Friedrich Karl Hermann Georg von Viebahn

Georg von Viebahn wurde am 15. November 1840, einem Sonntag, als dritter Sohn des Ober-Regierungsrates Johann Georg von Viebahn und seiner Gattin Auguste, geb. Bitter, zu Arnsberg im Westfalenlande, der engeren Heimat unseres Geschlechts, geboren. Zwei Brüder und eine Schwester standen ihm im Alter voran, sein jüngster Bruder wurde sieben Jahre später geboren. Der Vater stand damals im neununddreißigsten, die Mutter im sechsundzwanzigsten Lebensjahr. Seine Eltern verkörperten in schönster Weise die Tugenden, welche den altpreußischen Beamtenadel auszeichneten: bei schlichter und einfacher Lebensweise den göttlichen Geboten folgend, suchten sie, alles Gute und Edle zu pflegen, geleitet von den ernsten Grundsätzen der Pflichttreue, der Wahrheit und der Liebe. Beide waren geistig bedeutende Persönlichkeiten mit lebhaften Interessen, die weit mehr den idealen und ethischen Werten, als den materiellen Dingen zugewandt waren.

Ihre Kinder zu wahren, gottesfürchtigen, tüchtigen und pflichttreuen Menschen heranzuziehen, darin erblickten sie ihre höchste Aufgabe. Welche bessere Atmosphäre konnte es geben für die kindliche Entwicklung, ebensosehr für den Charakter, wie für Geist und Gemüt!

Eine Versetzung des Vaters nach Berlin, wohin dieser im Jahre 1841 als Geheimer Finanzrat berufen wurde, brachte es mit sich, daß der kleine Georg seine Kindheit und die ersten Knabenjahre in der preußischen Residenz verbrachte. Ein handschriftlich hinterlassener, leider unvollständig gebliebener Lebenslauf berichtete aus diesen Jahren im einzelnen folgendes:

„Ich weiß, daß meine Mutter jeden Abend, wenn wir Kinder zu Bett gebracht waren, zu uns kam, und wir ein Gebet sagen mußten; es lautete:

Lieber Gott, ich bet’ zu dir,

Mach’ ein frommes Kind aus mir,

Und sollte ich es nicht werden,

Nimm mich lieber von der Erden!

Alsdann sagte sie uns gute Nacht.“

Dieser kleine Bildausschnitt, und gerade die Worte dieses Kindergebets, lassen uns den heiligen Ernst erkennen, mit dem diese christlichen Eltern über der Entwicklung ihrer Kinder wachten. Es ist jener Standpunkt, den alle ernstlich gläubigen Eltern im Blick auf ihre Kinder einnehmen sollten: lieber bereit, eines derselben in Gottes Vaterhand zurücklegen zu müssen, als befürchten zu sollen, daß es einmal in Gleichgültigkeit oder Gottesferne sich verlöre!

Der kleine Georg war ein sehr kränkliches und schwächliches Kind, so daß seine Mutter oft in schwerer Sorge darüber weinte, daß sie nicht hoffen könne, ihn groß zu ziehen; aber die gesunde und einfache, abhärtende Lebensweise festigte die Gesundheit des Knaben, obgleich er auch in seiner reiferen Jugend und dem ersten Mannesalter nicht sehr kräftig war.

Aus den späteren Kindheitsjahren erzählt uns der Bericht: „Deutlicher werden meine Erinnerungen von der Zeit an, wo meine Eltern die Wohnung in der Lennéstraße Nr. 8, eine Treppe hoch, bezogen. (Also nahe dem Brandenburger Tor.) Wir wohnten dort wunderhübsch, gegenüber dem Tiergarten, mit Balkon. Unsere Kinderstube, welche zugleich das Eßzimmer war, hatte zwei Fenster nach den Gärten der Nachbarschaft hinaus. Meine Erziehung lag hauptsächlich in den Händen meiner Mutter, da mein Vater den Tag über sehr beschäftigt war, und in den wenigen Stunden, welche er in seiner Familie verleben konnte, sich an derselben erfreuen und erquicken wollte. Des Morgens frühstückten wir alle zusammen; im Sommer ging Papa vorher zum Schwimmen und nahm uns vom achten Jahre an dazu mit hinaus. Auf dem Hin- oder Rückwege las er uns ein Gedicht von Schiller oder Uhland vor, dessen einzelne Verse wir dabei auswendig lernen sollten, was mir immer sehr fatal war. Dennoch tat mein Vater in seiner großen Freundlichkeit dasselbe stets ohne ungeduldig zu werden.

Ueberhaupt war er sehr gütig; trotzdem hatte ich als Kind und Junge eigentlich mehr Furcht und Respekt vor meinem Vater, als Liebe, obwohl nur sehr, sehr selten, in ganz außerordentlichen Fällen, er uns strafte. Wenn er strafte, so tat er es allerdings sehr tüchtig, und deshalb war das Wort „du sollst zu Papa in die Schreibstube kommen“, ein Donnerwort des Gerichts.

Meine Mutter erzog uns ziemlich streng, insofern, als wir nicht unbeschränkt in Essen und Trinken, Herauslaufen und Daheimbleiben waren, sondern alles mußte seine bestimmte Ordnung haben.“

Mit 6 1/2 Jahren kam der kleine Georg in die Liebesche Spielschule, Schulgartenstraße Nr. 3, wo er anderthalb Jahre verblieb, um dann in die Privatschule des Dr. Schmidt, am Leipziger Platz, überzutreten.

Schon früh prägte sich bei ihm die Zuneigung für den Soldatenberuf aus; er erzählt selbst davon: „Ich erinnere mich, schon als Kind den Wunsch gehabt zu haben, Soldat zu werden; und zwar zog mich seit der Kinderzeit die Uniform der schwarzen Dragoner an, in der ich den alten Prinzen Wilhelm im Tiergarten täglich spazierengehen sah. Auch für alles, was mit Pferd und Wagen zusammenhing, hatte ich ein sehr großes Interesse, daher außer den Zinnsoldaten, Säbel und Gewehr namentlich ein kleiner, gelber Postwagen mein Lieblingsspielzeug war, an dem aber die Pferde zum Ausspannen sein mußten.“

Den Abschluß dieser Kindheitserinnerungen bildete der denkwürdige 18. März 1848. Diese Aufzeichnungen schließen mit den Worten: „Das aber weiß ich, daß Ehrfurcht vor Gott und dem Könige uns Kindern von Vater und Mutter eingepflanzt wurde; und dafür sei ihnen besonders gedankt!“

Ein Knabe geworden, kam der junge Georg zu Ostern 1853 auf das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. In diesen Jahren schon trat die Jugendfreundschaft mit einem Schul- und Spielkameraden, Walther von Prittwitz und Gaffron, in den Vordergrund, welche beide Männer ein langes Leben hindurch bis zum Grabe brüderlich verbunden hielt. Der Vater Prittwitz, damals General, richtete eine Exerzierstunde ein, an welcher, mit anderen Schulfreunden, auch die Viebahnschen Söhne teilnahmen; sie wurde von einem Unteroffizier geleitet, und fand zuerst auf einem Holzplatz hinter der Matthäikirchstraße statt.

Mit besonderem Eifer betrieben beide Freunde das Kriegsspiel mit Zinnsoldaten, davon jeder ein stattliches Heer besaß. Dies knabenhafte Spiel entwickelte sich unter dem sachkundigen Urteil des Generals von Prittwitz, der diese jugendlichen Bestrebungen förderte, zu einer unbewußten Berufsbildung für beide Knaben.

Seinem treuen Freund Walther verdankte unser Vater in jenen Knabenjahren die Errettung vom Tode des Ertrinkens, als er sich einmal beim Schwimmen in Schlinggewächse verstrickt hatte. Der Umgang mit diesem führte zu einem Vorkommnis, welches für die künftige innere Entwicklung Georgs nicht ohne Bedeutung blieb. Wie alle richtigen Jungens, stritten und prügelten auch diese beiden sich beim Spiel, und infolge von Reibereien reichlich; da Walther der Stärkere war, blieb Georg zumeist der Unterlegene. So hatten sich beide auch einmal wieder gebalgt, als Prittwitz unvermittelt den am Boden liegenden Freund fragte, warum er so unglücklich aussähe, worauf Georg ihm antwortete: „Weil ich den HErrn Jesum nicht so lieb habe, wie ich Ihn haben müßte.“ Nun wurde der ältere Freund dem jüngeren ein Wegweiser zum Frieden mit Gott. Diese unzweideutig klare Antwort über seine Herzensstellung zum Heiland ist wohl aller Wahrscheinlichkeit nach auf die tiefgehenden Anregungen zurückzuführen, welche Georg dem gesegneten Konfirmationsunterricht bei dem Pastor Snethlage verdankte. Von dieser Stunde an trat das Göttlich-Ewige in den bewußten Vordergrund dieses jungen Lebens, um, je länger, je mehr, ausschlaggebend und zielbestimmend zu werden; die Freundschaft der beiden Spielkameraden aber gewann durch die innere Glaubenseinheit in der Nachfolge des HErrn ihre für Lebensdauer bewährte Grundlage.

Die Versetzung des Vaters als Regierungspräsident nach Oppeln brachte einen Schulwechsel noch in den Oberklassen mit sich, so daß Georg von Viebahn das Zeugnis der Reife auf dem Gymnasium zu Oppeln im Jahre 1859 erhielt. Die Frage der Berufswahl war für ihn unzweifelhaft klar: Es gab nur eines, worin er eine Verwirklichung seiner höchsten Ideale zu finden hoffte: „König und Vaterland als Berufssoldat zu dienen!“ –

Aus dem Spiel der Knabenjahre wuchs die Lebensaufgabe hervor!

Anders, als wohl die große Mehrzahl junger Leute ging dieser Abiturient aus seinem Elternhaus, unter dessen segensreichem Schutze sein Leben bisher gestanden, dessen Wesen und Geist er große, innerliche Schätze als kostbaren Besitz verdankte: er verließ es unter ernstem Gebet, mit der bewußten Bitte, daß der HErr, dessen Führung er sich glaubensvoll anvertraute, ihn auch in seinem Berufsleben leiten, bewahren und segnen möge. Und dies Gebet ist ihm in seinem langen Soldatenleben in schönste Erfüllung gegangen! Etwa fünfzig Jahre später war es ihm vergönnt, im Regierungspräsidium zu Oppeln den Raum zu betreten, in dem er damals, vor seinem Bette kniend, den HErrn angerufen hatte; rückschauend sah er die sichtbare Erhöhung.

Am 16. Juli 1859 trat Georg von Viebahn bei dem Kaiser-Alexander-Garde-Grenadierregiment Nr. 1 in Berlin auf Beförderung ein. Nun begann für ihn in der straffen und strengen Diensterziehung, die damals anders geartet war als heutzutage, die Lebensschule: Die Soldatenlaufbahn mit ihren hohen Anforderungen hat aus seinen Veranlagungen und Fähigkeiten eine willensstarke, klarblickende und ruhig abwägende Persönlichkeit gemacht.

Sein Jugendfreund, Walther von Prittwitz, war bei dem gleichen Truppenteil eingetreten, der zwei Jahre ältere Bruder Rudolph von Viebahn trat kurze Zeit später auch dort ein, so daß viele Beziehungen aus der Schulzeit sich weiterspinnen konnten. Es war die Zeit des französisch-österreichischen Krieges, der vornehmlich in der Lombardei ausgefochten wurde, und dessen bekannteste Schlachten bei Magenta und Solferino den alten Kriegsruhm des ersten Napoleon auf seinen Neffen und Nachfahren wiederzustrahlen schien. Auch über Preußen-Deutschland drohte das Kriegsgewitter; doch kam es nicht zur Entladung. Daß es in solchen Zeiten für einen soldatisch veranlagten Jüngling nichts schöneres geben konnte, als Offizier zu werden, ist selbstverständlich! Nachdem der Junker seine Ausbildungszeit beendet, und ihm seine Beförderung zum Gefreiten mitgeteilt war, hielt ihm sein Exerzierunteroffizier, ein braver Sergeant, eine feierliche Rede, um ihm die ganze Bedeutung dieser ersten Sprosse auf der hohen militärischen Stufenleiter gebührend klarzumachen; er schloß mit den eindrucksvollen Worten: „Sie haben heute Ihre größte Beförderung erlebt.“ Am 12. Juli 1860 erhielt er die Epauletten.

Die Vergnügungen der jungen Offiziere von damals waren harmlos und schlicht im Vergleich zu heutigen Ansprüchen: der junge Sekondeleutnant von Viebahn I belohnte – wie er selbst oft erzählte – seine durch Vorübergehen an einer Konditorei erwiesene Standhaftigkeit dadurch, daß er in der nächsten einkehrte; die letzten Silbergroschen der Monatszulage wurden manchmal in einer stolzen Droschkenfahrt angelegt.

Es war damals der Frühlingsanbruch der neuzeitlichen preußischen Armee: König Wilhelm I. hatte mit seinem großen Gehilfen, dem Kriegsminister von Roon, das Werk der Heeresorganisation mit zielbewußter Planmäßigkeit begonnen; ein neuer Geist wehte durch Kasernen und über Exerzierplätze; mehr als bisher wurde die Ausbildung der Truppe auf den wahren Daseinszweck, den Krieg, hin gerichtet.

Das Jahr 1864 brachte den österreichisch-preußischen Waffengang gegen Dänemark zur Befreiung Schleswig-Holsteins. Nur Teile des preußischen Heeres wurden auf Kriegsfuß gesetzt, von der Garde nur wenige Einheiten. Daß es da die jungen Offiziere nicht auf dem Kasernenhof duldete, wo ihre glücklicheren Kameraden ins Feld zogen, um das Gelernte anzuwenden und zu erproben, läßt sich denken; der Leutnant von Viebahn durfte sich für diesen Feldzug dem damaligen 15. Infanterieregiment, jetzt „Prinz Friedrich der Niederlande“ genannt, anschließen. Unter Ueberschreitung des ihm gewährten Urlaubs machte er bei diesem Truppenteil die Erstürmung der Düppeler Schanzen mit; bei seiner Rückkehr nach Berlin erhielt er zur Strafe Stubenarrest – zur Anerkennung einen Orden.

Unter dem durch den Dienst sowie durch die üblichen standesgemäßen und gesellschaftlichen Verpflichtungen äußerlich geregelten Leben dieses jungen Offiziers ging eine andere Entwickelung innerlicher Art vor sich: das Wachstum seines Glaubenslebens. Es waren damals andere Zeiten als heute; außer den gewohnten, kirchlichen Formen gab es wenig Gelegenheit zur Förderung: Bibelstunden oder gar Gebetsgemeinschaft kannte man kaum, und es war wohl weit seltener als heute, daß man hin und her in den Häusern zusammenkam, um gemeinsam Gottes Wort zu betrachten. Um so ernster und tiefgehender war aber vielleicht im Gegensatz zu heute das Glaubensleben derer, die als einzelne ihren Lebensweg in der bewußten Nachfolge des HErrn zu gehen suchten, aus Seinem heiligen Wort ihre Lebenskraft zogen und sich stärkten im Gebet; ihr Christentum hatte etwas urwüchsiges in sich!

Unter seinen Regimentskameraden lernte Georg von Viebahn, außer dem schon erwähnten Jugendfreund, in dem Leutnant Bernd von Lettow-Vorbeck einen ernsten Christen kennen, mit dem ihn eine sehr enge Freundschaft verband. Er scheint damals auch Berührung gefunden zu haben mit einem kleinen Kreise ernstgläubiger, junger Herren der Gesellschaft, welcher den Spottnamen „Nasser Engel!“ trug, in welchem u. a. auch Graf Andreas Bernstorff verkehrte. Vom Oktober 1863 bis zum Frühling 1866 besuchte der strebsame junge Offizier die Kriegsakademie.

Der Feldzug gegen Oesterreich sah das Regiment Alexander bei der aus Schlesien vorrückenden Armee des Kronprinzen, wo es an den Gefechten bei Czerwenahora und Soor, und schließlich an der Schlacht von Königgrätz siegreich teilnahm. Der Leutnant von Viebahn I fand Gelegenheit, sich als Führer des Schützenzuges der 10. Kompagnie auszuzeichnen. Er machte dann den Vormarsch durch Mähren mit, und sah von ferne die Kaiserstadt Wien liegen. Bei aller soldatischen Schönheit dieser Kriegserlebnisse, die sein jugendfrisches Herz mit stolzer Freude erfüllten, fehlte es nicht an innerlich tiefgehendem Durchleben, und dadurch an einem bewußten Wachsen im Glauben. Natürlich konnte sein Wandel und Wesen hierdurch nicht unbeeinflußt bleiben und hob sich schon damals spürbar von dem Gewohnten ab.

Die Durchführung der preußischen Neuformationen in den durch den Frieden von Prag hinzugewonnenen Provinzen brachte im Herbst 1866 die Versetzung des Premierleutnants in das hessische Füsilierregiment Nr. 80, dessen eines Bataillon damals in Weilburg a. d. Lahn garnisonierte. In diesem Regimente führte ihn die Kameradschaft mit zwei ehemals kurhessischen Offizieren, den damaligen Hauptleuten von Kietzell und Freiherrn von Verschuer zusammen, mit welchen beiden ihn enge Freundschaft lebenslang verband. Nach einem Kommando zum Generalstab erfolgte im Jahre 1867 die Ernennung zum Adjutanten der 42. Infanterie-Brigade, mit dem Standort in Frankfurt am Main. Inzwischen war auch sein Freund von Lettow-Vorbeck nach dem Westen versetzt worden, und zwar nach Mainz, so daß beide häufig Gelegenheit hatten, zusammenzutreffen und sich im Glauben zu stärken.

Hier setzten jene zarten Fäden göttlicher Lebensverwebung ein, welche Georg von Viebahn mit seiner künftigen Lebensgefährtin bekannt machen sollten. Lettow begleitete ihn 1869 ins Manöver, und der Brigadestab kam nach Großkarben (zwischen Frankfurt a. M. und Friedberg i. H.) in Quartier. Dort wohnte damals der mit Lettow befreundete Pastor Schüler, dessen Frau eine Holländerin war. Diese und ihre Schwestern hatte Lettow schon eine Reihe von Jahren zuvor in Kreuznach kennengelernt; schon damals hatte er seinem Freund Georg von diesen drei Schwestern erzählt. Lettow ging also als Gast ins Pfarrhaus, während der Brigadeadjutant mit seinem General anderweitig einquartiert und durch Dienstgeschäfte so stark in Anspruch genommen war, daß er nur am nächsten Morgen vor dem Ausrücken auf Lettows Drängen zu flüchtiger Begrüßung ins Pfarrhaus kam, wo er außer dem Ehepaar Schüler auch die jüngere Schwester der Hausfrau, Fräulein Christine Ankersmit, kennenlernte; es kam aber kaum zum Gespräch, denn der Dienst drängte zum Aufbruch.

Erst im Frühjahr 1870 kam es dazu, daß beide Freunde dem Pfarrhaus in Großkarben einen Besuch abstatteten, wo sie als ernste Christen in dem Gedankenaustausch mit dem gläubigen Pfarrerspaar Freude und Gewinn fanden. Noch ein- oder zweimal kehrte Georg von Viebahn allein dort ein, er hörte gesprächsweise mancherlei über die junge Schwägerin, und das beschäftigte ihn innerlich.

Dann kam der Krieg gegen Frankreich, und die gewaltige Erhebung deutschnationalen Empfindens riß den heranreifenden, begeisterungsfähigen Mann, der Georg von Viebahn damals war, mit fort. Ihm wurde mit der Mobilmachung das auszeichnende Kommando als Generalstabsoffizier zum Oberkommando der dritten Armee zuteil, so daß er in die unmittelbare dienstliche Umgebung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm trat, wo er mit mehreren anderen jüngeren Offizieren, die sich später einen Namen gemacht haben, so mit dem jüngst als Generaloberst und Generalgouverneur von Belgien verstorbenen Freiherrn von Bissing und dem Grafen Harrach, unter dem General von Blumenthal als Stabschef arbeitete. Mit dem kronprinzlichen Heerführer durfte unser Vater seit dieser Kriegszeit in persönlich naher Beziehung stehen.

Auf dem Umweg über die süddeutschen Residenzstädte ging es ins Feld. Am 5. August, abends, mit einem wichtigen Auftrag nach vorne gesandt, wurde ihm sein Pferd unter dem Leib erschossen; er selbst entging, durch den stromschnellen Sauerbach schwimmend, mit knapper Not der Gefangennahme, brachte jedoch Meldungen mit zurück, die für das Armeeoberkommando so wertvoll waren, daß der Kronprinz diese Erkundung durch Verleihung des Eisernen Kreuzes auszeichnete.

Tags darauf kam es zur Schlacht bei Wörth. Dieser Siegestag brachte ihm einen großen persönlichen Verlust: im Stabe des Kronprinzen bei den verschiedenen Truppenteilen vorüberreitend, erfuhr er beim Infanterieregiment Nr. 87, daß der Hauptmann von Lettow-Vorbeck, seiner vorstürmenden Kompagnie weit vorausschreitend, schwerverwundet sei und in der Bruchmühle sterbend darniederliege. Für knappe Stunden beurlaubt, ritt er hinüber, um dem geliebten, treuen Freund noch einmal ins Auge zu schauen, und dessen letzte Botschaft für die junge Frau im fernen Pommerland entgegenzunehmen. Eine schwerverständliche Fügung Gottes wollte es, daß Georg von Viebahn betrübten Herzens unverrichteter Sache den Rückweg antreten mußte: er fand in der Mühle wohl mehrere verwundete Offiziere, den sehnlichst gesuchten Freund fand er nicht; denn der Müller – wohl durch die kriegerischen Ereignisse zu aufgeregt – vergaß, daß noch in einem kleinen Kämmerlein ein Schwerverwundeter, eben der Gesuchte, lag.

Die gewaltigen Ereignisse gingen ihren ehernen Gang weiter; die Schlacht bei Beaumont leitete zu dem gewaltigen Sieg von Sedan über, der zum Zusammenbruch des zweiten Kaiserreiches führte; der junge Generalstabsoffizier durfte dem geschichtlich großen Augenblick beiwohnen, als der General Reille dem siegreichen König Wilhelm die Kapitulation von Festung und Armee, sowie den Degen Kaiser Napoleons überbrachte.

Weiter ging es, zur Einschließung von Paris; das Armeeoberkommando des Kronprinzen kam nach Versailles, wo es in der Villa „Les Ombrages“ Unterkunft fand, einem Hause, welches Jahrzehnte später für die Reichsgottesarbeit in Frankreich besondere Bedeutung gewonnen hat. Die damaligen Besitzer müssen wohl ernste Christen gewesen sein, denn auf dem bekannten Gemälde, wo ein damaliger Vortrag des preußischen Generals Han von Weyern vor dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm dargestellt ist, sieht man die Kopfbalken der Zimmertüren mit französischen Bibeltexten geschmückt.

Aus dem Felde führte der nunmehrige Hauptmann von Viebahn einen lebhaften Briefwechsel mit dem Pfarrherrn in Großkarben, mit dem er sich in lebendiger Glaubensgemeinschaft sehr nahegetreten war. Auf diesem Wege hörte er weiter mancherlei über Christine Ankersmit, und so kam es, daß er von Versailles aus bei Pastor Schüler brieflich anfragte, ob wohl die Hand seiner jungen Schwägerin noch frei sei. Bei diesem Lebensentschluß leitete ihn vor allem der Umstand, daß ihm dies junge Mädchen als eine ernste, entschiedene Christin bekannt war; von ihren sonstigen Familienverhältnissen wußte er sehr wenig. Die sehnlichst erwartete Antwort lautete hoffnungsreich, so daß sich seine Gedanken und Wünsche immer bestimmter diesem Ziele zuwandten.

Der Winterfeldzug gegen die aus dem Boden gestampften Heere der nationalen Verteidigung führte den Hauptmann von Viebahn zum Stabe der Armeeabteilung des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg, mit dem er in Orléans einzog. Es war ihm vergönnt, im Stabe des Kronprinzen an der weltgeschichtlichen Feier der deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles teilzunehmen; so findet sich unseres Vaters Bildnis auf dem berühmten Bilde Anton von Werners, welches diese glorreiche Stunde festgehalten hat. Die Okkupationszeit sah ihn beim Stabe des Besatzungsheeres in der Umgebung des damaligen Kronprinzen Albert von Sachsen in dem schönen Compiègne, von wo er anfangs Juli 1871 in die Heimat zurückkehrte.

Kurz darauf lernte er im Hause des inzwischen nach Breungeshain übergesiedelten Pfarrerpaares die Eltern Ankersmit kennen und erlangte deren Einwilligung zu seiner Brautwerbung; als gehorsamer Sohn mochte er jedoch diesen bedeutungsvollen Schritt nicht tun, ohne sich vorher der Zustimmung seiner eigenen Eltern zu seiner Wahl zu vergewissern. Nach Uebernahme der ihm im alten Regiment jetzt in Wiesbaden zugewiesenen dritten Kompagnie, besuchte er das Vaterhaus in Oppeln und durfte am 10. August 1871 seine Verlobung in Breungeshain feiern, wo Christine Ankersmit zu Besuch weilte.

Was diesen Lebensbund der beiden aus so verschiedenartigen irdischen Verhältnissen stammenden Verlobten – die Braut war die Tochter eines holländischen Großkaufmannes – in besonderer Art kennzeichnete, war die Tatsache, daß sie sich die Hand reichten auf der gemeinsamen Grundlage eines lebendigen, christlichen Glaubens, der sein Fundament auf dem Wort Gottes, seine Zuversicht in der Gnade des HErrn, seine Aufgabe in der Nachfolge Jesu, sein Lebensziel in der Hoffnung der himmlischen Herrlichkeit fand. Das mußte diesem Hausstande von vornherein seine unverkennbare Geistesrichtung und in etwa ungewohnte Eigenart geben, die schon damals in jenen noch durchschnittlich kirchenfrommeren Zeiten nicht verborgen blieb.

Mein Vater hat es, je länger, je deutlicher, betont, ein wie reicher und bestimmter Segen Gottes ihm auf diesem Wege zugefallen sei; in Uebereinstimmung mit seiner eigenen Erfahrung fand er es an vielen Stellen der Heiligen Schrift als göttlichen Grundsatz bestätigt, daß in der großen Frage eines Lebensbundes ein gläubiger Christ, ob Mann oder Weib, nur wiederum einem Gläubigen angehören könne!

Die Hochzeit fand am 14. Mai 1872 zu Amsterdam statt. In Wiesbaden verbrachte das junge Paar die sechs ersten Jahre seiner Ehe und stand dort in lebhaftem Verkehr mit den ernsten christlichen Kreisen. Wir vier ältesten Geschwister wurden dort geboren. Militärisch bemerkenswert aus jener Zeitspanne ist eine Denkschrift unseres Vaters über das Thema: „Erhöhung des Armeebudgets, Lösung der Unteroffizierfrage!“ Aus seiner früheren Tätigkeit als Brigadeadjutant mit dem Heeresersatzgeschäft aufs genaueste vertraut, kam er, um einen gerechten Ausgleich der Kriegsdienstlasten anzustreben, schon damals zu dem folgerichtigen Vorschlag einer Wehrsteuer für die Nichtgedienten, also zu einer durchaus neuzeitlichen Forderung.

Der Herbst 1878 brachte die Versetzung ins Infanterieregiment Nr. 74, aus welchem Georg von Viebahn als überzähliger Major im Jahre 1879 zum Hannoverschen Füsilierregiment Nr. 73 übertrat.

In jene Jahre fällt auch die Veröffentlichung einer, gegen den damaligen Führer der freisinnigen Partei gerichteten Kampfschrift, betitelt: „Die Angriffe des Reichstagsabgeordneten Herrn Richter gegen die Armee, beleuchtet von einem deutschen Soldaten.“ Hier verteidigte der kriegserfahrene Offizier aus altpreußischer Ueberzeugung und in idealer Berufs- und Standesauffassung alle jene Güter, Rechte und Pflichten, welche die Grundlage der ruhmreichen Ueberlieferung des preußisch-deutschen Volksheeres und unseres Offizierkorps bilden: also die Grundlage, auf der sich die unvergleichlichen Leistungen unserer Kriegsmacht in dem jetzigen Weltkriege, die unnachahmlichen Heldentaten an allen Fronten, zu Lande, auf See und in der Luft geschichtlich aufbauen. Diese Schrift trug ihm damals die besondere Anerkennung seines kaiserlichen Kriegsherrn ein. Ohne Bataillonskommandeur gewesen zu sein, erfolgte im Oktober 1883 seine Ernennung zum Kommandeur der Königlichen Kriegsschule in Engers am Rhein.

In dem zur Dienstwohnung bereitstehenden Graf Speeschen Hause, unmittelbar am herrlichen Strom gelegen, fand die Familie ein schönes, geräumiges Heim, welches die besondere Freude der Hausfrau war. Aber bald senkten sich dunkle Trauerschatten herab: Unmittelbar nach der Geburt des sechsten Kindes erkrankte unsere Mutter schwer und starb nach qualvollem Leiden am Sonntag, den 3. Februar 1884. Ihre letzte Ruhestätte fand sie an einem wunderbar schönen Fleckchen Erde, nahe am Schloßgarten, unmittelbar am hohen Rheinufer, welches mein Vater als Familienbegräbnisplatz erwarb. Auf Grund seiner inneren geistlichen Entwicklung, von dem biblischen Grundsatz des allgemeinen Priestertums der Gläubigen durchdrungen, sprach der verwitwete Gatte selbst am Sarge seiner Frau Worte des Glaubens von der Hirtentreue des HErrn Jesu über den Seinigen und von der Herrlichkeit der lebendigen Hoffnung der Gläubigen im Angesicht des Todes.

Der schwere Rauhreif innerer Vereinsamung war auf unseren lieben Vater gefallen, großer Ernst lagerte über dem ganzen Hause und teilte sich naturgemäß auch uns Kindern mit. Der verantwortungsvolle Dienst der Ausbildung und Erziehung der ihm anvertrauten Offiziersanwärter nahm ihn sehr in Anspruch, gab ihm aber auch in menschlich verständlicher Weise einen gewissen Ausgleich durch die Ablenkung der Berufsarbeit.

Drei Jahre später war es ihm vergönnt, in der jüngeren Schwester unserer heimgegangenen Mutter, Fräulein Marie Ankersmit, eine zweite Lebensgefährtin zu finden, die ihn mit drei Söhnen beschenkte. Sinnbildlich vergleichend, sagte unser Vater oft, es sei ihm ergangen, wie dem Patriarchen Jakob, der von sich sagen durfte: „Mit einem Stab ging ich über den Jordan, und nun siehe, bin ich zwei Heerhaufen geworden!“ Nur daß er statt des Stabes als einzigen, wertvollen Besitz seinen Säbel hatte, mit dem er als junger Offizier ins Leben gezogen war.

Der November 1888 brachte die Versetzung als Oberstleutnant zum Stabe des Infanterieregiments Nr. 81 nach Frankfurt a. M. Hier boten sich vielerlei wertvolle Anknüpfungen zu den verschiedenen christlichen Kreisen und ihren leitenden Persönlichkeiten, die erst später zu ihrer vollen Bedeutung ausreifen sollten.

Schon nach neun Monaten wurde unser Vater als Oberst und Kommandeur an die Spitze des Infanterieregiments von Horn (3. Rheinisches) Nr. 29 berufen, welches in Trier an der Mosel steht und somit zu den Truppenverbänden zählt, denen insonderheit „die Wacht am Rhein“ anvertraut ist. Ist die Stellung als Regimentskommandeur schon für jeden Berufsoffizier die bedeutsamste, mit all ihren Rechten und Pflichten, ihrer Verantwortung und dem damit verbundenen weitgehenden Einfluß auf die Ausbildung und Wohlfahrt der unterstellten Truppe, so bedeutete sie für einen so begeisterten Soldaten, wie unser Vater es war, den Höhepunkt in seiner Berufslaufbahn. Mit rastlosem Eifer widmete er sich seinem Regiment. Die Einführung eines neuen Infanteriegewehrs und der neuen Fechtweise erforderten eine besonders gründliche Ausbildungsarbeit; hinzu kam die wichtige Aufgabe der Belehrung des Offizierkorps und die Erziehung der Unteroffiziere sowie die Heranbildung eines tüchtigen Nachwuchses für beide Laufbahnen. In dem Vorschlag der Einführung der zweijährigen Dienstzeit erblickte er eine ernste Gefährdung der kriegsmäßigen Ausbildung und nahm zu ihr in einer Denkschrift Stellung. Sein Regiment auf die höchste Stufe kriegsmäßiger Ausbildung zu bringen, war sein ganzes Streben. Felddienst und Nachtübungen sowie die Gefechtsausbildung in kriegsstarken Verbänden waren deshalb an der Tagesordnung. Aber auch diese irdischen Aufgaben und Berufspflichten wurden ihm zum Gottesdienst, vor allem dadurch, daß er in wohl täglichem ernsten Gebet sie vor den HErrn brachte und sich bemühte, seinen Dienst im Aufblick zu seinem himmlischen König zu erledigen; auch scheute er sich nicht, seine Glaubensstellung in und außer Dienst klar zu bekennen, wodurch natürlich manche Konflikte gegenüber den gewohnheitsmäßigen Anschauungen wachgerufen wurden. Diese Zeit von 1889 bis 1892 waren Kriegsjahre im Frieden.

Mit der Beförderung zum Generalmajor wurde er zum Kommandeur der 5. Infanteriebrigade in Stettin ernannt. Neben der Ueberwachung der Ausbildung der unterstellten Regimenter wandte er sich nun mit besonderem Interesse den Fragen und Aufgaben der höheren Truppenführung zu.

Doch auch andersgerichtete Gedankengänge beschäftigten ihn je länger, je mehr. Hatte er sich schon als Regimentskommandeur veranlaßt gesehen, in Trier ein kleines christliches Soldatenheim unter einem Bibelboten ins Leben zu rufen, so bedrückte ihn die wachsende Gottentfremdung, die er bei der heranreifenden Jugend beobachtete, immer mehr. Er war überzeugt, daß dem nur wirksam begegnet werden könne, wenn man den jungen Leuten das heilsame Wort Gottes in volkstümlicher, leichtverständlicher Weise nahebringe. So kam er dazu, noch als aktiver General ein allwöchentlich erscheinendes kleines Blatt unter dem Titel „Zeugnisse eines alten Soldaten an seine Kameraden“ herauszugeben, welches er zunächst den ihm unterstellten Truppenteilen kostenlos zugänglich machte und verteilen ließ. Den Verlag dieser Blätter übernahm die „Deutsche Evangelische Buch- und Traktatgesellschaft“ in Berlin. Dies war der Grundstein zu einer großen Glaubensarbeit, welche sich späterhin auf unsere gesamte Wehrmacht fast ausnahmslos ausdehnen sollte und ein Hauptarbeitsgebiet unseres Vaters bildete. Geschichtliche Ereignisse, besondere Vorkommnisse und wahrheitsgemäß verbürgte Erlebnisse gaben ihm die gesuchten Beispiele, an denen er seinen Lesern die göttlichen Wahrheiten klarmachte. Diese Blätter gewannen sich auch sonst viele Freunde und fanden durch freie Verteilung seitens aller christlichen Kreise Verbreitung in allen Volksschichten. Daß diese Blätter bei manchen Vorgesetzten unwillkommen waren, daß die von den meisten Truppenteilen dankend zugesagte regelmäßige Verteilung auch hier und da unterblieb, kann nicht wundernehmen; im großen ganzen aber darf anerkannt werden, daß die Kommandos die segensreiche Absicht dieser Soldatenblätter stets dankend gewürdigt haben; namentlich die Schiffskommandos der Kaiserlichen Marine begrüßten diesen guten Lesestoff für ihre Mannschaften stets aufs dankbarste, besonders wenn sie auf Auslandsstation verweilten. Da die Blätter allwöchentlich und zum Karfreitag erschienen, umfaßt jeder Jahrgang dreiundfünfzig Nummern, so daß in den fast einundzwanzig Jahren, während deren mein Vater diese Arbeit im Verein mit der Traktatgesellschaft fortgeführt hat, an elfhundert verschiedene Nummern erschienen sind. Was das für eine Arbeitsleistung bedeutet, kann nur der ermessen, der aus eigener ähnlicher Erfahrung reden kann. Getragen wurde dieses Werk ausschließlich aus freiwilligen Gaben breiter christlicher Kreise, zumeist durch die Scherflein geringbemittelter Gläubiger! Auch heute erscheinen diese von meinem Vater verfaßten Blätter noch regelmäßig in großer Auflage bei der Traktatgesellschaft, indem aus den alten, längst vergriffenen Jahrgängen ausgewählte Nummern mit geringfügigen Abänderungen neugedruckt werden.

Aber noch ein anderes wichtiges Arbeitsgebiet sollte unserem Vater aus seinem irdischen Beruf erwachsen: einerseits verspürte er, je höher er im Range gestiegen war, um wieviel schwieriger es werde, dem HErrn treu nachzufolgen; andererseits sah er sich als gläubiger Offizier unter seinen Kameraden sehr vereinsamt. Dies kam ihm ganz besonders eindringlich zum Bewußtsein, als er inmitten des größten Teils der deutschen Generalität am 18. Oktober 1895 an der Einweihungsfeier des dem Kaiser Friedrich auf dem Schlachtfelde von Wörth gesetzten schönen Denkmals teilnahm. Er kannte damals wohl einige verabschiedete gläubige Offiziere, mit denen er sich innerlich verbunden wußte: so den Forstmeister von Rothkirch, welcher am Christlichen Verein junger Männer in Berlin wirkte, und den Oberstleutnant von Knobelsdorff, der in der Trinkerrettungsarbeit stand. Aber unter den Offizieren des aktiven Dienststandes war ihm kaum einer bekannt, der in der bewußten Nachfolge Christi stand; es soll damit aber nicht gesagt sein, daß es nicht solche auch damals gab, denn Gott allein kennt die Herzen. Jedoch ist ein lebendig-gläubiger Offizier wohl von jeher eine so ungewohnte Erscheinung, daß seine innere Stellung kaum auf die Länge unbekannt bleiben kann, sofern er sich bemüht, seinen Glauben im alltäglichen Leben praktisch zu verwirklichen.

So kam das Frühjahr 1896 heran: Schon in früheren Jahren hatte unser Vater wiederholt ernstlich den Gedanken erwogen, seinen Abschied zu nehmen und sich der unmittelbaren Reichsgottesarbeit zu widmen; auch hatte es bei seiner Bekenntnistreue nicht an Gegensätzen innerlicher und auch mehrmals in seinen letzten Dienstjahren an Spannungen äußerlicher Art gefehlt, die ihm die Frage nahelegten, ob es etwa gottgewollt sei, seinem irdischen Beruf, an dem er mit idealer Hingabe hing, zu entsagen. In allen diesen Fällen hatte er glaubensvoll seinen Gott um klare Weisungen gebeten, ob er gehen oder im Dienst verbleiben solle; und jedesmal war ihm nach seiner Erkenntnis das letztere gezeigt worden. Auch jetzt trat diese Frage wieder an ihn heran, und obgleich ihm eine höhere Verwendung in einflußreicher und wichtiger Dienststellung angeboten wurde, glaubte er nun doch die Zeit für gekommen, um aus dem Dienst zu scheiden.

In siebenunddreißigjähriger erfolgreicher und ehrenvoller Laufbahn hatte er vier preußischen Herrschern gedient; die Ideale, welche er in jugendlicher Begeisterung im Offiziersberuf gesucht, hatten sich ihm in drei Feldzügen und auch in der langen Friedenszeit vollauf verwirklicht. Sein irdischer Beruf war ihm zu einer göttlichen Vorschule geworden für die höheren Aufgaben, die ihm noch vorbehalten waren im Dienste des HErrn.

Welchen irdischen Beruf könnte es auch geben, welcher mehr Anklänge und Aehnlichkeitspunkte fände mit den klaren biblischen Richtlinien eines kraftvollen Christentums als den des Berufssoldaten?! Ist nicht das persönliche Zugehörigkeits- und Gehorsamsverhältnis des deutschen Offiziers zu seinem irdischen Kriegsherrn ein herrliches Vorbild für die richtige Stellung eines gläubigen Christen zu seinem himmlischen König? Wie viele wichtige Stellen der Heiligen Schrift, die sich mit dem praktischen Wandel des Christen befassen, bedienen sich packender Vergleiche aus dem Soldatenleben: so wenn uns gesagt wird „Leget an die ganze Waffenrüstung Gottes“ oder etwa „Niemand, der Kriegsdienste nimmt, verflicht sich in Händel der Nahrung.“

Im Frühjahr 1896 nahm also unser Vater seinen Abschied, seinen Wohnsitz in Stettin behielt er bei. Zunächst nahmen die mit der Herausgabe der „Soldatenzeugnisse“ verbundenen Arbeiten seine Zeit reichlich in Anspruch. Bald jedoch traten weitschauendere Aufgaben an ihn heran: es wurde ihm nahegelegt, seine inneren Erfahrungen in geeigneten Vorträgen seinen bisherigen Standesgenossen zugänglich zu machen. Am 4. März 1898 hielt er in dem damaligen Gasthof „Zu den vier Jahreszeiten“ (jetzt „Prinz Albrecht“) in Berlin seinen ersten derartigen Vortrag unter dem Titel „Die siegreiche Kraft des Wortes Gottes im Leben des deutschen Offiziers“. Die Einladungen waren ausschließlich auf Offiziere beschränkt; bei der großen Bekanntschaft, deren sich unser Vater im Offizierkorps wegen seiner Glaubensstellung zu erfreuen hatte, stellte sich ein großer Zuhörerkreis ein; war es doch ein bis dahin einzigartiges Ereignis, einen preußischen General über solche Fragen öffentlich reden zu hören. Dieser Vortrag, der kurz darauf im Druck erschien, war gewissermaßen ein Heroldsruf, ein Trompetenstoß zum Sammeln für solche Offiziere, die entweder eine ähnliche Glaubensstellung einnahmen oder eine solche zu gewinnen trachteten. Hätte damals jemand unserem Vater vorausgesagt, daß etwa ein Jahrzehnt später in denselben Räumen sich alljährlich um ihn eine stattliche und stets wachsende Schar ernstgläubiger deutscher Offiziere zu mehrtägiger Zusammenkunft scharen würde, um sich gegenseitig durch Bibelstudium und Gebetsgemeinschaft zu stärken, so hätte er das wohl selbst kaum für möglich gehalten. Zunächst schloß er sich mit den beiden schon obengenannten und noch etlichen anderen älteren verabschiedeten Offizieren im Gebet zusammen, um Segen und Weisung von Gott zu erbitten, um die Gnadenbotschaft des Evangeliums an die aktiven Kameraden heranzutragen. Weitere Vorträge für Offiziere in verschiedenen Garnisonen folgten, an die sich häufig große Soldatenversammlungen anschlossen, in denen er den Mannschaften die großen Heilswahrheiten in leichtverständlichen Ansprachen nahebrachte. So wuchs die Arbeit, die ihm die liebste war, weil sie ihm Gelegenheit bot, dem deutschen Heere, an dem er mit ganzer Liebe hing, auch weiterhin zu dienen.

Wurden letztere Gelegenheiten in den späteren Jahren seltener durch den Widerstand, der sich gegen unseren Vater wegen seiner persönlichen außerkirchlichen Stellung geltend machte, so wuchs die Bewegung im Offizierkorps aus unscheinbaren Anfängen im Laufe der Jahre sichtlich: fanden sich doch immer mehr Vereinzelte, die, teils noch nach Frieden mit Gott und innerer Gewißheit suchend, teils schon zum lebendigen Glauben durchgedrungen, es freudig und dankbar begrüßten, in unserem Vater einen erfahrenen Freund und Berater zu finden für die mancherlei äußeren und inneren Fragen, die sich dem ernstchristlichen Offizier in seinem Berufsleben aufdrängen.

Um diesem spürbaren Verlangen zu entsprechen, gab unser Vater vom Jahre 1900 an eine dem deutschen Offizierstande insonderheit gewidmete Vierteljahrsschrift „Schwert und Schild“ im eigenen Verlage heraus, in welcher er durch geeignete Aufsätze aus eigener und fremder Feder, sowie durch Besprechung praktischer Glaubensfragen und Schilderung von erlebten Glaubenserfahrungen dem sich stets weitenden Kreise seiner Kameraden zu dienen suchte. Diese Zeitschrift ist mit dem Tode meines Vaters eingegangen.

Als Beilage zu diesen Vierteljahrsheften gab er „Bibellesezettel“ heraus, welche in knapper, einfacher Form kurze praktische Erläuterungen zu den gewählten Bibelstellen enthielten, um den Lesern, unter denen zunächst Offiziere und Soldaten gedacht waren, eine kurze praktische Anleitung für das tägliche Lesen der Heiligen Schrift an die Hand zu geben. Das Lesen der Heiligen Schrift selbst erschien unserem Vater je länger, je mehr als das Wichtigste für jeden Gläubigen, als das „Anlegen der Waffenrüstung Gottes“.

Der Leserkreis dieser Schrifterklärungen, welche sich entweder mit der Betrachtung eines bestimmten Bibelabschnitts oder mit der praktischen Beleuchtung wichtiger Einzelfragen aus dem Wort Gottes befassen, erweiterte sich sehr bald weit über das ursprünglich Gedachte hinaus, so daß diese Bibellesezettel sich in allen Kreisen der Gemeinde Gottes eingebürgert haben. So wird dieser wichtige Zweig der Lebensarbeit meines Vaters auch jetzt durch den Verlag „Schwert und Schild“ in Diesdorf bei Gäbersdorf, Kreis Striegau, fortgeführt, von wo die Bibellesezettel bezogen werden können.

Zu vielen wichtigen Fragen des praktischen Glaubenslebens nahm er in ausführlichen Einzelschriften Stellung.

Mit der Zeit traten von vielen verschiedenen Seiten Anfragen und Bitten an unseren Vater heran, in öffentlichen Sälen, Vereinen, Gemeinschaften und Kirchen Evangelisationsansprachen und Bibelstunden zu halten. Längst nicht allen Aufforderungen durfte er folgen, da zunächst die regelmäßig erscheinenden Soldatenblätter, ferner „Schwert und Schild“ und nicht zum wenigsten die „Bibellesezettel“ eine gewaltige Arbeitsmenge bedeuteten, die stets rechtzeitig bewältigt sein mußte für die Drucklegung. Doch sind im Laufe der Jahre wohl nur wenige größere Städte gewesen, wo er nicht ein- oder mehrmals Vorträge gehalten hätte. Alljährlich im Mai sprach er in der Christlichen Gemeinschaft in der Hohenstaufenstraße, deren ehrwürdige, längst heimgegangene, aber unvergessene Begründerin, Fräulein Tony von Blücher, ihm nahe befreundet war. Kaum weniger regelmäßig hielt er viele Jahre in Barmen öffentliche Vorträge in der Stadthalle, aufgefordert durch den ihm befreundeten Fabrikanten Herrn Carl Paas. Auch nach Basel wurde er mehrfach berufen. Wiederholt diente er auf den Konferenzen der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung mit Vorträgen.

Was sein Dienst als Verkündiger der Gnadenbotschaft und als väterlicher Lehrer der Gläubigen an bleibender Ewigkeitsfrucht in unzähligen Menschen gezeitigt hat und noch heute an vielen auswirkt, die durch unseren Vater erst zum Glauben gekommen oder in der Nachfolge des HErrn befestigt worden sind, dies alles nach göttlichem Maß zu werten und abzuwägen, bleibt allein seinem himmlischen HErrn und Meister vorbehalten. Daß er Unzähligen durch seine Wortverkündigung und seine Schriften ein Wegweiser und segensreicher Führer gewesen, dürfte kaum Widerspruch erfahren.

Jedenfalls wurde sein eigenes Leben durch diesen vielseitigen Dienst unendlich bereichert an Gnade und Segen. Denn was kann es bei der Hinfälligkeit aller irdischen Dinge – und seien sie die erhabensten und edelsten! – Herrlicheres und Bleibenderes geben, als anderen Menschen etwas zu sein, an ihnen zu arbeiten, ihnen göttliche Segenswerte zu vermitteln!

Die Offiziersarbeit brachte ihn im Jahre 1898 in nahe Berührung mit der „Bibel- und Gebetsgemeinschaft britischer Offiziere“ in London, und im Jahre 1899 fand er Gelegenheit zur Fühlungnahme mit gläubigen schwedischen Offizieren in Stockholm. Nach beiden Richtungen blieben auf innerer Gemeinschaft beruhende nahe Freundschaftsbeziehungen bestehen, die erst durch den Weltkrieg unterbunden wurden.

In Deutschland öffneten sich eine ganze Reihe lieber gastfreier Häuser auf dem Lande hin und her im Reich, um zu verschiedenen Zeiten im Jahr den in der Nähe garnisonierenden Offizieren Gelegenheit zu einigen Urlaubstagen zu bieten, die unter „Vater Viebahns“ Leitung aus dem Jungbrunnen des Gottesworts neue innere Kräfte für den Glaubenskampf zu sammeln wünschten. Dankbar seien hier die Häuser des Freiherrn von Tiele-Winckler auf Rothenmoor i. M. und des Generals Freiherrn von Patow in Zinnitz, N.-L., welche beide inzwischen schon zur Herrlichkeit abberufen wurden, genannt, wo solche gesegneten Zusammenkünfte am häufigsten getagt haben vor dem Kriege. Alljährlich im März sammelte sich der stets wachsende Freundeskreis gläubiger Offiziere möglichst vollzählig für mehrere Tage in Berlin, wo die Zusammenkünfte früher im Hospiz St. Michael, in den letzten Jahren vor dem Kriege im Gasthof Prinz Albrecht stattfanden.

Eine heilige Erinnerung weht über diesen herrlichen Segensstunden für alle die, welche daran teilnehmen konnten; waren es doch Tage ungetrübtester Geisteseinheit, obgleich der große Kreis der Teilnehmer solche der verschiedensten Richtungen umfaßte.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß unser Vater, nachdem er schon den Abschied genommen hatte, für seine Person den Austritt aus der Landeskirche erklärt und sich selbst fortan als evangelischer Christ ohne Konfession bezeichnet hat. Dieser auffallende Schritt ist von manchen, auch solchen, die ihm befreundet und wohlgesonnen waren, falsch ausgelegt, von weiten ernstchristlichen, kirchlichen Kreisen bedauert, von einigen Stellen und Persönlichkeiten ihm verdacht worden; letzteres wohl hauptsächlich in der unbegründeten Annahme, daß dieser Austritt eine Kriegserklärung gegen die Landeskirche bedeute. Die besonderen Anlässe, welche meinen Vater zu diesem Schritte geführt, im einzelnen darzulegen, ist hier nicht der Raum. Aber es soll festgestellt werden, daß er sich nie berufen gefühlt hat, die durch geschichtliche Entwickelung bestehende Einrichtung zu bekämpfen oder gar einzureißen. Jedoch wollte er für seine Person frei sein in dem, was seiner Erkenntnis nach göttlich gewollt und biblisch begründet war. So erschienen ihm die Zustände für die irdische Gottesgemeinde erstrebenswert, wie wir sie zur Zeit der ersten Christen aus der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel kennen. Er stellte das allgemeine Priestertum der Gläubigen und die „Gemeinschaft der Heiligen“ in den Vordergrund und bemühte sich, beides praktisch zu verwirklichen. Schon aus dem an zweiter Stelle genannten neutestamentlichen Grundsatz heraus wußte er sich allen wahren Gläubigen innerhalb der Landeskirche ebenso nahestehend und zur Bruderliebe verpflichtet, wie den Gemeinschaftskreisen und den bibelchristlichen freikirchlichen Richtungen.

In der Landeskirche aufgewachsen, war er durch seine Heirat in Fühlung gekommen mit den Kreisen jener außerkirchlichen Christen, welche von kirchlicher Seite gewöhnlich als Darbysten bezeichnet werden; er hat in diesen Kreisen, welche vor allem die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift und ihre demütige Erforschung hochstellen, reiche innere Förderung erfahren. Den in diesen Vereinigungen häufig spürbaren abweisenden Ausschlußbestrebungen gegenüber anderen christlichen Gemeinschaften und Richtungen konnte er je länger, je weniger beipflichten; vielmehr lernte er mit zunehmender innerer Erfahrung, daß man wohl für sich selbst ein enges Gewissen, für andere jedoch ein weites Herz haben müsse. So konnte er ein überzeugter Vorkämpfer und Fürsprecher der wahren evangelischen Allianz, der Einheit aller an Christum Gläubigen werden. „Ut omnes unum sint“ war seine Losung, und so bot ihm die alljährliche Allianzkonferenz zu Blankenburg in Thüringen eine liebgewordene und willkommene Aufgabe, weiten christlichen Kreisen aller Bekenntnisrichtungen als ein wahrer Vater in Christo zu dienen. An diesem Platze sah er eine seiner großen Hauptaufgaben gegenüber der großen, durch keine Betonung menschlicher Bekenntnisschranken getrennten, irdischen Gottesgemeinde.

So hatte Gott ihm im Laufe der Jahre ein sich stets weitendes Arbeitsfeld in Seinem Reiche zugewiesen. Als Evangelist legte er den größten Wert darauf, den ganzen Ernst der göttlichen Wahrheit zur Geltung zu bringen, die Sünde zu strafen, das kommende Gericht und die gegenwärtige Gnadenzeit zu verkündigen und vor allem den grundlegenden biblischen Unterschied zwischen dem gegen Gott und Seine Gnade gleichgültigen oder feindlichen Menschen gegenüber dem in der bewußten Nachfolge des HErrn stehenden Gläubigen klar zu betonen, damit jeder seiner Zuhörer sich zunächst darüber innerlich klar werden sollte, wie er zu Gott stehe.

Als Lehrer der christlichen Gemeinde war ihm daran gelegen, die Seite der praktischen Heiligung unseres Wandels im alltäglichen Leben hervorzuheben und dadurch die Gläubigen einer richtigen inneren Stellung zu den mancherlei zeitlichen Fragen und irdischen Ansprüchen zuzuführen, in dem Sinne des Wortes unseres HErrn: „in der Welt, aber nicht von der Welt!“ Sah er doch die gottgewollte Kennzeichnung eines wahren Christen auf Grund der Heiligen Schrift durch vier Punkte der praktischen Stellungnahme bedingt:

  • zu der Person unseres HErrn und Heilandes,
  • zu dem Wort Gottes, der ganzen Heiligen Schrift,
  • zu den Gläubigen,
  • zur Welt.

So waren seine Tage und Jahre reich mit Arbeit ausgefüllt; kamen doch die vielerlei Aufgaben und Fragen hinzu, denen er sich als Vater unseres Hauses mit größter Treue und zärtlicher Liebe widmete. Aus seinem Soldatenleben an Anstrengungen und äußerste Pflichterfüllung gewöhnt, – streng gegen sich selbst – wollte er die Worte „müde“ und „zuviel“ nicht kennen. In seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische durfte er die biblische Altersschwelle der Siebziger überschreiten.

Der Ausbruch des Weltkrieges kam ihm nicht überraschend; er hatte ihn lange kommen sehen als eine unvermeidliche Folge unserer weltwirtschaftlichen Machtentwicklung und des Neides unserer Feinde. Er war fest davon überzeugt, daß – wenn es einmal auf die Waffenprobe ankommen sollte – unser Heer und Volk sie siegreich bestehen werde mit Gottes Hilfe. Und als dann am 1. August 1914 der für jedes Soldatenherz glorreiche Augenblick kam, da des Kaisers Ruf zu den Waffen erging, zog es auch ihn trotz seiner vierundsiebzig Jahre mit mächtiger Begeisterung, noch irgendwie sich dienstlich zu betätigen. Mit väterlichem Stolz sah er nicht nur seine drei jüngeren Söhne, sah er die große Schar der an ihm als ihrem geistlichen Führer und Berater hängenden gläubigen Offiziere ins Feld rücken, sein anhaltendes Glaubensgebet begleitete sie, nicht so sehr um Bewahrung als vielmehr um Bewährung ihres Glaubens im Feld und vor dem Feind.

Ihm selbst zeigten sich manche neuen wichtigen Aufgaben durch die Versorgung der ins Feld rückenden Truppen mit christlichen Schriften und Bibelteilen, durch Ansprachen und Versammlungen in Lazaretten, durch regen Briefwechsel mit den im Felde stehenden Freunden. Die schmerzlichen Lücken, welche das erste Kriegsjahr in diesen ihm so lieben Kreis riß, trafen ihn schwer; Weihnachten 1914 brachte uns die schmerzliche Gewißheit, daß unser vorjüngster Bruder Wilhelm als Husarenoffizier auf Erkundung an Ostpreußens Grenze gefallen sei.

Im Frühjahr 1915 kam ein schweres, in seinen äußeren Merkmalen dem Arzt zunächst unerklärliches Leiden bei unserem Vater zum Ausbruch; es sollte ein langes Krankenlager mit großen Schwankungen in seinem Befinden werden, die uns doch immer noch auf Wiederherstellung hoffen ließen. Jedoch kurz nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag trat ein plötzlicher Kräfteverfall mit all den erschwerenden Nebenerscheinungen eines chronischen Nierenleidens ein, den auch die Kunst der Aerzte nicht mehr aufhalten konnte.

Die Trauerbotschaft von der Westfront, daß auch unser Bruder Georg gefallen sei, tat das ihrige, und wir sahen uns der schmerzlichen Tatsache gegenüber, daß dies kostbare Leben in einer Kürze abgelaufen sein würde. Am Mittwoch, dem 15. Dezember, früh, erlöste ihn der HErr von seinem Krankenlager.

Wir waren des treuesten Vaters, die Gemeinde Gottes eines bewährten Führers beraubt. Wie weiten Kreisen aller Stände und Volksschichten er etwas gewesen war, das spiegelte sich in der großen Trauerversammlung wieder, die sich im großen Saal des Christlichen Vereins junger Männer in Berlin um seinen Sarg versammelte, ehe seine sterbliche Hülle nach dem Familienbegräbnis zu Engers am Rhein übergeführt wurde.

Ihm war es ein ernstes Anliegen gewesen, allen, die er auch noch im Tode erreichen konnte, die Botschaft der göttlichen Gnade auszurichten. Er hatte deshalb unter seinen letztwilligen Bestimmungen einen offenen Brief hinterlassen mit dem Auftrage an mich, diese Botschaft an seinem Sarge zu verlesen. Sie wendet sich an die Lebenden, sie gilt auch jedem einzelnen Leser dieses Büchleins! Es sei mir deshalb erlaubt, diese Worte an den Schluß dieser Lebensskizze meines geliebten Vaters zu setzen. Denn diese Zeilen haben nur dann ihren wahren, höheren Zweck erfüllt, wenn jeder Leser vor die entscheidende Frage sich gestellt weiß, wie er zu dem HErrn Jesu Christo und zu Seiner Gnadenbotschaft der ewigen Errettung steht!

Die Abschiedsbotschaft unseres Vaters lautet:

„Wenn diese Worte verlesen werden, so bin ich bei dem HErrn. Mein Auge schaut Den, der mich geliebt hat von Ewigkeit her und der für mich das Gericht und den Fluch meiner Sünde trug.

Sein Blut hat mich in Sünden geborenen Menschen fleckenlos gewaschen, weißer als Schnee; als Kind und Erbe Gottes gehe ich in die ewige Herrlichkeit. Ich preise die Gnade und Liebe meines Heilandes, ER hat alles gut gemacht; ER hat mich gesucht, bis ER mich fand, ER trug mich durch mein langes Leben, ER hat Sich nie verändert in Seiner zarten, wunderbaren Liebe.

Ich bezeuge, daß der HErr mir alles, was die Schrift den Kindern Gottes verheißt, buchstäblich erfüllt hat. Nie ist Jesus, mein HErr, über meine viele Untreue und mein mannigfaches Fehlen und Versäumen ungeduldig gewesen. ER hat mich mit göttlicher Treue und unerschöpflicher Liebe getragen, Seine Macht und Gnade hat mich auf dem Wege des Glaubens bewahrt. ER beschützte mich gegen meine Feinde, ER erhörte meine Gebete, ER krönte meinen Weg mit göttlichem Segen, Ihm sei Preis und Ehre jetzt und in Ewigkeit!

Allen denen, die Ihn noch nicht als ihren HErrn und Erretter kennen, rufe ich zu: Kommt zu Jesu, da findet ihr, wonach eure Seele dürstet: Frieden, Freude und Kraft für diese Zeit, ewige Errettung und Herrlichkeit droben!“

 

(geschrieben von seinem Sohn, F. W. von Viebahn, ca. 1916)

Fritz Binde

Fritz Binde

Vom Sozialisten zum Christen.

Der Apostel Paulus beschreibt einmal in seinem Briefe an Timotheus seine inhaltsreiche Lebensgeschichte in nur zwei Versehen. Insoweit als auch ich, der ich früher ein Feind Jesu war, nun Gnade fand, passen sie auch auf meinen Lebensgang, sie lauten:

„Der ich zuvor war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich hatte es unwissend getan im Unglauben. Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist“ (1. Tim. 1,13.14.)

  1. Wie ich Anarchist wurde.

„Lange ging ich in die Irre,
Kannte meinen Hirten nicht“,

bis zu meinem 33. Jahre. Der Welt rohere Freuden lockten mich zwar nie recht, wohl aber der Welt Weisheit. Mit 18 Jahren hatte ich schon so viel gelesen, daß für den Glauben an das Wort Gottes kein Raum blieb. Dennoch habe ich die Erscheinung Jesu von Kindheit an lieb gehabt, wenn auch mit Unverstand, denn niemand brachte mir den Gekreuzigten biblisch nahe. Meine liebe Mutter zwar betete mit mir: „Ich bin klein,

„Mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen
Als Jesus allein“;

aber in unserem Hause wohnte Jesus nicht. Als Knabe mußte ich wohl zur Belustigung meines kirchenfeindlichen Vaters auf einen Stuhl steigen und des Pfarrers Predigt nachahmen, wofür ich zwei Pfennige bekam. Trotzdem nahm ich meine Konfirmation recht kindlich ernst, weinte viel und nahm mir vor, meine Sünden nie wieder zu tun.

Gottes Gnade hat sich treulich um mich gemüht. Von sieben Kindern das schwächste, bin ich dennoch allein am Leben geblieben. Von früh an hatte ich das zuversichtliche Gefühl, von Gott durch viele Irrtümer hindurch endlich ganz gewiß ans rechte Ziel gebracht zu werden. Und dieses bestimmte und bestimmende Gefühl hat mich nie verlassen, auch in den dunkelsten Zeiten nicht.

Achtzehn Jahre alt lernte ich den ersten gläubigen Menschen kennen. Das war in Frankfurt a. M. In meiner engeren Thüringer Heimat ist mir bis heute kein Mensch als völlig bibelgläubig bekannt (Das hat sich jetzt, Gott sei Dank, geändert). Nun war ich meinem Vater entlaufen und lag in der Herberge zur Heimat zu Frankfurt a. M. mit mancherlei Reisenden in einem geräumigen Schlafraume. Nachdem mancherlei erzählt worden war, kam man auch auf Gott, Gottes Sohn und die Bibel zu sprechen, und das Zeugnis einer gläubigen Seele beherrschte den nächtlichen Raum. Geärgert widersprach ich ins Dunkel hinein: „Ich glaube weder, daß die Bibel Gottes Wort, noch daß Jesus Gottes Sohn ist!“ „Dann werden Sie“, antwortete fest der Gläubige, „in Ihren Sünden bleiben und entweder darinnen verderben, oder Gott wird Sie erfassen und durch viel Elend hindurch zum Glauben bringen, und dann werden Sie Ihre Worte von heute abend bitter bereuen.“ Ich lachte und schlief ruhig ein.

Eine weitere Gnade Gottes war, daß Er mich mit 20 Jahren in das Haus eines gläubigen Mannes, meines nachmaligen Schwiegervaters, führte. Ich hatte ihn recht lieb, aber er forderte eines Tages unnachsichtlich, meine ungläubigen Bücher sollten nicht mehr länge runter seinem Dache bleiben. Das reizte mich zu überlegenem Trotz und veranlaßte mich, Mitglied eines Freidenker-Vereins zu werden. Meine Braut weinte. Von nun an opferte ich jedes entbehrliche Geld dem Ankauf gottesleugnerischer Bücher und den größten Teil der Nachtruhe dem Studium materialistischer Wissenschaft.

Ich war noch nicht 22 Jahre alt geworden, da setzte ich eines Nachmittags den lebendigen, persönlichen Gott ab und das ewige, unabänderliche Naturgesetz an Seine Stelle. In gleicher Zeit begann ich in gemeine Sünden zu fallen. Unfriede und Angst folgten. Auch tat es mir weh, keinen Gott und keinen Himmel mehr zu haben. Diese Leere im Herzen trieb mich zur Sozialdemokratie, die den Himmel auf Erden versprach. Mit 25 Jahren war ich sozialdemokratischer Redner und Schriftsteller. Mein Schwiegervater ruhte sein einem Jahre, wohl aus Gram über mein Leben und unsere Ehe, dem Leibe nach unter der Erde.

Aber Gottes suchende Gnade ließ mich nicht. Vier Jahre hielt ich es aus unter diesen trinkenden, lärmenden Weltverbesserern, die da meinen, der Mensch werde besser, wenn seine äußeren Verhältnisse bequemer und einträglicher werden. Dann packte mich der Eckel an dem herrsch- und rachsüchtigen Parteitreiben und der Zweifel an der sozialdemokratischen Wissenschaft. Aus gleicher Verzweiflung an dem Wert und Ziel der Partei erschoß sich damals in einer Nacht mein Freund, sozialdemokratischer Redakteur, in einem Raume, dessen Wände bedeckt waren von Büchern voll sozialdemokratischer Volksbeglückungstheorien. Er war eine edle Natur, und deren fand ich manche unter den „Genossen“; aber alle waren zerrissen und unselig.

Noch tiefer mußte Gottes Gnade mit mir gehen. die Enttäuschung an der Partei warf ich auf mich selbst zurück. Zurück zur bürgerlichen Gesellschaft gab es keine Brücke. Auch waren mit die Ordnungen dieser Gesellschaft geradeso verhaßt wie die der verlassenen Partei. Ein Leben in behäbiger Gleichgültigkeit war meiner hungernden, ringenden Seele unmöglich. Kirche und Gläubigkeit galten mir nichts – so wurde ich Anarchist.

  1. Wie ich suchte und nicht fand.

Erschrick nicht, lieber Leser, nicht alle Anarchisten tragen Bomben in den Taschen. Mein Schritt geschah wesentlich unter dem Einfluß der Kantischen Philosophie, mit der ich damals den naturwissenschaftlichen und historischen Materialismus überwand. Kants Lehre von der sittlichen Selbstgesetzgebung des Einzelmenschen wurde mir Anlaß zu glauben, jedermann müsse sein eigener Priester, Richter und Gendarm in der Weise werden, da alle Staats-, Rechts-, Polizei- oder Parteiordnungen überflüssig würden. Die „freie Persönlichkeit in der freien Genossenschaft“ wurde mein ideales Kampfziel. Freilich, zwei Jahre später lag auch dieses Ziel als erkannter Irrtum hinter mir. Ich hatte die schmerzliche Einsicht gewonnen, die meisten der Menschen taugen nicht zu „freien Persönlichkeiten“, sondern bleiben Sklaven niederer Instinkte. Und doch hatte ich gerade unter den Anarchisten manche ehrlich ringende Seele gefunden, die aufrichtig hungerte und dürstete nach der Gerechtigkeit, freilich weit ab vom Weg des Lebens. Etlichen von ihnen hat es der Herr nunmehr gelingen lassen, gleich mir, den Weg des Lebens zu finden.

Jedoch vorerst ließ mich Gottes Gnade noch den letzten, nötigen Irrgang antreten. Das war der Gang von Kant zu Nietzsche und durch Nietzsche zur Kunst. Glaubte ich nicht mehr an eine Freiheit für alle, so lernte ich doch nunmehr durch den Philosophen Nietzsche glauben an die Freiheit der einzelnen „freien, sehr freien Geister“. Das sind die Menschen, die alle hergebrachten Grenzen des Denkens und Handelns überstiegen haben und „jenseits von gut uns böse“ zu leben suchen. Aus ihnen sollte der zukünftige, höhere Mensch, der sogenannte „Übermensch“, hervorgehen. Ihr Gott ist ihr wunderbares Ich und ihr Gottesdienst das Denken und Schaffen als fröhliche Kunst. Diesem Gottesdienst weihte ich nun meine Feder und ordnete nach ihm mein immer freier und stolzer werdendes Leben. Die letzten Rücksichten des alten Gewissens fielen. Auf dieser Geisteshöhe hörte jede Sünde auf, Sünde zu sein, wenn man sie nur mit dem nötigen erhabenen Selbstbewußtsein zu heiligen verstand. Hier galt nur eins: Raum allem starken, mutigen Leben; denn in ihm allein offenbart sich das Göttliche! – Die natürliche Folge dieses hohen Lebens war: Verrohung des Gewissens, Verwirrung der Nerven, Sünde und Sündenfolge.

  1. Wie Jesus mich suchte.

Und nun wurde es Zeit für Gottes Gnade, mich heilsam zu züchtigen. Ich wurde nervenkrank, arbeits-, ja denkunfähig. Die Folgen meines überstudierten, übernächtigen Lebens mit seinen Auf- und Ausbrüchen, Enttäuschungen und Sünden traten nun zutage. Schlaflose Nächte, schreckliche Angstzustände peinigten Leib und Seele und machten mich zur Ruine. So ging ein Jahr hin, und ein neues brach an. „Frau“, sagte ich, „wir müssen einen neuen Abreißkalender haben, um die Tage des Elends weiter zu zählen.“ „Ich habe schon einen“, antwortete sie und brachte mir einen frommen Neukirchener „Christlichen Hausfreund“, den sie vom christlichen Kolporteur wider meinen Willen gekauft hatte. Wider meinen Willen hing nun dieser „Hausfreund“ an der Wand, täglich mir vor Augen. Täglich riß ich ein Blatt ab und warf es ungelesen und zerknittert ins Kohlenfaß. Widerliches Zeug, es ärgerte meine schwachen Nerven! Niemals wollte ich mich daran gewöhnen, es auch nur anzusehen, nur das Datum brauchte ich und sonst nichts. Aber das Leiden wuchs mir über den Kopf. Meine Freunde, die Ärzte, sagten: „Ruhe!“ Jawohl „Ruhe!“ Wo sollte es Ruhe geben für dieses wahnsinnige Spiel ängstigender Gedanken? „Ruhe“ bei diesem schauervollen Hinabsturz in den geistigen und jeden anderen Bankerott? Da standen die vielen hundert Bücher: nicht eines konnte mir helfen! Was war nun Kant, Nietzsche und alles Gereime und Geschreibe meiner Lieblingspoeten? Was die philosophischen Ratschläge meiner Freunde? Was mein eigenes erarbeitetes Wissen, das jetzt auseinanderfiel wie ein gestrandetes Schiff?

Verzweifelt hielt ich das abgerissene Blättchen in Händen und – begann zu lesen:

„Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde…“ (1. Joh. 1,7.)

Das „Blut?“ Unfaßbar! „Das war ja heidnisch-jüdischer Opfergreuel“ Ein Gott, der Blut sehen will…! Hinweg! Zerrissen flog das Blatt ins Kohlenfaß. Und dann „Sünde“! Was war mir „Sünde?“ Ein Wörtchen in Gänsefüßchen, etwas für altmodische Leute, rein relativer Begriff, notwendiges Schattenspiel im Weltgemälde, Dissonanz, die sich auflöst im Weltakkord. Jedenfalls ist’s „Sünde“, schloß ich meine Betrachtungen, im Leide zu verzagen und feig zu Kreuze zu kriechen. – Aber ein anderes Mal las ich:

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler“ (Jes. 40,31).

O, auf neue Kraft harrte ich wohl, aber nicht auf einen „Herrn!“ Wohl glaubte ich wieder an einen Gott; aber den suchte ich nicht über mir, sondern in mir: in meinen Gaben, in den Sehnsüchten und Leidenschaften meiner Seele, in meinem bis zu den Grenzen des Alls ausgedehnten Ich, das sich mit allem Leben liebend eins wußte, und was dergleichen große Redensarten mehr waren. Mir gehorchen, hieß deshalb Gott gehorchen: Was sollte da ein Herr „über“ mir? – Aber lag nicht mein Ich krank und bankrott im Stuhle? Wo war da der Gott „in“ mir? Nach langem Nachsinnen stellte ich das Blättchen zu weiterer Prüfung auf meinen Schreibtisch. Doch bald griff ich wieder danach, strich entschieden das Wörtlein „Herr“ durch und stellte das Blatt von neuem auf den verstaubten Tisch.

  1. Wie es in den Kampf ging.

Und so ging es weiter. Jeden Tag rang ich mit den Worten dieser Blättchen wie mit einem sich täglich mit entgegenstellenden, gewappneten Feinde. Ich bestritt, durchstrich, zerriß, besiegte auch scheinbar; aber am nächsten Morgen stand mein Gegner so frisch da als zuvor, ich jedoch wurde täglich matter und unsicherer. Mit dieser täglich neuen Frische überwand er mich, und schließlich ertappte ich mich dabei, daß ich ihm zuhörte, wirklich wie einem wohlmeinenden Freunde.

Prüfend begann ich die Evangelien zu lesen. Aber wie ganz anders standen die Worte nun in der Bibel als früher, wo ich Jesum als Sozialdemokraten, Anarchisten und übermenschlichen Lebenskünstler zu studieren suchte! Zum erstenmal in meinem Leben war ich wirklich mühselig und beladen zu Jesu Worten gekommen. Wenn Er nun mein gekreuzigter Heiland werden könnte? Wenn es doch war wäre mit dem Blut…?

Aber dann sprang ich plötzlich auf und holte mir aus der langen Bücherreihe Nietzsches „Antichristen“ heraus. Ich wollte doch nun endlich sehen, wer recht hätte. Doch da las ich in wohlbekannten Sätzen, das Christentum sei nur für die „Schwachen“, „Mißratenen“, „überreizten“, „Erschöpften“, „die das Unglück mit dem Begriff ‚Sünde‘ beschmutzen“. „Es steht niemand frei, Christ zu werden; man wird zum Christentum nicht ‚bekehrt‘ – man muß krank genug dazu sein.“ – Ich zitterte: War ich nicht ein solcher? Und deutlich hörte ich eine spitze Stimme in mir fragen: „Wenn du gesund wärest, würdest du dann diese Blätter lesen?“

Ich wankte und taumelte gegen einen Spiegel, starrte mein Bild an und erwartete einen Ausbruch des Wahnsinnes.

An einem der folgenden Abende schleppte ich mich trotzig wieder in die alte Gesellschaft. Als ich gegen Morgen heimwankte, stieß ich mit dem Fuß gegen einen Stein. Ich stieß ihn fort und stieß zum zweitenmal an ihn und zum drittenmal. (Dieses Stoßen, der Ausdruck des Trotzes im eigenen Gewissen [Apostel. 9,5] war – ach wie so oft schon! – ein Stoßen gegen den Stein des Anstoßes und den Fels des Ärgernisses [1. Petr. 2,8], gegen die im Herzen tönende, aber noch unerkannte Stimme Jesu, des guten Hirten.) Und als ich im Schein der Laterne den Stein aufheben und anschauen mußte, als ob er mir etwas sagen sollte, hörte ich:

„Ich bin’s, der mit dir redet (Joh. 4,27):

Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“ (Luk. 5,31).

Das war eine deutliche Antwort. Leider schlug sie nicht durch. Spiritistische und theosophische Gewohnheiten hatten mich abgestumpft und mißtrauisch gemacht gegen Mitteilungen aus der Geisterwelt. Trotzdem nahm ich jenen Stein mit nach Hause, wusch ihn – es war ein weißer Kiesel – und schrieb darauf: „Joh. 4,26“; er liegt heute noch auf meinem Schreibtisch.

Von nun an begann eine Zeit entsetzlicher Kämpfe. Es war, als ob ich mit dem Hervorholen jenes Nietzschebuches einem bösen Geiste Macht zum Mitreden gegeben hätte. Und das war tatsächlich der Fall. Mein christlicher Hausfreund und die Bibel ließen wohl täglich ihre friedliche Stimme hören, aber die spitze Stimme in mir schrie jetzt immer dagegen. In diesem Kampf wurde nicht mehr durch mich, sondern über mich entschieden. Ein schauerlicher Druck lag Tag und Nacht auf meinem Geiste. Radelte ich aber ein wenig hinaus, um frische Luft zu schöpfen, so schrien die dunkeln Stimmen: „Fahre hinab in den Abgrund, hinab in den Strom! Deine Frau bekommt die Lebensversicherungssumme, gesund wirst du doch nicht wieder; du tust ein gutes Werk, fahre hinab!“ Es war wie Nietzsches Ruf: „Stirb zur rechten Zeit!“

  1. Wie Jesus mich überwand.

Zur rechten Zeit führte mich die Gnade Gottes mitsamt den Meinen auf einige Zeit in das Elternhaus meiner lieben Frau. Dort in der Nähe wohnte ein mir bekannter Prediger, der allerdings ohne Einfluß auf mich geblieben war. Diesem offenbarte ich jetzt einiges von der in mir statthabenden Umwandlung. Er schien zwar mehr verwundert als erfreut, lieh mir aber ein schlichtes Büchelchen, das er mir sehr empfahl; es war: „Der Weg dem Lamme nach“ von Georg Steinberger.

Gleich in der Straßenbahn begann ich das Heftchen zu lesen. Im schwiegerelterlichen Hause las ich es zu Ende und noch einmal. Das Büchlein vollbrachte ein Wunderwerk in mir. Es verwandelte mir nämlich endgültig Jesum von Nazareth, den vornehm-überlegenen, heroischen Weisen in Jesum Christum, das demütig dienende, tragende, geschlachtete Lamm Gottes, das der Welt Sünde und auch meine Sünde trägt. Es bewies mir den Sieg des Schwachen und Nichtigen in der Welt gegenüber dem Starken und Großen. Es stellte mir den Lammesweg über den Löwenweg. Es weckte in mir Lammes- und Leidenssinn. „Ja“ zu meinem Elende zu sagen. Und damit machte es mich bereit, „ja“ zu Gottes Willen zu sagen, der mir dieses Elend geschickt hatte. Es machte mich also fähig, Gott als einen Herrn über mir anzuerkennen und mich nichtig zu Seinen Füßen zu werfen. Es hatte also das nichtige, schlichte Büchlein mehr vollbringen können, als alle Bücher zusammen, die ich jemals in meinem Leben gelesen hatte.

Und dies geschah unter demselben Dache, unter welchem damals mein Schwiegervater meine ungläubigen Bücher nicht dulden wollte, unter demselben Dach, unter welchem ich Gott abgesetzt und in Sünden gelebt hatte, und in demselben Zimmer, in welchem mein Schwiegervater aus Gram über mein Leben und unsere Ehe gestorben war.

„Wie gar unbegreiflich sind Seine Gerichte und unerforschlich Seine Wege!“ (Röm. 11,33).

Ich war „bekehrt“, verstand die Bedeutung jener Stunden aber erst viel später und werde sie später noch besser verstehen lernen. Damals war mir das Wort „Bekehrung“ noch sehr widerlich und albern; ich hätte es nimmermehr auf mein Erlebnis anwenden mögen. Ich wußte nur, daß ich eins mit blitzschneller Deutlichkeit erfahren hatte, nämlich: Gott ist dein Vater, Er hat dir alles durch Jesum vergeben, und du bist nun in den besten Händen. Aus dieser Gedankenreihe strahlte mir ein wunderbarer Strom der Ruhe und des Friedens entgegen. Es war wie sonniger, warmer Frühlingshauch. Ich lief hinunter in den Garten, staunte den Himmel, die Bäume, die Blumen an, alles frohlockte; Gott ist dein Vater durch Jesum, du bist nun in den besten Händen! Ich jauchzte laut. Es war der erste Lebensschrei der wiedergebornen neuen Kreatur.

  1. Wie Jesus mir Licht gab.

Langsam lernte ich Zeugnis von der Gnade meines Heilandes ablegen, langsam beten. Wie freute ich mich nun der so lange vergessen gewesenen Gesangbuchverse und Bibelsprüche aus meinen Kindertagen! In dem Maße, als ich beten lernte, ging es auch mit meinen Nerven besser. Allmählich kehrte etwas Arbeitskraft zurück. Natürlich wollte ich in den alten Verhältnissen weiterwirken, nur sollte in alles der Name Jesus hinein. Wo hätte aber Jesus, der Gekreuzigte, Raum in modernen Kunstblättern und Literaturheftchen? Wo in Theatern, Gemäldeausstellungen und Nachtkaffees? Eher schon konnte man in freien Vorträgen zeugen. Doch merkte ich täglich deutlicher: das neue innere Leben und der äußere Lebenskreis paßten nicht zusammen. Als ich meinem vertrautesten Freunde, mit dem ich ein Jahrzehnt zusammen gestrebt und gerungen hatte, eines Tages erklärte, ich wolle nunmehr nur noch nach der Bibel leben, kündigte er mir sofort die Freundschaft. Ähnliches vollzog sich nach allen Seiten. Dazu kamen die Versuche, mich wieder vernünftig zu machen. Aber was konnte man einwenden? Nicht mehr als ich selbst wußte und früher gegen den Bibelglauben eingewendet hatte. Wo waren aber Entwicklungslehre, Philosophie und Bibelkritik geblieben? Spurlos vernichtet waren sie worden vom Hauche des lebendigen Gottes, der mich angeweht hatte mit lebenserneuernder Allgewalt. Zu diesem starken Gott schrie ich um einen Ausweg in die Zukunft, und Er erhörte mich.

Ich hatte in einer Stadt einen Vortrag über „Zola – Ibsen – Tolstoi“ gehalten und mich eben nachsinnend über das Widerspruchsvolle meiner Tätigkeit zur Ruhe niedergelegt, als ich aus der Tasche meines an der Wand hängenden Überziehers eine Schrift herausragen sah. Nachforschend fand ich: „Lebst du in der Gegenwart Gottes?“ von G. Steinberger. Ein gläubiger Student, den ich damals kennen gelernt hatte, mußte mir wohl die Schrift in die Tasche gesteckt haben. Sofort begann ich zu lesen, und während des Lesens überkam mich eine solche Flut von lichten Gottesschauern, daß ich nachher in dem dunkeln Zimmer wie in einem überirdisch erleuchteten Raume lag. Und plötzlich hieß es: „Du mußt nach R. in die Schweiz zu Georg Steinberger!“ Es war wie ein königlicher Marschbefehl. Am nächsten Abend trug mich der Schnellzug in die Schweiz.

Körperliches Unbehagen, besonders unerträgliche Zahnschmerzen und Magenschmerzen, und eine satanische Lust, die Frommen zu verhöhnen, wollten mir unterwegs wiederholt das Reiseziel verrücken. Als ich dennoch die Schwelle des Asyls in R. überschritt, kam ich mir vor wie einer, der sich lebendig hinter ewige Kerkermauern begibt. Aber ich wurde angenehm enttäuscht. Nichts von den geläufigen Kennzeichen der „Muckerei“: schierer Kopf, verdrehte Augen, verschrobene Stimmen, sondern allenthalben königliche Freiheit, praktische Natürlichkeit und eine mir so wohltuende Feierstille. Zum erstenmal in meinem Leben stand ich vor Christen, das heißt vor Leuten, die auf mich den Eindruck machten, als ob sie wirklich das lebten, was Jesus zu leben befohlen und vorgelegt hat.

  1. Durch Jesum für Jesum.

Der Aufenthalt in R. war für mich von der allerentscheidendsten Bedeutung. Denn hätte mein beobachtendes Auge hier irgendwie Spuren der verhaßten Allerwelts-Selbstsucht oder gar der frommen Heuchelei gefunden, so wäre es um meinen jungen Glauben geschehen gewesen. Aber ich fand nichts als überströmende Liebe, kindliche Gläubigkeit und wohlgefällige biblische Lebensordnung. Das allein überwand mich, denn es zeigte mir die Kraft des Glaubens an den Gekreuzigten; es zeigte mir, daß es in dieser Welt wirklich möglich ist, ein Christ zu sein. Daran hatte ich zu allen Zeiten gezweifelt; nie hatte ich christliches Leben gesehen; darum hatte ich auch nie an die christliche Lehre geglaubt. Aber hatte mich nicht die Sehnsucht nach dem christlichen Leben zum Glauben an die sozialdemokratische oder anarchistische Gerechtigkeit und dann verzweifelt ins „Übermenschliche“ hinauf und hinaus getrieben? O, wäre ich in meiner Jugend einem „Christen“ begegnet!

Nun aber war ich bei Christen, und mein Lebensziel wurde fest, es hieß: Durch Jesum für Jesum leben; ich war wie gebadet in Klarheit und Kraft.

Herr Steinberger, der treue Bruder im Herrn, schien mein inneres und äußeres Leben mit einem Blick zu übersehen.

„Sei müssen Ihre Existenz aufgeben.“

„Das will ich auch, aber wovon weiter existieren?“

„Mein lieber Bruder, wer in Christo existiert, existiert immer. Lesen Sie den 23. Psalm!“

„Aber ich habe Frau und Kinder, und meine Frau ist nicht gläubig.“

„Das schadet nichts. Beten Sie nur für sie! Und dann geben Sie Ihren Haushalt auf und kommen so lange zu uns, bis Ihnen der Herr eine offene Tür zeigt, wie Sie für Ihn arbeiten sollen!“

„Aber berechnen Sie: ich habe Frau, zwei Kinder und -“

„Wir rechnen hier niemals (in solchen oder ähnlichen Fällen, wo Gott klar den Weg zeigt, war natürlich die Meinung). Kommen Sie nur!“

Damit war das Nächste entschieden. Sechs Wochen später zogen wir aus unserem Vaterlande, Freundschaft, Familie, Haushalt, Erwerb, Lebensstellung, in das Land, das uns Gott gezeigt hatte. Noch wenige Wochen, und das leuchtende Beispiel der lieben Geschwister in R. bewirkte, daß auch meine liebe Frau den Vater im Himmel preisen und Jesu, dem Lamme, ihr Leben geben mußte, ohne daß ein menschlicher Mund sie dazu besonders aufgefordert hätte. Und wiederum einige Monate später, nachdem mein vergangenes Leben auch vor Menschen ins Licht gekommen und Buße getan war, durfte ich schon mit ausziehen, das Evangelium im Land umher verkündend. Daß Gott mit meinem aus der Irre geretteten Leben nun anderer Leben aus der Irre retten wollte, wurde mir jetzt das Anbetungswürdigste. Wie viele Hunderte hatte ich in die Wüsteneien des Atheismus und Sozialismus gelockt, die mir wohl heute schon und einst fluchen mögen und mir als einem, der für sie verloren, vorläufig mit Bedauern die Grabrede halten! Soweit ich zurücksah, war mein Leben ein Fehl und ein Fluch gewesen; da schrie meine Seele auf: „Herr, nun laß es ein Segen werden für viele!“

Was jener unbekannte Reisende in jener Nacht meiner Jünglingszeit in Frankfurt vorausgesagt hatte, war wahr geworden, obgleich ich siebzehn Jahre lang jenes nächtliche Ereignis vergessen hatte. Wahr und sichtbar war auch geworden die rettende Gnade und Barmherzigkeit Gottes, von der ich in früher Kindheit glaubte, daß sie mich durch alles hindurchtragen werde. Sie hatte mich nun gefunden mit den Armen und dem Munde des Gekreuzigten. Keinen Betrug haben wir seitdem in diesem wahrhaftigen Munde entdecken können. Keinen Mangel hat uns der gute Hirte leiden lassen, weder im Geistlichen noch im Leiblichen. Er gab seitdem auch das Arbeitsplätzchen in Seinem Weinberg, und Er bleibt der Vollender Seines guten Werkes, bis daß Er kommt. Indes soll uns der Neukirchener Abreißkalender, der jetzt wirklich unser unzertrennlicher „Hausfreund“ geworden ist, die Gnadentage zählen, die der Ewigvater uns schenkt.

Georg Steinberger, den uns der Herr als eine so liebe Erscheinung an das Eingangstor zum Himmelreich gestellt hat, ist inzwischen heimgegangen. Aber ein Wort, das wahr geworden ist für sein Leben, und das der Unvergeßliche eines Abends, als uns vom flammenden Himmel herüber der Hauch Gottes anwehte, zu mir sagte, mag auch wahr werden für meine Tage: „Bruder, wir wollen unser Leben wagen für das Lamm!“

  1. Es bleibt dabei!

Es bleibt dabei! Der Schritt ist nun getan;
Mein Schifflein hat den rechten Kurs genommen.
Und stürmen auch die Wogen himmelan,
Sei darum doch, mein Herze, nicht beklommen!
Sagt mir, was den Erlösten schaden kann?
Es lenkt ihr Lebensschiff der beste Steuermann,
Ich bin getrost; drum sag‘ ich’s froh und frei:
Es bleibt dabei!

Es bleibt dabei! Nicht hab‘ ich Ihn erwählt,
Nein, Er hat mich gesucht und auch gefunden.
Er hat mich zur erlösten Schar gezählt,
Er hat mein stolzes Herze überwunden.
Er hat die ganze Schuld hinweggetan,
Er rechnet Sein Verdienst auch mir, dem Sünder an.
Ich bin nun Sein, das rühm‘ ich froh und frei.
Es bleibt dabei!

Es bleibt dabei! geht’s auch durch Hohn und Spott
So geht’s doch einem schönen Ziel entgegen.
Hienieden schon so glücklich, weil mein Gott
In Jesu schenkt mir Frieden, Heil und Segen.
Und leg‘ ich einstens ab mein Erdenkleid,
Nimmt Er mich zu sich in die Herrlichkeit.
Er ist getreu, drum sag‘ ich froh und frei:
Es bleibt dabei!

Es bleibt dabei! Hinweg mit deiner Lust,
O arme Welt, du kannst mein Herz nicht stillen.
Nein, mir ist außer Jesu nichts bewußt,
Was mir mein Herz mit Frieden könnte füllen.
Betrogen, wer in dir Befried’gung sucht!
Kurz ist der Wahn, das Ende heißt: Verflucht.
In Jesu nur wird froh das Herz und frei.
Es bleibt dabei!

Es bleibt dabei! Ich hab‘ den Schritt getan!
O Bruder, möchtest du den Schritt auch wagen!
Es lohnt sich wohl; dein Leben wird fortan
Das heil’ge Siegel wahren Friedens tragen.
Verlaß die Welt, die dich so oft belog!
Dir winkt der Himmel, laß den Trebertrog!
In Jesu hast du alles, Er macht frei.
Es bleibt dabei!

Johannes Paulus.

Johannes Paulus, Frankfurt a. M., Vereinshaus Nord-Ost, hat viele seiner Gedichte unter dem Titel: „Sein Wort, mein Hort“, in der „Sprache schlicht und einfach, ungekünstelt und klar“, „voll von Gedanken göttlicher Wahrheiten“, herausgegeben; sie sind von ihm selbst und vom Verlag dieses Schriftchens zu beziehen und seien jedermann empfohlen.

Gotha Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott / 1922

 

Ludwig Hofacker

Ludwig Hofacker

Hofacker: Wilhelm Gustav Ludwig H., Pfarrer von Rielingshausen in Württemberg, einer der bedeutendsten und eingreifendsten Prediger dieses Jahrhunderts, wurde in dem Badeorte Wildbad, wo sein Vater Diaconus war, den 15. April 1798 geboren und starb den 18. November 1828 in Rielingshausen. Sein Lebensgang, den er selber in kurzen Umrissen hinterlassen hat, ist ganz einfach. Sein Vater, Karl Friedrich H. war zuletzt Stadtpfarrer von St. Leonhard und Amtsdecan in Stuttgart. Er war ein durchgebildeter Theologe, und, wie Knapp sagt, früher mehr alttestamentlichen Charakters, während die Mutter, Friederike, eine geborene Klemm, mehr das neue Testament in ihrem Leben darstellte. Es waren echte Schwaben von altem Schrot und Korn. Seine Kinder erzog der Vater mit alttestamentlicher Zucht, die Mutter wird gemildert haben. Es war eine geistreiche originelle Frau. Und dieser beiden Eltern Charaktere spiegelten sich auch in den Söhnen ab. Der Vater unterrichtete seine Söhne selber und stellte keine geringen Anforderungen an sie. Lateinisch war ihm die Hauptsache, nebenbei Mathematik und Geometrie. Ludwig machte in den letzteren Gegenständen keine sonderlichen Fortschritte, während er im Lateinischen vorankam. Es wird von ihm erzählt, daß er ein heiterer Knabe war und sich durch eine besondere Gutmütigkeit und Anspruchslosigkeit auszeichnete. Er war von Kind auf zum Schreibereifache bestimmt.

Als aber nach seiner Confirmation der Vater meinte, Ludwig eigne sich mehr zum Pfarrer, stimmte der Knabe bei und holte mit Fleiß und Talent, was ihm an Schulbildung fehlte, bei dem Rector Reuß in Eßlingen nach. Am 18. October 1813 trat H. in daß niedere Seminar von Schönthal. Es herrschte damals ein leichtsinniger Geist daselbst, und H. war einer der lustigsten und ungebundensten. Er hatte schon damals etwas Imponirendes in seiner Erscheinung und war der Liebling seiner Jugendgenossen. Von Schönthal kam er nach dem Kloster Maulbronn, von dort Herbst 1816 auf die Universität Tübingen, wo er mit dem lustigen Studentenstrom dahinschwamm. Dazu half noch die Gesellschaft Solidia, welcher er sich anschloß, und die alles war, nur nicht solid. Die zwei Candidatenjahre, in welchen er Philosophie hätte studieren sollen, verflossen im Getümmel der Vergnügungen. Doch hatte er keine Ruhe dabei. Mitten unter seinen lustigen Trinkgesellen überkam ihn daß quälende Bewußtsein seines Zustandes. Als er im Herbst 1818 zu den Seinigen kam, erklärte er seinem Vater: er fühle sich am Scheidewege stehen, entweder er gehe unter oder er werde ein ganz anderer. Bald erzählten sich seine lustigen Cumpane mit Staunen, der H. sei ein Pietist geworden. Er schloß sich jetzt Männern an wie Flatt, Steudel, Schmid, Zeller, Dann und Weißmann. Sein edles Angesicht (sagt Knapp von ihm) war von einer himmlischen Weihe beglänzt und machte späterhin, wenn er die Kanzel betrat, einen so tiefen Eindruck auf daß Volk. Schon damals, als er im großen Saale des theologischen Stiftes vor der bunten Schar von beinahe 200 Jünglingen zu reden hatte, war es keine Stilübung, die er vortrug, sondern seine Rede quoll stromgleich hervor. Wenn H. im Anfange seiner Bekehrung auf Mystiker wie Jakob Böhme und andere verfiel, so war dies nur ein Durchgang durch ein Labyrinth, und er kam schon im Jahre 1819 mit Freunden in Berührung, die einfach und nüchtern auf dem Grunde der evangelischen Kirche standen. Ihnen schloß er sich bald an; Christus und sein ungefärbtes Lebenswort war von nun an und blieb sein Mittelpunkt, wie seine Predigten ausweisen. Er vertiefte sich jetzt auch mit seinen Glaubensgenossen in ernstliche theologische Studien. Eine schwere Krankheit, die ihn in Folge eines Sonnenstichs am 18. August 1820 befiel, unterbrach zuletzt seine Studien. Im September verließ er Tübingen nach wohlbestandener Promotion. Schon im Anfange Novembers kam er als Vicar nach Stetten im Remstal, nur für kurze Zeit, aber durch seine gewaltigen Predigten entstand eine heilsame Bewegung. Nach 16 Tagen zog er als Vicar in das große Dorf Plieningen bei Stuttgart. Hier begann jene gewaltige unmittelbar ans Herz dringende Predigtweise, wozu ihm eine besondere Gabe verliehen war. Er schrieb damals über seine Predigtweise: „Was meine Predigten betrifft, so thue ich den Mund auf so weit als möglich, das heißt, ich mache keine Brühe um die Wahrheit herum, was ich auch nicht könnte. Ich nehme das Herz in Beschlag, so oft es geschehen kann. Auf dieses suche ich geraden Weges und im Sturmschritt loszugehen, und es wie eine Festung zu erobern.“ So wirkte er mit solchem Beifalle, daß die Leute aus der Umgegend nach Plieningen strömten. Doch währte seine Arbeit kaum drei Monate, da mußte er sich wegen leidender Gesundheit ins Elternhaus zurückziehen. Sein Nervensystem war sehr angegriffen, er konnte anderthalb Jahre lang nicht mehr arbeiten. Im Oktober 1822 hielt er die ersten Grabreden für seinen alten Vater. Erst am 31. Januar des folgenden Jahres betrat er die Kanzel der Leonhardskirche. Noch im März wurde er zum Vicar seines schlagflüssigen Vaters ernannt. Hier ertönten nun jene tiefen, herrlichen Predigten, zu denen sich die Zuhörer 6–8 Stunden weit herzudrängten um dem herzergreifenden Zeugnis des begeisterten Jünglings mit seinem bleichen milden nachdenksamen Angesichte zu lauschen. Der Dichter Knapp, der um jene Zeit durch H. auf den Weg der Wahrheit gekommen ist, schildert uns einen solchen Gottesdienst: „Gleich beim Eintritt in die Kirche ergriff mich die ernste Sammlung der dicht gedrängten harrenden Gemeinde und vor den geöffneten Thüren sah man, so weit etwa die Stimme des Predigers reichen mochte, noch zahlreiche Volksmassen geschart. Der Gesang wogte feierlich durch die Versammlung hin, sanft und andachtsvoll; man fühlte es, die Leute wußten warum sie gekommen waren. H. betrat die Kanzel, ein ernster, leidender Zug ging durch sein edles Angesicht, dem man die Trübsalsprobe wohl ansah. Er predigte über 2. Kor. 3, 4–13. Die Predigt ist gedruckt, aber dieses Gedruckte ist nur ein schwacher Widerhall dessen was aus seinem Munde ging, gleich wie sich eine Silhouette von einem lebenden Angesichte unterscheidet.“ Sichtbar erschöpft verließ er die Kanzel und ich rief ihm im Herzen nach: „Ja, du hast deinen Gott verherrlicht!“ Nach lang andauernder Krankheit verschied sein Vater am 27. Dezember 1824, und der Sohn Ludwig wurde zum Verweser der Stadtpfarrei ernannt. Von allen Seiten wurden Schritte getan, ihn für Stuttgart zu gewinnen. Es war aber vorauszusehen, daß sie keinen Erfolg haben würden. Aus einem Schreiben Hofackers vom 25. Februar 1825 erfahren wir, daß er zehn Wochen lang an Schwäche seiner Kopfnerven gelitten habe und nichts habe arbeiten können. Er mußte seine teure Leonhardkanzel verlassen, um sie nie wieder zu betreten. Von seiner Mutter begleitet reiste er im Sommer nach dem Bad Teinach, etwas später nach Gais und hierauf nach St. Moritz in Graubünden. Ziemlich gestärkt kehrte er im August zurück, aber schon Ende Oktober befiel ihn ein furchtbares Nervenfieber. Er war auf seinen Heimgang vorbereitet und empfing noch das heil. Abendmahl aus den Händen des ehrwürdigen Stadtpfarrers Dann. Während der Arzt die Nähe seines Todes ankündigte, erholte sich der Kranke ganz unerwartet. Er faßte neue Hoffnung. Seine Meldung um das Diaconat S. Leonhard fand zwar keine Erhörung, dagegen wurde ihm im Februar 1826 die Pfarrei Rielingshausen bei Marbach übertragen. Das Scheiden von Stuttgart fiel ihm schwer. Er ließ ein Abschiedsschreiben drucken und an seine lieben Freunde gehen. Es ist ein kostbares Zeugnis seines Glaubens und seiner dankbaren Liebe. Gesegnet Von zahlreichen Gemeindegliedern und unter zahlreicher Begleitung schied er von seinem lieben Stuttgart. Mit dem 1. Juli 1826 trat er seine Pfarrei an. Nur noch zwei Jahre der Arbeit waren ihm beschieden, er kaufte aber diese Zeit treulich aus. Aber kaum hatte er seine Tätigkeit begonnen, so mußte er wegen angegriffener Gesundheit das Bad Neustadt bei Waiblingen gebrauchen. Nach seiner Rückkehr besorgte er sein Amt mit erneuter Kraft. Auch jetzt geschah es wie früher, daß heilsbegierige Seelen in Massen in daß kleine Dörflein kamen, oft zwei Tagesreisen mußten manche wandern. Sein früherer Flammengeist wurde ruhiger, aber desto eindringlicher waren seine Predigten. Aber leider mußte die Gemeinde die schmerzliche Erfahrung machen, daß ihr Pfarrer wiederum erkrankte; ein Übel an einem Finger hatte ihn sehr heruntergebracht und der Leidende mußte sich entschließen, den Finger sich abnehmen zu lassen. Mit männlicher Fassung überstand er die Operation. Doch erfolgte eine langwierige Schwächung, aber obwohl er sich in etwas erholte, so hörten die Tage der Trübsal nicht auf. Eine der schwersten war der Heimgang seiner teuren Mutter. Er fühlte sich sehr vereinsamt und faßte im Sommer des Jahres 1827 den Entschluß, hie und da Predigten herauszugeben, „weil ich zu nichts anderem die Gabe besitze und doch auch Frucht schaffen möchte“ sagt er sehr demütig. Auch bestieg er am 5. August wieder seine Kanzel und beschäftigte sich ernstlich mit der Ausarbeitung seiner Predigten, die er heftweise in Druck zu geben im Sinne hatte. Das erste Heft wie das zweite fanden raschen Absatz, er hatte es nicht erwartet. Am Osterfest des Jahres 1828 betrat er zum letzten Male seine Kanzel und predigte mit ungewöhnlicher Kraft. Er machte noch im Mai eine Erholungsreise nach Stuttgart, mußte aber bald heimreisen, da die Wassersucht heranrückte. Seine Krankheit nahm einen raschen schmerzvollen Verlauf. Er mußte im Lehnstuhl sitzend, daß Ende erwarten. Am 18. November sagte er bei herannahendem Tode leise: „Ich wandle im Todestale“. Sein letztes Wort war „Heiland!“ Es war ein Großer in Israel gefallen. Schon jetzt sind seine Predigten über hunderttausende, man kann wohl sagen, in allen Weltteilen verbreitet; sie mußten stereotypiert werden, um nur der Nachfrage gerecht werden zu können. H. ist in seiner Einfalt unerreichbar und hat, wie Knapp sagt, mit den wenigsten Mitteln wohl daß Größte geleistet, was irgend in unsrer Zeit von einem Prediger zu leisten war. Seine Predigtweise bleibt die ungesuchteste, herzmäßigste, ummittelbarste. Aus seinen hinterlassenen Predigten ist zusammengestellt: Predigten für alle Sonn-, Fest- und Feiertage, 1839. In neuerer Zeit ist aus den hinterlassenen Handschriften und aus den Predigten „Ludwig Hofacker’s Erbauungs- und Gebetbuch für alle Tage“ von Pastor Klett herausgegeben worden. Eine musterhafte nicht genug zu empfehlende Biographie ist das Leben des Ludwig Hofacker von Albert Knapp. Vierte Auflage, 1872.

Ledderhose.

 

Ludwig Harms

Ludwig Harms

Harms: Georg Ludwig Detlev Theodor H., lutherischer Pastor und Gründer der Hermannsburger Missionsanstalt, ist geboren den 5. Mai 1808 zu Walsrode im Lüneburgischen, wo sein Vater damals Rector und Pastor sec. war, † am 14. November 1865 zu Hermannsburg unweit Celle, Provinz Hannover. Ein ächter Niedersachse und Sohn der Lüneburger Heide, aufgewachsen unter strenger elterlicher Zucht in den einfachen Verhältnissen eines kinderreichen Landpfarrhauses, ist er über seine nächste Umgebung wenig hinausgekommen, desto mehr aber mit seinem heimathlichen Boden, mit den Erinnerungen, Anschauungen, der Denk- und Redeweise des Volkes verwachsen. Das Celler Gymnasium, das er nur kurz 1825–27 besuchte, und die Universität Göttingen, wo er 1827–30 Theologie studirte, boten dem eigenartigen und in sich verschlossenen Jüngling einen mannigfaltigen Wissensstoff, aber keine tiefere religiöse oder geistige Anregung. Erst am Ende seiner Studien- oder im Anfang seiner Candidatenzeit (1830) vollzog sich ein Umschwung in dem inneren Leben des jungen Theologen: es erfolgte bei ihm und unter seinem Einfluß bald auch in seiner Umgebung eine jener „Erweckungen“, wie sie damals als Uebergang aus der rationalistischen in die modern-pietistische Strömung mehrfach vorkamen. Als Hauslehrer im Lauenburgischen, im Hause eines Kammerherrn v. Linstow, wurde er bald das Haupt eines kleinen, aber zusehends sich erweiternden Kreises von „Erweckten“. Angeregt vom Missionsinspector Richter in Barmen und von dem Grafen Recke-Vollmerstein gründete er 1834 in Lauenburg einen Missionsverein, der neben der Heidenmission auch Werke der sogenannten inneren Mission mit lebendigem Eifer für die Sache des Reiches Christi, aber noch mit großer confessioneller Weitherzigkeit betrieb. Seit 1839 in seine Heimath zurückgekehrt, wirkte er theils als Gehülfe seines Vaters, theils als Hauslehrer in Lüneburg eifrig und erfolgreich in Predigt und Seelsorge, besuchte arme Kranke und Gefangene, studirte auch fleißig die symbolischen Bücher, wie die altlutherischen Dogmatiker. Dennoch schien sich ihm die Pforte des lebhaft ersehnten Predigtamtes zu verschließen, da das hannoversche Consistorium dem übereifrigen Candidaten, weil er einmal statt einer vorgeschriebenen Gebetsformel ein freies Gebet auf der Kanzel gesprochen, das Predigen bis auf Weiteres verbot. Doch wurde die Maßregel bald wieder zurückgenommen und H. 1844 seinem alternden Vater als Hülfsprediger in Hermannsburg beigegeben, 1849 nach des Vaters Tod auf Wunsch der Gemeinde zum wirklichen Pastor ernannt. Jetzt erst begann seine amtliche Wirksamkeit in der ihm seit langer Zeit wohlbekannten und treu anhänglichen Gemeinde. Er arbeitete mit unermüdlichem Eifer nicht blos in den kirchlichen Gottesdiensten, die fast den ganzen Sonntag ausfüllten, sondern auch in der Seelsorge, wobei seine volksthümliche Art des Verkehrs, seine aufrichtige Freundlichkeit, seine aufopfernde Liebe ihm die Herzen gewann. Eigenthümlich waren insbesondere die Versammlungen, die er Sonntag Nachmittags in seinem Hause in ganz freier, durchaus nicht conventikelartiger Weise mit seinen Gemeindegliedern und fremden Besuchern hielt und bei denen seine populäre Unterhaltungs- und Erzählungsgabe am glänzendsten sich entfaltete. Viele seiner Erzählungen, meist in plattdeutscher Sprache, die er meisterhaft handhabte, sind später gesammelt und herausgegeben worden (Honnig. Vertellen und Utleggen in sin Modersprak von Louis Harms, 2. Aufl. 1871; „Goldene Aepfel in silbernen Schalen“, 6. Aufl. 1875). Seine Hauptstärke aber lag in seinen Predigten, von denen er selbst zwei Sammlungen herausgegeben hat, die jetzt zu den verbreitetsten Predigtbüchern, wenigstens in der evangelischen Kirche Norddeutschlands, gehören: „Evangelienpredigten“, 1858 ff.; 8. Aufl. 1877; und „Epistelpredigten“, 1862 ff. (weitere Sammlungen sind aus seinem Nachlaß herausgegeben, jedoch von geringerem Werth). Homiletisch betrachtet, sind diese Predigten keine Kunstwerke: die Exegese mangelhaft, der Gedankenkreis eng, oft sich wiederholend; ihr Vorzug aber ist einfache Hervorhebung der christlichen Grundwahrheiten, conkrete Erfassung des Lebens, ein kräftiger, oft massiver Realismus, vor allem aber ihre einzigartige Volksthümlichkeit. Wie kaum ein Anderer seit Luther hat H. es verstanden, dem Volke zu predigen und speciell dem niedersächsischen Landvolk, den Bauern der Lüneburger Heide in schlichter, lebendiger, durchaus auf den Hörer berechneter, ebendarum aber auch Jedem verständlicher Weise vom Herzen zum Herzen zu reden. Die Frucht solcher Arbeit trat denn auch bald zu Tage. Es ging eine merkliche Umwandlung mit der Gemeinde vor: regelmäßiger Kirchenbesuch, Hausandacht, strenge Sonntagsfeier, häufiger Abendmahlsbesuch wurde Sitte, es entfaltete sich eine rege Liebesthätigkeit und großartige Opferwilligkeit und in weitem Umkreis übte sein Wort und Beispiel seinen Einfluß. Ganz besonders aber war es auch jetzt wieder das Werk der Heidenmission, das für H. und seine pastorale Wirksamkeit Beides zugleich war – Mittel und Zweck. Denn so hat er das Verhältniß der Mission zur Gemeinde sich gedacht: seine Gemeinde sollte eine Missionsgemeinde werden, die Mission eine gemeindliche. Erst nachdem er 1849 nach seines Vaters Tod wirklicher Pastor in Hermannsburg geworden, griff er das Werk an: nicht einer der bestehenden Missionsgesellschaften will er sich anschließen, sondern ein eigenes Missionshaus gründen; die Mission soll sich verbinden mit der Colonisation; die Missionsgemeinde soll aus der Muttergemeinde hervorwachsen, ihr Bekenntniß, wie ihren Lebensordnungen sich anschließen; die Heidenbekehrung soll ein ächt kirchliches Werk sein und bleiben, auf dem lutherischen Bekenntniß ruhen, durch die Bestätigung der landeskirchlichen Behörde ihre Weihe empfangen. Zunächst war es das südliche Afrika, das H. als Feld für seine Mission ins Auge faßte; später kamen weitere Stationen in Asien, Amerika, Australien hinzu. Um den Verkehr zwischen den transatlantischen Stationen und dem Mutterland zu vermitteln, ließ H. 1853 aus Missionsgeldern ein eigenes Missionsschiff (die „Kandace“ nach Ap.-Gesch. 8, 27) in Harburg bauen, das im J. 1854 acht Missionaire und acht Colonisten nach der Ostküste Afrika’s brachte; 1856 ging eine zweite, 1858 eine dritte Sendung ab. Ueber die weiteren Schicksale und Erfolge der Hermannsburger Mission zu reden, ist nicht dieses Ortes; vgl. darüber das im Verlage des Missionshauses erscheinende Missionsblatt (25. Jahrgang, 1878). Hier mag die Bemerkung genügen, daß die beiden eigenthümlichen Ideen Harms’, der Gedanke der Colonialmission, wie die Idee einer Eingliederung der Mission in die Landeskirche, sich nicht verwirklicht haben: die christliche Colonisation und Civilisation der Zulu’s und Papua’s blieb bis jetzt bekanntlich frommer Wunsch; die landeskirchliche Eingliederung der Hermannsburger Mission aber ist neuestens in Folge der Renitenz seines Bruders und Nachfolgers Theodor H. in das gerade Gegentheil umgeschlagen, die Separation eines Theils der Hermannsburger Gemeinde von der hannoverschen Landeskirche und die officielle Lossagung der letzteren von der Hermannsburger Mission (1878–79). – Louis H. ist bei seiner ohnedies schwächlichen Constitution dem Uebermaß von Arbeit und geistiger Anspannung, das er sich durch Pfarramt, Mission, schriftstellerische Thätigkeit, ausgedehnte Correspondenz etc. jahrelang zumuthete, im 58. Lebensjahr erlegen. Sein Andenken bleibt bei Allen, die ihn kannten, im Segen, und auch die hannoversche Landeskirche wird des ihr von Hermannsburg aus zugeflossenen geistlichen Segens nicht vergessen, obwol es von dort aus zur Separation gekommen und obwol in dieser Spaltung das Einseitige und Ungesunde, was von Anfang an in der Hermannsburger Erweckung, wie in dem dortigen Missionsbetrieb lag, nur eben offen zu Tage getreten ist.

Siehe hierüber, wie über das Ganze die auf persönlicher Bekanntschaft und auf amtlichen Acten ruhende Darstellung von Abt Uhlhorn in der R.-Enc. f. prot. Theol. 2. Aufl. Bd. V. S. 621 ff. Nur mit Vorsicht ist zu benutzen die von dem Bruder Theodor Harms herausgegebene Lebensbeschreibung, Hermannsburg 1868; 4. Aufl. 1874; vgl. auch Zum Gedächtniß des sel. P. Harms zu Hermannsburg. Separatabdruck aus den viertelj. Nachrichten, Hannov. 1866; Zur Erinnerung an L. Harms in N.Ev.K.Ztg. 1866, Nr. 4 ff.; Allg. K.Ztg. 1865, S. 758. Eine Sammlung seiner Briefe ist im Verlag des Hermannsburger Missionshauses erschienen, wo auch seine übrigen Schriften in fortwährend neuen Auflagen zu haben sind.

Wagenmann.

 

Charles Haddon Spurgeon

Charles Haddon Spurgeon

Kurz gefasste Lebensgeschichte des Predigers Charles Haddon Spurgeon.

Sein Stammbaum.

Wahre Gottseligkeit in einem Hause führt gewöhnlich zur Gottseligkeit in den Herzen derer, die den Haushalt bilden. Die Familie Spurgeon kann drei Jahrhunderte hindurch ununterbrochen auf gläubige Vorfahren zurückblicken. Der Einfluß der aufeinander folgenden Geschlechter auf ihre Umgebung sowohl wie auf ihre Nachkommen ist unberechenbar gewesen, und in unsren Zeiten gewahren wir in dem Leben und Wirken derer, welche die Familie gegenwärtig repräsentieren, noch immer die Segensfülle, welche als die Erhörung der Gebete vieler vorangegangenen Geschlechter zu betrachten ist.

Jene gottseligen, ernsten und heldenmütigen Männer, welche vor zwei Jahrhunderten aus den Niederlanden auswanderten und sich zum Teil in Norfolk, zum Teil in Essex in England niederließen, waren Männer, welche Gott täglich um Rat fragten und der göttlichen Führung willig folgten. Ihr treuliches Ausharren unter heftigen Verfolgungen und Trübsalen zeigte deutlich, daß sie sich an den Arm des Allmächtigen zu klammern pflegten.

„Als ich kürzlich mit einem christlichen Bruder sprach,“ sagte Spurgeon in einer seiner späteren Predigten, „schien derselbe recht glücklich, mir sagen zu können, daß er einer Familie entstammte, welche während der Verfolgung unter Herzog Alba von Holland herüber kam. Da ich gleicher Abstammung bin, fühlte ich eine Art Brüderschaft mit ihm. Ich bekenne, daß unsre Vorväter arme Weber waren; aber ich will doch lieber von jemand abstammen, der um seines Glaubens willen gelitten hat, als das Blut aller Herrscher in meinen Adern rollen haben.“

Unser Spurgeon ist ein direkter Nachkomme der Essexlinie, welche seit mehr denn einem Jahrhundert ihre Repräsentanten zu den Predigern des göttlichen Wortes zählt. Spurgeons Großvater hieß James Spurgeon, und er war ein ehrwürdiger Prediger nach echt puritanischem Muster. Er wurde am 29. September 1776 zu Halstead in Essex geboren und war von seiner frühesten Jugend an ein ernst gesinntes Kind, das dem gottseligen Vorbild seines Vaters folgte. Im Alter von 26 Jahren fühlte er sich durch Gottes Geist zum Predigtamt berufen, und nachdem er einige Jahre eine theologische Hochschule besucht hatte, nahm er einen Ruf von der fast leblos gewordenen Independentengemeinde zu Clare in Suffolk an, welche unter seiner Wirksamkeit wunderbar aufblühte. Der Ruf von seiner Frömmigkeit und von seinem großen Einfluß verbreitete sich derart, daß er im Jahre 1810 zu dem sehr verantwortlichen Posten nach Stambourn in Essex berufen wurde, wohin er im nächsten Jahre ging, und wo er unter großem Segen über 50 Jahre wirken durfte. Als er an dieser Gemeinde sein 50jähriges Prediger-Jubiläum feierte, war es sein Großsohn, der ihm eine denkwürdige Festpredigt hielt. Sein guter Einfluß blieb bis an sein Lebensende unvermindert. Der ehrwürdige Greis wurde von verschiedenen Seiten eingeladen, und er predigte an keinem Ort, ohne nachher zu erfahren, daß der Herr seine Predigt mit besonderem Segen begleitet hatte. Er hatte eine vorzügliche Stimme, und seine Predigten waren stets ernst und praktisch, und sein freundliches und sanftes Wesen machte ihn zum Lieblinge aller, die ihn kennen lernten. Er starb geehrt und geliebt am 12. Januar 1864 im Alter von 87 Jahren.

John Spurgeon, der Vater unsres Charles Haddon, wurde 1811 geboren und überlebte seinen Sohn. Ein hohes Alter ist ehrenvoll, besonders wenn es im Dienste Gottes erreicht wird, und die Spurgeons scheinen zu dieser Auszeichnung bestimmt zu sein. John Spurgeon folgte viele Jahre hindurch einem zeitlichen Berufe, aber 16 Jahre lang predigte er des Sonntags der Independenten-Gemeinde zu Tollesbury in Essex. Dann gab er sein Geschäft auf und widmete sich ganz dem Dienste des Herrn, in welchem er sich für die Sache des Herrn nützlich machte. Insbesondere widmete er sich der Jugend und pflegte sie mit hingebender, liebevoller Sorgfalt. Seine letzte Stellung hatte er an einer Independenten-Gemeinde in London inne, wo es ihm oft vergönnt war, mit seinem ältesten Sohne, Charles Haddon, zusammen zu sein.

Die Mutter von Charles H. Spurgeon zeichnete sich ebenfalls durch ihre aufrichtige Frömmigkeit und Demut aus und war wegen ihres Erfolges in Werken christlicher Liebesthätigkeit, denen sie sich hingab, so lange Gesundheit und Kräfte es ihr gestatteten, allgemein bekannt und beliebt. Ihr Sohn Charles schien von ihren ausgezeichneten Charakterzügen, wie Hingabe, Einfalt und Gottseligkeit, viel geerbt zu haben. John Spurgeon und Frau brachten schon frühe große Opfer, ihre 17 Kinder, davon Charles das älteste war, gut und gründlich zu erziehen, und sie genossen später den Lohn ihrer freudigen Selbstverleugnung. Frau Spurgeons Sorgfalt hinsichtlich ihres ältesten Sohnes war besonders rührend und ernst. Eine Tages, nachdem Charles schon bekehrt worden war, sagte sie unter andrem zu ihm: „Ach, Charlie, ich habe oft darum gebetet, daß du bekehrt werden möchtest, aber nie darum, daß du Baptist werden möchtest.“ Charles antwortete darauf: „Gott hat dein Gebet erhört, liebe Mutter, und in seiner bekannten Freigebigkeit hat Er dir mehr gegeben, als du von Ihm erbeten hast.

Geburt und Kindheit.

Charles Haddon Spurgeon wurde am 19. Juni 1834 zu Kelvedon in Essex geboren. In den Dörfern Englands sind manche der ausgezeichnetsten Männer des Landes geboren und erzogen worden. Dort wurden ihre Fähigkeiten entwickelt und der Grund zu ihrer späteren Größe gelegt. Kelvedon hat eine Einwohnerzahl von etwa 2000 Seelen. Charles hatte einen jüngeren Bruder, James Archer; beide waren von sehr verschiedenem Bau und auch in ihrer persönlichen Erscheinung einander sehr ungleich. Charles war der stärkere von beiden, und die Buben des Ortes pflegten ihnen recht charakteristische Namen beizulegen. Von zweien seiner sechs Schwestern wird gesagt, daß sei hinsichtlich ihrer Figur und ihrer geistigen Energie ihrem Bruder Charles ähnlich seien.

Als Charles alt genug war, um das elterliche Haus verlassen zu können, wurde er der Obhut seines Großvaters in Stambourn anvertraut. Dieser ehrwürdige Herr liebte seinen Enkel inbrünstig, und als beide näher miteinander bekannt wurden, war es schwer, zu sagen, welcher von beiden den andren am meisten liebte. Im Predigerhause war eine jugendliche Tante, die sich des Knaben ganz besonders annahm, und dieser entwickelte sich bald zu einem gedankenvollen, ernsten Knaben, der die Bücher mehr als das Spiel liebte. Die merkwürdige Frühreife des Kindes zog bald die Aufmerksamkeit aller auf sich, die mit ihm in Berührung kamen. Er setzte die ernsten Diakonen und Matronen, die seinen Großvater besuchten, in Erstaunen durch die verständigen Fragen, die er aufwarf, wie durch die treffenden Bemerkungen, die er machte. Von zuverlässiger Seite wird erzählt, daß er, ehe er sechs Jahre als war, Sünder auf offener Straße zurechtwies. Das folgende, merkwürdige Beispiel trug sich zu, als er noch bei seinem Großvater war. Ein Mitglied der Gemeinde seines Großvaters zu Stambourn, namens Roads, hatte zum tiefsten Leidwesen seines Predigers die Gewohnheit, das Wirtshaus zu besuchen, um sein „Tröpfchen Bier“ zu trinken und dort seine Pfeife zu rauchen. Der gottselige Prediger hatte bei dem Gedanken an den weltförmigen Wandel dieses Mitgliedes oft zu seufzen. Dem kleinen Charles entging der Kummer seines Großvaters nicht, und er nahm ihn selbst zu Herzen. Eines Tages rief er plötzlich aus, so daß der gute alte Herr es hörte: „Ich will doch den alten Roads töten!“ „Hscht, Hscht, mein Junge,“ sagte der Großvater; „so mußt du nicht reden. Du weißt, daß das sehr unrecht wäre; die Polizei wird dich festnehmen, wenn du etwas Unrechtes thust.“ „O, ich will gewiß nichts Schlechtes thun; aber töten will ich ihn doch, ja, das will ich.“ Der gute Großvater wurde stutzig; aber er fühlte sich sicher, daß das Kind nichts thun werde, das es als Unrecht erkenne, und so ließ er es hingehen, mußte aber vor sich hinmurmeln: „Merkwürdiges Kind!“ Bald darauf wurde er jedoch an die obige Unterredung wieder erinnert, als das Kind bei ihm eintrat und sagte: „Den alten Roads habe ich getötet; der wird meinen lieben Großpapa nicht mehr betrüben.“ „Mein liebes Kind,“ sagte der besorgte Mann; „was hast du gethan? Wo bist du gewesen?“ „O, ich habe nichts Unrechtes gethan, Großpapa,“ sagte der Kleine; „ich bin im Werk des Herrn beschäftigt gewesen, das ist alles.“ Mehr war aus dem kleinen Charles nicht herauszubringen. Aber es dauerte nicht lange, da klärte sich das Geheimnis auf. Der „alte Roads“ kam, um seinen Pastor zu sprechen, und mit niedergeschlagenen Augen und offenbar betrübtem herzen erzählte er die Geschichte, wie er getötet worden war, in etwa folgender Weise: „Es thut mir wirklich sehr leid, mein lieber Herr Pastor, daß ich Ihnen so viel Kummer und Schmerz gemacht habe. ich weiß, es war sehr unrecht von mir; aber ich habe Sie stets lieb gehabt, und wenn ich das bedacht hätte, würde ich nie gethan haben, was ich gethan.“ Durch seines Pastors freundliche Worte ermuthigt, erzählte er folgendes: „Ich saß da in der Bierstube, rauchte meine Pfeife und hatte meinen Krug Bier vor mir, als das Kind hereintrat – o zu denken, daß ein alter Mann, wie ich es bin, sich von solchem Kinde strafen lassen muß! Nun, er zeigte mit seinem Finger auf mich, gerade so, und sagte: „Was hast du hier zu thun, Elia? Hier als ein Mitglied der Gemeinde zwischen den Ungläubigen zu sitzen und dem Prediger das Herz zu brechen! Ich müßte mich schämen, aber ich möchte gewiß meinem Prediger das Herz nicht brechen!“ Und dann ging er wieder weg. Anfangs ärgerte mich das; aber ich fühlte, daß das alles wahr war, und daß ich schuldig sei. Und so konnte ich mein Bier nicht anrühren, sondern ging eiligst davon, suchte einen einsamen Ort auf und warf mich dem Herrn zu Füßen, um meine Sünde zu bekennen und seine Vergebung zu erflehen. Und ich glaube, daß der Herr mit in seiner Barmherzigkeit vergeben hat, und nun komme ich, um auch Sie um Vergebung zugesichert wurde, daß beide auf ihren Knieen den Herrn für diesen wunderbaren Vorgang priesen, und daß der fromme Prediger hinfort kein treueres Glied und keinen treueren Helfer in der Gemeinde hatte, als den „alten Roads.“

Im Alter von sieben Jahren kam Charles wieder in seines Vaters Haus, damals in Colchester, zurück, wo sich bessere Gelegenheit zu seiner Ausbildung bot. Im Jahre 1844 verbrachte er indessen sein Sommerferien bei seinem geliebten Großvater, und während dieser kurzen Zeit trug sich nachfolgendes merkwürdiges Ereignis zu, das wir hier niedergeben, wie Spurgeon es am Sonntag, den 10. Juli 1887, selber erzählt hat.

Vorgang und Prophezeiung.

„Als ich mich als zehnjähriger Knabe bei meinem Großvater aufhielt, kam an einem Sonnabend Herr Knill, ein gewaltiger Prediger des Evangeliums, der als Missionar in St. Petersburg gewirkt hatte und im Dienst der Londoner Missionsgesellschaft stand, in unser Dorf, um zu predigen. Er war ein großer Seelengewinner und er machte bald den Knaben ausfindig. Er fragte mich: „Wo schläfst du? Ich möchte dich morgen früh wecken.“ Ich zeigte ihm mein kleines Zimmer. Um 6 Uhr weckte er mich und ging mit mir in die Laube. Dort sprach er in der gewinnendsten Weise zu mir von der Liebe Jesu und von der Seligkeit des Vertrauens auf Ihm, und davon, wie selig es sei, Ihn schon in der Kindheit zu lieben. Dann beteten wir, und er bat den Herrn, daß ich Ihn erkennen und Ihm dienen möchte. Und während er für mich betete, legt er seinen Arm um meinen Nacken. Er schien nicht zufrieden, wenn ich mich in den Pausen zwischen den Gottesdiensten nicht zu ihm hielt, und mein kindisches Geplauder hörte er in geduldiger Liebe mit an. Am Montag-Morgen that er, wie er tags zuvor gethan hatte und ebenso am Dienstag-Morgen. Dreimal unterwies er mich und betete mit mir, und ehe er wieder abreisen mußte, war mein Großvater von seiner Vertretungsreise zurückgekehrt, und die ganze Familie war zur Morgenandacht versammelt. Bei dieser Gelegenheit nahm mich Herr Knill vor aller Augen auf seine Knie und sagte: „Dieses Kind wird eines Tages das Evangelium predigen und wird es großen Versammlungen verkündigen. Ich bin überzeugt, daß er in Rowland Hills Kapelle, wo ich jetzt Prediger bin, predigen wird.“ Er sprach sehr feierlich und forderte alle Anwesenden zu Zeugen dessen auf, was er gesagt hatte. Darauf gab er mir ein Geldstück (50 Pfennig) als Belohnung, wenn ich das Lied:

„Gott handelt oft geheimnisvoll,
Um seine Wunder zu verrichten,“

auswendig lernen wolle. Ich mußte ihm versprechen, dieses Lied singen zu lassen, wenn ich in Rowland Hills Kapelle predigen würde. Man denke: ein solches Versprechen von einem Kinde! Mußte das nicht als ein müßiger Traum erscheinen? Die Jahre vergingen. Ich hatte noch nicht lange in London gepredigt, als Dr. A. Fletscher in der Surrey-Kapelle (es war dies Hills Kapelle) die Jahrespredigt an die Kinder zu halten hatte. Aber er war krank geworden, und so wurde ich in der Eile gebeten, die Predigt halten zu wollen. „Ich will es thun,“ sagte ich, „wenn die Kinder singen wollen: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ etc.; denn ich habe vor langer Zeit das Versprechen gegeben, daß es gesungen werden soll.“ Und so geschah es. Ich predigte in Rowland Hills Kapelle und jenes Lied wurde gesungen. Die Empfindungen, die ich bei jener Gelegenheit hatte, kann ich nicht beschreiben. Doch das war eigentlich nicht die Kapelle, welcher Herr Knill gemeint hatte. Ganz von mir ungesucht lud mich der Prediger von Wotton-under-Edge, welches Hills Sommeraufenthalt war, ein, dort zu predigen. Ich ging unter der Bedingung, daß die Versammlung singe: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ – und es geschah auch. Darauf ging ich, um für Herrn. R. Knill, welcher damals in Chester war, zu predigen. Welche Versammlung das war! Beachtet, er predigte in dem Theater! Der Umstand, daß er in einem Theater predigte, beseitigte in mir alle Furcht, in weltlichen Gebäuden zu predigen und gab mir Mut zu den Feldzügen in Exeter Hall und Surrey Musik Hall.“

Seine Schulzeit.

Als Spurgeon zu Hause war, brachte ihn sein Vater in eine Schule in Colchester, die unter der Leitung eines Herrn Henry Lewis stand. Hauptlehrer war Herr Leeding, welcher später eine Anstalt für junge Edelleute zu Cambridge gründete. Während seiner vierjährigen Schulzeit erwarb sich Charles gute Kenntnisse in der lateinischen, griechischen und französischen Sprache. Alle Kenntnisse, die er sich aneignete, verdankte er Herrn Leeding. Bei den Schulprüfungen war er unausgesetzt der Erste der Schule, der den Preis gewann. Im Jahre 1848 verbrachte er einige Monate in einem landwirtschaftlichen Institut zu Maidstone, das unter der Leitung eines Verwandten stand. Im Jahre 1849, in seinem 15. Lebensjahre, kam er als Hilfslehrer nach Newmarket, und während er hier mit charakteristischer Gründlichkeit seinen Berufspflichten oblag, gelang es ihm dennoch, unter viel Selbstverleugnung beträchtliche Fortschritte in klassischen und anderen Studien zu machen. Hier war es auch, wo er die feurigen Kämpfe mit dem Unglauben zu bestehen hatte, aber sich unter viel Gebet um Hilfe an Gott wendend, überwand er jene höchst gefährlichen Versuchungen, die dann auf immer verschwanden. Während seines Weilens in Newmarket trat er auch in die Mitbewerbung um einen Preis ein. Seine schriftliche Arbeit war betitelt: „Der Antichrist und seine Brut; oder das Papsttum entlarvt.“ Es waren ihrer nur drei Mitbewerber. Er gewann den Preis zwar nicht, aber nach zwei Jahren wurde ihm seine Arbeit nebst einer schönen Geldspende zurückgesandt, um ihn zu ermutigen, weiter zu schreiben.

Gegen Ende des Jahres 1849 mußte die Schule wegen einer ausgebrochenen Fieberkrankheit geschlossen werden, und Spurgeon kehrte nach Colchester zurück. Die getroffenen Vorsichtsmaßregeln waren jedoch nicht wirksam genug gewesen, denn er wurde vom Typhus ergriffen und niedergeworfen. Aber Er, dessen Name Jehovah Rophi ist, machte nicht nur, daß sein jugendlicher Knecht sagen konnte: „Lobe den Herrn, meine Seele, der alle deine Gebrechen heilt,“ sondern veranlaßte auch, daß er mit besonderem Nachdruck hinzufügen konnte: „Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Hier müssen wir Spurgeon in seiner unnachahmlichen Weise die Geschichte seiner Bekehrung selber erzählen lassen.

„Es gefiel Gott, mich in meiner frühen Jugend von der Sünde zu überzeugen. Ich lebte als ein elendes Geschöpf, das keine Hoffnung, keinen Trost finden konnte. Mein Herz war zermalmt; sechs Monate lang betete ich unter großer Angst von ganzem Herzen und fand keine Erhörung. Ich war entschlossen, jede Versammlungsstätte in Colchester zu besuchen, um den Weg des Heils zu finden; ich war zu allem bereit, wenn Gott mir nur vergeben wollte.

Endlich – es war an einem schneeigen Tage; es war solches Schneetreiben, daß ich nicht dahin gehen konnte, wohin ich wollte; ich mußte stillstehen, und das war ein für mich reich gesegnetes Stillstehen – fand ich eine einsame Straße und wandte mich in einen Hof, wo eine kleine Kapelle stand. Irgend wohin mußte ich gehen, aber diesen Ort kannte ich bisher nicht. Es war die Kapelle der Primitiv-Methodisten. Von diesen Leuten hatte ich mancherlei gehört, unter andrem auch, daß sie so laut sängen, daß der Gesang Kopfweh verursache; aber ich fragte nichts danach, wenn ich nur erführe, wie ich gerettet werden könne. Ich ging hinein, und als ich dasaß, begann der Gottesdienst, aber es kam kein Prediger. Endlich betrat ein sehr schwächlicher Mann die Kanzel, schlug seine Bibel auf und las diese Worte: „Blicket auf mich, aller Welt Ende, so werdet ihr selig.“ (Engl. Übersetzung.) Seine Augen auf mich richtend, als ob er mein ganzes Herz kenne, sagte er; „Junger Mann, du bist bekümmert.“ Gewiß war ich das. „Du wirst deinen Kummer nicht verlieren, wenn du nicht auf Christum blickst.“ Und dann seine Hände aufhebend, rief er, wie es ein Methodist nur tun kann: „Blicke! Blicke! Blicke!“ „Es ist nur Blicken,“ sagte er. Da mit einem Male sah ich den Weg des Heils, und o, wie ich in jenem Augenblick vor Freude hüpfte! Ich weiß nicht, was er sonst noch sagte; ich achtete nicht sonderlich darauf, da ich ganz von dem einen Gedanken in Anspruch genommen wurde. Als die eherne Schlange aufgerichtet war, blickten sie nur und wurden geheilt. Ich wäre bereit gewesen, fünfzig verschiedene Dinge zu thun, aber als ich das Wort hörte: „Blicke!“ wie reizend erschien mir dieses Wort! ich blickte, bis ich mir fast die Augen ausgesehen hatte, und noch im Himmel will ich mit unaussprechlicher Freude weiter blicken. ich fühlte mich nun verpflichtet, niemals eine Predigt zu halten, ohne zu Sündern zu sprechen. Ich denke, ein Prediger, der eine Predigt halten kann, ohne Sünder anzureden, weiß nicht, wie er predigen muß.“

Es mag unsre Leser interessieren zu erfahren, daß die nämliche Kanzel, von welcher herab jene denkwürdige „Blick“-Predigt gehalten wurde, noch heute – sollen wir sagen als eine heilige Reliquie? – in dem von Spurgeon gegründeten Waisenhause aufbewahrt wird.

Im Jahre 1856, an dem Jahrestage seiner Bekehrung, predigte Spurgeon vor seiner Gemeinde über denselben Text, in welcher Predigt er erzählte, was sechs Jahre zuvor an demselben Tage und zur selben Stunde geschah. Der Text steht Jes. 45,22. Im Oktober 1864 predigte Spurgeon vor 500 Zuhörern in derselben Kapelle, in welcher er bekehrt worden war, über denselben Text.

Voll von seiner neugefundenen Freude kehrte Spurgeon zu seiner Stellung in Newmarket zurück und widmete sich fortan dem Dienste seines Herrn und Meisters. Es ist kaum nötig, zu sagen, daß er die erste Gelegenheit wahrnahm, um öffentlich ein Bekenntnis seines Glaubens an Christum abzulegen, und sich mit dem Volke Gottes zu verbinden. Seine Aufgabe in der Schule, in welcher er inzwischen zum Vertreter des Direktors heraufgerückt war, beschäftigte ihn früh und spät; aber von der Liebe Christi gedrängt, ergriff er trotz dessen jede Gelegenheit, Seelen für den Heiland zu gewinnen. Zur Erreichung dieses Zieles erschien ihm die Verbreitung von Traktaten als das beste Mittel, und wenn er ausging, nahm er stets eine Menge dieser „Boten der Barmherzigkeit“ mit und verteilte sie.

Sehr bald zog die Sonntagsschule seine Aufmerksamkeit auf sich und seine Ansprachen an die Kinder waren so interessant und belehrend, daß die Kinder ihren Eltern nicht genug davon zu erzählen wußten, und bald kamen auch diese, um den „Lehrer“ zu sehen und schon von seinen ersten Worten und von seiner geistreichen Art bezaubert zu werden.

Nächst seiner Bekehrung war seine Überzeugung von der Schriftmäßigkeit der Taufe der Gläubigen der Umstand, welcher für seine zukünftige Laufbahn von so großer Bedeutung wurde. Er war bisher ein Anhänger der Säuglingstaufe gewesen. Sobald er es jedoch als seine Pflicht erkannte, sich untertauchen zu lassen, wohin er durch das Forschen im Worte Gottes kam, beeilte er sich auch, seines Herrn Befehl zu erfüllen. Am 3. Mai 1850 wurde er zu Isleham von dem Baptistenprediger Cantlow daselbst öffentlich getauft. Er war damals noch nicht ganz 16 Jahre alt. An diesem für ihn so denkwürdigen Tage schrieb er seinem Vater: „Es ist mir sehr lieb, daß der Tag, an welchem ich öffentlich den Namen Jesu bekenne, der Geburtstag meiner lieben Mutter ist,“ und er drückte die Hoffnung aus, daß er beiden ein Angeld auf viele herrliche und glückliche zukünftige Tage sein werde.

Nach Ablauf eines Jahres in Newmarket wurde er Hilfslehrer seines früheren Lehrers und Freundes H. Leeding, der jüngst eine Anstalt zu Cambridge eröffnet hatte. Hier bestand ein Verein, der sich „Laien-Prediger-Verein“ nannte, und obgleich Spurgeon noch jung war, wurde er doch als Mitglied aufgenommen. Er begleitete gern etliche dieser Prediger, und bald nachdem er sein 16. Lebensjahr zurückgelegt hatte, fing er selber an zu predigen.

Seine Erfahrung bei der ersten Predigt.

Da dies einer der wichtigsten Schritte in Spurgeons Leben war, wird sich der Leser freuen, die Umstände, welche zu seinem ersten Predigtversuch führten, von ihm selber zu erfahren. In seiner Einleitung zur Predigt über den Text 1. Petri 2, 7 im Jahre 1873 bemerkt Spurgeon: „Ich erinnere mich sehr wohl, daß ich bei meinem ersten Versuche, zu predigen, vor mehr denn 22 Jahren mich auf diesen Text bezog. Ich war ersucht worden, einen jungen Mann nach Teversham, nicht weit von Cambridge, zu begleiten. Ich konnte nicht anders vermuten, als daß dieser junge Mann an jenem Abend die Predigt halten werde, und so sagte ich unterwegs zu ihm, daß ich hoffe, der Herr werde seine Worte segnen. „O, mein Lieber!“ sagte er, „ich habe in meinem Leben noch nicht gepredigt, und denke auch nicht daran, es heute zu thun. Ich bin einfach aufgefordert worden, Sie zu begleiten, und ich wünsche, daß Gott in Ihrer Predigt mit Ihnen sei, und Sie segnen werde.“ „Nein,“ erwiderte ich, „ich habe noch nie gepredigt, und glaube kaum, daß ich dazu im Stande bin.“ Wir gingen zusammen, bis wir an den bestimmten Ort kamen, und innerlich zitterte ich, wenn ich daran dachte, was nun werden würde. Als wir die Versammlung zusammen fanden und nun kein andrer da war, der von Jesu sprechen konnte, und als ich fand, daß man von mir erwartete, ich würde predigen, obgleich ich erst 16 Jahre alt war, so predigte ich, und der Text, den ich soeben verlesen habe, war mein Text: „Euch nun, die ihr glaubet, ist Er köstlich.“

Er wurde in den Dörfern um Cambridge her bald bekannt und beliebt; große Scharen wurden angezogen, ihn zu hören, und obgleich er noch sehr jung war, ergingen doch viele Einladungen aus benachbarten Städten und Dörfern an ihn, bei besonderen Gelegenheiten da und dort zu predigen. Die kleine Baptistengemeinde zu Waterbeach, einem Ort von ca. 1500 Seelen, sah in dem „Knaben-Prediger“ einen jungen Mann, der ganz ihren Bedürfnissen entsprach, und sie beeilte sich, sich ihn als ihren Prediger zu sichern.

Die Hochschul-Frage.

In nachstehendem geben wir Spurgeons eignen Bericht über einen Umstand, den man wohl als „eine wunderbare Vorsehung“ bezeichnen kann.

„Bald nachdem ich 1852 angefangen hatte, in Waterbeach das Wort zu verkündigen, wurde mir von meinem Vater und andren entschieden geraten, das College in Stepney (jetzt Regents Park) zu besuchen, um mich gründlicher auf das Predigtamt vorzubereiten. Davon überzeugt, daß die Wissenschaft kein Hindernis ist, sondern nur brauchbarer machen kann, war ich geneigt, sie mir zu eigen zu machen, wenngleich ich glaubte, daß ich auch ohne diese Ausbildung nützlich sein könne. Ich stimmte also den Freunden zu, daß ich mich durch die Ausbildung nützlicher machen könnte. Dr. Angus, der Vorsteher des College, kam nach Cambridge, wo ich damals wohnte, und es war vereinbart worden, daß wir uns im Hause des Verlagsbuchhändlers Herrn Macmillan treffen wollten. Indem ich über die Sache nachdachte und darüber betete, trat ich genau zur bestimmten Zeit in das Haus ein und wurde in ein Zimmer gewiesen, wo ich geduldig einige Stunden wartete. Mein Gefühl von meiner Unbedeutendheit und von der Größe des Londoner Direktors hielt mich davon ab, die Klingel zu ziehen und nach der Ursache der ungewöhnlich langen Verzögerung zu forschen.

„Als meine Geduld endlich erschöpft war, setzte ich die Klingel in Bewegung, und als die Dienerin erschien, wurde dem wartenden achtzehnjährigen Jüngling bedeutet, daß Dr. Angus lange in einem andren Zimmer gewartet habe, daß er nicht länger habe warten können und mit dem Zuge bereits nach London zurückgefahren sei. Das thörichte Mädchen hatte der Herrschaft nicht gesagt, daß jemand gekommen sei, den sie in das Wartezimmer geführt habe. Infolgedessen fand die Unterredung nie statt, obgleich sie von beiden Seiten beschlossen worden war. Ich fand mich in jenem Augenblick nicht wenig enttäuscht; aber seitdem habe ich dem Herrn wohl tausendmal von Herzen für die seltsame Vorsehung gedankt, durch welche meine Schritte auf einen andren und viel besseren Pfad gelenkt wurden.“

Dieser Punkt der besseren Ausbildung war sowohl von Spurgeon selbst, wie von seinen Eltern sehr sorgfältig erwogen worden, wie das aus verschiedenen Briefen aus dieser Zeit hervorgeht. In einem Briefe, den er im November 1852 an seine Mutter schrieb, sagt er: „Ich freue mich je länger, je mehr darüber, daß ich nicht in das College eingetreten bin,“ und weiterhin fügt er hinzu: „Ich habe alles, was das Herz sich nur wünschen kann; ja, Gott gibt mehr, als ich wünsche. Meine Versammlungen sind so gut besucht, wie je zuvor. So lange ich in Waterbeach geweilt habe, habe ich jeden Tag ein andres Haus als mein Heim betrachten dürfen. Zweiundfünfzig Familien haben mich aufgenommen, und sechs fernere Einladungen konnte ich nicht mehr annehmen.“ Das alles war für den Jüngling von 18 Jahren sehr ermutigend. Aber es bereitete sich eine große Veränderung vor, die für sein ganzes späteres Leben entscheidend sein sollte. Bei der Jahresversammlung der Sonntagsschul-Union zu Cambridge im Jahre 1853 wurde der junge Prediger von Waterbeach aufgefordert, eine Ansprache zu halten. Unter denen, auf deren Gemüt diese Ansprache einen dauernden Eindruck machte, war Herr Gould von Loughton. Dieser begegnete bald darauf in London einem Diakon an einer berühmten Baptistengemeinde in Southwark, die zur Zeit keinen Prediger hatte, und sprach gegen ihn seine Meinung dahin aus, daß der jugendliche Evangelist von Cambridgeshire sehr wohl befähigt sei, der Gemeinde in New Park Street zu dienen. Diese Gemeinde existierte seit 1652, und unter ihren Predigern hatte es hervorragende Männer Gottes gegeben. Zu der Zeit aber, von welcher wir schreiben, war die Gemeinde sehr zurückgekommen; ihre Herrlichkeit schien dahin zu sein. Die Diakonen erwogen alles, was Herr Gould über den jungen Waterbeacher Prediger mitgeteilt hatte, und so erging bald eine Einladung an ihn, zu kommen und in New Park Street zu predigen.

Seine Berufung nach London.

Als Spurgeon zu Waterbeach diese Einladung bekam, hielt er das für einen Irrtum und nahm an, daß der Brief für irgend welche andre Person bestimmt sein müsse; aber seine Diakonen verstanden die Sache besser und sagten ihm, daß seiner eine von ihm ungesuchte Beförderung warte. Er reiste also nach London, um im Herbst 1853 auf einen Sonntag die Kanzel in der New Park Street Kapelle einzunehmen. Die Kapelle, welche bequem tausend Personen Platz bot, konnte kaum einen ermutigenden Eindruck auf den Prediger machen, denn von glaubwürdiger Seite ist gesagt worden, daß die Vormittagsversammlung, wenn alle Anwesenden gezählt wurden, bei dieser Veranlassung von etwa 200 Zuhörern besucht war. Aber der Eindruck, welchen die wenigen Getreuen während des ganzen Gottesdienstes und insbesondere während der Predigt erhielten, war ein so gewaltiger, daß die Versammlung am Abend nahezu noch einmal so groß war und die Leute sich über das, was sie hörten, verwunderten. Die Diakonen luden Spurgeon infolgedessen ein, ihnen noch drei fernere Sonntage zu predigen, und nachher bat die Gemeinde ihn einmütig, sie für weitere sechs Monate zu bedienen, indem sie auf seine mögliche Wahl hindeutete. Das aber war überflüssig, da die Gemeinde ihn schon vor Ablauf dieser Zeit einstimmig zu ihrem Prediger erwählte. In seinem Briefe, in welchem er die Annahme der Wahl mitteilte, sagte er: „Ich lege mich in die Hände unsres Bundesgottes, dessen Weisheit alle Dinge lenkt. Er soll für mich wählen, und so weit ich urteilen kann, ist dies seine Wahl.“

Ehe drei Monate vergangen waren, hatte sich der Ruf des jungen Predigers, der noch nicht ganz 20 Jahre alt war, über ganz London verbreitet. Im Herbst dieses Jahres hielt er eine Predigt über die Worte: „Ist jetzt nicht die Weizenernte?“ Die Predigt wurde gedruckt, und war die erste einer Reihe von Predigten, welche beständig zunahmen und immer weiter verbreitet wurden, so daß nun 43 Jahresbände seiner Predigten herausgegeben und zu Millionen verbreitet worden, ihren Weg über den ganzen Erdkreis gefunden haben und in viele Sprachen übersetzt worden sind. Die Totalsumme der einzeln nacheinander herausgegebenen Predigten ist 2550. Von verschiedenen Predigten sind mehr als 100 000 Exemplare verkauft worden; aber der durchschnittliche wöchentliche Verkauf beläuft sich auf 25 000 Exemplare, ein Resultat, das in der Geschichte der Predigtlitteratur einzig dasteht. Kein andrer Prediger in irgend einem Lande oder zu irgend einer Zeit hat ein solches Resultat zu verzeichnen.

Innerhalb eines Jahres war nicht nur die Kapelle in New Park Street bis auf den letzten Platz gefüllt, sondern an jedem Sonntage mußten Hunderte enttäuscht umkehren, weil sie keinen Einlaß finden konnten. Die Kapelle mußte deshalb vergrößert werden, und während dieser Vergrößerung wurde für die Zeit von etwa drei Monaten die Exeter Hall benutzt. Da nach der Eröffnung der vergrößerten Kapelle die andrängenden Scharen so groß waren, wie je zuvor, wurde es für notwendig erachtet, die sehr geräumige Musik Hall in Royal Surrey Gardens zu mieten.

Hier ereignete sich beim ersten Sonntag-Abendgottesdienst am 19. Oktober 1856 ein betrübender Zwischenfall. Von feindlicher Seite erscholl plötzlich ein falscher Feuerruf, welcher einen derartig panischen Schrecken verbreitete, daß bei der entstandenen Unruhe und Verwirrung sieben Personen getötet und 28 andre verletzt wurden. Das Nervensystem des Predigers selbst wurde so mächtig erschüttert, daß er eine Zeitlang ganz daniederlag. Durch Gottes große Barmherzigkeit wurde er jedoch wiederhergestellt, so daß er schon am 31. Oktober die Kanzel wieder besteigen konnte. Um in Zukunft jeden blinden Lärm zu verhüten, wurde die Bestimmung getroffen, daß die Gottesdienste in der Musik Hall am Sonntag-Vormittag gehalten würden. Obgleich diese Tageszeit großen Versammlungen am wenigsten günstig ist, kamen die Leute doch Sonntag für Sonntag in mengen bis zu zehntausend zusammen, um die Geschichte von der erlösenden Liebe zu hören. Das beste von allem war, daß viele für den Herrn gewonnen wurden.

Im Dezember des Jahres 1859 beschloß die Direktion der Musik Hall, an den Sonntag-Abenden das Gebäude für Vergnügungen zu öffnen, und von da ab sahen sich Spurgeon und seine Freunde aus Gewissensbedenken genötigt, dies Gebäude aufzugeben und die Gottesdienste wieder nach Exeter Hall zu verlegen, bis das Metropolitan Tabernakel eröffnet werden konnte. Kurze Zeit, nachdem Spurgeon Musik Hall verlassen hatte, wurde fast das ganze Gebäude durch einen Brand zerstört. Der den Flammen entrissene Teil wurde zu einem Hospital umgewandelt.

Als Spurgeon, ohne daß er je danach getrachtet hätte, so außerordentlich populär geworden war, wurde zu tausenden von Malen die Frage aufgeworfen: „Wer ist dieser Spurgeon eigentlich?“ Man suchte ihn zu veranlassen, einen kurzen Bericht über sein Leben zu veröffentlichen, aber dazu konnte er sich nicht entschließen. Endlich stimmte er doch zu und gab unter Mithilfe seines Vaters und Großvaters die geforderte Auskunft in einem kurzen Abriß seines Lebens und Wirkens und fügte einen Auszug des Glaubensbekenntnisses der Baptisten hinzu, welche Schrift in beinahe 10 000 Exemplaren in einem Jahre abgesetzt wurde. Dieses Schriftchen diente dazu, die Neugierde hinsichtlich des Vorlebens des jungen Predigers zu befriedigen, und seit dieser Zeit hat die Presse unaufhörlich die Resultate seiner mannigfaltigen und ausgedehnten Arbeiten bekannt gegeben.

Jahrelang wurde er fast unbarmherzig durch die Feder und den Stift karikiert. Es war dies meistens die Kundgebung der bitteren Feindschaft derer, welche die Bedeutung seines Werkes nicht verstanden und die ihn lächerlich zu machen suchten; andrerseits enthielten diese Skizzen viele Wahrheit. Eine dieser Zeichnungen trug die Überschrift: „Schwefel und Sirup“ (Brimstone and Treacle), eine andre: „Fang’ sie lebendig! O!“ (Cach `em alive O!) In der ersteren wurde Spurgeon unter dem Schwefel dargestellt, weil er in seinen Predigten die einfache Wahrheit zum Ausdruck brachte und sagte: „Die Gottlosen müssen zur Hölle gekehrt werden, und alle Heiden, die Gottes vergessen.“ Sirup stellte den Geistlichen Bellew dar, welcher die Gesellschaft moderner Prediger seiner Zeit repräsentierte, die sanfte und süßliche Dinge predigen konnten. Die andre Zeichnung stellte Spurgeon dar, wie er beim Predigen eine Art Hut von geleimtem Fliegenpapier auf dem Kopfe trug. Sie sollte anzeigen, wie die Leute zu Tausenden sich scharten, um dem beliebten Prediger zuzuhören.

Alle diese Dinge trugen dazu bei, den Ruf des Predigers zu verbreiten, bis derselbe in jeden Teil von England gedrungen war, und es gab nur wenige Zeitungen von Einfluß, in welchen nicht irgend welcher empfehlende Artikel enthalten war. Selbst die „Times“ fühlte sich veranlaßt, die Frage aufzuwerfen, wie es denn komme, daß die St. Paul Kathedrale und die Westminster Abtei verhältnismäßig leer bleiben, während der junge freikirchliche Prediger jeden Sonntag 10 000 Leute um sich sammeln könne, um ihnen in Musik Hall zu predigen.

Alle diese Umstände dienten dazu, die Anziehungskraft Spurgeons zu vermehren, so daß es als absolut notwendig erkannt wurde, für eine so große und rapid anwachsende Gemeinde und für die großen Scharen, die sich drängten, seine Predigten zu hören, ein entsprechendes Gebäude zu beschaffen.

Seine Eheschließung.

Das Jahr 1856 war in dem Leben Spurgeons ein besonders denkwürdiges. Es war das Jahr seiner Verheiratung, ebenso das Jahr, in welchem er die Predigt bei dem Jubiläum seines Großvaters und die Predigt bei der Centenarfeier in Whitefields Tabernakel in Tottenham hielt. Die Katastrophe in Surrey Gardens, die sich im Oktober desselben Jahres zutrug, haben wir bereits erwähnt. Während der ersten Woche des Jahres erfreute sich Spurgeon großer Versammlungen zu Bath. Die zweite Woche wurde durch einen Gottesdienst denkwürdig, der in seiner Kapelle gehalten wurde, an welchem besonders die Jugend ein sehr lebhaftes Interesse hatte. Am Vormittag des 8. Januar nämlich wurde Spurgeon mit Fräulein Susanna Thompson durch Dr. Alexander Fletcher getraut. Ein interessanter Bericht über diese Feier erschien am 11. Januar in „Christian Kabinet“. Etwa 2000 Personen konnten bei dieser Gelegenheit keinen Platz mehr in der Kapelle finden. Die beiderseitigen Eltern waren gegenwärtig. Nie dürften zwei Personen einander Herz und Hand gereicht haben, welche so zu einander gepaßt hätten, wie diese beiden. Die Zwillingsknaben Charles und Thomas Spurgeon, bilden die einzige Nachkommenschaft aus dieser Ehe.

Das „Metropolitan Tabernakel“.

Die Geschichte des Metropolitan Tabernakels ist an und für sich ein an Interessantem und merkwürdigen Ereignissen so reiches Thema, daß über die Umstände, die seinen Ursprung, sein Wachstum, seine Vollendung und seine schuldenfreie Eröffnung begleiteten, ein langes und lehrreiches Kapitel geschrieben werden könnte. Die Dinge, die sich da zutrugen, waren sowohl für Staats-, wie für Freikirchliche eine Ursache großen Erstaunens. Im Oktober 1856 wurde die erste große Versammlung gehalten, in welcher die notwendigen Schritte zur Errichtung eines großen Tabernakels erwogen wurden. Der Vorschlag wurde von Spurgeons Freunden sehr warm begrüßt und sehr bald zeigte sich in jedem Teil des Landes unter evangelischen Christen verschiedener Benennungen große Sympathie dafür, und die reichlich fließenden Gaben von reich und arm, von dem einfachen Landmann bis zum Grafen von Shaftsbury, zeugten von der christlichen Liebe. Es ist wahr, es gab viele, welche über die Idee, ein Bauwerk mit 5000 Sitzplätzen zu errichten, lächelten, und nicht wenige schüttelten den Kopf und weissagten den baldigen Verfall des Predigers und seines Planes. Aber ohne Rücksicht auf die sich zeigenden Hindernisse wurde das Werk in Angriff genommen. Spurgeon bereiste das Land und predigte täglich unter dem Versprechen, daß die Hälfte sämtlicher Kollekten dem neuen Tabernakel zugewandt werden solle. Am 16. August 1859 wurde von Sir Samuel Morton Peto der Grundstein gelegt. Im Jahre 1860 fand in dem Gerippe des neuen Gebäudes eine große enthusiastische Versammlung statt. Die Eröffnungsgottesdienste begannen im März des Jahres 1861 und wurden fünf Wochen lang täglich fortgesetzt, und am Ende dieser Zeit hatte der Schatzmeister die Summe von 31 332 Pfund Sterling (626 650 Mark) – den freiwilligen Gaben des Volkes – in seinen Händen, und das herrliche Tabernakel mit 5500 Sitzplätzen und weiteren 1000 Stehplätzen war schuldenfrei. Als das Tabernakel eröffnet wurde, zählte die Gemeinde 1178 Mitglieder; im Dezember des Jahres 1886 betrug die Mitgliederzahl 5351 trotz der beständigen Abzweigung zur Bildung neuer Gemeinden, die von den Studenten des Prediger-Seminars bedient wurden, trotz der vielen Sterbefälle und der Tausende von Mitgliedern, welche im Lauf der Zeit London verließen, um in entferntere Gegenden zu ziehen.

Das Metropolitan Tabernakel ist ein wundervolles Bauwerk. Unter dem großen Versammlungsraum befinden sich ein Betsaal mit 900 Sitzplätzen, ein Sonntagsschulsaal, in welchem 1000 Kinder unterrichtet werden, verschiedene Klassenräume, eine Anzahl von Vorhallen und Zimmern, eine Küche mit allem Zubehör für Theeversammlungen und in zwei weiteren Stockwerken Räumlichkeiten für Mütter-Versammlungen und für andre Thätigkeitszweige, die aufzuzählen und zu beschreiben viel Raum beanspruchen würden; denn mit der Tabernakelgemeinde stehen viele Evangelisations- und Wohlthätigkeitsbestrebungen in Verbindung, die beständig gepflegt werden. Die „Baptisten-Landmission“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Dörfern durch Predigten im Freien und in den Häusern zu evangelisieren, und dadurch ist viel Gutes geschehen. Der „Evangelisten-Verein“ ist thätig in öffentlichen Sälen, in Wirtshäusern und an den Straßenecken und sendet auf eingehende Bittgesuche Helfer an die Gemeinden, die der Hilfe bedürfen. Die Gemeinde und die Sonntagsschule tragen willig zur Mission unter den Heiden bei. Ebenso ist eine kleine Hilfsmission für die Bekehrung der Juden thätig und eine Wohlthätigkeitsgesellschaft für die Arbeiterklassen, welche bei Krankheiten und Sterbefällen für Zahlung der Unkosten Sorge trägt.

Mit dem Tabernakel stehen 28 Missionsstationen und 24 Sonntagsschulen und Schulen für Verwahrloste in Verbindung, und namentlich durch letztere geschieht Unberechenbares für die armen und vernachlässigten Klassen. Da ist ferner ein Verein junger Männer, eine Kinder- und eine Lehrer-Bibliothek und ein erfolgreich wirkender evangelischer Mäßigkeitsverein. Die Geschichte der vielen Unternehmungen zu Haddon Hall, Bermondsey und Richmond Street, Walworth – ohne andre zu erwähnen – würde allein ein längeres Kapitel erfordern.

Die Frauen nehmen an dem Werk großen Anteil; sie unterhalten einen Verein für Mütter, einen Wohlthätigkeitsverein zur Linderung der Not der Armen und zum Besuche der Kranken, und einen „Verein für Bekleidung armer Prediger“, welcher bedürftige Prediger mit ihren Familien mit Kleidungsstücken versieht; ferner unterhalten sie eine blühende Hilfsstation zur Förderung der Zenana-Mission in Indien und China.

Das „Pastors College“.

Wohl von keinem Institut kann man so bestimmt sagen, daß es durch die göttliche Vorsehung ins Leben gerufen worden sei, wie von der Anstalt für theologische Studenten, die ebenfalls mit Spurgeons Tabernakel in Verbindung steht. Sie hatte ihren Ursprung in einem dringenden Bedürfnis, und dieses kam dem jungen Prediger auf folgende Weise zum Bewußtsein. Ehe er drei Monate in der New Park Street Kapelle gepredigt hatte, waren viele recht begabte Jünglinge bekehrt, getauft und in die Gemeinde aufgenommen worden. Von der Liebe Christi gedrungen und von dem Eifer des Predigers angespornt, begannen etliche von ihnen ernstlich, das Wohl andrer zu suchen. Einer dieser jungen Leute, namens Medhurst, fing mit der Straßenpredigt an, und darin ermutigt, als er sah, welcher Segen darauf lag, wandte er sich an, Spurgeon und bat um Unterricht, um zu diesem Werk befähigter zu werden. Er fand den Prediger bereit, ihn zu diesem Zweck zu unterstützen. so wurde Medhurst Spurgeons erster Student und bildete in Wirklichkeit sein College. Da er an eine große und erfolgreiche Zukunft glaubte, so wünschte er, daß er mehreren für das Werk des Herrn behilflich sein könne. Er hatte außer seinem eignen Gehalt keine Mittel, das Werk zu fördern, aber eines Tages legten er und einige Freunde die Summe von 20 Pfund Sterling (M 400) zusammen, um Bücher anzukaufen und so das Werk des College zu beginnen. Es dauerte nicht lange, als Medhurst einen Ruf als Prediger erhielt, den er auch annahm, und er wirkt im Werk des Herrn noch heute in großem Segen zu Portsmouth. Er war der erste von 742 Studenten, welche unter Spurgeons Leitung für den Predigerberuf herangebildet worden sind.

In Erwägung seiner eignen vielen pastoralen Pflichten besuchte Spurgeon den Prediger George Rogers in Camberwell und teilte ihm seine Gedanken über die Ausbildung junger Leute mit. Dieser ging mit Herz und Seele darauf ein und nahm die ihm angebotene Stelle als theologischer Lehrer an. Die ersten Studenten wohnten in seinem Hause. Jede Woche pflegten die jungen Männer einmal zu Spurgeon ins Haus zu kommen, um Belehrungen und Anweisungen von ihm zu erhalten, die ihnen nützlich waren. Diese Weise behielt er jahrelang bei. Herr Rogers, welcher von den Studenten, die er unter seiner Obhut hatte, innig geliebt wurde, hat diesem wichtigen Werk seine beste Kraft ein Vierteljahrhundert hindurch widmen können.

Als die Zahl der Studenten sich mehrte, wurden auch größere Räumlichkeiten nötig als die Klassenräume im Tabernakel sie bieten konnte, und im Jahre 1874 wurde das jetzige Seminargebäude errichtet. Spurgeon hatte von vornherein gewohnheitsmäßig einen großen Teil seines Einkommens der Unterstützung des Seminars zugewandt. Viele Leser seiner Predigten und andrer Werke erwiesen ihm ihre Liebe dadurch, daß sie sein „Lebenswerk“ durch pekuniäre Mittel unterstützten, und außerdem wurden die gewöhnlichen Kollekten bei den Versammlungen im Tabernakel demselben Zweck zugewandt. Im Jahre 1869 betrugen diese die Summe von M 37 380 (1869 Pfund Sterling) und entsprachen seitdem stets der Jahreszahl.

Ein Zug dieses Werkes des Volle darf bei Umgehung vieler interessanter Daten nicht unerwähnt bleiben, und das ist der missionierende Charakter desselben. Wir gebrauchen dieses Wort in seinem weitesten Sinn. Von vornherein hat Spurgeon stets gesucht, den Studenten die Pflicht nahezulegen, ein neues zu pflügen, neuen Boden aufzubrechen und nicht damit zufrieden zu sein, auf andrer Grund und Boden zu bauen, oder in die Arbeit andrer einzutreten, sondern die Grenzen des Reiches des Erlösers auszudehnen, indem sie die Gnadenbotschaft in entfernte Länder und unter die Heiden trügen. Die veröffentlichte Liste der abgegangenen Studenten weist denn auch nach, daß 140 in die Heidenländer gegangen sind, und daß von dem im Lande Gebliebenen 150 neue Gemeinden gegründet haben, während wieder andre an Orten das Interesse für die Sache des Herrn neu beleben konnten, wo es beinahe erloschen war.

Während dieser Erfolg, der schwerlich überschätzt werden kann, ein beständiger Grund zur Dankbarkeit gegen das große Haupt der Gemeinde ist, hat er dem Präsidenten des College doch auch große Sorgenlasten aufgebürdet. Jede neu gegründete und heranwachsende Gemeinde machte die Errichtung von Kapellen und Schulen nötig, und war stets gleichbedeutend mit einer Bitte an Spurgeon, pekuniär zu helfen, und zwar wesentlich zu helfen, bis die Gemeinden in der Lage waren, sich selbst zu erhalten. Doch unter all diesen Lasten wußte der Herr seinen Knecht zu erhalten und ihm in Erhörung seiner ernsten Gebete und seines kindlichen Vertrauens die Mittel für die Bedürfnisse der Gemeinden zur Verfügung zu stellen.

Das Waisenhaus in Stockwell.

Hinsichtlich der Bedeutung und Wichtigkeit stehen die Waisenhäuser in Stockwell nur denen von Georg Müller zu Bristol nach. Wir wollen kürzlich ihren Ursprung andeuten. Frau Hillyard, die Witwe eines englischen Geistlichen, welche sich der Baptistengemeinschaft angeschlossen hatte, stellte Herrn Spurgeon zur Gründung eines Knaben-Waisenhauses die Summe von 20 000 Pfund Sterling (M 400 000) zur Verfügung. Anfangs schreckte Spurgeon vor einer solchen schweren Verantwortung zurück, aber infolge einer Unterredung mit der Dame kam er zu der Überzeugung, daß ihre Absicht unveränderlich war. Die Summe wurde angenommen, ein Schatzmeister wurde erwählt und das Werk, ein derartiges Institut zu gründen, in Angriff genommen. Es wurde ein am Clapham Road in Stockwell gelegenes 2 ½ Morgen großes Grundstück angekauft, und im Sommer 1867 wurde der Grundstein von mehreren Häusern gelegt. Der Plan zu den Waisenhäusern war in einem Jahr gereift, und viele freigebige Freunde wirkten mit Freuden mit dem Prediger zusammen und vermehrten die Gabe der Madame Hillyard. Verschiedene Familien trugen je 500 Pfund zum Bau eines solchen Hauses bei, und diese Häuser sind nach den Namen der Geber benannt worden. Es gab kaum einen freudenreicheren Tag für * Spurgeon*, als den 9. August 1867, als der Grundstein zu diesen ersten Häusern gelegt wurde, denn es versammelten sich eine große Menge Freunde, um ihn bei dieser Gelegenheit durch ihre Sympathien und reiche Gaben zu erfreuen. Das dringende Bedürfnis dieses Instituts zeigte sich in der Thatsache, daß, als das erste Haus fertig war, um bezogen werden zu können, dem Schatzmeister 200 Bittgesuche um Aufnahme vorlagen. Von vornherein war als Grundregel aufgestellt worden, daß die Bedürftigsten ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis aufgenommen werden sollten. Erst vom Jahre 1879 ab wurden auch Mädchen aufgenommen und zu ihrer Aufnahme neue Gebäude errichtet, so daß 240 Knaben und 230 Mädchen Platz finden konnten. Die Ausgaben belaufen sich jährlich auf ca. 10 000 Pfund Sterling (M 220 000), und Gott sendet das Geld durch seine Kinder auf vielfache Weise und oft durch eine ganz besondere Vorsehung. Es laufen so viele Bittgesuche ein, daß von ca. 10 Gesuchen nur zwei berücksichtigt werden können, weshalb es geboten ist, die bedürftigsten Fälle auszuwählen. Die Waisen selbst sammeln für die Fonds, und jeder, der die Anstalt verläßt, gibt die Erstlinge seines (ihres) Verdienstes als Dankopfer an das Institut ab. Eins des interessantesten Feste Londons ist das Jahresfest in den Waisenhäusern, das im Juni stattfindet. Wer es einmal mitgemacht hat, kann es nicht wieder vergessen, denn es ist eine wirkliche Freude.

Die Armenhäuser.

Ganz in der Nähe des Tabernakels und nahe der Eisenbahnstation „Elephant and Castle“ steht eine schöne Reihe von Gebäuden, die aus Schulen und Armenhäusern bestehen. Den Mittelpunkt bilden die Armenhäuser, in welchen sich Räume zur Aufnahme von Frauen befinden, die über 60 Jahre alt sind, und deren Namen im Gemeindebuch des Tabernakels stehen. In der New Park Street waren nur sechs Armenhäuser. Nach Verlegung der Gemeinde und der Versammlung nach dem Tabernakel und dem Verkauf des Eigentums in New Park Street bestimmte Spurgeon, daß in den neuen Gebäuden Raum für mehr Insassen geschaffen werde, was denn auch geschehen ist. Zur Unterstützung derselben dient ein gewisser Fonds. Da die Häuser nahe bei dem Tabernakel gelegen sind, können die Insassen ohne besondere Mühe den Gottesdiensten beiwohnen. Als Spurgeon sein 25jähriges Dienstjubiläum feierte, überreichten ihm seine Freunde als Zeichen ihrer Achtung und Liebe ein Geldgeschenk von 6233 Pfund Sterling (ca. M 125 000). Seine gewohnte Freigebigkeit veranlaßte ihn, die Summe von M 100 000 dem Fonds der Armenhäuser zu überweisen, um den armen Frauen darin eine wöchentliche Zulage zu verschaffen; den Rest der Summe überwies er andren Zweigen.

Die Tagesschule, welche mit den Armenhäusern in Verbindung steht, ist ein wertvolles Institut, ein großes Geschenk an die Freikirchlichen und ihre Kinder in der Umgegend. Der Unterricht, welcher dort erteilt wird, ist ein sehr gründlicher und der Preis dafür sehr gering.

Spurgeons Zwillingssöhne.

Die beiden Söhne des C. H. Spurgeonschen Ehepaares sind eine Quelle vieler Freuden für ihre Eltern gewesen. Um ihre Bekehrung wurden viele Gebete beständig zum Herrn hinaufgesandt, und ebenso ist viel Sorgfalt auf ihre spätere Nutzbarkeit verwendet worden. Indem die Eltern bemüht waren, ihre Gesinnung und ihre Urteilsfähigkeit zu bilden, berief Gott sie durch seine souveräne Gnade zum neuen Leben; sie wurden in die Gemeinde des Tabernakels aufgenommen und beide ergaben sich dem Dienst des Herrn.

Nachdem sie die Schule verlassen hatten, um einen Beruf zu erwählen, verwandten sie alle Zeit, die sie nur erübrigen konnten und ihre Kraft zu evangelisierender Thätigkeit; sie gründeten in der Nähe des Vaterhauses eine Missionsgemeinde und eine Schule und erzielten besondere Erfolge. Ebenso nahmen sie häufig Einladungen an, an andren Orten zu predigen. Im Jahre 1879 wurde der Erstgeborene, Charles, Prediger in Greenwich, in der Nähe von London, wo er jetzt eine große und blühende Baptistengemeinde hat. Thomas, dessen Gesundheit in England nur schwach war, ging nach Australien, wo er unter Gottes Beistand ein großes Werk ausgerichtet hat. Er baute in Auckland, Neu-Seeland, ein großes Tabernakel und war mehrere Jahre hindurch Pastor einer der größten Gemeinden in jener Kolonie.

Während der notwendig gewordenen Abwesenheit seines von der Riesenarbeit niedergeworfenen Vaters, der in einem wärmeren Klima Ruhe und Erleichterung seiner Schmerzen suchen mußte, vertrat ihn sein ältester Sohn Charles oft in seinem Tabernakel, wo man seine Predigten gerne hörte. Ebenso vertrat auch Thomas Spurgeon seinen leidenden Vater, wenn er sich gerade aus Anlaß der Krankheit desselben in England befand. Und nachdem der treue Gottesmann C. H. Spurgeon seine viel umfassende und wunderbar reichgesegnete Arbeit im Werk des Herrn beendet und am Sonntag, den 31. Januar 1892, von seinem Herrn heimgeholt worden war, wurde Thomas Spurgeon im Jahre 1893 zum Prediger an dem Metropolitan Tabernakel erwählt, welche Stellung er noch heute bekleidet.

Das Evangelium für allerlei Volk. Sechzig kurze Predigten von C.
H. Spurgeon nebst einer kurz gefaßten Lebensgeschichte von dem
Heimgegangenen und einer Vorrede von seinem Sohne und Nachfolger im Amte
Thomas Spurgeon.
Ins Deutsche übertragen vom Hermann Liebig.
Verlagsbuchhandlung von I. G. Oncken Nachfolger (G.m.b.H.)
Hamburg-Borgfelde. 1898
Autorisierte Ausgabe mit Genehmigung aller Rechte von Mrs. C. H.
Spurgeon und der Firma Paßmore & Alabaster, London. Juni 1898