Gottlieb August Spangenberg.

Unter den Bischöfen der Mährischen Brüder und der Brüder-Unität finden sich allerdings mehrere, welche nicht allein das Innere der Gemeinschaft mit bleibendem Segen ihres Wortes, Liedes, und persönlichen Ganges erfüllt, sondern auch über deren Grenzen hinaus die evangelische Christenheit erbauet haben; von keinem aber gilt es in größerm Maße als vom Bischofe, August Gottlieb Spangenberg, der mit seinem Bruder Georg, einem gleichfalls in der Kirchengeschichte bedeutenden Manne, da er zu der katholischen Kirche übergegangen noch Evangelischer wurde als er gewesen, nicht zu verwechseln ist. Dem Grafen Zinzendorf steht der demüthige Student, Helfer, Aelteste, Ordinarius und Bischof Spangenberg in jeder Beziehung so unzertrennlich nahe, daß man kaum anders kann als bei dem Elisa an den Elias, bei diesem mit an jenen zu denken. Dabei sind sie demungeachtet nach Herkommen, Gabe, Wirkungsweise und Zeitalter noch verschieden genug, so daß sie wie Luther und Melanchthon oder Calvin und de Beze in ihrer Art auch verschiedne und jeder eine selbstständige Beschreibung erfordern.

Mit Spangenberg ist es auch von früher Jugend der und ehe noch die Anziehungskräfte der Brüderkirche auf ihn wirken, auf Aussonderung und Zurüstung eines vorzüglichen Werkzeuges des Herrn und der Gemeine in der Gemeine abgesehn. Klettenberg in der Grafschaft Hohenstein wird 1704 die Stätte seiner Geburt, Ilefeld 1714 seine Schule, Jena unter Buddeus 1722 seine hohe Schule. Von der Mutter, Elisabeth geb. Nesen, die er schon im vierten Jahre verlor, erzählt man, daß sie sich darüber gewundert, wie wenig von der Versöhnung in Christus gepredigt werde, über eine Wahrheit, auf welcher doch unsre Seligkeit beruhe. Der Vater, ein lutherischer Prediger, der gegen überhandnehmende Irrlehren und ein ihnen verwandtes neues Gesangbuch treulich ankämpfte, nahm die vier mütterlich verwaisten Söhne mit sich in die Oberstube, knieete in ihrer Mitte und empfahl sie mit inbrünstigem Gebete in die höhere Mutterpflege. Noch spät feiert Spangenberg in Briefen an den Bruder Georg das Andenken an diese Eltern und den in ihnen enthaltenen Ruf des Herrn. Zehnjährig schon ganz verwaist, und als Schüler zu Ilefeld durch eine Feuersbrunst all seines Vermögens beraubt, so daß die Mittel zur Fortsetzung der Studien ganz zu fehlen schienen, trat er, obgleich mit Thränen, doch mit Gelehrigkeit in die Zuchtschule der Entbehrung ein, welcher er zeit seines Lebens auf allen Stufen und in jeder Lage Ehre gemacht. Es ist zum Erstaunen, mit wie Wenigem er ausgekommen, und wie weit er es in der Nachfolge des Apostels (Phil. 4,12-13) gebracht; denn sorgenfreie Genügsamkeit bei großer Sorgfalt für alle Erfordernisse der Gemeine stand ihm wie eine natürliche kampflose Tugend an. Im Uebrigen sah Spangenberg in der Folge seine Schüler- und erste Studentenzeit nur als Irrfahrt, als ausbrechendes Verderben und erfolgloses Schwanken zwischen hohen Vorsätzen und vielen Rückfällen an. Der gerade Weg zum Heilande hin sollte ihm erst noch gewiesen werden. Drei Jahre hatte er bereits ohne allen Beistand von Außen und ohne andern Trost als aus dem berühmten Buche, Joh. Gerhards Meditationen, zu schöpfen war, um Frieden der Seele gerungen, als er die Universität bezog, um sich dem Studium der Rechte zu widmen. Das damalige Jena war vor allen Hochschulen geeignet, die innern Kämpfe des Jünglings zum Abschluß zu führen, und unbeschadet seiner großen Eigenthümlichkeit ihm die Bestimmungen alle zu eröffnen, welche er als Gehülfe Zinzendorfs, als Stütze der Brüdergemeine und besonders als ihr Theolog zu erfüllen hatte. Dort einigte sich in gesunder und fruchtbarer Weise, was zwischen Halle und Wittenberg streitig war, kirchliche Rechtgläubigkeit und die Richtung auf inneres Leben, Gelehrsamkeit und praktisches Christenthum; Buddeus und Walch entzogen sich der Pflege der Erweckungen nicht, deren Werkzeuge sie theilweise selbst gewesen waren; zwischen einem hier sich bildenden Studenten- und Magister-Vereine zu eigner gegenseitiger Erbauung und zu gemeinsamer Ausübung innerer Mission für die zahlreichen Volksclassen und den Brüdern zu Herrnhut, deren Gemeinschaft 1727 zu Stand und Wesen gekommen war, konnte es, wenn die Vorsehung des Herrn Anlässe herbeiführte, an freundlichen und innigen Anziehungen nicht fehlen. Spangenberg, bei dem die durchreisenden Herrnhuter einzukehren pflegten, wurde für dies Alles die leitende Persönlichkeit. Seine Jenaer Geschichte eröffnet sich mit Gemüthserfahrungen, deren seligen Ausgang er nachmals so bezeichnet, für ein ihm vor dem Herrn gestattetes Zährlein würde er allen Königreichen der Welt mit tausend Freuden entsagt haben. Einst hörte er als Gast eine Vorlesung des Buddeus an; der Professor hielt den Studenten auf Anlaß von Ap. Gesch. 26,29. die unvermeidliche Aussicht eines rechten Theologen auf Schmach und Trübsal vor, und gerade dieser Gesichtspunkt entschied über den juristischen Hospitanten, daß er Theologie studieren mußte. Wie fing er dies nun an? Er hörte, wie er es später beschrieb, ein Privatissimum bei dem Herrn. D. h. er nahm den Katechismus vor, prüfte Punct für Punct, erstlich ob es sich in der h. Schrift so verhalte, zweitens ob er daran glaube, und versuchte drittens oft unter heißen Thränen, ob er darnach innerlich und äußerlich leben könne. Sein unablässiges Studium der Schrift heilte ihn gar bald wieder von der Neigung zu mystischen Schriften, welcher er sich ergeben hatte. Dem Absonderungswesen hing er viel längere Zeit nach. Wenn er nun aber ebenso sehr und noch mehr sich durch christliche Toleranz ausgezeichnet, und zu Jena sich dereinst gerade von den frommen Leuten darum entschieden zurückzieht, weil sie etwas aus ihm machen und an seinen Reden ihre Eitelkeit weiden wollen, wodurch seine Seele gefährdet wird, so wird man wohl Bedenken tragen müssen, Spangenbergs Separatismus schnell zu beurtheilen. Was daran unechtes war, verstand er nachmals selbst zu richten, und nachdem er. es in Halle, wie sich bald zeigen wird, gleichsam gebüßt, wurde er doch der christlichen Gemeinschaft, wie sie ihm Bedürfniß war, erst in der Brüdergemeine recht theilhaftig und froh. Was der Kirche Wesen sei, darüber hatte er schon zu Jena dieselbe Meinung gefaßt und mit seinem Denken und Sein verwebt, welche er nachmals in Schriften und Liedern herzhaft ausdrückte, auch für biblisch, überdies für lutherisch erklärte. Die Kirchen, wie sie heißen, gelten ihm nur als – Religionen; sie sind gleichsam Elemente, aus denen sich der Herr seine Kirche d. h. die Gemeine der Kinder Gottes sammelt. Solch ein Kind Gottes kann in jeder Religion oder Secte geboren werden und möglicher Weise ganz einsam existieren. Wo aber zwei oder frei oder mehrere sich in dem Herrn vereinigt finden und sich einander zur Nachfolge des Herrn ermahnen und helfen, da entstehen Kirchlein, Gemeinen des Lammes, welche wie viele oder wo sie sein mögen immer nur Eine Kirche Christi ausmachen.

Schon hatte Spangenberg in Folge der Besuche Zinzendorfs in Jena und seines eignen in Herrnhut einen Zug dorthin im Herzen als er noch mit Freudigkeit und Segen dem Dienste des Herrn in Jena oblag; die Sorge für die Freischulen in der Vorstadt führte die andre herbei, daß Präceptoren rechten Sinnes genug da sein möchten, die das Netz ziehen hälfen. Um deren Ausbildung auf sich nehmen zu dürfen, suchte er und erhielt den Magistergrad. Hiedurch ward seine Laufbahn auf eine Zeit lang eine ungewisse, nämlich ob sie nach Ordnung und Verfassung der Kirche oder in der außerordentlichen Weise und Brüdergemeindlich gehen sollte. An ungesuchten Empfehlungen fehlte es nicht; eine kurze Probe aber, welche Halle mit ihm, er mit der für ihn wie es scheinen konnte geeignetsten Facultät machte, führte den Beweis einer jetzt bestehenden Unverträglichkeit zwischen seiner religiösen Richtung und der landeskirchlichen Theologie herbei. Eine erste Berufung nach Halle hatte Spangenberg schon aus dem Grunde abgelehnt, weil er sich vor dem ansehnlichen Gehalte und Stande eines Professors scheuete, so daß auch der jüngere Franke (August Gotthilf) ihn mit dem Wunsche losließ, der Herr schenke Ihnen so viele Seelen als Sie Groschen, ja wohl Pfennige um seines Namens willen verläugnen.“ Endlich willigte er doch ein als Adjunct der theologischen Facultät und Aufseher des Waisenhauses nach Halle zu geben. Länger als vom Herbst 1732 bis Sonnabend vor Ostern 1733 ist seines Bleibens daselbst nicht gewesen. Schon im Briefwechsel von Jena der hatte Spangenberg gefragt: Wie? Ihr könntet in Halle den N. N. nicht tragen, ob er gleich mit Jesu Geist getauft und ein Kind Gottes in euren Augen wäre, weil er einen Irrthum, die Wiederbringung, mitbrächte? In der That, den Spangenberg mit seinen Kenntnissen und Gaben, mit seiner bedeutenden Persönlichkeit hätte man sich auf dem Lehrstuhle und im Waisenhause gar zu gern gefallen lassen, nur den Spangenberg mit seiner Intoleranz gegen das gewöhnliche Kirchenwesen und mit seiner Toleranz gegen allerlei Heterodoxie, mit seinem Anspruch an absonderliches Abendmahl, mit seinen separatistischen Freunden in der Vorstadt Glaucha, mit seiner Anhänglichkeit an Zinzendorf wollte man nicht tragen. Schuld und Unschuld war auf beiden Seiten; und beide Seiten haben hinterher bereuet. Aber so sehr war der Weg des Herrn in dem Ausgang zu erkennen, der auf Scheidung von Halle zur Vereinigung mit Herrnhut ging, daß gegen Wunsch und Voraussicht der Beschwerdeführer ein plötzlicher Befehl militärischer Ausweisung des Separatisten von Berlin eintraf. Unter vieler Theilnahme und Begleitung zog er aus der Stadt, zunächst nach Jena, wo ihm alte nicht geringere Anhänglichkeit erwiesen wurde. Aber schon längst hatte ihn Zinzendorf sich zum Mitarbeiter ersehn. So unlieb es den Vorstehern von Herrnhut war, einen gerade von Halle vertriebenen sich zuzueignen, so lieb mußte ihnen der Mann selbst sein, der auf ihren Gemeindedienst mit seinem ganzen Herzen und Wesen einging, der ihnen hohe Gaben, schon reiche Erfahrung zubrachte und wenn er manches zu bereuen hatte, was er zu Halle gethan, doch darin den Herrn pries, daß derselbe ihm einen Wirkungskreis vorbehalten, wo er in Armuth und Niedrigkeit, in Freiheit von weltförmigen Verhältnissen als in seinem Lebenselemente bleiben und doch Frucht bringen konnte.

Durch die sechzig Jahre, die er der Brüdergemeine gelebt, drückt er es auf allen Stufen der Wallfahrt mit noch innigerem Nachdruck und fast unbewußt seines Dienstes und Verdienstes um dieselbe aus, wie unaussprechlich selig ihn schon auf Erden diese Unität in dem Herrn gemacht. Von 1733 an ist ihr inneres Gedeihen, ihre Anfechtung, Schmach und Noth, ihre Verpflanzung und Verbreitung, besonders nach Niederland, England und Pennsilvanien mit Spangenbergs Wirken, Leid und Freude unlösbar verwebt. Bis zum Heimgange Zinzendorfs 1760 bleibt er dessen vertrautester Gehülfe, der ihm an allen Orten und in allen Sachen vor und nach arbeitet, von da an reift er mehr und mehr zum Erzvater der Gemeinen und der Direction selbst, und wirkt auch in den letzten Jahren und Tagen bis zur Sterbestunde, auf das Ganze beseelend ein. Bis zum Theologen und Apologeten, bis zum Staatsmann und allgemeinen Agenten der Unität hinauf, und bis zum Haushalter, bis zum Handwerker und Ackersmann hinab gibt es keine amtliche oder brüderliche Dienstart dieser Gemeinschaft, welcher sich Spangenberg nicht mit erfolgreicher Hingebung wie es noth war oder sein Auftrag lautete unterzogen hätte. Zuerst trat er als Helfer, als Diakon ein, ein Stand, den er nicht nur mit einem schönen Liede sondern auch durch Leben und Wandel vorzugsweise verherrlicht hat, so entschieden er auch zum Regieren im Dienen berufen war. Schon 1733 erscheint er als Führer eines Brüderhäufleins, welches er nach Stettin und bald darauf nach Kopenhagen zu bringen hat, von wo aus es nach St. Croix in Westindien abgehen soll. Seit 1735-64 hat er bald die sogenannte pilgernde Gemeine in Deutschland und anderswo, bald die Seegemeinen, welche zwischen England und Amerika auf dem Wege sich befanden, persönlich geleitet, bald den neuen Ansiedelungen der Brüder sowohl in Holland und England als in Pennsilvanien und andern Staaten zu Stand und Wesen verholfen, bald Missionen der mannichfaltigsten Art und Richtung vorgestanden, vornehmlich von Bethlehem dem ältesten und wichtigsten amerikanischen Pflanzorte der Unität aus unternommen und gepflegt, endlich als Ordinarius sämmtliche Angelegenheiten in jenem Welttheile geleitet. Einmal ist er dreizehn Jahre von Herrnhut entfernt. Nach Zinzendorfs Heimgange tritt er desto ersehnter dort wieder auf, nimmt von da an an der allgemeinen Direction beständigen Antheil, insonderheit visitiert er die lausitzer und schlesischen Orte, hält sich des Seminars wegen zu Barby fleißig auf, begleitet und berathet die Conferenzen und Synoden da und dort hin, bis ihn Alter und Kränklichkeit in immer engere Kreise bannt. Zwei Male hat sich Spangenberg mit einer schon im Dienste der weiblichen Gemeine bewährten Witwe verheirathet, einmal mit der Witwe Immig, die der Gemeine schon seit 1727 mit dem Segen ihrer Gabe und Treue zugehörte, und an deren Grabe Zinzendorf bezeugte, es sei keine Aussicht, eine Arbeiterin ihres Gleichen wieder zu bekommen, nach deren Heimgang 1754 mit der Witwe Micksch, welche Spangenberg seine Martha zu nennen pflegte, und von der er sagte, wird mir von ihrer Herzlichkeit, ihr von meinem stouren (unbiegsamen) Wesen ein wenig zu Theil, so wird uns beiden geholfen. Er überlebte auch diese. Bis zu seinem Ende war es dann anderer Geschwister ganz besondere Freude ihn häuslich zu pflegen.

Es ist hier nicht der Ort den großen reichen Zusammenhang seiner Fahrten, Thaten und Leiden zu verfolgen; wer davon zu wissen begehrt, bat an den allgemeinen Geschichten der Unität ergiebige Quellen, auch an dem von ihm selbst aufgesetzten Lebenslaufe und an den Auszügen aus seinen Briefen, welche sich in Rislers Leben Spangenbergs 1794 finden. Hier genügt es diejenigen Züge seines Sinnes und Wandels hervorzuheben, in denen sich der ganze Herrnhuter in der edelsten Bedeutung des Namens, ein rechtes Exempel von Unitätsliebe und demnach auch ein ausgeprägtes Christenthum deutlicher erkennen läßt, dessen Name sich ohne Widerspruch in den evangelischen Kalender reihet.

Vieles davon tritt schon in seinem Verhalten gegen den Grafen von Zinzendorf hervor. Sie waren in der Erscheinung sich ähnlich, an stattlicher Gestalt, an Haltung und Gang, ein Umstand, der mehrmals sowohl zu Herrnhut als bei dem Eindruck, den sie auf die Rothhäute Nordamerikas machten, angemerkt worden. Auf jeden Fall kann man in dem Angesichte Spangenbergs, den Geist seines Lebens, diese kräftige innige Brüderlichkeit, diese in tiefer Demuth und Einfalt gegründete Geradheit und Wahrhaftigkeit gegen jedermann wieder erkennen, die er in seinem wichtigsten einzelpersönlichen Verhältnisse auch ganz besonders bewährt hat. Der Mann, der eine sprechende Freude daran hatte, jedermann in dem Herrn unterthan zu sein, sah Zeit seines Lebens schon zu den Gaben eines Cammerhof, eines Johannes von Wattewille, wieviel lieber zu der dem Grafen verliehenen Gnade hinauf. Es ist ihm volle Wahrheit, wenn er von Kopenhagen aus ihm schreibt, wie solltest du deinen Fuß hassen. Spangenberg war minder originell und tiefsinnig als Z., und wie sogleich an den vorliegenden Vorträgen und Gedichten wahrzunehmen ist, wenn auch ähnlich doch anders begabt. Bis zur Nüchternheit klar und durchsichtig, kaum den Theologen zu spüren gebend, geschweige daß er sich in Theosophie versuchen sollte, lebt und webt er doch so sehr im Vorstellungskreise der h. Schrift und im Brüdergemeingefühle, daß es nicht anders kommen kann, er überzeugt, greift in die Herzen ein und die Einfachheit wird zur Erhabenheit. Ein Redetalent aus England bekannte zu Newyork nach einer von Spangenberg gehaltenen Charfreitagspredigt, ach wie übertrifft dieser plane Vortrag meine großen Worte und Weisheit! Eine so anspruchslose Größe war denn auch würdig, die Einfalt so zu rühmen wie es in dem Liede Spangenbergs geschehen ist:

Heil‘ge Einfalt, Gnadenwunder!
Tiefste Weisheit, größte Kraft!
Schönste Zierde, Liebeszunder,
Werk, das Gott alleine schafft!
Wenn wir in der Einfalt stehen,
Ist es in der Seele Licht;
Aber wenn wir doppelt sehen,
So vergeht uns das Gesicht.
Einfalt denkt nur an das Eine,
In dem alles andre steht;
Einfalt hängt sich ganz alleine
An den ewigen Magnet.

Die Allgewalt, mit welcher dieser Magnet, Christi Blut, sämmtliche Gemeindeglieder an sich zog und festhielt, ließ auch die Irrungen, welche menschlicher Weise unter ihnen, zumal zwischen den am meisten leitenden Werkzeugen vorfallen konnten, nicht lange bestehen. Diese herzinnige Freundschaft Zinzendorfs und Spangenbergs hatte ihre Proben zu bestehen, und bewährte sich mehrmals in der rührendsten Weise. Der letztre macht irgendwo die Anmerkung, daß die Arbeiter der Brüdergemeine in der ersten Zeit, einander sehr scharf waren. Später straft er sich der Krittelei wegen, wie er es nennt, viele Male selbst. Befremdet ward er zu Kopenhagen darüber, daß man ihm zu Herrnhut die Neigung zutraute, mit den andern Brüdern, die er dorthin geleitet, wider Willen der Gemeine nach Westindien zu geben. Aber in welche gelinde Rede hüllt er dies Befremden: „wie herzlich gern will ich zu euch kommen, wie gern will ich noch lernen! Ich bitte dich, laß mich nicht in solchem Verdacht bei dir stehen, traue mir doch soviel geänderten Sinn zu, daß ich mir selbst nicht zu leben gedenke.“ „Ich bin in Kopenhagen zu gar nichts nütze gewesen als daß ich einige confus gemacht, die sich ihres Zustandes schmeichelten.“ Da er in Württemberg, in England und sonst in den Augen des Grafen so manches versehn hatte, nahm er die Rügen jedesmal ganz kindlich auf und schrieb gewiß in völligem Ernst: „Ich merke wohl, daß ich nichts nütze bin, wenn mich die Brüder nicht in genauer Zucht halten. Darum bitte ich dich auch herzlich, gebt mir einen gesetzten tiefgebenden Bruder mit nach Georgien, dem ich könne unterthan sein, und unter seiner Disciplin Accuratesse lernen.“ Desto anerkannter war Spangenbergs Unentbehrlichkeit und Unersetzlichkeit auf Seiten Zinzendorfs und der Direction. „Weder Ich noch Johannes (v. Wattewille), schreibt der Graf, haben erachtet Manns genug zu sein das auszurichten, was Spangenberg, der amerikanische Original – Mann prästieren kann, der doch unter uns dreien die wenigste Zeit hat.“ Einmal aber, um das Jahr 1750 war Spangenberg, den, wie er wiederholt selbst bezeugt, die Vergangenheit mehr als Zukunft und Gegenwart betrübte, weil man nicht anfangs, sondern je später je mehr das eigne Verderben tiefer erkenne, einmal also – war Spangenberg so sehr an sich selbst sowohl als dadurch, was von England und Deutschland her verlautete, an dem Grafen und der Gemeine irre geworden, daß er entweder sich ganz in die Stille zurückzuziehen oder nach Jamaica zu geben gedachte, um zu sehen, ob ihn der Herr zur Bekehrung einiger Neger brauchen würde. In der That bedurfte es nur des Wiedersehns und des nahen persönlichen Umgangs, und der Schade war nicht nur geteilt, sondern hatte nun eine desto reichere Innigkeit und Anhänglichkeit zur Folge. Nach der Zeit geschah es, daß Zinzendorf schrieb:

Wir ziehn mit dir an Einem Joch,
Sind dir nicht erst von heut und gestern
Getreue Brüder, liebe Schwestern,
Nur heute mehr als jemals noch;

Spangenberg aber sich wieder mit dem Namen der zärtlichen Bruderliebe ihren armen Joseph nannte, und auf der Seereise, da er sich neuerdings nach Pennsilvanien eingeschifft, an den Ordinarius schrieb: „Ich weiß nicht anders als daß Sie mich lieb haben, ich habe wohl etliche Jahre daran gezweifelt – ich danke nochmals für Ihr halten, da ich lassen wollte – Adieu du lieber Mann, ich küsse dich recht brünstig im Geist und drücke mich dir ans Herz, möchte mich lieber an Deinen Hals hängen und satt weinen als schreiben; will also schließen.“ Und als er in Amerika die Botschaft von des Grafen Heimgang empfangen hatte: „der Jünger des Herrn kommt mir keinen Tag aus dem Gemüthe, Er war das größte Kleinod unsrer Zeiten, ein schöner Diamant in dem Ringe an der Hand unsers Herrn; ein Diener Jesu ohne Gleichen, eine Säule im Hause des Herrn, der Mund des Herrn an sein Volk. – Der Herr lasse uns nun halten über dem was wir durch ihn empfangen haben, daß man uns ehe in Stücken risse, ehe wir von diesem Grunde weichen.“

Als Spangenberg in Briefen und Gedichten diese Trauer feierte, war der leuchtendste Theil seiner arbeitsvollen Laufbahn, seine nordamerikanische Mission dem Abschlusse nahe. Der Grundgedanke der Brüder, der sie dorthin von England aus geleitet hat, war, überhaupt die Gemeine des Gekreuzigten auszubreiten, den Unzufriednen, den Ausgewanderten der Europäischen Kirchen liebend nachzugehen, von Sectirerei sie zu heilen, und wo sich die Thür aufthun würde, Heiden durch das Evangelium selig zu machen. Dies Unternehmen mußte schon deshalb gelingen, weil es durch herrschender Grundsatz war, nichts zu suchen als Seelen, sich durch Arbeit das Brodt zu verdienen, die Schmach für Segen zu achten, und ganz darauf sich zu fassen, daß es schon wie überschwenglich reicher Lohn gelten müsse, wenn hie und da kleine Anfänge mit einzelnen Bekehrten erlangt werden könnten. Heute noch blühet die reinliche, fleißige Brüderstadt, Bethlehem in Pennsilvanien, wer kann sie nennen, ohne Spangenbergs zu gedenken, der die dorthin gelangte Pilgergemeine geleitet und als ihr Hausvater, Bauherr, Prediger, Seelsorger sie gegründet und Jahrzehnde hindurch anwesend oder abwesend gehütet hat bis sie zum festen weithin leuchtenden Gemeinde-Orte mit so zahlreichen Fortpflanzungsgemeinen wurde. Und durchwandern wir die ganze Gnaden-, Segens- und Märtyrer-Geschichte der Brüdermission für die Indianer Nord-Amerikas in allen ihren namhaftesten Stationen bis in die letzten Tage ihres Patriarchen David Zeisberger und bis nach Fairfield hinauf, oder die einzelnen lieblichen Pflanzstätten christianisierten Heidenthums zu Schekomeko, in der Wachau, in Gnaden- und Friedenshütten u. a. alles weiset uns auf den amerikanischen Original-Mann, auf Spangenberg zurück. So wie er am meisten aufs Ganze gewirkt hat, womit er auch betraut war, so gern und hingebungsvoll aufs einzelne Persönliche. Er erscheint da wie ein Feldhauptmann, der überall wo es möglich ist auch den Dienst des Gemeinen thut; er besitzt Talent und Muth für das Eine, und doch neigt sich das Herz mehr dem Andern zu. Im J. 1753 äußert er sich brieflich also: „Wenn ich mich anders recht kenne, so sind zwei Dinge vorzüglich bei mir. Das eine ist: ich bliebe lieber still und brachte die mir übrige Zeit des Lebens im seligen Umgange mit meinem Schmerzensmanne zu, ohne von Geschäften, die den Kopf occupieren, behindert zu werden – das habe ich in Jena etliche Jahre genossen; das andere: ich ginge gern zu den Heiden, die von ihrem Gott und Schöpfer, der für sie sein Blut vergossen, nichts wissen. Da lebt mir mein Herz, und ich könnte mich freuen, über dem Geschäfte zu verhungern, zu verschmachten oder zu Tode gemartert zu werden.“ Besonders sehnte er sich – vorzüglich wohl seit er die westindische Mission als Aufseher besucht – nach einer Sendung zu den Negern. Durfte er nun auch die eigentlichen Wege der persönlichen Heidenmission nicht so wie seine Brüder Rauch, Büttner, Mack u. a. begeben, so hat ihn doch an Willigkeit und Treue die Beschwerden und Gefahren der bahnbrechenden Reisen durch wirthlose Gegenden auf hunderte von deutschen Meilen zu ertragen, an väterlicher Pflege der christlichen Indianer, an Theilnahme an ihren Leiden von den Weißen und an jeder Art von Schmach, welche auf dem Werke ruhte, niemand übertroffen; konnte er nicht den heidnischen Sprachen so obliegen, daß er wie Mack oder Zeisberger hätte darin predigen und dichten mögen, denn er bediente sich der englischen Sprache, so scheint ihm doch in dem, daß er in Gedanken und Gefühlen den Heiden um des Herrn willen Heide zu werden begabt und getrieben war, nicht so leicht ein Andrer es gleich gethan zu haben. In Wahrheit war es ihm sammt der von ihm geleiteten Gemeine gegeben, nachdem sie durch viel Trübsal, durch böse und gute Gerüchte gegangen, alle ihre Feinde zu ermüden und zu überwinden.“

Spangenberg wurde 1762 nach Europa zurückgerufen. Kaum zu Herrnhut angekommen besuchte er die Grabstätte Zinzendorfs. Obgleich er auch von da an mit seinem Leben in den Dienst der Unität ganz aufging, und dem was unter Gebet vor dem Herrn zu Schluß und Spruch gekommen war, sich jederzeit mit Freuden unterwarf, so ist doch gewiß, daß soweit der Graf einen Nachfolger haben konnte und sollte Spangenberg es war. Die Brüder nahmen ihn, so oft er als Mahner und Rather in seiner vollen Freimüthigkeit auftrat, dankbar auf, und auf dem von ihm am wenigsten überschaften Gebiete der Gelehrsamkeit, war er ihnen als Geschichts- und Lebensbeschreiber, als Glaubenslehrer und Vertheidiger ohnehin nicht ersetzlich. Die Declaration über die Beschuldigungen gegen die Brüder, die Lebensbeschreibung des Grafen (v. 1764 an, 8 Theile) und das Vorbild der Glaubenslehre (Idea fidei fratrum) sind die bleibendsten Denkmale seines großen Fleißes und seiner verständigen treuen Hingebung für alles, was dem Brudervolke nah zu gehen schien. Unbestochne Wahrheitsliebe spricht aus allen diesen Schriften. Früher hatte Spangenberg, wenn die Gemeine Widerspruch und Unglimpf erfuhr, den Grundsatz gelten lassen, nicht alles beantworten, sondern nur „stille fortmachen.“ Als er aber in Folge eigner Beunruhigung über so manches, das vorgefallen war, ans Prüfen ging, und fand wie die Sachen wirklich standen, gab er sich mit großem Erfolge daran, im Großen und vollständig der Welt Erklärung zu geben. Seine Schriften von dieser Art haben bei den Brüdern selbst sowie außerhalb wesentlich dazu beigetragen den Frieden und das gute Gewissen zu stärken. Man kann von seiner Abbildung der Bruderlehre kaum sagen, daß sie ein gelehrtes Werk sei, die Gelehrsamkeit, die er besitzt, bleibt ganz im Hintergrund, an der damals unter den Gläubigen Allen herrschenden Enthaltung von Schulausdrücken und zugespitzten Bestimmungen nimmt er auch Theil, ein Lehrgebäude ist, was er gibt, fast nur im katechetischen Sinne, nur daß er sich durchaus nicht erlaubt, was die Theologen der Zeit fast alle, den Bestand der Lehre und Geschichte der h. Schrift zu sichten. Hat er irgend einen Anlaß durch Reden und Briefe in die weitere Kirche herein als Zeuge zu wirken, so fühlt man ihm den Zorn und Unwillen über die zunehmende Zweifelei und Vernünftelei an; denn in ihm wird der Beruf der Brüdergemeine, die Leuchte der Gnaden- und Versöhnungswahrheit mitten unter den Dämmerungen, ja Finsternissen der Aufklärungszeit durchscheinen zu lassen und für das reine sanfte Feuer der Heilandsliebe einen Heerd auf bessere Zeiten zu bewahren, ein ganz persönlicher. Wie oft hat er mit freimüthiger Herzensberedtsamkeit auch Professoren und Pastoren über ihre Halbheit und Untreue gestraft, und in dieser Hinsicht verständigt sich sein katholischer Bruder ganz mit ihm, der gehofft hatte, als Spangenberg Neuwied besichtigen sollte, noch einmal ihn zu sehen und zu umarmen, aber darüber starb. Nur in immer engern Kreisen konnte er als Mahner und Lehr-Vater auftreten. Mit rührender Zärtlichkeit und Vorliebe wendet er sich je später je mehr an die Kinderschaar der Gemeine. Spangenberg wußte und fühlte wie Zinzendorf lebhaft und tief, welche eigenthümliche und schwere Aufgabe der Bruder-Kirche in Ansehung der Erziehung zugefallen war. Besonders Eine schöne Kinderpredigt ist im Gedächtniß geblieben, wo er über den Segensspruch, dein Alter sei wie deine Jugend redet und ihn besonders dahin wendet, daß sie Kinder bleiben und dadurch es immerhin werden sollen. Das mit er recht als Patriarch endigen möchte, trieb ihn als schon längst Leiden der Entkräftung ihn ins Krankenzimmer einschränkten, von wo aus der Vielbesuchte nicht aufhörte die Conferenz zu berathen, ein Verlangen noch einmal zu seinen Brüdern, auch den geringsten zu sprechen. Man fuhr ihn auf seinem Alters-Stuhle auf ein Erntefeld unter die Schnitter und die Garben; er sprach zu ihnen von der Feldarbeit, die er in Amerika selbst gerne mit gethan, ermunterte sie zum Lobe, stimmte an Nun danket Alle Gott, und ertheilte ihnen den Segen. Bald darauf schlief er in die Ewigkeit hinüber; er starb d. 18. September 1792 im 88. Jahre. Spangenberg ruht auf dem Hutberge. Man sang dem auserwählten Knechte ein sehr feierliches Schlaflied.“

C. J. Nitsch in Berlin.

Johann Beck

Johann Beck wurde am 7. Juni 1706 in Kreuzendorf bei Leobschütz in Oberschlesien geboren. Wiewohl seine Vorfahren der evangelischen Kirche angehört hatten, wurde er doch gezwungen in der katholischen Kirche erzogen. Wir wollten ihn selbst uns seine Erweckung erzählen lassen: „Ich war bei einem katholischen Geistlichen in Kreuzendorf als Kutscher in Diensten. Hier bekam ich einmal, als ich bei meiner Arbeit war, einen Trieb, im Neuen Testament zu lesen. Beim Aufschlagen bekam ich die Stelle: Off. 3, 15-18: „Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt, noch warm bist“ u. s. w. Diese Worte gingen mir wie ein Feuer durch Mark und Bein; ich fiel wie ein Todter zur Erde, und konnte in der großen Angst meines Herzens, welches Nichts als Tod und Verdammniß vor sich sah, als ein armer Wurm nur um Gnade und Erbarmen zu Gott schreien. Darauf wurde es mir so, als sähe ich meinen Heiland um meiner Sünden willen gemartert und geschlagen und gekreuzigt vor mir stehen, und sich in dieser Gestalt freundlich und herzlich zu mir neigen, mir Trost und Vergebung der Sünden zusprechen, und mich aufstehen heißen. Ein schwerer Stein fiel da von meinem Herzen und von Stund an war ich ein Zeuge der mir wiederfahrnen Gnade.“

Sein Beispiel wirkte weiter, und täglich mehrte sich der Kreis derjenigen, die den Heiland kennen lernen wollten. Endlich, als durch ihr Zeugniß beinahe zwei Dörfer waren erweckt worden, wurde die Geistlichkeit aufmerksam auf sie, und sie wurden vor Gericht gefordert. Nach einem langen Verhör wurde Beck abgeführt, mit dem Befehl, ihn in Ketten zu legen, und in ein tiefes Loch zu werfen, um daselbst von den Würmern gefressen zu werden. Auf die Ermahnung seines Geistlichen, daß er wieder so leben solle, wie ehemals, er könne dabei ja im Herzen denken, was er wolle, antwortete er: „Ich kann und will nicht anders leben und handeln, als wie ich so eben gesagt.“ Da wurde er sogleich geschlossen und ins Gefängniß gebracht. Nach vielen Leiden und Mißhandlungen gelang es ihm endlich, zu entspringen, und mit einem andern Zeugen, Hadwig, obgleich hart verfolgt, zu entfliehen. Glücklich erreichte er Herrnhut. um auch seine Schwester zu holen, kehrte er noch einmal nach Hause zurück. In der Nacht holte er sie ab, und begab sich nun unter des Herrn Schutz auf den Weg, ohne Plan und Reisegeld, baarfuß und in schlechter Kleidung, die meisten Nächte unter freiem Himmel schlafend. So gelangten sie endlich am 31. März 1732 nach Herrnhut.

Christian David sagte zu ihm, als sie drei Brüder nach Grönland gingen: „Laß dich vom Herrn recht zu bereiten, und zu einem seligen und vergnügten Kinde der Gnade machen, auf daß du uns über’s Jahr nachkommen könnest; denn in Herrnhut wirst du einmal nicht bleiben.“ Matth. Stach schrieb von Grönland, er wünsche, daß Beck auf’s Frühjahr zu ihnen käme. So reiste er denn am 10. Mai 1734 mit Friedrich Böhnisch ab, und kam am 9. August in Neuherrnhut an.

Christian David und Christian Stach wollten nach Europa zurückkehren. Desto enger schlossen sich jetzt die drei andern an einander, und verbanden sich, in der Kraft des Herrn mit gläubigem Gebet und mit Treue auszuhalten, wenn sie gleich in den ersten Jahren keinen Nutzen sehen sollten, und selbst, wenn es nöthig sei, ihr Leben bei den Heiden zu lassen. In neue Noth, ja in die augenscheinlichste Gefahr zu verhungern kamen sie um diese Zeit, da sie zwei Jahre lang von Europa keine Lebensmittel erhielten. Sie mußten mit dem Erwerb ihrer Hände ihr Leben zu fristen suchen. Doch da fehlte es sehr häufig; selten fingen sie einen Seehund; noch seltener gaben ihnen die Grönländer Etwas, sodaß sie sich oft von Muscheln und Seegras nähren mußten, wodurch ihre Kräfte so verschwanden, daß sie kaum zur Arbeit fähig waren. Endlich brachten ihnen dänische Schiffe Lebensmittel. Die Besuche bei den Grönländern waren ebenfalls mit vielen Gefahren verbunden, und meist erfolglos. Selten fanden sie offene Ohren, und noch seltener begierige Herzen. Denn entweder hatten die Grönländer bald wegen ihrer Arbeit, bald wegen der Tanzgelage keine Zeit und Lust dazu, oder sie wollten nur Neuigkeiten hören. Die aus der Ferne kamen, waren ganz unwissend und ohne Nachdenken, und was man ihnen bei einem kurzen Besuche sagen konnte, war bei dem ewigen Umherziehen bald wieder verschwunden. Diejenigen, welche beständig in der Nähe der Brüder wohnten, waren nicht besser, sondern schlechter geworden. Sie mochten nichts mehr hören, wenn man ihnen nicht Etwas schenkte. So lange man ihnen Neuigkeiten brachte, hörten sie fleißig zu, konnten es auch ertragen, wenn man ihnen einige Geschichten aus der Bibel erzählte. Wollte man aber von dem Verderben der Seele, von der Versöhnung …zu ihnen reden, da wurden sie schläfrig, oder schlichen davon. Auch machten sie sich oft lustig darüber, und ergossen sich in Spöttereien über die Heilswahrheiten.

Trotz so vieler Drangsale und niederschlagender Erfahrungen ließen die Brüder doch den Muth und das gläubige Vertrauen auf ihren Herrn nicht sinken. Und er krönte ihre Geduld und ihren Glauben endlich mit Segen. Am 2. Juni 1738 nämlich kamen mehrere Grönländer aus dem Süden nach Neuherrnhut. Die übrigen Brüder waren abwesend, Beck war allein zu Hause, und arbeitete an der Uebersetzung der hl. Schrift. Das Buch erregte die Neugierde der Fremdlinge. Sie baten den Missionar, ihren Etwas daraus vorzulesen. Er that dies, und ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein. Er fragte sie, ob sie eine unsterbliche Seele hätten. Als sie das bejaht, fragte er weiter, wo denn ihre unsterbliche Seele hinkommen würde, wenn sie stürben. Einige meinten, sie fahre hinauf, Andere, sie fahre hinunter. Nach einigen Worten der Belehrung fragte er wiederum, wer Himmel und Erde und die Menschen gemacht habe. Als sie antworteten, das wüßten sie nicht, erzählte ihnen Beck von der Schöpfung der Welt und des Menschen, wie Gott Alles und besonders die Menschen, gut erschaffen habe, wie sie aber aus Ungehorsam gegen seine Gebote in’s Elend gerathen seien. Er habe sich jedoch über die Sünder erbarmt, und aus Liebe zu ihnen sei er vom Himmel gekommen, und Mensch geworden, damit er die Menschen erlösen könnte. Wenn wir selig werden wollten, so müßten wir an ihn glauben. Nach diesen Gesprächen stellte er den Heiden das Leiden und Sterben des Heilandes vor die Augen. Dann nahm er das Evangelium, und las ihnen den Seelenkampf des Herrn in Gethsemane vor. Einem der Anwesenden, Kajarnak, ging das Wort durchs Herz. Als Beck zu reden aufgehört hatte, fragte er, näher an den Tisch tretend, voll Verwunderung mit bewegter Stimme: „Wie war das? Sage mir das noch einmal! Denn ich möchte auch gern selig werden.“ Eine solche Frage hatte Beck noch von keinem Grönländer gehört; sie drang ihm durch Mark und Bein, und setzte ihn in solche Bewegung, daß er ihnen die ganze Leidensgeschichte in den Rath Gottes von unserer Seligkeit mit Thränen in den Augen darlegte. Unterdeß kamen die andern Brüder, Böhnisch und Stach, von ihren Geschäften nach Hause, und fingen mit Freuden an, den Heiden den Weg zur Seligkeit noch weiter auszulegen. Einige derselben legten die Hände auf den Mund, wie sie zu thun pflegten, wenn sie sich über eine sonderbare Geschichte sehr verwundern; Andere, welche von dem Evangelium Nichts hören wollten, schlichen davon. Wieder Andere kamen, und baten die Brüder, sie möchten ihnen doch einige Gebete vorsagen, die sie beten könnten. Kurz, es war eine Bewegung unter ihnen, wie sie noch nicht dagewesen war. Als die Heiden fortgingen, versprachen sie, bald wiederzukommen.

Das Wort vom Kreuz bewies sich an Kajarnak als eine Gotteskraft. Es trieb ihn bald, auch seinen Landsleuten zu erzählen, was der Herr seiner Seele Gutes gethan hatte. Er entschloß sich auch, bei den Brüdern zu bleiben. Zu dem Ende holte er seine Familie und Zeltgenossen, die aus neun Personen bestanden, nach Neuherrnhut ab, und zog noch mehrere Heiden nach sich. Mit ihnen fingen die Brüder tägliche Betstunden, und mit den Kindern eine Schule an. Da zu Anfang des Jahres 1739 eine ganz außerordentliche Kälte und eine große Hungersnoth entstand, so nahmen die Grönländer oft ihre Zuflucht zu den Brüdern, und ihre zwei Häuser waren eine Zeit lang so voll, daß sie sich kaum regen konnten. Da halfen sie ihnen nach ihren Kräften, besonders aber priesen sie den Armen den gekreuzigten Heiland als das wahre Brod des Lebens an, wobei ihnen Kajarnak getreu und mit vieler Wärme zur Seite stand. Bei letzterem und den Seinigen zeigte sich immer mehr eine kräftige Arbeit an der Gnade. Deßhalb nahmen die Brüder sie in die Vorbereitung zur Taufe, zu der sie am 29. März, am ersten Ostertage, schritten. Die vier Täuflinge legten vor der ganzen Versammlung einfältig das Bekenntniß von dem Grund ihrer Hoffnung und ihres Glaubens ab, versprachen, allem heidnischen Wesen abzusagen, bei ihren Lehrern beständig zu bleiben, und dem Evangelium würdig zu wandeln. Darauf wurden sie durch die Taufe in die christliche Kirche aufgenommen. Kajarnak erhielt den Namen: Samuel, seine Frau: Anna, sein Sohn: Matthäus, seine Tochter: Sarah.

Die Freude der Brüder über diese Erstlinge war groß, aber von kurzer Dauer. Samuel Kajarnak mußte nämlich aus Furcht vor Mördern, die seinen Schwager, auch einen Schüler der Brüder, hinterlistiger Weise ermordet hatten, mit seiner Familie nach dem Süden entfliehen. Die Brüder wußten, welchen Versuchungen er unter den Heiden ausgesetzt seyn würde, und hatte wenig Hoffnung, ihn je wieder zu sehen. Dazu kam, daß sie einige Wochen hindurch die ganze Gegend von Grönländern entblößt sahen; alle ihre mühevolle Arbeit schien wieder vergebens zu seyn. Doch fanden sich gegen den Winter wieder viele ein, und neue Familien blieben bei ihnen. Sie hörten das Evangelium bald mit mehr, bald mit weniger Aufmerksamkeit an, und die Brüder freuten sich, und hofften auf eine reichliche Ernte. Im folgenden Jahre trat auch ganz unvermutet Kajarnak in ihr Zimmer. Er hatte bei der langen Abwesenheit nicht nur keinen Schaden an seiner Seele gelitten, sondern mit seinem Zeugnisse unter den Heiden Segen gewirkt. Er machte ihnen durch sein Bekenntnis große Freude. Wenn er Etwas auf dem Herzen hatte, so pflegte er zu sagen: „Mein Heiland, ich weiß, daß dir Alles möglich ist. Weil du uns nun befohlen hast, zu beten, wenn und was fehlt, so bitte ich dich, erhöre mich jetzt!“ Als seine Frau Anna auf das Krankenlager geworfen wurde, hörte er nicht eher mit seiner Fürbitte auf, als bis sie genesen war. Man konnte sagen, er habe sie gesund gebetet. –

Die zweite Garbe, die die Brüder in die Scheuern ihres Herrn einsammelten, war die Jungfrau Pussinek. Sie bat die Brüder, sie in Dienst zu nehmen, und ließ sich von den Ihrigen weder durch gute, noch durch böse Worte bewegen, von ihren Lehrern wegzuziehen. Da man nun sahe, daß sie in der Erkenntniß und der Liebe Jesu immer mehr zunahm, und sie ein sehnliches Verlangen nach der Taufe bezeugte, wurde sie dieser Gnade theilhaftig. Auf ihren Besuchen zu den Heiden nahmen die Brüder oft diese Erstlinge mit, um ihnen durch diese lebendige Briefe zu zeigen, daß der Glaube aus den verdorbtesten Sündern selige Menschen macht. Es war auch nicht vergebens. Sie bezeugten die Gnade nun aus eigner Erfahrung mit einer Freudigkeit, daß die Heiden darüber staunten.

Von einem solchen Besuche aber brachten die Brüder ihren Samuel krank zurück. Er selbst sahe seinem Tode getrost entgegen, und als seine Hausleute einmal anfingen zu weinen, sprach er: „Betrübt euch doch nicht um mich! Ihr habt ja oft gehört, daß die Gläubigen, wenn sie sterben, um Heilande in die ewige Freude kommen. Ihr wisset, daß ich von euch der erste gewesen bin, der sich zu ihm bekehrt hat, und nun ist es sein Wille, daß ich der erste sei, der zu ihm kommt.“ Am 27. Febr. 1741 entschlief er sanft unter dem Gebete der Brüder.

Im Jahre 1742 sollten die Brüder endlich eine reiche Ernte halten. Es ging in diesem Jahre eine große Erweckung durch die Grönländer. Es wurden jetzt jährlich mehr Heiden durch die Taufe der Gemeinde hinzugethan, als man von der geringen Zahl des Volks und ihrer herumschweifenden Lebensart hätte erwarten können. Jeden Winter hatten sie eine größere Anzahl von Erweckten und Gläubigen um sich wohnen, und wenn diese im Sommer auf Erwerb ausgingen, so breitete sich das Evangelium durch ihr Zeugniß und ihren Wandel unter den Wilden, die aus entfernten Gegenden kamen, immer weiter aus. Später ging stets einer der Missionare mit ihnen auf den Heringsfang, um mit ihnen die gemeinsame Andacht zu halten.

Die Zeit, die den Brüdern von ihrer Arbeit an den Seelen und von ihren Besuchsreisen übrig blieb, verwendeten sie dazu, ihren Neubekehrten Lieder und Stücke aus der Bibel zu übersetzen. Beck, der im Jahre 1745 mit seinen Kindern nach Deutschland gereist war, um sie einer Erziehungsanstalt zu übergeben, besorgte dort den Druck der Uebersetzungen.

Indessen fanden sich immer noch viele Heiden, die der Wahrheit widerstanden, und die Gläubigen verfolgten. So kam im Jahre 1744 eine Räuberbande nach Neu-Herrnhut, als gerade Matthäus Stach von den Männern ganz allein zu Hause war. Sie traten gleich in seine Stube. Ihr Rädelsführer sagte: „Wir sind gekommen, etwas Gutes zu hören.“ „Das ist mir eine Freude, erwiederte Stach, laßt mir auch die anderen Leute alle herein kommen!“ Die Stube wurde gedrängt voll. Stach sang mit froher Stimme einige Verse, und betete, der Herr wolle ihre Herzen aufthun. Darauf sprach er etwas über ein Stück aus Pauli Predigt zu Athen, und sagte: „Doch ich brauche euch nicht viel von dem Schöpfer aller Dinge zu sagen; daß einer ist, das wißt ihr? (Sie bejahten es.) Und daß ihr böse Leute seyd, wißt ihr auch? (Sie antworteten wieder mit Ja.) Ich will euch also nur da Nothwendigste sagen, daß ihr und wir einen Heiland haben.“ Er sprach jetzt von der großen Liebe Gottes und Christi, und wandte sich dann mit den Worten an den Rädelsführer: „Aber du armer Mensch, wie willst Du da bestehen, wenn alle die Seelen, die du umgebracht hast, hervortreten, und zu dem, der auf dem Richterstuhl sitzt, sagen: Dieser Bösewicht hat uns umgebracht, grade als du deine Boten zu uns sandtest, und hat uns verhindert, den Rath zu unserer Seligkeit zu hören? Was wirst du da antworten?“ Der Mensch verstummte, und schlug die Augen nieder; auch die andern waren erschüttert. „Höre mich an, fuhr Stach fort, ich will dir einen Rath geben, wie du dem Gerichte entgehen kannst. Aber du mußt es bald thun, denn du bist alt, und wirst bald sterben müssen. Falle dem Herrn Jesu zu Füßen, daß er sich über dich Elenden erbarme! u. s. w.“ Er versprach mit bewegtem Herzen, es zu thun. Als Stach aufhörte, fing Anna an, pries ihnen die Kraft des Blutes Christi, und ermahnte sie, der Wahrheit nicht länger zu widerstehen. Darauf kam auch noch Sarah, und hielt ihnen aus eigner Erfahrung eine längere Rede. Sie hörten alle aufmerksam zu, gingen mit gefalteten Händen umher, zogen aber vor Abend wieder fort. Manche von diesen Leuten haben sich hernach ernstlich zu Gott bekehrt. So erhielt Jesus Christus unter den Wilden einen Sieg nach dem andern.

So sahen denn die Brüder endlich ihre Thränensaat reiche Früchte tragen. Von Zeit zu Zeit wurden ihnen von Europa Gehülfen geschickt, und auch ihre äußere Lage besserte sich, da die europäischen Gemeinden sie mit Lebensmitteln versorgten. Freilich blieben auch in den folgenden Jahren solche Beschwerlichkeiten und Prüfungen, wie sie in der ersten Zeit erfahren hatten, nicht aus. Sie hatten aber darin einen Trost, daß sie sagen, daß ihre Arbeit nicht vergeblich war. Im Jahre 1747 brachte Beck von einer Reise nach Europa das gezimmerte Holz zu einem geräumigen Wohnhause und zu einem Kirchensaale mit. In seiner Begleitung war Christian David. Sogleich wurde Hand an’s Werk gelegt, und am 18. Oktober wurde die neue Kirche mit vieler Feierlichkeit und großem Segen eingeweiht. Die Anzahl der anwesenden Grönländer belief sich auf 300. Alle waren ergriffen von Gnade, Freude und Dankbarkeit. Bis hierher hatten die Brüder Bedenken getragen, den Grönländern das Abendmahl zu reichen; an diesem Tage wurden zwei Gehülfen und eine Frau dieses hohen Gutes theilhaftig. „Wir müssen bezeugen, schreiben die Brüder, daß wir schon viele Segenstage gehabt, aber noch nie eine solche Bewegung unter so häufigen Thränen erlebt haben, als wie dieses Mal in diesem Gemeinlein, dass er sich aus den dummen und unempfindlichen Heiden am Nordpol gesammelt hat.“ Hier möge noch Einiges über das Leben des treuen Knechtes Gottes, Christian David, stehen.

Johann Beck blieb bis zu seinem Tode in Grönland. Im Jahre 1736 hatte er Rosina Stach, Schwester von Matthäus, geheirathet. „Meine liebe Rosina, fragte er sie vor der Verlobung, gedenkst Du auch in Grönland auszuhalten, wenn Hunger und Kummer, Verfolgung und Ungemach und Noth aller Art über uns kommen sollte, und willst Du mir zur Bekehrung der Heiden auf allerlei Weise förderlich seyn?“ Erst nachdem sie mit einem freudigen Ja geantwortet hatte, gab er ihr seine Hand. Fünf Söhne und vier Töchter waren die Frucht ihrer Ehe. – Im Jahre 1770 hatte er die Freude, seine zwei ältesten Söhne, Johann Ludwig und Jakob in Neuherrnhut zu bewillkommnen. „Ach, rief er aus, nun will ich gern sterben, da mein Gebet erhört ist, und ich etliche meiner Kinder hier auf meinem Posten angestellt sehe! Herr Jesu, so wie ich dir alle meine Kinder von Mutterleibe an zum Eigenthum übergeben habe, so sollst Du sie auch ferner behalten. Ach bereite sie völlig zu deinem Dienste zu!“

Am 19. März 1777 ging er ein zu seines Herrn Freude. In der Nacht des 19. um zwei Uhr ließ er sich, sein nahes Ende vermuthend, den Segen zu seiner Heimfahrt erhteilen, wobei er selbst sein graues, ehrwürdiges Haupt entblößte. „Ach Herr Jesu, hörte man ihn zuweilen seufzen, stärke meine schwache Hülle, und erleichtere meine Schmerzen! Jedoch, was sind meine Schmerzen gegen die deinigen? Was hast du für Marter und Angst um meinetwillen ausgestanden?“ Um vier Uhr nahm der Herr seinen treuen Knecht in die ewige Ruhe.

 

Christian David

Christian David wurde am 31. Dez. 1690 zu Senftleben in Mähren geboren. In der katholischen Religion erzogen, zeigte er sich zuerst als einen großen Eiferer für dieselbe. Doch fand er in ihren Ceremonien bald keine Ruhe mehr. In seiner Jugend hütete er Kühe und Schafe; später erlernte er das Zimmerhandwerk, und kam bei dieser Gelegenheit mit evangelisch Gesinnten zusammen, die ihm Bilderdienst, Wallfahrten u. dergl. m. als Menschengebot darstellten. Das erschütterte seinen Glauben an die Satzungen seiner Väter. Um diese Zeit wurden jene Evangelischen wegen ihrer Zusammenkünfte und Bücher in einem Keller gefangen gesetzt. Ihr Tag und Nacht anhaltendes Singen und Beten zu Gott machte einen tiefen Eindruck auf ihn; er hatte aber, wie er sich ausdrückt, keinen Begriff von der Sache. Als er nun auch den Ernst und Eifer der Juden im Gesetz und Gottesdienste wahrnahm, wurde er an der christlichen Religion ganz irre, und wußte nicht, ob der Eifer der Katholiken, oder derer im Gefängnisse, oder der Juden der rechte wäre. Endlich kam er in den Besitz einer Bibel, und indem er das Alte und Neue Testament verglich, wurden seine Zweifel besiegt, und er lernte es glauben, daß Jesus der verheißene Messias sei. Seitdem las er am liebsten in der Bibel, und wenn er von der Arbeit noch so ermüdet war, sie stärkte und erquickte ihn wieder.

Da er zu gleicher Zeit einsah, daß die Lehre der evangelischen Kirche die Lehre der h. Schrift sei, ging er nach Ungarn, um zu derselben überzutreten. Als er zum ersten Mal den Gesang einer evangelischen Gemeinde hörte, war er außer sich vor Freude. Aber die Lutheraner in Ungarn fürchteten, wenn sie ihn aufnähmen, sich schwere Strafe zuzuziehen. Und da ihm auch von der katholischen Geistlichkeit nachgestellt wurde, so begab er sich nach Berlin. Hier bekannte er sich zur lutherischen Religion, und ging zum h. Abendmahl. Was er aber zu finden gedacht hatte, fand er nicht, sondern er traf überall gottloses Wesen. Er sah zu seiner großen Betrübniß, daß man nicht einmal ohne Spott dem Christenthum gemäß leben könnte. Er hatte verschiedene harte Krankheiten auszustehen, in denen er Gott neue Treue gelobte. In Görlitz kam er mit mehreren rechten Kindern Gottes zusammen, so mit dem dortigen Pastor Schäfer. Und hier fühlte er sich gedrungen, seine evangelisch gesinnten Landsleute zu besuchen, um ihnen seine seligen Erfahrungen mitzutheilen, und den Weg Gottes weiter auszulegen.

Er ging also im Jahre 1717 wieder nach Mähren, und verkündigte Jesum. Nach einem halben Jahre wiederholte er seine Reise, wurde aber durch eine ansteckende Krankheit an seinem Vorhaben gehindert. Bei seiner Rückkehr in Görzlitz wurde er wieder bis zum Tode krank. Er wurde an allen Gliedern gelähmt; nur die rechte Hand konnte er noch gebrauchen, sonst vermochte er sich nicht zu bewegen. Als er genesen war, zog er wieder nach Mähren, und erzählte, was Gott ihm an seinem Leibe und an seiner Seele für Barmherzigkeit gethan hätte. Die Brüder in Mähren beschlossen auszuwandern, und baten ihn, ihnen einen Ort anzuweisen, wo christliche Leute wären, und wo sie nach ihrem Glauben leben könnten. Als er deswegen nach Görlitz zurückkam, wurde er mit dem Grafen Zinzendorf bekannt, der ihnen Aufnahme auf seinen Gütern versprach. Eilends kehrte er nach Mähren zurück, und brachte den Brüdern die frohe Botschaft. Darüber wurden sie hoch erfreut, brachen, obgleich der Feind ihnen große Hindernisse in den Weg legte, auf, und gelangten unter Gottes Beistand nach Herrnhut. Hier bauten sie nun am Hutberge im Jahre 1722 das erste Haus. Es war am 17. Juny, als Christian David seine Axt in den ersten Baum schlug mit den glaubensmuthigen Worten: „Hier hat der Vogel sein Haus gefunden, und die Schwalbe ihr Nest, nämlich deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott!“

Christian David beschäftigte sich so eifrig mit dem Wohle seiner mährischen Glaubensgenossen, daß er einmal im Jahre 1723, als er im Hause des Grafen zu Berthelsdorf arbeitete, sein Werkzeug liegen ließ, und ohne Hut 40 Meilen weit nach Mähren ging, um Leute zu holen. Im nämlichen Jahr gelobte er um die Adventszeit abermals, bei Gelegenheit einer schweren Niederkunft seiner Frau, eine solche Wanderschaft nach Mähren. Er hielt mächtige Reden über Matth. 5 und veranlaßte dadurch eine große Bewegung. Im Ganzen ist er 11 oder 12 mal in Mähren gewesen, und oft in der augenscheinlichsten Gefahr von den ihn aufsuchenden Gerichtsdienern nicht gesehen, und sonst auf’s wunderbarste bewahrt worden. In Herrnhut wurde er zum Aeltesten gewählt. Noch einmal im Jahre 1749 besuchte Christian David Grönland, und baute in den 14 Tagen seines Aufenthaltes den Grönländern ein Provianthaus, und den Missionaren drei Stuben. Er vergoß Freudenthränen über die selige Veränderung, die der Herr dort geschafft, und darüber, daß die Gnade sich an so manchem Herzen des versunkenen Volkes so herrlich bewiesen hatte. Im August ging er mit Friedrich Böhnisch nach Pennsylvanien, und half an dem Familienhause in Nazareth bauen. Im November kehrte er nach England zurück, und besuchte alle Gemeinen in Deutschland. Zuletzt wohnte er in Herrnhut, und schrieb noch manchen herrlichen Brief, bis ihn am 29. Januar 1754 seine letzte Krankheit so schnell überfiel, daß er aus der Conferenz weggehen und sich auf sein Bett legen mußte. Er starb am 3. Febr. 1751.

Doch wir kehren nach Grönland zurück.

Das Jahr 1754 ist wegen seiner vielen Sterbefälle merkwürdig, indem 60 Getaufte ohne die ungetauften Glieder durch eine ansteckende Krankheit in die Ewigkeit versetzt wurden. Da mehrere der besten Erwerber und Hausväter gestorben waren, so geriethen viele Wittwen und Waisen in’s äußerste Elend. Aber durch Vertheilung derselben unter andere Familien und durch vorsichtige Unterstützung wurden sie so versorgt, daß Niemand Mangel litt. Indeß waren so viele Einwohner hinzugekommen, und so viele getauft worden, daß am Schlusse des Jahres die Gemeinde sich eher vermehrt, als vermindert hatte. Am Ende 1757 betrug die Anzahl der Getauften 400.

Die Brüder wurden indeß von den Heiden der Umgegend dringend gebeten, zu ihnen zu kommen. Besonders geschah dies von den Einwohnern der Fischer-Fjorde, ungefähr 18 Meilen südlich von Neuherrnhut. In Folge dessen zog Stach mit 32 Grönländern zu ihnen, und nannte den Ort Lichtenfels. Die Heiden aus der Umgegend kamen fleißig zu ihm, meist in der Absicht, das Evangelium zu hören; viele zogen auch ganz zu ihm. Er hatte hier gleichfalls mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, bis er zu Anfang 1760 die erste Familie von vier Personen taufen konnte. Von da an vermehrte sich die Gemeinde zusehends, und nach einigen Jahren bestand sie schon aus 200 Seelen.

Die durch einige schreckliche Träume bewirkte Erweckung und darauf erfolgte gründliche Bekehrung des berühmten Angekoks Immenak, hatte die Folge, daß im Jahre 1768 Neuherrnhut mit 80 neuen Einwohnern vermehrt wurde. Merkwürdig ist, was die Brüder von der Tochter Immenak’s erzählen: „Sie war durch ihres Vaters Reden gerührt worden, und mit ihm hergekommen, sich zu bekehren. Aber den Sommer über waren die Rührungen durch die Zerstreuungen erloschen. Den ersten November ging sie mit einer getauften Wittwe hinaus, Beeren einzusammeln. Als sie auf dem Felde einige Mägdlein fand, fing sie an, über sie und ihre Taufe zu spotten. Die Wittwe bestrafte sie und sagte: „Weißt du auch, daß dich der Heiland dafür strafen kann?“ „Ei erwiederte sie lachend, er mag mich strafen!“ Als sie nach Hause kam, wurde sie von heftigen Leibschmerzen befallen. Nun sagte die Wittwe zu ihr: „Denkst Du daran, was du auf dem Felde gesagt hast?“ „Ach ja, antwortete sie, dies ist die Strafe, die ich so leichtsinnig verlangt habe; gehe aber gleich zu den Lehrern, und bitte sie, zu mir zu kommen!“ Als wir zu ihr kamen, bat sie flehentlich um die Taufe. Man hielt ihr vor, daß man noch nie vernommen, daß ihr um den Heiland zu thun sei. Sie antwortete: „Ja, ich weiß und bekenne es; aber nun ist es mir ganz anders zu Muthe. Ich verlange von Herzen nach der Taufe, damit ich von Sünden abgewaschen werde. Ich bitte nur bald zu machen, denn ich sterbe, und ohne Jesu Blut gehe ich verloren!“ Wir waren verlegen. Aber wir sahen unsern barmherzigen Herrn an, der alles, was von Herzen nach ihm verlangt, gleich annimmt, und er gab uns Freudigkeit, sie zu taufen. Einige Schwestern wachten die Nacht bei ihr, und sangen ihr Verse. Gegen Morgen rief sie aus: „Nun wirds lichte!“ und verschied.

Im Jahre 1771 bestand die Gemeinde in Neuherrnhut aus 531, die in Lichtenfels aus 323 grönländischen Einwohnern. In diesem Jahre verließ Matthäus Stach Grönland auf immer. Er beschloß seine Lebensjahre zu Bethabara in Nordamerika. Den Geschwistern daselbst war er durch seinen lautern Wandel, seine Geduld und Heiterkeit in seinen körperlichen Leiden, ein Vorbild, bis ihn der Herr am 21. Dezember 1787 in sein himmlisches Reich abrief.

Johann Beck blieb bis zu seinem Tode in Grönland. Im Jahre 1736 hatte er Rosina Stach, Schwester von Matthäus, geheirathet. „Meine liebe Rosina, fragte er sie vor der Verlobung, gedenkst Du auch in Grönland auszuhalten, wenn Hunger und Kummer, Verfolgung und Ungemach und Noth aller Art über uns kommen sollte, und willst Du mir zur Bekehrung der Heiden auf allerlei Weise förderlich seyn?“ Erst nachdem sie mit einem freudigen Ja geantwortet hatte, gab er ihr seine Hand. Fünf Söhne und vier Töchter waren die Frucht ihrer Ehe. – Im Jahre 1770 hatte er die Freude, seine zwei ältesten Söhne, Johann Ludwig und Jakob in Neuherrnhut zu bewillkommnen. „Ach, rief er aus, nun will ich gern sterben, da mein Gebet erhört ist, und ich etliche meiner Kinder hier auf meinem Posten angestellt sehe! Herr Jesu, so wie ich dir alle meine Kinder von Mutterleibe an zum Eigenthum übergeben habe, so sollst Du sie auch ferner behalten. Ach bereite sie völlig zu deinem Dienste zu!“

Am 19. März 1777 ging er ein zu seines Herrn Freude. In der Nacht des 19. um zwei Uhr ließ er sich, sein nahes Ende vermuthend, den Segen zu seiner Heimfahrt erhteilen, wobei er selbst sein graues, ehrwürdiges Haupt entblößte. „Ach Herr Jesu, hörte man ihn zuweilen seufzen, stärke meine schwache Hülle, und erleichtere meine Schmerzen! Jedoch, was sind meine Schmerzen gegen die deinigen? Was hast du für Marter und Angst um meinetwillen ausgestanden?“ Um vier Uhr nahm der Herr seinen treuen Knecht in die ewige Ruhe.

 

Dober, Leonhard und Nitschmann, David

die ersten Missionare der Brüdergemeinde in Westindien.

Der Herr Zebaoth rüstet ein Heer zum Streit (Jes. 13, 14.)

Der Graf von Zinzendorf hatte schon im Jahre 1715 auf dem Pädagogium in Halle mit seinem Herzensfreunde Friedrich von Wattewille einen Bund gemacht zur Bekehrung der Heiden, und zwar nur solcher, an die sonst Niemand sich machen würde. Dieser Bund war lange ohne Thaten geblieben. Im Jahre 1728, als die Brüdergemeinde sich schon auf seinen Gütern angesiedelt hatte, fanden des Grafen Gedanken bei der Gemeinde Anklang. Manche wurden willig gemacht, Hand ans Werk zu legen, wenn der Herr ihnen Gelegenheit dazu geben würde.

Im Sommer 1731 begab sich Zinzendorf nach Kopenhagen, um der Krönung des Königs Christians VI. beizuwohnen. Diese Reise wurde für die Mission der Brüdergemeinde entscheidend. In dem Dienste des Oberstallmeisters, Grafen von Laurwig, diente ein Neger aus Westindien, Namens Anton, als Kammermohr. Er erzählte einigen Brüdern, die der Graf mitgenommen hatte, unter ihnen dem David Nitschmann, daß er schon oft in St. Thomas, einer westindischen Insel, einsam am Seeufer sitzend, Gott gebeten habe, daß er ihm Licht in seiner Finsterniß geben möge. Auf wunderbare Weise habe es Gott gefügt, daß er nach Kopenhagen gekommen, und hier im Christenthum unterrichtet und getauft sei. Er erzählte von dem Elende der Negersclaven auf St. Thomas, von ihrer Sehnsucht, und besonders von der Sehnsucht seiner Schwester Anna, Gott kennen zu lernen, ohne daß sie Zeit und Gelegenheit dazu hätte. Die Erzählung des Negers ging dem David Nitschmann durch die Seele. Zinzendorf hätte gern auf der Stelle Boten des Heils nach St. Thomas geschickt. Kurz darauf, nachdem der Graf nach Herrnhut zurückgekehrt war, erzählte er am 23. Juli der Gemeinde von dem Neger Anton, und von der Noth der Schwarzen auf St. Thomas. Durch seine Erzählung fühlten sich zwei junge Brüder, Johann Leonhard Dober und Tobias Leupold in ihrem Herzen angetrieben, diesen Armen das Evangelium zu verkündigen. Es waren innig verbundene Freunde; aber an diesem Tage sagten sie einander Nichts von dem, was in ihnen vorging. Am folgenden Morgen hatte Dober noch denselben Trieb, und als er sein Loosungsbüchlein aufschlug, traten ihm die Worte entgegen: „Es ist nicht ein vergeblich Wort an euch sondern es ist euer Leben, und das Wort wird euer Leben verlängern. 5. Mos. 32, 47. Denn wahrlich bleibt’s dabei, daß der wahrhaftige Zeuge heißt Amen mit dem Namen, und die Verheißung nur in Jesu Namen sei; Ja, Amen treuer Zeug‘! Ja, Amen, Amen.“ Dem Dober war es ein göttlich Amen auf die Gedanken seines Herzens. Am Abend ging er mit Leupold hinaus aufs Feld. Dober spricht von dem Bericht des Grafen, und von den Gedanken, die er in ihm erregt hatte. Da schließt auch Leupold sein Herz auf; alle Ungewißheit über ihr Vorhaben ist verschwunden.

Singend zogen die Beiden mit andern Brüdern nach Herrnhut zurück. Als sie zu des Grafen Haus kamen, trat dieser mit Magister Schäfer mitten unter sie, und sprach: „Herr Magister, hier unter diesen Brüdern sind Boten zu den Heiden in St. Thomas, Grönland, Lappland u. s. w.“ Beide erhielten durch diese wenigen Worte, die der Graf mit sichtbarer Glaubensfreudigkeit sprach, neuen Muth, und beschlossen, ihn mit ihrem Geheimniß bekannt zu machen. Bei verschlossener Thüre schrieben sie ihm von ihrem Vorsatz, und überreichten den Brief heimlich, der mit den Worten schließt: „Lieber Bruder, behalten Sie es bei sich, und überlegen es, und seinen Sie so gnädig, und lassen uns Ihre Gedanken darüber wissen! Der Herr aber führe uns allezeit recht, aber rauhe Wege!“ Der Graf las den Brief mit großer Freude, und theilte ihn ohne Nennung der Namen der Gemeinde mit.

Am 29. Juli langte der Neger Anton in Herrnhut an. In einer Gemeindeversammlung theilte er sein Anliegen in holländischer Sprache mit; der Graf war sein Dolmetscher. Er erzählte von dem Elend der Neger, von ihrer Blindheit und von ihren gräulichen Sünden. Viele, sagte er, würden die Botschaft vom Heilande mit Freuden aufnehmen; seine Schwester Anna sehne sich danach. Aber wegen ihrer vielen Arbeiten sei es schwer, ihnen nahe zu kommen, es sei denn, daß der Missionar selbst Sclave werde. Dober und Leupold erklärten, sie wären bereit, Sclaven zu werden, wenn sie dadurch nur Eine Seele gewinnen könnten. Aber ihr Vorhaben fand wenig Beifall in der Gemeinde. Es erschien ihnen als ein gutgemeinter Einfall junger Leute, der nicht auszuführen sei. Der Aelteste, Martin Linner, meinte, die Gemeinde könne seinen Gehülfen Dober nicht entbehren; er selbst war dem Grabe nahe, und gedachte in Dobers Hände sein Aeltestenamt niederzulegen.

So ging ein ganzes Jahr hin; alle Vorstellungen bei der Gemeinde waren vergebens. Da endlich fragte der Graf unsern Dober, ob er damit zufrieden sei, daß man den Willen des Herrn durch das Loos erforsche. Dieser antwortete: für ihn wäre es nicht nöthig; die Gemeinde möge thun, was sie für gut halte. er zog das Loos; es lautete: „Lasset den Knaben ziehen!, der Herr ist mit ihm.“ Jetzt war die Sache entschieden; die Gemeinde bestätigte Dobers Beruf; Linner ertheilte ihm in ihrem Namen den Segen. Leupold zog für dies Mal nicht mit. An seine Stelle war David Nitschmann getreten, der freudig Weib und Kind verließ, um die Mission unter den Negern beginnen zu helfen.

Am 21. August, Morgens drei Uhr, verließen die Heidenboten Herrnhut. Zinzendorf begleitete sie bis Bautzen, wo er ihnen seinen väterlichen Segen ertheilte. Ihre ganze Instruction war, sich in allen Dingen von dem Geiste Jesu Christi leiten zu lassen. Der Graf gab einem jeden einen Dukaten zur Reise; jeder hatte selbst vorher drei Thaler bei sich. Zu Fuße wanderten sie über Wernigerode, Braunschweig und Hamburg Kopenhagen zu. Unterwegs hatten sie manche Einwürfe gegen ihre Vorhaben zu hören. Die meisten hielten eine Mission unter den Negersclaven für unmöglich. Dober pflegte zu antworten: „Ich wundere mich selbst, wenn ich an mein Vorhaben denke; ich kann aber doch nicht anders, als meinem Triebe einfältig folgen, und dem Willen Gottes, wie ich glaube, dadurch dienen.“ Nur die edle Gräfinn von Stolberg in Wernigerode bewies sich ihrem Vorhaben geneigt, und unterredete sich theilnehmend mit ihnen. Sie sagte ihnen: „Gehet hin, und wenn sie euch auch todt schlagen um des Heilands willen, er ist Alles werth!“ Die Brüder langten am 15. September in Kopenhagen an. Auch hier hörten sie die so oft gemachten Einwendungen. Selbst Zinzendorfs Freunde wollten sie nicht unterstützen; sie meinten, arme Europäer wurden wegen der Theuerung der Lebensmittel in Westindien nicht bestehen können. so fragte sie der Oberkammerherr von Pleß: „Wie werdet ihr in St. Thomas durchkommen?“ Sie antworteten: Wir wollen als Sclaven mit den Negern arbeiten.“ Er sagte darauf: „Das könnt ihr nicht; das wird durchaus nicht zugelassen.“ Nitschmann erwiederte: „So will ich denn auf meinem Handwerk als Zimmermann arbeiten.“ – „Wie aber der andere, der Töpfer?“ – Nitschmann gab zur Antwort: „Den will ich schon miterhalten.“

Dazu kam, daß der Neger Anton jetzt ganz anders gesinnt war, als früher. Er hatte den Einflüsterungen Anderer sein Ohr geliehen und widerrief nun Alles, was er in Herrnhut von der Sehnsucht der Heiden gesagt hatte. Doch gab er ihnen, da er sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen konnte, einen Brief an seine Schwester mit. In allen diesen Widerwärtigkeiten blieben die Brüder dem treu, der sie berufen hatte. Einmal befanden sie sich wegen ihres Fortkommens in der größten Verlegenheit. Da fiel ihnen die Stelle in ihrem Loosungsbüchlein in die Hände: „Sollte er etwas sagen, und nicht thun? Sollte er etwas reden, und nicht halten?“ Und alle Zweifel und Besorgnisse waren geschwunden.

Durch ihre Standhaftigkeit und Freudigkeit wurden nach und nach Manche in ihrer Ansicht umgestimmt. Die beiden Hofprediger Reuß und Blum wurden ihre Freunde, und gewannen andere vornehme Personen für das Unternehmen. Die Königinn bezeigte ihre Theilnahme; die Prinzessinn Charlotte Amalie ließ ihnen eine Beisteuer zur Reise und eine holländische Bibel zustellen. Einige Staatsräthe entließen sie mit den Worten: „So geht denn in Gottes Namen! unser Heiland hat Fischer erwählt, sein Evangelium zu predigen, und er selbst war ein Zimmermann, und eines Zimmermanns Sohn.“ Durch Vermittlung des königlichen Mundschenken Martens ließ sich der Kapitän eines holländischen Schiffes bereit finden, sie mit nach St. Thomas zu nehmen. DasUeberfahrtsgeld bezahlten Freunde in Kopenhagen; sie versorgten den Nitschmann auch mit dem nöthigen Zimmerhandwerkszeug. So stachen sie am 8. Oktober 1732 in See. –

Als sie am 13. Dez. in St. Thomas ans Land stiegen, hieß die Loosung des Tages: „Der Herr Zebaoth rüstet ein Heer zum Streit. (Jes. 13, 14.)
Rüstet euch, ihr Christenleute,
Die Feinde suchen euch zur Beute,
Ja, Satan selbst hat eu’r begehrt.“

Am folgenden Tage, einem Sonntage, überlegten die Brüder, wie sie sich in dem fremden und theuren Lande am besten einrichten könnten. Sie sollten bald erfahren, wie sich ihre heutige Loosung: „Er macht es wunderbarlich; wir aber sehen ihm zu;“ (Richt. 13, 19.) an ihnen erfüllen sollte. Noch rathlos, was sie thun sollten, empfingen sie die Einladung eines Pflanzers Lorenzen, in sein Haus zu kommen, er wolle sie mit Allem versorgen. Ohne ihr Wissen hatte sie nämlich ein Freund in Kopenhagen an denselben empfohlen. Ein schwerer Sorgenstein war dadurch von ihrem Herzen genommen. Noch an demselben Tage begannen sie die Missionsarbeit. Zunächst wurde die Schwester Antons, Anna, aufgesucht. Sie diente mit ihrem Bruder Abraham auf einer Plantage. Sie lasen ihr den Brief Anton’s vor, worin er seine eigene Bekehrung erzählte, und sie ermahnte, seinem Beispiele zu folgen. In dem Briefe kam die Stelle vor: „Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.“ In einem Gemisch von Deutsch und Holländisch verkündigten sie den Negern die Erlösung durch Christum; sie setzten ihnen auseinander, daß dies nicht bloß die Weißen angehe, sondern auch die Schwarzen. Den Sklaven ging ein neues Licht auf; freudiges Händeklatschen war ihre Antwort. Sie hatten bisher gemeint, nur für die Weißen sei Jesus in die Welt gekommen. einen riesen Eindruck von dem Tage nahmen Anna und Abraham mit; von der Stunde an sahen sie die Missionare als Boten des Himmels an.

Das war ein verheißungsvoller Tag. Die Freudigkeit und der Muth der Brüder wuchs. Sie besuchten die Neger an den Sonnabenden und Sonntagen, und erwarben sich nach und nach ihr Zutrauen und ihre Liebe. Dazu trug besonders die Herzlichkeit im Umgange bei, welche die Brüder mit der Verkündigung des Evangeliums verbanden, und welche einen um so größern Eindruck machen mußte, da die Neger sonst von den Weißen wie die Hunde behandelt wurden. Bei den weißen Einwohnern gingen die Brüder durch gute und böse Gerüchte. Die Einen ehrten und achteten sie, daß sie um Christi und der Heiden Seligkeit Vaterland und Freundschaft verlassen hatten; die Andern verspotteten sie als Thoren, ja schalten sie als Verführer, die man je eher, je lieber aus dem Lande fortjagen müßte. Selbst die Neger lachten, wenn ein Mann von ihrem Elende sprach, der viel ärmer und unglücklicher sei, als sie selbst. Doch das waren Beide ja schon gewohnt, und ließen sich nicht irre machen, sondern fuhren fort, in des Herrn Namen an den Seelen der Heiden zu arbeiten. Beide hatten zu leiden von dem ungesunden Klima, und hatten mehrere heftige Anfälle von Krankheiten zu bestehen.

Für ihr äußeres Fortkommen hatte vorerst Lorenzen gesorgt, da er sie in sein Haus aufnahm. Da es sie aber schmerzte, auf Kosten eines Andern zu leben, so hatte Nitschmann sein Zimmerhandwerk betrieben, und so Beide unterhalten. Jedoch sein Auftrag von der Gemeinde ging nur dahin, Dober nach St. Thomas zu begleiten, hier ihm die ersten Einrichtungen treffen zu lassen, und dann nach Herrnhut zurückzukehren. So mußte letzterer darauf bedacht seyn, selbst sich sein Brod zu verschaffen. aber alle seine Versuche, sein Töpferhandwerk zu treiben, mißlangen, theils wegen des schlechten Thons, theils weil er keinen ordentlichen Brennofen hatte. Nichts desto weniger wollte er Nitschmann, als sich im April 1733 eine Schiffsgelegenheit nach Kopenhagen zeigte, nicht zurückhalten, besonders da ihm der Gedanke an Frau und Kinder desselben, die er in Herrnhut zurückgelassen hatte, große Sorge machte.

Die Freunde setzten Dober zu, mit nach Europa zurückzukehren; es würde ihm ja unmöglich seyn, ohne Nitschmann auf St. Thomas zu bestehen. Aber er war der festen Zuversicht, daß der Herr ihn nicht verlassen, noch versäumen werde. Seinen freudigen Muth drückt er in einem Briefe an die Gemeinde in Herrnhut aus, den er Nitschmann mitgab: „Er ist Haupt, und wir sind Glieder. Ich habe manche Angst gehabt, und doch keine Leiden; der Heiland sei dafür gelobt! Es hat mir zum Nutzen und zur Stärkung gedient. Und wenn ich den ganzen Weg betrachte, den mich der Herr geführt hat, so muß ich sagen: ich bin viel zu wenig aller der Vatertreue. Denn er hebt und trägt der Seinen kleine Zahl; und es hat sich doch auch schon bewiesen und gezeigt, daß Er es ist, der uns gesandt hat, obwohl wenige dem Evangelio gehorsam sind. Ich bitte euch, geliebteste Brüder, daß ihr meiner gedenkt, und kämpfen helfet über dem Evangelio und meinem Beruf, den ich auf den Heiland angefangen habe, daß ich darin treu sey, und der Herr die Herzen öffnen möge. Denn ich glaube, daß ich durch die Handreichung eures Gebets, und durch die Gnade unseres Heilandes nicht werde zu Schanden werden in meiner Hoffnung.“ Am 24. Juli sah Nitschmann die Seinigen in Herrnhut wieder.

Nun war Dober allein auf St. Thomas. Seine äußere Lage gestaltete sich nach des Bruders Abreise günstiger, als seine Freunde erwartet hatten. Etwa drei Wochen nach Nitschmanns Abreise wurde ihm von dem neuen Gouverneur der Insel, Gardelin, angeboten, Haushofmeister bei ihm zu werden. Er nahm das Amt unter der Bedingung an, daß er dadurch in seinem Missionsberufe nicht beschränkt werden sollte. Er hatte jetzt ein glänzendes Auskommen, aber er fühlte sich nicht glücklich. In einem Briefe aus dieser Zeit spricht er mit Besorgniß und Scham über seine Stellung. Er sagt: „Die Schiffsleute, die mich bisher so verspottet hatten, verwunderten sich darüber, und preisten mich glücklich; mir aber war etwas ängstlich dabei, wiewohl mir mein Herr gleich Erlaubniß gegeben, zu gewissen Zeiten auszugehen, wohin ich wollte, wenn ich nur meine Sachen in Ordnung hielte. Da war ich nun einige Zeit, hatte Eine Tafel mit dem Gouverneur, und mit Einem Worte, wie die Leute sagen, was man sich wünschen kann. Ich schämte mich aber so sehr, daß es meinem ersten Plane nicht gemäß war, nämlich ein Sklave auf St. Thomas zu seyn; und die ganze Lebensart war mir so ungewohnt und unangemessen, daß ich manchmal ganz betrübt darüber war. Ich mußte mein Herz darüber zufrieden stellen, daß ich gewiß wußte, es wäre nach des Herrn Führung geschehen. Denn ich hatte einen festen Bund mit ihm gemacht, keine Condition bei irgend Jemand zu suchen, sondern mich kindlich und blindlings seiner Providenz zu überlassen.“

Nachdem er eine Krankheit zu Anfang des Jahres 1734 überstanden hatte, bat er Gardelin um seine Entlassung. nur ungern entließ ihn dieser. Am 19. Januar 1734 schieden die Beiden. Dober zog nach Tappus. Seinen Unterhalt verdiente er sich mit Wachen. Im Hause des Gouverneurs hatte er im Ueberfluß gelebt, jetzt war er wieder in Armuth versetzt; Brod und Wasser waren meist seine einige Kost. Doch das wog die Freude reichlich auf, daß er jetzt nach Herzenslust an seinen Negern arbeiten konnte. Ueber Anna und ihren Mann, der auch angefangen hatte, auf den Weg des Lebens zu merken, und über Abraham konnte er sich herzlich freuen. Denn es zeigten sich deutliche Spuren von ihrem Wachsthum in der Gnade und Erkenntniß des Heilands. Konnte Anna doch schon folgendes Bekenntniß ablegen: „Wenn ich die ganze Welt haben könnte, und mich das vom Heiland abhielte, so wollte ich mir nicht die Mühe geben, und sie ansehen.“ und ein anderes Mal, als Dober sich nach ihrem Befinden erkundigte, antwortete sie: „Gott sei Dank! ganz wohl. Ich habe zwar den ganzen Tag vor Arbeit keine Zeit gehabt, mein Gebet mündlich zu thun; ich habe aber allezeit in meinem Herzen zum Heilande gerufen. Ich danke Gott für seine Gnade, daß ich mitten unter Andern bei ihm seyn kann.“

Im April 1734 änderte sich Dobers Lage von Neuem. Er nahm das ihm angetragene Aufseheramt auf einer Baumwollenplantage an. Achtzehn Neger waren unter seine Leitung gestellt. Dies schien seine Missionsarbeit zu begünstigen. Während sich ihm sie eine schöne Zukunft eröffnete, waren die Boten schon unterwegs, ihn abzurufen. Er hatte nun schon anderthalb Jahre lang keine Nachricht von Herrnhut bekommen. Am 11. Juni hörte er, daß ein Schiff angekommen sei. Da er eine kleine Meile vom Hafen entfernt wohnte, so schickte er einen Neger dahin ab, sich zu erkundigen, ob für ihn Nachrichten angekommen wären. Weil ihm dieser zu lange blieb, so ging er am Abend selbst hinaus, und setzte sich an ein Wachtfeuer, um die Ankunft des Negers zu erwarten. Auf einmal stand sein Herzensfreund Tobias Leupold nebst zwei andern Brüdern vor ihm. Dobers Freude war groß; sein Geist wurde ganz lebendig. Sie brachten die ganze Nacht mit einander im Gespräch zu, und es dünkte ihnen, als wäre es nur eine halbe Stunde gewesen. Es waren im Ganzen 14 Brüder und 4 Schwestern angekommen, die eine Colonie gründen, und die Neger den Heilsweg lehren wollten. Aber Dobers Wunsch, mit ihnen die Mission zu treiben, blieb unerfüllt. Die Brüder brachten im seine Berufung zum General-Aeltestenamte in Herrnhut; die Gemeinde erwartete seine Abreise mit der nächsten Schiffsgelegenheit.

Dober mußte folgen, obgleich es ihm wehe that. Noch im Monat Juni trat er aus seinem Amt auf der Plantage, um den Brüdern in Tappus mit Rath und That beizustehn.

Rührend war der Abschied von seinen Negern. Unter vielen Thränen empfahl er sie im Gebet dem Herrn. Er ermahnte sie zur Standhaftigkeit, zur Treue, zum Bleiben in dem, was sie gelernt hatten. mit einem Negerknaben von sieben Jahren, Oly, bestieg er am 12. August dasselbe Schiff zur Heimreise, welches die andern Brüder nach Westindien gebracht hatte. Am 5. Februar 1735 langte er wohlbehalten in Herrnhut an.

Das ist der Anfang der Mission der Brüdergemeinde in Westindien. Wie klein, wie arm ist er! In zwei Jahren waren nur vier Seelen gewonnen. Aber außer ihnen fanden sich gar manche Herzen, auf die der gute Same, den Dober unter Gebet und Thränen ausgestreut hatte, nicht vergebens gefallen war, sondern in welchen er nach seiner Abreise aufging, wuchs und Frucht brachte. Dieser kleine Anfang ist zu einem großen, prächtigen Baum erwachsen, sodaß viele tausend Neger sich von Herzen zu ihrem Gott und Heilande bekehrt haben.

Dober blieb nach seiner Rückkehr nicht immer in Herrnhut. Von ihm ging der erste Versuch der Brüdergemeinde zu einer Mission unter Israel aus. In den Jahren 1738 und 1739 hielt er sich mit seiner Frau in Amsterdam auf, und harrte der Zeit, wo ihm die Thür zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel werde aufgethan werden. er wohnte in der sogenannten Judenhoeck in großer Armuth und saurer Arbeit, um sein eigen Brod zu essen, und verbrachte seine Zeit mit Beten, Weinen und Danken. Bezeichnend für ihn sind die Worte, die sich in einem seiner Briefe finden: „So herrlich es auch in der Gemeinde aussieht, so kann ich doch bei meinem Loose nicht fröhlich seyn, bis ich auch meinen Zweck an den Juden erhalten habe.“

Im Jahre 1741 legte er das bisher geführte General-Aeltesten-Amt nieder, und stand den Brüdergemeinen in England und Holland vor. Später wurde er zum Bischof der Brüdergemeinde geweiht. Er starb am 1. April 1766 zu Herrnhut. Wir müssen uns jetzt noch einmal nach David Nitschmann umsehen. Er wurde am 13. März 1735 in Berlin zum ersten Bischof der ev. Brüdergemeinde geweiht. Im J. 1742 war er zum zweiten Male in St. Thomas, und wurde auf der Rückreise nach Europa spanischer Gefangener. Die letzten Lebensjahre brachte er zu Bethlehem in Pennsylvanien zu, woselbst er schon früher Land gekauft, und die ersten Häuser hatte bauen helfen. Das Wohlergehn der Brüdergemeinde lag ihm sehr am Herzen, und wenn er etwas sah, oder hörte, das dem entgegen stand, so schmerzte es ihn auf das Empfindlichste. Er blieb unverrückt bei der alten Einfalt der ersten Brüder, und bei einer äußerst einfachen Lebensweise. Dabei war er ein abgesagter Feind alles Großthuns und jeder Gleichstellung mit der Welt. Ein Schlagfluß, der ihm die Zunge gänzlich lähmte, wurde nach einem nur dreitägigen Krankenlager in seinem 76. Lebensjahr die Veranlassung seiner Vollendung. Er starb am 8. Oktober 1772.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

Matthäus Stach

(geb. 4. März 1711, gest. 21. Decbr. 1781.)

Christian David, Christian Stach, Johann Beck und Friedrich Böhnisch, die ersten Missionare der Brüdergemeinde in Grönland.

Ob sie (die Weissagung) verziehet, so harret ihrer! Sie wird gewißlich kommen, und nicht verziehen.“ (Hab. 2, 3).

Auf ähnliche Weise, wie die Mission in Westindien, wurde auch die Mission der Brüdergemeinde in Grönland angeregt. Bei der Anwesenheit des Grafen Zinzendorf in Kopenhagen im Jahre 1731 hörte er nämlich viel von den Schwierigkeiten, mit denen der treue Missionar Egede in Grönland zu kämpfen hatte, und machte die Bekanntschaft von zwei getauften Grönländern. In jener Versammlung zu Herrnhut, in der er die Mission auf St. Thomas der Gemeinde ans Herz legte, erzählte er auch, was er von Grönland gehört hatte. Dadurch erweckte Gott in den Herzen der Brüder Matthäus Stach und Friedrich Böhnisch einen mächtigen Trieb, an der Bekehrung der Grönländer zu arbeiten. Sie theilten sich gegenseitig ihre Sehnsucht mit, vereinigten sich darüber im Gebet, und legten der Gemeinde ihren Wunsch schriftlich vor. Hier erhoben sich freilich viele Bedenken, sodaß ein Jahr verging, ehe sie abreisen konnten. Böhnisch hatte unterdeß eine andere Sendung übernommen. Deßwegen fand sich Christian David bereit, Matthäus und dessen Vetter Christian Stach zu begleiten. „Unsere Abfertigung, sagt Matthäus Stach, währte nicht lange; nur die zwei letzten Tage hielt der Graf mit mir einige gesegnete Unterredungen, besonders über die Bewahrung des Leibes und der Seele, die mir zu einem bleibenden Segen gereichten.“

Matthäus Stach war am 4. März 1711 in Mähren geboren. Sein Vater diente den dort zurückgebliebenen Brüdern, doch sehr in der Stille, im Wort und in der Lehre. Seine Kinder unterrichtete er selbst, weil er sie nicht in die katholische Schule schicken wollte. Einst sah er seinen Matthäus weinen. Als ihm dieser auf seine Frage antwortete: er weine, weil er ein so kleines Stück Kuchen bekommen hätte, sagte er: „Mein Sohn, wenn du so über deine Sünden weintest, das war die besser,“ und gab ihm noch ein Stück. Aber die Worte machten einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er von da an oft um seine Seligkeit bekümmert war. Im Jahre 1728 hörte er, daß ein Bruder aus Herrnhut nach Mähren gekommen war. Da entschloß er sich nebst zwei Andern, mit demselben nach Herrnhut zu gehen. Hier ging es ihm zuerst im Äußern, da er sich mit Wollespinnen ernähren mußte, sehr kümmerlich, sodaß er kaum das nothdürftige Brod verdienen konnte. Dies hatte ihm der Bruder schon in Mähren vorher gesagt; aber er war entschlossen, seine Seele zu retten, wenn er auch Hungers sterben sollte. „Dieser Entschluß, schrieb er hernach, fiel mir immer wieder ein; aber der liebe, himmlische Vater half von Zeit zu Zeit so, daß es nicht einmal bis zum Hungern kam.“ Von seinem innern Erlebnissen der damaligen Zeit schreibt er: Der Hauptpunkt in allen Versammlungen war, daß man nothwendig die Gewißheit der Vergebung der Sunden haben müsse. Wenn ich dann von Jemand erzählen hörte, was für Kummer und Angst bei ihm vorhergegangen sei, ehe er zu dieser Gewißheit gelangte, so nahm ich es als die Methode an, sich zu bekehren, und that, was ich nur thun konnte, mit Wachen, Fasten und Beten, um in mir eine genugsame Angst über meine Sünden zu erzwingen. Wo ich ging und stand, verfolgte mich das Gesetz, und je mehr ich mich darunter mühete, desto größer wurde meine ängstliche Ungewißheit. Wollte ich essen, so hieß es bei mir: Du sollst fasten! Wollte ich schlafen, so hieß es: Du sollst wachen! Wenn ich vor meinem Brette, worauf ich sonst schlief, auf den Knien lag und betete, dann sollte ich die Nacht hindurch fortbeten. Schlief ich dann darüber ein, dann war alle meine Hoffnung, jemals bekehrt zu werden, wieder verloren. In diesem Zustande schrieb ich an einen Arbeiter, und klagte ihm meine Noth. er antwortete unter Anderm: „Wenn dich hungert, so iß! Wenn dich dürstet, so trinke! Und wenn es Zeit zum Schlafen ist, so schlafe!“ Ich aber dachte, auf die Weise wird aus meiner Bekehrung Nichts, und fuhr fort, mich zu mühen, bis ichs so müde wurde, daß ich Alles aufgab, und zum Heiland schrie: „Ach erbarme dich meiner! Ich bin verloren!“ Und da trat der Freund meiner Seele, der mich gewiß sehnlich gesucht hatte, mir so lebhaft vor’s Herz, daß ich von Friede, Freude und Liebe auf eine nicht auszusprechende Weise durchdrungen wurde.“ Nun entstand auch bald der Trieb in seinem Herzen, das Evangelium unter die Heiden zu bringen. Als im Jahre 1733 der Ruf Gottes an ihn erging, unter die Grönländer zu gehen, griff er gleich mit beiden Händen zu.

Am 19 Januar 1733 reiste Stach mit seinem Vetter Christian Stach unter Begleitung des Bruders Christian David nach Grönland ab. Von Hans Egede, von dem an seinem Orte erzählt ist, freundlich empfangen, erbauten sie sich sogleich nach grönländischer Weise aus Rasen und Stein ein Haus, und nannten den Ort Neu-Herrnhut. Von ihrer damaligen Herzensstellung giebt ein Brief Zeugniß, den sie mit dem zurückkehrenden Schiffe an die Gemeinde schickten, dem wir folgende Stelle entnehmen: „Es heißt wohl recht bei uns: Verliere gar den Weg, nur nicht den Glauben! Ja hier ist der Weg noch gar verschlossen. Wir haben das zu unserer täglichen Loosung: Laß alle unsere Sinnen stille werden! Für unsere Person ist uns sehr wohl; aber unser Sinn geht dahin, Seelen zu gewinnen, und dazu können wir noch nicht kommen. Wir werden aber durch Gottes Gnade nicht verzagen, sondern der Hut des Herrn warten, und wollen von seinem Angesicht nicht weichen. Ist der Heiden Zeit gekommen, so muß die Finsterniß in Grönland Licht, und die Kälte selbst zur Hitze werden, und die eiskalten Herzen der Menschen erwärmen und zerschmelzen. Wir sind offenbar vor den Augen des Herrn. Alle Menschen halten uns zwar für Thoren, sonderlich die, die schon lange in diesem Lande gewesen sind, und dieses Volk kennen; aber wir freuen uns darüber und denken: wo der Durchbrecher ist, da muß Lust und Weg werden, wo es noch so verkehrt aussieht.“ – Ihr erstes Streben war nun, die grönländische Sprache zu lernen, worin Egede sie treulich unterstützte. Man kann sich aber denken, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten, die nie eine Grammatik gesehen hatten, und nun von einem dänischen Lehrmeister, dessen Sprache sie zugleich mit zu lernen hatten, die so sehr schwierige grönländische Grammatik lernen mußten. mit den Grönländern hatten sie wenig Gelegenheit zum Umgang, da diese beständig umherzogen, um dem Fischfang und der Jagd nachzugehen, und sich nicht bewegen ließen, bei ihnen zu wohnen. – Eine harte Prüfung ihres Glaubens war jener Ausbruch der Blattern, die ein grönländischer Knabe von Dänemark in sein Vaterland gebracht hatte, und die furchtbar verheerend um sich griffen. In der Gegend von vier Meilen um die Colonie belief sich die Zahl der Todten auf 500. Die Brüder nahmen so viel Kranke in ihre Wohnung, als sie konnten. Einige erkannten auch die Wohlthat dankbar an; allein, sobald sie gesund geworden waren, verließen sie die Brüder, ohne daß ihre Reden einen Eindruck auf sie gemacht hatten. Bei seinem Elend blieb das Volk in seiner geistlichen Stumpfheit. – Zudem wurden die Brüder nun selbst nach einander krank an einem Ausschlag, sodaß sie kaum die Glieder regen konnten, und oft das Bett hüten mußten. Doch konnten sie sich gegenseitig pflegen, und Egede bewies sich als treuer Freund in der Noth. In solchen kummervollen Umständen wurde das erste Jahr zurückgelegt, und das zweite angefangen. Da kamen ihnen noch zwei Brüder zur Hülfe, Friedrich Böhnisch und Johann Beck.

Zinzendorf, Erdmuthe Dorothea Gräfin von Zinzendorf, geb. Gräfin Neuß.

(Geb. 7. Nov. 1700, gest. 19. Juni 1756.)

Erdmuth Dorothea, Gräfinn Neuß, die Gemahlinn des Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf war eine der seltenen Frauen, welche den hohen Beruf ihres Gemahls, die Kirche Gottes auf Erden mit größter Selbstverläugnung bauen zu helfen, nicht bloß in seinem ganzen Umfange als einen gottgegebenen erkannte, und ihn darin unumgeschränkt gewähren ließ, nach Pauli Wort: „Die da Weiber haben, daß sie seyen, als hätten sie keine,“ sondern die auch sich selbst ihrem Gemahle zu einer Gehülfinn in seinem Berufe mit einer Opferfreudigkeit und Ausdauer ihr ganzes Lebenlang hingab, daß sie mit Recht eine Säugamme der Brüderkirche, und eine Fürstinn Gottes unter den Christen genannt wird. Nur durch eine solche Mitwirkung von ihrer Seite konnte er so Großes leisten, und ein solcher Vater für sein Brüdervolk werden, wie er selbst dankbarlichst bekannte.

Erdmuth Dorothea war eine Tochter des Grafen Neuß zu Ebersdorf, geboren am 7 November 1700. Von dem berühmten Hochmann von Hohenau, der einer ihrer Jugendlehrer war, schreibt sich ihr erster Eindruck von dem Verdienst Christi und dem hohen Werth seines Versöhnungs-Leidens her, welche Lehre sie hernach in der Brüdergemeine so stark unterstützt hat. Ihre Schwester, Gräfinn Benigna, hatte großen Antheil an der ihr im Jahre 1720 widerfahrenen Begnadigung.

Bei dem Besuche ihres Bruders, im Jahr 1721, hatte Graf Zinzendorf sie kennen gelernt, und in ihr die für ihn passende Gehülfinn erkannt. Da seine Verwandten mit dieser Wahl einverstanden waren, so erklärte er bei seiner Werbung um sie ihr sogleich mündlich, was für eine Gemahlinn er suche und nöthig habe. Seine Absicht mit einer Gemahlinn ginge eigentlich dahin, sowohl seinem jetzigen, als künftigen Vermögen, Unterthanen und Anstalten eine Hausmutter zu verschaffen, damit er für seine Person das Zeugniß Jesu, dem er bereits diene, freier und ungehinderter durch die Welt tragen könne. Wenn er durch einen künftigen Ehestand daran gehindert werden solle, so wolle er lieber ledig bleiben. Er machte darum auch seiner Braut sogleich mit seinem ganzen Vermögen ein Geschenk, und ersuchte sie, solches allemal zu obengenanntem Zweck zu verwenden, und wolle nicht über hundert Thlr. jährlich zu seinen Special-Bedürfnissen verlangen. Sie ging mit Freuden in seinen Plan ein, gestand ihrem künftigen Gemahl die volle Freiheit zu, seinem Herrn, ganz ungehindert von ihr, auch ohne die geringste Rücksicht auf sie, und künftige Familie, nach vollem Maße seines Erkenntnisses und innern Rufes zu dienen, und solchen Dienst in seiner Person so weit zu treiben, als es die Natur der Sache von Zeit zu Zeit erfordern würde.

Am 7. September 1822 erfolgte ihre Trauung. Ihre Ehe wurde mit 12 Kindern gesegnet, von denen jedoch nur 3 Töchter sie überlebt haben. Besonders vom Jahre 1727 an, wo Graf Zinzendorf seinen bleibenden Wohnsitz in Herrnhut nahm, wenn schon er sein Staats-Amt zu Dresden erst im Jahre 1732 förmlich niederlegte, übte sie das Amt der Hausmutter zum Dienst der armen mährischen Exulanten und aller ihrer andern Unterthanen, mit einer unvergleichlichen Gabe, nicht bloß in den ausgedehnten ökonomischen Angelegenheiten, sondern auch in der Seelenpflege unter ihrem Geschlecht, worin sie ihrem Gemahl eine treue und zuverlässige Mitarbeiterinn war. So war sie eine der Gemeinhelferinnen und Seelenpflegerinnen der Frauen der Gemeinde; so hatten sie eine der kleinen Gesellschaften weiblicher Seelen, Banden genannt, welche zur Besprechung ihres Seelenzustandes von Zeit zu Zeit zusammenkamen, unter ihrer Aufsicht.

Alle ökonomischen Gehülfen standen unter ihr; denn ihr und ihres Mannes Vermögen war der vornehmste Fond für die Oekonomie. Sie war auch Herrschaft von Herrnhut, besonders seit der Graf seine Güter im Jahr 1732 förmlich durch einen Kaufact ihr übertragen, und ihr hatte huldigen lassen. Ihr Haus war die Haupt-Werkstatt der ganzen Gemeinde, eine Wohnung der vornehmsten Arbeiter, und ein Ruheplatz der vielen Pilger. Für viele Hunderte Menschen mußte sie fortwährend sorgen.

Während der vielen, langen Reisen ihres Gemahls blieb alle Arbeit der Leitung und Verwaltung der Gemeinde fast allein auf ihren Schultern, so daß sie dadurch oft in große Noth kam. So z. B. bereitete ihr, während der Reise des Grafen nach Kopenhagen, im Jahr 1731, die Ankunft vieler mährischen Exulanten zu Herrnhut, Mißwachs und Theurung große Verlegenheit. Sie erfuhr aber auch dabei, daß der Herr treu ist, und die Last, die er auflegt, selbst tragen hilft. Der Graf dankte dem Herrn dafür bei seiner Rückkehr von Herzen, und Beide verbanden sich auf’s Neue, sich zum Dienste des Heilands und seiner Gemeinde noch kindlicher, herzlicher und einfältiger herzugeben.

In einem Liede singt er davon also:

„Nun haben wir die Hände eingeschlagen,
Und halten sie Dir, treue Liebe hin.
Wir schwören Dir den unverrückten Sinn,
Wir wollen uns um Dich mit Freuden wagen;
Man soll an uns nichts hören, merken, sehn,
Als was in uns durch Deinen Trieb geschehn.
Hier hast Du uns, und unsre lieben Kinder,
Dir uns nur lieb sind, wenn sie Dir gefall’n;
Wir woll’n mit Mund und Herz und That erschall’n
Von unserm guten Herrn und Ueberwinder;
Wir und der Zeugen ganze Gnadenfluth,
Wir bringen Dir, nimm’s, unser Gut und Blut!

Im Februar 1736 reiste sie mit ihrem Gemahl und ihrer ältesten Tochter Benigna und 12 Mitarbeitern nach Holland und Friesland. Als sie auf der Rückreise nach Hessen-Kassel kamen, erhielten sie von Herrnhut eine Abschrift des Königlich-Sächsischen Rescriptus, wodurch dem Grafen der Aufenthalt in Sachsen verboten wurde. Da zur selben Zeit eine Regierungs-Commission von Dresden zur Untersuchung der Brüdergemeinde nach Herrnhut abgehen sollte, so eilte die Gräfinn nach Herrnhut, um während der Verhandlungen der Commission gegenwärtig zu seyn, kam auch noch Einen Tag vor dem Eintreffen derselben an.

Dies Exil ihres Mannes beugte aber ihren Muth und ihre Freudigkeit für die Brüdergemeinde so wenig, wie bei ihm selbst. Sie erkannte vielmehr darin die gnädige Absicht ihres Gottes, durch das Exil ihres Mannes die Brüdergemeinde noch nach andern Ländern auszubreiten, wie es mit jener Verfolgung und Vertreibung der Apostel von Jerusalem Apgsch. 8 Statt hatte. Sie sang auf diese Begebenheit folgendes glaubensfreudige Lied:

1. Nun ist’s Zeit;
Völlig an das Licht zu gehn,
Denn der Herr macht offne Bahnen,
Und läßt uns ins Freie sehn.
Er steckt hie und da die Fahnen,
Machet Raum den Seinigen zum Streit;
Es geht weit.

2. Allemal
Wenn Er Seine Herrlichkeit
Auf besondre Art will zeigen,
Führet Er zur Niedrigkeit,
Und ein ganz besonders Beugen,
Die erfüllen soll’n der Zeugen Zahl

3. Allemal.
Und daß nun
Sie nichts mehr verhindern kann,
Recht in Kraft hervor zu brechen,
So erweitert Er den Plan,
Und führt sie auf weite Flächen,
Drauf sie können reiche Beute thun,
Eh’ sie ruhn.

4. Welch ein Loos
Haben wir in unserm Lauf!
Wir sind doch Herauserwählte,
Da kann man sich steifen drauf,
Und zu denen Mitgezählte,
Durch die Er sich, ob sie arm und bloß,
Machet groß.

5.O! man acht’t
Sich der Gnade ja nicht werth,
Daß man also wird erhöhet!
Man hält sich zu hoch geehrt;
Wer in diesem Sinne stehet,
Der will gern mit werden ausgelacht,
Und veracht’t.

6. Fahret fort,
Kehret euch an Niemand nicht!
Unser Aug’ bleibt an dem hangen,
Der auch Sein’s auf uns gericht’t.
Wir sind frei und doch gefangen;
Unsern Füßen leucht’t sein helles Wort
Immerfort.

7.Ei wie leicht
Trägt sich nicht die schöne Schmach
Unserer verwund’ten Liebe!
Und wie frisch geht man ihr nach!
Dahin gehen unsre Triebe.
Ist wohl was, das dieses übersteigt?
Und ihm gleich?

8. Wohl uns nun
Ueber diese Seligkeit!
Da wir so viel Luft bekommen,
Und die Wege sind bereit’t,
Auch viel Hindrung weggenommen,
Woll’n wir treulich das Befohlne thun,
Und nicht ruhn!

Statt daß die Gräfinn nun, bei ihrem schwächlichen Körper, auf ihren Gütern zu Herrnhut geblieben wäre, wo sie auch für die Gemeinde viel Nutzen stiften konnte, zog sie vor, das vielerlei Ungemach und die Beschwerde des Exils mit ihrem Gatten zu theilen, so weit es irgend möglich war. So zog sie mit ihm und den Kindern auf die wüste Ronneburg in der Wetterau, und half da ihrem Manne an den vielen verkommenen Armen und Elenden, die dort wohnten, missioniren. Zugleich war sie der mütterliche Mittelpunkt der Pilgergemeinde, die sich um ihn herum sammelte, wo der Graf seinen Wohnsitz aufschlug. Hier waren die Brüder und Schwestern, die er im Dienst des Herrn aussandte; hierher kamen sie, wenn sie von den auswärtigen Stationen zurückkehrten. So füllten denn immer Schaaren von Pilgern das Haus, für deren Nothdurft sie nicht nur nach Vermögen, sondern auch über Vermögen sorgte. Sie wußte dabei Alles so weislich und sparsam einzurichten, daß mit Wenigem Viel geschah, und man pilgermäßig auskam. Wer von den Pilgern noch etwas eigenes hatte, der schaffte sich selbst seine Kleidung und andere geringere Bedürfnisse an; wer aber nichts hatte, dem wurde geholfen, so gut man konnte. Wer eine Gabe zum Dienen hatte, der wurde dazu gebraucht, nahm aber keinen Lohn. So war es auf der Brüder, und auch auf der Schwestern Seite.

Als der Graf in diesem Jahre nach Liefland reiste, in Folge vieler Einladungen von dort, blieb sie mit ihren Kindern und der Pilgergemeinde auf der Ronneburg. Allein die Landes-Herrschaft, der Graf von Ysenburg Wächtersbach, hatte sich von den Feinden der Brüder so gegen sie aufbringen lassen, daß er ihr plötzlich befahl, mit ihrer ganzen Pilgergemeinde die Ronneburg zu verlassen. Obgleich ihre jüngste Tochter in diesem Momente so krank lag, maß man alle Stunden ihr Scheiden erwartete, und obgleich sie noch kein Plätzchen zum künftigen Aufenthalte für sich und ihre Familie hatte, so machte sie sich doch am 11. Oktober mit den Ihrigen auf den Weg, nachdem sie vorher mit den bei ihr anwesenden Brüdern und Schwestern sich dem Heiland zu Füßen geworfen, und der Baron Friedrich von Wattewille, in einem herzlichen Gebet, wobei sich keines der Thrähnen enthalten konnte, nicht nur die abreisende Gesellschaft, sondern auch die auf der Ronneburg zurück bleibenden Seelen dem Herrn empfohlen hatte.

Sie selbst schreibt davon: „Mein Herz war sonderlich ganz zermalmt vor dem Heilande, um vieler Ursach wegen, und ich bat Ihn, daß er uns immer hinten nach sollte sehen lassen, und Ihm vorher danken, und daß Er auch die so viele und mancherlei Proben in- und äußerlich, die ich da erfahren, zu meinem wahren Nutzen und Seiner Verherrlichung möge gereichen lassen.“ Als die Schwestern, die sie bei sich hatte, zu Fuß nachfolgten, gingen die Mägdchen (auf der Ronneburg) unter vielem Weinen zur Begleitung mit, und versprachen dem Heiland treu zu bleiben. Sie kam dann nach Lindheim zu dem Baron von Schrautenbach, und wurde mit vieler Liebe aufgenommen, resolvirte aber, sich für die Zeit nach Frankfurt a. M. zu begeben, was am 15. Oktober erfolgte. Daselbst richtete sie sich mit ihrer Familie ein, doch sehr pilgermäßig. Wenige Tage darauf kamen viele Leute, und baten wieder um eine Versammlung. Sie schreibt davon: „Wir waren drei Stunden beisammen, und discurrirten mit einander von dem ganzen Grunde der Seligkeit, und es war sehr herrlich und gesegnet. Am 27. hörten wir, daß sich einige schon darüber aufhielten, daß die Separatisten zum Theil bei uns aus- und eingingen. Herr Jesu, lehr’ mich wandeln in deiner Augen Licht!“

Uebrigens war die Gräfinn mit ihrem ganzen Hause (denn die Brüder und Schwestern, die mit ihr auf der Ronneburg gewohnt, kamen auch mit nach Frankfurt) im Herrn vergnügt. Sie verbanden sich bei einem Liebesmahl allerseits mit einander, dem Heiland treulich anzuhangen und zu dienen, und in ungestörter Bruderliebe bei Ihm auszuhalten. Tiefes Leid fühlte ihr Mutterherz durch das frühe Sterben vieler Kinder. Ein Kind, Christian Ludwig, hatte sie schon im Mai d. J. auf der Ronneburg durch den Tod verloren, außerdem früher noch vier, Christian Ernst im J. 1724, Christian Friedrich im J. 1729, Johann Ernst im Mai 1732 und Theodora Caritas im Decbr. 1732.

In der letzteren Tochter, welche nur 2 Jahre und 2 Monate alt wurde, hatte sich außerordentlich früh eine kindliche Frömmigkeit mit geistiger Reife entwickelt, so daß sie ihren Aeltern große Freude machte. Sie sang sehr gerne geistliche Lieder selbst mit schweren Melodien, und Vater und Mutter mußten oft mit ihr singen. Mama fragte sie einmal: „Wo bist Du gewesen?“ „Bei dem Heiland und bei dem Papa!“ antwortete sie. Sie hatte den Vater im Gebete angetroffen. Wenn sie etwas versehen hatte, fiel sie gleich auf ihre Kniee, und bat es dem Heilande ab. Auch ihrem Papa, Mama, und Andern pflegte sie ihre Versehen abzubitten, ohne dazu angetrieben zu werden. Auch vergaß sie nicht in ihren kindlichen Gebeten die ihr bekannten Brüder und Schwestern. Als sie sich zu ihrer letzten Krankheit legte, sang sie auf dem Sterbebett:

„Mein Heiland, nimm mich ein zur Ruh,
Und mich in Dich recht füge!
Thu’ Du mir selbst die Sinne zu,
Und seh Du meine Wiege!“

Dies war damals der gewöhnliche Vers bei der Einsenkung der Kinder ins Grab.

Zu Ende des J. 1836 reiste die Gräfinn mit ihrem Gemahl nach Marienborn und nach Holland, und als er von da nach London überschiffte, kehrte sie nach Frankfurt a. M. zurück.

Die ersten Monate des J. 1738 brachte sie mit ihm in Berlin zu, und als er die westindische Reise nach St. Thomas gegen Ende des Jahres unternahm, von wo sie wenig Hoffnung haben konnte, ihn wiederkommen zu sehen, da war sie so wenig betrübt, daß sie in ihrem Glaubensmuthe vielmehr das schöne Lied sang:

1. Willst Du nun Botschaft gehen?
Ist’s nun des Herren Wille;
So will ich in der Stille
Derweile zu Ihm flehn,
Daß, weil Er dich geheißen,
Nach Indien zu reisen,
Er alles laß’ geschehn,
Was Er dadurch erseh’n.

2. Ich bleibe dann zurück,
Und seh dir nach mit Beugung,
Doch auch mit Ueberzeugung
Von deinem Zeugenglück.
Hier soll Natur ersterben,
Und gehen in’s Verderben,
Weil ich in diesem Stück
Nur auf die Sache blick’. –

3.Ich gebe Dir die Hand,
Ich will des Heilands bleiben,
Und seine Sache treiben
In meinem schwachen Stand.
Du gehest dann dann schon weiter,
Und bist Sein Wegbereiter,
Durch Wasser und zu Land:
Sein Sinn ist Dir bekannt.

4. So ziehe denn nun hin
Mit tausendfachen Segen,
Auf den beschwerten Wegen!
Du siehst schon den Gewinn,
Den Du, beim Ueberlassen,
Wirst mit den Händen fassen.
Du weißt des Heilands Sinn,
Und hast Befehl von Ihm.

5. Der Herzog über’s Heer,
Der Hirte seiner Heerde,
Der König Seiner Erde,
Der Herrscher über’s Meer,
Leit’ dich durch Wind und Wellen,
Mit Deinen Reis’gesellen,
In Gnaden hin und her,
Als Seinen Wanderer.

6.Er stärk’ auch euren Muth!
Geht, schaut auf die Gefilde,
Und sehet, ob das Milde,
Das theure Gottesblut,
Die Saaten dort befeuchtet?
Ob’s Wundenlicht hell leuchtet?
Was sonst für Wunder thut,
Dies unschätzbare Blut.

7.Seht nach der schwarzen Schaar,
Ob die gewachsen worden?
Ob sie im Sünderdorden?
Und seht ihr, daß es wahr;
So stärket auch die Brüder,
Die dort sind hin und wieder;
Seht ihr was in Gefahr,
So macht es ihnen klar!

8.Wenn alles ausgericht’t,
So kommet als die Tauben,
(Wie, s dann´allzeit geschicht,)
Zu euren Fenstern wieder,
Und sehet, wie die Glieder,
Die Zeit sich eingericht’t;
Gebt ihnen dann Bericht!

9. So wollen wir das Lamm
Mit Einem Munde loben,
Daß es so manche Proben,
So treu, so wundersam,
Hat helfen überstehen;
Wir wollen es erhöhen.
Es brenn’ dann Eine Flamm’
Vor unserm Bräutigam!“

Tags drauf sandte er ihr zur Antwort nachstehendes Lied, aus dem wir die hohe Verehrung ihrer großen Eigenschaften, die er ihr zollte, und die selige Geistes-Gemeinschaft, auch in der Opferfreudigkeit, ersehen, welche bei in dem Dienst ihres Heilandes zeigten.

1. Das ist Dein Gesinde,
Du geschlacht’ tes Lamm!
Sende doch geschwinde
Deines Herzens Flamm’,
Und entzünd’ uns beide,
Die Du in der Welt
Sich zu Leid und Freude
Hattest zugesellt!

2. Deine Wegen gehen
Wir schon sechszehn Jahr,
Lamm!, und wir verstehen
Dich nun ziemlich gar.
Ich bin ganz zufrieden;
Meine Schwester auch,
Wie Du nun beschieden,
Reich zum Brauch.

3. O Du Herzenskönig!
Was machst Du das Jahr?
Itzo geht’s ein wenig,
Wie’s vor Alter war,
Wenn die Patriarchen
Deinen Sinn bedacht,
Und bei Deinen Archen
Heiliglich gewacht.

4.Meine Ehgenossinn,
Der Dein heiliges Blut
Längst ins Herz geflossen,
Fühlt den Zeugenmuth.
Du willst, daß ihr Bruder,
Der ihr lieb und werth,
Weg vom Kirchenruder,
In die Inseln fährt.

5. Und das größte Wunder,
Bei der Sache ist,
Daß der Liebeszunder,
Mehr entglommen ist,
Als er, weil wir leben
Jemals noch gewes’t,
Und uns gern drein geben,
Wie Du alles drehst.

6.Ueber dieses bleibet’s
Beim Ergeben nicht;
Denn die Gnade treibet’s
In ein höher Licht.
Meine Hochgeliebte
Mitmagd, Schwester, Frau,
Die so manches übte
In der Wetterau; – –

7.Ist bei meiner Reise
Noch dazu erfreut,
Und auf eine Weise,
Fertig und bereit,
Mir mein Glück zu gönnen,
An der Kreuzes Fahn’
Daß ich sie kaum kennen
Und begreifen kann.

8. Meine Herzensschwester!
Du bist wirklich so,
Wie die Fürstinn Esther,
Deines Stand’s recht froh.
Unter Centnerlasten
Stehst Du aufgericht’t,
Als wenn sie dir paßten;
Ja, sie drücken nicht. – –

9. Einen Blick der Freude,
Und der Innigkeit,
Sah man, wenn wir beide
Eine kurze Zeit
Von einander waren,
Und uns wieder sahn,
In den sechzehn Jahren
Dir beständig an. – –

Während Graf Zinzendorf in Westindien ist, hält sie sich in Marienborn auf, wo sie mehrere Jahre bleibt. Im Jahr 1741 reist sie mit ihm und der Pilgergemeinde nach Genf. Im Jahr 1742, während er die zweite Reise nach Amerika macht, in Begleitung der ältesten Tochter Benigna, wird sie vom Zeugengeist so mächtig ergriffen, , daß sie im Interesse der Gemeinde größere Reisen, nicht bloß Reisen nach Ebersdorf, Herrnhut und Berlin macht, sondern auch nach Dänemark und nach Liefland, theils um Vorurtheile und Beschuldigungen, gegen die dortigen Brüder zu widerlegen, theils um diese unter den Anfeindungen von außen zu stärken.

Auf dem Schloß Hirschholm bei Kopenhagen erhielt sie auf der ersten Reise eine Privat-Audienz bei der Königinn von Dänemark.

Auf der letzteren Reise machte sie in Liefland, wo die vielfach gedrückten Brüder sie mit Sehnsucht erwartet hatten, große Freude. Schon vor ihrer Abreise von Herrnhut erhielt sie die Nachricht, daß ihr jüngster 4jähriger Sohn David zu Marienborn heimgegangen sei, und in Liefland wurde ihr der unterdeß erfolgte Heimgang ihrer zu Herrnhut zurückgebliebenen 5lährigen Tochter, Johanna Salome, gemeldet. Wegen der bedenklichen Lage der Brüder in Liefland und der Anschwärzung derselben bei der Regierung reiste sie nach Petersburg, um eine Audienz bei der Kaiserinn zu erhalten. Man erwies ihre große Höflichkeiten von Seiten des Kanzlers Bestuchev und Andrer, ließ sie aber nicht zur Audienz bei der Kaiserinn kommen. So verließ sie Petersburg wieder. Kaum aber hatte sie die russische Grenze passirt, so erreichte sie ein Kaiserlicher Eilbote, der sie zu bereden versuchte, wieder zurückzukehren: „Die Kaisersinn wolle sie sehen.“ Sie hatte aber nun schon 100 Meilen zurückgelegt, und ihr Scharfblick sah bei dieser Einladung so viele Bedenken, daß sie sich entschuldigte, und entschlossen weiter nach der Heimath reiste. Sie war wirklich als eine Stifterinn der neuen Secte und der liefländischen Unruhen angegeben, und da hätte die in Aussicht gestellte Untersuchung ihr übel genommen werden können. – Bis zum Jahr 1745 behielt sie die Oberaufsicht über die ganze Oekonomie der Brüder, wo ihre zunehmende körperliche Schwachheit sie nöthigte, diese Last abzugeben, was ihr Gemahl auf tiefste bedauerte, und was freilich auch nicht zum zeitlichen Vortheil der Brüder diente. In den Jahren 1745 und 1746 reiste sie mit ihm nach Holland. Im Jahr 1748 wohnt sie im Herrnhaag, während er in England ist. Im Jahr 1750 reist sie zu ihm nach England, ebenso im Jahr 1752, als ihr die tödtliche Krankheit ihres dort bei dem Vater verweilenden einzigen Sohnes, Christian Renatus, gemeldet wird. Sie findet ihn nicht mehr lebend, was ihr Mutterherz auf’s allertiefste verwundet. Denn er war der einzige Sohn, der zu reifen Jahren gekommen war, eine tiefe Herzensfrömmigkeit besaß, und darum von Vater und Mutter auf’s zärtlichste geliebt wurde. Er war nicht bloß ein treuer Vorsteher der lebendigen Brüderchöre, sondern auch dem Vater ein sehr thätiger Gehülfe in der Correspondenz und anderen Amts-Geschäften.

Sie hatte ihre 3 erwachsenen Töchter Benigna, Marie Agnes und Elisabeth schon frühe zu Gehülfinnen bei den lebendigen Mädchen-Chören der Gemeinde heran gebildet, weil sie nichts Seligeres und Heiligeres kannte, als sich mit all ihren Kindern in den Dienst des Herrn zu stellen.

Seit dem Tode ihres Sohnes zog sie sich, so viel zu konnte, in die Stille zurück. Auch ihre Kräfte nahmen in diesen Jahren merklich ab. Anfangs Juni 1756 wohnte sie noch den ersten Sitzungen der in Berthelsdorf eröffneten General-Synode bei, entschlief aber darauf am 19. in Folge der überhand nehmenden Schwäche sanft und selig, ohne besondere vorhergegangene Krankheit, in ihrem 53. Lebensjahre. Die Gemeine in Herrnhut weinte der Seligen mit dem Grafen und den zur Synode versammelten Arbeitern unzählige Thränen der Liebe und des Schmerzes nach. Am 25. Juni wurde die entseelte Hülle dieser Magd des Herrn, bei einem feierlichen Leichenbegräbniß, unter zahlreicher Begleitung, auf dem Gottesacker der Herrnhutischen Gemeinde zur Erde bestattet.

Der Graf verfertigte ihr folgende Grabschrift:

Hier liegt
seit dem 25. Juni 1756
vor eine bestimmte Weile
der Leichnam der Gräfinn
Erdmuth Dorothea
von Zinzendorf und Pottendorf,
gebornen Gräfinn Reuß,
einer Fürstinn Gottes unter uns,
und der Säugamme
der Brüder-Kirche im 18. Seculo.
Das Blut Jesu Christi hat ihn versöhnt,
Sein Geist hat ihn bewohnt,
und das Korn seines Leichnams
verklärt ihn.
Denn er selbst ist die Auferstehung.
Das Leben war auch todt.
Sie war geboren den 7. November
1700
und entschlief den 19. Juni
1756.

Was den Werth und Charakter seiner treuen Gehülfinn betrifft, so hatte der Graf schon während ihrer Lebzeit in mehreren Liedern davon gerühmt. Außerdem ist noch die Erklärung merkwürdig, welche er darüber im Jahr 1757 in den naturellen Reflexionen giebt:

„Ich habe 25 Jahre aus Erfahrung gelernt, daß die Gehülfinn, die ich habe, die einzige gewesen, die von allen Ecken und Enden her in meinen Beruf paßt. Wer hätte sich in meiner Familie so durchgebracht? Wer hätte vor der Welt so unanstößig gelebt. Wer hätte mir in Ablehnung der trockenen Moral so klug assistirt? Wer hätte den Pharisäismus, der sich alle diese Jahre hindurch immer herbei gemacht, so gründlich gekannt? wer hätte die Irrgeister, die sich von Zeit zu Zeit so gerne mit uns vermengt hätten, so tief eingesehen? Wer hätte meine ganze Oekonomie so viele Jahre so wirthschaftlich und so reichlich geführt, wie es die Umstände erfordert? Wer hätte mir den Detail des Hauswesens so ungern und doch so noble gelebt? Wer hätte so à propos niedrig und hoch seyn können? Wer hätte bald eine Dienerinn, bald eine Herrinn repäsentirt, ohne weder eine besondere Geistlichkeit zu affectiren, noch zu mundanisiren? Wer hätte in einer Gemeine, wo sich alle Stände beeifern, einander gleich zu werden, aus weisen und realen Ursachen, eine gewisse Distinction von außen und innen zu mainteniren gewußt? Wer hätte zu Land und See solche erstaunliche Mitpilgerschaften übernommen und soutenirt? Wer hätte die Welt so à propos zu ehren und zu verachten gewußt? Wer hätte, unter so mancherlei fast erdrückenden Gemeinumständen, sein Haupt immer emporgehalten und mich unterstützt? Wer endlich unter allen Menschen hätte ereignenden Falls ein wahreres, ein plausibleres, ein überzeugenders Zeugniß von meinem innern und äußern Privatwesen ablegen können, als eine Person von ihrer Capacität, von ihrer Noblesse, zu denken, und von ihrer Unvermengtheit mit allen den theologischen Vorgängen, in die ich verwickelt worden?“

Spangenberg giebt noch folgende treffende Schilderung von der Gräfinn:

„Die selige Frau Gräfinn, deren Charakter mir nicht nur durch Zeugnisse vieler Andern, sondern auch aus eigener Erfahrung bekannt worden ist, hatte an Gnade und Gabe etwas Ungemeines, und ihre lobenswürdigen Eigenschaften bleiben bei Allen, die sie kennen gelernt haben, unvergessen. Sie stammte aus einer Familie, die Gottes Wort in Ehren hielt, und bei der die Kinder und Diener Jesu, wenn sie auch sonst mit Schmach bedeckt waren, lieb und werth gehalten wurden. Sie war in der heiligen Schrift sehr geübt, und hatte die Gotteswahrheiten, worauf sich unser Glaube und Wandel gründet, in einem trefflichen Zusammenhang inne. In andern Wissenschaften war sie nicht unbekannt. Dem Leibe nach war sie schwächlich; aber an Gemüth und Verstand stark und doch dabei von kindlicher Einfalt. Ihre Denkweise war gründlich und zugleich sehr lebhaft. So abgemessen ihre Reden und ihre schriftlichen Ausdrücke waren, so eindrücklich und begnadigt waren sie. Im Umgang distinguirte sie sich, und war doch herablassend gegen Jedermann. Sie war in schweren Umständen muthig und getrost, und im Rathgeben besonders glücklich. In kleineren Ausgaben war sie sehr sparsam und wirthschaftlich; wenn es aber die Sache des Heilandes erforderte, so war sie willig und bereit, nicht nur nach Vermögen, sondern über ihr Vermögen zu thun. Sie wußte das Vergangene mit dem Gegenwärtigen weislich zusammen zu halten, und daraus Schlüsse aufs Künftige zu machen, die gemeiniglich pünktlich eintrafen. Kurz: sie war eine Fürstinn Gottes unter ihrem Volk, in einem patriarchalischen Sinn, da sie in der That eine gesegnete Dienerinn desselben war; gegen die Elenden und Nothleidenden mitleidig und mütterlich, und um das Kleinste, wie um das Größte besorgt; daher man sie auch nur die Mama nannte; doch ihre Bedienten und Unterthanen blieben in gehörigem Respect gegen sie. Das Köstlichste von Allem, das von ihr gesagt werden kann, war, daß ihr Herz mit einer sehr zärtlichen Liebe am Heiland hing, mit dem sie in einem kindvertraulichen Umgang ihre liebsten Stunden zubrachte. – Es heißt von vielen Menschen: Man weiß nicht, was man an ihnen hat, so lange sie da sind; wenn sie aber nicht mehr da sind, so siehet man es erst. So war es nicht in Absicht auf die selige Frau Gräfinn. Man wußte, was man an ihr hatte; sie war erkannt, geliebt und geehrt. – Die Güte, Treue und Weisheit des Herrn hat sich in Absicht auf unsern Grafen sonderlich darin geoffenbart, daß Er ihm diese Gemahlinn gegeben. Sie war ihm zur Erreichung des Endzwecks, den der Heiland mit ihm hatte, schlechterdings, nach unsrer Denkart, unentbehrlich, und ihm war am besten bewußt, was er seit 34 Jahren an ihr gehabt hatte. –

Man kann es bei manchen Ehen als eine Schönheit ansehen, wenn der Mann so viel Vorzügliches vor seiner Frau hat, daß sie sich, ohne über die Dinge selbst viel zu denken, von ihm so kann leiten und führen lassen, als ob er ihr Vater wäre. So war es aber nicht mit unserm Grafen und seiner Gemahlinn. Sie war nicht dazu gemacht, eine Copie zu seyn, sondern war ein Original; und ob sie gleich ihren Gemahl von Herzen liebte und ehrte, so dachte sie doch selbst über alle Dinge mit so viel Verstand, daß er sie in dem Theil mehr als Schwester und Freundinn anzusehen hatten. Er that es wirklich, und das war auch eine Schönheit von einer andern Art. Sie nahm ihrem Gemahl nicht nur die Last der Besorgung der ökonomischen und herrschaftlichen Geschäfte ab; sondern war ihm auch eine treue, weise und gesegnete Gehülfinn in den Dingen, welche er als Objecte seines eigentlichen Berufes angab. Der Heiland war mit ihr, und bekannte sich zu ihr, wenn sie als Helferinn der Gemeine etwas in die Hände nahm. Sie hatte ein offenes Ohr für Alles, was Rath und Trost brauchte. Zuweilen machte sie sich schwere Stunden durch unnöthige Verlegenheit; welches sie hernach, wen sich die Wolken verzogen, und sie die Sache im rechten Licht sah, selbst erkannte, und darüber beschämt war. Gegen ihre Kinder bewies sie sich als eine zärtliche, sorgfältige, verständige und unermüdet treue Mutter. Von 12 Kindern, 6 Söhnen und 6 Töchtern, haben sie nur 3 Töchter überlebt. Ihren Sohn Christian Renatus konnte sie nicht vergessen, und hatte von der Zeit seines Todes an nicht viel Neigung mehr, sich mit Geschäften abzugeben, sondern war, wie ein Müdes, das sich nach der Ruhe sehnt. Aus ihren Liedern, die zum Theil gedruckt sind, sieht man deutlich, daß unser Herr Jesus Christus und Sein für uns zur Vergebung der Sünde vergossenes Blut der alleinige Grund war, worauf sie als eine arme Sünderin sich gründete. Sie hatte dieses nicht nur im Kopfe, sondern auch im Herzen, und daraus floß ihr Bestreben, dem Heiland zu dienen, und sein Herz zu erfreuen. Sie lebt nun in ungestörtem und vollkommensten Genuß dessen, was ihr derselbe durch Sein Leiden und Sterben erworben hat.“ eine seltene köstliche Mischung in ihrem Charakter dürfen wir zum Schluß nicht unerwähnt lassen, den heldenmüthigen Zeugen-Geist, der sie zu weiten, beschwerlichen Reisen trieb, um Seelen für das Lamm werben zu helfen, und das innigste, zarteste Gemeinschafts-Leben mit ihrem geliebten Seelen-Bräutigam in seligster Stille.

Der erstere Geist spricht sich aus in dem kleinen folgenden Liede, wo man eine Debora, die Mutter in Israel, glaubt mächtig in die Saiten greifen zu hören, aufrufend zu heiligem Streit:

1.Wasser brause, das die Welt umgeht!
Odem sause, der die Welt durchweht!
Gottes ganze Dienerschaft,
Auf! und alle eure Kraft
Aufgeboten, daß ihr Ihn erhöht!

2.Das ist Klarheit, was sich offenbart;
Das ist Wahrheit, was den Grund bewahrt;
Das ist Einfalt, welch ein Wort!
Das ist rechter Zeit und Ort,
So ist’s, wie es soll in seiner Art.

3.Herrnhut, weißt du, Schein vom Morgenstern!
Warum heißt eine Hut des Herrn? –
Daß in dir bei Tag und Nacht
Werde unserm Herrn gewacht;
Und Gottlob! wir rühren uns ihm gern.

4.Weiser Meister, fördre unsern Lauf!
Deine Geister freun sich alle drauf,
Die Dich ohne Aufenthalt
Loben, göttliche Gestalt!
Die Register zeuch du selber auf!

Der kindlich-selige Geist der Gemeinschaft mit ihrem Heilande tönt aus folgendem Liede:

1. Ach, mein Herr Jesu! dein Naheseyn
Bringt großen Frieden in’s Herz hinein,
Und dein Gnadenanblick
Macht uns so selig,
Daß auch’s Gebeine darüber fröhlich
Und dankbar wird.

2.Wir sehn dein freundliches Angesicht,
Voll Huld und Gnade, wohl leiblich nicht;
Aber unsre Seele
Kann’s schon gewahren;
Du kannst dich fühlbar g’nug offenbaren,
Auch ungesehen.

3.O, wer nur immer bei Tag und Nacht
Dein zu genießen recht wär‘ bedacht:
Der hätt‘ ohn Ende
Von Glück zu sagen,
Und Leib und Seele müßt‘ immer fragen:
Wer ist wie du?

4.Barmherzig, gnädig, geduldig seyn,
Uns täglich reichlich die Schuld verzeihn,
Heilen, stillen, trösten,
Erfreun und segnen,
Und unsrer Seele als Freund begegnen,
Ist deine Lust.

5.Ach gieb an deinem kostbaren Heil
Uns alle Tage vollkomm’nern Theil,
Und laß unsre Seele
Sich immer schicken,
Aus Noth und Liebe nach dir zu blicken
Ohn Unterlaß!

6.Und wenn wir weinen, so tröst‘ uns bald
Mit deiner Gnad‘ und Friedensgewalt;
Laß dein Bild uns immer vor Augen schweben,
Und ein wahrhaftiges In-uns-leben
Zu sehen seyn!

7.Ein herzlich Wesen und Kindlichkeit
Sei unsre Zierde zu aller Zeit,
Und die Tröstung
aus deinen heiligen Wunden
Erhalt‘ uns Frieden zu allen Stunden
Bei Freud‘ und Leid!

8.So werden wir bis in Himmel hinein
In dir vergnügt wie die Kinder seyn.
Muß gleich unser Auge
Sich manchmal netzen, –
Wenn sich das Herz nur an dir ergötzen
Und stillen kann!

9.Du reich’st uns deine durchgrab’ne Hand
Die so viel Treue an uns gewandt,
Daß wir bei’m Gedächtniß
Beschämt dastehen,
Und unser Auge muß übergehen
Vor Lob und Dank.

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859

Nikolaus von Zinzendorf

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Reichsgraf und Herr von Zinzendorf und Pottendorf

Erneuerer der alten Böhmisch-Mährischen Brüderkirche.

(Geb. den 26. Mai 1700, gest. den 9. Mai 1760.)

Die Familie Zinzendorf, seit den Kreuzzügen rühmlich in der Geschichte Oestreichs bekannt, hatte um ihres Glaubens willen Güter und Ehrenstellen verlassen, um in evangelischen Landen frei nach ihrem Bekenntnisse zu leben. Ansehen vor der Welt und Herzensfrömmigkeit walteten seit langer Zeit in dieser Familie. Georg Ludwig, sächsischer Minister zu Dresden, ein Mann von gediegenem Charakter und aufrichtiger Frömmigkeit, ehelichte 1699 Charlotte Justine, Freiinn von Gersdorf. Den Neuverbundenen wünschte ihr Hausfreund Spener, „daß es ihnen gelingen möge, die etwa geschenkten Kinderlein dem Herrn wieder zu schenken.“ Am 26. Mai 1700 erhielten sie ein Söhnlein, unsern Nikolaus Ludwig. Die Mutter schrieb den Tag der Geburt nach alter Sitte in ihre Hausbibel, darunter die Worte: „Der barmherzige Gott regiere dieses Kindes Herz, daß es in den Wegen der Tugend unsträflich einhergehe! Er lasse kein Unrecht über den Knaben herrschen, und seinen Gang gewiß seyn in seinem Worte, so wird es ihm an keinem Guten fehlen, hier zeitlich und dort ewiglich!“ Als da Kind zur Taufe gebracht werden sollte, da baten die Aeltern auch den frommen Spener zur Pathenschaft, auf daß sein Vorbild und Gebet den jungen Grafen zum Guten reize. Schon 6 Wochen nach diesem frohen Ereigniß mußte man das Kindlein ans Sterbebett des noch in voller Manneskraft stehenden Vaters tragen, damit er es segne. „Ich soll dich segnen, mein Sohn? Spricht der sterbende Vater, und du bist jetzt schon seliger, als ich, ob ich gleich bereits vor dem Throne Jesu stehe.“ Segens-Wünsche strömten reichlich von seinem erblassenden Munde, derer die Umstehenden nimmer vergessen konnten. Da war auf die kurze selige Freude der Aeltern gar bald bittere Trauer gefolgt. Die junge Wittwe zog nun mit ihrem Säugling aus dem geräuschvollen Dresden auf da stille, abgelegene Landgut Groß-Hennersdorf zu ihren Aeltern. Das Kind schien jetzt recht übel daran zu seyn. Doch Gott ist ja der Wittwen und Waisen Vater. Was uns zuerst dünkt Traurigkeit zu seyn, wird hernach eitel Freude. Statt des geräuschvollen, versuchlichen Dresdens stellte Gott die Wiege des Kindes auf stillem Lande in das gar fromme Gaus der Großeltern, wo der Geist Spener’s Franke’s, Canstein’s und andrer Gottes Gottes-Männer, die dort aus- und eingingen, wehte. Die Mutter verheirathete sich nach einiger Zeit wieder; das Kind aber blieb in Hennersdorf. Die Großmutter und Tante Henriette, wozu noch ein treuer Lehrer, Edeling, angenommen wurde, leiteten die Erziehung. Die glaubenssinnige Tante machte es sich zur schönen Pflicht, des Morgens und Abends mit dem Kinde zu beten, und gewann so sein Vertrauen, daß es sein Herz frei von ihr ausschüttete, und ihr sein Gutes, wie Böses, offen bekannte. Es trugen dann gemeinschaftlich in innigem Gebet da H dem Heiland hin. Auch Edeling, ein gottesfürchtiger Lehrer, suchte seinem Zögling nicht todtes Wissen aufzuzwingen, sondern trachtete vor Allem darnach, sein Herz für die Wunder Gottes in der Natur, besonders aber für die Liedlichkeit des Evangeliums zu öffnen. Was die Kirche Christi Heiliges und Schönes hat an Lied und Predigt, an Sakrament und andern Gnadenmitteln, das legte er dem Kinde an’s Herz. Die an Herz und Geist tief gebildete, ehrwürdige Großmutter blieb die Hauptperson in Führung des Mutteramtes. Sie suchte Leib und Seele des Kindes treulich vor Schaden zu bewahren, und da ihr Wandel mit dem, was sie vom Heiland und seiner Nachfolge sagte, übereinstimmt, so schaffte ihm ihr Beispiel nicht weniger Frucht, als ihr herzlicher Unterricht. Unter der treuen Pflege so trefflicher Erzieher ward durch Gottes Gnade Zinzendorf das fromme Kind, welches Thränen der tiefsten Rührung bei der Schilderung vom Leiden und Sterben des Herrn vergoß, kaum sechs Jahre alt, in vertrautem Umgang mit seinem Heiland stand. Voll kindlicher Einfalt schreibt er Briefe an den Heiland, wirft sie zum Fenster hinaus, in der Ueberzeugung, der Heiland werde sie schon finden, und wenn er ihn nur Einmal höre, so werde es genug seyn, daß er auf seine ganze Lebenszeit sein wäre. Mit seiner Umgebung hält er Betstunden. So treffen ihn einst schwedische Soldaten, die 1706 ganz Sachsen plündernd durchzogen, und auch ins Schloß zu Hennersdorf eindrangen. Der kleine beredte Prediger unter der andächtigen Kinder-Versammlung macht einen solchen Eindruck auf die wilden Kriegsleute, daß sie fast den Zweck ihres Kommens vergessen. Die Hausandachten, welche die fromme Großmutter mit ihrem Gesinde hält, versäumt er nie; und als er einst den schönen Vers: „Unser lieber Vater du bist, weil Christus unser Bruder ist,“ verschlafen hat, weint er bitterlich. Auf die alten Kirchenlieder, zumal Weihnachts- und Osterlieder, freut er sich Viertel-Jahre voraus, wann diese würden gesungen werden. Denn Gesang und Predigt an heiliger Stätte erfüllten ihn mit tiefer Ehrfurcht. Wie das Geheimnis des heiligen Abendmals wunderbar auf sein junges Gemüth wirkt, darüber sagt er uns selbst: „Wenn ich vom Abendmahle reden höre, hat mir das Herz gehüpft. Einem Jeden, den ich hatte zu Gottes Tische gehen sehen, konnte ich nicht anders als sehr ehrerbietig begegnen, weil die Worte: „Der den Himmel kann verwalten, will jetzt Herberg bei dir halten;“ mir so zu Herzen gingen, daß ich wahrhaftig glaubte, es habe sich durch den Leib Christi eines solchen Menschen Gebein zu Einem Geist mit Gott vereint.“ Die Bibel war sein liebstes Buch, nächst ihr der kleine Catechismus Luthers, der ihm unter dem besonderen Einflusse des heiligen Geistes verfaßt schien. Seine kindliche Herzensfrömmigkeit äußerte sich auch in seinem ganzen Handeln. Alle, die ihm einen Dienst erwiesen, und ihm wohlwollten, liebte er herzlich. Seine Mutter, die er in seiner Kindheit selten sah, machte durch ihr ernstes, würdiges Wesen einen heiligen Eindruck auf ihn, der ihm stets geblieben ist. Die Erinnerung an seinen Vater, von dessen herzlicher Liebe zur Marter-Person des Heilandes ihm seine Mutter erzählte, entflammte zuerst den heiligen Entschluß in ihm, sich innig und auf ewig mit dem Heiland zu verbinden, so daß er erklärte, wenn der liebe Herr auch von sonst Niemand geachtet werden sollte, so wolle er doch mit ihm vereint leben und sterben. Hierüber äußert er sich später in einem Liede:

Ich war ein Zinzendorf; die sind nicht lebenswerth,
Wenn sie ihr Leben nicht zu rechten Sachen brauchen.
Drum hat die Sorge mich beinahe ganz verzehrt,
Zu früh und ohne Nutz der Erden auszurauchen.
Nun heiß‘ ich gar ein Christ; verdoppeltes Gesetz!
Die Christen dürfen nicht verbrennen, ohne Leuchten.
Der Glaube, der nichts thut, ist ein verdammt Geschwätz,
Und muß Vernünftigen sehr unvernünftig däuchten.

Dieser tiefe Eindruck vom Leiden und Verdienst Christi, und der feste Vorsatz, dem Herrn lediglich zu leben, fingen so in seiner Kindheit an, wuchsen mit ihm fort, und setzten sich in ihm immer fester. Doch fehlte noch gar viel, ehe das fromme Kind ein tüchtiger Streiter für das Reich Gottes wurde. Er hatte, wie jeder Mensch, Fleisch und Blut an sich, wogegen er zu kämpfen hatte. Früh schon tauchten in ihm Zweifel über seinen Glauben auf. Ja, er erzählt uns selbst, wie er in einer Nacht, nachdem die Großmutter vorher ein frommes Lied gesungen hatte, in solch schwere Anfechtungen gefallen sey, daß es ihm gewesen wäre, wie am Abgrunde des größten Unglaubens zu stehen. Nur der feste Entschluß, unter allen Umständen am Herrn zu hangen, gäbe es selbst noch einen andern Gott, hätte ihn gewappnet und gestärkt gegen die Anläufe des bösen Feindes. Auch zog er aus dieser bestandnen Versuchung den großen Vortheil für sein späteres Leben, daß alles, was er später von Zweifeln Ungläubiger las und hörte, ihm nur sehr leicht und schwach erschien gegen das, was er selbst darin erfahren.

Schul- und Universitäts-Leben in Halle und Wittenberg. Jugendreisen nach Holland und Frankreich.

im elften Jahre schickte ihn die Großmutter auf das Pädagogium zu Halle; denn dort wußte sie ihren Enkel unter der Aufsicht und Lehre des frommen Francke gut aufgehoben. Zinzendorf hatte schöne Fähigkeiten und gute Kenntnisse; sein frommes Herz war aber der größte Schatz. Doch nebenbei hatte sich gar viel Eitelkeit, Eigensinn und Hochmuth eingeschlichen, welche, wie Unkraut, die gute Saat zu überwuchern drohten. Es war eben Zeit, daß der lebhafte, geistreiche Knabe aus zarter Frauen Hand unter die strenge Zucht würdiger Männer kam. Das fühlte die verständige Großmutter. Darum bat sie nicht etwa die Lehrer, man möge das zarte Kind recht schonen, und schön mit ihm thun, nach andrer thörichter Mütter Weise, sondern sie schilderte den Knaben als einen geschickten, fähigen, jungen Herrn, den man aber kurz halten müsse, damit er nicht hochmüthig werde, und sich auf seine Gaben etwas einbilde. Dieser Rath wurde getreu befolgt. Da kam denn eine recht schwere Prüfungszeit über Zinzendorf, wobei es sich zeigen sollte, ob sein kindlicher Glaube wahr und lauter, oder nur Schein wäre. Ihm wurden viele Demüthigungen zu Theil; er wurde in den Klassen zurückgesetzt, hart und beschämend bestraft, sein Stand und bisherige Erziehung gar nicht beachtet, so daß ihn auch seine Mitschüler geringschätzten, und gar als Pietisten verspotteten und haßten. Dazu war er sehr kränklich, und ein untreuer Hofmeister behandelte den Knaben hart, und verklagte ihn unbillig bei den Aeltern, wobei Zinzendorf nie zu seinem Rechte kam, weil die Aeltern stets dem Lehrer Recht gaben. So sehr ihn viele Schüler haßten, suchten sie doch den Unschuldigen zu allerhand schweren, geheimen Sünden zu verführen. Aber sein Glaube war kein gemachtes, überspanntes Wesen; sondern ein Herzensglaube, dessen Gold durch diese Prüfungen von den Schlacken gereinigt werden sollte. Er verzweifelte deswegen nicht, sondern dachte: Hat dein Heiland so viel für dich gelitten, so kannst du wohl auch etwas um seines Namens willen leiden. Den Versuchungen zu den Lüsten der Jugend entging er durch die Gnadenzucht, unter der er stand. Statt selbst von den Banden der Sünde umstrickt zu werden, suchte er, von der ersten feurigen Liebe zum Herrn getrieben, Andre von den Stricken des Satans los zu machen. Er sammelte sich ein kleines Häuflein, mit denen er auf abgelegten Böden Betstunden hielt. „Wir baten den Herrn, erzählt er, um Alles, was wir brauchten, insofern, daß er uns so machen solle, wie er uns gern haben wolle.“ Zinzendorf war nun Seelsorger der kleinen Gemeinde; das war eine Herzenslust für ihn. Denn sein innigster Wunsch von frühester Jugend an war immer gewesen, einst ein Prediger zu werden. Doch hatte er auch dabei große Sorge, wie er uns berichtet. Es sei damals bei dieser kleinen Gesellschaft so viel Mühe, Treue und Arbeit nöthig gewesen, als nachher in einer großen Gemeinde; sie wären auch ebenso beneidet und verfolgt worden, wie es nachher geschehen. Aus dieser Gesellschaft bildete sich allmählich ein inniger Bund weniger auserwählter Freunde, welche sich zu beständiger Gemeinschaft mit dem Heiland und zum Wirken für sein Reich verbanden. Dieser Bund, den man den Senfkorn-Orden nannte, hat bis in sein späteres Leben fortgedauert. Die Mitglieder zerstreuten sich wohl nach Holland, Ungarn, Frankreich u. s. w.; aber man setzte die Verbindung durch Briefvereine fort, und senfkornartig ist die ganze spätere Wirksamkeit Zinzendorf’s aus diesem Bunde hervorgegangen. Besonders wichtig ward der Freundschaftsbund, den er schon damals mit Friedrich von Watteville schloß. Angeregt durch die Missions-Thätigkeit, welche damals vom Waisenhaus u Halle ausgeübt wurde, schlossen die Knaben einen Bund zur Bekehrung der Heiden, und zwar wollten die Knaben in frischem Jugend-Muth sich gerade an die schlechtesten Leiden machen, die sonst Niemand bekehren möchte. Freilich beobachten sie mit Schmerz, daß sie wohl selbst nicht würden das Missions-Werk treiben können, da sie von den Aeltern bestimmt waren, als Staatsmänner in der großen Welt aufzutreten, und von einer Verletzung des kindlichen Gehorsams keinen Begriff hatten. Doch trösteten sie sich: Vielleicht schickt der Herr, welcher dem Herrn von Canstein einen Francke zugeführt hat, auch uns solche Leute, die zu diesem Dienste tauglich sind. Zinzendorf ahnte nicht, daß er einst Canstein und Francke würde in Einer Person vereinigen dürfen. Halle wurde nun dem jungen Grafen ein gar lieber Aufenthalt. Er machte gute Fortschritte, gewann die innige Liebe Franckes und andrer Lehrer, und wünschte sehnlich, auch dort studiren zu dürfen. Doch den Verwandten wollte das fromme Wesen des Jünglings nicht gefallen. Wenn sie auch ein bischen Frömmigkeit gut ganz gut hielten, so fürchteten sie doch, daß solche Hallenser Pietismus einem Edelmann, der am Hofe sein Glück machen sollte, schaden könne. Der Oheim zumal hatte sich vorgenommen, seinem Neffen den Kopf auf eine andere Stelle zu setzen, als wo er ihn gefunden. Er schickte den Jüngling, der noch vor seinem Abschied eine tüchtige Rede „über die Rechthaberei der Gelehrten“ gehalten, nach der alten Lutherstadt Wittenberg. Dort solle er tüchtig die Rechte studiren, aber auch nicht den sonntäglichen Gottesdienst versäumen. Zinzendorf fügte sich mit unbedingtem Gehorsam, wiewohl mit tiefem Schmerze, dem Willen des Oheims, und verließ Halle im April 1816.

Noch vor seiner Ankunft in Wittenberg schreibt er an seine Mutter: „Nunmehr ist das liebe Halle verlassen, wiewohl es aus meinem Sinne nicht kommen wird, weil ich lebe. Denn da habe ich dasjenige erlernt, was mich in Zeit und Ewigkeit glückselig machen kann. Der Abschied ist mit unzähligen Thränen und starker Begleitung geschehen.“ Der junge Student warf sich nun mit Eifer auf die trockene Juristerei, die seinem feurigen Geiste gar schwer anging. Doch die Liebe zum Herrn gab Kraft, seine Pflicht treu zu erfüllen. er lernte auch, weil es die Verwandten so wollten, reiten, fechten, tanzen, aber mit dem Gebet zum Herrn, er möge ihm doch sein viel Geschick zu diesen Dingen geben, um seine Zeit bald zu bessern und nützlichern Sachen anwenden zu können. Hatte er nun nach treu vollbrachter Pflicht ein Paar Mußestunden, gleich wurde die Bibel vorgenommen, und dazu die Schriften Luthers und seines lieben Pathen Spener lustig trakirt, damit, neben einem Juristen, doch noch ein tüchtiger Theologus aus ihm werden möchte. Wie in Halle, mußte Zinzendorf auch in Wittenberg gar manchen Kampf um seines Glaubens willen bestehen. Sein streng christlicher Wandel. sein Bestreben, dem rohen Studentenwesen kräftig entgegen zu wirken, brachte ihm viel Haß und Verfolgung. Auch fand er unter seines Gleichen gar wenige, die Christum lieb hatten. Da schrieb er denn in seiner Bekümmerniß nach Halle, sich verlassen meinend, gleich wie Elias am Berge Horeb, (1. Könige19.): „Ich bin erbarmungswürdig, daß ich so ganz allein bin; ich soll mein Lehrer, mein Bestrafer, mein Freund und Alles seyn und habe, außer Gottes Wirt und meinem Gewissen, keinen Menschen, den ich brauchen und befragen könnte.“ Doch der Herr hat noch überall seine 7000, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal. Auch Wittenberg war von dem alten Luthers-Geist noch nicht verlassen. Doch hatte Zinzendorf ein arges Mißtrauen gegen die Wittenberger Theologen. Grade damals war ein recht trauriger Streit zwischen den beiden Universitäten Wittenberg und Halle. Beide waren gläubig-evangelisch. Die Wittenberger aber wollten das Kleinod des Glaubens, wie sie meinten, in rechtem Maria-Sinn bewahren. Die Hallenser drangen dagegen auf den in liebe thätigen Glauben; neben dem stillen Maria-Sinn dürfe auch nicht der Geist der geschäftigen Martha fehlen. Beide Theile waren wohl nicht so weit auseinander, als sie glaubten. Aber man brauchte beiderseits mißverständliche Ausdrücke, und dieß verursachte viel Aergerniß. Zinzendorf, bei seiner tiefen Verehrung für Spener und Francke, nahm eifrig Partei für sein liebes Halle, und beschuldigte die Wittenberger arger Zänkerei. Doch bei näherer Bekanntschaft fand er auch unter den Wittenberger Theologen liebe, wahre Christen. Zumal war ein Dr. Wernsdorf ein treuer Diener des Herrn, der gar ruhig und sanft die harten Vorwürfe des feurigen Jünglings ertrug, und in diesem die Sehnsucht weckte, die traurigen Zerwürfnisse zwischen beiden Universitäten ausgeglichen zu sehen. Der junge Graf schien, um seines hohen Standes und seines Liebeseifers willen, ein recht geeigneter Vermittler. Schon wollte Dr. Wernsdorf mit ihm nach Halle reisen, um sich mit Francke zu einigen, als die Aeltern, denen die ganze Sache falsch vorgestellt worden war, dem Grafen ernstlich die Reise untersagten.

Du siehst, lieber Leser, wie viel auch ein Jüngling durch treue Liebe zum Herrn vermag. Wie ernst er aber damals rang, sich von der Welt los zum Herrn zu wenden, ersehen wir aus einem Liede, welches er um jene Zeit verfaßte. Da lautet ein Vers:

Mein treuer Geist ermüdet nicht,
Sich von der Macht der Eitelkeit zu reißen,
Und wenn es ihm an Muth und Kracht gebricht,
Bedenket er, was ihm sein Herr verheißen;
Wie gut wird’s sich doch nach der Arbeit ruhn!
Wie wohl wird’s thun! –

Das Reformations-Jubiläum von 1717 feierte er, statt in das übermäßige Jubiliren auf allen Kanzeln und Kathedern einzustimmen, im Stillen mit inniger Wehmuth über das mannigfaltige, gelehrte Wortgezänke so vieler Theologen über Nebensachen, über ihr verdammungssüchtiges Splitter-Richten und Wühlen in den eignen Eingeweiden der Kirche, und über so manche andre eingerißne Mißbräuche. „Haben wir nicht, fragt er, Ursache, in uns zu schlagen, und uns vor Gott zu schämen?“ – Dabei stellt er sich bußfertig dem Heiland als einen Sünder dar, und bittet ihn um Gnade, für seine Person das Evangelium recht zu gebrauchen, und ihm zur Ehre in der Welt zu seyn. „Was ich bisher profitirt habe, so schreibt er in seinem Tagebuch, ist, daß ich die Eitelkeit der Welt immer mehr verachten, und meine einzige Sorge seyn lasse, wie ich mit dem, der alle Welt gebieten kann, mich immer näher vereinigen, und in ihm erfunden wreden möge. Will Gott was Großes, und seinem Reich zum Nutzen Dienendes aus mir machen, so biete ich der ganzen Welt Trotz, und weiß, daß ich’s ohne ihren Dank werden müsse. Will er mich bei den Menschen vergessen machen, so bin ich bei ihm doch unvergessen. Ich lebe überhaupt der festen Zuversicht, daß ich einmal ein hauptsächliches Werkzeug zur göttlichen Ehre werden dürfe, welches durch Haß, Neid und Rachgier bringen wird. Gott hat mir, Ihm sei Dank!, zur Beförderung seines Ruhmes einen unermüdlichen Geist gegeben, welcher nicht einen Augenblick ruhen kann.“ – Das waren prophetische Worte, worauf Gott sein Siegel der Erfüllung gedrückt hat.

Zinzendorf hatte nun drei Jahre studirt, und seine Zeit auch für sein Studium gut angewendet. Aber er wünschte von Herzen, daß er für weltliche Geschäfte nichts taugen möchte, und daß der Herr ihm doch ein Aemtchen zur Arbeit für sein Reich anweisen möchte. Doch die Verwandten kannten für ihren Liebling kein herrlicheres Loos, als einst als Hof-Cavalier vor der Welt zu glänzen. Das Verlangen nach einem geistlichen Wirkungskreise hielten sie für eine krankhafte Stimmung, die sich am besten durch eine Reise in die große Welt heben werde. so ward Zinzendorf auf Reisen geschickt.

Die Jugend hat ja stets große Reiselust; und Mancher würde bei dem Gedanken, den schönen Rhein hinab durch Holland nach Paris, und von da über die Schweiz, bei guter Reisekasse und angenehmen Empfehlungen an die vornehmsten Familien, zu reisen, wohl nicht wenig frohlocken. Doch Zinzendorf hatte zu sehr den Eitelkeiten der Welt entsagt. Er gehorchte zwar, wie immer, dem Willen seiner Verwandten, doch mit der Aeußerung: „Will mich Gott in seinem Reiche zu etwas brauchen, so biete ich der ganzen Welt Trotz, daß ich ohne ihren Dank es werden müßte, und wenn ich etwa zum Versuch, ob mich der Weltgeist ankommen wollte, nach Frankreich gehen soll, so wreden die Kosten übel angewendet.“ Gott werde ihn bei seinem Sinne erhalten, deß tröstete er sich, und reiste, in Begleitung eines Hofmeisters, von Wittenberg ab, mit dem Gebet zu Gott: „Der Herr behüte uns nur bei dem Einen, daß wir seinen Namen fürchten!“

Dem schönen, deutschen Rhein entlang steigt der junge Graf in einer der blühendsten Rheinstädte, Düsseldorf, ans Land. Dort tritt er in die große Bildergallerie. Ein Bild fesselt ihn am meisten, es ist ein leidender Christus. Das trägt die Unterschrift: „Dies Alles that ich für dich; was thust du für mich?“ Gar mancher Reisender war an dem Bilde vorbeigeflattert. Er aber bleibt davor stehen. Mir gilt das Wort, denkt er. Was habe ich denn schon für meinen Heiland gethan? Diese Frage liegt, wie ein Stein, auf seinem Herzen, und begleitet ihn auf allen Wegen. – Liegt sie auch dir auf deinem Herzen, lieber Leser? –

Er mußte nach seinen Instruktionen drei Monate an der holländischen Universität Utrecht bleiben, um seine juristischen Kenntnisse zu vermehren. Da lebt er nun ganz nach seiner Vorschrift, vergißt aber auch nicht seiner höheren Instruktionen, die ihm sein Heiland gleichsam auf’s Neue in Düsseldorf gegeben. Da arbeitet er zunächst gar wacker an sich selbst durch Beten und Forschen im Worte Gottes. Eine Anzahl Gleichgesinnter vereinigt er zu gemeinsamen, täglichen Andachtsübungen. Er, schon wahrhaft von Gott gelehrt, legt gar trefflich das Wort Gottes aus. Wo er hinkommt, legt er ein wackeres Zeugniß von seinem Glauben ab. Einst, bei einem Ausfluge in die Holländische Residenz, den Haag, wird er in eine hohe Gesellschaft eingeladen. Ein vornehmer, katholischer Minister bemitleidet den jungen Mann wegen seines einfältigen Glaubens. Er such ihm daher Stundenlang zu demonstriren, wie solcher Glaube, zumal in der vornehmen Welt, schon längst aus der Mode sei; man könne wohl im Herzen einige Frömmigkeit für sich behalten, müsse aber Andere damit nicht inkommodiren. Da erklärt der Jüngling mit Ernst und Kraft frei und öffentlich: „Gott wolle einen reinen Gottesdienst, und die Eitelkeit der Welt sey nicht blos Thorheit, sondern seelengefährlich.“ Das schien der ganzen, hohen Gesellschaft doch zu arg, und für einen jungen Edelmann höchst taktlos zu seyn. Sie dringen alle auf ihn ein, um ihm die Lieblichkeit der Welteitelkeiten, wohl auch ihre Nothwendigkeit darzuthun. Das konnte Zinzendorf nicht länger ertragen; er stand plötzlich auf, beurlaubte sich aus der Gesellschaft, und überließ es ihr, wie sie sich diesen Schritt deuten möchte. Solche Versuchung war nur ein kleines Vorspiel von Paris.

Zinzendorf wurde hier in die höchsten Gesellschaften, sogar in die Kreise der königlichen Familie eingeführt. Sein liebenswürdiges, anspruchsloses Wesen, aus dem Keuschheit und wahre, christliche Frömmigkeit sprachen, war eine ungewöhnliche Erscheinung in dem französischen Babel. Da nun die feinen Franzosen das Neue und Ungewöhnliche schon damals sehr liebten so war der junge, deutsche Graf, ohne es zu wollen und zu ahnen, das Tagesgespräch. Er hörte allerlei süße, liebliche Worte von den höchsten Herrschaften, und, wie die Schmeißfliegen, machten sich Herren und Damen um ihn herum, um die zarte Blume seiner Unschuld zu vergiften. Doch die Unschuld, welche im Glauben an Jesum, den Sünderheiland, beruht, steht unter himmlischem Schutz, und ist unantastbar. Das merkten die klugen Franzosen gar bald, und standen nach ihrer Gewohnheit von dem ab, wo kein Erfolg zu hoffen war. Sie meinten nun, der junge deutsche Herr sei ein Sonderling, der gar nicht, wie seine Landsleute, den feinen Pariser Ton erlernen möchte. Sonderbar mußte es den verderbten Weltleuten vorkommen, daß ein junger, vornehmer Herr nicht tanzen, spielen, schwelgen, noch Liebes-Abentheuer anspinnen mochte, auch die üppigen Opern und Schauspiele verabscheute, und, statt dessen, den Umgang mit frommen Leuten suchte. Es hatte sich nämlich noch damals, seit den gesegneten Zeiten der Reformation, eine Parthei Evangelisch-Gesinnter in der katholischen Kirche Frankreichs erhalten; man nannte sie Jansenisten. Aus Menschenfurcht und Kreuzesscheu waren sie in der katholischen Kirche geblieben, in der thörichten Meinung, diese reformiren zu können. Zinzendorf ward mit mehreren dieser Leute bekannt, und durch sie auch bei dem Cardinal und Erzbischof von Paris, von Noailles, eingeführt. Herr von Noailles, früher selbst Jansenist, ein Mann von herrlichen Geistesgaben, war vom Papst als ein gutes Werkzeug befunden, und deßhalb durch den Cardinals-Hut gefördert worden, so daß er jetzt, wohl ober übel. Mit ins Römische Horn blasen mußte. Anfangs suchte er nun auch den artigen, jungen Grafen durch halb verblümte, bald unverblümte Redensarten ins Römische Garn zu locken. Doch kurzweg, und mit Bestimmtheit, entgegnete Zinzendorf auch solche Anläufe des feinen Prälaten: „Die Wahrheit meiner Kirche dispensirt mich, eine andre zu suchen.“ Da gab’s nun nicht zu bekehren, wohl aber hätte sich die Sache bald umgekehrt. Der Papst hatte grade damals eine recht gottlose Bulle in die Welt gesandt, die Bulle Unigenitus genannt, so recht gemacht, um die letzten evangelischen Reste in der katholischen Kirche Frankreichs auszutilgen, welche auf Anstiften der Jesuiten gemacht war, und das Bekenntniß der christlichen Wahrheit in wesentlichen Punkten beeinträchtigte. Der Erzbischof hatte anfangs, an der Spitze vieler Bischöfe und andrer Geistlichen der französischen Kirche, freimüthig dagegen protestirt. Unser junger Graf erfuhr die Sachlage, und ermuthigte mit dem ganzen Eifer seiner ersten Liebe zum Heilande zum Heilande den alten Herrn, er möge doch nicht aus Menschenfurcht die dem Evangelio entgegenstehende Bulle annehmen, und die Kirche Christi in Frankreich zerstören. Doch, wie es so oft geht, wer einmal A sagt, muß auch B sagen. Hatte Herr von Noailles einmal den Cardinalshut angenommen, da mußte er nun schon die gräuliche Bulle annehmen. Zinzendorf war aufs Tiefste betrübt. Mit einem solchen Manne, der die Sache Christi um ein Linsengericht verrieth, konnte er nicht länger umgehen. Er schreibt ihm einen freimüthigen Absagebrief, unterm 29. März 1720. „So ist es denn vorbei, Monseigneur, und der große Muth, der den Gefahren trotzte, und die Feinde der Wahrheit in Erstaunen setzte, weicht der schwachen Hoffnung eines unerlaubten Friedens. –

Ich kann es kaum glauben, Monseigneur, ich, der ich Sie und Ihre guten Absichten kenne. Was werden aber diejenigen sagen, die entfernt von Ihrer Person, Ihre Tugenden jederzeit bewundert haben, wenn sie dies erfahren werden? Was mich betrifft, so habe ich zweimal die Pflichten des treuen Dieners erfüllt, und weiß nichts mehr hinzuzufügen. Auch erkenne ich mich für unfähig, Sie zu bekehren. Da aber meine Augen Sie, nach dieser beklagenswerthen Unterzeichnung, nicht mehr sehen werden, so will ich Ihnen hiermit auf ewig Lebewohl sagen!“ –

Der arme Bischof war nicht beleidigt durch diesen Brief; er mochte wohl seinen traurigen Irrthum nur zu sehr fühlen. Aber er war, wie Simson durch die List der Delila, so in die päpstlichen Bande verstrickt, daß er wohl den freien, deutschen evangelischen Christen um seiner goldenen Freiheit willen beneiden mochte. Zinzendorf war tief gerührt von dem Elend des alten Mannes, und vergaß seiner nicht. Noch sechs Jahre später, im Jahre 1725, sandte er ihm durch seinen Freund Wattenwille 4 Bücher von Arnds wahrem Christenthum, die er ins Französische übersetzt hatte. Der Cardinal bat um achttägige Lese- und Bedenkzeit. Dann erklärte er: „Er habe das Buch so vortrefflich gefunden, daß er es nicht nur für seine Person mit Freuden annehmen, sondern Frankreich glücklich schätzen würde, so schönen Wahrheiten in seiner Sprache zu lesen. Er werde es den Buchhändlern empfehlen, sehe aber voraus, daß der Verkauf desselben werde gehindert werden.“ Das geschah auch wirklich. Es war, als ob das Papstthum mit Blindheit geschlagen, die letzten evangelischen Regungen in der katholischen Kirche Frankreichs unterdrücken wollte, um das Ungethüm de Revolution herauf zu beschwören, welches ihm doch selbst den Kopf zertreten sollte. Zinzendorf war in Paris viel krank gewesen; seine Freunde fürchteten gar, daß Jesuiten-Gift an seinem Gebein nage. Doch diese Kränklichkeit war wohl auch eine züchtigende Gnadenführung Gottes, die ihn von Hoffart und der Welteitelkeit abzog, sowie er an der andren wunderbaren Führung, mitten in dem gottlosen Paris gläubige Christenherzen zu sich finden, die Liebespfeile merken konnte, mit denen der Herr ihn zu sich zog. Dankbar konnte er am Schlusse seiner Reise von der Hirtentreue des Herrn rühmen: „ Je mehr ich in die Welt kam, desto fester hielt er mich, je inniger zog er mich in die Betrachtung seiner Leiden!“ Ueber Genf, wo Zinzendorf den Vater seines Freundes Wattewille kennen lernte, kehrte er nach Deutschland zurück, und veweilte ein halbes Jahr bei seiner Tante, der verwittweten Gräfinn von Castell.

Seine Entsagung und Vermählung. Eintritt in den Staatsdienst zu Dresden.

Glücklich von seiner Reise zurückgekehrt in die liebe Heimath, in den Kreis theurer Verwandten, glaubte Zinzendorf bald, in den Hafen einer stillen, häuslichen Ruhe einlaufen zu können. Er gewann hier in Castell seine Cousine Theodora, eine blühende Jungfrau, lieb, und hoffte, diese werde seine ihm vom Herrn zugewiesene Lebensgefährtinn seyn. Tante und Vormund waren einverstanden. Theodora schenkte dem scheidenden Grafen ihr Bildniß, und bat ihn, wiederzukommen. Auch seine Verwandten waren mit seiner Verbindung ganz einverstanden. Voll schöner Hoffnungen eilte bald darauf der im ersten Liebesglück schwärmende Bräutigam seiner Geliebten nach Castell zu. Da stürzt sein Wagen in der Gegend von Plauen in den schäumenden Elster-Fluß. Nur mit Lebensgefahr entkommt der Graf dem kalten Bade. Sein Gepäck ist völlig durchnäßt. Er muß einige Tage verweilen. Graf Heinrich XXIX., regierender Herr zu Ebersdorf, ein Universitätsfreund, ladet den Verunglückten auf sein Schloß, damit er sich dort erhole. Im Laufe des Gesprächs äußerte die Mutter des jungen Grafen Heinrich: „Es sei unumgänglich nöthig, daß ihr Sohn sich verheirathe. Unter allen vorgeschlagenen Damen von Stande habe keine so viel Lob, als Gräfinn Theodora von Castell; aber an diese dürfe man nicht denken, wie Zinzendorf am besten wisse.“ Dies etwas undelikate Wort, welches besorgte Mutterliebe der sonst so rücksichtsvollen Gräfinn entlockte, in Verbindung mit dem gestrigen, lebensgefährlichen Ereigniß, brachte unsern Grafen in ein tiefes Sinnen. Er sah eine wunderbare Führung Gottes in allem dem. Er fühlte, daß er seine Theodora zu leidenschaftlich liebe, daß er über ihr wohl seines Heilands vergessen könne. Nach hartem Seelenkampfe eröffnete er seinem erstaunten Wirthe, daß er von seiner Bewerbung um Gräfinn Theodora unbedingt abstehe; ja er drang in den Freund, der dem Freunde an Edelmuth nicht nachstehen wollte, sogleich mit ihm nach Castell zu reisen. Da gab es im gräflichen Schlosse zu Castell ein nicht geringes Verwundern. Es kommt der Bräutigam der blühenden Tochter des Hauses, die wohl Mancher als ein beneidenswerthes Kleinod betrachtete, kommt aber nicht, um zu freien, sondern um ihr für den Freund zu entsagen. Nachdem man sich an das Unglaubliche gewöhnt, erkannten wohl Alle Gottes Finger in der Sache. Theodora hatte sich mehr aus Gehorsam zu der Verbindung mit dem ernsten, stets in himmlischen Betrachtungen lebenden Zinzendorf entschlossen; ihr Herz zog sie mehr zu dem heitern Grafen Reuß. Zinzendorf überwand im Glauben den harten Verlust, der noch erschwert wurde durch den Spott und Hohn vieler Weltleute, die eine solche Entsagung für narrenhaft hielten. Nur, wie ein Ton stiller Wehmuth, klingt die Erinnerung an das Opfer hindurch, was er gebracht, wenn er singt:

„Die Christen sind stille, und lassen den machen,
Der ihnen als Vater mit Rechte befiehlt.
Die andern, die sehen’s und spotten und lachen,
Daß Gott mit den Seinen so wunderlich spielt.
Und dieser erscheint, wenn’s Niemand vermeint,
Und hebt sich in seinen gemessenen Schranken
Weit über der Menschen Vernunft und Gedanken.“

Von neuem, und jetzt noch lebendiger als früher, erwacht in ihm das Verlangen, ausschließlich dem Wirken im Reiche Gottes zu leben. Herr von Canstein war kurz vorher gestorben. Zinzendorf wäre gern sein Nachfolger geworden; er reiste nach Halle. „Francke kömmt seinem Wunsche durch ein freundliches Anerbieten zuvor. Doch auch jetzt mußte er entsagen. Seine Verwandten dringen in ihn, ein Regierungsamt in Dresden anzunehmen. Mit kindlichem Gehorsam tritt 1721 Zinzendorf in den Staatsdienst. Aber mit so viel Thränen und Seufzern hat wohl noch kein junger Hof- und Justizrath sein Patent empfangen. Voll Schmerz ruft er in seinem Liede aus:

O Jesu, gedenke,
Wie sehr es uns kränke,
Dir so nicht zu dienen, wie wir es begehren!
Aufs wenigste mußt du und stille seyn lehren!

Einen so sonderbaren Hof- und Justizrath hatte man aber auch noch nicht in Dresden gesehen. Er ging theilnehmend zu den geringsten Leuten der Stadt, und stand ihnen mit Rath und That bei, immer nur darauf bedacht, Seelen zu Christo zu führen. Darum hielt er auch in seinem Hause Andachtsstunden, an denen Jedermann Theil nehmen konnte; die Armen und Geringen waren ihm die liebsten Gäste. Jetzt sollte sich auch sein geistlicher Wirkungskreis schon etwas erweitern. Er kaufte 1722 das Gut Berthelsdorf von seiner Großmutter, nur eine Stunde von Hennersdorf, dem Segens-Orte seiner Kindheit. Die dortige Pfarrstelle wurde grade erledigt. Da berief er sogleich einen frommen Candidaten, Andreas Rothe, dem er das Wohl seiner Gemeinde dringend ans Herz legte. Er selbst wollte nicht von Rothe als Patron, sondern als treuer Freund und Mitarbeiter angesehen werden. Hatte er doch das Gut gekauft, wie er selbst erzählt, aus keinem anderen Grunde, als sein Leben unter den Bauern zuzubringen, und ihre Seelen für den Heiland zu werben.“ Mit Ernst dachte nun Zinzendorf an seine Verheirathung. Aber er fürchtete dabei gar manche Schwierigkeiten. Als Hauptzweck seines Lebens betrachtete er ja: Christo unter Schmach und Verachtung die Seelen der Menschen werben zu helfen. Als ehrlicher, gewissenhafter Mann konnte er dies seiner Braut nicht verschweigen. Welche Dame, zumal von hohem Stande, ist zu solcher Ehe bereit? Doch grade eine solche Ehe-Gefährtinn, ein wahres Kleinod unter den Frauen, wies ihm der Herr zu. Am 7. September 1722 vermählte sich der Graf mit Erdmuth Dorothea, Gräfinn von Reiß, (geb. 7. November 1700), Schwester seines Freundes, des Grafen Heinrich, dem zu lieb er seiner ersten Braut entsagt hatte. Mit welch heiligem Sinne dieser Ehebund geschlossen wurde, das sagt uns am besten ein Lied des Grafen, welches er auf seinen Trauung dichtete, und worin er die Seligkeiten der Berg-Predigt gar herrlich besingt. Der Anfang lautet:

„Kron und Lohn beherzter Ringer,
Der Seligkeit Herwiederbringer,
Herr Jesu, Herr der Herrlichkeit!
Schau vor Deines Thrones Stufen
Zwei Seelen, welche zu Dir rufen,
Sie wären gerne benedeit!
Du segnest ja so gern,
Gesegneter des Herrn,
Wir begehren’s,
So komm herein, wir sind ja Dein,
und laß uns recht gesegnet seyn!

Also müssen wir auf Erden
Nie, als in Dir, erfunden werden
Du hast uns je und je geliebt.
Du hast zuerst um uns geworben,
Du bist aus Liebe gar gestorben,
Wer ist, der solche Proben giebt?
Wohlan, wir lieben dich,
O Liebe, inniglich.
Unsre Liebe
Ist nur ein Bild, so lang es gilt,
Wie Du uns ewig lieben willt.“

Seiner Gemahlinn schenkte er gleich beim Heirathskontrakte zur Abschneidung aller Formalitäten sein ganzes Vermögen. Schon vorher hatte er einem treulosen Curator seines Vermögens, der, um sich der Liquidation zu entziehen, ihm frech genug zu verstehen gab, daß er, als Jünger Christi, wohl kein so großes Gewicht auf irdische Güter legen werde, die Rechenschaft mit großmüthigem Sinne erlassen, und mit dem Ueberbleibenden, ganz im Geiste der von ihm besungenen Berg-Predigt, friedselig vorlieb genommen.

Mit seiner Gefährtinn machte er zu dieser Zeit einen Bund, „auf des Herrn Wink alle Stunden den Pilgerstab in die Hand zu nehmen, und zu den Heiden zu gehen, um ihnen den Heiland zu predigen.“ Aber von der Hand sah man nicht wie er dazu kommen könnte. Zinzendorf, als Gutsherr, Staatsbeamter und junger Ehegatte, schien so recht zu einem stillen, beschaulichen Leben bestimmt zu seyn. Doch siehe, der Herr braucht oft geringe Mittel zu großen, ungeahnten Dingen. Eben wollte Zinzendorf zur Hochzeit nach Ebersdorf abreisen, da kommt ein armer Zimmermann an ihn heran, und klagt den schrecklichen Druck, den die Evangelischen in Mähren erlitten, und bittet um Aufnahme für Etliche. Gerührt von dieser Erzählung sagt der Graf sehr freundlich die Ausnahme zu, und empfiehlt ihn seinem frommen Haushofmeister Heiz. Was daraus folgen könnte, ahnt er nicht von ferne.

Mährische Brüder gründen Herrnhut. Neu-Begründung der alten Bruderkirche.

Wer waren diese Mährischen Brüder? Da muß ich Dich bitten, lieber Leser, mit mir einen Blick in die alte Kirchen-Geschichte Böhmens und Mährens zu thun. Diesen beiden, von Gott so reich gesegneten Ländern war das Wort Gottes von Constantinopel aus verkündigt worden ums Jahr 900. Der Papst suchte aber diese Länder unter die römische Herrschaft zu bringen. Dies gelang ihm nicht ganz. Es kamen 1176 aus dem Norden Italiens ursprünglich evangelische Christen, die in verborgenen Thälern, wohl schon seit der Apostelzeit, den reinen Glauben bewahrt hatten. Diese, Waldenser genannt, gründeten in Böhmen und Mähren eine gar liebliche, evangelische Kirche, die lange im Verborgenen blühte. 1391 ward sie vom Papst entdeckt und blutig verfolgt. Johann Huß tritt auf ihre Seite, und leidet 1415 den Märtyrertod. Nun werden die Armen erst gar entsetzlich verfolgt. Sie schauen sich in der Welt um, ob nirgends eine evangelische, biblische Kirche sei. Doch ihre ausgesandten Boten bringen die traurige Kunde zurück: „Seufzer nach Erlösung genug, aber nirgends eine ächte Christengemeinde!“ Da erscholl 1517 Luthers gewaltiges Wort zu Wittenberg, auch ihnen Erlösung verkündigend. Sie senden zu Luther Abgeordnete, der sie gar liebreich aufnimmt, und erklärt 1532: „daß die Brüder, trotz der Verschiedenheit der Kirchenübungen, Ceremonien und Ausdrücke mit den Seinen in Einen Schafstall gehören.“ Sie hatten nun wohl eine Zeitlang Ruhe, aber der unglückliche Ausgang des dreißigjährigen Krieges brachte über sie neue Verfolgungen. An 90,000 wanderten in evangelische Länder aus. Nur ein kleines Häuflein blieb in Mähren zurück. Ihr letzter großer Bischof war Amos Comenius, ein weit berühmter Mann. In der Gegend von Funlek lebte noch jetzt, nahe der schlesischen Grenze, ein kleines Häuflein. Zu diesen Brüdern kommt einst ein armer Zimmermann, Christian David, der, früher Katholik, durch wunderbare Führungen Gottes zum lebendigen Glauben erweckt, nun auch den Brüdern reichlich mittheilt aus seinem Schatze evangelischer Weisheit. Die im alten Glauben neugestärkten Brüder wünschten nun sehnlich in ein evangelisches Land auszuwandern, zumal da Christian David vor den Jesuiten fliehen mußte, die gar bald von seiner Wirksamkeit erfahren hatten. Er reiste über Schlesien nach Sachsen, wurde durch gläubige Geistliche an Zinzendorf empfohlen, und hatte dessen Herz durch die Schilderung der Noth jener Brüder mächtig gerührt. Jetzt, am Pfingstmontag 1722, kam er nach Funlek zu den Brüdern zurück, und überbrachte ihnen die fröhliche Botschaft: „Er habe einen jungen Grafen kennen gelernt, welcher nicht blos selbst ein Kind Gottes sei, sondern auch andre Seelen zu Christo zu bringen suche, auch in dieser Absicht ein Gut in der Oberlausitz, Berthelsdorf, angekauft, und einen erweckten Prediger Namens Rothe, dahin berufen habe, der ein treuer Zeuge Jesu sei.“ Zwei Brüder Augustin und Jakob Reißer, ihres Handwerks Messerschmiede, entschlossen sich sogleich, alles stehen und liegen zu lassen, um nach Berthelsdorf zu ziehen. „Denn, sagten sie, daß thut Gott; das kommt vom Herrn.“ Das war kein kleiner Entschluß für die beiden Brüder, auszuziehen, wie Abraham, aus dem Vaterlande und von ihrer Freundschaft, Hab und Gut, wohl eingerichtete Wirthschaften zurückzulassen, und mit ihren Weibern und Kindern bei Nacht und auf heimlichen Wegen, um nicht entdeckt zu werden, zu pilgern in ein fremdes Land, im Vertrauen auf die unbestimmte Verheißung des Zimmermanns, Christian David. Doch der Herr war mit den Reisenden, und brachte sie allesammt wohlbehalten an den Ort ihrer Bestimmung. Zinzendorf war nicht in Berthelsdorf. Da wurde viel überlegt, was zu thun sey. Endlich entschied die Großmutter und der treue Heiz, unter Beirath anderer treuen Männer, daß sich die Flüchtlinge des Grafen am Hutberge, mitten im Wald, aber an der Landstraße, anbauen sollten. Christian David legte den 17. Juni seine Axt an den ersten Baum mit den glaubensmuthigen Worten: Hier hat der Vogel sein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, nämlich deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott!“

Am 28. Oktober war das erste, neue Haus bezogen; aber im Glauben, daß hier bald eine neue Stadt stehen werde, nannte Heiz den künftigen Ort „Herrnhut“, und schrieb darüber am 8. Juli an den Grafen: „Gott segne dies Werk nach seiner Güte, und verschaffe, daß Ew. Excellenz an dem Berge, der der Hutberg heißt, eine Stadt bauen, die nicht nur unter des Herrn Gut stehe, sondern da auch alle Einwohner auf des Herrn Hut stehen, daß Tag und Nacht kein Schweigen bei ihnen sey.“

Zinzendorf hatte von dem. was auf seinem Gute vorging, gehört, und seine Zustimmung gern gegeben; begrüßte auch die armen, mährischen Ansiedler in einem innigen Briefe, worin folgende Worte stehen: „Und ihr, geliebteste Fremdlinge und Pilgrimme, die der ewige Gott aus fremdem Lande hierher geführt hat, wie selig seyd ihr, die ihr geglaubet habt! Denn es werden euch alle Verheißungen Gottes zufallen, und Amen seyn in Ihm, Gott zu Lobe, durch uns. Gehet den andern Einwohnern, wie im Glauben also auch in den lebendigen Werken des Glaubens, mit anhaltendem Ernst und in der Liebe vor! Seyd das Salz unter meinem Volk! Das Salz ist ein gut Ding. – Hört, liebe Unterthanen! Laßt euch diese Fremdlinge nicht vorlaufen, daß die Speise, die euch bereitet ist, nicht ihnen allein zukomme! – Kommt, und laßt uns Alle zum Heiland ziehen, und mit Ihm einen ewigen Bund machen, so wird er auch mit uns Bund machen in alle Ewigkeit! Er wird Gedanken des Friedens über Euch haben, und nicht des Leids. Ja, der Heiland wird seinem Volke Kraft geben. Er wird sein Volk segnen mit Frieden. Amen, Halleluja!“ – Als Pastor Schäfer von Görlitz den Pastor Rothe zu Berthelsdorf einführte, sagte er: „Gott wird auf diesen Hügeln ein Licht aufstecken, das im ganzen Lande leuchten wird. Davon bin ich lebendig versichert.“ – Ende Dezember 1722 besuchte Zinzendorf mit seiner jungen Gemahlinn das erste Mal Berthelsdorf. Da schimmert ihm in der Nähe des Dorfes vom Hutberg der durch das Abend-Dunkel ein Licht entgegen. Er läßt den Wagen halten, und geht mit der Gräfinn darauf zu. In einem neuen, ihm ganz unbekannten Hause findet er die vertriebenen, mährischen Brüder. Herzlich reicht er ihnen die Hand, fällt mit ihnen auf die Kniee, und betet inbrünstig, daß Gott seine Hand über diesem Hause halten wolle.

Recht zur passenden Zeit kam damals sein alter Jugendfreund, Friedrich von Wattewille, zu ihm. Er war in gar trauriger Lage. Er war den Lüsten der Jugend eine Zeit lang erlegen, hatte fast sein gesamtes Vermögen vergeudet, und am Glauben Schiffbruch gelitten. Jetzt kommt er, wie der verlorne Sohn zu seinem alten Freunde. „Gott ist die Liebe,“ ruft der treue Freund dem tiefzerknirschten, reuigen Freunde zu. Dies Wort dringt tief in das zerissene Herz. Mit Thränen der Buße wirft sich Wattewille vor dem Heilande nieder, ringt mit ihm etliche Stunden allein, daß er ihn segne, und fühlt, wie die Todesschatten der Gottvergessenheit schwinden, und ein neues Morgenroth eines frischen Glaubenslebens in ihm aufdämmert. Es ward nun ein inniger Bruderbund geschlossen zwischen Zinzendorf, Wattewille und Pfarrer Rothe, zu denen sich noch der innige Magister Schäfer gesellte, der unserm Christian David zuerst die Glaubensaugen aufgethan, auch die Mährischen Flüchtlinge liebreich beherbergt, und ihnen die Zufluchtsstätte in Berthelsdorf eröffnet hatte. Die vier Freunde gelobten sich nun, überall, wo sie hingelangen könnten, ein kräftiges Zeugni0 von Jesu, als dem einzigen Weg ihres Lebens, abzulegen, allerhand nützliche Schriften zu verbreiten, und Anstalten zur Erziehung der Kinder nach dem Sinne Christi zu stiften. Vor allem aber trachtete der Graf, seine sämmtlichen Unterthanen zu Berthelsdorf in die Bahn ächter Frömmigkeit zu führen. Nicht eher wollte er ruhen, bis der letzte seiner Bauern dem Heiland gewonnen sey. Nach den Winken Luthers, uns besonders Speners, keine Kirchen in die großen Kirchen zu pflanzen, war sein Hauptzweck, die Mährischen Brüder sollten ein heilsames Salz für seine Gemeinde werden. In der Erbauung und Seelenpflege der Erweckten unter seinen Unterthanen sah er sich als einen Gehülfen des Pastors Rothe an. Nach Rothe’s Sonntags-Predigt und Katechisation wurde von dem Grafen eine Singstunde gehalten, bei welcher Tobias Friedrich, einer seiner Bedienten, von ausgezeichneter, musikalischer Gabe, der um die Ausbildung des Gesanges in der Gemeinde das größte Verdienst hat, den Gesang mit der Orgel begleitete. In einer andern Versammlung des Nachmittags in seinem Hause, wiederholte der Graf die Predigt des Pastors Rothe, über deren Inhalt man sich miteinander unterhielt. Doch noch größere Dinge sollte man nach dem Willen Gottes Zinzendorf ausrichten, an die er bis jetzt nicht gedacht. Im Jahr 1723 reiste er nach Prag, zur Zeit der Krönung Kaiser Karl IV., um sich bei demselben für die armen, gedrückten Protestanten zu verwenden. Der Kaiser nahm ihn sehr gnädig auf, und sein Vetter, der Kaiserliche Erbschatzmeister, Rudolph von Zinzendorf, wollte ihm gleich zu einer Kammerherrn-Stelle beim Kaiser verhelfen, ohne jedoch in den Religionssachen ihm dienen zu wollen. Er dankte aber für diese und andere Vorschläge zu seiner Beförderung am kaiserlichen Hofe.

Zu dieser Zeit zeigte er auch eine lebhafte Theilnahme für die Schritte, welche in Regensburg geschahen, um eine Union zwischen den Lutheranern und Reformirten herbeizuführen, und setzte sich deshalb mit einem der Hauptbeförderer, Kanzler Pfaff in Tübingen, in Correspondenz. Als bald darauf, durch Vermittlung des preußischen und englischen Hofes, das sogenannte Corpus Evangelicorum zu Stande kam, welches die gemeinsamen Rechte der Protestanten im deutschen Reiche vertreten sollte, so freute er sich sehr darüber, in der Hoffnung, daß auf diese Weise wenigstens der seitherige heftige Streit zwischen Lutheranern und Reformirten gemäßigt werden, wo nicht ganz aufhören würde. Von jetzt an that er weiter nichts in dieser Sache. Unterdessen ließ es dem glaubenseifrigen Christian David keine Ruhe in Herrnhut. Er wollte mehr Seelen herbeiführen. Im Frühjahr 1723 nahm er seien Wanderstab zur Hand und pilgerte nach Mähren. In zwei Dörfern Kunnwalde und Zauchenthal entzündete er durch seine Predigten ein gewaltiges Liebesfeuer, welches sich beinah allen Einwohnern mittheilte. Die Viehhirten auf dem Felde beteten und sangen schöne geistliche Lieder bei ihren Heerden; Knechte und Mägde waren um ihr Seelenheil bekümmert; es wurde keine Musik mehr auf den Dörfern gehört; Niemand wollte in die Spiel- und Tanzhäuser gehen. David Ritschmann, ein Jüngling von 18 Jahren, mit seinem Bruder Melchior, zeugten kräftig von der Gnade Gottes, die sie an ihrem Herzen erfahren hatten. Der römische Pfarrer erschöpfte sich in Schmäh- und Droh-Worten. Aber er richtete nichts aus. Der griff er zur Gewalt. Man nahm die schönen, geistlichen Bücher weg, forderte viele vor Gericht, und kerkerte sie ein. Melchior Ritschmann ward im Gefängniß durch Hunger gequält, und dergestalt gebunden, daß ihm das Blut zur Nase und zum Mund und durch die Haut herausdrang; daher er auch nach seiner wunderbaren Befreiung 1724 bis an sein Ende elend und kränklich blieb. Fünf junge Männer, die Söhne bemittelter Aeltern, an ihrer Spitze David Ritschmann, mußten des Nachts fliehen, da die äußere Gewalt ihnen die Verkündigung des Evangeliums unmöglich machte. Auf einer Wiese vor dem Dorfe knieten sie nieder, und beteten über Zauchenthal und die ganze Gegend. Sie selbst empfahlen sie der Fürsorge Gottes; denn sie wußten nicht, wohin sich zu wenden. Doch fröhlich setzten sie ihre Wanderschaft fort, indem sie das schöne Lied sangen, welches 100 Jahre vorher ihre Vorfahren bei ihrer Vertreibung aus dem Vaterlande verfaßt hatten:

Selig der Tag, da ich muß scheiden,
Mein liebes Vaterland muß meiden,
Und mich begeben in das Elend!

Der Herr wird mein Geleitsmann seyn,
Mich schützen durch die Engelein,
Der aller Gläubigen Beschützer ist.

Ein Oertlein hat mir Gott ausgewählt,
Daß meinem Herzen wohlgefällt.
Wo ruhen kann die Seele mein.

Gleich wie ein Hirsch verlanget sehr
Nach frischem Wasser, soviel mehr
Dürst’t meine Seel‘ nach Gott allein u. s. w.

Sie wollten nun gern ihre Brüder in der Lausitz aufsuchen, und besonders den Christian David, der das Werkzeug ihrer Erweckung gewesen war. Am 12. Mai 1724 trafen sie glücklich in Herrnhut ein, an demselben Tage, wo dort der Grundstein zu einem großen, neuen Hause, einem Gemein- und Anstalts-Hause, gelegt wurde. Auch die Pastoren Schäfer und Rothe, sodann Wattewille und Milde, der Sekretär des Prof. Francke von Halle, waren gegenwärtig. Der Graf sprach in einer nachdrücklichen Rede über die Absicht des Baus. Wattewille kniete auf den Grundstein nieder, und that ein Gebet mit solcher Geisteskraft, daß die Anwesenden in Thränen zerflossen, und der Graf in der Folge oft bezeugte, ein solches Gebet habe er seitdem nicht wieder gehört. „Sie haben viel versprochen, sagte die Gräfinn nach dem Gebet zu Wattewille. Trifft die Hälfte davon zu, so ist’s weit über unsre Erwartungen.“ – Was die fünf Jünglinge hier fanden und hörten von Wattewille und vom Grafen, und wie dieser Gott bat, das Werk zu segnen, wenn es zu seinem Dienste wäre, es aber in seinen Anfängen zu vernichten, wenn es Menschenwerk wäre, ließ sie nicht weiter ziehen. Sie hatten über ihre Erwartung gefunden. Diese Männer waren ächte Glieder der alten Brüderkirche, und gaben die Veranlassung zur Erneuerung derselben. Bald kamen immer mehrere derselben nach.

Aber in einer Gemeinde, die aus Leuten der verschiedensten Gegenden gebildet war, mußte gar bald mancher Streit aus der Verschiedenheit der Gesinnung hervor gehen. einige neigten mehr zum lutherischen, andre mehr zum reformirten Bekenntniß. Viele hatten dazu harten Druck erlitten, und vermochten nur schwer, die neue Freiheit zu ertragen. Die religiösen Neigungen waren gar verschieden. Nur mit Mühe konnte Zinzendorf durch sein Ansehen die Ordnung und Eintracht aufrecht erhalten. Er hatte den mährischen Exulanten nachgegeben, daß an der Stelle der Privatbeichte, welche Rothe eingeführt hatte, die allgemeine Beichte wieder in Brauch kam. Da kam, um die Verwirrung zu vermehren, noch ein Rechtsgelehrter, Krüger, nach Herrnhut, der wegen religiöser Zänkereien allerwärts verstoßen, in Herrnhut Zuflucht suchte. Die Gemeinde nahm ihn in christlicher Liebe auf. Er aber, nachdem er sich bei einem großen Theil der Gemeinde den Schein einer außerordentlichen Heiligkeit zu geben gewußt hatte, begann bald mit seinen unheilvollen Streitigkeiten; Zinzendorf sei der Zerstörer der uralten Brüderkirche, Pastor Rothe sei ein falscher Prophet, sie sollten sich von beiden lossagen. Die Gottheit Christi und die Göttlichkeit der h. Schrift leugnete er. Da gab es schreckliche Verwirrung in Herrnhut. Selbst Christian David ward eine Zeit lang an der guten Sache irre, baute sich eine Strecke entfernt von Herrnhut ein Häuslein, und grub sich einen Brunnen. Denn er mochte nichts mehr wissen von seinem Volk Israel, was er selbst größtentheils aus dem ägyptischen Knechtshause ausgeführt hatte. Die Feinde Zinzendorfs jubelten: „Seht da, das Sectennest Herrnhut, was noch viel Unheil anrichten wird, wenn man es nicht bald zerstört!“ Aber auch Wohlmeinende schüttelten den Kopf über diese Sachen.

Zinzendorf war mit Lebensgefahr wieder nach Oestreich gereist; denn dort lagen viele Brüder in Banden. Sein lieber David Nitschmann war, als er seinen alten Vater besuchen wollte, ins Gefängniß gelegt worden. Diese alle wollte der Graf losbitten. Er hatte deshalb eine Conferenz zu Kremsir mit dem Cardinal von Schrautenbach und dessen Bruder. Er richtete zwar in diesem Punkte nicht viel aus, stärkte und tröstete aber doch viele Brüder, erweckte viele Seelen durch seine evangelischen Vorträge, und kehrte mit Preis gegen Gott für seine glückliche Errettung zurück.

Hier findet er aber seine liebe Gemeine zu Herrnhut durch die auf’s höchste gestiegene Zwietracht am Randes des Verderbens. Rothe hatte schon lange mit gewohnter Kraft und Strenge dagegen gedonnert. Es war aber ein Sturmwind, und kein lindes, sanftes Sausen. Nun betritt Zinzendorf den Kampfplatz. Die Verwaltung seiner Güter und aller weltlichen Geschäfte überläßt er seiner Frau und Wattewille. Er selbst zieht nach Herrnhut in das neue Waisenhaus, obgleich dessen Wände noch nicht trocken sind. Die hingebende Liebe des Grafen und die gewaltige Kraft seiner Erscheinung und seiner Rede übten eine wunderbare Macht auf die Gemüther. Durch feurigen Zuspruch, heiße Thränen und liebevolle Belehrung, die er bald vertraulich, bald öffentlich spendete, brachte er die Versöhnung zu Stande. Krüger wäre gar gerne verfolgt worden, um als Märtyrer glänzen zu können. Doch die erbarmende Liebe, die Zinzendorf ihm, trotz alles seines Undanks und Hasses, bezeugt, nahm der giftigen Schlange den Stachel, andre zu verletzen. Gott aber übte ein schrecklich Strafgericht. Krüger wurde wahnsinnig, kam später ins Irrenhaus nach Berlin, und nahm, von seinem bösen Gewissen gequält, ein klägliches Ende. In Herrnhut war nun wieder Friede eingekehrt. Nur etwas beunruhigte noch die Gemüther. Zinzendorf war ein warmer Verehrer Luthers, den er nach den Aposteln für den gewaltigsten Gottesmann, der je gelebt, erklärte, und verlangte jetzt, die mährischen Brüder sollten sich ganz, auch in der kirchlichen Verfassung, mit der lutherischen Kirche vereinigen. Die Brüder begehrten nun wohl in Gemeinschaft mit der evangelischen Kirche zu bleiben. Doch wollten sie das Kleinod ihrer Verfassung durchaus nicht aufgeben. Selbst Luther habe ja offen zugestanden, daß die Brüderkirche darin etwas vor der seinen voraushabe. Diese bündige Erklärung veranlaßte den Grafen, ernstlicher über die Sache nachzudenken. Je mehr Zinzendorf von der Kirchen-Ordnung der alten Brüder-Kirche hört und las, und damit die Einrichtungen der apostolischen Kirche verglich, desto fester wurde sein Entschluß, trotz der Schmähungen und Mißdeutungen, die seiner harren würden, den Brüdern die alte Verfassung wieder zu geben. Am meisten bestärkte ihn der Schmerz des alten, ehrwürdigen Brüderbischofs, Amos Comenius, der 1671 vertrieben aus seinem Vaterland, aus Gram über den Untergang seiner Kirche gestorben war, in dem Entschluß, ein Wiederhersteller derselben zu werden. Er erklärt sich darüber unter Andern: „Ich durfte des alten Comenii erbärmliche Lamentation nicht lange lesen, da er dachte, nun sey’s mit dem Kirchlein der Brüder am Ende; ich durfte sein wehmüthiges Gebet: „Bringe uns, Herr, wieder zu dir, daß wir wieder heimkommen! Erneure unsre Tage, wie vor Alters!“, nicht zweimal ins Gesicht bekommen, so war der Entschluß da: Ich will dazu helfen, so viel ich kann. Ginge auch Hab und Gut, Ehre und Leben darauf, so soll, so lange ich leben, und, soviel ich dazu thun kann, auch mach mir dieses Häuflein des Herrn ihm bewahrt werden, bis daß Er kommt.“ Der 12. Mai 1727 war der gesegnete Tag, an welchem die alte Brüderverfassung nach dem Vorbild der apostolischen Kirche erneuert wurde. Unter Mitwirkung des Pastors Rothe und der angesehensten Einwohner von Herrnhut hatte der Graf eine christbrüderliche Gemein-Ordnung, mit Berücksichtigung der ersten apostolischen Kirchenverfassung und der Regeln der alten Mährischen Kirche entworfen. An diesem Tage hielt er nun an alle Versammelten drei Stunden lang eine tiefbewegte, gründliche Rede gegen die Uebel religiöser Trennungen und über den Zweck der Gemein-Ordnung. Alle gaben ihm hierauf, beschämt über die betrübenden Zerwürfnisse, mit tiefer Rührung die Hand zum feierlichen Versprechen, im Geist der Liebe Christi Eins seyn zu wollen, und der Erfolg bewährte es, daß hier ein höherer Geist der Eintracht die zersprengten Gemüthsrichtungen bereits zusammengefaßt hatte. Es wurden nun 12 Männer zu Gemein-Aeltesten, und unter diesen 4 zu Ober Aeltesten erwählt, der Graf zum Vorsteher, und Wattewille zu seinem Gehülfen. Außerdem gab es Helfer, Almosenpfleger, Krankenwärter, Ermahner, männliche und weibliche. Die ganze Gemeinde theilte sich, nach Alter und Geschlecht, in Chöre der Jünglinge und Jungfrauen, der Ehemänner und Ehefrauen u. s. w. Jeder Chor hatte seine besondere Andachten, Lieder und Feste. Einfache Kleidung war allen gemein, aller Mode-Putz wurde verbannt. Bürgerliche Streitigkeiten wurden brüderlich von den Aeltesten geschlichtet. Um der Reinheit der Sitten willen sonderten sich die Geschlechter mehr und mehr. Man ordnete tägliche Gottesdienste Morgens und Abends an, theilte die Gemeine in kleinere Gesellschaften, oder Banden, welche sich mit besonderer Offenheit wechselseitig ermahnten und erbauten, und vereinigte sich zu Nachtwachen, woran alle Männer von 16 – 60 Jahren Theil nahmen, so daß die Gemeine auch nächtlich durch Gesänge ermuntert, und daneben in ununterbrochenem Gebete dem Herrn priesterlich vorgetragen wurde. (Jes. 62, 6.)

Dies waren die sogenannten Stunden-Gebete. Es wurde auch eine Aufsicht über die irdischen Handthierungen festgesetzt. „In einer christlichen Gemeine, sagt Zinzendorf, muß gearbeitet, nur gute Arbeit zu dem billigsten Preise geliefert, und noch immer dem Arbeitsunfähigen gegeben werden.“ Er hob auch alle Dienstbarkeit und Leibeigenschaft für Herrnhut auf. Durch solche Wechselwirkung gläubiger Liebe schwand die Mißstimmung und Zwietracht; ein demüthiger, himmelwärts gerichteter Sinn verband die Herzen, und fast jeder Tag wurde durch neue Gnadenregungen bezeichnet. Dieser Segen innigster Verschwisterung im Geiste erreichte durch ein der Gemeine zum unvergeßlichen Andenken gewordenes Abendmahl am 13. August einen seligen Gipfelpunkt, so daß die verschiedenen Genossen recht eigentlich als Ein Herz und Eine Seele zusammenflossen, und, von jener Zeit an, der eigentliche Gemeingeist und das einträchtige Festhalten an Christo, dem Gekreuzigten, seinen lebendigen Anfang nahm. Ein Bericht von jenem Tage sagt hierüber: „Wir brachten diesen und die folgenden Tage in einer stillen, freudigen Fassung zu, und lernten lieben.“ Zu dieser Geistestaufe der Erwachsenen kam bald hernach eine große, segensreiche Erweckung unter den Kindern der Gemeinde, und so wurde jener Tag von Allen mit Recht als der eigentliche Stiftungstag der erneuerten Brüderkirche betrachtet, als welcher er noch heutigen Tages von ihr alljährlich gefeiert wird.

Diese seligen Erfahrungen besang Zinzendorf in dem trefflichen Weiheliede:

„O ihr auserwählten Seelen,
In dem Pella Herrenhut.

wo er unter andern von dem Fundamente der Gemeinde sagt:

„Drum, so gründe dich auf Gnade,
Bau des Höchsten, Herrenhut!
Mache deine Mauern grade,
Deine Pfosten rühr‘ mit Blut!
Jesu Leiden, drin wir weiden,
Haben uns das Herz genommen.
Drauf sind wir zusammenkommen.

Aber in tiefer Demuth fügt er auch hinzu:

Herrnhut soll nicht länger stehen,
Als die Werke deiner Hand
Ungehindert drinnen gehen,
Und die Liebe seh sein Band,
Bis wir fertig, und gewärtig
Als ein gutes Salz der Erden,
Nützlich ausgestreut zu werden.

Mit besonderer Liebe nahm sich Zinzendorf der Kinder an, als der jungen Saat für die künftige Gemeine. Er hielt ihnen gar liebliche, kindliche Reden, machte für sie Lieder, unter denen eins:

„Ich bin ein armes Kindelein,
Und meine Kraft ist schwach.“

besonders bekannt zu seyn verdient. Wie wichtig ihm die Kinderzucht war, äußert er z. B. in folgenden Worten: „Sie ist, sagt er, eine heilige, priesterliche Methode, die Seelen von ihrer Wiege an nichts anders wissen zu lassen, als daß sie für Jesum da sind, und daß ihre ganze Glückseligkeit darin besteht, wenn sie ihn kennen, ihn haben, ihm dienen, mit ihm umgehen, und ihr größtes Unglück ist, auf irgend eine Art von ihm getrennt zu seyn. Daher der Kinder größte Strafe seyn muß, nicht mitbeten, nicht mitsingen, nicht in die Versammlung gehen zu dürfen.“

Loosungen. Erweckungs-Reisen. Verbindung mit Professoren und Studenten zu Jena. Erste Reise nach Kopenhagen. Die ersten Missionen.

Die Reden, welche Zinzendorf in den täglichen Abendversammlungen über einen biblischen Spruch, oder über einen Liedervers zu halten pflegte, gaben im Mai 1728 Veranlassung zu den sogenannten „Loosungen“ der Gemeine, indem er den behandelten Spruch oder Vers den Brüdern und Schwestern, zu einer Loosung für den folgenden Tag, mit nach Hause zu geben anfing. Während das Werk Gottes in Herrnhut fröhlich gedieh, und die Tage unter singen und Beten von Jung und Alt gefeiert wurden, dachte Zinzendorf schon an die Zukunft. Wie leicht konnte weichliche Ruhe und ein unthätiges schwärmerisches Wesen in der Gemeine einreißen, und ihre Glaubenskraft brechen. Er überzeugte sich, daß die Form nur tauge, so lange der Geist darin walte. Von außen mußte neue Lebenskraft und Anregung in die Gemeine kommen. Darum machte er Erweckungsreisen. Obgleich die österreichischen Aemter den Befehl hatten, ihn fest zu nehmen, reiste er doch ohne Furcht und unangefochten durch Schlesien, von da in die Thüringer Lande. Die Universität Jena war damals eine gar liebliche Blume evangelischen Glaubens. Der wackere Gottesmann, Professor Buddeus, der junge Magister Spangenberg und über hundert erweckte Studenten luden den Grafen im J. 1728 zu sich ein, und wurden mächtig erregt durch seine gewaltigen, feurigen Reden. Nicht anders die große Schaar gläubiger Studenten in Halle, die schon damals christliche Verbindungen zu gründen beabsichtigten, noch frisch angeweht durch den Geist Speners und Franckes. Vor Fürsten und Gewaltigen, wo ihm sein Stand Eingang verschaffte, zeugte er mächtig von der Wahrheit des Evangeliums, und erwarb gar viele Freunde. Seine Feinde aber wurden in seiner Gegenwart beschämt, und zum Schweigen gebracht. Die Glaubensfrische, die Zinzendorf von seinen Reisen nach Herrnhut zurückbrachte, ermunterte die Brüder zu ähnlichen Reisen. Johann und David Nitschmann gingen nach Dänemark, drei Andre nach England, Andre nach Mähren; selbst bis Ungarn drangen einige vor. – Schon längst empfand Zinzendorf sehr schmerzlich, daß sein äußerer weltlicher Stand nicht mit seinem innern, geistlichen Berufe übereinstimmte. Er fühlte, er müsse selbst Geistlicher werden, und doch fand er bei diesem Plan so viel Widerspruch. Da schien sich ein Ausweg zu finden. In Dänemark herrschte damals ein frommer König, Christian VI., mit welchem, wie mit der Königinn, und seiner Schwiegermutter, der Markgräfinn Sophie Christine von Baireuth, der Graf schon längst bekannt und befreundet war. Er reiste deßhalb im April 1731 nach Kopenhagen, mit der Hoffnung, dort vielleicht einen entsprechenden Wirkungskreis zu finden. Die Königliche Familie empfing ihn mit der größten Auszeichnung. Die höchsten weltlichen Ehrenstellen und Staatsämter wurden ihm angetragen, und der König hing ihm am Krönungs-Tage mit eigener Hand den Danebrogs-Orden um. Doch alle diese Ehren achtete er nicht, er suchte ja nur einen geistlichen Wirkungskreis. „Wenn das Gute bei Hofe gefördert werden muß, – schreibt er an seine Gemahlinn, – so kann ichs nicht unternehmen; denn es geht allzu viel Zeit auf die größten Kleinigkeiten, daß man’s bei Gott nicht verantworten kann, seine Stunden und Tage so sehr zu mißbrauchen. Mein Beruf heißt:

„Jesu nach, durch die Schmach,
Durchs Gedräng von auß- und innen,
Das Geraune zu gewinnen,
Dessen Pforte Jesum brach!“

Als der König ihn deßhalb nun frug, was er denn eigentlich wünsche, so schlug Zinzendorf vor, „eine neue Universität zu gründen, welche die Welt mit dem Evangelio erfüllen könne.“ Darüber äußerte der König große Freude. Er habe längst sich schon mit diesem Plane beschäftigt, aber bis jetzt noch nicht den rechten Mann finden können. Als es nun aber zur Ausführung kommen sollte, da zeigte es sich, daß der junge König auch bei dem besten Willen und Plan eines Ausländers gegen das Gutachten seiner Räthe nicht ausführen konnte. Wohl gab es auch unter den Hofleuten einige christliche Männer; die meisten aber behandelten das Christenthum als eine Mode, der man sich aus Liebe zum König, wenn auch mit Widerstreben, fügen müsse. Zinzendorf hatte seinen Zweck nicht erreicht; und doch sollte diese Reise großartige Erfolge haben. Was ein König beim besten Willen nicht thun konnte, dem Grafen einen großen, geistlichen Wirkungskreis anzuweisen, das wirkte ein armer Mohr und zwei Grönländer.

Ein Neger-Sclave, Anton, aus der Dänisch-Westindischen Insel St. Thomas war nach Kopenhagen gebracht worden, um hier bei einem Grafen als Kammermohr aufzuwarten. Zinzendorf wurde mit ihm bekannt. Anton erzählte, wie er sich früher selbst so sehr nach dem unbekannten Gott gesehnt habe, wie seine leibliche Schwester Anna, die in St. Thomas zurückgeblieben sey, so inniges Verlangen nach dem Christen-Gott habe, und wie gränzenlos, elend der Zustand der armen Seelen sey. Das ging dem Grafen durchs Herz. Um dieselbe Zeit sah er zwei Grönländer, die der heldenmüthige Missionar Hans Egede mitgebracht hatte. Das Werk der Mission lag aber jetzt jämmerlich darnieder. Der arme Egede erdtete nur Undank für seine saure Arbeit. Zinzendorf nahm freundlichen Abschied von der königlichen Familie, und kehrte mit neuen Missions-Gedanken erfüllt nach Herrnhut zurück. Die meisten Brüder wollten nicht viel wissen von der Heidenbekehrung; sie waren ja eben erst nach langem Kampf zu stiller Ruhe gekommen. Dazu waren eben erst 74 Vertriebene aus Mähren gekommen, die untergebracht werden sollten. Doch einige Brüder wurden mächtig ergriffen, entschlossen sich zur Reise nach St. Thomas, und erklärten, selbst Sklaven werden zu wollen, wenn sie auf keine andere Weise das Evangelium predigen könnten. Dies waren Leonhard Dober, ein Töpfer, und David Nitschmann, der Zimmermann.

Jeder hatte nur sechs Taler Reisegeld. Alles lachte und spottete über dies kühne Unternehmen. Selbst gottesfürchtige Freunde machten Einwürfe, und suchten sie auf andere Gedanken zu bringen. Nur die Gräfinn von Stolberg zu Wernigerode sprach sich für ihr Vorhaben aus. – Sie sprach herzlich mit ihnen, und sagte zum Abschied: „Gehet hin!, und wenn sie euch todt schlagen um des Heilands willen, Er ist alles werth.“ Das war Balsam auf mein Haupt, schreibt Dober, weil sie die einzige auf der ganzen Reise, und, außer dem Grafen Zinzendorf, die einzige auf der ganzen Welt gewesen, die mir meinen Weg nicht schwer gemacht.“ In Kopenhagen ward ihnen durch eine Prinzessinn eine Beisteuer zu ihrer Reise und eine holländische Bibel zugewandt. Auch einige Staats-Räthe, die die Glaubensfreudigkeit der Brüder bewunderten, entließen sie freundlich mit den tröstlichen Worten: „So geht in Gottes Namen! Unser Heiland hat Fischer erwählt, sein Evangelium zu predigen, und er selbst war eines Zimmermanns Sohn.“ nach einer beschwerlichen Reise von 10 Wochen kamen die reisenden in St. Thomas an. Der Neger Anton hatte ihnen einen Brief an seine Schwester Anna mitgegeben. Diese suchten sie auf, lasen ihr im Beiseyn andrer Neger den Brief vor, und verkündeten ihnen, daß Jesus auch ihnen die Seligkeit erworben habe. Vor Freude über diese Botschaft klopften die Neger in die Hände. Bisher hatten sie geglaubt, die ewige Seligkeit sey nur ein Vorzug ihrer weißen Herren. Die Negerinn Anna mit ihrem Manne und Bruder Abraham waren die Erstlinge der schwarzen Christen. David Nitschmann mußte bald zurück nach Europa. Dober blieb zwei Jahre zu großem Segen, aber unter vielen Gefahren, allein in St. Thomas, bis auch er als Aeltester nach Herrnhut zurückberufen wurde, und andre Brüder in sein Arbeitsfeld eintraten, welches unter Dobers apostolischem Wirken schon reif zur Ernte geworden war.

Auch das eisige Grönland mit seinen ewigen Nächten und seiner kümmerlichen Vegetation sollte seine Apostel unter den Brüdern finden, die mit liebesglühendem Herzen die harten Eisrinden von den Herzen dieser armen Grönländer wegzuschmelzen wünschten. Matthäus Stach trug diesen Missions-Gedanken vom ersten Abend an, wo er von den armen Grönländern in der Versammlung hatte reden hören, still im Herzen herum. Endlich entdeckte er sich den Aeltesten in Herrnhut. Doch Niemand wollte den Plan billigen; bis nach längerer Zeit Zinzendorf ernstlich mit Stach über die Sache sprach, und ihn zur Ausführung aufforderte.

Der schon bejahrte Christian David konnte seinen apostolischen Eifer nicht zähmen; er reiste mit nach Grönland. Den 20. Mai 1733 landeten die beiden Brüder glücklich an der Küste Grönlands. Das mühsame, aber gesegnete Wirken derselben siehe weiter unten in der „Geschichte der ersten Missionare der Brüder-Gemeinde in Grönland!“

Während so das Kirchlein der Brüder nach innen und außen fröhlich aufzublühen begann, thürmten sich aber schwere, schwarze Gewitter über ihnen auf, die sich zunächst über dem Haupte des Gründers zu entladen drohten.

Zinzendorfs Verfolgungen. Gutachten der theol. Facultät zu Tübingen. Seine geistlichen Anfechtungen und vergebende Liebe.

Herrnhut war zu einer Gemeinde von fast 600 Seelen angewachsen. Diese erregte den Neid und Haß der Widersacher. Bei der sächsischen Regierung verdächtigte man den Grafen als einen unruhigen, neuerungssüchtigen Mann. Es liefen auch Klagen von der Oesterreichischen Regierung ein, daß Unterthanen zur Auswanderung verlockt würden. Dazu war der Umgang des Grafen mit einfachen, geringen Leuten den Hofleuten schon längst ein Gräuel. Man verbot ihm in Dresden, erbauliche Versammlungen zu halten; nach Herrnhut aber sandte man eine Commission, welche eine gründliche Untersuchung anstellen sollte. Sie kommt im Januar 1732, den Amtshauptmann von Görlitz, Georg von Gersdorf, an der Spitze. Aber siehe! Die heilige, feierliche Sabbaths-Ruhe, die schöne Ordnung, das liebliche, frische Glaubensleben, welches in Herrnhut waltet, macht auf die Glieder der Commission einen so tiefen Eindruck, daß diese sich nicht nur völlig von der Grundlosigkeit aller Anschuldigungen überzeugen, sondern auch mit Thränen und herzlichen Segens-Wünschen von dort scheiden. Die Feinde schienen zum Schweigen gebracht, aber nun grollte man auch gegen die Commission, welche einen für Zinzendorf sehr günstigen Bericht eingesandt hatte, als heimliche Herrnhuter. Der Graf hatte im März 1732 sein Staats-Amt zu Dresden niedergelegt. Seinen Feinden gelang es, schon im Novbr. d. J. den Befehl zu erwirken, daß er seine Güter in Sachsen verkaufen solle. Kamen diese nun an einen den Brüdern feindlichen Herrn, so war es um Herrnhut geschehen. Doch Zinzendorf hatte schon 1722 die Güter seiner Frau geschenkt, und übertrug sie ihr nun noch förmlich durch einen Kaufact. Hierdurch war dem Unheil vorläufig gewehrt. –

Zu den häuslichen Leiden, welche dieses Jahr 1732 ihm noch bereitet, dem Tode eines zweijährigen Sohnes, Johann Ernst, und eines zweijährigen, frommen Töchterleins, Theodora Charitas, kommen neue Schmähungen, selbst Drohungen von außen. Man spricht schon davon, bald werde der Graf auf der Festung Königstein für immer unschädlich gemacht werden. Sein Stand schützte ihn nun wohl vor äußerster Gewaltthat. Was konnte er aber bei seinem evangelischen Eifer von einem Fürsten erwarten, der, wie August der Starke, den heiligen Glauben seiner ruhmreichen Vorfahren verläugnet hatte, um die Polnische Königs-Krone zu gewinnen, dessen Hof, nach dem Pariser, der üppigste und sittenloseste in Europa war?

Da der Befehl, seine Güter zu verkaufen, deutlich genug seine Ausweisung aus Sachsen anbahnen sollte, so beschloß er, auf den Rath seiner Freunde, einstweilen freiwillig außer Landes zu gehen. Er pilgerte nach seinem lieben Würtemberg, wo Geistlichkeit und Volk ihn stets so freundlich aufnahmen. Auch jetzt kam man ihm mit so viel Vertrauen, Liebe und Hochachtung entgegen, daß er sich in seinem Unglück dadurch beschämt und gedemüthigt fühlte. Er schreibt darüber an seine Gemahlinn: „Ist die Schmach und Noth in der Lausitz groß, so ist die Erhebung meiner Person in diesem Lande mit gewiß tausendmal ängstlicher, und plagt mich bis zum Sterben.“ Auch an seinem Leibe sollte der Graf heimgesucht werden. Ein schweres Fieber warf ihn auf das Krankenbett, und machte ihn Wochenlang zu gewohntem, geistlichem Wirken untüchtig. Theilnehmend umstanden sein Lager die gläubigen Seelen Tübingens Hoch und Niedrig, begierig, ein Wort des Lebens aus seinem Munde zu hören. Ein Hauptzweck seiner Reise nach Würtemberg war auch wirklich erreicht worden. Auf seine Veranlassung hatte die theologische Fakultät zu Tübingen unterm 19. April 1733 ein Gutachten herausgegeben, worin sie erklärte: „daß die mährische Brüdergemeinde zu Herrnhut, ihre Uebereinstimmung mit der evangelischen Lehre vorausgesetzt, bei ihren seit 300 Jahren bestehenden Einrichtungen und bekannten Kirchenzucht verbleiben, und dennoch ihre Verbindung mit der evangelischen Kirche behaupten könne und solle.“ Diese Entscheidung einer so berühmten, lutherischen Fakultät, wie die zu Tübingen, war ihm eine kräftige Stütze, seinen theologischen Feinden gegenüber.

Aber auch mit geistlichen Anfechtungen sollte der Vielgeplagte nicht verschont werden. Jetzt war ihm von mehreren Seiten vorgeworfen worden, seine Lehre, sein Hervorheben des blutigen Verdienstes Jesu Christi, seine sogenannte Martertheologie sey nicht die rechte Lehre. Auch sey er selbst noch nie rechtschaffen bekehrt worden.“ Es ward nämlich die Lehre der Schrift von dem Versöhnungsopfer Jesu Christi zwar von den evangelischen Kanzeln herab noch gepredigt, aber von vielen Theologen so dürr und trocken, so gelehrt systematisch, als Gewohnheitssache, ohne eigene Erfahrung, ohne inneres gläubiges Leben, daß diese dürre Glaubenslehre auch kein fruchtbringendes Glaubensleben erweckte, sondern nur einen todten Kopf- und Gewohnheits-Glauben, auf den sich aber die Selbstgerechtigkeit der Zuhörer viel zu Gute that, so daß er ihnen ein bequemes Ruhekissen in ihren Sünden wurde. Die Knechte Gottes, Arnd, Spener, Francke, hatten bekanntlich auch über solche kalte, todte Orthodoxie geklagt, und dagegen geeifert. Diese Einseitigkeit des Vortrags der evangelischen Glaubenslehre benutzten nun ungläubige Philosophen und Moralisten, an ihrer Spitze der Kanzleirath, Conrad Dippel zu Berleburg, die Fundamentallehre des Evangelii: „das Blut des Sohnes Gottes macht uns rein von aller Sünde,“ (1. Joh. 1, 7), selbst zu bekämpfen, weil sie meinten, die Menschen dadurch zu größerer, sittlicher Selbstthätigkeit zu zwingen. Dies war der Anfang der sogenannten Aufklärung, des trostlosen Rationalismus, der das Wort Gottes zuerst verflachte, nachher mit Füßen trat, und lange Zeit, wie ein giftiger Pesthauch, die Kirche Gottes verwüstet hat.

Diese Angriffe Dippels gegen die Lehre von der Versöhnung trieben dem Grafen im Jahre 1734 zu einer neuen, ernstlichen Prüfung seines Glaubens-Grundes, und zur Vergleichung desselben mit der h. Schrift und der Kirchenlehre, worin Spangenberg, Rothe, und die zwei grade in Herrnhut anwesenden würtembergischen Magister Steinhofer und Oetinger ihm halfen. Auf diesem Wege ernster Forschung und aufrichtiger Selbstprüfung gelangte er zu der bisher noch nicht so klar und bestimmt erkannten Ueberzeugung, „daß die von so vielen verkannte und verworfne Lehre von dem Versöhnungsopfer Jesu Christi der Mittelpunkt und die Hauptlehre des christlichen Glaubens sey, und daß alle wahre Herzens-Religion sich auf den lebendigen Glauben an den gekreuzigten Versöhner der Sünde, und auf die aus diesem Glauben hervorgehende Liebes-Gemeinschaft mit Ihm (dem Umgang des Herzens mit ihm) gründen müsse.“ Er sagt darüber: „So lange ich Dippel’s System blos von der Ecke ansah, da er den Zorn von Gott abwenden wollte, gefiel es mir; denn ich war damals in dem Concept der Theodicee, und der liebe Gott jammerte mich gleichsam, wo seine Handlungen nicht mathematisch genug zusammen zu hängen schienen; und weil ich nicht an Ihm irre werden konnte, so suchte ich Ihn auf alle Weise bei vernünftigen Leuten zu entschuldigen, war also bei Dippel’s Behauptungen ziemlich gleichgültig. Als aber ich selbst in die genaue Untersuchung meiner Bekehrung kam, merkte ich, daß in der Nothwendigkeit des Todes Jesu und in dem Wort „Lösegeld“ ein besondere Geheimniß und große Tiefe stecke, wo die Philosophie zwar schlechthin stehen bleibe, und nicht weiter komme, die Offenbarung aber unbeweglich darüber halte. Das gab mir einen Aufschub in die ganze Heilslehre, davon ich an meinem Herzen die erste, selige Probe machte, endlich an den Herzen meiner lieben Brüder und Mitarbeiter, da es haften blieb. Von dieser Versöhnungslehre singt er:

Dies ist das wundervolle Ding:
Erst dünkts für Kinder zu gering;
Und dann zerglaubt ein Mann sich dran,
Und stirbt wohl, eh’ er’s glauben kann.

Auch wurde er, der früher so ängstlich gesetzlich war, jetzt, und eigentlich schon vom Jahre 1729 an, immer evangelisch freier. Nach A. H. Francke’s Tode war nämlich ein Theil der Hallenser Theologen sehr engherzig in der Lehre von der Bekehrung und Wiedergeburt geworden. Sie hatten eine bestimmte Reihe von Bußkämpfen und Bekehrungsstufen festgesetzt, die jeder durchgemacht haben müsse, ehe er sich ein Kind Gottes glauben dürfe. „Ei, schreibt Zinzendorf, die Apostel haben ja die bekümmerten Seelen nicht auf ein bestimmtes Maß von Bußangst und ängstliche Uebung, sondern direkt zu Christo gewiesen, (1. Petr. 1, 13. Hebr. 4, 16.), und der Meister selbst beruft ja gerade die Mühlseligen und Beladenen, nicht, daß er sie quäle, sondern, daß er sie erquicke. Ich weiß wohl, daß die geistliche Geburt nicht ohne Empfindlichkeit geschieht. Aber wer darf den Grad der Schmerzen bestimmen? Wäre die Geburt hart, und das Kind könnte weder vorwärts, noch rückwärts, so ist das beste Mittel gewiß: – des Kindleins Weinen! Nach meiner Idee ist das ein Heiliges, das zu den Füßen des Heilands um Gnade weint.“ – Unterdessen war Churfürst August II. im J. 1733 gestorben, und sein Nachfolger August III. war milder gesinnt gegen die Brüder-Gemeinde, so daß Zinzendorf sich wieder freier bewegen konnte. Im Mai l733 kam der treffliche Spangenberg nach Herrnhut, der fortan 60 Jahre im Segen in der Gemeinde wirkte. Auch Leonhard Dober kam, wie ein Siegesheld, aus St. Thomas zurück, um sein Aeltesten-Amt anzutreten. Er führte als erste Sieges-Beute einen hoffnungsvollen Negerknaben, Carmel Oly, mit sich, der später in Ebersdorf getauft wurde, und den Namen Josua empfing.

Auch wurde er, der früher so ängstlich gesetzlich war, jetzt, und eigentlich schon vom Jahre 1729 an, immer evangelisch freier. Nach A. H. Francke’s Tode war nämlich ein Theil der Hallenser Theologen sehr engherzig in der Lehre von der Bekehrung und Wiedergeburt geworden. Sie hatten eine bestimmte Reihe von Bußkämpfen und Bekehrungsstufen festgesetzt, die jeder durchgemacht haben müsse, ehe er sich ein Kind Gottes glauben dürfe. „Ei, schreibt Zinzendorf, die Apostel haben ja die bekümmerten Seelen nicht auf ein bestimmtes Maß von Bußangst und ängstliche Uebung, sondern direkt zu Christo gewiesen, (1. Petr. 1, 13. Hebr. 4, 16.), und der Meister selbst beruft ja gerade die Mühseligen und Beladenen, nicht, daß er sie quäle, sondern, daß er sie erquicke. Ich weiß wohl, daß die geistliche Geburt nicht ohne Empfindlichkeit geschieht. Aber wer darf den Grad der Schmerzen bestimmen? Wäre die Geburt hart, und das Kind könnte weder vorwärts, noch rückwärts, so ist das beste Mittel gewiß: – des Kindleins Weinen! Nach meiner Idee ist das ein Heiliges, das zu den Füßen des Heilands um Gnade weint.“ – Unterdessen war Churfürst August II. im J. 1733 gestorben, und sein Nachfolger August III. war milder gesinnt gegen die Brüder-Gemeinde, so daß Zinzendorf sich wieder freier bewegen konnte. Im Mai 1733 kam der treffliche Spangenberg nach Herrnhut, der fortan 60 Jahre im Segen in der Gemeinde wirkte. Auch Leonhard Dober kam, wie ein Siegesheld, als St. Thomas zurück, um sein Aeltesten-Amt anzutreten. Er führte als erste Sieges-Beute einen hoffnungsvollen Negerknaben, Carmel Oly, mit sich, der später in Ebersdorf getauft wurde, und den Namen Josua empfing.

Bald nach der Rückkehr des Grafen aus Würtemberg fand ein ergreifendes Ereigniß statt. Der frühere Orts-Aelteste Kühnel hat lange Jahre hindurch den Grafen heimlich gehaßt und verfolgt, auch viele Andre auf böse Wege gebracht. Zuletzt ward er aus der Gemeine ausgestoßen. Da wird Kühnel krank, von schrecklichen Gewissensbissen gepeinigt, und begehrt, der Gemeine seine Vergehungen abzubitten. Er läßt sich in die Versammlung tragen, als eben die Gemeine den Vers singt:

Gnade bitten wird von dir.
Gnade ist der Seelen-Anker;
Und ein Kranker findet in der Gnade Saft –
Heilungs-Kraft.“

Seine Gestalt war jämmerlich, mehr einer Leiche, als einem lebenden Menschen ähnlich. Wie er nun so kläglich um Vergebung bittet, kann die ganze Versammlung die Thränen nicht zurückhalten. Der Graf aber, gegen den der Unglückliche am meisten gesündigt, steht auf, fällt ihm um den Hals, küßt ihn vielmals, und weint mit ihm. Dann kniet der Graf mit der ganzen Gemeine nieder, und betet inbrünstig, daß sich der Heiland seiner in Gnaden annehmen wolle. Der Kranke, durch diese barmherzige Samariter-Liebe wie von neuem geboren, fühlt einen Stein der Schuld von seiner Brust gewälzt, und erholt sich sichtlich. Er war dem Herrn von neuem gewonnen, und wollte wieder nach Herrnhut ziehen. Diese Barmherzigkeit war eine liebliche Frucht, welche die Schule der Leiden in dem Grafen gezeitigt hatte.

Der innere Herzenszustand Zinzendorfs wollte sich aber, je länger, je weniger, mit dem äußern hohen, weltlichen Stande vertragen. Er wollte nun auch vor der Welt nichts, als ein armer Diener Jesu Christi seyn. Sein Staats-Amt hat er niedergelegt, aber alle rathen ihm ab, in den geistlichen Stand zu treten. Selbst die Gräfinn, bereit, jegliches Kreuz im Namen Christi zu tragen, sagt ihm die unangenehmen Folgen voraus, die ein solcher Schritt haben müßte. Doch er bezeugt: „Er habe einen göttlichen Ruf, das Evangelium zu predigen. Es sey aber nicht gleichviel, ob er in einer Privat-Versammlung, oder öffentlich das Evangelium verkündige; die Kirchen und Kanzeln hätten einen Vorzug, und es sey gewiß nicht vergeblich, wenn man Gottes Wort vor Jedermann bekenne; es komme nie leer zurück.“ Gegen solche Ueberzeugung half kein Widerspruch.

Zinzendorf tritt in den geistlichen Stand. Nitschmann zum Brüder-Bischof ordinirt.

Ein gottesfürchtiger Kaufmann in Stralsund, Namens Richter, begehrte einen Lehrer für seine Kinder aus Herrnhut. Da beschloß er, unter dem Namen „Ludwig von Freibeck,“ Hauslehrer desselben zu werden, um bei dieser Gelegenheit sich von den dasigen zwei angesehenen lutherischen Theologen, Superintendent Langemack und Dr. Sibeth, als Candidat der Theologie examiniren zu lassen.

Er gab sich seinem Principal, wie den Theologen, zu erkennen, und wurde von diesen drei Tage lang, lateinisch und deutsch, aufs strengste geprüft, mußte mehrere Predigten halten, und erhielt darauf von ihnen das Zeugniß nicht bloß theologischer Gelehrsamkeit, sondern auch vollständiger Rechtsgläubigkeit. Kaufmann Richter aber hatte ihn so lieb gewonnen, und fühlte sich so zu ihm hingezogen, daß er mit seiner ganzen Familie nach Herrnhut zog, und später sich getrieben fühlte, den Galeerensclaven zu Algier das Evangelium zu verkündigen, wo er 1740 an der Pest starb. Bald nach seiner Rückkehr von Stralsund reist der Graf nach Tübingen, um der theologischen Fakultät seinen Entschluß, den geistlichen Stand anzutreten, schriftlich darzulegen, welche ihn öffentlich billigt. Er predigt darauf am IV. Adventssonntag daselbst zweimal, und tritt damit den geistlichen Stand öffentlich an.

Er kehrt nach Herrnhut zurück, kommt in der Neujahrs-Nacht 4 Uhr Morgens an, und hält noch am selben Tage seine Reden an alle Chöre und an die ganze Gemeinde. So selig ist er, jetzt als öffentlicher Prediger des süßen Evangelii arbeiten zu können. Daher singt er auch in dem in dieser Zeit verfaßten herrlichen Liede: Du, unser auserwähltes Haupt,“ unter andern:

Da bin ich, Herr, dein Unterthan,
Und melde meine Gaben an,
Die du mir Armen mitgetheilt! –
Wenn mich der Hausherr Boten schickt,
So halt‘ ich mich für höchst beglückt.
O, unser allgemeines Haupt,
Gib, daß man meiner Botschaft glaubt!
Mein Rufen dring‘ in Herz und Ohren ein,
Und, wenn ich auf dich weise, so erschein‘!

Die Brüder waren, je mehr sie Missionare unter die Heiden schicken mußten, denen eine kirchliche Ordination nöthig war, in desto größerer Verlegenheit, wer diese, die meistens unstudirte Leute waren, ordiniren solle. Keine lutherische, oder sonstige Kirchenbehörde war dazu geneigt. Da erinnerte sich der Graf, daß die alte Brüderkirche aus uralter Zeit her Bischöfe habe. Jablonsky, Hofprediger des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I, war noch ein solcher Bischof. Und dieser stand schon lange mit Zinzendorf und der Gemeinde zu Herrnhut in inniger Verbindung. An diesen, als den Aeltesten der damaligen Brüder-Bischöfe, schrieb Zinzendorf, ob er wohl den Zimmermann David Nitschmann, der zu diesem Amt von der Gemeine ausersehen war, zum Bischof weihen wolle. Jablonsky bezeigte seine innige Freude darüber, es in einem Alter von 75 Jahren noch zu erleben, daß die Brüdergemeine von dem Herrn gewürdigt werde, den Samen des Evangelii in der alten und neuen Welt auszustreuen.“ Nach genauer Prüfung seiner Erkenntniß und seines Glaubens ward Bruder David Nitschmann am 13. März 1735 mit Einstimmung seines Collegen im Bischofs-Amt, des Seniors Sitkovius zu Lissa, zu einem Bischof der Brüder-Kirche geweiht.

Im Herbst desselben Jahres trat Zinzendorf eine merkwürdige Reise an, bekannt unter dem Namen Zeugenreise. Am ersten Reisetage kehrte er bei einem gottesfürchtigen Edelmann, von Gersdorf, zu Leichnam, bei Bautzen ein. Ein religiöses Gespräch dauert bis Mitternacht; da will der Gutsherr seinen Gast ins Schlafzimmer führen. Doch dieser erklärt, trotz alles Zuredens, er müsse jetzt gleich weiter reisen, und reist wirklich ab. Des andern Morgens findet man die Decke jenes Schlafzimmers grade über dem für den Grafen bestimmten Bett eingestürzt. Dem apostolischen Feuereifer verdankte Zinzendorf sein Leben! – Fast beständig pilgerte Zinzendorf bis in die Schweiz zu Fuß. Er war aber ein schlechter Fußreisender. In traulichem Gespräch mit seinem unsichtbaren Himmelsfreunde bemerkte er bei seiner großen Kurzsichtigkeit erst die Gegenstände, wenn er sich gestoßen, oder in Ungelegenheit verwickelt hatte, verfehlte auch häufig den rechten Weg, und wenn er sich den Tag über im Gespräch mit Leuten, die seine Theilnahme weckten, aufgehalten hatte, so pilgerte er bis tief in die Nacht, um in eine Herberge zu gelangen. Da nun der Fußreisende so stattlich vornehm, und doch dabei so mild und freundlich aussah, so wußten scharfsinnige Bettler seinen Taschen unerwartet schnell alles Geld zu entlocken, so daß er oft selbst in Noth kam. Für seine letzten Pfennige bat er einst, zum Tod ermattet, um ein wenig Brod und Wasser, wurde aber mit Spott abgewiesen. Doch sammelte er auf solchen Reisen gar köstliche Lebenserfahrungen, die durch die ausgestandenen Beschwerden nicht zu theuer bezahlt waren. – Neue Gewitter, schwerer als je, waren unterdeß im Anzug gegen ihn. Nicht bloß war er bei dem Könige von Dänemark in Ungnade gefallen, so daß er sich gedrungen fühlte, ihm den Danebrog-Orden zurück zu senden, sondern seinen Feinden in Dresden war es auch gelungen, ein Verbannungsdekret gegen ihn, und eine neue Untersuchungs-Commission gegen Herrnhut auszuwirken, von welcher letzteren man hoffte, daß sie dem Pietisten-Reste den Garaus machen würde.

Zinzendorf in der Verbannung, – auf der Nonneburg. Reise nach Liefland. Verhältniß zum König Friedrich Wilhelm I. von Preußen.

Eben war Zinzendorf nach Holland gerufen worden, wo er, auf den Wunsch der Fürstinn von Oranien, eine neue Brüder-Colonie zu Heerendyck bei Utrecht gründete, und durch Predigten und Privat-Versammlungen in Amsterdam, Gröningen u. a. O. viel guten Samen unter verschiedenen Confessionen und Sekten ausstreute. In Amsterdam hatte er auf den bekannten Unitarier, Samuel Crell, tiefen Eindruck gemacht, so daß dieser auf seinem Sterbebett gläubig an Jesum verschied. Mit den Handels-Direktoren der holländischen Colonien hatte er Missionen der Brüder nach Surinam, Guinea, Südafrica und Ceylon eingeleitet. Da findet er auf der Rückreise in Hessenkassel das Dekret seiner lebenslänglichen Verbannung aus Sachsen. Er ertrug diesen harten Schlag mit heldenmüthiger Fassung, ohne Bitterkeit, und sah darin eine liebevolle, heilige Fügung des Herrn, die seiner Gemeinde nicht zum Schaden, sondern zur Förderung dienen werde. Mit großer Freudigkeit sagte er daher zu David Nitschmann: „Ich kann unter zehn Jahren ohnedem nicht nach Herrnhut kommen zum Dableiben. Denn jetzt müssen wir die Pilger-Gemeinde sammeln, und de Welt den Heiland verkündigen. Das wird nun unsere Heimath, wo grade jetzt für den Heiland das Realste zu thun ist.“ Er sah sich nunmehr mit dem Evangelium in alle Welt geschickt, zur Entschädigung dafür, daß er mit seiner vorerst hinreichend gekräftigten Gemeinde zu Herrnhut nicht unmittelbar verbunden seyn konnte. Seine Frau, die ihn nach Holland begleitet hatte, sandte er schnell nach Herrnhut zurück, um bei dem Erscheinen der Untersuchungs-Commission von Dresden zugegen zu seyn. Er selbst reiste nach Frankfurt am Main, um dort die gläubigen Seelen zu besuchen, die als eine frische, grüne Saat aus dem Samen hervorgewachsen waren, den sein Pathe Spener einst dort streute, und die ihn eingeladen hatten. Die Commission kam, Superintendent Dr. Löscher von Dresden an der Spitze. Aber siehe!, sie mußte Herrnhut segnen, statt zu fluchen. Bei ihrer zehntägigen Anwesenheit fand sie so viel tiefen und fröhlichen Glauben, und so viele weise, christliche Einrichtungen, statt der erwarteten Schwärmerei und Kopfhängerei, daß Dr. Löscher den Sonntag darauf Herrnhut seiner Dresdner Gemeinde als Muster hinstellte.

Eine Stimme des Unwillens erscholl aus dem Munde Tausender in Deutschland über Zinzendorfs Verbannung. Was hatte er Uebles gethan, daß man ihn aus dem Lande verbannte? Man warf falsche Lehre und gefährliche Principien vor, und doch hatten ihn zwei lutherische Consistorien zu Stralsund und Tübingen für völlig rechtgläubig erklärt.

Von allen Seiten gingen ihm Einladungen zu, und herzliche Theilnahme wurde ihm vielfach gezollt. Zinzendorf verweilte eine Zeitlang auf dem lieblichen Schlosse Marienborn in der Wetterau. Doch, als mehrere Brüder zu ihm stießen, auch die Gräfinn mit allen Kindern bei ihm eintraf, wurde Marienborn zu klein für so viele Gäste. Da wurde ihm das nicht weit davon entfernte alte, halbverfallene Schloß Ronneburg zur Wohnung angeboten. Dort lebten aber schon Inspirirte, Juden, und allerhand arme Familien von andern Sekten in großer Verwahrlosung. Christian David ward ausgeschickt, dort das Terrain zu recognosciren. Der brachte die Antwort: „Da können Sie nicht wohnen!“ Der Graf erwiederte: „Christian, bist du nicht in Grönland gewesen?“ Ja, sagte er darauf: „Wenn’s wie in Grönland wäre!“ Aber da können Sie nicht hin; Sie müssen verderben.“ Je größer das Elend dort aber war, desto mehr zog es den Grafen zu diesen an Leib und Seele Verkommenen, als zu seinem eigentlichen Beruf.

Er begann auf der Ronneburg keine Predigten und Erbauungen für die armen Leute, errichtete Schulen für den Unterricht der Kinder, theilte Lebensmittel aus, und schon begannen sich die ersten Früchte der sauren Missions-Arbeit zu zeigen, als die gegen ihn aufgewiegelte Landesherrschaft Miene machte, das fernere Arbeiten an den Seelen jener Unglücklichen zu verbieten. Der Graf erklärte zwar voll Unmuths und heiligen Zorns, „er würde sich die Arbeit an diesen Seelen nicht wehren lassen, sondern über dieser seiner Passion alles daran wagen.“ Da er aber Gewalt fürchten mußte, so reiste er nach einem Aufenthalte von sechs Wochen ab, um einer Einladung mehrerer Gläubigen nach Liefland zu folgen. Hier ließ er in Riga, Reval, und auf dem Lande, wo er eine große Zahl Geistlicher für sich gewonnen, viele Segensspuren von seinem kurzen Wirken zurück. Auf der Rückreise machte er die wichtige Bekanntschaft des Königs von Preußen.

Friedrich Wilhelm I., ein streng gläubiger Herr, war in jener traurigen Zeit einer der wenigen Fürsten Europa’s, der die wahre Bedeutung des Christenthums begriff. Aber, weil er als Christ wohl wußte, was am Menschen ist, so mußte Jeder, ehe er sein Vertrauen erhielt, erst manche Proben durchmachen, ob er für Ehrgeiz, Geldgeiz, oder andre Leidenschaften zugänglich sey. Bestand Einer diese Proben, dann konnte er auf seine dauernde Achtung rechnen. Im Stillen war der König allen Vorgängen in der Brüder-Gemeinde gefolgt; er hatte sogar zur Beobachtung eines Obersten nach Herrnhut gesandt. Denn seine Soldaten hielt er nun einmal zu allen Geschäften tauglich. Als Zinzendorf durch Berlin kam, ließ ihn der König auf sein Jagd-Schloß Wusterhausen einladen. Der König frug einige Hofleute, was sie von dem Grafen hielten. Sie waren bald mit der Antwort fertig. „Ew. Majestät, entgegneten sie kurz, der Graf Zinzendorf ist ein Narr.“ Das aber wollte der König erst untersuchen. Zinzendorf mußte, auf ausdrücklichen Befehl, drei Tage in Wusterhausen bleiben, und alle Tage eine Unterredung vor dem scharfprüfenden Monarchen aushalten. „Am ersten Tage, erzählt Zinzendorf, sprach der König sehr kalt, doch gründlich. Am zweiten offen und zutraulicher. Am dritten Tage erklärte er vor der Königinn und dem Hofe: „Er sey meinetwegen belogen und betrogen; der Teufel aus der Hölle könne nicht ärger lügen; meine ganze Sünde sey, daß ich mich als ein Graf und in der Welt angesehener Mann dem Dienste des Evangelii widme. Er versicherte mich seiner Liebe und seines völligen Vertrauens, und daß er nichts mehr wider mich glauben, sondern mir dienen wolle, wo er wisse und könne.“ Zu jenen Hofleuten aber sagte der König bitter: „Er wisse nun, auf welcher Seite er die Narren zu suchen hätte.“ Theilnehmend ging nun auch der König auf alle Lebensverhältnisse des Grafen ein. Er hatte ihn als einen rechtschaffenen Christen erkannt, der mit ihm auf gleicher Straße dem Himmel zustrebe; so wollte er ihm, als einem Bruder in Christo, auch in zeitlichen Dingen rathen. Bis an des Königs Tod fand ein herzlicher Briefwechsel mit ihm statt; auf allen seinen Reisen mußte der Graf an den königlichen Gönner schreiben.

Anerkennung der Brüder-Kirche; als einer bischöflichen, vom englischen Parlament. Zinzendorfs Ordination zum Bischof. Wirken in Berlin.

Vom König mit einem kräftigen Empfehlungsschreiben an den Grafen von Degenfeld, seinen Gesandten beim Oberrheinischen Kreise, versehen, reiste Zinzendorf nach der Wetterau zu seiner Familie. die Gräfinn war durch die Ränke übelgesinnter Menschen förmlich von der Ronneburg vertrieben worden, und nach Frankfurt a. M. geflüchtet. Aber jene Empfehlung des Königs von Preußen that Wunder. Mit größter Auszeichnung empfing ihn die weltliche und geistliche Obrigkeit der Stadt. man gestattete ihm gerne, öffentliche Andachten zu halten, wiewohl sein Predigen, daß der ehrlichste und rechtschaffenste Rathsherr von Frankfurt nun grade so durch die Gnade Gottes in Christo Jesu selig werden könne, wie der Straßenräuber, den man auf das Rad lege, den feinen Weltleuten bitter, wie Wermuth, dünkte. Er schrieb auch von hier eine Synode aus, welche auf dem Schlosse Marienborn, im Dezember 1736, zum großen Segen der Versammelten abgehalten wurde. Dies war der erste Synodus der erneuerten Brüder-Unität. Seinen ältesten Sohn, Christian Renatus, sandte er um diese Zeit auf die Universität Jena, unter Aufsicht des ältern Johann Nitschmann, welcher sich zugleich der zahlreichen erweckten Studenten annehmen sollte. er selbst reiste mit der Gräfinn, mit Wattewille und andern Brüdern aus der sogenannten Pilgergemeinde nach Holland, wo bereits zwei liebliche Brüder-Colonien erblühten, von welchen bald zahlreiche Missionen in die holländischen Colonien nach Indien, Süd-Africa und America ausgehen sollten. Sein Missions-Eifer trieb ihn im Januar 1737 von hier über das Meer nach England.

In diesem schönen Eilande, welches schon damals bedeutenden Handel mit seinen weitläufigen Colonien trieb, und wo sich viel evangelischer Eifer für Heidenmission zu entwickeln anfing, ersah sich der Graf ein reiches Feld für sein Wirken. Der würdige Erzbischof von Canterbury, Johannes Potter, nahm ihn freundlichst auf, und war tief ergriffen von seiner aufopfernden Liebe für das Evangelium. Sollte er auch manches Leid darum zu erdulden haben, so müsse er doch nach der Wahrheit bekennen, „die Brüderkirche sey eine wahrhaft apostolische und bischöfliche, und behaupte in ihren Lehren nichts, was denen der Englischen Kirche widerstreite.“ Dies wurde später, im J. 1749, von dem englischen Parlamente anerkannt, und den Brüdern rechtskräftig freie Uebung ihres Glaubens in dem gesammten Brittischen Reiche gestattet, ein wichtiger Gewinn für die Brüderkirche zu ihrer ferneren Ausbreitung. Zinzendorf aber predigte zu London gewaltig auf Deutsch und Englisch, und legte den Grund zur ersten englischen Brüder-Gemeine, aus der bald zahlreiche Tochter-Gemeinen hervorgingen. Auch mit den verschiedenen Sekten, den Quäkern, und den Häuptern der sich eben bildenden Methodisten, Wesley und Whitefield, machte er Bekanntschaft, und blieb eine Zeit lang mit ihnen in freundschaftlicher Verbindung.

Nach einem gesegneten Wirken von 3 Monaten reiste Zinzendorf aus England wieder nach Holland, und von da nach Berlin. Hier wurde er, mit Genehmigung des Königs, am 20. Mai 1737 vom Oberhofprediger, Bischof Jablonsky, zu einem Bischof der Brüderkirche ordinirt. Von Juny bis Dezember ward es ihm vergönnt, in Herrnhut zuzubringen. Der 13. August 1737 ward feierlich als Stiftungsfest begangen. Erst zehn Jahre bestand die Gemeine, und was hatte man in dieser Zeit nicht schon alles erlebt! Aus dem kleinen Haufen mährischer Exulanten war ein blühendes Kirchlein entstanden, welches seine Zweige fast über alle Theile der Welt ausstreckte. Unermüdlich arbeitete Zinzendorf fast Tag und Nacht, um alle etwa eingerissenen Irrthümer zu beseitigen, und mit Weisheit die nöthigen Institutionen zu schaffen, „damit es auf lange Zeit keinem Volke gelingen möge, wie es in dem andern Kirchen geschehen, die kleine Heerde durch Mißglauben zu zerfleischen.“ Obgleich im August d. J. die sächsische Regierung verfügt hatte, daß die Gemeine in Herrnhut, so lange sie bei der Lehre der Augsburgischen Confession beharre, bei ihrer Einrichtung und Kirchenzucht gelassen werden solle, so wurde dem Grafen doch jetzt von dieser Regierung zugemuthet, einen Revers zu unterschreiben, wornach er mancherlei Vergehungen eingestehen sollte, deren er sich ganz unschuldig wußte. Da er dies Gewissens halber nicht konnte, so mußte er das Land wiederum verlassen. Dieses Exil dauerte zehn Jahre; Herrnhut aber blieb unangefochten. Freudig bekannte Zinzendorf am Schluß seines Exils: „In der Zeit ist Herrnhut gestanden als eine Hütte Gottes bei den Menschen, und Niemand hat einen Nagel verrückt.“

Von jetzt an siehest du ihn, lieber Leser, bald hier, bald da! Er schien so recht dazu bestimmt, in der Welt umherzuziehen und wohlzuthun, seinem göttlichen Meister nach. Sein Herz zog ihn sehr nach Berlin. Dort lebte seine Mutter, gegen die er die tiefste Verehrung und Pietät bis an ihr seliges Ende bewahrte. Dort lebte Preußens christlicher König, der einzige Fürst, der ihn verstand, und ihm als Königlicher Schirmherr und liebreicher Freund zuverlässigen Schutz verlieh. Dort hatte sein geistlicher Vorgänger und Pathe Spener gewirkt. Wie er in Dresden und Frankfurt dessen Spuren nachgegangen war, so wollte er es auch in Berlin thun. Freilich schien es, als ob der märkische diese Spuren am schnellsten verweht hätte. Nur dünne schienen die Pflänzlein von dem reichen Saamen, den Spener ausgestreut, hier zu stehen. Nach einem Besuche bei seinem Sohne in Jena reiste er nach Berlin. In Halle ging ihm das Geld aus. Ein alter Freund mochte ihm nichts borgen. So mußte er zu Fuß nach Berlin wandern. Zufällig kehrte er bei einem wackern Bauer zu Radegast ein, dem er seine Noth klagt. Dieser, ergriffen von der würdigen Erscheinung des Grafen, spannt sogleich seine Pferde ein, um den ehrwürdigen Herrn auf die nächste Poststation zu bringen, und leiht ihm das nöthige Geld. Von Berlin, wo er im Dezember 1737 ankam, sandte der Graf seine Schuld zurück mit einem herzlichen Dankbrief. Nun miethete sich Zinzendorf ein Haus in Berlin, und begann, in demselben Andachtsstunden zu halten, unter immer wachsendem Zulauf von Vornehmen und Geringen, Soldaten und Civil-Personen. Obgleich die meisten Geistlichen Berlins sich, theils heimlich, theils öffentlich, dagegen erklärten, so ermunterte ihn der edle König, „nur in Gottes Namen das reine Evangelium zu predigen, und Gott werde seinen Segen dazu geben.“ Ein Zimmer war bald zu klein; man nahm das anstoßende dazu. Endlich mußte man auf den geräumigen Hausboden ziehen. Aber auch hier fanden die Schaaren Heilsbegieriger nicht Raum genug, so daß die Gesellschaft sich theilen mußte. War eine Abtheilung durch das Wort des Lebens gesättigt, so zog sie ab, und es kam eine neue. An die Männer und an die Frauen hielt er ohnehin getrennte Ansprachen. Eine Kirche ward ihm nicht eingeräumt; ja Geistliche und Weltliche suchten den Grafen beim König zu verdächtigen. Doch da kamen sie schlecht an. Seine sanfteste Antwort war: „Gegen den Grafen Zinzendorf bringe mir Niemand etwas bei! Ich fühle ihn an meinem Herzen.“ Friedrich Wilhelm war sich als Christ des großen Segens bewußt, den der Schutz des Evangeliums einem Staate bringt. Er nahm mit Freuden alle flüchtige Evangelische, zumal die armen Salzburger, in seinen Staaten auf. Als einst wieder eine solche Schaar evangelischer Flüchtlinge gemeldet wurde, da rief der fromme König mit Freudenthränen: „Ach Gott, was thust du an dem Hause Brandenburg!“ So legte damals gläubige Liebe zum Heiland und dessen armen Brüdern den Grund zu Preußens nachmaliger Größe und Heldenkraft, die sich schon im nächsten Jahrzehnt entfaltete, und an der fast ein ganzes ungläubiges Jahrhundert zehrte. „Wer mich ehret, spricht der Herr, den will ich auch ehren!“ – Ende April 1738 reiste Zinzendorf, nach einem sehr gnädigen und herzlichen Abschied von Preußens Könige, nach der Wetterau.

Visitation der Missionen in Westindien. Pflege der Diaspora. Zinzendorfs innerer Lebensgang. Zweite amerikanische Reise.

Jetzt kam sein lang gehegter Plan, selbst eine Missions-Reise nach Amerika anzutreten, in Ausführung. Man machte ihm den harten Vorwurf, als schicke er die Brüder in den gewissen Tod nach dem fernen Amerika, während er selbst gemüthlich zu Hause sitze. Auch gab es Mißverhältnisse zwischen den Missionaren und dem dänischen Gouverneur in St. Thomas, denen nur Zinzendorf durch seine Gegenwart abhelfen konnte. Aber schwer war der Abschied von seiner Frau und Kindern; denn nicht leicht entrann ein Europäer dem mörderischen Klima auf St. Thomas. Doch gottergeben, wie immer, sang die opferreiche Gräfinn ihrem scheidenden Gatten ein schönes Abschiedslied, worin sie sein Zeugenglück rühmte (s. unten in ihrem Leben.)

Im Dezember 1738 ging Zinzendorf von Amsterdam aus zu Schiffe. er litt gewöhnlich sehr an der Seekrankheit, und doch hatte er diesmal so sehr viel zu arbeiten. Da bat er den Herrn, er möge ihm diesmal die Krankheit mildern, und wirklich war er auf der ganzen Reise nur Einen Tag krank. Am 28. Januar 1739 landete er in Eustachius auf Westindien. Man frug ihn, ob er wohl wisse, daß St. Thomas das allgemeine Todtenloch, zumal in dieser Jahreszeit, sei, woraus wegen der pestilenzischen Luft nicht leicht Jemand lebendig zurückkomme. Er solle wenigstens noch zwei Monate waren. Er miethete aber sogleich ein Fahrzeug, und fuhr nach St. Thomas über. Er kam gerade, wie ein Engel vom Himmel, zu rechter Zeit. Die Brüder schmachteten schon seit 3 Monaten im Gefängniß; den schwarzen Christen suchten aber ihre Herren aus Furcht , jene könnten bessere Christen als sie selbst werden, den frisch gepflanzten Glauben mit Peitschenhieben auszutreiben. Das war ein bejammernswerter Anblick. Des Grafen Gegenwart änderte bald Alles zum Bessern. Durch sein Ansehen imponirte er dem Dänischen Gouverneur dermaßen, daß dieser sogleich die gefangenen Brüder los ließ. Nun war große Freude unter den Christen in St. Thomas; denn auch die Pflanzer bekamen Respekt vor dem Grafen, und zeigten sich milder gegen ihre christliche Sclaven.

Zinzendorf begann bald seine Predigt im Freien. als er bei der ersten Versammlung mit seinem gewöhnlichen Stoßgebet anfing: „Ich glaube, daß Jesus Christus u. s. w. mein Herr ist“, da fuhr die ganze schwarze Mohren-Versammlung mit herzlicher Inbrunst und vielen Thränen fort: „Mein Herr, mein Herr! der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat“ u. s. w. Ungewöhnlich stark war der Zudrang zu dem Hause des Grafen. An 900 Schwarze waren gläubig geworden. – Ihre Zahl ist gegenwärtig bis auf 70,000 gewachsen. – Nachdem sie unter den härtesten Drangsalen und schrecklichsten Mißhandlungen des Tages Last und Hitze getragen hatten, eilten sie gegen 7 – 8 Uhr des Sonnabends zu den gottesdienstlichen Versammlungen, von denen sie oft erst des Sonntags früh zurück kamen. Aber auch die Pflanzer wurden von neuem erbitterter. Mit grenzenloser Schamlosigkeit klagten sie, daß keine Negerinn sich mehr zu ihren fleischlichen Lüsten wolle gebrauchen lassen. Man stellte dem Grafen förmlich nach dem Leben, und dieser mußte nach einem Aufenthalt von 3 Wochen St. Thomas verlassen. Vorher aber brachte er den Kauf eines Hauses und einer Plantage, der Posaunenberg genannt, (nach Jes. 18, 1.), zum Dienste der Mission zu Stande. Diese Station heißt jetzt Neuherrnhut. Ein Neger schrieb einen beweglichen Brief, von 650 Negern unterschrieben, an den König von Dänemark, eine Negerinn einen ebenso beweglichen Brief an die Königinn, den 250 Negerinnen unterzeichnet hatten. Zinzendorf übernahm es, diese Briefe richtig zu bestellen, und reiste, nach einem rührenden Abschied von den Brüdern und der Neger-Gemeine, den 17. Februar von St. Thomas ab. Er nahm einen getauften Neger und einen gelehrten portugiesischen Juden, Dakosta, mit seiner Frau, der ihn flehentlich darum bat, nach Europa mit. Ja, aus Mitleid bezahlte er nicht blos die Ueberfahrt für den Juden, sondern überließ ihm auch sein eignes Cabinet mit einem Bett, während er selbst mit den andern Reisenden in der Cajüte blieb. Die Reise dauerte 7 Wochen, in denen der Graf entsetzlich litt. An seinem ganzen Körper brachen, in Folge der großen Anstrengung und schlechten Luft , Schwären und Wunden auf. Dessen ungeachtet predigte er alle Sonntage vor dem versammelten Schiffsvolk, studirte und arbeitete viel. Eine seiner trefflichsten Schriften verfaßte er auf dem Schiff: „Jeremias, der Prediger der Gerechtigkeit.“ Auch dichtete er viele Lieder, worunter das köstliche Lied:

„Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel wird‘ eingehn.“

Erstaunlich schnell und glücklich war diese Reise vollendet, so daß viele gar nicht glauben konnten, daß er diese reise überhaupt gemacht habe.

Den 1. Juni 1739 traf Zinzendorf in Marienborn ein, in Begleitung des Negers Andreas, der nun durch seinen Wandel ein freundliches Zeugnis von der unter den Negern waltenden Gnade ablegte. Seine ganze Familie und viele Freunde warteten seiner mit Sehnsucht. Doch voll Mitleid ruhten die Blicke der Seinen auf der veränderten Gestalt des zurückgekommenen Reisenden. Das war nicht mehr der gesunde, blühende Mann von ehedem, das war nicht mehr das große, blaue, leuchtende Auge, welchem ihm so viele Herzen gewonnen hatte. Man sah vielmehr einen kranken Mann vor sich, über und über mit Ausschlag bedeckt, die Schultern wund von den Taschen voll Büchern, und dem Gepäcke, das er selbst getragen. Dabei kam er zu Fuß, zitternd vor Fieber und Entbehrung. Unwillkürlich fiel einem Jeden der Gedanke ein, wie so ganz anders es dieser Mann hätte haben können, wenn er nicht die Eine Passion gehabt hätte: Er, nur Er!

Auch jetzt ließ ihn sein Eifer für des Herrn Sache die Sorge um seinen Leib vergessen. Durch seine vielen Reisen und Predigten waren in den Kirchen der verschiednen Länder Gemeinschaften erweckter Seelen zusammengetreten, die nun auch gern in der äußern Form das Vorbild Herrnhuts nachgeahmt hätten. Aber, ohne den Grund und Boden Herrnhuts, unter ganz andern staatlichen und kirchlichen Verhältnissen, mußten solche Bestrebungen mißlingen, und nur Haß und Erbitterung gegen die Brüder-Kirche selbst erregen. Zinzendorf wünschte, daß seine Brüder und Anstalten mit der gesammten evangelischen Kirche im Frieden und enger Verbindung ständen; ohne äußere Eroberungen zu machen, sollten sie nur Sammel-Punkte eines innigen Glaubens-Lebens für die ganze Kirche werden. Deßhalb berief er eine Synode nach Ebersdorf, wo er durchzusetzen suchte, daß solche Aftergemeinden, wie er sie nannte, von den Brüdern entschieden gemißbilligt, und die Verbindung erweckter Seelen mit der Brüderkirche unverfänglich geordnet würde. Obgleich man anfangs nicht darauf eingehen wollte, so drang doch später die von großer Weisheit und Selbstlosigkeit zeugende Ansicht des Grafen durch, und gab Veranlassung zu der Pflege der sogenannten „Diaspora“, der Freunde der Brüder-Gemeine, welche einerlei Grund der Lehre und der Hoffnung mit ihr haben, aber nicht dieselbe kirchliche Verfassung. Bald auch trieb es ihn, eine Fuß-Reise nach Schwaben zu machen, wo er überall predigte, und köstlichen Saamen ausstreute, aber auch seine Gesundheit dermaßen aufs Spiel setzte, daß er in völliger Entkräftung nach Marienborn zurückkehrte. Von seiner West-Indischen Reise hatte er sich noch gar nicht erholt; die neuen Anstrengungen brachten ihn daher dem Tode nahe. Er selbst glaubte zu sterben, und freute sich darauf. Der Arzt gab auch den Patienten auf, und verordnete ihm nur ein kühlendes Getränk. Ein ungeschickter Wärter nahm, statt dessen, ein Glas mit essentia dulcis, und ward so durch Gottes Fügung sein Lebens-Retter. Nach ihrem Genuß fiel der Graf in einen fürchterlichen Schweiß, der in Strömen von ihm herabfloß. Hierdurch brach sich die Krankheit. Bald zeigten Briefe, Lieder, Anordnungen aller Art, daß er wieder in gewohnter Thätigkeit sei. In Holland ward ein neues Seminar gegründet. Glaubensboten wurden nach der Wallachei, Nord-Amerika, Ceylon und Algier ausgesandt.

Um seine Gesundheit zu stärken, mußte er noch im Dezember 1739 eine Reise nach der Schweiz unternehmen, in Begleitung seines Freundes Watteville meist zu Fuß, wo sie sich bei Bern einmal verirrten. Zinzendorf rief in dieser Noth den Heiland um Hülfe an, und nicht vergeblich. Ein Knabe, der aus einem Busch heraus kam, zeigte ihnen den Weg. Viele Freunde gewann der Graf auf dieser Reise; viele aber hatten den Verdacht, als wolle er sich durch seinen Eifer fürs Christenthum berühmt machen.

Darüber, und über seinen ganzen innern Lebensgang äußert er sich in einem Briefe folgendermaßen: „Daß ich die ersten, tiefgehenden Gnadenzüge erfahren, die von der Predigt des Kreuzes entstanden, ist ohngefähr etliche und dreißig Jahr. Daß die Begierde, Seelen zu Jesu zu bringen, mein Herz eingenommen, und mein Plan im Herzen das Lamm gewesen, ob ich gleich auf unterschiedliche Methoden gedacht, mit Ihm anzukommen, – (z. E. in Halle geradezu; in Wittenberg durch die Moral; in Dresden durch die Philosophie; seitdem durch Seine Nachfolge; und nicht eher, als nach der seligen Zeit in Herrnhut, die mit dem Dippelschen Wesen zusammentraf, durch die simple Lehre von Seinem Leiden und Tode;) – das kann Alles zu meinem Knechtsberuf referirt werden. Doch habe ich dabei lediglich um Jesu willen gehandelt, und keineswegs aus eigenen Nebenabsichten. Denn, daß ich durch die Sache Jesu hätte berühmt werden wollen, war meinem Temperament ungemäß. Ich liebte Pferde, Grandeurs, und meine Natur portirte mich, einen Xenophon, Brutus, Seneka u. s. w. abzugeben. Die Modelle von meinen Aeltern, und Groß- und Ur-Aeltern waren dem gemäß; meine Erziehung auch; und soviel wußte ich, daß bei der Lehre Jesu kein Staat auf dergleichen Etablissements könnte gemacht werden. Aber das habe ich Jesu wissentlich aufgeopfert. Meine Führung fing darum ziemlich langsam und confus. Weil ich keine Führer hatte, und wir die Schrift heutzutage nicht mehr verstehen, wie sie ist, sondern wie man sie mühsam verstellt und paraphrasirt hat, so führten mich die Exempel der Heiligen, und keine Principia. Ohnerachtet ich nun 1711, 1714, 1717, 1719 und 1721 solche innige Begnadigungen gefühlt, und der Seligkeit so gewiß war, als meines Lebens, so gestand ich doch denen, die mir’s negirten, leichthin zu, daß ich vielleicht noch nicht bekehrt sei. Und da kam ich in ein, nach meiner jetzigen Idee, unnöthiges, mir aber doch sehr wohl bekommendes Ringen und Flehen; und habe die Versiegelung des ewigen Friedens und der Kindschaft seit der Zeit mehrmalen so empfindlich erfahren, daß ich endlich inne gehalten, sie weiter zu begehren, damit sich keine geistliche Eitelkeit drein mengen möge. Die Sache hat allezeit durchs Blut und Verdienst Jesu gesucht und erlangt werden müssen. Daß ich hundertmal mehr Angst, Noth und Thränen erfahren, als ich von keinem Sünder jemals fordern werde, ist gewiß. Ich halte aber diese meine Führung für eine bloß durch mein Amt zu entschuldigende, sonst höchst absurde, nicht göttliche, sondern den Umständen akkomodirte, systematische Umführung, die ich Jedermann treulich widerrathe, ob sie mir gleich auf meinen Geburtsbrief ein Siegel nach dem andern gedrückt. – Was meinen Generalplan betrifft, so habe ich gar keinen, sondern gehe dem Heiland von Jahr zu Jahr nach, und thue, was ich soll, doch gerne. Auf Ein oder zwei Jahre habe ich zuweilen einen Specialplan, weil ich durch die Sache selbst darauf gebracht werde; und was dergleichen Specialpläne betrifft, so habe ich Einen Plan, die mährische, ohne mich entstandne Kirche dem Heiland zu conserviren, daß sie bei meinem Lebzeiten, und, wo möglich noch lange darnach, kein Wolf zu fressen kriege; Einen Plan, so viele heidnische Völker aufzusuchen, als ich kann, und zu sehen, ob sie des für alle Welt vergossenen Blutes können theilhaftig werden; Einen Plan, des Heilands Testament Joh. 17, soviel mir möglich ist, durch Gnade ausführen zu helfen, damit die zerstreuten Kinder Gottes allenthalben in Ordnung zusammenkommen, wo sie leiblich beisammen sind, nicht ins mährische, – da arbeite ich vielmehr dagegen, – sondern ins allgemeine Band der Gemeinschaft, dahin endlich die mährische Kirche auch soll, doch erst nach ihrer völligen Abnutzung in dem Theil ihres jetzigen Looses; Einen Plan, so viele Seelen, als ich kann, zur Sünderschaft und Gnade zu bringen; – darum habe ich die Kanzel lieb, und reisete, einer Kanzel zu Gefallen, 50 Meilen; – und Einen Plan, alle auch nicht beisammen wohnende Kinder Gottes zu vereinigen, dem ich seit 1717 bis 1739 unverrückt gefolget; lasse ihn aber jetzt fahren, weil ich nicht allein kein Durchkommen damit sehe, sondern im Gegentheil anfange, ein Geheimniß der göttlichen Vorsehung zu merken.“

Im Februar 1740 kehrte er nach Marienborn zurück, und hörte von den bedenklichen Krankheitszuständen, in welchen der König von Preußen sich befände.

Da Friedrich Wilhelm I., bei einer strengen und heftigen Gemüthsart, ein rechtschaffener und frommer Herr war, und Zinzendorf ihn als solchen stets hochgeschätzt, und ihm zum tiefsten Dank verpflichtet war, er auch wußte, daß wegen der Menge der Schmeichler einem Fürsten die Seligkeit schwerer gemacht zu werden pflegt, als fast allen Andern, so fühlte er sich verpflichtet, den König brieflich wegen der Gewißheit der Seligkeit zu einer ernsten Selbstprüfung aufzufordern. Derselbe nahm diese Aufforderung nicht bloß nicht übel, sondern antwortete und fragte mit solcher edlen, großherzigen Demuth in mehreren Briefen, daß man ihn ebenso zu bewundern und zu verehren gedrungen wird, wie den freiwilligen Seelsorger, wegen der Freimüthigkeit, Weisheit und Zartheit in dieser Seelenpflege.

Der gottselige König entschlief nicht lange darauf, wie er gelebt, fröhlich im Glauben, am 31. Mai 1740.

Im Juni desselben Jahres ward eine Synode zu Gotha abgehalten, auf welcher die Missionsreise des Bischofs David Nitschmann und der bisherigen Aeltestinn Anna Nitschmann nach Nord-Amerika beschlossen wurde. Zugleich begehrte der Graf, seines bisherigen Bischofsamtes entbunden zu werden. Grade damals waren nämlich die Beschuldigungen gegen die Brüder-Gemeine, und besonders gegen das Haupt derselben, ungemein stark. Nun wünschte Zinzendorf, diese Wetter und Stürme möchten nur ihn, als einen freien Diener Christi, treffen, nicht aber zugleich die Brüder-Gemeine. Sodann erkannte er, daß unter seinen Gegnern auch Männer von Frömmigkeit und christlichem Eifer seyen. Er wollte sich daher genau im Stillen prüfen, worin er unrecht gehandelt habe. Die Synode ging aber auf dies Begehren nicht ein, sondern ordnete nur den ehemaligen Leipziger Professor, Polykarp Müller, ihm zum Gehülfen zu, als einen zweiten Bischof. Sodann drang Zinzendorf in die Brüder, dem etwaigen Unrecht genau nachzuprüfen, um dasselbe wieder nach Kräften gut zu machen. Allen Gegnern sollte für gethanes Unrecht abgebeten, keine Schmähschrift mehr beantwortet werden. Doch dies hieß: Oel ins Feuer gießen. Denn bald wurden die Schmähungen gegen den Grafen so arg, daß die Brüder, voll Grauen über solche Entstellungen, ihn zwangen, sich von Neuem zu vertheidigen. In Herrnhaag, nahe bei Marienborn, hatte sich eine neue Brüder-Gemeine gegründet, zu der ein außerordentlicher Zulauf aus der ganzen Umgegend stattfand. Darüber wurde ein Professor Benner in Gießen dermaßen erbittert, daß er eine Schrift: „Die Zinzendorfsche Schlange,“ herausgab. In dieser nannte er die Brüder wahre Ungeheuer, den Grafen einen Betrüger voller Ränke und erhabener Verrücktheiten, so daß dieser mit Schmerz ausrief: „Ach, geht das so fort, so wird bald Niemand mehr von Christo, seinem Tode, seiner Versöhnung, dem zärtlichen Umgange mit ihm, von seiner ewigen Gottheit und wahrhaftigen Menschheit reden dürfen! Mein Herz weint über den Schaden, der der evangelischen Kirche daraus entstehen kann.“ Leider erfüllte sich dies Wort nur zu früh. Schon streckte das Ungeheuer des Unglaubens, wenn auch zuerst in artiger Verhüllung, seine Krallen aus, um die evangelische Kirche Deutschlands zu vertilgen, und benutzte das blinde Lästern solcher todten Orthodoxen, die wahre Orthodoxie zu verdächtigen. Zinzendorf klagte nun zwar bei dem Reichs-Kammergericht zu Wetzlar gegen solche Unbilden, erhielt aber, statt einer gewünschten, ernstlichen Untersuchung, nur von dem Kammergerichts-Assessor von Heynitz den, wenn auch von Richtern ungewöhnlichen, doch herrlichen Trost: „Der alte Gott lebt ja noch! Sie dürfen sich solches Leidens Aufhören kaum wünschen. Fahren Sie fort! Wären Sie und Ihre Gemeine von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb! Gott wird das Leiden nicht abändern wollen, und so müssen es auch die Richter auf Erden also geschehen lassen.“ Unter so vielfachen Anfechtungen, wozu sich von neuem körperliche Krankheit gesellte, reifte ins Zinzendorfs Seele der Entschluß, eine zweite amerikanische Reise zu unternehmen. Den für die Heiden, die oft viel dankbarer waren für die Kunde des Evangeliums, als heidnisch gewordene Christen, fühlte er stets die innigste Theilnahme, wie er dies in einem Liede ausdrückt:

„O wie unbeschreiblich dauern
Mich in ihren Kerkermauern
Alle Heiden, die noch trauern,
Seit der Gnadenstern erschien.“

Sein Ziel sollte diesmal Nord-Amerika seyn, und seine Absicht ging dahin, die bereits dort begonnene Mission unter den Indianern zu visitiren und zu fördern, anderseits aber auch eine Vereinigung der vielen dort wohnenden Sekten zu versuchen. Bis London begleitete ihn seine Gemahlinn, dies hier zurück blieb. Seiner sechszehnjährigen Tochter Benigna machte er den Antrag, ihn auf seiner Reise zu begleiten. Ein Uebel am Fuß, der ihr die Aerzte schon hatten ablösen wollen, hinderte sie nicht, mit Zustimmung der Mutter, den Antrag anzunehmen. Ihr Muth fand bald eine köstliche Belohnung. Denn ihr Fuß wurde durch die Seereise ganz geheilt. Wegen des Seekrieges, der damals zwischen Spanien und England geführt wurde, rieth man ihm, auf einem Kriegsschiffe überzufahren. Doch der Gedanke, einem Gefechte beizuwohnen, war ihm schrecklicher, als in Gefangenschaft zu gerathen. Deßhalb vertraute er sich in fröhlicher Glaubenszuversicht einem unbewaffneten Segelschiffe an. Während seiner zweimonatlichen Seereise war er, nach seine Gewohnheit, außerordentlich thätig, dichtete viele Lieder, die, wie aus einem unerschöpflichen Born, ihm stets flossen, schrieb auch, unter Anderm, eine Zuschrift an alle christliche Obrigkeiten, unter welchen Brüder wohnten, mit der dringenden Bitte, die Lehre und den Wandel derselben gründlich zu prüfen, bevor ein Ausspruch gegen sie gethan würde. An die Brüder aber schreibt er folgende merkwürdige Worte, welche uns ein deutliches Bild geben von seiner damaligen Denkweise: „Ich bin von Gott, dem Herrn, dazu bestimmt, das Wort von Jesu Blut und Tod zu treiben, nicht mit Künstelei, sondern mit Gotteskraft, ohne darauf zu achten, wie es mir dabei gehen wird; und das ist mein Beruf gewesen, ehe ich etwas von den Mährischen Brüdern wußte. Ich bin und bleibe zwar mit diesen verbunden, die unser Evangelium von Jesu Christo ins Herz gefaßt, und mich und andre Brüder zur Bedienung ihrer Gemeine berufen haben. Doch trenne ich mich dadurch nicht von der lutherischen Kirche; denn ein Zeuge Jesu kann in dieser Religion leben und bestehen. Indeß kann ich mich mit meinem Zeugniß nicht an Eine Religion binden, sondern die ganze Erde ist des Herrn, und alle Seelen sind sein; ich bin mich allen schuldig. Es wird mir wohl so wenig künftig, als bisher, an Widerspruch fehlen; aber das Wort von Jesu ist Gotteskraft und göttliche Weisheit, und was sich dem widersetzt, das wird zu Schanden werden.“

Ende November kam Zinzendorf wohlbehalten in Neu-York an, und begab sich in den Staat Pennsylvanien, wo schon damals über 100,000 Deutsche lebten. Weil sein Grafen-Titel in der neuen Welt viel Anstoß gab, legte er ihn öffentlich im Hause des Gouverneurs zu Philadelphia, wo auch Franklin zugegen war, nieder, und lebte als ein lutherischer Pastor Ludwig fortan in Amerika. Am Delaware-Strom fand er viele Brüder und Schwestern, unter anderm den alten Vater David Nitschmann mit seiner Tochter Anna, und den Bischof David Nitschmann. Sie waren im Bau eines großen Hauses begriffen, woraus bald der liebliche Gemeindeort Bethlehem hervorging.

Nicht weit davon erblühte eine Zeit später ein zweiter Gemeindeort Nazareth.

Mit Anfang des neuen Jahres begann der Graf seine Indianer-Reisen, in Begleitung seiner Tochter Benigna und mehrerer Brüder. Der Weg ging mitten durch dichte Wälder, gefährliche Moräste und angeschwollene Flüsse, oft nur auf den Jagdpfaden der Indianer zu den Delawaren. Auf der ersten Reise begegneten ihm die Häupter der Irokesen, und als er sie durch seinen Dolmetscher fragen ließ, ob sie und ihre Völker das Wort des Herrn annehmen wollten, so gaben sie ihm, nach einer halben Stunde, die Antwort. „Bruder! Du bist diesen fernen Weg übers Meer zu uns gekommen, den weißen Leuten und den Indianern zu predigen. Du hast nicht gewußt, daß wir hier sind, und wir haben nichts von dir gewußt. Das ist von einer hohen Hand droben gekommen. Komm zu uns, du und deine Brüder, du sollst uns willkommen seyn!“ Unter ihnen wirkte später in großem Missionar Zeisberger. Von der zweiten Reise zu einem andern Indianerstamm, den Mohikanern, sagt Zinzendorf in einem Briefe: „Dir für uns bereitete Wohnung von Baumrinde war mir das liebste Haus, welches ich noch bewohnt habe. Von Innen hatten wir eine Prüfung, von Außen Regen, von Seiten der Heiden aber einen klaren Himmel, und alle Tage nur Freude über unsre lieben Indianer. Sogleich konnten sechs getauft werden.“ Seine dritte Reise zu dem grausamen Volk der Schawanos war die gefährlichste, und doch schlug er sein Zelt unter ihnen auf, und wohnte 20 Tage unter ihnen, so er doch keine Nacht mit seinen Begleitern des Lebens sicher war. Der Herr aber wachte über ihnen, daß der Anschlag der Wilden, ihn in einer Nacht zu überfallen und zu morden, vereitelt wurde, und Keinem ein Leid geschah.

Aus dem gesegneten Wirken in Amerika riß den Grafen eine Nachricht aus Europa, die ihn sehr beunruhigte. Er hatte die Brüder ernstlich gebeten, Alles während seiner Abwesenheit im alten Gange zu lassen. Das war nicht befolgt worden. Man hatte neue Niederlassungen gegründet, und das Band mit der evangelischen Kirche so gelockert, daß die Brüder-Gemeine wie eine neue Confession erscheinen mußte. Dies aber wäre ein großes Unglück für die ganze Brüder-Sache gewesen. Rückkehr nach Europa. Kirchliche Unabhängigkeit der Brüder-Gemeinden von den Consistorien. Reise des Grafen nach Rußland.

Sofort eilte Zinzendorf nach Europa zurück. Während der anfangs glücklichen Seereise brach plötzlich ein Sturm aus, der das Schiff an die Klippen der Insel Scilly in der Nähe Englands zu werfen drohte. Das Schiffsvolk sah schon den gewissen Tod vor Augen. Zinzendorf allein war heitern Sinnes, und verkündete Allen ein sicheres Landen; schon nach zwei Stunden werde der Sturm aufhören. Man achtete dieser Tröstung wenig. Als aber die Zeit um war, ersuchte er den Kapitän, auf dem Verdeck nach dem Wetter zu sehen, und wirklich legte sich der Sturmwind in den nächsten Minuten. Der Kapitän Garrison befragte nachher den Grafen, was es mit dieser Vorhersagung für ein Bewandnis habe, worauf dieser, im Vertrauen, daß kein Mißbrauch davon gemacht würde, ihm Folgendes mittheilte: „ Es sind schon über zwanzig Jahre, daß ich mit meinem lieben Heiland einen herzvertraulichen Umgang habe. Wenn ich nun in gefährliche und seltsame Umstände komme, so ist mein Erstes dabei, daß ich genau untersuche, ob ich daran schuld sei, oder nicht. Finde ich nun etwas, damit er nicht zufrieden ist, so falle ich ihm gleich zu Füßen, und bitte um Vergebung. Da vergibt mir’s dann mein guter Heiland, und läßt mich gemeiniglich zugleich wissen, wie es ablaufen werde. Wenn es ihm aber nicht gefällt, mich den Erfolg vorher wissen zu lassen, so bin ich stille, und denke, es ist das Beste für mich, daß es mir unbekannt bleibe. Diesmal aber hat er mich es wissen lassen, daß der Sturm noch zwei Stunden dauern würde.“ Dieser gewaltige Kinderglaube des großen Mannes ging Garrison durchs Herz. Er wollte nicht länger Schiffskapitän bleiben, sondern reiste mit dem Grafen nach der Wetterau, um fortan in der Brüder-Gemeine zu leben. Später hat er noch manchmal auf dem Brüder-Schiffe „Irene“ Boten des Heils über das Meer geleitet.

Im Februar 1743 kam er in England, und Ende April in Herrnhaag an, wo er mit der gesammten Gemeine in Herrnhaag das heilige Abendmahl feierte. Hier begann für ihn eine der peinlichsten und schwierigsten Arbeiten, die ihm je obgelegen. Es galt, den Strom des Lebens in den Brüder-Gemeinen, der sich über Maaß und Ziel ergossen hatte, in sein bescheidnes, stilles Bett zurück zu lenken. Zinzendorf wollte fromme Gemeinschaften gründen, die sich in alle evangelischen Kirchen hineinbilden, und wieder aus ihnen entwickeln, aber mit ihnen vereinigt bleiben sollten. Aber nicht blos in Deutschland in vielen Gemeinen, sondern auch in Holland und England erklärten sich die Brüder für Glieder einer besondern Mährischen Kirche. Da galt es, viele Weisheit anzuwenden, und bald mit Ernst, bald mit sanften, freundlichen Worten die Brüder zur Besonnenheit zu mahnen. Seine Bemühungen wurden in der Hauptsache mit Erfolg gekrönt, obgleich Gott es ihm in mehreren Punkten nicht gelingen ließ, die in seiner Abwesenheit geschehenen Maßregeln rückgängig zu machen. Dies Letztere geschah, nach der verborgnen Weisheit Gottes, zum Heil der Brüder-Gemeine selbst, wie die Zukunft lehrte.

Auch die Gräfinn war während der Abwesenheit ihres Gemahls nicht unthätig geblieben; sie hatte Herrnhut, Ebersdorf und Berlin besucht, war endlich sogar nach Copenhagen und Petersburg gereist, um für das Reich Gottes zu wirken. Sie kehrte einige Tage nach des Grafen Ankunft zurück. Ueber Ein Jahr hatte die Trennung gedauert; um so herzlicher und inniger war das Wiedersehn in Marienborn. Aber Zinzendorf war so recht dazu bestimmt, keine bleibende Stätte zu haben. Die Liebe zu Schlesien trieb ihn aus der kurzen Ruhe bei den Seinen wieder heraus. Friedrich der Große hatte nämlich mittlerweile Schlesien erobert, welches nun nach langem Glaubensdruck frei aufzuathmen anfing. Eine Menge Brüder aus Böhmen und Mähren suchten hier leibliche und geistliche Stärkung bei den evangelischen Glaubensgenossen, und fanden, was sie suchten. Hierin that es Allen Herr von Seidlitz aus Oberpeilau bei Reichenbach zuvor. Er war selbst um des Glaubens willen zu Jauer in Banden gelegt, aber bei dem siegreichen Eindringen Friedrichs des Großen sogleich befreit worden. Voll Dank für seine Erlösung nannte er sein Gut Gnadenfrei, und begründete dort eine Brüder-Gemeine. In dieselbe Zeit fällt die Entstehung von Gnadenberg bei Bunzlau, und von Neufalz an der Oder. An der Gründung dieser Gemeinde nahm Zinzendorf thätigen Antheil. Friedrich der Große theilte zwar nicht die christliche Gesinnung seines seligen Vaters; hatte aber Achtung vor wahrem, lebendigem Glauben. Auch gab es unter seinen Generälen und Ministern noch gar manchen ernstgläubigen Mann aus der guten, alten Zeit. So hatte er, noch vor Zinzendorfs Rückkehr aus Amerika, den Brüder-Gemeinen eine General-Concession ertheilt, sich überall in seinen Staaten niederzulassen, hatte ihren Bischöfen allein das Recht der Inspektion über sie zuerkannt, und sie von der Inspektion der Königl. Consistorien befreit. Zinzendorf aber wünschte gar nicht eine solche Selbstständigkeit der Brüderkirche, sondern begehrte vielmehr in Berlin aufs dringendste eine abermalige Prüfung des Glaubens seiner Gemeine, und zugleich einen innigen Anschluß an die Landeskirche, unter fortdauernder Aufsicht der Consistorien. Doch der Minister ließ ihn wissen, ihre Rechtgläubigkeit sei längst geprüft, und ihren Wandel wolle man an ihren Früchten erkennen. Uebrigens solle er Gott danken, daß sie Sache in der Königl. Concession so, wie geschehen, resolvirt worden. Denn er könne ihn versichern, daß die Männer, untere deren Inspektion er die Brüder nöthigen wolle, denselben von Herzen zuwider wären, wie er selbst ja am besten wissen müsse.“ Und allerdings waren die Consistorien gegen die Brüder nicht günstig gesinnt.

Von Preußen reiste der Graf nach Rußland. Er wollte bewirken, was seine Frau nicht hatte ausrichten können, nämlich: bei der russischen Kaiserinn Schutz für die armen Brüder zu erwirken, von denen einige, die nach dem Orient hatten gehen wollen, in Petersburg im Gefängniß saßen. Noch vor seiner Abreise hatte er seinen alten Freund und Mitarbeiter, Friedrich von Wattewille, zu einem Bischof der Brüderkirche ordinirt.

Aller er, in Riga im Dezember angekommen, um einen Paß nach Petersburg bat, sperrte man ihn selbst ins Gefängniß, und er mußte es sich zur großen Gnade rechnen, daß er, anstatt nach Sibirien wandern zu müssen, nur nach der preußischen Grenze zurückdirigirt wurde. Während seiner Haft von 20 Tagen verfaßte er voll fröhlichen Muthes Lieder, und schrieb Briefe an seine in Königsberg zurückgebliebene Frau und Tochter Benigna, an Erstere unter Anderm Folgendes: „Wir sind hier ein hübsches Häuflein um des Heilands willen gefangen, und mein Christel macht sich eine Freude daraus, so etwas mit seinem Papa zu erfahren. Denke, liebes Herz, daß wir einen Heiland haben, in dessen treuen Händen wir sind, und der uns selig und lieblich leitet, wenn es gleich wunderlich aussieht! Ich habe mein Lebtag zu nichts weniger Inclination gehabt, als zu Arresten. Da es aber nun dazu kommt, ist mir’s recht. Ich kann weiter nichts sagen, als was ich Dir schon ehemals gesagt habe: Wenn ich nicht da bin, so sey Du ganz da, und thue meine Treue doppelt! –Riga am Christabend 1743.“

Einführung des lutherischen, reformirten und mährischen Tropus. Ende der Verbannung des Grafen. Verirrungen in der Brüder-Gemeinde. Finanz-Noth. Zerstörung Herrenhaags.

Nach einem kurzen und gesegneten Aufenthalt in Schlesien hielt er zu Marienborn im Mai und Juni 1744 eine Synode, wo es durchgesetzt ward, daß für jeden der drei Tropen, des lutherischen, reformirten und mährischen, ein eigner Bischof eingesetzt wurde. Er ging nämlich in seiner Idee in Betreff dieser drei verschiedenen Tropen in der Brüder-Unität von dem Grundsatz aus, daß Einigkeit der Herzen und der Gesinnung in den Cardinal-Glaubens-Punkten mit Verschiedenheit der Ansichten in den Punkten, die nicht zur Seligkeit nothwendig seien, gar wohl zusammen bestehen könne. Darum könne die Brüder-Gemeinde, die ihrem wesentlichen Charakter nach ein auf Herzens-Religion gegründeter, freier, geistiger Verein der Herzen sei, die in solchen untergeordneten Punkten von einander abweichenden Ansichten und Meinungen ihrer Mitglieder ohne Bedenken in ihrer Mitte fortbestehen lassen, wie sie denn auch wirklich, theils aus mährischen und böhmischen Brüdern, theils aus Lutheranern und Reformirten bestehe, welche alles sich auf denselben Grund des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung mit einander verbunden fühlten, ohne dabei eine Trennung von den Kirchen, welchen sie angehörten, für nothwendig zu halten. Die Brüder-Gemeine müsse, um in der Kirche für das Reich Gottes zu wirken, innerhalb derselben seyn und bleiben. Wenn die Gemeinschaft mit ihr jetzt von den meisten Stimmführern der verschiedenen kirchlichen Abtheilungen und Partheien abgelehnt würde, so solle einstweilen die Brüderkirche, als eine universelle, ja Partikularkirche in sich aufnehmen, als eben so viele Tropen (Weisen, Erziehungs-Weisen Gottes in seiner Kirche). Zinzendorf übernahm es, Bischof für den lutherischen Tropus zu seyn, der preußische Oberhofprediger Cochius für den reformirten. In diesem Sommer 1744 vermählte sich seine Tochter Benigna mit Johannes von Wattewille, dem Adoptiv-Sohne unsers Friedrich von Wattewille, früher Johannes Langguth. Die Neuvermählten suchten sich bald ein ernstes, aber reich gesegnetes Arbeitsfeld auf St. Thomas.

Ein heiterer Lebensabend schien jetzt für den viel geschmähten, müde gearbeiteten Mann zu kommen. Es ward ihm vergönnt, wieder in seine Heimath zurück zu kehren. Die sächsische Regierung hatte mit einem gewissen Neide gehört, wie anderwärts die Brüdergemeinen blühten, wie sie nicht bloß für Erziehung und geistige Bildung Außerordentliches wirkten, sondern auch einen lebendigen Handelsverkehr und Gewerbe in ihre ganze Umgebung brächten. Selbst Herrnhut war mittlerweile zu einem Orte von 11 – 1200 Seelen aufgeblüht.

Die Regierung ließ den Grafen nun wissen, daß man mehrere solcher Niederlassungen, wie Herrnhut im Lande wünsche, und bot ihm die Erbpacht des Schlosses Barby und des Amtes Döben an. Zinzendorf reiste zuerst nach Berthelsdorf. Zehn Jahre hatte sein Exil gedauert, wie er es voraus gesagt hatte. Er traf daselbst den 16. September 1747 grade in der Stunde ein, in welcher vor 6 Jahren der Heiland als Aeltester der Gemeine erkannt worden war.

Durch ein feierliches Liebesmahl, wobei 200 Arme gespeiset wurden, ward die Rückkehr festlich begangen. Aber noch war die Arbeit für diesen Mann Gottes nicht beendet. Leider hatte sich in vielen Brüdergemeinen ein schwärmerisches Wesen eingeschlichen. Zinzendorf hatte selbst von Amerika eine eigenthümliche Bewegung des Gemüths, eine überspannte Gefühlsrichtung mitgebracht, die sich auch in seinen Liedern und Reden um diese Zeit kund gibt. Nachfolgende Worte Luthers: Gottes Wort in den Wunden des Heilandes zu verstehen, sei seine ganze Lebensaufgabe,“ hatte er gleich Luther, Arndt, Spener und Francke in der Erlösung durch Christi Blut und Gerechtigkeit den köstlichsten Trost und Frieden gefunden. Aber, indem er mit Recht diese Versöhnungslehre als den Mittelpunkt des Glaubens festhielt, hatte er doch diese Lehre auf Kosten andrer Lehren mit großer Einseitigkeit ganz allein getrieben; besonders mißbrauchte er die in der heil. Schrift einfach gebrauchten Ausdrücke von den Wunden und dem Blut Christi und ähnliche, mit maßloser Gefühlsschwärmerei und Tändelei in Liedern und Vorträgen, und verunreinigte das Reden von der heiligen Liebe zu Christo durch eine Menge unpassender, von der sinnlichen Geschlechtsliebe hergenommenen Ausdrücke in taktloser Weise. Das Schlimmste war, daß die Glieder seiner Gemeinden, besonders in Herrnhaag, aber auch in sehr vielen andern, sich auf die geschmackloseste, unzarteste und tollste Weise überboten, ihm in dieser Geistesschwärmerei nachzuahmen. Um die von ihm ausgesprochene Ueberzeugung, daß Niemand die völlige Seligkeit in Christo recht schmecken könne, wenn er nicht im Herzen wieder zum Kind würde, (Matth. 18, 3.), recht als die ihrige zu erklären, und zu zeigen, wie wenig sie sich vor dem Schelten und Verfolgen ihrer Feinde ringsum in ihrem Frieden stören ließen, meinten sie, sich gar nicht kindlich und herzensfröhlich genug in Liedern und Reden ausdrücken zu können, und verfielen in ein höchst kindisches, abgeschmacktes, an unsittliche Lustigkeit streifendes Faseln, sodaß nicht bloß alle besonnenen Freunde der Brüder-Gemeinde dagegen protestiren mußten, sondern auch die Legion seiner Feinde diese Verirrungen mit triumphirenden Hohne gegen ihn und seine Sache benutzte. Zinzendorfs eigner Sohn, der sonst tiefchristliche und selbstverläugnende Christian Renatus, hatte an dieser leichtsinnigen Gefühlsschwärmerei starken Antheil genommen.

Nachdem diese Periode einer geistigen Trunkenheit, diese Sichtungszeit, wie Zinzendorf sie selbst nennt, fast sechs Jahre, von 1745 – 1750, gedauert hatte, während welcher er zwar oft gewarnt worden, aber nie klar genug die Größe und die drohenden Folgen der Verwirrung eingesehen hatte, erwachte er endlich aus seinen Träumen. Nun aber schritt er auch mit der ihm eigenen Entschiedenheit ein, rügte die Schwärmerei mit großem Ernste, und forderte die Gemeinden zur Sichtung auf, mit der Ermahnung: „Her zu mir, wer dem Herrn angehört! Wer ungehorsam ist, der wird sein Urtheil tragen, er sey, wer er wolle!“ Wunderbar wirkte sein kräftiger Aufruf von London aus, wo er damals war, in alle Gemeinden. Bald waren alle Tändeleien und Spielereien, alle phantastischen Ausgeburten eines schwärmerischen Gefühls-Christenthums beseitigt.

Aber der hinkende Bote kam nach. Durch die Kämpfe im Innern sank der Kredit der Brüder-Gemeinde nach Außen. Die Gläubiger forderten von allen Seiten Bezahlung der gemachten Vorschüsse. Da half aus dieser Tod-drohenden Gefahr Zinzendorf, indem er mit seltner Hochherzigkeit, obgleich von Rechtsgelehrten dringend abgemahnt, sich schriftlich für die Gesammtschuld verbürgte, und zu allmählicher Abzahlung der Zinsen bereit erklärte.

Ein anderer nicht zu ersetzender Verlust war die Zerstörung der blühenden Gemeinde Herrnhaag in der Wetterau. Der junge Graf von Ysenburg-Büdingen, der eben seine Regierung angetreten, war, im Gegensatz zu seinem Vater, ein Feind der Brüder. Man stellte ihm vor, die Gemeinde schmälere ihm seine Rechte, und, wenn die Sachen so fortgingen, würde Zinzendorf ihn mehr und mehr verdrängen, und sich als Herr des Landes einschleichen. Die häufigen Schmähungen gegen die Brüder, und die mancherlei Verirrungen, die unter denselben stattgefunden, gaben ihm einen Schein des Rechts zu Gewaltmaßregeln. Es ward den Brüdern plötzlich befohlen, keine Gemeinschaft ferner mit dem Grafen Zinzendorf und ihren Aeltesten und Leuten zu haben, widrigenfalls sie auswandern sollten. Man versuchte alles, um Milderung dieses Befehls zu erlangen; doch vergebens.

Die Gemeinde, welche sich eben noch so sorglos den Gefühls-Tändeleien überlassen hatte, mußte jetzt mit Kummer an ihre Zukunft denken. Aber der gute Grund, der durch Zinzendorf gelegt war, trat gerade nun aufs Herrlichste hervor. Sämmtliche Einwohner Herrnhaags, geleitet von Johannes von Wattewille, der grade in diesen entscheidenden Tagen angekommen war, verließen willig Hab und Gut, und wanderten theils nach Amerika, theils nach Sachsen und Schlesien. Dies hatte man nicht erwartet. Selbst die ärgsten Feinde der Brüder klagten jetzt, daß durch ihren Abzug der Gegend so reichliche Nahrung entzogen würde. Auch die Regierung wollte einlenken; doch es war zu spät. Diese liebliche Gegend der Wetterau, durch Zinzendorf zu einem Garten Gottes umgewandelt, war wieder öde, wie zuvor. Die Gräfinn, welche diese schweren Tage in Herrnhut verlebt hatte, brachte dem Grafen die schmerzliche Botschaft nach London, wo er eben weilte. –

Ausbreitung der Brüder-Gemeinden. Tod des Grafen Christian Renatus. Tod der Gräfinn.

Um den Streitigkeiten über seine Person und die Brüder-Gemeine, so viel an ihm war, ein Ende zu machen, ließ er sich die Hauptbeschuldigungen seiner Gegner von seinem treuen Gehülfen, dem gelehrten und gottseligen Spangenberg, vorlegen, und beantwortete mit Hülfe desselben zuerst 300, und hernach noch über 1000 dieser Anklagen. –

Die edleren Gegner Zinzendorfs und der Brüder-Gemeinde überzeugten sich allmählig mehr und mehr von ihrem Irrthum, der meist aus Unkenntniß der Sache entsprang. Ja, von einem lutherischen Prediger Jung, in der Wetterau, erschien eine dem Oberhofprediger, Dr. Herrmann, zu Dresden gewidmete Schrift, unter dem Titel: „Der in dem Grafen von Zinzendorf noch lebende und lehrende, wie auch leidende und siegende Dr. Luther.“ Der Verfasser gab auf alle Beschuldigungen Antwort mit Luthers Worten, in einem Auszuge aus Luthers Schriften, und wies die wunderbare Uebereinstimmung desselben mit Zinzendorf schlagend nach. Solche unpartheiische Vertheidigung schaffte die beste Ruhe. Die meisten englischen Bischöfe bezeigten fortwährend die vertraulichste Freundschaft gegen den Grafen. Einer derselben, der Bischof von Sodor und Man, wurde selbst später Bischof für den reformirten Tropus. Eben waren auch wieder 100,000 Morgen Landes in Nord-Carolina zur Anlage einer neuen Colonie angekauft worden. Bruder Hocker machte eine Missions-Reise nach Aegypten, und nahm an den Patriarchen der Kopten zu Kairo einen Brief mit, worin ein kurzer Begriff von der Brüder-Kirche gegeben wurde. Heidenboten wanderten nach Nord- und Süd-Amerika und nach Ost-Indien. Auch in Herrnhut ging alles recht fröhlich von statten. Der Graf war so recht in seinem Gott vergnügt. Da wird sein Sohn, Christian Renatus, der letzte von 5 Söhnen, todtkrank in London, und stirbt, noch ehe die arme Mutter auf den Flügeln der Mutterliebe ihn ereilen kann. Dieser edle Jüngling war im Jahre 1750 am Ende der Sichtungszeit von seinem Vater von Herrnhaag ab nach London berufen worden, hatte da seine Verirrung bitter bereut, und war seinem Vater noch ein treuer Gehülfe gewesen. In Folge der übergroßen Anstrengung im Dienste des Herrn erlag er am 28. Mai 1752 der Schwindsucht. Mehrere liebliche, tiefchristliche Lieder zeugen noch von seinem Geiste.

Wiederum kamen die Brüder in große Geld-Verlegenheit. Einige ihrer Kaufleute waren durch einen Bankerott in furchtbare Noth geraten. Die neuen vielfachen Ankäufe von Grundstücken, zumal in England, hatten die Schulden der Brüder sehr vermehrt. Die Gläubiger erhoben sich von allen Seiten zugleich mit ihren Forderungen. Nach menschlichen Aussichten war die ganze Brüder-Gemeine ruinirt. Da trat der Graf, im Vertrauen auf die Hülfe des Herrn, mit Dranwagung seiner Person, abermal ins Mittel, durch eine schriftliche Erklärung an sämmtliche Gläubiger, daß er die ganze Schuld übernehmen wolle. Ein Rechtsgelehrter widerrieth dies dem Grafen aus dringendste; als er aber seinen festen Entschluß merkte, lief er mit Thränen in den Augen zu den Gläubigern, und bestürmte sie, nachzugeben. Die meisten wurden so gerührt, daß sie nicht nur von den weitern Forderungen abstanden, sondern auch die wenigen Hartherzigen durch baare Zahlung befriedigten. Zinzendorf aber klagte sich selbst am meisten an, daß er, über seine Beschäftigung mit geistlichen Dingen, so sehr der weltlichen Geschäfte vergessen hätte. Noch manchmal kam er deswegen in Verlegenheit, erfuhr aber auch alle Zeit die gnädige Durchhülfe Gottes. Schon hatte er sich einst bereit gemacht, in den Schuldthurm zu wandern; da brachte die Post, welche diesmal weit früher, als gewöhnlich, ankam, die ihm fehlende Summe. Er hatte zwar schon im Jahre 1741 eine Commission von Brüdern, eine Diakonie, zur Besorgung der äußern Bedürfnisse der Brüder-Gemeinden angeordnet. Allein sie verließ sich meist auf ihn.

Ueber drei Jahre hatte Zinzendorf in London verweilt; dringende Geschäfte riefen ihn im Frühjahr 1755 nach Herrnhut zurück. Er blieb unterwegs 4 Wochen in der lieblich aufblühenden holländischen Brüder-Colonie Zeyst bei Utrecht, wohin er im Jahre 1745 die Brüder-Colonie zu Herrndyk verpflanzt hatte.

In Herrnhut brachten ihn mehrere herzliche, abbittende Geständnisse früherer erbitterter Gegner zu der Ueberzeugung, daß man es wohl am Besten dem heiligen Geist allein überlasse, die Gegner von ihrem Unrecht zu überzeugen. „Wenn nur ein einziger in sich schlüge, dem Heiland zu Füßen fiele, und nicht nur von den Sünden, die er an den Brüdern begangen, sondern überhaupt von ganzem Herzen sich zu Gott bekehrte, das sei mehr werth als wenn die Brüder ihr Recht vor Jedermann behaupteten.“

Das Jahr 1756 brachte den Brüder-Colonien viel Unruhe. Nicht nur in Amerika war Krieg, sondern auch in Sachsen und Schlesien drohte der siebenjährige Krieg Verderben zu bringen. Doch Gott hielt seine Hand gnädig über den Gemeinen. Friedrich der Große verlieh ihnen einen Schutzbrief, so auch der österreichische Feldherr, Herzog Carl von Lothringen. Nach Herrnhut kamen aber in diesem Jahre allein 34 Prinzen, 78 Grafen und zahllose andere vornehme Herren, die wenigstens auf kurze Zeit einen segensreichen Eindruck empfingen, und die Sache der Brüder zu Ehren brachten. –

Das für den Grafen un die ganze Gemeine schmerzlichste Ereigniß dieses Jahres war der Tod der Gräfinn, seiner Gemahlinn. Durch die vielen Kämpfe und Arbeiten während ihres bewegten Lebens war ihre Kraft endlich gebrochen. Ihre Kraft schwand allmählig. Ohne Schmerz, ohne Klagen schlief sie sanft lächelnd ein, den 19. Juli. Sie war eine Frau, die nicht bloß Küche und Haushaltung wohl zu verwalten verstand, sondern auch an Geistestiefe und Herzensfrömmigkeit ihrem Manne würdig zur Seite stand. Allen, die sie kannten, erschien sie wie eine Priesterinn und Heilige, die die Welt überwunden hat, aber in derselben verklärt, freudig und rastlos für aller Menschen Heil arbeitete und betete. Näheres über sie lies in ihrem Leben weiter unten! –

Zinzendorfs Tod. Sein Körper, Geist und Charakter.

Die Güter, welche bisher auf seiner Gemahlinn Namen gestanden, ließ Zinzendorf, der sich mit weltlichem Eigenthum nicht mehr befassen wollte, nunmehr auf seine Tochter Benigna übergehen. Er selbst wandte seine Thätigkeit fast noch unermüdlicher der Sache des Heilands zu, mit dem Eifer eines treuen Knechtes Christi, der noch viel zu thun, und wenig Zeit dazu hat, wie der auch öfters sagte: „Kinder, wir müssen fleißig seyn! Die Zeit ist kurz.“ Tief aber versenkte er sich auch in Selbstbetrachtung. Er prüfte genau alles, was sündlich an ihm wäre, und empfand bittere Reue auch über die kleinsten Sünden. Oft verlor er sich ganz in der Einsamkeit. Da es die Masse seiner häuslichen Geschäfte bedurfte, so verband er sich auf dringendes Zureden der Brüder, im Juni 1757 mit Anna Nitschmann, der Tochter des würdigen, ersten Brüder-Bischofs David Nitschmann. Sie war in ihrer Jugend eine arme Wollspinnerinn gewesen; aber durch die tiefsinnige Jesusliebe war ihr Herz so geadelt, daß die allein unter Tausenden würdig war, ihrer großen Vorgängerinn nachzufolgen. Sie war schon vor 27 Jahre zur Aeltestinn der Gemeine ernannt worden hatte auch in Nord-Amerika mit ihrem Vater Missions-Dienste gethan, und war jetzt in der Arbeit bei den Schwestern die nächste Gehülfinn des Grafen gewesen. Von nun an lebte Zinzendorf meist in der Stille zu Herrnhut, das auf 1300 Seelen herangewachsen war. Täglich hielt er hier Hausversammlungen. In seinen Reden drang er vor allem darauf, daß ein jeder Mensch eine neue Creatur, Ein Geist mit Christo werden müsse. Scharf war er nur gegen die, welche klagten, als könnten sie nicht zur Seligkeit gelangen, als hätte Gott sie nicht erwählen wollen. Denn Gott wolle alle erwählen, und rufe einen Jeden zu sich (Hiob 33, 29. Joh. 6, 37. 1. Tim. 2, 4.) Es liege nur an der Bosheit und Trägheit des Herzens, daß wir nicht zu ihm wollten (Joh. 3, 19). Er selbst aber betete damals für sich inbrünstig: „Ach möchte ich gefallen dem Märtyrer für mich, dem Treuen, den meine Seele liebt, dem Gott, der meine Freude und Wonne ist! Möchte ihm mein Gang recht, meine Denkweise nach seinem Sinn, und meine Handelsweise ihm zu Ehren seyn!“

Wie genau er es in der Seelenführung mit redlichen Personen nahm, wir kurz und klar er ihnen den Heilsweg zu zeigen wußte, davon möge noch nachfolgender Brief vom J. 1755 zeugen an eine Person, die ihren Herrn verloren zu haben meinte. „ob Sie ihn recht liebet, das kann Sie aus folgenden Punkten sehen: 1) Wenn Sie thut, was nur Er haben will. 2) Wenn sie es gerne thut, ob daß Ihr einfällt: das war etwas Gutes! 3) Wenn Ihr vornehmstes Verlangen ist, Ihm zu gefallen. 4) Wenn Ihr keine fremden Gedanken kommen, wenn Sie mit Ihm redet. 5) Wenn Ihr ein Gedanke und eine Sache einfällt, die Ihm zuwider ist, und Sie ist dem feind. 6) Wenn Sie nichts hat, was Sie Ihm verhehlen wollte. 7) Wenn Sie sich immer gerne mit Ihm zu thun macht, wenn Sie auch gleich nichts Sonderliches zu verlangen hätte. 8) Wenn’s Ihr schwer wird, vom Gebet aufzustehen. 9) Wenn Sie immer mehr sagt, als Sie vorgehabt, Ihm zu sagen, und es ist Ihr doch immer zu wenig. 10) Wenn Ihr alle Lust, Ehre, Fühlen, Reichthum, Ruhe, ausser Jesu selbst, ein Verdruß ist, und der Mangel davon keine Verleugnung kostet. 11) Wenn Sie um Seinetwillen lieben kann, was Ihr zuwider ist, und 12) um Seinetwillen gleich stutzig wird an Allem, das Sie liebet, so es Ihm nur scheint entgegenzustehen. Wenn das ist, so hat Sie Ihn und Er Sie lieber, als Sie es selber weiß. Ich bin mit aller Demuth und Freude Ihr geringer Mitgenoß der seligen Hoffnung.“

Seit Anfang des Jahres 1760 bemerkten viele der Seinigen einen besondern, lieblichen, seligen Blick an ihm, und seine Augen oft voll Thränen, und ein Bruder belauschte ihn einmal, wie er zu seinem Herrn sagte: Ach könnte ich Dir doch einmal meinen Plan persönlich darlegen!“ Zu Angang des Mai fertigte er noch das Losungs-Büchlein auf 1761 an, was immer sein liebstes Geschäft war. In den letzten 5 Tagesloosungen hinterließ er der Gemeinde einen rührenden Abschiedssegen, als hätte er sie damit noch vor seinem Heimgange begrüßen wollen. Es waren die Stellen: Ps. 118, 26. 1. Mos. 49, 28. Ps. 115, 4. Col. 3, 15. 1. Könige 18, 14.

Zinzendorfs Körper war durch die großen Anstrengungen sehr geschwächt. Er war schon in den letzteren Jahren häufiger von Krankheiten befallen worden. Den 5. Mai fühlte er sich unwohl, verrichtete aber noch seine Arbeit, und erst Nachmittags stellte sich ein hitziges Catarrhal-Fieber ein. Wiewohl an solche Anfälle gewohnt, sah er diesen Anfall doch für etwas Besonderes an. In jeder Krankheit, sagte er, habe er den Wink des Herrn erkannt, daß etwas zu seiner innern Besserung nöthig gewesen, worauf die äußere bald erfolgt sei; diesmal aber verweise ihm der Heiland nichts, sondern gebe ihm ein heiteres Gemüth und frohe Zuversicht.. Er sprach noch mit seinen 3 Töchtern, welche allein noch von 6 Söhnen und 6 Töchtern am Leben waren. Als er den Tod nahen fühlte, sprach er leise zu seinem Schwiegersohn, Johannes von Wattewille: „Mein lieber Sohn, ich werde nun hingehen. Ich bin mit meinem Herrn ganz einverstanden. Er ist mit mir zufrieden. Ich bin fertig zu ihm zu gehen. Mir ist nichts mehr im Wege.“ An 100 Brüder und Schwestern standen in Thränen in den Nebenzimmern. Er blickte sich noch einmal freundlich nach allen um, und schloß die Augen, und während Johannes von Wattewille die Worte sagte: „Herr! nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren!“ hauchte er mit dem Worte „Friede“ den letzten Athem aus. Man kleidete den Leichnam in einen weißen Talar, wie solchen die Bischöfe der Brüder zu tragen pflegten. Zu seinem Begräbnis strömten über 2000 Fremde zusammen. Den Sarg trugen abwechselnd 32 Prediger, wie sie aus den verschiedensten Gegenden, aus Holland, England, Nord-Amerika, Grönland zugegen waren. Kaiserliche Grenadiere, an ihrer Spitze angesehene östreichische Officiere, bildeten eine Ehrenwache. Unter Musik und Absingung von Liedern, unter andern: „Ei, wie so selig schläfest Du, und träumest süßen Traum!“ geschah die Bestattung auf dem Hutberge. Auf seinem Grabsteine liest man die Inschrift: „Er war gesetzt, Frucht zu bringen, und eine Frucht, die da bleibe.“ Die Losung seines Sterbetages hieß: „Er wird seine Ernte fröhlich einbringen mit Lob und Dank.“ Als der kranken Gemahlinn des Grafen die Kunde von seinem Scheiden gebracht wurde, rief sie weinend: „Ich habe von euch allen die fröhlichste Aussicht; ich werde bald zu ihm kommen.“ Sie folgte ihm schon in 12 Tagen, den 21. Mai. Der Graf ruhte in der Mitte seiner beiden Gemahlinnen.

Zinzendorf war von Gestalt groß und stattlich, in seinem Alter wohl beleibt. Seine blauen Augen waren voll Feuer und milder Freundlichkeit. Sein offnes, zutrauliches Benehmen gewann ihm bald aller Herzen. Mit Leuten geringen Standes ging er um, wie mit Brüdern, gegen Vornehme und Gebildete konnte er auch fein und gemessen seyn. Sein Gespräch, stets voll Geist und Leben, noch unterstützt durch ein gewinnendes Aeußere und eine klangvolle Stimme, war für alle Vornehme und Geringe sehr anziehend. Seine Lieder quollen ihm, wie ein lebendiger Strom, nach seinem eignen Ausdrucke, wie bei einem Fasse, daran man den Spund aufmacht. Viele Lieder, darunter mehrere seiner schönsten, sang er in Gemeineversammlungen frei aus dem Herzen. An Einem Tage sang er so einst acht Lieder. Dabei legte er natürlich wenig Werth auf äußere Form. Sie haben aber einen unschätzbaren Werth, weil sie aus dem lebendigen Glauben an Christum flossen, und gleichsam fröhliche Begleiter seiner heiligen, aufopfernden Thaten waren. Denn was er innerlich erfahren hatte, und lebendig fühlte, das sprach er aus in seinen Liedern. Alle seine Lieder bewegen sich um zwei Haupt-Punkte: Christum, den Gekreuzigten, und de Gemeine des Herrn. Man erzählt von ihm, daß er durch seinen Umgang an fünfzigtausend Seelen zum lebendigen Glauben geführt habe. Herder, der große deutsche Dichter, nennt ihn einen „Eroberer im Reiche der Geister, dergleichen die Welt von Anfang nur wenige gesehen hat.“ Er hatte fast in allen Theilen der Erde Anhänger Christi gesammelt, und das Alles nur durch das einfache Wort vom Kreuz. Albert Knapp, der von seinen 2000 Liedern eine köstliche, viel zu wenig bekannte Sammlung von 700 herausgegeben hat, bezeugt von ihm: „Er war ein Herzensjünger Jesu Christi, und daneben ein Donnerskind im schönsten, edelsten Sinne des Wortes, wie Johannes, der selige Sohn des Zebedäus. In seinem Herzen war es immer Charfreitag. Bei ihm vereinigten sich drei seltene Gaben, hoher Geist, seine, vornehme Bildung, und ein feuriges, von der Liebe Christi von Kindheit auf innig entzündetes Herz, um einen Mann in Christo aus ihm zu machen. Zinzendorf, der Patriarch der Brüderkirche, von dem Herrn zum Träger seines himmlischen Lichtes vor Millionen berufen und ausgerüstet, steht mit Augustin und Luther an Geistes-Kraft auf gleicher Höhe. Diese drei sind die größten Zeugen Christi seit der Apostel-Zeit; denn sie waren die freisten, entschiedensten Prediger der freien Gnade Gottes in ihm.“

Seine innige Liebe zum Herrn drückt er selbst in den Worten aus: „Ich habe nur Eine Passion; die ist Er, nur Er.“

Sein ganzes Leben war ein beständiges Ringen und Streben, sowohl selbst seinem Herrn wohlgefällig zu seyn, als auch Andere zum Born des Lebens zu führen. Dabei hatte er stets das unaussprechlich selige Gefühl, durch den Heiland erlöst zu seyn. Sein ganzes irdisches Leben ging darauf hinaus, wie er früher gesungen hatte:

„Lebt man, so zeugt man mit einer Kraft,
Die mit Widerhallen im Herzen haft’t;
Geht man aus der Hütte, das Lamm zu küssen,
So soll noch der letzte Blick zeugen müssen,
Daß wir geglaubt!“

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859