Coligny und die Huguenotten.

Es giebt nichts Merkwürdigeres, als die Geschichte der Sekten- und Partei-Namen. Der Zufall entscheidet über dieselben, Vorurtheile rufen sie hervor und die Gewohnheit giebt ihnen ihre Weihe. So wurden die Jünger des Gekreuzigten Nazarener genannt von den Juden, welche Nazareth für die Geburtsstadt Jesu ausgaben, und Christen von den Lateinern, welche den Namen Christus als Eigennamen betrachteten: seitdem haben die Jahrhunderte zu einem Ehrennamen gestempelt was ursprünglich nur Ausdruck der Verachtung und des Hohnes war. Noch zu unserer Zeit hat der segensreiche Einfluß einiger frommen Engländer, deren Gott sich bediente, um die reformirte Kirche Frankreichs zu neuem Leben zu erwecken, den Namen Methodisten denjenigen gegeben, welche unter uns die Ueberlieferungen und Lehren der herrlichen Kirche behüten, die als Mutter und Tochter unzähliger Märtyrer dasteht.

Unsere Väter sind jenem gemeinsamen Schicksal nicht entgangen. Man nannte sie nacheinander Lutheraner, Protestanten, Sacramentirer – und der Ursprung dieser Bezeichnungen ist nicht schwer zu entdecken -, bis die Wuth ihrer Feinde sich endlich bei dem Namen Huguenotten beruhigte, der noch jetzt beim Volke in Frankreich für eine große Beleidigung gilt. Der Ursprung dieses Namens ist auf 3 Arten erklärt worden: die einen halten ihn für eine Umbildung des deutschen Worts „Eidgenossen“, das ich meinen Lesern nicht erst zu deuten brauche; andre leiten ihn von Hugon ab, welchen der Volksaberglaube zu Tours sich als einen Spukgeist oder Gespenst vorstellte, der Nachts durch die Straßen der Stadt zu schweifen pflegte. Die verfolgten Reformirten hielten nächtliche Versammlungen, welche der fanatisirte Haufe mit denen verglich, deren Anstifter König Hugon war. Andre endlich meinen, daß die bekannte Anhänglichkeit der Protestanten an die Familie Hugo Capets, der Patriotismus, welcher sie stets antrieb, die einheimischen Könige gegen fremden Einfluß und Herrschaft zu vertheidigen, ihren Römischen, Lothringischen, Spanischen Gegnern durch den Geist, den Ehrgeiz und die Sitten einen Spottnamen eingab, welchen die unparteiische Geschichte heute als einen Ehrentitel und als ein offenes Geständniß ihrer blutigen Verfolger ansieht.

Wie dem auch sei, die Nachkommen jener Helden, welche zu Tausenden gefallen sind gegen ihren Willen auf dem Schlachtfelde, mit frohem Muth auf dem Schaffot, brauchen nicht zu erröthen weder ihres Namens noch ihrer Thaten wegen. Alle Verleumdungen, welche durch die neueren Untersuchungen nach einander zerstört werden, haben nicht vermocht jene doppelte Thatsache auszulöschen, daß sie in Sachen der Religion die aufrichtigsten Christen, in Sachen der Politik die besten Franzosen waren. Ich schätze mich glücklich ihr Gedächtniß ehren zu können, mitten unter den Deutschen, unseren älteren Brüdern, welche die politischen Umstände mehr als uns begünstigen. Und wenn ich auch eine unbekannte Stimme vernehmen lasse, bin ich doch gewiß mit Wohlwollen angehört zu werden, und bedaure nur, daß diesem kurzen Bericht so enge Grenzen gesteckt sind.

Indessen wird dieser Uebelstand weniger gewichtig sein als man wohl glauben könnte. Coligny schildern heißt nichts anderes als den Huguenotten-Charakter in seinem vollendetsten persönlichen Ausdruck darstellen. Franzose, Edelmann, Staatsmann, Familienvater, Krieger, Gläubiger zugleich, vereinigte er in sich alle Tugenden, alle Gaben, alles Mißgeschick seiner Partei. Es fehlte ihm, um ein vollkommener Huguenot zu sein, weder die traurige Nothwendigkeit des Bürgerkrieges, noch die Einsicht, welche seiner Zeit voraneilte, noch jener unbezwingbare Muth, noch der Märtyrerruhm, welcher der Reformation nützlicher war als seine herrlichen Waffenthaten.

Caspar von Chatillon, Graf von Coligny wurde geboren am 16. Februar 1518. Er war der Sohn des Marschall von Chatillon, und von Louise von Montmorency, und Bruder des Cardinal Odel von Chatillon, der das heilige Abendmahl nach Huguenotten-Weise im bischöflichen Palast feiern ließ, sich im rothen Priesterrock verehelichte, und durch Gift starb 1571. Ein andrer Bruder von Coligny, Franz d’Andelot war eben so tapfer, noch kühner vielleicht, aber kein so vollendeter Held wie unser Coligny, dessen glänzende Eigenschaften an seiner Seite die seltensten Verdienste verdunkeln. Der Rächer Coligny’s in diesen traurigen Kriegen war sein Sohn Franz von Chatillon, der lange genug lebte, um sich Waffenruhm zu erkämpfen, nicht genug um den seines Vaters zu erreichen.

Sehr früh bei Hofe durch seinen Onkel den Connetable vorgestellt, gewann Coligny zum ersten Freund seiner Jugend Franz von Lothringen, später Herzog von Guise, der sein hartnäckiger und gehässiger Gegner werden sollte. Er wurde nach einander Lieutenant unter dem Herzog von Orleans, Obrist-Lieutenant der französischen Armee (1547), General-Lieutenant (1550), Gouverneur von Paris und Ile de France (1551) und endlich Admiral (1552). Nur mit diesem letzten Titel nennt ihn die Geschichte. Durch einen Bruch der Verträge mit Spanien begann Heinrich II. einen Krieg, den Coligny’s Heldenmuth nicht vor dem Unglück bewahren konnte, welches immer mit dem Eidbruch verbunden ist. Der Verlust der Schlacht von St. Quentin führte Coligny in die Gefangenschaft, er ward im Schloß Gand eingeschlossen; aber Gott wollte, daß die unfreiwillige Muße des Helden für ihn eine Quelle höherer Einsicht würde. Im Gefängniß las er die Schriften der Reformirten, und besonders die Bibel, welche ihm ein sicheres Urtheil verschaffte über römische Rechtgläubigkeit. Der Friede von Chateau Cambresis gab ihm die Freiheit wieder und kettete ihn für immer an die Sache der französischen Reformation. Damals war er 40 Jahr alt. Die Reinheit seiner Sitten, der Ernst seines Charakters, sein unerschütterlicher Glaube, seine erprobte Klugheit, die ihn nur einmal verließ, wo seine große Seele nicht an ein hinterlistiges Bubenstück glauben wollte, alles bezeichnete ihn als den Führer der Protestanten, und gab ihm einen Einfluß, auf den Conde eifersüchtig war. Dennoch diente er seinem Vaterlande während der Regierung Franz II. ohne im Dienste des Glaubens seinen Degen zu ziehen. Aber nach vielen Intriguen, widersprechenden Edikten, einer gescheiterten Verschwörung, nachdem ohnmächtige oder von dem verderblichen Einfluß der Guisen beherrschte Reichsstände vergeblich getagt hatten, wurde Coligny gezwungen trotz seines Patriotismus die Waffen zu ergreifen. Wenn man sich die Ränke, die Meutereien, die Verbrechen jener blutigen Epoche vergegenwärtigt, so wird man nicht umhin können, den Admiral freizusprechen, der genöthigt war sich gegen Feinde zu vertheidigen, die als Feinde Frankreichs und des Königs da standen, ehe sie noch die Verfolger der Reformation und Coligny’s wurden. Und doch faßte der Admiral diesen traurigen Entschluß nicht ohne Widerstreben. Oder vielmehr er gab dem hartnäckigeren und nicht selten praktischeren und heller sehenden Geist der Frauen nach. Charlotte von Laval, seine fromme und entschiedene Gemahlin, stellte ihm vor, daß man entweder zu jenem Aeußersten schreiten oder – die Religion verrathen müsse. „Ich beschwöre Euch im Namen Gottes, sagte sie ihm, uns nicht fernerhin zu hintergehen: sonst werde ich gegen Euch zeugen in seinem Gericht.“ Carl IX. hatte eben den Thron bestiegen. Coligny vom protestantischen Bund zum General-Lieutenant ernannt unter dem Befehl Conde’s, aber seinen militairischen Gaben nach weit über allen, verwarf zuerst im Rath den Vorschlag, die deutschen und englischen Protestanten um Hülfe anzurufen; er wünschte, daß die Franzosen selbst ihre ärgerlichen Zwistigkeiten beilegen sollten. Er mußte sich einer andern Ansicht unterordnen. Von diesem Augenblicke an stand er mit Herz und Hand unter der Fahne der Reformation, deren unerschütterlicher, wenn auch nicht immer unbesiegter Vorkämpfer er gewesen ist.

Zu einer Erzählung der Großthaten des protestantischen Helden fehlt uns der Raum; wir werden das hervorheben, was ihn und seine Brüder, die Huguenotten, besonders charakterisirt. Unnöthig scheint es uns Coligny wegen des Mordes rechtfertigen zu wollen, zu dem Fanatismus und Rachsucht den Poltrot gegen die Person des Herzogs von Guise trieben. Ein Wort des Admirals rettet sein Gedächtniß besser als alle Vertheidigungen, die er selbst über diesen Gegenstand niederschrieb. Als er selbst von der kupfernen Kugel erreicht wurde, die ihm den Finger zerschmetterte, von jener Kugel aus der Büchse des Königsmörders Maureval, der ihm seit drei Tagen in dem Hause eines Domherrn aufgelauert hatte, sagte er nach der Amputation nichts weiter, als: „Ich habe keine anderen Feinde als die Herren von Guise; dennoch möchte ich nicht behaupten, daß sie diesen Streich ausgeführt.“ Wer kann glauben, daß ein des Argwohns so unfähiger Mann fähig gewesen wäre, seine Hände in einen Mord zu tauchen?

Fortwährend erneuerten Mordversuchen ausgesetzt, unter ungestümen Drohungen der Verhaftnehmung, hörte Coligny nicht auf nach der unglücklichen Schlacht von Dreux zu unterhandeln, in der festen Zuversicht, daß er nichts unternähme gegen König und Reich, sondern nur Gewissensfreiheit fordere. Im Augenblick, wo er Chartres belagerte, erhielt er die Nachricht, daß seine Frau in den letzten Zügen liege. Er eilte mit geschickten Aerzten zu ihr; aber die Anstrengungen der Kunst waren vergebens: die thatenkräftige Frau unterlag am 7. März 1568, und ließ den Admiral zurück in tiefem Kummer über seinen schmerzlichen Verlust. Die Krankheit, welche sie dem Tode überlieferte, hatte sich Charlotte von Laval durch die Pflege zugezogen, die sie den Kriegern im Hospitale zu Orleans widmete. Coligny auf dem Rückzuge nach Chatillon, wird bald genöthigt, mit Conde sich nach La Rochelle zu flüchten. Nach der unheilvollen Schlacht bei Jarnac setzte er, im Begriff, mit den deutschen Hülfstruppen zusammenzustoßen, sein jüngst wieder aufgefundnes und veröffentlichtes Testament auf, in welchem er sich zum lautersten Glauben bekennt und Anordnungen trifft für die Erziehung seiner Kinder.

Fortwährend ein Opfer seiner Unterhandlungen mit einem entsittlichten Hofe, immer furchtbar, wenn er kämpft, wird er nicht müde zu kämpfen und zu unterhandeln. Er richtet an den König die rührendsten Vorstellungen, um in ihn zu dringen, daß er endlich den Martern seiner huguenottischen Unterthanen ein Ziel setze. Denn die verschiedenen Gerichtshöfe des Reichs errichten, selbst während der Zeiten des von oben gebotenen Einhalts, welchen der Friede und trügerische Versprechungen den unglücklichen Protestanten verschafften, Scheiterhaufen in allen Städten Frankreichs.

Ein Parlaments-Schluß vom 13. September 1569 erklärt endlich Coligny für vogelfrei, und verspricht 50.000 Thaler Gold dem, der ihn überliefert lebend oder todt. Der Admiral, der so eben bei der vergeblichen Belagerung von Poitiers, damals der größten Stadt in Frankreich nach Paris, Wunder der Tapferkeit und der Geschicklichkeit vollbracht hatte, ergreift wiederum die Waffen. Halbtodt wird er vom Schlachtfeld in den Ebenen von Assais aufgehoben. Während er sich auf seiner Tragbahre wegbringen läßt, wird neben ihm ein alter Edelmann Namens l’Estrange getragen. Dieser beugt sich zu ihm herüber und sagt wie zum Abschiedsgruße: „Wahrlich! Gott ist doch sehr sanftmüthig.“ Rührende Worte, welche die Frömmigkeit bezeugen, von der jene unerschrocknen Krieger beseelt waren.

Wir nahen uns der Katastrophe, welche das Leben des christlichen Helden auf so ruhmvolle Weise endet. Kaum hergestellt von einer heftigen Krankheit, die ihn zu St. Etienne überfiel (1570), marschirte der Admiral auf Paris los, und nach einem Wechsel von Unglücksfällen im Einzelnen, von Erfolg im Ganzen, bedroht er die Hauptstadt, Catharina von Medicis und die Guisen. Der Hof, anmaßend nach dem Siege und schwach nach dem Unglück, unterzeichnet endlich den Frieden (8. August 1570) gegen den Willen des päpstlichen Nuntius so wie gegen den des spanischen Gesandten. Coligny, der die Königin Mutter kennt, zieht sich nach La Rochelle zurück, wo er der siebenten Nationalsynode unter Leitung Theodors von Beza beiwohnt (2. bis 11. April 1571). Aber bald giebt er, des Bürgerkrieges überdrüssig, mehr durch seine großmüthige Seele als durch Catharinen’s grobe List getäuscht, seinem gewöhnlichen Grundsatz nach, „daß es besser sei, Ein Mal zu sterben, als sich fortwährend um sein Leben ängstigen zu müssen.“ Er geht nach Paris zu Carl IX., der, so jung er war, doch schon genügend unterrichtet worden, um heucheln zu können. Der König nennt ihn seinen Vater, umarmt ihn, schwört, auf seinen Rath hören zu wollen, und sagt ihm mit einer teuflischen Höflichkeit: „Wir halten Sie jetzt; Sie sollen nicht von uns loskommen, wann es Ihnen beliebt.“ Man unterhält Coligny mit dem beabsichtigten Feldzug nach Flandern. Freitag, den 22. August, wird er nach dem Louvre gerufen. Auf dem Heimwege verwundet ihn Maurevel: eine Kugel zermalmt ihm den Zeigefinger der rechten Hand, eine andre streift ihm den linken Ellenbogen. Der Brand ergreift schnell die durch das oxidirte Kupfer vergifteten Wunden. Ambrosius Pars, der berühmte Wundarzt, nimmt den verwundeten Finger ab; aber das schlechte Werkzeug, dessen er sich bedient, zwingt ihn drei Mal von neuem anzusetzen. Die Umstehenden, Heinrich von Navarra, der Prinz von Conde, Larochefoucault lassen ihren Thränen freien Lauf. Coligny stets gefaßt, sagt ihnen: „Meine Freunde, weßhalb weint ihr? Ich schätze mich überaus glücklich, um des Namens Gottes willen verwundet worden zu sein.“ Darauf wendet er sich zum Prediger Merlin und sagt: „Laßt uns beten zum Herrn unserm Gott, daß er uns verleihe die Gabe der Beständigkeit.“

Wie nun der fromme Merlin gebetet hat, schüttet auch der Held seine Seele aus vor dem Herzen des Herrn, weihet sich seinem Dienst und bekennt, daß er bereit sei, für Gott zu leben, wie in ihm zu sterben. Darauf neigt er sich zum Ohr eines seiner Diener und befiehlt, dem Merlin für die Armen der Kirche zu Paris hundert Thaler Gold auszuzahlen. Auch Carl IX. besucht den Admiral und sagt ihm bei seiner Anrede: „Mein Vater! Sie haben die Wunde und ich den ewigen Schmerz.“ Und mit gräßlichen Flüchen schwur er Rache zu nehmen wegen dieses feigen Meuchelmords. Statt der Antwort begnügte sich Coligny, ihm einige Ratschlage in Bezug auf den Flandrischen Feldzug zu ertheilen. Einige Stunden später gab der König das Signal der St. Bartholomäus-Nacht (24. August 1572). – Das Opfer war eben so edel und heilig als die Henker feige und grausam. Kurz vor Tagesanbruch weckte die Sturmglocke und der Lärm der Guiseschen Kavallerie den Admiral. Er läßt sich von Merlin das Gebet halten und gebietet all‘ den Seinen, zu entfliehen, mit der Erklärung, daß er seit lange zum Sterben bereit sei. Schon hatte man den Mördern, welche im Namen des Königs Eingang verlangten, das Thor des Palastes geöffnet; die Wachen waren niedergestoßen worden. Bald ist die Thür des Zimmers erbrochen, aber Behme selbst erzittert vor dem großen Mann, den er bleich und majestätisch wie einen Schemen sich gegenübersieht. „Junger Mann, sagt Coligny, Du stürzest Dich auf einen Verwundeten und auf einen Greis – übrigens vermagst Du nichts abzukürzen.“ Da bohrt ihm Behme das Brecheisen in den Leib, mit dem er die Thür des Zimmers erbrochen hatte. Der greise Edelmann fällt, indem er einige Worte der Klage murmelt, empört, daß er nicht wenigstens wie ein Mann getödtet worden sei. Die Mörder richten wiederholte Schläge auf sein Haupt, und da sie die Stimme des Herzogs von Guise vernehmen, der unten zu Pferde hielt: „Behme, bist Du fertig?“ werfen sie den Leichnam zum Fenster hinaus. Guise und der Herzog von Angouleme erkennen ihn, sobald sie sein mit Blut bedecktes Gesicht abgetrocknet. Sie gehen beide davon, nachdem sie ihm einen Fußtritt in’s Gesicht gegeben. Der Leichnam wurde in dem blutigen Koth von Paris umhergeschleppt; das Haupt, vom Rumpf getrennt und einbalsamirt, durch die Guisen nach Rom geschickt.

Einige Jahre darauf wurde der Leichnam dieses selben Herzogs von Guise von Heinrich III. mit Füßen getreten; und als eines Tages Catharina von Medicis dem Sohn des Märtyrers in den Gallerieen des Louvre begegnete, sagte sie zu ihm, erstaunt über seinen stolzen Wuchs: „Du gleichst Deinem Vater.“- „Gott verleihe mir diese Gnade!“ antwortete der junge Chatillon.

Man fragt sich, wie mit solchen Männern Frankreich nicht für die Reformation hat gewonnen werden können. Mehrere Ursachen haben zusammengewirkt, um den Sieg des Katholicismus herbeizuführen. Sicherlich haben der unglückliche Erfolg der protestantischen Waffen, die Treulosigkeit der Italienerin Catharina, der Ehrgeiz der Lothringer, die Wühlereien von Rom und Spanien eine große Rolle gespielt bei diesen Ereignissen. Aber vielleicht findet sich die Hauptursache in dem von Natur wenig religiösen Geist der Franzosen und in ihren gleichmacherischen und demokratischen Gelüsten. Rabelais und Montaigne stellen den französischen Geist besser dar, als der große Calvin. Die Huguenotten waren unpopulär gerade wegen ihrer Keuschheit und Frömmigkeit. Frankreich liebt mehr die Messe, die zu nichts verpflichtet, als die Laster und Leichtsinn niederschmetternde Bußpredigt der Calvinisten. Außerdem schritt das Land mächtig vor zur politischen Einheit und socialen Gleichheit. Ludwig XI., Richelieu, Mazarin, Ludwig XIV., Napoleon mähten alle Ungleichheiten nieder. Nun aber ist die Reformation als eine Appellation an das Bewußtsein des Einzelnen die Vertheidigerin der Freiheit, welche sie immer aufrecht erhalten hat gegen die falsche zur Knechtschaft führende Gleichmacherei. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die französische Revolution, die nach dem Walten der Vorsehung die Huguenotten gerächt hat an den mit ihrem Blut befleckten Königen und Priestern, weit entfernt, eine Folge der Reformation zu sein. Sie liegt auf einem ganz anderen Gebiet. In Frankreich ist der Protestantismus gefallen mit einem Adel, dessen ruhmvoller Vertreter Coligny war und der, wenn er sich ganz mit der Reinheit und Strenge des Glaubens durchdrungen hätte, die starke Schutzmauer einer beschränkten Monarchie, einer auf Theilung der Gewalten gegründeten Freiheit, einer lebendigen und geistigen Religion bleiben konnte. Es war zu früh oder zu spät für die Nation Ludwigs des Heiligen, als die Stimme der Reformatoren das christliche Bewußtsein zu neuem Leben rief.

(Geschrieben 1856.) Louis Rognon in Montpellier, später in Paris

Gaspard de Coligny

Gaspard de Coligny

Coligny.

Gaspard de Coligny, aus dem Geschlecht der Chatillons, war 1516 zu Chatillon sur Loing geboren und hatte sich in den Kriegen Franz L, wo er sich besonders in der Schlacht von Cerisoles auszeichnete, und in den Kriegen mit Philipp II. zum Feldherrn gebildet. Er wurde Generaloberst der Infanterie und in seinem sechsundvierzigsten Jahre Admiral von Frankreich.

Als die Guisen, die Oheime des nächsten Königs, darnach trachteten, die französischen Protestanten gewaltsam auszurotten, trat Coligny mit dem ritterlichen Prinzen von Conde an deren Spitze. Drei blutige Kriege folgten sich in acht Jahren, von 1562 bis 1570. Coligny wusste das Glück der Schlachten nicht an seine Fahnen zu fesseln, aber um so höher leuchteten seine Tugenden der Einsicht, Besonnenheit, Tapferkeit. Er war der feste Hort der Partei, die Seele ihrer Unternehmungen. Jeder Krieg endete mit einem Frieden, welcher den Protestanten kirchliche Freiheit und bürgerliche Gleichstellung verbürgte.

Nach einem glorreichen Leben unter den Waffen wurde Coligny an den Hof gezogen und dort geehrt als väterlicher Rathgeber. Die Guisen sannen jetzt auf ein grässliches Mittel. Des Königs Schwester verheirathete sich mit dem protestantischen Prinzen von Navarra. Frieden und Versöhnung wollte man feiern, und die Häupter der Hugenotten strömten nach Paris. Schon am 18. August 1572 fiel aus der Büchse eines gedungenen Mörders ein Schuss auf Coligny, welcher ihm die Hand zerschmetterte. Die Hugenotten Hessen sich nicht warnen. Aber sechs Tage später, in der Hochzeitsnacht, ergossen sich plötzlich die Würgerschaaren durch ganz Paris, drei Tage dauerte die Metzelei, der nur wenige Hugenotten entrannen. Der greise Coligny war das erste Opfer. Der Herzog von Guise selbst drang in sein Haus, ein böhmischer Soldat, Dianowicz le Beme, stürzte sich mit gezücktem Schwerte auf den alten Mann, der sich vom Bette erhob und vergebens ihm zurief: „Junger Mann, Achtung vor meinen grauen Haaren!“ Von zahllosen Stichen durchbohrt wurde Coligny’s Leiche aus dem Fenster gestürzt, durch die Strassen und an den Galgen geschleppt. Ein Vetter Coligny’s beerdigte ihn heimlich in der Gruft zu Chantilly.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863

François Teissier und seine Kinder

Aus der Notzeit einer Hugenottenfamilie

„Ich habe Gott oft beleidigt; indessen hat er für mich noch so viel Güte, daß er mir gewährt, für seinen heiligen Namen zu sterben. Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus.“
François Teissier vor seiner Hinrichtung

Auf dem Altan des Pfarrhofs zu St-Cergue lag, in warmen Decken gehüllt, Marie Teissier. Aus dem blassen, müden Antlitz schauten zwei tiefschwarze Augen. Sie wanderten über die sanften Weiden des stillen Bergtals, das sich im milden Glanz der Septembersonne wärmte, hinüber zu den Firnen, die über dem weiten See gleich überirdischen Gebilden in den Himmel ragten. Vor vier Jahren hatte Marie Teissier als fünfzehn jährige Refugiantin mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrem Bruder Isaac, dem Pfarrhelfer der Hirten und Bauern dieses Hochtals, Obdach und freundliche Pflege gefunden. Vor der in die Ferne Sinnenden lagen zwei in einen bunten Umschlag gebundene Hefte. Die Blätter des einen Heftes waren von der Hand ihres jüngeren Bruders geschrieben -“le cadet“, den Jüngsten, nannten sie ihn daheim. Er hatte wie sein Bruder ; und die Schwestern der blutigen Verfolgung entrinnen können. In einem der Dörfer unten am See hatte er bei einem Bauern eine leichte, seiner geschwächten Gesundheit angemessene Arbeit gefunden. Sonntags aber, wenn es sein Dienst und das Wetter erlaubten, stieg er hinauf ins Bergdorf zum Bruder und zu den Schwestern. Was waren das für unvergeßlich schöne, wenn auch wehmuterfüllte Stunden, wenn wieder alle vier Geschwister beisammensitzen durften und der verlorenen Heimat und, ach, der heimgegangenen Mutter und des heldenhaft gestorbenen Vaters gedachten.

Die Blätter des zweiten Heftes, in die Marie Teissier eben wieder, wie so oft schon, sich vertieft hatte, trugen männlich starke Schriftzüge. Den Geschwistern war diese zweite Schrift zwiefach kostbar, gab sie doch zuverlässig Kunde vom tapferen Bekennen und christlichen Sterben ihres geliebten Vaters, zeugten aber zugleich auch von der alten Wahrheit, daß die Kirche Christi durch das Blut ihrer Bekenner wächst. Der diese Blätter geschrieben, Herr Philipp Aiguisier, war als Missionar der römischen Kirche Augen- und Ohrenzeuge der letzten Stunden ihres Vaters gewesen. Daß dieser so leidenschaftliche Diener der verfolgenden Kirche bald verspürt, wie wenig er gegen den Stachel zu löcken vermöge, und nunmehr als Lehrer an der Schule zu Vevey in dem Glauben lebte, den er damals so heftig verfolgt, das war das große Wunder, das Marie Teissier und ihre Geschwister immer wieder staunen und in alle, Trauer um den Vater die Führung Gottes preisen ließ.

Am längsten von den vier Geschwistern weilte der Älteste Isaac Teissier, schon im gastlichen Waadtland.

Schon früh hatte er sich für den geistlichen Beruf entschieden. Im Alter von siebenzehn Jahren hatte er das Vaterhaus im heimatlichen Cevennendorfe Durfort verlassen, um an der reformierten Akademie zu Puy-Laurens die zum eigentlichen Theologiestudium notwendigen philosophischen Studien zu ergreifen. Puy-Laurens war einer jener acht festen Plätze, die den Reformierten einst durch das Edikt von Nantes (1598) garantiert worden waren. Hier öffnete eine Akademie den jungen Leuten ihre Tore. Mit guten Zeugnissen verließ Isaac Teissier nach zwei Jahren als sogenannter Proposant diese Schule und kehrte wieder ins Elternhaus nach Durfort zurück. Unter der Leitung des Dorfpfarrers tat er die ersten Schritte in seinen künftigen Beruf, d. h. er ging als Seelsorger den Mühseligen und Beladenen nach und übte sich in der Verkündigung des Wortes. Mit dem Zeugnis seines Lehrers und der Gemeindeältesten, er habe dank seines Fleißes in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht, sowohl in der Seelsorge durch seine tröstlichen Gebete am Krankenbett wie durch seine Schlagfertigkeit in der öffentlichen Verteidigung des evangelischen Glaubens, also daß zu hoffen sei, er werde ein brauchbares Werkzeug im Dienste des Meisters werden, wanderte Isaac nach abermals zwei Jahren nach Puy-Laurens hinunter, um seine Studien zum Abschluß zu bringen. Und nicht minder verheißungsvoll lauteten die Zeugnisse seiner theologischen Lehrer, als er nach zweieindrittel Jahren im Sommer 1681 die Hohe Schule verließ, und zwar über seine Gelehrsamkeit und sein praktisches Können wie über sein bescheidenes Betragen. Seinen Kameraden sei er ein Beispiel gewesen und allen eine Erbauung. Mit der Einsetzung als Pfarrer der Kirche von St-Romans-de Codieres empfing Isaac Teissier das, was wir in der Schweiz die Ordination nennen und was man dort die Handauflegung zu nennen pflegte. Das war im August 1681, vier Jahre vor der Aufhebung des Edikts von Nantes, der ja schon seit Jahren eine beängstigend anwachsende Welle der Verfolgung voranging. Isaac zählte damals 23 Jahre. Sicher war er sich des Ernstes dessen bewußt, was er damals in die Hand seiner Prüfungsbehörde versprach und vor dem Ewigen gelobte: das Volk im Glauben und in der Ehrfurcht vor dem König zu unterrichten, in seinen Predigten nie vom Glaubensbekenntnis seiner Kirche abzuweichen, die Ordnungen und Beschlüsse der nationalen Synoden zu beobachten und bis zum letzten Seufzer in den Pflichten seines Amtes auszuharren.

In heiligem Eifer und unermüdlicher Treue, so wie er es gelobt, trat Isaac Teissier in seinen Dienst. Schon wurden da und dort unter nichtigen Vorwänden reformierte Kirchen zerstört. Das harte Los traf auch die Gemeinde des Nachbarstädtchens St-Hippolyte. Mit dem Gotteshaus ward der Gemeinde auch der Hirte entrissen. Bei Todesstrafe aber war es verboten, den ihrer Hirten beraubten Gemeinden beizustehen. Es aber doch zu tun, war für Isaac Teissier und seine Amtsbrüder einfache Pflicht der Nächstenliebe. Auf den Ruinen ihres Gotteshauses sammelte er die Gemeinde zu Gebet und Gesang, predigte ihnen das Evangelium und reichte ihnen Brot und Wein, die Zeichen der Gnade und Gemeinschaft. Das aber sollte er mit dem Leben büßen. Das Gericht zu Nimes verurteilte den kühnen Prediger zum Tode und hängte, da es seiner nicht habhaft werden konnte, sein Bild an den Galgen. Noch vier Monate lang vermochte der also zum Tode verurteilte Pfarrer den Dienst in seiner Gemeinde zu tun, bis er sich genötigt sah, sich auf seelsorgerliche Besuche zu beschränken, die er im Schutze der Nacht da und dort in den Häusern machte. Es klingt unglaublich, wenn erzählt wird, daß er seiner Gemeinde auf diese Weise noch acht weitere Monate lang, unter ständiger Gefahr seines Lebens, von Haus zu Haus eilend, tags sich in Höhlen bergend, nachts den seinen Trost und Ermutigung zu bringen vermochte. Als aber die Dragonnaden 88 in immer bedrohlichere Nähe rückten, als auch schon in St-Roman Kontributionen zu ihrer Erhaltung erhoben wurden, kam der Tag, da seines Bleibens im Lande nicht mehr war. Die Gemeinde hoffte wohl, den Einquartierungen zu entgehen, wenn sie ihren Pfarrer entließe. Schweren Herzens mag sich Isaac Teissier dem Willen seiner Gemeinde gefügt haben. Auf Wunsch des Vaters stellten die Gemeindeväter ihrem scheidenden Pfarrer ein Zeugnis seiner treuen, unermüdlichen Hingabe aus, in dem sie ihn der Hut Gottes anbefahlen und alle Brüder in Christus baten, den Flüchtigen als wirklichen Pfarrer aufzunehmen und ihm beizustehen, dem ja nichts mehr geblieben war als die Hilfe des Himmels und gütiger Menschen. Wir wissen nicht, unter was für Mühen und auf welchen Wegen Isaac Teissier die rettende Schweizer Grenze erreichte. An einem Herbsttag des Jahres 1684 klopfte er an die Türe des Pfarrhauses zu St-Cergue. Pfarrer Jean Cailler bot dem heimatlos gewordenen jungen Pfarrer an seinem Herd Obdach und Brot und Arbeit als Helfer im Dienste seiner ausgedehnten Gemeinde. Und die Herren der Waadt, die Berner, waren, großzügig und nahmen den tüchtigen Mann in ihr Bürgerrecht auf. Und bald wurde der bewährte Helfer zum Nachfolger seines Beschützers und väterlichen Freundes gewählt. So war es nach Gottes Fügung geschehen, daß bald auch die beiden Schwestern von Isaac Teissier unter diesem gastlichen Dache eine neue Heimat gefunden hatten. Was lag alles zwischen jenem Tag, da der Bruder das Elternhaus für immer verlassen hatte, und dem heutigen Sonntag! Das erzählen uns jene Blätter, die Marie Teissier vor sich liegen hat. Wir übertragen es in unsere Sprache, ungekünstelt und wahr, wie die Feder der beiden Zeugen es festgehalten hat.

Zuerst geben wir dem Bruder, dem „Cadet“, das Wort:

„In der Hut lieber Eltern erlebte ich mit meinen Geschwistern eine frohe Jugendzeit. Mein Vater, François Teissier, genoß als Gemeindeamtmann von Durfort weit über die Marken unseres Dorfes hinaus Ansehen, denn er war ein Mann von unbestechlicher Gerechtigkeit und als Mensch leutselig und von gradem Wandel. Wir besaßen ansehnliche Güter, die unser Vater mit einigen Knechten bewirtschaftete. Oft habe ich ihn in unseren Weingarten begleitet, der eine halbe Stunde vor dem Dorfe in gar lieblicher Gegend lag. Mitten drin stand ein einfaches, wohnliches Winzerhaus, wo wir einen Teil des Sommers und Herbstes verbrachten und wo wir uns oft am Sonntag zur häuslichen Andacht und zur stillen Feier des Sonntags zusammenfanden. Denn unser Vater war von ganzem Herzen unserem reformierten Glauben zugetan. Das gemeinsame Morgengebet, die abendlichen Andachten, da der Vater aus der großen Hausbibel las und uns den Sinn der evangelischen Geschichten erschloß, der schöne Psalmengesang, in den auch wir Kinder einstimmten, und vor allem der Eltern Vorbild, das war ein Unterricht im Glauben, der sich unserem Herzen unauslöschlich einprägte.

Mit dem Tode unserer lieben Mutter fiel der erste Schatten auf unsere bisher so heitere Jugendzeit. Bald zogen noch schwerere Wolken über unser Leben. Oft erzählte der Vater, wenn er von seinen amtlichen Geschäften aus La Salle oder Nimes heimkehrte, von Bedrängnissen, denen die Reformierten da und dort ausgesetzt worden seien: ein Priester drängte sich an das Krankenlager in einem reformierten Hause und störte mit hartnäckigen Bekehrungsversuchen den Frieden der letzten Stunden eines Sterbenden. Anderswo wurde einer einsamen Kranken jede Hilfe verwehrt: sie möge sich in die Pflege der Schwestern im Hospital begeben. Mit tiefer Sorge aber erfüllte es unseren Vater, als von da und dort die Kunde durchs Land ging, es seien reformierte Kirchen – ,Tempel‘ nannten sie die Gegner voller Geringschätzung – unter nichtigen Gründen niedergerissen worden. Als unsere Heimat vollends mit Dragonern überflutet wurde, um die königlichen Dekrete gegen die Reformierten gewaltsam durchzusetzen, als mein Bruder Isaac, der damals schon zwei Jahre Pfarrer in St-Romans-de-Codieres gewesen, aus dem Land fliehen mußte, weil er es gewagt hatte, auf den Ruinen der Kirche zu St-Hippolyte Gottes Wort zu verkündigen und der Gemeinde das heilige Mahl zu spenden – als uns Reformierten alle Rechte entzogen wurden, da dachte mein Vater nur noch an Eines: aus der Heimat auszuwandern, um sich und seine Familie vor der Verfolgung zu retten. Und wirklich gelang es ihm, mit einem Paß nach Genf zu kommen. Dort setzte er mit einer ihm wohl bekannten Frau von Balthasar einen Vertrag auf über den Abtausch ihres Gutes Verzancy im Ländchen Gex gegen seine Güter in Durfort. Er hoffte, die Erlaubnis zu erhalten, dahin überzusiedeln. Von dort würde es ihm möglich werden, mit den Seinen die nahe Schweiz zu erreichen. Zu seiner großen Freude war es ihm auch gelungen, unseren lieben Bruder Isaac im Waadtländer Bergtal aufzusuchen. Bald hoffte der Vater, ihn und alle seine Kinder in einer neuen Heimat wieder zu vereinen, wo er mit den Seinen ungehindert und frei Gott mit der Gemeinde lobsingen könnte. Froher Dinge reiste er in die Heimat zurück und bemühte sich, in Montpellier beim Marquis de la Trosse dem Oberstkommandierenden des Languedoc, um die Erlaubnis zur Übersiedelung ins Ländchen Gex. Der Herr Marquis machte vorerst Umstände. Aber auf die Fürbitte vermögender Freunde sagte er meinem Vater die Gewährung seiner Bitte zu. Freudig kehrte mein Vater zu uns zurück und traf die Vorbereitungen zur Auswanderung. Nun waren viele unserer Gemeinden, deren Kirche geschlossen oder zerstört worden, gezwungen, ihre Gottesdienste in einsamen Gehöften oder in abgelegenen Waldlichtungen abzuhalten. Mein Vater blieb keiner dieser Versammlungen fern von denen er aus unserer Nähe erfuhr. So nahm er auch an jener Versammlung teil, die am 19. Februar 1686 zwischen Manoulbet und St-Felix in einem Landhaus abgehalten und von vielen Gläubigen der umliegenden Dörfer und Flecken besucht wurde. Wohl hatte der Major des in der Gegend stationierten Regiments gegen fünf Uhr des Abends davon Wind bekommen, daß eine Versammlung abgehalten werden sollte, allein das üble Wetter und der Umstand, daß man nicht wußte, wo sich die Reformierten versammeln würden verzögerte den Aufbruch der Soldaten, bis zwischen neun und zehn Uhr ein Abgefallener, Benjamin Villeneuve aus La Salle, sich anerbot, ein Detachement Soldaten unter der Führung von Leutnant La Motte sicher an den Ort zu führen, wo die Versammlung stattfinde. Durch ein Unwetter, das so schwarz und schrecklich war wie ihr verabscheuungswürdiges Vorhaben, zogen sie durch die Nacht und begegneten nach etlichen Stunden einigen Personen, die aus der Versammlung heimkehrten. Auf diese Ärmsten werfen sich die Soldaten und führen elf Gefangene weg, fünf Mädchen, eine alte Frau, vier Greise und einen jungen Mann, der kurz nachher erhängt wurde.

Der Regimentsmajor Darenne erstattete sofort nach der Rückkehr der nächtlichen Aktion den beiden höchsten Amtsträgern Bericht über das Vorgefallene: Marquis de la Trosse und Herrn von Baville, dem königlichen Statthalter. Und diese hohen Herren hielten die Sache für wichtig genug, um alsbald, schneller als nächtliche Wölfe, das Gericht der Provinz und einige Kompagnien Dragoner aufzubieten. Herr von Baville erschien am folgenden Sonntag in höchsteigener Person trotz Sturm und Wetter in La Salle und begann sogleich mit dem Verhör der elf Leutchen, die den Soldaten ins Garn gelaufen. In diesem Verhör wurde auch der Name unseres Vaters genannt als einer, der jene Versammlung besucht habe. Nun glaubte Baville dem König und der Kirche keinen größeren Dienst zu erweisen, als wenn er an meinem Vater als einem Mann von so viel Ansehen ein Exempel statuiere. Am andern Morgen entsandte er den Major Darenne mit einer schönen Zahl von Soldaten, um unseren Vater festzunehmen.

Wir hatten wohl erfahren, daß man auf dem Rückweg von der Versammlung einige Gefangene gemacht hatte, hatten jedoch keine Ahnung, daß auch unser Vater als einer der Teilnehmer dieser Versammlung genannt worden war. Deshalb besuchte mein Vater auch am folgenden Sonntag und am Tage darauf wiederum zwei Versammlungen, die unweit der ersten abgehalten wurden. Obschon ich damals erst 13- oder 14 jährig war, hatte ich meinen Vater begleitet. Auf dem Rückweg sahen wir von weitem ein Detachement Dragoner. Sie bemerkten uns wohl, waren aber offenbar im Zweifel, wer wir wären, und wandten sich nun gegen uns.

Sobald wir dies wahrnahmen, liefen wir querfeldein durch ein von Gebüschen und Felsen stark durchsetztes Gebiet, durch das sie uns zu Pferd nicht zu folgen vermochten. Das nötigte sie, uns einige Kugeln nachzuschicken, die uns jedoch nicht trafen. So entzogen wir uns bald ihrer Verfolgung und kamen glücklich in unser Landhaus. Sobald wir hier waren, begann mein Vater, Gott für die Rettung aus der Gefahr, in der wir geschwebt hatten, zu danken. Denn er war des Glaubens, nun in Sicherheit zu sein. Er griff zur Heiligen Schrift, um nach seiner Gewohnheit in Gegenwart seiner Familie darin zu lesen. Kaum hatte er damit begonnen, als wir erfuhren, daß Soldaten gegen unser Haus im Anzug seien, um unseren Vater zu verhaften. Und wirklich sahen wir sie auf unser Haus zustürmen. Nun war die hintere Türe noch frei. Leicht hätte sich mein Vater durch sie ins Freie retten können. Sein Bruder und andere, die bei uns weilten, versuchten dringend, ihn dazu zu bewegen. Auch meine Schwestern und ich warfen uns ihm zu Füßen. Aber all unser Bitten und Flehen war umsonst. Er wiederholte immer wieder: Ich habe nichts verbrochen und nichts getan, das ich nicht wieder tun würde, wenn ich dazu die Freiheit hätte. Unterdessen waren die Soldaten ins Haus eingedrungen und nahmen ihn fest. Er ließ sich wie ein Lamm wegführen, ohne den Mund aufzutun. Dann schleppten sie ihn durch einen furchtbaren Sturm, durch Schmutz und Ströme von Regen etwa drei Meilen fort nach Durfort.

Ich hatte als einziger unserer Familie den Mut gefunden ihm zu folgen, trotz der Flüche der Soldaten und ihrer rauhen Behandlung. In La Salle trennte man mich von meinem Vater.

Man schloß ihn ein, und mich ließ man auf der Straße stehen. Da stand ich lange Zeit, ohne zu wissen, was nun werden sollte. Endlich kam ein Kaufmann, ein Freund meines Vaters. Der hatte vernommen, was vorgefallen, und führte mich heim zu sich. Sobald Herr de la Trosse von der Ankunft meines Vaters gehört hatte, kam er selber, ihn zu sehen. Er begann, ihm heftige Vorwürfe zu machen, darum, daß er seine Güte mißbraucht und trotz der von ihm erhaltenen Erlaubnis zur Übersiedelung nach dem Ländchen Gex die vom König verbotenen Versammlungen besucht habe. Dafür verdiene er den Tod, und es gebe nichts, das ihn davon befreien könne Mein Vater erwiderte ihm ruhig, er glaube nichts getan zu haben, was wider die erfahrene Güte noch wider den Dienst des Königs sei. Er habe nur den Befehlen des großen Meisters gehorcht, der ihm und allen Gläubigen gebiete, sich in seinem Namen zu versammeln mit der Verheißung, daß er mitten unter ihnen sein werde. An den Versammlungen sei nichts gegen den König geschehen, vielmehr habe man für seine Person und das Wohl des Staates gebetet. Und wenn er ihm mit dem Tode drohe, möge er wissen, er sei in den Willen Gottes er geben; er hoffe, Gott werde ihm Gnade schenken, die Wahrheit bis zum Ende zu bekennen.

Als der Marquis die Entschlossenheit meines Vaters sah, schlug er einen sanfteren Ton an. Er kenne ihn als Ehrenmann er bedaure ihn; in Rücksicht auf seine Freunde sei er gern bereit, ihm zu helfen. Aber die Befehle des Königs seien so bestimmt, daß er sicherlich zum Tode verurteilt werde, wenn er in seiner Gesinnung verharre. Das einzige Mittel, ihn zu befreien, sei, die Ketzerei abzuschwören und zur römischen Kirche zurückzukehren. Dann verbürge er sein Wort und seine Ehre: er werde ihn aus der schlimmen Lage ziehen, in die er sich durch seine Unbesonnenheit gestürzt habe. Mein Vater dankte ihm für seinen guten Willen, erklärte ihm aber klar und bestimmt: er sei weit davon, den Glauben zu wechseln oder auch nur einen Schritt zu tun, der dahin zu zielen scheine; er würde immer wieder die Versammlungen besuchen, und müßte er tausendmal dafür das Leben verlieren. Nach diesem Gespräch zog sich Herr de la Trousse zurück.

Doch noch am selben Abend unternahm er einen neuen Versuch, unseren Vater umzustimmen, sei’s aus einem Rest von Menschlichkeit, sei’s um der Freunde willen, die sich schon früher für meinen Vater eingesetzt hatten. Er sandte einige dieser Freunde zu ihm und ließ ihn noch einmal ermahnen sein und seiner Familie Leben zu retten. Er brauche nur zu versprechen, daß er den Glauben zu wechseln bereit sei: dann würde er nicht nur frei werden, sondern auch die Erlaubnis zur Übersiedlung erhalten. Aber mein Vater blieb unerschüttert gegenüber all diesen Versuchungen. Er sagte diesen Freunden tausend rührende und erbauliche Dinge und endete damit daß er erklärte: seine Kinder lasse er nicht als Waisen zurück, er lasse sie in den Händen eines Vaters, der sie nicht verlassen werde, der verheißen habe, Barmherzigkeit zu üben an tausend Geschlechtern derer, die ihn lieben und seine Gebote halten.“ Noch am Abend desselben Montags vor Fastnacht, gegen 7 Uhr, wurde der Gefangene dem gefürchteten Herrn von Baville, dem königlichen Statthalter des Languedoc, zum entscheidenden Verhör vorgeführt. Wir folgen nun der Erzählung von Philippe Aiguisier:

Baville: Bist Du Teissier, der Amtmann von Durfort?
Teissier: Ja, mein Herr!
B.: Wo warst Du in der Nacht vom vergangenen Dienstag zum Mittwoch?
T.: In einer Versammlung, um zu beten.
B.: Wirklich? Um zu Gott zu beten? Konntest Du nicht daheim zu Gott beten ?
T.: Jesus Christus lehrt uns, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt seien, sei er mitten unter uns.
B.: Ach was! Weißt Du nicht, daß der König diese Art Versammlungen verboten hat?
T.: Ich weiß es; aber ich weiß auch, daß man Gott mehr gehorchen muß als den Menschen, und ich glaube nicht, daß der König das Recht hat zu verbieten, daß man zu Gott betet und besonders, daß man auch für den König bete.
B.: Aber ein Amtmann wie Du, der ein Beispiel geben und solche Versammlungen verhindern sollte, Du besuchst sie als einer der ersten!
T.: Gerade um für gute Ordnung zu sorgen und daß nichts gegen den Dienst des Königs geschieht und um Ihnen, wenn nötig, Bericht zu geben.
B.: Allein, man muß gehorchen!
T.: Ich habe es Ihnen schon gesagt, man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Nach diesem kurzen Verhör befahl der Statthalter dem anwesenden Major Darenne, Teissier ins Gefängnis zurückzuführen. Am andern Morgen, dem 26. Februar, rief Baville das Gericht zusammen, dem er selber vorstand. Auf Grund seiner Erklärung, daß er an der erwähnten Versammlung vom 19. Februar teilgenommen habe, wurde Teissier zum Tode durch Erhängen verurteilt. Nachdem er das Urteil sehr gefaßt angehört, antwortete er: Gelobt sei Gott, ich darf sterben wie mein Meister; mein Leib gehört Ihnen, meine Herren, meine Seele aber ist bei Gott! Da sprach Herr von Geauvaudan, der Antragsteller im Prozeß, zu mir, dem treuen Verfasser dieses Berichts, der ich damals als Missionar in La Eiaue weilte: „Herr, wir übergeben den Mann in Ihre Hände. Tragen Sie Sorge zu ihm!“ Ich gestehe, mir traten die Tränen in die Augen, ich dachte an die schreckliche Strafe, zu der er verurteilt war und daß er verdammt würde, wenn er in seinem Glauben beharre. Ich umarmte ihn in Gegenwart einiger hoher Herren des Gerichts und der Soldaten und tat, was ich vermochte, um ihn in die römische Kirche zurückzuführen. Aber je inniger ich ihn anflehte, um so höher erhob er Augen und Herz zum Himmel mit dem Rufe: Himmlischer Vater, laß mich nicht in Versuchung fallen! Ich fuhr ständig mit meinen Beschwörungen dazwischen und vergoß endlose Tränen. Als mein Märtyrer mich so in Tränen aufgelöst sah, sprach er zu mir wie eine Weissagung: „Lieber Herr, Gott sieht Ihre Liebe und Ihren Eifer. Sie werden nicht ohne Lohn bleiben, Sie werden in unserem Glauben sterben!“ „Gewiß“, erwiderte einer der Umstehenden zu ihm, „Sie werden ihn, wie Sankt Stephanus Sankt Paulus, bekehren!“ Und ich erwiderte, ohne recht zu bedenken, was ich sprach: „Ja, bitten Sie Gott, daß er mich bekehre!“

Indessen dröhnten Hammerschläge von draußen an unser Ohr. Man rüstete den Galgen zurecht. Freudig rief Herr Teissier: „Mut, mein Freund, man richtet uns eine Leiter zu, auf der ich zum Himmel steigen kann.“ Nachdem ich diesen tapferen Diener Gottes stundenlang mit meinem Bekehrungseifer verfolgt, trat der Henker in unser Gemach. Der Zufall fügte es, daß dieser Mann, ehe er sich seinem fluchwürdigen Dienste zugewandt, oft auf den Feldern des Herrn Teissier gearbeitet hatte. Zitternd nahte er sich ihm mit den erschrockenen Worten: „Ach, lieber Herr, wer hätte dies gedacht!“ Doch ruhig erwiderte der Gefangene: „Tue deine Pflicht. Gott will es! Ich habe meinen Herrgott oft beleidigt, aber er hat noch so viel Güte für mich, daß ich für seinen Namen sterben darf. Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus!“ Nun band ihn der Henker fest und führte ihn aus dem Kerker. Wir schritten zu Fuß durch eine große Volksmenge, die bei unserem Anblick in Tränen ausbrach. Als wir in die Mitte des Platzes kamen, wo der Galgen aufgerichtet war, begann unser Märtyrer mit lauter Stimme zu sprechen: „Ich sterbe um meines Glaubens willen!“ Ich aber versuchte, ihn zu überschreien. Denn das Volk sollte nicht hören, was er sprach. Dann bestieg er die Leiter; ich folgte ihm zwei Sprossen tiefer und ermahnte ihn fortwährend, an sein Heil zu denken und die Ketzerei abzuschwören, wenn er ins Paradies eingehen wolle. Als ich wieder Atem schöpfen mußte, denn ich war vom Schreien ganz erschöpft, rief mein Märtyrer noch einmal: „Ich habe nur die Versammlungen besucht. Das ist mein ganzes Verbrechen. Ich sterbe für meinen Glauben!“ Dann schien er nicht mehr an die Erde zu denken. Er richtete die Augen immerdar zum Himmel auf, und als der Henker ihn von der Leiter stieß, schrie dieser laut und bestimmt: „In deine Hände befehle ich meine Seele, du hast mich erlöst, Gott der Wahrheit!“

Das ist der wahrhaftige Bericht vom Tode dieses Blutzeugen, der seine Seele Gott zurückgab, so wie wir es treu erzählt haben. Gott, der uns durch das Leiden und Sterben seines geliebten Sohnes erlöst hat, sei Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen ! Hier endet der Bericht von Aiguisier. Wir übermitteln noch was der jüngere Sohn am Todestag seines Vaters erlebt hat und wie auch er endlich den Weg in die Freiheit gefunden. Er erzählt: Am andern Morgen machte ich mich früh auf den Weg, um meinen Vater wiederzusehen. Als ich zum Gefängnis kam, sah ich eben, wie er gebunden, wie der gemeinste Verbrecher, vor die Richter geführt wurde. Sowie ich ihn erblickte, rannte ich auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Ich war entschlossen, mich eher an seiner Seite töten zu lassen, als ihn je zu verlassen. Aber einer der Soldaten, die ihn wegführten, gab mir mit der Mündung seiner Muskete einen so heftigen Schlag gegen die Brust, daß ich halbtot in den Kot fiel. Bis heute leide ich unter den Folgen dieses Schlags: oft habe ich Blut speien müssen. Einige Leute hoben mich auf und führten mich zu dem Kaufmann zurück, in dessen Hause ich die Nacht zugebracht hatte Dort fand ich meine beiden Schwestern, die gekommen waren, dem Vater beizustehen. Nach zwei Stunden berichtete man uns das furchtbare Urteil, das über unseren lieben Vater gesprochen worden sei, und daß es noch heute vollstreckt würde. Sofort verließen wir drei das Haus; niemand konnte uns zurückhalten, und erfüllten die Gassen, durch die wir gingen, mit unserem Wehgeschrei und Klagen. Alles lief auf die Gassen. Auch Herr de la Trosse eilte ans Fenster, als wir zufällig an seinem Hause vorbeigingen. Als er sah, was vor sich ging, schrie er, ohne sich durch unsere Verzweiflung rühren zu lassen, man möge ihm dieses Gesindel aus den Augen schaffen und sie bis nach der Hinrichtung unseres Vaters bewachen. Wir warfen uns auf die Kniee in den Schmutz der Straße und beschworen ihn im Namen Gottes, uns doch zu gestatten, daß wir unserem lieben Vater Lebewohl sagen dürften. Doch er antwortete nur mit Drohungen und befahl den Wachen, uns einzuschließen. Am Morgen ließ man uns frei. Der Freund unseres Vaters, von dem ich schon erzählt, ließ uns nach Durfort in unser Vaterhaus zurückbringen. Einige Tage später nahm man uns alles weg, was wir hatten. Auf Grund des Urteils wurden alle Güter unseres Vaters zugunsten des Königs mit Beschlag belegt. Wir hätten entweder Hungers sterben oder unser Brot von Türe zu Türe erbetteln müssen, hätten nicht unsere Freunde und Verwandten und mildtätige Menschen sich unser angenommen.

Unser lieber Vater hatte uns in der Frömmigkeit so gewissenhaft erzogen, daß wir gegen die Versuchungen gefestigt waren. Wir blieben taub gegenüber den schönen Versprechungen, die man uns machte, wenn wir der Ketzerei absagen würden. Sobald unsere ersten Tränen getrocknet waren, dachte ich nur an Eines: Frankreich zu verlassen und in die Schweiz zu entkommen. Mit einer Gruppe von Landsleuten, die dem gleichen Ziel zustrebten, machten wir uns auf den Weg. Schon hatten wir Les Echelles erreicht. Nur die Rhone trennte uns noch von unserem heiß ersehnten Asyl. Da wurden wir angehalten und verhaftet. Wie Verbrechern banden sie uns die Hände auf den Rücken, plünderten uns aus und führten uns nach Grenoble und warfen uns in die tiefen Kerkergewölbe. Ohne Zweifel wären wir dort elend verdorben, hätten uns nicht mildtätige Menschen heimlich geholfen. Nach wenigen Tagen führte man uns vor die Richter. Wir leugneten nicht, daß wir das Land hatten verlassen wollen. Sie bedrohten uns mit den Galeeren, wenn wir unseren Glauben nicht wechseln würden. Die Drohungen und Leiden, die wir in den Kerkern erlitten, machten einige so mürb, daß sie den Glauben abschworen. Die andern wurden zu den Galeeren verurteilt und nach fünf Monaten an die „Kette“ angeschlossen, die unterwegs nach Marseille durch Grenoble kam.

Über mich erging kein Urteil. Vielleicht war ich zu jung oder zu schwach, denn ich war so ausgemergelt, daß ich kaum mehr einem Menschen glich. Man verwahrte mich noch einige Zeit im gleichen Loch, wo ich allein war. Der Gemeinschaft und Tröstungen meiner Mitgefangenen entblößt, litt ich unsagbar. Endlich, als ich es am wenigsten dachte, ließ man mich frei. Man setzte mich auf ein Boot und führte mich nach Pont-St-Esprit. Man bedrohte mich mit dem Strick, wenn ich mich noch einmal auf der Flucht aus dem Lande ertappen ließe. Aber Gott half mir, daß ich mich weder durch diese Drohungen noch durch den Mißerfolg der ersten Reise abschrecken ließ. Ich wartete nur die Zeit ab, die zur Festigung meiner schwachen Gesundheit nötig war. Sobald ich mich wieder stark genug fühlte, machte ich mich abermals auf den Weg. Gott stand mir bei, daß ich glücklich aus dem Babel herauskam und das Land fand, da ich ihm offen und rein und ohne Furcht dienen kann. Meine schwache Gesundheit, die mich unfähig macht, auch nur mit der geringsten Arbeit meinen Unterhalt zu verdienen, führte mich durch viele Prüfungen. Aber wie sie auch waren und noch sein werden, ich vertraue auf Gottes Barmherzigkeit, die mich bis heute getragen hat. Sie wird mich auch in der Zukunft nicht verlassen, daß ich meinen Lauf mit Freudigkeit vollenden kann, bis ich in das Leben der Seligen eingehen darf, das der große Gott denen bewahrt, die in seiner Liebe gelebt haben und in seiner Furcht sterben. Auch meinen beiden Schwestern gab Gott die Gnade, die Heimat zu verlassen und uns in die Schweiz nachzufolgen. Ich hoffe von ganzem Herzen, was ich über das Bekennen und Sterben unseres lieben Vaters geschrieben, diene zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Kirche.

Damit endet die Erzählung des jungen Teissier. Wie gern möchten wir mehr und Näheres über seine Geschicke und die Mühsale seiner Flucht und seine Erlebnisse in den Kerkern von Grenoble erfahren. Aber seine Bescheidenheit mag es ihm verwehrt haben, sich mit seinen eigenen Leiden zu brüstet und neben den Vater zu stellen.

Auch Philipp Aiguisier, dem sein Vater mit dem Seherblick des Sterbenden den Weg gezeigt, den Gott ihn führen werde – er berührt seine Bekehrung nur mit wenigen Worten; aber wie vielsagend sind diese Zeilen: „Nachdem ich mich lange Zeit gegen den Gedanken einer Bekehrung gesträubt, den Gott durch diese Weissagung und durch seine Gnade in mir wach hielt, war ich endlich gezwungen, wie ein anderer Lot, dem Engel zu folgen, der mich aus Sodom wegzog.“ Innert acht Tagen sei dieser Wandel geschehen. In Bern nahmen sich die Leiter der reformierten Kirche und zu Lausanne die Pfarrer der französischen Kolonie des geistlich und leiblich noch hilfsbedürftigen Flüchtlings an. Als Sohn eines vornehmen Mitglieds des Parlaments und wohlbestallter Doktor der Theologie entsagte Aiguisier mit der Flucht aus der Heimat einer kirchlichen Laufbahn, die ihn vielleicht zu höchsten kirchlichen Würden geführt haben würde. Als schlichter Lehrer diente er seit dem Frühling 1689 der Schule von Vevey. Bei Schülern und Behörden stand er in hohem Ansehen. In Judith Favier, der Tochter eines Kaufmanns aus Montelimar, Flüchtling wie er fand Aiguisier eine Gefährtin. Er starb schon im Wintermonat 1694.

Isaac Teissier, der Sohn des Märtyrers, aber durfte seiner neuen Heimat noch viele Jahre in Segen dienen. Er starb im Jahre 1749 in Begnins, 91jährig.