Isaak Molenaar

Es bedarf einer solchen zwar weniger für die näheren Freunde und die Glieder der Gemeine des seligen Molenaar Allein da zu hoffen ist, daß die nachfolgenden Predigten auch vielfach in die Hände solcher kommen werden, die den Verfasser nicht gekannt: so scheint es, diesen werde ein Dienst erwiesen werden, wenn sie einen kurzen Umriß von dem eigenthümlichen Karakter und Lebensgange des Verfassers erhalten. Predigten bedürfen im Allgemeinen keiner Vorrede und keiner näheren Kenntniß dessen, der sie gehalten hat, sie müssen sich durch sich selbst aussprechen und ihren Weg zum Gemüthe des Lesers bahnen. Allein hat der Verfasser sein Predigerwort durch sein Leben und übriges Wirken eigenthümlich ergänzt, und gehörte er überdieß einer Kirchenpartei an, die wir nicht aus dem Leben kennen: so ist es eben so sehr Bedürfniß als Freude, die Persönlichkeit des Mannes ein wenig anschauen zu können. Jenes Zwiefache war für Viele bei Molenaar der Fall. Innigkeit und Tiefe des Gemüths mit schöner, freier Geistesbildung, in einer der angeregtesten Epochen deutscher wissenschaftlicher Entwicklung angeeignet, fromme Treue gegen das Schriftwort mit großer Freiheit und Milde in Beurtheilung und Benutzung anderer Geistes- und Lebensformen waren in dem frommen und geistreichen Manne so vereinigt, daß auch der seiner Denkungsart ferner Stehende gewiß gern von ihm lesen wird; wie wenig es auch sei, was wir zu geben vermögen.

Isaak Molenaar war den 3. September 1776 zu Crefeld geboren, wo sein Vater, ein geborner Friese, erster studirter Prediger an der dortigen Mennonitengemeine war, der ansehnlichsten, die sich im preußischen Rheinlands findet. Der Sohn, welcher im sechszehnten Jahre seinen Vater verlor, blieb bis zum achtzehnten im Hause seiner Mutter, und bereitete sich auf der lateinischen Schule seiner Vaterstadt für das theologische Studium zum Dienste seiner Konfession vor. Darauf trat er in das Seminar der Taufgesinnten in Amsterdam als Studirender ein, und hier wurde er auch erst getauft. Nachdem er fünf Jahre dort studirt hatte, privatisirte er zwei Jahre in seiner Vaterstadt, dieser Stillstand wurde veranlaßt durch melancholische Gemüthszustände, denen er seit seiner frühern Jugend scheint unterworfen gewesen zu sein, und mit welchen er auch in Männlichen Jahren noch zu kämpfen hatte, bis die größere Macht der göttlichen Gnade in seinem Gemüthe diese bangen Zustände immer seltener und weniger bedrängend machte. Ueber diese frühen Leiden der Seele schrieb er kürz vor seinem Tode, am 3. März d. J., seinem Sohne Folgendes: „Ich erinnere mich aus meiner frühsten Jugend, daß ich oft Tage lang weinen mußte, ohne zu wissen, warum? Und wenn meine Aeltern mich fragten, wußte ich nichts Anderes zu antworten, als: Weil ich so schlecht bin. Es fehlte mir damals an Erkenntniß, aber wenn Andere es mir auch gesägt hätten, so hatte es mir doch nicht einmal helfen können. Mit diesem Drucke, der oft in ein gänzliches Verzagen, fast in Verzweiflung überging, habe ich denn auch lange gekämpft, bis der Herr sich meiner annahm, und sich mir in seiner Gnade offenbarte, so daß ich glauben konnte, Er sei auch mein Gott und versöhnter Vater. – Seitdem hat zwar der Streit nie ganz aufgehört, und ich habe auch nie eine solche fühlbare Offenbarung, solch ein innres, empfindliches Zeugniß gehabt, wie Viele – aber jene Zeit (während seines sogleich zu erwähnenden Pfarramtes in Leyden) war doch eine entscheidende, und von da an ward auch Sein heiliges Wort mir erst klar und theuer. -“ Dürfen wir zwar keinesweges behaupten, daß ein gleich heftiger Kampf zwischen Glauben und Unglauben bei Jedem Statt finden müsse, der zu jenem gelangt: so bleibt es doch tröstlich zu bemerken, wie Viele ihn gehabt haben, die nachher Lichter in dem Herrn wurden.

Nach Verlauf jener zwei in Crefeld zugebrachten Jahre faßte der junge Molenaar den Entschluß, zur Aufheiterung und zu weiterer Bildung durch deutsche Wissenschaft, die Universität Jena zu besuchen. Dieser Entschluß ist es, dem die höhere theologische Bildung Molenaar’s wie die nie erlöschende Liebe zu deutscher Poesie und Literatur, die ihm einwohnte, vorzüglich zu danken ist. Er brachte um 1802 ein Jahr in Jena zu, wo damals bekanntlich ein vorzüglich reger Wetteifer in philosophischen und literarischen Bestrebungen hervortrat. Er erlangte die Begünstigung, in sehr vertrauten Umgang mit Griesbach zu kommen, dessen edle, mütterlich gesinnte Gattin noch lange nach dieser Zeit mit ihm in innig freundschaftlichem Briefwechsel blieb. Oft hat er mir erzählt, wie das würdige, geistigtüchtige Wesen jenes vortrefflichen Gelehrten wohlthätig auf ihn gewirkt und ihm gleichsam einen Mittelpunkt für die mannichfaltigen Anregungen des Jenaer Lebens gewährt habe. Bei Griesbach hatte er auch den Vorzug, Schiller zu sehen, der sogar eines Abends mit ihm und einigen Freunden sich auf sehr liebenswürdige Weise näher einließ, indem er den Studenten Rath für eine beabsichtigte Ferienreise in die sächsische Schweiz gab. Der Eindruck dieses großen Mannes blieb in ihm haften, und er sprach später gern und mit zarterer Theilnahme davon, als wie fern oder wie nahe stehend der Wahrheit des Evangeliums wohl der allgemeinreligiöse Karakter in Schillers Schriften aufzufassen sei. ((In der Biographie Griesbach’s von Abeken, einem Freunde Molenaar’s, wird eines jungen Mennoniten erwähnt, der jenem besonders Werth gewesen sei, dies ist Isaak Molenaar.))

Nach dem Aufenthalte in Jena ging Molenaar noch auf ein Jahr nach Amsterdam, um dort seine Studien zu vollenden. Kaum war er vierzehn Tage wahlfähiger Kandidat, als er, im Jahr 1804, nach Zütphen in der Provinz Gelderland als Pfarrer berufen wurde. Hier blieb er zwei Jahre, und folgte, nachdem er sich mit Judith Allier, aus dem Haag gebürtig, und der reformirten Kirche angehörig, verheirathet hatte, einem Rufe nach Groningen. Nach zwei Jahren nahm er eine Stelle in Zaandam bei Amsterdam an. (Es gibt hier nämlich drei Mennoniten-Gemeinen.) Hier blieb er sechs Jahre, und wurde dann Prediger der Mennonitengemeine in Leyden. Hier lebte er, in freundschaftlichem Verkehr mit Lehrern der Universität wie van Voorst, van der Palm, und Anderen, so wie auch mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Professor der Theologie Suringar, aus Lingen gebürtig. Im Jahre 1818 wurde er an die Gemeine seiner Vaterstadt Crefeld berufen. Mit Freude ergriff er natürlich die Gelegenheit, in diese zurückzukehren; er hielt am 18. Oktober seine Antrittspredigt, und blieb bis zu seinem Tode, sechszehn und ein halbes Jahr, der treue Prediger und Hirt dieser Gemeine.

Wir können nicht deutlich erkennen, wie weit sich schon während der Verwaltung dieser Gemeinen die theologische Ueberzeugung des Verfassers ausgebildet hatte. Doch soll er, soweit es seine von Parteigeist entfernte Gesinnung erlaubte, vorzugsweise die Ansichten der Sonnisten getheilt haben, wie in früheren Zeiten die rechtgläubigere Partei unter den Mennoniten genannt wurde((Die Gegenpartei von diesen waren die Lammisten. Beide Parteien sind aber schon seit 1800 vereinigt, so daß jetzt nicht der geringste Unterschied zwischen ihnen besteht.)). Deshalb wurde er auch öfter in den mennonitischen Gemeinen der reformirte Mennonit genannt, wahrscheinlich um eine desto größere Annäherung an den Lehrbegriff der reformirten Kirche dadurch zu bezeichnen. Gewiß sollte damit nicht etwas Prädestinazianisches im dordtrechtischen Sinne angedeutet werden, wovon wenigstens in späterer Zeit in Molenaar’s Denkart keine Spur zu finden war. Die vertrauteste Bekanntschaft mit der holländischen Sprache und Literatur diente ihm vielmehr nur dazu, das vielfach Lebendige des häuslichreligiösen und selbst des poetischliterarischen Lebens dieses ausgebildeten Volkes sich mit freier Liebe anzueignen.

Molenaar’s theologische Denkart ermangelte einer gewissen Strenge der Begriffsbildung, und er selbst fühlte diesen Mangel. Doch war er nicht nur reich an Ideen, die Andere auf dem Wege strengerer Disziplin zu Tage gefördert, sondern besaß, durch stetes Schriftstudium befestigt, auch einen begrifflichen Mittelpunkt, gleichsam einen Kompaß, vermittelst dessen er die ungewisse Fahrt auf dem Ozean deutscher Ideenentwickelung fröhlich wagte, und das Ziel immer im Auge behielt. Fromme Treue am Schriftworte bewahrete ihn vor schwebender und schwankender Idealität, ein zarter Takt und Geschmack, ein mehr als ästhetischer, der doch vielleicht allein durch Verbindung der Frömmigkeit mit ächtliterarischer Bildung gewonnen wird, stellte ihn davor sicher, nicht in eine kleinliche und willkührliche Typik und Bilderspiel zu verfallen. Der Mittelpunkt seiner Theologie war die Versöhnungslehre, das freiwillige Sich-hingegeben-haben des Herrn in den Tod für die Sünder, das wahrhaftige Vermitteln durch sein Leiden, das wirkliche Ausfüllen der Kluft, die uns von Gott trennt, durch diese unausdenkbare Heiligkeit der Liebe des menschgewordenen Sohnes. Diese große Grundlehre diente ihm nicht etwa, wie so Manchen, auch wahren Christen unserer Zeit, zu einem alleinigen Stehenbleiben bei der Betrachtung des Leidens Christi und bei dem Gefühl der ein für allemal uns zugewandten Gnade, sondern sie war ihm, was sie sein soll und will, Fundament, und das Gebäude, was sich auf diesem Fundament erhob, war Sinn für das ganze Leben Und Wirken Christi, Erwägungswilligkeit zu allen seinen Worten, Freude am ganzen Leben um seinetwillen, Vorgefühl der einstigen Herrlichkeit mit ihm, und vor Allem Drang und Trieb zum Gehorsam in der Liebe des Vaters. Darum hatte er auch einen so freien, kindlich hellen Blick zum Vater, und weit entfernt, die köstliche Lehre vom Vater und von unserem neuen Kindesverhältnisse zu ihm, in den Hintergrund zu drängen (wie es leider heutzutage oft geschieht, und nicht eine höhere, sondern eine niedrigere Stufe des christlichen Lebens ist), rang er sein ganzes Leben darnach, als ein durch den Sohn versöhntes, freudiges Kind des Vaters sich zu erweisen. Einige kurze Mittheilungen aus Briefen Molenaar’s werden das Gesagte, wie ich hoffe, auf eine anziehende Weise bestätigen, und zugleich seine Art, manche Erscheinungen des kirchlichen Lebens aufzufassen, kund geben.

„Immer nur nach dem lebendigen und belebenden Mittelpunkt, Seinem Tod und Leben, für uns und in uns, gestrebt.“

„Was mich selbst betrifft, so halte ich es für das Hauptziel der Predigt, besonders in unserer Zeit, das Gefühl der Notwendigkeit der Gnade, oder Buße und Glauben zu erwecken, und die Methode würde mir die liebste sein, wodurch dies am kräftigsten erreicht würde.“

„Eine exegetisch-dogmatische Bemerkung über Hebr. 10, 14: Christus hat, vermöge seiner Gottheit, in ihrer Vereinigung mit der Menschheit, in der Zeit (in Einem Opfer) gelitten, was wir Sünder ewig leiden müßten und doch nicht könnten, und darum ist der Gläubige durch ihn für alle Ewigkeit versöhnt und empfängt davon in der Zeit die Versiegelung. Neu ist dieses nicht, aber mir ward es heute unter dem Katechisiren besonders klar.“

„Das Eine nur für jetzt, daß mir bis Idee der Stellvertretung, so wie sie durch die ganze Schrift geht und zwar immer auf Christum hindeutend, besonders in den Opfern und Typen, dieselbe (die Versöhnungslehre) allein und auch vollkommen zu erklären scheint. In Ihm, dem Sohne, ist der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschehen, und der Vater kann den Sündern, die in dem Sohne sind, Seine Liebe beweisen – doch genug, oder eigentlich nichts, nur begreife ich nicht, wie NN. hierin blos Juridisches findet. Ja göttlich juridisch soll es auch sein.“

„Ich lese die Psalmen noch einmal durch und muß oft fragen: Wer redet, klagt, betet, ringt hier? Der Messias oder das Volk überhaupt personifizirt? der Knecht Gottes? Aber woher dann die Bußthränen und Sündenbekenntnisse? Also beides vereinigt, aber wie? So kam ich heute zum 22. Psalm, und es war, als wenn mir ein Licht aufging. Dieser Psalm, zusammengestellt mit Jes. 63, auch 60 (dieses Kapitel ist wie ein Psalm) – und nun Alles im Lichte des leidenden Heilandes, welch ein wunderbares Ganze! Nun begreife ich auch in etwa den Namen und die Geschichte des Volkes Israel, des mit Gott Ringenden (und Obsiegenden?). V. 28 ein köstlicher Missionstext, überhaupt das Ende ganz Erfüllung der Verheißung Abrahams.“

„Hast Du die Predigten von Wichelhaus „Weg zur Ruhe 1826″ und die sieben Sendschreiben des Herrn in der Offenbarung Johannis, 1827 herausgekommen, gelesen? Sie sind gewiß höchst interessant sowohl durch den hohen Ernst des Inhalts als die tiefe biblisch-bildliche Sprache.“

„Die Reden bei Schleiermacher’s Beerdigung haben wir schon – nämlich die drei Grabreden und die Predigt von Hoßbach, auch seine eigene letzte; die ganz sein Bild ist, und auch prophetisch wie sein Leben schließt – ohne den Schluß wäre freilich das, was er vom Abendmahl sagt, nicht sehr erbaulich, gewiß zu wenig. Steffens Worte sind freilich die bedeutendsten, doch auch die beiden andern gefallen mir gut – nur fürchte ich jetzt fast, daß man es übertreibt. Wie viel fehlte ihm doch noch bei dem sehr Vielen, das er hatte! Desto mehr werde ich Dir danken, wenn Du mir das, was Du noch Schriftliches über ihn besitzest, mittheilen wolltest. Seine Grabrede auf Nathanael habe ich auch jetzt – welch eine Ruhe und Würde – in allem das Bild eines christlichen Sokrates.“

Molenaar’s Vortragsweise auf der Kanzel war der Ausdruck einer tiefinnerlichen Erhebung und Feierlichkeit. Dem, der ihn nicht schon länger kannte, mochte das erste Mal etwas Fremdes und Seltsames darin erscheinen. Es bedurfte aber nur weniger Gewöhnung an seine Art, um herauszufühlen, wie wahr und von innen kommend eben diese Lebendigkeit der Andacht in ihm war.

Mit besonderer Hingebung verwaltete er den Katechumenen- und Täuflingsunterricht. Er lebte, er arbeitete, er betete ringend mit den Kindern, und ward in den Zeiten der sich häufenden Lehrstunden (zuweilen Abends mehre hinter einander) oftmals krank, vorzüglich im Winter, der seiner zarten Gesundheit gewöhnlich verderblich war. Mit fester Ueberzeugung hing er an der Lehre von der Erwachsenentaufe als der einzig schriftmäßigen, er war also Mennonit nicht blos von Geburt, sondern von innen. Sein Hauptargument war der Befehl Christi zu lehren und zu taufen, und der Zusatz, welcher das mit der Taufe verbundene Glauben voraussetzt. Weit entfernt war er aber davon, diese tief in ihm lebende Ueberzeugung Andern aufdringen, oder auch nur, unaufgefordert, gesprächig mittheilen zu wollen. Schwerlich wird im Bereiche seines ausgebreiteten Umgangs mit Geistlichen der reformirten, lutherischen und unirten Gemeinen etwas dem nur Verwandtes jemals vorgefallen sein. Niemals wurde mir die Freude, der gewiß von ihm besonders schön und rein verwalteten Tauffeier beiwohnen zu können, und über dies und so manches Verwandte würden wohl nur die theilnehmenderen Glieder seiner eigenen Gemeine das Wahre und Volle zu sagen wissen.

Aber auch dem besuchenden Freunde wurde es klar, wie eigenthümlich und tiefeingreifend sein seelsorgerischer Umgang war, eine ganz eigene Verwebung der Freundschaftlichkeit mit dem Hirtenamte. Hier zeigte sich, was die Liebe vermag und wie sie hinaushebt sowohl über die Furcht der Unwillkommenheit als über die bloße Form der Amtlichkeit. Frisch und fröhlich die Herzen und die Hände ergreifen, sich erkundigen nach diesem und jenem, das zum Täglichen und und Aeußen gehört, den Ausdruck des Gefühls nicht zurückhalten, die höchste tröstendste Lehre unerwartet und eben um so siegreicher dem Trauernden, dem Fröhlichen aussprechen, von Ernst zu Heiterkeit den reinen Uebergang finden,- Weltansichten, Tagesreflexionen, literarische Mitteilungen nicht verschmähen, um die Zeit zu nutzen und die Liebe zu bethätigen – das war seine Gabe, aber es war auch seine Treue, und es fehlte am Segen nicht.

Man weiß schon genug von ihm, um sich das Bild seines geselligen Seins zu entwerfen, denn es war kein scharfer Abstand dieses von dem häuslichen und kirchlichen. Formlos wie er war, obwohl nur im Gespräche, nicht im Betragen, mochte er von Manchen nicht genug beachtet und verstanden werden. Aber nicht leicht mochte jemand von einigem Sinne eine Stunde mit ihm zusammen sein, den nicht diese Anspruchlosigkeit und Herzlichkeit, dies leicht und kindlich Erhobene und Bewegte seiner Rede und Aeußerungsweise eigenthümlich angezogen hätte. Denen aber, die ihm näher standen als Freunde, offenbarte sich erst ganz seine lautere Demuth, seine kindliche Arglosigkeit, seine unveränderlich segnende, Trostreiches zusprechende Liebe und Treue.

Nach einem so reinen Leben nahte der Tod auch in besonders friedlicher und lichter Gestalt. Wenige Tage vor dem Palmsonntage dieses Jahrs, an welchem Tage er seine einzige Tochter mit vielen andern Katechumenen zu taufen gedachte, erkrankte er. Es war eine sogenannte falsche Lungenentzündung. Das Hauptleiden bestand in Schwierigkeit des Athmens. Er hatte im Anfange der Krankheit die Freude, seinen ältesten Sohn, nach vollendeten Universitätsstudien, in das Vaterhaus zurückkehren zu sehen, und an das Vaterherz, das ihn nun noch mit verstärkter Innigkeit umschließen sollte. Jeder Tag der Charwoche war dem Kranken, wie auch sonst, wichtig; an dem Wohle der Seinigen, und dazu gehörten seine Gemeinglieder, nahm er, selbstvergessend, still duldend, Antheil. Ostersonnabend gegen Abend nahte der Tod. Nach einer körperlichen Erfrischung fühlte sich der Kranke stärker, sprach mit jedem der Familie besonders und liebend, und richtete sich dann, mit entblößtem Haupte, auf, und hielt ein langes Gebet. Hierüber lasse ich seinen Sohn reden:

— „ein Gebet, das uns ewig unvergeßlich sein wird. Wunderbar herrlich! sowohl durch die erstaunungswürdige Klarheit der Stimme, die ihm für den Augenblick wie von oben herab ertheilt wurde, durch die Ruhe des Gemüthes, als auch besonders durch den jedes Herz von dieser Welt in die Seligkeit der triumphirenden Gemeine, soweit es für diese Welt möglich ist, erhebenden Inhalt. Die Worte sind uns in ihrem Zusammenhange verloren gegangen. Wie ist es auch anders möglich! Da hätte seine Gemeine, da hätten seine Freunde zugegen sein sollen. Es war ein Loben und Danken für die bis auf diesen Augenblick erwiesene Gnade des Herrn, es war ein Jauchzen über den Sieg, den der Glaube durch die Kraft des Geistes erkämpft hatte, es war ein Flehen um Trost für uns, die Umstehenden, bei diesem Scheiden, ein Flehen, um durch diese Trennung immer mehr zu bleiben „Eins in der Liebe.“

Darauf schlummerte er ein wenig, erwachte wieder, viele Freunde kamen, er nahm von jedem mit dem klarsten Bewußtsein Abschied. Gegen sieben Uhr Morgens hörte die Theilnahme auf. Das schwere, röchelnde Athmen, das seit dem Abend gewährt hatte, verschwand. Etwas nach sieben Uhr am Ostermorgen, den 19ten April, war er eingeschlafen zur ewigen Ruhe. Er vollendete über die Hälfte, seines neunundfünfzigsten Jahres.

Sein zweiter Sohn kam aus Amsterdam, dem Orte seiner Studien, leider erst nach dem Tode des Vaters an. Groß und allgemein war die Theilnahme auch vieler derjenigen Bewohner der Stadt, die anderen Gemeinen angehörten. Der Kirchenvorstand der mennonitischen Gemeine ehrte in der Wittwe den verstorbenen Hirten. Die Familie erfuhr Theilnahme von näheren und ferneren Bekannten. Das Begräbniß am 22. April war feierlich und rührend. Die Grabrede hielt Herr Pfarrer Heilgers, die Leichenpredigt Herr Pfarrer und Consistorialpräsident Heilmann, ein treuer, vielbewährter Freund des Entschlafenen. (Beides gedruckt, Crefeld in der Funke’schen Buchdruckerei.)

Der Pfarrer Molenaar hat eine Wittwe, zwei Söhne und eine Tochter hinterlassen. Beide Söhne haben sich dem theologischen Studium und dem Dienste der Kirche unter den Taufgesinnten gewidmet; der älteste, Johannes, auf der Universität Bonn, der jüngste, Isaak, auf dem Seminar der Mennoniten in Amsterdam, der eine dem väterlichen, der andere dem mütterlichen und großväterlichen Vaterlande, nach Gemüthsart und Wahl, zugewandt.

Bonn, 28. November 1835.\
K. Sack

Charles Haddon Spurgeon

Charles Haddon Spurgeon

Kurz gefasste Lebensgeschichte des Predigers Charles Haddon Spurgeon.

Sein Stammbaum.

Wahre Gottseligkeit in einem Hause führt gewöhnlich zur Gottseligkeit in den Herzen derer, die den Haushalt bilden. Die Familie Spurgeon kann drei Jahrhunderte hindurch ununterbrochen auf gläubige Vorfahren zurückblicken. Der Einfluß der aufeinander folgenden Geschlechter auf ihre Umgebung sowohl wie auf ihre Nachkommen ist unberechenbar gewesen, und in unsren Zeiten gewahren wir in dem Leben und Wirken derer, welche die Familie gegenwärtig repräsentieren, noch immer die Segensfülle, welche als die Erhörung der Gebete vieler vorangegangenen Geschlechter zu betrachten ist.

Jene gottseligen, ernsten und heldenmütigen Männer, welche vor zwei Jahrhunderten aus den Niederlanden auswanderten und sich zum Teil in Norfolk, zum Teil in Essex in England niederließen, waren Männer, welche Gott täglich um Rat fragten und der göttlichen Führung willig folgten. Ihr treuliches Ausharren unter heftigen Verfolgungen und Trübsalen zeigte deutlich, daß sie sich an den Arm des Allmächtigen zu klammern pflegten.

„Als ich kürzlich mit einem christlichen Bruder sprach,“ sagte Spurgeon in einer seiner späteren Predigten, „schien derselbe recht glücklich, mir sagen zu können, daß er einer Familie entstammte, welche während der Verfolgung unter Herzog Alba von Holland herüber kam. Da ich gleicher Abstammung bin, fühlte ich eine Art Brüderschaft mit ihm. Ich bekenne, daß unsre Vorväter arme Weber waren; aber ich will doch lieber von jemand abstammen, der um seines Glaubens willen gelitten hat, als das Blut aller Herrscher in meinen Adern rollen haben.“

Unser Spurgeon ist ein direkter Nachkomme der Essexlinie, welche seit mehr denn einem Jahrhundert ihre Repräsentanten zu den Predigern des göttlichen Wortes zählt. Spurgeons Großvater hieß James Spurgeon, und er war ein ehrwürdiger Prediger nach echt puritanischem Muster. Er wurde am 29. September 1776 zu Halstead in Essex geboren und war von seiner frühesten Jugend an ein ernst gesinntes Kind, das dem gottseligen Vorbild seines Vaters folgte. Im Alter von 26 Jahren fühlte er sich durch Gottes Geist zum Predigtamt berufen, und nachdem er einige Jahre eine theologische Hochschule besucht hatte, nahm er einen Ruf von der fast leblos gewordenen Independentengemeinde zu Clare in Suffolk an, welche unter seiner Wirksamkeit wunderbar aufblühte. Der Ruf von seiner Frömmigkeit und von seinem großen Einfluß verbreitete sich derart, daß er im Jahre 1810 zu dem sehr verantwortlichen Posten nach Stambourn in Essex berufen wurde, wohin er im nächsten Jahre ging, und wo er unter großem Segen über 50 Jahre wirken durfte. Als er an dieser Gemeinde sein 50jähriges Prediger-Jubiläum feierte, war es sein Großsohn, der ihm eine denkwürdige Festpredigt hielt. Sein guter Einfluß blieb bis an sein Lebensende unvermindert. Der ehrwürdige Greis wurde von verschiedenen Seiten eingeladen, und er predigte an keinem Ort, ohne nachher zu erfahren, daß der Herr seine Predigt mit besonderem Segen begleitet hatte. Er hatte eine vorzügliche Stimme, und seine Predigten waren stets ernst und praktisch, und sein freundliches und sanftes Wesen machte ihn zum Lieblinge aller, die ihn kennen lernten. Er starb geehrt und geliebt am 12. Januar 1864 im Alter von 87 Jahren.

John Spurgeon, der Vater unsres Charles Haddon, wurde 1811 geboren und überlebte seinen Sohn. Ein hohes Alter ist ehrenvoll, besonders wenn es im Dienste Gottes erreicht wird, und die Spurgeons scheinen zu dieser Auszeichnung bestimmt zu sein. John Spurgeon folgte viele Jahre hindurch einem zeitlichen Berufe, aber 16 Jahre lang predigte er des Sonntags der Independenten-Gemeinde zu Tollesbury in Essex. Dann gab er sein Geschäft auf und widmete sich ganz dem Dienste des Herrn, in welchem er sich für die Sache des Herrn nützlich machte. Insbesondere widmete er sich der Jugend und pflegte sie mit hingebender, liebevoller Sorgfalt. Seine letzte Stellung hatte er an einer Independenten-Gemeinde in London inne, wo es ihm oft vergönnt war, mit seinem ältesten Sohne, Charles Haddon, zusammen zu sein.

Die Mutter von Charles H. Spurgeon zeichnete sich ebenfalls durch ihre aufrichtige Frömmigkeit und Demut aus und war wegen ihres Erfolges in Werken christlicher Liebesthätigkeit, denen sie sich hingab, so lange Gesundheit und Kräfte es ihr gestatteten, allgemein bekannt und beliebt. Ihr Sohn Charles schien von ihren ausgezeichneten Charakterzügen, wie Hingabe, Einfalt und Gottseligkeit, viel geerbt zu haben. John Spurgeon und Frau brachten schon frühe große Opfer, ihre 17 Kinder, davon Charles das älteste war, gut und gründlich zu erziehen, und sie genossen später den Lohn ihrer freudigen Selbstverleugnung. Frau Spurgeons Sorgfalt hinsichtlich ihres ältesten Sohnes war besonders rührend und ernst. Eine Tages, nachdem Charles schon bekehrt worden war, sagte sie unter andrem zu ihm: „Ach, Charlie, ich habe oft darum gebetet, daß du bekehrt werden möchtest, aber nie darum, daß du Baptist werden möchtest.“ Charles antwortete darauf: „Gott hat dein Gebet erhört, liebe Mutter, und in seiner bekannten Freigebigkeit hat Er dir mehr gegeben, als du von Ihm erbeten hast.

Geburt und Kindheit.

Charles Haddon Spurgeon wurde am 19. Juni 1834 zu Kelvedon in Essex geboren. In den Dörfern Englands sind manche der ausgezeichnetsten Männer des Landes geboren und erzogen worden. Dort wurden ihre Fähigkeiten entwickelt und der Grund zu ihrer späteren Größe gelegt. Kelvedon hat eine Einwohnerzahl von etwa 2000 Seelen. Charles hatte einen jüngeren Bruder, James Archer; beide waren von sehr verschiedenem Bau und auch in ihrer persönlichen Erscheinung einander sehr ungleich. Charles war der stärkere von beiden, und die Buben des Ortes pflegten ihnen recht charakteristische Namen beizulegen. Von zweien seiner sechs Schwestern wird gesagt, daß sei hinsichtlich ihrer Figur und ihrer geistigen Energie ihrem Bruder Charles ähnlich seien.

Als Charles alt genug war, um das elterliche Haus verlassen zu können, wurde er der Obhut seines Großvaters in Stambourn anvertraut. Dieser ehrwürdige Herr liebte seinen Enkel inbrünstig, und als beide näher miteinander bekannt wurden, war es schwer, zu sagen, welcher von beiden den andren am meisten liebte. Im Predigerhause war eine jugendliche Tante, die sich des Knaben ganz besonders annahm, und dieser entwickelte sich bald zu einem gedankenvollen, ernsten Knaben, der die Bücher mehr als das Spiel liebte. Die merkwürdige Frühreife des Kindes zog bald die Aufmerksamkeit aller auf sich, die mit ihm in Berührung kamen. Er setzte die ernsten Diakonen und Matronen, die seinen Großvater besuchten, in Erstaunen durch die verständigen Fragen, die er aufwarf, wie durch die treffenden Bemerkungen, die er machte. Von zuverlässiger Seite wird erzählt, daß er, ehe er sechs Jahre als war, Sünder auf offener Straße zurechtwies. Das folgende, merkwürdige Beispiel trug sich zu, als er noch bei seinem Großvater war. Ein Mitglied der Gemeinde seines Großvaters zu Stambourn, namens Roads, hatte zum tiefsten Leidwesen seines Predigers die Gewohnheit, das Wirtshaus zu besuchen, um sein „Tröpfchen Bier“ zu trinken und dort seine Pfeife zu rauchen. Der gottselige Prediger hatte bei dem Gedanken an den weltförmigen Wandel dieses Mitgliedes oft zu seufzen. Dem kleinen Charles entging der Kummer seines Großvaters nicht, und er nahm ihn selbst zu Herzen. Eines Tages rief er plötzlich aus, so daß der gute alte Herr es hörte: „Ich will doch den alten Roads töten!“ „Hscht, Hscht, mein Junge,“ sagte der Großvater; „so mußt du nicht reden. Du weißt, daß das sehr unrecht wäre; die Polizei wird dich festnehmen, wenn du etwas Unrechtes thust.“ „O, ich will gewiß nichts Schlechtes thun; aber töten will ich ihn doch, ja, das will ich.“ Der gute Großvater wurde stutzig; aber er fühlte sich sicher, daß das Kind nichts thun werde, das es als Unrecht erkenne, und so ließ er es hingehen, mußte aber vor sich hinmurmeln: „Merkwürdiges Kind!“ Bald darauf wurde er jedoch an die obige Unterredung wieder erinnert, als das Kind bei ihm eintrat und sagte: „Den alten Roads habe ich getötet; der wird meinen lieben Großpapa nicht mehr betrüben.“ „Mein liebes Kind,“ sagte der besorgte Mann; „was hast du gethan? Wo bist du gewesen?“ „O, ich habe nichts Unrechtes gethan, Großpapa,“ sagte der Kleine; „ich bin im Werk des Herrn beschäftigt gewesen, das ist alles.“ Mehr war aus dem kleinen Charles nicht herauszubringen. Aber es dauerte nicht lange, da klärte sich das Geheimnis auf. Der „alte Roads“ kam, um seinen Pastor zu sprechen, und mit niedergeschlagenen Augen und offenbar betrübtem herzen erzählte er die Geschichte, wie er getötet worden war, in etwa folgender Weise: „Es thut mir wirklich sehr leid, mein lieber Herr Pastor, daß ich Ihnen so viel Kummer und Schmerz gemacht habe. ich weiß, es war sehr unrecht von mir; aber ich habe Sie stets lieb gehabt, und wenn ich das bedacht hätte, würde ich nie gethan haben, was ich gethan.“ Durch seines Pastors freundliche Worte ermuthigt, erzählte er folgendes: „Ich saß da in der Bierstube, rauchte meine Pfeife und hatte meinen Krug Bier vor mir, als das Kind hereintrat – o zu denken, daß ein alter Mann, wie ich es bin, sich von solchem Kinde strafen lassen muß! Nun, er zeigte mit seinem Finger auf mich, gerade so, und sagte: „Was hast du hier zu thun, Elia? Hier als ein Mitglied der Gemeinde zwischen den Ungläubigen zu sitzen und dem Prediger das Herz zu brechen! Ich müßte mich schämen, aber ich möchte gewiß meinem Prediger das Herz nicht brechen!“ Und dann ging er wieder weg. Anfangs ärgerte mich das; aber ich fühlte, daß das alles wahr war, und daß ich schuldig sei. Und so konnte ich mein Bier nicht anrühren, sondern ging eiligst davon, suchte einen einsamen Ort auf und warf mich dem Herrn zu Füßen, um meine Sünde zu bekennen und seine Vergebung zu erflehen. Und ich glaube, daß der Herr mit in seiner Barmherzigkeit vergeben hat, und nun komme ich, um auch Sie um Vergebung zugesichert wurde, daß beide auf ihren Knieen den Herrn für diesen wunderbaren Vorgang priesen, und daß der fromme Prediger hinfort kein treueres Glied und keinen treueren Helfer in der Gemeinde hatte, als den „alten Roads.“

Im Alter von sieben Jahren kam Charles wieder in seines Vaters Haus, damals in Colchester, zurück, wo sich bessere Gelegenheit zu seiner Ausbildung bot. Im Jahre 1844 verbrachte er indessen sein Sommerferien bei seinem geliebten Großvater, und während dieser kurzen Zeit trug sich nachfolgendes merkwürdiges Ereignis zu, das wir hier niedergeben, wie Spurgeon es am Sonntag, den 10. Juli 1887, selber erzählt hat.

Vorgang und Prophezeiung.

„Als ich mich als zehnjähriger Knabe bei meinem Großvater aufhielt, kam an einem Sonnabend Herr Knill, ein gewaltiger Prediger des Evangeliums, der als Missionar in St. Petersburg gewirkt hatte und im Dienst der Londoner Missionsgesellschaft stand, in unser Dorf, um zu predigen. Er war ein großer Seelengewinner und er machte bald den Knaben ausfindig. Er fragte mich: „Wo schläfst du? Ich möchte dich morgen früh wecken.“ Ich zeigte ihm mein kleines Zimmer. Um 6 Uhr weckte er mich und ging mit mir in die Laube. Dort sprach er in der gewinnendsten Weise zu mir von der Liebe Jesu und von der Seligkeit des Vertrauens auf Ihm, und davon, wie selig es sei, Ihn schon in der Kindheit zu lieben. Dann beteten wir, und er bat den Herrn, daß ich Ihn erkennen und Ihm dienen möchte. Und während er für mich betete, legt er seinen Arm um meinen Nacken. Er schien nicht zufrieden, wenn ich mich in den Pausen zwischen den Gottesdiensten nicht zu ihm hielt, und mein kindisches Geplauder hörte er in geduldiger Liebe mit an. Am Montag-Morgen that er, wie er tags zuvor gethan hatte und ebenso am Dienstag-Morgen. Dreimal unterwies er mich und betete mit mir, und ehe er wieder abreisen mußte, war mein Großvater von seiner Vertretungsreise zurückgekehrt, und die ganze Familie war zur Morgenandacht versammelt. Bei dieser Gelegenheit nahm mich Herr Knill vor aller Augen auf seine Knie und sagte: „Dieses Kind wird eines Tages das Evangelium predigen und wird es großen Versammlungen verkündigen. Ich bin überzeugt, daß er in Rowland Hills Kapelle, wo ich jetzt Prediger bin, predigen wird.“ Er sprach sehr feierlich und forderte alle Anwesenden zu Zeugen dessen auf, was er gesagt hatte. Darauf gab er mir ein Geldstück (50 Pfennig) als Belohnung, wenn ich das Lied:

„Gott handelt oft geheimnisvoll,
Um seine Wunder zu verrichten,“

auswendig lernen wolle. Ich mußte ihm versprechen, dieses Lied singen zu lassen, wenn ich in Rowland Hills Kapelle predigen würde. Man denke: ein solches Versprechen von einem Kinde! Mußte das nicht als ein müßiger Traum erscheinen? Die Jahre vergingen. Ich hatte noch nicht lange in London gepredigt, als Dr. A. Fletscher in der Surrey-Kapelle (es war dies Hills Kapelle) die Jahrespredigt an die Kinder zu halten hatte. Aber er war krank geworden, und so wurde ich in der Eile gebeten, die Predigt halten zu wollen. „Ich will es thun,“ sagte ich, „wenn die Kinder singen wollen: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ etc.; denn ich habe vor langer Zeit das Versprechen gegeben, daß es gesungen werden soll.“ Und so geschah es. Ich predigte in Rowland Hills Kapelle und jenes Lied wurde gesungen. Die Empfindungen, die ich bei jener Gelegenheit hatte, kann ich nicht beschreiben. Doch das war eigentlich nicht die Kapelle, welcher Herr Knill gemeint hatte. Ganz von mir ungesucht lud mich der Prediger von Wotton-under-Edge, welches Hills Sommeraufenthalt war, ein, dort zu predigen. Ich ging unter der Bedingung, daß die Versammlung singe: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ – und es geschah auch. Darauf ging ich, um für Herrn. R. Knill, welcher damals in Chester war, zu predigen. Welche Versammlung das war! Beachtet, er predigte in dem Theater! Der Umstand, daß er in einem Theater predigte, beseitigte in mir alle Furcht, in weltlichen Gebäuden zu predigen und gab mir Mut zu den Feldzügen in Exeter Hall und Surrey Musik Hall.“

Seine Schulzeit.

Als Spurgeon zu Hause war, brachte ihn sein Vater in eine Schule in Colchester, die unter der Leitung eines Herrn Henry Lewis stand. Hauptlehrer war Herr Leeding, welcher später eine Anstalt für junge Edelleute zu Cambridge gründete. Während seiner vierjährigen Schulzeit erwarb sich Charles gute Kenntnisse in der lateinischen, griechischen und französischen Sprache. Alle Kenntnisse, die er sich aneignete, verdankte er Herrn Leeding. Bei den Schulprüfungen war er unausgesetzt der Erste der Schule, der den Preis gewann. Im Jahre 1848 verbrachte er einige Monate in einem landwirtschaftlichen Institut zu Maidstone, das unter der Leitung eines Verwandten stand. Im Jahre 1849, in seinem 15. Lebensjahre, kam er als Hilfslehrer nach Newmarket, und während er hier mit charakteristischer Gründlichkeit seinen Berufspflichten oblag, gelang es ihm dennoch, unter viel Selbstverleugnung beträchtliche Fortschritte in klassischen und anderen Studien zu machen. Hier war es auch, wo er die feurigen Kämpfe mit dem Unglauben zu bestehen hatte, aber sich unter viel Gebet um Hilfe an Gott wendend, überwand er jene höchst gefährlichen Versuchungen, die dann auf immer verschwanden. Während seines Weilens in Newmarket trat er auch in die Mitbewerbung um einen Preis ein. Seine schriftliche Arbeit war betitelt: „Der Antichrist und seine Brut; oder das Papsttum entlarvt.“ Es waren ihrer nur drei Mitbewerber. Er gewann den Preis zwar nicht, aber nach zwei Jahren wurde ihm seine Arbeit nebst einer schönen Geldspende zurückgesandt, um ihn zu ermutigen, weiter zu schreiben.

Gegen Ende des Jahres 1849 mußte die Schule wegen einer ausgebrochenen Fieberkrankheit geschlossen werden, und Spurgeon kehrte nach Colchester zurück. Die getroffenen Vorsichtsmaßregeln waren jedoch nicht wirksam genug gewesen, denn er wurde vom Typhus ergriffen und niedergeworfen. Aber Er, dessen Name Jehovah Rophi ist, machte nicht nur, daß sein jugendlicher Knecht sagen konnte: „Lobe den Herrn, meine Seele, der alle deine Gebrechen heilt,“ sondern veranlaßte auch, daß er mit besonderem Nachdruck hinzufügen konnte: „Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Hier müssen wir Spurgeon in seiner unnachahmlichen Weise die Geschichte seiner Bekehrung selber erzählen lassen.

„Es gefiel Gott, mich in meiner frühen Jugend von der Sünde zu überzeugen. Ich lebte als ein elendes Geschöpf, das keine Hoffnung, keinen Trost finden konnte. Mein Herz war zermalmt; sechs Monate lang betete ich unter großer Angst von ganzem Herzen und fand keine Erhörung. Ich war entschlossen, jede Versammlungsstätte in Colchester zu besuchen, um den Weg des Heils zu finden; ich war zu allem bereit, wenn Gott mir nur vergeben wollte.

Endlich – es war an einem schneeigen Tage; es war solches Schneetreiben, daß ich nicht dahin gehen konnte, wohin ich wollte; ich mußte stillstehen, und das war ein für mich reich gesegnetes Stillstehen – fand ich eine einsame Straße und wandte mich in einen Hof, wo eine kleine Kapelle stand. Irgend wohin mußte ich gehen, aber diesen Ort kannte ich bisher nicht. Es war die Kapelle der Primitiv-Methodisten. Von diesen Leuten hatte ich mancherlei gehört, unter andrem auch, daß sie so laut sängen, daß der Gesang Kopfweh verursache; aber ich fragte nichts danach, wenn ich nur erführe, wie ich gerettet werden könne. Ich ging hinein, und als ich dasaß, begann der Gottesdienst, aber es kam kein Prediger. Endlich betrat ein sehr schwächlicher Mann die Kanzel, schlug seine Bibel auf und las diese Worte: „Blicket auf mich, aller Welt Ende, so werdet ihr selig.“ (Engl. Übersetzung.) Seine Augen auf mich richtend, als ob er mein ganzes Herz kenne, sagte er; „Junger Mann, du bist bekümmert.“ Gewiß war ich das. „Du wirst deinen Kummer nicht verlieren, wenn du nicht auf Christum blickst.“ Und dann seine Hände aufhebend, rief er, wie es ein Methodist nur tun kann: „Blicke! Blicke! Blicke!“ „Es ist nur Blicken,“ sagte er. Da mit einem Male sah ich den Weg des Heils, und o, wie ich in jenem Augenblick vor Freude hüpfte! Ich weiß nicht, was er sonst noch sagte; ich achtete nicht sonderlich darauf, da ich ganz von dem einen Gedanken in Anspruch genommen wurde. Als die eherne Schlange aufgerichtet war, blickten sie nur und wurden geheilt. Ich wäre bereit gewesen, fünfzig verschiedene Dinge zu thun, aber als ich das Wort hörte: „Blicke!“ wie reizend erschien mir dieses Wort! ich blickte, bis ich mir fast die Augen ausgesehen hatte, und noch im Himmel will ich mit unaussprechlicher Freude weiter blicken. ich fühlte mich nun verpflichtet, niemals eine Predigt zu halten, ohne zu Sündern zu sprechen. Ich denke, ein Prediger, der eine Predigt halten kann, ohne Sünder anzureden, weiß nicht, wie er predigen muß.“

Es mag unsre Leser interessieren zu erfahren, daß die nämliche Kanzel, von welcher herab jene denkwürdige „Blick“-Predigt gehalten wurde, noch heute – sollen wir sagen als eine heilige Reliquie? – in dem von Spurgeon gegründeten Waisenhause aufbewahrt wird.

Im Jahre 1856, an dem Jahrestage seiner Bekehrung, predigte Spurgeon vor seiner Gemeinde über denselben Text, in welcher Predigt er erzählte, was sechs Jahre zuvor an demselben Tage und zur selben Stunde geschah. Der Text steht Jes. 45,22. Im Oktober 1864 predigte Spurgeon vor 500 Zuhörern in derselben Kapelle, in welcher er bekehrt worden war, über denselben Text.

Voll von seiner neugefundenen Freude kehrte Spurgeon zu seiner Stellung in Newmarket zurück und widmete sich fortan dem Dienste seines Herrn und Meisters. Es ist kaum nötig, zu sagen, daß er die erste Gelegenheit wahrnahm, um öffentlich ein Bekenntnis seines Glaubens an Christum abzulegen, und sich mit dem Volke Gottes zu verbinden. Seine Aufgabe in der Schule, in welcher er inzwischen zum Vertreter des Direktors heraufgerückt war, beschäftigte ihn früh und spät; aber von der Liebe Christi gedrängt, ergriff er trotz dessen jede Gelegenheit, Seelen für den Heiland zu gewinnen. Zur Erreichung dieses Zieles erschien ihm die Verbreitung von Traktaten als das beste Mittel, und wenn er ausging, nahm er stets eine Menge dieser „Boten der Barmherzigkeit“ mit und verteilte sie.

Sehr bald zog die Sonntagsschule seine Aufmerksamkeit auf sich und seine Ansprachen an die Kinder waren so interessant und belehrend, daß die Kinder ihren Eltern nicht genug davon zu erzählen wußten, und bald kamen auch diese, um den „Lehrer“ zu sehen und schon von seinen ersten Worten und von seiner geistreichen Art bezaubert zu werden.

Nächst seiner Bekehrung war seine Überzeugung von der Schriftmäßigkeit der Taufe der Gläubigen der Umstand, welcher für seine zukünftige Laufbahn von so großer Bedeutung wurde. Er war bisher ein Anhänger der Säuglingstaufe gewesen. Sobald er es jedoch als seine Pflicht erkannte, sich untertauchen zu lassen, wohin er durch das Forschen im Worte Gottes kam, beeilte er sich auch, seines Herrn Befehl zu erfüllen. Am 3. Mai 1850 wurde er zu Isleham von dem Baptistenprediger Cantlow daselbst öffentlich getauft. Er war damals noch nicht ganz 16 Jahre alt. An diesem für ihn so denkwürdigen Tage schrieb er seinem Vater: „Es ist mir sehr lieb, daß der Tag, an welchem ich öffentlich den Namen Jesu bekenne, der Geburtstag meiner lieben Mutter ist,“ und er drückte die Hoffnung aus, daß er beiden ein Angeld auf viele herrliche und glückliche zukünftige Tage sein werde.

Nach Ablauf eines Jahres in Newmarket wurde er Hilfslehrer seines früheren Lehrers und Freundes H. Leeding, der jüngst eine Anstalt zu Cambridge eröffnet hatte. Hier bestand ein Verein, der sich „Laien-Prediger-Verein“ nannte, und obgleich Spurgeon noch jung war, wurde er doch als Mitglied aufgenommen. Er begleitete gern etliche dieser Prediger, und bald nachdem er sein 16. Lebensjahr zurückgelegt hatte, fing er selber an zu predigen.

Seine Erfahrung bei der ersten Predigt.

Da dies einer der wichtigsten Schritte in Spurgeons Leben war, wird sich der Leser freuen, die Umstände, welche zu seinem ersten Predigtversuch führten, von ihm selber zu erfahren. In seiner Einleitung zur Predigt über den Text 1. Petri 2, 7 im Jahre 1873 bemerkt Spurgeon: „Ich erinnere mich sehr wohl, daß ich bei meinem ersten Versuche, zu predigen, vor mehr denn 22 Jahren mich auf diesen Text bezog. Ich war ersucht worden, einen jungen Mann nach Teversham, nicht weit von Cambridge, zu begleiten. Ich konnte nicht anders vermuten, als daß dieser junge Mann an jenem Abend die Predigt halten werde, und so sagte ich unterwegs zu ihm, daß ich hoffe, der Herr werde seine Worte segnen. „O, mein Lieber!“ sagte er, „ich habe in meinem Leben noch nicht gepredigt, und denke auch nicht daran, es heute zu thun. Ich bin einfach aufgefordert worden, Sie zu begleiten, und ich wünsche, daß Gott in Ihrer Predigt mit Ihnen sei, und Sie segnen werde.“ „Nein,“ erwiderte ich, „ich habe noch nie gepredigt, und glaube kaum, daß ich dazu im Stande bin.“ Wir gingen zusammen, bis wir an den bestimmten Ort kamen, und innerlich zitterte ich, wenn ich daran dachte, was nun werden würde. Als wir die Versammlung zusammen fanden und nun kein andrer da war, der von Jesu sprechen konnte, und als ich fand, daß man von mir erwartete, ich würde predigen, obgleich ich erst 16 Jahre alt war, so predigte ich, und der Text, den ich soeben verlesen habe, war mein Text: „Euch nun, die ihr glaubet, ist Er köstlich.“

Er wurde in den Dörfern um Cambridge her bald bekannt und beliebt; große Scharen wurden angezogen, ihn zu hören, und obgleich er noch sehr jung war, ergingen doch viele Einladungen aus benachbarten Städten und Dörfern an ihn, bei besonderen Gelegenheiten da und dort zu predigen. Die kleine Baptistengemeinde zu Waterbeach, einem Ort von ca. 1500 Seelen, sah in dem „Knaben-Prediger“ einen jungen Mann, der ganz ihren Bedürfnissen entsprach, und sie beeilte sich, sich ihn als ihren Prediger zu sichern.

Die Hochschul-Frage.

In nachstehendem geben wir Spurgeons eignen Bericht über einen Umstand, den man wohl als „eine wunderbare Vorsehung“ bezeichnen kann.

„Bald nachdem ich 1852 angefangen hatte, in Waterbeach das Wort zu verkündigen, wurde mir von meinem Vater und andren entschieden geraten, das College in Stepney (jetzt Regents Park) zu besuchen, um mich gründlicher auf das Predigtamt vorzubereiten. Davon überzeugt, daß die Wissenschaft kein Hindernis ist, sondern nur brauchbarer machen kann, war ich geneigt, sie mir zu eigen zu machen, wenngleich ich glaubte, daß ich auch ohne diese Ausbildung nützlich sein könne. Ich stimmte also den Freunden zu, daß ich mich durch die Ausbildung nützlicher machen könnte. Dr. Angus, der Vorsteher des College, kam nach Cambridge, wo ich damals wohnte, und es war vereinbart worden, daß wir uns im Hause des Verlagsbuchhändlers Herrn Macmillan treffen wollten. Indem ich über die Sache nachdachte und darüber betete, trat ich genau zur bestimmten Zeit in das Haus ein und wurde in ein Zimmer gewiesen, wo ich geduldig einige Stunden wartete. Mein Gefühl von meiner Unbedeutendheit und von der Größe des Londoner Direktors hielt mich davon ab, die Klingel zu ziehen und nach der Ursache der ungewöhnlich langen Verzögerung zu forschen.

„Als meine Geduld endlich erschöpft war, setzte ich die Klingel in Bewegung, und als die Dienerin erschien, wurde dem wartenden achtzehnjährigen Jüngling bedeutet, daß Dr. Angus lange in einem andren Zimmer gewartet habe, daß er nicht länger habe warten können und mit dem Zuge bereits nach London zurückgefahren sei. Das thörichte Mädchen hatte der Herrschaft nicht gesagt, daß jemand gekommen sei, den sie in das Wartezimmer geführt habe. Infolgedessen fand die Unterredung nie statt, obgleich sie von beiden Seiten beschlossen worden war. Ich fand mich in jenem Augenblick nicht wenig enttäuscht; aber seitdem habe ich dem Herrn wohl tausendmal von Herzen für die seltsame Vorsehung gedankt, durch welche meine Schritte auf einen andren und viel besseren Pfad gelenkt wurden.“

Dieser Punkt der besseren Ausbildung war sowohl von Spurgeon selbst, wie von seinen Eltern sehr sorgfältig erwogen worden, wie das aus verschiedenen Briefen aus dieser Zeit hervorgeht. In einem Briefe, den er im November 1852 an seine Mutter schrieb, sagt er: „Ich freue mich je länger, je mehr darüber, daß ich nicht in das College eingetreten bin,“ und weiterhin fügt er hinzu: „Ich habe alles, was das Herz sich nur wünschen kann; ja, Gott gibt mehr, als ich wünsche. Meine Versammlungen sind so gut besucht, wie je zuvor. So lange ich in Waterbeach geweilt habe, habe ich jeden Tag ein andres Haus als mein Heim betrachten dürfen. Zweiundfünfzig Familien haben mich aufgenommen, und sechs fernere Einladungen konnte ich nicht mehr annehmen.“ Das alles war für den Jüngling von 18 Jahren sehr ermutigend. Aber es bereitete sich eine große Veränderung vor, die für sein ganzes späteres Leben entscheidend sein sollte. Bei der Jahresversammlung der Sonntagsschul-Union zu Cambridge im Jahre 1853 wurde der junge Prediger von Waterbeach aufgefordert, eine Ansprache zu halten. Unter denen, auf deren Gemüt diese Ansprache einen dauernden Eindruck machte, war Herr Gould von Loughton. Dieser begegnete bald darauf in London einem Diakon an einer berühmten Baptistengemeinde in Southwark, die zur Zeit keinen Prediger hatte, und sprach gegen ihn seine Meinung dahin aus, daß der jugendliche Evangelist von Cambridgeshire sehr wohl befähigt sei, der Gemeinde in New Park Street zu dienen. Diese Gemeinde existierte seit 1652, und unter ihren Predigern hatte es hervorragende Männer Gottes gegeben. Zu der Zeit aber, von welcher wir schreiben, war die Gemeinde sehr zurückgekommen; ihre Herrlichkeit schien dahin zu sein. Die Diakonen erwogen alles, was Herr Gould über den jungen Waterbeacher Prediger mitgeteilt hatte, und so erging bald eine Einladung an ihn, zu kommen und in New Park Street zu predigen.

Seine Berufung nach London.

Als Spurgeon zu Waterbeach diese Einladung bekam, hielt er das für einen Irrtum und nahm an, daß der Brief für irgend welche andre Person bestimmt sein müsse; aber seine Diakonen verstanden die Sache besser und sagten ihm, daß seiner eine von ihm ungesuchte Beförderung warte. Er reiste also nach London, um im Herbst 1853 auf einen Sonntag die Kanzel in der New Park Street Kapelle einzunehmen. Die Kapelle, welche bequem tausend Personen Platz bot, konnte kaum einen ermutigenden Eindruck auf den Prediger machen, denn von glaubwürdiger Seite ist gesagt worden, daß die Vormittagsversammlung, wenn alle Anwesenden gezählt wurden, bei dieser Veranlassung von etwa 200 Zuhörern besucht war. Aber der Eindruck, welchen die wenigen Getreuen während des ganzen Gottesdienstes und insbesondere während der Predigt erhielten, war ein so gewaltiger, daß die Versammlung am Abend nahezu noch einmal so groß war und die Leute sich über das, was sie hörten, verwunderten. Die Diakonen luden Spurgeon infolgedessen ein, ihnen noch drei fernere Sonntage zu predigen, und nachher bat die Gemeinde ihn einmütig, sie für weitere sechs Monate zu bedienen, indem sie auf seine mögliche Wahl hindeutete. Das aber war überflüssig, da die Gemeinde ihn schon vor Ablauf dieser Zeit einstimmig zu ihrem Prediger erwählte. In seinem Briefe, in welchem er die Annahme der Wahl mitteilte, sagte er: „Ich lege mich in die Hände unsres Bundesgottes, dessen Weisheit alle Dinge lenkt. Er soll für mich wählen, und so weit ich urteilen kann, ist dies seine Wahl.“

Ehe drei Monate vergangen waren, hatte sich der Ruf des jungen Predigers, der noch nicht ganz 20 Jahre alt war, über ganz London verbreitet. Im Herbst dieses Jahres hielt er eine Predigt über die Worte: „Ist jetzt nicht die Weizenernte?“ Die Predigt wurde gedruckt, und war die erste einer Reihe von Predigten, welche beständig zunahmen und immer weiter verbreitet wurden, so daß nun 43 Jahresbände seiner Predigten herausgegeben und zu Millionen verbreitet worden, ihren Weg über den ganzen Erdkreis gefunden haben und in viele Sprachen übersetzt worden sind. Die Totalsumme der einzeln nacheinander herausgegebenen Predigten ist 2550. Von verschiedenen Predigten sind mehr als 100 000 Exemplare verkauft worden; aber der durchschnittliche wöchentliche Verkauf beläuft sich auf 25 000 Exemplare, ein Resultat, das in der Geschichte der Predigtlitteratur einzig dasteht. Kein andrer Prediger in irgend einem Lande oder zu irgend einer Zeit hat ein solches Resultat zu verzeichnen.

Innerhalb eines Jahres war nicht nur die Kapelle in New Park Street bis auf den letzten Platz gefüllt, sondern an jedem Sonntage mußten Hunderte enttäuscht umkehren, weil sie keinen Einlaß finden konnten. Die Kapelle mußte deshalb vergrößert werden, und während dieser Vergrößerung wurde für die Zeit von etwa drei Monaten die Exeter Hall benutzt. Da nach der Eröffnung der vergrößerten Kapelle die andrängenden Scharen so groß waren, wie je zuvor, wurde es für notwendig erachtet, die sehr geräumige Musik Hall in Royal Surrey Gardens zu mieten.

Hier ereignete sich beim ersten Sonntag-Abendgottesdienst am 19. Oktober 1856 ein betrübender Zwischenfall. Von feindlicher Seite erscholl plötzlich ein falscher Feuerruf, welcher einen derartig panischen Schrecken verbreitete, daß bei der entstandenen Unruhe und Verwirrung sieben Personen getötet und 28 andre verletzt wurden. Das Nervensystem des Predigers selbst wurde so mächtig erschüttert, daß er eine Zeitlang ganz daniederlag. Durch Gottes große Barmherzigkeit wurde er jedoch wiederhergestellt, so daß er schon am 31. Oktober die Kanzel wieder besteigen konnte. Um in Zukunft jeden blinden Lärm zu verhüten, wurde die Bestimmung getroffen, daß die Gottesdienste in der Musik Hall am Sonntag-Vormittag gehalten würden. Obgleich diese Tageszeit großen Versammlungen am wenigsten günstig ist, kamen die Leute doch Sonntag für Sonntag in mengen bis zu zehntausend zusammen, um die Geschichte von der erlösenden Liebe zu hören. Das beste von allem war, daß viele für den Herrn gewonnen wurden.

Im Dezember des Jahres 1859 beschloß die Direktion der Musik Hall, an den Sonntag-Abenden das Gebäude für Vergnügungen zu öffnen, und von da ab sahen sich Spurgeon und seine Freunde aus Gewissensbedenken genötigt, dies Gebäude aufzugeben und die Gottesdienste wieder nach Exeter Hall zu verlegen, bis das Metropolitan Tabernakel eröffnet werden konnte. Kurze Zeit, nachdem Spurgeon Musik Hall verlassen hatte, wurde fast das ganze Gebäude durch einen Brand zerstört. Der den Flammen entrissene Teil wurde zu einem Hospital umgewandelt.

Als Spurgeon, ohne daß er je danach getrachtet hätte, so außerordentlich populär geworden war, wurde zu tausenden von Malen die Frage aufgeworfen: „Wer ist dieser Spurgeon eigentlich?“ Man suchte ihn zu veranlassen, einen kurzen Bericht über sein Leben zu veröffentlichen, aber dazu konnte er sich nicht entschließen. Endlich stimmte er doch zu und gab unter Mithilfe seines Vaters und Großvaters die geforderte Auskunft in einem kurzen Abriß seines Lebens und Wirkens und fügte einen Auszug des Glaubensbekenntnisses der Baptisten hinzu, welche Schrift in beinahe 10 000 Exemplaren in einem Jahre abgesetzt wurde. Dieses Schriftchen diente dazu, die Neugierde hinsichtlich des Vorlebens des jungen Predigers zu befriedigen, und seit dieser Zeit hat die Presse unaufhörlich die Resultate seiner mannigfaltigen und ausgedehnten Arbeiten bekannt gegeben.

Jahrelang wurde er fast unbarmherzig durch die Feder und den Stift karikiert. Es war dies meistens die Kundgebung der bitteren Feindschaft derer, welche die Bedeutung seines Werkes nicht verstanden und die ihn lächerlich zu machen suchten; andrerseits enthielten diese Skizzen viele Wahrheit. Eine dieser Zeichnungen trug die Überschrift: „Schwefel und Sirup“ (Brimstone and Treacle), eine andre: „Fang’ sie lebendig! O!“ (Cach `em alive O!) In der ersteren wurde Spurgeon unter dem Schwefel dargestellt, weil er in seinen Predigten die einfache Wahrheit zum Ausdruck brachte und sagte: „Die Gottlosen müssen zur Hölle gekehrt werden, und alle Heiden, die Gottes vergessen.“ Sirup stellte den Geistlichen Bellew dar, welcher die Gesellschaft moderner Prediger seiner Zeit repräsentierte, die sanfte und süßliche Dinge predigen konnten. Die andre Zeichnung stellte Spurgeon dar, wie er beim Predigen eine Art Hut von geleimtem Fliegenpapier auf dem Kopfe trug. Sie sollte anzeigen, wie die Leute zu Tausenden sich scharten, um dem beliebten Prediger zuzuhören.

Alle diese Dinge trugen dazu bei, den Ruf des Predigers zu verbreiten, bis derselbe in jeden Teil von England gedrungen war, und es gab nur wenige Zeitungen von Einfluß, in welchen nicht irgend welcher empfehlende Artikel enthalten war. Selbst die „Times“ fühlte sich veranlaßt, die Frage aufzuwerfen, wie es denn komme, daß die St. Paul Kathedrale und die Westminster Abtei verhältnismäßig leer bleiben, während der junge freikirchliche Prediger jeden Sonntag 10 000 Leute um sich sammeln könne, um ihnen in Musik Hall zu predigen.

Alle diese Umstände dienten dazu, die Anziehungskraft Spurgeons zu vermehren, so daß es als absolut notwendig erkannt wurde, für eine so große und rapid anwachsende Gemeinde und für die großen Scharen, die sich drängten, seine Predigten zu hören, ein entsprechendes Gebäude zu beschaffen.

Seine Eheschließung.

Das Jahr 1856 war in dem Leben Spurgeons ein besonders denkwürdiges. Es war das Jahr seiner Verheiratung, ebenso das Jahr, in welchem er die Predigt bei dem Jubiläum seines Großvaters und die Predigt bei der Centenarfeier in Whitefields Tabernakel in Tottenham hielt. Die Katastrophe in Surrey Gardens, die sich im Oktober desselben Jahres zutrug, haben wir bereits erwähnt. Während der ersten Woche des Jahres erfreute sich Spurgeon großer Versammlungen zu Bath. Die zweite Woche wurde durch einen Gottesdienst denkwürdig, der in seiner Kapelle gehalten wurde, an welchem besonders die Jugend ein sehr lebhaftes Interesse hatte. Am Vormittag des 8. Januar nämlich wurde Spurgeon mit Fräulein Susanna Thompson durch Dr. Alexander Fletcher getraut. Ein interessanter Bericht über diese Feier erschien am 11. Januar in „Christian Kabinet“. Etwa 2000 Personen konnten bei dieser Gelegenheit keinen Platz mehr in der Kapelle finden. Die beiderseitigen Eltern waren gegenwärtig. Nie dürften zwei Personen einander Herz und Hand gereicht haben, welche so zu einander gepaßt hätten, wie diese beiden. Die Zwillingsknaben Charles und Thomas Spurgeon, bilden die einzige Nachkommenschaft aus dieser Ehe.

Das „Metropolitan Tabernakel“.

Die Geschichte des Metropolitan Tabernakels ist an und für sich ein an Interessantem und merkwürdigen Ereignissen so reiches Thema, daß über die Umstände, die seinen Ursprung, sein Wachstum, seine Vollendung und seine schuldenfreie Eröffnung begleiteten, ein langes und lehrreiches Kapitel geschrieben werden könnte. Die Dinge, die sich da zutrugen, waren sowohl für Staats-, wie für Freikirchliche eine Ursache großen Erstaunens. Im Oktober 1856 wurde die erste große Versammlung gehalten, in welcher die notwendigen Schritte zur Errichtung eines großen Tabernakels erwogen wurden. Der Vorschlag wurde von Spurgeons Freunden sehr warm begrüßt und sehr bald zeigte sich in jedem Teil des Landes unter evangelischen Christen verschiedener Benennungen große Sympathie dafür, und die reichlich fließenden Gaben von reich und arm, von dem einfachen Landmann bis zum Grafen von Shaftsbury, zeugten von der christlichen Liebe. Es ist wahr, es gab viele, welche über die Idee, ein Bauwerk mit 5000 Sitzplätzen zu errichten, lächelten, und nicht wenige schüttelten den Kopf und weissagten den baldigen Verfall des Predigers und seines Planes. Aber ohne Rücksicht auf die sich zeigenden Hindernisse wurde das Werk in Angriff genommen. Spurgeon bereiste das Land und predigte täglich unter dem Versprechen, daß die Hälfte sämtlicher Kollekten dem neuen Tabernakel zugewandt werden solle. Am 16. August 1859 wurde von Sir Samuel Morton Peto der Grundstein gelegt. Im Jahre 1860 fand in dem Gerippe des neuen Gebäudes eine große enthusiastische Versammlung statt. Die Eröffnungsgottesdienste begannen im März des Jahres 1861 und wurden fünf Wochen lang täglich fortgesetzt, und am Ende dieser Zeit hatte der Schatzmeister die Summe von 31 332 Pfund Sterling (626 650 Mark) – den freiwilligen Gaben des Volkes – in seinen Händen, und das herrliche Tabernakel mit 5500 Sitzplätzen und weiteren 1000 Stehplätzen war schuldenfrei. Als das Tabernakel eröffnet wurde, zählte die Gemeinde 1178 Mitglieder; im Dezember des Jahres 1886 betrug die Mitgliederzahl 5351 trotz der beständigen Abzweigung zur Bildung neuer Gemeinden, die von den Studenten des Prediger-Seminars bedient wurden, trotz der vielen Sterbefälle und der Tausende von Mitgliedern, welche im Lauf der Zeit London verließen, um in entferntere Gegenden zu ziehen.

Das Metropolitan Tabernakel ist ein wundervolles Bauwerk. Unter dem großen Versammlungsraum befinden sich ein Betsaal mit 900 Sitzplätzen, ein Sonntagsschulsaal, in welchem 1000 Kinder unterrichtet werden, verschiedene Klassenräume, eine Anzahl von Vorhallen und Zimmern, eine Küche mit allem Zubehör für Theeversammlungen und in zwei weiteren Stockwerken Räumlichkeiten für Mütter-Versammlungen und für andre Thätigkeitszweige, die aufzuzählen und zu beschreiben viel Raum beanspruchen würden; denn mit der Tabernakelgemeinde stehen viele Evangelisations- und Wohlthätigkeitsbestrebungen in Verbindung, die beständig gepflegt werden. Die „Baptisten-Landmission“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Dörfern durch Predigten im Freien und in den Häusern zu evangelisieren, und dadurch ist viel Gutes geschehen. Der „Evangelisten-Verein“ ist thätig in öffentlichen Sälen, in Wirtshäusern und an den Straßenecken und sendet auf eingehende Bittgesuche Helfer an die Gemeinden, die der Hilfe bedürfen. Die Gemeinde und die Sonntagsschule tragen willig zur Mission unter den Heiden bei. Ebenso ist eine kleine Hilfsmission für die Bekehrung der Juden thätig und eine Wohlthätigkeitsgesellschaft für die Arbeiterklassen, welche bei Krankheiten und Sterbefällen für Zahlung der Unkosten Sorge trägt.

Mit dem Tabernakel stehen 28 Missionsstationen und 24 Sonntagsschulen und Schulen für Verwahrloste in Verbindung, und namentlich durch letztere geschieht Unberechenbares für die armen und vernachlässigten Klassen. Da ist ferner ein Verein junger Männer, eine Kinder- und eine Lehrer-Bibliothek und ein erfolgreich wirkender evangelischer Mäßigkeitsverein. Die Geschichte der vielen Unternehmungen zu Haddon Hall, Bermondsey und Richmond Street, Walworth – ohne andre zu erwähnen – würde allein ein längeres Kapitel erfordern.

Die Frauen nehmen an dem Werk großen Anteil; sie unterhalten einen Verein für Mütter, einen Wohlthätigkeitsverein zur Linderung der Not der Armen und zum Besuche der Kranken, und einen „Verein für Bekleidung armer Prediger“, welcher bedürftige Prediger mit ihren Familien mit Kleidungsstücken versieht; ferner unterhalten sie eine blühende Hilfsstation zur Förderung der Zenana-Mission in Indien und China.

Das „Pastors College“.

Wohl von keinem Institut kann man so bestimmt sagen, daß es durch die göttliche Vorsehung ins Leben gerufen worden sei, wie von der Anstalt für theologische Studenten, die ebenfalls mit Spurgeons Tabernakel in Verbindung steht. Sie hatte ihren Ursprung in einem dringenden Bedürfnis, und dieses kam dem jungen Prediger auf folgende Weise zum Bewußtsein. Ehe er drei Monate in der New Park Street Kapelle gepredigt hatte, waren viele recht begabte Jünglinge bekehrt, getauft und in die Gemeinde aufgenommen worden. Von der Liebe Christi gedrungen und von dem Eifer des Predigers angespornt, begannen etliche von ihnen ernstlich, das Wohl andrer zu suchen. Einer dieser jungen Leute, namens Medhurst, fing mit der Straßenpredigt an, und darin ermutigt, als er sah, welcher Segen darauf lag, wandte er sich an, Spurgeon und bat um Unterricht, um zu diesem Werk befähigter zu werden. Er fand den Prediger bereit, ihn zu diesem Zweck zu unterstützen. so wurde Medhurst Spurgeons erster Student und bildete in Wirklichkeit sein College. Da er an eine große und erfolgreiche Zukunft glaubte, so wünschte er, daß er mehreren für das Werk des Herrn behilflich sein könne. Er hatte außer seinem eignen Gehalt keine Mittel, das Werk zu fördern, aber eines Tages legten er und einige Freunde die Summe von 20 Pfund Sterling (M 400) zusammen, um Bücher anzukaufen und so das Werk des College zu beginnen. Es dauerte nicht lange, als Medhurst einen Ruf als Prediger erhielt, den er auch annahm, und er wirkt im Werk des Herrn noch heute in großem Segen zu Portsmouth. Er war der erste von 742 Studenten, welche unter Spurgeons Leitung für den Predigerberuf herangebildet worden sind.

In Erwägung seiner eignen vielen pastoralen Pflichten besuchte Spurgeon den Prediger George Rogers in Camberwell und teilte ihm seine Gedanken über die Ausbildung junger Leute mit. Dieser ging mit Herz und Seele darauf ein und nahm die ihm angebotene Stelle als theologischer Lehrer an. Die ersten Studenten wohnten in seinem Hause. Jede Woche pflegten die jungen Männer einmal zu Spurgeon ins Haus zu kommen, um Belehrungen und Anweisungen von ihm zu erhalten, die ihnen nützlich waren. Diese Weise behielt er jahrelang bei. Herr Rogers, welcher von den Studenten, die er unter seiner Obhut hatte, innig geliebt wurde, hat diesem wichtigen Werk seine beste Kraft ein Vierteljahrhundert hindurch widmen können.

Als die Zahl der Studenten sich mehrte, wurden auch größere Räumlichkeiten nötig als die Klassenräume im Tabernakel sie bieten konnte, und im Jahre 1874 wurde das jetzige Seminargebäude errichtet. Spurgeon hatte von vornherein gewohnheitsmäßig einen großen Teil seines Einkommens der Unterstützung des Seminars zugewandt. Viele Leser seiner Predigten und andrer Werke erwiesen ihm ihre Liebe dadurch, daß sie sein „Lebenswerk“ durch pekuniäre Mittel unterstützten, und außerdem wurden die gewöhnlichen Kollekten bei den Versammlungen im Tabernakel demselben Zweck zugewandt. Im Jahre 1869 betrugen diese die Summe von M 37 380 (1869 Pfund Sterling) und entsprachen seitdem stets der Jahreszahl.

Ein Zug dieses Werkes des Volle darf bei Umgehung vieler interessanter Daten nicht unerwähnt bleiben, und das ist der missionierende Charakter desselben. Wir gebrauchen dieses Wort in seinem weitesten Sinn. Von vornherein hat Spurgeon stets gesucht, den Studenten die Pflicht nahezulegen, ein neues zu pflügen, neuen Boden aufzubrechen und nicht damit zufrieden zu sein, auf andrer Grund und Boden zu bauen, oder in die Arbeit andrer einzutreten, sondern die Grenzen des Reiches des Erlösers auszudehnen, indem sie die Gnadenbotschaft in entfernte Länder und unter die Heiden trügen. Die veröffentlichte Liste der abgegangenen Studenten weist denn auch nach, daß 140 in die Heidenländer gegangen sind, und daß von dem im Lande Gebliebenen 150 neue Gemeinden gegründet haben, während wieder andre an Orten das Interesse für die Sache des Herrn neu beleben konnten, wo es beinahe erloschen war.

Während dieser Erfolg, der schwerlich überschätzt werden kann, ein beständiger Grund zur Dankbarkeit gegen das große Haupt der Gemeinde ist, hat er dem Präsidenten des College doch auch große Sorgenlasten aufgebürdet. Jede neu gegründete und heranwachsende Gemeinde machte die Errichtung von Kapellen und Schulen nötig, und war stets gleichbedeutend mit einer Bitte an Spurgeon, pekuniär zu helfen, und zwar wesentlich zu helfen, bis die Gemeinden in der Lage waren, sich selbst zu erhalten. Doch unter all diesen Lasten wußte der Herr seinen Knecht zu erhalten und ihm in Erhörung seiner ernsten Gebete und seines kindlichen Vertrauens die Mittel für die Bedürfnisse der Gemeinden zur Verfügung zu stellen.

Das Waisenhaus in Stockwell.

Hinsichtlich der Bedeutung und Wichtigkeit stehen die Waisenhäuser in Stockwell nur denen von Georg Müller zu Bristol nach. Wir wollen kürzlich ihren Ursprung andeuten. Frau Hillyard, die Witwe eines englischen Geistlichen, welche sich der Baptistengemeinschaft angeschlossen hatte, stellte Herrn Spurgeon zur Gründung eines Knaben-Waisenhauses die Summe von 20 000 Pfund Sterling (M 400 000) zur Verfügung. Anfangs schreckte Spurgeon vor einer solchen schweren Verantwortung zurück, aber infolge einer Unterredung mit der Dame kam er zu der Überzeugung, daß ihre Absicht unveränderlich war. Die Summe wurde angenommen, ein Schatzmeister wurde erwählt und das Werk, ein derartiges Institut zu gründen, in Angriff genommen. Es wurde ein am Clapham Road in Stockwell gelegenes 2 ½ Morgen großes Grundstück angekauft, und im Sommer 1867 wurde der Grundstein von mehreren Häusern gelegt. Der Plan zu den Waisenhäusern war in einem Jahr gereift, und viele freigebige Freunde wirkten mit Freuden mit dem Prediger zusammen und vermehrten die Gabe der Madame Hillyard. Verschiedene Familien trugen je 500 Pfund zum Bau eines solchen Hauses bei, und diese Häuser sind nach den Namen der Geber benannt worden. Es gab kaum einen freudenreicheren Tag für * Spurgeon*, als den 9. August 1867, als der Grundstein zu diesen ersten Häusern gelegt wurde, denn es versammelten sich eine große Menge Freunde, um ihn bei dieser Gelegenheit durch ihre Sympathien und reiche Gaben zu erfreuen. Das dringende Bedürfnis dieses Instituts zeigte sich in der Thatsache, daß, als das erste Haus fertig war, um bezogen werden zu können, dem Schatzmeister 200 Bittgesuche um Aufnahme vorlagen. Von vornherein war als Grundregel aufgestellt worden, daß die Bedürftigsten ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis aufgenommen werden sollten. Erst vom Jahre 1879 ab wurden auch Mädchen aufgenommen und zu ihrer Aufnahme neue Gebäude errichtet, so daß 240 Knaben und 230 Mädchen Platz finden konnten. Die Ausgaben belaufen sich jährlich auf ca. 10 000 Pfund Sterling (M 220 000), und Gott sendet das Geld durch seine Kinder auf vielfache Weise und oft durch eine ganz besondere Vorsehung. Es laufen so viele Bittgesuche ein, daß von ca. 10 Gesuchen nur zwei berücksichtigt werden können, weshalb es geboten ist, die bedürftigsten Fälle auszuwählen. Die Waisen selbst sammeln für die Fonds, und jeder, der die Anstalt verläßt, gibt die Erstlinge seines (ihres) Verdienstes als Dankopfer an das Institut ab. Eins des interessantesten Feste Londons ist das Jahresfest in den Waisenhäusern, das im Juni stattfindet. Wer es einmal mitgemacht hat, kann es nicht wieder vergessen, denn es ist eine wirkliche Freude.

Die Armenhäuser.

Ganz in der Nähe des Tabernakels und nahe der Eisenbahnstation „Elephant and Castle“ steht eine schöne Reihe von Gebäuden, die aus Schulen und Armenhäusern bestehen. Den Mittelpunkt bilden die Armenhäuser, in welchen sich Räume zur Aufnahme von Frauen befinden, die über 60 Jahre alt sind, und deren Namen im Gemeindebuch des Tabernakels stehen. In der New Park Street waren nur sechs Armenhäuser. Nach Verlegung der Gemeinde und der Versammlung nach dem Tabernakel und dem Verkauf des Eigentums in New Park Street bestimmte Spurgeon, daß in den neuen Gebäuden Raum für mehr Insassen geschaffen werde, was denn auch geschehen ist. Zur Unterstützung derselben dient ein gewisser Fonds. Da die Häuser nahe bei dem Tabernakel gelegen sind, können die Insassen ohne besondere Mühe den Gottesdiensten beiwohnen. Als Spurgeon sein 25jähriges Dienstjubiläum feierte, überreichten ihm seine Freunde als Zeichen ihrer Achtung und Liebe ein Geldgeschenk von 6233 Pfund Sterling (ca. M 125 000). Seine gewohnte Freigebigkeit veranlaßte ihn, die Summe von M 100 000 dem Fonds der Armenhäuser zu überweisen, um den armen Frauen darin eine wöchentliche Zulage zu verschaffen; den Rest der Summe überwies er andren Zweigen.

Die Tagesschule, welche mit den Armenhäusern in Verbindung steht, ist ein wertvolles Institut, ein großes Geschenk an die Freikirchlichen und ihre Kinder in der Umgegend. Der Unterricht, welcher dort erteilt wird, ist ein sehr gründlicher und der Preis dafür sehr gering.

Spurgeons Zwillingssöhne.

Die beiden Söhne des C. H. Spurgeonschen Ehepaares sind eine Quelle vieler Freuden für ihre Eltern gewesen. Um ihre Bekehrung wurden viele Gebete beständig zum Herrn hinaufgesandt, und ebenso ist viel Sorgfalt auf ihre spätere Nutzbarkeit verwendet worden. Indem die Eltern bemüht waren, ihre Gesinnung und ihre Urteilsfähigkeit zu bilden, berief Gott sie durch seine souveräne Gnade zum neuen Leben; sie wurden in die Gemeinde des Tabernakels aufgenommen und beide ergaben sich dem Dienst des Herrn.

Nachdem sie die Schule verlassen hatten, um einen Beruf zu erwählen, verwandten sie alle Zeit, die sie nur erübrigen konnten und ihre Kraft zu evangelisierender Thätigkeit; sie gründeten in der Nähe des Vaterhauses eine Missionsgemeinde und eine Schule und erzielten besondere Erfolge. Ebenso nahmen sie häufig Einladungen an, an andren Orten zu predigen. Im Jahre 1879 wurde der Erstgeborene, Charles, Prediger in Greenwich, in der Nähe von London, wo er jetzt eine große und blühende Baptistengemeinde hat. Thomas, dessen Gesundheit in England nur schwach war, ging nach Australien, wo er unter Gottes Beistand ein großes Werk ausgerichtet hat. Er baute in Auckland, Neu-Seeland, ein großes Tabernakel und war mehrere Jahre hindurch Pastor einer der größten Gemeinden in jener Kolonie.

Während der notwendig gewordenen Abwesenheit seines von der Riesenarbeit niedergeworfenen Vaters, der in einem wärmeren Klima Ruhe und Erleichterung seiner Schmerzen suchen mußte, vertrat ihn sein ältester Sohn Charles oft in seinem Tabernakel, wo man seine Predigten gerne hörte. Ebenso vertrat auch Thomas Spurgeon seinen leidenden Vater, wenn er sich gerade aus Anlaß der Krankheit desselben in England befand. Und nachdem der treue Gottesmann C. H. Spurgeon seine viel umfassende und wunderbar reichgesegnete Arbeit im Werk des Herrn beendet und am Sonntag, den 31. Januar 1892, von seinem Herrn heimgeholt worden war, wurde Thomas Spurgeon im Jahre 1893 zum Prediger an dem Metropolitan Tabernakel erwählt, welche Stellung er noch heute bekleidet.

Das Evangelium für allerlei Volk. Sechzig kurze Predigten von C.
H. Spurgeon nebst einer kurz gefaßten Lebensgeschichte von dem
Heimgegangenen und einer Vorrede von seinem Sohne und Nachfolger im Amte
Thomas Spurgeon.
Ins Deutsche übertragen vom Hermann Liebig.
Verlagsbuchhandlung von I. G. Oncken Nachfolger (G.m.b.H.)
Hamburg-Borgfelde. 1898
Autorisierte Ausgabe mit Genehmigung aller Rechte von Mrs. C. H.
Spurgeon und der Firma Paßmore & Alabaster, London. Juni 1898