Simeon und Hanna

Den symbolisch bedeutsamsten Gestalten der heiligen Geschichte sind die beiden Alten, Simeon und Hanna, beizuzählen, welche, verkörperten Theodiceen vergleichbar, den Gott aller Götter am Ende der mit seinem Bundesvolke eingeschlagenen Wege verherrlichend, als die ersten Bannerträger des hereingetretenen Christusreiches auf der Schwelle des neuen Testamentes uns begegnen. Wie wir in ihnen die Blüthe des wahren Israelitenthums zu ihrer vollen Herrlichkeit sich entfalten sehen, so veranschaulicht sich uns in ihnen zugleich das Endergebnis der zweitausendjährigen göttlichen Führung und Erziehung, deren das Volk der Auswahl sich erfreuen durfte. Nach verschiedenen Seiten hin vertreten sie den Kern, d. h. denjenigen Theil ihrer Nation, der, wandelnd in Jehovahs Wegen, die zu göttlichem Leben befruchtenden Elemente Seiner Offenbarungen und Großthaten sowohl in Gesetzgebung und Weissagung, wie in Gericht und Wunderhülfe gläubig in sich aufnahm, und zeigen uns den Samen Abrahams beim Ziele seiner weltgeschichtlichen Bestimmung angelangt.

Wie in der Hanna vorwiegend die Wirkung des Gesetzes sich kundgibt, so in Simeon vorwiegend diejenige der Verheißung. Während auf jener Stirne, erst spärlich gelichtet, nur noch der Schatte des Berges Sinai dunkelt, gleicht dieser schon einer Alpenhöhe, die vom Morgenstrahl der aufgehenden Gerechtigkeitssonne vergoldet wird. Eine dienende Magd unter dem mosaischen Joche kommt Hanna „Tag und Nacht nicht vom Tempel“. Simeon, schon mehr evangelisch gerichtet, wohnt beschaulich in seiner Hütte, und träumt von der nahen Friedenszukunft, auf die er wartet, süße Himmelsträume. Sie, frühe schon verwitwet, aber, wahrscheinlich, um desto ungetheilter in Fasten und Beten dem Dienste Jehovahs sich weihen zu können, nicht wieder vermählt, war eine „Prophetin“, d. h. sie bestärkte, auf das Wort der alten Seher gestützt und vom heiligen Geist getrieben, ihr Volk im Glauben an die Zukunft des großen Davidssohns. Doch verkündete sie den Ersehnten nur, wie der Glockenschlag oder die Wächtertrompete vom Thurm die Nähe des Tagesanbruchs anzeigt. Simeon hingegen, mehr als Prophet, signalisierte den Nahenden vermittelst seiner ganzen hoffnungdurchleuchteten Erscheinung, wie das Frühroth den Heraufzug der Tageskönigin verkündet.

Simeon birgt ein unvergleichliches Geheimnis in seiner Brust. Seiner auf’s äußerste gesteigerten Sehnsucht nach dem „Troste Israels“ hatte der heil. Geist mit der Eröffnung geantwortet: er solle den Tod nicht sehn, er habe denn zuvor den Christ des Herrn gesehn. Seitdem stand der Alte, während Hanna im Sack und in der Asche im Staube des Tempels lag, Tag und Nacht voll seliger Ungeduld, wie ein Kind am Weihnachtsabend, das mit zitternder Spannung dem ersehnten Schalle des verheißungsreichen Glöckleins entgegen harrt, auf seiner Warte. Weil „der heilige Geist auf ihm war“, so durfte er wohl jede zarte Regung seines Gemüths, jede leise Zusprache, die er in seinem Innern zu vernehmen glaubte, sich darauf ansehn, ob sie nicht eine Weissagung Gottes für ihn in sich berge. Wer wollte es drum als „Geisterseherei“ ihm deuten, daß er, als er eines Tages unversehens einen ungewöhnlich starken Antrieb zum Besuch des Tempels in sich verspürte, hinter diesem Drange sofort eine höhere Mahnung, einen Fingerzeig von Oben zu erkennen glaubte. Einfältig, wie es rechter Kinder Gottes Art ist, gab er dem verborgenen Zuge Folge; in der That sah er sich diesmal von seiner Vorempfindung nicht betrogen.

Zu gleicher Zeit mit Simeon tritt im Festtagsschmucke ein Ehepaar aus dem Handwerkerstande in das Heiligthum hinein, um nach Vorschrift des Gesetzes ein erstgebornes Söhnlein dem Herrn darzustellen, und es zugleich mit dem Opfer der Armuth, nehmlich zween jungen Tauben, vom Dienste an der irdischen Hütte zu lösen. Simeon, Anfangs noch ahnungslos, und wohl nur von dem Wunsche geleitet, der feierlichen Ceremonie als stummer Zeuge mit anzuwohnen, nähert sich an der glücklichen Eltern Seite dem Altar, und die priesterliche Verrichtung nimmt ihren Anfang. Wie aber jetzt das Knäblein aus seinen Umhüllungen hervortaucht, und der Alte ihm in die bellen, holdseligen Augen schaut, da hört dieser auf, ein unbetheiligter Zuschauer bei der Scene zu sein. Nicht satt mehr kann er sich sehen an dem Kinde. Däucht ihm doch, als flüstre schon gedankenvolles Wort von diesen zarten Lippen, als spreche lichthelles Bewußtsein schon aus diesen Augen heraus, ja als leuchte, was in den Zügen des lallenden Säuglings sich spiegelt, wie himmlischer Sonnenstrahl in Wesenstiefen hinunter, die mit menschlichen Maßen gar nicht auszumessen seien.

Mit wachsender Inbrunst steht Simeon ganz in den Anblick des Wunderknaben versunken, während der heilige Geist in ihm das begonnene Erleuchtungswerk vollendet. Aus der Ahnungsdämmerung seiner Seele bricht mit siegender Tagesklarheit die zweifellose Gewißheit hervor, daß er in dem Weibe dort die davidische Jungfrau, in dem Sohne an ihrer Brust den verheißenen Immanuel begrüße.

Mit anbetungsvoll frohlockendem Geiste nimmt er das Kind von der Mutter, oder gar des Priesters, Armen auf die seinen, drückt’s inbrünstig an sein Herz, richtet den seligen Blick gen Himmel, und ergießt sich freudestrahlenden Angesichtes in dem bedeutungsvollen Jubelrufe: „Herr, nun entlässest du deinen Knecht mit Frieden, denn meine Augen sahen deinen Heiland, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise deines Volkes Israel!“ Joseph und Maria stehen verwundert; nicht darum etwa, weil Simeons Bezeugung einem Zweifel begegnet wäre, der in ihrem Innern wieder Platz gegriffen hätte. Wenn allerdings auch ihr Glaube durch die Knechtsgestalt und die gewöhnliche Lebensentwicklung ihres Säuglings in beständiger Uebung erhalten wurde, so galt doch diesmal ihre Verwunderung nur dem erhebenden Einklange, zu welchem von den verschiedensten Seiten der die Zeugnisse des heiligen Geistes von der göttlichen Größe ihres Kindes sich verschmolzen. Simeon segnet die Hochbeglückten, sie selig preisend um der hohen Gnade willen, deren sie vor allen andern Sterblichen gewürdigt waren. Dann aber, als wollte er sie rechtzeitig der Gefahr entheben, zu irdische Träume zu träumen, lüftet er ihnen, zum Seher Gottes erleuchtet, den Schleier der Zukunft, und spricht zu Maria: „Siehe, dieser wird gesetzt zum Fall und Auferstehn Vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. Und es wird ein Schwerdt durch deine Seele dringen, auf daß Vieler Herzen offenbar werden“.

Während der alte Simeon so in Freudenruf und Seherspruch seinem Herzen Luft macht, kommt, ehe man sich’s versieht, mit geflügelten Schritten auch die achtzigjährige Tochter Phanuels herbei geeilt. Beim Beginn der Scene mochte sie etwa in einem Winkel des Tempels vor Gott im Gebete liegen, als Simeons Worte, ahnungsvollen Glockenlauten gleich, zu ihr herüberdrangen und aus der Vertiefung ihrer Andacht sie weckten. Nachdem sie nun den Grund des lauten Frohlockens ihres silberhaarigen Sehnsuchts- und Hoffnungsgenossen erkundet, und dann an seinem Glaubenslichte das ihrige angezündet hat, vereint sie die Stimme ihres Jubels mit der seinigen, und ein Doppelsang steigt zu Gott empor, der, Lerchen- und Nachtigallenlied zugleich, der Welt den Anbruch welch einer Frühlingszeit verkündet.

In den beiden geistig verjüngten Alten sehen wir das wahre Israel auf die Bühne der Geschichte treten, wie es nach Abschluß des von dem Herrn ihm vorgezeichneten Entwicklungsganges in vollendeter Gestaltung aus den Bildnerhänden seines Bundesgottes hervorging. Der in Abraham einst gepflanzte zukunftsvolle Volksbaum trieb in ihnen, und allen denen, welche durch sie vertreten wurden, seine blüthenreiche, fruchtbeladene Krone. Nation würde um jenen Zeitpunkt nicht anders dagestanden haben, wenn sie ebensowohl, wie jene, der Heilswirkung des Gesetzes, der Verheißung, den Züchtigungen und Gnadenerweisungen des Herrn sich erschlossen hätte. Was läßt sich aber sittlich Schönres denken, als diese Vereinigung tiefster Zerknirschung und kindlichsten Freudenmuths zum göttlichen Erbarmen, wie sie in jenen Alten sich kundgibt? Was gibt es Hehreres und Adelnderes, als die Verschmelzung der vollkommensten Freiheit von des Gesetzes Fluch und Zwang mit der tiefsten Gebundenheit an den Herrn und sein Wort vermittelst der Liebe, zu der sie, nachdem sie den Trost Israels gefunden haben, nunmehr gelangt sind. An der Hanna erweist der erschienene Heiland seine erlösende Macht vorwiegend als derjenige, der des „Gesetzes Ende“ ist. Simeon erfährt den Friedensfürsten vorzugsweise als den, der dem Tode die Macht genommen hat. Jene begrüßt hinfort in Mose, dem drängenden Treiber, in dessen Frohn sie stand, einen höchst willkommenen Wegweiser und Geleitsmann, sintemal sie mit Freuden jetzt, weil mit freiem Gewissen, den Weg der göttlichen Gebote läuft. Dieser umarmt in dem Schreckenskönige, dem letzten Feinde, nunmehr einen wohlwollenden und erwünschten Freund, der ihm ja nur naht, um, was an Banden ihn noch beschwert, ihm abzustreifen, und zu ewiger Wonne in Abrahams Schoß ihn emporzutragen. Beide aber baden sich selig in den warmen Sonnenstrahlen der Liebe ihres Gottes, wie dieselben, in dem Kindlein sich brechend, über die weite Sünderwelt sich ergießen; und Simeons „Herr, nun entlässest du deinen Knecht mit Frieden“, das in Hannas Seele den reichsten Wiederhall findet, ist wie Schwanensang heimziehender Pilger, so Hymnus des Triumphs über Welt, Sünde, Tod und Teufel.

Mit der Erfüllung der individuellen Bestimmung des auserwählten Volkes, welche in jenen Beiden zur Erscheinung kommt, fällt aber, wie wir schon angedeutet, diejenige seiner historischen in eins zusammen. Das „Herr, nun lässest du deinen Knecht mit Frieden fahren“ ist nicht bloß Kundgebung persönlicher Befriedigung im Vollgenusse der verwirklichten Hoffnung, sondern zugleich Ausdruck erfüllten Berufes und Siegesschrei des Israels Gottes am Zielpunkte seiner völkergeschichtlichen Aufgabe. Auf Simeons, seines hochbegnadigten Repräsentanten, Armen zeigt Israel von der heiligen Tempelhöhe der der Welt in dem Sohne der Jungfrau den lebendigen Erweis der Treue Jehovahs, und die der ganzen Menschheit zugedachte reife Himmelsfrucht an dem tausendästigen Baume der göttlichen Veranstaltungen unter dem alten Bunde; und indem es das gebenedeiete Wunderkind, diesen Kern und Stern einer vieltausendjährigen Prophetie und Völkersehnsucht, im Namen und Auftrage des Herrn aller Herrn der gesamten Sünderwelt überantwortet, tritt es selbst aus seiner nationalen Beschränkung heraus, um hinfort als ein, freilich auch jetzt noch zu eigenthümlichen Missionen für die Zukunft aufbehaltenes, Glied mit der großen, Himmel und Erde durchreichenden, aus allen Völkern und Stimmen erwachsenden Gemeine der Kinder Abrahams nach dem Geiste sich zu verschmelzen.

Wie aber in Simeon und Hanna das lebendige Spiegelbild des beim Ziele seiner göttlichen Bestimmung angelangten Israels sich darstellt, so veranschaulicht sich uns in ihnen zugleich die geistliche Gestalt, zu welcher hinanzureifen der Beruf und das Bildungsziel der Menschheit überhaupt ist. Namentlich ist es Simeon, in welchem wir den leibhaftigen Typus des sittlich vollendeten und zum Höhepunkte seiner Menschenwürde hindurchgedrungenen Geschlechts der Sterblichen vor uns erblicken; und so wird denn der jubelnde Herold der erfüllten Weissagung ohne daß er es merkt auch wieder selbst zum herrlichsten Propheten. Wenn die Vergestaltung der Menschheit in sein Bild allseitig und schließlich wird vollzogen sein, und sie gleich ihm und seines Glaubens voll das Kind Mariens auf ihren Armen wiegt, dann hat auch sie das Ziel ihrer zeitlich möglichen Entwicklung und Verklärung erreicht. Welt, Sünde und Satan liegen als überwundene Mächte zu ihren Füßen, und gottgefällig und liebselig fährt sie, gleich Simeon, mit Frieden. Der große Weltsabbath, das ewige Weihnachtsfest ist da, und die Erde eine Hütte Gottes bei den Menschenkindern.“

Fr. W. Krummacher in Berlin.

Timotheus.

Niemand hat der Apostel Paulus mit mehr inniger und väterlicher Liebe umfaßt, wie seinen Gehülfen in der Heidenbekehrung, Timotheus aus Lykonien (der Stadt Derbe oder Lystra), eine der lieblichsten und erquickendsten Erscheinungen in der apostolischen Zeit.

Die Pflege seines kindlichen Alters fiel einer frommen jüdischen Mutter, Eunike genannt, anheim, der Gattin eines heidnischen Mannes und Tochter einer ebenfalls durch Gottesfurcht ausgezeichneten Frau, Namens Lois, 2 Tim. 1,5. Schon durch den Namen des Kindes (zu deutsch Ehregott) hatten sie vielleicht, wie ihre Wünsche, daß er von Herzen Gott ehren möge, so ihre eigene Sehnsucht ausgesprochen. Im Glauben ihres Volkes zogen sie ihn auf und erfüllten ihn mit dem Inhalt der heiligen Schriften. Noch aber stand er im ersten jugendlichen Alter, als der Apostel Paulus von Barnabas begleitet in jenen Gegenden, das Wort vom Heil durch Christus zu verkünden, erschien und durch seine begeisterten und ergreifenden Reden vieler Herzen für das Evangelium gewann. Auch Eunike ward dem Christenthum zugeführt und mit ihrer Mutter und ihrem Sohne getauft, Ap. Gesch. 14, 6. „Du aber bleibe“, so schrieb ihm später der Apostel, 2 Tim. 3, 14 ff. „in dem, das du gelernet hast und dir vertraut ist; sintemal du weißest, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit, durch den Glauben an Christus Jesus.“ Als Paulus (um das Jahr 52 der christlichen Zeitrechnung) zum zweitenmal in seiner apostolischen Wirksamkeit in jene Gegenden kam, fand er in Timotheus bereits einen Christen, der die Aufmerksamkeit seiner Glaubensgenossen von Lystra und Ikonium erregt hatte, und ward von inniger Theilnahme für ihn ergriffen, Ap. Gesch. 16,3. Die Thränen, die er damals vergossen, 2 Tim. 1,4. und die Weissagungen, welche etwas Großes von ihm erwarten ließen, 1 Tim. 1,18. blieben in des Paulus Erinnerung lebendig und erhielten die gegenseitige, innige und reine Liebe und Hingebung für immer. Der Apostel faßte den Entschluß, den hoffnungsvollen Jüngling aus trefflicher Familie dem engen Kreise der einzelnen Gemeinde zu entziehen, ihn auf seiner weitern Missionsreise als Begleiter bei sich zu behalten und so für das Werk der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden zugleich zu benutzen und anzuleiten. Jetzt war es, als er ihn in Gegenwart und unter Mitwirkung der gewählten Kirchenvorsteher durch Händeauflegen zur Uebernahme des Berufes eines Evangelisten feierlich weihen ließ, 2 Tim. 1,6. 1 Tim. 4,14. Aus Schonung aber gegen die dortigen Juden, die seinen heidnischen Vater gekannt hatten, ließ er ihn, den Sohn einer Jüdin, gegen seine sonstige Gewohnheit beschneiden, um so auch den Juden jedes etwaige Aergernis zu ersparen. So verließ Timotheus den südöstlichen Theil von Kleinasien, dem er durch seine Geburt angehörte, mit dem Apostel, nahm mit jugendlicher Bereitwilligkeit an allen seinen Leiden und Freuden Theil und gelangte bis Korinth, wo er mit ihm an der Gründung der Gemeinde arbeitete. Auf dem Wege dahin hatten sie auch Thessalonich besucht, dessen damals von Paulus in das Leben gerufene Gemeinde viel Schönes und Erfreuliches an Werken des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung vollbrachte, bald aber auch von Zweifeln und Bedenken ergriffen wurde, welche die Sorge des Apostels Paulus für sie wach erhielt. Timotheus war es, mit dem er sie freudig theilte. Er ward der Ueberbringer des ersten Briefes an die Gemeinde des ältesten, den wir überhaupt von ihm haben, in welcher er ihr bezeugt, daß das Evangelium bei ihnen gewesen sei, 1 Thess. 1,5. nicht allein im Wort, sondern beides, in der Kraft und in dem heiligen Geiste und in großer Gewißheit, und sie als seine und des Herrn Nachfolger begrüßt, welche das Wort unter vielen Trübsalen mit Freuden im heiligen Geist aufgenommen haben und dadurch ein Vorbild der Gläubigen in Macedonien und Achaja geworden seien. Und als nach Timotheus Rückkehr ein zweiter Brief nothwendig wurde, nennt Paulus nach seiner schönen Sitte auch ihn als Mitverfasser und läßt ihn auch auf diese Weise an seiner apostolischen Thätigkeit Antheil nehmen. Mehr als einmal bezeichnet er in diesen Briefen den jüngeren Mann als Diener Gottes, seinen Bruder und Gehülfen am Evangelium Christi und läßt ihn in nicht minderer Bedeutung, als sich selbst, erscheinen.

Und so blieben beide auch ferner vereinigt, traten gemeinsam die Rückreise nach Jerusalem an, und weilten mit einander in Asien, von wo Paulus, der die geliebte korinthische Gemeinde auch da nicht aus den Augen verlor, den Timotheus wieder zu ihr sendete, 1 Kor. 4,17. nicht ohne ihn zugleich im verschiedenen Gemeinden, die auf dem Wege lagen, zu beschäftigen. Eben dies aber hielt ihn ab, wirklich nach Korinth zu gehen: bald kehrte er zu dem Apostel selbst nach Asien zurück.

Und so sind ihre Wege auch fortan vielfach verbunden geblieben. Außer dem schon genannten Sendschreiben tragen auch der zweite Brief an die Korinther, der Brief an die Philipper und Kolosser die Namen der beiden innig verbundenen apostolischen Männer an der Stirn. Denn selbst nach Rom, an den Ort der Gefangenschaft des Paulus, war er seinem väterlichen Freunde freudig gefolgt und blieb ihm mit der entschiedensten Treue zu allen Diensten gewärtig.

Erst in den letzten Lebensjahren des Paulus trennten sie sich auf eine längere Zeit, aber nur, um auch dadurch das Werk des Herrn zu fördern. So entstanden jene beiden Paulinischen Sendschreiben an ihn selbst, welche den herrlichen Briefschatz der Kirche in ausgezeichneter Weise vermehren. Nie sind Briefe eines älteren Mannes an einen jüngern mit mehr Liebe geschrieben worden. Unendlich wohlthuend ist die Wärme, mit welcher er ihm die Hauptsumme des Gebotes, die Liebe von reinem Herzen und von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben, zugleich empfiehlt und in seinem Beispiele darlegt. Man wird unmittelbar mit hineingezogen in dies brüderliche Verhältniß; man empfindet, wie er im Gedanken an den Freund, der seine Stelle vertritt, die tiefsten Ausdrücke für die göttliche Wahrheit, die ihn erfüllt, mit Leichtigkeit wählt; man wird  mit dem Jünger gegen die Fehler jener Zeit gestählt und in die einfache christliche Wahrheit klar und entschieden eingeführt. „Denn das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort“, schreibt er ihm, „daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin“, 1,1,15. „Es ist Ein Gott und Ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für Alle zur Erlösung“, 1,2,5 f. „Und kündlich groß ist das gottselige Geheimniß. Gott ist offenbaret im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, geprediget den Heiden, geglaubet von der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“, 1,3,16. „Aber du Gottesmensch, fleuch solches! jage aber nach der Gerechtigkeit, der Gottseligkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmuth; kämpfe den guten Kampf des Glaubens: ergreife das ewige Leben, dazu auch du berufen bist und bekannt hast ein gut Bekenntniß vor vielen Zeugen“, 1,6,11 ff. „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit“, 2,4,7. Und mitten unter diesen und vielen andern köstlichen Aussprüchen, welche die ganze Größe des Apostels an den Tag legen, vergißt er auch nicht der geschwächten Gesundheit seines Bruders, um ihn zu leiblicher Pflege zu mahnen, 1,5,23.

In der Zeit der letzten Gefangenschaft des Paulus, die mit dessen Märtyrertod endigte, ward auch Timotheus derselben gewürdigt; während aber der Meister dem Wunsche seines Herzens gemäß für seinen Herrn starb, ward Timotheus befreit und zu neuer Thätigkeit entlassen, Hebr. 13,23. Ob er aber Bischof in Ephesus gewesen und daselbst zulegt den Märtyrertod erlitten habe, ist unsicher.

Gewiß aber hat er den Erwartungen, welche seine Jugend erweckte, in jeder Beziehung entsprochen. Von Großmutter and Mutter war er in den Worten des Glaubens und der guten Lehre aufgezogen worden, 1 Tim. 4,6. Dabei blieb er immerdar. Der in sein jugendliches Herz niedergelegte Same reifte und gedieh zu reichlicher, herrlicher Frucht, an welcher auch wir späte Nachfolger Christi uns laben.

 

Ranke in Berlin.

Markus, der Evangelist

Der Verfasser des zweiten Evangeliums hieß eigentlich mit seinem israelitischen Namen Johannes. Denn der Marcus, welcher uns nach dem Zeugnis der alten Kirche dieses Evangelium hinterlassen hat, ist derselbe, welcher in der Apostelgeschichte zuerst Johannes Marcus genannt wird (Kap. 12, 12. 25.), sodann Johannes (Kap. 13, 5. 13.), endlich aber bloß Marcus (Kap. 15, 39.). Man sieht deutlich, der Evangelist Lucas redet in allen diesen Fällen von demselben Mitglied der apostolischen Gemeine, von demselben Apostelgehülfen, welcher den Christen seiner Zeit allgemein gar wohl bekannt war. Marcus war der Sohn einer angesehenen Christin zu Jerusalem, in deren Hause die Gläubigen nach der Sitte jener Zeit in besonderen Hausgemeinen sich versammelten. Sie muß sich mit Hingebung der Sache Christi geweiht haben, denn damals gerade, als der ältere Jacobus durch das Schwerdt hingerichtet worden war, und Petrus nur durch ein Wunder aus dem Gefängnis entkam, aus welchem ihn Heros des Agrippa zum Tode wollte abführen lassen, waren viele der Gläubigen in ihrem Hause versammelt zum Gebet, und hier war es, wo Petrus zuerst wieder eine Zuflucht fand. Der Sohn einer solchen Christin, welche sich den andern heldenmüthigen Marien der evangelischen Geschichte so entschieden anschloß, konnte mit der Kraft des Christenthums früh vertraut werden. Der Apostel Petrus soll ihn bekehrt haben. Schon früh widmete er sich als Apostelgehülfe der Ausbreitung des Christenthums, indem er sich dem Apostel Paulus und dem Gefährten desselben, Barnabas, der sein Verwandter war, auf ihrer Rückreise von Jerusalem nach Antiochien anschloß und sodann an ihrer ersten Missionsreise über Syrien und die Insel Cypern nach Kleinasien hinaus Theil nahm (Apostelgesch. 12, 25.). Er kam mit ihnen bis Perge in Pamphylien. Hier aber nahm er Abschied von ihnen, und kehrte nach Jerusalem zurück; wie es scheint ohne genügenden Grund. Denn als eine Zeit lang nachher die beiden apostolischen Männer zum zweiten Male auszogen, wünschte Barnabas, der milde Levit aus Cypern, der unter den Ersten gewesen war, welche ihre Habe der apostolischen Gemeine geschenkt hatten, und der Erste, welcher dem neubekehrten Paulus in Jerusalem Vertrauen geschenkt, und ihn bei den Aposteln eingeführt, wiederum seinen Vetter als Begleiter mitzunehmen. Paulus aber hielt es für unzulässig, den jungen Missionsfreund, der auf der ersten Reise seine Festigkeit nicht erprobt hatte, jetzt wieder in die frühere Stellung eintreten zu lassen. Jeder mochte für seine Ueberzeugung besondre Gründe haben, die der Andere nicht ganz sich aneignen konnte; genug: sie kamen in scharfer Spannung dazu, sich zu trennen, um die Reise in verschiedener Richtung anzutreten. Während nun Paulus geradezu von Syrien nach Cicilien reiste, schiffte Barnabas mit dem Marcus nach Cypern. Bei dieser Gelegenheit nennt ihn Lucas zuerst ausschließlich mit dem Namen Marcus((Wahrscheinlich fing Marcus hier zuerst an, seinen römischen Namen statt des jüdischen Namens Johannes ausschließlich zu führen, eben so wie auch Paulus auf der Insel Cypern, ohne Zweifel in der Wechselwirkung mit römischen Sitten, Gebräuchen und Namen den jüdischen Namen Saulus abgelegt hatte, um den Namen Paulus zu führen. So wie aber der Saulus noch einen besonderen Grund fand, sich mit dem bescheidenen Namen Paulus (welcher den Kleinen oder Geringen bezeichnet) zu schmücken im Gegensatz  gegen den Bar Jesu, welcher sich Elymas oder Zauberer (den Zauber-mächtigen)  nannte; so mochte auch Marcus es gerathen finden, in aller Demuth jetzt den Johannesnamen bei Seite zu legen, da es sich um eine neue Bewährung nach schwerer Demüthigung handelte.)). Es ist ein Zeugnis für den Geist des Friedens, der in den apostolischen Männern lebte, wenn sie auch in ihren Unternehmungen nicht immer die gleichen Wege gehen konnten, daß wir später den Marcus wieder unter den Genossen des Apostels Paulus während seiner ersten Gefangenschaft in Rom antreffen (Coloss. 4, 10. Philem. 24.). Dies war ungefähr um das Jahr 62. Etwas später dagegen finden wir ihn in der Gesellschaft des Petrus zu Babylon (1 Petri 5, 13.), von wo aus Petrus den Christen, an welche er schreibt, Grüße von seinem „Sohn Marcus“ mit bestellt. Da nun Paulus zur Zeit seiner zweiten Gefangenschaft dem Titus den Auftrag gibt, er möge den Marcus mit nach Rom bringen (2 Timoth. 4, 11.), so hat sich Marcus wohl um die Zeit vom Jahre 64 oder 65 ungefähr in Babylon aufgehalten. Wenn wir ihn aber so abwechselnd im Dienste des Paulus und des Petrus finden, so ist er und damit ein lebendiger Bürge für die vollkommene Uebereinstimmung zwischen den beiden großen Aposteln der Juden und der Heiden; eben so wie Silvanus, der ein Freund des Paulus war, auch bei Petrus Gehülfendienste besorgte.

Nach dem Zeugnis der Kirchenväter war Marcus ein Hermeneut (Dolmetscher) des Petrus bei seinem apostolischen Werke. Einzelne derselben berichten uns insbesondere, wie er mit dem Petrus in Rom gewesen, von da nach Aegypten abgeordnet worden, und dort christliche Gemeinen gegründet habe, namentlich in Alexandrien. Mit großem Erfolg wirkte er hier, und gewann namentlich viele der griechisch – jüdischen Asketen für die christliche Kirche. Gegen das Ende der Regierung des Nero soll er ein Opfer der Volkswuth geworden und als Martyrer gestorben sein, nach dem er durch ein himmlisches Gesicht gestärkt worden. Seine Reliquien haben die Venezianer von Alexandrien herüber geholt, und ihn als ihren gefeierten Schutzpatron durch eine prachtvolle Kirche verherrlicht.

Die kirchliche Sage hat sich mit seinem Namen viel beschäftigt. Man unterschied den Evangelisten Marcus von dem Johannes Marcus, und von beiden den Verwandten des Barnabas. Den Evangelisten insbesondere aber verherrlichte man auch dadurch, daß man ihn zu den 70 Jüngern des Herrn rechnete, wogegen freilich schon das Zeugnis eines sehr alten Kirchenvaters, des Papias sprechen mußte. Eine Dichtung, welche allerdings zu der raschen feurigen Art seines Charakters paßt, ist die Sage, er sei mit unter den Jüngern gewesen, welche sich über die Worte Christi, daß man sein Fleisch essen und sein Blut trinken müsse, geärgert (Joh. 6, 66.); ihn aber habe das Wort des Petrus wieder gewonnen. Mit mehr Grund hat man jenen Zug, den er selbst erzählt (Kap. 15, 41.) von einem Jüngling, der in der Nacht der Gefangennehmung Jesu im leichtesten nächtlichen Ueberwurf dem gefangenen Herrn nachfolgte, dann aber entfloh, als ihn die Häscher ergreifen wollten, und dabei das Leintuch, das ihn bedeckt hatte, in den Händen derselben zurückließ, auf ihn bezogen. Denn darin spiegelt sich allerdings seine natürliche feurig rasche, aber auch wandelbare Gemüthsart, deren Sündliches noch nicht ganz überwunden war, als er so rasch bereit war, dem großen Heidenapostel in sein gefahrvolles Missionsfeld zu folgen, und ihn dann mitten im Zuge wieder verlassen konnte. Die Weihung dieser Gemüthsart durch den Geist Christi tritt aber darin erbaulich und erhebend hervor, daß dieser Johannes Marcus später wie ein junger Löwe sich auf dem Kampfplatz der Kirche finden läßt, indem er die gefährlichsten Punkte auswählt, bald in der alten heidnischen Weltstadt Babylon, bald in der neuern, in Rom auftritt, und dabei den gewaltigsten Streitern unter den Aposteln zur Seite steht, bald dem Paulus und bald dem Petrus. Dieses schöne Lebensbild eines vorzugsweise feurigen, herzensfrischen und tapfern Christen, der seinen Herrn am liebsten als den großen Welteroberer anbetet und verkündigt, hat sich denn auch seinem Evangelium aufgeprägt.

Nach der Ueberlieferung der Kirchenväter hat Marcus dieses Evangelium um die Zeit des Märtyrertodes Petri zu Rom, also ungefähr um das Jahr 68 in Rom abgefaßt. Nach Clemens von Alexandrien und Eusebius hätte er das Evangelium noch bei Lebzeiten des Petrus abgefaßt; dem Irenäus zufolge aber erst nach dem Tode des Petrus. Wahrscheinlich bezieht sich die letztere Nachricht auf die spätere Bearbeitung eines früheren Entwurfs. Da Marcus mit seinem ursprünglicheren Namen Johannes hieß, so könnte man die Bemerkung machen, daß wir zwei Johannes-Evangelien besitzen. Allein wie so ganz passend ist dieses zweite Evangelium mit dem römischen Namen unseres Evangelisten geschmückt worden! Die alte Kirche hat dasselbe ganz treffend mit dem Zeichen des Löwen nach jenem geheimnißvollen Thierbilde bei dem Propheten Ezechiel (Kap. 1,10) bezeichnet. Denn dieses für die thatkräftigen Römer zunächst abgefaßte Evangelium des thatfrohen Evangelisten ist eben vorzugsweise das Evangelium von dem Löwen aus Juda, von der welterlösenden That Christi. Und in diesem Geiste stützt es sich auch auf die Erinnerungen und Predigten des thatmächtigsten unter den zwölf Aposteln, des Petrus.

Daher treten in dem Evangelium des Marcus denn auch die Mittheilungen aus der Lehrthätigkeit Christi, besonders der größeren Lehrreden verhältnismäßig sehr zurück. Christus steht in seiner Anschauung vor Allem da als die urfrische, welterschütternde und weltüberwindende Gotteskraft der erlösenden Liebe, und dieser Anschauung entspricht seine gemüthliche, volksthümliche und malerische Darstellung. Marcus ist also der Evangelist des herrlichen Heldenthums Christi, und mithin auch der Verklärung alles frommen Heroenthums in der Welt. Von ihm lernen wir es besonders, wie Christus sich als der ewige Sieger erweisen will in unserem Herzen und Leben, und wie wir in seiner unendlichen Kraft glaubensmuthig überwinden sollen die Welt.

 

J. P. Lange in Zürich.

Titus

Um den Apostel Paulus bildete sich allmählich während seiner treuen Arbeit für die Ausbreitung des Evangeliums ein Kreis von befreundeten jüngeren Männern, welche mit ihm an dem segensreichen Werke der Berufung der Heiden zum Reiche Gottes lebendigen und von Erfolg gekrönten Antheil nahmen. Viele von ihnen hatte er selbst durch seine Predigt dem Herrn gewonnen, und weil er in apostolischer Weisheit die Gabe der Gemeindeleitung und die Lehrgabe in ihnen bemerkte, zu umfassenderer Wirksamkeit bestimmt. Nur durch christliche Gemeinschaft mehrerer gleichgesinnter Männer konnte das große Werk gelingen: es bedurfte vieler Kräfte; aus der Zahl der Heiden selbst mußten Boten an die Heiden gesendet werden, Männer, welche von jüdischen Vorurtheilen frei und den eigenthümlichen Fehlern dieser Nation fremd in reiner, freudiger Begeisterung für die beseligende Botschaft dem Herrn ihr Leben zum Opfer zu bringen bereit waren. Mit den Bedürfnissen und der Denkweise der heidnischen Welt aus eigner Erfahrung bekannt und durch das Beispiel des Paulus, dem sie in Liebe und Dankbarkeit angehörten, mit dem rechten Wege, auf dem etwas gewirkt werden konnte, vollkommen vertraut, konnten sie leichter als andere im vollsten Bewußtsein der Einheit mit dem Apostel die Heiden auf die neue Bahn führen und die Herzen derselben mit dem ächt christlichen Geiste erfüllen.

Einer der frühesten Freunde dieser Art, der schon in Antiochien dem Apostel Paulus zur Seite stand, als dieser eben erst seine Missionsthätigkeit begann, war Titus, von Geburt ein Heide, aber durch die Weihe des heiligen Geistes ein treues Rüstzeug in der Hand Gottes für die ersten Zeiten und als Paulus ächter Sohn durch das Band kindlicher Liebe mit seinem Lehrer verknüpft, s. Br. an die Galater 2, 3., an Titus 1, 3. Die näheren Umstände seines früheren Leben, seine Herkunft und seine sonstigen Verhältnisse sind uns gänzlich unbekannt; nur was er im Auftrage des Paulus unternommen und gewirkt hat, kann einigermaßen aus den Briefen des Apostels erkannt werben, genügt aber auch so, uns ein erfreuliches Lebensbild zur Nacheiferung vorzuhalten.

Als Paulus (etwa um das Jahr 51 der christlichen Zeitrechnung) Antiochien verließ, um mit den übrigen Aposteln in Jerusalem zusammenzutreffen und ihnen über die eigenthümliche Art seiner Thätigkeit für die Heiden Bericht zu erstatten: nahm er als lebendigen Zeugen derselben auch Titus mit dorthin, der zwar nicht, wie einige Eiferer für das mosaische Ceremonialgesetz forderten, durch die Beschneidung zuerst in das Judenthum aufgenommen worden war, aber des ungeachtet von den Aposteln als Christ anerkannt wurde und keinen Anstoß erregte, P. Gal. 2, 1 ff

Später treffen wir Titus zu Ephesus in Kleinasien bei dem Apostel (im Jahre 57) in einer Zeit, als die Gemeinde zu Korinth, jene dem Herzen des Apostels so theure Schmerzenstochter, in welcher manche unerfreuliche Erscheinungen hervorgetreten waren, seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Da wählte er ihn, um daselbst den Eindruck, welchen sein erster Brief an die Gemeinde gemacht hatte, theils zu erforschen, theils wenn es nothwendig wäre zu verstärken und im Geiste des Apostels weiter zu wirken. Titus entledigte sich dieses Auftrags mit der größten Treue. In Troas hatten sie wieder zusammentreffen wollen. Da Paulus ihn aber dort nicht fand, ging er ihm voll Eifer nach Macedonien entgegen und vernahm dort erwünschte Nachrichten, die ihn – aber nicht vollständig beruhigten. Eben in jenen Gegenden schrieb er daher jenen zweiten herrlichen Brief in Gemeinschaft mit Timotheus, der mit ihm in Korinth gearbeitet hatte, und ließ ihn der Gemeinde durch Titus überbringen, s. 2. Br. an die Korinther 1,19. 2,12 ff. 7,7. Ausdrücklich bezeugt er hier, 7,13 ff. wie das Herz des Titus durch seine erste Aufnahme bei ihnen erquickt worden sei und dieser es darum gern und freiwillig übernommen habe, zu ihnen zurückzukehren.

Zu einer andern Zeit, welche sich nicht mit Genauigkeit bestimmen läßt, begleitete er den Apostel nach der Insel Kreta, wo durch Paulus gesegnete Wirksamkeit überall christliche Gemeinden entstanden und die weitere Einrichtung derselben betrieben werden mußte. Als der Apostel aber den Grund gelegt hatte und sich wieder entfernte, ließ er Titus zurück, um als sein Genosse und Mitarbeiter das begonnene Wert zu Ende zu führen, Aelteste einzusetzen, die Gläubigen in der Treue zu befestigen, die Irrlehrer aber zu überwinden. Bald darauf schrieb er ihm jenen Brief, von dem unser Luther sagt: „Dies ist eine kurze Epistel, aber ein Ausbund christlicher Lehre, darinnen allerlei so meisterhaft verfasset ist, das einem Christen Noth ist zu wissen und darnach zu leben.“ Dem mündlichen Unterrichte, wie er seinem Berufe am Besten genügen könne, fügt er hier zugleich einen schriftlichen bei, welcher einerseits ihm selbst ein beglückendes Zeichen des großen Vertrauens und der herzlichen Liebe, welche der Apostel gegen ihn hegte, geben mußte, andererseits aber ihn von neuem bei den Gemeinden beglaubigte. Große Schwierigkeiten waren zu bestehen, welche durch den Charakter der Eingeborenen, 1,12. und die Bösartigkeit jüdischer Verführer, 1,10. bedeutend erhöht wurden. Dringend ermahnt er in daher, 2,7. ein Vorbild guter Werke zu sein, mit unverfälschter Lehre, mit Ehrbarkeit und mit heilsamem und untadeligem Wort; und heißt ihn mit ganzem Ernst reden und strafen. Die heilsame Gnade, die Freundlichkeit und Leutseligkeit seines Gottes und Erlösers legt er ihm und den Gemeinden von neuem in den ergreifendsten Worten an und in das Herz. Nach beendigtem Geschäft aber soll er rasch zu dem Apostel nach Nikopolis kommen, wo dieser den Winter zuzubringen gedachte.

Ueber sein späteres Leben und sein Ende ist keine zuverlässige Nachricht auf uns gekommen. Sicher ist, daß er im Auftrag des Apostels eine Reise nach Dalmatien unternommen, 2 Tim. 4,10. Daß er aber das Amt eines Bischofs in Kreta verwaltet habe, wie einige erzählen, bleibt ungewiß. So ist die ganze, der Kirche heilige Erinnerung an ihn mit der an den Apostel Paulus verknüpft. Wir sind dem Manne innig dankbar, der seinen Meister, der ihn zuerst in die Tiefen des Christenthums eingeführt hatte, stets mit Treue geehrt und in dem schweren leidensvollen Beruf der Heidenbekehrung kräftig und erfolgreich unterstützt hat.

Friedrich Ranke in Berlin.

Johannes der Täufer

Es ist die hohe weltgeschichtliche Bedeutung Johannis des Täufers, daß er von Gott dazu erkoren war, die Grenze zu bilden zwischen dem alten und neuen Bunde und von jenem zu diesem hinüberzuleiten. Diese seine Stellung dient dazu, seine Vorzüge und seine Mängel zu bezeichnen. Er ragte in der Erkenntniß von dem, was zum Reiche Gottes gehört, über alle Propheten des alten Bundes hervor, wie ihn der Herr selbst „größer denn alle Propheten“ nennt. Und doch war ihm das Licht der vollen Erkenntniß vom Reiche Gottes, wie es erst durch den Herrn Christus selbst offenbart wurde, noch nicht aufgegangen, wie erhellt aus den Worten Christi, wenn er sagt, daß der Kleinste im Reiche Gottes größer sei denn Johannes, d. h. daß auch der Geringste der wahrhaft erleuchteten Christen durch das ihm von Christus mitgetheilte Maaß der Erkenntniß von dem Wesen des Reiches Gottes, seiner Gründung und seinem Entwicklungsgang dem Johannes überlegen sei.

Auf den großen Beruf, den er erfüllen sollte, durch das, was ihm von den göttlichen Zeichen bei seiner Geburt((Wir verweisen hier auf die Erzählung des Lukas)) mitgetheilt worden, vorbereitet, hatte er von Kindheit an, Gott geweiht, ein Leben strenger Entsagung geführt. Dann zog er sich, als er in das reife Mannesalter eingetreten war, in die Einöde westlich vom todten Meer zurück, über die Sünden des Volke zu trauern, zu Gott für dessen Bekehrung zu beten und von dem Herrn ein Zeichen über die baldige Erscheinung des Messias, welcher das Ziel seiner heißesten Sehnsucht war, und auf den er als der letzte der Propheten unmittelbar hinweisen sollte, zu erwarten. Er führte ein Leben der größten Entbehrung und der härtesten Zucht, wie es der Stimmung seines Gemüths und dem Beruf als Bußprediger, in dem er bald auftreten sollte, entsprach. Er war zufrieden mit dem Lebensunterhalt, den die umgebende Natur ihm von selbst darbot, nährte sich von einer Art genießbarer Heuschrecken des Orients und von wilden Honig. Da wurde ihm der Ruf von Gott, daß er aus der Einöde hervortreten sollte, um das Volk zur Buße zu rufen und auf die nahe bevorstehende Erscheinung des Messias und seines Reiches die Gemüther vorzubereiten. Seine vorbereitende Bußpredigt sollte von einem sinnbildlichen prophetischen Zeichen begleitet werden, das Zeichen der Taufe, d. i. diejenigen, welche seiner zur Buße rufenden und von dem nahe bevorstehenden Kommen des Messias zeugenden Stimme folgten, sollten dies dadurch bezeugen, daß sie sich ganz in’s Wasser eintauchten und wieder hervortauchten, hinzu weisen auf die gänzliche Sinnesänderung, Reinigung des ganzen Menschen von innen heraus, welche zum Eingehn in das Reich Gottes erforderlich sei, und die Mittheilung der göttlichen, naturumbildenden Kraft, durch welche der Messias für eine solche tüchtig machen sollte. Er erhielt zugleich die Gewißheit von Gott, daß unter denen, welche diese Taufe als die vorbereitende Weihe für das Reich des Messias von ihm empfangen würden, auch dieser selbst sein werde, und daß derselbe als solcher durch ein von Gott ihm gegebenes Zeichen ihm werde offenbart werden.

So erschien nun Johannes, umhüllt mit einem Mantel von Kameelhaaren, der zusammengeschnürt war mit einem ledernen Gürtel, in dieser rauhen Tracht nach dem Vorbilde des Elias, wie er sein sollte der Elias für diese Zeit, an den Ufern des Jordan. Und da schon durch die Zeichen der Zeit und die schweren Bedrängnisse der gesunkenen Theokratie eine große Sehnsucht unter dem Volke angeregt worden und diese durch den prophetischen Ruf des Johannes noch gesteigert wurde, strömte eine große Menge herbei, die Worte des Propheten zu vernehmen und sich von ihm taufen zu lassen. Es war aber unter diesen Menschen ein großer Unterschied. Es waren Heilsbegierige aus dem eines Führers ermangelnden Volke, denen es nur an der rechten Erkenntniß fehlte, wie jene Zöllner und Kriegsleute (Ev. Luc. 3, 12 und 14), es waren Neugierige oder Solche, welche nur dem Strom der allgemeinen Stimmung folgten, ohne durch ein eignes religiöses Bedürfniß getrieben zu werden, oder doch Solche, welche nur die Erscheinung eines mit in die Augen fallender Wundermacht kommenden irdischen Messiasreiches nach ihrem fleischlichen Sinne erwarteten und meinten, daß sie als Kinder Abrahams und vermöge einer gewissen äußerlichen Werkheiligkeit ohne irgend eine andere Vorbereitung an der Herrlichkeit dieses Reiches sogleich theilnehmen würden. Der Prophet wußte mit seinem klaren Blick jene verschiedenen Arten der Menschen, die zu ihm kamen, wohl von einander zu unterscheiden und er nahm in der Art, wie er zu ihnen sprach, auf diese Unterschiede Rücksicht. Jenen Heilsbegierigen zeigte er, auf welche Weise sie ihrem besonderen Stande und Berufe gemäß ihre Buße bethätigen sollten. Zu jenen Anderen aber, den Pharisäern insbesondre, sprach er: sie sollten nicht meinen, daß sie als Kinder Abrahams dem bevorstehenden göttlichen Strafgericht über das verderbte theokratische Volk entgehen würden. Alles sei vergeblich, wenn sie nicht die Frucht der wahren Buße in ihrem Leben zu erkennen gäben; es stehe in der Gewalt des Allmächtigen, diejenigen unter seinem bisherigen Volk, die sich ihrer Bestimmung unwürdig zeigten, zu verstoßen, und wie er sagte hinweisend auf die Steine, die am Ufer des Jordan zerstreut lagen, aus diesen Steinen ächte Kinder Abrahams zu erwecken. Eine prophetische Hinweisung darauf, wie das Reich Gottes von den leiblichen Nachkommen Abrahams zu den Heidenvölkern übergehen sollte.

Obgleich Johannes seine eigene Person immer in den Hintergrund stellte und sich nur bezeichnete als die in der Wüste ertönende Stimme, hinzuweisen auf den der da kommen sollte, so war doch der Eindruck, den er auf die Gemüther der Menge machte, so groß, daß schon in Manchen der Gedanke entstand: Sollte der Prophet sich nicht nur noch selbst verbergen, und nur noch zurückhalten die offene Erklärung darüber, wie er selbst zum messianischen Reiche sich verhält? Sollte er nicht etwa selbst der Messias sein? Aber dies ist das Charakteristische der echten Männer Gottes, sie wollen nicht mehr sein, als Gott zu sein ihnen verliehen hat; ohne sich selbst geltend zu machen, wenden sie nur Treue an die Gaben, die Gott ihnen mitgetheilt, erfüllen den Beruf, den Gott ihnen zugewiesen, und fern von ihnen bleibt es, über das Maaß desselben hinauszugehen. Auf das Nachdrücklichste, widersprach er jener Erwartung des Volks, indem er erklärte, erst nach ihm werde der weit Höhere auftreten, dem er den geringsten Knechtesdienst zu verrichten nicht würdig sei. Er selbst könne nur die vorbereitende, vorbildliche Wassertaufe ihnen ertheilen, die sie an die nothwendige Reinigung durch die vorbereitende Buße erinnern sollte, aber jenem weit Höheren sei es vorbehalten, die wahre Geistestaufe ihnen zu ertheilen, daß wie sie jetzt in das Wasser sich eintauchten, sie dann mit ihrem innern Leben ganz in jenen von dem Messias mitzutheilenden göttlichen Geist sich tauchen, ganz von demselben erfüllt und von einem heiligen, alles Menschliche verklärenden Feuer durchdrungen werden sollten. Er verkündete die von dem Messias zu vollziehende, große Sichtung, vermöge welcher die für jene Geistestaufe empfänglichen, echten Kinder Abrahams zu Einer Gottesgemeinde sollten gesammelt werden, die Uebrigen aber von dem Reich Gottes ausgestoßen dem göttlichen Strafgericht anheimfallen.

Wer in dem Maaße seines göttlichen Berufs sich demüthig zu beschränken weiß, der wird zum Ziel desselben gelangen. So empfing Johannes den Lohn seiner demüthigen Selbstbeschränkung. Es erschien auch Jesus vor ihm, um die Taufe von ihm zu empfangen. Wenngleich aber Johannes sich seines Berufes bewußt war, Allen jene vorbereitende messianische Weihung zu ertheilen, und die göttliche Zuversicht empfangen hatte, daß so bei der Taufe sich auch der Messias ihm offenbaren werde, so entstand doch hier ein Widerstreit in ihm zwischen dem Menschlichen und Göttlichen. Wenngleich er noch nicht die Gewißheit darüber hatte, die er als Prophet gewinnen sollte, daß dieser Jesus der Messias sei, su machte doch das Göttliche seiner Erscheinung im Zusammenhang mit dem, mas er aus dessen Familienkreise von ihm vernommen hatte, so gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er sich sträubte dagegen, zu einem Solchen in ein gleiches Verhältniß wie zu den Uebrigen, die die Taufe von ihm empfangen hatten, sich zu stellen, einem Solchen die Taufe zu ertheilen. Doch Jesus forderte ihn auf, diese Bedenken zu überwinden, damit Alles, was zur Ordnung des Reiches Gottes gehörte, erfüllt werde. Dazu gehörte es, daß der letzte der Propheten den Messias selbst als solchen offenbaren, ihn in seine göttliche Berufsthätigkeit einführen und das göttliche Zeichen dazu ihm ertheilen sollte. Die johanneische Taufe war eben die gemeinsame Weihe für das messianische Reich, in einem anderen Sinne für die als Mitglieder demselben Angehörenden, und in einem andern Sinne für den Gründer und König dieses Reiches, der dadurch bezeichnet werden sollte als derjenige, in dessen Wirksamkeit sich von nun an die ganze Fülle des göttlichen Geistes offenbaren und der vermöge derselben die Geistestaufe den durch die Wassertaufe dazu Vorbereiteten ertheilen sollte. Da nun Jesus in das Wasser des Jordan sich hinabließ und betete, wurde Johannes im Geiste entzückt, es erschien ihm der Himmel sich aufthuend, als ein Zeichen der Gemeinschaft, die zwischen Himmel und Erde nun wieder hergestellt werden sollte, und vom Himmel herab kam eine Taube und blieb schweben über das Haupt Jesu. Die Taube war ihm ein Bild des Heiligen Geistes und das sanfte ruhige Schweben der Taube ein Zeichen der sich immer gleichbleibenden ruhigen und stetigen Wirksamkeit des göttlichen Geistes in diesem Jesus und von diesem aus. Denn er wurde dadurch bezeichnet als der, in welchem die ganze Fülle dieses Geistes wohnte, der nicht blos wie die Propheten einzelne vorübergehende Wirkungen und einzelne Gaben des Geistes empfangen hatte. Und er erkannte ihn nun mit göttlicher Zuversicht als den Sohn Gottes, der mit dem heiligen Geist die Menschen zu taufen gekommen sei.

Jesus zog sich nun für’s Erste aus dem Kreise des Johannes zurück und begab sich in die Einöde, in Gebet und Betrachtung, und in dem innern Kampfe, in dem er den Gläubigen vorangehen sollte für den heiligen Beruf, für den er so eben das göttliche Zeichen und die Weihe empfangen hatte, sich vorzubereiten. Johannes aber setzte seine bisherige Wirksamkeit fort, und da nun eine Gesandtschaft des höchsten Tribunals über alle Religionsangelegenheiten, des Sanhedrins in Jerusalem vor ihm erschien, um eine ganz bestimmte Erklärung darüber, wofür er wollte angesehn sein, und in welcher Autorität er auftrete, von ihm zu vernehmen, bezeichnete er schon, indem er sich über sein Verhältniß zum Messias wie bisher aussprach, diesen als einen in ihrer Mitte Erschienenen, der ihnen aber noch unbekannt sei. Es geschah dies, als Johannes sich zu Bethania oder Bethabara am jenseitigen Ufer des Jordan befand.

Als Jesus seine vierzigtägige Vorbereitungszeit in der Einöde vollbracht hatte, erschien er zuerst wieder unter dem engern Kreise, den Johannes der Täufer um sich gebildet hatte. Wir müssen nämlich von der größeren Menge derer, die zu dem Johannes hinströmten, um von ihm die Taufe zu empfangen und dann wieder zu ihrem gewöhnlichen Stand zurückzukehren, die kleinere Zahl der Prophetenschüler unterscheiden, welche immer bei ihm blieben und ihn zum Führer des geistlichen Lebens erwählten, als seine Organe unter dem Volk zu wirken sich bereit machten. Aus dem Kreise Solcher bildete sich die erste Jüngerschaar Christi, Johannes selbst wies durch sein Zeugniß diejenigen, welche er als empfänglichere erkannte, zu ihm hin, wie er, als Jesus wieder vor ihm erschien, und seine beiden Jünger, Johannes der nachherige Lieblingsjünger des Herrn und Andreas der Bruder des Petrus ihn umgaben, auf Jesus hinweisend die Worte sprach: Siehe das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt trägt! Es war dies die höchste prophetische Ahnung, welche dem zwischen dem alten und neuen Bunde in der Mitte Stehenden bei dem Anblick des Herrn in seiner göttlichen Milde und Demuth in der Seele aufstieg, denn er gibt ihn dadurch zu erkennen als den, der in göttlicher Reinheit, Geduld und Milde die Sünden des Volks tragen und dasselbe entsündigen sollte. Der ganze Sinn dieser Wurte, welcher erst den Aposteln durch die Erleuchtung des heiligen Geistes ganz aufgeschlossen werden sollte, war ihm selbst noch nicht klar; er sprach, wie es in der Natur solcher prophetischen Worte liegt, mehr aus, als er mit klarem Bewußtsein hätte entwickeln können.

Es muß uns nun aber wohl die Frage auffallen: Wie ist es zu erklären, daß Johannes nicht, statt seinen abgesonderten Wirkungskreis fortzusetzen, selbst mit allen seinen Jüngern zum Herrn überging. Ein so erleuchteter Mann, sollte man denken, hätte als Jünger des Herrn das tüchtigste Werkzeug für die göttliche Sache werden müssen. Aber Gott hatte es anders beschlossen, und wir werden seine verborgene Weisheit, deren Gedanken nicht sind wie der Menschen Gedanken, darin erkennen können. Jesus bedurfte zu seinen Jüngern Solcher, die noch nichts waren, Alles erst durch ihn werden sollten, die wie leere Gefäße zu ihm kamen, um die göttlichen Schätze von ihm zu empfangen, sie sollten ganz durch ihn erst gebildet werden, Alles sollte in ihnen das Werk seiner Schöpfung sein. Johannes der Täufer aber hatte seinen eigenthümlichen Standpunkt schon gewonnen. Diesem sollte er treu bleiben, darüber nicht hinausgehn, und in dieser Stellung nicht unmittelbar dem Herrn sich anschließend, konnte er auch am meisten dazu wirken, ihm in den Gemüthern den Weg zu bahnen. Nicht öffentlich zeugte er von ihm, sondern nur die vertrauteren seiner Jünger, die seiner Stimme in Allem folgten, wies er zu ihm hin. Wie er dem alttestamentlichen Standpunkt von einer Seite noch angehörte, wartete er ohne Zweifel darauf, daß der Herr selbst durch seine Wundermacht sich allgemeinere Anerkennung verschaffen und dann als der Messias ein heiliges Reich sichtbarlich zu gründen und die große Sichtung unter dem Volk zu vollziehn, auftreten werde. Dann war die Zeit dazu gekommen, daß auch er mit seiner ganzen Schaar sich ihm anschloß. Bis dies geschehen werde, wollte Johannes seine abgesonderte Wirksamkeit fortsetzen.

Johannes, der seinen Aufenthaltsort öfters veränderte, um seinen Wirkungskreis weiter auszubreiten, sich aber immer, wie die Verrichtung der Taufe es verlangte, nach wasserreichen Gegenden begab, hatte unterdessen an der Grenze von Judäa nach Samaria hin in einer quellenreichen Gegend bei Salem, zu Aenon sich niedergelassen. Es war ungefähr ein halbes Jahr seit der Taufe Christi verstrichen. Dieser hatte zuerst am Passahfest in Jerusalem gewirkt und begab sich nun mit seinen Jüngern in jene Gegend, um dann durch Samaria nach Galiläa zurückzukehren. Da erregte nun die Wirksamkeit Christi die Eifersucht solcher Jünger Johannis des Täufers, welche dem Sinn und Geist ihres Meisters ferner standen. Dieser aber ließ sie eine göttliche Nothwendigkeit darin erkennen, daß Jesus über ihn sich erheben mußte. Er bezeichnet das Verhältniß zwischen ihm und Christus als ein solches wie das zwischen dem von der Erde Stammenden und dem vom Himmel Herabgekommenen, das Verhältniß des Menschlichen zum Göttlichen. Wie der Brautführer das Ziel seiner Wünsche erreicht hat, wenn er die Braut mit dem Bräutigam zusammengeführt hat, so sieht Johannes das Ziel aller seiner Sehnsucht erschienen, den Gipfel seiner Freude erfüllt, da er die Gemeinde Gottes dem, mit welchem sie auf ewig verbunden sein soll, zugeführt hat; er ist am Ziel seiner irdischen Laufbahn, und ruft aus: Ich muß nun sinken, er aber muß immer höher sich erheben.

Johannes kehrte sodann wieder nach Peräa, wo er früher gewirkt hatte, zurück. Diese Provinz war der Regierung des Herodes Antipas unterworfen. Ale strenger Sittenrichter, der das Ansehen des göttlichen Gesetzes ohne Menschenfurcht geltend machte, hatte sich Johannes dessen Feindschaft zugezogen, insbesondre dadurch, daß er für die Heiligkeit der Ehe gegen ihn eiferte, die Verlegung derselben darin, daß Herodes die Herodias, Gattin seines Bruders Philippus entführt und geheirathet hatte, rücksichtslos strafte. Dies konnte ihm auch besonders die Herodias nicht verzeihen, und sie bewirkte es besonders, daß er gefangen genommen wurde. Die Besorgniß vor Unruhen, welche Johannes durch seinen Einfluß auf die bewegte Menge erregen könnte, gebrauchte der König zum Vorwand. Johannes wurde nach der Grenzfestung Machärus geschleppt.

Da jene Beschuldigung gegen den Johannes nur zum Vorwand diente, da man gut genug den Mann kannte, von dem es fern war, eine Empörung stiften zu wollen; so trug man kein Bedenken, ihn in der Verbindung mit seinem engern Jüngerkreis ungehemmt zu belassen. Nun hörte Johannes in seinem Kerker von den Wundern Christi und der Vergrößerung seiner Jüngerschaar. Da er dem alttestamentlichen Standpunkt noch angehörte, wenngleich an der Grenze desselben stehend, so befremdete es ihn, daß Jesus noch nicht vor Aller Augen als den Messias sich zu erkennen gab, und mit der Stiftung seines Reiches auf Erden immer noch zögerte. Denn wenngleich Johannes von allen fleischlichen Vorstellungen über die Beschaffenheit dieses Reiches fern war, und nur durchaus Gotteswürdige Vorstellungen von der Beschaffenheit desselben sich machte, so erwartete er doch immer ein äußerliches Hervortreten dieses durch Wundermacht zu gründenden Reiches. Wenn auch einzelne Ahnungen von dem höhern christlichen Standpunkt in ihm aufgingen, so dürfen wir doch das, was in den höchsten Momenten religiöser Geisteserhebung ihn erfüllte, nicht für das Beseelende und Bleibende bei ihm halten. Wir können uns nicht darüber wundern, wenn bald jener alttestamentliche Standpunkt, bald die Vorahnung des Christlichen bei dem Johannes mehr vorherrscht. Auch der noch so sehr Erleuchtete muß erkennen, daß er den göttlichen Schatz trägt in irdenem Gefäße; es wechselt Licht und Schatten in dem Gemüth. Was in göttlicher Zuversicht dem Erleuchteten gewiß geworden, kann in anderen Momenten, wo die aus dem Dunstkreis der Welt aufsteigenden Nebel das Licht des Geistes umhüllen, ihm wieder ungewiß werden. Solche Erfahrungen werden in dem christlichen Leben häufig gemacht, sie gehören zu dem Schmerzlichsten, sie sind aber nothwendig und heilsam, damit der Glaube unter dem Feuer der Versuchungen erprobt werde. Es ist lehrreich und tröstlich, wenn wir auch den erleuchtetsten Propheten eine solche Erfahrung machen sehen. Er, der mit solcher Zuversicht von Jesus als dem Messias und dem Sohn Gottes gezeugt hatte, wurde in einem ungünstigen Moment schwankend in seiner Erwartung aus dem angeführten Grunde. Da aber sein Glaube an den göttlichen Beruf Jesu als Propheten und an dessen Wahrhaftigkeit doch unerschüttert war, so wollte er aus seinem Munde die sicherste Entscheidung vernehmen, und er sandte zwei seiner Jünger zu Christus und ließ ihn fragen, ob er denn wirklich der Messias sei, oder ob man noch einen Andern erwarten müsse. Christus wies auf die von ihm vollbrachten leiblichen und geistigen Wunder hin, und er pries, auf Johannes anspielend, seelig den, der in seinem Glauben an den Messias sich nicht dadurch irre machen lasse, wenn er selbst fortfahre, statt ein sichtbares Reich zu stiften, unter den Armen und Leidenden Göttliches zu wirken. Nachdem die Jünger des Johannes sich entfernt hatten, sprach Christus zuerst in bildlicher Rede, dann in eigentlichen Worten sein Urtheil über Johannes aus: Was sie in der Einöde am Ufer des Jordan gesucht hätten? Nicht Einen von den Hofleuten in weichen Kleidern, die man in den Palästen der Fürsten finde, – Johannes, der strenge Zeuge der Wahrheit, das Gegentheil von den um die Fürstengunst buhlenden Hofleuten. Nicht ein wankelndes, vom Winde hin- und herbewegtes Rohr, – Johannes nicht ein wankelmüthiger Lehrer, wie man etwa aus dieser seiner Sendung hätte schließen können, sondern ein Prophet, und mehr als ein Prophet, der über alle Propheten Erhabene, dem doch der Geringste im Reiche Gottes an Erkenntniß überlegen sein mußte. Denn ein solcher mußte schon klar erkennen, was über das Maaß des alttestamentlichen Standpunktes, auf dem sich Johannes noch befand, hinausging, daß der Messias nicht mit einem Male, auf sichtbare Weise, sein Reich auf Erden stiften, sondern durch Leiden dasselbe gründen, und daß es erst durch langsamere allmählige Entwicklung seinem letzten Ziel entgegengehen sollte. Hier bezeichnete also auch der Herr aus dem eigentlichen Standpunkt des Johannes es erklärend, was ihn für einen Augenblick in seinem Glauben irre gemacht hatte.

Der Einfluß jener herrschsüchtigen Herodias, welche die Gefangennehmung des Johannes bewirkt hatte, führte bald, nachdem das Erzählte vorgefallen war, den Märtyrertod des Johannes in seinem Kerker herbei. Wir nennen ihn einen Märtyrer, weil er in der Treue der Erfüllung seines Prophetenberufs ein Opfer des weltlichen Machthabers wurde.

A. Neander in Berlin.

Mose

Mose, welch‘ ein Begnadigter des Herrn, mit dem Er redete von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet, und der von Ihm selbst das Zeugniß empfing, daß er treu gewesen in einem ganzen Hause! Doch nur als ein Knecht und Vorbild dessen, der als der Sohn ein Herr ist über Gottes Haus: ihm war gegeben, des Hauses Gesetz und Ordnung aufzurichten und mit des Buchstabens Schärfe der falschen Freiheit den Tod zu bereiten; Gottes ewige Gnade und Wahrheit aber konnte sich allein über Gottes Haus ergießen in dem, in welchem alle Fülle der Gottheit leibhaftig wohnet und nur der Sohn, dessen Worte Geist und Leben sind, konnte lebendig und frei machen.

Von keinem unter allen Männern Gottes im alten Bunde wird uns so viel berichtet, als von Mose; doch gilt es hier nicht sowohl, sein Amt und Werk zu betrachten, als vielmehr seine eigene wunderbare Führung und Vollbereitung in kurzen Zügen darzulegen. Der zum Führer Israels ersehen war, wurde selbst auf jedem Schritte seines Lebens von Gottes Hand geführt, von da an, wo ihn der Herr aus dem Wasser zog bis dahin, wo er ihm selbst ein Grab grub.

Aus Levi’s Geschlecht, ein Sohn Amrams und Jochebeds, wurde Mose zu jener Zeit geboren, wo der Pharaonen Druck hart auf den Schultern der in Egypten als Fremdlinge lebenden Kinder Abrahams lastete, und wo der König namentlich durch die befohlene Aussetzung aller neugebornen männlichen Kinder es unmöglich zu machen suchte, daß sich Israel als ein unvermischtes Gottesvolk in den Grenzen seines Landes erhielte. Der Glaube gab der erfinderischen Mutterliebe den Muth, den schönen Knaben drei Monate lang zu verbergen und auch dann noch ein wunderliches Mittel zu einer Erhaltung zu ergreifen, und der solchen Glauben gewirkt hatte, ließ ihn auch nicht zu Schanden werden: er fügte es, daß des Drängers eigene Tochter das Kind aus dem Wasser des Nils ziehen und ihm den Namen beilegen mußte, den er als ein Denkzeichen der göttlichen Erwählung Zeitlebens führte. Er fügte es auch, daß das in Pharaos Haus aufgenommene Kind doch von der Mutter Brust die erste Nahrung empfing und sicherlich auch durch der Mutter Wort der Glaube in ihm geweckt wurde, durch welchen er, obwohl an Pharao’s Hof in aller Weisheit der Egypter erzogen, gleichwohl da er groß ward, nicht mehr ein Sohn heißen wollte der Tochter Pharao, sondern viel lieber erwählete mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, wodurch er ein Vorgänger geworden ist aller Derer, welche die Schmach Christi allen Schätzen der Welt vorziehen. Ueber der ersten That, in welcher sich Moses brennender Eifer für sein und Gottes Volk kund that, liegt ein gewisses Dunkel, welches durch kein unzweifelhaftes Urtheil des göttlichen Worts gelichtet wird: wohl mag sie als ein Werk der Nothwehr, vielleicht selbst der damals als Gebot geltenden Blutrache zu entschuldigen sein, schwerlich aber war sie eine reine Glaubensthat; vielmehr läßt uns dieselbe damals in Mose noch ein trübes Gemisch von Natur und Gnade erkennen, welches erst noch einen ferneren Läuterungsproceß nöthig macht. Wohl mochte es an dem glaubensarmen Knechtssinn seiner Volksgenossen liegen, wenn sie nicht, wie er gemeint hatte, vernehmen wollten, daß Gott durch seine Hand ihnen Heil gäbe, sondern die Frage aufwarfen: „Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt?“ Aber Mose hatte ja auch wirklich damals noch keinen mündlichen Befehl und äußerlichen Beruf, und gewiß ist, daß Gottes Stunde noch nicht gekommen war und daß Israel nicht durch Fleisches Arm, sondern durch Gottes ausgereckten Arm und starke Gerichte aus der Knechtschaft Egyptens sollte erlöst werden. Darum achten wir, es sei nicht bloß Pharaos Zorn, sondern Gottes erziehende Liebe gewesen, welche Mose (im 40. Jahre seines Lebens) aus Egypten nach Midian trieb, wo in der Abgeschiedenheit eines einsamen Hirtenlebens der eigene Wille in ihm erstarb und der Prüfungsstunden kostbarste Frucht, der Sinn glaubensvoller und willenloser Hingebung reifte, durch welchen er zu dem geschickt wurde, was Gott noch weiter mit ihm vorhatte. Doch wußte ihm Gott auch in der Fremde eine Bergungsstätte zu bereiten, ja selbst einen Heerd zu gründen. Ein Liebesdienst, den Töchtern des Priesters Jethro in Midian erwiesen, führt ihn bei diesem ein, Jethro’s Tochter Zipora wird ein Weib und zwei Söhne werden ihm daselbst geboren. Die Namen, die ihnen der Vater beilegt (2 Mo. 2, 22), sprechen eine Klage aus, daß er ein Fremdling geworden sei im fremden Lande, und seinen Dank gegen Gott, der ihn aus Pharaos Hand errettet hatte; aber sie zeigen uns eben, daß er nur in Erinnerungen lebte, nicht in kühnen Hoffnungen. Aber gerade indem er die eigenen Gedanken aufgeben lernte, erfüllten sich Gottes Gedanken über ihm und in der Schule der Entsagung, in die er geführt war, empfing er die innere Weihe zu seinem Amte, nachdem er in Egypten und an Pharao’s Hof die äußere Befähigung sich erworben hat. Mit einem zerstoßenen Rohre wollte Gott Egypten schlagen und eben jetzt, wo Moses eigene Wege im Sande der Sinaitischen Halbinsel sich spurlos verliefen, wurden ihm Gottes herrliche Wege hell und klar vorgezeichnet. Vierzig Jahre lebte er in der Verborgenheit. Am Berge Horeb, wohin Mose eines Schwiegervaters Heerden getrieben hatte, offenbarte sich ihm Gott im Gesicht und Wort als Jehovah, den ewig treuen Bundesgott, verhieß ihm seines Volkes Erlösung und sandte ihn selbst zur Ausrichtung solches Werkes nach Egypten. Aber das letztere war jetzt nicht nach Moses Sinn: war er früher gelaufen, ehe ihn noch der Herr gesandt hatte, so wollte er jetzt nicht gehen, als der Herr rief. Das Gefühl einer eignen Untüchtigkeit, welches sich aussprach in den demüthigen Worten: „Wer bin ich, daß ich zu Pharao gehe?“ steigerte sich bis zu dem Grade der Verzagtheit, daß er dem Herrn den Gehorsam absagte, indem er sprach: „Mein Herr, ende welchen du willst.“ So mußte Mose, was er nachher so lange und schwer an seinem Volke zu tragen hate, zuerst an sich selbst erfahren, den Trotz nämlich und die Verzagtheit des in seinen eigenwilligen Irrgängen unergründlichen Menschenherzens. Er lernte tragen, nachdem Gott ihn zuvor getragen hatte. Geduldig beantwortet der leutselige Herr alle Einwürfe und Bedenklichkeiten eines kleinmüthigen Knechtes, aber er läßt ihn auch einen Zorn empfinden, als der Kleinmuth zum Unglauben und Eigensinn zu werden droht. Und nun zieht Mose hin nach Egypten, muß aber unterwegs bereits zu einem Schrecken erfahren, wie jedes Gericht zuerst am Hause Gottes anfangen muß, indem Gott wegen der unterlassenen Vollziehung des Bundeszeichens der Beschneidung an seinem Sohne ihn tödten will; empfängt aber auch jetzt bereits ein tröstliches Angeld für die Erfüllung der göttlichen Zusagen, indem der ihm als Beistand und Wortführer von Gott zugeordnete ältere Bruder Aaron auf göttliches Geheiß ihm entgegenzieht und am Berge Gottes die Brüder sich begegnen. Mose kommt nach Egypten und dort alsbald in heißen Kampf, aber im Kampfe wächst ihm auch des Glaubens Kraft. Das hartgedrückte Volk Israel zwar nimmt anfangs die Kunde von der verheißenen Befreiung mit Freuden auf; aber Pharao antwortet auf den an ihn von Mose und Aaron gebrachten Befehl, Israel ziehen zu lassen, mit dem schneidenden Hohne: „Wer ist der Herr, des Stimme ich hören müsse?“ und mit Verdoppelung der schweren Frohnen, und bei dem Seufzen über den neuen Druck hat Israel keine Ohren mehr für das Evangelium in Moses Munde und ruft noch Wehe über den Befreier. Auch der erste Versuch, durch Aufzeigung der empfangenen Wunderzeichen die göttliche Sendung zu beglaubigen, wird durch den Widerstand der herbeigerufenen egyptischen Zauberer vereitelt, und so scheinen alle Erfolge Moses Bedenken zu rechtfertigen und des Herrn Verheißungen Lügen zu strafen. Doch der Glaube läßt Mose nicht irre werden an Gott, noch sich fürchten vor des Königs Zorn: er wirft den Stab Gottes aus einer Hand nicht weg, aber er muß ihn als Zuchtruthe ausstrecken über Pharao und sein Volk und jene Reihe schwerer Landplagen über Egypten herauf rufen, die selbst die arglistigen Zauberer bald nöthigen, den Finger Gottes anzuerkennen, aber an Pharaos verstocktem Herzen nichts wirken als eine flüchtige Heuchelbuße. Da wird er denn hin und her geschickt zwischen Gottes und Pharaos Thron, muß bald auf Pharao’s Bitten den gnädigen Gott um Verschonung anrufen, bald in Gottes Namen dem falschen Könige neue Gerichte ankündigen; da muß er in Gottes Dienste lernen Geduld und Langmuth üben und doch hin wiederum unnachsichtlichen Eifer für des Herrn Ehre und Gebot beweisen. Sein Herz erstarkt zusehens, seine Rede wird immer glaubenskühner, er steht als ein sehr großer Mann in Egyptenland da, vor den Knechten Pharao und vor dem Volk, und der König selbst wagt es nicht, ihm ein Haar zu krümmen. Im Glauben hält er endlich auch noch die Ostern und das Blutvergießen und führt das Volk aus, und als den Pharao seine Reue bald wieder gereut und er mit seinem Heere Israel nachjagt, und als dieses, an einer Stelle eingeholt, wo kein Entrinnen war, bittre Klage wider Mose erhebt; da kann er sie heißen stille sein, denn er weiß bereits, daß der Herr für sie streiten wird. Auf Gottes Befehl zertheilt seine Hand die Wasser des rothen Meeres, daß Israel trocken hindurchzieht, und läßt sie wieder zusammenfallen, daß Pharao mit einer ganzen Macht darin ertrinkt. Mose aber lehrt mit einer Schwester Mirjam das Volk ein Siegeslied fingen, das von den Ufern des rothen Meeres hinüberschallt bis zum krystallinen Meer vor Gottes Thron (Offenb. 15, 3). Die Kinder Israel waren in dem Meer, aus dem sie gerettet emporstiegen, und unter der Wolke, welche sie leitete, alle auf Mose getauft (1 Kor. 10, 1. 2); aber es war kein leichtes Amt, diese Heerde zu führen. Harte Kämpfe hatte Mose mit seines Volkes Unglauben und Wankelmuth, Ungeduld und Fleischessinn in Mara, in Massa und Meriba und in Raphidim zu bestehen, aber sie dienten nur dazu, ihn durch neue Proben aus der Wunderhand eines Gottes zu stärken, der durch ihn dem Volke das Himmelsbrot reichen ließ und es tränkete aus dem Felsen, welcher mitfolgte, Christus. Wie schnell es auch das Volk vergaß, Mose wenigstens lernte immer mehr leben von dem Worte aus Gottes Munde (5 Mo. 8, 3). In Raphidim lernte er auch das Anhalten im Gebet und den Segen der Gebetsgemeinschaft, denn seine von Aaron und seinem Schwager Hur unterstützten betenden Hände waren es, die Amalek schlugen, nicht Josua und sein Heer. Als sie bei dem Berge Gottes sich gelagert hatten, wo sie das große Fest des Herrn, das erste Pfingsten feiern sollten, dazu der Herr sie aus Egyptenland aus und in die Wüste geführt hatte, bereitete er erst seinem Knechte noch ein schönes Familienfest: Jethro führt dem Mose eine einstweilen zurückgesandte Frau und Kinder zu, und dieser hat Gelegenheit, dem Schwiegervater alle Ehre zu erweisen, ihm Gottes große Thaten zu verkünden und durch Befolgung eines verständigen Rathes, den ihm Jethro ertheilt, die Weisheit von oben zu bethätigen, die sich sagen läßt. Jetzt aber ertönen die Donner Gottes vom Sinai herab und Mose muß in das innerste Heiligthum seines Amtes eintreten: als, Mittler des alten Bundes muß er das Gesetz Gottes dem Volke bringen und das Gelöbniß des Volkes zum Herrn zurücktragen. Er bringt das erste Versöhnopfer, steigt mit den erwählten Priestern und den 70 Aeltesten Israels auf den Berg, den Gott Israels zu schauen, und geht dann noch weiter in das den Berg umhüllende Dunkel, wo er 40 Tage und Nächte bleibt, weitere Unterweisung von Gott erhält, das Urbild der heiligen Wohnung Gottes schaut, die als Stiftshütte nach seiner Angabe in Israel aufgerichtet wird, und die Tafeln des Zeugnisses, geschrieben mit dem Finger Gottes, empfängt. Aber aus Gottes heiliger Nähe muß er zurück zu einem unheiligen Volk, das schnell seinen Weg verderbt und unfähig, sich zu halten an den, den es nicht sahe, sich selbst einen Gott gemacht hatte nach seines Herzenssinn: jetzt muß Mose lernen, ein heiliges Mittleramt üben, er verschmäht es, sich selbst an Israels Statt zum großen Volk machen zu lassen und schützt Israel mit einer auf Gottes Gnadenverheißungen gegründeten Fürbitte vor dem gerechten Gericht der Verwerfung. Darum kann er nun auch, zu dem Volke zurückgekehrt, einen Eifer um des Herrn Namen hell brennen lassen, strenges Gericht halten unter den Abtrünnigen, und sie so zur Buße leiten. Bei dem Herrn aber fährt Mose fort, für das Volk in den Riß zu treten und erlangt durch eine unablässige Bitte nicht allein für sich die tröstlichste Gnadenverheißung, sondern auch die erbetene Zusicherung, daß der Herr selbst mit seinem Angesichte das Volk führen wolle, und wenn der Herr auch nicht die letzte Hülle wegthun und ihn in das Angesicht einer Herrlichkeit schauen lassen kann, so läßt Er doch eine Herrlichkeit an ihm vorübergehn und vergönnt ihm nachzuschauen. Diese Tage in der Nähe Gottes waren der Gipfelpunkt seines Lebens, und der Wiederschein von dem, was er geschaut hatte, blieb wie ein Alpenglühn auf seinem Angesichte gelagert, so daß, wenn er mit einem unheiligen Volke redete, er eine Hülle über sein Angesicht werfen mußte, ein Bild und Gleichniß des ganzen durch ihn hergestellten Gottesdienstes, durch welchen die in Christo offenbar gewordene Gnade und Wahrheit Gottes verhüllt wurde. (2 Kor. 3)

 

Als Mose, nachdem am Sinai Alles vollendet war, nach Jahresfrist auf Gottes Geheiß mit dem Volke aufbrach, gingen auch (in Tabeera und bei „den Lustgräbern“) alsbald eine Plagen aufs Neue los: mit kindlicher, fast stürmischer Bitte sich an den Herrn wendend, erhielt er, daß er die Last, die ihm allein zu schwer werden wollte, auf die Schultern von 70 Aeltesten vertheilen durfte, und so wenig suchte Mose sein Eigenes, daß, als außer den von ihm erwählten Aeltesten auch noch zwei andere Männer, vom Geiste Gottes ergriffen, weissagten, er es nicht zuließ, daß der Geist gedämpft wurde, sondern den Wunsch aussprach: „Wollte Gott, daß all das Volk des Herrn weissagete und der Herr seinen Geist über sie gäbe.“ Darum übernahm Gott auch, als ihm (in Hazeroth) nun auch das noch widerfuhr, daß sogar Aaron und Mirjam wider ihn murrten, für den geplagten und sanftmüthigen Mann selbst die Rechtfertigung und stellte ihm das ehrenvolle Zeugniß aus, dessen wir im Eingang gedachten. Doch war das Maaß seiner Prüfungen noch lange nicht erfüllt. Schon hatten sie sich den Grenzen des verheißenen Landes genähert, als der Unglaube des Volkes jenes bekannte Strafgericht herbeiführte, durch welches sie zu vierzigjährigem Herumirren in der Wüste verdammt wurden, nachdem Mose durch seine Fürbitte das Gericht der gänzlichen Verwerfung abermal abgewendet hatte. Hatte Mose in diesem schwersten Falle, wie in andren vorhergegangenen, mit Empörungen des Volkes zu kämpfen gehabt, welche aus dem rohen, fleischlichen Sinne desselben entsprangen; so mußte er in dem Aufstand, den die Secte Korah, Männer seines eignen Stamms, erregte, auch noch die Bitterkeit des Hochmuths und der Uebergeistlichkeit an einem schrecklichen Exempel erfahren. Ueber die 38 Jahre, wo die Leiber derer, welche nicht eingehen sollten zu der Ruhe des Volkes Gottes, in der Wüste verfielen, beobachtet die Geschichte ein heiliges und barmherziges Schweigen, und es wird von den Propheten Ezechiel (Kap. 20) und Amos (Kap. 5, 25. 26) nur angedeutet, wie Israel damals Irrwege gegangen sei in doppeltem Sinne. Wie es in Moses Herzen aber aussah, davon kann uns der 90. Psalm Zeugniß geben, der wohl in jener dunklen Zeit von ihm gedichtet ward. Ließ sich auch das Volk nicht von ihm führen, wie er es gern geführt hätte, so trug er es doch auf seinem Herzen, trug des Volkes Sünde als seine eigene, warf aber auch, auf eines Gottes Gnade bauend, seine Hoffnung nicht weg. Endlich waren die Straf- und Wartejahre zu Ende, Moses Gebet: „Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest!“ begann erfüllt zu werden, und er näherte sich mit dem Volke zum zweitenmal dem Lande der Verheißung. Freilich trat auch das neu aufgewachsene Geschlecht in die Fußtapfen der Väter. Die alten Widerwärtigkeiten wiederholten sich auch auf diesem Zuge und in einer bösen Stunde bei dem „Haderwasser“ schien selbst von Mose der frühere felsenfeste Glaube gewichen zu sein, so daß der Herr über ihn und Aaron das Urtheil aussprach, sie sollten die Gemeine nicht in das verheißene Land bringen, weil sie ihn nicht geheiliget hätten vor dem Volk. Wirklich starb auch Aaron bald darauf. Mose aber ward seines Amtes noch nicht enthoben: er mußte erst noch seinem Volke den rechten Weg bahnen in das Land der Verheißung, mußte ihm noch in neuen schweren Sündenfällen richtend und rettend zur Seite stehn, mußte noch die ersten Schlachten für Israel schlagen. Da klopft der Herr mit der Todesbotschaft zum andernmal bei ihm an, Mose ordnet Josua zu einem Nachfolger, theilt das bereits eroberte Ostjordanland aus und schickt sich zum Sterben an: besonders läßt er es sich angelegen sein, die Erinnerung an die großen Thaten Gottes unter dem in der Wüste herangewachsenen jüngern Geschlecht zu erhalten, ihnen das gute Wort zu schärfen, das Gott zu ihren Vätern geredet hatte, und so den am Sinai geschlossenen Bund zu erneuern. Er legt ihnen noch einmal vor, beides Fluch und Segen, legt sein Amt in Josuas Hände nieder, stimmt dann einen Schwanengesang an und segnet Israels Stämme zum Abschied, denn der Herr ruft zum drittenmale. Das Scheiden wurde Mose nicht leicht, das Land der Verheißung war auch das Land seiner Sehnsucht, so gern hätte er sein Volk selbst in das „gute Land“ eingeführt! Aber seinen liebsten Kindern ist Gott am strengsten: immer aufs Neue hält er einem belobten treuen Knechte den einzigen Fehl vor, den er in seinem Dienste begangen; und der so oft sein Volk bei Gott erbeten und seine eigne Erhöhung abgelehnt hat, empfängt, als er um Wendung eines Strafurtheils bittet, den kurzen, strengen Bescheid: „Sage mir nichts mehr davon.“ Er muß sich an Gottes Gnade genügen lassen, läßt sich genügen und preist ihn noch in seinen Gerichten: „Gebt unserm Gott die Ehre. Er ist ein Fels. Seine Werke sind unsträflich; denn Alles, was er thut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und fromm ist er.“ Von der höchsten Spitze des Gebirges Pisga, dem Berge Nebo, herab läßt ihn der Herr noch mit seinen Augen das Land schauen, das sein Fuß nicht betreten soll. Hier stirbt er nach dem Wort Gottes, und die Hand des Herrn selbst bereitet ihm das Grab. Hundert und zwanzig Jahr alt war er, da er starb; seine Augen waren nicht dunkel geworden und seine Kraft war nicht verfallen. Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf, wie Mose, bis auf den großen Propheten, von dem er selbst geweissagt, welchem zu gehorchen er im Voraus ein Volk verpflichtet hatte, und den er endlich mit Elias selbst noch schauen durfte auf dem Berge der Verklärung. – Nicht wahr, lieber Leser, wenn wir in solcher heiliger Gottesmänner Gemeinschaft eingeführt werden, möchten wir auch mit Petrus sprechen: „Hier ist gut sein, hier laßt uns Hütten bauen!“

 

  1. Meurer in Callenberg.

David

Davids Name ist mit dem unsers Herrn so eng verbunden, wie nicht leicht ein anderer. Kaum hatte der Engel in jenem wundervollen Gespräch mit der heiligen Jungfrau den Namen Jesus genannt, so nannte er auch David’s Namen. „Gott, der Herr, wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben, und er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich und eines Königreichs wird kein Ende sein.“ Auch in den Worten, mit welchen der Engel des Herrn den Hirten die Geburt des Heilandes verkündigte und mit welchen sie der Christenheit an jedem Weihnachtsfest verkündigt wird, ist Davids Name nicht übergangen. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Später, da der Herr als ein Prophet, mächtig von Thaten und Worten, das Land durchzog, finden wir, daß Leidende ihn als den „Sohn David’s“ anriefen; und als er jenen feierlichen Einzug in Jerusalem hielt, da rief ihm die Schaar seiner Jünger frohlockend zu: Hosianna dem Sohne David’s! Als er darauf im Tempel die Blinden, die zu ihm kamen, sehend und die Lahmen gehend machte und seine Herrlichkeit in großen Wundern der Errettung offenbarte, da riefen ihm die Kinder, die das sahen, mit lauter Stimme zum Schrecken einer Feinde zu: Hosianna dem Sohne Davids! Da man ihm zumuthete, die Kinder darüber zu strafen, vertheidigte er sie. Er ließ sich als den Sohn David’s anrufen, und wer es that, empfing den erbetenen Segen. So eng ist der Name David’s mit dem Namen unsers Herrn verbunden; und wie sollte er der Gemeinde des Herrn nicht ein theurer, werther Name sein? Auch sehr bedeutungsvolle Worte, die der Herr ausgesprochen hat, sind ursprünglich David’s Worte gewesen. Der geheimnißvolle Ruf des Gekreuzigten: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – ein Ruf, in dessen Tiefe wir nicht hinabschauen können, ist aus einem Davidischen Psalm genommen; und eben so verhält es sich mit den Worten des Sterbenden: In deine Hände befehle ich meinen Geist (Psalm 22, 2. 31, 6). Welch‘ ein Mensch ist das, als dessen Sohn der Sohn Gottes sich anrufen läßt und dessen Worte er im Leiden und Sterben sich noch aneignen mag! Doch noch weiter reicht der Einfluß dieses Mannes; denn in seine Worte brechen wir aus, wenn wir die segnende Hand Gottes über uns sehen. „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. Der dir alle deine Sünde vergiebt und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“ (Ps. 103). Seine Worte gebrauchen wir, wenn wir uns, den Feinden gegenüber, mit starker Zuversicht in die Treue Gottes einschließen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele und führet mich auf rechter Straße um eines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Thal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ (Ps. 23). Mit Davids Worten flehen wir um Vergebung der Sünde: „Gott sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit!“ und mit seinen Worten bitten wir um ein reines Herz: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir“ (Ps. 51). Auch unsere heiligen Lieder, diese Kleinodien der Kirche Gottes, sind zu einem großen Theile aus David’s Liedern geflossen, und so steht die Gemeinde des Herrn zu ihm in einem viel näheren Verhältniß, als zu irgend einem Heiligen des alten Bundes. Wie ist dieß möglich geworden? Wie ist David zu dieser so außerordentlich gesegneten Stellung gekommen? Er hätte nicht zu ihr gelangen können, hätte er nicht dem Volke angehört, das der Herr von allen Völkern der Welt abgesondert hatte, um es zur Stätte seiner Offenbarungen zu machen, von wo zu seiner Zeit der Strom des Segens in alle Welt ausgehen sollte. Er gehörte dem Volke an, dessen Ursprung und dessen Geschichte ein augenscheinliches Werk Gottes war; dem Volke, dem der Herr sich in Gnade und Gericht offenbart hatte, wie keinem andern; dessen Vergangenheit von den größten Wundern voll war, und von dessen Zukunft sich das Allergrößte erwarten ließ. Diese Erinnerungen und diese Hoffnungen hatte er mit einem ganzen Volke gemein; das war, daß wir so sagen, der fruchtbare Boden, auf dem er erwuchs, das Licht, das ihn umgab, die Luft, die er athmete, gleich jedem Andern in jenem gesegneten Volke. Aber er hatte sich auch besonderer Vorzüge zu erfreuen. Es war ein Stamm in Israel, dem der sterbende Vater eine Zukunft voll Sieg und Herrlichkeit verkündigt hatte (1 Mos. 49,8); der sich bei dem Aufenthalt in der Wüste, als die Stämme Israel’s sich rings um das Heiligthum ordneten, gleich einem Löwen vor den Eingang zum Heiligthum lagerte und bei den Zügen allen andern Stämmen unter seinem Fürsten Nahesson, dem Sohn Amminadab’s, voranging. Diesem, dem Stamme Juda, gehörte er an, und jener Fürst Judas war ein Ahnherr (Ruth 4, 20. 22). So war auch die Zeit, in die sein Leben fiel, eine sehr bedeutende. Mit Samuel, dem Propheten des Herrn, hatte eine neue Zeit begonnen, in welcher das Volk, indem es sich nach langem Schwanken zwischen dem Herrn und den Göttern der Heiden mit Entschiedenheit zum Dienst des Herrn wendete, große Offenbarungen der Macht und Treue seines Gottes erfuhr. Die Feinde, deren man sich so viele Jahrhunderte lang immer nur auf kurze Zeit hatte erwehren können, wurden mächtig zurückgeschlagen, und Viele im Volk wurden vom Geiste der Weissagung ergriffen. König Saul erfüllte die Hoffnungen des Volkes nicht; aber dieses ahnete doch, was es unter der Führung eines weisen, gottgefälligen Königs vermögen werde. Diese hoffnungsreiche Zeit, in welcher sich das Prophetenthum und mit ihm das Königthum im Volke Gottes erhob, war es, in welche das Leben David’s fiel. Er war auf der Weide und hütete die Schafe seines Vaters Isai, als der Prophet Samuel bei diesem in Bethlehem einkehrte, um einen von seinen Söhnen, den der Herr ihm bezeichnen würde, zum König zu salben. Isai ließ seine Söhne, einen nach dem andern, vor dem Propheten vorübergehen; aber von ihnen hatte der Herr keinen erwählt. Da sprach Samuel zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der Kleinste, und siehe, er hütet der Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und laß ihn holen. David folgte dem Rufe und als er eintrat, vernahm. Samuel die Stimme des Herrn: Auf, und salbe ihn, denn der ist es. Da nahm Samuel sein Oelhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern, und der Geist des Herrn gerieth über David von dem Tage an und fürder (1 Sam. 16). In einem äußeren Leben trat hiemit zunächst keine Veränderung ein; er hütete, wie er bis dahin gethan, die Schafe seines Vaters. Aber innerlich erlebte er eine große Umwandlung. Die Salbung, die er empfangen, war ihm Weissagung und Weihe zugleich; Weissagung wunderbarer Führungen, die ihn auf den Königsthron Israels bringen sollten, und Weihe zum Königthum, wozu der Gott seiner Väter ihn erkoren hatte. Der Geist des Herrn, der mit dem Salböl über ihn kam, schloß ihm seine Erwählung und eine Zukunft und in ihr die Zukunft seines Volkes auf. Indem er dann die Schafe seines Vaters auf gute Weide führte, konnte er nicht umhin, des Volkes zu gedenken, das er künftig mit einem Hirtenstabe weiden sollte; wenn er die Raubthiere, die in eine Heerde einfielen, abwehrte und erschlug, so mußte ihm sein Beruf vor die Seele treten, die Heerde des Herrn wider die andringenden Feinde zu schützen. In der Stille des Hirtenlebens bildete sich bei ihm die Gabe des Gesanges und Saitenspiels, durch die er für die Gemeinde des Herrn ein so großer Segen werden sollte, und zugleich die Fähigkeit aus, ein Hirt des Volkes zu sein. Aber er drängte sich nicht vor; er blieb in stiller Erwartung, wie der Herr das begonnene Werk hinausführen werde. Es war die Kunst des Saitenspiels, die ihn zum ersten Mal in die Nähe des Königs führte, um diesen, den ein böser Geist sehr unruhig machte, zu erquicken. Dann, als er den Riesen aus dem Philisterlande, im Eifer für den lebendigen Gott, den jener lästerte, mit einer Schleuder niedergestreckt und seinem Volke den Sieg über die Feinde bereitet hatte, nahm der König ihn zu sich und machte ihn zum Haupt einer Kriegerschaar. Es zeigte sich bei jeder Gelegenheit, daß David ein rüstiger Mann, streitbar und verständig und daß der Herr mit ihm war. Jonathan, Sauls Sohn, gewann ihn lieb, wie ein eigen Herz, und das Volk ehrte ihn hoch. Aber eben darüber ergrimmte Saul, und nun begann eine Reihe von Mordanschlägen und Verfolgungen gegen den jungen Helden, die ihn öfter, als einmal, an den Rand des Verderbens brachten. Aber in dieser Leidenszeit bewährte er sich; er ließ nicht von dem Herrn, der ihn berufen hatte, und er hütete sich, seine Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen, obwohl ihm die Versuchung dazu oft sehr nahe lag. In derselben Zeit bewährte sich aber noch viel herrlicher die Gnade und Treue, mit welcher der Herr über ihm waltete; zuweilen kam die Rettung in demselben Augenblick, da das Verderben unvermeidlich schien. Viele seiner Lieder sind die edle Frucht dieser Leidenszeit. „Ich harrete des Herrn, und er neigte sich zu. mir und hörte mein Schreien. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn.“ Das klingt in diesen Liedern in immer neuer Kraft so mächtig wieder, daß wir uns noch heute davon ergriffen und zum Harren auf den Herrn erweckt fühlen. Doch die Zeit dieser Prüfung ging zu Ende. Als Saul nach der Niederlage auf dem Gebirge Gilboa, in welcher auch Jonathan fiel, sich selbst den Tod gegeben hatte, wurde David, dreißig Jahre alt, in der Stadt Hebron zum König über den Stamm Juda gesalbt. Nach sieben Jahren und sechs Monaten kamen alle Stämme Israels zu ihm gen Hebron und sprachen: Siehe wir sind deines Gebeins und deines Fleisches. Dazu auch vorhin, da Saul über uns König war, führtest du Israel aus und ein. So hat der Herr dir gesagt: Du sollst meines Volkes Israel hüten und sollst ein Herzog ein über Israel. Und der König David machte mit ihnen einen Bund zu Hebron vor dem Herrn und sie salbten ihn zum Könige über Israel (2 Sam. 5). – So war an dem Manne erfüllt, was der Prophet einst über den Jüngling ausgesprochen hatte. Das göttliche Wort hatte sich bewährt; die Feinde David’s und dessen, der ihn erwählt hatte, waren überwältigt, er selbst aber saß auf dem Throne, dem kein anderer auf Erden glich. In dieser Führung von den Schafen seines Vaters bis zum Königsthrone im Volke Gottes lag eine Offenbarung des Herrn, die er nicht verkannte. Was er damals empfand, sprach er in den Worten aus: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke; Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue (Ps. 18). Seine erste bedeutende That war, daß er mit der Heldenschaar, die sich um ihn gesammelt hatte, die Burg Zion nahm, wo er sich ein Haus bauen ließ; die zweite, daß er eben dahin die Lade Gottes brachte, für die er daselbst ein Zelt bereitet hatte. Ganz Israel nahm an der Einführung der Lade des Herrn in die Stadt Davids Theil; „und David opferte Brandopfer und Dankopfer vor dem Herrn“ und da er die Opfer gebracht hatte, „segnete er das Volk im Namen des Herrn.“ So tritt der Name Zion in die Geschichte Israels ein; und so hat David eine königliche Herrschaft begonnen. Zion mit dem Königshause und mit der Lade des Bundes sollte der Mittelpunkt des Volkes werden. Indem der König die Lade des Herrn in eine Nähe brachte, bekannte er, daß der Herr ihm das Reich verliehen und daß er sich verpflichtet fühle, die Gebote des Herrn zu erfüllen. Indem das ganze Volk an der feierlichen Einholung der Lade so freudigen Antheil nahm, gab es zu erkennen, daß es sein wolle, wozu es bestimmt war, das Volk des Herrn. Der König erkannte bald, daß es sich nun nicht mehr gezieme, die Lade des Herrn in einem Zelte wohnen zu lassen, nachdem der Herr seinem Volke Ruhe gegeben, und er schickte sich an, dem Herrn ein Haus zu bauen. Doch der Herr nahm dieß nicht an und ließ ihm durch den Propheten Nathan sagen, er selbst werde ihm ein Haus bauen und den Stuhl seines Königreichs auf ewig bestätigen. „Dein Haus und dein Königreich soll beständig ein ewiglich vor dir und dein Stuhl soll ewiglich bestehen“ (2 Sam. 7). Es war einer der größten Momente in der Geschichte Israels, als David diese Verheißung empfing und mit einem Dankgebet voll Demuth und Glauben erwiderte. Es folgte eine Reihe von Siegen; nicht bloß die Philister, die Moabiter und Ammoniter, es wurden auch die Edomiter, die Syrer von Damaskus und Zoba überwunden; und so hatte sich erfüllt, was der Herr etwa tausend Jahre zuvor Abraham verheißen und was so viele Jahrhunderte hindurch ganz unausführbar geschienen hatte: Deinem Samen will ich dies Land geben von dem Wasser Aegyptens an bis an das große Wasser Phrath (1 Mo. 15, 18). So hatte das Volk Israel in der Mitte der Völker eine Stellung erlangt, die es vielleicht nie gehofft hatte; und David, den Gott „von den Schafhürden genommen und zum Fürsten über sein Volk gemacht“, war der Auserwählte, der gewürdigt war, das Volk Gottes zu dieser Macht zu erheben, die Verheißungen Gottes, die dem Volke und die ihm selbst gegeben waren, in einer Weise erfüllt zu sehen, die ihm als eine göttliche Bürgschaft erscheinen mußte, daß auch die wunderbar hohe Verheißung von der Zukunft seines Hauses und eines Thrones ihre Erfüllung finden werde. Kein anderer König Israels hat etwas Aehnliches erlebt; kein anderer Mensch hat etwas Aehnliches erlebt, als dieser König. Er stand auf einer Höhe ohne Gleichen. Doch auf diese Erhöhung folgte ein tiefer Fall. Er, der König Israels, der sich so feierlich zu dem Herrn und zu einem Gesetz bekannt und in so unvergleichlicher Weise erfahren hatte, wie gut es sei, sich zu dem Herrn zu halten, derselbe, durch den die Verehrung des Gottes Israel’s neu geordnet war, dessen Lieder zum Preise des Herrn vor dem Heiligthum gesungen wurden, dieser Auserwählte, an dem der Herr Wunder der Errettung ohne Zahl vollbracht hatte, fiel in die Sünde des Ehebruchs, die er aus dem Gesetze Moses als eine Sünde zum Tode kannte, und um diese Sünde zu bedecken, ließ er den Mann, dem er sein bestes Gut geraubt, auch um das Leben bringen; und dieser von ihm so schrecklich behandelte Mann, Uria, der Hethiter, war einer von den auserwählten Helden, die ihm immer treu zur Seite gestanden und ihr Leben für ihn gewagt hatten. Aber er fiel noch tiefer; denn er ging längere Zeit ohne Bekenntniß seiner Schandthat hin und scheute sich nicht, Bathseba, nach dem Tode Urias, zum Weibe zu nehmen. So tief war er gefallen; so weit war er von dem Wege des Herrn abgewichen. Der Fall David’s ist ohne Zweifel eins der schlimmsten Ereignisse in der Geschichte Israels; ein Aergerniß, das von Zion, von derselben Stätte ausging, von der nur Segen ausgehen sollte; ein Aergerniß, das derselbe Mann gab, der seine Bestimmung darin gesehen hatte, den Namen des Herrn zu verherrlichen, und dessen Leben die augenscheinlichsten Spuren göttlicher Erwählung und Führung an sich trug; ein Aergerniß für das Volk, an dessen Spitze Gott ihn gestellt, ein Aergerniß für die heidnischen Völker, in deren Mitte gerade damals das Volk glänzender dastand, als je zuvor; ein Aergerniß für jene Zeit und – verkennen wir es nicht! – für alle Zeiten, denn das Wort: du hast die Feinde des Herrn lästern gemacht, erfüllt sich noch jetzt. Als David zur Erkenntniß seiner Sünde kam, war er wie vernichtet, und schwerer, als alles Andere, empfand er, daß er dieß dem Herrn, einem Gott, gethan hatte (Ps. 51, 6). Wenn irgend ein Mensch, so hätte er, dieser so hoch Begnadigte, so wunderbar Erhöhete, dieß dem Herrn nicht anthun sollen. Das empfand er auf das Schmerzlichste, und dieser Schmerz hätte ihn getödtet, wenn der Herr ihn nicht aufgerichtet hätte. Aber wenn der Herr ihm vergab und das Gericht der Ausrottung, das er verdient hatte, nicht über ihn kommen ließ; so konnte seine Sünde doch nicht ungestraft bleiben, und nun begann für David eine ganz andere Leidenszeit, als seine erste gewesen war. Wie der Herr ihm durch Nathan verkündigt hatte: Nun soll von deinem Hause das Schwert nicht lassen ewiglich, darum daß du mich verachtet hat und das Weib Uria, des Hethiters, genommen hat, daß sie dein Weib sei (2 Sam. 12, 10), so mußte er nun erleben, daß eine Heimsuchung nach der andern über ihn kam. Wie er früher die Erfüllung der göttlichen Verheißungen gesehen hatte, so erfüllten sich nun die Worte der Drohung an ihm. Die Gerechtigkeit Gottes, die er sonst für sich gehabt, war nun verdienter Maßen wider ihn. Es ist sehr merkwürdig, wie das geschah. Seine eigenen Söhne waren es, die ihm tödtlichen Schmerz bereiteten; Amnon zuerst, der seine Schwester Thamar schändete und dafür von Absalom’s Dienern erschlagen ward; dann Absalom, der sich gegen den Vater empörte und fast das ganze Volk für sich gewann. Es war, als sollte David an dem, was er von seinen eigenen Kindern erlitt, ermessen lernen, welches Leid er seinem Gott bereitet hatte. Doch diese zweite Leidenszeit hat noch edlere Früchte gebracht, als jene erste. Früher finden wir wohl, wie David eine eigene Gerechtigkeit und den Schutz des gerechten Gottes rühmt; und wir können ihn deshalb nicht tadeln. Saul und ähnlichen Feinden gegenüber hatte David eine gerechte Sache und Gott half ihm zu seinem Rechte. In seinen spätern Psalmen versäumt er auch nicht, die Gerechtigkeit eines Gottes zu rühmen und anzurufen; aber es findet sich in ihnen etwas viel Tieferes. Wenn er früher nur ein Recht zu kennen schien, so kannte er nun auch das tiefe Verderben seines Herzens, er flehete um Vergebung seiner Schuld, um Reinigung von seiner Sünde, um ein reines Herz, um einen neuen gewissen Geist, um Erquickung seines zerschlagenen Herzens, damit er im Stande sei, die Uebertreter die Wege Gottes zu lehren und den Sündern zur Bekehrung zu helfen. Wenn er früher einen glänzenden Gottesdienst hergestellt hatte, so sagte er nun: Du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir es sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten; – und was er nun für Zion erflehete, das war vor Allem Barmherzigkeit und Gnade (Pl. 51). Auf diesem Wege der Demuth erfuhr er dann auch die Gnade des Herrn, wie nie zuvor, und er lernte sie in einer Weise verherrlichen, in die auch wir in den Tagen des neuen Testaments fröhlich einstimmen können. Wer hat die vergebende und aus tiefem Verderben errettende Gnade herrlicher gepriesen, als David im 103ten Psalm? Wir wissen, wie schwer die Hand Gottes auf ihm lag; und doch rühmt er dort nur, daß der Herr gnädig und barmherzig sei, geduldig und von großer Güte, daß er nicht mit uns handle nach unsern Sünden und uns nicht vergelte nach unserer Missethat. Dort hat er auch das hohe Wort des Trostes ausgesprochen: Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet sich der Herr über die, so ihn fürchten. So war dieser merkwürdige Mensch nach einem tiefen Fall ein viel reineres Werkzeug der göttlichen Gnade, als zuvor, und wenn er auch früher schon Blicke in die Zeit gethan hat, wo die größten Verheißungen Israels und seines eigenen Hauses sich erfüllen sollten, so mußten diese Blicke viel tiefer gehen, nachdem er das Bedürfniß seines eigenen Herzens und die Größe der Gnade Gottes so tief empfunden hatte. So ist er gewürdigt worden, von dem Leiden des Herrn und von seiner Herrlichkeit darnach zu weissagen (Ps. 22 und 16) und das große Wort auszusprechen: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege; und: Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks. Vielleicht aber war von Allem, was er je gesprochen hat, dem Herrn nichts so wohlgefällig, als erstens die Klage über das Ende seines aufrührerischen Sohnes: Mein Sohn Absalom, mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich müßte für dich sterben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn! – und zweitens jenes Flehen zu dem Herrn, als er den Engel sah, der bei der Tenne Arasma, des Jebusiters, seine Hand gegen Jerusalem ausstreckte, um sie zu verderben: Siehe, ich habe gesündigt, ich habe die Missethat gethan; was haben diese Schafe gethan? Laß deine Hand wider mich und meines Vaters Haus ein (2 Sam. 18,33. 24, 18). Denn es ist nicht allein die tiefste Demuth, die aus diesen Worten spricht; es ist zugleich eine Liebe, die wir nur als den Abglanz einer göttlichen, sich selbst aufopfernden Liebe verstehen können.

 

An der Stelle, wo er den Engel des Herrn mit dem ausgereckten Schwerte gesehen hatte, baute David dem Herrn einen Altar und opferte Brandopfer und Dankopfer; und der Herr erhörte sein Flehen und gab ihm ein Zeichen seiner Gnade, indem er Feuer vom Himmel auf das Opfer fallen ließ. Da sprach David: Hier soll das Haus Gottes, des Herrn, sein, und dieß der Altar zum Brandopfer Israels (1 Chron. 23, 1). Er war nicht berufen gewesen, den Tempel des Herrn zu bauen; aber er bestimmte den Ort, auf dem er sich einst erheben sollte, und es war die letzte bedeutungsvolle That vor seinem Ende, daß er seinen Sohn Salomo in feierlicher Versammlung ermahnte, den Tempel des Herrn zu bauen, wozu er während einer vierzigjährigen siegreichen Regierung unermeßliche Schätze gesammelt hatte. Er war 70 Jahre alt, als sein Ende kam. In seinen letzten Worten (2 Sam. 23, 1-7) rühmte er die Gnade, die ihm widerfahren war, und blickte mit freudiger Zuversicht auf die Zeit hinaus, in welcher sich die großen Verheißungen an seinem Hause erfüllen sollten. Mehr als tausend Jahre gingen dahin; zuweilen schien es, als sei es aus mit jenen Verheißungen. Aber sie haben sich doch erfüllt; ja, ihre Erfüllung breitet sich immer herrlicher aus. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn (Ps. 40, 5). Ja, wohl dem, dem die Uebertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist. Wohl dem, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet, in des Geiste kein Falsch ist (Ps. 32, 1. 2).

 

Fr. Heinrich Ranke in Ansbach, jetzt in München.

Jesaja

Die Bewegung der Geister geht weissagend den Bewegungen der Völker und Staaten voran und bereitet oft Jahrhunderte vorher die belebenden Gedanken, welche zur bestimmten Zeit heilsamen Stiftungen zur Grundlage dienen. Hierin giebt sich Gottes Weisheit und Vorsehung wunderbar kund. Die Spuren dieser göttlichen Fürsorge liegen nicht bloß in der Geschichte. Eines Volkes zu Tage, aber allerdings ohne Vergleichung klarer und reichlicher als sonst irgendwo bei demjenigen Volke, in welchem der Geist Gottes die Propheten erweckte, bei dem Volke Israel, dessen Stammvater Abraham die Verheißung empfangen hatte: „In deinem Namen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.“ Schon durch diese Verheißung wurde das Herz der Frommen auf das Ziel der Menschheit hingewiesen, auf die vollkommene und allgemeine Verklärung des menschlichen Geschlechts, die in Israel vorbereitet wurde. „Denn das Heil kommt von den Juden.“ Einer der größten Seher der Zukunft unter diesem Volke ist der Prophet Jesaja, der Sohn Amoz, der unter den Königen Juda Usia, Jotham, Ahas und Hiskia geweissagt hat. Wir würden aber sehr irren, wenn wir meinten, als Seher der Zukunft sei er seiner eigenen Zeit und seiner Umgebung fremd gewesen. Er lebte vielmehr in ihr mit Leib und Seele, verstand sie gründlich, wie kein Andrer, war der Rathgeber der Könige und hat selbst die Geschichte seiner Zeit, die Geschichte der Könige Usia und Hiskia, geschrieben, von welcher uns freilich nur wenige kaum erkennbare Trümmer übrig geblieben sind). Das Leben des Jesaja fiel in eine Zeit, wo große Gottesgerichte für das Volk Israel und die benachbarten Völker sich entschieden, größere für das Reich Juda, ja für Morgen- und Abendland von Ferne vorbereitet wurden. Die Geburt dieses Propheten trifft ohngefähr mit dem Anfang der Zeitrechnung nach Olympiaden), also mit dem Ende des mythischen Zeitalters in Griechenland, eine Weihe und ein erstes öffentliches Auftreten mit der Gründung der Stadt Rom“) zusammen. Einige Jahre später beginnt die Aera des Nabonassar, mithin die erste Erhebung der Chaldäer, als weltgeschichtliches Volk. Zu seiner Zeit stand das assyrische Reich auf der Höhe seiner Macht und in Aegypten gelangte die äthiopische Dynastie zu kurzer, aber mächtiger Herrschaft. Gottes züchtigende und rettende Hand offenbarte sich über den Königen von Juda, Ahas und Hiskia, und Jesaja selbst griff durch die Verkündigung des drohenden und verheißenden Gotteswortes warnend und rettend in die Ereignisse ein. Dabei verlor er nie aus dem Auge, wie Gott, der Heilige in Israel, durch Abraham, Moses, David den Beruf und die Geschicke eines Volkes vorausbestimmt hatte, und sein von Gott erleuchteter Blick maß sicher an Gottes Gesetz das sittliche Verderben seiner Zeitgenossen: wie kein Anderer, wußte er die unerschütterliche Gewißheit der Verheißungen, die dem ächten Samen Abrahams gegeben waren, aufrecht zu erhalten und ins hellste Licht zu setzen, während er den Abtrünnigen die unvermeidlichen härtesten Strafgerichte in donnernden prophetischen Gesängen weissagte. Die Zeiten, wo Elias dem Hause Ahabs, Elisa dem Hause Jehu im Reiche Israel vergebens die Rückkehr zu dem lebendigen Gott gepredigt hatten, lagen noch nicht zu fern und der Schimmer der Größe, welche jenes Reich unter Jerobeams II. Regierung umgab, konnte die Propheten nicht täuschen. Hosea und Amos hatten demselben schon den Untergang um eines Abfalls willen geweissagt: Joel und Micha hatten im Reiche Juda die Hoffnung auf die ererbten Verheißungen des Hauses Davids belebt und zur Buße ermahnt. Jesaja war zum Theil noch Zeitgenosse dieser vier Propheten, der ersten, von denen wir noch schriftlich aufgezeichnete Weissagungen besitzen, namentlich des Hosea und Micha. Aber er war der Erste, dem in voller Klarheit die Augen des Geistes über einen erweiterten Kreis der Völker und der großen Weltreiche aufgethan waren. Ueber Assurs Reich blickte er schon nach Babel hin, dem eigentlichen Sitz der vorderasiatischen Weltmacht: ja, er schaute über Babels Aufsteigen und Verfall, über Alles, was unter der Herrschaft des Bergvolks der Chaldäer sich entwickeln sollte, bis zu dem Perserreiche hin, das unter Cores, dem Kyrus der griechischen Geschichtsschreiber, durch Gottes Gnadenwahl erhoben werden und zur neuen Gründung Jerusalems und des Tempels dienen sollte. In dem Jahre, da der König Usia) starb, empfing Jesaja die Prophetenweihe durch ein Gesicht, das er mit heiliger Scheu in menschlicher Sprache abbildet. Er sah den Herrn in seiner himmlischen Wohnung sitzen auf einem hohen und erhabenen Thronsessel und der Saum eines Lichtgewandes füllete den Tempel. Seraphim, feurige Geister, die der Herr wie Winde und Gluthflammen aussendet, standen als seine Diener anbetend um ihn: ein. Jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, mit zweien flogen sie. Und Einer rief zum Andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerschaaren: alle Lande sind seiner Ehre voll! daß der Schwellen Gründe bebten von der Stimme ihres Rufens, und der Tempel ward voll Rauchs. Da sprach Jesaja: Wehe mir, daß ich mit meinen Augen den König, den Herrn der Heerschaaren, gesehen habe! ich muß vergehen! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volke von unreinen Lippen! Aber da flog der feurigen Diener. Einer zu ihm und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar genommen, und rührte mit der Gluth der Kohle seinen Mund und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, daß deine Schuld von dir genommen und deine Sünde versöhnet sei. Und nun hört er die Stimme des Herrn, der da sprach: Wen soll ich enden? wer will mein Bote seyn? Er aber sprach als der Gottgeweihete: Hier bin ich, ende mich. Das war ein Vorgang, den man in unsern Tagen erklärt zu haben meint, wenn man ihn einen Vorgang des innern Lebens nennt: wichtiger ist es anzuerkennen, daß diese sinnbildliche Darstellung einer geheimnißvollen Geschichte nicht eine Einbildung des Propheten, sondern eine Einwirkung Gottes zur Ursache und zum Gegenstande hatte. Die Weihe und Sendung Jesajas beruht auf der Wahrheit dieses Ereignisses: verleugnet wird sie durch jede bloß psychologisierende Erklärung. Aber wie groß und schwer war eine Aufgabe! Er sollte sich an eine Zeitgenossen wenden und sie mit scharfem Gotteswort vor dem Abgrund des Verderbens warnen, dem sie entgegen gingen. Zugleich aber gab ihm der Herr im Voraus die klare Gewißheit, daß er im Gegentheil nur die allgemeine Verstockung beschleunigen und daß diese Verstockung so lange anhalten werde, bis Gottes Gericht den schuldigen Volksstamm vernichtet haben würde und nur ein geringer Same übrigbliebe. Sein einziger Trost aber war, daß dieser Same ein heiliger Same seyn sollte. „Gehe hin!“ rief Gott, „und sprich zu diesem Volke: Hörets, und verstehets nicht; sehet, und merkets nicht. Verstocke das Herz dieses Volkes, und laß ihre Ohren dicke seyn, und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Herzen, und sich bekehren und genesen.“ Der Prophet fragt: „Herr, wie lange wird solche Verstockung währen?“ Die Antwort ist: „Bis daß die Städte wüste werden – und das Feld ganz wüste liege. Und der Herr wird die Leute ferne wegthun, daß das Land sehr verlassen seyn wird, und ob nur noch ein Zehntheil darinnen übrig bleibt, so soll es dennoch abermal verheeret werden, aber wie eine Terebinthe oder Eiche, an denen beim Abtrieb der Stamm stehen bleibt: ein heiliger Same wird solcher Stamm seyn.“ Diese strenge Verkündigung bestimmte den Propheten, daß er auch in scheinbar noch glücklichen Zeiten den unvermeidlichen Untergang weissagte, zugleich aber auch an den alten Verheißungen einer künftigen Wiederkehr und Weltherrschaft des Volkes Israel festhielt, aber diese Verheißungen nur auf einen Ueberrest, auf einen heiligen Samen, beschränkte. Auch lag es ihm um so mehr nahe, eine kleine Schaar von treuen Jüngern um sich zu versammeln und diesen Vertrauten schriftlich das Gotteswort zu übergeben, das er tauben Ohren predigte. Den Inbegriff seiner heilverkündenden Weissagungen faßte er in zwei Namen zusammen, Schear-Jaschub (7, 3) und Immanuel (7, 14), von denen der erstere bedeutet: Ein Rest wird wiederkehren! der letztere: Gott mit uns! Die drohenden Weissagungen vereinigte er in den Namen Raubebald, Eilebeute (7, 26-28). Und diese Namen legte er zum Zeichen für Israel seinen Söhnen bei, von denen der erste Schear-Jaschub, der zweite Immanuel, der dritte Raubebald Eilebeute von ihm benannt wurde: ein Zeugniß darüber so wie eine Deutung der Namen schloß er in eine Rede ein, die an den König Ahas gerichtet ist. Ahas, der König von Juda, war in den ersten Jahren seiner Regierung in großer Bedrängniß durch einen Bund, den der König von Israel, Pekah, mit dem König von Damaskus Rezin geschlossen, um das schon durch viele verheerende Einfälle erschütterte Reich Juda zu bekriegen, Jerusalem zu erobern und einen Fremden, Namens Tabeal, als zinspflichtigen Statthalter daselbst einzusetzen. „Da bebte das Herz des Königs Ahas und das Herz eines Volkes, wie die Bäume im Walde beben vom Winde.“ Ahas suchte nicht den Grund dieser Trübsal da, wo er wirklich lag, in einem Abfall vom lebendigen Gott und seinem Buhlen mit der syrischen Abgötterei, in dem Gelüsten nach Prunk und Pracht, das bei den Reichen, bei Männern und Frauen herrschte, in der Unterdrückung der Armen und in der verdorbenen Rechtspflege, in der Treulosigkeit gegen den Buchstaben und den Geist des göttlichen Gesetzes. Er zählte nur die Heerschaaren seiner Feinde und erwog nicht ihre Schwäche, die auf ihrem bodenlosen innern Verderben beruhte: er sah sich nach mächtigeren auswärtigen Bundesgenossen um und schwankte, ob er sich Aegypten oder Assyrien in die Arme werfen sollte: auf des Herrn Hülfe vertraute er nicht. Da stellte sich ihm, wie er ängstlich die unzureichende Befestigung der Stadt besah, der Prophet in den Weg, warnte ihn vor Bündnissen mit fremden Mächten, weissagte die künftigen Verheerungen durch Assur und verwies ihn auf den Bund mit Gott. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!“ sprach er und deutete auf den rechten Immanuel hin, von dem er dann in vertrauterem Jüngerkreise mehr verkündigte. Hier redet er von einem Sproß aus Davids königlichem Stamme, von einem König, der Wunderrath, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst zu heißen verdient, der wie ein Schößling aus dürrem Erdreich hervorsprießt, auf dem der Geist Gottes ruht, der Gerechtigkeit schaffet und vollen Frieden bringet, der von Zion aus die Völker regieren wird, die zur Anbetung Gottes sich vereinigen werden. Ahas gehorchte nicht, rief die Assyrer zu Hülfe, die zwar das Reich Israel und die Macht von Damaskus demüthigten, aber zugleich das Reich Juda sich zinsbar machten. Die Folge davon war, daß der fromme König Hiskia, Ahas‘ Sohn, als er dem König von Assyrien später die üblichen Huldigungen und Geschenke verweigerte, von einem großen feindlichen Heere unter dem übermüthigen König Sanherib überfallen und in Jerusalem belagert wurde. Die Gesandten Sanheribs suchten die Einwohner der Stadt durch Vorspiegelungen zum Abfall zu verleiten, verhöhnten den König Hiskia und Gott den Herrn, auf den er vertraute. Jesaja aber stärkte durch Gottes Verheißungen den zagenden König, und Gott erwies sich, wie in vorigen Zeiten, durch wunderbare Rettung als den Hirten und Heiland seiner Gläubigen. Zugleich wurde Hiskia nicht minder wunderbar von einer tödtlichen Krankheit errettet und Jesaja, der ihm vorher auf des Herrn Befehl gesagt hatte: „Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben!“ verkündigte ihm auf ein flehendes Gebet das Gnadenwort: „So spricht der Herr, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Thränen gesehen: siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen; Ich will dich jammt dieser Stadt erretten von der Hand des Königs zu Assyrien: denn ich will diese Stadt wohl vertheidigen. Und habe du dieß zum Zeichen, daß der Herr solches thun wird, was er geredet hat: Siehe, ich will den Schatten am Sonnenzeiger Ahas‘ zehn Grade zurückziehn, über welche er gelaufen ist.“ Und die Sonne kehrte an dem Zeiger zehn Grade zurück, über welche sie gelaufen war, ohne daß bis jetzt unsere Gelehrten genügend haben erklären können, wie der Herr dieß bewerkstelligt hat, was auch nicht zu verlangen ist. Der König von Babel stand damals unter assyrischer Oberherrschaft, hatte sich aber empört und suchte Verbindungen, durch die er sich stärken und behaupten könnte. Unter dem Vorwande dem König Hiskia zu einer Genesung glückzuwünschen, schickte er eine Gesandtschaft nach Jerusalem und Hiskia, der sich dadurch geschmeichelt fühlen mochte, zeigte den babylonischen Gesandten alle seine Schätze. Jesaja verwies ihm diese Thorheit, wodurch das Gelüsten der Chaldäer nach dem Besitz dieser Güter erweckt wurde, und sprach zu ihm: „Höre das Wort des Herrn der Heerschaaren: Siehe, es kommt die Zeit, daß Alles, was in deinem Hause ist, und was deine Väter gesammelt haben bis diesen Tag, wird gen Babel gebracht werden, daß nichts bleiben wird, spricht der Herr: dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen werden, nehmen und sie müssen Kämmerer seyn im Hofe des Königs zu Babel.“ Babel fand vor dem Geiste des Jesaja als die alte große Weltstadt, die schon seit ihrem Entstehen sich durch den versuchten Thurmbau in Widerspruch gegen Gott gesetzt hatte, und er sah die aufsteigende Macht der Chaldäer als die künftige Erbin der sinkenden Macht Assyriens. Babel war ihm von Gott gezeigt als Mittelpunkt des Heidenthums, als Widersacherin Zions, als Bollwerk einer künftigen Zwingherrschaft. Er schaute im Gesicht, wie das Volk Gottes, das einst nach Gottes Rathschluß in der Knechtschaft Aegyptens geschmachtet hatte, nach Babel gefangen geführt seyn würde; er schaute aber auch Babels Untergang und Israels Rückkehr und an diesen letzten Punkt der Zukunfts-Geschichte, den er im Geiste erblicken konnte, knüpfte der Herr ihm alle die Weissagungen an, welche am Ende der Zeiten in Erfüllung gehen sollten. Darum eröffnet er die Aussprüche von den Gerichten über alle Heiden seiner Zeit und eines Gesichtskreises mit einer majestätischen Verkündigung von dem dereinstigen Fall Babels und seines Königs: darum stellt sich ihm die Zeit der künftigen Erlösung des heiligen Volks unter dem Bilde einer Rückkehr aus der Gefangenschaft dar, worin verklärt jene alte Erlösung Israels aus Aegypten sich erneuert. „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkehren, und gen Zion kommen mit Jauchzen: ewige Freude wird über ihrem Haupte seyn, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird wegfliehen.“

 

Der letzte Theil der jesajanischen Weissagungen ist ein aus prophetischen Reden zusammengefügtes Trostgedicht von der Erlösung aus Babel und der Wiederkehr Israels gen Zion, nach Inhalt und Sprache das herrlichste wundervollste Gewebe, das uns von Prophetenhand hinterlassen ist, innig zusammenhängend mit dem ersten Theile und doch auch ein abgeschlossenes Ganzes für sich. Die Wegführung Israels nach Assyrien mochte das Herz des Propheten vorbereitet haben, die einst bevorstehende Gefangenschaft der Bürger Judas und Jerusalems im Lichte der alten Weissagungen vorauszuschauen: aber die Verheißung gewinnt bei ihm hier eine Fülle und Breite, eine Höhe und Tiefe, welche den Schatz der Erkenntniß und Hoffnung Zions unendlich bereicherte. Der heilige Same, der in dem gezüchtigten Volke erhalten ist, verdichtet sich ihm zu einer bestimmten Person, dem Knechte Gottes, welcher in der frommen Gemeinde der Gedemüthigten als sühnender Mittler erscheint, der alle Schuld büßend auf sich nimmt und nach seinem Tode zum Lohne seiner Schmerzen erhöhet wird, so daß durch eine Hand die göttlichen Gnadenrathschlüsse bis zu ihrem letzten Ziele fortgehen. „Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben und durch ein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, Viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünden.“ Er soll der Herr der Heiden, der König der Könige werden und die Starken zur Beute haben, „darum, daß er sein Leben in den Tod gegeben hat, und den Uebelthätern gleich gerechnet ist, und er Vieler Sünde getragen hat, und für die Uebelthäter gebeten.“

 

Der Hauptschlüssel zu Jesajas Gesichten liegt in den Verheißungen, die der Herr dem König David durch Nathan verkündigt hatte, und in der prophetischen Erkenntniß, die David selbst in Folge derselben empfangen. David hatte gesungen: „Es hat der Gott Israels angesagt, mir hat der Hort Israels verheißen einen gerechten Herrscher unter den Menschen, einen Herrscher in der Furcht Gottes. Und wie das Licht des Morgens, wird die Sonne aufgehn, ein Morgen ohne Wolken, da vom Lichtglanz nach dem Regen das Gras auf der Erde wächst. Ist denn mein Haus nicht fest bei Gott! Denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, wohl geordnet in Allem und gehalten. Das all mein Heil und Wunsch ist, sollte er’s nicht lassen blühen!“ Das sind die gewissen Gnaden Davids, auf welche Jesaja zurückweist, und deren weitere prophetische Auslegung schon in den Psalmen Davids und seiner Getreuen entwickelt war. Aber Jesaja unterscheidet schon genau den heiligen Samen, dem die Verheißungen Gottes erfüllt werden, von der ungehorsamen und verstockten Menge, das unvergängliche Zion und Jerusalem von der treulosen Stadt und ihre Bevölkerung, ja den wahrhaften Tempel Gottes von dessen irdischem Abbild und verkündigt eine Verneuerung, die zugleich eine Umwandlung und Verklärung ist. „Die Sonne soll nicht mehr des Tages dir scheinen, und der Glanz des Mondes soll dir nicht leuchten, sondern der Herr wird dein ewiges Licht, und dein Gott wird dein Preis seyn. Deine Sonne wird nicht mehr untergehn, noch dein Mond den Schein verlieren: denn der Herr wird dein ewiges Licht seyn und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben. Und dein Volk sollen eitel Gerechte seyn, und werden das Erdreich ewiglich besitzen, als die der Zweig meiner Pflanzung und ein Werk meiner Hände sind, zum Preise. Aus dem Kleinsten sollen Tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtiges Volk. Ich der Herr will solches zu einer Zeit eilend ausrichten)“ Alle Heiden sollen kommen und anbeten zu Jerusalem und der Berg Zion soll erhaben seyn über alle Berge, als die Stätte, wo der Herr, der Richter der Völker, in einem Eigenthume und unter einem priesterlichen Volke wohnet. „Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname der Leute, die an mir gemißhandelt haben (spricht der Herr): denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel seyn.“ Mit diesen Worten schließt das prophetische Trostgedicht von der Erlösung und Wiederkehr Israels ab.

 

Die Sammlung dieser köstlichen Weissagungen enthält zwar verschiedene Stücke aus verschiedenen Zeiten, bildet aber doch so sehr ein wohlgefügtes Ganzes, daß nur Jesaja selbst als der Sammler angesehen werden kann. In der letzten Zeit des Königs Hiskia oder unter dessen gottlosem Sohn Manasse mag der Prophet dafür gesorgt haben, daß dieser Schriftschatz für die künftigen Zeiten aufbewahrt würde. In den heiligen Schriften des Neuen Bundes wird häufig mit klaren Worten oder in verständlichen Andeutungen auf ihn zurückgewiesen und die Erfüllung einer Weissagungen aufgedeckt. Denn er ist’s, der von der Stimme des Predigers in der Wüste, der dem Herrn den Weg bereitet, von dem Auserwählten, an welchem Gott Wohlgefallen hat, von Immanuel, der als der Heilige Israels selbst zum Knechte Gottes wird, von dem stellvertretenden Leiden Christi und der Herrlichkeit des Auferstandenen, von der Verstockung des fleischlichen Israel und von dem Heiland aller Völker vorausverkündigt hat, was in der Fülle der Zeiten geschehen sollte. Seine Weissagungen enthalten aber auch Vieles, was bis zur Vollendung des Reiches Gottes erst noch geschehen muß: ein Herz lebt ganz in der Hoffnung und dieß giebt seiner Rede einen so erhabenen Schwung, einen so kühnen Flug, eine so klangreiche Fülle, daß man ihn einen großen Dichter der Zukunft nennen könnte, wenn er nicht mehr wäre als ein bloßer Dichter, ein Dichter der Wahrheit, ein Seher und Bote Gottes. Hieronymus hat ihn den Evangelisten des alten Bundes genannt, weil er schon so ganz im Geiste des neuen Bundes lebt.

 

Die jüdische Ueberlieferung berichtet, daß Jesaja unter König Manasse, der viel unschuldig Blut vergoß, zersägt worden und so den Blutzeugen zuzuzählen sey, worauf auch ein Wort im Briefe an die Hebräer hinzudeuten scheint. –

 

H. Schmieder in Wittenberg.

Adam und Eva

Wenn der Name der ersten Eltern hier an der Spitze der Lebensbilder erscheint, so läßt sich freilich nicht ein Bild von ihrem Leben entwerfen. Denn wenn auch die Erzählung der heiligen Schrift nicht angetastet oder umgedeutet wird, als ob nicht wirkliche Personen, sondern nur Schatten von ihnen gemeint wären; so fehlt doch alles, um als geschichtliche Personen sie vorzustellen. Von ihnen selbst, ihrem äußern Lebensgange wie ihrer innern Führung, ist kaum die Spur überliefert, bis auf die Katastrophe: diese aber würde man nicht grade in dem Fest- und Heiligenjahr verzeichnen. Nichtsdestoweniger werden an ihnen Gedanken und Thaten der ursprünglichen Weisheit offenbar, die aller Geschichte zuvorkommen, aber überall fortwirken, also auch dem frommen Gedächtniß gegenwärtig bleiben sollen. Ueberdies steht mit dieser Urgeschichte im Mittelpunkt der Zeiten das Evangelium in Zusammenhang, um dessentwillen allein jene Namen (nebst einigen andern alttestamentlichen) dem christlichen Kalender angeeignet sind.

Dies ist an zwei Punkten desselben geschehn. In früherer Zeit, da man gern die Epoche der Schöpfung, sei es des Lichtes oder der Himmelskörper, am Tage der Frühlingsnachtgleiche, 25. März oder 21. März, im Kalender bemerkte (nach der herrschenden Annahme, daß die Welt zu dieser Zeit erschaffen sei), erscheint auch die Erschaffung Adams in dieser Gegend (Adam plasmatus), der jedoch zuweilen selbst am 25. März angesetzt ist. Denn dieser galt von Alters her auch für den Todestag Christi: und in dem Ansatz für den Jahrestag lag dieselbe Absicht, in der man frühzeitig auf die Uebereinstimmung des Wochentages hinwies, daß an einem Freitag der erste Mensch geschaffen und Christus gestorben ist. Hingegen in neuerer Zeit findet sich in allen deutschen, protestantischen wie katholischen, Kalendern der Name Adam, Eva am 24. Dec. angesetzt, d. h. der erste Mensch am Vorabend der Geburt des andern Adam. Durch beides ist die Zusammenfassung der ersten und der zweiten Schöpfung so wie der Schöpfung und Erlösung im Kirchenjahr angedeutet.

Den Grund dafür giebt das Evangelium selbst, welches diesen Zusammenhang voranstellt. Denn das Geschlechtsregister Jesu (welches bei Matthäus von Abraham anhebt), führt Lucas, der umgekehrt von Jesus anfangend, vom Sohn zum Vater aufsteigt, über Abraham hinaus bis zum ersten Menschen; und von diesem heißt es: „der war Gottes“ (Luc. 3,38).

Und das ist das erste, was auch die Bücher Mosis berichten: daß Gott den Menschen geschaffen hat. Wenn alle übrigen Glieder jenes Registers und alle übrigen Menschen Söhne ihrer Väter sind, so hatte der erste Mensch keinen Vater auf Erden. Noch weniger war die Erde seine Mutter, welche allerdings auf das schöpferische Wort Gottes Pflanzen und Thiere hervorgebracht hatte. Am wenigsten ist daran gedacht, daß aus einem Thiergeschlecht der erste Mensch könne entsprossen sein: denn was ihn zum Menschen macht, ist nicht eine Steigerung thierischen Wesens und natürlicher Eigenschaften; sondern eine freie Gabe und neue Offenbarung Gottes. Auf der obersten Stufe dieser Creaturen, von ihnen wesentlich verschieden und nicht aus vorhandenem begreiflich, erscheint hier der Mensch durch einen Schöpfungsakt: Gott bildete ihn aus Erde und hauchte ihm den Odem des Lebens ein, und so ward er ein lebendiges Wesen. Darin ist die doppelte Abkunft des Menschen angezeigt: der Leib von Erde, der Odem von Gott. Wenn aber Gott in der Sprache der Menschen vorgestellt wird von menschlicher Gestalt, als athmend und hauchend, so ist doch ein Hauch nicht gemeint als ein Theil seines Wesens. Denn alles Fleisch, worin Odem des Lebens (1 Mo. 6,17. 7,15.22), hat ihn von Gott nach dem Wort des Psalmenfängers: „er lässet einen Odem aus, so werden sie geschaffen; er nimmt ihn weg, so vergehen sie“ (Ps. 104, 30. 29). Das ist also nur das allgemeine Mittel und Kennzeichen des Lebens, wiewohl der Odem auch unterschieden wird bei der thierisch beseelten und bei der vernünftigen Creatur (Pred. 3,19.21; und dagegen 12,7). Aber die höhere Abkunft, der Vorzug vor allen übrigen Geschöpfen, ist dadurch ausgesprochen (wie es im ersten Berichte heißt), daß Gott den Menschen schuf, Mann und Weib, nach einem Bilde und einer Aehnlichkeit. Den nächsten Sinn dieses Schöpfungs-Wortes giebt die Folge der Erzählung: daß der Mensch herrschen solle über die ganze Erde und über alles, was sich reget auf Erden. Also ist dadurch ein Abbild der Herrlichkeit Gottes dem Menschen verliehen. Aber zur Herrschaft über die Erde ist er nicht durch körperliche Kraft ausgerüstet, worin viele Thiere ihm überlegen sind; sondern durch ein höheres Vermögen. Und das wird im Verhältniß zu den Thieren bestätigt, wenn Gott sie zu ihm führt, zu sehen, wie er sie benennt. Denn die Sprache ist ein Erzeugniß des Geistes und die Namengebung eine Sache der Unterscheidung und Erkenntniß. Auch die andere Seite des göttlichen Ebenbildes bekundet der Fortgang der Erzählung, da Gott dem Menschen ein Gebot giebt; also hatte er ihm die Kraft verliehen, ein gebietendes Wort zu verstehen und zu erfüllen, aber auch die Kraft des Widerstandes: das heißt die Freiheit des Willens, seiner Herrlichkeit sich zu unterwerfen, oder sie selbst sich anzumaßen. Ueberdies einen Zeugen des göttlichen Willens im Gewissen, welches unabhängig über ein Thun und Lassen richtet und den Ungehorsam straft, wie nachgehends sich zeigt, da Scham und Furcht auf die Uebertretung sich einstellen.

Gott also, wie die heilige Urkunde sagt, hatte einen Garten in Eden gepflanzt, in welchem er sprossen ließ allerlei Bäume, lieblich zu schauen und gut zu essen, und von welchem ein Strom ausging, den Garten zu tränken: dahin setzte er den Menschen, ihn zu bebauen und zu bewahren. Und gebot: von allen Bäumen im Garten möge er essen, ausgenommen vom Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen. – Das Weib aber, von der Schlange überredet, nahm von der verbotenen Frucht und aß und gab auch dem Manne, und er aß. Worauf die Strafrede Gottes und die Vertreibung aus dem Paradiese folgt. Alles dies ist offenkundig und doch verhüllt. Jeder empfindet, wie viel innere Wahrheit darin liegt; aber niemand kann das Außerordentliche des Vorgangs sich erklären; und man ahnet verborgene Tiefen. Ohne jedoch vorerst mit Fragen den Kreis zu überschreiten, den das einfache Bibelwort selbst zieht, werden wir in der Hauptsache den Sinn desselben nicht verfehlen, wenn wir von diesem Anfang aus auf den Fortgang der Offenbarungsgeschichte achten, insbesondere den Gebrauch zu Rathe ziehen, den Evangelium und Briefe der Apostel von den Worten und Thaten der Urgeschichte machen. – Zuerst das Gebot im Paradiese ist gegeben wie später das Gesetz vom Sinai, das viele Bestimmungen enthält, die nicht um ihrer selbst willen bestanden und ein Ende nehmen konnten: so ist der Genuß der Frucht nicht untersagt, als wäre sie an sich schädlich, aber auch nicht aus göttlicher Willkür, sondern, nach dem Worte des Apostels (Gal. 3, 24) zur Erziehung, – wie auch der Name Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen ersehen läßt. Das Gebot war eine Schranke für den menschlichen Willen, daran Gehorsam zu lernen, ohne zu grübeln; eine Uebung seiner Freiheit, sich für das Gute, das heißt den Willen Gottes, zu entscheiden und darin zu befestigen. Die Versuchung hebt von dem Zweifel an dem Worte Gottes an, sucht zu täuschen über die Folge des Ungehorsams und kehrt sie in das Gegentheil um, indem sie die Eigenliebe ins Spiel bringt und zur Ueberhebung lockt. Die Uebertretung dringt von innen nach außen, nachdem der Glaube, d. h. die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zu Gott und die kindliche Hingebung an seinen Willen, erschüttert war. Erst Augenschein und Augenlust, das Weib sah, daß der Baum gut zu essen und lieblich anzuschauen war; dann folgt aus dem sinnlichen Wohlgefallen die That: „wenn die Luft empfangen hat, gebiert sie die Sünde“ (Jac. 1, 15). Und auf die Sünde folgt die Strafe: nicht ein körperliches Uebel, als wie vom Genuß einer schädlichen Frucht; sondern das strenge Antlitz des Richters und der Vollzug der Drohung: die Mühsal dieses Lebens, bis der Leib zum Staube zurückkehrt. Und, was der Stachel in dem Elend ist, das Bewußtsein der Schuld mit der Erinnerung an das verlorene Paradies. Aber die Strafe selbst ist nicht ohne Erquickung und Hoffnung. Denn es ist dem Menschen gegeben fröhlich zu sein im Schweiß seines Angesichts und süße Ruhe zu haben nach der Arbeit (Pred. 5, 18. 11), und der treue Arbeiter empfängt seinen Lohn. Auch ist die Segnung aus dem Paradiese geblieben, daß das Weib dem Mann zur Hülfe sein und er an ihm hangen und sie die Erde erfüllen sollten. Und wiewohl Sünde und Uebel fortwucherten, also daß durch Einen Mord zwei Söhne den ersten Eltern verloren gingen; so ragt doch weit hinaus die Verheißung von dem endlichen Siege: daß der Weibesaame der Schlange den Kopf zertreten wird. Uebrigens meldet das „Buch der Geschichte Adams“ (1 Mos. 5,1) nichts weiter von ihm als die Fortpflanzung eines Stammes und die Tage seines Lebens, das er auf 930 Jahre brachte. Die Erinnerung an diese Geschichte lebt fort durch die ganze Offenbarung. Insbesondere von Anfang und Ende des ersten Menschen zeugt das Alte Testament, in Psalmodie und Prophetie: und es sind allemal mächtige Stimmen, sei es zur Erhebung und Tröstung oder zur Demüthigung und Entsagung. Zuerst aber bei der Neugründung des Menschengeschlechts nach der Sündfluth, in der Segnung Noahs und seiner Söhne wiederholt der Herr den Segen aus dem Paradiese: seid fruchtbar und mehret euch, bestätigt die Herrschaft über die Thiere und gedenkt, daß er den Menschen nach einem Bilde gemacht. Letzteres als Maaß der Strafe dessen, der Menschenblut vergießt; das andere dadurch erweitert, daß die Thiere dem Menschen zur Speise überwiesen werden (1 Mo. 9, 1 ff). Jener Segensspruch aber kehrt in der Patriarchengeschichte noch einmal wieder in dem besondern Segen, den Jakob empfängt als Stammvater des jüdischen Volks (1 Mos. 35, 11). – Hiernächst wird das Werk Gottes, das an dem ersten Menschen geschehen ist, dem ganzen Geschlecht zugeeignet. So führt David zum Preise der Güte Gottes aus, wie er den Menschen mit Herrlichkeit krönt: „Du machet ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände, alles legest du unter seine Füße, die Thiere des Feldes, Vögel des Himmels, Fische des Meeres“ (Ps. 8,6-9). Und Hiob wendet die Schöpfungsgeschichte des Menschen auf sich selbst an, wenn er vor dem Herrn, der ihn gerufen, als das Werk seiner Hände sich bezeichnet; und von dem Hauche Gottes redet, der noch in seiner Nase sei (Hiob 14,15. 27,3). Beide Momente des Schaffens, das Bilden aus Erde und das Anhauchen, und zwar in Verbindung mit der Weltschöpfung, heben auch die Propheten hervor, als ein Siegel göttlicher Macht und Hülfe, wenn sie dem Volk Trost zusprechen und Wiederaufrichtung verheißen. Es kommt die Hülfe von Jehova, „der den Himmel ausgespannt und die Erde gegründet und des Menschen Odem in ihm geschaffen hat“, nach einer Weissagung im zweiten Theil des Sacharja (12,1); und darnach im zweiten Theil des Jesaias (42,5), wo gleich darauf in derselben Absicht der Herr ein Volk das Werk einer Hände nennt gleich der Erde und den Himmeln, die eine Hände ausbreiteten (45,11.12). Diese Vorstellung von der Hervorbringung des Menschen gleichsam durch Gottes Hände wird weiter ausgeführt durch das Bild von dem Thon und dem Töpfer; sowohl in der Rüge Gottes: „spricht wohl der Thon zu einem Bildner: was machst du“ (45,9), als in dem Hülferuf eines Volks: „du bist unser Vater, wir der Thon und du unser Bildner, und deiner Hände Werk wir alle“ (64,8). – Das betrifft das besondere Schicksal des jüdischen Volks und seine theokratische Hoffnung. Hingegen von dem allgemeinen Loose des Menschen, als Klage über eine Hinfälligkeit, kehrt schon früher der Spruch wieder, der an der Schwelle des Paradieses steht: Staub bist du und zum Staube sollst du zurückkehren (Ps. 103,14. 146,4. Pred. 3,20. 12,7). Darauf bezieht auch Hiob sich (34,15), der überdies diese Ruhe im Staube schildernd, das Grab seinen Vater, seine Mutter und Schwester die Würmer nennt (17,14). – Endlich sehn auch die apokryphischen Bücher gern auf den Anfang zurück: das Buch der Weisheit (9,2) erinnert wie an die Schöpfung der Welt, so an die Bereitung des Menschen durch die Weisheit Gottes und seine Bestimmung, über die Geschöpfe zu herrschen und die Welt zu regieren. Jesus Sirach verweilet öfter darauf, daß der Herr den Menschen aus Erde geschaffen, in die er ihn wieder zurückkehren ließ, und alle Menschen Erde und Asche sind, wobei auch das Gleichniß vom Thon und Töpfer (17,1.2.31. 33,10.13.14), und hebt daneben hervor, daß er nach dem Bilde Gottes geschaffen und ihm Gewalt über alles auf Erden gegeben ist (17,3-4). Er erläutert die Stellung des Menschen zu dem göttlichen Gebot, nach dem ursprünglichen Zustand (als ob er auch nachmals bestände): „Gott hat von Anfang den Menschen geschaffen und ihn seiner Willkür überlassen; willst du, so kannst du die Gebote halten; er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, – der Mensch hat vor sich Leben und Tod: und was er will, wird ihm gegeben werden“ (15,14-17). Und nach dem Buch Tobiä (8,6) beruft der junge Tobias sich auf die Einsetzung der Ehe im Paradiese, wie er für seinen eigenen Ehebund den Segen des Herrn erfleht.

Auch das Neue Testament schließt sich an die Thatsachen der ersten Menschheit an, doch mehr nach ihrem Lehrgehalt: wodurch sie nicht allein bestätigt, sondern auch in eigenthümlicher Anwendung zu Grundlagen christlicher Sitte und Erkenntniß erhoben werden. Der Erlöser weitet zweimal darauf hin. Als die Pharisäer mit der Frage ihn versuchten über die Scheidung des Mannes und Weibes, die allerdings im mosaischen Gesetz zugelassen war, corrigiert er die spätere Satzung durch die ursprüngliche Ordnung, das Werk und das Wort des Schöpfers; worauf er das Gesetz des Evangeliums gründet: „was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ (Matth. 19,6. Marc. 10,9). Und wie er den ungläubigen Juden vorhält, daß sie die Wahrheit aus einem Munde nicht annähmen, vielmehr ihn zu tödten suchten, nennt er als Urheber dessen den Teufel, den Menschenmörder von Anfang und Vater der Lüge (Joh. 8,44). Beides zielt auf die Geschichte des Paradieses und das Verhalten der Schlange: denn eine Lüge, eine Mischung von Falschheit und Wahrheit, war die Lockung zur Sünde, als ob die Gottähnlichkeit und das Wissen um das Gute und Böse der Preis der Uebertretung sei; und ein Mord die Verführung zum Abfall, der mit dem Tode bedroht war. Unter den Aposteln hat vornehmlich Paulus, wie er die Gedanken der Offenbarung zu einem System ausbildete, die Entwicklung an den Anfang geknüpft und den Zusammenhang des ersten Menschen mit dem ganzen Geschlecht in die Glaubenslehre eingeführt. Das erste ist, daß er in seiner Predigt zu Athen (wo er also nur Grundwahrheiten vorträgt), um von den stummen Götzen abzuleiten, den göttlichen und menschlichen Ursprung des Geschlechts erklärt, die Abstammung von Einem Blute durch den lebendigen Gott, von dem alle das Leben haben, wie der erste Mensch einen Odem (Apostelgesch. 17,25.26). Zweitens weitet er auf den Ursprung der Sünde und des Todes: nicht allein daß durch den ersten Menschen die Sünde und durch diese der Tod in die Welt gekommen, sondern daß dieselben von ihm aus zu allen Menschen durchgedrungen sind; wo er beides erklärt, sowohl daß sie sterben, dieweil sie gesündigt haben, als daß durch ihn und in ihm alle sterben (Röm. 5,12.16. 1. Cor. 15,21). Endlich begründet er aus der Geschichte des ersten Paares das christliche Verhältniß von Mann und Weib: der Mann liebt sein Weib als sein eigen Fleisch (Ephes. 5,28) und das Weib ist dem Manne als dem Ersterschaffenen unterthan, waltet im Hause, aber schweigt in der Gemeinde (1 Tim. 2,13). Noch mehr, er nimmt die Einsetzung der Ehe im Paradiese, das Wort, daß ein Mensch seinem Weibe anhangen werde usw. als Unterlage, um die Verbindung Christi und der Gemeinde zu bezeichnen (Ephes. 5,32). – Das gehört zu der andern Seite, welche der Spruch zusammenfaßt: daß Adam ein Vorbild dessen ist, der kommen soll (Röm. 5,14). Der Apostel führt dasselbe aus mit Bezug auf das Werk wie auf die Person Christi. Ein Vorbild ist der erste Mensch, da in Christo der Anfang einer neuen Reihe erschienen ist; aber er jetzt der Sünde des Einen gegenüber den Gehorsam des Andern, und demzufolge der Verdammniß im Tode die Rechtfertigung zum ewigen Leben (Röm. 5, 18.19). Das ist das ewige Leben, welches schon diesseits beginnt. Aber ein andermal, zur Begründung der Lehre von der Auferstehung, stellt er den Gegensatz: wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christo alle lebendig gemacht (1 Cor. 15, 21. 22), und erläutert die Frage, wie die Todten auferstehen werden, durch Unterscheidung des irdischen und himmlischen Leibes und Vergleichung des ersten Menschen und des letzten Adam (wie er nur hier genannt wird): jener ist von der Erde und zu einer lebendigen Seele gemacht, dieser ist der Herr vom Himmel und der lebendig machende Geist (V. 45.47). Das ist auch ein weihnachtlicher Gedanke: zusammen zu schauen den Ersterschaffenen und den Erstgeborenen, der vor aller Creatur gewesen, aber nach ihm gekommen, aus seinem Stamm entsprossen ist. Im übrigen leitet jener Typus mehr auf Tod und Auferstehung Christi und die entsprechende Zeit des Kirchenjahres. Und dessen ist die Kirche auch eingedenk gewesen, welche in vielen Gebieten: in Geschichte und Lehre, in Cultus und Kunstvorstellung, auf die Urgeschichte der Menschheit zurückkommt. Freilich da die mosaische Erzählung so schweigsam ist und der Wißbegierde ein großes Feld offen läßt, so haben Dichtung und Forschung sich beschäftigt, die Lücke auszufüllen. Schon die spätere Zeit des Judenthums noch vor Chr. Geb. und um dieselbe hat erfindungsreiche Schriften hervorgebracht in prophetischer und geschichtlicher Form, welche das Leben Adams zum Gegenstand haben oder mit umfassen. Und das Christenthum, welches solche Legenden gern zuließ, hat die Erfindung fortgesetzt und gestaltet. Daneben galt es für eine wissenschaftliche Aufgabe, den Urzustand zu erforschen, sei es mehr äußerlich, indem man an die mosaische Erzählung anknüpfte und Schlüsse darauf baute, wie jenen über Jahreszeit und Monatstag der Schöpfung, oder innerlicher, indem man auf das Wesen des Menschen und die Veränderung durch den Sündenfall einging. Aus allem dem berühren wir hier nur zwei Sagen (welche in früheren Jahrgängen des Evangelischen Kalenders behandelt sind)) von der messianischen Hoffnung des ersten Menschen und einer Erlösung; wobei in gewisser Weise das Wort des Herrn von Abraham: er ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte (Joh. 8,56), auf Adam übertragen ist. Es ist zuvörderst eine alte Sage, welche (nach dem Evangelium des Nicodemus) Seth den Vätern in der Hölle berichtet: Adam, in tödtliche Krankheit gefallen, sandte ihn zum Paradiese, um daselbst Oel vom Baum der Barmherzigkeit zur Heilung seiner Schmerzen zu erlangen. Jedoch der Erzengel Michael erklärte: jetzt sei es nicht zu haben; aber nach 5500 Jahren werde der Sohn Gottes zur Erde herabsteigen und Mensch werden: der werde ihn salben mit diesem Oel und dann werde er von aller Krankheit genesen. – Dazu kommt seit dem 12. Jahrhundert die Sage: Adam in schwerer Krankheit verlangte Erquickung von dem Baum im Paradiese, an dem er Gott beleidigt hatte; sein Sohn Seth, dahin gesendet, brachte einen Zweig von diesem Baum zurück. Der Zweig, von ihm gepflanzt, erwuchs zu einem schönen Baum, der bis auf die Zeit Salomos stand; dann hatte er verschiedene Schicksale, bis endlich aus ihm das Kreuz Christi verfertigt worden. Die andere Sage betrifft das Grab Adams, daß er auf Golgatha liege: welche sogar aus dem Judenthum stammt, von den Kirchenvätern berücksichtigt und bezweifelt (weil nach einer andern Annahme Adam in Hebron sollte begraben sein), aber besonders in der griechischen Kirche zur Geltung gekommen ist. Wenn sich dies so verhält, sagt Athanasius, so bewundere ich die Schicklichkeit des Orts: denn es mußte der Herr, der den ersten Menschen erneuen wollte, an jenem Orte leiden, daß er dessen Sünde lösend sie von dem ganzen menschlichen Geschlecht hinwegnähme; ferner daß er den Adam dort findend, zu dem gesagt ist: du bist Erde und sollst zu Erde werden, den Fluch löse und stattdessen zu ihm spreche: erwache der du schläft und stehe auf vom Tode, und Christus wird dich erleuchten (Ephes. 5, 14). Beide Sagen, so weit sie auf die heilige Passion zielen, sind durch die Kunst des Mittelalters verherrlicht, die nicht selten das Kreuz, an welchem der Erlöser hängt, als einen lebendigen Baumstamm gebildet hat; unter dem Kreuze aber Adam stehen läßt, der aus einem Grabe sich erhebt und, als der Erstling, der Erlösung durch Christi Blut theilhaftig wird. Sie können deshalb nicht untergehn; und verdienen auch als Dichtung erhalten zu werden, weil sie der Wahrheit zum Spiegel dienen. – Derselben Wahrheit dient, einfach und ohne Zusatz, die kalendarische Verzeichnung der Namen Adam, Eva in der Nähe der heiligen Geburt, wo sie die Epochen der Menschheit und des Reiches Gottes in Erinnerung bringen.

Abraham

Längst sind die rauschenden Wogenschläge der Sündfluth verhallt. Sie sind nicht mehr der letzte große Eindruck, der die Gemüther des neuen Geschlechts erfüllt. Das waren sie, zum feindlichen Trotz aufreizend oder finstere Stumpfheit gegen die Naturgewalten als Göttermächte erzeugend, in Hams Geschlechte lange gewesen. Dagegen hatten Sems Nachkommen ihre sittliche Bedeutung als gerichtlicher That Gottes, als Folge der Verschließung des Paradieses im Gedächtnisse des Herzens lange behalten und Japhets bewegliches Geschlecht hatte an dieser ernsten Erinnerung seinen Antheil mehr oder weniger gehabt. Aber allmählich hatte das üppige Aufwuchern des Menschenlebens nach der Fluth, die Ruhe vom Kampfe mit den wilden Thieren, die in den Landen der Fluth weithin vertilgt waren, die Fülle der Erzeugungen in Pflanzenwelt, Thierleben und Menschendasein das irdische Kraftgefühl so gehoben, die auftauchende Mannichfaltigkeit aber ein Bedürfniß des festen Mittelpunktes so herausgefördert, daß an dem Versuche, die eigene Kraft und ihr Werk und Denkmal zum höchsten Sammelpunkte zu machen. (Thurmbau zu Babel) erst die Unmöglichkeit, das Viele räumlich zusammen zu fassen, recht zum Bewußtsein kam. Eine nicht näher geschilderte Gottesthat hatte das unheilige Werk als den Versuch geoffenbart, eine Menschheits-Religion, an ein sichtbares Denkmal eigener trotziger Kraft geknüpft, also eine rein irdische, den allerhöchsten Gott verhüllende und beseitigende im Leben zu halten und ließ gerade an dem falschen Versuch der Vereinigung den Drang zur Ausbildung der Verschiedenheit und Eigenheit, die Hast und Angst der Selbstrettung vor Gott, das wilde Auseinanderjagen der verschiedenen in der Masse vorgebildeten Gruppen, der Nationenstämme, hervortreten. Jetzt begegneten die Völkerzüge auch den Mächten der Thierwelt und die gewaltigen Jäger und Völkertreiber erschienen. Während ein solcher in Mesopotamien eine Reichsgewalt übte, lebten da auch noch Semiten in stiller Ruhe des Hirtenlebens.

Jahrhunderte waren auch wieder seit der Völkertheilung verflossen und der reine Dienst des welterschaffenden Gottes, der segnete und Träger des Segens in den Tagen der Urväter erwählte, war durch keine neue die Gemüther beherrschende Kundmachung einer unendlichen Macht und Güte aufgefrischt worden. Heidnisches Hinsinken in die Naturmacht überwältigte allmählich das sittlich fromme Grundgefühl und nur die im hinsterbenden Greisenalter noch vorhandenen Reste der geweihten Urväterzeit hielten den Faden der heiligen Erinnerung fest. In Therachs Hause war von solcher Anregung ein edles Erbgut geblieben, und da und dort vereinzelt unter den heidnischen Völkergruppen leuchtete noch ein Priester des Allerhöchsten wie ein vereinzelter Stern zwischen dunklen Wolkenschichten hervor. Aber eine Gemeinschaft der Lebendigen gab es nicht. Einsam stand in seines Vaters Hause und zwischen einen Brüdern Nahor und Haran der älteste Sohn Therachs da, Abram, der hohe Vater, genannt. Ihm schlossen sich in Gott suchendem Drange ein Weib Sarai und Lot, der Sohn eines Bruders Haran, am nächsten an. – Die Heimath des Geschlechts war Ur Chasdim, d. h. Ur in Chaldäa, aber schon Therach war gen Westen gezogen nach Charan. Ob dies geschah, weil mit dem Heidenthum, das in sein Haus den Weg gefunden, (Josua 24,2. Judith 5,6.7.), auch ihm der Drang zur Wanderung sich eingeimpft, oder weil der reinere Gottessinn mit dem nimrodischen Chaldäerreiche sich nicht vertrug, oder weil ostwärts herkommende Völkermassen gegen Westen drängten, muß dahin gestellt bleiben. Hier nun trifft den Abram, einem tiefsten Sehnen begegnend, an alle heiligen Erinnerungen des Sem-Geschlechts anschließend, auf die alle zurückleuchtend, die Erscheinung Gottes, die erste seit Noahs Zeit. Es war wohl nicht ein inneres Wort nur, das mit: „und der Herr sprach zu Abram“ bezeichnet wird, sondern eine Gotteserscheinung in Gestalt, denn erst nachdem solche vorgegangen, konnte hernach Gesicht, Traum und inneres Wort als göttliche Offenbarung von jedem bloß menschlichen Ahnen unterschieden werden. Hier liegt ein großer Wendepunkt, ein neuer Anfang der Geschichte des Reichs Gottes. Der letzte Faden reineren Gottessinnes, der in Abram zu enden drohte, wird von der göttlichen Hand gefaßt, Abram wird der Erwählten Gottes einer, wie es Adam, Seth, Enos, Henoch, Noah, Sem gewesen, in ihm sammelt sich die gesammte heilige Ueberlieferung von der Urzeit und bildet einen klaren See der menschlichen Kunde von göttlicher Offenbarung, worin die bisherigen Quellen und Bäche mündeten und in welchem alles Menschliche, das der Strom mit sich geführt, zu Boden sinkt, aus welchem zuletzt ein neuer Strom hervorbricht und durch Isaak, Jakob, die 12 Erzväter, Mose, Aaron und das Volk Israel durch die Zeiten der Geschichte sich ergießt. – Das war die Antwort auf Abrams tiefstes Verlangen, die Besiegelung aller bisherigen Offenbarung. Die Paradiesesruhe, die Besiegung der Sünde, des Kampfes mit der Noth und dem Tode, die Wiederkehr des Friedens und der Gemeinschaft mit Gott, die Fortgeltung des nach der Schöpfung dem Menschen von dem ewigen Schöpfer geschenkten, im Fluche selbst wiederholten und erhaltenen, durch den neuen Anfang nach der Fluth in Wort, Zeichen und That bestätigten Segens trat ein.

Abram erhielt vor Allem den göttlichen Befehl der Wanderung und nun war mit einem Male das Wandern nicht mehr Folge des Trotzes und der Angst menschlicher Empörung, sondern es war die That des Gehorsams.

Der Berufene Gottes stand nicht mehr allein, sondern war in die Gemeinschaft der vor ihm Erwählten, der hohen, leuchtenden Vorbilder des Glaubens in der Urzeit getreten; er war der Erbe ihres geistigen Gutes, sie waren seine Unterlage, der Grundbau eines jetzt zur Geburt gekommenen geistlichen Lebens. Der Ausgang aus der alten, natürlichen Heimath, aus Vaterland, Geschlecht und Vaterhaus verstand sich nun eben so sehr von selbst, wie er Gottes Befehl war; denn geistlich war er durch die Gotteserscheinung schon aus diesem Kreise herausgehoben und zu einem neuen Anfänger gemacht. Und doch geschah mit dieser Wahl das Unwahrscheinlichste. Alle göttlichen Neu-Anfänge waren Zeugungen; sie sprachen thatsächlich von Fortdauer und Erneuerung des Lebens trotz des mit der Sünde eingedrungenen Todes. Abram aber war 75jährig und kinderlos, konnte nur in der Familie des Vaters durch die Brüder am Fortwuchern des Lebens Theil haben. Ob er darum Lot mit sich führte? ob er durch ihn, der als Brudersohn ihm ein Sohn war, ein Geschlecht hoffte? Aber er glaubte dem Wort, denn es war das Wort des Lebenschaffenden, der aber ihm auch der Heilsgott war. Der Glaube Abrams steht hier schon dem Befehle gegenüber als Heldenthum des Geistes da. Nicht allein der Ausgang zu neuer Gründung, auch der Eingang in die sonst der Sündenfurcht und Gottesscheu angehörige Völkerzerstreuung war seine Glaubensaufgabe, in deren Lösung das innere Durchschauen in die ewige Gnadenabsicht, das wonnevolle Ergreifen der göttlichen Mittheilung, lediglich weil sie göttlich war, und der demüthige und kühne Gehorsam in Eins verschmolzen.

An den Befehl knüpfte sich die Verheißung: „in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Ein gottgezeigtes Land konnte nur Paradieses-Gedanken wecken. Es war ja wieder wie bei Adam, den Gott selbst in den Garten Eden gesetzt hatte. Nur die tiefe Paradieses-Sehnsucht in Abram erklärt das augenblickliche Verständniß dieses Gotteswortes. Ein Gottesland mußte es ja sein, worin der Sieg über alle Mächte der Sünde und des Todes geoffenbart werden sollte. – Wohin es lag, das mochte schon der seit der Paradiesesflucht vorwaltende Drang nach dem Abend andeuten. Dahin war aus dem edleren Geschlechte Sems der Zug gegangen, während der Osten andern Völkern gehörte. Es bleibt aber Geheimniß, worin die göttliche Bestätigung dieses Dranges bestand und wie Abram das Land seiner Bestimmung fand. Vor ihm lag die offene Wüste. Jenseits derselben reichte schwerlich eine Kunde. Dahin also, in die ungewisse Ferne ging der Zug.

Noch aber steigt die Verheißung höher empor. Zum „großen Volke“ soll der Kinderlose werden und zwar losgetrennt von seines Vaters Hause. Nicht Sems Verheißung nur, sondern auch der Ursegen vor dem Falle ist hiermit wieder aufgenommen: „mehret euch, füllet die Erde.“ Und wie dieser im Fluche forttönt: „du sollst (mit Schmerzen) Kinder gebären“, so auch hier in der gnadenvollen Strafe der Völkertheilung: „zum Volke will ich dich machen.“ Es war das Siegen des Lebens über den Tod, oder doch das Standhalten gegen ihn dem Abram zugesprochen und damit ein erster Name: „hoher Vater“ göttlich gedeutet. Eine Nation muß Trägerin des Heils sein, nicht mehr das Geschlecht (Sems), weil ja Nationen aus diesem Stamme schon das Siegel des Sündenfluches mit angenommen hatten, in der Babelflucht vor Gott. – Aber der rechte Inhalt der Verheißung ist erst der „Segen“. Erst: „ich will dich segnen“, dann: „du sollst ein Segen sein“, hierauf: „ich will segnen, die dich segnen“, endlich: „in dir sollen gesegnet werden (sich segnen) alle Geschlechter der Erde.“ Diese vierstufige Verheißung stellt Abram auf einen Ort in der Weltgeschichte des Heils. Nachdem er den Segen wunderbar und doch als Erbe der Urväter empfangen, ist sein wahrer Lebensbestand dieser Segen, sein ganzes Dasein von ihm erfüllt, durch ihn bestimmt und erhöht; was aber er hat und ist, das wird zum Gemeingut erst derer, die den Träger des Segens erkennen und als solchen behandeln, dann aller. – Schon in dieser ersten Verheißung an Abram wird der Blick des Glaubens erweitert und der ganze Umfang der jetzt schon so vielgliedrigen Menschheit, eben so wie im Paradiese, in den Sonnenkreis des verheißenen Segens hineingezogen. Es ist Lebensmittheilung, Schöpfung höheren Daseins, was in dem Segen auf Inneres und Aeußeres fließt. Daß aber „Fluch“ neben den Segen gestellt wird, ist ganz der bisherigen Heilsoffenbarung gemäß. Denn auch der muß bleiben an denen, die nicht segensfähig sind, ja den Gesegneten des Herrn nicht erkennen. An ihm und seinem Saamen entsteht die neue Scheidung der Menschen in Feinde und Freunde Gottes, wie zuvor im Urmenschen beides vereinigt war, in seinen Söhnen schon aus einander ging und in deren Geschlechtern als „Menschentöchter“ und „Gottessöhne“ den Gipfel erstieg, wieder in Noahs Söhnen, aber mit einem Vermittler (Japhet), sich darstellte, endlich in der Völkertrennung zu verschwinden drohte, weil der Fluch allein zu walten schien. Jetzt tritt der lichte Punkt in der Völkerwüste mit Abram wieder hervor.

Der Einzug in das gezeigte Gottesland beut wieder einen merkwürdigen Gegensatz dar. Von allen Ländern der Erde war es das gerade, welches am meisten ein Land des Fluches scheinen konnte. Denn die Kanaaniter, die Nachkommen Hams, die Verfluchten, wohnen darin. „Kanaan sei Sems Knecht“, hatte das Gotteswort nach der Fluth gesprochen. Nun tritt Sem in Abrams Person als Gast zu Kanaan. Erkannten die Kanaaniter den wahren, lebendigen Gott durch Abram, so wurden sie in Sems Verheißung aufgenommen. Der Gast war ihr Prediger. Ließen sie ihn in stumpfer Gleichgültigkeit neben sich stehen oder waren ihm gar feindlich, so waltete der Fluch bis zum Untergang ihrer Stämme fort. Der Gast war dann ihr Richter. Bis Sichem und zum Terebinthen-Hain More war er gelangt und hatte das üppige Gartenthal vor dem entzückten Auge, die Frage: wo ist die Ruhe von meiner Wanderung? in der Seele; da blitzte in sein Leben hinein die zweite Gotteserscheinung. Sie gab die Antwort auf die Frage der Sehnsucht: „deinem Saamen will ich dies Land geben.“ Jetzt war das Unglaubliche gewiß. Das Land der Verfluchten sollte es sein. Aber nicht Abram selbst, sein Saame erst soll sich des Besitzes freuen. Das nächste Ziel der Heilshoffnung war durch die Hand der Allmacht aufgestellt und Niemand konnte es wegrücken. Das „gelobte Land“ war gefunden. Wenn auch die Ruhe noch in der Zukunft lag, sie hatte doch ihren Ort. „Abram baut dem Herrn einen Altar“ und zieht weiter. Das Sabbathgefühl der Ruhe in Gott war Abram geworden und der sichtbare Zeuge derselben war dem Erzvater unentbehrlich. Dieser Altar mußte der Sammelpunkt einst werden für seinen Saamen. Noch mehr, zwischen Bethel und Ali erhob sich ein zweiter Altar und der Name des lebendigen und in Erscheinung ihm geoffenbarten Schöpfergottes wurde nun über das Land genannt (er predigte von dem Namen des Herrn, d. h. der Segen wird von Abram priesterlich auf das Land übergetragen durch Anrufung). In solcher Hut und mit ihrem Zeugniß und Unterpfand konnte Abram das Land zurücklassen, um zu ermessen, wie weit sein künftiges Land reiche. So ging er nach Süden, von wo der Mißwachs ihn weiter nach Aegypten trieb. Es konnte ja auch dieses Hamiten-Land zum verheißenen Gebiete gehören. Abrams Aufenthalt in Aegypten nimmt eine eigenthümliche Stelle in seiner Geschichte ein. Er zeigt uns Abram, der bisher zwischen kleinen Heidenstämmen friedlich und fast schüchtern durchzog, dem mächtigen Herrscher eines festgefügten Heidenreichs gegenüber. An die Stelle der hoffenden Zuversicht, daß wohl auch das Nilland zu einem Friedensbesitze gehören möge, tritt hier die Furcht. Dieser Furcht bringt er die volle Wahrheit, das heilige Band der Ehe, selbst die Möglichkeit eines Saamens durch Sarai zum Opfer. Er heftet sich an die Thatsache, daß diese eine nahe Verwandte war und giebt sie bloß für eine Schwester aus. Daß er hier der Gefahr ausweichen will, verräth nicht feige Furcht für sein Leben, sondern die Angst vor Vernichtung des an seine Person und ihr Fortleben geknüpften Verheißungszieles. Sein Saame sollte das Land besitzen und noch hatte auch Lot keinen Sohn. Abram mußte leben, bis ein solcher geboren war. Ob auch ein Gedanke an die Möglichkeit, durch Sarai, wenn sie zu des Pharao Frauen gezählt wurde, in den Besitz Aegyptens zu kommen, in einer Seele mitspielte, muß dahin gestellt bleiben. Seine Lage zwischen den schwersten Uebeln, dem Durchschneiden des Verheißungsfadens in seinem Tode und der Rettung durch Hingabe seines Weibes an den Heiden war furchtbar. Aber der Glaube war nicht in ihm, welcher ihn aus Charan fortgetrieben und durch Kanaan begleitet hatte. Und eben diese Glaubensschwäche war eine Sünde, aus welcher die andere, die Zweideutigkeit einer Rede, hervorging. Es mußte ihm in der Seele aufdämmern, daß es ungöttliche Ungeduld war, den Umfang des verheißenen Besitzes wissen zu wollen, was ihm den Zug nach Aegypten als zulässig vorgespiegelt; hier wagt er nicht, einen Altar aufzubauen. Ja, er kann als ein Gesegneter Gottes hier nicht erkannt werden, weil er selbst durch Sünde eine Mauer zwischen sich und den Aegyptern aufbaut. Und dennoch ist Gott ihm gnädig und rettet sein Leben nicht allein, auch die Reinheit seiner Ehe. Sarai wird heilig durch die Wunderthat Gottes, die selbst den Aegyptern die Augen öffnet und Schauer vor dem unheimlichen Fremdling weckt. Vielleicht schimmerte da der erste Gedanke an Sarais Erwählung zur Geburt des Saamens. Gott fand nicht so schwere Sünde an Abram, um ihn zu verwerfen, wohl aber um ihn durch den Mund und die Gaben des Heiden zu beschämen. Zugleich aber sind damit die Gränzen des gelobten Landes für immer nach Süden zu gezogen. Abram ruht auch nicht, bis er an dem geweihten Altarorte, dem sichern Ruhepunkt der Verheißung wieder angelangt war. In Bethel aber geschieht ein weiterer Schritt.

Die Unmöglichkeit der Einen Familie, die doch aus Zweien bestand, wurde klar. Zwischen den Heidenstädten und ihren Gefilden konnte wohl eine Hirtenfamilie sich bewegen, aber nicht noch eine. Zwietracht wurde die Folge des Versuchs. Vernichtung durch die Heiden hätte das Ende werden müssen, denn „sie wohnten im Lande“ (1 Mo. 13,7). Um die Erfüllung möglich zu erhalten, war Trennung geboten. Abrams Erklärung (v. 9) läßt den Schwerpunkt seiner Wünsche erkennen, friedlichen Fortbestand im verheißenen Lande, die Wahl Lots (v. 10.11), seine Unfähigkeit wahrnehmen, der untergeordnete Träger und Stammvater des Heils zu sein, und nun stand Abram wieder, wie einst am Ostrande der Wüste, vor der verhüllten Zukunft. Zum drittenmale trat auf dieser neuen Stufe der Ewige aus dem Dunkel hervor und die Zusage lautet mit Hinweisung auf das Land: „dir will ich es geben und deinem Saamen auf ewig“ – Noch aber kein Wort von Sarai und in Abrams Herzen noch nicht der Muth, solches Lebenswunder zu hoffen. Die Verheißung war nun enger beschränkt und als eine durch keine Macht zu brechende bezeichnet. Elieser, sein Knecht, war jetzt der natürliche Erbe. Ein neuer Altar bezeichnet einen neuen Theil des Besitzes unter der Mamre-Eiche bei Hebron. Die Hoffnung lebt nun auf, aber sie ist mit Wehmuth gemischt beim Blicke auf die eigene Kinderlosigkeit. Aber noch verschließt die Ehrfurcht Abrams Mund und er tröstet sich am geistigen Anblick des zahllosen Saamens, der seinen Namen nennen sollte.

Abrams Haus tritt auch sogleich in seiner Kraft hervor. Er geräth durch Lots Wahl und das derselben folgende Ungemach in die Berührung mit den vorderasiatischen Heidenmächten. Ein Königsbund unter elamitischer Hoheit, der von Abram nichts ahnt, verfolgt eine Rachepläne gegen kananäische Fürsten und reißt Lot als Siegesbeute fort. Hier erhebt sich in Abram das große Bewußtsein einer göttlichen Herrscherweihe. Hat Gott die Aegypter geschlagen um seines Weibes willen, so wird er Sieg geben über die Heiden, welche unwissend in den Bestand der geweihten Familie hineingegriffen, zu der Lot auch jetzt noch, wenngleich minder innig, gehörte. Die Heldenkraft Abrams, die seinem Glauben entspringt, tritt uns als Vorbild dessen, was ein Saame den Heidenmächten gegenüber sein sollte, sieghaft entgegen. Er steht einzig da in dem Kreise der Völker, die ihn umwohnen und weckt in ihnen das ahnende Gefühl, daß er sei, wie jetzt noch die Muhamedaner ihn nennen, el Khalil (der Freund) Gottes. Die Unmacht Lots läßt den Rest des Gedankens vergehen, daß er der Vermittler des gesegneten Saamens sein könnte. In Abrams eigenem Hause ruht die Kraft und ihn umleuchtet der Siegesglanz. – So kehrt er wieder, entläßt Lot, giebt alle Siegesbeute edel zurück und steht, der kleine Nomadenfürst, neben den Königen allen der Größeste da. Diese Kriegsgeschichte ist nicht fremd zwischen den stillen Scenen seines Wanderlebens, die läßt in die Vorstufen der Erfüllung hinausblicken, ja sie ist selbst eine Erfüllung. – Seine geweihete Stellung fand ein unerwartetes Verständniß, das über die dunkle Ahnung der Heiden hinausging.

Melchizedek erscheint. Er war der zerstreuten Lichtpunkte einer, die in der heidnischen Völkernacht als Zeugniß tragende Sterne leuchteten, indem sie der uralten heiligen Erinnerung treu blieben, ohne jedoch, wie Abram, neuer Bürgschaften des Heils sich zu erfreuen. Sie waren – und wie viele ihrer und wo sie gelebt, hat nur Gottes Auge gesehen – die Letzten ihres Geschlechts und entschliefen im Frieden der Hoffnung, aber auch in der Wehmuth, die Welt hinter sich in Götzendienst versinken zu sehen. Darum waren sie die Richter des Heidenthums, das an ihnen seine Ueberwinder haben konnte, aber sie unverstanden ins Grab sinken ließ. Melchizedek war „Priester Gottes des Höchsten“, und war, was die Urväter alle gewesen, Herrscher und Priester. Daß er die heilige Erinnerung hielt, zeigen seine sinnbildlichen Segensgaben, Brot und Wein. In ihnen liegt der Anklang an den Ursegen der Herrschaft über die Erde, an eine Erneuerung nach der Fluth und an den Sieg dieser Segnung über den Sündenfluch, der an diese Schöpfungsgaben sich auch knüpfte und zwar in Gottes Wort: „im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ und in der Verfluchung Hams, die mit dem ersten Weingenusse zusammenhing. Es war ja des Priesters Thun, Sünde und Fluch durch den Segen der Gottesgemeinschaft tröstend zu übertönen. Aber wegräumen konnte ihn erst der „Priester in Ewigkeit“, der „nach der Weise Melchizedeks“ erschien. Vor ihm, der in Abram den innerlicht Verwandten erkannte, dem Semiten aus der Zeit vor der Eroberung des Landes durch die Kananäer, beugte sich der hohe Vater. Denn er erkannte in dem Priester des Höchsten die Darstellung der Wurzel und des Stammes, worauf sein Glaube, seine Gemeinschaft mit Gott, erwachsen war. Darum huldigt er ihm mit dem Zehenten der Beute, wie der Sohn dem Vater huldigte. Es war die Urväterzeit, welche den Erzvater anhauchte. Er aber segnet den Abram, denn nur die Beerbung des Ursegens machte diesen fähig, der Träger der Heilshoffnung für die fernere Weltzeit zu sein. Es war der Sterbesegen der Väter, den Abram von einem leiblichen Vater Therach nicht hatte voll und ganz empfangen können, weil diesem der Priesterglanz des alleinigen Glaubens an den höchsten Gottfehlte.- Merkwürdig aber ist der Segen ganz ohne Ahnung der großen Zukunft Abrams. Sie war dem geweihten Priesterkönige verschlossen, wohl aber war ihm Abrams Erscheinung zum Trost, sofern nun der Faden der Paradieses-Hoffnung nicht mit ihm am Grabe brach. Es mag wohl Melchizedeks Schluß auf Erden gewesen sein, wie auch in Abrams Leben mit dieser wunderbaren Begegnung die Väterzeit abschließt.

Denn jetzt tritt für ihn die Zeit der schmerzlichen Einsamkeit, das Ringen des Glaubens ein. Melchizedek stand, wie ein einsamer Berggipfel, den noch die Abendgluth der sinkenden Sonne beleuchtet; auch der versank und kein zweiter trat in Abrams Gesichtskreis. Jahre der Stille und des Harrens verflossen, Lot war Abram fremder geworden, die Hoffnungsaussichten wurden dunkel, der letzte kaum gewagte Gedanke an Sarais Gewährung des Saamens mußte im Gang der Jahre schwinden. Da – wieder ein strahlendes Gesicht und das Gotteswort: „Fürchte dich nicht!“ Das war Lösung langer, banger Schmerzgefühle, durch die der Glaube an das menschlich Unmögliche sich gerungen. Aber weiter als bis zu Eliesers Vermittlung des Saamens erhob sich dieser mühsam festgehaltene Glaube nicht. Nun aber bricht in dem neuen Verheißungsworte das Leben durch alle beengenden Bande. „Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein“. Zum erstenmal erscholl ein Allmachtswort in Abrams Seele, wonach sie schmachtete, ohne daß sie es zu erbitten wagte. Hier schon war es der Glaube, daß Gott auch könne „von den Todten lebendig machen“, der ihn nicht ansehen ließ seinen erstorbenen Leib und den der Sarai (Röm. 4, 17 ff), wie derselbe ihn später am Opferaltar aufrecht hielt. Jetzt hatte der zahllose Saame eine ganz andere Bedeutung. Es war ein Geheimniß voll ahnender Wonne, was von diesem Augenblicke in Abrams Seele ruhte. Nun erst war der Schöpfungssegen auf ihn ganz und voll ausgeströmt und mit dem Segen der Hoffnung nach dem Falle einer und derselbe geworden. Darum an dieser Stelle das Wort: „Abram glaubte dem Herrn und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“ (1 Mos. 16, 6). Er wird in viel höherem Sinne, was sein Name sagt: „Vater.“ Erst das Neue Testament, die Erfüllung, konnte das aufschließen. Er ist seitdem der „Vater der Gläubigen“ und alle, die da glauben, sind seine Kinder. – Denn die „Gerechtigkeit“ ist sein, wie sie Noahs war, Henochs und Adams, doch in viel bestimmterer Weise als dieser, so wie sie noch keiner seit dem Falle gehabt. Sein Glaube ist eine Gerechtigkeit nach Gottes Willen (ihm gerechnet zur Gerechtigkeit). Denn er steht in und auf Gott allein, er ist nur Organ und aus Gnaden erwähltes Mittel zum Heil der sündigen Menschen. Er will auch nichts mehr sein, als der, an dem sich Gottes Wunder offenbaren. In solchem Glaubens-Augenblick versank die menschliche Eigenheit und die Füllung eines Selbst mit göttlicher Verheißungsliebe war Alles. Der Glaube unterwirft sich nicht nur im Gehorsam, wie Jakobus von Abram lehrt, er einigt sich frei und freudig mit Gott, wie Paulus verkündet, und ihm giebt es keine Gerechtigkeit, kein Rechtsein vor Gott, als diese freie Einigung. – Einen Augenblick ist er als der Glaubens-Gerechte von der Wonne der Erlösung durchzückt.

Der kühne Glaube Abrams wagt sich bald hervor. Er bittet den Herrn um ein sichtbares Zeichen und es wird ihm. Aber welch‘ ein Zeichen! Gott weist den Abram zu der unter den Völkern des Alterthums wohlbekannten Bundeschließung an. Thiere werden geschlachtet und halbiert; die beiden Hälften gehören Einem Wesen an, so sind in Bunde Zwei eins geworden und jeder Eine kann den Andern nicht entbehren. Zwischen diesen Hälften mußten die Bundschließenden mit Feuerfackeln hindurch gehen, um das Leben (die Lebenswärme) in der Flamme darzustellen, vermöge dessen die todten Hälften eins sind. Abram wartet auf Gottes Offenbarung. Aber der Tag schwindet hin und Abram wird von einem Schlafe außergewöhnlicher Art überwältigt, wie ihn Adam schlief, als durch die Theilung eines Wesens eine höhere Einheit, die der Familie, in der Schöpfung des Weibes entstehen sollte. – Aber im Schlafe war ein Gesicht, „Schrecken und Finsterniß“ der Inhalt desselben. Dem Abram wurde auf das kühne Hinausgreifen in die Zukunft eine schreckende Antwort. Er mußte fühlen, daß der Herr gnädig die Mittelstufen verhüllt, die zum verheißenen Ziele führen. Er trug ein Vorgefühl von Israels Noth und Angst in Aegypten und das Wort Gottes gab ihm den Aufschluß, den er begehrte. Was war nun das Zeichen? es war sein eigenes Fremdlingsleben, ein Alter, sein Tod (1 Mo. 15,15), es war für die Nachkommen die Knechtschaft in Aegypten und der Auszug von da. Geschah dies Alles, so lag darin, bei aller Sehnsucht und allem Schmerze, doch die göttliche Bürgschaft für das verheißene Land. Aber auch schauen sollte Abram etwas, das er sein Leben lang nicht vergaß. Gott selbst in furchtbar-majestätischer Erscheinung, Feuer, Rauch und Glanz in dunkler Nacht schritt zwischen den Thierstücken hindurch. Abram durfte nicht folgen. Das war der Bundesschluß, den Abram wohl verstand. Gott selbst wollte mit sich selbst vor seinen Augen den Bund schließen. Seine That sollte Alles ganz allein sein. Denn Abram hatte nichts zuzusetzen, nur zu empfangen. Wie er sich hingegeben im Glauben, so sollte er nun in aller ferneren Geschichte nur Bürgschaften göttlicher Verheißungstreue genießen. Die Verheißung selbst aber, in Hinsicht auf ihr nächstes Ziel, das Land, wird nicht nur wiederholt, sondern begränzt und über alle bisherige Anschauung Abrams hinaus erweitert. –

Am Eingange eines neuen Lebensabschnittes stand der hohe Vater der Gläubigen durch dieses Gesicht und das göttliche Zeichen. Nach Jahren bestimmt, über seine nächsten Nachkommen hinweg, war der Landbesitz göttlich bestätigt und damit der Sehnsucht Raum, wie der festen Hoffnung Anhalt gegeben. Allein alles beruhte auf der Geburt des Sohnes, selbst das Zeichen setzte diese voraus. Sarai, die nicht Theilnehmerin der Gotteserscheinungen, nur Hörerin Abrams gewesen, tritt jetzt selbst handelnd in den Kreis der Geschichte. Die Erzeugung Ismaels mit der Sclavin Hagar, nebst allem, was daraus zunächst folgt, Hagars Flucht, Gesicht und Rückkehr, tritt zwischen das menschliche Harren und die göttliche That hinein. Und was ist für Abram das Ergebniß davon? Er hat einen Sohn und hat ihn doch nicht, auch als Hagar zurückkehrt. Denn diesem Sohn ist eine Signatur der Weissagung gegeben, die ihn klar von dem Verheißenen scheidet. Es ist der Wilde, der unstete Abenteurer, nicht der nach innen gekehrte Träger göttlicher Heilshoffnung. So wird Abrams Eingehen in Sarais Veranstalten und leidenschaftliches Zurückstoßen dessen, was sie in falscher Theilnahme an den Wünschen Abrams herbeigeführt, bestraft. Und doch ist Bestätigung für diese liebsten Wünsche darin. Denn aus göttlichem Munde war jene Signatur mit dem Namen Ismaels gekommen. Und war er schon ein Stammvater, ein Völkerfürst, was mußte auf dem Haupte des rechten Verheißungssohnes ruhen! – Noch dreizehn lange Jahre galt es die empfangenen Bürgschaften für das Unmögliche festzuhalten. An Sarais Fruchtbarkeit war natürlicherweise nicht mehr zu denken. Abram näherte sich dem Jahrhundert seines Alters. Die Gottesstimme schwieg, keine Spur neuer himmlischer Erscheinung nah und weit. Von der Vergangenheit galt es zu leben und jenen gerechtmachenden Glauben auch in dürrer Zeit festzuhalten.

Da trat unverhofft die fünfte Erscheinung des Ewigen hervor.

Sie beginnt mit der majestätischen Selbstankündigung als „der allmächtige Gott.“ Der Gott des Lebens, der Vätergott der alten Zeit tritt mit der Erinnerung an seine unendliche Macht an Abram heran. Warum dieß? weil jetzt alle menschliche Wahrscheinlichkeit der Erzeugung eines Sohnes dem 99jährigen Erzvater geschwunden ist und nur ein göttliches Allmachtswunder hier noch thun kann, was auf dem Wege der Natur unmöglich ist. Aber auch die Heiligkeit Gottes wird in der Forderung gleich ausgesprochen: „wandle vor mir und sei fromm“; und so ist diese doppelte Bezeichnung ein Vorschritt zu der dem Mose vorbehaltenen Jehovah-Offenbarung. – Der Bund, den Gott (1 Mo. 15) mit sich selbst geschlossen, sein Bund, soll hinfort zwischen Gott und Abram bestehen. Darin liegt ein Heraustreten Gottes aus sich selbst und ein Sicheinlassen mit dem Menschen, wie es nur bei Adam und Noah, also nur in den schöpferischen Anfängen des Menschengeschlechts Vorgänge hatte. Ein solcher schöpferischer Neuanfang durch den „allmächtigen Gott“ soll jetzt auch stattfinden. Bei solcher Höhe, in die Abram gehoben wird, ergreift ihn der Schauer des Geschöpfs vor dem Schöpfer, des Sünders vor dem Heiligen. Er sinkt auf sein Angesicht und die zahllose Vermehrung seines Geschlechts erschallt wieder aus Gottes Munde in bestätigender Wiederholung des längst Verheißenen. Ein Fortschritt ist nicht in der Verheißung selbst auf dieser physischen Stufe, wohl aber in der Namensänderung aus Gottes Munde. Abraham heißt er von nun an, was nur seinen ersten Namen auslegt. – Aber die Rede Gottes geht (1 Mo. 17,7) über diese unterste Stufe der Verheißung hinaus. Die Gemeinschaft im Bunde soll nicht des Vaters alleiniges Gut sein, sondern das „ewige“ Erbe der Kinder und Enkel. Das übersteigt alles Bisherige und hebt Abraham selbst über die Höhe der Anfänger Adam und Noah. Auch hiefür tritt göttliche Bürgschaft ein im ewigen Besitze des Landes. So lange sie dieses nach der 400jährigen Zwischenzeit unter den Füßen hatten, mußte ihnen die bundesmäßige Gottesnähe sicher sein.

Aber auch dabei ruht die Verheißung nicht. Sie nimmt Abrahams zukünftiges Geschlecht aus den Völkern heraus und zwar durch das verordnete Bundeszeichen der Beschneidung. Es hat keinen andern Sinn als die Weihe der Nachkommen schon durch ihre physische Entstehung. Schon das natürliche Dasein muß von der höheren Erwählung getragen, Israel als Volk von Gott selbst gegründet sein und daher ein „erstgeborner Sohn“ heißen. Ein Priestervolk soll es sein. Denn in Aegypten wurden nur die Söhne der Priesterkaste beschnitten. Hier tritt das andere Moment, die göttliche Heiligkeit, in das Leben der Nachkommenschaft Abrahams hinein. Nicht bloß die natürliche Zeugung und Fruchtbarkeit (der zahllose Saame) ist Inhalt der göttlichen Verheißung. War doch auch den Urvätern nicht bloß der Sieg des physischen Lebens über den Tod, sondern der Sieg über die Sünde, der Segen verheißen. Dieß fand seine nächste Erfüllung, die aber selbst wieder vorbildliche Verheißung war, in der Herstellung einer vergleichungsweise neuen Menschheit, eines geweihten, ein göttliches Bundeszeichen an sich tragenden und in demselben seine besondere Volkseigenthümlichkeit habenden Volkes. An seinem Leibe (17,13) sollte der Abrahams-Sohn die Bürgschaft der Segensverheißung haben, so daß auch selbst der Landbesitz dadurch wieder verbürgt war und Israel das Gottesvolk auch in der Zerstreuung bleibt.

Noch ist Abraham nicht fest auf dem neugegebenen Glaubensboden. An Ismael hängt mit der Vaterliebe trotz seiner Wildheit noch der Gedanke fest. Aber auch diese Unklarheit wird beseitigt. Ein eigener Sohn von Sarah, die deshalb auch den Namen der Fürstin, den sie trug, aus Gottes Munde neu erhielt, wird auf das Bestimmteste vorhergesagt und selbst die Zeit, ein Jahr, genannt. Ja es tritt gerade an Ismael der Unterschied des Bundes von der bloßen physischen Lebensfülle (17,21) hervor, indem Gott ihm den Isaak mit dem Namen, der das dem bloßen Menschensinne lächerlich Unglaubliche seiner Geburt bezeichnet, als den Bundesträger gegenüber stellt. Ismael Stammvater von Völkern, Isaak Erbe des Gottesbundes.

Als der Bundespflicht der Beschneidung genügt war, wurde dem Abraham die erste Frucht des Bundes zur Erfahrung gebracht. Es war ein anderes Verhältniß zu Gott. Was auch immer die Art der bisherigen Theophanieen gewesen sein mag, immer waren die Gesichte oder majestätisch anschauernde Erscheinungen, die den Erzvater aufs Angesicht niederwarfen. Es „sprach der Herr zu Abram“, er „fuhr auf von Abraham“, er war „wie ein rauchender Ofen und Flammen“, das sind die Bezeichnungen dieser Stufe. Jetzt aber anders. (1 Mos. 18,1 ff)

Drei Männer erschienen bei ihm unter der Eiche Mamre und einer derselben war der ewige Gott in Menschengestalt. Woher wußte das Abraham? Ohne Zweifel sprach es die Hoheit der Gestalten aus und daß er nur Einen anredet, das war ein Bekenntniß zu dem Einen lebendigen Gott. Wenn er es nicht gewußt hätte, so mußte der Name eines Weibes in ihrem Munde das Geheimniß ihm kund machen. Denn Sarah war sie bis jetzt nur von Gott genannt worden. Aber auch die Rede des Herrn ließ keinen Zweifel. – Aber noch hat Abraham ein Weib nicht zu sich heraufgehoben. Auch sie mußte glauben und durch die Berührung ewiger Lebenskräfte verjüngt werden, wenn das Wunder geschehen sollte.

Abrahams Fürbitte für die vom Gerichte bedrohten Städte offenbart seine neue Stellung zu Gott. Er ist schon priesterlicher Vermittler selbst für die Heiden, weil er der göttlichen Bundesgnade sicher ist. Ganz der Herablassung Gottes zu ihm gemäß wagt er fortzubitten, bis das Mögliche gethan ist. Gerade auf dem Hintergrunde der Donnerwolken, die über Sodom und Gomorrha hängen, tritt die göttliche Gnade und Langmuth und die Innigkeit der Bundesgemeinschaft Abrahams mit Gott desto lichter hervor, wie andererseits das Gericht über die gottlosen Städte und die Furchtbarkeit, mit der es auch in Lots Schicksal eingreift, den wichtigen Eindruck hervorbringen muß, daß der Bundesgott auch derselbe ist, der Leben schafft und Leben zerstört, der an die Sünde den Tod gekettet hat. In Abrahams Leben vereinigt sich der Umgang mit Gott, wie ihn Adam im Paradiese erlebt, das Fremdlingsgefühl, wie dieser es nach dem Fluche getragen und die Beugung vor Gottes richterlicher Majestät, wie Noah sie in der Fluth erfuhr. Der Glaube, der zur Gerechtigkeit gerechnet war, entwickelte sich an diesen gewaltigen Gegensätzen und war nun stark genug, neue schwere Prüfungen zu tragen.

Die erste war die Abtrennung Lots von dem geheiligten Familienkreis durch heidnischen Sündenfall. Die zweite war das Begegniß mit Abimelech, die dritte die Vertreibung Ismaels und dann tritt die höchste und letzte in Isaaks Opfer ein.

Die erste Prüfung brach den letzten Faden mit der Verwandtschaft, von der Abraham ausging, schmerzlich ab. Die zweite besteht darin, daß Abraham, der über die Sünde der Verläugnung seiner Ehe schon einmal in Aegypten von Gott und Menschen beschämt worden und der nun als Bundesfreund des Ewigen über feige Furcht, wie über die Preisgebung des Theuersten, zumal da Sarah jetzt eine heilig hohe Bedeutung gewonnen hatte, sich erhoben denken mochte, derselben demüthigenden Sünde nochmals schuldig wurde. Vielleicht war auch Vermessenheit darin, daß er von der mit Gottes Gericht bezeichneten Gegend wich und in das Land noch unbekannter Heidenstämme, der Philitäer, zog. Jedenfalls mußte ihm, was er that, hernach seine Unfähigkeit, sich selbst in den Wegen Gottes zu erhalten, klar vor Augen stellen. Die gnädige Bewahrung Gottes und der Gewinn, den Abraham sogar aus seinem Falle durch die Freundschaft Abimelechs zog, heftete ihn fester an den Herrn. Diese Prüfung war als Erweis der neuen, durch das Gnadenwunder Gottes erblühenden Jugend der betagten Sarah sogar eine Bürgschaft für die Geburt des verheißenen Sohnes. Aber noch empfindlicher sollte Abraham erfahren, nachdem der Sohn wirklich geboren war und nun Wonne des Besitzes und fröhliche Hoffnung für alle Zukunft sein Leben reich und voll machte, daß es, um der Verheißung froh zu sein, Scheidung von dem galt, worauf außerhalb derselben die Hoffnung geruht hatte. – Die beiden Söhne Ismael und Isaak wuchsen neben einander heran. Wie dieser des Wunders Kind, so hatte jener den Stolz der Erstgeburt, den Trotz der überlegenen Kraft. Das ging nicht zusammen und das Vaterherz mußte den Schmerz tragen, den Einen zu verlieren oder den andern verkümmern zu sehen. Ismael mußte weichen. Auch diesen trüben Schatten in seinem natürlichen Leben mußte Abraham behalten und seinen einzigen Trost in der Verheißung und dem Sohne derselben finden.

Da ging aber die Prüfung an die Gränze des menschlich Ertragbaren. Isaak sollte geopfert werden. Der Hergang ist zu bekannt um ihn zu schildern. Abraham war mit der Stimme Gottes zu vertraut geworden, um sie noch zu verkennen. Der Befehl stand fest und lautete unzweideutig. Was in Abrahams Gemüthe vorging beim Hören derselben, beim Aufbruch und Abschied von Sarah, auf der Reise mit dem Sohne, im Besteigen des Opferberges, unter den Fragen desselben nach dem Opferthier, beim Bauen des Altars und in dem furchtbaren Augenblicke des Handelns, – das beschreibt keine menschliche Rede. Die Schrift selbst schweigt davon und hüllt diese inneren Vorgänge in einen heiligen Schleier. Aber sie verhüllt nicht die Krone, die auf Abrahams Haupt gesetzt ward für den Glaubensgehorsam, den er geleistet. Da war ein Wunderglaube zu einem höchsten Siege gedrungen. An die „Auferweckung von den Todten“ glaubte er, dem von solchen nichts verkündet war, weil Gottes unverbrüchliches Wort beides geredet hatte, die Verheißung des bleibenden Saamens und den Opferbefehl. Und wie ist diese Krone gestaltet? seltsam genug ist sie fast dasselbe, was Abraham schon mehr als einmal von Gott vernommen. Ist es bloße Wiederholung?

Die Gewißheit des Saamens, die Größe und der Sieg und Segen desselben sind nichts Neues. Aber – „weil du solches „gethan und deines eigenen Sohnes nicht verschonet hat, so will „ich dich segnen usw.“ Abraham hatte nicht bloß gethan, was vor Augen war, stummen, stumpfen, verzweifelten Gehorsam etwa geleistet. Er hatte nicht dem Sohne, dem Erben der Verheißung entsagt. Sondern an Gott hatte er das geliebte Kind, die Zusammenfassung und sichtbare Erscheinung all seines Sehnens und Hoffens, die Bürgschaft seiner Zukunft hingegeben und er war schon in Gottes Wegen erfahren genug, um zu wissen, daß, was an Gott hingegeben wird, der Gläubige erhöhet wieder empfängt. Ja selbst in Isaaks kindlichem Herzen war von solchem Glauben ein Abglanz, daß er stille einen von Gott gesegneten Vater mit sich machen ließ, was ihm unbegreiflich war. Das Wiederempfangen lag in den göttlichen Worten: „weil du solches gethan usw.“ Jetzt war Isaak Gottes Geschenk an Abrahams Glauben und Gehorsam, jetzt war er sein und doch Gottes zugleich in noch anderer Weise als zuvor. Er selbst war erhöht und Gott selbst erkannte das aus Abraham ihm entgegentretende höhere Leben, welches zuvor mit der Glaubens-Gerechtigkeit und durch alle Führung in ihr in den Vater der Gläubigen von Gott her gekommen war, als ächt, als göttlich und vollwichtig an. Abraham war nicht mehr bloß gläubig, sondern zeugungsfähig im Glaubensleben geworden, der Vater der Gläubigen. Und Isaak! war er nicht auch erhöhet, geweihet durch Gottes gnadenvolle Rückgabe? War er nicht jetzt selbst schon als Knabe der Erwählte Gottes? Leuchtete nicht um ein Kindeshaupt das Licht der ewigen Gnade? Hatte er nicht die ein ganzes Leben voll Noth und Kampf aufwiegende Gottesanschauung schon als Jüngling hinter und in sich? – Und der Saame Abrahams und Isaaks! Läßt sich derselbe noch denken, ohne daß Opfer und Tod, Sieg und Leben aus ihnen mitgedacht wurde? War jetzt nicht seit jenem Worte vom Schlangenbisse zum erstenmal wieder ein Blick hinaus gethan in die Herrlichkeit, die auf Erden durch Leiden kommt? So dunkel es gewesen sein mag, etwas von dem Leidenantlitz des Knechtes Jehovahs, des Gesalbten Gottes, des Eingebornen vom Vater, welcher der Menschensohn war, trat hier vor Abrahams tiefstes, gläubiges Ahnen hin.

Die höchste Höhe ist erstiegen, der Kampf hat im Siege geendet. Nun mag die irdische Pilgerschaft schließen, das Gefäß der Gnade für diese Erdenzeit zerbrechen. Sarahs letztes mütterliches Aufblühen hatte dem wirklichen Alter Platz gemacht. Aber noch 37 Jahre war sie selige Zeugin vom Heranwachsen des Erben; dann ging sie zur Ruhe in der Doppelhöhle zu Hebron.

Abraham aber, um seine Vaterschaft über Völker noch weiter auszudehnen, lebte noch einen blüthenreichen Altersfrühling. Er zeugte Kinder und erlebte sein Geschlecht. Auch Isaaks Nachkommen sah er. Still zog er sich zurück, weil nun Isaak in den Vordergrund der Offenbarungsgeschichte trat und entschlief 75 Jahre nach dessen Geburt, um auch in der Doppelhöhle zu ruhen. Seitdem haben Jahrtausende zu einer Glaubenshöhe staunend und liebend emporgeschaut, das zahllose Geschlecht der Kinder Abrahams ist über die Erde gegangen und geht noch über sie. Japhet wohnt in den Hütten Sems. Gott hat Abraham auch aus den Steinen Kinder erweckt. Der Glaube Abrahams lebt noch frisch und jugendkräftig in der Kirche Christi, er selbst aber sah den Tag des wahrhaftigen Saamens Jesu Christi und freuete sich, er wohnt in der zukünftigen Stadt, die Gott zum Baumeister hat. Seine hehre und liebliche Gestalt aber ist und bleibt Vorbild des Glaubens und Urbild aller geheiligten Vaterschaft auf Erden. W. Hoffmann in Berlin.