem seine beiden ungerathenen Söhne, Eberhard d. J. und Heinrich, viel Noth machten, gestorben, Eberhard d. J. hatte die Regierung angetreten, führte ein ärgerliches Leben, trieb allen möglichen Unfug und drückte das Land durch unerträgliche Auflagen. Eberhard d. Ä. suchte diesem Unheil möglichst zu steuern, und war froh, als endlich sein Vetter, der lieber schwelgen als sich mit Regierungsgeschäften plagen wollte, zu dem Entschluß kam, auf eine Wiedervereinigung der getrennten Landestheile und auf eine gemeinschaftliche Regierung anzutragen. Diese Vereinbarung kam am 14. Dec. 1482 durch den Münsinger Vertrag zu Stande, durch welchen die Untheilbarkeit des Landes festgesetzt wurde. Zwar bereute Eberhard d. J. schon im nächsten Jahre seine Nachgiebigkeit, und bot Alles auf, namentlich auch die Verwendung eines Schwiegervaters Albrecht von Brandenburg; allein Eberhard im Bart erklärte ihm: „Vetter, wir können mit beide regieren; ich han mich müssen des Regiments annemen, und hab‘ um dieses Zusammenwerfen euch nit gebeten, denn ich sonst wollte bessere Tage und mehr Lust gehabt haben als so. Da ich aber darein gekommen bin, mein ich auch darin zu bleiben.“ Ueberdieß erklärte sich der Kaiser für Eberhard im Bart, und es kam nun so weit, daß diesem allein die Regierung übertragen wurde, und sein Vetter sich mit einigen Ortschaften und einer jährlichen Abfindungssumme begnügen mußte.

 

Eberhard im Bart hatte von nun an seinen Sitz in Stuttgart und bezeichnete eine Regierungszeit durch weise Einrichtungen und Anordnungen zum Besten seiner Unterthanen. Ein altes Verslein sagt von ihm:

 

Was Herzog Eberhard fieng an, \\

Das blieb wie Ceder lang bestah’n.

 

Sein Hof war eine Schule der Höflichkeit und Sitte für junge Prinzen und Edelleute; und mehrere Grafen und Herren, welche die schöne Zucht und Ordnung sahen, übergaben ihm ihre Söhne und Verwandten, daß sie ihm ohne Sold dienen und von ihm lernen sollten. Eberhard hatte diese jungen Leute fleißig unter seinen Augen, und führte auch Aufsicht über ihren Unterricht. Er ließ sie zuweilen selbst den Katechismus, und was ihnen sonst zum Lernen aufgegeben war, hersagen, belobte die Fleißigen und bedrohte die Nachlässigen. Alle hielt er unter strenger Zucht, und schärfte ihnen oft das Wort ein, daß die Furcht Gottes aller Weisheit Anfang sei. Den Sohn des Grafen Heinrich, den einzigen männlichen Nachkommen des Hauses Wirtemberg, hielt er wie einen eigenen Sohn und gab ihm frühzeitig geschickte Lehrer. Es war der nachmalige unglückliche Herzog Ulrich, für den Eberhard viel zu früh starb. Durch die „Regimentsordnung“, welche in dem „Eßlinger Vertrag“ festgesetzt, und von dem Kaiser in demselben Monat bestätigt wurde, in welchem Columbus Amerika entdeckte, suchte Eberhard auch noch nach seinem Tode die Ordnung im Lande festzustellen. Ueberhaupt ließe sich, wenn der Raum es erlaubte, noch viel davon sagen, wie er die Klöster und Mönchsorden reformirte, das Stift zu Einsiedel gründete, durch die „Landesordnung“ der Gerechtigkeitspflege aufhalf, Kirchen baute, für Brücken, Wege, Märkte, Forsten sorgte, die Lage der Leibeigenen erleichterte, und bei seinen Unterthanen wahre Frömmigkeit, Gottesfurcht und Rechtschaffenheit in Aufnahme zu bringen suchte. Sein lebhaftester Wunsch war, eine allgemeine Kirchenversammlung und durch die eine Reformation an Haupt und Gliedern zu erleben. Er hat ihn mit ins Grab nehmen müssen. Im ganzen Reiche war Graf Eberhard wegen seiner Weisheit, Klugheit und Tapferkeit geachtet, und in allen wichtigen Dingen fragte ihn der Kaiser um einen Rath. Maximilian wollte seine Verdienste durch Erhebung der Grafschaft Wirtemberg zu einem Herzogthum anerkennen, und nachdem Eberhard den Antrag reiflich erwogen und sich gegen etwaige nachtheilige Folgen einer solchen Veränderung durch kluge Bedingungen sicher gestellt hatte, willigte er ein; am 23. Juli 1495 wurde die feierliche Belehnung mit dem Herzogthum auf einem freien Felde in der Nähe von Worms vorgenommen. Bei einem Gastmahl, das aus Anlaß dieser Feierlichkeit gehalten wurde, geschah es, daß die versammelten Fürsten die Vorzüge ihrer Länder rühmten. Eberhard hörte schweigend zu. „Nun, Wirtemberg“ hob der Herzog von Sachsen an, „was habt denn Ihr von eurem Land zu preisen?“ Bescheiden erwiederte Eberhard: „Ich hab wohl ein geringer Land denn Euer Liebden; aber dessen darf ich mich rühmen, daß ich im dicksten Walde in dem Schooß eines jeden meiner Unterthanen sicher und ruhig schlafen kann.“ Die andern Fürsten mußten zugeben, daß der Herzog von Wirtemberg bessere Schätze als sie aufzuweisen habe. Ach, wie schmählich ist dieser Ruhm in den letzten Jahren zunichte geworden! Nicht lange durfte Eberhard die neue Würde genießen. Schon in den letzten Tagen des Februar 1496 lag er auf einem Sterbebette. Er berief eine vornehmsten Räthe und erinnerte sie in einer ernsten Rede an ihre Pflichten gegen das Vaterland. Drei Tage lag er in schwerem Todeskampf und konnte nicht mehr reden. Die vorgesprochene Beichte bejahte er durch Kopfnicken, und sprach hierauf halblaut: „Herr, ich danke Dir!“ Dann auf einmal sammelte er noch seine letzten Kräfte, setzte sich zur Verwunderung aller Anwesenden aufrecht im Bette hin und sprach mit voller deutlicher Stimme: „Herr Gott, Du Schöpfer Himmels und der Erden! Ich „bitte Dich, gib mir zu erkennen, ob Jemand sei, dem ich durch „meine Regierung wider Recht und Billigkeit beschwerlich war, „damit ihm solches aus meiner Hinterlassenschaft vollständig ersetzt „werde; und wenn auch hiedurch keine Genugthuung geschehen „kann, so hast Du hier, gnädiger Schöpfer, meinen Leib, welchen „ich Dir anbiete und übergebe. Schlage und züchtige ihn wacker, „damit ich Vergebung erlange.“ In ähnlicher Weise hat er sich auch in einer Ansprache geäußert, die laut einer Testamentsverordnung nach seinem Tode von allen Pfarrern auf den Kanzeln verlesen werden sollte. Am 24. Februar 1496 ging er, wie M. Ficinus sagt, aus diesem Schattenleben hinauf zur ewigen Sonne. In Einsiedel wurde er unter großem Zulauf einer weinenden Unterthanen begraben. Als drei Jahre nachher Kaiser Maximilian dieses Grab besuchte, sprach er zu seinen Begleitern: „Hier liegt „ein Fürst, weise und tugendhaft wie keiner im Reich, Sein Rath „hat mir oft genützt!“

 

Chr. G. Barth in Calw.

Friedrich III, Kurfürst von der Pfalz.

Friedrich III. von der Pfalz war zunächst für eine Person ein tief und lebendig im Worte Gottes gewurzelter Christ, und hat mit einem Bekennermuth, der ihn den ersten Glaubenshelden der Reformation an die Seite stellt, alles für das Evangelium eingesetzt; er war aber auch im vollsten Sinne ein reformatorischer Fürst, der für die Glaubensreinigung in seinem Lande mehr that, als irgend einer seiner Vorgänger. Nach beiden Seiten soll hier von ihm die Rede sein. Da jedoch der Reformator Friedrich nur richtig gewürdigt werden kann im Zusammenhang mit den vorangegangenen reformatorischen Bestrebungen auf diesem Gebiet, so werden wir zuerst hierauf in der Kürze einen Blick werfen, und dann die Schilderung des frommen Fürsten selbst folgen lassen.

 

1.

 

Das erste Aufleuchten reformatorischer Bestrebungen in der Pfalz führt in die Zeit vor der Reformation zurück und hängt damit zusammen, daß die Hauptstadt Heidelberg zugleich der Sitz einer von wissenschaftliebenden Landesherrn treu gepflegten Hochschule war, also zu den damals noch weit minder zahlreichen Mittelpuncten eines selbständigeren geistigen Lebens im deutschen Vaterlande gehörte. Der Gegensatz gegen das herrschende Kirchenthum ging hier nicht, wie zum Theil am Ober- und Nieder-Rhein, von jener volksthümlichen Gestalt innerlichen Christenlebens, der Mystik, aus, welche auf Luther einen so tiefen Einfluß übte, der pfälzischen Volksart dagegen völlig fremd war; vielmehr waren es vornehmlich einzelne Männer von besonderer Begabung und Bildung, die den geltenden Satzungen freiere Ansichten entgegenstellten oder durch Wiederherstellung reinerer Sprachen- und Alterthumskunde, den sogenannten Humanismus, den Grund zu einem neuen geistigen Leben zu legen strebten. Schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir den berühmten Freund und Kampfgenossen des Joh. Huß, Hieronymus von Prag auf kurze Zeit in Heidelberg. Er schlug im J. 1406 an die Thüren der Hörsäle und der St. Peterskirche Streitsätze an, in denen er, seine Verehrung für Wikliffe bekennend, unter andern kirchlichen Lehren auch die von der Brodverwandlung angriff, konnte es jedoch nicht einmal zu einer öffentlichen Disputation darüber bringen. Etwas bedeutender, wiewohl auch nur vorübergehend, wirkte gegen Ende desselben Jahrhunderts um 1477 der geistvolle Niederländer Johann Wessel, den die Heidelberger Theologen nicht in ihre Facultät aufnehmen wollten, während er später von Luther als einer seiner erleuchtetsten Vorgänger wie kaum ein anderer gepriesen wurde. Ihm ward beim Abgang wenigstens die Genugthuung, in seinem Landsmann Rudolph Agricola einen gleichgesinnten Freund zurückzulassen, der zwar vor allem ein trefflicher Meister in alten Sprachen war, dabei aber auch in Wessels Geist ein Licht reinerer christlicher Erkenntniß, wo er es vermochte, leuchten ließ. Es war dieß die schöne Zeit, da Kurfürst Philipp der Aufrichtige (reg. 1476-1508) eine Gedanken auf Erweckung einer frischen höheren Geistesbildung in Heidelberg gerichtet hatte und darin von den beiden edeln Männern, Joh. von Dalberg, Bischof zu Worms, und dessen Freund Dietrich von Plenningen, aufs kräftigste unterstützt ward. Heidelberg wurde ein Sammelpunct hervorragender Männer und es verweilten da kürzer oder länger: der begabte Dichter Conrad Celtes, der fromme, vielfach anregende Jak. Wimpfeling, der berühmte Neubegründer hebräischer Sprachkunde, Joh. Reuchlin, und dessen Bruder Dionysius, der zuerst an dieser Hochschule Unterricht im Griechischen ertheilte, anderer geringeren nicht zu gedenken. Aber freilich hielt sich das alles meist nur in hohen und gelehrten Kreisen und fand nicht einmal bei der Universität hinlänglichen Eingang, so daß das Landeskind Melanchthon, da er 1509-12 in Heidelberg studierte, nicht gerade viel Frucht für seine spätere große Mission dort gewinnen konnte. Ein Jahr nach dem Anschlagen der 95 Thesen, also damals schon weithin durch Deutschland gefeiert, kam zu einem Convent des Augustiner-Ordens auch Luther nach Heidelberg, und vertheidigte bei dieser Gelegenheit eine Reihe von Sätzen, welche wesentliche Grundlagen seiner reformatorischen Ueberzeugungen enthielten. Seine Haltung und ein Wort wirkten mächtig zündend auf die Zuhörer; insbesondere erhielten dadurch einige Jünglinge, die nachmals selbst bedeutend in das Reformationswerk eingriffen, wie Bucer, Schnepf und Brenz, den ersten nachhaltigen Anstoß, und auch des Kurfürsten Bruder, Pfalzgraf Wolfgang, faßte für den rüstigen Kämpfer die lebhafteste Zuneigung; er schrieb an Friedrich den Weisen: Doctor Martinus habe Sr. Liebden Universität „mit ein klein Lob gemacht, und sei ihm auch großer Preiß von viel gelehrten Leuten nachgesagt worden.“ Der Kurfürst selbst, Ludwig V., hielt sich zurück, doch war er nicht abgeneigt. Ein Jahrhundert früher hatte ein anderer eines Namens und Stammes, Ludwig III, als Reichsrichter, die kaiserlichen Befehle zur Hinrichtung Hussens in Vollzug gesetzt; dieser fünfte Ludwig nahm sich auf dem Reichstag zu Worms Luthers mit Nachdruck an. In seiner weitern bis 1544 dauernden Regierung förderte er zwar die Sache nicht, unterdrückte sie aber auch nicht gewaltsam, wo sie, wie besonders in den Territorien der Ritterschaft, Wurzel schlug So hatte die Reformation in der Pfalz begonnen, zum Theil von Luther selbst persönlich angeregt, jedenfalls zunächst in wesentlich lutherischer Weise. Friedrich II. (reg. 1544-56), schon in höherem Alter stehend und von nicht eben großem Interesse für kirchliche Dinge, griff gleichfalls wenig selbstthätig ein, gestattete jedoch förmlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, die Priesterehe und den deutschen Gottesdienst, der auch am 3. Jan. 1546 zum erstenmal in der Heil. Geistkirche zu Heidelberg gefeiert wurde. Lebhafter thätig für die neue Kirchengestaltung erwies sich der kunst- und wissenschaftliebende Otto Heinrich, ein eifriger Verehrer des schon von seinem Vorgänger zu Rathe gezogenen Melanchthon, welcher in kurzer Regierungszeit (1556-59) Bedeutendes vollbrachte und, wie früher im Fürstenthum Neuburg, so nun auch im Kurland eine Kirchenordnung vorzeichnete, die sich ganz an die Straßburger und brenzisch-württembergische anschloß, also gleich der um weniges später erschienenen badischen einen mild lutherischen Charakter hatte. Mit vollem Nachdruck aber führte erst Friedrich III. (1559-76) das Werk der Reformation in der Pfalz durch. Er wurde, wie keiner der bisherigen Kurfürsten, der aus eigenster Ueberzeugung heraus handelnde, überall selbst eingreifende, vollständige Begründer des neuen Kirchenwesens in einem Lande; und wenn er dabei allerdings dem Protestantismus in der Pfalz eine Gestalt gab, wodurch sich derselbe von dem der Nachbarländer, ja des größern Theiles Deutschlands überhaupt in sehr folgenreicher Weise absonderte, so that er dieß doch zugleich mit einem Ernst des lebendigsten Glaubens und des in Gottes Wort gebundenen Gewissens, dem von jedem Standpunct aus Ehrerbietung gezollt werden muß. Dieß wird die Schilderung der Person und der Hauptlebensumstände Friedrichs nunmehr zeigen.

 

2.

 

Friedrich III., geboren den 14. Februar 1515, stammte aus der durch reiche geistige Begabung hervorragenden simmernschen Linie des pfälzischen Hauses und war unter 12 Kindern der älteste Sohn des Pfalzgrafen Johann II. und der Markgräfin Beatrix von Baden. Johann II. von Simmern erwarb sich unter den Zeitgenossen den Ruf eines trefflichen, wissenschaftliebenden und in öffentlichen Geschäften wohl bewanderten Fürsten; er pflegte vornehmlich das Studium der Geschichte und stand mit Gelehrten des In- und Auslandes, unter andern mit Ulrich von Hutten, in freundlicher Verbindung. In solchem Geiste wurde ohne Zweifel auch sein Sohn Friedrich erzogen. Auf etwas Reformatorisches deutete zunächst dessen frühere Jugend noch nicht hin; er lebte zu seiner Ausbildung an einigen streng katholischen Höfen, an dem des Bischofs Eberhard von Lüttich und Kaiser Carls V.; doch waren es vielleicht gerade diese Umgebungen, welche den schlichten, nüchternen Sinn des jungen Pfalzgrafen für das Einfache und Ernte des Protestantismus empfänglicher machten. Jedenfalls entwickelte sich bei ihm bald eine Neigung nach dieser Seite hin, und vollständig wurde er dafür gewonnen durch eine 1537 vollzogene Ehe mit der lutherischen Prinzessin Maria von Brandenburg-Bayreuth, deren Schwester Kunigunde später einen gleichfalls reformatorischen Fürsten, Carl II. von Baden-Durlach zum Gemahl hatte. Schon war Friedrich 42 Jahre alt, als ihm durch den Tod des Vaters das Erbe der simmernschen Lande zufiel. Zwei Jahre darauf wurde er, nach dem Erlöschen der Heidelberger Linie in dem kinderlosen Otto Heinrich, auf dem Reichstag zu Augsburg am 11. Juli 1559 feierlichst mit der Kur belehnt. In seinem 17. Jahre hatte Friedrich auch einmal die Waffen gegen die Türken getragen; aber seine eigene 17jährige Regierung sollte nach außen eine friedliche und nur von inneren Kämpfen bewegt sein, in denen er selbst tapfer genug seine geistigen Waffen schwang. Schon unter Otto Heinrich, obwohl das Lutherthum entschieden vorherrschte, fehlte es nicht an widerstreitenden Elementen. Im Jahr 1558 war auf Melanchthons Empfehlung der spätere lutherische Eiferer Tielemann Heßhus nach Heidelberg berufen und als Generalsuperintendent an die Spitze der pfälzischen Kirche gestellt worden. Aber fast zur selben Zeit hatte neben ihm auch der calvinischgesinnte Franzose Peter Boquinus eine Lehrstelle in der theologischen Facultät erhalten, und überhaupt sammelten sich nun in Heidelberg immer mehr Männer, namentlich anderwärts verfolgte, die sich unter zwinglichem und calvinischem Einfluß gebildet hatten. Der Gegensatz stand bereits in voller Blüthe, als Friedrich III. (1559) zur Regierung gelangte, und durch alle Schichten der Gesellschaft hindurch, unter dem Volk und der Geistlichkeit, an der Universität und am Hofe zählten die verschiedenen Parteien der strengeren Lutheraner, der milderen Philippisten und der schweizerisch Gesinnten ihre Anhänger, wie denn namentlich auch in der nächsten Umgebung des Kurfürsten das ausgeprägtere Lutherthum durch den Hofrichter Erasmus von Venningen und den Kanzler von Minkwitz, der Melanchthonianismus dagegen durch den Großhofmeister Grafen Georg von Erbach und andere Glieder dieser angesehenen Familie vertreten war. Friedrich III. schien in der ersten Zeit eines Regiments keine Partei ergreifen zu wollen; es mochte seine Absicht sein, sich ohne bestimmtere Beschränkung in Melanchthons, eines großen Landsmannes, Sinn auf der allgemeinen Grundlage der deutschen Reformation zu halten; auf keinen Fall aber war er gegen das Lutherische von vornherein eingenommen, denn noch im Oct. 1559 wies er den Erzieher des jungen Pfalzgrafen Christoph an, einen Zögling „nach der augsburgischen Confession und für nemlich D. Martini Luthers ev. Katechismus“ zu unterrichten. Auch als die beiden Hauptstreiter unter der Geistlichkeit, der Lutheraner Heßhus und der schweizerisch gesinnte Diakon Klebitz, sich von der Kanzel und sonst auf die ärgerlichste Weise angriffen und beschimpften, beobachtete Friedrich noch die gleiche Haltung: er verabschiedete die Vorkämpfer beider Parteien, und gebot dem öffentlichen Streit nach beiden Seiten hin Stillschweigen. Indeß mag er hierbei von lutherischer Seite einen noch übleren Eindruck empfangen haben, denn Heßhus wurde ohne empfehlendes Testimonium entlassen, während Klebitz ein solches nebst Reisegeld erhielt und dessen Stelle auch wieder mit einem Gleichgesinnten besetzt wurde. Bestärkt in dieser Haltung wurde Friedrich ganz besonders durch ein Gutachten Melanchthons, welches er durch einen auf zwinglischer Seite stehenden Geheimschreiber Stephan Zierler, einen Verwandten des Reformators, von diesem noch im J. 1559 einholen ließ. Melanchthon billigt darin das beiderseits auferlegte Gebot des Schweigens und wünscht zur Verhütung einer Spaltung in der noch zarten Kirche die Zänker von beiden Parteien entfernt. In Betreff des Abendmahls aber stellt er eine Formel auf, welche merklich in der Schwebe gehalten ist, jedenfalls aber die strenger lutherischen Lehren, nicht nur von der Ubiquität, sondern auch von einer objectiven, substantiellen Gegenwart ablehnt und dagegen den Begriff der Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi, und zwar im Gebrauch des Sakraments und für die Heilswirkung, mithin in den gläubig Empfänglichen, als das allgemein Gültige hervorhebt, auch der symbolischen Auffassung den Vorzug kirchenväterlichen Ansehens zuerkennt. Dieses Gutachten ergriff Friedrich mit lebhafter Zustimmung und zeichnete es alsbald den Geistlichen seines Landes als Lehrregel vor. Allein nicht nur hierbei stieß er auf einen Widerstand, der ihn schon zu scharfem Einschreiten gegen eine Anzahl Geistliche bewog, sondern es zeigte sich auch im Allgemeinen, daß bei der Erregtheit der Gemüther und unter den heftigen Strömungen der Zeit die bisher eingenommene mittlere Stellung des Kurfürsten nicht wohl durchführbar war, und nun lenkte derselbe, einem Zuge seines vorwiegend verständigen Wesens folgend und einerseits von stürmischen Lutheranern zurückgestoßen, andererseits ohne Zweifel von den zahlreichen Calvinisten, die bereits in Heidelberg mit Kirchen- und Lehrämtern betraut waren, eifrig bearbeitet, immer entschiedener in calvinische Bahnen ein. Den beiden lutherischen Herzögen von Weimar und Gotha, deren ersterer der Tochtermann Friedrichs schon war, der andere es jetzt (1560) werden sollte, war dieser Weg ihres Schwiegervaters sehr bedenklich. Sie brachten zur neuen Vermählung ihre Hofprediger Mörlin und Stössel mit und man benutzte die Gelegenheit, um dieselben mit Boquinus und andern im Beisein der Fürsten disputieren zu lassen. Allein Friedrich war schon zu sehr nach einer Seite hin entschieden und die Sache blieb ohne Erfolg. Bald darauf wurde, um die stets sich erneuernden Vorwürfe der Katholiken wegen Glaubensverwirrung unter den Protestanten niederzuschlagen und dem Concil zu Trident compacter gegenüber treten zu können, der denkwürdige Versuch gemacht, alle evangelische Fürsten Deutschlands durch erneuerte Unterzeichnung der augsburgischen Confession zu einer festen Einigung zu bringen. Es geschah dieß zu Anfang des J. 1561 durch den Naumburger Fürstentag, zu welchem nächst Christoph von Württemberg besonders unser Friedrich die Anregung gab. In der That erfolgte auch der wiederholte feierliche Beitritt der Fürsten zu der Confession von 1530 nach ihrer erstmaligen Ausgabe von 1531. Da jedoch in einer durch die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz veranstalteten Vorrede zu diesem Einigungs-Instrument zugleich die im J. 1540 gegebene weitere Erklärung der Confession, sowie eine minder strenge Auffassung der Abendmahlslehre als gleichfalls berechtigt anerkannt wurde, so trennten sich die beiden eifrigsten Lutheraner, die Herzöge von Weimar und Mecklenburg, und riefen dadurch eine Gegenbewegung hervor, in deren späterem Verfolg Kurfürst Friedrich mit einer melanchthonisch-calvinischen Denkweise eine nur noch mehr vereinzelte Stellung erhielt. Friedrich, der durch und durch ein Mann der Ueberzeugung war, ließ sich indeß nicht abschrecken. Er ging vielmehr jetzt noch entschiedener daran, seine Gedanken auch in der ganzen kirchlichen Gestaltung des Landes durchzuführen. Zuvörderst geschah dieß in der Lehre durch den so berühmt gewordenen Heidelberger Katechismus. Mit der Abfassung desselben waren zwei Theologen beauftragt, welche überhaupt, nur der eine mehr als Kirchenmann, der andere mehr als Lehrer, die hervorragendste Stellung während der Regierung Friedrichs einnahmen: der Trierer Caspar Olevianus, welcher schon 1560 nach Heidelberg berufen worden war, und der Schlesier Zacharias Ursinus, der 1561 dort eine Anstellung erhalten hatte. Aber der Kurfürst selbst ließ sich auch persönlich die Sache angelegen sein, und es war namentlich das bekannte schneidende Wort gegen die Messe in der 80sten Frage, welches auf besonderen kurfürstlichen Befehl „addiret“ wurde. Der von einer Synode pfälzischer Geistlichen gebilligte und im J. 1563 publicirte Katechismus selbst, mehr lehrgebäudlich ausgeführt als der um einige dreißig Jahre frühere lutherische, entwickelt nach den Grundgedanken von Sünde, Erlösung und Dankbarkeit die reformierte Lehre, jedoch ohne Berührung der Prädestination, mit seltener Kernhaftigkeit und Klarheit, und verschaffte sich nicht nur durch diese Vorzüge bald die verbreitetste Anerkennung in den reformierten Kirchen, sondern gilt auch heute noch bei allen Parteien als eine der meisterhaftesten Leistungen auf diesem Gebiet. Noch stärker prägte sich die Richtung, die Friedrich nunmehr eingeschlagen hatte, im Bereich der gottesdienstlichen Einrichtungen aus. Hier war es für ihn das Hauptanliegen, die Kirche seines Landes aufs schärfste von allem Papistischen abzutrennen und ganz nach Gottes Wort zu gestalten, d. h. alles auszuscheiden, was nicht aus der Schrift ausdrücklich bewiesen werden könne. In diesem Sinn entfernte er nicht nur Altäre und Taufsteine, sondern auch jeden symbolischen und künstlerischen Schmuck, namentlich Crucifixe aus den Kirchen, beseitigte selbst die Orgel und führte im Cultus alles auf die einfachsten Bestandtheile der Predigt, des Gebetes und Gesanges zurück. Bei der Abschaffung der Altäre und bildlichen Stücke sollte es nach Friedrichs Verordnung „bescheidenlich“ zugehen; allein da er darin nur „Götzenwerk“ sah, so kamen auch, selbst in seiner Gegenwart, starke Gewaltsamkeiten vor. Für die kirchlichen Handlungen ließ der Kurfürst im J. 1563 eine Gottesdienstordnung ausarbeiten, die sehr gediegene und kraftvolle Schriftmäßige Formulare enthält; für den Gesang wurden im J. 1565 die lobwasser’schen Palmen mit „Lutheri und anderer geistreichen Männer“ Liedern eingeführt. In diesen Stücken lag am meisten das Abweichende der pfälzischen Kirche, während sie sich in der Verfassung, für welche die 1564 von Friedrich erlassene Kirchenraths-Ordnung maßgebend wurde, mehr an die übrigen evangelischen Kirchen Deutschlands anschloß, indem auch in ihr das von einem Kirchenrath zu übende landesherrliche Kirchenregiment den Schwerpunct des Ganzen bildete. Bei allem diesem war es durchaus nicht die Absicht Friedrichs, sich von den Grundlagen der deutschen Reformation abzulösen und wir vermögen seinen Sinn gar wohl aus seinen eigenen Aeußerungen zu erkennen. Er hielt Luther, der ihm stets „ein lieber und werther Mann“ war, für „ein treffliches Werkzeug Gottes und einen solchen Lehrer, der bei der Kirchen Christi viel und Großes gethan“; er achtete auch Luthers Lehre als „in Gottes Wort gegründet und wollte dieselbe nicht verkleinern“; sondern nur das wollte er, daß man Luther nicht für irrthumfrei erkläre, daß man ihn „nicht über Augustinum und andere alte christliche Scribenten setze oder den Propheten und Aposteln vergleiche, welche allein das Privilegium haben, daß ihnen nicht einiger Irrthum kann zugemessen werden.“ Andrerseits lehnt er es wiederholt ab, ein Jünger Calvins zu sein; er habe nichts von Calvin gelesen, als dessen ihm gewidmete Schrift über Jeremias; er sei weder auf Calvin noch irgend einen andern Menschen getauft, sondern getröste sich allein des Verdienstes Christi; die aber, welche sich lutherisch, zwinglisch oder calvinisch nennen, möchten es selbst verantworten. Dagegen bekennt er sich in allen Lagen seines Lebens aufs entschiedenste zur augsburgischen Confession und deren Apologie, und wenn er dabei allerdings an die seit 1540 im Artikel vom Abendmahl modificirte Augustana dachte, so haben wir doch auch nicht die geringste Ursache zur Annahme, daß es ihm nicht mit dem übrigen reichen und vollen evangelischen Inhalt dieser Bekenntnisse der treueste Ernst gewesen sei. So stand Friedrich in der Lehre, gleichsam vorbildlich, auf dem Grunde einer sehr positiven evangelischen Union, nur im Abendmahl mit Vorneigung zum Calvinischen. Was aber das Gottesdienstliche betrifft, worin sich diese Vorliebe weit stärker ausdrückt, so brach er allerdings in einem puritanischen Eifer mehr, als nöthig war, mit allem Geschichtlichen; aber man darf sich ihn deshalb nicht vorstellen als einen der Calvinisten, wie wir sie später und heute wohl finden, für die nur die Verneinungen des Calvinismus vorhanden sind, sondern es beruhte bei ihm alles auf dem unbedingtesten Gehorsam gegen das Wort Gottes und auf dem alles durchdringenden Streben, nur Gott die Ehre zu geben und durch Lebensheiligung in Christo mit ihm in Gemeinschaft zu treten, wie wir dieß als edelsten Schmuck des ursprünglichen Calvinismus anzuerkennen haben. Die kirchlichen Aenderungen Friedrichs fanden schon im Lande nicht überall Anklang, ja im Neuburgischen entschiedenen Widerstand, erregten aber auch außerhalb vielfache Bedenken, selbst bei verwandten und befreundeten Fürsten, wie Carl von Baden und Christoph von Württemberg. Der letztere, an Geist und Regententugend unserm Friedrich ebenbürtig, wollte mit diesem sich gern verständigen, und auch Friedrich, der den Herzog innig verehrte, war dazu sehr geneigt. Er dankt ihm in einem Schreiben aufs freundlichste für ein „Mitleiden“ (eine Theilnahme für ihn), und zweifelt nicht, daß „ohne die Hochsinnigkeit der Theologen“ sie beide „in der Erkenntniß und Bekenntniß göttlichen Worts und christlicher Religion sich nicht allein näher würden zusammenthun, sondern auch mit einander gottseliglich in den Hauptartikeln christlicher Lehre wohl vergleichen können.“ Auch wurden zu diesem Zweck im J. 1564 zwei Gespräche gehalten, das eine vorläufige nur zwischen den Fürsten in dem Städtchen Hilsbach, das andere eingehende unter Zuziehung von Theologen und weltlichen Räthen im Kloster Maulbronn. Es war von beiden Seiten der redlichste Wille vorhanden, und insbesondere zeigte Friedrich die ganze Woche hindurch die größte Ausdauer. „Mich schläfert dennoch nicht – sprach er – denn ich bin darum hier, daß ich wölle lernen, und will lernen mein Leben lang.“ In der letzten Nacht setzten beide Fürsten, jeder für sich, noch ihr Bekenntniß auf, und Friedrich wurde damit erst fertig, „wie die Glock drey schlug gegen Tag“ Allein auch dieser wohlgemeinte Versuch war vergeblich. Wenn die Fürsten sich auch hätten einigen können, so vermochte „die Hochsinnigkeit der Theologen“ es nicht und es blieb kein anderes Ergebniß als ein anständiges Auseinandergehen. Viel ungünstiger zeigten sich die andern, Friedrich ferner stehenden lutherischen Fürsten. Sie gingen zu Drohungen und Gewaltmaßregeln über und wußten auch den, sonst wohlgesinnten Kaiser Maximilian II. zu einem Dekrete zu bewegen, dem zufolge der Kurfürst den Calvinismus in seinem Lande wieder abschaffen und für die eingezogenen Kirchengüter Ersatz leisten sollte. Ein schweres Gewitter schien sich über Friedrichs Haupt zusammenzuziehen und es gingen Gerüchte, als ob für ihn alles zu befürchten wäre, selbst bis zum Verlust der Kurwürde und des Lebens. Da der Reichstag zu Augsburg 1566 zur Entscheidung bestimmt war, warnte ihn sein Bruder, Pfalzgraf Richard, aufs dringendste, sich nicht persönlich dahin zu begeben. Allein wie Luther nach Worms gehen wollte, selbst wenn dort so viel Teufel wären, als Ziegel auf den Dächern, so kannte auch das gute evangelische Gewissen Friedrichs keine Furcht. Er beruhigte den besorgten Bruder in zwei trefflichen Briefen. In dem einen sagt er, gar manchem habe man schon Irrthümer und Ketzereien vorgeworfen, deren man nun nicht mehr gedenke, „allein der arme Fritz, der hat Leder gessen und muß der ärgste Ketzer sein“, getröstet sich aber, der Kaiser werde ein gutes Recht schon erkennen. In dem andern, wahrhaft großartigen Schreiben erklärt er sich zu allem, auch zum Zeugentode, bereit und schließt mit folgenden Worten: „Sehe der halben zu meinem lieben und getreuen Vater im Himmel in tröstlicher Hoffnung, eine Allmacht werde mich zu einem Instrument gebrauchen, einen Namen im heil. Reich deutscher Nation in diesen letzten Zeiten öffentlich nicht allein mit dem Mund, sondern auch mit der That zu bekennen, wie auch weiland mein lieber Schwäher, Herzog Johannes Friedrich zu Sachsen, der Kurfürst sel. gethan; und ob ich wohl nicht so vermessen, daß ich meinen Verstand mit dessel. Kurfürsten vergleichen wollte, so weiß ich hingegen, daß der Gott, so ihn in wahrer Erkenntniß seines heil. Evangeliums damals erhalten, noch lebt und so mächtig ist, daß er mich armes einfältiges Männlein wohl erhalten kann und gewißlich durch einen h. Geist erhalten werde, ob es auch dahin gelangen sollte, daß es Blut kosten müßte: welches, da es meinem Gott und Vater gefiele, mich zu solchen Ehren zu gebrauchen, ich seiner Allmacht nimmer genug am verdanken könnte, weder hier zeitlich, noch dort in Ewigkeit.“ Die entscheidende Sitzung der Reichsversammlung wurde am 14. Mai gehalten. In dieselbe ließ sich Friedrich durch einen Sohn und „geistlichen Waffenträger“, Johann Casimir, die Bibel nachtragen und vertheidigte zuerst ein Verfahren mit geistlichen Stiftern als in den Bestimmungen des Religionsfriedens begründet; dann aber zur Glaubensfrage übergehend erklärte er: hierin erkenne er nur einen Herrn, der ein Herr aller Herren und König aller Könige sei; da handle es sich nicht „um eine Kappen voller Fleisch“, sondern um der Seelen Seligkeit, und über seine Seele habe nicht der Kaiser, sondern allein Gott, der sie geschaffen, zu gebieten; mit der augsburgischen Confession stimme er aufrichtig überein und ein Katechismus sei mit Fundamenten der heil. Schrift dermaßen armiert, daß er wohl unumgestoßen bleiben solle; könne ihn aber irgend jemand, jung oder alt, gelehrt oder ungelehrt, Freund oder Feind, „ja der geringste Küchen- oder Stallbube“ aus Gottes allein seligmachendem Wort eines bessern belehren, so werde er dafür dankbar sein und sei die Bibel bald zur Hand; im Uebrigen vertraue er auf die Gerechtigkeit des Kaisers; „sollte aber, schloß er, dies mein unterthänigst Vertrauen fehlschlagen, so getröste ich mich des, daß mein Herr und Heiland Christus Jesus mir jammt allen seinen Gläubigen die so gewisse Verheißung gethan, daß alles, was ich um seiner Ehre oder Namens willen verlieren werde, mir in jener Welt hundertfältig soll erstattet werden. Thue damit Eurer kaiserlichen Majestät mich unterhänigst zu Gnaden befehlen.“ Diese, aus der innersten Ueberzeugung hervorströmende Rede machte einen so tiefen Eindruck, daß alsbald Kurfürst August von Sachsen, dem Angeklagten auf die Schulter klopfend, in die Worte ausbrach: „Fritz, du bist frömmer denn wir alle“, und weiterhin Carl von Baden zu den Umstehenden sagte: „Was fechtet ihr diesen Fürsten an? Er ist frömmer denn wir alle.“ So wurde dies der schönste Tag Friedrichs; er brachte ihm statt der Verurtheilung eine unverwelkliche Ehrenkrone. Nicht nur als Angehöriger der augsburgischen Confession, zu der er sich auch hier wiederum feierlich bekannt hatte, wurde er anerkannt, sondern auch das Directorium in evangelischen Religionssachen, welches Kurpfalz als oberstem evang. Stand zukam, ward ihm nicht entzogen. Am Freitag vor Pfingsten traf der Kurfürst wieder in Heidelberg ein und am Pfingstfeste selbst genoß er mit der Gemeinde das h. Abendmahl; bei der Vorbereitung darauf ermahnte er den Olevian, indem er ihm öffentlich die Hand reichte, zur Standhaftigkeit im Glauben. Von da an setzte Friedrich eine reformatorische Thätigkeit unangefochten fort und bewährte darin Strenge und Milde. Mit Eifer ergriff er die Vorschläge Olevians zur Einführung calvinischer, durch Presbyterien zu übender Sittenzucht, stieß damit jedoch auf große Schwierigkeiten. Noch strenger war er, wo er auf dem Gebiete der Lehre grundstürzende Irrthümer zu finden glaubte, wie dieß bei den unter den pfälzischen Geistlichen entdeckten Arianern (Leugnern der Gottheit Christi und der Dreieinigkeit) der Fall war, deren Haupt Joh. Sylvanus im J. 1572 zum Tode durchs Schwert verurtheilt wurde. Dagegen zeigte er sich auch mild, wenn er, selbst bei abweichenden Lehrmeinungen, eine ernste Glaubensgesinnung und sittlich würdige Lebensführung wahrnahm, wovon die Wiedertäufer ein Beispiel sind, denen er nach einem 19 Tage dauernden Prüfungs-Gespräch zu Frankenthal im J. 1571 die ruhige Ansiedelung in der Pfalz gestattete. Besonders unermüdlich aber war Friedrich in der Pflege christlicher Erkenntniß und christlichen Lebens in einem Lande, sowie in der Förderung der protestantischen Sache im Ganzen und Großen. Die eingezogenen Stifter und Klöster, deren Zahl in die Hunderte ging, stellten sehr bedeutende Mittel zu Gebot, und diese wurden mit höchster Gewissenhaftigkeit für Zwecke der Kirche und Schule oder auf Stiftungen und Werke der Barmherzigkeit verwendet, so daß dadurch der pfälzischen Kirche eine würdige Unabhängigkeit gesichert, dabei aber zugleich das Unterrichtswesen durch alle Stufen hindurch, von der Universität bis zur Dorfschule wesentlich verbessert wurde. Nach außen aber stand Friedrich mit den protestantischen Kirchen, vornehmlich den reformierten in Frankreich, England und den Niederlanden fortwährend in regter Verbindung; er trat überall für die Unterdrückten ein und strafte die Verfolger, wie z. B. nach der Bartholomäusnacht, mit scharfen Worten; er nahm Flüchtlinge, unter andern Charlotte von Bourbon, gastlich auf und brachte, wo er nur konnte, thätige Hülfe: ein bewährter Waffenträger, Johann Casimir führte zur Unterstützung der Protestanten ein Heer nach Frankreich, und ein anderer hoffnungsvoller Sohn Christoph fiel als 23jähriger Jüngling 1574 im niederländischen Freiheitskampfe auf der Mockerhaide. Ganz besonders lag es Friedrich, dessen Blick ohne Vernachlässigung des Nächsten stets auf das Ganze gerichtet war, noch auf dem Herzen, eine umfassende Vereinigung aller Protestanten und ein allgemeines Toleranz-Gesetz zu Stande zu bringen. Es sollte ihm nicht so gut werden. Doch beschäftigten ihn diese Dinge, wie überhaupt die Sorge um das Wohl der Kirche, auch noch im Angesicht des Todes. Als er, selbst schon aufs schwerste an der Wassersucht darniederliegend, den am 12. Oktober 1576 erfolgten Heimgang seines werthen Kaisers Max erfuhr, hatte er nur den Wunsch, den neuen Kaiser und seinen Kurprinzen Ludwig noch einmal zu sehen, „um sich mit beiden wegen des Zustandes christlicher Republik zu besprechen.“ Beim Herannahen eines Endes durfte Friedrich bezeugen: „Ich habe der Kirche zum Besten gethan, was ich konnte“- fügte jedoch demüthig hinzu, daß er nicht viel vermocht habe; Gott aber, der alles vermöge, werde die Seinen nicht Waisen sein lassen und die Gebete, die er in diesem Gemach für eine Nachfolger und die Kirche knieend gethan, väterlich erhören. „Ich habe euch lange genug gelebt – sprach er – ich muß mir auch einmal leben.“ Und wiederum: „Es berufe mich nun der liebe Gott, wann er wölle, so hab ich ein fröhlich frei Gewissen in dem Herrn Christo, dem ich von Herzen gedienet und erlebet habe, daß in meinen Kirchen und Schulen die Leute von den Menschen auf ihn allein gewiesen worden.“ Am meisten stärkten ihn Worte der h. Schrift: der 31. Psalm, das hohepriesterliche Gebet des Herrn Joh. 17, die Stellen 1. Timoth. 1, 15 und 2. Timoth. 4, 7 und 8. So entschlief er selig am 26. Oct. 1576 in dem einigen Trost Lebens und Sterbens, zu dem er sich jederzeit unwandelbar bekannt hatte. Von Person muß Friedrich eine würdige Erscheinung dargeboten haben; er trug einen starken Bart, und aus den festen, aber wohlwollenden Zügen seines Angesichts blickte ein klares, durchdringendes Auge. In seinem Familienleben war Freude und Leid menschlich gemischt: mit Marie von Brandenburg-Bayreuth lebte er bis 1567 in 30jähriger glücklicher Ehe; sie gab ihm 5 Söhne und 5 Töchter, deren Geschicke sehr verschieden waren; eine zweite Ehe mit Amalie, Witwe des Herrn von Brederode, geb. Gräfin von Moeurs, blieb kinderlos. An dem Hofe Friedrichs ging es sehr einfach zu; er schaffte sogar die „Sängerei ab“ ab und entlieh eine solche für Festlichkeiten anderswoher. Seine Zeit gehörte fast nur ernsten Dingen: dem Lesen der h. Schrift und weltlicher Geschichte, der Abfassung zahlreicher Sendschreiben und den Geschäften der Regierung, denen er mit Besuch der Kanzleien und Anhören der Unterthanen stets treulich oblag. Auch sein weltliches Regiment hatte ein strenges, sittliches Gepräge; er vereinfachte das Beamtenwesen, suchte der Verschwendung, dem Luxus und der Ueppigkeit zu steuern und gab eine „christliche“ Polizeiordnung, in welcher Heilighaltung der Sonn- und Feiertage sowie Kirchenbesuch für jedermann, „der es Leibs halben vermag“, ernstlich vorgeschrieben, dagegen Fluchen, Schwören, Zechen u. a. streng verboten war. Der Wohlstand, zu dem auch gewerbfleißige Emigranten beitrugen, blühte unter ihm in der Pfalz und die Unterthanen waren wohl zufrieden. Doch stellte Friedrich auch in weltlichen Dingen alles auf Gott und sein Wort. Dem Kaiser Max überreichte er eine ins Spanische übersetzte Bibel mit der Aeußerung, in diesem Buch sei „ein Schatz aller Schätze enthalten, nämlich die himmlische Weisheit, welche Kaiser, Könige und Fürsten anweiset, wie sie glücklich regieren sollen.“ Und als er einst gefragt wurde, warum er in seinem Lande keine Festungen baue, erwiderte er: „Eine feste Burg ist unser Gott! So haben wir getreue Unterthanen, wohlgeneigte Nachbarn und im Fall der Noth eine Anzahl solcher Kriegsleute, die nicht allein mit Wehr und Waffen, sondern auch und vornehmlich mit dem Gebet unsern Feinden widerstehen können.“ Der Mittel- und Angelpunct von Friedrichs Thätigkeit war indeß immer die Kirche; hier empfing alles von ihm den Anstoß und stand unter einer persönlichsten Leitung. Er besuchte selbst die Sitzungen seines Kirchenraths, disputierte in eigner Person auf einer Synode mit einem geistlichen Gegner einer Abendmahlslehre, und setzte als unerschütterlicher Bekenner vor Kaiser und Reich alles, was er war und hatte, für seinen Glauben und seine kirchlichen Reformen ein. Und so blieb es bis zum letzten Athemzug. Auch in dem Testament, das er nicht lange vor seinem Tod aufsetzte, sind ihm Glaube und Kirche das Wichtigste. Er legt ein ausführliches, sehr rechtgläubiges Bekenntniß ab und kennt kein höheres Anliegen, als daß seinem Volke das lautere Wort Gottes und reine Sakrament erhalten, daß christliches Leben unter allen Ständen in Eintracht gefördert werde. Der Wahlspruch Friedrichs, der in der That ein ganzes Leben beherrschte, waren die Worte: „Herr, nach deinem Willen.“ Diesen Spruch legte er auch einem, in höherem Alter abgefaßten Liede zu Grund, dem der ganze Sinn Friedrichs in seiner Frömmigkeit, Demuth und Treuherzigkeit eingeprägt ist. Wir schließen unsere Schilderung mit dem letzten Vers dieses Liedes, der so lautet:

 

Willen und Lieb zu deiner Ehr

Laß in mir wachsen täglich mehr

Bis in mein letztes Ende;

Und wann erfüllet sind die Tag,

Daß ich von hie soll scheiden ab,

Mein’n Geist nimm in dein Hände.

Dein Wort entzeuch meim Völklein nit,

Wann es dein Gnad durch die Sünd verschütt‘,

Laß mich im Fried verhüllen.

Mein Land und Leut nach meinem Tod,

Darzu der Christen letzte Not

Regier, Herr, nach dei’m Willen.

 

Ullmann in Carlsruhe.

Friedrich Barbarossa

Wo einem Volke von Gott ein großer Mann gegeben ist, stehet er da wie ein feuriges Wahrzeichen, das hoch aufgerichtet ist auf einem Berge, und leuchtet weit hinaus über das Land, und alles Volk wendet seine Blicke hinauf zu der wunderbaren Feuersäule. Wenn aber Jahrhunderte vergangen und andere Geschlechter gekommen sind, dann sehen sie noch mit Staunen den hellen Wiederschein fernhin an dem tiefen Himmel glühen. Solcher Wahrzeichen waren dem deutschen Volke vor andern viele gegeben, und es war reich an großen Männern und gewaltigen Herrschern, die es seinen Weg führten durch Kampf und Noth, die das Recht handhabten, aber auch das Schwerdt zu Schutz und Trutz in jenen harten Zeiten, wo auch der friedliche Mann es nimmer bei Seit legen durfte, damit er in Frieden bleiben könne. Zu den gewaltigen Herrschern des deutschen Volkes nach dem großen Kaiser Karl und dem ersten Otto gehörte auch Kaiser Friedrich der Erste. Der war ausgerüstet mit einem starken und mächtigen Willen und einer eisernen Hand, die schwer lastete auf Allen, die ihm zu widerstreben dachten. Wenn ihm aber die Kraft verliehen war, vor. Vielen ein Werkzeug zu sein in der Hand Gottes, und große Thaten zu thun, so war ihm auch beschieden zu leiden für Viele. Denn nicht allein was er thut und wie er es thut, ist eines großen Mannes Zeichen, sondern auch an dem erkennt man ihn, was er leidet und wie er leidet. Also war Kaiser Friedrichs Herrschaft reich an Wechsel und Schickungen, an Kampf und Sieg und Freude und Leid. Darum ist er geworden zu einem feurigen Wahrzeichen in der Geschichte des deutschen Volkes.

 

Kaiser Friedrich stammte aus dem edlen und mächtigen Hause der Hohenstaufen, das in Schwaben, herrschte, und sein Vater Friedrich war Herzog gewesen in diesem Lande, und seines Vaters Bruder war König Konrad der Dritte, der erste der Hohenstaufen, der das Scepter führte in dem deutschen Reiche. Zu dieser Zeit kam der fromme Abt Bernhard von Clairvaux nach Deutschland und predigte mächtig vor dem Könige und den Großen des Landes, das Kreuz zu nehmen, und nach dem fernen Morgenlande zu ziehen. Denn es drohete Gefahr, daß das heilige Grab den Händen der Christen wieder entrissen würde, das doch mit so vielem Blute war erkauft worden. Und wie ein Sturm wehte es aus dem Munde Bernhards, und es ergriff viele aus dem Volke. So geschah es auch dem jungen Friedrich, dem Herzoge von Schwaben. Und er bezeichnete sich mit dem Kreuze und folgte einem Oheim nach dem gelobten Lande. Aber die Thaten der Kreuzfahrer gelangen nicht, so, wie sie es gemeint hatten. Denn wie Schnee an der Sonne schmolz das Heer zusammen vor Noth und Elend aller Art. Da ging der König, damit er doch die heilige Stätte gesehen habe, zu Schiff nach Jerusalem, und Herzog Friedrich begleitete ihn mit andern edlen Rittern. Sie beteten daselbst an allen heiligen Orten, und wanderten durch Samaria und Galilaea. Nach manchem harten Strauß mit den Ungläubigen zogen sie dann wieder heim nach Deutschland.

 

Bald darauf aber starb König Konrad im J. 1152. Da er den starken und mannhaften Sinn eines Neffen erkannt hatte, und dieser sich auch im heiligen Lande als einen ritterlichen Helden gezeigt hatte, empfahl er sterbend den Großen des Reiches, nicht seinen unmündigen Sohn, sondern seinen Neffen Friedrich zum Könige zu wählen. Denn es waren stürmische Zeiten und es bedurfte eines kundigen Steuermannes, der das Schiff durch die Fluthen und zwischen Klippen und Felsen sicher hindurch zu führen wisse, Es versammelten sich die Herzoge, Grafen und Bischöfe wieder in der alten Stadt Aachen, und in dem Münster führten sie den gewählten König zu dem Throne Kaiser Karls; der Erzbischof von Cöln krönte ihn, und Alle huldigten ihm als dem neuen Herrn Da wollte ein Diener, den Friedrich um eines Vergehens willen vom Hofe verbannt hatte, die Freude dieses Augenblicks nutzen, und warf sich vor ihm nieder, mitten in der Kirche, und rief seine Gnade an. Der König aber erhörte ihn nicht, sondern sagte: „Nicht aus Haß, um der Gerechtigkeit willen habe ich dich verbannt. Habe sie denn ihren Lauf!“ Und er blieb unerbittlich. Als das die Fürsten hörten, erschraken sie, denn sie erkannten die Strenge und den festen Sinn des jungen Königs. Friedrich aber war damals in der Fülle der Manneskraft. An Gestalt ragte er stattlich hervor, hell und weiß war ein Gesicht, die Wangen geröthet in Jugendfrische, die Augen leuchtend und durchdringend. Ueber der Stirn kräuselte sich das blonde Haar und röthlich schimmerte ein Bart, darum nannten ihn die Wälchen Barbarossa, d. h. Rothbart. In Allem aber zeigte er sich als einen großen Mann. Er war klug und fest im Rath, stark und tapfer in der That, streng gegen Uebelwollende, leutselig gegen eine Freunde, und in allen kriegerischen Werken der Erste. Im Grauen der Morgendämmerung besuchte er die Kirche, um den Tag mit Gebet zu beginnen, und in mancher Stunde versank er in andächtige Betrachtung, und litt nicht, daß man ihn mit weltlichen Fragen belästigte. Vor Allem aber meinte er, von Gott habe er ein hohes Amt, er sei ein König von Gottes Gnaden, dem es aufgetragen sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Denn wer den Bösen schone, thue dem Guten Schaden, und unzeitige Milde werde zur Brandfackel in der Hand des Frevlers. Darum galt vor ihm kein Ansehn der Person, und wo er auftrat, da bebten die Uebelthäter.

 

Ein solcher Herrscher that dem Reiche Noth; denn überall gab es Hader und Zwiespalt. Die Fürsten stritten unter einander, und wo sie sich vereinten, erhoben sie sich wider den König; wohl wollten sie einen Herrscher, aber er sollte also herrschen, wie es ihnen gut dünkte und genehm war. So war von des Kaisers alten Rechten. Vieles verloren gegangen, und Alle zerrten daran, daß fiel ein Stück davon losrissen nach dem andern. Darum beschloß Friedrich, es solle anders werden, und das Kaiserthum wieder reich an Macht und Ehren vor allen Völkern, wie es früher gewesen war. Zuerst aber söhnte er die hadernden Fürsten und Lehnsmannen des Reichs mit einander aus. Auf den Reichstagen hörte er ihre Ansprüche, und gab einem Jeden was ihm gebührte, und stellte Ruhe und Frieden wieder her. Deßwegen waren ihm alle Fürsten zugethan.

 

Dann aber warf er sein Auge auf die fremden und benachbarten Völker, bei denen das Deutsche Reich auch einst hoch in Ansehen gewesen war. Damals stritten in Dänemark drei Stammesvettern um die königliche Krone, und Friedrich schlichtete ihre Sache auf einem Reichstage, und gab dem Einen die Krone, daß er sie trüge als ein Lehen des Reichs, und unterwarf ihm die beiden andern. Als dann erhob er sich zu einem Feldzuge wider die Polen. Hier war der Herzog vertrieben von seinen Brüdern, und lebte der Herrschaft beraubt im Elend. Friedrich aber kam siegreich in das Land und strafte die Kronenräuber, daß sie einen Theil des Landes wieder herausgeben mußten, und anerkennen, daß sie wollten dem Reiche unterthänig sein, und seinen Richterspruch über sich ergehen lassen.

 

Härtere Kämpfe aber und Schwereres stand ihm bevor in dem Lande Italien, wohin er nun zu ziehen gedachte. Hier war ein großer Streit seit den Zeiten Ottos des Ersten, der die Kaiserkrone dem Deutschen Volke wieder gewonnen hatte. Dem Reiche waren seitdem unterthan die Lande jenseits der Alpen bis nach Neapel hinab, wo die Normannen herrschten, und auch der Papst zu Rom stand mit der Stadt unter dem Kaiser. Dann aber, hundert Jahr vor Friedrich, war ein Papst gekommen, der hieß Gregor, und war dieses Namens der Siebente. Der war auch ein starker und gewaltiger, aber kein geistlicher Mann. Er war nicht zufrieden mit der Herrschaft in der Kirche, obwohl auch diese nur eines unsichtbaren Hauptes ist, sondern er trachtete nach dem was von der Welt ist, und wie er die Kirche mache zur Herrscherin der Erde, und zu einem Reiche von dieser Welt. Darum hatte er geschrieben alle Kronen und Herrschaften seien von Gott in seine Hand gegeben, alle Fürsten und Könige seien Räuber und Todtschläger, und aller Menschen Eigenthum gehöre dem heiligen Petrus, d. h. dem Papste zu Rom. Gegen solche verkehrte und unchristliche Lehre aber hatten sich die Kaiser und Könige gesetzt, ein großer Kampf war entstanden, und der den Segen bringen sollte, hatte einen Brand entzündet, der nimmer zu dämpfen war. Darüber hatte sich Verwirrung und Unordnung aller Art erhoben in Deutschen und Italienischen Landen, und von den Rechten und der Macht des Kaisers war Vieles abhanden gekommen. Vornehmlich aber hatten die reichen Städte der Lombarden im oberen Italien viel gewonnen. Sie waren stolz auf ihre Macht und trotzig hinter ihren festen Mauern, und meinten, der Kaiser dürfe ihnen nichts vorschreiben. Unter ihnen aber war keine Stadt mächtiger als das stolze Mailand. Das war nicht zufrieden frei zu sein, sondern es wollte herrschen über die andern, minder mächtigen Städte, überzog sie mit Krieg, schleifte ihre Mauern und trat sie unter die Füße.

 

Da nun Friedrich wieder auf einem Reichstage zu Gericht saß, erschienen vor ihm die Bürger einer Italienischen Stadt, klagten die Mailänder an, und baten ihn die vor ihrem Uebermuthe zu erretten. Friedrich aber zog mit Heeresmacht zum ersten Male über die Alpen nach Italien und züchtigte die widerspenstigen Städte, daß sie sich ihm unterwerfen mußten. Dann ging er nach Rom, wo ihm Papst Hadrian feierlich die Kaiserkrone auf das Haupt setzte. Da aber war wieder der Anfang eines großen Kampfes. Denn bald darauf kam der Kaiser mit dem Papste in einen Streit. Dieser sandte zwei seiner Cardinäle an ihn ab mit einem Briefe, darin fand, wie die Römische Kirche ihm die Fülle der Würden und Ehren übertragen habe, als sie ihm die Kaiserkrone zum Lehen gegeben. Als nun dieses Schreiben verlesen wurde vor dem Kaiser in der Versammlung der Fürsten, da brach ein lauter Unwille aus. Und als einer der Cardinäle sagte: „Von wem denn hat der Kaiser sein Reich, wenn nicht vom Papste?“ hätten die Fürsten Hand gelegt an die Boten, wenn der Kaiser es nicht verhindert hätte. Auf jenen Brief aber antwortete er: „Gottes Allmacht, von dem alle Gewalt herkommt im Himmel und auf Erden, hat uns einem Gesalbten das Reich und die Herrschaft aufgetragen. Durch die Wahl der Fürsten haben wir von Gott allein beides, und von keinem Andern. Auch der Apostel Petrus selber hat gelehret: Fürchtet Gott und ehret den König! Wer aber sagt, es sei unter Kaiserthum ein Lehen vom Papste, der verunehret uns, und redet wider die göttliche Einrichtung und den Apostel Petrus und macht sich einer Lüge schuldig. Darum gebe der Papst solche eitle und unerhörte Rede auf!“ Also wollte Friedrich sein und herrschen als ein Kaiser von Gottes Gnaden. Der Papst aber erschrak sehr, und er schrieb einen andern Brief zurück, und besänftigte den zürnenden Kaiser.

 

In der Zeit aber erhoben sich auch die Städte wieder, trotz ihrer Versprechungen, und Friedrich ging abermals über die Alpen und schlug die Mailänder, und verurtheilte sie zu schwerer Buße und demüthigender Strafe. Darauf hielt er auf dem Felde zur Roncaglia einen feierlichen Kaisertag mit aller Pracht eines großen Herrschers, und forderte zurück von den Städten alle Kaiserrechte, die sie an sich genommen hatten im Laufe vieler Jahre, ohne Willen und Schenkung des Kaisers. Und so stellte er als ein von Gott gesetzter und verordneter Kaiser die alte Macht wieder her. Die Lombarden aber und auch der Papst wurden bestürzt über so gewaltiges Regiment, denn sie fürchteten Friedrichs Macht, und begannen ihn nur desto mehr zu hassen, und dachten darauf, wie sie ihn zu Falle brächten.

 

Bald darauf nachdem dieses geschehen war, starb der Papst Hadrian. Die Cardinäle aber konnten nicht eines Sinnes werden über die Wahl eines neuen Papstes. Die Einen waren für Victor den Vierten, die Andern aber wählten später Alexander den Dritten, einen heftigen Mann, der des Beispiels Gregors des Siebenten gedachte, und sich auch schon als einen Feind des Kaisers gezeigt hatte. Dieser aber nahm Aergerniß an einer solchen Spaltung der Kirche, und meinte durch sein kaiserliches Amt sei er berufen den Frieden auch in der Kirche zu wahren, wie vor Zeiten auch Kaiser Otto darum einen Papst seiner Würden mit Beirath der Bischöfe entsetzt hatte. Danach berief Friedrich die beiden Päpste vor eine große Versammlung der Bischöfe des Reichs nach Pavia, damit sie hier ihre Sache führen möchten. Doch Alexander folgte diesem Rufe nicht, denn er erachtete seine Wahl allein für die rechte und die der wahren Kirche, und schalt den andern Papst einen Abtrünnigen und Ketzer. Auch sei er nicht dem Kaiser unterthan, sondern der Herr desselben, und nimmer dürfe der Kaiser eingreifen in die Rechte der Römischen Kirche. Deßwegen entwich er nach Frankreich, und belegte dort den Kaiser mit dem Banne der Kirche.

 

Doch Friedrich wankte nicht, sondern hielt fest an einem Rechte, und ging wieder nach Italien die Städte zu strafen, die durch solche Rede des Papstes neuen Muth gewonnen hatten. Wieder aber traf des Kaisers Zorn Mailand am Schwersten, das jetzt mehr trotzte als jemals, denn mit des Papstes Hülfe hoffte es nun zu siegen. Da belagerte Friedrich die Stadt acht Monate lang und Hunger, Elend und Krankheit begannen die Einwohner fort zu raffen, bis die Uebrigen die Gnade des Kaisers anriefen. Friedrich aber ergrimmte in seinem Zorne, und wollte nichts hören von Gnade, sondern sie alle ohne Schonung und Erbarmen die Schwere seiner Hand fühlen lassen, weil sie sich so oft wider ihn empört hatten. Da kamen die Mailänder, klagend und in Büßergewändern, Stricke um den Hals, Asche auf dem Haupte und mit bloßen Füßen, in das Lager zum Kaiser, und warfen sich flehend vor ihm nieder. Alle Fahnen und Kriegszeichen, auch ihre größeste Fahne mit dem Bilde des heiligen Ambrosius legten sie vor seine Füße in den Staub, jammt den Schlüsseln ihrer Stadt. Der Kaiser aber blieb hart, und erbarmte sich ihrer nicht, sondern blickte von einem Throne auf sie nieder und sagte: „Erkennet ihr, Mailänder, endlich, daß ich euer Herr bin und Kaiser? Ihr Alle habt das Leben verwirkt, doch die Milde, die euch, werden kann nach dem Gesetze, soll euch werden!“ Die Mailänder aber harrten voll Angst, was mit ihnen geschehen werde, Da befahl ihnen Friedrich auszuziehen, mit Weib und Kind und allen ihren Habseligkeiten, sich zu zertheilen, und von jetzt an zu wohnen, fern von ihrer Heimath in einem kleinen Flecken. Die Mauern aber der stolzen Stadt ließ er durchbrechen, die Gräben ausfüllen, die Thürme umstürzen, die prächtigen Gebäude zerstören, und nur der großen Kirchen schonte er, „Das alter Mailand sollte verschwinden vom Boden der Erde, und die Stätte wüste bleiben und leer zum Zeichen, wie furchtbar der Zorn des Kaisers sei, und wie schwer er strafe alle die ihm widerstehen. Und mit Weinen und Wehklagen verließen die Mailänder ihre Vaterstadt

 

Da aber Friedrich aller Milde vergaß, und gedachte die Ueberwundenen zu zertreten, geschah es, daß auch seine Kraft sollte gebrochen werden. Denn weil die Mailänder zu Boden gedrückt wurden von ihrem schweren Unglück, jammerte ihr Schicksal alle Städte, auch die, welche ihnen vorher feind gewesen waren um ihres Uebermuthes willen. Alle begannen den Kaiser wegen seiner Härte zu zürnen, und sie sannen, wie sie an ihm Rache nehmen möchten. Darum schlossen die Lombarden, einen Bund, daß sie Mailand herstellten, und ihre Rechte wie früher behaupteten gegen den Kaiser. Der Papst hieß Alles gut, was sie thaten, und erklärte laut, aus göttlicher Machtvollkommenheit nehme er Friedrich das Kaiserthum und seine Herrschaft, und alle Unterthanen entbandt er des Eides, den sie ihm geleistet, und sagte, es sei ein gutes Wert, wenn sie sich gegen ihren Herrn erhöhen. Nun entbrannte der noch heftiger als zuvor, und Friedrich entbot alle Fürsten des Reiches zu einem neuen Zuge nach Italien.

 

Unter den Fürsten aber war keiner mächtiger und größer als Herzog Heinrich, den man den Löwen nannte, der in Sachsen und Baiern herrschte, und abstammte aus dem hohen und uralten Hause der Welfen. Und die Welfen waren neben den Hohenstaufen so gewaltig im Reiche, daß sie lange mit ihnen stritten, und die Kaiserkrone hätten gewinnen können. Doch Friedrich hatte den alten Streit geschlichtet und sich versöhnt mit Herzog Heinrich. Denn dieser war sein Vetter und Blutsverwandter durch des Kaisers Mutter. Er hatte ihn reich gemacht an Ehren und Ansehen, also daß es keinen Größern gab, und er der Erste war nach dem Kaiser selber. Auch Heinrich war ein tapferer und stolzer Mann, der nach hohen Dingen trachtete; nie konnte ihm der Ehre genug geschehen, und er dann darauf, wie seine Macht noch größer würde, und er den Kaiser selbst überträfe. Also versagte er ihm zu diesem Heereszuge einen Beistand, und wollte ihm nicht anders mit seinen Mannen zuziehen, als wenn er ihm die Stadt Goslar als Lehen überließe, die dem Reiche unterthan war. Aber Friedrich wurde unwillig über dieses Ansinnen, und wollte die Hülfe eines Lehnsmannes, dem er doch gebieten konnte, um diesen Preis nimmer erkaufen. Noch aber hoffte er ihn mit Güte zu überwinden, darum berief er ihn nach der Stadt Chiavenna im Süden der Alpen. Als sie nun zusammenkamen, stellte er ihm alle Dinge vor, wie sie seien, und welche Macht der Papst und die Lombarden hätten, und wie das Reich in großer Gefahr sei, und bat ihn mit dringenden Worten, er möge seinen Kaiser und Vetter nicht verlassen. Da nun Heinrich auf einem Sinne verharrte, wurde Friedrich von tiefem Schmerze ergriffen, vergaß seiner kaiserlichen Würde, und that vor seinem Lehensmanne einen Fußfall, und bat ihn flehend, er möge bei ihm aushalten in diesem schweren Kampfe. Aber er fand keine Erhörung; denn Heinrich blieb kalt und stolz, und die Demüthigung des Kaisers rührte ihn nicht. Da trat, wie erzählt wird, die Kaiserin herzu und sagte: „Erhebe dich, o Herr! dieser Stunde wird Gott gedenken!“ Der Kaiser aber erhob sich, und bat nicht mehr. So schieden die Fürsten von einander in Feindschaft.

 

Nach diesem Abfalle hatte Friedrich nur wenige Schaaren um sich, aber die Lombarden hatten in ihrem Durste nach Rache ein großes Heer gesammelt. Und beide trafen auf einander bei Legnano im Jahre 1176, und eine große Schlacht wurde geschlagen, und heiß gestritten den ganzen Tag hindurch; denn die Mailänder vor Allen wollten lieber sterben, als länger so leben, und sie gedachten alles Leides, das der Kaiser ihnen angethan hatte. Ob nun gleich dieser und die Seinen ritterlich kämpften, so wurden sie dennoch geschlagen, und die Lombarden gewannen einen großen Sieg. Viele Fürsten und Herrn wurden gefangen, die Fahne des Kaisers, sein Schild jammt vieler anderer Beute fiel in die Hände der Sieger; das Roß des Kaisers wurde unter ihm getödtet, und er selbst sank zu Boden. Die Seinen wurden erfüllt von Schreck und Bestürzung, als sie ihn nicht mehr erblickten, denn sie meinten, auch er sei unter den Gefallenen. Aber noch hatte sich der Tod von ihm abgewendet; doch aber war es ein harter Schlag für den gewaltigen Mann. Aus einem Sieger war er ein Besiegter geworden, und jetzt that der Friede ihm selber Noth. Darum schloß er einen Stillestand mit den Lombarden, und sie behaupteten ihre Macht wie vorher, und Mailand erhob sich von einem tiefen Falle, und wurde von den Siegern aus Schutt und Trümmern wieder aufgebaut.

 

Auch mit dem Papste Alexander wollte der Kaiser sich jetzt versöhnen, damit Italien und die Kirche nach so langem Kampfe endlich Frieden hätten. Deßhalb hielt er mit ihm eine feierliche Zusammenkunft zu Venedig, in der wunderbaren Stadt, die im Meere liegt, und um des Friedens willen fügte er sich in Alles was der Papst von ihm verlangte. Auf dem Platze vor der Kirche des heiligen Marcus erschien Friedrich mit seinen Fürsten und Rittern vor dem Papste, der saß auf einem Sessel und um ihn her standen seine Cardinäle und Bischöfe. Der Kaiser aber legte seinen Mantel ab, und kniete nieder vor dem Papste, wie es damals Sitte war, und dieser erhob ihn vom Boden und ertheilte ihm den Kuß des Friedens. So wurde die Eintracht wieder hergestellt, und Alle freuten sich, daß endlich der Streit beigelegt sei, der achtzehn Jahre hindurch gedauert hatte. Das war für alle Lande ein großer Gewinn, aber auch ein schweres Opfer für den Kaiser. Denn von allem Leid, das er erfahren hatte, war dieses die härteste und schwerste Prüfung, daß Gott ihn gedemüthigt, und ihn in die Hand seines stolzen und herrschsüchtigen Feindes gegeben hatte. Zweimal in seinem Leben hatte der Kaiser einen bittern Fußfall gethan, vor dem so viele Besiegte im Staube gelegen hatten, und Vieles von dem, was er mit aufrichtigem Herzen zum Wohle des Reichs gesucht hatte, war doch nicht in Erfüllung gegangen. So ist das Schicksal des Menschen und einer Größe, daß er erkennen lerne alles Irdische, wie glänzend und herrlich es auch erscheinen möge, sei nichtig und hinfällig.

 

Da es nun Friede war, kehrte der Kaiser nach Deutschland zurück, denn er gedachte Heinrichs des Löwen, und wie eine Feindseligkeit alles dieses veranlaßt habe. Und Friedrich erklärte ihn für einen Feind des Reichs, belegte ihn mit der Acht, nahm ihm die Herzogthümer, Lehen und was er sonst vom Reiche hatte, und überzog seine Stammlande mit Krieg. Heinrich aber vermochte dem Kaiser nicht zu widerstehen, und mußte auch um Frieden bitten, Und er trat auf dem Reichstage vor den Kaiser, fiel nieder vor ihm, und flehte eine Gnade an. Friedrich aber war eingedenk seines eigenen schweren Schicksals, und hob ihn vom Boden auf unter vielen Thränen. Also hatte Gott jener Stunde zu Chiavenna gedacht, und mit allmächtiger Hand hatte er die beiden großen Fürsten gebeugt, den Einen durch den Andern. Heinrich aber wurde auf drei Jahre des Reiches verwiesen.

 

Fünf und dreißig Jahre waren nun verflossen, seit Kaiser Friedrich in Deutschland herrschte gewaltig und ruhmvoll. Wenn er auch war besiegt worden, so sahen ihn doch Alle für einen großen Herrscher an, und einen würdigen Nachfolger Karls des Großen und Ottos des Ersten. Er hatte strenge gehalten auf Recht und Gerechtigkeit, hatte gestritten wider den Trotz der Städte, den Uebermuth der Fürsten, die Anmaßung und Herrschsucht des Papstes, und hatte viele und schwere Wandlungen erlebt. Nun dachte er darauf, wie er das Geschick des Reiches und seines Hauses auf die Zukunft sichere. Darum verheirathete er seinen ältesten Sohn Heinrich, der auch ein tapferer und kühner Mann war, und ihm dereinst im Reiche folgen sollte, mit der Tochter eines Königs von Neapel, so daß Heinrich daselbst König werden sollte.

 

Um diese Zeit aber ging abermals der Ruf des Kreuzes durch Europa. Denn es kam die Schreckenskunde, wie Saladin, der Sultan von Aegypten, die Christen zu Jerusalem geschlagen, und die Stadt wieder gewonnen habe. So war acht und achtzig Jahre nach Gottfried von Bouillon das heilige Grab wieder eine Beute der Ungläubigen geworden. Da erinnerte sich Friedrich seiner Jugend, wie er vor Damascus gekämpft, und zu Jerusalem im Tempel gebetet habe; wie nun nach so langen Jahren, da er ein Greis sei, und ein Kaiser an Ruhm und Ehrenreich, derselbe Ruf zu ihm komme, wieder nach dem gelobten Lande zu ziehen, und Alles, was er gethan, durch die Eroberung des heiligen Grabes herrlich zu vollenden. Weil er nun im Reiche. Alles wohl geordnet sah, nahm er auf dem Reichstage zu Mainz gegen Ostern des Jahres 1189 das Kreuz. Seinem Beispiele folgten Herzoge, Grafen und Herrn, Bischöfe und Ritter, und unzähliges Volk, die alle in den Kampf ziehen wollten wider die Ungläubigen. Den Kaiser aber begleitete sein Sohn Herzog Friedrich von Schwaben, und auch die Könige von Frankreich und England schickten sich an zur See nach dem heiligen Lande zu gehen.

 

Alsbald war ein großes Heer versammelt, und der Kaiser, als ein kundiger Kriegesfürst, trat an die Spitze, und führte es wohlgeordnet an der Donau hinab nach Presburg. Hier aber, in der Ungarischen Mark, hielt er noch einen glänzenden Reichstag, und alle Streiter waren um ihn versammelt. Er ordnete noch einmal an. Alles, wie es sollte gehalten werden in einer Abwesenheit, und nahm einen letzten, feierlichen Abschied von Allen, die zurückblieben, vornehmlich von einem Sohne Heinrich, dem er das Reich übertragen hatte. Denn er war dem Greisenalter nahe, und der Weg, den er ging, weit, und mit tausendfacher Gefahr verbunden, und wohl mochte er es ahnen, daß er das Vaterland und die Seinen nimmer wiedersehen werde. Aber der frische Jugendmuth und die alte Kraft kehrte ihm wieder, wenn er des Zieles gedachte, das vor ihm lag. So führte er das Heer durch die Länder der Ungarn und Bulgaren, und der treulosen Griechen, die dem Kaiser und den Deutschen feind waren, hinüber nach Asien in das Land der Türken. Da war mancher Kampf zu bestehen mit den Ungläubigen, die hervorbrachen aus dem Hinterhalte, und das Heer beunruhigten, das des Weges nicht kundig war. Und Viele verschmachteten vor Hunger und Durst in der Wüste, und in den engen Gebirgspässen stürzten Menschen und Thiere in die Abgründe. Friedrich aber blieb standhaft, und sagte: „Wir werden uns dennoch Bahn brechen mit dem Beistande des Herrn.“ Darauf kamen sie nach der Stadt Seleucia am Flusse Saleph in der Provinz Cilicien, von wo sich der Weg südwärts wendet nach Syrien und dem gelobten Lande. Und das Heer schickte sich an über den Fluß zu gehen. Der Weg aber oben auf den Bergen, die an dem Saleph sich hinziehen, war schwierig und voller Gefahr, und es war eine weite Strecke bis zu der einen Brücke, die über den Fluß führte. Friedrich aber wurde ungehalten über die Zögerung, denn es trieb ihn vorwärts, und er eilte mit seinem Gefolge hinab zum Rande des Flusses. Und in ungeduldiger Hast wie ein Jüngling, gedrückt von der Hitze des Tages, warf er sich mit seinem Rosse in den Strom, um so das jenseitige Ufer zu gewinnen. Umsonst hatten die Seinen vor so raschem Thun gewarnt. Das Wasser aber war kalt wie Eis, und hatte einen jähen und raschen Fall. Da erfaßte der Strudel den alten Kaiser, und es verließen ihn mitten im Flusse die Kräfte, er erstarrte, und bevor ihm die Seinen zu Hülfe kommen konnten, war es um sein Leben geschehen, und nur einen Leichnam brachten sie an das Ufer. Das geschah am 10. Juni des Jahres 1190, an einem Sonntage, gegen Abend. Da erfaßte Bestürzung das ganze Heer, und Alle brachen in lautes Weinen und Klagen aus, und wollten fast verzweifeln, daß solches Leid sie betroffen habe, denn ihren Feldherrn und Führer, ihren Kaiser, ihren Vater hätten sie verloren. Herzog Friedrich führte darauf das Heer in tiefer Trauer nach Antiochia; dort bestatteten sie die Gebeine des Kaisers feierlich in der Kirche des h. Petrus fern von dem deutschen Heimathlande. Sein Herz hatten sie beigesetzt zu Tarsus, in der Stadt des Apostel Paulus. Aber das deutsche Volk hat das Andenken Kaiser Friedrichs in einem Herzen bewahrt, und nennt den Namen mit Allem, was groß und herrlich ist, bis auf diesen Tag.

 

  1. Köpke in Berlin

Rede über den Kaiser Friedrich Barbarossa

Obgleich ich das Bestreben und die Absicht derer, welche die Geschichte berühmter Männer, die unter den Griechen und Römern hervorgetreten sind, hier vorbringen, recht sehr billige; denn es kommt allerdings sehr Viel darauf an, daß wir so viel möglich mit der Kenntniß der Geschichte ausgestattet werden; so ist es doch, wie es mir wenigstens scheint, vielleicht noch nützlicher, der Aufhellung und Darstellung der einheimischen, vaterländischen Geschichte vor der ausländischen Fleiß zu widmen. Denn einmal wirken einheimische Muster kräftiger auf die Gemüther, weil es ja das Schimpflichste ist, als entartet zu erscheinen. Sodann müssen die meisten gegenwärtigen Verhältnisse mehr nach den Thaten unsrer Vorfahren, als nach der Geschichte derer beurtheilt werden, welche in andern Staaten, unter dem Einflusse anderer Verfassungen, sich hervorgethan haben. Da man daher in dieser Staatsform zum Behuf der Geschäftsführung Vieles aus der vaterländischen Geschichte entlehnen muß, so liegt es uns ob, nicht nur das Fremde mit unserer Wißbegier zu fassen, und, wie man zu sagen pflegt, außer dem Hause weise zu sein, sondern unsre eigne Geschichte müssen wir studieren und lernen, wie der Homerische Vers erinnert:

„Daß in Megara Gutes sowohl als Böses geschehen.“

Ja es ist sogar eine gewisse Pietät, der Verherrlichung und Aufhellung der vaterländischen Geschichte seine Kraft zu widmen, und wie der Dichter spricht:

„Heilig ist das Geschäft, zu erzählen die Thaten der Väter.“

Endlich wirkt dieser Stoff auch auf die Ausbildung der Sprache vortheilhafter, weil die fremde Geschichte in der Bearbeitung der beredtesten Schriftsteller vorhanden ist, aus denen man nicht nur in Ansehung der Thatsachen, sondern auch der schönen Darstellung leicht Manches entlehnen kann. Der geschichtliche Vorrath Deutschlands aber entbehrt des wissenschaftlichen Lichts, und wir haben ihn nicht nur allenthalben her, aus verschiedenen Schriftstellern zusammen zu bringen, sondern müssen auch selbst die schöne Form ihm geben, und dieses Beides übt theils das Urtheil in Ansehung, der Auffindung und der Eintheilung, theils die Gewandtheit des Geistes in der Darstellung aus mannichfache Weife. Eben darum wünsch‘ ich, daß auch die andern Gelehrten sich bestreben möchten, sich um die deutsche Geschichte durch eine edle Darstellung derselben Verdienste zu erwerben, weil ich sehe, daß unsre Fürsten den gefeiertsten Königen und Kaisern, bei den Griechen und Römern, an die Seite gestellt werden dürfen.

Ich habe daher Friedrich den Rothbart zum Gegenstand meiner Rede gemacht, und obgleich ich nicht aller Thaten desselben erwähnen kann, so will ich doch einige herausheben, aus welchen man die Größe seines Geistes, seine Treue, Standhaftigkeit und Frömmigkeit wird beurtheilen können, damit Ihr Euch überzeuget, daß ihm keine eines großen Mannes und guten Fürsten würdige Tugend gefehlt hat. Ich bitte aber, meine Rede gelassen anzuhören; denn auf diese Weise werdet auch Ihr das Lob der Pietät davon tragen, wenn Ihr werdet zu erkennen geben, daß das Bestreben derer, welche sich bemühen, das Vaterland zu schmücken, Euren Beifall hat. Obgleich nun viele Lobreden gewöhnlich damit beginnen, daß sie von dem Adel der Herkunft erzählen, weil man glaubt, daß die Keime der Tugend von guten Aeltern auf die Nachkommen fortgepflanzt werden, so werde ich doch hier kürzer sein, weil die edle Abstammung eines Mannes, der in einer kaiserlichen Familie geboren worden ist, nicht unbekannt sein kann. Denn Konrad, der Sohn Friedrichs, war Kaiser. Doch ein größerer Ruhm ist, daß er seinen edlen Ahnen nicht nur nicht unähnlich geworden, sondern vielmehr durch geistige Vorzüge und Tugend dieselben weit übertroffen hat. Seine trefflichen, erhabenen Eigenschaften bezeugt auch der Umstand, daß, ungeachtet Viele der mächtigsten Fürsten sich um den Kaiserthron bewarben, dennoch die Kurfürsten diesen Jüngling Allen vorzogen; was nicht geschehen sein würde, wenn nicht eine ganz besondere Fähigkeit dazu aus ihm hervor geleuchtet hätte, welche zu der Voraussetzung berechtigte, daß er der Regierung und Verwaltung der wichtigsten Angelegenheiten gewachsen sein würde. Und in der That, er hat diese Hoffnung der Kurfürsten nicht getäuscht; denn gleich bei dem Antritt der Regierung bewirkte er durch Mäßigung und Tugend, daß Keinen diese Wahl gereute. Denn sobald er den Thron übernommen hatte, war es sein erstes Geschäft, seinem Reiche, mit Verhütung öffentlicher Bewegungen, und mehr durch kluge Maßregeln, als durch Waffen, einen festen Frieden zu geben. Der Baier nämlich und der Oestreicher, damals, so wie auch jetzt, die mächtigsten Fürsten Deutschlands, waren entzweit. Es betraf Gränzstreitigkeiten, und Jeder rüstete sich zum Kriege, und wäre derselbe nicht durch die Sorgfalt des Kaisers Friedrich unterdrückt worden, so würde er für ganz Deutschland verderblich geworden sein. Obgleich aber Friedrich mit Jedem von ihnen verwandt war, so stand er doch dem Oestreicher näher. Daher hat er hier ein seltenes Beispiel von seiner Mäßigung und Rechtlichkeit abgelegt. Denn er zog diesen nicht etwa dem Baier vor, und glaubte, die Sache des ihm näher Verwandten nicht mehr begünstigen zu dürfen, als er sich überhaupt verpflichtet hielt, für die Erhaltung des Friedens zu sorgen. Ja, da er wegen der Verwandtschaft größern Einfluß auf den Oestreicher hatte, redete er ihm zu, daß er in Ansehung seines Rechts lieber nachgeben und lieber zurück treten, als weiter gehen, und daß er dieses um des allgemeinen Friedens Deutschlands, und mit Rücksicht auf seine kaum angetretene Regierung thun möchte. Damit er aber diesen Verlust leichter verschmerzen könnte, erhöhte er die Familie der Oestreicher durch Ertheilung einer Würde; denn da sie zuvor Markgrafen gewesen, wurden sie damals mit dem Herzogentitel beschenkt. Auf diese Weise ward durch die Rechtlichkeit des Kaisers theils das Gebiet des Baiern erweitert, theils die Veranlassung zu einem furchtbaren Kriege aufgehoben. Wie sehr eine solche Mäßigung von einem solchen Fürsten gerühmt zu werden verdient, ist nicht schwer einzusehen. Denn keine Eigenschaft ist für Fürsten empfehlender, und für das Gemeinwesen nöthiger, als wenn sie ihren eigenen, besondern Neigungen und Vortheilen das allgemeine Wohl des Vaterlandes voranstellen.

Kein Sieg ist rühmlicher, als sich selbst beherrschen, und um der allgemeinen Ruhe und Sicherheit willen von seinem eigenen, besondern Rechte Etwas nachlassen. Von wie vielen Staaten lesen wir, daß sie durch Ehrgeiz und Hartnäckigkeit ihrer Fürsten zu Grunde gerichtet worden sind, welche lieber Alles in Verwirrung bringen, und aufs Spiel setzen, als den Schein geben wollten, daß sie auch nur um ein Haar breit den übrigen Bürgern nachgegeben hätten! Das war die einzige Ursache der bürgerlichen Unruhen in Rom, bei Marius, Sulla und Pompejus.

Doch ich habe nicht nöthig, mich auf das Alterthum zu berufen. Das ganze Leben ist voll von Beispielen dieser Art. Mit Recht verdient daher die Klugheit Friedrichs gepriesen zu werden, der, wie er selbst, die höchste Mäßigung bewährte, so auch seinen fürstlichen Verwandten bewog, von seinem Rechte Etwas nachzugeben.

Auswärtige, zu sehr von sich eingenommene Menschen nennen unsere Kaiser Barbaren, und behaupten, sie hätten ihre Thaten mehr innern heftigen Antrieben folgend, als mit besonnener Ueberlegung vollbracht. Wie aber überhaupt unzählige, mit Weisheit und Mäßigung ausgeführte Thaten unserer Fürsten bezeugen, daß ihnen mit Unrecht der Vorwurf der Barbarei gemacht wird, so gibt vornehmlich diese Friedensvermittelung Friedrichs deutlichen Beweis, daß es ihm weder an Klugheit, die Gesinnung der Fürsten zu versöhnen, noch an ernster Besonnenheit gefehlt hat, indem er die öffentliche Ruhe jedem Privatinteresse vorzog. Dieser Anfang seiner Regierung hat sowohl ihm Ansehen und Wohlwollen erworben, als auch allen Völkern Hoffnung einer gerechten und gemäßigten Regierung gewährt; und wahrlich, für die Verständigen kann es nichts Wünschenswertheres, nichts Schöneres, noch Bewundernswürdigeres geben. Wiewohl er nun diese billige, gemäßigte Gesinnung selbst im Kriege nicht abgelegt hat, so leuchtet doch seine Tugend in seinen kriegerischen Thaten, mehr, als in seinem friedlichen Wirken hervor. Und wie man, je nach der Verschiedenheit der Umstände, an einigen Feldherren das Zögern, an einem Alexander oder Julius die rasche Ausführung rühmt; so glich unser Friedrich als Feldherr mehr dem Alexander; kampflustig scheute er nie, auch an ungünstigen Orten eine Schlacht, hob fast nie eine Belagerung auf, hielt sich jedoch keineswegs im Lager müßig, sondern drängte die Feinde durch fortwährende Angriffe auf die Städte, so daß sie, indem ihnen nicht der erforderliche Zwischenraum zur Erholung vergönnt war, die Belagerung nicht lange ausdauern konnten. In der Schlacht focht er in den vordersten Reihen, erstieg bei Erstürmungen die Mauern zuerst, und pflegte überhaupt allen Geschäften eines ausgezeichneten Anführers, wie eines tapfern Kriegers sich zu unterziehen. Auf solche Weise hat er stets die bedeutendsten Kriege in der größten Schnelligkeit beendigt.

Den ersten Krieg führte er mit den Dänen, einem Volke, von dem die Geschichte der Cimbern bezeugt, daß es auch in frühern Zeiten große Tapferkeit besaß; und wie furchtbar dieselben sich der Stadt Rom gemacht, wie oft sie römische Heere vernichtet haben, ist Euch bekannt. Auch in unserer Zeit noch ist die Tapferkeit des Dänenvolkes und seine Kriegskunst so groß, daß sie keineswegs aus der Art jener alten Cimbern geschlagen zu sein scheinen. Die Dänen hatten Lübeck eingenommen, und an jener ganzen Küste die stärksten Heere aufgestellt. Da es aber Friedrich für sehr vortheilhaft erachtete, zuerst den Feinden ihre Eroberung wieder zu entreißen, schloß er die Festung und die Stadt Lübeck selbst mit einem Heere ein, in der Hoffnung, daß die Feinde, um die Stadt von der Gefahr zu befreien, ihm Gelegenheit zu einer Schlacht geben würden. Und Friedrichs Absicht wurde nicht getäuscht. Nachdem er also in einigen Treffen, welche während der Belagerung vorgefallen waren, gesiegt, und Lübeck wieder erobert hatte, erlangte er es, da er sich nicht in einen langwierigen Krieg, zumal in jener Gegend, verwickeln lassen, sondern vielmehr jenes so tapfere Volk gewinnen, und unter sichern Bedingungen sich verbinden wollte, durch sein Ansehen leicht, daß der dänische König zu ihm in’s Lager kam, um sich mit ihm wegen des Friedens zu besprechen. Dort setzte ihm der Kaiser auseinander, daß er, nicht um fremde Besitzungen zu erwerben, sondern um sein Gebiet zu schützen, diesen Krieg unternommen hätte. Würden die Dänen ein Gleiches thun, und sich mit ihrem Reiche begnügen, so wolle er nicht nur Frieden mit ihnen schließen, sondern bewerbe sich auch um ihre Freundschaft, weil er ungern mit einer Nation Krieg führe, die er der deutschen verwandt achte. Die Dänen nahmen, nicht sowohl durch die Waffen überzeugt (ungeachtet der Kaiser nicht nur mit ganz besonderer Klugheit und Tapferkeit, sondern auch mit großem Glück jenen Krieg geführt hatte), als vielmehr durch die Rechtlichkeit und Humanität des Kaisers gewonnen, die Friedensvorschläge an. So endigte er diesen beschwerlichen und gefährlichen Krieg nicht bloß durch die Waffen, sondern auch durch die Meinung von seiner Billigkeit, und verband sich einen Nachbarkönig. Dieses Bündniß der Fürsten, und eine lange Freundschaft zwischen ihnen, hat jenen Gegenden auch einen sichern Frieden verschafft.

Darauf zog er nach Italien, und wurde der Sitte gemäß in Rom gekrönt. Auf diesem Zuge beschwichtigte er die Mailänder, welche aus Herrschsucht einige Nachbarstädte ungerechter Weise in Besitz genommen hatten, nicht sowohl durch die Waffen, als durch sein Ansehen. Aber diese Gelindigkeit war nachmals Veranlassung zu einem furchtbaren Kriege. Nachdem der Kaiser nach Deutschland zurück gekehrt war, legten die Mailänder die Gelindigkeit des Kaisers entweder für Furcht, oder Weichlichkeit aus. Deßhalb versprachen sie sich schon die Herrschaft der Lombardei, und hetzten einige der mächtigsten Städte Italiens zum Kriege auf. Sie beklagten sich, daß ihnen ihr Recht auf einige Städte entrissen worden, und ermahnten sie, daß man mit vereinigter Macht die Freiheit Italiens vertheidigen müsse. Das war der Anfang eines sehr harten und langwierigen Krieges.

Da aber Friedrich erfuhr, daß ganz Italien unter Waffen wäre, führte er mii äußerster Schnelligkeit ein Heer nach Italien. Die Geschichte ist zu lang, als daß sie in einer Rede ganz erzählt werden könnte. Ich will nur einige Thatsachen heraus heben, welche zeigen, theils von welcher Geistesgröße Friedrich selbst gewesen, theils welche gewaltige Bewegungen, und mit welcher Schnelligkeit er sie unterdrückt hat.

Die Italer hatten ihre Armee am jenseitigen Ufer der Adda, der Deutsche am dießseitigen. Die Italer, weil sie sich durch den Fluß gesichert meinen, fordern die Deutschen ungestüm heraus, rufen höchst übermüthig selbst dem Kaiser Schimpfworte zu. Ungeachtet der Fluß angeschwollen war, so daß das Heer ohne Gefahr nicht übersetzen konnte, drang Friedrich, nicht fähig, die Schmach zu ertragen, doch darauf, überzusetzen, und stürzte sich zuerst in den Fluß. Dem Beispiel des Kaisers folgten zuerst die Ritter, dann auch das Heer. Die Italer hatten kein Lager verschanzt, kein Heer in Schlachtordnung, weil sie sich für sicher gehalten hatten. Friedrich machte nun auf die Ueberraschten einen plötzlichen Angriff, und schlug das ganze italische Heer, und trieb es in die Flucht. Dieser einzige Sieg setzte den Kaiser wieder in Besitz von beinahe ganz Italien, denn nach dieser Demüthigung der Feinde bemächtigte er sich nachher noch vieler Städte, verstärkte seine Bundesgenossen, und legte Besatzungen in gewisse Städte. Der Krieg hätte nun als beendigt betrachtet werden können, wenn nicht das kirchliche Schisma denselben auf’s Neue entflammt hätte.

In Rom waren zwei Päpste gewählt worden, von denen der eine, Alexander, den Kaiser mit dem Bann belegte, darum, weil er den andern Papst mehr zu begünstigen schien.

Alexander regte ganz Italien, vornehmlich die Veneter gegen Friedrich auf. Zu allen Zeiten hat der Ehrgeiz der Päpste und der geistlichen Stände ungeheure Unruhen erzeugt. Friedrich war Anfangs allerdings nicht wenig bestürzt, als er vom Bann hörte; er schrieb an das Collegium der Cardinäle, daß die Sache gerichtlich untersucht werden sollte. Aber Alexander verbot die Untersuchung darum, weil er den größern Theil Italiens und Frankreich auf seiner Seite hatte, und zog sich, damit er vom Kaiser Nichts zu besorgen hätte, nach Frankreich zurück. Diese Beschimpfung reizte den Sueven, und dieser begann nun, ihn äußerst hitzig zu bekriegen, und rieb viele feindliche Heere auf, und weil Mailand die Hauptrolle bei dieser Verschwörung gespielt hatte, nahm er ihre Stadt im Sturm, plünderte und verwüstete sie, und machte sie dem Erdboden gleich. Nachdem er die übrige Lombardei wieder erobert hatte, führte er sein Heer nach Deutschland zurück, weil er, da Italien nun zur Ruhe gebracht war, die übrigen Beleidigungen. nicht verfolgen wollte. Der Urheber des Kriegs aber, der Papst Alexander, kehrte aus Frankreich nach Italien zurück, als er sah, daß es ruhig war, und feuerte die Veneter an, den Krieg zu erneuern. Viele andere Städte fielen vom Kaiser ab, und traten ihnen bei. Diese Verschwörung (der lombardische Bund 1167.) rief den Kaiser aufs Neue nach Italien, und er brachte es abermals unter seine Gewalt. Der Papst, da er sich in Rom nicht für sicher hielt, floh in Schiffertracht, und begab sich nach Venedig. Nachdem endlich der eine Sohn des Kaisers bei Bologna in der Schlacht gefallen, der andere, und zwar der jüngere, von der venetischen Flotte gefangen worden war, vergaß er die Beleidigungen, und ließ nun Verhandlungen wegen eines allgemeinen Friedens Statt finden, wozu ihn vornehmlich auch allgemeine Ursachen bewogen. Denn damals begleiteten die Unternehmungen des Fürsten Saladin in Asien solche glückliche Erfolge, daß, wie es schien, wenn nicht der Kaiser ihm entgegen trat, in Kurzem die Muhamedaner nicht nur in Syrien, sondern auch in ganz Asien herrschen würden.

Das erschöpfte Italien verlangte überall nach Frieden. Es ist aber glaublich, daß außer diesen öffentlichen Ursachen auch der väterliche Schmerz großen Einfluß hatte. Denn da das häusliche Leben Friedrichs reich an Aeußerungen von Humanität und Pietät war, so ist er ohne Zweifel auch ein sehr zärtlicher Vater gewesen, wie er ja auch jetzt noch an den Deutschen eine weit stärkere Liebe zu den Kindern, als bei andern Nationen wahrnehmen. Es bewog also, da der eine Sohn in der Schlacht gefallen, der andere gefangen genommen worden war, der väterliche Schmerz den Kaiser, daß er sich zum Frieden geneigt zeigte, zumal da er selbst immer den Krieg verabscheut, und nur durch die Ränke des Papstes gezwungen, die Waffen ergriffen hatte.

So vereinigte man sich denn endlich dahin, daß Friedrich nach Venedig kommen, und daselbst sich zu den Füßen des Papstes werfen, und ihn um die Absolution bitten, sodann aber, wenn er den Frieden in Italien gesichert hätte, ein Heer nach Asien führen sollte. Friedrich, ungeachtet er bis jetzt im Kriege die Oberhand gehabt hatte, nahm dennoch diese Bedingungen an, fiel dem Papst in Venedig zu Füßen, und bat ihn um Vergebung. Mit dieser Selbstdemüthigung des Kaisers, der als Bittender vor ihm geknieet hatte, war der Papst noch nicht zufrieden, sondern fügte noch eine merkwürdige Beschimpfung hinzu. Er setzte seinen Fuß auf den Hals des Kaisers, und ließ dabei ausrufen: „Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und Drachen!“ Welch unerhörter Stolz und Tyrannei! Die heidnischen Könige und Heerführer haben aus Ehrfurcht gegen den königlichen Namen auch Könige, die sie gefangen genommen, oft ehrenvoll behandelt. Wenigstens hat einen ähnlichen Stolz gegen einen König bei einem Friedensschluß Niemand jemals bewiesen. Daher zeigte sich auch jenes adelige Gemüth bei diesem Schauspiel durch solche entwürdigende Behandlung verletzt. Denn Friedrich unterbrach den Papst öffentlich mit den Worten: „Nicht vor Dir, sondern vor Petrus!“ Er wollte nämlich ausdrücken, daß er nicht vor diesem Tyrannen, sondern vor dem apostolischen Ansehen sich gedemüthigt hätte. Der Papst rief herrisch und gebieterisch: „Sowohl vor mir, als vor Petrus!“ Nach erlangter Absolution nahm sich Friedrich, bevor er das Heer nach Asien überführte, noch einige Zeit, um den Frieden durch Gesetze zu sichern, traf Anstalten zur Wiederherstellung Mailands, und gab die Gesetze, welche de pace constantiae heißen, und denen noch heute die Staaten eine bessere Regierungsweise verdanken. Denn sie sind in die Rechtssammlung aufgenommen, und ihr Ansehen hat ein vorzügliches Gewicht,

Diese Geschichte enthält viele erwähnenswerthe Beispiele, denn sie macht darauf aufmerksam, wie ungemein verderblich für die Staaten der Ehrgeiz der kirchlichen Oberhäupter ist; welch‘ eine große Tugend es ist, Beleidigungen zu verzeihen, und zu Gunsten des Gemeinwesens sie ungeahndet zu lassen; außerdem, durch welche Beispiele die päpstliche Tyrannei gewachsen ist. Doch ich will nicht dieß Alles verfolgen. Nur, möchte sich Mancher darüber wundern, wie der so gewaltige Geist Friedrichs habe so gebrochen werden können, daß er, obgleich er die gute Sache gehabt, nicht nur sich gedemüthigt, sondern in seiner Demüthigung noch obendrein eine so große Beschimpfung sich habe anthun lassen? Denn bis jetzt war er doch Sieger gewesen, und behauptete den großen Theil Italiens. Auch war die Macht Venedigs dazumal keineswegs so groß, wie in unserer Zeit, und sie sind nicht einmal jetzt unsern Fürsten gewachsen. Ueberdieß verzweifelte Friedrich, wenn auch seine Feldherren in einem oder dem andern Treffen geschlagen worden waren, da er selbst doch ein erfahrner, glücklicher Kaiser und kampflustig war, darum noch keineswegs an einem glücklichen Ausgange. Nach meinem Urtheil wurde er, da ihm ohnehin öffentliche und allgemeine Ursachen zum Frieden riechen, und er eine feste Eintracht in Europa zu begründen wünschte, durch Ehrfurcht vor dem Apostel und durch religiöse Triebfedern bewogen, daß er sich nicht weigerte, diese Demüthigung zu übernehmen. Er hatte gehört, daß auch Theodosius in früherer Zeit den Ambrosius um Erlaß wegen eines Vergehens((Theodosius d. Gr. hatte, die Ermordung seines Militärpräfects bei einem Volksaufstand zu Thessalonich 390 zu rächen, im ersten Grimm die Stadt plündern, und 7000 Einwohner niederhauen lassen. Da wies ihn darauf der Bischof Ambrosius in Mailand von den Thören der Kirche zurück, und ertheilte ihm erst nach achtmonatlichem Bann, und nachdem er öffentlich Kirchenbuße gethan hatte, die Absolution.)) gebeten hatte. Die Religion aber hat, wie bei allen guten Männern überhaupt, so vornehmlich bei den Deutschen, großen Einfluß, und bei den Letztern bezeugen viele Beispiele, daß sie der Religion mir großer Standhaftigkeit nicht allein Leben und Eigenthum, sondern auch Ehre und Ansehen nachsetzen. Daher verläugnete er nicht, durch Furcht, oder durch innere Schwäche gebrochen, sondern durch religiöse Rücksichten, welche bei allen Wohlgesinnten das Meiste gelten müssen, bestimmt, sein Recht, Ferner gab er auch des allgemeinen Besten wegen nach, damit, wenn in Europa die Eintracht befestigt wäre, die räuberischen Unternehmungen der Muhamedaner beschränkt werden könnten. Wenn daher irgend mit Recht angeführt werden kann, was Ennius vom Fabius sagt:

„er setzte den Beifall nicht über die Wohlfahrt.“

so verdient auch Friedrich diesen Ruhm, da er um des gemeinen Besten willen den Verlust der Ehre mit Gleichmuth ertragen hat. Ueberdieß glaub‘ ich doch, daß, obgleich er kein Bedenken getragen, um die Absolution zu erlangen, sich dem Papst zu Füßen zu werfen, die übrige Schmach ihm ganz unerwartet gekommen ist. Der deutsche Mann – arglos und ohne Verdacht – erwartete nicht, daß der Papst mit solchem Uebermuth, und solcher Grausamkeit gegen einen sich demüthigenden König sich benehmen würde, dessen Absichten alle dahin gerichtet waren, den ganzen Christennamen zu vertheidigen. Er glaubte nicht, daß er eine Verhöhnung und Mißhandlung, wie Augurtha, würde erfahren müssen. Es kam, wie ich glaube, dem deutschen Manne eine solche Unmenschlichkeit gar nicht in den Sinn, daß jemals ein Priester, der das Muster der Demuth sein soll, seine Füße auf den Nacken eines Kaisers setzen, und die beschimpfenden Aeußerungen hinzufügen würde. Hätte er dieß vorausgesehen, so würde er sich, wie wenigstens ich schließe, zu jenem Schauspiele nicht haben ziehen lassen. Oder wenn er es so kommen sah, so hat ohne Zweifel nichts Anderes, als hohe Achtung gegen die Religion seinen wahrhaft Achilleischen Sinn gebeugt.

Doch was rechtfertige ich den Kaiser? Denn wenn er auch seine Würde nicht kräftig genug behauptet zu haben scheint, so fällt die Schuld doch mehr auf den Papst, von dem die Beleidigung ausgegangen war. Daher muß vielmehr der stolze Uebermuth und die Grausamkeit des Papstes angeklagt werden. Denn wie viel Bosheit und Schande auf dieser Begebenheit ruht, kann man auch daraus abnehmen, daß kein ähnliches Beispiel in der Geschichte irgend eines Volks, nicht einmal in der Geschichte der Päpste gefunden wird. Zuerst war schon die Ursach des Bannspruchs ungerecht. Gesetzt aber, sie wäre gerecht gewesen, so hätte doch der Papst dem Bittenden Verzeihung gewähren müssen. Sodann durfte der Papst seinem Herrn keine Beschimpfung anthun. Doch ich will nicht auf diese subtile Meinung über die christliche Demuth eingehen, welche schon in früherer Zeit zu Rom laut widerlegt und allgemein für nichtig erklärt worden ist, und auf die Fürsten nicht anwendbarer zu sein scheint, als jene lächerlichen Aussprüche der Stoiker, nach welchen nur die Weisen schön und reich sein sollen. Laßt uns das allgemeine Völkerrecht ansehen, welches alle Könige, wofern sie nicht lieber Tyrannen sein wollen, beobachten. Für eine Verletzung des Völkerrechts gilt es, wenn ein König, der in der Absicht kommt, Frieden zu bieten, mit Hohn und Schimpf behandelt wird. Aber Friedrich, der ja Sieger war, kam nicht in der Absicht, um Frieden, sondern um Absolution zu bitten, und dieser Umstand eben verstärkt noch die Schuld. Dieser Papst behandelt den zu einer Unterredung und Berathschlagung über das gemeinsame Beste des ganzen Reichs gekommenen Sieger nicht anders, als Polyphem den in der Höhle eingeschlossenen Ulysses. Zu der Absolution fügt er gegen göttliches und menschliches Recht eine wahre Zyklopische Rohheit. Aber durch solche Beispiele eben haben die Päpste ihre zügellose Gewalt und Tyrannei zu befestigen gestrebt; und da dieselbe schon so lange das Verderben der Kirche ist: so ist zu wünschen, daß doch endlich einmal das Ansehen der Synoden die Kirche von dieser so ungerechten und gräulichen Knechtschaft befreien möchte. Die Könige hätten um ihrer Würde willen diese Knechtschaft sich nicht gefallen lassen und die Beleidigungen gegen Könige ahnden sollen. Wenn jedoch dieser Grund sie nicht bestimmte, so mußten sie doch das Beste der Kirche wahrnehmen, und solcher zügellosen Gewalt Schranken setzen. Denn nichts ist der Kirche feindseliger und widerstrebender als Tyrannei. Jedoch diese Untersuchung wollen wir auf die bevorstehende Synode verweisen, wenn nämlich wahre Berathschlagungen dort Statt finden werden!

Ich kehre nun zu Friedrich zurück, der, nachdem er Alles, was zur Aufrechterhaltung des Friedens während seiner Abwesenheit in Deutschland und Italien erforderlich war, mit weiser Ueberlegung berechnet und angeordnet, ferner die trefflichsten Gesetze gegeben hatte, ein ungeheures Heer zusammenzog, und dasselbe in großer Schnelligkeit nach Konstantinopel führte, um von da nach Asien überzusetzen. Meint nicht, daß er diesen Zug etwa aus Ehrgeiz oder aus Aberglauben unternommen. Denn Saladin war, nachdem er Jerusalem eingenommen, und fast ganz Syriens sich bemächtigt hatte, schon in Kilikien und Armenien, welche Provinzen bis dahin die Kaiser von Konstantinopel besessen hatten, eingefallen, und hatte sogar den griechischen Kaiser Emanuel gefangen genommen. Kein muhamedanischer Heerführer vor ihm war so tapfer, keinem war das Glück in solchem Grade günstig gewesen. Er hatte viele christliche Heere in verschiedenen Gegenden aufgerieben. Wenn man ihn daher nicht zurück drängte, schien es, daß er sich mit leichter Mühe ganz Asiens bemächtigen würde. Diese große Gefahr nun, und wie ich glaube, auch ein edler, heldenmüthiger Unwille spornte den hohen Geist Friedrichs. Er erkannte es als seine Pflicht, einen so grausamen Raubzug, wo er nur immer könnte, vom christlichen Gebiete zu vertreiben. Auch glaubte er, daß es für ihn, einen so großen Krieger, schimpflich wäre, müßig zu Hause zu sitzen und zuzusehen, wie der Feind in seinen Siegen über den christlichen Namen immer größere Fortschritte machte. Einen gerechten und heiligen Krieg beschloß also sein hoher Geist. Auch bewog er den König von England, Richard, ein Heer nach Asien zu führen, um sich der Küstenländer wieder zu bemächtigen. Friedrich drang mit seinem Heere mitten in Asien ein, und Gott begünstigte sein edles Unternehmen. Denn es wurde plötzlich eine so große Veränderung der Dinge in Asien und Syrien bewirkt, daß Saladin, der vorher viele Christenheere vernichtet hatte, und in dem größern Theile von Asien weit umher gestreift war, das, was er inne hatte, nicht behaupten konnte; Friedrich entriß ihm Kilikien, nachdem er Saladin’s Heer zerstreut und vernichtet hatte. Auf der andern Seite nahm ihm der engländische König an der Küste viele Städte weg, und indem also Saladin mitten im Siegeslaufe zurück geworfen ward, war Asien von der Furcht der Knechtschaft befreit.

Welch‘ ein hoher, wahrer Ruhm hierbei Friedrich gebührt, das vermag ich nicht nach Verdienst darzustellen. Zuerst war seine Absicht die beste, weil er sich verpflichtet hielt, dem Saladin sich entgegen zu stellen, damit die Christen nicht in die Knechtschaft gerathen, die Muhamedaner aber nicht mit vergrößerter Macht ihre Gräuel weiter ausbreiten möchten. Sodann, wie sehr gereicht ihm die Geistesgröße zur Zierde, daß er wagte, den Feind fern in Asien aufzusuchen, daß er den schwierigsten Theil des Kriegs auf sich nahm, und durch Saladins Waffenglück sich nicht zurück schrecken ließ! Glaubt also nicht, daß Friedrich nur ein mittelmäßiger Feldherr war! Seine seltene Tapferkeit und sein Waffenglück beweisen hinlänglich, daß in ihm der Geist eines Achilles war! Denn Friedrich hat die Tapferkeit und das Glück Saladin’s dermaßen erschüttert, daß nicht nur der Muth Saladin’s alsbald zu erschlaffen begann, sondern daß auch die Christen noch lange Zeit die Oberhand in Syrien behielten. Die Muhamedaner und Türken, deren Name erst damals bekannt wurde, hätten damals gänzlich vertilgt, oder wenigstens aus Syrien und Aegypten verjagt werden können, wenn Friedrich länger am Leben geblieben wäre. Aber Asien war, wie ich es mir wenigstens erkläre, von seinem Verhängniß ereilt worden, und Gott wollte die Strafe wohl einige Zeit aufschieben, aber nicht ganz erlassen. Als nun Friedrich, nach der Wiedereroberung Kilikiens das Heer Saladin’s aus Kleinarmenien vertrieben hatte, und einmal, von Anstrengung und Hitze, welche die Deutschen nicht gut ertragen können, ermattet, in einen Fluß gestiegen war, um sich zu baden, kam er, nach der Erzählung Einiger im Flusse um’s Leben, indem er von einem Strudel hinab gezogen wurde. Andere erzählen, er habe beim Heraussteigen aus dem Wasser seine Leber angegriffen gefühlt, wie das öfters geschieht. Denn Ihr erinnert Euch, daß er in Kilikien nach einem Flußbade in eine köstliche Krankheit gefallen ist. So soll nun Friedrich nach wenig Tagen an einer Leberkrankheit gestorben sein.

Das war das dem Reiche so schmerzliche Ende Friedrichs. Es erinnert mich unwillkürlich an das Schicksal vieler ruhmvoller Krieger, die, obgleich sie die höchste Tapferkeit besaßen, dennoch den geringfügigsten Zufällen unterlagen. Achilles wird bei den Vorbereitungen zur Hochzeit von einem feigherzigen Menschen meuchlings getödtet. Die übrigen Aeakiden, Ajax, Pyrrhus und zuletzt Alexander sind alle eines plötzlichen und unwürdigen Todes gestorben, des Simson und vieler Anderer gar nicht zu gedenken, deren Ende ihrer Tapferkeit ganz unwürdig gewesen ist. Daher darf man dem Ruhme der Tapferkeit Friedrichs um seiner Todesart willen Nichts entziehen, sondern es soll uns auch diese ein Beispiel sein, das uns an das menschliche Elend erinnert, daß die heldenmüthigsten, tapfersten Männer von unbedeutenden Dingen niedergeworfen, eines unwürdigen Todes sterben. Seinem Glücke aber wollen wir es zuschreiben, daß er nicht früher sein Leben geendet hat, als bis Saladin gedemüthigt, und Asien von der Gefahr befreit war. Auch war die Ruhe in seinem Reiche gesichert. Denn er hatte seinen Sohn zum Nachfolger ernannt, damit nach seinem Tode keine Unruhe durch eine Wahl veranlaßt werden sollten. Da nun Friedrich ungemeine Tapferkeit und Kriegskunst besessen, und ungeachtet der verschiedensten Schicksale, denen er ausgesetzt gewesen, dennoch auch glückliche Kriege geführt, und durch Beilegung des Krieges Deutschland und Italien einen langen Frieden und die trefflichste Verfassung bereitet, da er endlich den Saladin gedemüthigt hat, so dürfen wir mit Recht Friedrich den guten und durch edle heroische Eigenschaften ausgezeichneten Fürsten beizählen.

Ich müßte nun auch von seinem häuslichen Leben und seinen häuslichen Sitten reden, welche Ligurinus außerordentlich rühmt. Es sind aber seine großen Thaten Zeugniß, daß er weder der Schwelgerei noch der Wollust ergeben gewesen ist, und seinen hohen religiösen Eifer beurkunden viele Denkmäler. Denn er hat viele sogenannte collegia Regularium((Hofschulen)) gestiftet, in welchen die Religionswissenschaften getrieben werden sollten, weil er sah, daß sie in jenen ältern und reichern Collegien und Klosterschulen vernachlässigt wurden. Ich erinnere mich drei solcher von ihm gestifteten Collegien, zu Adelburg, Hanau und Gelnhausen. Auf die übrigen kann ich mich nicht besinnen. Seine eifrigste Sorge .für Gesetze und öffentliche Zucht bezeugen sowohl seine Gesetze, als einige Beispiele. Einen der Pfalzgrafen, der sich in seiner Abwesenheit einiger Orte im Erzbisthum Worms bemächtigt hatte, bestrafte er streng; er mußte nach der alten Sitte einen Hund auf den Schultern, bei den Vorderfüßen ihn haltend, durch ganz Worms tragen. Er besaß eine ziemliche Kenntniß der lateinischen Literatur, welche er nach dem Zeugnisse des Otto von Freisingen und Ligurinus liebte und förderte. Denn der Erzbischof Otto von Freisingen, der mit ihm verwandt war, sagt, Friedrich hätte ihn aufgefordert, ein geschichtliches Werk zu schreiben, und der Dichter Ligurinus bezeugt, Friedrich habe nicht nur die Wissenschaften und gelehrte Männer begünstigt, sondern auch dafür gesorgt, daß sein Sohn einen tüchtigen wissenschaftlichen Unterricht erhielt. Denn das sind seine Worte:

„Heil! daß solch‘ einen König uns gab die mächtige Gottheit,
Der mit der Wissenschaft Schmuck, so reichlich geziert, den Gelehrten
Auszuzeichnen versteht vor der ungebildeten Menge,
Und die Camönen, die lange schon stumm, sich gewöhnt zu schweigen,
Weckt zum alten Beruf, der würdig des herrlichsten Lohn’s ist.“

Melanchthon

Churfürst August l. von Sachsen.

Er ist der größte unter den sächsischen Regenten, dessen Weisheit Sachsen die Begründung seiner politischen Bedeutung, dessen Glaubenstreue die deutsche lutherische Kirche die Erhaltung ihrer Eigenthümlichkeit zu danken hat.

 

Churfürst August wurde 1526 geboren und erhielt seine Erziehung theils in Freiberg unter Leitung des berühmten Revius, theils in Prag am Hofe König Ferdinands. Nach dem Tode seines Bruders Churfürst Moritz 1553 tritt er die Regierung Chursachsens an, welches bereits unter Moritz eine hervorragende Stellung unter den deutschen Reichsständen erhalten, nun aber unter der mit seltener Einsicht und Umsicht nach allen Seiten der Staatsverwaltung hin unermüdlich thätigen Regierung seines damals erst 27jährigen Nachfolgers nach Innen und nach Außen zu einem Flor und einer Bedeutung gelangt, mit welcher kein anderes unter den Fürstenthümern sich messen konnte. Wir richten das Auge nur auf das, was durch ihn für die Kirche geschehen.

 

„Rechtfertigung aus Gnaden!“ das war wie bei so vielen Fürsten des Reformationszeitalters, auch bei August Angel und Stern seines Glaubenslebens geworden. Als ihm 1561 der Ausspruch seiner sterbenden Mutter berichtet wird: „Ich will an meinem Herrn Christo klebend bleiben, wie eine Klette am Rock,“ ruft er: „Gott helfe mir auch also an meinem letzten Ende. Ich will auch durch seine Gnade an ihm kleben bleiben und meinen Herrn Christum bekennen. Er lasse mich im ewigen Leben nur seiner Schuhe Hader seyn, so habe ich genug.“ Beim Bewußtseyn dieser Gnade, die er selbst empfangen, ließ er sich auch wohl an die erinnern, welche er andern zu erweisen schuldig sei. Als ein Vornehmer ins Gefängniß geworfen und dessen Weib Selnecker, den damaligen Hof-Prediger, um Hülfe anfleht, erhält dieser auf seine Fürbitte von dem Churfürsten die strenge Antwort: „Hätte jener Herr NN. ihn (selbst) also, er würde ihn längst an den lichten Galgen haben hängen lassen.“ „Darauf sprach ich – fährt Selnecker zu erzählen fort: „Ach Gnade gehe für Recht, wenn Gott mit uns also wollte handeln, wer wollte doch Gnade erlangen und selig werden!“ Hierauf tritt die fromme gottselige Fürstin, die zugegen war, ihrem Herrn mit ihrem Haupte unter den Bart und spricht mehr nicht denn dieses Wort: „Ach Herr!“ Darauf Seine Churfürstl. Gnaden mir alsobald befiehlt, den secretarium Valerius zu fordern, welchem zu schreiben, den Gefangnen loszulassen, auferlegt worden.“ Mit dem Glauben wie Luther ihn gepredigt, und seine Vorfahren vor Kaiser und Reich ihn bekannt, ist er in innigster Pietät zusammengewachsen. Im J. 1560 schreibt er an einen Fürsten: „Ich bin durch göttliche Gnade in der christlichen Religion so in Augsburgischer Confession verfasset von meinen geliebten Eltern auferzogen und erwachsen, die ich auch bei meiner Regierung unverfälscht habe lehren lassen und noch, und denke vermittelst göttlicher Hülfe dabei standhaftig zu bleiben und mich öffentlich dazu zu bekennen.“ Den gottesdienstlichen Pflichten unterzieht er sich, wie es damals die christliche Sitte, unausgesetzt an Sonn – und Werkeltagen, liest vor der Predigt Luthers Postille, braucht häufig das heilige Abendmahl, hält täglich seine Privatandacht aus dem Psalter, läßt sich für diesen Zweck Psalmengebete verfassen zum Morgen- und Abendsegen, schreibt auch selbst Kirchengebete für den Gebrauch auf den Kanzeln und ist unermüdet im Lesen der heiligen Schrift und der Werke Luthers. Wie seine Hofprediger Mirus und Leyser von ihm berichten, hatte er noch nicht lange vor seinem Tode in 30 Wochen die 12 tomi von Luthers Werken durchgelesen, von 5 Uhr des Morgens bis spät an den Abend, und zu einem Diener, den er in seinem Alter zum Lesen gebraucht, einst gesagt: „Entweder mußt du mich, oder ich dich zu Tode lesen.“ Von Luxus und Völlerei wurden damals die Höfe selbst mehr als gegenwärtig beherrscht. Der Hofprediger Mirus giebt ihm das Zeugniß: „Sr. Churfürstl. Gnaden haben ein nüchtern und mäßig Leben geführt, sich des Trunkes und Vollsaufens nicht beflissen, sondern andere fürstliche Arbeit und Leibesbewegung gehabt.“ Dasselbe wird in Betreff „des überflüssigen Prangens“ erwähnt, wie auch von seiner Gemahlin gerühmt wird, daß sie auf die deutsche Tracht gehalten und nie wälsche, spanische oder andere Muster getragen. –

 

Durch weises und gerechtes Regiment sein Volk zu beglücken, war vom Anfange seiner Regierung an seine ernsteste Angelegenheit. Zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt ergeht von ihm an einen ebenso einsichtsvollen als christlich gesinnten Staatsmann, der bereits unter drei Churfürsten dem sächsischen Hause gedient, an den hochbetagten Melchior von Osse, die Aufforderung, ihn mit seinem erfahrenen Beirathe in seiner Aufgabe zu unterstützen, wie dieser ehrwürdige Mann in seinem sogenannten „Testament gegen Herzog Auguste“ selbst darüber berichtet: „Es haben E. Ch. Gn. am 16. August dieses laufenden 55. Jahres schriftlich und durch ihren Gesandten mündlich von mir begehret, daß Ew. Churfürstl. Gnaden ich mein unterthäniges Bedenken anzeigen wollte, wie Gott dem Allmächtigen zu Ehren und Lobe, und Ew. Ch. Gn. Landen und Leuten zur Wohlfahrt, eine gottselige, starke, rechtmäßige, unparteiliche Justitia, in derselben Churfürstenthum, Fürstenthum und Landen erhalten, was dem zugegen mißbräuchlich eingerissen, abgewandt, und die langen verzüglichen Processe abgeschnitten werden möchten.“ Unter seinem Volke hieß er Vater August, seine Gemahlin Mutter Anna. Zum Schutze des dürftigen Fleißes gegen den Wucher ließ er in den verschiedenen Aemtern namhafte Kapitalien zu niedrigem Zinsfuß niederlegen, der Regierung und Justizverwaltung widmete er sich mit Eifer. „Als ich aus eine Zeit, berichtet Mirus, unterthänigst erinnert, daß S. Gn. bisweilen in der Regierung sitzen möchten, haben Sie gnädigst geantwortet: Sie hätten deß aus erheblichen Gründen Bedenken, aber das sollte ich wissen, daß keine Sachen im Lande (außerhalb gemeine Bauernsachen) ohne Sr. Gn. Vorwissen gehandelt würden, sondern sie müßten ihm alle vorgebracht werden.“

 

Von seiner Ehe versichert Mirus: „An J. C. Gn. Ehestande hat das ganze Land einen Spiegel gesehn wahrer Gottseligkeit und andrer christlicher Tugenden.“ Seine Gattin Anna war eine Tochter des vortrefflichen christlichen Fürsten Christian III. von Dänemark. In 37jähriger Ehe war Churfürst August mit ihr verbunden, in welcher sie gänzlich in der Sorge für ihren Gemahl aufging. „Was ihren Ehestand belangt, hat sie ihres frommen Herrn und ihrer Pflänzlein, die Gott gegeben, also gewartet, daß man hat sagen müssen, wenn sie eine Magd gewesen – das doch von solch einer hohen Person viel zu sagen – so hätte sie nicht mehr thun können.“ Wir erfahren von ihr, daß sie eine eifrige Beterin war, welche „dreimal des Tages mit ihrem Frauenzimmer Betstunden hatte, da auch ein und die andere mußte in der Bibel lesen.“ Nicht nur sie selbst spendet Almosen, sondern sammelt auch solche bei den Hofbeamten, sie besucht die Kranken, namentlich die Wöchnerinnen. Bei ihrem Tode wird ihr von den Armen nachgerühmt, daß sie „mit der Mutter Anna Einen Beutel, Eine Apotheke, Eine Kirche und Eine Versorgung gehabt!“

 

Seit 1570 beginnt diejenige Periode der Regierung des Fürsten, welche bei einem Theil der Nachwelt seinen Namen mit Schmach bedeckt hat. Sein Eifer für unverfälschte lutherische Lehre war es nämlich, durch welchen in Sachsen die calvinisirende Melanchthonsche Richtung aus der lutherischen Kirche ausgeschieden und der specifisch – lutherische Lehrtypus zur Alleinherrschaft erhoben worden ist, und da es sich nun hiebei nur um ein einzelnes Dogma, das Abendmahlsdogma, am Ende nur um eine untergeordnete Differenz in der Auffassung desselben zu handeln scheint, so ist der Fürst in jenem seinem Eifer als das blinde Werkzeug einer intoleranten Theologenpartei dargestellt worden. Eine genauere Erwägung muß jedoch das Sachverhältniß in einem anderen Lichte erscheinen lassen. Nach der ursprünglichen Zwingli’schen Lehre, welche sich indeß später ebenfalls der lutherischen angenähert, ist das Abendmahl nur die symbolische Darstellung von Leib und Blut des Erlösers zur Erinnerung an ihn und seinen Opfertod. Nach den calvinischen Bekenntnissen ist es eine durch den Glauben bedingte substantielle geist-leibliche Einwürkung des abwesenden Christus auf den Geist der Gläubigen, nach der lutherischen eine geist-leibliche Mittheilung des gegenwärtigen Christus an jeden der Empfänger – an den gläubigen zum Segen, an den ungläubigen zum Unsegen. Zur Abgränzung und Unterscheidung von der calvinischen Fassung werden dann die zwei verwahrenden Bestimmungen hinzugefügt: 1) daß diese Mittheilung durch den mündlichen Genuß vermittelt werde, 2) daß auch der Ungläubige, wenngleich zum Verderben, wahrhaft empfange. Allerdings ist nun gewiß, daß das religiöse Bewußtseyn nur an der Wahrhaftigkeit der Selbstmittheilung des ganzen Christus ein Interesse hat – unbekümmert um die Art, wie dieselbe geschieht; dennoch ist nicht weniger gewiß, daß um die Eigenthümlichkeit der lutherischen Anschauung theologisch und objektiv zu fixiren, auch jene verwahrenden Bestimmungen von wesentlicher Bedeutung sind, ja auch von religiös-kirchlicher – einmal insofern in der reformirten Kirche neben jenen calvinistischen Bekenntnißformeln mit gleich confessioneller Berechtigung die von Zwingli und Oekolampadius stehn – in einigen Bekenntnissen mehr, in andern weniger in dieselben sich auflösend, sodann insofern die Schriftlehre von Christi Erhöhung und Verklärung sich nicht mit der calvinischen, sondern nur mit der lutherischen Auffassung des Abendmahls vereinigen läßt. So ist denn die lutherische Abendmahlslehre auch nicht ein von allen übrigen isolirtes Dogma, sie hängt zunächst mit dem Dogma von der Gottmenschheit des Erlösers zusammen und wiederum durch diese mit andern Artikeln der lutherischen Glaubenslehre.

 

In der erwähnten Periode aber stand diese lutherische Fassung der Abendmahlslehre im Begriff, sich gänzlich in die calvinischen zu verlieren; Melanchthon selbst hatte sich mehr und mehr der calvinischen Fassung zugeneigt, schon seine Abänderung des 10ten Artikels der Augsburgischen Confession vom Abendmahl war nur in dem Interesse geschehen, auch der calvinischen Auffassung die Annahme des Bekenntnisses möglich zu machen. In der unveränderten Ausgabe von 1530 hatte der Artikel gelautet: de coena domini docent, quod corpus et sanguis Christi vere adsint et distribuantur vescentibus in coena domini et improbant secus docentes. „Es wird gelehrt, daß der wahre Leib und Blut Christi wahrhaftig unter der Gestalt des Brots und Weins im Abendmahl gegenwärtig sei, und da ausgetheilt und genommen werde. Deshalb wird auch die Gegenlehre verworfen.“ Die veränderte Ausgabe von 1540 lehrte statt dessen: de coena domini docent, quod cum pane et vino vere exhibeantur corpus et sanguis Christi vescentibus in coena domini. „Es wird gelehrt, daß Leib und Blut Christi mit dem Brot und Weine wahrhaft ausgetheilt werde denen, die am Abendmahl Theil nehmen.“

 

Diese Neuerungen waren in keiner andern Absicht geschehn, als der calvinischen Ansicht Raum zu machen. In diesem Interesse war der Zusatz hinweggelassen: quod vere adsint, damit auch an eine andere, als eine mündliche Genießung gedacht werden könne, war ferner der Ausdruck exhibeantur statt distribuantur gesetzt, weil von calvinischer Seite nur die Genießung durch die Ungläubigen in Abrede gestellt wurde, nicht aber die Darbietung Christi. Diese veränderte Confession war zur allgemeinen Geltung gekommen, die Exemplare der ersten Ausgabe waren kaum mehr aufzufinden, auf den Universitäten und namentlich in den Schulen Deutschlands waren die Lehrstühle mit Schülern Melanchthons besetzt. Bis zum Tode des behutsamen und gemäßigten Mannes (1560) begnügten sich diese Schüler, wie er selbst, damit, für ihre abweichenden und nur verhüllt ausgesprochnen Ansichten, Duldung zu verlangen: seit dem Tode desselben wagte sich hie und da der Widerspruch gegen Luther, ja die Verhöhnung seiner strengeren Anhänger hervor.

 

Bei dieser Lage der Dinge handelte es sich nun eigentlich nicht mehr darum, ob der melanchthon-calvinischen Abendmahlslehre neben der lutherischen Raum gegönnt werden solle, sondern vielmehr davon, ob in dem Lande, welches die Wiege der lutherischen Reformation, ja in ganz Deutschland, die calvinische Abendmahlslehre, ja vielmehr die unter so verschiedenen nationalen und historischen Bedingungen entstandene calvinische Kirche an die Stelle der lutherischen treten solle? Das nämlich war voraus zu sehen, daß die abschüssige Bewegung, welche die lutherische Kirche in jenen zwei Lehrstücken zum Calvinismus hin genommen, sich nicht auf diese beschränken, sondern den gesammten kirchlichen Lehrbestand mit in diese Richtung hineinziehn würde, wie dies in der Lehre und im Cultus der pfälzischen Kirche, mit welcher von Wittenberg ans auch würklich eine Verbindung eingeleitet wurde, zu Tage getreten und noch in höherem Maße eingetreten seyn würde, hätte nicht noch eine lutherische Kirche gegenübergestanden. Wie aber die zwei Schwesterkirchen in ihrer gesonderten Entwicklung vor uns stehn – jede eine ausgeprägte individuelle Gestalt, mit eigenthümlichen Charismen: wer will sagen, daß es besser gewesen seyn würde, mit passivem Zusehn von Anfang an den einen Typus in den andern sich auflösen zu lassen? Nur daß die sich allerdings nicht hätten als Feinde bekriegen sollen, welche darauf angewiesen waren, sich als zwei geschichtliche Produkte desselben reformatorischen Stammes geschwisterlich anzuerkennen und gegenseitig von einander zu lernen.

 

Um nun die persönliche Stellung Churfürst Augusts bei den sogenannten krvptocalvinistischen Streitigkeiten richtig zu beurtheilen, so ist es ja freilich schon das Gewicht des Namens und der historischen Persönlichkeit Luthers, welches damals noch Unzählige, wo die Wahl zwischen seiner und irgend welcher andren Lehre war, sofort und ohne weiteres Besinnen sich auf Luthers Seite stellen ließ. Was Luther von seinem treuen Cordatus sagt: „Wenn es mit mir in die Hölle ginge, so ginge Magister Bugenhagen bis an den Rand der Hölle mit, und Cordatus bis in die Hölle hinein,“ das galt noch für Unzählige und – wie sich dies in dem oben angeführten Bekenntnisse Churfürst Augusts ausspricht – auch für diesen Fürsten. Doch hieße es dem Glauben dieses Fürsten und seiner Gesinnungsgenossen nicht gerecht werden, wollte man den bloßen Namen des Reformators als das eigentliche Fundament dieses Glaubens bezeichnen. Wie für Luther, so war für den Churfürsten das: „das ist mein Leib,“ ein unzweifelhafter Schriftgrund und nicht von Luthers, sondern von Christi Wort legte er in einem Schreiben an einen verwandten Fürsten das freudige Zeugniß ab:

 

„Bruder, wenn mein Herr Christus ein solch Wort gesetzt hätte: siehe in diesem Stock, in diesem Stein oder Holz hast du meinen Leib und mein Blut, so hätte ich’s doch geglaubt, und sollte mich meine Vernunft davon nicht im wenigsten abwendig machen, und wenn mein Herr Christus noch was unmöglicheres hätte befohlen, so wollte ich es doch glauben, wenn nur sein Wort dasteht, Gott gebe meine Vernunft sage dazu, was sie wolle. Er ist allmächtig und wahrhaftig, darum habe ich ihm in sein Wort nicht zu reden, und ist die Frage nicht, wie es zugehe, sondern allein davon, ob es Christi Wort und Befehl sei. Sind es nun seine Worte, so schweige ich still, und will’s ihn lassen walten, er weiß wohl zu erfüllen.“

 

Auch ist nicht zu zweifeln, daß die Gewißheit im Sakramente eine objektive Selbstmittheilung Christi zu empfangen, ihm die lutherische Lehre zum subjektiven religiösen Bedürfnisse und zum Gegenstande eigener Erfahrung des Herzens gemacht. Ein, auch durch die darin sich aussprechende Freundlichkeit und Liebe, wohlthuendes Zeugniß hiefür giebt ein Handschreiben des Churfürsten von 1574 an den alten Dresdner Superintendenten Greser, einen treuen Lutheraner, nachdem er eine Abendmahlspredigt von demselben angehört: „Lieber Herr Gevatter, aus eurer Predigt habe ich heute diesen Tag meines Herzens Lust und Freude gehört, und bitte Gott aus Grund meines Herzens darum, daß ich möge bei dieser Gott Lob erkannten und bekannten Wahrheit und rechtem Gebrauch der hochwürdigen Sacramente bis in den Tod beständiglich verharren, darzu ich denn getreue Fürbitte von euch und allen frommen Christen von Herzen bitte. Und weil ich euere heutige Predigt gern in meinem Herzen oft betrachten wollte, so fehlet es mir doch daran, daß dieselbe nicht alle Tage mündlich zu hören. Darum bitte ich, ihr wollet mir dieselbige, sobald es möglich, in Schriften zukommen lassen. Damit es euch auch nicht des Schreibens halber beschwerlich, habe ich meinem Diener P. S. Briefszeigern befohlen, welche Stund ihr ihn fodert, aufzuwarten, und was ihr ihm befehlen werdet zu schreiben, fleißig zu verrichten. Und ich bin es in allen Gnaden gegen euch jederzeit eingedenk. Am Palmtag des 1574. Jahres.“ – Wäre der Churfürst über den theologischen objektiven Unterschied von calvinischer und lutherischer Lehre in diesem Stück in ein Katechismusexamen genommen worden, so ist freilich die Frage, ob derselbe über diesen Unterschied und dessen Bedeutung Rechenschaft zu geben vermocht haben würde. Nicht weil er überhaupt ein ungebildeter Mann und beschränkter Kopf gewesen, wie er von einigen Seiten dargestellt worden. An Bildung stand August den meisten Fürsten seiner Zeit nicht eben nach, an Geist that er es vielen wohl zuvor: er war ein belesener Mann in theologischen und nichttheologischen Schriften, liebte historische, politische, auch naturwissenschaftliche Studien, legte sich ein Naturaliencabinet an, hatte das Lateinische erlernt und noch im 50. Jahre mit dem Hebräischen einen Anfang gemacht. Aber wie sollte das Verständniß nicht auch einem verständigen Manne schwierig werden, wenn, wie es nach dem Vorgange von Melanchthon selbst und dessen Anhängern geflissentlich geschah, von den Theologen aller Scharfsinn aufgeboten wurde, den vorhandenen Unterschied zu verhüllen. Solcher „Obskurität“ in den ihnen vorgelegten Bekenntnissen sind die Fürsten sich auch bewußt gewesen. Auf dem Augsburger Reichstage 1560 erklären sie: „Wir wissen sehr wohl, daß unter den Skribenten, und Predigern, die es in der Nachtmahlslehre nicht ganz mit der Augsburgischen Confession halten, gleichwohl ein großer Unterschied ist; denn etliche unter ihnen den Zwinglianismum und Calvinismum also vertheidigen und lehren, daß die heiligen Sakramente allein nuda symbola, und die Worte Christi allein spiritualiter zu verstehen sein sollten; die andern aber einer solchen Obskurität sich gebrauchen, daraus nicht zu nehmen, was ihre gründliche Meinung, und ob sie sich mit den Ständen der Augsburgischen Confession in dem vergleichen oder nicht?“

 

So ist es denn zu erklären, daß auch noch auf dem Fürstentage zu Naumburg 1561 sämmtliche evangelische Fürsten, nur mit Ausnahme des Weimarer Herzogs Johann Friedrich, neben der unveränderten auch die veränderte Confession als wesentlich gleichberechtigt anerkannten. Eine wesentliche Differenz zwischen dem größten der Schüler Luthers und Luther selbst, ja einen Abfall desselben zu Calvin anzunehmen, erschien ihnen auch als etwas Undenkbares, als ein Verrath an der dem großen Lehrer schuldigen Ehrfurcht. Selbst mehrere unter den unbedingtesten und wärmsten der persönlichen Freunde Luthers blieben damals noch einem solchen Verdachte fern. So schreibt der greise Hieronymus Weller noch im Jahre 1570 an einen theologischen Convent in Dresden: „Ich bekenne vor Gott und allen Menschen, daß ich die von den hocherleuchteten Kirchenlehrern Dr. Luther und Philippus ins Licht gestellten prophetischen und apostolischen Schriften und die Augsburgische Confession von Herzen annehme. Ebenso das corpus doctrinae, worin Philippus mit wunderbarer göttlichen Geschicklichkeit in ein compendium zusammengebracht, was Luther in seinen Schriften, Predigten und Vorlesungen ausführlich erörtert. Beide haben das größte Verdienst um die Kirche, beide haben in demselben Geist und Sinne die evangelische Lehre vertheidigt, nur in verschiedner Geistesart. Während Luther nach Art eines Elias und Jesaias in Widerlegung der Gegner donnert und blitzt, sucht Philippus nach Art des Joel die Gegner zur Buße zu bringen. Ich erinnere mich wie einst Luther gesprochen: „M. Philippus ist ein fromm Herz, er wollte gern die Widersacher mit guten Worten fromm machen. Ich waldrechte aber der höfelt.“ So konnte er es auch nicht leiden, wenn jemand den Herrn Philippus zu tadeln unternahm, sondern sagte: „Ach sie verstehen dominum Philippum nicht, ich aber verstehe ihn wohl. Und noch Ein Umstand ist zu nennen, welcher dem Churfürst August über seine Wittenberger Theologen das Urtheil zu erschweren geeignet war. Die Leidenschaftlichkeit der Anhänger des Flacius, dieser eifrigsten unter den reinen Lutheranern, hatte ihn zum Widersacher derselben gemacht. Nun wurde von ihnen auch die leibliche Allgegenwart des verklärten Christus (die Ubiquität) im Zusammenhange mit der Abendmahlslehre vorgetragen: wie sie aber von Melanchthon mit Bestimmtheit verworfen worden, so auch von dem Churfürsten und einem großen Theile der damaligen Lutheraner. So war es denn den Wittenbergern ein Leichtes, unter dem Scheine nur diese Lehre zu bekämpfen, der lutherischen Lehre selbst entgegenzutreten, oder wenigstens ihr auszuweichen.

 

Auf eine rührende Weise tritt noch vor dem Ausbruche der Katastrophe jene Consequenz des christlichen Herzens des Churfürsten mit seinen dogmatischen anticalvinistischen Ueberzeugungen uns entgegen in den auf dem Reichstage von Augsburg 1566 mit Churfürst Friedrich III. von der Pfalz geführten Verhandlungen. Im Jahre 1562 war von dem Fürsten der stark calvinisch gefärbte Heidelberger Katechismus in seinem Lande eingeführt und manche Cultusänderung im calvinischen Sinne angeordnet worden. Von dem Herzog von Würtemberg und dem Pfalzgrafen von Neuenburg erfolgte auf dem Reichstage in Folge dessen eine Aufkündigung der Glaubensgemeinschaft mit diesem Churfürsten und von dem Kaiser selbst wurde er mit dem Ausschlusse aus dem Religionsfrieden bedroht. Ergreifend ist das Bekenntniß, welches bei dieser Veranlassung der glaubenstreue Fürst vor den versammelten Reichsfürsten ablegt: „Zum andern, so heißt es darin, so viel die Religion anlanget, da im Namen Ew. Majestät mir abermals mit Ernst auferlegt und befohlen, weil meine Religion nicht der Augsburgischen Confession gemäß sondern mit dem Kalvinismo befleckt, daß ich dieselbe ändern und abschaffen sollte. Darauf habe ich Ew. Kaiserl. Majestät zuvor und ehe ich abgetreten bin, in der Person vermeldet, daß in Gewissens- und Glaubenssachen ich nicht mehr als einen Herren, der ein Herr aller Herren und König aller Könige wäre, erkennte, des Sinnes und Meinung bin ich noch, und sage derowegen, daß es nicht um eine Kappen voller Fleisch (wie man pflegt zu sagen) zu thun, sondern daß es die Seel und derselbigen Seligkeit belanget, die hab ich von meinem Herrn und Heiland Christo in Befehl, bin auch schuldig und erbötig, ihm dieselbe zu verwahren, darum kann Ew. Kaiserl. Majestät ich nicht gestehen, daß Sie, sondern allein Gott, der sie geschaffen, darüber zu gebieten habe, will auch zu Ew. Kaiserl. Majestät mich abermals nichts weniger versehen, als daß sie diese Dinge ab executione sollen anfahen, und weil ich Calvini Bücher nie gelesen, wie ich mit Gott und meinem christlichen Gewissen bezeugen kann, so kann ich um so viel weniger wissen, was mit dem Calvinismo gemeint.“ „Sollte aber, so schließt er, dies mein unterthänig Vertrauen mir fehlschlagen und man über dieses mein christliches und ehrbares Erbieten mit Ernst gegen mir handeln und fürnehmen sollte oder wollte, so getröstet mich das, daß mein Herr und Heiland Christus Jesus mir sammt allen seinen Gläubigen die so gewisse Verheißung gethan, daß alles, was ich um seiner Ehre oder Namens willen verlieren werde, mir in jener Welt hundertfältig soll erstattet werden. Thue damit Ew. Kaiserl. Majestät unterthänigst mich zu Gnaden befehlen.“ Auf dieses mannhafte Wort tritt Churfürst August zu dem Pfälzischen Fürsten heran und spricht mit freundlichem Achselklopfen: „Fritz, du bist frömmer, denn wir alle!“ Vorzüglich seinen Bemühungen war es zu danken, daß der Reichstag selbst nunmehr die Vertheidigung des angefochtenen Pfälzer Churfürsten vor dem Kaiser übernahm und das Bedenken abgab: „Es sind ohne Zweifel unter dem gemeinen Mann der bedrängten Christen sehr viel, so diese Lehre von wegen der Obskurität nicht verstehen, sondern sich an die Worte Christi halten, auch denselbigen dem einfältigen Verstand nach, wie sie gesetzt sind – glauben. Sollten denn jetzt nicht allein die Lehrer, Prediger und Skribenten, so sich gleichwohl allenthalben nicht erklärt, und sich auf Unterredung referiren, und sich weisen zu lassen erbieten, sondern auch all ihre Zuhörer unter dem Namen und Schein des Calvinismi verdammt und aus dem Religionsfrieden ausgeschlossen oder in andre Gefahr gesetzt werden, so hätten sich deß nicht allein die Prediger mit gutem Fug zu beschweren, sondern es würde auch viel armen Christen Gewalt und Unrecht dadurch geschehen, auch zu noch größerer Tyrannei und Bedrängniß derselben Anlaß gegeben.“

 

Den ersten Anstoß zum Verdacht und Unwillen gab dem Fürsten ein im Jahre 1571 von den Wittenberger Theologen ausgearbeiteter calvinisirender Katechismus, den der mit der Schulvisitatior betraute Wittenberger Professor der Medicin und Geschichte Peucer, auch Leibarzt des Churfürsten, in Schulpforte eingeführt hatte. Von diesem Katechismus nahm Herzog Julius von Braunschweig Anlaß, das Mißtrauen des Churfürsten gegen seine Professoren zu erregen. Den Peucer ließ dieser nun verpflichten, „in Zukunft seiner Arzenei zu warten, das Harnglas zu besehn und der theologischen Sachen müßig zu gehn.“ Die Leipziger und Wittenberger Theologen aber ließ er zu einem Convent nach Dresden berufen, um ein „gut luthrischs Zeugniß“ vom Abendmahl abzulegen. Ein solches Bekenntniß stellten sie nun auch im Oktober eben dieses Jahres ans, den consensus Dresdensis, in welcher Schrift sie ihre wahre Meinung wieder so geschickt zu verhüllen wußten, daß nicht nur der Churfürst, sondern auch Selnecker und andere Lutheraner sich dadurch beschwichtigen ließen. Gegen drei Jahre lang dauerte von da an der Friede, wiewohl der Verdacht des Fürsten immer wieder von verschiedenen Seiten her neue Nahrung erhalten zu haben scheint. Auswärts nämlich that Jak. Andreä das Möglichste, durch Vermittlung fremder Höfe den Churfürsten auf die ihm von den geheimen Calvinisten drohenden Gefahren aufmerksam zu machen; in Dresden war 1572 ein entschiedener Lutheraner Lysthenius neben Christian Schütz, dem Kryptocalvinisten, als Hofprediger angestellt worden und erfreute sich bei der Churfürstin eines großen Vertrauens, der Churfürst selbst las seit einiger Zeit eifrig Andreä’s Schriften; auch hatte sich unter Begünstigung der Churfürstin eine Hofpartei gebildet, welche, um selbst an’s Ruder zu kommen, den Geheimerath Cracov und Peucer, die sich eines so hohen Vertrauens des Fürsten erfreuten, auf alle Weise zu stürzen bemüht war. Von dieser Seite her waren Klätschereien ausgebracht worden, wie die, daß Peucer durch die Gunst des Fürsten, der ihn bei einem seiner Prinzen zu Pathen gebeten, auch in seiner Wohnung zu Wittenberg ein Mittagsmahl eingenommen, bei einer Gelegenheit sich habe beikommen lassen, von sich selbst zu sagen: „Hier ist der Churfürst!“ Wie sehr August durch alles dieses mit Mißtrauen erfüllt worden, gab sich bei manchen Gelegenheiten scherzhaft zu erkennen. Peucer in seinem Verhör beruft sich auf die scherzhafte Aeußerung des Fürsten gegen seine Hofleute bei der Rückkehr von dem in Wittenberg bei seinem Professor eingenommenen Gastmahle: „Nun bin ich bei dem Erzcalvinisten zu Gaste gewesen.“ Bei einer andern Gelegenheit, als August sich von Cranach die Wittenberger Professoren malen ließ, wird die Aeußerung von ihm berichtet: „Nur mal‘ er mir keine Calvinistengesichter.“ Ernstlicher spricht sich am Anfange des Jahres 1573 sein Mißtrauen aus bei Gelegenheit eines von seinem Hofprediger Schütz ihm dargebrachten Neujahrswunsches: „Ich glaube, äußert er sich in der schriftlichen Erwiederung, man findet zu Wittenberg gleich große Schelmen, als an andern Orten. Ich kann nicht leiden, daß man sich meiner Gnade mißbrauche, und daß man an meiner statt will Churfürst seyn, denn ich will es allein seyn. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß in der Welt kein unbeständigeres Volk sei, als die Pfaffen…. Ich will meine Seligkeit nicht auf die von Leipzig und Wittenberg stellen, denn sie nicht Götter, sondern Menschen und können gleich wohl irren, als die andern. Handeln sie recht, so gefällt mir’s wohl, handeln sie aber unrecht, so bin ich der erste, der ihnen zuwider. Doch sollen sie nichts hinter meinem Bewußt anfangen.“

 

Am Anfange des Jahres 1574 kamen aber von verschiedenen Seiten her die Beweise eines Einverständnisses zu Tage zwischen dem erwähnten Geheimerath Cracov, dem Doctor Peucer und dessen Schwiegersohn Hermann, dem zweiten Leibarzt des Fürsten, den Hofpredigern Schütz und Stössel, nach welchem planmäßig der Churfürst und dessen Gemahlin für die calvinische Lehre gewonnen und die Umgestaltung des sächsischen lutherischen Kirchenwesens nach dem Vorbilde des pfälzischen bewürkt werden sollte. Im December des vorangegangenen Jahres hatte sich plötzlich eine entschieden calvinische Schrift, Exegesis perspicus, besonders unter den Wittenberger Studirenden verbreitet. Im Januar 1574 hatte Stössel dem Lysthenius ein calvinisches Abendmahlformular zuerst zum Abschreiben mitgetheilt, dann jedoch wieder zurückgezogen, worüber aber dieser einen ausführlichen Bericht an die Churfürstin geliefert. Schütz war eine sehr verdächtige Predigt gehalten worden, und vermuthlich fällt auch in diese Zeit, was uns erzählt wird, daß von Peucer ein calvinistisches Gebetbuch an denselben geschickt worden, um es in die Hände der Churfürstin zu spielen, welches aber sammt dem begleitenden Briefe durch Versehen des Boten in die Hände von Lysthenius gekommen, der davon sofort dem fürstlichen Paare Nachricht gegeben. In diesem Briefe hieß es, daß sie erst Mutter Anna gewinnen müßten, „weil, wenn sie diese auf ihrer Meinung hätten, es nicht Mühe haben würde, den Herrn selbst zu kriegen.“ Im Februar kamen Briefe von Hermann in die Hände des Fürsten, worin derselbe anzeigte „wie man den Fürsten gewissermaßen nöthigen könne, den heimlichen Calvinisten auf dem Seile zu laufen.“ In Folge dieser Entdeckungen wurde nun der Briefwechsel von Hermann, Schütz und Stössel mit Beschlag belegt und aus demselben ergab sich nun auf unzweifelhafte Weise die erwähnte Absicht der Einverstandenen, den Calvinismus in Sachsen zur Herrschaft zu bringen. „Veritatem, hieß es in einem Schreiben von Peucer, quam tot diluvia sanguinis in Gallia et Belgio extinguere non potuerunt, in hin regionibus esse triumphaturam.“ Es war darin auch die blinde Verehrung des Churfürsten gegen den Namen Luthers und das Weiberregiment an seinem Hofe lächerlich gemacht worden; mit den Heidelberger Professoren waren Verabredungen wegen des Confessionswechsels getroffen. Hermann, Schütz und Stössel wurden nunmehr verhaftet, im März eine Commission nach Wittenberg gesandt, um die Professoren und namentlich Peucer wegen der Exegesis perspicua zu vernehmen, wobei Peucers Briefwechsel mit Beschlag belegt wurde und zu neuen Entdeckungen führte. Am 7ten Juli erfolgte auch die Verhaftung von Cracov „wegen gemißbrauchten Vertrauens.“

 

Was den Churfürsten bei dieser Entdeckung so tief entrüstete, war zunächst der langjährige Mißbrauch des Vertrauens und zwar von denen, welchen schon ihr Stand dies hätte unmöglich machen sollen. In einer eigenhändigen Note zu dem Landtagsabschiede in Torgau schrieb er: „So viel die verstrickten Personen Stössel und Schütz, Peucer und Cracov anlangt, hätte man auch besonders bedenken sollen, daß beide Pfaffen meine Beichtväter und Seelsorger gewesen, Dr. Peucer, mein Leibarzt, dem ich meinen Leib, Weib und Kind anvertraut und Dr. Cracov, mein geheimster Rath in allen weltlichen Händeln, von denen allen ich schändlich und böslich betrogen bin worden, in dem daß ich sie für fromme und redliche Leute angesehen.“ Noch stärker aber war der Zorn über die Verletzung seiner kirchenregimentlichen und fürstlichen Autorität durch das Unterfangen, hinter seinem Rücken in seinen eignen Landen eine fremde Confession zur Herrschaft zu bringen. Dies wie überhaupt die Gesinnung, in welcher von ihm die gesetzliche Ahndung über die Angeschuldigten verhängt wurde, ergiebt sich aus folgendem Schreiben an seinen fürstlichen Freund Landgraf Wilhelm von Hessen. „Meinen freundlichen Dienst und was ich jederzeit Liebes und Gutes vermag, allezeit zuvor, hochgeborner Fürst, freundlicher, lieber und vertrauter Vetter, Schwager, Bruder und Gevatter. Ich habe E. L. vertraulich Schreiben in der bösen und verdrießlichen Sache, so sich mit etlichen meiner Theologen, Beichtvätern, Leibärzten und Kammer- oder Stubenräthen und mir zugetragen, freundlich empfangen, daraus auch E. L. freundlich und gutherzig Gemüth, daran ich mir doch nie den geringsten Zweifel gemacht, nothdürftig verstanden. Dieweil ich aber aus E. L. Schreiben befinde, daß sie allein von meinem Gegentheil berichtet, so will ich mich zu E. L., unserm habenden Vertrauen nach, freundlich versehn, Sie werden wahrhaftigen Gegenbericht auch freundlich in Acht nehmen und daraus als ein weiser und verständiger Fürst selbst hintangesetzt aller Affekte judiciren, ob ich in dieser Sache, die nicht allein meines Regimentes Kirchen- und Schulautorität, sondern vielmehr mein, meiner Unterthanen und dieser Lande Nachkommen selbst Heil und Wohlfahrt betrifft, zu viel oder zu wenig gethan habe. Ich bin nunmehr, Gott Lob, in das 40te Jahr bei der erkannten und bekannten Wahrheit der reinen Lehre des heiligen Evangelii, wie solche Lehre durch Doctor Luther und Philippum in der Augsburgischen Confession verfaßt, erzogen und, gottlob, darin bis auf diese Zeit in das 21te Jahr meiner unwürdigen Churfürstlichen Regierung geblieben, dabei ich auch mit Gottes Hülfe bis an mein Ende zu verharren endlich entschlossen. Was aber die 4 Personen, in E. L. Schreiben gemeldet, für ein propositum oder Vorsatz in diesen Landen eine andere Religion anzurichten im Sinne gehabt, das lasse ich ihre eigenen Handschriften, welche ich bei meinen Händen, besagen. Weil ich mich aber zu bescheiden, daß ich in diesen Sachen von wegen meiner colera, davon ich fast in der ganzen Welt ausgeschrien, ich auch zum Theil in christlichen und ehrlichen Sachen nimmermehr in Abrede seyn kann noch will meines eignen Kopfes zu seyn, so mögen E. L. mir gewißlich zutrauen und glauben, daß ich hierin mit Rath derer, die es mit und neben mir betrifft und angeht, und um dero Haar man sich hat raufen wollen, gehandelt und noch ferner handeln will, und ficht mich derhalben gar nichts an, was die Flacianer, Calvinisten, Franzosen oder wer sich’s mehr annehmen will, dazu oder davon schreiben oder reden, sie mögen vor ihrer Thür kehren, so werden sie Arbeit genug finden, auch wohl unser dabei vergessen, unter uns gebührt sich’s auch nicht anders. Damit aber E. L. dero Dinge desto mehr Bericht und Grund haben mögen, so ist mir nicht entgegen, E. L. schicken einen vertrauten Diener zu mir, so der griechischen und lateinischen Sprache erfahren, so sollen ihm die Briefe vorgelegt, auch wenn es E. L. begehren, davon ein Extrakt gemacht werden, damit E. L. desto besser judiciren können, womit isti nebulones et Dei et principis traditores sind umgegangen, und habe E. L. auf Ihr gutherziges Gemüth und Schreiben mein Gemüth hinwieder freundlich zu erkennen geben wollen. Da es auch von E. L. möglich zu erbitten, von wem sie diese Information hätten, so bitte ich zum freundlichsten, sie wollten auf das hohe freundliche Vertrauen, so ich in dieselbige setze und habe, und in gleichem Fall von mir jederzeit wieder zu erwarten haben sollen, als der getreue Martine handeln und mir diesfalls nichts verhalten, solches will ich um E. L. hinwieder freundlich verdienen, die ich hiermit dem treuen Gott und mich derselben freundlich thue befehlen. Datum Schweinitz den 30. Aprilis anno 1574.“

 

  1. L.

 

treuer Vetter und Bruder \\

Augustus, Churfürst.

 

Gegen die Hauptverbündeten Cracov, Peucer, Stössel und Schütz ließ August nunmehr den förmlichen Criminalproceß instruiren, den übrigen verdächtigen Wittenberger Professoren wurden die von einer Anzahl lutherischer in Torgau versammelten Theologen aufgesetzten Artikel zur Unterschrift vorgelegt, wobei vier derselben sich entschieden der Unterschrift weigerten und zugleich mit Hermann und noch drei andern Wittenbergern des Landes verwiesen wurden. Schütz wurde zu lebenslänglichem Hausarrest verurtheilt, aus welchem er erst nach dem Tode des Churfürsten 1588 befreit wurde, Stössel starb 1576 im Schlosse zu Senftenberg, Cracov und der ihm eng befreundete Peucer wurden am härtesten betroffen; Cracov starb auf dem Strohlager eines unterirdischen Kerkers der Pleißenburg in Leipzig 1575 – man vermuthet durch freiwilligen Hungertod, Peucer erhielt erst nach zwölfjährigem Gefängniß im Jahre 1586 durch Fürbitte der jungen Gemahlin des Churfürsten, Prinzessin Agnes von Anhalt, seine Freiheit. – Ein hochgeachteter Geschichtsschreiber dieser Katastrophe spricht über diese Strafakte des Churfürsten das Urtheil aus: „Wer wird es befremdend finden, wenn der Churfürst durch alles zusammen in einen Zustand kam, in welchem er der gewaltsamsten Proceduren fähig war? Aber die Proceduren, die er jetzt vornahm, waren freilich mehr als nur gewaltsam, denn ihre Härte stieg bis zur Grausamkeit.“ Sollte dieses Urtheil ein dem Sachverhalt und dem Rechtsstandpunkte der Zeit entsprechendes seyn? Das Kirchenregiment war von den Reformatoren selbst in die Hände der Fürsten gelegt worden: gewissenshalber fühlten sie sich berufen – nicht in eigener Person, aber mittelbar durch theologische Convente, die obwaltenden Streitigkeiten zu schlichten. „Ob sich wohl jede Obrigkeit billig scheuen müßte, schreibt August im Jahre 1575, sich unter die verwirrten Gemüther der Theologen zu mengen, so habe er doch, da kein Papst unter ihnen sei, die Sorge, daß es immer schlimmer mit den Händeln werden würde, wenn nicht die Obrigkeit von allen Theilen darein griffe.“ „Daß sie Calvin nicht zu verdammen wüßten, da seine Phrases im Grunde den lutherischen nicht entgegen seien,“ war von den vier verhafteten Theologen selbst anerkannt worden. Konnte der Fürst calvinischen Theologen die Wittenbergischen Katheder anvertrauen? Daß wegen des von der Landeskirche abweichenden Bekenntnisses sie auch Landesverweisung trifft, mag als „Grausamkeit“ erscheinen nach unseren Grundsätzen von Toleranz, aber mußten nicht – gemäß den Grundsätzen des jus reformandi des Landesherrn – bis zum westphälischen Frieden hin alle Katholiken und Calvinisten die sächsischen Lande räumen? Die Kerkerhaft aber der Anderen, war sie Strafe für ihr calvinistisches Bekenntniß oder nicht vielmehr für das Verbrechen des Landesverraths? Weigerte sich doch eben aus diesem Grunde auch der philippistische Wilhelm von Hessen der von Friedrich von der Pfalz vorgeschlagenen Verwendung für die Verhafteten bei dem Churfürsten. Ueberdies wurden selbst von diesen Hauptinkulpaten nur Cracov und Peucer von dem vollen Maaße der Strafe getroffen – in Folge der Unversöhnlichkeit der persönlich von ihnen verletzten Churfürstin. Hermann wurde, wie bemerkt, gänzlich freigelassen und ging nach Breslau, Schütz empfing in seinem Hausarrest noch einen Theil seines Gehaltes und einer seiner Söhne noch nach der Entdeckung der Schuld des Vaters 1574 und 1579 Stipendien. Selbst gegen Peucer steigerte sich die Strenge nur allmählig, wie er selbst in seiner historia carcerum erzählt. Erst wurde nur Beschränkung seiner Amtsfunktionen und Wittenberger Stadtarrest verhängt mit ausdrücklicher Erklärung, daß auch die Umgebungen der Stadt mit einbegriffen. Dann folgte Amtsentsetzung und Stadtarrest unter gleicher Bedingung in Rochlitz mit 200 Gulden Gehalt, darauf Versetzung in ein Gefängniß nach Zeitz, von da im November 1576 wieder nach Rochlitz in schärfere Haft, am 1. August nach Leipzig. Hier wurde immer auf’s Neue gegen ihn inquirirt, um das Zugeständniß eines betrüblichen Benehmens gegen den Fürsten zu erlangen – auch einer angeblich von Cracov mit dem kaiserlichen Leibarzt Erato angezettelten Conspiration gegen August. Als der Angeschuldigte fest bleibt, wird ihm ewige Haft angekündigt, doch „in leidigem Gefängniß.“ Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß das, was noch von Milde in diesem Verfahren ist, auf Rechnung des Fürsten kommt, die Härte aber auf Rechnung der Fürstin und der Hofpartei des Geheimsecretair Jaenisch. Als der Landgraf von Hessen später für den unglücklichen Gefangenen Fürbitte eingelegt hatte, erklärte die Churfürstin, „so lange sie lebe, solle er seiner Haft nicht ledig werden.“ Auch darf man wohl dem in dieser Sache zu Rathe gezogenen Landtage einen schärfenden Einfluß zuschreiben, wie sich ein solcher auch sonst bei lutherisch-confessionellen Berathungen der sächsischen Landtage gezeigt hat. In der Proposition bei der ersten Entdeckung an den Landtag zu Torgau erklärt August selbst, daß ihm von dem bei der ersten Entdeckung in Dresden versammelten landschaftlichen Ausschusse noch härtere Maaßregeln vorgeschlagen worden, als die von ihm beliebten.

 

Mit der Beseitigung der unlutherisch gesinnten Professoren und Hofprediger war indeß nur die kleinere Hälfte der Aufgabe gelöst: worauf es vor allem ankam, war die Vereinigung der immer noch in sich selbst gespaltenen Lutheraner und die Sicherung der reinen Lehre unter den noch zum großen Theil philippistisch gesinnten Geistlichen der sächsischen Lande. Mit einem Eifer, den man auf keine andere Quelle als die aufrichtige Liebe zu seiner Kirche zurückführen kann, widmete sich nun der Fürst diesem schwierigsten Theile der Aufgabe. Von ihm selbst war der Vorschlag zu einem neuen Convent und einer neuen durchgreifenderen Einigung über eine streng lutherische Lehrform verordnet worden. Nach einer vorläufigen Einigung mit seinen eignen Theologen wurden diese nebst fünf ausgezeichneten Männern aus andern Landeskirchen nach Torgau berufen und hier im Jahre 1576, vornehmlich unter Leitung des Würtemberger Andreä, das Torgauische Bedenken abgefaßt. Nachdem über dasselbe die einerseits im Interesse des Philippismus, andrerseits in dem eines zelotischen Lutherthums abgefaßten Censuren auswärtiger Kirchen eingelaufen waren, traten Jakob Andreä, nunmehr seit 7 Jahren in dem Vereinigungswerke thätig, Chemnitz und Selnecker am Anfange des Jahres 1577 zu Klosterbergen zusammen, um an eine theilweise Ueberarbeitung jenes Bedenkens Hand anzulegen, zu welcher dann später auch noch Chyträus aus Rostock und zwei brandenburgische Theologen hinzugezogen wurden. Die so umgearbeitete Bekenntnißschrift ist die unter dem Namen der Conkordienformel unter die symbolischen Bücher der lutherischen Kirche aufgenommene Abhandlung.

 

Ungesäumt wurde nun dieselbe den sächsischen Universitäten, den Predigern und Schullehrern, wie auch den Magistraten und Grundherrn in den churfürstlichen, so wie den damals unter churfürstlicher Administration stehenden fürstlich sächsischen Ländern vorgelegt. Eine That freier Ueberzeugung konnte diese Unterschrift freilich nicht durchgängig genannt werden, denn wenn auch zunächst die Visitatoren und Andreä an ihrer Spitze durch theologische Gründe die Widerstrebenden zur Ueberzeugung zu bringen suchten, so fehlten doch auch die Drohungen nicht, wie denn auch später die Absetzung der Renitenten erfolgte. Nach allem was vorangegangen, muß jedoch die Mäßigung des Fürsten bewundert werden, welcher wenigstens einige unter seinen Beamten, deren Gewissen sich nicht zur Unterschrift verstehen konnte, von derselben dispensirte: wir erfahren, daß damals der unter Christian II. durch sein tragisches Ende berühmt gewordene Kanzler, der damalige Hofrath Crell, sich befand, die zwei ausgezeichneten Wittenberger Professoren Eberhard von der Weyhe und Matthias Wesenbeck, der vortreffliche Niederländer, wie dessen Vetter Matthias Wesenbeck, vielleicht auch noch einige andere, deren Namen nicht aufbewahrt sind.

 

Mag dies von dem Fürsten erreichte Ziel in der Gegenwart als ein werthloses Gut erscheinen: daß es durch rechtswidrige Mittel erreicht worden, wird nicht behauptet und eben so wenig der Gesinnung des Fürsten die Anerkennung versagt werden können, welche so viele Mühe und einen Kostenaufwand von 70.000 Thaler darauf gewendet hatte, diese Eintrachtsformel zu Stande zu bringen und damit der von den immer neu auftauchenden theologischen Streitigkeiten zerrissenen lutherischen Kirche für eine längere Zeit einen ruhigen Stand zu sichern – allerdings um einen nicht geringen Preis, die Ausscheidung nämlich eines Theils der dissentirenden Landeskirchen und einer großen Anzahl von Einzelnen, worunter nicht wenige der vortrefflichsten Talente, welche nunmehr in dem Anschluß an die pfälzisch-reformirte Kirchengemeinschaft ihr Heil suchten.

 

Sehr wohl erkannte es aber die Weisheit des Fürsten, daß die feste Stellung eines reinen und klaren Bekenntnisses doch bei weitem noch nicht alles, was das Heil der Kirche erforderte. In seinen Generalartikeln und seiner Kirchenordnung von 1580 stellte August eine kirchliche Gesetzgebung auf, welche zu dem Trefflichsten gehört, was auf diesem Gebiet geleistet worden – ebenso sehr nach der Seite des praktisch-christlichen Interesses als nach der der kirchlichen Organisation. Für Ordnung der Gottesdienste, die Organisation der Volksschulen, das Institut der Visitationen, für die Katechisationen und die kirchliche Disciplin finden sich in dieser Kirchenordnung und den Generalartikeln die trefflichsten Verordnungen. Auch die äußere Noth des Predigerstandes ging ihm zu Herzen, für altersschwache Prediger, für deren Wittwen und Waisen gab es damals noch keinen Unterstützungsfonds: von dem Churfürsten wurde für diesen Zweck eine Stiftung von 100.000 Gulden gemacht, durch Verordnungen und Stiftungen wurden die beiden Universitäten, und, da Leipzig schon durch Moritz reichlich bedacht worden, namentlich Wittenberg, gehoben. Von Luthers Erben wurde das Augustinerkloster angekauft, und zu einem Convikt von Stipendiaten aller Fakultäten eingerichtet, deren Zahl der Churfürst aus beiden Universitäten auf 150 erhöhte. Auch die Zahl der theologischen Professuren wurde von drei auf vier erhöht, die der medicinischen von zwei auf vier, die der juristischen von vier auf fünf; selbst ein Lehrer für das Französische wurde angestellt.

 

Auch nach Abzug homiletischer Rhetorik bleibt noch einige Wahrheit in der Schilderung übrig, welche Mirus von dem Segen der kirchlichen Einrichtungen unter dem Regimente dieses Churfürsten macht: „Im Hausregiment sind alle Häuser in Städten und Dörfern lauter Tempel und Wohnungen Gottes unter uns. Die liebe Jugend wird bald in der Kindheit im Katechismus unterrichtet und saugen die Erkenntniß Gottes mit der Muttermilch. Wenn sie anfangen zu lallen, so lernen sie das Vaterunser und andre schöne Gebetlein, welche eine Macht sind, die Gott hat zugerichtet aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge, dadurch der Feind und Rachgierige vertilget und viele böse Praktiken zurückgetrieben werden Psalm 8, 3. Es werden die Leute unterrichtet vom Brauch der zeitlichen Güter, wie sie mit denselben umgehen sollen, damit sie nicht Schaden oder Verlust nehmen an den ewigen. Und wir sehen täglich, daß Alt und Jung, Mann und Weib, Kinder in wahrer Anrufung des Sohnes Gottes seliglich von hinnen scheiden und wahrhaftig den Tod nicht sehen noch schmecken, sondern dringen durch den Tod in’s ewige Leben.“

 

Leider werden die letzten Lebenstage des Fürsten noch durch eine Handlung befleckt, welche auf sein eheliches Leben einen Schatten zu werfen geeignet ist. Seine treue Lebensgefährtin Anna war am 1. Oktober 1585 durch die Pest ihm entrissen worden. Auch im Glück hatte diese Fürstin einen dem Ewigen zugewandten Sinn bewährt. Selnecker berichtet von ihr die schöne Aeußerung: „Gott hat mir auf dieser Welt große, vielfältige Gaben verliehn, aber das sage ich, daß mein Herz nie ist mit zeitlichen und vergänglichen Dingen erfreut worden, sondern ich sehne mich immerdar nach dem Ewigen, da ich will satt werden bei meinem Gotte und weiß nichts, das mich auf dieser Welt genug erfreuen kann, allein daß ich weiß, daß mir Gott gnädig ist und daß es meinem Herrn (ihrem Gatten) wohlgeht.“ Sie war durch schwere Prüfungen des Mutterherzens hindurchgeführt worden, in denen sie Standhaftigkeit bewährt, denn von 15 Kindern hatten nur 3 sie überlebt. Wie nach den meisten Seiten hin ihr Leben, so war auch ihr Sterbelager erbaulich. Die Gesinnung, in welcher sie ihre Leiden ertrug, spricht sich in den öfter von ihr wiederholten Worten des Propheten aus (Micha 7, 9.): „Ich will des Herren Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt,“ und Judith 8, 22: „Gottes Strafe ist viel geringer, denn unsere Sünden sind,“ wozu sie das Glaubenswort Davids hinzuzufügen pflegt (Psalm 68, 20.): „Gelobet sei der Herr täglich, Gott legt uns Last auf, aber er hilft uns auch.“ Von ihrem Krankenbette aus ordnete sie folgende kirchliche Fürbitte für sich an: „Es wird begehrt ein gemein christlich Gebet zu thun für eine arme Sünderin, deren Sterbestündlein vorhanden. Gott wolle ihr gnädig seyn um Jesu Christi seines lieben Sohnes willen.“ Als sie geduldig und schweigend ihr Ende erwartete und gefragt wurde, ob sie auch Anfechtungen habe, erwiederte sie: „Mir ist weh, aber ich verzage nicht, denn ich gedenke an die Wunden des Herrn, und traue dem der gesagt hat: „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden, wo ich bin werdet ihr auch seyn; ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen.“ Zuletzt wiederholte sie mehrmals die Worte: „Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöset, du getreuer Gott.“ – Schon dies befremdet, daß der Churfürst, welcher sich damals auf seinem Schlosse in Colditz befand, die sieben Wochen hindurch, welche die Krankheit dauerte, durch die Befürchtung der Ansteckung sich abhalten ließ, seine leidende Gemahlin zu sehen. Schon ganz kurze Zeit nach ihrem Tode läßt er sich von seinem Freunde, dem Churfürsten von Brandenburg bestimmen, um die Hand der Schwägerin desselben, der Prinzessin Agnes Hedwig von Anhalt anzuhalten – damals ein noch nicht ganz 13jähriges Mädchen! Noch ist die gesetzliche Trauerzeit nicht vorüber, als der 60jährige Fürst mit dieser jungen Braut am 3. Januar 1586 in Dessau das Beilager hält. Bei dieser Gelegenheit war es, wo die junge Neuvermählte auf den Wunsch ihres Vaters um die Freilassung Peucers aus dessen zwölfjähriger Gefangenschaft anhält und auch die Gewährung dieser Bitte erlangt. Von lutherischer Seite wurde damals eine Münze geprägt, welche Adam und Eva unter dem verbotenen Baume darstellt, mit der Umschrift: „Adam durch der Eva Rath, Gottes Gebot übertrat.“ – Ein prunkvoller Einzug in Dresden folgte. Doch bald darauf mußte das Land und die unmündige Gattin die Freude sich in Leid verkehren sehn. Am 11. Februar hatte August in Augustusburg, wo er eine Jagd abgehalten, noch eine Predigt über das ewige Leben angehört, über welche er sich bei Tafel beifällig äußerte: an demselben Tage starb er durch einen Schlaganfall. –

 

Quelle: Lebenszeugen der lutherischen Kirche, August Tholuck, Berlin, Wiegandt & Grieben, 1859

Joachim Ernst von Anhalt.

(Geb. 1536, gest. 1586.)

 

Joachim Ernst, geb. 1536, seit dem Ableben seines Bruders Bernhard von Zerbst Herr der gesammten anhaltinischen Lande. In seiner Jugend hatte er sich durch Kriegsdienste unter Philipp II. von Spanien ausgezeichnet, seit seinem Regierungsantritte 1562 aber allein der Wohlfahrt seines Landes gewidmet. Durch seine Einsicht, wie durch seine verwandtschaftlichen Verbindungen – er zählte die Churfürsten von Sachsen und Brandenburg, die Herzöge von Würtemberg, Holstein, Liegnitz, Schwarzburg unter seine Schwiegersöhne – genoß er nicht nur bei dem Kaiser und den deutschen Reichsfürsten eines hohen Ansehns, sondern auch bei ausländischen Höfen, Frankreich, England, Dänemark. Er war der glückliche Vater von acht Söhnen, auf welche mehr oder weniger seine Begabung und sein sinniger Geist sich vererbte, von denen sich namentlich Ludwig, seit 1603 Fürst von Cöthen, als Mitbegründer der fruchtbringenden Gesellschaft einen Namen in der Literaturgeschichte erworben hat.

 

Der Confession nach ist dieser Fürst der letzte Vertreter der lutherischen Kirche unter den anhaltinischen Fürsten. Von den Anhängern Melanchthons in Wittenberg aus hatte sich auch in den anhaltinischen Landen der Widerspruch gegen die Lehre von der communicatio idiomatum und die daraus begründete lutherische Abendmahlslehre verbreitet, so daß dort, wie anfänglich in vielen andern lutherischen Kirchen der Form. Concord. die Unterschrift verweigert wurde. Vergeblich war in einem Colloquium zu Herzberg 1578 der Versuch einer Verständigung gewesen. Wie die meisten Laien jener Zeit fand sich auch Fürst Ernst – zumal bei der absichtlichen Verhüllung des wahren Standpunktes von Seiten der Melanchthonschen Partei – außer Stande, über die Differenz der streitigen Lehren in’s Klare zu kommen, so daß diese Streitigkeiten ihn nur zu der Klage veranlaßten, welche öfter von ihm vernommen wurde: „Der Herr hat befohlen: hoc facite in mei commemorationem. Wie kann man es verantworten, daß man darob zanket, als hätte er gesagt: de hoc disputate.“ Nichtsdestoweniger, wie bei seinem Schwiegersohne August, war auch bei ihm das Pietätsgefühl für Luther viel zu groß, als daß er in diesem wichtigen Lehrstück sich eine Abweichung von der ererbten Lehre hätte gefallen lassen wollen. So ließ denn auch er noch kurz vor seinem Tode 1585 von dem lutherisch gesinnten Superintendenten Brendel in Dessau eine Deklaration abfassen, welche das reine lutherische Bekenntniß ausspricht und allen Kirchen – und Schuldienern in seinem Lande zur Unterschrift vorgelegt wurde. Doch hindert ihn dies nicht, für seine verfolgten Glaubensbrüder in Frankreich Fürbitte abzulegen, wie sich denn überhaupt unter ihm nähere Beziehungen mit Frankreich bildeten, insbesondere mit Heinrich IV., damaligem Könige von Navarra, in Folge deren die Hinneigung seiner Söhne zum reformirten Bekenntniß wie zu französischer Sitte sich verstärkte.

 

Während von andern Regenten aus ihrem früheren Kriegsleben manche rohere Sitte und Gewöhnung in ihr späteres Regentenleben mit hinübergenommen wurde, stellt sich das seinige in sittlicher Hinsicht vorwurfsfrei dar. Ritterspiel und Jagd bildeten seine vornehmsten Vergnügungen, bei deren Ausübung er indeß auch menschenfreundliche Rücksicht auf seine Unterthanen nahm und die möglichste Schonung des Landmanns nicht außer Augen ließ. Auf die Förderung des Landeswohlstandes, die Versorgung seiner treuen Diener und die Erziehung seiner Familie war sein ganzes Interesse gerichtet. Die Justizsachen ließ er durch seine eigne Hand gehn, traf Anstalten der Fürsorge für Kranke, Wahnwitzige und Arme, unterstützte aus fürstlichen Mitteln in Dessau Hausväter, welche einen neuen Hausstand zu begründen im Begriff standen, erstattete 16 Jahre hindurch die Begräbnißkosten aller seiner Diener und ließ dieselben überhaupt in mehrfacher Hinsicht seine Mildthätigkeit erfahren. Des Unterrichts seiner Kinder nahm er sich mit großem Eifer an, beaufsichtigte denselben, und nahm an ihren Prüfungen Antheil. Selbst ein Freund der Musik, scheint er auch diese Neigung unter ihnen verbreitet zu haben. In der Religion war es ihm nicht bloß um Erbauung, sondern auch um Einsicht zu thun. Oefters bewegten sich seine Tischgespräche um die Gegenstände der Predigt und an den Festtagen begehrte er über Namen und Geschichte der christlichen Feste die Belehrung. Stehend pflegte er vor der Tafel mit seinem ganzen Hofgesinde ein christliches Lied anzustimmen und wie wichtig ihm das Gebet gewesen, bezeugt noch eine von ihm verfaßte, von seiner Wittwe herausgegebene Gebetssammlung. Ja auch die persönliche Berathung seiner Diener in Gewissenssachen machte er sich zur Angelegenheit, und verschmähte es nicht, ihnen aus der heiligen Schrift und andern geistlichen Büchern selbst vorzulesen. Noch ist ein Ermahnungsschreiben an einen von seinen Hofleuten erhalten, in welchem er denselben in christlicher Weise ermahnt, nicht durch unerlaubte Mittel die Förderung seines Wohlstandes zu versuchen. Es lautet also: „Lieber Getreuer, Wir haben dein unterthänigstes Schreiben empfangen, und wollten nicht gerne, daß du dich auf diese Händel legen, deine Hoffnung darein setzen, noch diese vorgenommene Persuasion dich an deiner Wohlfahrt hindern lassen solltest: denn, da dich Gott aus väterlicher gnädiger Vorsehung mit Reichthum, Glück und Wohlfahrt bedenken will, wird seine Allmacht wohl Wege wissen, ob es gleich nicht eben aus diese Weise ist, als du dir vorgesetzt, denn Gottes Güte ist unerforschlich, aber er will nicht Ziel noch Maaß zu seiner Hülfe vorgeschrieben haben. Des erinnern Wir dich aus Gnaden, daß du dich von deinem gefaßten Wahn abnehmest und dich selbst an deiner Wohlfahrt nicht hinderst, denn Wir meinen es mit dir in Gnaden treulich, und wollen deinen Unfall gerne verhütet sehn.“

 

Noch einige Monate vor seinem Ende erlebte der Fürst die Freude, seine Tochter mit seinem Freunde, dem mächtigen Churfürst August vermählt zu sehn – eine durch den Altersabstand beider Gatten freilich nicht wenig anstößige Ehe, welche auch durch den so bald erfolgten Tod des Churfürsten sofort wieder gelöst wurde. Kurz darauf, am 27. November 1586, folgte auch Joachim Ernst seinem betagten Schwiegersohne in’s Grab.

 

Quelle: Lebenszeugen der lutherischen Kirche, August Tholuck, Berlin, Wiegandt & Grieben, 1859

Herzog Johann III. von Weimar.

(Geb. 1570, gest. 1605.)

 

Herzog Johann von Weimar, Enkel Churfürst Johann Friedrichs des Großmüthigen, ist der zweite Sohn Johann Wilhelms, eines Fürsten, von welchem ein Leichenredner den Ausspruch berichtet: „daß er viele Nächte schlaflos zugebracht, um einen Ausweg zu finden, wie Kirchen, Schulen und dem gemeinen Wesen wieder zu dem vorigen Zustand verholfen werden könnte, darinnen sie von seinem Herrn Vater verlassen worden,“ und der Tochter des durch Regentenweisheit wie durch lebendige Frömmigkeit ausgezeichneten Herzogs Christoph von Württemberg. Auch sein Leben, wie das des vorher erwähnten Mecklenburgischen Prinzen, war ein kurzes und durch keine bedeutenden Ereignisse ausgezeichnetes.

 

Er wurde im Jahre 1570 geboren, und erhielt von seiner Mutter, welche nach zeitweiliger Unfruchtbarkeit sich ihn vom Herrn erbeten, den Namen „das Gnadenkind.“ Schon nach drei Jahren 1573 verlor er den Vater und erhielt Churfürst August zum Vormunde. Von seinem 9ten Jahre an wurde seine Erziehung dem angesehnen Juristen Pingizzer in Jena anvertraut, bei welcher Gelegenheit die Mutter erklärte: „sie feire jährlich den Tag, an welchem ihr Gott diesen Sohn aus besondern Gnaden geschenkt, eben so wenig werde sie aber auch des Tages vergessen, wo sie denselben dem Unterrichte dieses Lehrers anvertraut.“ Nachdem er bis 1584 in der Umgebung seiner Mutter verweilt, begab er sich in diesem Jahre, begleitet von seinem Instructor Jon. Kirchner, an den Dresdener Hof, wo er auch noch nach dem 1586 erfolgten Tode von Churfürst August zwei Jahre verblieb.

 

Zu seiner Gemahlin erwählte Prinz Johann (1593) eine der wißbegierigsten Frauen der Zeit, Dorothea Maria, die Tochter des Fürsten von Anhalt Joachim Ernst. Es war eine Frau, welche, gleichwie ihre Schwester die Gräfin von Rudolstadt, von dem Vater einen scharfblickenden Geist und einen forschenden Verstand ererbt hatte, und in mancher Hinsicht über ihrer Zeit gestanden zu haben scheint. Sie liebte den Umgang mit Gelehrten, unterstützte die armen Schüler zu Weimar und hinterließ in ihrem Testamente 20.000 Gulden der Universität Jena zur Verbesserung der Gehalte der Professoren. Das Schulwesen des Landes lag damals sehr im Argen.

 

Ein Zeitgenosse bezeugt: „Tausende von Kindern liefen in Städten und im Lande umher, welche weder schreiben noch lesen konnten, und viele welche die Schulen besuchten, machten nur langsame Fortschritte oder lernten gar nichts.“ Diese Zustände und ein der Herzogin angeborner Wissenstrieb machten sie zur begeisterten Anhängerin des Ratichius, des Vertreters einer neuen pädagogischen Lehrmethode. Sie ließ diese neue Methode von einer Commission von Universitätsprofessoren aus Gießen und Jena prüfen, und da sie beifallswerth gefunden worden, suchte sie dieselbe in den Schulen zu verbreiten, ließ sie von den Kanzeln empfehlen und sich auch selbst nach derselben Unterricht im Hebräischen ertheilen! –

 

In diesen wissenschaftlichen Neigungen, wie in der Vorliebe für die praktischen Tätigkeiten und Tugenden des Familienkreises, begegnete sich die Herzogin mit ihrem fürstlichen Gatten. Statt der Freuden des sinnlichen Genusses, wie er unter den Fürsten der Zeit verbreitet war, suchte derselbe in Bau- und Gartenkunst, in der Uebung der Musik, welche Neigung er von seinem Vater ererbt, und in Geschichts- und staatswissenschaftlichen Studien seine Erholung. Der Erziehung ihrer 10 Söhne, unter denen die nachmals so berühmten Herzöge Joh. Wilhelm, Ernst und Bernhard, widmeten beide Aeltern sich mit besonderm Eifer. Theilweise leiteten sie dieselbe in eigner Person, erwählten mit Sorgfalt die Lehrer, unter denselben besonders den als Rechtsgelehrter und Geschichtschreiber berühmten Hortleder, wohnten den wöchentlich von dem Hofprediger Cromayer mit den Kindern gehaltenen Katechismuslektionen bei, wie auch den zweimaligen jährlichen Prüfungen. – Friedlich verflossen die kurzen Regierungsjahre des Herzogs. Seinem Wahlspruche getreu: Domine dirige me in verbo tuo, war er auf das Heil seiner Unterthanen bedacht, bei denen er sich den Namen des „Milden“ erwarb. Auf seine Kosten erbaute er Kirchen, sorgte eifrig für die Akademie von Jena und nahm sich der wegen der Religion Vertriebenen an. Obwohl durch die anhaltinische Verwandtschaft mit dem Calvinismus in nahe Berührung gebracht, war er dennoch ein großer Freund der Schriften Luthers, der Sitte der Zeit gemäß ein regelmäßiger Besucher der Sonntags- wie der Wochentagsgottesdienste, aus denen er auch das Bemerkenswertheste aufzeichnete, um sich mit seinem Hofprediger darüber zu besprechen.

 

Schon drei Jahre vor seinem Ende war er von hvpochondrischen Leiden geplagt worden, und wurde schon 1605, in seinem 35. Lebensjahre, abgerufen.

 

Quelle: Lebenszeugen der lutherischen Kirche, August Tholuck, Berlin, Wiegandt & Grieben, 1859

Herzog Sigismund August von Mecklenburg.

(Geb. 1560, gest. 1600.)

Von keinem souverainen, auch keinem thatenkräftigen Fürsten handeln diese Mittheilungen, sondern nur von einem apanagirten Prinzen, von dessen fürstlichem Stillleben indessen uns mehrere Züge erhalten sind, welche in Wort und That den christlichen Charakter erkennen lassen.

Sigismund August geboren 1560, ist der zweite Sohn des durch Regententugenden, wie durch persönliche Frömmigkeit ausgezeichneten Herzogs Johann Albrecht I., des Begründers der evangelischen Kirche in Mecklenburg, eines Regenten, welcher zu einem reicheren Gemälde den Stoff gegeben haben würde, der indeß in demselben Jahre (1576) stirbt, mit welchem der Zeitraum beginnt, dem diese biographischen Skizzen gewidmet sind. Auch von mütterlicher Seite einem der frömmsten und edelsten Fürsten jener Zeit entstammt, ein Enkel Herzog Albrechts von Preußen, stellten sich von früh an dem aufwachsenden Prinzen erlauchte Vorbilder christlicher Gottseligkeit vor Augen. Zu seinem ersten Lehrer erhielt er den von seinem frommen und gelehrten Vater hochgeschätzten und berühmten Humanisten Caselius, einen Mann der melanchthonschen Schule. Erst 16 Jahr alt, verliert der Prinz bereits seinen preiswürdigen Vater und tritt unter die Vormundschaft der beiden Churfürsten August von Sachsen und Georg von Brandenburg, wie auch seines Oheims, des Herzogs Ulrich von Mecklenburg-Güstrow. Wie auch andre der Mündel von Churfürst August, wird er an den Hof dieses großen Churfürsten gezogen, und genießt daselbst eine dreijährige Bildung. Im Jahre 1582 begleitet er seinen Oheim Ulrich auf den Augsburger Reichstag, 1590 an den Hof Christian IV. von Dänemark, im Jahre 1593 vermählt er sich mit Clara Maria, einer Schwester des frommen Philipp II. von Pommern. – Nur eine sehr bescheidene Wirkungssphähre war ihm vergönnt. Die Weisheit Johann Albrechts hatte testamentarisch in seinen Landen das Erstgeburtsrecht eingeführt: so erfolgte bei der eingetretenen Majorennität seiner beiden Söhne eine Abfindung, nach welcher Sigismund, als der zweite derselben, nur den Niesbrauch der Aemter Strelitz, Joenack und Mirow erhielt, während sein älterer Bruder Johann VII. 1585 als regierender Herr in das Regiment des Schwerinschen Landestheiles eintrat.

Eine schwere vom Vater her ererbte Schuldenlast ruhte drückend auf beiden Brüdern. Einen Begriff von der außerordentlichen Einschränkung, welcher selbst das regierende Ehepaar sich zu unterwerfen hatte, giebt folgende Schilderung in einer Selbstbiographie der Herzogin Sophie, der Gemahlin Johann VII.: „Mein Herr hatte selten Geld in der Kammer, und wenn er davon einen Schilling ausgab, so pflegte er den sehr genau anzuschreiben, denn er meinte ja alle seine Sachen so genau aufzuzeichnen, weil er aus den Schulden kommen wollte. Ich kann wohl vor Gott mit gutem Gewissen sagen, daß ich nichts wüßte in den vier Jahren, die ich mit ihm im Ehestande gelebt, das er für mich gekauft hätte, als 18 Ellen schwarzen Sammt und 14 Ellen weißen Atlas zu Kleidern, die hat er mir zu zwei Malen gegeben, den letzteren, als mein Sohn Adolf Friedrich geboren wurde, ersteren, als Anna Sophie jung ward. Einmal wollte er mir einen Spiegel für 60 Thaler kaufen, da nahm ich aber lieber das Geld und ließ dem Krämer den Spiegel. Ich weiß wohl, daß andere in einem halben Jahr mehr bekommen, als ich in den vier Jahren. Ich hatte alle Jahre 400 Gulden (nach jetzigem Course 2409 Gulden), da mußte ich mein Frauenzimmer und Mägde von halten, auch Schuhe und Strümpfe, und was ich zu meiner Nothdurft haben mußte, davon kaufen. Ich wäre damit wohl nicht ausgekommen, wenn meine selige Frau Mutter mir nicht ausgeholfen, die mir Kleidung für die Jungfern gegeben, außerdem noch Leinwand und Geld um abzulohnen. Wenn ich zu Gevatter oder zur Hochzeit gebeten wurde, mußte ich sehen, wo ich’s krech. Wenn mein Herr und ich zu Gevattern gebeten wurden von fürstlichen Personen, mußte ich das Geschenk austhun, sollte es wieder haben, was aber nicht geschehen ist. Es wäre wohl noch viel davon zu schreiben. Es wird kein ehrlicher Mensch sagen können, daß bei meines gottseligen Herrn Lebzeiten viel auf mich und die meinen gegangen ist, oder meinethalben Schulden gemacht sind, sondern dies wird nur von leichtfertigen, verlogenen Leuten geredet, die nichts darvon wissen, oder auch nur aus bösem Herzen mich zu verunglimpfen bedacht sind; es mag aber auch wohl von denen geschehen seyn, die es besser genossen haben als ich, und wohl zum Theil des Galgens und anderer Strafe werth gewesen wären, wozu ich sie auch hatte bringen können, wenn ich’s nicht um Gottes willen gelassen hätte.“

Auf Herzog Sigismund scheint auch durch anhaltende Siechheit ein schwerer physischer Druck gelastet zu haben, es heißt, daß er geistig und leiblich an Schwäche gelitten habe. Als der hervorstechendste Charakterzug wird an ihm Herzensgüte und Herablassung gegen seine Unterthanen gerühmt: „Ich will kein Unrecht leiden, will es auch niemand zu thun verstatten, ist in der Herrschaft über sein kleines Gebiet sein oft wiederholter Wahlspruch gewesen. Dieses Wohlwollen erfuhr zunächst die Geistlichkeit seines Gebietes, indem eine von ihm veranstaltete Kirchenvisitation die Absicht hatte, nach Kräften das Einkommen derselben zu verbessern. Aber auch dem schwerbedrückten, leibeigenen Landmann war er bedacht, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es wird die Antwort berichtet, welche er einst einem Amtmann gegeben, der über die Halsstarrigkeit der Bauern geklagt, und das Zugvieh denselben nehmen zu lassen gedroht: „Thust du dieses, so werde ich dich selbst an den Pflug spannen.“ Seine Gnadenerweise wurden mit kindlicher Anspruchslosigkeit geübt. „Was habe ich davon, als den guten Namen?“ pflegte er zu sagen. Zwar soll auch der Jähzorn ihm eigen gewesen seyn, doch scheute er nicht das Geständniß seines Fehlers, so oft er sich von einer Uebereilung überholen ließ, und suchte dieselbe nach Möglichkeit wieder gut zu machen.

Noch kurz vor seinem Ende hatte Johann Albrecht seinen beiden Söhnen die Aufrechthaltung der unveränderten Augsburgischen Confession an’s Herz gelegt, einige Monate nach dessen Tode war von Herzog Ulrich Chytraeus nach Torgau gesandt worden, um zur Abfassung der Concordienformel mitzuwürken, auf welche dann auch 1577 die Verpflichtung der Geistlichen in den Mecklenburgischen Landen erfolgte. Auch Herzog Sigismund kannte keinen andern als diesen rein lutherischen Glauben, dem er in altväterlicher Pietät ergeben war. Sein Leichenredner, der eifrige lutherische Theologe Lucas Badmeister erzählt, daß er das Handexemplar des Psalters dieses Herrn gesehn, in welches derselbe mit eigner Hand in kindlicher Einfalt geschrieben: „Psalmi, quos Sigismundus Augustus dux Megaloburgensis tenet memoriter,“ es waren deren 49, worunter besonders hervorgehoben wurden Psalm 6, 51, 74, 79, 80, 83 und 130. Das Exemplar trug die Zeichen, wie viel es von dem Besitzer gebraucht worden. In seiner täglichen Morgenandacht ließ er durch nichts sich unterbrechen. Als einst sein Arzt ganz in der Frühe ihm eine Arzenei reichen wollte, weigerte er sich, indem er sprach: „Das Gebet muß vorgehen, sonst würkt die Arzenei nichts.“ Bei der Vorbereitung auf sein Ende während des letzten Krankenlagers war von seinem Beichtvater mit großem Ernst von den Forderungen Gottes gesprochen worden. Als ein Hofmann dem Prediger zusprach, nicht so ernst aus dem Gesetz zu reden, sondern aus dem Evangelium, entgegnete der kranke Herr: „Eins muß beim andern seyn.“ – Vergeblich hatte er in seiner letzten Krankheit noch in Karlsbad Linderung gesucht: sie war ihm nicht zu Theil geworden. So kam er krank nach Ivenack, seinem Fürstensitze, zurück, wo er im Jahre 1600 sanft entschlief. Vor seinem Ende hatte er das Abendmahl genossen und darauf noch eine ihm vorgelegte Unterschrift vollzogen. Nach diesem letzten weltlichen Geschäfte sprach er: „Nun will ich nichts mehr unterschreiben, nun will ich mein Leib und Seele dem Herrn befehlen.“ Mit diesen Worten entschlummerte er.

Quelle: Lebenszeugen der lutherischen Kirche, August Tholuck, Berlin, Wiegandt & Grieben, 1859

Wilhelm von Oranien

Wilhelm von Oranien

Dieser Gründer der holländischen Unabhängigkeit war der Sohn des Grafen Wilhelm des Aelteren von Nassau und auf dem Schlosse Dillenburg geboren. Mit den Niederlanden wurde er verknüpft, als er das Fürstenthum Oranien erbte. Dort erhielt er durch die Gunst Karl V., dessen Page er gewesen, schon im zweiundzwanzigsten Jahre den Oberbefehl: denn früh war er männlich gereift und geschmückt mit allen kriegerischen Tugenden. Des Kaisers Nachfolger, Philipp IL, aber traute dem Schweigsamen nicht, und hielt ihn für den heimlichen Anstifter der Unruhen in den Niederlanden. In der That wurde der deutsche Fürst, der Vornehmste in den Niederlanden, auch das oberste Haupt der Patrioten, welche ihres Landes Rechte und Freiheiten gegen die spanische Willkühr, insbesondere gegen die Inquisition vertheidigte. Als Alba in’s Land rückte, hielt Wilhelm mit den Klügeren es gerathen, sich nach seiner rheinischen Heimath zurück zu ziehen; sein Sohn aber, der in Löwen studirte, wurde ergriffen und als Geisel nach Spanien geschickt.

Als nun die Niederlande unter Alba’s Gewaltsherrschaft seufzten, erkannte des Oraniers durchdringende Klugheit, dass früher oder später der Spanier aus dem Lande müsse. Er entschloss sich, sein Alles daran, zu setzen, um die Freiheit der Niederlande zu erobern und sich selbst vielleicht ihre Krone. Er wurde Protestant und erhielt sofort von deutschen Fürsten Geld und Soldaten. Denn Deutschland war der eigentliche Heerd des Protestantismus: von hier aus erhielten die Glaubensgenossen in Frankreich und den Niederlanden beständig Hülfe und Anfeuerung.

Zweimal drang Wilhelm mit einem Heere, das grösstentheils aus Deutschen bestand, in’s Land ein. Beidemal spielte Alba den Fabius Cunctator und nöthigte ihn zum verlustvollen Rückzuge. Dazwischen machte Wilhelm einen Reiterzug nach Frankreich, den Hugenotten zu Hülfe. Er rüstete Kaper aus, welche Briel und Vliessingen eroberten. Er war unaufhörlich bemüht, die Landestheile zum geeinigten Widerstande gegen die Spanier zu bringen, und es gelang ihm wirklich, die nördlichen Provinzen, Holland Seeland Utrecht Friesland Geldern, durch wiederholte Staatsverträge zu einem festen Ganzen zusammen zu schweissen, dessen Regent und Kriegsherr er wurde. In dem langen gräuelvollen Kriege erschien er hier als Admiral der Meerguesen, dort als Feldherr mit seinen Schaaren, oder als Hort der Bedrängten hinter den Wällen der Festungen. Mitten in körperlichen Leiden arbeitete ruhlos seine Willenskraft. Ein tiefer schweigsamer Minengräber in der Politik, verhinderte er jede Aussöhnung mit Spanien, sein Ziel war die vollständige Losreissung.

Auch in Brabant hatte der Oranier schon Fuss gefasst. Doch weil er Vielen als Calvinist verhasst war, Hess er im Norden den Erzherzog Mathias, im Süden den Prinzen von Anjou als Regenten zu, jedoch nur, um Beider Ansehen zu untergraben und Beider Nachfolger zu werden. Allein während dieses Zwiespaltes machte Alexander Farnese, der gescheidte spanische Feldherr, rasche Fortschritte, mehr als die Hälfte der Niederlande ging wieder verloren, und nur die nördlichen Provinzen widerstanden noch. Die Säule ihres Widerstandes war der Oranier. Philipp verhiess Gold und Adel Demjenigen, der ihn todt oder lebend überliefere. Einer Reihe von Mordanschlägen war der Kluge ausgewichen, endlich traf ihn im Jahre 1584 die Kugel eines Burgunder Fanatikers, als er im Delfter Schlosse sich von der Tafel erhoben hatte und gerade vor die Thür trat.

Doch sein Werk hatte er fest gegründet, sein Sohn und Nachfolger Moritz sah die Unabhängigkeit von Holland besiegelt.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863