Gerhard Zerbolt (Gerhard von Zütphen)

Von dem Manne, der hier geschildert werden soll, werden viele Leser nicht einmal den Namen je gehört haben. Auch lebte derselbe sehr kurz und ungewöhnlich zurückgezogen und hat nach außen hin nichts Auffallendes gethan. Aber doch hat derselbe für das Reich Gottes, bei dessen senfkornartiger Beschaffenheit selbst das stillste Wirken wichtig werden kann, seine nicht geringe Bedeutung, indem er in der Entwickelung einer Sache, welche für den volksthümlichen Einfluß des Christenthums von entscheidendem Werth ist, ein eigenthümliches Glied bildet. Es ist dies die Verbreitung und der Gebrauch der heil. Schrift in der Landessprache, überhaupt die Anwendung der Muttersprache im religiösen Lehen, in welcher Beziehung uns gestattet sein möge, einiges Allgemeinere voranzuschicken.

Das Christenthum steht zur Nationalität in einem Verhältniß ganz besonderer Art. Es ist nicht, wie die vor- und außerchristlichen Religionen, mit der Eigenthümlichkeit eines bestimmten Volkes verschmolzen und daran gebunden, sondern geht entschieden über alle Schranken solcher Art hinaus und ist vielmehr die einzige Religion, welche in ihrem inneren Wesen die Bestimmung trägt, der Glaube der gesamten Menschheit zu werden. Aber diese Bestimmung erfüllt es nicht so, daß es die Nationalität gleichsam äußerlich zerbricht, sondern so, daß es in dieselbe eingeht, sie verklärt und von innen heraus über sich selbst hinaus führt. So findet eine fortgehende lebendige Wechselwirkung, ein Assimilierungsproceß zwischen Nationalität und Christenthum statt. Das erste und unmittelbarste Bindeglied hiefür aber ist die Sprache: sie ist der wesentlichste Ausdruck der Nationalität, aber nur in ihr als Muttersprache findet auch das religiöse Leben das Element, in dem es sich gesund und vollkräftig zu bewegen vermag. Deshalb muß jedes Volk das Christenthum und die Urkunden, welche dasselbe ursprünglich bezeugen, in seiner Sprache haben; das Pfingstwunder der Sprachen muß sich auf natürlichem Weg über die ganze Menschheit fortsetzen; und nur, wenn und insoweit dies wirklich geschieht, können die Völker als Gesamtheiten lebendig christlich werden, ohne deshalb an ihrer Nationalität eine Einbuße zu erleiden, ja vielmehr mit Gewinn für dieselbe, indem – abgesehen von anderem – mit der Aneignung des Christenthums die Sprache jedes Volkes wesentlich vertieft und mit neuen Bestandtheilen der edelsten Art bereichert wird. Dazu kommt, daß die heilige Schrift ebenso wie das Heil, von dem sie zeugt, nicht bloss für Gelehrte und Theologen, sondern für Jedermann vorhanden ist, und daß darum auch der Geringste in den Stand gesetzt sein muß, sich aus derselben die Heilserkenntniß zu schöpfen, welche ja auch in ihrem ersten Erscheinen nicht sowohl für Schriftgelehrte und andere hohe Leute, als vielmehr für die Heilsbegierigen aus allem Volk bis zu den Aermsten herab bestimmt war. Wie also vom ersteren Gesichtspunct aus sich die Nothwendigkeit ergibt, daß die heilige Schrift in jede Sprache übersetzt werde, so stellt sich vom letzteren aus die Aufgabe, daß sie innerhalb jedes Volkes Jedermann zugänglich gemacht werde.

So ist es geschehen, daß schon sehr frühe theils die ganze Bibel, theils insbesondere das neue Testament oder einzelne Bücher aus dem Hebräischen und Griechischen in die weitverbreitete lateinische Sprache oder auch in die einzelnen Volkssprachen übersetzt wurden, wie ins Syrische, Armenische, Aethiopische, Arabische u. s. w., und unter den germanischen Stämmen erhielt der gotyische gleichfalls schon in sehr früher Zeit, im 4. Jahrhundert, eine eigene Bibelübersetzung. Später wurden auch in Hoch- und Niederdeutschland solche Versuche gemacht, und es scheint, obwohl diese Sache noch etwas im Dunkeln liegt, doch so viel gewiß, daß zu der Zeit, da unser Gerhard Zerbolt lebte, am Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts schon die ganze Bibel ins Deutsche übertragen war. Aber dessen ungeachtet war der volksmäßige Gebrauch der heil. Schrift mit großen, oft unübersteiglichen Schwierigkeiten verbunden. Die nächste Schwierigkeit lag schon darin, daß die vorhandenen Uebersetzungen nur durch Abschriften, also nur in einer geringen Zahl von Exemplaren verbreitet werden konnten und darum bloss für Einzelne, namentlich Reichere erreichbar waren. Aber noch weit größer waren die von der Hierarchie entgegengestellten Hindernisse, da diese im Gebrauch von Bibelübersetzungen durch Laien die ergiebigste Quelle der Ketzerei erblickte und – wenn sie auch nicht gerade zu einem allgemeinen Verbot des Bibellesens für das Volk fortschritt – doch schon im 13. Jahrhundert so weit ging, daß auf einigen Concilien (zu Toulouse 1229 und zu Tarracona 1234) diejenigen Laien mit schweren Strafen belegt wurden, welche biblische Bücher in der Landessprache besitzen und nicht ausliefern würden. Erklärt sich doch selbst noch einer der erleuchtetsten Lehrer des 15. Jahrhunderts, der zur antipäpstlichen synodalen Opposition gehörige Kanzler Joh. Gerson, gegen die Verbreitung der Bibelübersetzungen unter dem Volk.

Der gewaltigste Durchbrecher dieser Schranken war nun allerdings Luther mit seiner Bibelübersetzung sowie allem, was sich daran knüpfte, und neben ihm thaten auch die übrigen Reformatoren das Ihrige, um die Schrift zugänglicher zu machen. Ein unvergleichliches Förderungsmittel dafür bot die neu erfundene Buchdruckerkunst dar, die gleich in ihren Anfängen – seit den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts – auch zur Vervielfältigung deutscher Bibeln angewendet wurde. Und als dann vollends seit Beginn unseres Jahrhunderts (1804) die Bibelgesellschaft ihre Thätigkeit zu entfalten begann und in allmälig nahezu 200 verschiedenen Uebersetzungen und vielen Millionen Exemplaren die heil. Schrift über den ganzen Erdball bis in die ärmsten Hütten hineintrug, da erfuhr die Sache der Bibelverbreitung in den Volkssprachen und unter allem Volk einen Aufschwung, von dem man sich früher gar keine Vorstellung hätte machen können. Aber wenn nun wir durch Gottes Gnade auf einem solchen Höhepunct uns befinden, so dürfen wir nicht geringschätzig auf die ersten, schwachen Anfänge zurücksehen, sondern müssen nur um so mehr die Männer hochhalten, die in einer Zeit des erst aufdämmernden evangelischen Lichtes und unter den schwierigsten Verhältnissen für diese jetzt zu weltumspannender Größe herangewachsene Sache wirkten. Und zu diesen Männern gehört eben in ganz besonderer Weise der bescheidene, aber im Eifer für volksthümliche Bibelverbreitung bis zur Aufreibung thätige Gerhard Zerbolt, von dem wir nun auf Grund der kurzen Lebensbeschreibung, die sein Freund Thomas von Kempen von ihm hinterlassen hat, Näheres berichten wollen.

Gerhard Zerbolt war ums Jahr 1367 in der niederländischen Stadt Zütphen geboren und erhielt, nachdem er zuerst einige andere Schulen besucht, seine Bildung hauptsächlich auf der blühenden Lehranstalt der Brüder vom gemeinsamen Leben zu Deventer, wo er sich aufs Innigste an den ehrwürdigen Vorsteher des Hauses, Florentius anschloß. Hier wurde er auch erweckt und bekehrt, indem er, wie Thomas sagt, die vergänglichen Dinge der Welt mit der Liebe Christi und der Fürsorge für das eigene Seelenheil vertauschte. Er trat selbst in die Genossenschaft ein, und unter deren Einfluß erhielt der Grundtrieb seines Wesens eine bestimmtere Richtung. Seit früher Jugend war er von einem brennenden Studieneifer erfüllt gewesen, so daß er sich selbst nie genug thun konnte. Nun beschäftigte er sich neben weiteren Studien nach der Sitte der Brüder vornehmlich mit dem Abschreiben der Bibel und anderer christlicher Schriften, sowie mit dem Sammeln guter und erbaulicher Bücher, und erwarb sich darin so viel Anerkennung, daß er alsbald zum Bibliothekar des Bruderhauses bestellt ward. Gerhard Groot, der berühmte Stifter des gemeinsamen Lebens, war selbst ein großer Liebhaber und Sammler guter Schriften gewesen und hatte seine Büchersammlung dem Bruderhause zu Deventer vermacht. Nach ihm hatten Florentius und Johann de Gronde die Aufsicht darüber geführt; aber keiner zeigte sich darin eifriger und zugleich verständiger als Gerhard Zerbolt, seit ihm die Sache anvertraut war. Ein schöner Codex ging ihm über alles; aber noch mehr schätzte er den inneren Werth der Bücher. „Solche Bücher – pflegte er zu sagen – predigen und lehren mehr, als wir aussprechen können.“ Er ließ daher fortwährend abschreiben, sammelte überallher Handschriften und bewahrte sie, indem er zugleich mit großer Liberalität deren allseitige Benutzung gewährte, auf das sorgfältigste. Den Beschränkteren unter den Brüdern schien er darin sogar zu viel zu thun, und Einer von ihnen rieth sogar dem Florentius, nur die nothwendigsten Bücher zu behalten, die übrigen aber zu verkaufen und das Geld den Armen zu geben. Der einsichtige Florentius erkannte die gute Meinung an, befolgte jedoch den Rath nicht, und Gerhard Zerbolt konnte in seiner löblichen Thätigkeit fortfahren.

Doch sollte sein Wirken nicht lange dauern. Er war seiner Arbeit so hingegeben, daß er sich nur durch Andachtsübung und Mahlzeit kurz unterbrechen ließ und auch an den heitersten Tagen kaum einmal ans Fenster trat, um frische Luft zu schöpfen. „Die höchste Erquickung – sagt Thomas – waren ihm die heiligen Bücher, und statt eines Spaziergangs auf dem Felde versetzte er sich in die geheiligten Räume des Himmels.“ Dabei gab er selbst in krankhaften Zuständen seinem Körper nicht die gehörige Pflege, merkte selten, was er aß, und war überhaupt allzu sorglos in äußerlichen Dingen. Eine Fistelkrankheit, an der er litt, ertrug er längere Zeit in der Stille, weil er nicht wollte, daß sich jemand mit ihm besonders beschäftige oder um seinetwillen Ausgaben gemacht würden, auch weil er körperliche Schmerzen als förderlich für den inneren Menschen ansah. So verzehrten sich frühe seine leiblichen Kräfte. Da er auch in Sachen des Rechts nicht unerfahren war und bei gutem Urtheil ein besonderes Geschick zu Verhandlungen besaß, so wurden ihm häufig Missionen solcher Art vom Bruderhause anvertraut. Auf einer derselben befiel ihn unterwegs, zu Windesem, eine tödtliche Schwäche. Sein Begleiter sprach zu ihm nach der treuherzigen Weise der Brüder: „Es scheint mir, daß es mit dir zum Sterben gehen will“; er erwiderte: „Mir kommt es auch so vor.“ Bald darauf verschied er in der Nacht der heiligen Barbara des Jahres 1398, im 31. seines Alters, noch 2 Jahre vor seinem verehrten Meister Florentius, der ihn mit den Brüdern beweinte „als eine Säule des Hauses und die rechte Hand in Geschäftssachen.“ Thomas von Kempen aber, dem man wohl eine nicht geringe Gabe der Geisterprüfung zutrauen darf, nennt Gerhard Zerbolt einen „frommen und gelehrten Mann“, der wohl verdiene, „unter den ersten Brüdern und Eiferern für das göttliche Gesetz als einer der vorzüglichsten genannt zu werden“, und schließt dessen Lebensbeschreibung mit den Worten: „Gepriesen sei Gott, der uns einen solchen Mann zu besitzen vergönnt hat.“

Schon durch seine rastlose Thätigkeit im Abschreiben und Sammeln guter Bücher, immer das Buch der Bücher oben an, hatte Gerhard Zerbolt eine nicht geringe Bedeutung. Es wurde damit vor Erfindung der Buchdruckerkunst der Sache des Evangeliums und der höheren Bildung ein großer Dienst geleistet. Die Bibliotheken der Brüder, die zum Theil als sehr merkwürdig in neuerer Zeit wieder ans Licht gezogen worden sind, waren treffliche Waffen- und Uebungsplätze für die nach gelehrter Bildung strebende Jugend, und zugleich ging aus den Schreibstuben der Brüder eine Menge practisch belehrender und erbaulicher Tractate unter das Volk aus. Aber wenn Zerbolt auch hierin mehr that als einer vor ihm, so ist er doch noch weit wichtiger durch etwas anderes, was ihm vorzugsweise eigenthümlich war: dadurch nämlich, daß er schriftstellerisch für die damals noch so schwer und allseitig angefochtene Sache des Bibelgebrauchs von Seiten der Laien und die Anwendung der Muttersprache im religiösen Leben auftrat.

Er that dies zuerst in einem lateinisch geschriebenen Tractat „über den Nutzen des Bibellesens in der Landessprache.“ Darin entwickelt er in der practisch nüchternen Weise seiner Genossenschaft wesentlich folgende Gedanken. Die heilige Schrift enthält einerseits eine schlichte, jedem zugängliche Lehre, die ohne viel Disputieren und tiefes Forschen durch sich selbst klar und allen verständlich ist; anderseits tiefere und dunklere Dinge, zu deren Verständniß ein eindringenderes Forschen gehört – also Milch und feste Speise. Daß nun einfache ungelehrte Leute oder Laien diejenigen Bücher der Schrift lesen oder sich vorlesen lassen, welche vornehmlich jene leicht faßliche, offenkundige Lehre mittheilen, ist nicht nur nicht verboten, sondern auch nützlich, während sie sich allerdings der Beschäftigung mit den dunkleren, schwierigen Stücken enthalten mögen. Die heilige Schrift belehrt ja nicht einen besonderen Stand, sondern unterweist jeden in seinem Stande, und wendet sich ebensowohl an die Anfänger, als an die Fortgeschrittenen. Alle sollen durch dieselbe zur Erkenntniß ihrer Sünde kommen, und die, welche dies nicht von innen heraus vermögen, weil sie sich selbst und ihrem eigenen Herzen entfremdet sind, sollen wenigstens von außen dazu geführt werden durch den Spiegel, den die heilige Schrift ihnen vorhält. Und ebenso darf auch niemand von dem göttlichen Trost ausgeschlossen werden, durch welchen die heilige Schrift der Seele Leben und Nahrung gewährt. Das sind allgemeine Wohlthaten Gottes, und besonders thut es dem Laien noth, daß bei ihm das Naturgesetz durch das geoffenbarte unterstützt, daß sein inneres Auge gereinigt und geschärft werde, daß er bei den Geschäften des Lebens auch zur Einkehr in sich selbst komme, was alles am besten durch Betrachtung des göttlichen Wortes geschieht. Der Laie soll die Predigt des Wortes Gottes hören; warum sollte er es nicht auch lesen dürfen? Es wird ihm das Lesen weltlicher Bücher, selbst schlüpfriger und verführerischer nicht verboten; warum sollte ihm das Lesen der heiligen Schrift untersagt werden? Haben ja doch auch die größten Kirchenlehrer, ein Hieronymus, Augustinus, Gregorius, Chrysostomus die Laien stets aufs eifrigste dazu ermahnt.

Wenn aber die Laien die heilige Schrift lesen sollen, so müssen sie dieselbe natürlich auch in der Landessprache lesen dürfen. Die ganze Bibel ist ja doch ursprünglich in der Sprache geschrieben, in der sie den nächsten Lesern verständlich war, den Juden hebräisch, den Griechen griechisch, und von früher Zeit an wurden theils von den ausgezeichnetsten Kirchenlehrern selbst, theils wenigstens mit deren Billigung Uebersetzungen der Bibel in die verschiedenen Landessprachen verfertigt. Sollten nun die Juden ihre Bibel hebräisch, die Chaldäer chaldäisch, die Griechen griechisch, die Araber arabisch, die Syrer syrisch, die Gothen gothisch, die Slaven slavisch lesen, und nicht auch die Deutschen deutsch? – Statt also die Laien vom Lesen guter deutscher Bücher und besonders der deutschen Bibel zu hindern, sollte man sie darin vielmehr unterstützen; denn es wäre viel ersprießlicher, wenn sie damit ihre Zeit zubrächten, als mit unnützen Fabeln oder mit Trinken in den Schenken.

Ganz in demselben Sinn empfiehlt Zerbolt in einem andern Tractat den Gebrauch der Muttersprache beim Gebet. Er verwirft zwar auch lateinische Gebete für Laien nicht gänzlich. Aber das Gebet in der Muttersprache scheint ihm doch unter Beziehung auf 1 Cor. 14. bei weitem den Vorzug zu verdienen, weil es das verständlichere, eben damit aber auch das erbaulichere und fruchtbarere ist.

Es ist einleuchtend, welche Keime des Reformatorischen in allem diesem liegen. Uebersetzung der heiligen Schrift in die Sprache jedes Landes, freier Zugang der Laien zu derselben, Verbreitung erbaulicher Schriften, zumal der Bibel unter allem Volk und Verkehr eines jeden mit Gott in seiner Muttersprache, das sind ja mit die wichtigsten Grundlagen der Reformation, und insbesondere diejenigen, durch welche sowohl die Individuen als vornehmlich auch die Nationen wieder zu ihrem wohlbegründeten Recht im religiösen Leben gekommen sind. Freuen wir uns nun als deutsche evangelische Christen dieser hohen Güter, so haben wir auch allen Grund, mit herzlichem Dank auf den stillen Mann des 14. Jahrhunderts hinzublicken, der dazu die ersten Samenkörner ausstreuen half und in der Arbeit dafür sich verzehrte.

  1. Ullmann in Carlsruhe

Evangelisches Jahrbuch für 1856
Herausgegeben von Ferdinand Piper
Siebenter Jahrgang
Berlin,
Verlag von Wiegandt und Grieben
1862