Raimund Palmarius

Zu der Zeit da Kaiser Friedrich Barbarossa mit Heeresmacht zum ersten Male über die Alpen zog, wohnte in Piacenza, einer mächtigen Stadt im Lande Italien, ein stiller Handwerksmann, der war weder reich noch arm, sondern wessen er bedurfte das hatte er; denn er nährte sich redlich von seiner Hände Werk, betete und arbeitete und kümmerte sich nicht um der Welt Händel. Dieser Mann hatte einen Sohn Namens Raimund, den wollte er auch zu einem schlichten Handwerker erziehen. Darum gab er ihn, als er soweit herangewachsen war, zu einem andern Meister in die Lehre. Der Knabe aber hatte einen eigenen Sinn und war nicht wie die Gespielen seines Alters. Er war still und in sich gekehrt, und trachtete nicht nach dem was die Jugend liebt und wünscht, sondern sehnte sich nach etwas Anderem, das er noch nicht kannte, das schien weit ab von ihm zu liegen in ungewisser Ferne. Da er nun älter wurde, erfüllte ihn mehr und mehr eine Unruhe, den Weg zu finden, der zum Leben und zur Wahrheit führt; darum hätte er am liebsten den geistlichen Stand gewählt, doch aber gehorchte er seinem Vater und blieb bei dem Handwerke.

Da geschah es nach einiger Zeit, daß sein Vater starb. Raimund fühlte, er werde bei einem Handwerke nimmer den Frieden finden, denn es brannte auf seinem Herzen wie ein heißer Durst, und er lechzte danach ihn zu löschen aus dem Quell jenes lebendigen Wassers, von dem gesagt ist, wer von diesem Wasser trinkt, den wird ewiglich nicht durften. Und obwohl er nur arm war und unwissend in Kenntnissen und ohne Erfahrung der Welt, so sollte doch an ihm offenbar werden, daß der Geist weht wo er will, und man hört ein Brausen wohl, und weiß nicht von wannen er kommt noch wohin er fährt. Ein Zeuge sollte er werden dafür, daß hoch und niedrig, alt und jung, geistlich und weltlich gleich sind vor Gott, der sich eine Werkzeuge erweckt aus denen die geringe sind und niedrig vor der Welt. Raimund aber entschloß sich in der Unruhe seines Herzens, wie damals viele Tausende thaten, nach Jerusalem zu wallfahren, und am Grabe des Herrn zu beten, ob er an heiliger Stätte erleuchtet würde. Da nun seine Mutter seine Gedanken vernahm, wollte sie nicht von ihm lassen, sondern schickte sich an mit ihm in das gelobte Land zu gehen. Der Bischof der Stadt aber bezeichnete beide mit dem rohen Kreuze, wie es üblich war, und gab ihnen einen Segen. Sie aber nahmen Abschied von allen ihren Freunden unter vielen heißen Thränen, und fuhren über das Meer. In Jerusalem durchwanderten sie die Stadt, und beteten voll Inbrunst am Grabe, und zogen nach Bethlehem und Bethanien und in das Thal Josaphat, und sahen alle heilige Orte, wo einst der Herr wandelte und lehrte, litt und gestorben war. Da sie nun mit Augen. Alles geschaut hatten, wonach ihr Herz sich sehnte, bestiegen sie wieder das Schiff um heim zu kehren. Auf dem offenen Meere aber kam ein schweres Ungewitter über sie, und Sturm und Regen brachen herein, so daß die Schiffer verzweifelten, und meinten sie würden die Heimath nimmer wiedersehen. Dazu war Raimund nach allem Ungemach, was er auf der Reise erfahren hatte, in ein hitziges Fieber verfallen, und ohne Besinnung lag er auf dem Verdecke des Schiffes und war dem Tode nah. Die Schiffer waren voll. Aberglauben und meinten, wenn Jemand stürbe auf dem Schiffe, so müsse es untergehen in den Fluthen mit allen die darauf seien. Darum beschlossen sie Raimund in das Meer zu werfen, bevor er stürbe, um sich und ihr Schiff zu retten. Als seine Mutter das hörte, warf sie sich über ihn und rief das Mitleid der Schiffer an, daß sie ihr den einzigen Sohn, ihren Trost und Stütze nicht rauben möchten; solle er sterben, so begehre auch sie nicht länger zu leben. Ihr Flehen rührte die Schiffer und sie beteten mit ihr, Gott möge ihren Sohn am Leben erhalten. Also geschah es. Raimund begann sich zu erholen, sie wurden gerettet, und alle betraten wohlbehalten die Küste des Vaterlandes. Raimunds Mutter aber sah die Heimath nicht wieder, sie erkrankte auf der Reise vor Erschöpfung und starb bald darauf Da er nun allein stand in der Welt, kehrte er voll tiefer Trauer nach Piacenza zurück. Als er aber einging in die Thore der Stadt, trug er, wie es Sitte war, einen grünen Zweig in der Hand, zum Zeichen, daß er komme aus dem Lande des Friedens. Darum nannte man ihn Palmarius, das ist Palmenträger. Und ein Bote des Friedens sollte er seiner Vaterstadt werden. Darauf nahm er ein Weib, und arbeitete wieder als ein Handwerker im Schweiße seines Angesichts, und mühte sich von früh bis spät für die Seinen und ihren Unterhalt. Wiederum aber wurde er inne, der Mensch lebe nicht vom Brode allein, darum wandte er sich dem Leben im Geiste und der Betrachtung zu. Und es trieb ihn die heiligen Schriften kennen zu lernen als einen Quell der Erkenntniß. Weil er aber als ein schlichter Mann jener Zeit nicht lesen konnte, so suchte er Abends in der Feierstunde und an Festtagen, wenn das Handwerkszeug ruhte, fromme und gelehrte Männer auf, und unterredete sich mit ihnen, und hing an ihren Lippen, und ruhte nicht eher, bis er kundig geworden war alles dessen, was gehört zum Reiche Gottes. Darauf fing er an zu reden zu seinen Handwerksgenossen, und mahnte sie ab von eitlem Geschwätz und leichtfertigen Spielen, und in einer Werkstätte verkündete er ihnen Sonntags die großen Thaten Gottes. Die ganze Stadt aber staunte über den Geist der aus ihm redete, und viele eilten herbei die Worte des gewaltigen Predigers zu hören. Manche sagten, er möge eine Stimme erheben laut auf öffentlichem Markte. Er aber antwortete: „Mit Nichten! Solches ist die Sache der Priester und Gelehrten. Ich bin ein schlichter Mann und kann leicht irren; ich will kein Aergerniß geben.“ Also blieb er in seinem Hause und bei seinen Genossen, und wurde bald der Angesehenste unter ihnen. Darauf kam ein großes Leid über ihn, denn nach einander starben ihm fünf Söhne; und als ein Weib den sechsten gebar, folgte sie ihnen selbst nach. Also war er wieder allein mit seiner Unruhe. Da faßte er voll tiefer Traurigkeit einen neuen Entschluß, daß er endlich den vollen Frieden finden möchte. Er trat zu seinen Verwandten, übergab ihrer Pflege seinen Sohn und all‘ sein Hab und Gut und sprach: „Ich habe mich von der Welt geschieden und ziehe hinaus nach Rom, und will aufsuchen alle Oerter der Heiligen. Ich werde nicht mehr zurückkehren, und ihr werdet mich nimmer wiedersehen. Denn alle noch übrige Zeit meines Lebens will ich wandern ohne Rast über Land und Meer, bis ich eingehe in den Hafen der Ruhe, da wo der Herr bestattet ist.“ Ueber die Rede erschraken eine Verwandten sehr, und drangen in ihn mit Bitten, er möge abstehen von solchem ruhelosen Leben, und im Lande bleiben und sich ferner redlich nähren. Er aber achtete nicht auf ihre Worte, sondern schüttelte den Staub von seinen Füßen und verließ Piacenza. Als ein Bettler wanderte er nun nach St. Jacob von Compostela in Spanien, und nach der Reihe besuchte er alle heilige Stellen in der Provence, zu Marseille und Vienne und Clairvaux, und überall betete er inbrünstig. Also kam er wieder zurück nach Italien und zog darauf nach Rom zur Schwelle des heiligen Petrus, und gedachte dann abermals über das Meer zu gehen nach Jerusalem. Aber Gott hatte einem Suchen endlich ein Ziel gesetzt. Denn eines Tages, als er ermattet eingeschlafen war in einem Säulengange bei der Peterskirche, hatte er einen wunderbaren Traum. Es däuchte ihm, daß der Herr ihm erscheine im Pilgergewande, in jener Gestalt, wie er einst gegangen war mit den beiden Jüngern nach Emmaus, und in der Tiefe seines Herzens vernahm er die Worte: „Raimund, mein Knecht, du sollst die Welt fernerhin nicht also durchziehen; dein Laufen und Rennen ist nichts nütze. Meinest du ich werde am Tage des Gerichts sehen auf Pilgerfahrten und Uebung guter Werke solcher Art, wenn ich sprechen werde: Gehet ein, ihr Gesegneten meines Vaters, zu der Herrlichkeit die euch bereitet ist? Du aber folge mir nach, verleugne dich selbst und nimm mein Kreuz auf dich. Den Mühseligen und Beladenen, den Armen und Kranken, den Wittwen und Waisen sollst du meinen Trost bringen, sie rufen meine Hülfe an, aber Niemand achtet ihrer. Stehe auf und ziehe heim; verschwende nicht länger Zeit und Mühe hier in Rom. Ich werde mit dir sein, und der Geist wird deinen Worten Kraft verleihen.“ Das Gesicht verschwand, da erwachte Raimund und rief: „Herr dein Wille geschehe!“ und verließ Rom und kehrte zurück nach Piacenza. Also zog er im Büßergewande, mit einem hölzernen Kreuze, ein in seine Vaterstadt; und alles Volk eilte aus den Häusern auf die Gassen, da es hörte, der fromme Raimund sei in solcher Gestalt wiedergekehrt. Er aber achtete ihrer Reden und Blicke nicht, sondern schritt hin durch die Menge bis er zum Palaste des Bischofs kam. Diesem stellte er sich dar und sagte: „Der Ruf des Herrn ist an mich ergangen, daß ich in dieser Stadt erfülle die Werke seiner Liebe. Dazu gieb mir deinen Segen und versage mir deine Hülfe nicht.“ Da erkannte der Bischof, daß der Geist ihn treibe, und er that wie er verlangte. Nun begann Raimund zu wirken unter ihnen mächtig und wunderbar wie der Propheten und Heiligen einer, und Gott war mit ihm sichtbar in allen seinen Unternehmungen. Neben der Kirche der zwölf Apostel gab man ihm ein Haus, darin sammelte er eine Anzahl Genossen, die sein Leben mit ihm theilen wollten und thun wie er that. Nun durchzog er die Stadt, und stieg hinab an die untersten Oerter der Erde, wo die Kranken und Elenden wohnen allein und fern von aller Hülfe, und er suchte die auf, welche ohne ein Wort zu sprechen ihre Armuth trugen, weil sie sich ihrer schämten. Als er ihr Leiden erforscht hatte, ging er durch die Straßen und rief: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Da gaben alle, die zu geben vermochten, mit vollen Händen; er aber ging heim und theilte was er erhalten hatte zu gleichen Theilen unter die Armen und Bedürftigen. Als nun auch die Bettler der Straße kamen und forderten ihren Antheil, sagte er ihnen: „Ihr seid nicht krank und schwach und habt zu erröthen verlernt. Gehet hin, und thut wie ihr bisher gethan habt.“ Sein Haus aber wurde eine Freistätte für alle Armen und Verlassenen, die kein Obdach hatten, für die Fremden und Reisenden, und es erwuchs zu einem großen Hospital für die Kranken und Elenden, denen es daheim an Pflege, Wartung und Heilmitteln gebrach. Raimund selbst und seine Freunde sorgten Tag und Nacht, und so wurde er ein Arzt des Leibes und der Seele. Dann ging er hinaus die ausgesetzten Kinder am Wege aufzusuchen. Und häufig geschah es, daß er nach Hause zurückkehrte, und trug auf jedem Arme ein Kind, und er dankte Gott, daß er sie ihm gegeben habe an Stelle seiner gestorbenen Kinder, und er erzog sie neben einem eigenen Sohne. Auch Frauen, die alt und schwach waren, sammelte er in seinem Hause; und auch solche, die auf den Straßen in Unehren lebten und waren ausgestoßen von aller Welt. Wenn sie auf eine Stimme hörten, so stellte er sie unter die Aufsicht ehrwürdiger Frauen, und sie begannen wieder zu leben von ihrer Hände Arbeit, und dankten ihm, daß er sie gerettet habe aus dem Schlamme der Sünde. Zu den Verbrechern, die in den Gefängnissen saßen um irgend einer Schuld willen, stieg er hinab, denn er meinte, nicht die Gesunden, sondern die Kranken bedürfen des Arztes. Er tröstete die, welche warteten, daß sie zum Tode geführt würden, und erfüllte ihre angstvolle Seele mit Worten des ewigen Lebens. Anderen aber redete er zu, daß sie ablassen sollten von ihrem verbrecherischen Wandel, und verbürgte sich für sie vor dem Richter, und nahm sie mit sich in eine Freistätte, damit sie nicht von Neuem in Versuchung fielen, und leitete sie an zu einem arbeitsamen und gottesfürchtigen Leben. Also wurde seine Frömmigkeit und Mildherzigkeit gepriesen weit und breit, und er galt für einen Vater aller Bedrängten und Unglücklichen. War Einer in geistiger oder leiblicher Noth, der kam und klagte es ihm, denn er wußte, der fromme Raimund werde Hülfe schaffen. Er stiftete Frieden in den Häusern wo Zwietracht war, und führte die Sache der Witwen und Waisen, wenn sie bedrängt wurden, vor dem Richter, und trat hin vor die Mächtigen und Gewaltigen und mahnte sie ab mit freimüthiger Rede, daß sie die Schwachen und Ohnmächtigen nicht drängen und drücken sollten. Unter den Bürgern der Stadt aber war mancherlei Unsitte und Zwiespalt und Blutvergießen. Denn oft zogen die Männer und Jünglinge mit glänzenden Waffen und zu Roß hinaus auf das Feld zum Kampfspiele, um ihre Kräfte und ihre Gewandtheit in der Führung der Waffen gegen einander zu erproben. Dann wurde nicht selten aus dem Scherze Ernst, und Blut floß, und Manchem kostete solches Spiel das Leben. Da sagte Raimund zu ihnen: „Lasset ab von diesem gefährlichen Spiele! Was stachelt ihr euern Zorn nach Art der reißenden Thiere und schadet euch an Leib und Gliedern? Nicht um thörichter Eitelkeit willen, sondern für das Wohl des Vaterlandes und zur Ehre Gottes sollt ihr euer Leben lassen.“ Und er ruhete nicht eher als bis sie abstanden von ihrem Beginnen. Aber auch im Ernste trafen die Bürger zusammen mit den Waffen in der Hand. Denn in der Stadt waren zwei Parteien, das waren die Guelfen und Ghibellinen, die einen hingen dem Papste, die andern dem Kaiser an. Sie hassten sich tödtlich und legten die Hand an das Schwerdt wo sie sich sahen, und schonten ihres Blutes und Lebens nicht. Wenn nun der Kampf wüthete auf den Plätzen und in den Straßen, dann ging Raimund zum Bischof und sagte: „Siehst du nicht, wie deine Heerde zerstreut ist und geschlagen? Gehe hin und zeige dich als einen guten Hirten, sammle sie wieder in die Hürden!“ Da aber der Bischof muthlos wurde und nicht wagte etwas zu thun, da ergriff Raimund ein Kreuz, damit trat er unerschrocken hinaus unter die erhobenen Schwerdter und Lanzen der Kämpfenden und rief: „Wehe dir, aufrührerisches Piacenza, daß du den Herrn nicht fürchtet! Schon bereitet er ein Feuer, daß es dich verzehre; und in deinem Streite wirst du deine Güter verlieren jammt deinem Leben!“ Doch nicht bloß in der Stadt, sondern auch draußen war Krieg und Zwietracht. Denn die Bürger von Piacenza waren verfeindet mit ihren Nachbaren, und mit keinen mehr als mit denen von Cremona. Beide zogen oft gegen einander aus, und konnten ihren Haß nicht löschen in allem Blute das vergossen wurde. Da nun wieder ihre Heere zusammen treffen wollten, eilte Raimund hinaus zu ihnen, um Frieden zu stiften, und ging von dem einen Heerhaufen zu dem andern und rief: „Höret mich an, ihr Piacentiner, und auch ihr Cremoneser höret mich! Was eilet ihr in den Kampf um vergänglicher Güter willen, und um eurem Nächsten den Tod zu bereiten? Gedenket, daß ihr Christen seid! und vergebet euren Schuldigern, damit euch eure Schuld vergeben werde. Blicket auf zu dem, der für euch gestorben ist, damit ihr nicht sterben möchtet! Nehmet ihn zum Mittler an!“ Die Cremoneser aber wollten nicht auf ihn hören, sondern trieben ihn von sich mit Schlägen. Da er aber dennoch wiederkehrte, riefen sie: „Was will dieser lästige Mensch?“ und griffen ihn und warfen ihn in ein Gefängniß zu Cremona. Aber auch so verzagte er nicht, sondern er trat an das Kerkerfenster und rief hinaus mit lauter Stimme: „Herr, vergieb den Cremonesern, sie wissen nicht was ihnen nütze ist. Ich aber bin bereit in den Tod zu gehen, wenn du den Sinn dieses hadernden Volkes zum Frieden wendet.“ Als das die Cremoneser hörten, entließen sie ihn aus seinen Banden, und er kehrte heim zu den Seinen. So wirkte und lebte Raimund in seiner Vaterstadt zwei und zwanzig Jahre lang. Endlich aber erkrankte er und er fühlte, daß ein Ende nahe bevorstehe. Da sammelte er eine Genossen und Freunde und alle seine Armen noch einmal um sich und sagte zu ihnen: „Ich gehe jetzt ein zu den Stätten des ewigen Friedens, nicht um meines Verdienstes willen, sondern durch die unendliche Gnade Jesu Christi. Haltet auch ihr ferner fest, wie ich gethan habe, an dem Glauben, welcher die Welt überwindet. Lasset nicht nach, ihr Genossen meiner Arbeit, sondern fahret fort wie bisher zu wirken für die Armen und Verlassenen. Lasset euch nicht bange sein, ob ich gleich von euch scheide, denn er wird mit euch sein, der gesagt hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Darauf entschlief er in Frieden am 27. Juli des Jahres 1200. Er hatte einen guten Kampf gekämpft sein Leben lang, und war gewesen ein getreuer Knecht seines Herrn, von dem gesagt ist: „du bist getreu gewesen über Weniges, ich will dich über Viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.“ In der ganzen Stadt Piacenza aber erhob sich unter den Armen ein lautes Weinen und Klagen, denn sie alle hatten ihren wahren Vater in ihm verloren. Die Leiche aber setzten sie bei in dem Hause, wo er dem Geiste des Herrn eine Wohnung bereitet hatte, und über einem Grabe erhob sich als eine Zufluchtsstätte aller Verlassenen und Elenden und als ein Denkmal seiner Liebe das Hospital des frommen Raimund Palmarius.

R. Köpke in Berlin

August Hermann Francke

dieser ausgezeichnete Gottesgelehrte und Stifter des Waisenhauses und des Königl. Pädagogiums zu Halle, wurde geb. am 12. März 1663 zu Lübeck, wo sein Vater, Joh. Francke, Doktor der Rechte und Syndikus bei dem Domkapitel war. Er verließ schon im 3ten Jahre mit seinen Eltern die Vaterstadt und kam nach Gotha, wo sein Vater Hof- und Justizrath bei Herzog Ernst dem Frommen wurde. Nachdem er hier das Gymnasium besucht hatte, zeigte er schon im 14ten Jahre solche Fähigkeiten, daß man ihn für reif zur Universität hielt. Er blieb aber noch bis 1679 auf dem Gymnasium zu Gotha, ging dann nach Erfurt, Kiel und Leipzig, trieb dort die Theologie und alte Sprachen, promovirte 1681, und stiftete eine Geselltschaft von Freunden, die mit ihm dem Studium der heiligen Schrift eifrigst oblagen (Collegium Philobiblicum). Er ging nun nach Wittenberg und Lüneburg, hielt sich hierauf 2 Monat in Dresden auf, und genoß hier des Umganges mit Dr. Spener. Nachdem er nach Leipzig zurückgekehrt war, hielt er daselbst praktische Vorlesungen über die heilige Schrift, die vielen Beifall fanden. Er wurde verfolgt, ging 1680 nach Erfurt, wo seine Predigten selbst von Katholiken zahlreich besucht wurden: dieß gab Ursach, daß er Befehl erhielt, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen, was unter vielen Thränen seiner Gemeine geschah. Ihm waren mehre Einladungen geworden; er ging aber nach Halle, wo eben die Universität errichtet war, und ihm die Professur der orientalischen Sprachen, späterhin die der Theologie, übertragen wurde. Mit dieser erhielt er auch das Pastorat in der Vorstadt Glaucha, die denn nun der Ort seiner frommen Stiftungen wurde. Er fing den Bau des Waisenhauses am 13. Juni 1698 an, und ward deselbe im nächsten Jahre vollendet. Er erhielt 1714 das Pastorat an der St. Ulrichskirche in Halle; seine Geschäfte, die sich von Jahr zu Jahr mehreten, machten es nöthig, daß er zur Erhaltung seiner Gesundheit 1717 eine Reise durch Thüringen, Hessen, Franken und Schwaben machte. Doch untergrub endlich eine Zurückhaltung des Urins und eine lähmende Gicht, zu welcher sie die rothe Frieseln gesellten, seine Gesundheit so sehr, daß der fromme, von aller Andächtelei freie, glaubensvolle Lehrer und Wohlthäter am 8. Juni 1727 in die ewige Freude seines Herrn und Heilandes eingieng.

Geistlicher Liederschatz
Sammlung der
vorzüglichsten geistlichen Lieder für
Kirche, Schule und Haus
Berlin, bei Samuel Elsner
Gedruckt bei Trowitzsch und Sohn
1832

Theodor Fliedner

Theodor Fliedner

Fliedner: Dr. Theodor F., Begründer des evangelischen Diaconissenwesens, geb. am 21. Jan. 1800 zu Epstein in Nassau, † am 4. Oct. 1864 zu Kaiserswerth. In einem kinderreichen, armen, aber gastfreien Pfarrhause verlebte er die erste Jugendzeit. Durch seinen Vater, einen Mann von sehr gemeinnützigem Sinn, wurde schon in dem Knaben der Vorsatz angeregt, für Anderer Wohl zu leben. Daß Kriegsjahr 1813 brachte die Familie in äußerste Noth, das Haus wurde geplündert, der Vater starb am Lazarettyphus, aber Frankfurter Freunde vergalten der hülflos dastehenden Wittwe die früher genossene Gastfreundschaft dadurch, daß sie die Erziehung der acht unmündigen Kinder übernahmen. Mit einem älteren Bruder zusammen, bezog F. 1814 das Gymnasium in Idstein, von 1817 an die Universitäten Gießen und Göttingen, 1819 das Predigerseminar in Herborn. Die nothwendigen äußersten Entbehrungen hemmten weder Jugendfrische, noch Wanderlust. Obgleich Mitglied der deutschen Burschenschaft, verhielt er sich kühl gegen die politischen Bestrebungen. 1820, nach bestandenem theologischen Examen, kam er als Erzieher in ein reiches, fein gebildetes Kaufmannshaus in Köln. Fast gegen seinen Willen in den Dienst der rheinischen Kirche gezogen, wurde er, kaum 22 Jahre alt, Pfarrer an der kleinen Gemeinde in Kaiserswerth. Der Untergang derselben schien unvermeidlich, weil alle Existenzmittel fehlten. Das trieb ihn auf die ersten Collectenreisen in die benachbarten protestantischen Städte, dann 1823 nach Holland, 1824 nach England. Der Zweck seiner Reise, Gewinnung eines ausreichenden Kirchencapitals, war erreicht, aber für ihn selbst unendlich viel mehr. Die altbewährten Ordnungen der holländischen reformirten Kirche, vor allen daß in den Londoner Mai-Versammlungen frisch pulsirende kirchliche Leben, welches damals in England in seiner ersten Kraft stand, hatte dem in verstandesmäßig gerichteten Kreisen Aufgewachsenen ein Licht über die schöpferische und heilende Kraft des lebendigen Christenthums aufgehen lassen. Der jugendliche Drang, zu helfen, wo und wie er könne, gewann bestimmte Ziele,

Durch die Bestrebungen der Elisabeth Fry war sein Auge auf die schauderhafte Lage der Gefängnisse gerichtet worden, in denen schwere und leichte Verbrecher ohne Scheidung, Arbeit und religiöse Pflege zusammengepfercht waren. Nachdem seine durch erbarmende Liebe gestählte Energie die gewaltigen Anfangschwierigkeiten überwunden hatte, richtete er Ende 1825 den ersten evangelischen Gefängnißgottesdienst in Düsseldorf ein. Zwei Jahre lang wanderte er zu diesem Zwecke alle 14 Tage Sonntag Nachmittags zu Fuß nach Düsseldorf. 1828 wurde hier der erste Gefängnißgeistliche angestellt, von der durch Fliedner’s Bemühungen gegründeten rheinischwestfälischen Gefängniß-Gesellschaft, welche die Anregung und das Vorbild für zahlreiche ähnliche Vereine in und außerhalb Deutschlands geworden ist. Die zuerst widerwilligen oder bedenklichen Behörden wurden nach und nach thatkräftige Förderer der Bewegung. Im Auftrag dieser Gesellschaft, deren Seele F. jahrelang blieb, besuchte er die Gefängnisse Rheinlands und Westfalenss (1826), Hollands (1827), Englands und Schottlands (1832) und trat dabei in nähere Beziehung zu vielen hervorragenden Persönlichkeiten des In- und Auslandes (Oberpräsident v. Vincke, Minister v. Stein, Wilberforce, Elisabeth Fry etc.). Sein Blick in die tiefen Schäden des Volkslebens erweiterte sich und brachte ihn zu der Erkenntniß, daß rettende und bewahrende Liebe, durch freie Vereine und Anstalten geübt, dem Strome des Verderbens entgegentreten müsse. Das ist der Boden, auf dem die Kaiserswerther Liebesanstalten erwachsen sind. Für entlassene weibliche Gefangene wurde 1833 ein Asyl und Magdalenen- Stift senfkornartig in dem kleinen Lusthause des Pfarrgartens angefangen, welches bis heute über 700 Gesunkene aufgenommen und etwa ein Drittel derselben einem rechtschaffenen Leben wiedergewonnen hat. Die Fürsorge für die kleinsten Kinder des Arbeiterstandes erschien nothwendig, um daß sittliche Verderben an der Wurzel zu fassen. 1835 regte er die Gründung der ersten deutschen Kleinkinderschule in Düsseldorf an. 1836 folgte die Eröffnung der Kleinkinderschule in Kaiserswerth (wieder im kleinen Gartenhause), verbunden mit einer Bildungsstätte für christliche Kleinkinder-Lehrerinnen. Daraus erwuchs bald das Lehrerinnen-Seminar, in welchem nicht allein für Kleinkinderschulen, sondern auch für den Unterricht an Elementar- und höheren Mädchenschulen bis zum J. 1877 1450 Lehrerinnen ausgebildet sind.

Auch die meisten Krankenhäuser waren damals in einem traurigen Zustand. Längst hatte F. erkannt, daß für sie, sowie für den Dienst an Armen und Kranken in Familien und Gemeinden, opferwillige Kräfte, und zwar weibliche Kräfte, Noth seien, und lebhaft hatte er den von Anderen, so auch von Stein, ausgesprochenen Gedanken erfaßt, daß ein kirchliches Amt für Frauen, eine weibliche Diaconie geschaffen werden müßte, wie sie in der ersten apostolischen Zeit, hie und da auch im Reformationszeitalter, vorhanden gewesen. Gleichzeitig erkannte er die Nothwendigkeit einer Bildungsstätte, in welcher die geeigneten Personen für das gesammte Gebiet weiblicher Liebesthätigkeit: Armen-, Kranken-, Kinder- und Gefangenpflege, ausgebildet würden. Nach vergeblichen Versuchen, eine solche an anderen Orten und durch andere Männer ins Leben zu rufen, entschloß er sich 1836, in dem kleinen, überwiegend römisch-katholischen Kaiserswerth, ein Haus für ein Kranken- und Diaconissenhaus zu erwerben. Mangel an Geld, Widerspruch von Freund und Feind, alles wurde von seiner liebeswarmen Thatkraft überwunden. Am 18. Oct. 1836 wurde daß erste Diaconissen-Mutterhaus in ärmlichster Gestalt eröffnet. Bald fand der Gedanke fern und nah lauten Anklang. König Friedrich Wilhelm wandte dem Werk seine warme Theilnahme zu; große und kleine Gaben wurden gesandt, Kranke und Pflegerinnen mehrten sich; schon 1838 ward sein Wunsch, Kaiserswerther Diaconissen als Dienerinnen evangelischer Gemeinden auszusenden, erfüllt. Die Eröffnung eines Mädchenwaisenhauses (1842) vervollständigte den Kreis von Anstalten, in welchen jene vierfache Thätigkeit erlernt und geübt werden konnte.

Bis dahin war Fliedner’s erste Gattin, Friedrike geb. Münster, seine eifrigste und verständnißvollste Mitarbeiterin gewesen. Gleich nachdem ihr Lieblingsgedanke, ein Waisenhaus zu gründen, erfüllt war, wurden durch ihren Tod die Anstalten, wie ihre 2 überlebenden Kinder zu Waisen. Ein Jahr darnach H fand F. in Caroline Bertheau den vollen Ersatz für Herz, Haus und Amt. Bis 1849 führte er, neben dem immer wachsenden Anstaltswerk, sein Amt in der Ortsgemeinde fort. Nach Niederlegung desselben wurde seine ganze ungewöhnliche Arbeitskraft für Pflege und Ausbreitung der Diaconissensache frei. Correspondenz und häufige Reisen, durch welche er gleichzeitig die Beschaffung der nöthigen Geldmittel und daß Bekanntwerden der Diaconissensache erstrebte, brachten ihn in Verbindung mit gleichgesinnten Männern in Straßburg, Paris, der Schweiz, Holland und Nordamerika; auch in Deutschland entstand durch seine Anregung und Mitwirkung ein Diaconissenhaus nach dem anderen. Durch Bischof Gobat in Jerusalem veranlaßt, durch den König kräftig unterstützt, begann er 1851, mit der Gründung des Diaconissenhauses in Jerusalem, die Diaconissenmission im Morgenlande, welche von Anfang an sowohl Krankenpflege, als Erziehung der verkommenen weiblichen Jugend erstrebte. Bis zum J. 1856 schaffte er mit ungebrochener Kraft, obgleich er außerordentlich oft, aber immer nur auf kurze Zeit, von lebensgefährlichen Krankheiten niedergeworfen wurde. Wegen eines ernsten Lungenleidens mußte er den Winter von 1856 auf 1857 in Cairo zubringen. Der Erfolg blieb aus. Die Visitation der damals schon bestehenden Anstalten in Jerusalem, Smyrna und Constantinopel, schien seine letzten Kräfte zu verzehren. Wie ein Todescandidat kam er zurück, durch sorgsamste Pflege, Wohnen im Kuhstall etc., mußte sein Leben gefristet werden. Reisen durfte er nicht mehr machen, aber von seinem Studirzimmer aus leitete und erweiterte er daß wunderbar gesegnete Werk. Daß durch Muhamedaner angerichtete Blutbad unter den syrischen Christen im J. 1860 war die Veranlassung zur Gründung der Beiruter Anstalten (Waisenhaus, Pensionat und Johanniter-Krankenhaus). Nach dem 25jährigen Jubiläum der Kaiserswerther Anstalt (1861) versammelten sich um ihn die Vertreter der in fast allen evangelischen Ländern entstandenen Diaconissenanstalten, und fort und fort wurde seine Mitwirkung zur Gründung neuer Diaconissenhäuser in Anspruch genommen.

Aus der vollsten Arbeit wurde er abgerufen. Im September 1864 durfte er noch eine große Anzahl seiner Probeschwestern zu ihrem Amte einsegnen, und bereitete die zweite Generalversammlung der Diaconissen-Mutterhäuser vor; aber plötzlich schwanden seine Kräfte. Am 3. Oct. redete er zu seinen ihn umstehenden Kindern, voll heißen Dankes gegen Gott und voll tiefster Demuth, von dem Werke seines Lebens, und hinterließ ihnen, wie allen seinen Mitarbeitern, vor allen seinen geistlichen Töchtern seinen Segen. Am Morgen des 4. October, schon von Todesmattigkeit umfangen, sprach er die letzten zusammenhängenden Worte, welche sein rastloses Wirken charakterisiren: „Ich schäme mich, daß ich noch schlafe, aber ich bin so müde“. Unter den Gebeten der Seinen lispelte er noch einmal: „Todesüberwinder, Sieger“; dann verschied er.

Bei seinem Tode umfaßte die Kaiserswerther Schwesternschaft 415 Diaconissen und Probeschwestern, welche, außerhalb des Mutterhauses, an 100 Orten, von Pittsburg in Nordamerika bis nach Jerusalem und Alexandrien, vor allem aber in Deutschland, in Anstalten und Gemeinden, Arme und Kranke pflegten, Töchter aller Stände erzogen, und in Gefängnissen und Asylen an der Rettung der Verlorenen oder in Mägdeanstalten für die Bewahrung des weiblichen Geschlechtes arbeiteten. Außer den Kaiserswerther Anstalten, zu denen 1852 noch eine Heilanstalt für gemüthskranke Frauen gekommen war, besaß das Mutterhaus einen Erholungort für kranke Schwestern, zwei Mägdeanstalten in Berlin und Düsseldorf, Töchterpensionate in Hilden, Florenz, Smyrna und Beirut, Waisen- und Erziehungshäuser für arme Mädchen in Altdorf in Oberschlesien (zur Zeit des Hungertyphus 1848 gegründet), in Jerusalem und Beirut, endlich die Hospitäler in Jerusalem und Alexandrien. Die jährlichen Ausgaben für alle diese Anstalten betrugen fast eine halbe Million Mark, der allerdings mit Schulden belastete Vermögensstand in Grundstücken und Gebäuden über anderthalb Millionen Mark.

Noch viel großartiger erscheint die Frucht dieses Lebens beim Blick auf das gesammte Diaconissenwerk. 1864 bestanden 30 selbständige Diaconissenmutterhäuser mit 1600 Schwestern und mehr als 400 Arbeitsstätten; aber mit dem Leben Fliedner’s ist die Lebenskraft des von ihm ausgegangenen Werkes nicht geschwunden; die Kaiserswerther Anstalten stehen unter der Leitung seiner Wittwe und seines Schwiegersohnes Disselhoff in beständigem Wachsthum; in fast allen evangelischen Landeskirchen bestehen mehr als 50 Mutterhäuser mit 3–4000 Schwestern, und die Zeit ist wohl nicht ferne, wo ein gesundes Leben der evangelischen Kirche ohne den geordneten Dienst der Frauen in derselben kaum noch denkbar erscheint.

Dieser kurze Blick auf die bisherige Entwicklung des Diaconissenwerkes gehört zu dem gedrängten Lebensbilde des Diaconissenvaters, denn sein Leben und seine Kraft ist vollständig in dieser Arbeit aufgegangen. Auch seine ausgedehnte schriftstellerische Thätigkeit („Liederbuch für Kleinkinderschulen“, „Christlicher Volkskalender“ seit 1842, „Märtyrerbuch“, unzählige Berichte und Broschüren) mußte der Erreichung seines Lebenszweckes dienen, die brachliegenden weiblichen Kräfte in den Dienst der hülfsbedürftigen Menschheit zu locken und dafür auszubilden.

  1. war ein strenger, aber überaus liebevoller Erzieher, zuerst seiner jüngern Geschwistern, dann seiner 10 überlebenden Kinder, ein warmer Freund seines Volks und seines Königs, vor allem aber mit Leib und Seele ein Diener seiner evangelischen Kirche, deren Erbauung allein sein Werk gewidmet war. – G. Fliedner.

 

John Howard

(Gest. am 20. Juni 1790.)

“Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.” Matth. 25. 36.)

John Howard wurde im Jahre 1727 zu Clapton bei London geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Tapetenhändler, ließ ihm eine sorgfältige Erziehung zu Theil werden, und that ihn schon bald in ein großes Handlungshaus zu London in die Lehre, weil er ein Kaufmann werden sollte. Sein Vater starb jedoch vor dem Ende seiner Lehrzeit. John, der mehr aus Gehorsam gegen ihn, als aus Neigung in das kaufmännische Fach eingetreten war, und überdies an Kränklichkeit litt, kaufte den Rest derselben ab. Er war nun in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gekommen. Schon frühe hatte er sich durch religiösen Sinn und durch Freude am Wohlthun ausgezeichnet. Zu Stocknewington, wo er zuerst wohnte, unterstützte er jetzt nach Kräften die Armen, erweiterte seine christliche Erkenntniß durch Lesen des göttlichen Wortes und anderer christlichen Schriften, und studirte die Arzeiwissenschaft. Diese letzte kam ihm sowohl für seine Person, da er, wie gesagt, kränklich war, zu Statten, als auch auf seinen spätern Reisen bei der Pest und andern ansteckenden Krankheiten. Eine schwere Krankheit überfiel ihn, als er in dem Hause einer frommen Wittwe, Sara Dordoire, wohnte, welche ihn so liebevoll pflegte, daß er nach seiner Genesung ihr aus Dankbarkeit einen Eheantrag machte, obgleich sie doppelt so alt, sehr kränklich und weniger wohlhabend war. Er heirathete sie im Jahre 1752, als er 25 Jahre alt war; ihr Vermögen ließ er an ihre Schwester schenken. Er lebte glücklich mit ihr, und pflegte sie mit Treue in ihrer Kränklichkeit. Doch starb sie schon 1755.

Um sich aufzuheitern, machte er eine Reise nach Lissabon, wo eben ein furchtbares Erdbeben 30,000 Menschen verschüttet hatte. Sein Schiff aber wurde von einem französischen Kaper erobert, und er mit seinen Gefährten nach Brest geschleppt. Hier mußten sie eine Zeitlang in einem schmutzigen Kerker ohne Nahrung zubringen. Darauf wurde ihnen eine Hammelkeule zugeworfen, welche sie, da sie kein Messer hatten, in Stücke zerreißen, und wie Hunde benagen mußten. Sechs Tage mußten sie auf bloßer Erde liegen; nur mit Stroh konnten sie sich zudecken. Nach zwei Monaten Gefangenschaft durfte Howard, um sich auswechseln zu lassen, nach England zurückkehren, und hier verwandte er sich bei der betreffenden Behörde für seine in Frankreich gefangnen Landsleute so kräftig, daß sie binnen Kurzem ausgewechselt wurden. Dies war die erste Veranlassung, daß er auf das Schicksal der Gefangenen und Kranken seinen Blick richtete, und ihr Elend zu mildern suchte. Von jetzt an wohnte er auf seinem Gute in Cardington, einem Dorfe bei Bedford. Im Jahre 1758 verheirathete er sich mit Henriette Leeds. Sie stimmte mit ihm in seiner Liebe zum Christenthum und zum Wohlthun überein. So verkaufte sie bei ihrem Eintritt in die Ehe die Juwelen, die sie früher getragen, und legte das Geld in ein Büchle, welches sie und ihr Mann die „Armenbüchse“ nannte. Als Howard am Ende eines Jahres einen Ueberschuß in seinen Rechnungen fand, machte er ihr den Vorschlag, dafür eine Reise nach London zu machen. „Was für ein schönes Bauernhäuschen könnte man dafür bauen!“ war ihre Antwort. Er ließ nämlich auf seinem Gute eine Anzahl wohl eingerichteter Häuschen bauen, mit einem Stück Land für eine Ruh, und einem Gärtchen für jedes. Diese verpachtete er um einen sehr geringen Preis an die arbeitsamen und sittsamen Armen des Dorfes, verschaffte ihnen Arbeit, unterstützte sie in Krankheit und Unglücksfällen und errichtete Schulen für ihre Kinder. Er machte ihnen dafür zu Pflicht, sich der Wirthshäuser und anderer verderblichen Lustbarkeiten zu enthalten, und des Sonntags regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Er selbst besuchte sie in ihren Häusern, sah nach, wie es mit der Ordnung, Fleiß´, und Kindererziehung beschaffen sei, und ging ihnen nebst seiner Gattinn mit einem musterhaften Beispiele voran. Diese letztere wurde ihm am 31. März 1765, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, durch den Tod hinweggenommen.

Seine wichtigste Sorge war nun, daß sein Söhnlein gut erzogen würde, und er überwachte in den ersten Jahren seine Erziehung selbst mit großem Eifer. Im Jahre 1767 machte er zur Stärkung seiner Gesundheit eine Reise nach Holland, und im Herbste 1769 nach Frankreich, der Schweiz und Italien. Wie er seine Reise benutzte, nicht bloß zur Stärkung seiner leiblichen Gesundheit, sondern auch um seine Seele in dem verborgenen Umgang mit Gott zu stärken, möge folgender Bund zeigen, den er in Neapel mit Gott schloß, und der sich unter dem 27. Mai 1770 in seinem Tagebuche findet: „Da ich nicht die stärkste Constitution habe, und ein längerer Aufenthalt in Holland dieselbe schwächt, so glaubte ich nach Italien gehen zu dürfen, indem eitle und sündige Zerstreuungen nicht mein Zweck sind, sondern die Ehre und der Ruhm Gottes mein höchster Ehrgeiz ist. „Siehe zu, meine Seele, welche Fortschritte machst du auf deiner geistlichen Reise? Bist du näher dem himmlischen Canaan? Brennt die Lebensflamme heller und heller, oder füllt das Interesse eines Augenblicks dien Herz? Stehe still, gedenke, daß du nach der Ewigkeit wanderst, bitte täglich brünstig um Weisheit, hebe dein Herz und deine Augen auf zu dem ewigen Felsen, und dann schaue wieder auf die Herrlichkeit dieser Welt! Eine kurze Weile, und deine Reise wird zu Ende seyn. Sey getreu bis in den Tod! Die Pflicht ist dein, die Macht ist Gottes. Bitte ihn, dir ein Herz zu geben, das die Sünde mehr haßt, und mit ihm in nähere Gemeinschaft kommt! O erhebe dein Herz, meine Seele, und mein Geist freue sich Gottes, meines Heilandes! Seine freie Gnade ,unendliche Barmherzigkeit schenkte sich auch mir, Herr Gott, warum auch mir? Wenn ich überlege, und schaue in mein Herz, so zweifle ich, so zittre ich. Solch eine elende Creatur! Sünde, Thorheit, und Unvollkommenheit in jedem Werk. O furchtbarer Gedanke! Einen Leib der Sünde und des Todes trage ich mit mir, immer bereit, sich von Gott loszureißen. Mit all der furchtbaren Summe von begangnen Sünden bebt mein Herz in mir, und verzweifelt fast. Doch was betrübest du dich meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott und auf seine freie Gnade in Jesu Christo.! Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben! Soll ich Schranken setzen der Gnade Gottes, kann ich seine Liebe ergründen? Hier, an seinem heiligen Tage, bekenne ich auf’s Neue in dem Staub vor dem ewigen Gott meine schweren und abscheulichen Sünden. O mitleidiger und göttlicher Heiland, erlöse mich von der furchtbaren Schuld und Macht der Sünde, und nimm an meine feierliche, freie und, wie ich hoffe, unbedingte volle Hingabe meiner Seele, meines Geistes, meines lieben Kindes, alles, was ich bin und habe, in deine Hände, unwerth deiner Annahme! Doch, o Herr, Gott der Gnade, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, nimm mich an, so schlecht, wie ich bin! Ich hoffe, ein reuevoll zurückkehrender, verlorner Sohn! Ich freue mich meiner Wahl, bekenne meine Verpflichtungen als ein Knecht des allerhöchsten Gottes. Möge nun der ewige Gott meine Zuflucht seyn, und du, o meine Seele, treu dem Gott, der dich nimmer verlassen will, noch versäumen! So, mein Herr und mein Gott, ist selbst ein Wurm demüthig kühn, einen Bund mit dir zu machen. Bestätige und besiegle ihn, und mache mich zu einem ewigen Denkmal deiner grenzenlosen Barmherzigkeit! Amen, Amen, Amen! Ehre sei Gott, dem Vater, Gott dem Sohn, und Gott dem h. Geist in Ewigkeit! Amen! Indem ich hoffe, daß mein Herz mich nicht betrügt, und der Barmherzigkeit seiner züchtigenden und bewahrenden Gnade vertraue, zeichne ich, indem ich mit Freuden, was ich von ihm, empfangen habe, an ihn zurückgebe, doch mit Furcht und Zittern, meinen unwürdigen Namen. Neapel, 27. Mai 1770 John Howard

Diesen Bund hielt er nachher seiner Seele so oft vor, so in Heidelberg am 29. Juli 1770, so noch wenige Monate vor seinem Tode, zu Moskau am 27. September 1789, wo er ihn erneuerte.

Einen der wichtigsten Abschnitte in seinem Leben machte seine Ernennung zum Ober-Sheriff der Grafschaft Bedford, wodurch es seine Pflicht wurde, die Aufsicht über die Grafschaft zu führen. So untersuchte er alle Gefängnisse der Grafschaft bis zum dem untersten Kerker. Er fand die schreiendsten Mängel und Ungerechtigkeiten. Zu Bedford waren zwei Kerker 11 Fuß tief unter der Erde und sehr feucht. Der Hof war beiden Geschlechtern gemeinschaftlich, und der Verwalter wohnte von seinem Gefängniß entfernt. Die Schuldgefangenen, wie alle andern, mußten, auch wenn sie freigesprochen wurden, so lange im Gefängniß bleiben, bis die dem Verwalter 15 1/3 dem Schließer 2 Schillinge für Unkosten und Gebühren bezahlt hatten. Viele konnten das nicht, und mußten deswegen noch Jahre lang im Gefängniß schmachten. Er schlug den Richtern der Grafschaft vor, dem Gefangenen-Verwalter ein Gehalt, statt der Gebühren, zu zahlen. Diese waren auch dazu geneigt, meinten aber, sie dürften nicht die ersten seyn. Darauf reiste er in benachbarte Grafschaften, und fand hier dieselbe Ungerechtigkeit, dasselbe Elend.

Im Nov. 1773 machte er eine förmliche Untersuchungsreise durch die englischen Gefängnisse. Die erste Unsitte, die er fast überall antraf, war die eben erwähnte, daß die Verwalter kein Gehalt hatten, sondern von den Gebühren ihrer Gefangnen lebten. Da viele vom Gefängniß entfernt wohnten, so suchten sie die geringe Aufsicht dadurch zu ersetzen, daß die sie schwerern Gefangnen, Männer und Weiber, mit Ketten an den Boden fesselten.

Die Kerker selbst waren meist zu klein und zu feucht, hatten wenig Luft und Licht; viele waren 10 – 20 Stufen unter der Erde, hatten keine Betten, viele nicht einmal Stroh, im Winter kein Feuer.

In Knaresborough waren Ratten und Würmer die Gesellschaft de Gefangenen. Einer hatte seinen Hund mit in den Kerker genommen, um sich dagegen zu vertheidigen. Der Hund wurde getödtet, und das Gesicht des Gefangenen von dem Ungeziefer verunstaltet. Das Essen war meist schlecht und zu wenig, da es dem Verwalter verdungen war, und dieser suchte sich dadurch zu bereichern. In Durham hatten die Gefangnen fast 12 Monate Nichts als gekochtes Brod und Wasser erhalten. Dazu kam auf den Kopf gewöhnlich nur ein Pfund Brod. Sechs Gefangne waren hier in einem Kerker, der die „große Höhle“ hieß, mit Ketten an den Boden geschlossen. Das Stroh auf dem steinernen Boden war vermodert, und die Asche, der Staub und Unrath lag von vielen Monaten aufgehäuft. Die Gesundesten wurden auf diese Weise krank. Selbst eine eigenthümliche Krankheit, das Kerkerfieber bildete sich aus, ein durch Mangel an frischer Luft und Reinlichkeit, durch schlechte Diät und Wohnung erzeugtes und so ansteckendes Schleichfieber, daß es an vielen Orten Kerkermeister und Gefangne dahinraffte. Die Aerzte bedungen sich oft aus, daß sie an diesem Fieber Erkrankten nicht zu besuchen brauchten; an vielen andern Gefängnissen war gar kein Arzt angestellt.

Untersuchungsgefangne und Sträflinge, die leichtesten und schwersten Verbrecher, Knaben und ergraute Spitzbuben, alles war meist in denselben Räumen zusammen. An manchen Orten waren selbst die Weiber nur des Nachts, aber nicht bei Tage von den Männern getrennt, sodaß in Gloucester 6 uneheliche Kinder geboren wurden. Schenkgerechtigkeit übten sehr viele Gefangenenwärter. An vielen Orten wurden die eintretenden Gefangenen theils von ihnen, theils von den Mitgefangenen gezwungen, etwas Geld als Willkomm zu bezahlen, was dann zum Nutzen der Kerkermeister vertrunken wurde. In der Schenkstube des Gefängnisses zu Chelmsford ging ein Papier, worauf unter Anderm stand: „Gefangene haben beim Eintritt ein Trinkgeld zu bezahlen, oder Spießruten zu laufen“.

Bei so jammervollem Zustande der Gefängnisse kann es nicht befremden, daß die Seelenpflege ebenso schlecht war. Gefängniß-Geistliche waren an wenig Orten angestellt, Kapellen oder Betsäle selten vorhanden, von besonderer Seelsorge für die Einzelnen war keine Rede.

Dieses Elend that Howard von Herzen weh. er enthüllte die Gebrechen, und drang auf Abhülfe. In Folge dessen wurde die Sache im Jahre 1774 im Unterhause zur Sprache gebracht. Das Unterhaus ließ sich von ihm einen mündlichen Bericht über den Zustand der Gefängnisse erstatten, drückte ihm feierlich seinen Dank für seine edlen Bemühungen aus, und ließ noch in demselben Jahr zwei Gesetze ausgehen, das eine, daß die Unkosten wegen entlassener Gefangenen aus den Grafschaftskassen bezahlt werden sollten, das andere, daß besser für die Gesundheit der Gefangenen gesorgt werde. Howard ließ hoch erfreut beide Beschlüsse auf seine Kosten drucken, und sandte jedem Kerkermeister im Königreich ein Exemplar derselben.

Nachdem er noch die Gefängnisse Schottlands und Irlands bereist und untersucht hatte, wollte er auch die Gefängnisse des europäischen Festlandes damit vergleichen. Im April 1775 reiste er daher nach Paris. Er versuchte in die berüchtigte Bastille einzudringen, wurde aber zurückgewiesen. Im Polizei-Gefängniß Bizetre und einigen andern fand er abscheuliche Kerker, 16 Stufen tief unter der Erde, völlig finster, feucht und eng. Doch fand er im Allgemeinen die Gefängnisse besser, als die englischen. Sie waren reinlich, die Gefangenen waren nicht gefesselt, hatten 2 Pfund Brod täglich und Sonntags ein Pfund Fleisch. Die Geschlechter waren getrennt, und der Kerkermeister durfte bei schwerer Strafe keine geistigen Getränke verabreichen.

Die Gefängnisse in Holland erregten seine Verwunderung durch ihre Reinlichkeit, Ordnung, Gesundheit, Arbeitsamkeit und gute Zucht. Er fand bei der Vergleichung Hollands mit England noch in drei andern Stücken dieses in den Schatten gestellt, erstens, durch die sehr kleine Zahl der Schuldgefangenen: in Amsterdam nur 18; zweitens, daß in den letzten Jahren daselbst keine Hinrichtung stattgefunden hatte, während in London allein von 1749 bis 1771 deren 678 vorgekommen waren; drittens fand er den Meineid in Holland seltner, als in andern Ländern. – Von Holland ging er nach Deutschland, besuchte die Gefängnisse von Bremen, Hamburg, Mannheim. Am letzteren Orte empfingen ihn die Sträflinge bei ihrem Eintritt in den sogenannten Willkomm. Sie wurden nämlich mit dem Nacken, Händen und Füßen in eine Maschine gesteckt, und empfingen 12 – 30 Stockschläge, worauf sie die Thürschwelle küßten, und eintraten. Einige wurden auf dieselbe Weise entlassen.

Nachdem Howard nach England zurückgekehrt war, und die dortigen Gefängnisse abermals besucht hatte, reiste er im Sommer 1776 wieder nach Frankreich, und von da nach der Schweiz. In Genf, Bern, Lausanne und Zürich gefiel ihm die Reinlichkeit, Arbeitsamkeit und Gesundheit der Sträflinge. In einigen Cantonen fand er gar keine Criminalgefangenen, was er der großen Fürsorge für die Erziehung der Jugend zuschrieb. Zu tadeln fand er in Deutschland die zu große Milde gegen zum Tode Verurtheilte, die in den letzten Tagen jede beliebige Speise sich wählen, und mit ihren Freunden zusammen seyn durften. Besser wäre es, ihr Augenmerk auf ihrer Seelen Seligkeit zu richten.

Kaum war er in seine Heimath zurückgekehrt, so durcheilte er von Neuem die Gefängnisse seines Vaterlandes, und gab dann seine erste Gefängnißschrift heraus: „Der Zustand der Gefängnisse in England und Wales.“ Der erste Abschnitt giebt eine allgemeine Uebersicht des leiblichen und geistigen Elends in den Gefängnissen, und schließt mit einer Ansprache voll heiligen Unwillens an viele pharisäische Christen: „Diese Herren, wenn ihnen von dem Elend unserer Gefangnen erzählt wird, begnügen sich zu sagen: „Laß sie sorgen, daß sie draus bleiben!“ und sprechen in ihren Herzen „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie diese Leute,“ … „und scheinen nicht dankbar die Gunst der Vorsehung zu empfinden, welche sie vor jenen Leidenden bevorrechtet… Der 2. Abschnitt handelt von den bösen Gebräuchen in den Gefängnissen, der 3. enthält Vorschläge zur Verbesserung der Bauart und Verwaltung der Gefängnisse. Er dringt besonders darauf, daß die verschiedenen Gefangenen, leichte und schwere Verbrecher, Männer und Weiber, von einander getrennt werden; ferner auf Anstellung von Gefängnißgeistlichen, denen aber die Seelsorge am Herzen liegen müßte. Er schlug bessere Kost, aber auch Arbeit und strenge Zucht vor.

Um seine Erfahrungen in der Gefängnißkunde zu erweitern, unternahm er noch 5 große Reisen aufs Festland von Europa. Zuerst wollen wir noch einige Worte über die Art und Weise seines Reisens sagen. In England ritt er bei seinen Reisen täglich 12 – 15 Stunden mit seinem Bedienten, im Ausland bediente er sich einer deutschen Kutsche, die er gekauft, reiste mehrmals ganz allein, und war wegen eines Wirthshauses nie in Verlegenheit. Einen kleinen Theekessel, Theetopf, und Tassen, Thee und Zwieback hatte er stets bei sich. Oft reiste er mehrere Tage und Nächte durch, und schlief im Wagen so gut, wie im Bett. Seine Zeit suchte er auf allen Reisen so gewissenhaft anzuwenden, daß er sie nie weder Vergnügungen, noch Ehrenbezeugungen opferte. Als er einmal in Leghorn in Italien das dortige Pestlazareth besuchte, lud ihn der Großherzog von Toscana zur Tafel. Er lehnte die Einladung ehrerbietig ab, weil es ihm drei Stunden kosten würde, die ihm gerade jetzt kostbar wären, da er so schnell als möglich ein anderes Gefängniß untersuchen müßte. So vermied er jetzt, nach Rom zu reisen, aus Furcht, die vielen Kunst-Denkmäler daselbst möchten ihn verleiten, zu ihrer Betrachtung viele Zeit zu verwenden, die er zur Untersuchung der Gefängnisse nützlicher anwenden könne. – Zur regelmäßigen Hausandacht nahm er sich aber immer die Zeit, indem er erklärte, wo er eine Hütte habe, solle Gott einen Altar haben. Sein Bedienter wußte die Abendstunde, wo er, wenn sie eingekehrt waren, dann zu ihm auf’s Zimmer kommen mußte. Dies wurde abgeschlossen, und nicht eher geöffnet, als die Andacht beendigt war.

Auf seiner 3. Reise im Jahre 1778 bereiste er Holland, Hannover, Preußen und Oestreich. In Wien fand er die Gefängnisse sehr schlecht, viele Kerker finster, feucht, unreinlich, unter der Erde. Als an der Tafel des englischen Gesandten, zu der Howard eingeladen wurde, die Rede auf die Folter kam, bemerkte ein Tischgenosse, daß dem Kaiser das Verdienst gebührte, in Oestreich dieselbe abgeschafft zu haben. Verzeihen Sie, entgegnete Howard, Se. Kais. Majestät hat nur Eine Art der Folter abgeschafft, um eine andere, grausamere Art an die Stelle zu setzen. Denn die Folter, die er abschaffte, dauerte höchstens nur einige Stunden; aber die, die er eingesetzt, dauert viele Wochen, ja bisweilen Jahre. Die armen Unglücklichen werden in einen ungesunden Kerker, so schlecht wie die schwarze Höhle in Calcutta, geworfen, aus dem sie nur herauskommen, wenn sie bekennen, dessen sie beschuldigt werden.“ „Bst! sagte der Gesandte, Ihre Worte werden Sr. Majestät hinterbracht werden.“ „Wie, erwiederte Howard, soll meine Zunge sich von einem König oder Kaiser auf Erden binden lassen, nicht die Wahrheit zu sprechen? Ich wiederhole, was ich behauptet habe, und halte es wahr.“ Tiefe Stille erfolgte, und Jeder bewunderte seine unverzagte Kühnheit.

Denselben Muth bewies er, als er bei einer späteren Anwesenheit in Wien von Kaiser Joseph II. im Jahre 1786 zu einer Audienz beschieden wurde. Dieser Fürst war kam Einen Monat auf seinem Thron gewesen, so hatte er schon jedes Gefängniß in Wien besucht, und suchte sie zu verbessern. Jetzt wünschte er Howards Erfahrungen zu benutzen. Der Kaiser nahm ihn allein, und fragte ihn um sein Urtheil über das neue Militär-Hospital. Howard fragte zuerst, ob er frei sprechen dürfe, was er denke, und als ihm das zugesichert wurde, sagte er: „Dann muß ich mir die Freiheit nehmen, zu bemerken, daß dasselbe voll Mängel ist. Die Portion Brod ist zu klein; die Zimmer sind nicht rein gehalten, auch in vieler Hinsicht schlecht gebaut. Ein Uebelstand war mir besonders schmerzlich: die Sorge für die Kranken ist Menschen anvertraut, welche für dies Geschäft sehr unpassend sind.“ Der Kaiser erwiederte, was das Brod betreffe, sei die Portion dieselbe, wie die jedes andern Soldaten, Ein Pfund für den Tag, worauf Howard ohne Umstände sagte, das sei nicht hinreichend für einen Mann, der arbeiten solle, oder sich auf der Genesung befände. Er wurde wegen der Gefängnisse gefragt. Als er zauderte, zu sprechen, sagte der Kaiser: „Sprechen Sie ohne Furcht!“ „Ich sah in ihnen, fuhr Howard fort, viele Dinge, die mich mit Staunen und Schmerz erfüllten. Sie haben alle Kerkerlöcher. Es heißt, die Folter sei in Ew. Majestät Staaten abgeschafft, aber es ist nur scheinbar so. Denn, was jetzt geschieht, ist in der That schlimmer, als irgend eine andere Folter. Arme Unglückliche sind eingesperrt 20 Fuß unter der Erde, in Räumen, grade groß genug, ihren Leib aufzunehmen, und einige bleiben darin 18 Monate lang. Alle sind geeigneter Tröstung und geistlicher Hülfe beraubt.“ Der Fürst schien jetzt einiges Mißbehagen zu fühlen, und sagte plötzlich: „Herr, in Ihrem Lande läßt man für die kleinsten Vergehen aufhängen.“ „Ich gestehe, erwiederte Howard, daß die Menge seiner Todesstrafen eine Schande für England ist; aber wie ein Fehler nicht den andern entschuldigt, so ist auch in diesem Falle die Parallele nicht richtig. Denn ich versichere, daß ich, wo möglich, lieber zehnmal gehängt sein wollte, als solch eine fortwährende Reihe von Leiden auszustehen, wie die elenden Wesen ausstehen, die das Unglück haben, in Ew. Majestät Gefängnissen eingesperrt zu seyn.“ so sagte er auch noch in andern Stücken dem Kaiser entschieden die Wahrheit. – Am folgenden Tage erzählte der Kaiser dem englischen Gesandten, daß sein Landsmann ohne Complimente sey; er gefiele ihm aber deswegen nur desto besser; einige seiner Rathschläge werde er befolgen. Howard blieb noch einige Tage in Wien, und hatte die Freude, zu sehen, daß viele von ihm gerügten Mängel abgestellt wurden. Seine ehrenvolle Aufnahme beim Kaiser veranlaßte viele Höflinge, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. So besuchte ihn der eitle Gouverneur von Ober-Oestreich mit seiner eitlen Gemahlinn. Derselbe fragte ihn in hochfahrendem Tone nach dem Zustande der Gefängnisse in seiner Provinz. „Sie sind die schlechtesten in ganz Deutschland, erwiederte Howard, besonders in Betreff der weiblichen Gefangenen, und ich empfehle Ihnen, Frau Gräfinn, sie persönlich zu besuchen, als das beste Mittel, die Mißbräuche abzustellen.“ „Ich, sagte sie stolz, ich in Gefängnisse gehen?“ und damit eilte sie mit ihrem Gemahl, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter, sodaß Howard meinte, es könnte ein Unglück passiren. Er rief ihnen noch mit lauter Stimme nach: „Madame, gedenken Sie, daß Sie selbst ein Weib sind, und bald, gleich der elendesten weiblichen Gefangenen nur einen kleinen Raum der Erde einnehmen werden, von der Sie nicht minder abstammen.“

Von Wien reiste er nach Italien, und besuchte die dortigen Verbesserungs- und Wohlthätigkeitsanstalten. in Mailand fand er zwei Gefängnisse sehr gut. Viele Handwerke und Fabrikanlagen wurden betrieben, 1/3 des Verdienstes erhielten die Gefangenen; sie hatten hinreichend gutes Essen, luftige Schlafsäle, und wechselten jede Woche ihre Leibwäsche. Hier übte er eine der großmüthigen Handlungen, wodurch er fast in jeder solcher Anstalt einen Gefangenen erfreute. Er fand einen jungen Mann von 25 Jahren, der wegen Vielweiberei verhaftet, aber durch die Haft gebessert worden war. Er kaufte ihn los, und versah ihn mit Geld, sodaß er in seine Heimath reisen konnte.

Auf seinem Rückwege fand er in Lüttich das alte und neue Gefängniß schrecklich. Im alten waren 6 eiserne Käfige, in denen zwei Gefangene saßen. Als er in die Kerker unter der Erde hinabstieg, hörte er das Jammern der Unglücklichen. Die Seiten und Decken derselben waren ganz von Stein; bei nassem Wetter floß das Wasser aus den Straßenrinnen hinein, sodaß die Gefangenen erkrankten. Zwei kleine Löcher hatten die Kerker, das eine für Luft, das andere, um die Speisen hinunter zu lassen. Das Geschrei der Gemarterten in der Folterkammer konnten die Wanderer draußen auf der Straße hören, und Wachen waren aufgestellt, um die Letzteren zu verhindern, stehen zu bleiben, und zu horchen. Ein Arzt und ein Chirurgus waren stets bei dem Foltern zugegen, und auf ein Zeichen mit der Klingel brachte der Kerkermeister Wein, Essig und Wasser, damit die Gefolterten nicht im Tode ein Ende der Qual fänden.

Nach seiner Rückkehr nach England 1779 hatte die Regierung in Folge seines kräftigen Anregens beschlossen, zwei große Verbesserungshäuser in der Nähe Londons zu errichten, und Howard nebst zwei Andern zu Oberaufsehern über die Einrichtung derselben angestellt. Als aber durch den Leichtsinn des einen seiner Collegen, und die Lauheit der Regierung zwei Jahre vergingen, ohne daß auch nur der Ort bestimmt worden wäre, legte er die Stelle nieder. Er wollte jetzt seine Erfahrungen über Gefängnisse durch eine Reise in den Norden Europas vervollständigen. Im Mai 1781 reiste er nach Dänemark und Schweden, und von da nach Rußland. Als er nach Petersburg kam, stieg er vor dem Thor aus seinem Wagen, und ging allein in die Stadt, um unerkannt die Gefängnisse untersuchen zu können. Er fand keine ordentlichen Schließer in den Gefängnissen, sondern alle Gefangene von Militär bewacht. Als man ihm zum Ruhme der Regierung erzählte, daß auf kein anderes Verbrechen, als auf Hochverrath die Todesstrafe stehe, mißtraute er der Angabe, um so mehr, da er hörte, daß die Knutenstrafe oft als die Todesstrafe gefürchtet werde. Er fuhr in einem Wagen grade nach dem Hause des Scharfrichters, um die Wahrheit zu erforschen. Dieser war bestürzt, einen Mann von Ansehen zu sich kommen zu sehen. Howard nahm eine hohe Miene und Sprache an, als ob er Befehl habe, ihn zu verhören. „Kannst du die Knute so anwenden, daß der Tod in kurzer Zeit erfolgt?“ – „Ja.“ – „Kürzlich?“ – „Ja; der letzte Mann, gegen den ich die Knutenstrafe anwandte, starb an der Strafe.“ – „Wie machst du sie tödlich?“ „Durch einen oder zwei Streiche an den Seiten, wodurch große Stücke Fleisch weggehauen werden.“ – „Erhältst du Befehl, die Strafe so anzuwenden?“ – „Ja.“ –

Der Polizeiminister in Petersburg zeigte ihm außer der Knute noch andere Strafwerkzeuge, z. B. eins, um die Nasenlöcher der Verbrecher aufzuschlitzen, eins, um sie durch Punktirung zu brandmarken, wo nachher in die Wunden ein schwarzes Pulver eingerieben wird. Die Gefängnisse waren sehr schlecht, aber mehrere Hospitäler reinlich und in gutem Zustande.

Auf der Rückreise fand er das Hospital zu Brügge von 20 Nonnen verwaltet, welche die Männer wie die Frauen, in getrennten Räumen pflegten.

Auf seiner sechsten reise im Jahre 1782 besuchte er die Gefängnisse in Portugal und Spanien. In Madrid wurden ihm alle Gefängnisse geöffnet, nur nicht die der Inquisition. Der General-Inquisitor führte ihn zwar in einen Saal, der roth behangen war; über dem Sitz des Inquisitors war ein Crucifix, vor ihm ein Tisch mit Sitzen für die zwei Sekretäre, und ein Stuhl für den zu Verhörenden. Weiteres bekam er aber nicht zu sehen. In Valladolid war er in dieser Hinsicht etwas glücklicher. Zwei Inquisitoren, ihre Sekretäre und zwei Magistratspersonen führten ihn in mehrere Zimmer, deren eins mit einer Darstellung des Autodafé von 1667 geziert war, wo damals 97 Personen in Gegenwart des spanischen Hofes verbrannt wurden. Das Verhörzimmer war, die das zu Madrid; nur hatte es einen Altar, und eine Thür mit drei Schlössern nach dem Sekretärszimmer, worüber der große Bannfluch angeschlagen war gegen alle Fremde, die hinein zu gehen wagen sollten. Nach langer Berathung der Führer erlaubte man ihm, die heimliche Treppe hinaufzugehen, auf welcher die Gefangenen zur Verhörstube gebracht wurden, und die zu einem Gange mit mehreren Thüren führte, in welche er aber nicht eintreten durfte. Er hörte von den Inquisitoren, daß die Zellen dieses furchtbaren Gefängnisses zwei Thüren hatten, und durch zwei Mauerwände von einander abgesondert waren, um alle Communikation der Eingekerkerten zu vermeiden; daß über diesen Mauern eine Art Röhre war, oben verschlossen, an den Seiten aber mit Löchern versehen, um ein wenig Luft und schwachen Lichtschimmer durchzulassen. Von dem Urtheil dieses Gerichts durfte niemand appelliren. Die unwiderrufliche Gewißheit seiner Verurtheilung, die schreckliche Strenge und undurchdringliche Geheimhaltung seiner Verhandlungen flößten solchen Schrecken ein, daß das Volk schon beim Vorübergehen schauderte.

Im Waisenhause zu Amsterdam fand er 1300 Kinder. Die Zimmer der Direktoren und die Küche waren schön und reinlich, aber die Schlafstuben eng und ungesund, mit Betten überfüllt. In jedem der letzteren lagen 3 – 4, selbst in jedem Krankenbett 2 – 3 Kinder. Viele Wärter waren alt und träge; die Kinder in Folge dessen schmutzig, und die meisten hatten in hohem Grade Hautkrankheiten. Als er auf diesen letzteren Uebelstand die Direktoren aufmerksam machte, antworteten sie ganz ruhig: „Es ist die Hauskrankheit; alle unsere Kinder müssen sich daran gewöhnen.“ Entrüstet ruft er in seinem Tagebuch aus: „So entschuldigen die Aerzte und Direktoren die Nichterfüllung ihrer Pflicht. Die Folge ist, daß wenige dieser Kinder das Mannesalter erreichen, und die dazu kommen, sind ein schwaches, kränkliches Geschlecht.“

Im November 1785 trat Howard seine sechste Reise an. Die Pest richtete nämlich damals große Verheerungen an, und gerade in England fand er nur schwache Vorsichtsmaßregeln. Er wollte nun die vorzüglichsten Pestlazarethe in Europa besuchen, damit er seinem Vaterlande bessere Maßregeln dagegen vorschlagen könnte. Um nicht Andere in das gefährliche Unternehmen hineinzuziehen, ließ er diesmal seinen Bedienten zurück, und machte sich ganz allein auf die Reise. Zuerst wollte er nach Marseille, wo eins der berühmtesten Pestlazarethe war, welches aber die Franzosen auf Eifersucht für ihren Handel bisher dem Auge jedes Fremden entzogen hatten. Glücklich kam er nach Paris, gewann der Polizei, die ihn aufsuchte, einen Vorsprung ab, und erreichte unerkannt Marseille. Durch Hülfe des protestantischen Geistlichen verschaffte er sich Eingang in das Pestlazareth. Er fand es geräumig, und gut eingerichtet. Er verschaffte sich deswegen einen Plan davon, den er nachher veröffentlichte.

In Malta fand er die Lazarethe und Hospitäler in schlechtem Zustande. Als er im Begriff war, nach Smyrna zu segeln, weil dort grade die Pest wüthete, schrieb er an einen Freund: „Eine Wirkung spüre ich während meines Besuchs der Pestlazarethe, nämlich ein heftiges Kopfweh, das mich aber stets Eine Stunde, nachdem ich von jenen Orten weggegangen, verlassen hat. Da ich ganz allein bin, habe ich nöthig, all meinen Muth und meine Entschlossenheit aufzubieten. Viele werden mein Unternehmen chimärisch nennen, und daß es keinen bleibenden Nutzen haben werde. Aber ich beharre durch böse Gerüchte und gute Gerüchte. Ich weiß, ich stürze mich in die größeste Lebensgefahr. Ich setze keine Hoffnung auf irgend etwas, was ich gewesen bin, oder gethan habe. Aber Eine Hoffnung ist vor mir. Auf ihn, auf den Herrn Jesum Christ, setze ich mein Vertrauen. In ihm habe ich einen sichern Trost.“

In die Gefängnisse und Hospitäler Smyrna’s wurde er als Arzt eingeführt. Man zeigte ihm einen jungen Mann, der die Bastonade so furchtbar erhalten hatte, daß sein ganzer Körper geschwollen war. Er ließ ihn in der See baden, auf die Fußsohlen Pflaster von Salz und Essig legen, und ihn kühl halten. Hierdurch und durch zwei Portionen Glaubersalz stellte er ihn wieder her, und erwarb sich dadurch einen bedeutenden Ruf als Arzt. Dieser Ruf folgte ihm auch nach Constantinopel, wo ein Türke ihn zu seiner Tochter, die von allen Aerzten aufgegeben war, rufen ließ. Er heilte sie, und der dankbare Vater bot ihm einen Beutel von 600 Thlr an. Er schlug ihn aus, da er nie Geld nehme, bat sich aber einen Teller Trauben aus seinem Garten aus. Voll Erstaunen über diese Uneigennützigkeit sandte ihm jener täglich die schönsten Früchte. er fand übrigens die Gefängnisse und Hospitäler in dieser Stadt sehr schlecht, aber ein gutes Asyl für Katzen neben der Sophienkirche. In Betreff der Pestkranken stellte er überall Untersuchungen an. – Er wollte jetzt über Wien zurückkehren, als ihm einfiel, daß er, wenn er seinem Vaterlande eine Quarantäne-Anstalt vorschlagen wolle, selbst eine solche durchgemacht haben müßte. Er kehrte deswegen nach Smyrna zurück, um von da nach Venedig zu reisen.

In Venedig angelangt, bekam er im Quarantaine-Haus eine sehr schmutzige Stube voll Ungeziefer, ohne Tisch, Stuhl und Bett. Ein anderes Zimmer, das er nach einigen Tagen bekam, war ebenso ungesund und schmutzig. Das Waschen der Wände mit warmem Wasser half Nichts, sodaß er Mangel an Appetit bekam, und das schleichende Spitalfieber zu bekommen fürchtete. Mit Hülfe des englischen Consuls bekam er Kalk und Pinsel, kälkte sein Zimmer, wodurch dieses so gesund wurde, daß er seinen Appetit und Schlaf wieder erhielt, und die 40 Tage der Quarantaine in ziemlicher Gesundheit zubrachte. Indeß verbitterten ihm den Aufenthalt zwei Nachrichten aus der Heimath.

Eine Anzahl seiner Verehrer in England hatten eine Subscription eröffnet, um ihm ein Denkmal für seine menschenfreundlichen Bemühungen zu setzen. Bei seiner tiefen Demuth schmerzte ihn dies sehr, und er schrieb auf die Nachricht davon an seine Freunde, um das Unternehmen rückgängig zu machen: „Ach, warum konnten meine Freunde, welche wissen, wie sehr ich solche Paraden verabscheue, nicht solch ein voreiliges Unternehmen zurückhalten! – Fürwahr, ich kann den Gedanken nicht ertragen, so in die Oeffentlichkeit geschleppt zu werden. Es verwirrt alle meine Pläne. – Was für eine Mischung von Unlauterkeit ist in unsern besten Handlungen, sodaß das Verlangen nach Lob Eitelkeit und Dünkel ist! – Seht nur immer auf mich, als auf einen der größesten Sünder, was ich wirklich bin! Meine Beerdigung soll nicht mehr als 10 Pfund Kosten verursachen. Mein Grab soll ein einfacher Marmorstein seyn, und gesetzt werden unter das von meiner theuern Henriette in der Kirche zu Cardington, mit der Inschrift:
John Howard, starb den… alt…
Meine Hoffnung ist in Christo!

Die zweite traurige Nachricht war die von der unordentlichen Aufführung seines einzigen Sohnes. auf der Universität war in schlechte Gesellschaften und dadurch in mancherlei Ausschweifungen gerathen, die seinen Körper schwächten. Verkehrte Arzneien wirkten nachtheilig auf seinen Verstand, wovon die Folgen anfingen, sichtbar zu werden.

Howard eilte, so schnell er konnte, nach England. Der traurige Zustand seines Sohnes hatte sich indessen in Wahnsinn gesteigert. Seine Verehrer konnte er nur dadurch von ihrem Vorsatze, ihm ein Denkmal zu errichten abbringen, daß er ihnen auf’s entschiedenste erklärte, sie würden dadurch seine heiligsten Gefühle verletzen, und ihn für immer aus England verbannen. Mit gewohntem Eifer besuchte er wieder die englischen und schottischen Gefängnisse, und gab im Jahre 1789 seine letzte Schrift heraus: „Ein Bericht über die vornehmsten Pesthäuser Europas, nebst Bemerkungen über den Zustand der Gefängnisse in Großbritannien und Irland.“

Howard war 62 Jahre alt. Die vielen Reisen hatten seinen Körper geschwächt., und seine Freunde hofften, er werde sich jetzt Ruhe in seiner Heimath gönnen. Ueberall rühmte man seine Verdienste; die Parlamente Englands und Irlands zollten ihm ihre Anerkennung. Aber dies diente nur zu seine Demüthigung, daß er Gott alle Ehre gab. Sein Tagebuch ist voll von Aeußerungen der Demuth und Dankbarkeit. „Ich bin ganz und gar nicht böse wegen der Anmerkungen, heißt es an einer Stelle, welche einige Personen über mich machen, wie sie meinen, zu meine Demüthigung, weil alles der Art, was sie sagen, Gott desto größere Ehre giebt, in dessen allmächtiger Hand kein Werkzeug schwach ist, vor dem kein Fleisch sich rühmen darf. Aber die ganze Leitung dieser Sache muß der Vorsehung zugeschrieben werden, und Gott zeigt durch mich, wie schwach und unwürdig ich auch bin, der Welt an, daß er die Sache beschützt, und ihm allein sei alles Lob!“

Trotz seines Alters wollte er noch einmal ins Ausland reisen, besonders um seine Erfahrungen übe die Pest zu vervollständigen, und deswegen vorzüglich die Gegenden aufsuchen, wo sie am meisten zu Hause ist, die asiatische Türkei, die Tartarei und Nordafrika. Er hatte jedoch eine Ahnung, daß er wohl nicht wieder zurückkehren würde, und schrieb deswegen sein Testament. Seinen Sohn bedachte er reichlich, bestimmte aber auch viele Legate für Arme und Gefangne. Für den Fall, daß er in England sterben würde, bestimmte er nochmals die einfachste Beerdigung, und als Leichentext Ps. 17, 15, „Denn ich kann wirklich, bemerkte er, mit dem Psalmisten sagen: Ich will schauen dein Angesicht in Gerechtigkeit; ich will sagen werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde.“ Zugleich nahm er seinem vertrautesten Freunde, dem Prediger Smith, das feierliche Versprechen ab, in der Leichenpredigt nichts Einzelnes von seinem Leben und seinen Handlungen zu erzählen.

Am 5. Juli 1789 reiste er mit seinem Bedienten ab, über Holland, Hannover und Preußen, überall die Besserungs- und Wohlthätigkeits-Anstalten besuchend, nach Rußland. Hier sah er die Gefängnisse in Petersburg und Moskau, zuletzt in Cherson am Dnieper, im Süden Rußlands. Am letzten Orte fand er ein Hospital für’s Militär und für Matrosen in sehr schlechtem Zustande. Die Höfe und Gänge wurden nie gewaschen, die Bettstellen und Betten waren gleich schmutzig, und die letztern wurden auch nach eines Kranken Tode nie gewechselt. Die Stuben waren eng und überfüllt, Kranke aller Art durcheinander, die Kost und Arznei schlecht. So verwandelte sich das Wechselfieber meist sehr bald in Faulfieber, und von 11319 Kranken waren binnen 13 Monaten 1949 gestorben. Im Dezember 1789 kam eine große Anzahl Offiziere auf Urlaub nach Cherson. Sie brachten ein ansteckendes Fieber aus dem Lager mit, welches schnell um sich griff. Howard wurde dringend zu einer jungen Dame in der Umgegend gerufen, welche daran erkrankt war. Er ließ sich bewegen, zu ihr zu eilen, obgleich er sonst nur Armen ärztliche Hülfe angedeihen ließ. er wurde Anfang Januars 1790 von ihrem Fieber angesteckt. Er bediente sich Anfangs selbst mit Arznei; Fürst Potemkin sandte im seinen Leibarzt. Aber der fühlte, daß sein Ende herannahte, war jedoch voll Danks und Vertrauens. Es heißt, in seinem Tagebuche: „Möge ich nicht auf die gegenwärtige Noth achten, oder an künftige denken in dieser Welt, wo ich nur ein Pilgrim oder ein Kriegsmann bin, der nur Eine Nacht verweilt! Dies ist nicht meine Heimath, sondern möge ich an das denken, was Gott für mich gethan hat, und seiner Macht und Gnade vertrauen“ Denn seine Verheißung, seine Gnade ist ewig, aber ich bin schwach und matt. – Hilf mir, dich auf Erden zu verherrlichen, und das Werk vollenden, das du mir zu thun gegeben hast, und deinem Namen allein sey alles Lob.“ „O, – so sind die letzten Worte seines Tagebuchs, – möge der Sohn Gottes nicht vergeblich für mich gestorben seyn! Ich schaue nie in mich selbst hinein wo ich nicht einige Verderbniß und Sünde in meinem Herzen finde. O Gott, heilige und reinige du die Gedanken meines verderbten Herzens!“ Admiral Prießmann besuchte ihn, und suchte ihn von ernsten Gesprächen abzulenken. „Prießmann, sagte Howard zu ihm, Sie nennen dies eine düstere Unterhaltung, und wollen meine Seele abhalten, bei Todesgedanken zu verweilen; ich aber bin ganz anderer Ansicht. Der Tod hat keine Schrecken für mich; ich sehe darauf hin mit Freuden, und dieser Gegenstand ist mir lieber, als jeder andere.“ „Dort, fuhr er fort, beim Dorfe Dauphigny ist ein Ort, den Sie kennen. Da möchte ich am liebsten begraben seyn. Leiden Sie nicht, daß irgend ein Prunk bei meiner Beerdigung stattfinde, noch daß irgend ein Denkmal bezeichne, wo ich liege. Sondern legen Sie mich stille in die Erde, setzen Sie eine Sonnenuhr über mein Grab, und lassen Sie mich vergessen werden!“ Kurz vor seinem Tode erhielt er noch die Nachricht aus England, daß sein Sohn auf der Besserung sei. „Ist das nicht Trost für einen sterbenden Vater?“ fragte er den Admiral, indem er ihm den Brief zum Lesen gab. Darauf bat er, ihn nicht nach den Gebräuchen der griechischen Kirche zu beerdigen, sondern die englische Liturgie auf seinem Grabe zu lesen, und entschlief sanft am 20. Januar Morgens um acht Uhr.

600 Stunden von seiner Heimath entfernt, starb er. Aber auch in Rußland zeigte sich eine allgemeine Theilnahme bei dem Verluste des edlen Menschenfreundes. Seine Leiche wurde feierlich auf einem Wagen mit sechs Pferden nach dem Grabplatze, den er bestimmt hatte, gebracht. Der Fürst der Moldau, die Admiräle Prießmann und Mordwinof, der General und die Stabsoffiziere, die Obrigkeiten und Kaufmannschaft von Cherson im Wagen, eine große Schaar Cavallerie, und einige Tausend Mann zu Fuß begleiteten die Leiche. Eine kleine Pyramide von Backsteinen wurde statt der Sonnenuhr, die er gewünscht hatte, auf seinem Grabe aufgerichtet. Fürst Potemkin ließ vor Beerdigung noch zwei Abdrücke von seinem Gesicht nehmen, eins für sich, das andere für Howard’s Bedienten, der ihn mit nach England nahm. Denn während seines Lebens hatte Howard in seiner Demuth nie sich wollen malen lassen; nur verstohlen hatte ein Maler sein Bild zeichnen können. Als die Nachricht von seinem Tode nach England kam, zeigte auch hier Alles, Regierung, wie das ganze Volk, die allgemeinste Theilnahme. In der St. Paulskirche wurde ihm ein Bildsäule errichtet, mit einer langen Inschrift, die seine Verdienste um die leidende Menschheit aufzählt.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859