Andreas der Apostel

Nächst der Erscheinung Christi selbst ist die Persönlichkeit der von ihm gewählten Apostel von der größten Bedeutung für unser Glaubensleben. Als menschliche Vorbilder sind sie uns gegeben. Wir wissen, daß sie dem göttlichen Erlöser in Liebe und Treue nachgewandelt und in voller Selbstvergessenheit um seines Namens willen Trübsal und Verfolgungen geduldet haben. Gern möchten wir nun auch im Einzelnen ihre gesammte Geschichte kennen lernen und in ihr, wie in einem Spiegel, uns zeigen lassen, wie ein Christ sein Tagewerk auf Erden beginnt, fortführt und beendet. Und doch klagen wir nicht, daß uns die echten Quellen der heiligen Geschichte nur wenige Züge ihres Bildes überliefern! Zu Ihm allein haben sie die Welt führen sollen, diese Aufgabe haben sie gelöst; wir sehen das Werk selbst vollbracht, die Werkzeuge der Gnade aber zurückgetreten; Ihm allein, dem Herrn, haben sie das Feld überlassen.

In der That nur einige wenige Augenblicke, möchte man sagen, aus dem Leben des Andreas sind es, auf denen unsere Erinnerung an seine Person beruht: und auch daß wir diese gewinnen, dazu bedarf es des Durchgehens sämtlicher Evangelien, von denen Jedes sein Steinchen zu dem kleinen Bau beiträgt. Während Lukas in seinen beiden Werken nur im Verzeichniß der Apostel des Andreas namentlich gedenkt, lassen uns Matthäus und Markus schon mehr sehen, und vor allen ist es Johannes, der selbst mit Andreas in innigerer Verbindung gelebt und dessen Gegenwart bei dem Herrn öfter bezeugt hat. Alle diese geringen Berührungen aber reichen nur hin, um einen fernen Blick in das innere Leben dieses Apostels zu werfen, den die alte christliche Kirche als den Erstberufenen ehrte und liebte.

Die geistlich Armen hat der Herr selig gepriesen: ein solcher war auch Andreas; es ist das große Wunder, welches Christus an ihm, wie an allen seinen Mitjüngern vollbrachte, daß er aus ungelehrten Leuten und Laien Märtyrer der Wahrheit gemacht hat. Die evangelische Geschichte hat uns ein theures Wort des Herrn aufbewahrt (Matth. 4,18 ff. Marc. 1,16 ff.,) das zunächst für Andreas und seinen Bruder bestimmt, die mächtige Lebensumwandlung, welche diese beiden erfuhren, klar und verständlich zur Anschauung bringt.

Andreas war aus Bethsaida gebürtig, jenem kleinen oft genannten Oertchen am See Genezareth, in reizender Gegend gelegen; hatte sich früh nach dem Beispiel seines Vaters Jona dem Berufe eines Fischers gewidmet und trieb dies Gewerbe in den Jünglingsjahren in Gemeinschaft mit seinem, wir wissen nicht ob älteren oder jüngeren Bruder Simon (Petrus). So war er einem Lebenskreise angehörig, welcher dazu zu führen pflegt, daß Jemand, fern von wissenschaftlicher Ausbildung in einfacher stiller Beschäftigung des engsten häuslichen Lebens, unbemerkt von der Geschichte, seine Tage hinbringt. Segen Gottes genug, wenn ohne große Gefahren und Wechselfälle das Geschäft der Familie gedeiht und für die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse genügt. Wider menschliches Denken griff aber eine höhere Hand mächtig ein und wies ihm einen ganz anderen, ungleich schöneren und schwereren Lebensberuf an.

Es war im Anfange seines Missionswerkes, als der Herr einst am galiläischen Meer wandelte und sein Blick auf die Beiden fiel, welche mit ihren Netzen beschäftigt waren. „Folget mir nach“ sprach der Herr, “ ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Rasch und ohne Zögern waren die beiden Brüder entschlossen; ohne ein Wort zu sagen, folgten sie dem Rufe: das Bild, welches das Wort des Herrn in ihre Seele gelegt hatte, bezeichnete ihnen in unvergeblicher Weise das hohe Lebensziel, dem sie entgegengingen. Aus den Wogen des See’s rief Jesus sie in die Wogen des Menschenlebens, aus der Stille und Verborgenheit zur Unruhe und Oeffentlichkeit, aus dem Umgange mit ihres Gleichen zur heiligenden Nähe des Welterlösers: durch ihn geleitet, sollten sie erst selbst dem Reiche Gottes zugeführt werden und sodann auch lernen, die Pforten dazu dem gesammten Menschengeschlecht zu eröffnen.

Aber dies Zusammentreffen mit dem Herrn war zwar das für sie entscheidende, in Folge dessen sie mit unzerreißbaren Banden an den Meister gefesselt wurden; das erste Zusammentreffen war es nicht gewesen: wunderbarer noch wäre sonst dieses rasche Folgen, dieser entschlossene Uebergang zu einem so ganz verschiedenen Lebenswerke. Jesu Wahl setzt eine tiefere Anlage, eine innere Vorbereitung voraus, und diese hatte auch schon eine höchst wichtige und merkwürdige Entwickelung erfahren.

Die Jugend des Andreas fiel in eine bewegte, große Zeit, welche mitten in der unheilvollen Epoche römischer Knechtschaft die nahe Erfüllung der herrlichen Verheißungen ahnen ließ, die Israel zu Theil geworden waren. Johannes der Täufer trat auf und machte sich zu einem großartigen Mittelpunkte messianischer Hoffnungen. Nach Galiläa drang schnell sein Ruf. Dort in ihrer Heimath fanden Andreas und Simon noch eine andere Familie, welche durch die Gemeinschaft desselben Berufes mit der ihrigen verbunden war, Luc. 5,10, die Familie des Zebedäus, aus welcher zwei Söhne, Jacobus und Johannes, mit ihnen aufgewachsen waren. Diese jungen Fischer kannten außer ihrem Gewerbe noch andere, höhere Bestrebungen, welche ihre jugendliche Seele mit großer Gewalt ergriffen: sie eilten zum Jordan, nahmen den ganzen Eindruck dieser wunderbaren Persönlichkeit in sich auf, waren Zeugen seiner Taufe, und vernahmen die ernsten, strengen Mahnungen aus seinem Munde, mit denen er Hohe und Niedrige, Gelehrte und Ungelehrte strafte und zur Umkehr rief. Die Nothwendigkeit der Buße und die frohe Aussicht auf die nahe Erscheinung des Himmelreichs erfüllte ihre jugendliche Seele: als Jünger des Johannes hatten sie die Vorstufe erstiegen, von welcher aus sich ihnen unmittelbar das Heiligthum selbst eröffnen sollte.

Einst stand der Täufer am Jordan und Andreas und ein anderer Jünger neben ihm: da sah Johannes Jesus wandeln und brach in jene schon einmal gesprochenen, tiefsinnigen Worte aus: „siehe, das ist Gottes Lamm“. Jene zwei hörten es, folgten sofort dem Herrn nach, und da er sich umwendete, sie bemerkte und fragte: „was suchet ihr?“ antworteten sie mit der Frage: „Rabbi, wo bist du zur Herberge?“ da er sie aber mit den kurzen Worten: „Kommet und sehet es“ zu sich einlud, blieben sie sogleich bei ihm und genossen zum ersten Mal seines Umgangs. Kaum hatte Andreas am andern Tage seinen Bruder Simon getroffen, als er ihm mit dem Rufe entgegentrat: „Wir haben den Messias gefunden“ and so Jesu den zuführte, auf welchen dieser wie auf einen Felsen seine Kirche gründen wollte. Andreas war so der erste glückliche Evangelist. Wohl kehrte er später wieder in das Vaterhaus zurück; aber nun bedurfte es auch nur jener vorher erwähnten Aufforderung des Herrn: er eilte, sich dem Kreis des Messias für immer anzuschließen.

Diesem Anfang konnte nur ein glücklicher Fortgang folgen; fortan genoß Andreas die ganze Freude der Jünger des Herrn in vorzüglichem Maße. Die beiden Brüderpaare und Philippus, der auch aus Bethsaida stammte, blieben, wie unter einander in der innigsten Verbindung, so in der nächsten Umgebung des Herrn, und weilten mit demselben, als er sich nach Kapernaum begeben hatte, vorzüglich gern in der dortigen Gegend. Wenn auch Andreas als Bruder des Petrus vorzugsweise an der ganzen Bedeutung dieses Felsenmannes Theil nahm, so gebührt ihm doch eben wegen seines sanfteren Charakters und der stillern, innigern Theilnahme am Herrn sein eigenes unläugbares Verdienst. Alle bedurften der liebenden Einwirkung des Meisters und empfingen sie, jeder in der Weise, wie es nach seiner Eigenthümlichkeit ihm zum Heil war.

Andreas bedurfte, wie seine Mitapostel, der allerdeutlichsten Wunderzeichen, um sich die ganze Fülle der Messiasidee zu lebendigem Bewußtsein zu bringen. Wieder waren sie einst am galiläischen Meer. Viel Volks hatte sich um den Herrn versammelt: Er, der ihre geistigen Bedürfnisse so herrlich befriedigte, gedachte auch der Nothwendigkeit leiblicher Nahrung. „Wo kaufen wir Brod, daß diese satt werden?“ sprach der Herr zu Philippus, und als dieser von der aufzuwendenden Summe sich zurückschrecken ließ, blieb auch Andreas der Herrlichkeit des Messias uneingedenk und bemerkte: “ es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrode und zwei Fische, aber was ist das unter so Viele?“ Kaum aber hatte er dies gesprochen, so ließ der Herr Alle sich lagern, und eben der bezeichnete Knabe mit seinem geringen Vorrath war es, dessen er sich zu der wunderbaren Speisung bediente.

Andreas bedurfte auch der weiteren Belehrungen des Herrn, und er fühlte das selbst. Aufmerksam gemacht auf den Prachtbau des Tempels, hatte Jesus mit Wehmuth darauf hingewiesen, daß all diese Herrlichkeit schnell in den Staub sinken werde. Als sie nun bald darauf auf dem Oelberge waren und sich gegenüber den Tempel erblickten, nahte Andreas mit Petrus, Jacobus und Johannes, Mark. 13,3, dem Herrn mit der Frage, wann sich ereignen werde, was er angekündigt habe, und erhielt eine eingehende, ausführliche Belehrung.

Des Vertrauens Jesu erfreute sich Andreas in hohem Grade und trug das Bewußtsein davon in sich. Als kurz vor Jesu Leiden Hellenisten sich einfanden und durch Philippus Vermittlung den Herrn zu reden begehrten, verband sich Philippus mit Andreas und erfüllte mit dessen Hülfe den Wunsch der Fremden.

So vorbereitet, erlebte Andreas seines erhabenen Meisters Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt, empfing bald darauf mit den andern Aposteln die Gabe des heiligen Geistes und erfüllte sodann das Wort des Herrn, welches ihm gebot, ein Menschenfischer zu werden. Wie dies aber im Einzelnen geschehen, darüber schweigt die Schrift; um so lauter aber und ausführlicher reden mannigfache Traditionen, welche leider so wenig zuverlässig sind, ja zum Theil so den Charakter sectirerischer Erdichtung an sich tragen, daß man ihnen fast nichts mit Sicherheit entnehmen kann. Ist etwas Wahres an den Nachrichten, welche aus verschiedenen Quellen zu uns herübertönen, so ist es dies, daß er das Evangelium vorzüglich unter den Scythen gepredigt und in Patra in Achaja den Märtyrertod erlitten hat. Als Constantin der Große in der nach ihm benannten Stadt eine Kirche der Apostel weihte, ließ er Andreas muthmaßliche Gebeine aus Patra holen und unter der Apostelkirche am 30. November feierlich begraben, wo auch Kaiser Justinian bei einem Neubau des Gotteshauses für ihre Bewahrung Sorge trug.

Zu allen Zeiten hat Andreas eine große Verehrung gefunden. Dafür zeugen auch die unächten Schriften, welche unter seinem Namen bekannt sind, eine ausführliche Erzählung von seinem Kreuzestode und eine Schilderung seiner Thaten, welche in einem alten Angelsächsischen werthvollen Gedichte ihren Widerhall gefunden hat. Zwei Ritterorden, in Rußland und Schottland, haben von ihm den Namen: der Orden des goldenen Vließes ist neben der Maria seinem Dienste geweiht; ganze Reiche, wie Rußland und Polen, Städte, Handwerkerinnungen, fromme Brüderschaften verehren ihn als Patron. Eine besondere Form des Kreuzes (in der Gestalt einer römischen Zehn X) wird nach ihm (Andreaskreuz) genannt. Unzählige Reliquien von ihm sind in der Welt verbreitet; seine Gedächtnißfeier stammt schon aus dem vierten Jahrhundert und hat sich bis auf unsere Tage erhalten.

Wir aber, indem wir uns an das lautere Evangelium halten, sehen an ihm, von welchen Ausgangspunkten der Glaube beginnt, wie er von Gnade zu Gnade führt und in der ewigen Gemeinschaft des Herrn seinen Lohn findet. Andreas, der Fischersohn, ist uns ein Zeugniß der göttlichen Liebe, welche die Demuth kindlicher Gesinnung dahin leitet, daß sie Gott schaut und das Himmelreich ererbt.

F. Ranke in Berlin.

Philippus (Apostel)

Philippus der Apostel ist nicht zu verwechseln mit dem Philippus, welcher unter den sieben ersten Diakonen der Gemeinde zu Jerusalem erscheint (Ap. Gesch. 6,5), für das Evangelium erfolgreich in Samaria wirkt (Ap. Gesch. 8, 5 ff.), auf dem Wege von Jerusalem nach Gaja den Kämmerer der Königin Kandace tauft (Ap. Gesch. 8, 26 ff.) und später (Ap. Gesch. 21, 8) als Evangelist in seinem Hause zu Caesarea den Apostel Paulus und dessen Begleiter auf ihrer Reise von Miletus nach Jerusalem aufnimmt.

Der Apostel Philippus, in den vier Apostelverzeichnissen stets als der fünfte in der Reihenfolge, also an der Spitze der zweiten Vierzahl aufgeführt, tritt dieser Stellung entsprechend in der evangelischen Geschichte zwar hinter den beiden Brüderpaaren, welche die erste Vierzahl bilden, etwas zurück, vor den übrigen Jüngern jedoch in manchen Erzählungen nicht undeutlich und zwar stets in derselben Beziehung als Vermittler und Sprecher in einer der Weise des Petrus verwandten Art hervor.

Mit Andreas und Petrus aus derselben Stadt (Joh. 1,44), Bethsaida in Galiläa (12,21), wird er einen Tag später als diese Brüder von Jesu selbst gefunden, als dieser von der Taufstätte am Jordan wieder in Galiläa ziehen wollte, und mit dem Worte: „folge mir nach“ aus einem Johannesschüler zu einem Jünger Jesu gemacht. Sogleich zeigt sich sein praktischer, auf das unmittelbar Vorliegende gerichteter Sinn, seine Lust am Helfen und ungesäumten Zufassen, sein Eifer im Bekennen und Vermitteln, sein lebendiger, schriftmäßiger, auf die persönliche Erfahrung dringender, jedoch noch nicht völlig entwickelter Glaube.

Er findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth.“ Und als Nathanael sein Bedenken in der Frage ausspricht: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ antwortet ihm Philippus mit der Aufforderung: „Komm und siehe es.“

Mit dieser Berufungsgeschichte stimmt nicht gut die durch Clemens von Alexandrien uns aufbewahrte Nachricht, Philippus sei der Jünger gewesen, welcher die Aufforderung Jesu: „folge mir nach“ mit der Bitte: „Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe“ beantwortet und darauf die Weisung empfangen hatte: „laß die Todten ihre Todten begraben; gebe du aber hin und verkündige das Reich Gottes“ (Matth. 8,21.22. Luk. 9,59.60). Diese Annahme hat nichts für sich als den Gleichklang der Berufungsworte. Ein willkommenes, wenn auch nur spärliches Licht fällt dagegen auf den Philippus aus den ferneren Berichten des Johannes, zunächst bei dem Speisungswunder kurz vor Ostern (Joh. 6, 5-7).

Philippus ist der Jünger, zu welchem sich Jesus, als er viel Volks zu sich kommen sieht, mit der Frage wendet: „Wo kaufen wir Brod, daß diese essen?“ Das sagte er aber nach der Bemerkung des Johannes, ihn zu versuchen; denn er wußte wohl, was er thun wollte. Und Philippus antwortete: „Zweihundert Pfennig werth Brods ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher unter ihnen ein wenig nehme.“ Weiset hier nicht jedes Wort auf einen wohlwollenden Vermittler hin, der als praktischer und stets hülfsbereiter Mann bekannt, sich auch jetzt darüber, daß er Auskunft geben und die Verlegenheit beseitigen soll, durchaus nicht wundert, sondern diese Zumuthung als ganz berechtigt anerkennt, auch schnell mit dem Ueberschlage der Kosten, der Mittel und des Bedürfnisses fertig ist, in diesem Geschäftseifer jedoch den Wink der versuchenden Frage Jesu mißverstehen, in dem allernächsten und unmittelbar vor ihm Stehenden nicht sogleich den alleinigen Meister und allgenugsamen Helfer erkennt, von dem er selbst die wahre Praxis der Gotteshilfe noch zu lernen hat.

Diese Erfahrung mag ihn wohl etwas schüchtern gemacht haben; aber seine Stellung und seinen Charakter hat sie nicht geändert. Er ist der wohlwollende Vermittler geblieben, wenn er auch nicht so dreist auftritt wie zuvor. Als einst etliche Griechen, die nach Jerusalem hinaufgekommen waren, daß sie anbeteten auf das Fest, Jesum gern sehen wollten, da traten sie mit der entsprechenden Bitte zu Philippus (Joh. 12,21). Dieser ist auch sogleich zur Vermittelung bereit. Aber er scheint dessen eingedenk zu sein, daß er sich in Acht zu nehmen hat und nimmt deshalb seinen Landsmann Andreas, der überdies bei dem Speisungswunder mit ihm in ziemlich gleicher Lage und Stimmung war (Joh. 6,8.9), in Mitrath und Beihilfe. So glauben wir die Worte der Erzählung verstehen zu dürfen (Joh. 12,22): Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagten es weiter Jesu.

Noch einmal tritt Philippus in der evangelischen Geschichte hervor. Als Jesus auf eine Aeußerung des Thomas geantwortet und seine Rede mit den Worten geschlossen hat: „Wenn ihr mich kennetet, so kennetet ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennet ihr ihn und habt ihn gesehen“, da spricht Philippus: „Herr, zeige uns den Vater, so genüget uns“ (Joh. 14,8). Hier äußert sich nicht etwa ein kindisches Verlangen oder die abentheuerliche Forderung eines blöden Verstandes, sondern die kühnste Forderung einer nach Gott dürstenden Seele wird laut und das feurige Heilsverlangen eines Herzens, welches weiß, daß zur vollen Genüge der Gläubigen das Schauen Gottes nicht entbehrt werden kann, macht sich Luft. Philippus fordert und hofft durch Jesum zu erlangen, was Moses begehret hat (2 Mos. 33,18) aber nicht erlangen konnte, nämlich das Angesicht Gottes zu schauen.

Sein Glaube an die Messianität Jesu ist so stark, daß er diesem Herrn, von welchem er so viele Zeugnisse seiner unvergleichlichen Macht gesehen, auch unbedingt das Vermögen zur Bewirkung dieses höchsten Wunders, welches selig macht und das Segen bringt, zutraut. Und seine Liebe ist so lebendig, daß er durchaus nicht eine persönliche Auszeichnung oder eine heimliche Gunst in Anspruch nimmt, sondern von aller Selbstsucht fern das höchste Gnadenwunder für alle Jünger erbittet und aus dem Gefühl des gemeinsamen Bedürfnisses heraus das kühne Verlangen mit kindlichem Glaubensmuthe stellt. Aber seine Einsicht in das Verhältniß Jesu zum Vater ist noch nicht völlig entwickelt. Er hat es noch nicht erkannt, daß man den Vater nicht außer und neben dem Sohne haben und sehen kann, weil der Sohn das Ebenbild des unsichtbaren Gottes (Kol. 1,15) und das Strahlbild seiner Herrlichkeit ist (Hebr. 1,3). Er hält sich noch an den bloßen Unterschied, den der auf Erden wandelnde Jesus, welcher selbst im Gebet seine Augen gen Himmel hebt, zwischen sich und seinem himmlischen Vater macht und gedenkt nicht der ebenso wesentlichen Einheit, kraft welcher der Menschgewordene als Sohn Gottes den Unsichtbaren zur Erscheinung bringt. Er läßt, wie Luther sagt, „Christum da sitzen und reden, kann schlecht nicht haften an dem Christo, der mit ihm redet, sondern desselben ungeachtet spazieret er beiseit aus mit eigenen Gedanken und fladdert hinauf in die Wolken: Ach, daß wir den Vater doch sehen möchten, wie er droben sitzet unter den Engeln!“ Ihm fehlte damals noch die Erkenntniß von der Klarheit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi (2 Kor. 4,6). Aber wir dürfen bei seinem Charakter annehmen, daß es von mächtiger Wirkung gewesen ist, als Jesus sogleich zu ihm sprach: „So lange bin ich bei euch und du kennest mich nicht? Philippe, wer mich siehet, der siehet den Vater. Wie sprichst du denn: Zeige uns den Vater? Glaubest du nicht, daß ich im Vater und der Vater in mir ist?“

Nach ziemlich übereinstimmender Ueberlieferung soll er seinen apostolischen Wirkungskreis in Phrygien gehabt und dort in der Stadt Hierapolis seinen Tod gefunden haben. Für seine geschichtliche Bedeutsamkeit spricht der Umstand, daß manche Gnostiker sich auf ein dem Apostel Philippus zugeschriebenes Evangelium berufen.

C. B. Moll in Halle.

Johannes der Evangelist

Der Evangelist oder genauer der Apostel Johannes ((Nach der etymologischen Bedeutung des ursprünglich hebräischen Namens ist Johannes so viel, als den Jehova geschenkt hat, Gottesgabe, Gottesgnade, vielleicht dem deutschen wie es scheint nicht sehr alten Namen Gotthold oder Gotteshuld, entsprechend.)) ist nach sicheren Zeugnissen der drei ersten Evangelien (Matth. 4,21. Mark. 1,19. Luk. 5,10. Matth. 10,2. Mark. 3,17.) der Sohn des Zebedäus und der Salome, der Bruder wahrscheinlich des jüngeren, des Apostels Jakobus, den man zum Unterschiede von dem Apostel Jakobus, dem Sohne des Alphäus, so wie dem Jakobus, dem Bruder des Herrn, in der alten Kirche den älteren Jakobus genannt hat, und dessen früher Märtyrertod unter Herodes Agrippa, (bald nach dem Märtyrertode des ersten Blutzeugen Stephanus, nach welchem im Kalender sehr sinnig der zweite Christtag benannt wird,) in der Apost.-Gesch. 12,2. erzählt ist.

Der Vater Zebedäus war ein galiläischer Fischer am See Genezareth, dem fischreichen, ob in Bethsaida, dem Orte des Petrus und Andreas, wohnhaft, wie die Alten vermuthen, weiß man nicht; ja es ist sehr unwahrscheinlich. Während der Vater in der evangelischen Geschichte nicht weiter vorkommt, niemals auch nur genannt wird unter den an den Herrn Gläubigen aus Galiläa, gehörte die Mutter Salome wahrscheinlich zu den galiläischen Frauen, welche den Herrn auf seinen Messianischen Wanderungen begleiteten und von ihrem Vermögen unterstützen, Luk. 8,1-3.; ihr Name wird von Lukas hier nicht genannt; aber nach Matth. 27,55.56. und Mark. 15,40. ist sie unter diesen, welche den Herrn auch auf seinem Wege nach Jerusalem zum letzten Osterfeste begleiteten und an seinem Kreuze standen; nach Mark. 16,1. ist sie auch unter den Frauen, welche nach dem Tode Jesu Spezereien zur ehrenvollen Bestattung seines Leichnams kauften und am dritten Tage, dem Auferstehungstage, in der Frühe zum Grabe gingen, um dem geliebten Herrn und Meister die letzte Ehre zu erweisen. Man sieht schon hieraus, daß die Familie des Johannes nicht zu den Armen im engeren Sinne, den sogenannten Proletariern, sondern zu dem galiläischen Mittelstande, dem Erwerbsstande, gehörte. Zu den nichtshabenden und erwerblosen Armen gehörte überhaupt keiner der galiläischen Apostel mit ihren Familien. Ja, sie waren wohl Arme, aber in einem anderen Sinne, in dem nemlich, in welchem der Herr in der Bergpredigt die Armen am Geist selig preist. Leiblich arm wurden sie um des Herrn willen in ihrem apostolischen Amte, wie er selbst um unsertwillen arm wurde und nicht hatte, wohin er sein Haupt legte.

Ob die Familie des Johannes mit der Familie Jesu durch die Salome verwandt war, wie man späterhin in der Kirche meinte und wünschte, ist höchst ungewiß. Im Neuen Testament haben wir für diese Vermuthung keine einzige irgend sichere Stelle. Dagegen ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die Familie unseres Evangelisten zu denjenigen gehörte, in welchen bei gewöhnlicher Kenntniß der alttestamentlichen heiligen Schrift, wie sie der damalige Volksunterricht, namentlich in den Synagogen gewährte, Eltern und Söhne, und diese wohl vorzugsweise, an den Messianischen Hoffnungen der Zeit mit besonderer Lebhaftigkeit Theil nahmen. Vom Vater Zebedäus wissen wir es nicht bestimmt; er scheint ein in seinem nächsten äußeren Berufe thätiger Mann gewesen zu sein. Aber er gestattete doch den Söhnen, daß sie dem Herrn nachfolgten, und so war er wohl auch ein auf den Messias hoffender Mann. Die Mutter freilich scheint sich gegen die Messianische Neigung und Richtung der Söhne mehr als bloß gestattend verhalten und ihnen geistig näher gestanden zu haben, wie denn oft in der christlichen Geschichte religiös begabtere Männer vorzugeweise aus dem tieferen religiösen Gemüthsleben der Mütter, welche, wie die Frauen überhaupt von Gott zu den Pflegern und Hütern des heiligen Feuers auf dem häuslichen Heerde erwählt und bestellt sind, die Gabe, Weihe und Bestimmung zu ihrem Heiligen Lebensberuf empfangen haben. Nach der Erzählung, Ev. Joh. 1,33 ff., scheint Johannes, der jüngere Sohn, aus seiner Familie der erste gewesen zu sein, den die Botschaft des Täufers Johannes von dem herannahenden Himmelreiche und dem Erschienensein des Messias aufregte. Denn der ungenannte Jünger, der mit dem Andreas, dem Bruder des Petrus, in der Jordanaue bei dem Täufer steht, als dieser über den herannahenden Jesus von Nazareth das große Wort ausspricht: Siehe, Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! ist wahrscheinlich eben unser Johannes, der als Augenzeuge erzählt, was damals geschah, und der noch genau die Stunde wußte, wo er nach der Weisung des Täufers dem noch im Hintergrunde der Geschichte, wie eine halbverhüllte Gestalt, wandelnden Herrn folgte und mit ihm zusammenkam, wahrscheinlich zu weiterem Gespräch in einer Herberge. Beide Jünger, scheint es, beeilten sich, die Runde von dem in Jesu von Nazareth gefundenen Messias den Ihrigen mitzutheilen. Andreas führt seinen Bruder Petrus zum Herrn. Daß der andere Jünger, wenn es eben unser Johannes ist, wie zu erwarten wäre, seinen Bruder Jakobus zu Christo geführt habe, wird nicht erzählt. Anderen Tages schließen sich dann noch Philippus und von diesem gerufen Nathanael an den nach Galiläa zurückkehrenden Christus an, und am dritten Tage erscheint der Herr auf der Hochzeit zu Kana, mit seinen Jüngern dazu geladen, wo er sein erstes Herrlichkeitswunder in Galiläa thut, durch welches die Jünger sich in ihrem Glauben an ihn bestimmt entscheiden. Unter diesen ist denn auch Johannes. Nach Matthäus, Markus und Lukas aber scheint Johannes, wie auch Andreas und Petrus, in dieser Zeit noch nicht beständig bei dem Herrn geblieben, sondern zu den Ihrigen und zu ihrem Fischergeschäft am galiläischen See zurückgekehrt zu sein. Die Aufeinanderfolge der Begebenheiten ist hier nicht klar. Aber, wenn doch alle vier Evangelien, jedes in seiner Art, glaubwürdig sind, so muß man annehmen, daß Jesus erst, als er in Galiläa sein heiliges Lehramt in zusammenhängender Weise verwaltete, den Johannes mit seinem Bruder Jakobus, sammt den beiden Brüdern Andreas und Petrus, von ihrem bürgerlichen Geschäft weg und zur bleibenden Nachfolge und zum Apostelamte berief; aber in Folge jenes ersten bedeutungsvollen Zusammentreffens mit ihnen in der Jordanaue.

Johannes war, sagt man, als er Jünger Jesu wurde, noch sehr jung, unter allen der jüngste. Man schließt dies daraus, daß er unter den Aposteln am spätesten starb. Der Schluß ist unsicher. Aber es ist allgemeine Ueberlieferung in der Kirche, und die Malerkunst hält sich dadurch für berechtigt, den Johannes vorzugsweise als Jüngling darzustellen. Alle Apostel waren unstreitig junge frische Männer, als sie zu Jesu kamen. Nur solchen konnte er das schwere Amt der apostolischen Mission, welche frische junge Manneskraft forderte, anvertrauen; nur von solchen hoffen, daß sie noch empfänglich genug waren für seine Lehre und Jüngerschaft. Aber bei aller Vorbereitung darauf durch Weissagung und Sehnsucht im Volke, war sein Evangelium doch etwas so Neues, Erhabenes und Schweres, daß nur jugendliche Gemüther aus dem schlichten Volke im Stande waren, sich allmählig in dasselbe hineinzufinden, und sich vom Judenthum loszureißen. Es mag sein, daß Johannes unter diesen der jugendlichste und frischeste war. Indessen war auch er, wie die anderen, in den Vorurtheilen seines Volkes und seiner Zeit befangen. Der Täufer hatte ihn nur vorbereitend auf Christus hingewiesen. Das volle Verständniß des Evangeliums vom Himmelreich konnte ihm auch der Täufer nicht geben; er besaß es selbst nur in einem dunklen prophetischen Worte, und blieb vor der Pforte des Messianischen Himmelreiches stehen. Wie empfänglich auch Johannes von Natur sein und in seiner ganzen individuellen Art dem Herrn nahe stehen mochte, er bedurfte, wie alle Jünger, der Wiedergeburt, der Entwöhnung von dem alten und der Gewöhnung zu dem neuen Leben. Die einzelnen Momente seiner Entwickelung, seiner Bildung zum Apostelamte kennen wir nicht. Aber unstreitig hat darauf ganz besonderen Einfluß gehabt, daß er mit Petrus und seinem Bruder vom Herrn eines besonderen engeren Umganges gewürdigt wurde. In diesem engeren Verhältnisse ist er mit den beiden anderen Zeuge besonders merkwürdiger Zustände im Leben des Herrn, ist gegenwärtig bei der Erweckung der Tochter des Jairus (Mark. 5,37.), bei der wunderbaren Verklärung auf dem Berge (Matth. 17,1. ff.), und in Gethsemane bei dem inneren tiefen Gebetskampfe (Matth. 26,37.). Aber noch mehr! Er wird gerade im vierten Evangelium als derjenige bezeichnet, der dem Herrn noch näher stand, als die beiden anderen, den der Herr besonders lieb hatte, der bei dem letzten Mahle dem Herrn zunächst saß an dessen Busen, der Busenfreund, den die anderen Apostel auch dafür ansahen, so daß sie glaubten, er habe, als der Herr von dem Verräther sprach, ohne ihn zu nennen, eine Frage frei an ihn, die sie nicht zu thun wagten (Joh. 13,23. ff.). Ihm empfiehlt Jesus sterbend seine Mutter zu kindlicher Pflege an seiner Statt (Joh. 19,26. u. 27.). Aber bei aller dankbaren Gegenliebe und Treue ist er, doch nur ein schwacher menschlicher Freund des Heiligen. Er flieht, wie die übrigen Jünger, bei der Gefangennehmung Jesu. Allein er sammelt sich bald wieder und folgt mit Petrus seinem Herrn auf dem Leidenswege bis in des Hohenpriesters Palast (Joh. 18,15.16.), und war, wie es scheint, ziemlich anhaltender und dreister Zeuge der letzten Begebenheiten. Er steht mit der Mutter Jesu und anderen galiläischen Frauen unter dem Kreuze, und nach dem Tode des Herrn ist er derjenige Jünger, der auf die Nachricht der Maria Magdalena, daß der Leichnam des geliebten Meisters nicht mehr im Grabe sei, mit Petrus zum Grabe eilt, aber schneller läuft, als dieser. Die Erzählungen von den Offenbarungen des auferstandenen Christus an seine Jünger am See Tiberias (Joh. 21.), auch selbst die wunderliebliche Erzählung, wie der Herr den Petrus, der ihn dreimal verläugnet hatte, dreimal fragt: liebst du mich? und dreimal ihm das Hirtenamt anbefiehlt, und ihm dann seinen Märtyrertod voraussagt, u. s. w. haben manche historische Schwierigkeit und Dunkelheit, das aber geht klar und gewiß daraus hervor, daß das innigere persönliche Verhältniß Christi zu seinem Lieblingsjünger auch nach der Auferstehung sich fortsetzte und immer mehr verklärte.

Diese besondere persönliche Freundschaft Jesu zu Johannes gibt diesem einen besonderen Glanz, und macht ihn der Christenheit besonders lieb und theuer. Man wüßte gern, welcher Art dieselbe gewesen und worauf sie sich gegründet. Der heilige Gottessohn liebte, wie Johannes selber sagt 13,1., die Seinen alle mit gleicher Liebe bis zu Ende. Dies schloss aber so wenig die besondere persönliche Freundschaftsliebe zu den Einzelnen aus, als sie dadurch irgendwie verkümmert und verletzt werden konnte. So stand ihm auch unter seinen Jüngern der eine näher, als der andere; zunächst freilich, je nachdem sie zur Jüngerschaft und dem Apostelthume begabter, tüchtiger waren; aber auch wohl, je nachdem ihre Individualität der seinigen verwandter war, innerlich und äußerlich. Es ist freilich nur Vermuthung, wenn man sagt, es sei im Johannes eine gewisse Andacht zum Herrn gewesen, ähnlich wie in der Maria, der Schwester des Lazarus (Luk. 10,38. ff.), ein idealer, sich gern vertiefender Sinn, und dies müsse sich auch in seiner äußeren jugendlichen Erscheinung und seinem ganzen Benehmen gezeigt, und den Herrn besonders angezogen haben. Aber diese Vermuthung wird allerdings insbesondere durch das Evangelium und den ersten Brief bestätigt, obwohl beide Schriften aus einer Zeit im Leben des Johannes sind, wo das persönliche Freundschaftsverhältniß zu dem Herrn in seiner irdischen Erscheinung schon durch den verklärten jenseitigen Christus verklärt und ganz pneumatisch geworden war. Es wird uns von Mark. 3,17. erzählt. daß Christus die beiden Söhne des Zebedäus einst Donnersöhne genannt habe. Wir wissen nicht, wann dies geschah, was dazu den Herrn veranlaßte, ja selbst der Sinn des Beinamens ist zweifelhaft. Wahrscheinlich ist, daß der Beiname sich auf eine Temperamentseigenthümlichkeit der beiden Brüder bezieht, und daß er eine gewisse natürliche Heftigkeit und schnelle, gleichsam detonierende Affectuosität bezeichnen soll. Christus will damit die Brüder nicht gerade tadeln. Das natürliche individuelle Temperament hat auch in der Jüngerschaft Christi sein Recht, es wird die Naturbedingung entsprechender sittlicher Virtuositäten der Individuen. Und so kann es sein, daß der Herr die Brüder durch den Beinamen darauf aufmerksam machen wollte, in welcher Art und Richtung sie sich weiter auszubilden, welche besondere Aufgabe sie hätten, entsprechend ihrem natürlichen Charisma. Ein Beispiel dieser Temperamentsart der Zebedaiden finden wir bei Luk. 9,51 ff., ein anderes von Johannes allein Luk. 9,49 ff. vergl. Mark. 9,38 ff. Solche Aufgeregtheiten, Zornigkeiten aus edlen Motiven, mögen zu dieser Namengebung Veranlassung gegeben haben. Aber aus beiden Erzählungen sieht man deutlich, wie sehr dem Herrn daran lag, die Temperamentsart der beiden Brüder durch den heiligen Geist zu verklären und von ihrer natürlichen Unart zu befreien. Was insbesondere den Johannes betrifft, so scheint dieser Donnersohn sich vorzugsweise in der Auffassung der christlichen Idee des scheidenden Gerichts und des ausschließenden Gegensatzes zwischen Wahrheit und Irrthum, Gut und Bös verklärt zu haben. Davon zeugen sein Evangelium und erster Brief.

Nach der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn treffen wir den Johannes zuerst wieder in der apostolischen Stiftung der Muttergemeinde von Jerusalem; neben Petrus erscheint er (Apost.Gesch. 3,1 ff.) im Tempel lehrend, dann auch mit diesem auf einer apostolischen Mission in Samarien, zur Befestigung und Mittheilung des heiligen Geistes an die neuen Christen (Apost.Gesch. 8.). Er kehrt mit Petrus von da nach Jerusalem zurück (Ebend. 8,25.). Aber seitdem schweigt die Apostel-Geschichte gänzlich von ihm. Nur von Paulus erfahren wir (aus Gal. 2,1-9.), daß, als dieser in Jerusalem war, um sich über seinen besonderen Heidenapostolischen Beruf mit den Zwölfaposteln und der Muttergemeinde zu verständigen, Petrus und Jakobus (der Bruder des Herrn) und Johannes daselbst anwesend waren und vorzugsweise als Säulen der Gemeinde galten. Ist dies, wie wahrscheinlich, dieselbe Anwesenheit des Apostels Paulus in Jerusalem, von welcher Apost.Gesch. 15,1 ff. erzählt wird, so war Johannes etwa um das Jahr 53 (nach Christus) noch in Jerusalem. Bis dahin scheint er auch keine auswärtige apostolische Mission gehabt zu haben. Wann er Jerusalem für immer verlassen, ob noch vor der Zeit, wo Paulus das letzte Mal in Jerusalem war und daselbst nur den Jakobus an der Spitze der Muttergemeinde fand, also im Anfange der sechziger Jahre, (Apost.Gesch. 21. ff.), oder etwas später, erst im Anfange des Jüdischen Krieges, wissen wir nicht. – Aber unstreitig ist die Zeit, wo er außerhalb des heiligen Landes das apostolische Amt antrat, eine Hauptepoche in seiner geistigen Lebensentwickelung.

Die älteste Ueberlieferung der Kirche bezeugt einstimmig, daß Johannes, – wahrscheinlich nach dem Tode des Apostels Paulus, welcher bis zuletzt selbst noch von Rom aus in seiner Gefangenschaft die kleinasiatischen Gemeinden, deren Mittelpunkt oder Muttergemeinde Ephesus war, leitete, durch Sendschreiben und Sendboten aus seinem engeren Schülerkreise, – in dem kleinasiatischen Gemeindekreis an die Spitze der apostolischen Mission trat, apostolisches Oberhaupt, gleichsam Oberhirt dieses Kreises wurde. Polykrates, Bischof von Ephesus, im zweiten Jahrhundert, nennt in seinem Osterschreiben an den römischen Bischof Victor den Johannes eben den Jünger, der bei dem letzten Mahle am Busen des Herrn lag, den Zeugen und Lehrer, den neutestamentlich priesterlichen Mann, einen großen Gründer der asiatischen Kirchen, und bezeugt, daß derselbe in Ephesus gelebt und gestorben sei. Dasselbe bezeugt nach der Aussage des Bischofs Polykarp von Smyrna, der für einen Jünger des Apostels gehalten wurde, der Bischof Irenäus von Lyon, ein geborener Asiat, am Ende des zweiten Jahrhunderts, welcher den Polykarp noch in seiner Jugend gesehen und gehört hatte. Eben nach Irenäus soll Johannes in Ephesus lange gelebt und gewirkt haben, und im hohen Alter zur Zeit des Kaisers Trajan, welcher im Jahre 98 zur Regierung kam, gestorben sein. So gewiß dies ist nach dem einstimmigen Zeugnisse der alten Kirche, so wenig hat es irgend Grund, was auch erst späterhin in der Kirche gesagt wurde, daß Johannes auch unter den Parthern das Evangelium verkündigt habe. Aus der Zeit seiner ephesinischen Wirksamkeit hat uns Klemens von Alexandrien, einer der gelehrtesten griechischen Väter aus dem Anfange des 3ten Jahrhunderts, eine Erzählung aufbewahrt, welche er selbst für vollkommen sicher hält, und welche eine der schönsten Erzählungen des christlichen Alterthums, uns von dem Charakter des Apostels und der Art seiner ephesinischen Wirksamkeit ein deutliches anziehendes Bild gibt. Nachdem, so erzählt er, Johannes nach dem Tode des Tyrannen Domitian, aus seinem Exil auf der einsamen Insel Patmos (Palmosa), wohin ihn jener verwiesen hatte, nach Ephesus zurückgekehrt sei, habe er schon im hohen Alter, er heißt vorzugsweise in der Erzählung der Greis, von Ephesus aus eine Missionsreise zu den benachbarten Völkerschaften seines apostolischen Sprengels unternommen, um hier Gemeinden, Bischöfe und Klerus zu ordnen. Auf dieser apostolischen Ordinations- und Visitationsreise habe er in einer Stadt in der Versammlung der Brüder einen Jüngling erblickt, welcher ausgezeichnet an Körper und Geist seine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Bei seinem Abschiede habe er dem Bischof der Gemeinde jenen Jüngling zu besonderer Obhut und Pflege empfohlen. Anfangs habe dieser auch die christliche Lehre und Zucht des Bischofs gern angenommen, aber nachdem er getauft worden, und der Bischof von seiner strengen Zucht nachgelassen, sei er ein Raub der Verführung geworden, und so dem christlichen Leben immer mehr entfremdet, habe er sich unter eine Räuberbande begeben, und sei deren Haupt geworden, und der blutdürstigste, grausamste unter den bösen Gesellen. Als Johannes nach einiger Zeit die Gemeinde wieder besucht und von dem Abfall und dem Verderben des jungen Mannes gehört, habe er sich im tiefen Schmerz darüber eilends auf den Weg gemacht, die Bande aufgesucht, sich von ihr gefangen nehmen und zu ihrem Anführer bringen lassen. Durch bewegliche, väterlich liebevolle Rede habe er dann diesen endlich dahin gebracht, daß er in aufrichtiger Reue und mit neuer Glaubenskraft zur Gemeinde zurückgekehrt sei.

Unverkennbar ist in dieser Erzählung der Donnersohn Johannes, der rasche, erschütternde, und zugleich der Lieblingsjünger des Herrn, der Apostel der heiligen Liebe.

Die Geschichte des Johannes besonders in der ephesinischen Periode seines Lebens ist späterhin in der Kirche vielfach durch allerlei Mythen und Legenden ausgeschmückt worden. Aber der wahre Schmuck des Apostels ist eben seine wahre Geschichte, und der unvergängliche Kranz um sein edles apostolisches Haupt sind für uns seine Schriften im Neuen Testament. Wir wollen daher von den späteren mehr und weniger unsicheren Erzählungen aus den letzten Jahren seines Lebens nur zwei noch hervorheben, weil sie im Zusammenhang mit seinen Schriften zu stehen und eine Art von Reflex derselben zu sein scheinen. Die erste, schon von Irenäus auf das Zeugniß aus der Umgebung des Polykarpus mitgetheilt, erzählt, daß Johannes einst in Ephesus mit dem judenchristlichen gnostischen Häretiker Cerinth in einem öffentlichen Bade zusammengetroffen sei, dasselbe aber augenblicklich verlassen habe, mit den Worten, daß er fürchte, das Gebäude werde zusammenstürzen, weil Cerinth der Feind der Wahrheit darin sei. Später heißt es, nicht Cerinth, sondern Ebion sei dieser Ketzer gewesen. Eine solche Aeußerung des Johannes würde dem scharfen Worte (2. Br. V. 10.) entsprechen, wo er verbietet, die Gegner der Wahrheit aufzunehmen und zu grüßen. Außerdem aber reflectiert sich in dieser Erzählung die polemische Beziehung des Evangeliums und auch des ersten Briefes auf Häresien, wie die des Cerinth und Ebion. Die andere, von Hieronymus im 4ten Jahrhundert zuerst und allein erzählt, läßt den Apostel, als er schon zum Sterben schwach war, von seinen Schülern in die Versammlung der Brüder tragen. Nicht mehr im Stande, zusammenhängend zu reden, habe er, wird erzählt, wiederholt nur das eine Wort ausgerufen: Kindlein, liebet Euch unter einander. Als man verwundert ihn gefragt: Meister, warum immer nur dasselbe Wort? habe er geantwortet, weil es das Gebot des Herrn ist, und die Beobachtung desselben alles befaßt, was ein Christ zu thun habe. Das Wort des sterbenden, abscheidenden Apostels, ist es nicht die kurze Summe seines ersten Briefes? Man hat es das Testament des Johannes genannt.

Schon Ev. 21,21 ff. wird erzählt, daß aus dem Worte Christi an Petrus: Wenn ich will, daß Johannes bleibe, bis daß ich wiederkomme, was geht das dich an, Petrus? schon sehr früh durch einen Mißverstand die Sage hervorging, Johannes werde nicht sterben. Späterhin setzte man hinzu: Johannes sei wohl begraben, aber er schlafe nur im Grabe und sein Athem bewege die Erde auf seinem Grabhügel. Im Mittelalter wird diese Sage vielfach wiederholt und geglaubt. Der Mißverstand ist klar und wird schon im Evangel. 21,23 ff. widerlegt. Man mag ihn als ein Bild davon betrachten, daß der Apostel, wie freilich die anderen Apostel auch, unsterblichen Namens und Lebens sei in der Kirche, vornehmlich durch seine Schriften.

Was nun diese Schriften betrifft, so haben wir im Neuen Testamente fünf Bücher unter dem Namen des Johannes: das Evangelium, drei Briefe und die Offenbarung des Johannes. Unter diesen entsprechen das Evangelium und der erste Brief am meisten, am unmittelbarsten dem aufgestellten Lebensbilde des Apostels, wie denn auch beide uns die eigenthümliche Art des Lieblingsjüngers so in der Darstellung wie im Inhalte am anschaulichsten machen; so daß, je nachdem der zweite und dritte Brief und die Offenbarung jenen beiden Schriften entsprechen oder nicht, darnach sich der Grad der Sicherheit bestimmt, mit welchem wir dieselben für Schriften desselben Verfassers anerkennen.

Es ist nicht der Ort, die Schriften genauer im Einzelnen zu charakterisieren. Es genügt, darauf aufmerksam zu machen, daß das Evangelium das Leben des Herrn, wie es der Verfasser selber angeschauet hatte, nach seinen Hauptmomenten darstellt als das Leben, Lehren, Wirken, Leiden, Sterben und Auferstehen des fleischgewordenen uranfänglichen Wortes, des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit, als das wahre Licht und Leben der Menschen, als die heilige Liebe, welche zum Heil der Menschen das irdische Leben frei in den Tod gibt — den bitteren, schmachvollen Kreuzestod. Je mehr der Evangelist in das innerste Leben und Denken des Herrn, gleichsam in das Herz desselben eindringt, und aus tiefstem Verständniß seiner Person und seines Wortes ihn darstellt, desto mehr kann man von seinem Evangelium in Vergleichung mit den drei anderen sagen, was schon ein alter griechischer Kirchenvater, Klemens von Alexandrien, sagt: es sei das wahrhaft geistige Evangelium, oder wie unser deutscher Kirchenvater D. Luther, es sei das einzige, zarte, rechte Hauptevangelium und den anderen weit vorzuziehen und höher zu halten, womit aber Luther nicht gemeint war, die drei ersten zu verachten, da er sie so gut für Gottes Wort und heilige Schrift hielt, wie das Evangelium des Johannes. In demselben Sinne sagte der große Leipziger Philolog und Theolog J. v. Ernesti von dem Evangelium, es sei das Herz Christi (pectus Christi), und dann Herder, es habe einen stillen Zauber, sei ganz Herz und Seele, das bleibende Evangelium, der Geschichte Christi Geist und Wahrheit.

Nicht weniger fesselt uns der erste Brief durch Inhalt und Darstellung. Johannes zeigt darin denselben Lesern, für welche er das Evangelium bestimmt hat, daß, wer in Jesu Christo, dem Sohne, Gott den Vater erkenne und an der Gnade Gottes in der Sendung seines Sohnes im wahren Glauben Theil habe, eben in diesem Erkennen und Glauben sich für verpflichtet halten müsse, das Gebot Gottes, die Summe aller Gebote, das Gebot. der Liebe streng und treu zu beobachten, Gott über Alles zu lieben und die Welt und ihre Lust zu verleugnen, in dieser Liebe aber allezeit Gott und die Brüder in der That und Wahrheit zu lieben, so, daß er seine Liebe zu Gott bethätige und bewähre in der Liebe zu den Brüdern, diese aber auf jene gründe, nach dem ewigen Vorbilde des heiligen Sohnes Gottes. Wer diesen recht im Glauben festhalte, der habe damit auch den Vater, und in diesem kraft seines Geistes die Welt überwunden, wer aber die Welt überwunden habe, dem sei es auch nicht schwer, die Gebote Gottes treu zu halten und sich vor der Sünde wie vor der Lüge zu bewahren.

Die beiden anderen Briefe an einzelne Personen unter besonderen historischen Verhältnissen, die wir nicht kennen, sind nach Inhalt und Form aus dem ersten zu verstehen.

In der Offenbarung, dem letzten Buche, dem einzigen prophetischen im Neuen Testament, enthüllt der Verfasser, was ihm der Herr auf Patmos im Exil geoffenbaret hatte über seine nahe Wiederkunft, und die Zeichen derselben in der Zeit, nicht zur Befriedigung einer müßigen Neugier, sondern zur Buße und zur Tröstung in schwerer, gefahrvoller Zeit. Er beschreibt diese Wiederkunft als die Zerstörung des Antichrists, jener bösen Weltmacht, deren Mittelpunkt das heidnische Rom war, als die Ueberwindung des Satanas, des Urhebers aller antichristlichen Macht und Gewalt in der Welt, und als die darauf erfolgende Vollendung seines Reiches, als das Herabkommen des himmlischen Jerusalems, der wahren Gottesstadt, Des wahren, unverlierbaren Paradieses u. s. w.

Man kann zweifeln, und hat es vielfach von Anfang an in der Kirche gethan, ob dieses prophetische Buch wirklich ein Werk des Apostels Johannes sei. Die frommsten und besonnensten Theologen, unter denen auch unser D. Luther war, haben großes und gegründetes Bedenken getragen, diese Schrift dem Apostel Johannes beizulegen. Aber wenn es auch nicht von unserem Apostel verfaßt ist, – Gott hat es so geordnet, daß die Kirche es in die heilige Schrift des Neuen Testamentes aufgenommen hat, und wir haben alle Ursach, ihm zu danken, daß wir in diesem Buche die schönste und wahrste Weissagung des heiligen Geistes Christi von dem Ende der Dinge und dem von Gott geordneten Gange der Weltgeschichte, das heißt eben seines Reiches auf Erden haben, durch welche wir uns in jeder Zeit orientieren können über den Stand, Fortgang und Rückschritt seiner heiligen Kirche in der Welt. Wer aber das Buch eben dazu, wozu es Gott in seiner Kirche bestimmt hat, recht gebrauchen will, der muß es lesen nach den Gesetzen der Wissenschaft mit christlicher Weisheit und christlichem forschenden Verstande, nicht in leichtsinniger oder trübsinniger frommer Schwärmerei und mit eitler, unchristlicher Neugier die Zukunft wissen, und Tag und Stunde, wann der Herr kommt, berechnen zu wollen. Dies ist strafbarer Vorwitz, den das Buch selbst verbietet. Wer es nicht so liest, wie er soll, der liest es sich zum Verderben, zur Verwirrung des Geistes und zum Gericht.

Friedr. Lücke in Göttingen.

Thomas, der heilige Apostel Christi

zu Calamina von den wilden (Menschen) mit glühenden Platten gepeinigt, in einen Ofen geworfen und mit Spießen in die Seite gestochen, ungefähr im Jahre 70

Thomas mit dem Zunamen Dydimus, das ist Zwilling, ward geboren in Galiläa, seiner Handtierung nach, wie es scheint, ein Fischer.

Man findet nichts beschrieben bei den Evangelisten von seinen Eltern und von der Zeit seiner Bekehrung, sondern nur allein von seiner Berufung zum Apostelamt.

Seine Liebe und innige Zuneigung, welche er zu Christo hatte, beweist er dadurch, daß er seine Mitbrüder ermahnte, mit hinauf nach Jerusalem zu gehen, um daselbst mit Christo zu sterben.

Aber weil er noch nie bis auf’s Blut gestritten, und auch in Ansehung des Todes Christi noch in einem gewissen Unverstand war, so hat er, gleichwie auch die andern, als ihn die Not überfiel, den Herrn verlassen.

Nachdem der Herr auferstanden war, und sich in seiner Abwesenheit den übrigen Aposteln offenbart, so konnte er solches, wie er selbst meldet, nicht glauben: es sei denn, daß er seine Finger stecke in das Mal der Nägel, womit der Herr ans Kreuz genagelt war, und lege seine Hand in des Herrn Seite, welche ein Kriegsknecht mit einem Speer geöffnet hatte. Als es sich nun zutrug, daß der Herr wiederum erschien, und sich ihm offenbarte, sagend: Bring her deine Finger und sieh meine Hände, und lege deine Hand im meine Seite etc. Da ward er überzeugt und fing an, Christum mit göttlichen Ehrentiteln zu begrüßen, ausrufend: Mein Herr und mein Gott!

Hernach hat er nebst den übrigen Aposteln Befehl empfangen, das Evangelium auf dem ganzen Erdkreis zu verkündigen, und alle Gläubigen zu taufen, zu welchem Ende er zehn Tage hernach, nämlich am Pfingstfeste, mit seinen übrigen Mitknechten den heiligen Geist in reichem Maße empfing.

Wie die Geschichte meldet, so hat er Thaddäus kurz nach der Auferstehung Christi an den König Abgarus abgesandt.

Als ihm aber Parthien in Indien und Aethiopien nebst vielen andern Landschaften zuerkannt wurden: hat er dieselben durchreist, doch hat er, wie es scheint, sich gescheut nach Mohrenland und zu andern wilden indianischen Völkern zu gehen: nichtsdestoweniger, als er von Gott gestärkt ward, hat er daselbst viele Menschen zu Gott bekehrt.

Von dem Ausgang Thoma ist dieses die wahrscheinlichste Beschreibung, welche bei den Alten gefunden wird, nämlich, daß er zu Calamina, einer Stadt in Ostindien, die gräuliche Abgötterei der Heiden, welche daselbst das Bild der Sonne anbeteten, hat aufhören machen, also daß er durch die Kraft Gottes den bösen Feind gezwungen, das Bild zu zerstören.

Hierüber ist er von den Götzen-Priestern bei ihrem König verklagt worden, welcher ihn dahin verurteilte, daß er zuerst mit glühenden Platten gepeinigt, hernach in einen glühenden Ofen geworfen und verbrannt werden sollte.

Aber die Götzen-Priester, die da vor dem Ofen standen und sahen, daß ihn das Feuer nicht verzehrte, haben seine Seite, als er in dem Ofen lag, mit Spießen und Wurfpfeilen durchstochen, und ist also seinem Herrn Jesu Christo in der Standhaftigkeit gleichförmig geworden, welchen er auch bis an seinen Tod bekannt hat. Hieronymus meldet, daß sein Leichnam, welcher wie zu ersehen war, aus dem Feuer ist gerissen worden, an demselben Ort, wo er entschlafen, auch begraben worden.

DER BLUTIGE SCHAUPLATZ ODER MARTYRER SPIEGEL DER TAUFFSGESINTEN ODER WEHRLOSEN-CHRISTEN die um des Zeugnisses Jesu, ihres Seligmachers, willen gelitten haben, und getödtet worden sind, von Christi an, bis auf das Jahr 1660

Simon Zelotes und sein Bruder Thaddäus

beide um der Wahrheit Christi willen getödtet; der eine gekreuzigt, der andere mit Stöcken todt geschlagen, ungefähr im Jahre Christi 70

Simon der Cananiter, mit dem Zunamen Zelotes, das ist Eiferer, ein Sohn Alphäi und Bruder Jakobi, Josä und Judä, einer von den Verwandten in der Freundschaft Christi, dieser ward von Christo unter die Zahl seiner zwölf Apostel aufgenommen, um das Evangelium zu lehren erstlich unter den Juden, hernach auch unter den Heiden, um welcher Ursache willen er mit den andern, welche mit ihm in gleichem Dienste standen, am Pfingsttag dem heiligen Geist empfing.

Er reisete in Egypten, Cyrenen, Afrika, Mauritania, durch ganz Lybien, und in die Eiländer von Großbritannien, woselbst er das Evangelium lehrte. Später, nachdem er aller Orten gepredigt, kam er auch in England an die Westsee und ihre angrenzenden Orte.

Endlich ist er (wie andere berichten) nach Persien abgereist, woselbst er seinen Bruder Judas gefunden, welche zusammen in der Bedienung des Apostelamts verharreten und beständig blieben, auch die göttliche Wahrheit mit ihrem Blute versiegelt haben.

Von Simon Zelotes wird ferner besonders gesagt, daß er von einem gewissen Landpfleger in Syrien auf eine grausame Weise gekreuzigt worden sei.

Von seinem Bruder Judas, mit dem Zunamen Lebbäus oder auch Thaddäus, welcher auch ein Apostel Jesu Christi gewesen, wird in den evangelischen Geschichten nichts gemeldet, nur wird gesagt, daß er dem Herrn Jesu die Frage stellte: „Herr! was ist es, daß du dich uns und nicht der Welt willst offenbaren?“

Dieser ist es, welcher auch einen trostreichen Brief an die Gläubigen geschrieben, in welchem er sie vermahnet, zu verharren in dem einmal angenommenen allerheiligsten Glauben; dabei er den Ungläubigen mit dem schweren Urteil Gottes drohet.

Vermöge der Abteilung der Welt, welche unter den Aposteln geschehen zur Ausbreitung des Evangelii, ist er gereist in Mesopotamien, Syrien, Arabien, als auch nach Edessa.

Zuletzt aber, als er in Persien reiste, hat er sich daselbst der heidnischen Abgötterei widersetzt, und sie bestraft, weßhalb er von den Götzen-Priestern, welche ihren Gewinn dabei verloren, todtgeschlagen ward.

Simon der Cananiter oder Zelotes (ein Sohn Alphäi) wird von etlichen nicht unterschieden von Simon dem Bischof zu Jerusalem, welcher ein Sohn Cleopha war, woraus der Irrtum entstanden, daß gesagt wird, Simon Zelotes sei getötet worden im Jahre 108.(Siehe biblisches Namenbuch, Fol. 870, Kol. 1) welches eigentlich von Simon, dem Bischof zu Jerusalem, dem Sohn Cleophä zu verstehen ist. Denn Simon Zelotes und sein Bruder Judas Thaddäus sind, dem Berichte nach, getödtet worden in dem Ausgange der Verfolgung Neronis im Jahre Christi 70.

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Simon Petrus, der heilige Apostel

unter dem Kaiser Nero mit dem Haupte niederwärts gekreuzigt im Jahre Christi 69

Simon Jonas (nachmals Cephas im Syrischen, das ist auf Griechisch Petras oder Petrus genannt) war ein Bruder Andreas, gebürtig zu Bethsaida in Galiläa, seiner Handthierung nach ein Fischer. Er hatte seine Wohnung zu Capernaum bei seines Weibes Mutter. Sein Bruder Andreas, welcher ein Jünger Johannes gewesen, brachte ihn zuerst zu Christo, kurz darnach wurden sie beide von dem Fischen abberufen, und zu Menschen-Fischern gemacht.

Er ward von Christo, seinem Seligmacher fleißig unterrichtet, und machte solche Fortschritte, daß er der Sprecher oder Wortführer aller Apostel geworden ist. Durchgehends war er der Freimüthigste in Fragen und Antworten; auch eiferte er am meisten für Christum, um Ihm seine Liebe und Treue zu erweisen, wiewohl er auch zu Zeiten einige Unbedachtsamkeiten beging, worin ihn dann der Herr, wie ein Vater mit seinem Kinde zu thun pflegte, getreulich unterwies, und ihn, so viel es nöthig war, freundlicher Weise bestrafte.

Der Herr hat ihn auf eine sonderliche Weise geliebt, und ließ ihn, sammt Jakobo und Johanni, seine Herrlichkeit anschauen auf dem Berge Tabor, wovon er später Meldung machte an die auserwählt zerstreuten Fremdlinge, indem er sagte: wir haben seine Herrlichkeit gesehen etc.

Er war wohl unter Allen der Freimüthigste in seinem Anerbieten, um mit Christo zu leiden, aber der Schwächste, als der Streit anging. Der Herr hat ihn nebst den zwei Söhnen Zebedäi erwählt, um in dem Garten mit ihm zu beten und zu wachen; aber seine Augen, gleichwie auch der übrigen, waren schwer und schläfrig geworden; welches zu erkennen gab, daß er auch nicht mehr als ein schwacher Mensch gewesen, obgleich er besonders von Christo geliebt wurde. Wir wollen jetzt nicht melden, wie er Christum verläugnet, denn solches gehört nicht an diesen Ort, weil wir uns nichts anderes vorgenommen haben, als von seiner Treue und Standhaftigkeit bis an seinen Tod zu sprechen.

Nachdem ihm der Herr die zuvor gemeldete Entsagung seiner verziehen hatte, hat Er ihm dreimal befohlen seine Schafe und Lämmer zu weiden, welches er auch nach der Hand aufrichtig und nach allem Vermögen vollbracht.

Es sind durch seine Predigt an einem Tage bei dreitausend Seelen zum Glauben gekommen, welche sich sämmtlich taufen ließen und standhaft blieben in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, in dem Brodbrechen und in den Gebeten.

Er bekräftigte seine Lehre mit der Macht Gottes, durch Zeichen, in Folge der Verheißung Christi, wie zu ersehen an einem Krüppel, Anania, Saphira, Eneas, Tabitha und andern mehr.

Es ward ihm die Berufung der Heiden in einem Gesicht vom Himmel geoffenbart; weil er aber eigentlich ein Apostel der Juden war, so ist auch sein Dienst meistens unter der Beschneidung kräftig gewesen.

Da er aber solch ein trefflicher und würdiger Mann war in seinem Dienst, so gefiel es dem Herrn, daß er, einer mit von seinen Blutzeugen sein sollte, um die Wahrheit seiner Lehre nicht allein mit dem Munde, sondern auch mit seinem Blute und Tode zu versiegeln.

Welches ihm auch der Herr kurz vor seinem Abschiede aus dieser Welt vorhergesagt hat, indem ER zu Petro sprach: wahrlich, wahrlich, ich sage dir: als du jünger warst, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wohin du wolltest, aber wenn du alt, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein Anderer wird dich binden und führen, wo du nicht hin willst. Dieses sagte Er, meldet Johannes, um zu deuten, mit welchem Tode er Gott verehren würde. Joh. 21,18,19.

Dieses ist auch an ihm erfüllt worden: denn kurz nachher ward er in Jerusalem mit seinem Mithelfer Johanni vor den jüdischen Rath gestellt, und scharf bedrohet, um im Namen Jesu nicht mehr zu predigen, welches sie beide mit großer Freimütigkeit verantwortet haben, sagend: Richtet ihr selbst, ob es recht vor Gott sei, daß wir euch mehr denn Gott gehorchen. Apostelg. 4,19.

Hernach ward er wiederum gefangen mit den andern Aposteln, ist aber in der Nacht wunderbarer Weise durch einen Engel aus dem Gefängniß gelöst worden. Apostelgesch. 5,19.

Aber hernach ward er nicht allein gefangen, sondern auch nebst andern Aposteln gegeißelt und ihnen befohlen, gar nicht mehr im Namen des Herrn Jesu zu predigen; aber sie gingen fröhlich von dem Rath, weil sie würdig waren um seines Namens willen Schmach zu leiden., Apostelgesch. 5, 41, 42, 43.

Hernach legte der König Herodes die Hände an etliche von der Gemeine und tödtete Jakobum, Johannis Bruder, mit dem Schwert. Und als er sah, daß es den Juden wohl gefiel, fuhr er fort, fing Petrum auch, und legte ihn ins Gefängniß, und überlieferte ihn vier Viertheil Kriegsknechten, um ihn zu verwahren, und gedachte ihn nach dem Osterfeste dem Volke vorzustellen und ihn zu tödten; aber in der Nacht hat ihn des Herrn Engel ausgeführt, mitten durch alle Kriegsknechte, also, daß er wiederum bei den Gläubigen ankam, welche sehr über ihn erfreut wurden. Apg. 12.

Wie es die Geschichte bezeugt, so ist auch an ihm endlich erfüllet worden, was Christus vorhergesagt, daß er Gott mit seinem Tode verherrlichen würde. Daher, als er in Rom war, ist er durch den Kaiser Nero zum Kreuz verurtheilt worden. Weil er sich aber unwürdig achtete mit dem Haupte aufwärts, wie sein Erlöser gekreuzigt zu werden, begehrte er mit dem Haupte niederwärts gekreuzigt zu werden, welches ihm auch gleich bewilligt wurde, denn die Tyrannen waren bald willig und bereit, seine Pein zu vermehren. Dieses ist geschehen (wie bezeugt wird) nachdem Petrus siebenunddreißig Jahre das Evangelium gepredigt hatte, im siebenzigsten Jahre seines Alters.

DER BLUTIGE SCHAUPLATZ ODER MARTYRER SPIEGEL DER TAUFFSGESINTEN ODER WEHRLOSEN-CHRISTEN die um des Zeugnisses Jesu, ihres Seligmachers, willen gelitten haben, und getödtet worden sind, von Christi an, bis auf das Jahr 1660

Matthias, der heilige Apostel Christi

auf einem Felsen an ein Kreuz gebunden, gesteinigt, hernach enthauptet, im Jahre Christi 70

Matthias stammt, wie einige glauben, aus dem königlichen Hause Davids, welcher zu Bethlehem von Jugend auf in dem Gesetz Gottes wohl unterrichtet worden ist.

Er ist einer von den siebenzig Jüngern Christi gewesen, aber kurz nach des Herrn Himmelfahrt, als Judas Ischariot treulos von seinem Apostelamt abgewichen war, und sich selbst umgebracht hatte, ward er von den elf übriggebliebenen Aposteln, und von einer Schaar von hundertundzwanzig Männern durch ihr Gebet zu Gott, und durch’s Loos einstimmig erwählt an Statt des oben gemeldeten treulosen Judas zu einem Apostel und Gesandten Jesu Christi, um das Evangelium, folgend dem Befehle des Herrn, allen Völkern zu verkündigen und die Gläubigen zu taufen.

Hernach ward er nebst den übrigen elf Aposteln von dem jüdischen Rath gegeißelt, und ihnen befohlen, daß weder er noch die Uebrigen im Namen Jesu Christi predigen sollten.

Sie aber gingen fröhlich von dem Rath, weil sie würdig waren, um ihres Seligmachers willen Schmach zu leiden, und sie unterließen nicht, alle Tage in dem Tempel und hin und her in Häusern zu lehren, und Jesum Christum zu verkündigen.

Nachdem sich die Apostel um des Lehrens willen zerteilt hatten, ist nach Hieronymi Meinung dieser Matthias sehr weit in Aethiopien gereist, woselbst niemals jemand von den Aposteln gewesen ist, nämlich am allertiefsten im Lande, ja an den äußersten Enden, wo der Einfluß des Hafens oder des Stromes Asphar und Hyssus (in die See) ist, woselbst die allerunwissendsten und rohesten Menschen wohnen.

Diesen Menschen nun, welche in der allertiefsten Finsterniß der Unwissenheit saßen, ist das wahre Licht des Evangeliums durch den Dienst dieses Apostels aufgegangen.

Aber wie die Geschichte meldet, so ist er, nachdem er viele Seelen für Christum gewonnen, nach Judäam, Galiläam und Samariam zurückgekehrt, als nämlich durch die Zerstreuung der Apostel die Juden, welche dort herum wohnten, den Dienst des heiligen Evangeliums zu ihrer Bekehrung nicht genießen konnten.

Was den Ausgang und das Martertum Matthiä betrifft, so schreiben einige: daß er von den Heiden getötet worden sei, weil er sich geweigert dem Götzen Jupiter zu opfern.

Doch andere berichten, daß er um der Lästerung willen, dessen ihn die Juden beschuldigten, nämlich gegen Gott, gegen das Gesetz und gegen Mosen, von ihren Hohen-Priestern dahin sei verurteilt worden, daß er sollte an ein Kreuz gehängt, gesteinigt und hernach mit dem Beil enthauptet werden.

Aber sein Urteil war also beschaffen (weil er Jesum seinen Seligmacher nicht wollte verläugnen, sondern standhaftig bekannte) dein Blut sei auf deinem Haupte, denn dein Mund hat gegen dich selbst geredet.

Worauf er, wie einige schreiben, an ein Kreuz gebunden, andere sagen auf einen Felsen geführt, gesteinigt und vermöge des Todesurteils enthauptet worden.

 

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Matthäus, der heilige Evangelist

zu Nadavar unter dem König Hyrtacus an die Erde genagelt und enthauptet, ungefähr im Jahre Christi 70

Matthäus, sonst genannt Levi, ein Sohn Alphäi, ist ein Zöllner in Capernaum gewesen, welcher bei den Juden verachtet gewesen, die sich nicht für schuldig hielten, Zoll oder Schatzung an einen fremden Fürsten zu bezahlen.

Was den Zustand der Zöllner in derselben Zeit betrifft, so bestand derselbe darin, daß sie insgemein mehr von dem Volke nahmen, als gesetzlich erlaubt war, weßwegen sie von den Frommen gemieden wurden, also daß auch die offenbaren Sünder, welche von der Gemeine abgesondert waren, mit den Zöllnern verglichen wurden.

Da nun Matthäus (oder Levi) vor seiner Bekehrung sich auch mit solchem unrechtmäßigen Handel ernährte, so ist ihm doch Christus mit seiner Gnade zuvorgekommen, und hat demselben befohlen, ihm nachzufolgen als ein Jünger, welchem Befehle er aus innerlichem Antriebe nachkam, hat das Zollhaus verlassen, und als er eine große Mahlzeit zugerichtet zum Abschiede von seinen Mitgenossen, hat er seine Mit-Zöllner nebst dem Herrn Jesu dazu eingeladen, vermutlich damit sie durch die Reden Christi möchten Gelegenheit zu ihrer Bekehrung finden.

Hernach hat Matthäus alsobald alles verlassen, und ist seinem Herrn, der ihn berufen, eifrig nachgefolgt, der ihn auch nachgehends unterwiesen, und unter die Zahl der Apostel gesetzt, welches Amt er mit unter den Juden bis an den Tod Christi bediente.

Da er aber ausgesandt ward, um unter den Heiden zu lehren, ist im Aethiopien oder Mohrenland zum Teil zugefallen.

Ehe er das jüdische Land verließ, hat er durch Erleuchtung des heiligen Geistes sein Evangelium in hebräischer Sprache geschrieben und ihnen solches mitgeteilt.

In Aethiopien hat er große Frucht geschafft, sowohl mit Lehren als auch mit Wunderwerken, woselbst auch nach seinem Tode eine Abschrift seines Evangeliums für die Nachkömmlinge zurückgeblieben ist, aus welchem leicht zu ersehen ist, welchen Glauben er verteidigt, nämlich den Glauben an Jesum Christum, den Sohn Gottes, und daß er ein wahrhaftiger Mensch geworden durch die Kraft des heiligen Geistes in seiner Mutter Maria.

Es melden die Geschichtsschreiber, daß bald nach dem Tode des Königs Agilippi, welcher den Christen zugetan gewesen, dieser Apostel von seinem Nachfolger Hyrtacus, einem ungläubigen heidnischen Menschen verfolgt worden, welcher diesen frommen Apostel Christi zu einer gewissen Zeit, als er in der Gemeine Gottes lehrte, festnehmen, und ihn, wie einige schreiben, in der Hauptstadt von Aethiopien, Nadavar genannt, an die Erde festnageln und enthaupten ließ.

Woselbst er auch (wie Benantius Forturatus bezeugt) begraben ist.

Denn er meldet (schon lange vor tausend Jahren), die hohe Stadt Nadavar soll uns an dem jüngsten Tage diesen theuren Apostel Matthäus wiedergeben.

 

DER BLUTIGE SCHAUPLATZ ODER MARTYRER SPIEGEL DER TAUFFSGESINTEN ODER WEHRLOSEN-CHRISTEN die um des Zeugnisses Jesu, ihres Seligmachers, willen gelitten haben, und getödtet worden sind, von Christi an, bis auf das Jahr 1660

Jakobus, der Sohn Zebedäi

mit dem Schwert getödtet durch Herodes Agrippa zu Jerusalem im Jahre 45

Jakobus, mit dem Zunamen der Größere, war der Sohn Zebedäi und Salome. Dieser pflegte sich mit Fischen zu ernähren; nachdem er aber von Christo zu einem Jünger ist berufen worden, hat er seine Fischerei verlassen und ist ihm nachgefolgt.

Er ist nächst den andern Aposteln eine geraume Zeit in dem Apostelamt unterwiesen worden, bis er endlich ordentlich dazu ausgesandt wurde.

Er war ausgerüstet mit Gaben, Zeichen und Kräften zu wirken. Von wegen dieser sonderlichen Gaben war er einer von den Dreien, welche Boanerges, das ist Donnerkinder, genannt wurden. Er war in allen außerordentlichen Begebenheiten Christi gegenwärtig; gleichwie ihn dann der Herr selbst dazu erwählt hatte, um auf dem heiligen Berge seine Herrlichkeit anzuschauen, und darnach in dem Garten Gethsemane sein Leiden zu sehen.

Nicht weniger hat Christus von ihm geweissaget, daß er aus dem Kelch, woraus er (Christus selbst) trinken würde, auch trinken müßte, und daß er auch getauft werden müßte mit der Taufe, womit er selbst getauft worden, das ist: er sollte beides, seines Leidens und seines Todes theilhaftig werden.

Nach dem Tode Christi hat er sich zu den übrigen Aposteln gehalten, um mit ein Zeuge zu sein seines Leidens, Todes und seiner Auferstehung, um auch in den vierzig Tagen nach seiner Auferstehung von seinem Reich unterwiesen zu werden.

Nach der Himmelfahrt Christi blieb er auch zu Jerusalem, und nachdem er daselbst nebst den andern Aposteln den heiligen Geist empfangen, hat er das Evangelium gelehrt in Judäa und Samaria.

Wie einige melden, ist er von da nach Hispanien gereist; weil er aber daselbst wenig Frucht schaffen konnte, ist er wieder zurück in das jüdische Land gekehrt, wo er Hermogenes zum Gegner gehabt haben soll, welcher ein Zauberer gewesen. Wir übergehen jetzt viele Dinge mit Stillschweigen, welche erdichtet zu sein scheinen, und von Abdias, Bischof von Babylonien und Andern erzählt werden.

Dieses Apostels Lebenslauf hat sich nicht weiter erstreckt, als ungefähr bis in das vierte Jahr des Kaisers Claudii, als von Agapus eine Theuerung verkündigt ward, welche über den ganzen Weltkreis kommen sollte. Denn damals hatte Claudius Herodes Agrippa befohlen, die Kirche Christi zu unterdrücken; welcher auch seine blutigen Hände an diesen Apostel gelegt, und ihn ungefähr um das Osterfest gefangen setzen lassen. Kurz darauf ist er zum Tode verurtheilt, und in Jerusalem mit dem Schwerte getödtet worden, welches geschah in dem fünfundvierzigsten Jahr nach der Geburt Christi.

Clemens meldet, der Scharfrichter, nachdem er seine Unschuld bekannt, sei auch zum christlichen Glauben bekehrt und mit ihm getödtet worden.

Wie Eusebius Pamphilius und Clemens Alexandrinus berichtet, so ist der Richter selbst über den Tod Jakobi bewegt worden, also daß er sich für einen Christen bekannte, und demnach (wie er schreibt) beide mit einander zum Tode geführt worden. Und als man sie hinausgeleitete, hat er (nämlich der Richter) Jakobus gebeten, er wolle ihm vergeben; als sich aber Jakobus ein wenig bei sich beratschlagte, sagte er: Friede sei mit Dir, und küßte ihn, und also sind sie beide miteinander enthauptet worden.

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Jakobus Alphäi

oder der Bruder des Herrn, von dem Tempel gestoßen, gesteinigt und mit einem Stock todt geschlagen im Jahre Christi 63

Jakobus Minor oder der geringere war ein Sohn Alphäi, und Maria Cleophä, der Schwester der Mutter Christi, dieser wird genannt der Bruder des Herrn etc.

Er ward von Christo nach genugsamer Unterweisung eingesetzt zu einem Apostel, und ausgesandt zum Dienst der Juden, worinnen er sich bis an den Tod Christi sehr wohl betragen.

Darnach ward er nebst andern ausgesandt, um das Evangelium zu predigen, welches er verrichtete, unter der jüdischen Kirche bis an den Tod Johannes.

Und obschon Petrus, Jakobus und Johannes, sein Bruder, welche zwei letzte Söhne Zebedäi’s waren, als die besondern Apostel geachtet wurden, so ist doch dieser nach dem Tode Jakobi Zebedäi für eine von den drei Säulen der Kirche gehalten worden.

Dieser ward von den Aposteln zu dem ersten Aufseher der Kirche zu Jerusalem gesetzt, und das kurz nach dem Tode Christi.

Welchen Dienst er getreulich hat wahrgenommen dreißig Jahre lang, und brachte viel Volk zu dem wahrhaftigen Glauben, nicht allein durch die reine Lehre Christi (obschon vornehmlich), sondern auch durch sein heiliges Leben, weswegen er der Gerechte genannt ward.

Er war sehr standhaft und heilig, ein rechter Nazarener so wohl in Kleidern, als Speise und Trank, und bat täglich für die Kirche Gottes und allgemeine Wohlfahrt.

Dieser Apostel hat einen Sendbrief geschrieben zum Trost der zwölf Geschlechter, welche in der Zerstreuung waren, sagend: Jakobus, ein Dienstknecht Gottes und des Herrn Jesu Christi, Seligkeit sei den zwölf Geschlechtern, die hin und her zerstreut sind. Meine lieben Brüder, achtet es vor lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet etc.

Aber ob er schon mit vielen trefflichen Gründen die Seinen welche an den Namen Jesu glaubten, tröstete, so haben doch die ungläubigen Juden seine Lehre nicht vertragen können; also, daß Ananias, ein vermessener und grausamer Mensch, welcher unter ihnen Hoher-Priester war, ihn vor Gericht brachte, in der Absicht, ihn zum Läugnen zu nöthigen, daß Jesus der Christ sei, und sowohl seine göttliche Herkunft zu versagen, als auch die Kraft seiner Auferstehung.

Um welcher Ursache die Hohen-Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer ihn auf die Zinne des Tempels gestellt, zur Zeit des Osterfestes, um vor dem ganzen Volke seinen Glauben zu verläugnen.

Aber als er daselbst vor dem Volke stand, bekannte er mit mehr Freimüthigkeit, daß Jesus Christus der verheißene Messias, der Sohn Gottes, unser Seligmacher sei, und daß Er, sitzend zu der rechten Hand Gottes, wieder kommen soll in den Wolken des Himmels, um zu richten die Lebendigen und die Todten.

Um welches Zeugnisses Jakobi willen die Menge des Volkes Gott gepriesen, und den Namen Christi groß gemacht. Da schrieen die Feinde der Wahrheit: O dieser Gerechte hat auch geirrt! lasset uns ihn aus dem Wege räumen, denn er ist nichts nutz.

Also haben sie ihn von oben herunter geworfen, und gesteinigt. Doch nachdem er von dem Fall und dem Steinigen noch nicht getödtet, sondern seine Beine nur gebrochen waren, hat er auf seinen Knien liegend Gott gebeten für diejenigen, welche ihn steinigten, sagend: Herr! vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Deswegen einer von den Priestern für sein Leben bat, sagend: was macht ihr? dieser Gerechte bittet für uns, höret auf ihn zu steinigen; aber ein anderer von denjenigen, welche zugegen waren, hatte einen Walkers-Stock in seiner Hand, womit er ihm die Hirnschale eingeschlagen, worauf er starb und in dem Herrn entschlief, daselbst ist er auch begraben worden, ungefähr an dem Ort, da er vom Tempel herunter geworfen ward.

Dieses ist geschehen im Jahre unseres Herrn, dreiundsechzig, im sechsundneunzigsten Jahre seines Alters in dem siebenten Jahre der Regierung Neronis, als die Landpflegerstelle ledig stand, zwischen dem Tode Festi und der Ankunft Albini an seiner Stadt, als Ananias Hoher-Priester war, welcher diesen jämmerlichen Tod an Jakobi vollbracht hat.

Von diesem Jacobus steht im Apophthegm. Baudarti: Er hat so oft und so lange auf seinen bloßen Knien gelegen, um Gott dem Herrn die Sünden des Volkes abzubitten, daß seine Knie mit einer Haut überwachsen, so dick und hart, daß er kein Gefühl mehr in denselben hatte. O große und dauerhafte Gottesfurcht dieses heiligen Märtyrers.

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