Stephanus, Diakon und Märtyrer

Der Erstling unter denen, die mit dem Tode ihren Glauben bezeugten, hat nicht bloß die Märtyrerkrone auf dem Haupte, er ist selber die Krone der Märtyrer. Stephanus gehört zu den Wenigen, welche gleich dem, in dessen Namen Alle selig werden, auch waren was sie hießen. Kranz oder Krone heißt Stephanus auf deutsch und war er nicht der Kranz der Ehren auf der reinen, vom Zeugenblute herrlich gerötheten Stirne der jungen Kreuz-Gemeine? Mit dem Lieblingsjünger des Herrn ist Stephanus, der beredte, schöne, begeisterte Jüngling die Lieblingsgestalt des Neuen Testamentes und derer, die es lieb haben. Ja die Kirche hat im Reigen der Zeugen, deren Gedächtniß sie festlich begeht, einem Stephanus selbst den Vortritt vor einem Johannes gelassen, indem sie nach des Herrn Geburtstag in’s Fleischesleben des ersten Blutzeugen Geburtstag in’s ewige Leben setzte. Wie der alte Kirchenlehrer sagt: Christus zog für uns den Menschen an, Stephanus zog ihn für Christum aus. St. Stephanstag soll als zweiter Weihnachtstag dem sinnenden Gemüthe lehren: willst du Christi Leben in dir haben, so mußt du mit ihm zum Tode gehen und damit du in ihm sterben könntest ist er für dich geboren worden.

Der heilige Lukas berichtet in der Apostelgeschichte (1, 14) wie die Jünger einmüthig bei einander waren mit beten und flehen und sammt denen, die durch sie gläubig wurden, beständig blieben in der Gemeinschaft und im Brotbrechen (2, 42 ff.). Alle Gläubigen waren täglich beisammen im Tempel und ihre gemeinsamen Mahlzeiten hielten sie in den Häusern herum. Der Hausvater brach da das Brod unter Gebet und Danksagung und sprach den Segen, zum Schlusse verwandelte sich das tägliche „Liebesmahl“ in ein heiliges Abendmahl, indem unter Heiligen Gesängen das gesegnete Brod genossen wurde und der gesegnete Kelch in die Runde ging.

Wenn schon im Heidenthum das Wort galt: Freunden ist Alles gemeinsam, so trieb die ersten Christen die Liebe des Gekreuzigten noch vielmehr, nicht auf das Ihre zu sehen, sondern auf das was des Bruders ist. „Sie hielten Alles gemein.“ Nach des Herrn Wort: „verkaufet was ihr habt und gebet Almosen, machet euch einen Schatz, der nicht abnimmt im Himmel,“ verkauften sie Güter und Habe aus freier Hand und stellten das Vermögen der Gemeinde zu freier Verfügung. So war die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele, keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, jeder sah im eigenen Besitz nur ein Gemeinde-Gut. Mithin war kein Bettler, keiner der Mangel hatte, aus dem gemeinsamen Beutel gab man einem Jeglichen, was ihm noth war. Ein Zug freiwillig sich selbst und das Eigene hingebender Liebe ergriff die Herzen, die Regel machte sich von selbst ohne Gesetz und Zwang. Kein Wunder aber auch wenn an diese neue Kirche der gläubigen Liebe Satan gleich seine Kapelle der selbstsüchtigen Lüge anbauen wollte. Ananias und sein Weib Sapphira wollten auch nicht zurückbleiben, verkauften einen Acker, behielten aber einen Theil und legten den andern als sei es der ganze Erlös zu der Apostel Füßen. Sie hätten das Gut behalten mögen und auch der Erlös war in ihrer Gewalt, nachdem sie ihn aber einmal als eine Liebesgabe an die Gemeindekasse erklärt und doch heuchlerisch und lügnerisch ihr einen Theil entzogen, fielen die vom Satan erfüllten Herzen dem Strafgerichte des Heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit und der ungefärbten Bruderliebe anheim. Er schlug die Heuchler, daß sie todt niederfielen. Man verscharrte sie neben einander, und vielleicht war Stephanus unter den „Jünglingen“ die sie hinaustrugen an ihren Ort.

Der heilsame Schrecken, den dieses Gerichtswunder in und außer der Gemeinde verbreitete, wirkte reinigend und mehrend nach innen und außen. Als aber die Gemeinde sich bedeutend vergrößerte, wurde unter den griechisch redenden, von auswärts gekommenen Judenchristen – theils gebornen und übergetretenen Heiden, theils gebornen Juden, welche die damalige griechische Weltsprache redeten und nun Christen geworden waren – eine Unzufriedenheit laut gegen die hebräisch redenden und in Palästina wohnenden Judenchrisien, daß ihre Witwen bei der täglichen Verpflegung und Kostreichung übersehen würden. Sogleich beriefen die Zwölfe die in Jerusalem vorhandenen Christen in eine große Versammlung und trugen ihr vor, wie es nicht mehr wohl angehe, daß sie sich wie bisher persönlich der Bedienung bei Tische widmen, es müsse darunter nothwendig ihr Hauptberuf, der Dienst am Worte leiden und könnte bei der wachsenden Christenzahl auch, so gerne sie dem lieblichen Beispiele des Meisters: wer der Größte sei, solle aller Diener sein, folgen und in jeder Beziehung Haus- und Brodväter der Gemeinde sein wollten, selbst die leibliche Bedienung nicht in vollkommener Ordnung geschehen. Wenn sie nicht überall selbst ab- und ankommen konnten, durch Dritte sich vertreten ließen, und dann namentlich verschämte Arme und Witwen sich nicht zu den Tischen heranwagten, mußte Unzufriedenheit entstehen. Die Gemeinde solle daher sieben Männer von gutem Leumund ersehen, die voll heiligen Geistes und Weisheit zu diesem Geschäfte brauchbar wären, indeß die Apostel dem Gebete und der Predigt ungestört leben könnten..

Die glückliche Erstlingsgemeinde fand bald die nöthigen Männer. Vor den fiel die Wahl auf Stephanus, „einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes.“ Zu ihm hin wurden noch sechs andere erkoren, so daß wohl drei aus den palästinensischen, drei aus den ausländischen Judenchristen und einer, Nikolaus von Antiochia, aus den erst vom Heidenthum in’s Judenthum übergetretenen und nun an Jesum gläubig gewordenen Christen genommen wurden. Diese Männer – nicht bloß von bürgerlicher Ehrbarkeit und äußerlicher Geschäftstüchtigkeit, sondern voll Glaubens und heiligen Geistes – wurden unter Gebet und Handauflegung von den Aposteln zu „Diakonen“ oder Armenpflegern geweiht. Sie waren damit gesetzt über die Güter der Gemeinde und sollten vornämlich für die Kostreichung und Bedienung bei den gemeinsamen Liebesmahlen sorgen.

Hiemit war eine Anstalt getroffen, die zur Zierde und Ausbreitung des jungen Christenthums die herrlichsten Dienste that. Von solcher geheiligten und geordneten, freiwilligen und persönlichen Liebesthätigkeit überrascht und angezogen, gab die lauschende heidnische und jüdische Umgebung lautes Zeugniß mit dem Ausrufe, den die Geschichte uns aufbewahrt hat: „Seht, wie haben sich diese Leute so lieb!“ Und was hier in ersten Grundzügen einfach für die einfachen Verhältnisse apostolisch geordnet war, wurde weiterhin ausgebildete kirchliche Ordnung. Der Apostel Paulus versäumte nicht, dieses Heilige Amt der Armen- und Kranken-, Witwen- und Waisenpflege als geordnete Verwaltung der Gemeindegüter in seinen neugestifteten Gemeinden zu pflanzen und zu begießen. Seinem Timotheus schreibt er (1. Brief, 3, 8. 5, 4.) die Erfordernisse zu solch einem Diener („Diakonus“), daß er nämlich ehrbar, lauter, mäßig, nur einmal verheirathet, ein guter Erzieher und Hausvater und überall wohl erprobt sein müsse, daß er keine unehrliche Handtierung treiben dürfe, und das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewissen haben müsse. Deßgleichen dürfen für die weiblichen Armen und Kranken zu Pflegerinnen („Diakonissinnen“) genommen werden nur untadelige, einmal verheirathete, nicht unter 60 Jahr alte Witwen, welche sich als geordnete Haushälterinnen und Erzieherinnen, gastfrei, mildthätig, dienstfertig bewährt hätten. Eine solche barmherzige Schwester war die Phöbe, welche der Apostel Röm. 16, 1. empfiehlt.

So mußte der Mann das Diakonenamt am kräftigsten fördern helfen, welcher den ersten Diakonus half zum ersten Märtyrer machen. Stephanus nämlich, der reichbegnadigte und geheiligte, entfaltete in rastlosem Glaubens- und Liebeseifer eine wunderbare Thätigkeit. Mit Wort und Werk war er ein Zeichen vor allem Volke, was ein Mann vermöge, den der Geist und die Liebe Christi dringet. Natürlich wurde dem Zeichen und Zeugniß widersprochen. Namentlich mit Leuten aus der Genossenschaft der Juden, welche als Sklaven nach Rom geführt und daselbst frei geworden waren und ihrer Söhne (Libertiner), ferner mit einigen aus der Schulgemeinde der cyrenischen, alexandrinischen, kleinasiatischen und cilicischen Juden mußte er sich herumstreiten. Aber sie vermochten mit all ihrer jüdischen Schriftgelehrsamkeit und weltlichen Spitzfindigkeit der einfältigen Gottesweisheit in Stephanus nicht zu widerstehen, und eilten, aus dem Schulgezänke eine Volksbewegung zu machen und durch Unterstellung falscher Zeugen den Mann voll heiligen Geistes als Gotteslästerer, Gesetzesverächter, Tempelzerstörer vor das Ketzergericht des hohen Rathes zu schleppen. Man habe ihn sagen hören: „Jesus dieser Nazarener werde diese heilige Stätte zerstören und die von Moses her geltenden Gesetze und Sitten ändern.“

Für Stephanus war die schönste Stunde seines Lebens gekommen, er durfte dem Tode seines Herrn ähnlich werden. Keine Spur von Angst oder Schrecken – sein schönes Antlitz strahlte verklärt wie eines Engels Angesicht; alle Blicke selbst seiner Gegner hingen an dem holdseligen Jüngling, der mit bescheidener Freimüthigkeit sich an seine „lieben Brüder und Väter“ mit einer Rede wandte, welche uns in der Apostelgeschichte (Kap. 7.) als ein Zeugniß seines hellen Blickes und seiner überlegenen Kraft aufbehalten ist. Er zeigte, wie er das Alte Testament in Ehren zu halten wisse, und seinen Moses und den Tempel besser verstehe als seine Kläger, welche ächte Söhne ihrer Väter seien. Wie diese keinem Moses folgten und keinen Propheten unverfolgt ließen, so haben auch sie kein göttliches Gesetz gehalten und seien an dem von Moses und den Propheten Verkündigten zu Verräthern und Mördern geworden – „da sie solches hörten, ging’s ihnen durch’s Herz und bissen die Zähne zusammen über ihm.“ Er aber voll Heiligen Geistes sah auf gen Himmel und sprach von dem was er dort sah: die Herrlichkeit Gottes und Jesum zu seiner Rechten stehend – ihm mit der Krone des Lebens winkend und die Palme des Sieges ihm entgegensendend. Mit lautem Geschrei, ihre Ohren vor solcher Gotteslästerung zuhaltend, stürmten sie auf ihn ein, stießen ihn vor die Stadt hinaus und steinigten ihn. Man zeigt noch heute den Platz der Steinigung vor der östlichen Mauer Jerusalems. Unter der Steinigung rief Stephanus an: HErr Jesu nimm meinen Geist auf. Auf die Kniee sich niederlassend schrie er laut: HErr behalt ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, entschlief er.

Die falschen Zeugen, welche den ersten Steinwurf thun mußten, legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines Jünglings, der hieß Saulus. Saulus hatte Wohlgefallen an seinem Tode. Das Gewitter war noch nicht vorüber; der Blitz hatte die Krone herabgeschlagen, der Sturm wüthete fort in den Aesten, am selbigen Tage erhub sich eine große Verfolgung über die Gemeine zu Jerusalem, Saulus voran zog Männer und Weiber aus den Häusern hervor in’s Gefängniß, alles was fliehen konnte, floh in andere Orte Judäa’s und Samaria’s. Nur die Apostel blieben heldenmüthig gleich dem unzerbrechlichen Eichenstamme auf ihrem Platze. Indessen gingen die, welche zerstreut waren, um und predigten das Wort. Was die Menschen gedachten böse zu machen, wußte Gott gut zu machen – auf den Fittigen des Sturmes mußte der Blüthenstaub vom jungen Lebensbaume der Menschheit in die Ferne getragen werden. Stephanus aber ward würdig begraben von gottesfürchtigen Juden, die das junge, geopferte, „einer bessern Sache würdige“ Leben beklagten. Das Blut des ersten Märtyrers düngte den vom Sturm der Verfolgung durchwühlten Boden der ersten Kirche; die Steine, die den einen Jüngling zum Tode trafen, trafen den andern Jüngling zum Leben: Saulus konnte den Stachel jenes Todes nicht verwinden bis er den gefunden, der allem Tode den Stachel nahm.

Stephanus starb etwa 37 Jahre nach seines Herrn Geburt. Im Anfang des 5ten Jahrhunderts wollte man seine Gebeine wieder auffinden, und die Verehrung, die von Anfang dem ersten Diakonus und Märtyrer gezollt wurde, fand ihren besondern Feiertag am zweiten Weihnachtstage. Eine Menge von Städten erwählten sich den Jüngling mit dem Stein auf dem Kopfe oder in der Hand zu ihrem Schubherrn. Seines Namens Gedächtniß konnte auch in der evangelischen Kirche nie verschwinden, wohl aber leider das seines Amtes. Nun aber in dieser letzten betrübten Zeit, da der gerichtete Aufruhr mit dem Worte „Vater ich komme um Rache für meine Mörder zu beten!“ vor die tödtenden Kugeln tritt, nun ist’s hohe Zeit, daß die evangelische Kirche wieder aufschaue zu diesem Stern erster Größe am Himmel des bekennenden Glaubens und der dienenden Liebe. Stephanus, der Blutzeuge und Stephanus, der Diakon müsse dem evangelischen Deutschland als glänzendes Vorbild auf den dunkeln Gängen seiner Diakonen und Diakonissinnen, als leuchtender Hoffnungsstern gelten für die Freuden und Leiden ihrer „innern Mission.“

H. Merz in Schwäbisch Hall.

Dionysius Areopagita.

Nordwestlich von der gefeierten Akropolis Athens mit ihrem Reichthum an Wunderwerken der Kunst erhebt sich, durch ein tiefes Thal davon geschieden, ein schmaler nackter Rücken von Kalksteinfelsen, der im Norden allmählich emporsteigt, im Süden dagegen steil abfällt. Das ist jener alte Hügel des Ares (Areopag), auf dem einst in Griechenlands alten Tagen, nachdem mit der Einführung des Apollocultus das Gesetz der Blutrache allmählich verstummt war, die Pflege sittlicher Gerechtigkeit von Seiten des Staats begonnen hatte und Jahrhunderte lang über peinliche Verbrechen Gericht gehalten war. Noch jetzt sieht man auf der Spitze die Sitze der Richter und der Partheien in den Felsen gehauen, und im Südwesten führt eine gleichfalls in den Felsen gehauene Treppe in das Thal hinab.

Wahrscheinlich diese Treppe war es, auf welcher, von dem alten Markte her, der zwischen jenem Felsrücken und dem Versammlungsplage des freien atheniensischen Volkes, der Pnyx, lag, der Apostel Paulus bei seinem ersten Missionsbesuche den Areshügel hinangeführt wurde. Dort stand er nun, umgeben von den Weisen und Gebildeten des Volks, das alle Bahnen wissenschaftlicher und künstlerischer Bildung durchmessen zu haben schien, und nun, des eigenen Reichthums satt und überdrüssig, nur nach Neuem verlangte, mit jener ewig denkwürdigen Predigt des Evangeliums, die uns Lukas in der Apostelgeschichte 17,22-31. aufbewahrt hat. Es ist mit derselben ein gewaltiger Umschwung im Gebiete der Geister, eine weltgeschichtliche Aufgabe bezeichnet, an deren Lösung die christliche Kirche fort und fort zu arbeiten hat.

Der Erfolg des wunderbaren Worts war ein sehr verschiedener. Etliche hatten’s ihren Spott, etliche aber sprachen: „Wir wollen dich davon weiter hören“, vielleicht weniger von aufrichtigem Verlangen getrieben, als unbewußt ergriffen von jener Gewalt, mit der der heilige Geist in den Dienern des Herrn die Welt richtet um der Sünde willen, wie sie über den Landpfleger Felix kam, als er sprach: „Gehe hin auf dies Mal; wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich her lassen rufen.“ Wenigstens fügt Lukas seinem Berichte weiter hinzu: „Also ging Paulus von ihnen.“, „Etliche Männer aber“ – folgt dann zuletzt „hingen ihm an und wurden gläubig, unter welchen war Dionysius, einer aus dem Rath.“

Es liegt ein beredtes Schweigen auf dieser Stelle. Das Samenkorn ruht ja eine Weile in der Erde, – darnach gehet es auf. Die Wirksamkeit des Paulus war darum keine geringere, sie war langsamer, aber vielleicht nachhaltiger. Jenen Dionysius, den „Areopagiten“, Mitglied des höchsten Gerichts also, macht die von Eusebius aufbewahrte kirchliche Sage zum ersten Bischof der christlichen Gemeinde in Athen, den Paulus selbst zu solchem Amte eingelegt habe; ja, dieselbe läßt ihn auch nach anderweitigen Zeugnissen dort am Ende den Märtyrertod erleiden. Sonst ist von seiner Person wenig oder nichts überliefert; die unter seinem Namen gebenden Schriften, von denen die ersten fünf Jahrhunderte der christlichen Kirche nichts wissen, an deren Echtheit dann aber Jahrhunderte lang kein Zweifel gehegt wurde, gelten nunmehr lange schon für unecht, wenn auch Gedanken, wie die nachfolgenden, die uns Johannes Damascenus „vom echten Glauben“ aufbewahrt hat, eines Apostels der feinen Athenienser wohl würdig wären: „Gott ist die Ursache und der Grund aller Dinge, das Wesen der Wesen, das Leben der Lebenden, die Vernunft der Vernünftigen, der Verstand der Verständigen, die Wiederbringung und Auferstehung derer, die sich davon verirrt haben, die Erneuerung und Umbildung derer, welche die Natur verdorben haben, die heilige Befestigung derer, welche durch einen unheiligen Trieb in Bewegung gesetzt werden, die Sicherheit derer, die da stehen, der Weg und die zurechtweisende Handleitung derer, die dahin aufsteigen wollen.“

Es gab noch andere Diener der ältesten christlichen Kirche, die den Namen Dionysius trugen und mit dem hier bezeichneten nicht zu verwechseln sind, unter welchen vor den übrigen derjenige hervorragt, welcher für den Apostel von Gallien gilt. Aber keiner von ihnen hat die vorzügliche Beachtung verdient, wie derjenige, in welchem das Samenkorn der Paulinischen Predigt an die bildungsuchende und bildungsstolze Welt, die von der altberühmten Mutter der feinsten und gesuchtesten Erkenntniß repräsentiert wird, die erste reife Frucht trug. In ihn haben wir den Widerschein jener Strahlenbrechung, welche entsteht, wenn das Licht der ewigen Wahrheit durch die Wolken menschlicher Bildung fällt.

Nicht mit Unrecht hatte die Stadt Athen in dem Munde eines ihrer frömmsten und sinnvollsten Dichter den Namen der gottesfürchtigsten unter den hellenischen Städten geführt. Auch der Apostel Paulus bezeugt es ihr, daß die Spuren eines ununterbrochenen Suchens nach der gefürchteten höheren Macht überall in ihr unverkennbar seien; aber je mehr denn nun gesucht worden ist und nicht gefunden, desto lebendiger tritt die Mahnung heran, den zu ergreifen, der sich selber darbietet und offenbart. Und als ob die Athener ängstlich gefürchtet, daß sie noch eine ihnen dunkel gebliebene Kundgebung göttlichen Wesens ohne Zeichen der Verehrung gelassen hätten, haben sie auch dem unbekannten Gotte seinen Altar gebauet. Sie haben gemeint, die Fülle des Ewigen und Unsichtbaren durch die Formen des Endlichen und Unsichtbaren erschöpfen und würdig darstellen zu können; so wurde ihr Cultus veräußerlicht und aller wahrhaftigen Erkenntniß und thatkräftigen Liebe entblößt. Sie haben darnach gerungen, Gott und die Welt klar von einander zu unterscheiden; aber sie sind so dahin gerathen, Gott und die Welt völlig von einander zu trennen und haben hinwiederum zuletzt beide nur um so vollkommener mit einander vermischt und so die Gottheit in die Schranken der natürlichen Welt beschlossen. Gott hatte es ihnen freigelassen, den Umkreis ihrer selbsterzeugten religiösen Gedanken und sittlichen Grundsätze nicht innerhalb der festen Schranken einer mit Mauer und Zaun umgebenen Nationalität zu halten, aber sie haben darum auch nicht vermocht, über den Gegensatz von Grieche und Barbar hinauszukommen, blieben also ohne die Ahnung einer das menschliche Geschlecht umfassenden Gemeinschaft, in welcher Gott mit seinem ewigen Regimente Alles geordnet und nach Völkern und Zeiten weislich vertheilet hat. Und über dem Allen hatte er ihnen das vollste Maß geistiger Gaben und Kräfte gegeben, damit sie ihn suchen sollten, ob sie ihn fassen und finden möchten; aber das Verlangen und die Sehnsucht, die er in der Tiefe ihrer Seele Wurzel schlagen ließ, waren größer als das Vermögen, die rechte Befriedigung dafür zu schaffen. Ja, sie wurden ihrem eigenen besseren Sinne selbst ungetreu: ungeachtet der von ihren Dichtern bezeugten Ahnung einer Gottesverwandtschaft, die freilich als ein unverstandenes Räthsel vor ihnen lag, zu welchem erst die Offenbarung in der uns anerschaffenen göttlichen Ebenbildlichkeit die Lösung fügen konnte, haben sie doch nicht einmal zu der selbstbewußten freien Persönlichkeit mit ihren Göttern sich erheben können, sondern sind zu den Gebilden menschlicher Hand hinabgesunken und so in die unwürdigste Knechtschaft des Götzendienstes gerathen.

Um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts stand Athen am Grabe aller seiner Hoffnungen: seine bürgerliche Freiheit war geknechtet, seine geistige Blüthe verwelkt, das stolze Gebäude seiner die Welt umfassenden Gedanken zertrümmert. Ausgegangen von dem Jenseitigsten und Fernsten, dahin die menschliche Betrachtung sich verlieren kann, war es bei dem Unmittelbarsten und Nächsten zuletzt wieder angekommen, und hatte in diesem ganzen Kreislauf den Trost und die Wahrheit nicht gefunden, wonach es rastlos gesucht. Grade in der schwersten Aufgabe, auf dem allein möglichen Wege, der dem Menschen durch die selbstbewußte Einheit seines leiblich-geistigen Wesens erleichtert wird, nemlich in der lebendigen Zuversicht des Glaubens die Brücke vom Endlichen zum Unsichtbaren hinüber zu schlagen, waren die Griechen endlich wieder bei dem Punkte angekommen, wo sie, in den Dienst der Sinne und des endlichen Wesens festgebannt, jede Fähigkeit zur Lösung eingebüßt hatten. Eben darum war in einer Zeit, wo das Suchen vorüber und nun mit dem Annehmen eines Gegebenen ganzer Ernst zu machen war, die Verkündigung des menschgewordenen Gottes, der selber auf das Klarste das Ewige mit dem Endlichen verbunden und aus dem Tode wiederum das Leben genommen hatte, wie den Juden ein Aergerniß, so den Griechen eine Thorheit.

Aber in der Seele Einzelner ging die mächtige Umwälzung vor sich; als ihren Erstling und Vertreter ehrten die Jahrhunderte den Areopagiten Dionysius. Und als Raphael zu den in Flandern gewirkten Tapeten, die zum Schmuck der sixtinischen Capelle bestimmt waren, seine unsterblichen Cartons arbeitete, da wählte er unter den bedeutendsten Momenten aus der Gründungsgeschichte der christlichen Kirche auch die ewig denkwürdige Predigt auf dem Areopag.

Friedr. Lübker in Parchim.

Maria, Martha, Lazarus

Maria, Lazarus, Martha:- Glaube, Hoffnung, Liebe? Fast möchte man so deuten. Der Glaube sitzt empfangend zu Jesu Füßen: Maria; – die Hoffnung schweigt, blickt aufwärts und wird gekrönt: Lazarus; – die Liebe wirft, rührt sich und dienet: Martha. Doch was bildern wir, wo die Gedichte so mächtig redet und so reiche Gedankenschätze vor uns aufthut? – Maria, Lazarus, Martha. Kaum leben im kirchlichen Bewußtsein drei andre Persönlichkeiten der heiligen Geschichte in sicherern Gestalten und kräftigern Zügen fort, als diese.

Bethanien! Wer vernimmt dieses Namens süßen Klang, und träumt nicht von einem Himmelsvorhof im Thal des Todes? – Das aus der drei Geschwister war ein solcher. Nirgends findet sich vor dem großen Pfingsttage das neue Geistesleben in solcher Fülle, Frische und Vertiefung schon entfaltet, wie hier. Die Familie Bethaniens gewährt den herzerhebenden, verheißungsreichen Anblick eines lebensvollen Vorbildes des vollendeten Christusreichs auf Erden. Als in dem liebsten Gehege seines hoffnungsvoll erblühenden Gottesgartens pflegte der Herr nach des Tages Last und Hitze hier zu weilen. Auf seine Einkehr in Bethanien hat man das Wort des Hohenliedes deuten wollen: „Mein Freund ist hinab gegangen in seinen Garten zu den Würzbeeten, daß er sich weide und Rosen breche.“

An dem Herzen Maria’s fand der göttliche Sünderfreund für die Himmelsaussaat seines Worts ein fruchtbares und ergiebiges Ackerwerk. Ein tiefes Heilsbedürfniß führte ihm diese innige und reichbesaitete Seele zu, und ließ sie in dem Manne von Nazareth den Mittler Gottes schon erahnen, ehe dieser es selbst noch an der Zeit erachtete, als solchen sich der Welt zu offenbaren. Mit der Losung Assaphs in der Tiefe ihres Gemüths: „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde,“ klammerte sie sich bald nach der ersten Begegnung schon, eine Halt und Hülfe suchende Epheuranke, mit allen Fasern ihres innern Lebens an ihn an. Was sie mit Schmerzen gesucht, aber nirgends gefunden, fand sie in überschwänglicher Fülle bei Ihm. Vielleicht wußte sie’s eine geraume Zeit hindurch mit Namen nicht zu nennen, doch hatte sie’s. Saß sie, seinen Lebensworten lauschend, zu seinen Füßen, so fühlte sie sich am Ziele ihres innersten und heiligsten Begehrens, und schaute er sie an mit dem Auge von Erbarmung, so trank sie wie aus unsichtbaren Wunderquellen an dem Doppelbewußtsein getilgter Schuld und wiedergewonnener Gotteskindschaft eine Friedenswonne bis in’s Herz, von der sie früher kaum eine Ahnung hatte. Welch ein Festtag ging der Hütte zu Bethanien auf, so oft Er dieselbe mit seiner regnenden Einkehr wiederum beglückte. Dann däuchte der lieben Jüngerin ihr Haus ein Tempel, ihr armes Gemach ein Allerheiligstes, das die Herrlichkeit des Herrn erfüllte. Sie war nur Auge dann und Ohr für Ihn. Wie in den honigreichen Blüthenfeld die Biene, so versenkte sich ihre Seele in jeden Laut seiner Lippe. Wie der Morgenstern, des eignen Glanzes sich begebend, in dem Strahlenmeer der heraufsteigenden Sonne, so ging sie auf in der Herrlichkeit, von der Johannes zeuget: „Wir sahen sie, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“

Lukas, der Evangelist, führt und in eine solche Feierscene ein. Da begegnet uns denn die Sinnige ganz wieder an den ewigen Magnet ihres Herzens hingegeben. Lebendiges Wasser strömt von seinem Munde: sie trinkt’s mit vollen, seligen Zügen. Mit seinen Weisheitssprüchen aber trinkt sie sich sein Bild, mit seinen Trostesworten Ihn Selbst in’s Herz herein. Martha, die ältere Schwester, vielleicht verwitwet, weil Eigenthümerin des Hauses, ist mit der Bereitung des Abendbrodes für den hohen Gast beschäftigt. Auch sie ist überglücklich, unter ihrem Dache den Mann zu wissen, von dessen Ruhme damals noch Judäa voll war, und welchem die göttliche Sendung so unverkennbar in leuchtenden Zügen von der Stirn strahlte. Was indeß ihre Seele so froh bewegte, war mehr die Ehre seiner Gegenwart, als deren Heilsbedeutung. Aeußerlicher, als Maria, und zur Zeit viel weniger gründlich noch in ihres Herzens wahren Zustand und innerstes Bedürfniß eingeweiht, gelangte sie mit ihrer Ahnung über den Gottgesandten Lehrer und Propheten in Jesu kaum weit hinaus, und ihre Liebe zu ihm war bei aller ihrer Innigkeit und Wärme einstweilen mehr erst ein menschlich begeistertes Hingenommensein von dem Ideale sittlicher Schöne und Holdseligkeit, das in seiner Erscheinung ihr verkörpert entgegentrat, als jene heilige, unbedingte Hingegebenheit des in sich selbst verlorenen Kindes an Ihn, als an den einigen Retter und Seligmacher. „Jesus hatte auch Martha lieb,“ meldet ausdrücklich das Evangelium. Wie hätte er sie auch nicht lieben sollen. Mochte doch eine ungeschminktere, durchsichtigere und wohlwollendere Seele in Israel nicht gefunden werden, als sie; und Jesus, der schon in ihrer Einfalt das Gottessiegel der Erwählung ihr aufgedrückt erblickte, freute sich in der Knospe schon der Rose.

Freilich tritt an Martha bald ein Zug hervor, der, obenhin gewürdigt, an der Kindlichkeit und Lauterkeit der lieben Magd uns wieder irre machen könnte. Wie sie nämlich, emsigst mit den Zurüstungen zu dem Mahl beschäftigt, die Maria unbeweglich zu des Meisters Füßen verharren sieht, wagt sie es, diesen in seiner Rede zu der Gnadendurstigen zu unterbrechen, indem sie sich nicht ohne Empfindlichkeit das etwas unwirsche Wort an ihn erlaubt: „Herr, kümmert’s dich nicht, daß mich meine Schwester alleine dienen lässet? Sage ihr, daß sie mit mir angreife.“

Wir beklagen diese Aeußerung, die uns allerdings einem rauhen Luftzuge gleich den zarten Blüthenschmelz von ihrer Erscheinung streifen will. Hätte Martha harmlos und ohne Seitenblick in ihrer häuslichen Liebesthätigkeit sich fortbewegt, so fiele uns nicht ein, aus der letztern der rührigen Schaffnerin einen Vorwurf zu machen, oder dieselbe gar als Merkmal eines noch nicht in das rechte Verhältniß zum Herrn eingegangenen Herzens aufzufassen. Wir würden sagen: auch solche Persönlichkeiten haben ihre Stelle im Reiche Gottes, und auch in derartigen Formen bethätigt sich die unermüdliche und erfinderische Liebe zu dem Herrn. Aber daß die Schwester die Hingebung Maria’s an Jesum nicht nur nicht begreift, sondern gar darüber aus sein kann, sie aus ihrer innigen Vertiefung in die Mittlerherrlichkeit des Eingeborenen vom Vater in die eigne Zerstreutheit und Vielgeschäftigkeit um den Herrn her herüber zu ziehn, das erscheint bedenklich, und verräth nur die Oberflächlichkeit wie ihres Glaubenslebens überhaupt, so ihrer Anschauungen von Jesu Person und dem letzten Zwecke seiner Sendung insbesondere. Oder sagt ihr vielleicht ein dunkles Ahnen, daß die Schwester den hohen Gast richtiger würdige und gebührender sich zu ihm verhalte, als sie, und darum auch unverkennbar einer nicht geringen Bevorzugung seinerseits sich zu erfreuen habe? In der That hat es den Anschein, als gehe beim Blick auf die so selig an Jesum Angeschmiegte etwas wie Neid, und zugleich wie unwillkürliche Selbstanklage durch Martha’s Herz, und als verrathe sich in ihren gereizten Worten ein, wenn auch nur halbbewußter, Versuch, dem Gewissen, das sie richtet, den Stachel abzubrechen, und ihrer Eifersucht den Gegenstand zu entziehen und den Raum zu nehmen.

Dürfen wir uns Martha’s gemüthliche Stellung also deuten, und wir sind allerdings dazu berechtigt, so söhnen wir uns insofern mit dem freilich, immer unentschuldbaren Ausbruch ihrer innern Verstimmung wieder in etwas aus, als wir uns dadurch schon zu dem Schlusse berechtigt glauben, daß sie anfange sich dessen bewußt zu werden, was ihr noch mangele, und als wir daraus die Hoffnung schöpfen, es werde das bessere Gefühl, wider das sie vorläufig noch niederkämpfend angeht, schon die Oberhand in ihr gewinnen.

Martha, Martha!“ – Mit diesem Wächterrufe gebeut der Herr der ruhelos Umgetriebenen Stillestand auf ihrem Irrgang. Was einst der Hahnenschrei dem taumelnden Petrus, das soll jener Doppelruf der Martha werden. Es ist wohl nie noch auf Erden in einem Worte so viel schonende Zartheit bei so durchdringender Schärfe, so viel liebevolle Milde bei so gewaltigem Ernste offenbar geworden, wie in dem Wort der Rüge, das der Herr an Martha richtet: „Du hast viel Sorge und Mühe;“ buchstäblich: Um Vieles sorgest und beunruhigest du dich. „Eins aber ist Noth! Maria hat das gute Theil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ Unverkennbar wirft er hiermit zunächst der Martha vor, daß sie seine Einkehr in ihr Haus gar zu menschlich ansehe und behandle, da er ja nicht seiner selbst halben gekommen, und am wenigsten erschienen sein könne, sich ein Festmahl bereiten zu lassen. Doch geht der Sinn Seiner Rede sofort in’s Geistliche über, und rügt an Martha die Vielgespaltenheit und Zerstreutheit in den kleinen Sorgen und Mühen, es ihm unter ihrem Dache recht behaglich zu machen, während sie besser, in Erinnerung an sein Wort, wie er gekommen sei nicht, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene, vor allem darauf bedacht gewesen wäre, seine Gnadengegenwart für ihre unsterbliche Seele auszubeuten und ihn sammt der Fülle seines Heils lauschend und glaubend in sich aufzunehmen. Nicht ihren Dienst in Vielem verwirft der Herr als solchen. „Gerne nimmt er,“ bemerkt ein Ausleger bei dieser Stelle richtig, auch im Vielen die viele Liebe an. Manchmal ist wirklich in äußerer Geschäftigkeit für den Herrn Vieles Noth, und es fleißig zu besorgen ein Lob.“ Es tadelt der Herr nur die zerfahrene Gemüthsrichtung, die ihrem Dienen zu Grunde liegt. Eins ist Noth: daß man Seiner theilhaftig werde, und vor Allem mit ihm, dem Himmelsbrode, zum göttlichen Leben sich speisen und nähren lasse. Maria hat das gute Theil erwählt, nicht darin etwa, daß sie in müßiger Beschaulichkeit zu Jesu Füßen saß, sondern darin, daß sie durch Beschränkung aller ihrer Sorgen auf die eine, daß nur Christus Gestalt in ihr gewinne, den Weg betrat, in welchem man erst die Tüchtigkeit erlangt, dem Herrn recht zu dienen. „Maria’s Theil wird nicht von ihr genommen werden.“ Was Martha erzielt: die Süßigkeit des Bewußtseins, ihre Sache gut, und dem hohen Gaste in ihrer Hütte es recht angenehm gemacht zu haben, ist eitel, und ohne nachhaltig tröstende, geschweige heilbringende Bedeutung. Maria dagegen legt einen guten Grund auf’s Zukünftige, und eignet in der gläubigen Ergreifung Christi einen Schatz sich an, der da bleibet in das ewige Leben.

Daß Martha den Herrn in seinem zurechtweisenden Wort verstanden habe, und auch des ganzen Segens dieses Wortes theilhaftig worden sei, steht außer Frage. Das eigenthümliche Gepräge ihrer ursprünglichen Naturanlage verwischte sich freilich auch nachmals nicht, sondern heiligte und verklärte sich nur. Sie blieb bei allem Zuwachs an Verinnerlichung die heitre, rührige, vorzugsweise zu Geschäftigkeit und Dienst der Liebe aufgelegte Martha. Wie Petrus zu Johannes, so verhielt sie sich zur Schwester Maria. Wie verschieden jedoch die Gefäße, der verborgene Schatz in ihrem Innern war derselbe. Gelegenheit, uns hievon zu überzeugen, geben und die Tage der Heimsuchung, die bald über die Hütte zu Bethanien hereinbrachen.

Lazarus, der geliebte Bruder, erkrankte schwer, und zum nicht geringen Kummer der Schwestern weilte der Meister zu der Zeit fern in der Wüste am Jordan. daß Er der Bekümmerten erster Gedanke war, ist begreiflich. Sobald die Krankheit einen bedenklichern Charakter annahm, sandten sie Botschaft an Ihn ab, beschränkten sich aber darauf Ihm, dessen Herz sie kannten, in zartester und sinnigster Weise nur sagen zu lassen: „Herr, siehe, den Du lieb hast, der liegt krank.“ Sie trauten’s ihm zu, daß er auf diese Kunde unverzüglich nach Bethanien eilen werde; aber – ihre Hoffnung täuschte sie. Der Bote kam ohne Ihn zurück; doch überbrachte er den Sorgenvollen von dem Herrn die herzerleichternde Antwort: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde.“ Was Wunder, daß sie diesem Räthselworte die Deutung gaben, der Bruder werde nicht sterben, sondern zum Preise Gottes wiederum genesen. Wie groß war darum ihre Bestürzung, als statt dessen die Krankheit von einem Augenblick zum andern sich steigerte, ja endlich das für unmöglich eintrat, und das theure Bruderhaupt im Tod erblaßte. Ach, sie vernahmen nicht das verheißungsreiche Wort, mit welchem der Meister die Nachricht von der Lazarus Verscheiden entgegen nahm. „Lazarus, unser Freund,“ sprach er, „schläft; aber ich gebe hin, daß ich ihn auferwecke;“ und als die Seinen die bildliche Rede nicht faßten, und erwiderten: „Herr, schläft er, so wird’s ja besser mit ihm,“ da fügte er, eigentlicher redend, hinzu: „Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, daß ich nicht dagewesen bin, auf daß ihr glaubet; aber lasset uns zu ihm ziehn!“ Doch, deß vernahmen die Schwestern nichts, und schwer dürfte zu sagen sein, was sie am tiefsten daniederbeugte: ob die Trauer um den unersetzlichen Verlust, den sie erlitten, oder ob der Schmerz über die bittre, die Herrlichkeit des Herrn ihnen verdunkelnde, Täuschung, welche sie erfuhren.

Vier Tage schon ruhete Lazarus in seiner Gruft, als den Thränenreichen zu Bethanien die Kunde kam, der Meister sei im Anzug. Sofort flog Martha, ganz ihrem Charakter entsprechend, auf, dem Heißersehnten entgegen zu eilen. Dem Herzensbedürfnisse der ganz vom Gram überwältigten Maria entsprach es mehr, daheim zu bleiben, und fern vom Gewühl der Straße, den Nahenden in ihrer häuslichen Stille zu empfangen. „Herr,“ so lautete Martha’s Bewillkommensgruß, als sie mit Jesu zusammentraf, „wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“ Wie wahr fühlte und redete Martha hier! Es hätte sich nicht geziemt, daß in der Gegenwart Dessen, der das Leben selber ist, Jemand eine Beute des Todes geworden wäre. „Ich weiß aber auch,“ fuhr Martha fort, „daß, was Du bittest von Gott, wird Dir Gott geben.“ Als einen Vertrauten und Liebling des himmlischen Vaters, wie kein zweiter es sei, hatte sie Jesum erkannt; darüber hinaus aber ging – vielleicht ihre Ahnung wohl, – aber noch nicht ihr Glaube. Nichtsdestoweniger erscheint uns Martha gegen früher schon wesentlich am inwendigen Menschen gefördert. Der Herr sucht sie nun stufenweise zu höheren Anschauungen von seiner Person und Würde emporzuheben. Zuerst besiegelt er die Zuversicht, die sie zu ihm geäußert, mit der bestimmten Eröffnung: „Dein Bruder wird auferstehn.“ Da aber Martha den eigentlichen Kern dieser Rede verkennt, und dieselbe zu der für den Augenblick ihre tief gebeugte Seele wenig zufriedenstellenden Versicherung verallgemeinern und abschwächen will, daß Lazarus einmal in weit entlegener Zukunft, nämlich am jüngsten Tage erstehen werde, da entkleidet der Herr seine Majestät der letzten Hüllen, indem er das große Zeugniß von sich ablegt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“ – Das schlägt durch. Martha’s Seele liegt anbetend vor dem Herrn am Staube und als Echo seines Zeugnisses dringt aus ihrem Innern volltönig das Bekenntniß hervor: „Ja, Herr, ich glaube daß Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist.“

Auf den Flügeln erwartungsvoller Freude eilt sie nach Bethanien zurück, und, damit ein unnöthiger Volkszusammenlauf verhütet werde, flüstert sie leise ihrer eben von einem Schwarme beileidsbezeugender Nachbarn und Anverwandten umgebenen Schwester Maria zu: „Der Meister ist da und rufet dir.“ Diese Eröffnung reicht hin, auch Mariens Füße zu beflügeln. Vor dem Herrn angelangt sinkt sie schluchzend zu seinen Füßen nieder, und spricht, klarer nur des Grundes ihrer Aeußerung sich bewußt, wie Martha: „Herr, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ – „Als nun Jesus sie weinen sah,“ meldet die Geschichte, „und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst,“ d. h. da gab er sich ganz der tiefen, heiligen Entrüstung hin, die ihn erfaßte, der Entrüstung des Heiligen in Israel, des Herrn vom Himmel wider die Sünde, diese furchtbare Mutter all des namenlosen Elends und Gräuels auf Erden. Dann sprach er mit der erhabenen Ruhe Dessen, der sich allen Mächten des Verderbens gewachsen weiß: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ „Herr, komm und siehe!“ lautete die Antwort.“ „Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt!“ Andre sprachen Andres. Nachdem er aber an das Grab herangetreten, gebot er: „Hebet den Stein ab!“ – Doch nun sollte noch einmal seiner Herrlichkeit gegenüber die ganze Armseligkeit des kleingläubigen, im Schein befangenen, dem Thatenkreise Gottes entfremdeten und entwöhnten und mit seinen Anschauungen lediglich innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen festgebannten Menschenherzens zu Tage treten. „Herr, er riechet schon,“ bemerkte Martha, denn er hat schon vier Tage gelegen.“ Auf diese klägliche und kleingeistige Neuerung erfolgte aber zunächst, die Glaubensschwache aus ihren armen, dunkeln Erdenträumen vollends aufzurütteln, das Wort der Majestät: „Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, solltest du die Herrlichkeit Gottes sehn?“ – Dann wurde der Stein abgehoben, und was sich nun begab, und wie die Versichrung des Herrn: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde,“ jetzt Ja und Amen wurde, weiß Jeder. Jenes glorreiche, mit unvergänglichem Glanze die Welt durchleuchtende Wunder der Auferweckung trat jetzt ein, an welches zur Rechten und zur Linken so große Entscheidungen sich knüpften: Entscheidungen zu dämonischer Verderbensreife, aber auch zu göttlicher Glaubensvollendung. Unstreitig fiel auch Martha’s vollständigere Erleuchtung und Wiedergeburt mit jener unvergleichlichen Selbstverherrlichung des Meisters in einen Moment zusammen. Viele erstanden geistlicher Weise mit Lazarus von den Todten; was aber die Schwestern feierten und erlebten, glich eher einer Himmelfahrt, als einer Auferstehung.

Noch einmal führt die heilige Geschichte das liebe Geschwisterkleeblatt, und namentlich die Maria uns vor, und diese in einer Handlung, welche in ihr verborgenstes Innere uns fast noch tiefere Blicke thun läßt, als alle früheren Scenen. Der Herr, auf seinem letzten Gange nach Jerusalem begriffen, weilt, sechs Tage vor Ostern, wieder in Bethanien, wo die dortigen Jünger und Freunde, und zwar diesmal im Hause des durch ihn geheilten Simons, „des Aussätzigen,“ ihm ein Fest- und Ehrenmahl bereitet haben. Martha erscheint auch in dem befreundeten Hause wieder als die dienende, aber in gar anderm Sinn und Geiste jetzt, wie weiland. Lazarus, den vom Tode auferweckten, dürfen wir uns beim Mahle vielleicht zur Rechten, Simon, den Hauswirth, zur Linken des Meisters denken, so daß Dieser inmitten zweier lebendiger Siegeszeichen erscheint. Maria hängt mit stiller Seligkeit an ihres Freundes Blick und Munde. Ehe man sich’s aber versteht, erhebt sie sich von ihrem Sitze, und nachdem sie leise und unvermerkt dem Manne, der ihre ganze Seele ausfüllt, sich genähert, nimmt sie das Köstlichste, was sie besitzt: ein Salbenfläschlein mit edler unverfälschter Narde, zerbricht es über des Meisters Haupt, und salbet ihm nicht dieses nur, sondern überreichlich, in Demuth niedersinkend, auch die Füße, die sie dann mit ihrem aufgelösten Haare wieder trocknet. Diese Handlung, symbolisch durch und durch, deutet jedem sinnigen Gemüthe schon sich selbst. Wer verkennt darin einen Art rückhaltloser Herzensübergabe an den Herrn, und athmet nicht mit dem süßen Duft der ausgeschütteten Narde, der das ganze Haus erfüllt, zugleich den noch viel köstlichern Wohlgeruch der unbegrenzten Verehrung, feurigen Dankbarkeit und zärtlichen Liebe, wovon Mariens Herz hier überwallt. Mit ihrer Narde gießt sie hier huldigend und opfernd ihre ganze tief bewegte Seele zu Jesu Füßen aus. Unverkennbar aber geht durch ihre freudige Feierstimmung zugleich ein Hauch verborgener Wehmuth. Ein leises Ahnen sagt ihr, daß sie den Meister so in der Gegenwärtigkeit seiner leiblichen Erscheinung nicht lange mehr besitzen werde. Sie weiß ihn auf dem Wege nach Jerusalem, und es bangt ihr vor den Dingen, die dort seiner harren dürften. Doch auch das ist ihr bewußt, daß auch zu diesem verhängnißvollen Gange nur die Liebe ihm räth, die rettende Sünderliebe, und dieser Gedanke steigert die Inbrunst ihrer Gegenliebe vollends zu lodernder Opferflamme.

Ungern leihen wir unser Ohr dem schreienden Mißklang, der, und noch dazu von einer Seite her, von wannen man ihn nicht hätte erwarten sollen, die liebliche Harmonie der sinnigen That Mariens für einen Augenblick stören und unterbrechen durfte. Judas Ischarioth, unfähig, eine That, wie jene, in ihrer Schönheit und Tiefe zu verstehn, erfrechte sich, das Wort zu nehmen, und sprach – (auf eine Untersuchung der verabscheuungswürdigen Motive seiner herzlosen Rede lassen wir uns hier nicht ein): „Was soll diese Verschwendung? Diese Salbe hätte besser mögen um dreihundert Denarien verkauft und den Armen gegeben werden!“ – So der finstre Egoist, und leider!, freilich ohne dieselbe böse Absicht, stimmten mehrere der andern Jünger, vorübergehend von Jenes Gifthauch angesteckt, in des unglückseligen Gesellen heuchlerische, schneidend kalte Worte ein. Da aber wirft sich für die Schwergekränkte, damit sie an sich selbst und ihrer That nicht etwa irre werde, der Herr in den Riß. „Was,“ beginnt er, mit ernster und zugleich wehmuthsvoller Rüge wider die unberufnen Tadler, „bekümmert ihr dies Weib. Lasset sie mit Frieden, sie hat ein gutes Werk an mir gethan. Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“ – Dann, hindeutend auf den tiefern Sinn der That Maria’s, und nicht ohne leise prophetische Anspielung auf seine eigne Auferstehung, fügt er hinzu: „daß sie diese Salbe auf meinen Leib gegossen hat, damit ist sie zuvor gekommen, mich zum Grabe zu bestatten;“ und schließt dann seine Rede mit der Versichrung: „Wahrlich, ich sage euch, wo dieses Evangelium geprediget wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtniß, was sie gethan hat.“

So setzte der Herr seiner innigen, demüthigen Jüngerin selbst ein Denkmal, das, „dauernder, als Erz,“ bis heute steht, und ewig nicht verwittern wird, noch kann. Wo hinfort sein Evangelium ertönt, da wird auch deß gedacht, was Maria im Drange heiligsten Gefühles einst dem Herrn that, und an ihrem Bilde erneut sich immer wieder das Bewußtsein, daß es für jeden vor allem Andern Eine gelte: die unbedingte Hingabe des ganzen Herzens an Jesum, den Herrn der Herrlichkeit, und daß, was die reine Liebe thut, sie, die das Vorrecht hat, die Formen ihrer Bethätigung sich unbeschränkt zu wählen und zu fordern, daß man nur nach ihrem eigenen Gesetz sie richte, unnachahmlich sei und unantastbar, über jede Bekrittlung erhaben, und in Gottes Augen köstlich, wie nichts Anderes.

F. W. Krummacher in Berlin.

Sylas

oder Sylvanus, zu Philippi, in Macedonien, gegeißelt und als ein Märtyrer gestorben, ungefähr im Jahre Christi 70

Sylvas, sonst genannt Sylvanus, war dem Apostel Paulo und Barnabas zugesellt, nebst Juda, welcher genannt ward Barsabas, welche Männer Vorgänger waren unter den Brüdern, um Zeuge der Sachen zu sein, die unter den Aposteln zu Jerusalem, zum Wohlstand der Gemeine Gottes überlegt und beschlossen wurden.

Dieser Sylas nun, nachdem er einstens zu Philippi in Macedonien das Werk des heiligen Evangeliums befördert hatte, so wird er nebst Paulo gefangen, vor die Obersten geführt, öffentlich, wiewohl unverhört, gegeißelt, und nachdem er so mißhandelt ward gegen alles Recht und Ursache, in den Kerker geworfen, mit den Füßen in den Stock gelegt; doch durch die Beschickung Gottes auf eine wunderbare Weise um Mitternacht, als ein Erdbeben entstand, wodurch sich die Türen des Gefängnisses öffneten, wiederum befreiet.

Es haben Einige gesagt, daß er nachgehends Bischof der Korinthischen Gemeine geworden, und nach vielem Predigen in Macedonien als ein Märtyrer gestorben sei. Indessen ist es doch gewiß, daß er, nach dem Zeugniß der heiligen Schrift, um des Evangeliums willen nicht allein ist gefangen und gegeißelt worden, sondern auch viele Verschmähungen vor seinem Ende erlitten hat.

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Etliche von den siebenzig Jüngern Christi

und einige Reisegefährten der Apostel, in dem Ausgang der Verfolgung von Nero getödtet, im Jahre Christi 70

Prochorus, einer von den sieben ersten Diaconen zu Jerusalem, ein Neffe des frommen Märtyrers Stephani, und Reisegefährte des Apostels Johannis, welcher hernach ein Bischof der Gemeine zu Bithynien in Macedonia geworden, dieser hat zu Antiochia gelitten und ist daselbst gestorben.

Nicanor, einer mit von den ersten sieben Diaconen zu Jerusalem, ward auch um der Wahrheit willen hingerichtet.

Desgleichen Parmenas, auch einer von den sieben Diaconen.

Olympas lag zum Rom mit Paulo gefangen um des Evangeliums willen.

Carpus, ein Diener Pauli und später Bischof der Gemeine zu Troas, wird daselbst um des Glaubens willen getödtet.

Trophimus, Pauli Reisegefährte, ist um der Wahrheit willen enthauptet worden.

Maternus und Egystus, zwei von den siebenzig Jüngern Christi, sind in Deutschland mit Marianus, dem christlichen Diacon, um des Glaubens willen getödtet worden.

Hermagoras, Bischof der Gemeinde zu Aquileia, wozu er von Petro eingesetzt ward, hat desgleichen auch unter Nero erlitten.

Onesimus, Dionysius, Aereopagita und andere mehr sind auch damals um der göttlichen Wahrheit willen gestorben.

Diese Verfolgung, welche sich unter Nero angesponnen, hat lange gedauert, auch bis in die Zeiten Vespasiani. Daher bezeugt wird, daß in dem dritten Jahre seines Reiches um des Bekenntnisses Jesu willen Apollinaris, ein Jünger Petri, in der Stadt Ravenna nebst andern mehr, deren Namen nicht gemeldet werden, getödtet worden sei.

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Prisca, Aquila, Andronicus und Junias

 

zu Rom gemartert unter Nero, ungefähr im Jahre Christi 70.

Wenn der heilige Apostel Paulus in seinem Schreiben an die Gemeine Gottes zu Rom, am Ende verschiedene Heilige daselbst liebreich grüßen läßt, so erwähnt er auch zweier Personen, welche ihre Hälse für sein Leben gegeben hatten, wie auch zweier anderer, welche er seine Mitgefangenen nennt, zweifelsohne, weil sie mit ihm der Verfolgung und dem Leiden um des Namens Christi willen unterworfen gewesen sind. Diese alle wurden von ihm mit Namen genannt und nach apostolischer Art gegrüßt.

Von den zwei ersten schreibt er also: grüßet Prisca und Aquila, meine Mitgehülfen in Christo Jesu, die ihre Hälse für mein Leben dahingegeben haben. etc. Röm. 16,3.

Der zwei letzteren gedenkt er auf nachfolgende Weise: Grüßet Andronicus (schreibt er) und Juniam, meine Verwandte und Mitgefangene, die da berühmte Apostel sind, und auch vor mir waren in Christo. Vers 6.

Was für ein Ende es nun mit ihnen genommen, wird nicht ausgedrückt, weder in Pauli Briefen, noch in andern Schriften des neuen Testaments; es wird aber von andern Schreibern geglaubt, daß sie in vorgemeldeter Verfolgung Neronis für die Wahrheit Jesu Christi, bis auf den Tod gelitten und gestritten, welches allerdings ohne Widerrede ist, weil die Blutdürstigkeit desselben Kaisers so groß war, insbesondere gegen die Christen, daß wenige, welche in seine Hände kamen, ohne Blutvergießen oder einen andern jämmerlichen Tod entkamen.

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Onesiphorus

ein Freund Pauli, und Porphyrius, sein Mitgeselle, in Hellesponte an wilde Pferde gebunden und todtgeschleift oder zerrissen, auf den Befehl Neronis, ungefähr im Jahre Christi 70

Onesiphorus war aus Asien, ein Bürger von Ephesus, in Kleinasien, sehr tugendhaft und gottselig in seinem Leben, also daß er den Apostel Paulus zu Rom in seinen Banden oft besuchte, ansprach und tröstete, worüber sich der Apostel Paulus von Herzen freute und Gott gebeten, daß ihm diese Wohltat an dem großen Tage der Vergeltung möge vergolten werden.

Hierüber schreibt Paulus an Timotheum also: der Herr gebe Barmherzigkeit dem Hause Onesiphori, denn er hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt, sondern als er nach Rom kam, suchte er mich mit Fleiß und fand mich. Der Herr gebe, daß er Barmherzigkeit finde bei dem Herrn an jenem Tage; und wie viel er mir zu Ephesus gedient hat, solches weißt du am besten. 2. Tim. 1,16-18.

Am Schluß desselben Briefes läßt er Onesiphori Hausgesinde herzlich grüßen, sagend: grüßt mit etc. und das Hausgesinde Onesiphori. Die Gnade sei mit euch, Amen. 2. Tim. 4, 19,22.

Einige schreiben, daß dieser fromme Mann Bischof der Gemeine zu Kolophon gewesen, andere melden zu Koronia. Ob aber zu derselben Zeit Kolophon und Koronia eine Stadt gewesen mit zwei verschiedenen Namen, oder ob es zwei besondere Städte gewesen, so daß er täglich die Aufsicht über beide Gemeinden hatte, daran ist uns wenig gelegen zu untersuchen.

Es ist uns genug, daß die Geschichtsschreiber darin übereinstimmen, daß er und Porphyrius sein Mitknecht in dem Dienst Jesu Christi, an dem Hellespont zuerst sind, nach dem Befehl des Landpflegers Adriani, mit vielen harten Schlägen gegeißelt, und hernach beide zugleich an wilde Pferde gebunden und todtgeschleift oder zerrissen worden, vermöge des blutigen Gebots Neronis.

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Epaphras

ein Mitgefangener Pauli, umgebracht unter Nero, ungefähr im Jahre Christi 70

Epaphras war ein treuer Diener Jesu Christi in der Gemeine zu Kolossen, welche er auch, als er zu Rom in Banden lag, durch die Hand Pauli begrüßen ließ, wie solches erhellt aus dem Briefe des Paulus aus dem Gefängnis zu Rom an die Kolosser geschrieben, wo er unter anderm also spricht:

Es grüßt euch Epaphras, der zu euch gehört, ein Knecht Christi, der allezeit für euch Sorge trägt in seinem Gebet, auf daß ihr vollkommen sein möget und erfüllt mit allem Willen Gottes: ich gebe ihm Zeugniß, daß er großen Fleiß um euch getan hat, und um die zu Laodicäa und Hierapolis etc. Kol 4,11.

Indem er mit Paulo gefangen war, oder vermutlich bei ihm im Gefängniß lag, schreibt Paulus an Philemon zu Ende des Briefes also: es grüßt euch Epaphras, mein Mitgefangener in Christo Jesu etc. Phil. 23.

Woraus denn folgt, daß die Nachricht derjenigen nicht unbegründet war, die da glaubten, es sei Epaphras mit unter der Verfolgung Neronis durch einen gewaltsamen Tod umgebracht worden.

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Barnabas

ein Mithelfer des Apostels Pauli, zu Salamina in Cypern zur Stadt hinausgeschleift und verbrannt im Jahre Christi 64

Barnabas, sonst genannt Barsabas, mit dem Zunamen Joseph, oder Joses oder Justus, war ein Levit aus Cypern, erfüllt mit dem heiligen Geist. Er ward ein Sohn des Trostes genannt, gleichwie er solches auch mit der Tat an den armen Heiligen bewiesen.

Es wird angenommen, daß er einer von den siebenzig Jüngern Christi gewesen. Aus seinen vielen Namen mögen wir seine Vortrefflichkeit und Ansehen erkennen: welches Ansehen er sich aneignete durch seinen Eifer und Gottesfurcht. Denn er hat Paulum nach seiner Bekehrung zu den Aposteln gebracht. Und als das Wort Gottes zu Antiochien durch etliche Männer aus Cypern und Cyrene den Griechen verkündet ward, ward er von den Aposteln dahin abgefertigt, die Sache zu untersuchen, und nachdem er es also befand, hat er sie in der Wahrheit befestigt und gestärkt.

Hernach ging er nach Tarsen, um Paulum zu suchen, und brachte ihn nach Antiochien, woselbst sie ein ganzes Jahr sich aufhielten und lehrten. Desgleichen, als die Hungersnoth entstand unter dem Kaiser Claudius, hat er mit Paulo eine ziemliche Handreichung überbracht zum Dienst der Brüder, die in Judäa wohnten.

Nachdem er aber wiederkehrte nach Antiochien, ward er durch Befehl des heiligen Geistes ausgesandt, in vielen Landschaften zu predigen, weil er um seiner Beredtsamkeit willen öfters das Wort geführt hat. Ja, er hatte solch ein großes Ansehen und Gottseligkeit, daß die Heiden zu Lystra in Licaonischer Sprache riefen, daß er ein Gott sei und vom Himmel herniedergekommen sei, und nannten ihn Jupiter, welches auch dabei nicht geblieben ist, sondern es kamen die Priester desselben Ortes, und brachten Ochsen mit Kränzen, und begehrten ihm und Paulo zu opfern.

Dieses aber hat er uns sein Mithelfer Paulus gänzlich abgewiesen, sagend: Ihr Männer! warum tut ihr das? denn wir sind auch sterbliche Menschen gleichwie Ihr, und verkündigen Euch das Evangelium, daß Ihr Euch bekehrt von diesen falschen Dingen zu dem lebendigen Gott etc.

Hernach, nachdem etliche aus dem jüdischen Lande kamen, und einen Aufruhr unter den Brüdern erregten, sagend: wenn Ihr Euch nicht beschneiden laßt nach der Weise Mosis, so könnt Ihr nicht selig werden etc.; so hat er sich mit seinem vorgemeldeten Mithelfer der Lehre des heiligen Evangeliums folgend, kräftig dagegen gesetzt; weshalb er nebst noch einigen frommen Männern verordnet ward, nach Jerusalem zu reisen, zu den Aposteln und Aeltesten, um vorgemeldete Sache zu einem guten Ende zu bringen.

Da sie zu Jerusalem ankamen, ward er nebst den andern, von den Aposteln und der Gemeine freudig aufgenommen: ja, was noch mehr ist, sie bezeugten von ihm und seinem Mitarbeiter Paulo, daß sie Menschen wären, die ihre Seele gegeben hätten für die Wahrheit, welches auch mit der Tat sich erwiesen.

Denn als sie nach Salamina kamen, welches eine große Stadt gewesen auf der Insel Cypern, von den Heiden Famagusta genannt, die Gemeinde daselbst im Glauben zu stärken: ist ihnen von einem jüdischen Zauberer (wie die alte Geschichte meldet) sehr bös begegnet worden, welcher alle andern Juden und das ganze Volk gegen ihn aufwiegelte, also daß sie ihn in einem Aufruhr griffen, und vor den Richter bringen wollten.

Weil sie aber befürchteten, es möchte der Richter seine Unschuld erkennen, ihn loslassen und auf freien Fuß setzen; so haben sie (nachdem sie jämmerlich mit ihm umgegangen) ihm ein Seil um den Hals geworfen, zur Stadt hinausgeschleift und daselbst verbrannt.

Also ist dieser fromme Diener Christi in seinem Vaterlande mit der Märtyrerkrone beehrt worden, und ist selig in dem Herrn entschlafen, ungefähr um die Zeit, als Jakobus Justus zu Jerusalem getödtet ward, zur Zeit des Kaisers Neronis, doch ehe noch die erste heidnische Verfolgung bekannt gemacht wurde, die kurz nach dem Brand zu Rom ihren Anfang nahm.

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Aristarchus

ein Reisegefährte Pauli, zu Rom getödtet unter Nero, ungefähr im Jahre Christi 70

Aristarchus, geboren zu Thessalonica, war mit Gajo, Pauli Reisegefährte auf der Reise von Macedonia nach Asien, mit welchem Gajo er zu Ephesus seiner Zeit in einem Aufruhr ergriffen wurde; ist aber doch auf dieser Reise noch frei ausgegangen.

Später aber wurde er zu Rom gefänglich eingebracht, in derselben Zeit, wo Paulus daselbst gefangen lag, um des Zeugnisses Jesu Christi willen.

Dieser Freund Gottes hat der Gemeine zu Colossen durch die Hand Pauli seinen Gruß gewünscht, worüber Paulus also schreibt: es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener etc. Colosser 4,9.

Aber es ist bei dieser Gefangenschaft nicht geblieben: nachdem er (wie die Alten berichten) ungefähr zur Zeit des Todes Pauli von dem grausamen Löwen Nero ist verschlungen worden, da er einige Jahre zuvor ein treuer Hirte der Gemeine von Thessalonich gewesen.

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