Irenäus

Unter den Vätern des christlichen Alterthums, welche man recht eigentlich als geistige Erzeuger der Kirche anzusehen hat, nimmt eine der ersten Stellen Irenäus ein, merkwürdig insbesondere durch den Kampf, in welchem bei ihm die evangelische Gesinnungsart mit dem sich neu entwickelnden katholischen Bewußtsein liegt. Allein so bedeutend er in beiderlei Hinsicht ist und so hoch sein Name schon in der alten Kirche stand, so sehr verhüllt sich sein äußeres Leben in Dunkel. Wenige Punkte treten aus diesem Dunkel hervor. Dahin gehört sein früher Aufenthalt in Kleinasien, vielleicht seiner Heimath. Daß er Grieche von Geburt war, lernt man schon aus seinem Namen. Und wenn überall aus seinen zumeist auf das Praktische des Christenthums gerichteten Schriften uns etwas von johanneischer Klarheit, Tiefe und Innigkeit anspricht; so bestätigt ein kurzes, aber liebliches, bei Eusebius aufbewahrtes Bruchstück, daß Irenäus in erster Jugend wenigstens mittelbar mit diesem Apostelgreis in Verbindung stand. Bis in das höchste Alter erinnerte er sich mit liebevoller Treue der Tage, wo er, noch Knabe, aber bereits voll der Glaubensgluth seines spätern Lebens, zu den Füßen des ehrwürdigen Bischofs Polykarp von Smyrna saß, seinen Mittheilungen über die Wunder und Lehre des Herrn lauschend. Und die Freudigkeit, mit welcher dieser legte der Apostelschüler ein langes Leben im Dienst des Herrn auf dem Holzstoße schloss, konnte nicht verfehlen, dieses Bild apostolischen Glaubenssieges seinem Gemüth mit Flammenschrift einzuprägen. „Ich sah dich“, schreibt er in einem verloren gegangenen Brief an Florinus „da ich noch Kind war, bei Polykarp in Asien, und erinnere mich sicherer des damals als des erst jüngst Geschehenen. Denn was man in der Jugend lernt, verschmilzt mit der Seele, mit welcher es wächst. Sowohl der Ort, wo der selige Polykarp saß und sich unterredete, als seinen Eingang und Ausgang, seine Lebensweise, seine Körpergestalt, die Reden, welche er an das Volk hielt; ferner wie er von seinem Umgang mit Johannes und Andern, die den Herrn gesehen hatten, erzählte, von ihren Reden und dem, das er von ihnen über den Herrn gehört, in Uebereinstimmung mit der Schrift berichtete: das Alles kann ich angeben. Denn ich hörte es damals eifrig und bewahrte es nicht auf Papier, sondern in meinem Herzen, und erinnere mich dessen durch die Gnade Gottes jederzeit genau.“ Auch mit anderen unmittelbaren Schülern der Apostel pflog er Verkehr und theilte, was er aus ihrem Munde über die Verhältnisse der apostolischen Urzeit Denkwürdiges vernahm, bei Gelegenheit mit.

Später treffen wir ihn als Presbyter in dem blühenden Lyon, einem der mit Strömen Märtyrerbluts gedüngten Ursitze der Kirche im westlichen Europa, von wo christliche Erkenntniß und Bildung über einen großen Theil des Abendlandes ausging. Was ihn in diese damals noch weithin von dem Wahn des Götzendienstes gebundenen Gegenden führte, ob der innere Drang, ob ein äußerer Ruf: wer vermöchte es zu sagen? Aber so viel ist gewiß, daß er durch diese Uebersiedelung nicht bloß der Vermittler griechischer Theologie für die Kirche des Westens, sondern durch Wissenschaft wie praktisches Wirken, das Licht klassischer abendländischen Kirche wurde. Die reichen Talente, durch welche er glänzte, die thatkräftige Liebe für das Evangelium, welche ihn beseelte, mußten in gleichem Maß die Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Beweis dafür ist vielleicht schon die Presbyterwürde, womit ihn sein Bischof ehrte; sicherer die Sendung nach Rom, mit welcher ihn die Kirche von Lyon in Sachen des durch die montanistische Bewegung bedrohten Kirchenfriedens betraute. Mit feurigen Worten bezeugen die Märtyrer in dem Begleitschreiben an den Bischof Eleutherus in Rom seinen Eifer für den Gnadenbund Christi. Um diese Zeit erlag der hochbetagte Bischof Pothinus nach langen Mißhandlungen, aber ungebeugt, der Wuth der Verfolgung, welche die Kirchen des südlichen Galliens verstörte. Irenäus erschien als der Würdigste, welcher den verwaisten Stuhl bestiege. Es waren schwierige Verhältnisse, unter welchen der friedliebende Mann das Heft der obern Kirchenleitung in die Hand nahm (177.). Das Heidenthum, durch die immer sichtbareren Fortschritte der Kirche aufgeschreckt, schien sich zum blutigen Vertilgungskampf gegen die verhaßte Neuerung zu rüsten. Häretiker und Schismatiker, mit allen Künsten der Ueberreizung und Verführung die Einfalt der Ungebildeten überlistend, wühlten im Innern an der Einheit und dem Bestand der Gemeinden. Inmitten des katholischen Kirchenkreises selbst erhoben sich Zwiste über Fragen der kirchlichen Sitte. Aber Irenäus war nicht der Mann, welchen Schwierigkeiten oder Gefahren schreckten. Hätte sein Glaube noch einer Stütze gegen äußere Anfechtung bedurft, so lag sie in dem Bewußtsein: “ des Christen Geschäft ist, daß er zu sterben Sorge trägt.“ Seine bewunderungswürdige Belesenheit in der Schrift und klassischen Literatur, verbunden mit gleich großer Geistesschärfe und praktischer Heilserfahrung, setzte ihn in den Stand, die Irrgewinde der Häresie bis in ihr letztes Geflecht zu verfolgen und, im Netz der eigenen Folgesätze verstrickend, am Schriftzeugniß zu überwinden. Durch Besonnenheit und Milde bildete erden geborenen Vermittler zwischen streitenden Richtungen. Ergriffen von dem Einen großen Gedanken seines Lebens, Ausbreitung der auf den Glauben der Apostel gebauten Kirche, widmete er dem Dienst des Evangeliums das Beste seiner Kräfte. Es mag zweifelhaft sein, ob er auch als Missionar die Fackel des Glaubens austrug unter die umwohnenden Barbarenstämme. Dafür spricht, was er einmal mit der Frische des Augenzeugen erzählt, daß viele Barbaren auch ohne Papier und Dinte das Wort des Heils durch den göttlichen Geist lebendig in ihre Herzen geschrieben trügen. Ebenso mag bloße Dichtung sein, was spätere Jahrhunderte wissen wollten, daß er den Ruhm seines Lebens noch durch die Glorie des Märtyrerthums gekrönt habe (202.). Aber unsterblich sind seine Verdienste als kirchlicher Schriftsteller. Nicht Schönheit oder Schwung der Rede, nicht Genialität oder Neuheit der Gedanken, aber tiefe Ehrfurcht vor dem Worte Gottes, harmonisches Gleichmaaß der Bildung, kindliche Demuth in Sachen des Heils zeichnet ihn als solchen aus. Die Mehrzahl seiner Schriften ist bis auf Bruchstücke oder Aufschriften verloren. Das noch erhaltene Hauptwerk gegen die Ketzer in altlateinischer Uebersetzung, durch deren ängstliche Treue indeß der griechische Urtext noch leicht erkennbar hindurchschimmert, hat zum Gegenstand die Darstellung und Widerlegung des Gnosticismus. Ein Gegenstand, würdig der höchsten Anstrengungen. Denn wie kein Sturm äußerer Verfolgung, kein Riß schismatischer Absonderung, bedrohte damals im innersten Nerv das Leben der Kirche die falsche Weltweisheit, welche vom Streben nach höherer Erkenntniß sich selbst die Gnosis nannte.

Ein solches Streben nach tieferer Einsicht in die göttlichen Dinge war auch auf christlichem Boden an sich nicht unberechtigt. Das Evangelium ist mehr als blinder Glaube. Paulus kennt ein in Christus erschlossenes geistliches Verständniß und empfiehlt es als die Vollendung des Glaubens (Koloss. 1, 9. 2, 2. f.). Und wenn er anderswo dem Wissen die Thorheit der einfachen Predigt vom Kreuz warnend entgegenstellt, so gilt dies nicht dem Streben nach religiöser Erkenntniß an sich, sondern dem hohlen Wissensdünkel, der über das Haschen nach philosophischer Tiefe und Redekunst leichtfertig die Hauptsache im Christenthum, Liebe und Heiligung, aus den Augen verlor (1. Korinth. 1, 17. ff. 8, 1.), oder durch Einmischung altvettelischer Fabeln den Grund des Glaubens verkehrte und die Einheit der Gemeinden zerriß (1 Timoth. 4, 7. 6, 20.). Aber es liegt ebenso im Wesen des Christenthums, daß, wo es als die höhere Macht eintritt, es überall das Verwandte der vorgefundenen Bildung in seinen Kreis zieht und, wo es richtend in die Gewissen greift, die Nachtseite der Menschennatur aufstört. Am gewaltigsten ergriff damals das durch Knechtsinn und innere Zerfahrenheit haltlose Zeitalter sein Evangelium von der Erlösung und Freiheit. So mußte geschehen, daß sich frühe auch an die apostolischen Gemeinden Zeitideen und Schwärmereien aller Art, wie das Geflügel an das Licht, herandrängten; am zudringlichsten die gnostischen mit schweren, sittlichen Verkehrtheiten. Ihr Hauptheerd war Kleinasien, die Geburtsstätte das Judenthum sowohl wie das Heidenthum. Allen gemeinsam war das Brüten über den Verhältnissen der himmlischen Geisterwelt, sammt dem Bestreben, sich ihre Geheimnisse und Kräfte auf jede Weise dienstbar zu machen.

In dieser Absicht verbanden in dem phrygischen Kolossä judenchristliche Irrlehrer mit den Satzungen des Mosaismus einen mysteriösen Engeldienst, zu dem sie durch schmerzhafte Kasteiungen weihten (Koloss. 2, 8. 18. ff.). In Ephesus wie auf Kreta trug man sich mit Mährchen über den Ausfluß der Geisterwelt aus Gott, welche, in Verbindung mit Streitfragen über das Gesetz, anstatt Erbauung Zwiespalt weckten (1 Timoth. 1, 4. ff. Tit. 3, 9.). Anderwärts mißdeutete man das Recht christlicher Freiheit und den Reichthum der Gnade (2 Petr. 2, 19. Jud. v. 4.) auf Entfesselung des Fleisches. So verlockten in Ephesus, Pergamus und Thyatira die Nikolaiten das christliche Volk zur Theilnahme an den Opfergelagen der Götzen und frevelhaften Lüsten, ähnlich wie einst der heidnische Prophet Bileam in Israel Verderben anrichtete (Offenb. 2, 6. 14. ff. 20. ff.). Mit tiefahnungsvollem Schmerz sah Paulus diese bevorstehende Verwüstung der Heerde des Herrn voraus (Apostelg. 20, 29. ff.). Johannes brandmarkt die Verführer als Vorboten des Antichristen (1 Joh. 2, 18.). Mehrere andere Bücher des N. Test. sind voll von Warnungen und Weherufen über sie. Wieweit ihr Uebermuth sich an dem Heiligthum des Glaubens selbst vergriff, entschied theils der sittliche Leichtsinn, theils das altorientalische Vorurtheil von der unbedingten Verderbtheit der Materie. Wohl aus beiden Gründen läugneten abtrünnige Apostelgehilfen die Auferstehung der Todten, vorwendend, daß sie geistig im Christenthum bereits vollbracht sei (2 Timoth. 2, 17. f.). An diesen Widerspruch schloss sich bei Andern Spott über die Wiederkunft des Herrn (2 Petr. 3, 3. ff.). In dem Wirkungskreise des Johannes bestritten Irrlehrer die evangelische Grundthatsache von der Erscheinung des Herrn im Fleisch (1 Joh. 2, 22. f. 4, 1. ff.).

Nach allen Anzeichen war die Gefahr dieser Verführung groß. Aber immerhin waren die Gnostiker des apostolischen Zeitalters erst die Vorläufer eines weit furchtbareren Abfalles. Denn was mit ihnen sich nur noch vereinzelt, keimartig und im Dunkeln schleichend an das Christenthum herandrängte, das faßte sich seit Anfang des 2ten Jahrhunderts zum kunstreich entwickelten System in geschlossenen Sektenkreisen zusammen. Dieser eigentlich sogenannte Gnosticismus verhieß nichts Geringeres als die Geburtsgeschichte Gottes und der Welt in den kühnsten Bildern phantasievoller Dichtung. Die Grundfrage war ihm nicht mehr die praktische des Apostels: was muß ich thun, damit ich selig werde? sondern die altphilosophische: wie die Welt aus dem göttlichen Urgrund entstanden, woher die Mischung des Guten und Bösen in der Stufenleiter ihrer Wesen, welches ihr Endziel sei? Zu ihrer Lösung dichtete er einen allervollkommensten, aber verborgenen Gott, dessen unendliches Wesen erst durch Selbstbeschränkung in einer Reihe von ihm ausgeflossener göttlicher Geister (Aeonen genannt) Gegenstand der Erkenntniß wird. Durch Vermischung dieser Geisterwelt mit der in der Tiefe befindlichen, gleich ewigen, aber gestaltlosen Materie, entstand die sichtbare Welt. Einer der niedrigsten Himmelsgeister, ein beschränktes, hochmüthiges Wesen, wurde der Weltschöpfer (Demiurg), indem er die ihm inwohnenden oder aus der höhern Welt empfangenen göttlichen Ideen dem Weltstoff eindrückte. Dem Judenvolk, welches er sich frei erwählte, verlieh er als Zuchtmittel für bürgerliche Ordnung und Wohlfahrt das Gesetz. Das Heidenthum fiel unter die Herrschaft satanischer Gewalten. Die Erlösung bewirkte der oberste der Himmelsgeister in einem menschlichen Scheinkörper (Doketismus) durch Verkündigung des unbekannten Gottes und Belebung des angestammten Gottesbewußtseins in den empfänglichen Naturen. Das Ende der Dinge wird sein die Wiederkehr alles Gottverwandten in die Himmelsheimath und die Vernichtung oder such Fesselung der Materie sammt den ihr verwandten Naturen. Ein Hauptsatz war, daß der Schöpfer dieser sichtbaren Welt, der Gott des A. Test. nach Wesen wie Wirken durchaus verschieden sei von dem im Christenthum geoffenbarten Gott, dem Vater Jesu Christi. Gesetz und Gnade, Natur und Evangelium traten als völlig getrennte Schöpfungen auseinander. Das Christenthum selbst diente nur als Mittel und Anknüpfungspunkt für philosophische Ideen. Sein Wesen war nicht göttliche That, sondern Lehre. Die wichtigsten Thatsachen im Leben des Herrn, seine Geburt, sein Leiden und Sterben, ja seine Menschheit überhaupt wurden bloßer Schein, inhaltloses Bild. Die Erlösung bestand ebensowohl oder weit mehr in einem physischen als sittlichen Geschehn. Als das Höchste im Christenthum galt das Erkennen. Der Glaube und das thätige Leben hatte nur Geltung als ein mittlerer Standpunkt zwischen der Vollkommenheit der im Anschaun der Gottheit seligen Geistesmenschen und der Unvernunft der von Leidenschaft und Begierde regierten Sinnenmenschen. Und da diese Unterschiede ihren Grund nicht sowohl in vorübergebenden Bildungsverhältnissen, sondern in der Verschiedenheit der Naturanlage haben sollten, so fand in ihnen auch die Kraft der Erlösung eine unüberschreitbare Schranke. Sie erstreckt sich nur auf einen Theil der Menschen, während andererseits die ganze Schöpfung an ihr Theil hat. Entsprechend dieser Weltbetrachtung, schlug die Lebensstrenge, welche die Bessern unter den Gnostikern ihren Genossen zur Pflicht machten, allmählich fast durchweg in die frechste Sittenlosigkeit um.

Man kann leicht denken, welchen Eindruck dieses buntgewirkte Phantasiebild des Christenthums auf ein Gemüth von der Wahrheitsliebe und Keuschheit des Irenäus machen mußte. Gottlosigkeit und Aberwitz: – das ist sein Urtheil. Auch gesetzt, daß in der Hitze des Kampfs überhaupt möglich wäre, Licht und Schatten des Widerparts unpartheiisch abzuwägen: dem Auge des Irenäus konnte sich das Wesen des Gnosticismus zunächst allein von seiner zerstörenden Seite darstellen. Was sich ihm deshalb an Schrift- oder Vernunftbeweisen darbot, wird zum Zeugniß gegen dieses Widerchristenthum. Und in diesem Kampf zumeist stellten sich ihm die Grundsätze fest, durch welche er in so vielfachem Betracht an der Spitze aller weitern kirchlichen Entwickelung steht.

Gegenüber der Vielgetheiltheit der Gnostiker erhebt ihn schon die Einmüthigkeit des kirchlichen Bekenntnisses. „Die Sprachen in der Welt sind ungleich, aber die Ueberlieferung ist ist eine und dieselbe. Man trifft keinerlei Verschiedenheit des Glaubens oder der Lehre bei den Kirchen in Deutschland, in Spanien, bei den Celten, im Orient, oder wo die Kirchen im Mittelpunkt der Welt begründet sind. Vielmehr wie die Sonne in der Welt eine und dieselbe ist, so leuchtet auch die Predigt der Wahrheit aller Orten“, also daß weder Nationalität noch Bildung einen Unterschied macht. Vermaßen sich die Gnostiker, daß ihrer Erkenntniß selbst die Tiefen der Gottheit nicht unzugänglich seien, weil ja der Geist selbst ein göttlicher Funke; so verweist Irenäus auf den unermeßlichen Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf. Es scheint ihm rathsamer, daß der Mensch, bei geringem Wissen durch die Liebe Gott nahe komme, denn bei vielem Wissen sich dem Frevel der Lästerung des Herrn aussetzt, und nichts Anderes wissen wolle, als Jesus Christus den Sohn Gottes und Gekreuzigten, denn daß er durch spitzfindige Fragen in Ruhelosigkeit verfalle.“ Was in den Bereich der sinnlichen Wahrnehmung gehört oder in der heiligen Schrift deutlich geoffenbart ist, das sind ihm Gegenstände einer gesunden und gefahrlosen Betrachtung. Aber die Schrift hat Dunkelheiten und Probleme. Auch von ihnen soll der Mensch nicht vorwitzig den Schleier wegziehn. Denn es ist höhere Ordnung, daß Gott jederzeit lehrt, der Mensch von Gott allewege lernt. Ihre Lösung ist der Vorbehalt für das ewige Leben. Behaupteten endlich die Gnostiker, daß ihre Lehre nicht minder apostolisch als die der katholischen Christen sei, sei’s weil sie durch eine Geheimüberlieferung von den Aposteln auf die Gegenwart vererbt oder in den biblischen Schriften nach geistiger Ausdeutung verhüllt sei; so antwortete Irenäus mit dem Hinweis auf die wahre Ueberlieferung und Schriftauslegung der Kirche.

Besonders an diesem Gegensatze entwickelte sich seine folgenschwere Ansicht über die Bedeutung der Tradition. „Die in der ganzen Welt verkündigte Ueberlieferung der Apostel“, so versichert er, „läßt sich von Allen, welche die Wahrheit sehen wollen, finden in den von jenen gestifteten Gemeinden. Entsteht daher auch nur über eine geringe Frage Streit, so wende man sich an die ältesten Gemeinden, in denen die Apostel wirkten, und entnehme von ihnen die sichere Entscheidung über die obschwebende Streitfrage. Ja den Fall gesetzt, die Apostel hätten überhaupt keine Schriften hinterlassen, müßte man sich da nicht an die Ueberlieferung halten?“ Eben wegen dieser Allgemeinheit und Unverfälschbarkeit gilt ihm die Ueberlieferung, d. h. eben der Inbegriff apostolischer Lehre, so wie dieselbe unabhängig von der heiligen Schrift in den Gemeinden lebte, als die Hauptstreitwaffe wider die Arglist der Häretiker. Aber in welchem Verhältnisse steht sie zur heiligen Schrift? Denn auch die Schriftwahrheit dient überall als Streitmittel gegen die Falschmünzerei der Häresie. Irenäus ertheilt anderswo den Rath: „will man den vielgestaltigen und veränderlichen Meinungen der Häretiker entfliehen, so hat man sich im Schooß der Kirche nähren zu lassen an den Schriften des Herrn, die vollkommen sind, als vom heiligen Geist eingegeben.“ An sich betrachtet, soll keines dem andern nachstehn. Vielmehr sind Schrift und Ueberlieferung erst in ihrer höhern Einheit die Grundfeste und Säule des Glaubens. Beide sind Stimmen aus Einem Mund. Die apostolische Glaubensüberlieferung trifft man unverfälscht in den Händen der Bischöfe, deren Reihenfolge ohne Unterbrechung bis auf die Apostel zurückreicht, und diese Ueberlieferung selbst ist nichts als die ausgelegte, im Bewußtsein der Gemeinde lebende Schrift.“ So bewährt sich die Einheit des Glaubens wieder an der Uebereinstimmung der Quellen, woraus die bekennende Gemeinde ihn schöpft. „Die wahre Gnosis“, bemerkt Irenäus, „ist die Lehre der Apostel und der alte über die ganze Welt ausgebreitete Bau der Kirche, verfaßt in der Nachfolge der Bischöfe, denen die Apostel die irgendwo befindlichen Gemeinden übergaben, und der Gebrauch der unverfälschten und unverstümmelten Schrift, so wie sie sich selbst auslegt, und der Beruf der Liebe, köstlicher als alles Wissen, ruhmvoller als die Weissagung, höher als alle sonstige Gnadengabe.“

Von höchster Wichtigkeit ist ihm hierbei die Einheit der Kirche, weil sie erst die Aechtheit der Ueberlieferung und Schrift verbürgt. Der Kirche sind alle Schätze der Wahrheit auf das vollständigste von den Aposteln vertraut, so daß allein in ihr volle Glaubensgewißheit, außer ihr nichts als Irrthum und unstetes Meinen ist. Sie ist das Licht Gottes. Die Kirche hat ferner das Amt, daß sie den Geist Gottes und das durch ihn gewirkte Leben mittheilt. Auf ihr ruht somit die Gemeinschaft Christi. Sie ist das Unterpfand unserer Unvergänglichkeit und die Leiter unseres Emporsteigens zu Gott, das Paradies, welches Gott in diese Welt gepflanzt hat. So sehr befaßt die Kirche die gesammte Wirksamkeit des heiligen Geistes, daß, wer nicht in ihren Schooß flüchtet, am Geist keinen Theil hat. Das furchtbarste Gericht droht deshalb sowohl denen, welche das fremde Feuer der Irrlehre auf den Altar Gottes bringen, als denjenigen, welche, um geringe Ursachen vielleicht, den herrlichen Leib Christi zerreißen. Den Frevel solcher Spaltung wiegt keine spätere Besserung auf. Die Hüter jener Einheit aber sind die Bischöfe. Denn sie haben die Nachfolge von den Aposteln und mit ihr das sichere Gnadengut der Wahrheit. Ihnen gebührt deshalb Gehorsam.

Niemand kann leugnen, diese Sätze haben einen gut katholischen Klang. Und so schien die römische Kirche in ihrem Recht, wenn sie, ihre später entwickelten hierarchischen Grundsätze geschäftig hineindeutend, dieselben als Vermächtniß der apostolischen Urzeit erscheinen ließ. Aber dieser Schein läßt gerade die Hauptsache außer Acht. Vom Wesen der Hierarchie ist Irenäus durch keine geringere Kluft als die des Evangeliums getrennt. Nicht als die äußerliche Verfassungskirche ist ihm die Kirche der Leib des Herrn, sondern allein darum und in soweit, als alle Heilswahrheit und alles göttliche Leben thatsächlich in ihr zur Erscheinung kommt. „Wo die Kirche ist“, sagt er in einem berühmt gewordenen Ausspruch, „da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes ist, da ist die Kirche und alle Gnadengabe.“ In diesem Ausspruch drückt sich noch die volle Unmittelbarkeit der Idee und Wirklichkeit in einander aufhebenden Betrachtungsweise aus, aber zugleich der Wiederschein eines Lebens, von welchem der Weltsinn späterer Zeit noch nicht den zarten Blüthenstaub der ersten feurigen Liebe abgestreift hat. Seine erste Hälfte für sich spiegelt das Eigenthümliche des katholischen, seine zweite das des evangelischen Begriffs der Kirche. Beide Seiten des Verhältnisses aber sind für Irenäus so untrennbar Eines, daß, so wenig er sich eine Heilswirksamkeit des göttlichen Geistes außerhalb des Verbandes der katholischen Kirche denken kann, so unmöglich ihm die Vorstellung von der Kirche ohne ihr lebendiges Durchdrungensein vom Geist ist. „Die nicht Theil haben am Geist“, äußert er in dieser Hinsicht, werden auch nicht an den Brüsten der Mutter (d. h. der Kirche) zum Leben genährt und genießen nicht den dem Leib Christi entströmenden klarsten Quell.“ Ja dieses Durchdrungensein vom Geist ist ihm im Wesen der Kirche so sehr das Bestimmende, daß er Bischöfe, deren Amtsstellung sich nicht durch lebendigen Glauben und göttliches Leben bewährt, gar nicht als wirkliche Bischöfe gelten läßt. Nur den Bischöfen soll die Gemeinde anhangen, welche mit ihrer Amtswürde die gesunde Lehre der Apostel und einen Wandel ohne Flecken verbinden. Solche Bischöfe nährt die Kirche. Wo man sie trifft, da erfüllt sich das Wort des Apostels (1 Korinth. 12, 28. ff.). Wo also die Gnadengaben Gottes niedergelegt sind, da muß man die Wahrheit lernen; dort, wo die von den Aposteln herstammende Abfolge der Kirche und tadelloser Wandel und die unverfälschte Lehre besteht. Sie bewahren unsern Glauben an den Einen Gott der Alles erschaffen hat; sie wahren die Liebe gegen den Sohn Gottes, der so große Veranstaltungen zu unserm Heil getroffen hat; sie legen uns die Schrift ohne Gefahr aus.“

Diesen Grundsätzen entsprach die That. Den Anlaß sie auf ruhmwürdige Weise zu bewähren, gab ein Streit über die Zeit der Osterfeier. Seit Alters hatten die Gemeinden Kleinasiens die Sitte beobachtet, daß sie alljährlich am Abend desselbigen Tages, an welchem die Juden nach gesetzlicher Vorschrift die Passahlämmer schlachteten (d. h. am 14ten des Monats Nisan), ein Mahl zur Erinnerung an den Opfertod Christi als des wahren Passahlammes (1 Korinth. 5,7.) hielten. Die römische Kirche dagegen nahm die Zeitfolge der Leidenswoche zum Vorbild für die Festordnung der Osterwoche, so daß sie die jährliche Auferstehungsfeier regelmäßig an einem Sonntag und den Freitag zuvor die Todesfeier des Herrn beging. Diese Verschiedenheit der Festsitte hatte man lange übersehen. Durch zufällige Veranlassung wurde sie um die Mitte des 2ten Jahrhunderts der Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit. Die Abendländer machten den Kleinasiaten zum Vorwurf, daß sie wider das allgemeine Herkommen mit ihrer Passahmahlzeit das Fasten der Kreuzigungswoche noch vor dem Auferstehungstag unterbrachen, und noch mehr, daß sie die Auferstehungsfeier je nach der Ordnung des jüdischen Kalenders auch auf einen andern Tag, als den Sonntag fallen ließen. Der tiefere Gedanke war wohl schon damals der Wunsch, daß, wie die Erlösung eine einige, so auch die Feier des kirchlichen Hauptfestes von der Gesammtheit der Christen an einem und demselben Tage begangen werden möchte. Das Verlangen nach Einigung gab sich lebhaft auf beiden Seiten kund. Aber die ersten Versuche schlugen fehl, indem den Kirchen das Ansehn ihrer Ueberlieferung höher stand, als die Uebereinstimmung in dem Festgebrauch. Doch störte dies den Frieden der Kirchen nicht. Als sich um das J. 160 der Bischof Polykarp aus Smyrna in Rom befand, gestattete ihm der dortige Bischof Anicet hochherzig die Feier des Abendmahlssakraments, obwohl beide die Meinungsverschiedenheit über die Osterfeier nach wie vor trennte. In Kleinasien selbst setzten sich die Verhandlungen in Schriften und Synoden fort. Da richtete plötzlich der Bischof Viktor I. von Rom (196.) an die Kleinasiaten ein hochfahrendes Schreiben, des Inhalts, daß sie mit Aufopferung ihres Herkommens sich der Festsitte des Abendlandes fügen sollten. Die Urkunde läßt unaufgeklärt, ob blinder Eifer für die Gleichförmigkeit der Kirchen auch in den Ceremonien oder das hierarchische Gelüst, die Tragweite des römischen Einflusses zu erproben, der Beweggrund dieses unerhörten Schrittes war. Die Asiaten, gestützt auf das Ansehn ihrer großen entschlafenen Kirchenfürsten, eines Apostels Johannes und Philippus, eines Polykarp und anderer, antworteten ablehnend. Sofort verwirklichte Viktor seine Drohung und brach mit ihnen als Irrgläubigen die Kirchengemeinschaft ab. Die erste Gewaltthat römischer Kirchenherrschaft! Aber wohl nicht zum ersten Male regte sich damals der Gedanke zu ihr. Der Alles überstrahlende Ruhm der Welthauptstadt; der Umstand, daß die römische Gemeinde im Abendlande die einzige Kirche apostolischer Stiftung und durch das Märtyrerblut der beiden glorreichsten Apostel geweiht war; die große Wohlhabenheit ihrer Glieder; der thatkräftige Geist des alten Rom, der frühe auf ihre Bischöfe überging, mochten ihn wecken. Die keimende Neigung ermuthigte der Erfolg. Schon um den Ausgang des 2. Jahrhunderts tauchte, wie es scheint, der Titel Bischof der Bischöfe auf. Die Verehrung des Abendlandes war eine allgemeine. Auch Irenäus theilte sie. Er gibt der römischen Kirche die Ehrennamen der ältesten, größesten Allen bekannten. Ihre Entscheidungen in Kirchensachen sind ihm von hohem Werth. Da wo er die Unverfälschtheit der Kirchenlehre aus der Stetigkeit der bischöflichen Aufeinanderfolge in den apostolischen Kirchen erweisen will, nennt er sie beispielsweise anstatt aller. Er legt ihr eine bedeutendere Ursprünglichkeit (oder nach anderer Deutung, einen ansehnlichern Vorrang) bei, und ist der Ueberzeugung, daß eben deshalb alle übrigen Kirchen mit ihr übereinstimmen müßten, weil stets in ihr die apostolische Ueberlieferung treu bewahrt sei. Aber daß sie der Fels sei, auf welchen der Herr seine Kirche zu bauen verhieß; davon kommt ihm keine Ahnung. Dieser Fels ist ihm die apostolische Wahrheit. Und auch mit jener Ehrenbezeichnung ist er so weit von der Anerkennung irgend welcher Obergewalt entfernt, daß er dem Bischof Viktor, obwohl im Wesentlichen der Streitfrage mit ihm einig, doch nachdrücklich sein liebloses Verfahren gegen die Kleinasiaten verweist. Er hält ihm das Beispiel seiner eigenen Vorfahren zur Beschämung vor. Er erinnert ihn, daß nie sonst die Gemeinden über Verschiedenheiten in äußern Gebräuchen die Gemeinschaft unter einander zerrissen hätten. Und faßt schließlich sein Urtheil zusammen in dem Ausspruch: „vielmehr verklärt sich an der Abweichung in der Sitte die Einheit des Glaubens!“ So wenig wußten damals noch die treuesten Verehrer Rom’s von einem Kirchenprimat seines Bischofs! So hoch stand Irenäus über Menschenfurcht und Menschenrücksicht hinaus! In so herrlicher Weise vereinigte sich Geistesfreiheit mit Entschiedenheit im Wesentlichen bei ihm! Schon dieser Eine Ausspruch erwirbt ihm seine Stelle unter den Glaubensverwandten und Altvordern des Protestantismus.

Irenäus gehörte nicht zu den erhabenen Gestalten, welche, eine Welt im Kleinen, durch großartige Missionsthätigkeit die Apostel ganzer Länder oder durch schöpferische Ideenfülle die Begründer neuer Richtungen geistigen Lebens wurden. Man trifft keine Spur, daß sein Name im Munde des Volks gelebt hätte. Das Alterthum kennt ihn hauptsächlich als Gelehrten. Und selbst die Ueberzeugungen, welche er mit Kraft vertrat, und durch welche er von so großem Einfluß auf die spätere Gestaltung der Kirche wurde, waren nicht sowohl sein persönliches Eigenthum, als das Gemeingut der Zeit, in welcher er wirkte. Aber was ihn bei alle dem zu einer der bedeutendsten und anziehendsten Erscheinungen macht, das ist seine Treue als Haushalter über Gottes Geheimnisse. Das Schwert des Geistes in der Hand, wacht er über den Heilsschatz der Kirche; sammelt, was sich ihm als Inhalt apostolischer Wahrheit bewährt, in einen bündigen Ausdruck und baut, so viel er kann, mit Umsicht und Milde nebenher am Hause des Herrn. Mit Recht hat ihn das Alterthum einen apostolischen Mann genannt. Er war es, nicht bloß sofern sein Leben noch nahe an das apostolische Zeitalter reichte, sondern mehr noch als Erbe apostolischer Tugend. Möchte sein Geist der spätern Kirche niemals entschwunden sein! Möchte er auch unter uns sich kräftig erneuern!

K. Semisch in Greifswald.

Theodosia

Schon sah das römische Reich seine Götter vor dem Einen Menschensohne erbleichen, der am Kreuze die Welt überwunden hatte, als es noch einmal versuchte, den christlichen Glauben mit Gewalt zu vertilgen und alle Christen zum Götzenopfer zu zwingen. In Cäsarea, wo der Erstling aus den Heiden, der Hauptmann Cornelius, einst getauft worden, wo durch Origenes eine Pflanzschule christlichen Lebens und christlicher Erkenntniß sich erhoben hatte, war jetzt ein Hauptfeind der Christen, Urbanus, Landpfleger und suchte durch ausgesuchte Martern die Standhaftigkeit der Gläubigen zu überwinden, wurde aber öfter durch ihre Treue gegen den Herrn überwunden, und dies erbitterte ihn noch mehr. An einem Sonntag, am Feste der Auferstehung Christi, standen einige Bekenner vor dem Richterstuhl des Landpflegers, ohne in ihrer Treue zu wanken, obwohl im Angesicht des nahen martervollen Todes. Theodosia, aus Tyrus gebürtig, eine kaum achtzehnjährige Jungfrau, naht sich den Gebundenen freundlich, um sie zu grüßen und vielleicht auch sie zu bitten, daß sie nach ihrem Heimgange vor dem Herrn ihrer gedenken möchten. Da fassen sie die Diener, als hätten sie die Schuldlose bei einem Verbrechen ertappt, und schleifen sie zum Landpfleger. Dieser geräth vor Wuth fast außer sich und läßt ihr mit schauerlichen Martern die Brüste und Lippen bis auf die Knochen zerfleischen. Kaum kann sie noch athmen, aber ihr Angesicht bleibt heiter und holdselig, und so wird sie auf Befehl des Wütherich in die brausenden Meereswogen geworfen. Die übrigen Bekenner verdammt er zur Abführung in die Bergwerke. Dies geschah am 2. April im fünften Jahre jener letzten Verfolgung um 308 nach der Geburt des Herrn.

Bald darauf wurde Urbanus wegen vieler Vergeben von dem Kaiser Maximinus, für dessen Haß gegen die Christen er sich zum willigen Werkzeuge dargeboten hatte, bestraft. Maximinus selbst aber erlag im Jahre 313 den Waffen Constantins. Theodosia lebt heute noch fort in dem Andenken der Gläubigen: jeder wiederkehrende 2. April erinnert an sie als Jungfrau und Blutzeugin. Ihr Name bedeutet Gottesgabe.

H. F. Schmieder in Wittenberg.

Basilius der Große, Bischof von Cäsarea.

In der ersten Hälfte des für die Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse so überaus wichtigen vierten Jahrhunderts lebte in den Ländern am Schwarzen Meere eine wohlhabende christliche Familie, deren Glieder sich nicht blos eines großen Ansehens und eines guten Rufes bei den Zeitgenossen erfreuten, sondern zum Theil einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der christlichen Kirche gewonnen haben. Unter ihnen ragt jener Basilius hervor, welchen schon die Zeitgenossen mit dem auch von dem ökumenischen Concil zu Chalcedon im Jahre 451 auf ihn angewendeten Beinamen des Großen neben seinem jüngeren Bruder, dem beredten Dogmatiker und Bischofe Gregor von Nyssa, und neben einem älteren, mit dem Ehrennamen des Theologen geschmückten Freunde Gregor von Nazianz auszeichneten.

 

Als der älteste von zehn Geschwistern, die sämmtlich wegen ihres frommen Wandels gerühmt werden und von denen außer dem schon erwähnten Gregor noch der jüngste Bruder Petrus als Bischof von Sebastie in Armenien und die älteste Schwester Makrina als eine der ersten Jungfrauen, die sich dem klösterlichen Leben weiheten, besondere Anerkennung gefunden haben, erfuhr er noch die persönlichen Einwirkungen seiner frommen Großmutter Makrina, welche in der Diocletianischen Verfolgung mit ihrem Gatten, von wenigen Freunden und Dienern begleitet, in den Pontischen Bergwäldern sich sieben Jahre lang verborgen gehalten und die Neigung zum asketischen Leben befestigt und entwickelt hatte. Auf ihrem Landhause in der Nähe von Neu-Cäsarea, der Hauptstadt der Provinz Pontus, verlebte Basilius, welcher wahrscheinlich im Jahre 329 (nach Andern 331) zu Cäsarea in Kappadocien geboren war, seine ersten Jugendjahre und empfing dort theils Weckung und Pflege einer auf persönliche Heiligung gerichteten Frömmigkeit, theils Einführung in jene kirchliche Denkweise und Lehrart, welche durch Gregor den Wunderthätigen, einen Schüler des Origenes, in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts zugleich mit der Stiftung der Kirche in jenen Gegenden herrschend geworden war. Eine weitere Förderung dieser Gesinnung und Lebensrichtung, aber zugleich einen sorgfältigen Unterricht empfing er nach seiner Rückkehr in das Elternhaus als Knabe, theils durch eine wegen ihrer Schönheit und vornehmen Geburt nicht minder gefeierte als ihrer Frömmigkeit und ihrer häuslichen Tugenden wegen hochgeschätzte Mutter Emmelia, die ihren Vater als Märtyrer in der Verfolgung des Maximinus verloren hatte; theils durch einen wissenschaftlich gebildeten, weltkundigen und eben so sehr wegen seiner sittlichen Tüchtigkeit als wegen einer ernsten Frömmigkeit allgemein so geachteten Vater, daß Gregor von Nazianz ihn den Führer zur Tugend für ganz Pontus nennen durfte. Der Vater, gleichfalls Basilius geheißen, lebte nämlich zu jener Zeit schon in Neu-Cäsarea, und zwar als Rhetor und Sachwalt. Gerühmt wird an diesem Hause besonders die Gastfreundschaft, die Wohlthätigkeit gegen Arme, die Anhänglichkeit an die Kirche, zu deren Besten sogar ein Theil der in drei Provinzen liegenden Güter der Familie als Geschenk hingegeben ward, insonderheit aber die treffliche Exziehung der Kinder. Unter solchen Umgebungen und Einwirkungen bildeten sich in dem begabten, empfänglichen und strebsamen Knaben die Grundlagen jener seltenen Vereinigung von entschiedener Frömmigkeit in kirchlich ausgeprägtem Charakter und großer sittlicher Strenge mit umfassender Bildung und milder, den Frieden suchender Gesinnung, welche den Jüngling zum Vorbilde und zum Lieblinge seiner Studiengenossen in Cäsarea, Constantinopel, Athen gemacht und dem Mann eine berechtigte Stelle unter den Kirchenvätern gewonnen hat. In dem Kappadocischen Cäsarea, wohin er seiner weiteren Ausbildung wegen zunächst gesendet ward, lernte er auch den später ihm so eng verbundenen Gregor von Nazianz kennen und empfing bleibende Eindrücke durch die asketische Strenge des Eustathius, nachherigen Bischofes von Sebaste. In Constantinopel genoß er nicht blos mit ausgezeichnetem Erfolge den Unterricht der berühmtesten Redner und Philosophen, sondern führte auch einen solchen Wandel, daß der heidnische Rhetor Libanius in einem seiner späteren Briefe sagt, er habe den Basilius schon damals bewundert, als er in der Mäßigkeit mit Greifen gewetteifert habe in einer so vergnügungssüchtigen Stadt. In Athen, wo er wieder mit Gregor zusammentraf, der unterdeß in Alexandria eine Studien gemacht hatte, bildete sich die bleibende Freundschaft auf den tiefsten Grundlagen religiöser Gemeinschaft, sittlichen Ernstes und wissenschaftlichen Strebens zwischen diesen beiden Jünglingen, welche von dem wilden Treiben muthwilliger und leichtfertiger Altersgenossen abgewendet und von dem Schimmer heidnischer Weisheit, Kunst und Cultur nicht bestochen, sich gegenseitig im christlichen Glauben und Wandel stärkten, auf einen kleinen Kreis gleichgesinnter Jünglinge einen so ausgezeichneten Einfluß übten und in allen Wissenschaften so glänzende Fortschritte machten, daß sie bald die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen und an manchen Orten den Wunsch erregten, sie für die wissenschaftliche Lehrthätigkeit ganz und bald zu gewinnen. Basilius lehnte jedoch alle derartigen Anträge entschieden ab und ließ sich weder in Athen noch nach seiner Heimkehr in Cäsarea festhalten noch für Neu-Cäsarea durch vortheilhafte Anerbietungen gewinnen. Schon in Athen, wohin ihn, wie Gregor sagt, die schöne Unersättlichkeit nach Belehrung getrieben hatte, fand er sich nicht recht befriedigt. Nach seiner Heimkehr wirkte eine Schwester Makrina noch stärker auf eine asketischen Neigungen. Die Entscheidung hat aber wohl die heilige Schrift gegeben, zu deren Lesung ihn das wahrscheinlich zu jener Zeit ihm vom Bischofe Dianius zu Cäsarea übertragene Amt eines kirchlichen Vorlesers verpflichtete. Denn er sagt in einem seiner für die Zeitgeschichte lehrreichen und oft glänzend geschriebenen Briefe: „Indem ich nun das Evangelium las und sah, daß dort als das beste Mittel zur Vervollkommnung zu gelangen der Verkauf der Güter aufgestellt war, das Mittheilen an dürftige Brüder, das Lossagen von den Sorgen für dieses Leben und daß man von keiner Leidenschaft eine Neigung auf irdische Dinge richten läßt: wünschte ich einen der Brüder zu finden, der diesen Weg des Lebens gewählt hatte, um mit ihm über die kurze Welle des Lebens zu fahren.“ Und als er nun nach einer schweren Krankheit im Winter 360 Syrien, Palästina, Aegypten durchreiste, um die verschiedenen Mönchsgesellschaften kennen zu lernen, und dabei seinen ernsten Blick prüfend auf die kirchlichen Zustände überhaupt hinrichtete, ward seine Seele schmerzlich von dem Anblick der Kämpfe getroffen, durch welche die dogmatischen, mit Erbitterung geführten Streitigkeiten über Wesen und Person Jesu Christi die Gemeinden zerrütteten. Er fragte nach der Ursache solcher Zerwürfnisse wegen der Lehre unter christlichen Brüdern, da doch bei verschiedener wissenschaftlicher Auffassung ein friedlicher Verkehr der Mitglieder der einzelnen Schulen unter den Heiden von ihm beobachtet war; und fand unter allegorischer Deutung der Schriftstelle Richter 21, 14 „zu jener Zeit war kein König in Israel“ den Grund dieser Erscheinung in der Verachtung Gottes, weil Jeder die Lehre des Herrn Jesu Christi verlasse, eine eigenen Schlüsse und Bestimmungen aus eigener Macht aufstelle und dem Herrn gegenüber herrschen wolle, statt sich von ihm beherrschen zu lassen. Schon im Winter 361 trat Basilius der Ausführung eines inzwischen gereiften Planes näher. Die Schattenseiten der unter Einfluß des Eustathius in seiner Heimath herrschend gewordenen Form des einsiedlerischen Lebens waren ihm nicht verborgen geblieben. Ueberdies schien ihm das einsame Leben mit einer ausschließlich auf Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse gerichteten Sorge dem Gebote der christlichen Nächstenliebe zu widersprechen. Aber das gemeinsame, geistlichen Betrachtungen und asketischen Uebungen geweihete Leben frommer, der Welt entsagender Menschen in abgelegenen Gegenden hielt er für geeignet, unter Vermeidung der beklagten Mißstände, das von Eustathius angestrebte Ziel wirklich zu erreichen. Um des gleichen Strebens willen blieb er auch noch in einiger Verbindung mit Eustathius, obgleich die Rechtgläubigkeit desselben mehr als zweifelhaft war. In solchem Sinne zog sich Basilius, nachdem er sein Vermögen namentlich an Arme vertheilt hatte, in das Waldgebirge am Flusse Iris nicht fern von Neu-Cäsarea, gegenüber der Stätte seiner frühesten Jugenderinnerung im Hause seiner Großmutter, zurück und sammelte dort eine Gesellschaft gleichgesinnter Männer zu klösterlicher Genossenschaft, wie seine Mutter und seine Schwester es schon in der Nähe mit einigen Jungfrauen gethan hatten. Die Strenge der von ihm entworfenen Mönchsregeln zeigt die Erhabenheit seiner Absichten, den Ernst eines sittlichen Strebens, die Innigkeit seiner religiösen Empfindung, während seine 365 Briefe den Reichthum einer Kenntnisse, die Vielseitigkeit einer Bildung, die Güte seines Herzens und die Feinheit eines Geistes unwillkürlich zur Anschauung bringen. In dieser Zeit stellte Basilius auch die sittlichen Vorschriften d. N. T. zusammen und machte gemeinschaftlich mit seinem Freunde Gregor, der ihn nach vielen Bitten auf längere Zeit besuchte und ihm bei der Ausarbeitung der Mönchsregeln helfend zur Seite stand, jene Auszüge aus zum Theil später verlorenen Schriften des Origenes, die uns unter dem Namen Philokalia erhalten sind. Auch dürfte er bald nach der Rückkehr von einem Gegenbesuche bei Gregor aus Anlaß einer Reise zu dem sterbenden Bischofe Dianius von Cäsarea und in Folge von Wahrnehmungen der gefährlichen und schlauen Thätigkeit der Arianer eine dogmatisch wichtigen Bücher gegen Eunomius geschrieben haben, in welchen er die Spitzfindigkeiten dieses dialektisch sehr gewandten Arianers durch schriftgemäße Entwickelung der kirchlichen Lehre entkräftete und durch klare Darlegung des Sachverhaltes die falschen Consequenzen beseitigte. Wie sehr aber auch eine Mönche an ihm hingen und wie wohlthuend nicht minder seinem Gemüthe der Umgang mit gleichgestimmten Seelen als einem kränklichen Körper die Ruhe und Regelmäßigkeit der Lebensweise war, eine volle und dauernde Befriedigung fand Basilius doch nicht in diesem Verhältnisse. Einerseits drängte ein lebhafter und vielumfassender Geist zu einer größeren Wirksamkeit. Anderseits war eine Frömmigkeit zu tief, ein sittliches Streben zu ernst und sein geistlicher Blick zu scharf, als daß er sich die Einseitigkeit, Gefahr und Unzulänglichkeit einer solchen christlichen Lebensform auf die Länge hätte verbergen können. „Ich habe zwar den Aufenthalt in der Stadt verlassen als Quelle unzähliger Uebel,“ schreibt er, „aber mich selbst habe ich noch nicht verlassen können; ich gleiche den Menschen, die, weil sie das Fahren auf dem Meere nicht gewohnt sind, Schwindel bekommen und die, weil das große Schiff ihnen zuwider ist da es heftigere Bewegungen verursacht, in einen Nachen steigen, dennoch aber auch hier krank sind; denn mit ihnen steigt der Ekel und die Galle in den Kahn. So geht es auch mir, denn indem ich die in mir wohnenden Leidenschaften mit mir herumtrage bin ich überall von gleicher Unruhe gequält, so daß mir eben nicht sehr durch diese Einsamkeit geholfen wird.“ Zu einem solchen Bekenntnisse stimmt die Angabe des Gregor in seiner Leichenrede auf den vielbetrauerten, früh heimgerufenen Freund, daß er die strengen, in den Mönchsregeln aufgestellten und auch sonst entwickelten Grundsätze gewissenhaft auf sich selbst bis ans Ende seines Lebens angewendet habe; wie denn auch der Ausspruch Christi Matth. 16, 24 „will mir Jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ im Mittelpunkt dieser in seinen moralischen und asketischen Schriften entwickelten Grundsätze stand. Unter diesen Umständen muß eine Berufung als Presbyter nach Cäsarea durch den Bischof Eusebius im Jahre 364 als eine göttliche Führung betrachtet werden, die ihn auf ein größeres und für die damaligen Zeiten überaus wichtiges Feld kirchlicher Wirksamkeit stellte, ohne daß er deshalb einer asketischen Lebensweise zu entsagen brauchte. Und wenn auch eine Zeitlang die zwischen beiden Männern entstandenen Mißhelligkeiten zu einem völligen Bruche zu führen droheten, so kehrte doch Basilius nach kurzer Abwesenheit auf einen Posten in Cäsarea zurück und stand als gelehrter Rathgeber dem geschäftskundigen Bischofe treu zur Seite, so daß ihre nach der Versöhnung aufrichtig hergestellte Freundschaft auch das wankende Vertrauen der Gemeinden befestigte, und ihre vereinigte Thätigkeit den Anstrengungen der durch die politischen Gewalthaber begünstigten Arianer wenigstens vorläufig und in Kappadocien einen Damm entgegensetzte. Die Thätigkeit des Basilius war in dieser Stellung ebenso vielseitig als einflußreich. Er führte nach der Schilderung des Gregor von Nazianz eigentlich schon die Regierung jener Provinzialkirche; denn er war für den Bischof nicht blos der amtliche Rathgeber, Beistand und Seelsorger, sondern der Stab seines Alters, die Stütze seines Glaubens, der treueste einer Hausgenossen, der thätigte in einen äußern Angelegenheiten. Er vertrat mit Freimuth die Geringen gegen die Machthaber, schlichtete die Streitigkeiten der Gemeindeglieder, stand den Dürftigen geistlich und leiblich bei, ernährte die Armen, nahm Fremde gastlich auf, sorgte für die gottgeweihten Jungfrauen, gab den Mönchen mündlich und schriftlich in einer kürzeren Form ihre Lebensregeln, ordnete Gebete an und zeichnete sich wie früher als Rhetor, so jetzt als christlicher Prediger aus. Können wir ihn auch nicht, wie eine nächsten Freunde und Bewunderer thaten, mit Elias, Moses, Johannes dem Täufer und Paulus vergleichen, so spricht doch für die Bedeutung seiner rednerischen Leistungen die unverhohlene Bewunderung derselben sogar bei einem dogmatischen Gegner, dem Arianer Philostorgius, und ihre hohe Anerkennung durch einen so gefeierten Meister als der Heide Libanius war. In der That zeigen auch die uns aufbehaltenen Homilien und Reden des Basilius bei großer Lebhaftigkeit des Ausdrucks eine wohlthuende Wärme der Empfindung und verbinden mit einem fesselnden Reiz der Darstellung, welche in einem Reichthum feiner Wendungen, treffender Vergleichungen und anziehender, zuweilen drastischer Schilderungen die verwickelten Verhältnisse des Lebens zur Anschauung bringt, eine solche Klarheit der Begriffe und einen so tiefen, von religiösen Motiven geleiteten sittlichen Ernst, daß der Hörer und Leser nicht blos gefesselt, belehrt, gerührt, sondern in seinem Gewissen getroffen und zu heilsamen Entschlüssen aufgefordert wird. Viele seiner Reden haben es schon durch ihren Gegenstand mit der sittlichen Einwirkung auf den Willen zu thun. Sie reden über einzelne Tugenden und Pflichten, z. B. über die Wohlthätigkeit, das Fasten, die Demuth, den Ausspruch: habe Acht auf dich selber; desgleichen über besondere Untugenden und Laster, über den Zorn, die Trunkenheit, den Wucher, den Neid. Nicht selten geschieht dies aus Anlaß spezieller Vorkommnisse. Stets aber werden die betreffenden Tugenden, Pflichten, Laster nicht blos in ausführlichen Schilderungen mit wahrhaft klassischen, dem wirklichen Leben entnommenen Zügen charakterisiert, sondern zugleich auf ihre Ursachen zurückgeführt, in ihren Wirkungen und Folgen veranschaulicht, in ihrer sittlichen und religiösen Bedeutung gewürdigt. Auch werden die Mittel und Wege ihrer Hemmung und Förderung angegeben. Aber auch da, wo der Gegenstand nicht unmittelbar dem Gebiete des sittlichen Lebens angehört, giebt Basilius seinen Betrachtungen gern eine moralische Wendung und weiß ebenso scharfsinnig derartige Beziehungen aufzuspüren, als er die kunstreich anzuknüpfen versteht. So sucht er in den neun Homilien über das Sechstagewerk der Schöpfung, welche durch des Mailändischen Bischofs Ambrosius lateinische Nachbildung der Kirche des Abendlandes zugänglich gemacht, von seinem Bruder Gregor aber als die aus dem Keim der Mosaischen Erzählung gewachsene Pflanze gepriesen wurden, nicht blos zur Bewunderung des Schöpfers durch Darstellung der Schönheit seiner Werke und durch Aufzeigen der Weisheit Gottes in den Einrichtungen der Natur zu reizen, sondern ist besonders beflissen, durch oft sehr anziehende Schilderungen der Lebensweise des Kameels, der Biene, der Störche c. moralische Nutzanwendungen aus dem Verhalten der vernunftlosen Geschöpfe auf die Pflichten des Menschen zu gewinnen. Sogar die von ihm selbst als zu groß erkannte Ausdehnung dieser Vorträge sollte dem sittlichen Zweck dienen, die Zuhörer von der Theilnahme an weltlichen Vergnügungen zurückzuhalten und die Zeit bis zur Abendruhe auszufüllen. Und seine Rede an christliche Jünglinge über den rechten Gebrauch der heidnischen Schriftsteller hat es vornämlich mit dem moralischen Gewinn zu thun, den dieselben aus den griechischen Klassikern zu ziehen vermöchten; gleichwie seine vier Lobreden auf verschiedene Märtyrer nicht sowohl die Verherrlichung derselben als die Ermunterung zum Ausharren in der Glaubenstreue unter allen Verlockungen wie unter allen Bedrohungen ins Auge fassen. Höchst beachtenswerth ist dabei seine häufige Bezugnahme auf die heilige Schrift. Theils sind es biblische Personen und Geschichten, auf die er sich bezieht, indem er z. B. in der Lobrede auf den Märtyrer Mamas, welcher Hirte gewesen, in anziehender Weise das Hirtenleben des Abel, Jakob, Moses, David schildert; oder in den Reden über den Neid die Entstehung, die Aeußerungen, die Folgen desselben an den Beispielen des Kain, der Brüder Josephs, des Königs Saul, der Feinde Jesu veranschaulicht; oder in einer der 24 sogenannten moralischen Homilien diejenigen Gemeindeglieder, welche bei einer Feuersbrunst Hab und Gut verloren hatten, auf die Geduld und den Glauben Hiobs hinweiset. Theils sind es, abgesehen von der Vers für Vers erklärten Schöpfungsgeschichte und von den in exegetischer Hinsicht schwachen, aber praktisch fruchtbaren 17 Homilien über einzelne Palmen nach der alexandrinischen Uebersetzung, Sprüche der heiligen Schrift, welche entweder als Texte den Reden zu Grunde gelegt werden, wie Amos 3, 8. und 4, 7. zur Zeit einer großen, als göttliches Strafgericht aufgefaßten Hungersnoth; oder welche den Reden selbst als Beweis stellen eingeflochten sind. Auch in den moralischen, asketischen und dogmatischen Schriften wird häufig auf biblische Stellen Bezug genommen. Noch wichtiger jedoch als der Reichthum der Benutzung der heiligen Schrift ist der biblisch-kirchliche Geist, der in diesen Reden und Abhandlungen weht. Um ihn zu erkennen, braucht man nur auf die mancherlei Ausdrücke zu achten, in welchen Basilius die Frage beantwortet: was ist das Merkmal des Christen? Er sagt: der in der Liebe thätige Glaube; – durch die Taufe aus Wasser und Geist wiedergeboren zu sein; – rein zu sein von aller Befleckung des Fleisches und Geistes in Christi Blut und die Vollendung der Heiligung in der Furcht Gottes und in der Liebe Christi; – daß seine Gerechtigkeit in allem größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer nach dem Maaß und der Verkündigung der Lehre des Herrn; – die gegenseitige Liebe, wie Christus uns geliebet hat; – an jedem Tage, zu jeder Stunde wachen und in jener Vollendung, die Gott gefällt, bereit sein, wissend, daß der Herr kommen wird, wann man es nicht meinet. Desgleichen, wenn er auf die Frage: was ist das Merkmal des Glaubens? antwortet: die nicht zweifelnde Ueberzeugung von der Wahrheit der von Gott eingegebenen Lehren, welche durch keinen Vernunftsschluß erschüttert wird; oder wenn er als das Merkmal der Liebe zu Gott die Erfüllung seiner Gebote in der Absicht ihn zu verherrlichen bezeichnet und als Merkmal der Liebe zum Nächsten angiebt: nicht den eigenen Vortheil zu suchen, sondern den des Geliebten zum Nutzen seiner Seele und seines Leibes. Welche entscheidende Bedeutung und welchen prinzipiellen Vorrang vor der von ihm hoch gehaltenen Ueberlieferung Basilius der heiligen Schrift überhaupt beilegte, läßt sich aus folgender Stelle in einer spätern Schrift über den heiligen Geist erkennen: „was von unsern Vorfahren gesagt ist, lehren auch wir, daß die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes gleich sei; deshalb preisen wir den Vater mit dem Sohne, wiewohl es uns nicht genug ist, daß es so von den Vätern überliefert ist, denn auch sie sind der Willensmeinung der Schrift gefolgt.“ Aber Redewendung und Ausdruck geben zugleich zu erkennen, daß Basilius von dem Gedanken einer völligen Uebereinstimmung der Ueberlieferung mit der heiligen Schrift ausging und in der ersteren die nähere Feststellung und die genauere Bestimmung des in der letzteren entweder gar nicht oder doch nicht mit ausdrücklichen Worten Gesagten sah. In der Ueberlieferung der Väter stellte sich ihm die allmähliche Entwickelung des christlichen Bewußtseins über das in der heiligen Schrift zwar Enthaltene, aber noch Verborgene und Verschwiegene dar und zwar in einer kirchlichgültigen Gestalt, welche er den Argumentationen der Vernunft des Einzelnen entgegensetzte. Aus dieser Grundanschauung erklärt sich, wenn man zugleich auf die geschichtliche Lebensstellung und auf den bei allem Eifer milden, versöhnlichen und auf den Frieden der Kirche gerichteten Sinn des Basilius Rücksicht nimmt, wie derselbe zwar von Anfang an auf Seiten der Anhänger des Nicänischen Bekenntnisses stehen und doch in früherer Lebenszeit der Lehrform, daß der Sohn Gottes dem Vater gleich wesentlich sei, den Ausdruck vorziehen konnte, der Sohn sei dem Vater ähnlich ohne Unterschied. Er wollte damit gleichzeitig den Abweg der Sabellianer und verwandter Parteien, welche den Unterschied der Personen in der Gottheit bei strenger Behauptung ihrer wesentlichen Gleichheit auszulöschen in Gefahr kamen, und den Irrthum der Arianer, welche in der Betonung des Unterschiedes der Personen ihre Wesenseinheit zurückstellten und den Sohn als erstes Geschöpf des Vaters auffaßten, vermeiden und hoffte einen vermittelnden Ausdruck zur Befriedigung der berechtigten Ansprüche der Streitenden gefunden zu haben, überzeugte sich jedoch bald, daß weder dieser Ausweg gangbar, noch der von ihm gemachte Vorschlag, die Gleichheit des Wesens als eine Dieselbigkeit zu bezeichnen und dabei die Eigenthümlichkeit des Vaters und des Sohnes festzuhalten, zur Vermeidung von Mißverständnissen geeignet sei, daß es vielmehr auf eine genauere Darlegung der in dem Worte „gleichwesentlich“ enthaltenen Begriffe und auf eine richtige Fassung und Entwickelung des Sinnes ankomme, in welchem die Kirche das Gezeugtsein von Gott dem Sohne, das Ungezeugt sein von Gott dem Vater aussage. Indem nun Basilius sich hierüber mit den Gegnern der Kirchenlehre auseinandersetzt, ihre Trugschlüsse, Scheingründe und falschen Folgerungen eingehend widerlegt, die orthodoxen Lehrformeln lichtvoll entwickelt und vertheidigt, kommt er bei allen Spekulationen immer wieder auf den festen Boden der heiligen Schrift zurück und weiß eine große Schriftkenntniß geschickt und glücklich zu verwerthen. Vornämlich ist es die gegenseitige Beziehung und Vergleichung der Schriftstellen, wodurch er sich vor einseitigen Deutungen schützt. In der Schrift finden sich nämlich verschiedene Namen nicht blos für die zu unterscheidenden Personen der Gottheit, sondern auch für jede einzelne derselben. Aus der Verschiedenheit der Namen durften also die Gegner keinen Beweis für die Wesensverschiedenheit hernehmen, abgesehen davon, daß die Namen Gottes keine völlig erschöpfenden Bezeichnungen bilden und auch darauf anzusehen sind, ob sie Bezeichnungen des Wesens oder der Beziehungen oder der Eigenschaften oder der Thätigkeit und Wirksamkeit sein sollen. Dagegen konnte Basilius durch eingehende und besonnene Betrachtung dieser Verhältnisse sowohl die Wesensgleichheit als den hypostatischen Unterschied der drei Personen der Gottheit als biblisch begründet darlegen. Besonders wichtig ist es geworden, daß Basilius durch ein solches Verfahren nicht blos die kirchliche Lehre vom Verhältniß des Sohnes zum Vater biblisch begründete, begrifflich erläuterte und gegen die Angriffe, die von entgegengesetzten Seiten kamen, vertheidigte, sondern daß er solches auch in Bezug auf die noch mehr im Schwanken befindliche Lehre vom heiligen Geiste that. Einen besonderen Anlaß zu einer ausführlicheren Darlegung derselben gab der Umstand, daß er in einer im Jahre 374 gehaltenen Predigt statt der gewöhnlichen Doxologie: Ehre sei dem Vater durch den eingebornen Sohn in dem heiligen Geiste! die Formel gebraucht hatte: Ehre sei Gott dem Vater und dem Sohne mit dem heiligen Geiste! Auf die sofort erfolgenden Angriffe konnte Basilius um so weniger schweigen, als er damals (schon seit 370) Bischof von Cäsarea und Metropolit der betreffenden, mehrere Provinzen umfassenden Diöcese war. Er zeigte nun, daß beide Formeln in kirchlichem Gebrauche seien, keine ihrer wörtlichen Fassung nach in der Schrift vorkomme, jede zu besonderen Zwecken vorzugsweise brauchbar sei, die von ihm angewendete zugleich die Persönlichkeit und die unzertrennliche Gemeinschaft andeute und dadurch zugleich den Sabellianismus und den Arianismus widerlege. Aus Ap. Gesch. 5, 4. 9 bewies er, daß alle Sünden gegen den heiligen Geist auch Sünden gegen Gott seien; aus 1. Kor. 12,4 daß der heilige Geist in jeder Thätigkeit verbunden mit und unzertrennlich von Vater und Sohn sei; aus Joh. 4,24; Röm. 8,9; 1 Kor. 2, 12 daß wohl eine Verwandtschaft der Natur mit dem Vater und Sohn, jedoch nicht eine Vermischung der Personen gelehrt werde. Auch früher schon hatte er gelehrt, daß der Geist der Wesensgemeinschaft nach Alles mit dem Vater und dem Sohne gemein habe, auch mit Athanasius sich auf die Taufformel hiefür berufen und dieselbe denen, welche den heiligen Geist als ein Geschöpf bezeichneten, entgegengehalten. Jetzt sagt er aber ausdrücklich: „Ich bezeuge einem Jeden, der den Geist verwirft, daß sein Glaube, mit dem er den Vater und den Sohn bekennt, nichtig ist; er kann den Glauben nicht haben, wenn nicht auch der Geist, da ist. Denn der glaubt nicht an den Sohn, der nicht an den Geist glaubt; der glaubt nicht an den Vater, der nicht an den Sohn glaubt. Keiner kann den Sohn anbeten als im heiligen Geist, Keiner den Vater anrufen als im Geiste der Kindschaft.“ Dennoch vermied er den Gebrauch des Namens Gott für den heiligen Geist, theils weil diese Bezeichnung in der Schrift nicht vorkomme, theils aus Friedensliebe und in kluger Schonung derer, die er immer noch zu gewinnen und zu der Einheit der Kirche zurückzuführen hoffte. Und wenn er an einer Stelle sagt: „wie der Sohn sich zum Vater verhält, so der Geist zum Sohn“ – über die Lehrform der griechischen Kirche hinauszugehen ist er nicht Willens. Wo er vom Ausgang des Geistes spricht, nennt er jetzt wie früher stets nur den Vater, ohne des Sohnes zu erwähnen, und will die Art und Weise eines Daseins als etwas Unaussprechbares festgehalten wissen. Jene Stelle bezieht sich nur auf die Sendung, wie er auch schon früher gesagt hatte; zwar wird der Geist der Oekonomie nach gesandt, aber er wirkt nach eigenem Willen. Bei einer solchen Anschauung konnte, von anderen Schwierigkeiten abgesehen, der Versuch einer engeren Verbindung der rechtgläubigen morgenländischen Kirche mit der abendländischen nicht gelingen, wie sehr auch Basilius sich bemühte, dieselbe über Aegypten durch Vermittelung des Athanasius zu bewirken. Ebenso vergeblich waren seine Bemühungen, durch Vermittelung mächtiger Freunde am kaiserlichen Hofe die gefährliche Begünstigung der arianischen Partei zu hemmen und die oft gewaltsamen Maaßnahmen zur Beseitigung rechtgläubiger Bischöfe und zur Störung ihrer Gemeinden zu hindern. Nicht erfolglos dagegen blieben seine Anstrengungen zur Sammlung der gesunden Kräfte in seinem Sprengel, zur Herstellung der kirchlichen Ordnung, zur Reinigung der Sitten unter Geistlichen und Gemeindegliedern. Und wenn die ebenso kluge als milde Weise, in welcher Basilius den anfänglichen Widerstand gegen eine bischöfliche Würde und Wirksamkeit ertrug und überwand, ein Ansehn mehrte und eine Stellung befestigte, so zeigte die muthige Entschlossenheit eines unbeugsamen Widerstandes gegen die Anmaßungen des kaiserlichen Präfekten Modestus wie gegen die Forderungen des Kaisers Valens bei dessen Reise durch die Pontischen Gegenden, daß eine Milde keine Schwäche war und daß sich eine Friedensliebe nicht auf persönliches Wohlbehagen, sondern auf den Frieden, die Sicherheit und das Gedeihen der Kirche bezog. Diese Zeit war überhaupt die sorgenreichste und dornenvollste seines Lebens. Aber er konnte mit dem hoffenden Blick auf eine freundlichere Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse und in der Glaubenszuversicht, daß seine Arbeit nicht vergeblich gewesen sei im Herrn, aus dieser Welt scheiden. Am 1. Januar 379 nahm ihn der Herr zu sich. Seine Gemeinde betrauerte ihn lange und tief. Die griechische Kirche erhält gemäß der Ueberlieferung, daß Basilius die bis dahin vom Apostel Jakobus her mündlich fortgepflanzten Liturgieen zuerst schriftlich aufgezeichnet habe, das Andenken an eine Wirksamkeit am lebendigsten fest in der noch jetzt unter seinem Namen theils in einer längeren theils in einer durch Johannes Chrysostomus abgekürzten Form beim Gottesdienste verwendeten Liturgie und hat zu einem Gedächtnißtage seinen Todestag, den 1. Januar, bestimmt. Die römische Kirche hat als solchen den 14. Juni angeordnet und heftet seinen Namen insonderheit an die Ueberreste griechischer Klöster in Italien, welche 1573 Papst Gregor XIII. vereinigte. Die gesammte Kirche aber ehrt das Andenken dieses Kirchenvaters, der im Leben, Leiden, Lehren und Wirken eine christliche Ausprägung dem Wahlspruche gegeben hat: Maaß in Allem ist das Beste.

 

C. B. Moll in Königsberg.

Meletius von Antiochien

Die hervorragende Erscheinung des Bischofs Meletius von Antiochien, welche uns, in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts auf dem Gebiet der morgenländischen Kirche, dem Schauplatz der heftigsten Lehrstreitigkeiten, wie der verderblichsten Kirchenspaltungen entgegentritt, können wir nicht zum Gegenstand unserer Betrachtung machen, ohne die gewaltigen Bewegungen in das Auge zu fassen, welche damals die Kirche in Lehre und Leben erschütterten und in welche er mit seiner Person, einem Leben und Wirken verwickelt war.

 

Gleichzeitig mit dem äußeren Siege der Kirche über die heidnische Welt entbrannte im Innern der Kirche ein heftiger Streit, welcher sich um die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit, insbesondere um die Frage wegen des Verhältnisses des Sohnes zu dem Vater und zu der geschaffenen Welt drehte. Freilich erschien die arianische Irrlehre, daß der Sohn nicht gleichen Wesens mit dem Vater von Ewigkeit, sondern nur ein durch den Willen Gottes vor der Erschaffung der Welt aus Nichts ins Dasein gerufenes Geschöpf und Mittelwesen zwischen Gott und Welt sei, durch das Bekenntniß der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325), daß der Sohn aus dem Wesen des Vaters gezeugt und nicht geschaffen, also ewigen und mit dem Vater gleichen Wesens sei, äußerlich überwunden. Aber die inneren Gegensätze der Parteien, der entschieden arianischen, welcher viele morgenländische Bischöfe angehörten, und derjenigen, welche die Gleichwesenheit des Sohnes mit dem Vater bekannte, waren keineswegs dadurch aufgehoben. Zwischen beiden mitteninne stand, nach beiden Seiten hinüber schwankend, die von dem Bischof Eusebius von Cäsarea repräsentierte theologische und kirchliche Mittelpartei, welche zu Nicäa ursprünglich die meisten Anhänger zählte aber zuerst theilweise unter dem Einflusse des Kaisers und durch die Liebe zum Frieden bewogen mit ihrer unbestimmteren Lehre von der Unvergleichbarkeit des Sohnes mit allen Geschöpfen und seiner vollkommenen Wesensähnlichkeit mit dem Vater dem Bekenntniß von der Gleichwesenheit sich anbequemte und dann in dem weiteren Verlaufe des Kampfes zwischen dem Arianismus und den Anhängern des nicänischen Symbols unter der Führung des Bischofs Eusebius von Nicomedien, der seit 338 Bischof von Constantinopel war, als diejenige Partei sich heraus bildete, welche lehrte, daß der Sohn von Ewigkeit aus dem Wesen des Vaters gezeugt sei, aber nur ähnlichen Wesens mit ihm und ihm untergeordnet sei, und später als semiarianische Partei bezeichnet wurde.

 

Unter dem eifrig arianisch gesinnten Kaiser Constantius wurden seit 353 die Bekenner des nicänischen Glaubens aufs heftigste verfolgt, indem die Partei der strengen Arianer und die eusebianische Mittelpartei mit einander gemeinschaftliche Sache wider die machten. Aber diese Vereinigung brach bald wieder auseinander, als die entschiedenen Anhänger der arianischen Lehre in der weiteren scharf verstandesmäßigen und schriftwidrigen Entwickelung derselben bis zu der Behauptung fortschritten, daß der Sohn dem Vater in Allem unähnlich sei. Nun wandten sich Viele, die sich früher aus Unkenntniß über die inneren Gegensätze, um die es sich handelte, in gutem Glauben an die Mittelpartei angeschlossen hatten, der nicänischen Lehre zu. Noch mehr Anhänger gewann dieselbe, als mit dem Tode des Constantius 361 die nicänische Richtung, deren hervorragendster Vertreter der durch viele Leiden und Verfolgungen hindurchgegangene glaubensstarke und heldenmüthige Athanasius, Bischof von Alexandria in Aegypten, war, zunächst im Abendlande wieder zur herrschenden wurde und dann auch im Morgenlande mehr und mehr zur Geltung gelangte. Dazu trugen nicht wenig die heftigen Verfolgungen bei, mit welchen der entschieden arianisch gesinnte Kaiser Valens im Morgenlande nicht blos gegen die Anhänger des Athanasius, sondern auch gegen die Semiarianer wüthete, deren Reihen nun durch Uebertritt zu der ersteren Partei sehr gelichtet wurden. Aber schon vor diesen Verfolgungen hatten die aus der Verbannung, in die die Constantius geschickt hatte, zurückgekehrten bekenntnißtreuen Bischöfe denen, die in den früheren Verfolgungen nur aus Menschenfurcht und Schwachheit des Fleisches dem Bekenntniß des nicänischen Glaubens untreu geworden waren, durch freundliches brüderliches Entgegenkommen die Rückkehr zu demselben möglichst erleichtert. Eine zahlreiche Synode, welche 362 in Alexandria unter dem Vorsitz des Athanasius abgehalten wurde, verfuhr mit Milde und Schonung gegen diejenigen, die sich unter dem Druck der kaiserlichen Gewalt aus Schwäche zur Annahme des arianischen Bekenntnisses hatten bestimmen lassen. Wir wünschen, jagten sie, daß wer noch fern von uns steht und sich den Arianern zugesellt zu haben scheint, von einem Wahnsinn zurücktrete, so daß Alle überall sagen mögen: Ein Herr, ein Glaube; denn was ist so herrlich und lieblich, als daß, wie der Sänger jagt, Brüder einträchtig bei einander wohnen (Ps. 133, 1). Allein in der antiochischen Kirche dauerten die durch den Arianismus verursachten Spaltungen zu großem Schaden nicht blos der Gemeinde in Antiochien, sondern auch der gesammten Kirche, wie wir sehen werden, sehr lange Zeit ununterbrochen fort. Bald nach dem Jahr 360 wurde der Bischof Meletius die Veranlassung zu einer neuen Gestaltung dieser kirchlichen Zwistigkeiten, die sich in der nach einem Namen genannten Kirchenspaltung darstellte, obwohl er keineswegs selber die unmittelbare Schuld an dieser Spaltung trug, sondern mit seiner Person und seinem Amt nur der nicht gewollte Anlaß zum erneuerten Ausbruch der längst schon vorhandenen kirchlichen Differenzen wurde. In Antiochien hatte sich nämlich schon seit dem Jahr 330 eine tiefgehende Kirchenspaltung vollzogen. Die zur Herrschaft gelangte arianische Partei hatte den Bischof Eustathius, einen entschiedenen Vertreter des nicänischen Bekenntnisses, seines Amtes entsetzt, und einen Arianer an seine Stelle berufen. Die Folge davon war, daß ein großer Theil der Gemeinde, der sich in treuem Festhalten an dem Bekenntniß der Gottgleichheit des Sohnes dem arianischen Kirchenregiment nicht unterwerfen wollte und dem Bischof Eustathius mit unveränderter Liebe anhing, sich unter dem Namen der Eustachianer als eine besondere Kirchengemeinschaft bildete. Als nun im J. 360 einer von den vielen seitdem schnell auf einander gefolgten arianischen Bischöfen von Antiochien, mit Namen Eudorius, fein Amt niederlegte, um sich nach dem Siege, welchen eine Partei über die semiarianische Richtung davon getragen hatte, an Stelle des abgesetzten Bischofs Macedonius von Constantinopel in den Besitz des Bisthums daselbst zu versetzen, wurde in Antiochien eine neue Bischofswahl nöthig. Nach langem Streit darüber wurde von der immer noch herrschenden arianischen Partei Meletius, der, aus der Landschaft Meliteme in Armenien stammend, wegen seines ausgezeichnet frommen und strengen Lebens früher zum Bischof von Sebastie in Armenien ernannt war, dann aber dieses Amt aufgegeben hatte und sich jetzt in Beröa aufhielt, zum Bischof erwählt. Er war früher ein Mann von noch unentschiedener oder wenigstens von nicht scharf ausgeprägter dogmatischer Richtung gewesen, zeichnete sich aber durch innige Frömmigkeit aus und stand deswegen in hohem Ansehn. Man wählte ihn in der Meinung, an ihm einen kräftigen Vertreter der arianischen Lehre zu gewinnen. Aber man täuschte sich in ihm. Er war ohne Zweifel schon zu dieser Zeit der athanasianischen Lehre, die seiner praktisch-christlichen Richtung und einem religiösen Bedürfniß mehr zusagen mußte, als die arianische, wenigstens doch schon in dem Grade geneigt, daß es nur einer äußeren Veranlassung für ihn bedurfte, als Anhänger derselben sich öffentlich darzustellen. Der Inhalt seiner von Epiphanius uns überlieferten Antrittsrede läßt uns freilich noch nichts von dem Bekenntniß der Gleichwesenheit des Sohnes mit dem Vater und seiner ewigen Erzeugung aus dem Wesen des Vaters, die er später entschieden bekannte, erkennen. Der Kaiser Constantius befand sich gerade zur Zeit des Amtsantritts des Meletius in Antiochien, und er wollte denselben nöthigen, bei dieser Gelegenheit gleich von vornherein eine dogmatische Ueberzeugung auszusprechen. Nach seiner Verordnung sollten die ausgezeichnetsten Redner unter den anwesenden Bischöfen an dem Tage des Amtsantritts des Meletius über die Worte Sprüchw. 8, 22 nach der Uebersetzung: „Der Herr hat mich geschaffen,“ welche die Arianer zur Stützung ihrer Lehre, daß der Sohn Gottes ein Geschöpf sei, anzuführen pflegten, öffentlich predigen, und zuletzt mußte Meletius eine Antrittspredigt auch im Anschluß an diese Worte halten. Er redet hier nun von der Gleichheit des Sohnes mit dem Vater nur im Sinne der Aehnlichkeit, welche der Sohn als das Abbild des Vaters, als hervorgegangen aus dem Vater zu bleibendem eigenem Dasein, an sich trage, und spricht überhaupt in ganz ähnlichen mehr unbestimmten, blos an das Wort der Schrift sich anschließenden Ausdrücken, wie die älteren Vertreter jener Mittelpartei, namentlich Eusebius von Cäsarea und Cyrillus von Jerusalem. Vor allen Aeonen, vor aller Schöpfung ist ihm der Sohn vom Vater erzeugt; aber eine von Ewigkeit geschehene Zeugung lehrt er noch nicht. Er betont, daß von dieser Zeugung des Sohnes durch den Vater jede sinnliche Vorstellung fernzuhalten sei, daß kein menschlicher Verstand sie begreifen könne, und daß daher die heilige Schrift, in Ermangelung irdischer Beispiele zur erschöpfenden Bezeichnung der Sache verschiedene Ausdrücke gebrauche, die sich scheinbar widersprächen, aber in der That sich einander ergänzten. Alles menschliche Erkennen sei Stückwerk, welches erst aufhöre, wenn das Vollkommene kommen werde. Er sagt in aufrichtiger Demuth: „Wenn wir uns dazu verleiten lassen, über das zu reden, worüber wir nicht reden dürfen, so ist zu befürchten, daß wir am Ende dadurch auch verscherzen, über das reden zu können, worüber wir sonst Macht haben. Denn aus dem Glauben muß man reden, nicht nach dem, was geredet wird, glauben.“ Es ist sehr bezeichnend für den praktisch christlichen Standpunkt des Meletius, wenn er gleich von Anfang in dieser Predigt davon ausging, daß Gemeinschaft mit Christo, Christum in sich selbst haben, die Grundlage des ganzen christlichen Lebens sei, daß Keiner das Wort der Wahrheit verkündigen könne, in dem nicht Christus wohne und aus dem nicht Christus rede, daß aber auch nur, wer den Sohn habe, den Vater haben könne. „Wir werden aber,“ sagt er weiter, „in der Gemeinschaft mit dem Sohne nur bleiben, wenn wir ihn vor Gott und den auserwählten Engeln bekennen, aber auch vor Königen ihn zu bezeugen uns nicht schämen.“

 

Diesem vor dem Kaiser ohne Menschenfurcht gesprochenen Wort, entsprach er mit der That in dieser Rede selbst. Denn trotz seiner Zurückhaltung mit dem Bekenntniß des nicänischen Glaubens, dem er mit voller Ueberzeugung noch nicht zustimmen konnte, mußten die Arianer und namentlich die arianische Hofpartei doch in dem, was er als seine dogmatische Ueberzeugung und als ein Bekenntniß vom Verhältniß des Sohnes zum Vater aussprach, einen unzweifelhaften Gegensatz gegen ihre Lehre erkennen. Er wurde sofort seines Amtes entsetzt, nachdem er dasselbe noch nicht dreißig Tage verwaltet hatte, und wurde aus Antiochien nach feinem Vaterlande Meliteme verbannt. In wie hohem Grade er schon in dieser kurzen Zeit sich die Liebe der Gemeinde erworben hatte, davon ist ein Beweis, daß, als ihn der Präfekt aus der Stadt hinausbrachte, das Volk sich sammelte und mit Steinen nach demselben warf, so daß Meletius mit seinem Mantel ihm das Haupt verhüllen mußte, um ihn zu schützen. An seine Stelle wurde ein entschieden arianisch gesinnter Bischof, Euzoius, berufen; die Kluft zwischen der herrschenden arianischen Partei und den Anhängern der athanasianischen Lehre war in der antiochenischen Kirche von Neuem befestigt.

 

Aber zu gleicher Zeit entstand nun auch unter den Gegnern des arianischen Bekenntnisses in Antiochien eine Spaltung, die ihren Ausgangspunkt in der Person des Meletius hatte. Die Eustathianer hatten ihn, weil er von den Arianern eingesetzt war und sein Bekenntniß nicht entschieden athanasianisch war, von Anfang am als rechtmäßigen Bischof nicht anerkannt, sondern an Eustathius als dem allein rechtmäßigen Inhaber des Bischofsstuhles treu festgehalten. Auch nachdem dieser gestorben war, beharrten sie dabei, dem Meletius ihre Anerkennung zu versagen. Sie blieben eine abgesonderte Partei, unter der Führung eines Presbyter Paulimus, der bisher schon ihre gottesdienstlichen Versammlungen in der Neustadt von Antiochien geleitet hatte, und mieden jede Kirchengemeinschaft mit dem Theil der Gemeinde, welcher dem Meletius treu geblieben war und seine Versammlungen in der Altstadt von Antiochien hielt. Diese Spaltung wurde durch kirchliche Einflüsse und Einwirkungen von Außen her noch mehr befestigt.

 

Die Schritte, welche die Synode zu Alexandrien im J. 362 that, um dieser Spaltung ein Ende zu machen, konnten nicht zum Ziele führen, da man sich einseitig auf den Standpunkt der eustathianischen Partei stellte, an diese allein das zur Beilegung des Streites verfaßte Sendschreiben richtete, und überdies den Führer derselben, den Presbyter Paulinus, zum Bischof von Antiochien weihte, den die Meletianer nun ohne Weiteres als ihr Haupt anerkennen sollten. Ein großer Theil derselben verweigerte entschieden diese Anerkennung. Meletius kehrte bald darauf mit Erlaubniß des Kaisers Julian aus der Verbannung nach Antiochien zurück; seine Anhänger schlossen sich jetzt um so fester um ihn als ihren Bischof zusammen. Die Spaltung dauerte in der antiochemischen Kirche fort, auch nachdem die Herrschaft des Arianismus, gegen den beide Parteien gekämpft, ein Ende genommen hatte. Ja, die gesammte Kirche wurde nach und nach in diese Spaltung hineingezogen. Nach dem Vorgang der alexandrinischen Kirche und ihres angesehenen Hauptes, des Bischofs Athanasios, trat die gesammte abendländische Kirche auf die Seite des Paulinus und seines Anhangs, während fast die ganze morgenländische Kirche Meletius als rechtmäßigen Bischof anerkannte und mit ihm in Kirchengemeinschaft stand. Inzwischen bewies Meletius eine Friedensliebe unausgesetzt, indem er keine sich ihm darbietende Gelegenheit zur Ausgleichung des für die ganze Kirche verderblichen Streites unbenützt vorüberließ. Unter seiner Leitung erklärte sich eine 363 in Antiochien abgehaltene Synode ausdrücklich zu dem wesentlichen Inhalt des nicänischen Bekenntnisses. Aber trotzdem hielt der um dieselbe Zeit in Antiochien anwesende Athanasius nur Kirchengemeinschaft mit Paulinus. Auch die Verfolgungen, welche über sämmtliche Bekenner des nicänischen Glaubens kamen, als unter Kaiser Valens der Arianismus in der morgenländischen Kirche wieder zur Herrschaft gelangte, konnten den Riß nicht heilen. Auch Meletius wurde von dieser Verfolgung betroffen, und mußte von Neuem seine Gemeinde verlassen. In Verbindung mit Basilius bewies er sich als ein tapferer Vertheidiger der Lehre, welche ausgerottet werden sollte, arbeitete aber auch an der Ermöglichung des Kirchenfriedens zwischen dem Orient und Occident unermüdlich fort. Das Gewicht einer edlen, in immer weiteren Kreisen hochgeehrten und geliebten Persönlichkeit und seines ächt christlichen, wahrhaft geistlichen Charakters fiel bei diesen Bestrebungen mit in die Wagschaale, um ihnen einen günstigen Erfolg zu verheißen. Dazu kam die innige Verbindung, in welcher er mit den hervorragendsten Theologen der morgenländischen Kirche stand, die für das nicänische Bekenntniß litten und stritten und mitten unter den schwersten Kämpfen und Verfolgungen seine Fahne hoch hielten, so daß er vor den Augen der gesammten Kirche, die ihn mit diesen nur zusammenschauen konnte, als tapferer Streiter für die lautere Wahrheit erscheinen mußte. Besonders stand er mit den drei größten Lichtern des Orients, mit Basilius von Cäsarea, mit dessen Bruder Gregor von Nyssa und mit dem Freunde beider, Gregor von Nazianz, n innigster Verbindung und erfuhr von diesen die kräftigste Unterstützung bei seinen Bemühungen um Aufhebung der Spaltung beider Kirchen. Zunächst tritt uns eine Verbindung mit Basilius als eine sehr lebhafte und innige entgegen. Während Basilius zwischen ihm und Athanasius zu vermitteln suchte, schickte er auch Gesandte nach dem Occident, um die Hülfe der abendländischen Kirche für die unter der arianischen Verfolgung seufzende morgenländische Kirche zu erlangen und die Einheit beider wiederherzustellen. In Bezug auf Ersteres schreibt er an die Abendländer: „durch ihren Beistand müsse der Glaube im Orient wiederhergestellt werden, und es sei nun die Zeit für sie gekommen, dem Orient für die von dort empfangenen Güter ihren Dank zu beweisen.“ Und in Bezug auf Letzteres schreibt er an die Presbyter zu Tarsus: „der Zustand der Kirche gleicht einem alten Kleide, welches durch die geringste Veranlassung leicht zerrissen wird und nicht wieder ein Ganzes, wie es war, werden kann. In einer solchen Zeit bedarf es des Eifers und vieler Sorgfalt, um für die Gemeinden etwas Gutes zu stiften. Das Gute besteht aber darin, daß das bisher Getrennte geeinigt werde. Einigung aber würde werden, wenn wir in den Dingen, in denen wir den Seelen nichts schaden, den Schwachen uns anbequemen wollten.“ Aber der Hochmuth und die Beschränktheit des römischen Bischofs Damasus und das tiefgewurzelte Vorurtheil der von ihm abhängigen abendländischen Theologen gegen die Lehre der morgenländischen vereitelten diese Bemühungen um Herstellung der kirchlichen Einheit. Umsonst war die zweimalige Absendung von Presbytern der meletianischen Gemeinde nach Rom. Meletius hatte den Schmerz, während er um des nicänischen Bekenntnisses willen Verfolgungen erduldete, von einer römischen Synode 377 den arianischen Ketzern beigezählt zu werden. Er konnte, als die Verfolgung nach dem Tode des Valens 378 aufhörte, zu einer Gemeinde zurückkehren und bekannte sich auf einer 379 in Antiochien abgehaltenen Synode von Neuem zu der nicänischen Lehre, wie er sie bisher in der Verfolgung standhaft vertreten hatte. Nachdem die Verhandlungen mit dem römischen Bischof wegen Anerkennung seiner Rechtmäßigkeit wieder aufgenommen waren, und durch Gregor von Nazianz in Constantinopel, welcher sich seiner Sache mit eifrigem Wort und Zeugniß wider die auch dort eingedrungene Spaltung annahm, der Zwiespalt beseitigt worden war, wurde Meletius auf Grund des von dem morgenländischen Kaiser Theodosius im J. 380 erlassenen Gesetzes, nach welchem nur diejenigen, welche der Lehre von der Gleichwesenheit des Sohnes mit dem Vater zugethan wären, im Besitz der Kirchen verbleiben sollten, von dem kaiserlichen Befehlshaber als rechtmäßiger Bischof von Antiochien anerkannt, und die beiden antiarianischen Parteien daselbst trafen die Vereinbarung, daß wenn einer von den beiden Bischöfen stürbe, der überlebende allein Bischof der ganzen Gemeinde sein und kein neuer Bischof von der betreffenden Partei gewählt werden sollte.

 

Zur Besiegelung der Wiederherstellung des nicänischen Bekenntnisses und zur Feststellung einer näheren Bestimmung der nicänischen Lehre berief Kaiser Theodosius 381 ein allgemeines Concil nach Constantinopel. Es versammelten sich daselbst im Mai dieses Jahres etwa 150 Bischöfe aus den östlichen Provinzen des Reichs zu einer Synode, die allerdings nur halb so zahlreich war, wie die zu Nicäa, und weder den römischen Bischof noch einen Abgeordneten desselben in ihrer Mitte sah, aber trotzdem wegen der Wichtigkeit der auf ihr festgestellten Lehrsätze dem nicänischen Concil als das zweite allgemeine Concil der Kirche gleichgestellt und auch von der römischen Kirche alsbald anerkannt worden ist.

 

Aus Antiochien war nicht Paulinus, sondern Meletius zum Concil berufen worden. Wegen eines hohen Alters, einer ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften und ächten Frömmigkeit allgeliebt und verehrt, führte er den Vorsitz in der Versammlung, und war als ein solcher, wie die Liebe Gregors ihn uns in einem Gedicht als einen Mann von Gottseligkeit und Einfalt, schlichtem Charakter und gottbegeistertem Sinn, von ruhig mildem Blick und kühnem mit Bescheidenheit gepaarten Muth vor Augen malt, ohne Zweifel vor allen Andern für dieses ehrenvolle Amt geeignet; denn ein Bild ficht scharf genug ab von dem Bilde, welches uns Gregor von dem Charakter und der Haltung der meisten auf diesem Concil versammelten Bischöfe entwirft. Das Erste, womit die Synode unter dem Vorsitz des Meletius sich zu beschäftigen hatte, war die Ordnung der kirchlichen Verhältnisse in Constantinopel. Die frühere Wahl des Maximus wurde untersucht und für ungültig erklärt. Weder er, noch die von ihm zu irgend einem geistlichen Amt Geweihten sollten als Geistliche angesehen werden, und Alles, was mit ihm und von ihm vorgenommen worden war, sollte null und nichtig ein. Nachdem der bischöfliche Stuhl förmlich für erledigt erklärt worden, wurde zur Wahl eines rechtmäßigen Bischofs geschritten, welche dadurch, daß sie von der Synode selbst vollzogen wurde, eine besonders hohe Bedeutung erhielt und dem Gewählten ein sehr hohes Ansehn verlieh. Dieser war der als Vertheidiger und Vorkämpfer des nicänischen Glaubens glänzend bewährte Gregor von Nazianz, bei dem zu seinen hervorragenden Geistesgaben und zu einer Tüchtigkeit in der Rede und im Regiment noch die Beliebtheit beim Kaiser und beim Volk und das Ansehn, in dem er bei den Geistlichen stand, hinzu kamen, um seine Stellung im Patriarchat der Welthauptstadt so glänzend als möglich zu machen. Freilich fehlte es auch nicht an Bedenken und Widerspruch in Betreff einer rechtmäßigen Erhebung zu diesem Amte. Indessen die ehrwürdige Auctorität des Meletius, der sich Alle beugten, hob diese Bedenken. Nachdem Gregor diese Würde früher abgeschlagen hatte, nahm er sie auch jetzt nicht gern an; er verstand sich dazu nur, weil die Synode ihn zum Träger derselben erwählte und weil er die Hoffnung hegte, jetzt als rechtmäßiger Bischof von Constantinopel. Vieles zur Aussöhnung des durch die meletianische Spaltung in Antiochien veranlaßten Kirchenstreits beitragen zu können. Meletius ertheilte ihm an der Spitze der ganzen Synode unter einer glänzenden kirchlichen Feier die Weihe. Aber bald darauf starb er in sehr hohem Alter. Bei dem feierlichen Leichenbegängniß, welches ihm zu Ehren in Constantinopel veranstaltet wurde, zeigte sich in deutlichster Weise, welch‘ ungetheilte und allgemeine Verehrung er genossen hatte. Von einer anfangs unbestimmten und etwas zerfließenden Richtung in seinen dogmatischen Anschauungen hatte er sich frei und selbständig zu der festen und unerschütterlichen Ueberzeugung von der ewigen Gottheit des persönlichen Logos, der in Christo Fleisch geworden, entwickelt und für diese Wahrheit tapfer gestritten und standhaft gelitten. Der von blinden Eiferern selbst während einer Kämpfe und Leiden für diese Wahrheit als ein Feind derselben, als ein Ketzer Geschmähte war geschmückt mit der Märtyrer- und Siegerkrone, welche ihm die das nicänische Bekenntniß bestätigende Synode zuerkannte, dahin geschieden. Diese verlor in ihm ihren geistlichen Vater und weisen Leiter. Die allgemeine Liebe, deren Gegenstand seine vom Frieden Gottes mild durchleuchtete Persönlichkeit war, die Ruhe, Klarheit und Festigkeit eines ganzen Wesens, und vor Allem die Frömmigkeit und Gottseligkeit, welche das Gepräge eines ganzen Lebens und Wandels ausmachte, hielten in der Synode die Leidenschaften nieder, nöthigten die leicht aufbrausenden Elemente derselben zur Mäßigung und Ruhe und ließen Streit und Zwietracht nicht aufkommen. Ein Zeugniß von dieser Bedeutung des Mannes sind die Lobreden, welche die angesehensten Bischöfe zu seinem Gedächtniß hielten, und von denen die des Gregor von Nyssa uns aufbewahrt ist. Von Constantinopel wurde eine Leiche in feierlichem Zuge, auf dem sie in den Städten überall mit Gesang eingeholt und geleitet wurde, nach Antiochien gebracht, wo sie bestattet wurde. Chrysostomus hielt einige Jahre später eine Lobrede zu seinem Gedächtniß, welche bezeugt, daß er bei der Gemeinde in Antiochien in gesegnetem Andenken stand. Auf Siegelringen und an den Wänden der Stuben konnte man daselbst ein Bild finden, und Eltern gaben ihren Söhnen einen Namen, um sein Gedächtniß in den Familien treu zu bewahren und durch den Namen selbst den jungen Gemüthern eine Mahnung zur Nacheiferung zu geben.

 

Nach Meletius Tode hätte gemäß der oben erwähnten Vereinbarung die unglückselige Kirchenspaltung ein Ende haben sollen. Aber die Synode gab den eindringlichen Ermahnungen Gregors, ihres jetzigen Leiters, durch Anerkennung des schon bejahrten Paulinus der Kirche den Frieden wieder zu geben, kein Gehör. Die Bischöfe der syrischen Kirchenprovinz setzten es durch, daß der Presbyter Flavian, der mit Meletius nach Constantinopel gekommen war, zum Nachfolger desselben gewählt und von der Synode bestätigt wurde. Damit war nicht blos für die Gemeinde in Antiochien, sondern auch für die ganze Kirche der alte Zwiespalt erneuert, indem eine unter dem römischen Bischof Damasus abgehaltene Synode dem Flavian und seinen Anhängern die Kirchengemeinschaft verweigerte. Erst dem nach Constantinopel berufenen Chrysostomus gelang es 398, den Flavian mit dem Bischof Theophilus von Alexandrien auszusöhnen und durch diesen die Kirchengemeinschaft mit dem Abendland wieder herzustellen. Trotzdem verblieb noch ein Rest der Eustathianer in der Separation, die erst 415 damit endete, daß der Bischof Alexander von Antiochien mit einer Gemeinde an einem Festtage an ihrem Gottesdienst Theil nahm und sie dadurch zur Kirchengemeinschaft zurückführte. Nachdem an die Stelle des von einem Bischofsamt zurückgetretenen Gregor der bisherige Senator und Prätor, Nektarius, ein Mann von sanftem und mildem Charakter, der aber noch nicht einmal die Taufe empfangen hatte, gewählt worden war, fand das Concil, wie es scheint, unter dem dominierenden Einfluß des durch seinen theologisch-wissenschaftlichen Geist alle Andern überragenden Bischofs Gregor von Nyssa. Es faßte jetzt die Beschlüsse, durch welche es für die Verfassung und für die Lehre der gesammten Kirche von epochemachender Bedeutung wurde. Hinsichtlich der Verfassung wurde festgesetzt, daß der Bischof von Constantinopel als Bischof von Neu-Rom den zweiten Rang nach dem römischen Bischof haben sollte. Hinsichtlich der Lehre wurde das nicänische Bekenntniß mit hinzugefügter Verwerfung der ihm entgegenstehenden Häresien bestätigt. Unter den Zusätzen, die es zu demselben machte, war der wichtigste der, welcher die bis dahin noch sehr unbestimmte Lehre vom heiligen Geist betraf. Im Gegensatz gegen die durch 36 Bischöfe vertretene Partei der Macedonianer oder Pneumatomachen, die nach dem Vorgange eines früheren Bischofs von Constantinopel, Namens Macedonius, zwar nicht mehr mit den s. g. Semiarianern eine bloße Wesensähnlichkeit des Sohnes mit dem Vater, sondern seine Wesensgleichheit mit demselben anerkennen, aber doch entschieden diese Wesensgleichheit dem heiligen Geiste nicht zuerkennen wollten, sondern die Lehre aufstellten, daß derselbe dem Vater untergeordnet und ein Geschöpf sei, machte die Synode unter Verwerfung dieser Lehre einen Zusatz zu dem nicänischen Bekenntniß, in welchem die Gleichwesenheit mit dem Vater auch auf den heiligen Geist ausgedehnt, dieser nehmlich als „der vom Vater ausgehende, regierende, lebendigmachende Geist, der mit dem Vater und Sohne zugleich angebetet und verehrt werde“, bezeichnet wurde. Dadurch kam die Lehre vom heiligen Geist und somit auch die Lehre von der Dreieinigkeit zu einem vorläufigen symbolischen Abschluß. Ebenso verwarf diese Synode die Irrlehre des Bischofs Apollinaris von Laodicäa, welche die vernünftige menschliche Seele in Christo leugnete und an deren Stelle das Göttliche in ihm, den Logos setzte, und behauptete dagegen die volle Wahrheit wie der göttlichen so der menschlichen Natur in Christo nach Leib und Seele. Von diesem Punkt aus erfolgte dann in den folgenden Jahrhunderten die weitere Entwicklung der Lehre von der Person Christi hinsichtlich der göttlichen und der menschlichen Natur in ihm und des Verhältnisses. Beider zu einander. In einer prächtigen Handschrift der griechischen Reden des Gregor von Nazianz in Paris, die aus dem 9. Jahrhundert stammt, befindet sich vor der Rede, welche den Titel: „auf die Ankunft der ägyptischen Bischöfe“ führt, ein merkwürdiges sinnreiches Miniaturbild, auf welchem dieses zweite allgemeine Concil zu Constantinopel dargestellt ist. Oben in der Mitte des Bildes steht ein Thron, zu dessen Linken der Kaiser Theodosius sitzt, mit einem Namen bezeichnet, und zu dessen beiden Seiten die Bischöfe im Halbkreise ihre Plätze einnehmen. Unten in der Ecke links vom Beschauer kniet Macedonius, ebenfalls mit einem Namen bezeichnet, die Hände emporgehoben; in der Ecke rechts hat die jetzt weggerissene Figur des Apollinaris ihre Stelle gehabt; zwischen beiden steht ein Tisch, auf welchem die Rollen ihrer vom Concil verworfenen Schriften liegen. Von diesem Tisch im unteren Theil des Bildes wenden sich die Blicke unwillkürlich wieder zu dem in gleicher Linie oben recht absichtlich, wie es scheint, in hervorragender Stellung gezeichneten Thron empor; denn hier ist die höchste Bedeutung des Bildes zu suchen. Niemand thront auf demselben, nicht der Kaiser nicht ein Bischof; wohl aber ruht darauf ein großes aufgeschlagenes Buch,- die heilige Schrift, – in aufrechter Stellung, erhaben über Kaiser und Concil, zum Zeichen und Zeugniß, daß Gottes Wort allein den Vorsitz führen, eine Entscheidung allein bei dem Streit menschlicher Meinungen gelten, eine Auctorität allein bei allen Berathungen und Beschlüssen die höchste Quelle und Richtschnur sein sollte, und daß die Synode nur unter dem unsichtbaren Haupt der Kirche, das mit einem Wort und Geist in ihrer Mitte sei, versammelt sein wollte. Daß diese Idee von dem den Vorsitz führenden Worte Gottes nicht erst eine künstlerische Erfindung späterer Zeit und als ein von reformatorischen Gedanken nachfolgender Zeiten in die Vergangenheit zurückverlegtes Ideal anzusehen ist, sondern jener Zeit selbst angehört, in der das Concil gehalten wurde, wird durch ausdrückliche Zeugnisse von den beiden nächsten allgemeinen Concilien, besonders aber durch die Bemerkung des Bischofs Cyrill von Alexandrien bestätigt, welcher in Bezug auf das dritte allgemeine Concil zu Ephesus 431 jagt: „Zu einem Beisitzer und Haupt machte es Christum; denn auf heiligem Thron lag das göttliche Evangelium, welches den heiligen Priestern beinahe laut zurief: „Haltet ein gerechtes Gericht.“ Das ist ein Beweis dafür, wie die Kirche zu dieser Zeit trotz vielfacher Abirrung von dem reinen Wort der Schrift, der sie sich bis dahin bereits schuldig gemacht, doch noch den Grundsatz von der Autorität der heiligen Schrift als der alleinigen Quelle der lauteren göttlichen Wahrheit, und der höchsten Instanz zur endgültigen Entscheidung über Wahrheit und Irrthum in den kirchlichen Lehrsatzungen aufrecht erhielt und zur Geltung brachte, wenn gleich das Verhalten und Verfahren ihrer Diener weder auf dem zweiten allgemeinen Concil, auf welches uns jenes Bild hinweist, noch auf den folgenden jenem Grundsatz keineswegs immer und überall entsprach. Jener Grundsatz aber enthielt die Wahrheit, aus welcher nach vielen Jahrhunderten stetig zunehmender Abirrung der Kirche von dem lauteren Worte Gottes der Strom der Reformation zu ihrer Erneuerung durch die lebendig machende Kraft des Evangeliums sich ergossen hat, und ist auch für die Kirche der Gegenwart eine ernste und heilsame Mahnung, daß sie, nur auf diesem Felsengrund gegründet, den Stürmen der Welt und des Unglaubens trotzen, und alle unchristliche und widerchristliche Lehre von der heiligen Dreieinigkeit und von Christo dem wahren Gottes- und Menschensohn durch die Macht der ewigen Wahrheit und mit den Waffen des Geistes von Oben, der in alle Wahrheit leitet, überwinden kann.

 

David Erdmann in Breslau.

Didymus, Lehrer der Katechetenschule zu Alexandrien.

Es gehört zu den schmerzlichsten Räthseln der vom Geiste Gottes erleuchteten Weltbetrachtung, welche das Geheimniß der Geschichte nicht in dem trostlosen Einerlei einer ziellosen Kreisbewegung, sondern in dem Vorwärts einer wenn auch langsamen Menschheitsentwickelung erblickt, daß mitunter ganze Völker nach Perioden eines reichbewegten geistigen Lebens plötzlich zurückgeworfen werden auf die Kindheitsstufe der Kultur und Bildung. Der erschütternde Eindruck dieser Katastrophen steigt bei Nationen, welche, groß und herrlich in der Geschichte des Reiches Gottes, einen Fall thun wie Babel, da eine Pracht vom Himmel zur Hölle niedergeworfen ward, wie Bethaida oder Kapernaum, da ihnen der Herr das Gericht drohte entsetzlicher als Sodom. Wie ein lieblicher Garten Gottes, duftend im Heilsschmuck christlicher Erkenntniß, Gesittung, Liebe, lagen die Diöcesen einst um das Mittelmeer. Aber was sind sie jetzt, diese Perlengürtel des Mittelmeers, diese Wiegenfitze des Christenthums und des glänzendsten kirchlichen Lebens? Wo sonst sich Gemeinde an Gemeinde reihte, nichts als versprengte Christenhäuflein im Wüstenmeer einer mit gleißnender Civilisation übertünchten Barbarei, die strahlenden Bischofssitze elende Dörfer oder verwitterte Ruinen, oft spurlos verweht bis auf die Namen, die herrliche Natur verwildert durch die Trägheit der Menschen, die Bevölkerung abgestumpft durch die Herrschaft des Halbmondes, dessen Geistesbann überall zuletzt auch den Zusammensturz der bürgerlichen Ordnung nach sich zieht, hie und da schwellende Knospen, die einen nahenden Frühling ankündigen, aber, zurückgehalten durch die allgemeine Erstarrung, es zu keiner Ausreifung bringen. Das sind die Gerichte der strafenden Liebe Gottes, welche ihre himmlischen Segnungen unverkürzt und mit zuwartender Geduld darreicht Jedermann, aber ihre Verachtung zuletzt rächt mit Entziehung selbst dessen, was der Mensch in gewissem Sinn sein eigen nennt. Kleinasien, Palästina, Alexandrien, wie waren sie einst so hoch erhoben! Aber weil sie die erste Liebe verließen, um in Weltsinn und Wohlleben das Kleinod der Einen Perle zu vergessen, weil sie im Ergötzen an spitzfindigem Grübeln und Streiten über die Mysterien des Dogma die Hauptsache im Christenthum, Glauben und Liebe, aus den Augen verloren, und ihre treuesten Lehrer, anstatt in Ehren zu halten und zu segnen, mit Geringschätzung und Bannflüchen verfolgten, mußte ihr Leuchter hinweggestoßen werden. Sie wurden eine Beute des Erbfeindes der Kirche, nachdem sie innerlich sich vom Menschensohn losgesagt hatten. Länger denn zwei Jahrhunderte hatte die sogenannte Katechetenschule in Alexandrien geblüht, als Pflanzstätte einer im gläubigen Gemüth gepflegten Philosophie des geoffenbarten Christenthums. Eine Fülle geistigen Lebens strömte von ihr über die Kirche aus. Wenn sie im engeren Kreise heilsverlangender Gebildeten aus den Heiden als Helferin zum Glauben, jungen Christen von Talent als Vorschule für den Kirchendienst diente, so wirkte sie ins Allgemeine auf geistigere Schriftauslegung, auf wissenschaftliches Verständniß des nach einem letzten Gründen erforschten, als Ganzes lebensvoll zusammengefaßten Christenthums, auf Zubereitung der Bildungsschätze der alten Welt für die Zwecke des Evangeliums, überhaupt auf eine höhere und feinere Weltansicht, wobei das Wissen überall mit dem Leben sich in harmonischer Einheit darstellen sollte. Das Absterben ihrer Blüthe seit Ausgang des vierten Jahrhunderts war eines der Vor- und Wahrzeichen des allgemeinen Verfalles, welcher die vom Mönchsgeist eingeschnürte, im Formel- und Formenwesen erstarrende, in sich getheilte Kirche des Orients zunächst in selbstbereitete geistige Knechtschaft, alsdann und in Folge hievon auch in die äußere des Islam stürzte. Ungesucht erinnert daher das Leben und Wirken des Didymus, des letzten ihrer bedeutendern Lehrer, an jenen Verfall und die mit ihm in Verbindung stehenden dauernden Folgen. Es liegt in dem besonderen Walten der Vorsehung beim Entwickelungsgange der Kirche, daß sich das äußere Leben gerade der hervorragendern Kirchenlehrer in fast völliges Dunkel verliert. Auch über Didymus wissen wir wenig, was bei ihm auch wohl damit zusammenhängt, daß sein Leben ohne eigenthümliche Wechsel im stillen Gleichmaß des Lernens und Lehrens sich abspann. Seine Geburt fiel nach einer höchst wahrscheinlichen Berechnung in die schwere Zeit, wo die Kirche den letzten Entscheidungskampf gegen die ganze Reichsmacht des römischen Heidenthums kämpfte (ins J. 309). So erhielt er gleichsam mit der Geburt die Bluttaufe für ein Leben der Aufopferung im Dienste des Herrn. Das Alterthum kennt ihn unter dem Namen des Blinden, weil er in früher Jugend, noch bevor er die Anfangsgründe des Unterrichts erlernt, im vierten oder fünften Lebensjahr das Augenlicht verlor. Aber wie viele andere große Väter, einen Justinus, einen Augustinus, beseelte ihn von Kindheit auf ein mächtiger Trieb nach Erkenntniß. Man traf ihn oft im Gebet, daß Gott ihm das Licht nicht der Augen, sondern die Erleuchtung des Herzens verleihen wolle. Und wie es in der Regel geschieht, daß, wo ein Sinn erlischt, die Leuchte der andern um so herrlicher aufgeht, so entwickelte sich bei ihm das von Natur reiche Geistesleben so rasch und glücklich, daß er an Leichtigkeit der Auffassung, an Treue des Gedächtnisses, an Sicherheit des Verständnisses nicht bloß alle Altersgenossen überflügelte, sondern im Besitz einer ungeheuren Fülle göttlichen und menschlichen Wissens bald ein auf allen Gebieten damaliger Gelehrsamkeit, selbst denen, welche am meisten der sinnlichen Anschauung bedürfen, gefeierter Meister wurde. Das Gehör ersetzte ihm das Gesicht. Oder wie Zeitgenossen es ausdrückten, Gott gab ihm anstatt der Augen des Leibes die Augen des Geistes. Die Buchstaben und Namen, überhaupt Alles, was mit dem Tastgefühl sich erkennen läßt, erlernte er durch Hilfe von Tafeln, in welche die Formen eingeschnitten waren. In den Schulen wahrscheinlich Alexandriens erwarb er die Kenntniß der Regeln der Grammatik und Rhetorik. Von da zum Studium der Philosophie gewandt, bemächtigte er sich mit gleicher Schnelligkeit der Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, so daß er die schwierigsten Probleme der Mathematik mit Glück löste und in Disputationen. Keinem an Gewandtheit oder Geistesgegenwart nachstand. Ganze Tage bis tief in die Nacht saß er im Sinnen über göttliche Dinge. Sobald die Schulen sich schlossen, ließ er sich vorlesen. Und wenn die Vorleser ermüdet einschliefen, durchdachte er das Gehörte im Geist oder wiederholte es für das Gedächtniß, so daß er das Vorgetragene nicht sowohl gehört, als auf die Blätter einer Seele niedergeschrieben zu haben schien. Am lebhaftesten beschäftigte ihn, entsprechend der Grundrichtung der alexandrinischen Schule, das Studium der heiligen Schrift. Sie wurde ein tägliches Brod, von welchem er lebte, die Geistesheimath, in welcher Herz und Gedanke ausruhte. Ganze Bücher, unzählige Stellen im Einzelnen wußte er wörtlich auswendig. Nicht bloß ihr Inhalt und Wortlaut war ihm jederzeit gegenwärtig, sondern selbst über abweichende Lesarten oder Verschiedenheiten der Uebersetzer des Alten Testamentes wußte er Rechenschaft zu geben. So ein Wunder Allen, war ihm durch Gottes Gnade beschieden, daß er der geistige Führer für Tausende wurde. Es hat alle Wahrscheinlichkeit, daß ihm bereits im Jünglingsalter von 26 Jahren (im J. 335) der Patriarch Athanasius mit dem einflußreichen Katechetenamt in Alexandrien betraute. Ueber ein halbes Jahrhundert hat Didymus es mit Segen geführt, bis zu seinem Tode (395) mit ungebrochener Kraft thätig, bald im mündlichen Unterricht vor Schaaren begeisterter Schüler, bald in einsamer Stille Notarien diktierend. Das Lernen und Wirken für Andere war sein Lebensodem. Alle, die zu ihm strömten, um den seltenen Mann zu sehen, zu hören – und es waren ihrer Viele, Egypter, Griechen, Lateiner – nahm er mit immer gleicher Liebe auf. Keine der ihm vorgelegten Fragen ließ er ohne Antwort. Manche seiner Schriften verfaßte er auf ihre Bitte. Wer ihn gehört hatte, fühlte sich stolz, ihn einen Meister nennen zu dürfen. Von bekannteren Kirchenlehrern saßen zu seinen Füßen Palladius, Evagrius, Isidorus, Rufinus, Hieronymus. Es war wohl das Erbauliche einer ungeachtet der leiblichen Blindheit so vielseitig gebildeten Persönlichkeit, was diesen Zauber übte; daneben das Anregende des mündlichen Wortes, das, ohne blendende Gedanken und Sprache, aber immer eine That des innersten Lebens, und anziehend durch finnige Einfachheit, tiefe Schriftkenntniß, durch in Beweisführung wie Widerlegung wohlgeübte Dialektik, zündend in die Herzen schlug. Schon Zeitgenossen fühlten, daß seine Schriften diese Gewalt der Rede nur sehr unvollkommen abschatteten. Rufin erzählt, daß zwar eine schriftlichen Ergüsse in allgemeiner Achtung fänden, daß aber aus einer mündlichen Rede eine weit größere Anmuth, ja etwas Göttliches spreche. So gehörte Didymus wohl zu den Naturen, die, was sie sind, durch ihre Persönlichkeit sind. Jedenfalls war er kein schöpferischer Geist. In dem großen Origenes verehrte er die Sonne, von welcher seine Theologie Licht und Farbe empfing. Es ist ein treffendes Wort, wenn man ihn den letzten treuen Nachfolger des Origenes genannt hat. Denn ausgehend von den Grundgedanken des Origenismus, will er dieselben, umgeprägt in das Bild der Rechtgläubigkeit eines Zeitalters, für das Interesse der Kirche verwerthen, und der fromme Sinn des geliebten Todten verklärt sich ihm so gänzlich zum Wiederschein dieser Form rechtgläubigen Denkens, daß er sich das gegen Origenes bestehende Mißtrauen. Vieler nur aus ihrer Unfähigkeit, seine Ideen zu verstehn, zu erklären weiß. Eben in diesem Bezug bildet er ein „wichtiges Mittelglied für die Entwickelung des spätern alexandrinischen Lehrbegriffs und der mystischen Theologie, wie dieselbe sich in den Schriften des falschen Dionysius ansetzt.“ Da aber ein Denken bei alledem doch wesentlich im Gemeingefühl und Leben der Kirche wurzelt, diente ihrem Dogma überall seine Polemik. Arianer und Manichäer, die damaligen Hauptfeinde der Kirche, von denen jene im mißverstandenen Eifer für die Einheit des göttlichen Wesens den fleischgewordenen Gottessohn, in welchem doch die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, auf die Zwittermatur eines heidnischen Gottgeschöpfes herabdrückten, diese mit ihrer Lehre von der Naturnothwendigkeit des Bösen die Wahrheit des sittlichen Lebens zerstörten, bekämpfte er nicht bloß in besondern Schriften, sondern ließ gelegentlich, so oft sich Veranlassung bot, auf die scharfe Schlagschatten fallen. Die göttliche Trinität hatte für ihn die höchste religiöse Bedeutung. Von ihr „kommt alles Heil. Der Vater beruft uns zur Kindschaft, der eingeborene Sohn hat uns als Brüder begrüßt und gewährt, daß wir Gott unsern Vater nennen dürfen, der heilige Geist in den Wiedergeborenen wohnend erlöst sie von Tod und Sünde.“ Wenn daher auch die äußerte der Sünden, die keine Vergebung findet, die Blasphemie gegen den heiligen Geist ist, die Läugnung, daß der Geist gleichwesentlich mit Vater und Sohn, Gott von Gott ist, weil in der Wiedergeburt, welche er wirkt, das höchste Gut des Christenthums besteht, so läßt dieselbe Blasphemie sich doch auch gegen Vater und Sohn begehn, und es geziemt die größeste Vorsicht, daß die Untersuchung über die nicht fehlgreift. Den Arianern wurde Didymus der gefährlichste Gegner dadurch, daß er, aristotelische Schlußformeln mit platonischer Weisheit verbindend, die von ihnen gehandhabten Waffen mit Erfolg wider die selbst wandte. Diese Rechtgläubigkeit im Artikel von der Dreieinigkeit rechneten ihm auch noch spätere Verketzerer zu besonderm Ruhm. Wie es aber in der Hitze des Kampfes trifft, daß Wort und Gedanke weit über das eigentliche Ziel hinausschießt, also geschah’s auch dem sonst wohlbedachten Didymus. Wenn die Manichäer wie alle gnostischen Sekten die Offenbarung Gottes im Alten Bunde phantastisch von der im Neuen Testamente losreißend die erstere als Werk des bösen Weltprincips verwarfen, so will Didymus selbst die Decke, die auch vor Mosis und der Propheten Antlitz hing, nicht als Grund gelten lassen, daß ihnen die Gläubigen des neuen Bundes als Reichsgenossen Christi voranstehen. „Wie sollte Abraham kleiner sein, der doch Gott schaute und in dessen Schoß alle nach Christus Entschlafenen ruhen? Wie könnten Moses und Elias kleiner sein, die dem Herrn im Glanz der Verklärung erschienen, nachdem sie auch den aus der Jungfrau Geborenen nicht mit sinnlichem Auge sahen.“ Oder es widerfährt ihm, daß aus der bekämpften Anschauungsweise sich ein oder der andere Splitter in sein eigenes Denken hineinschiebt. So zweifelt er zwar nicht, daß die unter der Heilsökonomie des Alten Testamentes nicht makelfreie Ehe dies unter dem Evangelium sei, weil alle Sünde mit der Menschwerdung des Herrn abgethan ist. Doch aber läßt sich im Vergleich zur Jungfräulichkeit, die etwas Göttliches hat, auch jetzt noch die Ehe Sünde nennen, wenn schon sie an sich es nicht ist. Sie erscheint als Sünde im Verhältniß zu dem Bessern, was die Jungfräulichkeit ist. Den glänzendsten Ruf genoß Didymus bei den Zeitgenossen als Schrifterklärer. Ueber fast alle Bücher der heiligen Schrift verfaßte er Auslegungen, die indes bis auf größere Fragmente besonders über die Palmen, Sprüchwörter, Johannes und die katholischen Briefe sämmtlich untergegangen sind. So hoch er auch die weltliche Bildung schätzte, deren Gebrauch er rechtfertigt mit dem Beispiel des Moses, als welcher in aller Weisheit der Egypter groß gezogen sei, oder des Daniel, der in der Philosophie der Chaldäer hervorgeleuchtet habe, und so trefflich er selbst sich auf metaphysische Forschung und die Kunst des Schulgerechten Schlusses verstand, so bleibt ihm Grund wie Quell aller Theologie die Bibel. Seine Schriften besonders über die Trinität und den heiligen Geist enthalten ein kunstreich verschlungenes Gewebe unzähliger Schriftstellen, aus denen er die Wahrheit des Dogma bis in sein feinstes Gefüge erweist, erbauend nicht sowohl durch das irgendwie sichtbare Interesse für fromme Erregungen, sondern durch den Hauch der innigsten Liebe zum Herrn, der wie ein Gruß aus der höhern Welt sich über das Ganze ausbreitet und die dürrsten Untersuchungen wohlthuend erquickt. Dem Strom der alexandrinischen Geistesrichtung folgte er auch darin, daß er, ohne gleichgültig zu sein gegen das aus dem Wortlaut und den geschichtlichen Textbeziehungen sich zunächst ergebende Verständniß, doch die Ausmittlung des geheimen Untersinnes sich zur Hauptaufgabe stellte. Aus jedem Psalmwort spricht ihn das Angesicht des prophetisch verhüllten Christus an. Der Baum an den Wasserbächen (Psalm 1,3) ist ihm die Erkenntniß Gottes, seine Frucht der mystische oder pneumatische Schriftsinn. Die Blätter, welche die Frucht decken, bedeuten die Jedem zugänglichen Ausdrücke, die außerdem, daß sie ihre Bestimmung im Decken der Frucht haben, zugleich dem Einfältigen als Geistesnahrung dienen. Die Schrift überall nach dem Wortsinn zu verstehen erscheint ihm widersinnig, schon wenn man z. B. Psalm 35,10 vergleicht. Die Gebeine, welche dort Gott loben und bezeugen sollen, daß ihm keine Kreatur gleich sei, sind nicht die Gebeine des äußern Menschen, sondern die der Seele, ihre Geisteskräfte und die rechtgläubigen Dogmen. Auch wo die Schrift Glaubensartikel treibt, ist offenbar, daß sie oft einen Doppelsinn will. So wenn der Heiland bekennt, daß der Vater größer sei als er. Das zeigt die Gleichheit seiner göttlichen Natur mit dem Wesen des Vaters und seine Unterordnung nach der Menschheit. Auf den Wortsinn besteht Didymus am gewöhnlichsten bei Auslegung des Neuen Testamentes und wo er die Gegner aus Schriftzeugnissen widerlegt, auf welche sie selbst sich stützten. Wie aber ein oft mit Adlerschärfe blickender Tiefsinn selbst zwischen dem Entlegensten Aehnlichkeiten entdeckt und an den alttestamentlichen Schrifttexten umherschürft, bis er auf die vorausgesetzten Goldadern messianischer Weissagung stößt, so werden ihm zugleich die einfachsten Buchstaben zu Hieroglyphen, denen er mit der Wünschelruthe rabbinischer Scheidekunst die mannigfachsten Geheimnisse oder Ideen entlockt. Wenn er z. B. die sittliche Unbescholtenheit und Güte des Judas vor einer Berufung als Apostel schon daraus erschließt, daß Jesus die Zwölfe gesandt habe, wie Schafe unter die Wölfe, so erregt bei Auslegung von Psalm 89,49 das Fragwort wer? seine Aufmerksamkeit. Dies gibt ihm Anlaß zu folgenden Unterscheidungen: „Das Wort wer? steht in der Schrift bald forschend, wie in dem Spruch: wer wird hinankommen zu dem Berge des Herrn? bald bedeutet es das Seltene, wie wenn es heißt: wer also ist der treue und verständige Knecht? oder das Unmögliche, wie in dem Satz: wer hat des Herrn Sinn erkannt? bald bezeichnet es das Geringangesehene, wie: wenn Gott für uns ist, wer will gegen uns sein?“ Wortspiele und Wortkünsteleien der Art waren im Geschmack der Zeit. Wenn sie natürlich oft dazu führten, die Menschenfündlein klügelnder Willkür in das Wort Gottes hineinzudeuteln oder den Unterschied zwischen dem Schattenbilde der alttestamentlichen Vorbereitungsstufe und dem Vollalter der neutestamentlichen Heilserfüllung zu verdunkeln, so beruhten sie andererseits nicht minder oft auf tiefen Blicken in den Ideenreichthum des göttlichen Wortes und die Einheit der beiden Testamente. Ein gutes Theil der Anerkennung, welche die Zeit dem Auslegungstalent des Didymus zollte, galt einem Geschick in Handhabung der Allegorie, zumal er sie möglichst in den Bahnen des Kirchenglaubens hielt. Von beiden hatte Didymus ein lebhaftes Selbstgefühl. „Viele, sagt er, unterfangen sich die Schrift auszulegen, aber nicht Alle reden gut. Denn sie sind selten, die von Gott die Gabe dazu haben, bei Vielen findet sich Geschwätz und Tand. Das Wort kann nicht kräftig und heilbringend sein in der Seele des Heterodoxen.“

Nach Andeutungen in der Schrift über die Trinität scheint es, daß Didymus im Ehestand lebte und Familie hatte. Aber eine Grundsätze befreundeten ihn der Philosophie des asketischen Lebens, welchem er sich später völlig ergab, ohne daß er gerade die Verpflichtungen des Mönchthums übernahm. Diese Lebensstrenge, der natürliche Ausdruck eines in Gott seligen Gemüthes, erwarb ihm die besondere Verehrung des egyptischen Mönchthums und wurde Ursache, daß die Bewunderung der Zeit selbst die Wunderglorie um ein Hauptflocht. Als der gefeierte Antonius, der Vater des Mönchthums, wie eine Erscheinung vom Himmel in Alexandrien auftrat, um dem mit Macht um sich greifenden Arianismus entgegenzuwirken, würdigte er ihn dreimal seines Besuchs und soll ihn angeredet haben mit den Worten: laß dich’s nicht anfechten, Didymus, daß du der Augen des Leibes beraubt bist; du entbehrt der Augen, die auch Fliegen, Mücken und anderes verächtliche Gewürm haben; aber freue dich, daß du Augen wie die Engel hast, mit denen man Gott sieht und ein Licht aufnimmt. Während Julianus die Kirche mit neuen Verfolgungen bedrohte, saß Didymus einst, das Herz voll Sorge und außer Stande Speise zu nehmen bis tief in die Nacht auf einem Stuhl. Unter Gebeten schlummerte er ein: da sah er in der Vision des Traumes plötzlich Reiter auf weißen Rossen durch die Luft heranfliegen, mit der Nachricht, heute um die siebente Stunde ist Julianus gestorben; verkündige es dem Bischof Athanasius! Er merkte sich Tag und Stunde. Und also geschah es. So lange Didymus lebte, kam Niemandem ein Verdacht gegen seine Rechtgläubigkeit, und so wenig er aus seinem Verhältniß zu Origenes ein Hehl machte, that dies einem kirchlichen Ruf keinen Abbruch. Der Kirchenvater Hieronymus war der Erste, der nach einer Weise auf das noch frische Grab den Makel der Häresie heftete. Er hatte einst im Vorübergehen dreißig Tage die Vorträge des Didymus gehört. Das allgemeine Lob des Mannes, die Fülle seines Wissens, ein milder, klarer, auf das Höchste gerichteter und doch für alles Menschliche fein empfindender Sinn ergriff auch ihn. Kaum konnte er Worte genug finden, um fortan den Ruhm des Wundergreises auszutönen. Er preist ihn nicht bloß als den gebildetsten Mann seiner Zeit, als einen apostolischen Mann nach Gedanken wie Einfalt der Rede, sondern will ihn wegen der Tiefe seiner Schriftauslegung mit den Sehern des alten Bundes verglichen wissen. Didymus, sagt er, hat mit dem Auge der Braut aus dem hohen Lied, mit den Augen, welche Jesus aufgehoben haben will auf die zur Erndte reifen Saaten, die alte Weise der Propheten erneuert, daß man ihn den Seher nennen mag. Auch andere Gebildete einer Zunge sollten Theil nehmen an den Erkenntnißschätzen des beredten Alexandriners. Deshalb übersetzte er die Schrift über den heiligen Geist ins Lateinische. Aber Hieronymus hatte einen Abgott, dem er unbedenklich die heiligsten Gefühle und Verpflichtungen zum Opfer brachte.

Es war der Ruf unbefleckter Rechtgläubigkeit, der Ehrgeiz, überall in vorderster Reihe mit denen zu stehn, welche festhielten und vertheidigten, was dem Zeitalter heilig galt. Sobald daher in den Streitigkeiten über die Rechtgläubigkeit des Origenes auch ein Verhältniß zu dem Origenisten Didymus in Anregung kam, hielt ihn keine Rücksicht der Pietät ab, daß er nicht, veränderlich und ohne Tiefe des Charakters wie er war, über den sonst fast bis zum Himmel Erhobenen den Stab brach. Zwar daß Didymus ein Gelehrter von seltenem Wissen und im Artikel von der Trinität orthodox sei, wollte er auch jetzt nicht bergen. Aber was alle Kirchen verwürfen, mochte er auch nicht durch einen solchen Lehrer als fromm und katholisch vertheidigt hören. Offenkundigster Verfechter des Origenes: das war der Absagetitel. An diesem Vorwurf ist das wahr, daß Didymus neben der Begeisterung für freie, wissenschaftliche Untersuchung und den Erkenntnißprincipien des Origenes auch einige seiner schriftwidrigen Lieblingsmeinungen mit aufnahm. Das Philosophem von dem vorirdischen Dasein der Seelen, denen die Erde als bloßes Fremdhaus, der Leib als Gefängniß zugewiesen wurde, so daß Kinder früh sterben, weil sie nicht viel gesündigt haben und deshalb den Kerker des Leibes nur zu berühren brauchten; die Lehre, daß Christus als Heiland Himmels und der Erde nicht bloß für die sündigen Menschen, sondern für alle vernünftigen Geister gestorben sei; die allgemeine Wiederbringung alles Verlorenen, wonach auch dem Teufel die dereinstige Wiederkehr zum Urquell alles Lichts und Lebens und die Seligkeit in ihm in Ausficht steht: stellen uns mitten in das Centrum des origenistischen Freiheitsbegriffs und Heilsuniversalismus. Aber auch darin schloß sich Didymus an das Vorbild eines großen Lehrers an, daß er diese Irrthümer in einen Schriften, vielleicht ebenso in den freien Vorträgen vor der Menge nur in leisen Tönen anklingen ließ. Ueber ein Jahrhundert widerstand der Glanz eines Namens allen Verdächtigungen. Niemand wollte dem im Frieden der Kirche Entschlafenen die Ruhe des Grabes stören. Es blieb dem blinden Eifer des Kaisers Justinian I., der die Rechtgläubigkeitsfrage als eine Staatsache betrieb, vorbehalten, in das über Origenes gesprochene Verdammungsurtheil auch Didymus hineinzuziehen. Den desfallsigen Spruch der Bezirkssynode von Constantinopel (544) erneuerte der römische Bischof Martin I. (649), nach ihm die ökumenischen Synoden der griechischen Kirche. –

So stand der Liebling seiner Zeit im Ketzerverzeichnisse der Nachwelt. Es konnte nicht fehlen, daß dieser Kirchenfluch den Mann und eine Verdienste allmählich in Vergessenheit brachte. Die von allen Strenggesinnten verabscheuten oder beargwöhnten Schriften, die Niemand las oder abschrieb, mußten verschwinden, und es mag Gegenstand dankbarer Verwunderung sein, daß noch so viele vollständig oder in Bruchstücken sich erhalten haben. Aber der Kirchenhimmel eines Hieronymus und Justinian ist nicht das Himmelreich des selbst das glimmende Docht nicht verlöschenden Welterlösers. Der gläubige, durchweg auf das göttliche Wort in der Schrift sich gründende Sinn und die wissenschaftliche Bedeutung des Didymus sind groß genug, um eine Irrungen in der Lehre in Schatten zu stellen. Die Zeiten der Kirchen waren niemals die blühendsten, wo eine engherzige, wenn schon treumeinende Frömmigkeit den Werth eines Christenlebens bloß nach dem Richtscheit der anerkannten Glaubensformel bemaß und den Himmel aufschloß und zuschloß, je nach dem Verhältniß zu ihren Satzungen, unbekümmert um das persönlich individuelle Gemeinschaftsleben mit dem Herrn und alle Gediegenheit des aus dem Glauben wiedergeborenen Lebens. So lange die evangelische Kirche neben schriftmäßigem Glauben und Leben an der gläubigen Wissenschaft als ihren Augensternen hält, wird die Ursache haben, dem Didymus seine Stelle unter ihren Wahrheitszeugen und Vorbildern zu erhalten. K. Semisch in Breslau, jetzt in Berlin.

Athanasius, Bischof von Alexandrien.

Eine Erscheinung wie die des großen Athanasius, des „Vaters der Orthodoxie“, wie ihn die Kirche nennt, kann nur im Zusammenhange mit der ganzen Zeitentwickelung gewürdigt werden, der sie angehört. Zwar ist jede persönliche Erscheinung, die wir als eine geschichtlich bedeutende bezeichnen, nur aus ihrer Zeit heraus ganz zu verstehen; inzwischen giebt es Persönlichkeiten aus älterer und neuerer Zeit, deren Charakter und Lebensgang auch solche allgemeine und rein menschliche Beziehungen darbietet, wie sie möglicherweise auch unter anderen Verhältnissen, wie sie auch heut zu Tage noch unter uns sich wiederholen könnten, während dagegen andere in ihre Zeit so ganz verflochten sind, daß wir auch nicht den geringsten Zug ihres Bildes von dem historischen Boden ablösen können, von dem sie getragen erscheinen. Und dieses letztere ist bei Athanasius der Fall. Seine Größe wurzelt durchaus in der dogmatischen Ausgestaltung, welche die Kirche des vierten Jahrhunderts, gewiß nicht zufällig, sondern nach den ihr in wohnenden Gesetzen der Entwickelung erlangt und wesentlich unter einer Mitwirkung erlangt hat. Auf die großen ernsten theologischen Fragen, welche diese Zeit bewegten, war der Scharfsinn eines Geistes gerichtet; um ihre Entscheidung drehte sich ein Schicksal, und die Stärke seines Willens, die ihn alles Ungemach mit dem edlen Muthe eines Märtyrers ertragen ließ, kann nur von denen gewürdigt werden, welche das Gewicht jener Fragen selbst zu würdigen im Stande sind. Nicht Christum als den Sohn Gottes zu bekennen gegenüber der Vielgötterei und dem Götzendienst des Heidenthums, Angesichts der wilden Thiere und der Scheiterhaufen, nicht das, wofür ein Justin, ein Ignatius, ein Cyprian bluteten, war es was ihm als das hohe Ziel vorschwebte, dem er mit unerschütterlichem Muthe entgegenging (daß man für diesen Glauben in den Tod gehen konnte, das muß jedem einleuchten, der Christum als den Heiland der Welt bekennt und liebt); sondern den rechten, den auch für den Gedanken richtig normierten d. h. den orthodoxen Glauben der Kirche zu vertheidigen gegen die mächtig sich erhebende Irrlehre, das war eine eben so schwierige, als unter den damaligen Umständen hochwichtige Aufgabe. Den einfachen Christen mag es auf den ersten Augenblick fremdartig berühren, wenn er in der Kirche einen mehr als dreihundertjährigen Kampf entbrennen sieht über Ausdrücke und Bezeichnungen des göttlichen Wesens, die für uns selbst wieder einer näheren Erklärung und Gedankenvermittlung bedürfen, wenn der Streit darüber uns nicht als ein bloßer Wortstreit erscheinen soll. Wer aber in den tieferen Zusammenhang hineinblickt, in welchem die Erörterung jener Fragen mit dem innersten Wesen des christlichen Glaubens stand, wer einsehen gelernt hat, wie von der Entscheidung derselben die spätere gedeihliche Entwickelung der Kirchenlehre abhing, der wird die hohe Bedeutung eines Athanasius und der Kämpfe, die um den Mittelpunkt seiner Person sich bewegen, nach ihrem historischen Werthe zu schätzen wissen und eben deshalb auch seinem Lebensbilde die Aufmerksamkeit zuwenden, die wir für dasselbe in Anspruch nehmen.

In Alexandrien, jener merkwürdigen von Alexander dem Großen erbauten und einen Nachfolgern (den Ptolemäern) begünstigten Stadt, in welcher die morgenländische und abendländische (hellenische) Bildung ihre gegenseitige Vermittelung fanden, in welcher das Juden- und später das Christenthum eine berühmten Schulen und Lehrer hatte, wurde unser Athanasius (man weiß nicht genau, in welchem Jahre, doch wahrscheinlicher zu Ende des dritten als zu Anfang des vierten Jahrhunderts) geboren. Wenn von andern berühmten Kirchenlehrern uns Herkunft und Erziehung gemeldet werden können, und wenn bei mehreren unter ihnen besonders die mütterliche Sorgfalt hervorzuheben ist, unter der das geistige Leben des Kindes sich entfaltete, so ist dies bei diesem Leben nicht der Fall. Wir wissen nur soviel, daß der junge Athanasius frühzeitig für den Dienst der Kirche bestimmt wurde. Wie es ja oft geschieht, daß schon im Spiele des Knaben der künftige Lebensberuf sich ausspricht, so liebte, wird erzählt, Athanasius die priesterlichen und bischöflichen Verrichtungen im Kreise der Gespielen nachzuahmen, und das that er mit solcher angeborener Würde, daß der Bischof Alexander, der ihn dabei beobachtete, auf den Gedanken gerieth, ihn für den geistlichen Stand heranzuziehen. So entschieden auch der Gegensatz zwischen dem antiken Heidenthum und dem zur Herrschaft sich aufringenden Christenthum in dieser Zeit hervorgetreten war, so groß war doch noch immer der Einfluß, den die klassische Literatur auf die geistige Bildung übte. Aus ihr nährten, an ihr erfrischten sich auch die jugendlichen Geister der künftigen Lehrer der christlichen Kirche, an ihr bildete sich ihr Geschmack und aus ihr schöpften sie überhaupt ihre natürliche Philosophie, ihre Beredsamkeit, ihre Dialektik. Und so ergab sich auch Athanasius diesem Studium, mit dem er aber das ihm jedenfalls höher stehende Studium der heiligen Schrift und der älteren Kirchenlehrer zu verbinden wußte. Auch unterzog er sich den Uebungen, die in anhaltendem Gebet und Fasten bestehend, den Geist wacker machen und ihn stählen sollten gegen die Versuchungen des Fleisches und der Welt. Ob und wie lange er selbst in die Einsamkeit des Anachoretenlebens sich zurückgezogen und allda mit dem h. Antonius verkehrt habe, dessen Leben er nachmals beschrieb, läßt sich nicht mit Sicherheit ermitteln. Schon mit dem Jahr 319 finden wir ihn als Diaconus im Dienst der Kirche. Bald ward der junge, höchstens zwanzigjährige Jüngling der Vertraute seines Bischofs, und um eben diese Zeit betrat er auch schon die schriftstellerische Laufbahn. War auch seit Constantin das Heidenthum bedeutend zurückgedrängt, so hatte es doch (wie die später unter Julian eintretende Reaction zeigte) noch feste Wurzeln in der Denkungsart eines großen Theils sogar der gebildeten Welt. An sophistischen Vertheidigern desselben fehlte es eben so wenig als an Angriffen auf das Christenthum. Darum durfte auch die Apologetik, deren Aufgabe es ist, das Christenthum gegen solche Angriffe zu vertheidigen, ihre Waffen nicht niederlegen. Vielmehr erscheint es ganz der natürlichen Ordnung der Dinge gemäß, daß diese apologetische Richtung auch jetzt noch unter den theologischen Wissenschaften den ersten Rang behauptete. Auch Athanasius fühlte sich berufen, die Wahrheit des Christenthums gegen die Griechen (Heiden) zu vertheidigen und im Anschluß an diese Vertheidigung das Grunddogma des Christenthums, die Menschwerdung des Logos, zu entwickeln. Bald aber sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, nicht nur mit der Feder, sondern im offenen Kampfe der Geister, auf der großen Kirchenversammlung zu Nicäa von der Tiefe seiner theologischen Einsichten und der Kunst, dieselben zu entwickeln, eine glänzende Probe abzulegen. In Alexandrien hatte das theologische Denken mehr als irgendwo sonst einen mächtigen Aufschwung genommen, besonders in der dortigen Katechetenschule, d. h. der Bildungsanstalt für christliche Lehrer; namentlich hatten Clemens und Origenes als christliche Denker die höchsten Aufgaben zu lösen gesucht, welche die christliche Theologie sich stellen mußte, wenn sie nicht über die letzten Gründe ihres Glaubens im Unklaren bleiben sollte, und eben jenes Thema, das wir den jungen Athanasius in seiner Erstlingsschrift behandeln sehen, die Menschwerdung des Logos war ein Lieblingsthema der Zeit; doch diese Frage hatte eine andere zu ihrer Voraussetzung, das Wesen des Logos selbst und dessen Verhältniß zu Gott dem Vater, zu dem unerschaffenen, ewigen, unsichtbaren und unveränderlichen Gott. Sollte neben diesem ein zweiter, untergeordneter Gott aufgestellt werden in der Person des Logos? Das hätte ja die Lehre von der Einheit Gottes, den Monotheismus, zerstören und zu einer neuen Vielgötterei (Polytheismus) hinführen müssen. Oder sollte der Logos nur gedacht werden als eine in Gott ruhende, dann mit der Zeit aus dem ewigen Quell hervorfließende (emanirende) Kraft, als eine sich nach außen kundgebende Eigenschaft des ewigen, in der sichtbaren Welt sich enthüllenden Gottes? Damit konnte der christliche Glaube sich auch nicht beruhigen, da die Aussprüche Christi über ein ewiges Sein beim Vater an ein persönliches Sein zu denken nöthigten, und man sich also entschließen mußte, irgend eine Unterscheidung des Vaters und des Sohnes zu setzen, die nicht ein bloßer Namensunterschied wäre, sondern irgendwie als im Wesen Gottes selbst begründet erschiene. Zwischen den beiden Abwegen, die man somit vermeiden zu müssen glaubte, der Trennung des Sohnes vom Vater, die zugleich das Verhältniß der Unterordnung in sich schloß, und der unterschiedslosen Einheit beider, suchte die Kirche zu einem Ausdruck ihres Glaubens zu gelangen, der beides in sich faßte, sowohl die Gleichheit des Wesens als den Unterschied der Personen. Allein dieß ging nicht ohne schwere Kämpfe ab. Schon war die Meinung des Sabellius (aus Ptolemais), wonach die Personen in der Gottheit als bloße Namen und Offenbarungsweisen gefaßt wurden, als unzuläßlich erkannt und die ihr ähnliche Meinung des Paul von Samosata auf einer Synode zu Antiochien (269) verdammt worden, während die Schüler des Origenes, wie namentlich der Bischof Dionys von Alexandrien auf dem Unterschiede der Personen festhielten, als jetzt eben diese von den Rechtgläubigen festgehaltene Unterscheidung des Sohnes vom Vater eine bedenkliche Wendung ins Häretische hinüberzunehmen begann. Die Unterscheidung führte nicht nur die Unterordnung des Sohnes unter den Vater mit sich, wie sie schon deutlich bei Origenes und Dionysius hervorgetreten war, sondern jetzt war die Gefahr vorhanden, den Sohn zu einem Geschöpf herabzudrücken, ihm die angestammte Würde der Gottheit zu entziehen und ihn nur in einem uneigentlichen Sinne an derselben theilnehmen zu lassen. Und das war die Meinung des Arius.

Arius war Presbyter in Alexandrien. Die Zeitgenossen beschreiben ihn als einen langen hageren Mann, von blassem Gesicht und ernster Miene und einem struppigen Haar. Er lebte mit seinem Bischof Alexander in Unfrieden, und nun gab die Meinungsverschiedenheit über das Wesen des Sohnes und dessen Verhältniß zum Vater dem persönlichen Streite eine theologische Richtung. Arius nämlich behauptete, der Sohn sei nicht ewig wie der Vater, sondern, wenn auch lange vor allen übrigen Geschöpfen vom Vater geschaffen; „es war ein „Wann“ (ein Zeitmoment), da der Sohn nicht war.“ Die entgegengesetzte Ansicht des Bischofs verwarf Arius auf einer Versammlung von Geistlichen als fabellianich. Man merke wohl, Arius hielt Jesum Christum nicht für einen gewöhnlichen Menschen, für einen bloßen Sohn Josephs und der Maria, wie die früheren Ebioniten oder wie ein Artemon und Theodotus (im zweiten Jahrhundert). Auch er lehrte ein vorweltliches Sein Christi, als des Logos, beim Vater, noch ehe der Logos Fleisch geworden; ja, er stellte nicht in Abrede, daß Gott durch den Logos alle übrigen Geschöpfe geschaffen habe und daß also dieser Erstling aller Creaturen erhaben sei und weit erhaben sei über alles was geschaffen ist; er trug auch kein Bedenken ihn in gewisser Beziehung „Gott“ zu nennen, aber doch eben nur in einem uneigentlichen beschränkten Sinn, wie auch schon. Andere vor ihm den Ausdruck gebraucht hatten eines „zweiten Gottes“; er dachte sich sonach unter dem Logos (Sohn) Gottes eine Art von Mittelwesen zwischen Gott und Welt. Damit aber erschütterte er einerseits die monotheistische Grundlage des Christenthums, indem er einen zweiten Gott, einen Untergott, neben den einen und wahren Gott hinstellte, gleichsam einen Schatten Gottes, und andererseits war damit die Menschwerdung des Logos als ein wirkliches und wesenhaftes Eingehen Gottes in die menschliche Natur, das eigentliche Mysterium des Christenthums geleugnet, der dogmatische Lebensnerv desselben durchschnitten. Der Bischof Alexander schloß den Arius vorläufig aus der Kirchengemeinschaft aus und benachrichtigte in einem Kreisschreiben die Bischöfe des Morgenlandes von diesem Schritte. Aber auch Arius blieb nicht unthätig; er suchte die morgenländischen Bischöfe für sich zu gewinnen. Unter diesen suchte besonders der Bischof Eusebius von Nikomedien den Frieden zwischen Arius und seinem Bischof wiederherzustellen. Arius selbst ließ sich zu mildernden Erklärungen seiner Lehre herbei, und der von dem Streit freilich nur oberflächlich unterrichtete Kaiser Constantin der Gr. suchte die Streitenden zur Ruhe zu verweisen, indem solche Disputationen wohl zur Uebung des gelehrten Scharfsinnes nützlich sein möchten, für das praktische Leben der Kirche aber wenig Segen brächten. Allein in Aegypten war die Aufregung schon zu groß geworden, so daß der Kaiser sich genöthigt sah, zur endlichen Beilegung des Streites eine allgemeine Kirchenversammlung (die erste ökumenische Synode) nach Nicäa zu berufen, im Frühjahr 325. Dreihundertachtzehn Bischöfe waren anwesend. Nachdem Eusebius von Nikomedien und Eusebius von Cäsarea vergebens gesucht hatten, der eine ein ziemlich arianisch lautendes, der andere ein mehr in biblischen Ausdrücken sich haltendes Bekenntniß aufzubringen, war es denn eben der noch junge Diaconus Athanasius, der durch seine scharfen, jeden Mißverstand abweisenden Bestimmungen den Ausschlag gab und auf die Abfassung des nicäischen Symbolums, in welchem die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater zum kirchlichen Losungsworte gemacht wurde, den entschiedensten Einfluß übte((Die näheren Bestimmungen hießen: der Sohn ist von Ewigkeit aus dem Vater gezeugt (nicht geschaffen), Licht aus dem Lichte, wahrhaftiger Gott aus dem wahrhaftigen Gotte, gleiches Wesens mit dem Vater; durch ihn sind alle Dinge gemacht.)). Von da an tritt Athanasius erst recht in die Geschichte ein und wird recht eigentlich der Mittelpunkt des arianischen Streites. Nachdem die Synode das Verdammungsurtheil über Arius und dessen Anhänger gesprochen, schien der Sieg der rechtgläubigen Lehre entschieden; allein eine bei Hofe mächtige Partei wußte die Schwester des Kaisers für sich zu gewinnen und durch diese auch den Kaiser umzustimmen. Athanasius war inzwischen, nach dem bald darauf erfolgten Tod Alexanders, auf den Bischofstuhl von Alexandrien erhoben worden. Sein Sprengel umfaßte ganz Unterägypten, Libyen, Pentapolis und die sieben Nomen der unteren und oberen Thebais. Bald nach seiner Thronbesteigung hatte er die Weihe des Frumentius zum Bischof der Aethiopier zu vollziehen und überhaupt öffnete sich ihm ein weites Gebiet der Thätigkeit. Aber an eine ungestörte Wirksamkeit für die innere Ausbildung des kirchlichen Lebens war nicht zu denken. Die Arianer ließen ihm keine Ruhe. Sie brachten es so weit, daß derselbe Constantin, welcher Befehl gegeben, alle Schriften des Arius gleich denen des Porphyrius mit Feuer zu vertilgen, nun den verbannten Irrlehrer wieder aus seiner Verbannung (nach Illyrien) zurückberief, nachdem derselbe zu scheinbarer Beruhigung der Gläubigen ein in allgemeinen Ausdrücken abgefaßtes Bekenntniß eingereicht hatte. Nun erging an den Athanasius die Zumuthung, den Gebannten wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen. Allein dieser widerstand aufs Entschiedenste und ließ es darauf ankommen, die ganze Ungunst des Kaisers auf sich zu ziehen. Empört durch diesen Widerstand, wandten die zahlreichen Gegner des Bischofs alle Künste der Intrigue auf, die ihnen zu Gebot standen. Sie verleumdeten den Athanasius als einen Feind des Kaisers, als einen Unruhstifter, einen gewaltthätigen Mann, der sein Amt zu Unterdrückung Anderer mißbrauche. Die seltsamsten Geschichten wurden mit Emsigkeit verbreitet. Wußte auch der Angeklagte eine Zeitlang die wider ihn erhobenen Beschuldigungen niederzuschlagen, so gelang es dennoch der Gegenpartei, die nicht blos aus rein arianischen, sondern aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt war, den Sturz des Bischofs herbeizuführen. Der Hauptschlag gegen ihn geschah auf der zehn Jahre nach der Synode von Nicäa abgehaltenen Synode von Tyrus (335). Hier hatte eine Partei die Oberhand, die ohne an die arianische Irrlehre sich anzuschließen, dennoch dem athanasianischen Lehrbegriff und namentlich dem Ausdruck “ gleich an Wesen“ aufs Entschiedenste sich entgegensetzte und dabei dem Athanasius auch persönlich nichts weniger als gewogen war. Man hat sie von ihren Führern, Euseb von Nikomedien und Euseb von Cäsarea, die eusebianische Partei genannt; später kam der Name Semiarianer (Halb-Arianer) in Uebung. Mit ihnen wirkten noch andere Parteien (eigentliche Arianer und Meletianer) zum Sturze des ihnen verhaßten Mannes bei. Unter den verschiedenen Anklagen, welche wider ihn erhoben wurden, mußte besonders eine auf den Kaiser Eindruck machen, als habe Athanasius die Ausfuhr des Getreides aus Alexandrien nach Constantinopel verhindern wollen. Vergebens suchte er den Ungrund dieser, wie der übrigen Beschuldigungen nachzuweisen. Der Kaiser ließ sich bewegen, den von der Synode verurtheilten Bischof nach Trier in die Verbannung zu schicken. Dort fand er sowohl bei dem Prinzen Constantin als dem Bischof Maximus eine würdige Aufnahme. Unterdeß sollte der aus der Verbannung zurückgerufene Arius feierlich wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen werden, und zwar in Constantinopel, nachdem zuvor eine Synode in Jerusalem eine Wiederaufnahme beschlossen hatte. Allein des Tages zuvor starb Arius eines plötzlichen Todes. Wir können es dem Athanasius nicht verdenken, wenn er darin ein Gottesgericht erblickte((Der Bischof Alexander von Constantinopel, den der Kaiser nöthigen wollte, den Arius in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen, soll zu Gott gefleht haben, ihn durch ein Wunder aus dieser Verlegenheit zu retten, und so habe Gott den plötzlichen Tod des Arius herbeigeführt.)), während Andere an Zauberei, oder gar an erhaltenes Gift dachten. Nicht lange darauf erfolgte auch der Tod Constantins (337). Unter seinen Söhnen, Constantius im Morgenlande, Constans im Abendlande, setzte sich der Streit fort. Ja, es nahm derselbe erst jetzt eine bedrohliche Gestalt an. Aus dem anfänglichen Privatstreite war ein allgemeiner Kirchenstreit entstanden, ein Streit zwischen den Kirchen des Morgen- und Abendlandes, wobei die Maßnahmen der Kaiser nicht selten der herrschenden Parteileidenschaft dienstbar wurden. Gleich nach ihrem Regierungsantritte riefen zwar die Söhne Constantins (Constantin II. noch unter ihnen) die sämmtlichen verbannten Bischöfe zurück, und namentlich ließ es sich Constantin II. angelegen sein, die Ehre des Athanasius wieder herzustellen. Dieser nahm nach einem mehr als zweijährigen Exil unter großem Jubel des Volkes seinen frühern Sitz in Alexandrien wieder ein. Aber so gewaltig hoch gingen die Wellen der kirchlichen Agitation, daß an ein sicheres Verweilen im Hafen nicht länger zu denken war. Constantius, der im Morgenlande herrschte, ließ sich nur allzubald umstimmen, indem er den alten und neuen Beschuldigungen Gehör lieh, welche die noch immer feindlich gesinnte Partei der Eusebianer wider Athanasius erhob. Schon daß der rechtgläubige Bischof Paulus von Constantinopel abgesetzt und Eusebius (von Nikomedien) an dessen Stelle gesetzt wurde, war kein gutes Vorzeichen. Nun wurde auch die abermalige Entsetzung des Athanasius vorbereitet und auf einer Synode von Antiochien (341) durchgesetzt. Man machte hier den Grundsatz geltend, daß ein von einer Synode entsetzter Bischof nie wieder eingesetzt werden dürfe. Vergebens bestritt Athanasius die Rechtmäßigkeit der Synode von Tyrus, die ihn entsetzt hatte. In den Augen der Gegner hatte sie recht gethan. Athanasius ward mit Gewalt vertrieben und mit Gewalt der von der antiochemischen Synode erwählte Bischof Gregorius aus Kappadozien an dessen Stelle gesetzt. Als dieser Eindringling am Charfreitag in Begleit seines Landsmannes, des Statthalters Philagrius, eine der Kirchen Alexandriens betrat, erhob sich ein Aufruhr, der aber bald gedämpft wurde. Am darauf folgenden Osterfeste wurde sogar dem Athanasius nach dem Leben getrachtet. Er entkam jedoch den Nachstellungen, und nachdem er in einem aus der Nähe von Alexandrien erlassenen Kreisschreiben gegen das ihm widerfahrene Unrecht feierlich protestiert hatte, nahm er eine Zuflucht zu dem Bischof Julius in Rom. Hier war er eines Empfanges gewiß, der ihn für die erlittene Schmach entschädigte. Die abendländische Christenheit sah in ihm einen um des Glaubens willen Verfolgten, einen Märtyrer. Eine Synode von etwa fünfzig Bischöfen sprach sich entschieden zu seinen Gunsten aus. Inzwischen war das Haupt der Gegner, Eusebius von Nikomedien (nunmehr Bischof von Constantinopel), gestorben, ohne daß jedoch dadurch in dem Schicksal des Athanasius sich etwas geändert hätte. Erst auf der sechs Jahre später (347) gehaltenen Synode von Sardica in Illyrien, die der Mehrzahl nach von abendländischen Bischöfen besucht war((Die arianisch Gesinnten hatten sich aus Sardica entfernt und hielten eine Separat-Versammlung in Philippopolis.)), ward ihm eine vollständige Genugthuung zu Theil. Die nicäische Lehre ward als die richtige erfunden, der Arianismus verworfen und Athanasius als rechtmäßiger Bischof von Alexandrien anerkannt. Auch Kaiser Constantius kam ihm jetzt entgegen und lud ihn ein, von einem Sitze Platz zu nehmen. Athanasius, der sich zur Zeit in Aquileja aufgehalten, gehorchte dem Rufe. Nachdem er sich bei seinen Freunden in Rom verabschiedet, wandte er sich nach Constantinopel, der Residenz des Kaisers. Dieser empfing ihn freundlich und empfahl ihn auch den weltlichen und geistlichen Behörden durch eigenhändige Schreiben, worin er den Athanasius als einen Mann Gottes darstellte, der bei all den Prüfungen, die über ihn ergangen, nicht verlassen gewesen von einem Gott, und dessen Rechtgläubigkeit und tugendhafter Wandel allgemein bekannt sei. Hatte schon die Reise des Athanasius einem Triumphzug geglichen, so war vollends ein Empfang in Alexandrien ein festlicher. Uebrigens hatte er auch die acht Jahre seines Exils im Abendlande nicht umsonst zugebracht; sie gehörten zu den folgenreichsten seines Lebens. Nicht nur mußte seine Anwesenheit dazu dienen, die Gemüther zu stärken und in den Grundsätzen des kirchlichen Glaubens aufrecht zu erhalten; sondern auch nach einer andern Seite hin hatte er sich wirksam erwiesen; einer Seite, die freilich unserer religiösen Anschauungsweise noch ferner liegt, als die kirchlichen Streitigkeiten jener Zeit. Er hatte auch bei den Abendländern den Sinn für das Mönchthum, für Einsiedler- und Büßerleben geweckt, besonders durch die von ihm bearbeitete Lebensbeschreibung des Antonius, dieses Vaters der Einsiedler und Mönche, und hatte selbst zwei Mönche mitgebracht, welche diese dem morgenländischen Himmel eigenthümliche Lebensweise auch auf den abendländischen Boden verpflanzten, wo sie in der Folge zu einem weitverzweigten Organismus sich entfaltete.

Seine Wirksamkeit in Alexandrien blieb indessen auch jetzt nicht lange unangefochten. Kaum zwei Jahre hatte er mit Umsicht und Energie sein Amt verwaltet, als mit dem Tode des Kaisers Constans im Abendlande (350) ein neuer Sturm sich erhob. Der Mörder des Kaisers, Magnentius, regte auch im Morgenlande die Gemüther zur Empörung auf. Athanasius blieb unerschütterlich dem Constantius getreu. Nichtsdestoweniger beschuldigten ihn die Feinde eines Einverständnisses mit dem Usurpator, und wußten die Verwirrung der Zeit zu benützen, der ganzen orthodoxen Partei den Untergang zu bereiten. Drohender als je erhoben die Arianer ihr Haupt. Eine Synode zu Arles (353) und die bald darauf folgende zu Mailand (355) verurtheilten den Athanasius aufs Neue. Ihn traf dießmal die Verfolgung nicht allein, sondern die ganze rechtgläubige Partei. Eusebius von Vercelli, Hilarius von Poitiers, der mehr als hundertjährige Hofius von Cordova u. A. wurden das Opfer derselben. Selbst der römische Bischof Liberius, der Nachfolger des Julius, wurde nach Berona (in Thracien) verbannt. Was den Athanasius selbst betrifft, so ward er den 9. Februar 356 in der Kirche überfallen, als eben die Vigilien eines Festes gefeiert wurden. Der kaiserliche Feldherr, Syrian, ließ die Kirche mit Truppen umstellen, ein Theil derselben drang sogar in das Heiligthum; aber Athanasius setzte sich auf den Bischofsstuhl und befahl dem Diaconus den 136. Psalm anzustimmen, in dessen Refrain das Volk einstimmte mit den Worten: „deine Güte währet ewiglich“. Dann ließ er erst die ganze Gemeinde sich entfernen und würde sich als Gefangener den Soldaten ausgeliefert haben, hätten ihn nicht einige seiner Kleriker und Mönche, die wieder in die Kirche zurückkehrten, mit sich fortgezogen, ohne von den Soldaten bemerkt zu werden. Athanasius erblickte darin die rettende Hand des Herrn. Er zog sich darauf in die ägyptische Wüste zurück, wo er sein drittes Exil verlebte. Von da erließ er eine Vertheidigung gegen die Anschuldigungen der Feinde, und in einem Rundschreiben an die Bischöfe eines Sprengels warnte er diese vor dem Gift der arianischen Ketzerei. Es war diese Warnung um so nothwendiger, als der Arianismus mit Riesenschritten sich verbreitete, „einem Ungeheuer gleich, das über die Erde ausgegangen ist,“ wie Athanasius sich ausdrückt. Er benützte überhaupt die Einsamkeit und die unfreiwillige Muße, um von da aus mehrere seiner berühmt gewordenen Streitschriften gegen die Arianer zu verfassen, worunter sich namentlich eine vier Reden gegen dieselben auszeichnen. So bereitete er die geistigen Waffen vor, auf die er auch allein vertraute, wenn die irdische Uebermacht auf Seiten des Gegners jedes Widerstandes spottete. Auf den Synoden zu Rimini und Seleuzia (359) hatte der Arianismus neue Siege gefeiert, und menschlichem Ansehn nach war der Zeitpunkt einer Alleinherrschaft im Reiche gekommen. Aber auch hier hieß es: „Bis hieher und nicht weiter!“ Der Arianismus trug den Keim seines eignen Verderbens in sich, die Zwietracht im eigenen Lager. Schon von Anfang hatte sich ja, wie wir gesehen, unter dem Namen der Eusebianer eine Mittelpartei gebildet, die mit den Arianern nur den Haß gegen Athanasius theilte, nicht aber das Bekenntniß. Die Verschiedenheit trat aber, so lange der gemeinschaftliche Kampf dauerte, zurück, indem die wirklichen Arianer unter den Fahnen der Mittelpartei ihren Schutz fanden. Allein, nachdem ihnen der Sieg gewiß war, traten sie nun auch kühner mit ihrer Verneinung heraus. Sie faßten dieselbe in der Formel zusammen, daß der Sohn ungleichen Wesens sei mit dem Vater. Dieß aber wollte jene gemäßigtere Partei nicht zugeben; sondern sie hielt, wenn sie auch von der Gleichheit des Wesens nichts wissen wollte, doch daran fest, daß der Sohn dem Vater in Allem ähnlich sei. Im Verlaufe des Kampfes, der hier nicht weiter auszuführen ist, näherten sich die Semi-arianer (so nannte man jetzt die Mittelpartei) mehr und mehr den Nicäern, und die eigentlichen Arianer sahen sich nach und nach aus ihrer siegreichen Stellung verdrängt. Ueber diesem Hin- und Herwogen des Kampfes starb Constantius (361) und hinterließ das Reich und die Kirche in einem zerrütteten Zustande. Als Julian (361) zur Regierung gelangte, rief er die verbannten Bischöfe jammt und sonders zurück, und so konnte auch Athanasius wieder einen Bischofsitz einnehmen. Julian hatte kein Interesse, die eine oder andere der kirchlichen Parteien zu begünstigen. Die Uneinigkeit der Christen untereinander kam einer feindseligen Gesinnung gegen das Christenthum trefflich zu statten, und so wäre ihm nichts lieber gewesen, als wenn die Parteien sich untereinander selbst aufgerieben und damit einen Beweis von der Unhaltbarkeit des christlichen Glaubensüberhaupt gegeben hätten. Nichtsdestoweniger konnte ein Charakter, wie der des Athanasius, nicht lange unangefochten bleiben unter der Regierung eines Kaisers, dessen Politik auf allmählige Unterdrückung des Christenthums ausging. Es mußte auch hier über kurz oder lang zu einem Conflicte kommen. Inzwischen benützte Athanasius die Gunst der Zeit, um, so viel an ihm lag, den Kirchenfrieden herzustellen. So unbeugsam er sich der Irrlehre gegenüber bewiesen hatte, während der Zeit des Kampfes, so bereit war er, die Irrenden wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen, wenn sie reuig zurückkehrten; namentlich sollten die blos. Verführten mit Schonung behandelt und ihnen der Rücktritt in die Kirche und mithin auch in das Amt erleichtert werden. Dieß war der Zweck der von ihm im Jahre 362 eröffneten Synode von Alexandrien. Diese Mäßigung, obgleich sie von gewissen Eiferern mißbilligt wurde, war das beste Mittel, der Wahrheit zum endlichen Siege zu verhelfen. Nicht Rechthaberei, wie man ihm oft Schuld gegeben, sondern gewissenhaftes Halten an der einmal erkannten Wahrheit, verbunden mit dem aufrichtigen Wunsche, die Einheit des Glaubens verknüpft zu sehen durch ein dauerndes Band des Friedens – war ein Grundzug in dem Wesen des Mannes. Sein höchstes Ziel, das er verfolgte, war nichts weniger, als eine blos äußere, todte Rechtgläubigkeit; seine Orthodoxie war aufs Tiefste verwurzelt mit seiner innigsten christlichen Ueberzeugung, und für diese zu kämpfen und zu leiden, zeigte er sich auch jetzt bereit. Sein Eifer für das Christenthum, den er der heidnischen Reaction Julians entgegensetzte, blieb nicht unbemerkt. Julian, einen Einfluß besonders, auf die heidnischen Frauen befürchtend, deren er einige getauft hatte, schickte ihn aufs Neue in die Verbannung, die vierte in seinem Leben! Doch dauerte diese nicht lange. Julian fiel (362) im Krieg wider die Perser, und Jovian rief den Verbannten wieder zurück. Allein unter Valens erhoben die Arianer noch einmal ihr Haupt, und zum fünften mal (367) traf den Vielgeprüften das Loos des Exils. Ueber 4 Monate hielt er sich im Grabe seines Vaters verborgen. Da ihn aber das Volk mit Ungestüm zurückverlangte und der Kaiser dem Ausbruch einer Empörung zuvorkommen wollte, gab er den Wünschen des Volkes nach. Athanasius konnte nun den Rest seiner Jahre im ruhigen Besitze eines Bisthums den innern Angelegenheiten der Kirche zuwenden. Seine Kraft war auch im höhern Alter nicht gebrochen, sie war durch den Kampf und die Unruhe desselben nur gestählt worden. Er starb im Jahr 373, nachdem er seinen alten treuen Gefährten, den Presbyter Petrus, zum Nachfolger in seinem Amte empfohlen hatte. Und welches Bild sollen wir uns von dem Manne machen, der, man mag über die Natur des Kampfes, in dem er als Vorkämpfer erscheint, urtheilen wie man will, doch immer als Held sich erwiesen? Erwartet keine äußere Heldengestalt. Athanasius war klein von Statur, sein Körper abgezehrt von vielen Fasten und Nachtwachen, und doch lag in einem Wesen etwas Gewaltiges, das auch den Gewaltigen der Zeit, das den römischen Imperatoren selbst, denen er entgegenstand, imponierte. Sein geistiges Bild spiegelt sich in einer Geschichte und in einen Schriften wieder. Man hat ihm Stolz, Härte, Eigensinn vorgeworfen. Sind es vielleicht nur die unrichtigen Benennungen für die Festigkeit eines Charakters, die Energie eines Glaubens? So viel ist gewiß, daß in derselben ehernen Brust, die er den Feinden seines Glaubens entgegensetzte, ein reiches Maaß von Liebe wohnte, mit der er seine Gemeinde, mit der er die ganze Kirche Christi betend auf dem Herzen trug. Für sich hat er nichts gesucht; wenn er in der Beurtheilung der Menschen und ihrer Gedanken, wenn er in der Wahl der Mittel, die Wahrheit zu lehren und zu fördern, nicht immer das Richtige getroffen, wenn er auf Bestimmungen der Lehre einen Werth gelegt, von denen das Innerste des Christenglaubens nicht so abhängig ist, als es ihm und seiner Zeit erscheinen mochte, wer möchte deshalb mit ihm rechten? – Ein Verzeichniß und eine Kritik seiner Schriften wird hier niemand erwarten. Nur das sei noch bemerkt, daß das kirchliche Glaubensbekenntniß, welches einen Namen führt, das Symbolum Athanasianum, das mit den Worten beginnt: Quicunque vult salvus esse usw. und das neben dem apostolischen und nicäischen Bekenntniß in der Zahl der ökumenischen Bekenntnisse erscheint, nicht von ihm, auch nicht zu einer Zeit, sondern wenigstens zweihundert Jahre später in der abendländischen Kirche verfaßt ist.

K. R. Hagenbach in Basel.

Ephraem der Syrer.

Dieser sogenannte Prophet der Syrer erblickte gegen den Anfang des 4. Jahrhunderts das Licht der Welt, wo sein Vater als Götzenpriester, Priester des Gottes Abnil, fungierte; seine Mutter stammte aus dem benachbarten Amida. Ephraems Vater war ein fanatischer Priester, ein Mann, der noch mit ganzer Seele an dem alten Irrglauben hing. Schon war aber das Christenthum gerade in das Herz dieses Landes zu weit vorgedrungen, als daß es nicht auch einen Weg zu dem Hause des Götzenpriesters hätte finden sollen. Der religiös empfängliche und in der priesterlichen Wohnung lebendig angeregte Knabe ward mit einem Christen bekannt und ließ sich bei einem tief religiösen Sinn gern von ihm über das Christenthum unterhalten. Wie hätte der Empfängliche sich nicht bald von dem verabscheuungswürdigen Götzencultus abwenden und der ewigen Licht- und Wahrheitssonne zuwenden sollen? Der Vater bemerkte mit Entrüstung die in dem Knaben vor sich gehende Umwandlung; er ertappte ihn gradezu in seinem Verkehre mit dem Christen und ließ ihn schwer für die Frevelthat büßen. „Gottloses Kind,“ rief er dem hart Gestäupten zu, „fort aus dieser fluchwürdigen Gesellschaft! Ich aber werde hingehen, die Götter um Gnade für dich anflehen und dich mit ihnen zu versöhnen suchen.“ Er ging; diese sahen aber schärfer, als er. Der ihm im Tempel angeblich erscheinende Böse lobte zwar seinen Eifer, wies ihn aber mit einem Gnadengesuche ab. „Dieser sein Sohn werde einst ihr entschiedenster Gegner und gewaltigster Feind werden. Fortjagen solle er ihn, weithin fortjagen, wenn ihm der alte Verkehr mit ihnen, der alte Cultus am Herzen liege.“ Jedenfalls kam das dem Vater hier im Tempel recht zum Bewußtsein, ihm, der seinen Sohn tief durchschaut hatte. Im fanatischen Eifer eilte er deshalb nach Hause und rief demselben in gewaltiger Aufregung zu: „Hier kannst Du nicht länger weilen, fort, mir für immer aus den Augen! Dein Verbrechen ist ans Tageslicht hervorgetreten; Du bist ein entschiedener Feind meiner Götter geworden.“

Dieser schwere Unwille des blind eifernden Vaters beugte aber den charaktervollen Knaben nicht; freudig sah er sich vielmehr die Flucht bewilligt, an die er schon manchmal in der innigen Liebe zu seinem Christus gedacht hatte. Verstoßen aus dem väterlichen Hause begab er sich sofort auf den Weg, nicht wissend, wohin, auf seinen Gott sich verlassend. Ein unbewußter Zug des Herzens führte ihn nach Nisibis zu dem h. Jakob, dem dortigen Bischof, einem treuen aufrichtigen Christen, der diese Treue durch ein treues Bekenntniß unter dem wüthenden Maximin besiegelt hatte, eben deshalb aber auch einem entschiedenen Gegner alles Irr- und Wahnglaubens. Der wahre Seelenhirte nahm sich sofort des hoffnungsvollen Jünglings, der schon eine so große Charakterentschiedenheit an den Tag gelegt hatte, an, zog ihn in seinen näheren Umgang, unterrichtete gern den lernbegierigen in den Heilswahrheiten und nahm ihn bald in die Zahl der Katechumenen auf Ephraem wußte ihm dafür den besten Dank zu spenden; Jakob ward ihm nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein lebendiges Vorbild echten Christenthums. Wie jener, gewann er sich deshalb auch die Achtung und Liebe. Aller durch eine Frömmigkeit, Enthaltsamkeit und ascetisch-strenge Lebensweise. Er ward eine Säule der Kirche und auch zugleich der aufblühenden Schule zu Nisibis, ein treuer Mitarbeiter eines Lehrers an ihrem Auf- und Ausbau. Es war gerade damals die arianische Ketzerei ausgebrochen und die Synode nach Nicäa ausgeschrieben worden, um der Kirche die verlorne Ruhe der Einheit wieder zu geben. Es ließ Ephraem keine Ruhe; im innern Lebensdrange zog er mit einem väterlichen Freunde, der ihn gern mit sich nahm, und noch andern Bischöfen der Umgebung zu dem großen ökumenischen Concil. Die großartige Versammlung, der Ernst und die Tiefe der dort gepflogenen Verhandlungen konnten nicht ohne Eindruck an dem Jüngling vorübergehen. Wie es selbst den katholischen Glauben feststellte, stellte es auch unsern Ephraem noch fester auf den katholischen Glaubensgrund. Es trat nach demselben bekanntlich eine gewaltige Bewegung in der Kirche ein; zugleich begannen die Angriffe der Perser auf Nisibis, welche mit der Stadt auch die aufblühende junge Kirche bedrohten. Jakob und Ephraem beeiferten sich, um die ermattende Kraft der Ihrigen der Uebermacht des Feindes gegenüber immer wieder zu beleben. Namentlich erbat sich Ephraem von seinem Vater die Erlaubniß die Mauern ersteigen und den gerechten Fluch auf den übermüthigen Feind schleudern zu dürfen. Wohl geschahen unter der Kraft gebenden geweckten Begeisterung Wunder der Tapferkeit, wohl wurden die Perser anfangs gezwungen, die Belagerung aufzuheben; umsonst, es ereilte die Stadt doch ihr Verhängniß. Nisibis wurde i. J. 350 von den Persern genommen und die Schule daselbst zerstört. Welche Verehrung aber Jakob und Ephraem damals genossen, mag noch die Erzählung beweisen, daß auf ihr Gebet hin, wie einst über die Aegypter so über das Persische Heerschwere Plagen gekommen seien (ungeheure Schwärme Ungeziefers sollen sie und ihre Pferde und Elephanten gepeinigt haben) und sie genöthigt haben wenigstens für damals von der Belagerung abzustehen. Sie standen so hochgeachtet in der Gemeinde da, wie ein Moses und Aaron. Sonst ist uns aus dieser Zeit der stillern Lern- und Lehrthätigkeit Ephraems nichts weiter bekannt, als daß er nach bestimmter Angabe 28 Jahre alt getauft wurde. Man hat gefragt, von wem? Kaum möchte hierüber ein Zweifel sein können. Jakob, sein geistiger Vater, war ohne Zweifel derjenige, von dem er die Weihe der Taufe erhielt. Er scheint sich nicht früher für eine solche reif gehalten zu haben; eben deshalb sehen wir ihn auch nicht in ein Kirchenamt eintreten, dem er sich nicht etwa aus Furcht und Bangigkeit bei den drohenden Verfolgungen, sondern aus zu großer Gewissenhaftigkeit und Gottesfurcht entzog Nisibis war also von den Persern genommen und die Schule daselbst zerstört worden; die christliche Kirche wurde mit Feuer und Schwerdt verfolgt. Was sollte Ephraem hier länger weilen? Wohl wäre es eine Pflicht gewesen, als treuer Kirchenhirte bei seiner Heerde auszuharren: er war aber nicht in den Kirchendienst eingetreten. Hierzu kam noch, daß der Bischof Jakob gerade noch zur rechten Zeit vor der Katastrophe gestorben war. So begab er sich trauernd nach seiner Mutterstadt Amida, bald aber, da auch hierher das Kriegsgestürm drang (es ward 349 befestigt), nach dem alten ehrwürdigen Sitze des Christenthums, nach Edessa: die Stadt mit ihren Klöstern gewann beim ersten Anblicke so viel Anziehendes für ihn, daß er sofort beschloß, hier bis ans Lebensende zu bleiben.

Wie für die Stadt selbst, so gewann er auch für die Einwohner ein gutes Vorurtheil. Ein Fluß, Namens Daian, bespült die Mauern der Stadt; Frauen waren hier bei einem Kommen mit Waschen beschäftigt. Eine faßte den Fremdling dreist ins Auge, daß er sich unwillig mit der Frage an die wandte: „Wie kannst du so schamlos um dich blicken? solltest du nicht vielmehr die Augen zur Erde niederlenken?“ Diese aber antwortete schnell gefaßt: „Solltest du nicht vielmehr zur Erde niederblicken, der du aus Erde gemacht bist, und sollte ich dich nicht anschauen dürfen, die ich von dir genommen bin? „Wie mögen doch hier die Männer begabt sein,“ dachte der über die Antwort verwunderte, „wenn schon die Frauen solchen . Scharfsinn an den Tag legen.“ So trat Ephraem mit schönen Hoffnungen in die Stadt und zwar, um nicht unthätig zu sein, in die Dienste eines Badewirthes; er konnte aber in solchem Dienste seinen höhern Lebensberuf nicht verleugnen. Im alten Glaubenseifer ward die Bekehrung der auch hier noch sehr zahlreichen Heiden, deren Irrglaube ja gerade ihm recht klar geworden, sein eigentliches Ziel. Da trifft ihn einst ein Mönch mit weißen Haaren mitten in dieser Thätigkeit und nimmt an einem innigen Verkehre mit den Heiden nicht wenig Anstoß. Nachdem er sich nach seinen frühern Lebensverhältnissen erkundigt, ruft er ihm zu: „Wie kannst du doch als Christ in solchen Verkehr treten, solltest du dich nicht überhaupt von der sündigen Welt zurückziehen?“ Es war das ein Wort, das in der Seele des ascetisch gesinnten gerade jetzt großen Anklang finden mußte. Er sprach sofort eine volle Geneigtheit dazu aus. „Nun so mache dich.“ jagte der Greis, „zum Heil deiner Seele auf den Weg, besteige dort den Berg und wende dich an einen der älteren Mönche, auf daß er dich zur wahren christlichen Vollkommenheit hinleite.“ Ephraem hörte das Gebot mit aller Freude, folgte dem Rufe wie einem höhern, zog die Mönchskleider an und begab sich in eine Höhle, wo er unter Fasten und Gebet sich ganz in das Studium der Schrift vertiefte. Jetzt hatte er auch Muße, den Gewinn desselben in Wort und Schrift zu fassen. Bald soll der Greis, der sein Führer zum Berge war und natürlich ihn auf der neuen Lebensbahn nicht aus den Augen verlor, in nächtlicher Stille einen Engel mit einem innen und außen beschriebenen Buche niedersteigen gesehen und einen andern Engelfragen gehört haben: „Wen glaubst du, werde ich mit diesem Buche belohnen?“ „“Origenes, den Mönch der ägyptischen Wüste, den Schüler des h. Antonius.“ „O nein, du irrest.“ „Nun dann wohl den Mönch Julianus in den nördlichen Gegenden?“ „O nein, du irrst auch hierin. Niemand ist jetzt würdiger dieses Buches, als der h. Ephraem.“ Schon an der Mutterbrust soll man auch einen Weinstock aus seiner Zunge emporwachsen gesehen haben, der, bis zum Himmel aufgeschossen, mit Tausenden von Trauben und aber Tausenden von Beeren prangte: ein treffendes Symbol für die große Produktionskraft unseres Ephraem, für die große Zahl seiner biblisch-ascetischen Erklärungsschriften und die noch größere seiner heiligen Gesänge. Der Greis sah sich in einen hohen Erwartungen nicht getäuscht; er fand die von ihm verfaßten Erklärungsschriften zu den Büchern Moses so vortrefflich, so voll von göttlicher Weisheit, daß er sie mit sich nahm und dieselben den ersten Männern der Stadt, den Lehrern der Schule und ihren Zuhörern und der Geistlichkeit vorlegte. Schon wollten sie ihm selbst dafür huldigen, da verwies er sie auf Ephraem und erzählte ihnen Alles, was er früher in der Vision geschaut hatte. Bald machte man sich auf nach der Höhle, um ihn aus ihr ans Tageslicht hervorzuziehen. Ephraem bemerkte die Kommenden und ahnete die Ursache; sofort machte er sich davon und verbarg sich in dem dichtesten Wald des benachbarten Thales. Da erst sich recht besinnend, hörte er die mahnende Engels- oder Gottesstimme, nicht aus Liebe zur Ruhe das Joch von der Schulter abzuschütteln und das Licht unter den Scheffel zu setzen. So andern Sinnes machte er sich auf den Weg nach Edeja, im Bewußtsein der neuen Aufgabe am Thore den Herrn um Kraft bittend, allen Ketzereien mit Erfolg entgegen treten zu können. Es war Abends, als er in die Stadt einzog; er blieb so im nächsten Thurme der Stadtmauer und trat erst am folgenden Tage unter das Volk. Seine gestrige Flucht und sein heutiges unerwartetes Auftreten erweckte zwar einiges Befremden und selbst Zweifel an Identität seiner Person; er wußte sich aber bei näherer Prüfung so auszuweisen, daß die ihm gewordene himmlische Gnade und Weisheit nur noch in ein helleres Licht trat. Ein weissagender Mönch, der ihm zufällig begegnete, rief noch dazu mit lauter Stimme vor dem Volke aus: „Sehet, das ist der vom Herrn Auserkohrne, der alle Ketzereien vernichten und die Trespe von dem Waizen scheiden wird.“ So geschah es denn nun auch: Ephraem ward der entschiedenste Feind und der Schrecken, ebendeshalb aber auch der Haß aller Ketzer.

Nicht bloß mit Worten, Spott und Hohn, sondern auch mit Waffen und Knütteln fielen sie über ihn her und steinigten ihn fast zu Tode. Glücklich entging er zwar noch ihren Händen, hielt es aber, wiederhergestellt, doch für rathsam, sich wieder in eine stille Klause auf dem Berge zurückzuziehen und den begonnenen Kampf nur mit scharfen Schriften und Briefen fortzuführen. Zugleich wirkte er aber auch hier als Lehrer derjenigen, die sich zu ihm hindrängten, und bildete eine Menge bedeutender Schüler, welche die lebendigen Träger eines Geistes und der Stolz und Ruhm der Syrischen Kirche wurden. Unter der Zeit war Basilius der Große, der Begründer eines neuen thätigeren Mönchslebens, so wie es auch Ephraem genehm war, und einer neuen Klosterregel immer berühmter geworden. Wie mußte es nicht unsern Ephraem, den ernst ascetisch gesinnten, zu ihm, dem Geistesgenossen, mächtig hinziehen? Mitten in einem Gebete hatte er gegen den Altar zu eine leuchtende Säule von unermeßlicher, bis zu dem Himmel hinan reichender Höhe gesehen und die Worte gehört: „Eine solche feurige Säule ist Basilius,“ wie hätte ihn nicht eine Sehnsucht erfassen sollen, an dem Glanze dieses Meteors sich einmal recht lebendig zu erfreuen? Noch lebte aber außer dieser eine andere tiefere Sehnsucht in seinem Herzen. Er hätte gerne auch selbst die Geburtsstätte des Mönchslebens, die Heimathsstätte der größten, verehrungswürdigsten Asceten, seiner Vorbilder, nämlich Aegypten betreten und sich noch höhere Lebenskraft geholt. Erst also nach Aegypten und dann nach Kappadocien, ward jetzt der Wahlspruch des Asceten. Bald war er auf einem Schiffe, auf dem er die Geistesruhe behauptete, als die Wellen in Empörung geriethen und Meerungeheuer das Schiff bedrohten. Voll Achtung und Bewunderung des Gottesmannes, der den Sturm beschworen hatte, dem Ungeheuer getrost mit dem Kreuz entgegengetreten war, schieden die glücklich in Aegypten angekommenen Schiffsleute von dem anfangs nicht gekannten Reisegefährten; Ephraem aber begab sich sofort nach der Stadt Antin (Antonia) und von da nach der cetischen oder nitrischen Wüste. Hier fand er zuerst, in einer Höhle verborgen, den Einsiedler Pesos (Pasäus), mit dem er eine Woche, sieben wahre Feiertage, verlebte, und zog dann tiefer in die Wüste um noch andere treue Asceten und Glaubenshelden aufzusuchen. So feierte er noch manchen Festtag, doch fehlten neben den Rosen nicht ganz die Dornen auf seinem Wege.

Die arianische Ketzerei hatte gerade auch in ihrem Heimathslande weithin um sich gegriffen. Es gab deshalb für den so entschiedenen Freund des orthodoxen Glaubens auch hier bald Kampf und Arbeit. Ein berühmter Patron der arianischen Ketzerei erlaubte sich sogar die heftigsten Ausfälle gegen ihn, als er einen von ihm Gewonnenen eines Bessern zu belehren suchte. Ephraem ließ sich aber nicht einschüchtern; jener schien ihm vom bösen Geist selbst besessen zu sein und er rief deshalb aus: „Die Kraft Gottes strafe dich, du Feind aller Gerechtigkeit; laß ab, dieses Gebild Gottes zu mißbrauchen.“ Der von dem ernst strafenden Worte schwer Getroffene stürzte zu Boden und gerieth in die gewaltigste Aufregung. Eine neue Beschwörung mit dem Kreuzeszeichen, die freundlich dem noch am Boden Liegenden dargereichte Hand brachte ihm aber bald Ruhe und mit dieser die Rückkehr zum wahren Glauben. Solche Wunder der Kraft sicherten Ephraem eine immer erweiterte Wirksamkeit; wenn auch nicht 8 Jahre, mag er doch längere Zeit hier geblieben sein und, selbst gewinnend, auch Andern reichen Gewinn gebracht haben. Endlich konnte er die nie aufgegebene Reise zu Basilius antreten. Es war gerade das Epiphanienfest, als er hier ankam. Er hörte, daß Basilius den folgenden Tag in die Kirche kommen und predigen werde. Hier sah er ihn denn auch zum ersten Male vor sich; er hörte nicht nur mit Ehrfurcht und steigender Bewunderung den großen Kanzelredner, sondern sah auch nach einer Angabe eine Taube, das Symbol des h. Geistes, auf einer Schulter sitzen, welche ihm die geistvollen Worte zuflüsterte. Eben so soll aber auch umgekehrt Basilius durch den h. Geist Ephraem den Syrer erkannt oder ihn zwischen zwei Engeln in blitzesähnlicher Strahlenkleidung, Symbol eines keine Schonung kennenden Feuereifers, gesehen haben. Sicher erkannten sich beide Männer bald im Grunde ihrer Seele und lernten sich so hoch achten und lieben. Natürlich suchte deshalb auch Basilius den eben so frommen als gelehrten Mann für den Kirchendienst zu gewinnen. Nur mit Mühe brachte er es aber dahin, daß sich der Bescheidene zur Diakonatsweihe stellte. Beide hatten übrigens von einander gelernt, Basilius namentlich soll die Winkel des tüchtigen alttestamentlichen Exegeten umsichtig benutzt haben. Sie wurden sich selbst Lehrer in Bezug auf die Sprache. Syrisch soll ihm Basilius bei der Taufe ein „Stehe auf“ zugerufen, Ephraem dagegen griechisch den Segen des Herrn über sich herabgefleht haben. So wenigstens nach einer Darstellung Lange konnte Ephraem aber nicht bei Basilius verweilen; die Sorge um die viel bewegte Heimathskirche führte ihn zurück. Eine verderbliche Ketzerei war dort ausgebrochen; die Anhänger des Bardelanes, des syrischen Hymnensängers und Lehrers höherer Weisheit hatten vorzüglich hier die Oberhand gewonnen. Ein von ihm geschriebenes, Viele verführendes Buch erfüllte Ephraems Seele mit tiefer Trauer. Mit aller einer Kraft und rastlosen Thätigkeit trat er gegen die Irrlehren auf. Als er bemerkte, daß sich die Edelssener vorzüglich durch die einschmeichelnden Töne der Musik verlocken ließen, errichtete er Jungfrauenchöre, dichtete Hymnen auf alle Heilshandlungen, auf die Märtyrer und Dahingeschiedenen rc., prägte sie ihnen ein und ließ an den Fest- und Sonntagen die h. Jungfrauen singen. Er aber war die Seele des Ganzen und leitete, wie ein Meister der Tonkunst, die sich übenden Chöre. Das einsichtsvoll gewählte Mittel verfehlte nicht einen Zweck; die kirchlichen Gesänge verdrängten die unkirchlichen. Vier Jahre waren so verflossen, seitdem er Basilius verlassen hatte, als dieser, der hehren Erscheinung eingedenk, zwei seiner ausgezeichnetsten Schüler, Theophilus und Thomas, nach Edessa zu Ephraem schickte, um ihn zur Bischofsweihe noch einmal zurückzuführen. Er befahl ihnen zwar, wohl wissend, wie wenig Ephraem solche hohe Würde begehre, mit aller Vorsicht zu handeln; der errieth aber doch bald ihre Absicht. Er stellte sich, um sie zu vereiteln, sofort närrisch. Er änderte seine Kleidung, ging in Lumpen umher, lief auf den Straßen zwecklos auf und ab, aß vor allen Leuten und ließ den Speichel in den Bart fließen. Die Gesandten, die ihn in solchem ekelhaften Zustande sahen, ließen sich nun auch wirklich täuschen und kehrten mit der Nachricht zurück, daß der Mann ein Narr geworden. Basilius sah aber tiefer und rief unter Thränen und Seufzern aus: „O nein, ihr seid die Narren, Ephraem aber, den die Welt als einen verborgenen Edelstein noch nicht gehörig gewürdigt hat, ist ein gottweiser Mann.“ So blieb Ephraem in seiner bescheidenen Würde zu Edeja, vorzüglich als Dichter immer größere Verdienste und Anerkennung sich gewinnend; er blieb in derselben bis auf die Zeit Julians des Abtrünnigen, dem er auch mit einer siegreichen Waffe, einen schwungvollen Gedichten, entgegentrat. In der That wußte er eine solche Begeisterung in Edessa zu erwecken, daß eine zum Götzendienst auffordernde Gesandtschaft desselben mit der größten Entschiedenheit und einer auf Alles gefaßten Glaubenstreue abgewiesen wurde. Es ist ein schönes Zeugniß für Edessa und seinen Propheten, daß Julian aus lauter Haß gegen die seit alten Zeiten Christus treu zugewandte Stadt nicht sie, sondern das benachbarte Haran (Charras) mit einem Jupiterstempel besuchte. Julian soll selbst in seinem Grimme daran gedacht haben, die Edessener nach dem Perserkrieg für ihren Glaubenstrotz zu züchtigen; es war aber anders beschlossen. Julian fand seinen Untergang; der hochbetagte Ephraem, der noch zuletzt dem Kaiser selbst Widerstand geleistet hatte, hielt aber hiermit einen Lebenskampf für geschlossen und zog sich in der jetzt wieder eintretenden Zeit größerer Ruhe in eine Klause zurück, die er nur ungern verlassen hatte. Nur einmal noch trat er aus derselben hervor, als eine bittre Hungersnoth über Edessa kam und es ihn der Hungernden jammerte. Mit seinem eindringlichen Worte wandte er sich noch einmal an die Reichen und Begüterten und führte ihnen ihr selbstisches habsüchtiges Wesen ernst zu Gemüthe. Erschüttert wollten sie es zwar nicht Wort haben, daß sie keine andre Sorge hätten, als die für ihre irdischen Güter, und verschanzten sich hinter den gewöhnlichen Vorwand, daß es sehr schwer sei, beim Geben den wahrhaft Hülfe Bedürftigen und derselben Würdigen heraus zu finden. Ephraem wußte aber der Ausrede zu begegnen. „Was ist,“ rief er aus, „eure Meinung über mich?“ Als sie ihm volle Gerechtigkeit als einem durch und durch redlichen und erprobten Manne widerfahren ließen, bat er sie, ihn diese schwere Aufgabe lösen zu lassen. Und bald standen 300 Betten in den öffentlichen Hallen, bereit zur Aufnahme und Verpflegung der Kranken, Fremden und der vom Lande herbeigekommenen Nothleidenden. Mit diesem schönen Liebesakte schloß er eine geweihte öffentliche Laufbahn. In seine Zelle zurückgekehrt, sollte er noch den Tod seines Seelenfreundes Basilius erleben. Er erschütterte ihn tief; seine Muse wand dem Freunde noch einen Ehrenkranz. Es war dies ein Schwanengesang. Todesahnungen traten immer bestimmter vor seine Seele; er machte bald ein Testament. Eine tiefe Bewegung gab sich aber im Volke kund, als man von dem drohenden Verluste hörte; viele kamen, um den Propheten noch einmal zu sehen. Er segnete. Alle und verschied, nachdem er die Trauernden noch beschworen hatte, ihn einfach auf dem öffentlichen Gottesacker zu begraben. So geschah es denn auch; eine ungeheure Menge Volkes, die Gesammtgeistlichkeit und ein langer Zug von Mönchen aller Gattungen gaben ihm das letzte Geleite. Unter Palmen und Hymnen ward der Hymnendichter ins Grab gelegt. Sein Körper blieb jedoch nicht hier; er wurde später in die ihm geweihte Kirche übergesiedelt. Er starb nach der Angabe seiner alten von uns benutzten Lebensbeschreibung den 15. Juni, nach der Annahme der alten Kirche den 28. Januar oder 1. Februar. Jedenfalls nach verschiedenen, hier nicht weiter zu erörternden Combinationen in den ersten Monaten des Jahres 379 kurz nach dem Tode des Basilius.

Aus dieser seiner Lebensbeschreibung ergibt sich, daß Ephraem eine geistig hochbegabte, sehr lebendige und kräftige, ja leidenschaftlich erregbare Persönlichkeit war, die, was sie erfaßte, mit aller Innigkeit und Entschiedenheit erfaßte, so daß er selbst das prinzipiell Uebertriebene und Verkehrte bei der Auswahl der Mittel zur Verwirklichung an sich guter Zwecke übersah. Es ergibt sich, daß er Christ und zwar katholischer mit ganzer Seele, ja mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit war, die er nicht immer zu meistern wußte. So erzählt ein Lobredner desselben, daß er unter dem Vorwande, selbst ein Anhänger des Apollinaris zu sein, von einer Anhängerin desselben seine Bücher erhalten, die er dann so mit Fischleim verklebt habe, daß der schon bejahrte Apollinaris, der sich auf sie verließ, bei einer Unterredung mit den Katholischen in bittre Verlegenheit gerieth und voll Schimpf den Kürzeren zog. Analogieen hierzu finden wir wirklich in der oben gegebenen Lebensbeschreibung. Es ergibt sich weiter, daß er bei dieser Erregbarkeit und Leidenschaftlichkeit eines Wesens, die nur allmälig einer größeren Ruhe wich, ein geborner Streiter des Herrn war, eine Eliasnatur, ein Mann, den Basilius mit Recht zwischen den Engeln mit dem Blitzesgewande sah und ganz recht als einen derer bezeichnete, von welchen der Herr sage: „Ich bin gekommen, das Schwerdt auf die Erde zu werfen.“ Wo es ihm immer nöthig schien, bestieg er das Kampfroß und zog so unermüdlich gegen alle Ketzereien in seiner Umgebung, gegen die Gnostiker, die Bardetaneaner, Arianer, Manichäer, Apollinaristen rc., die gerade hier in Syrien, dem Lande der Religionsmischerei zahlreicher, als irgendwo hervortraten, zu Felde. Er hat nun in der That auch das Verdienst gewonnen, die kirchliche Lehre gleich den drei großen Kappadociern, vor Allem dem Basilius, treu geschützt und das Schifflein seiner Kirche unversehrt durch die Wellen einer wild fluthenden Zeit geleitet zu haben. Es ergibt sich ferner, daß Ephraem, wie er auch auf dem Gebiete der Wissenschaft mit großer Einsicht und reichem Wissen arbeitete, doch im Grunde eine praktische Natur war, die im Wirken und Ringen für Christus, in einer edlen Proselytenmacherei, in einem unermüdlichen Erbauungseifer allein ihre volle Befriedigung fand. Nur in diesem Eifer schrieb er auch eine stets erbaulichen Erklärungsschriften über die Bücher des alten und neuen Testaments; nur in diesem ward er ein begeisterter Sänger, der sogenannte Prophet der Syrer, die Cither des h. Geistes. Eben so ergibt sich aber auch zuletzt, daß er im Geiste der Zeit und im Besondern auch seiner Kirche als eine ernst sittliche Natur ein Freund des Mönchslebens werden und vor Allem in der Unterdrückung der eignen sinnlichen Regungen und in der treuen Vollziehung frommer Uebungen eine höchste Lebensaufgabe finden mußte. Freilich zog es ihn immer wieder bei dem lebendigen Interesse an dem Entwicklungsgange der Kirche hinaus ins Leben; nichts desto weniger ward er persönlich noch mehr, als ein Basilius, ein Träger der Mönchsfrömmigkeit, die damals als ein Theil des großen Kampfes des Christenthumes mit der Welt und dem Heidenthume ihre Berechtigung hatte. E. F. Gelpke in Bern.

Monica (Mutter des Augustinus)

In der Geschichte des Reiches Gottes sind uns denkwürdige Beispiele überliefert worden, daß große Kirchenlehrer, von denen die segensreichsten Einwirkungen auf die Entwickelung der christlichen Kirche ausgingen, durch den Einfluß frommer Mütter die frühen tiefen Eindrücke der Frömmigkeit empfingen, von denen ihre spätere gottgeweihte Thätigkeit ausging. Nicht selten tauchten, wenn die erste Aussaat des Evangeliums durch sich anschließende Verirrungen und Lebensstürme wieder vernichtet zu werden schien, jene frühen, mit dem Andenken an die mütterliche Liebe verbundenen Jugendeindrücke von neuem empor, und riefen mit unwiderstehlicher Macht die, wiedererwachte Sehnsucht zurück zu dem göttlichen Frieden, der sich einst an der kindlichen Seele schon so lieblich bezeugt hatte. Zu solchen christlichen Müttern, die, durch ihr eignes Leben ehrwürdig, und der fortdauernden Erinnerung werth, ebenfalls wegen ihres Einflusses auf ihre Söhne es verdienen, daß ihr Gedächtniß dankbar bewahrt bleibe, gehört namentlich auch Monica, die Mutter des großen Kirchenlehrers Aurelius Augustinus.

Monica war ums Jahr 332 in Nordafrika geboren, vielleicht in der numidischen Stadt Tagaste, wo sie später als Gattin des Patricius wohnte. Von christlichen Eltern erhielt sie eine christlichfromme Erziehung. Wenn sie aber von ihrer Kindheit erzählte, so gedachte sie außer ihren Eltern auch mit vieler Anhänglichkeit einer alten Dienerin, die bereits ihren Vater auf den Armen getragen hatte, darnach mehr als Freundin denn als Dienerin in dem elterlichen Hause geblieben war, und daselbst von allen Mitgliedern geehrt und geliebt wurde. Dieser Alten ward die Beaufsichtigung der jungen Töchter des Hauses anvertraut, und sie bewies in diesem Berufe eben so heilsamen Ernst als freundliche Klugheit. Aus unscheinbaren Anfängen suchte sie häusliche Tugenden groß zu ziehen. Monica hatte nicht sowohl eine stille und weiche, als eine lebensfrische und kräftige Gemüthsart. Mit ihrer innerlichen Richtung vereinigte sie einen Sinn, der auch zu der Außenwelt mit heiterem, kräftigem Lebensgefühl sich hinwendet. Aber auf diesem lebenskräftigen Boden fand das Evangelium eine köstliche Pflanzstätte, durchdrang mit seiner heiligenden Macht diese reiche und jugendlich-frische Eigenthümlichkeit. Nachdem Monica im elterlichen Hause die Pflichten einer guten Tochter erfüllt hatte, wurde sie dem Patricius, einem Manne in Tagaste von angesehenem Stande und einigem Vermögen, zur Gattin gegeben. In ihrem Ehestande hatte sie es nun unter schwierigen Verhältnissen zu bewähren, daß der Geist des Evangeliums dem menschlichen Herzen eine Liebe einflöße, die nach den Worten des Apostels Paulus alles verträgt, alles glaubet, alles hoffet und alles duldet. Patricius war ein Mann von Herzensgute, aber auch von aufbrausender Heftigkeit. Er war – was für Monica besonders schmerzlich sein mußte – noch dem Heidenthum angehörig. Monica lebte auch in der ersten Zeit ihrer Ehe noch mit ihrer Schwiegermutter zusammen, welche zum Argwohn gegen die Schwiegertochter geneigt war. Dennoch wußte sie, bei treuer Besorgung des Hauswesens, durch ihre herzliche Freundlichkeit und Liebe, durch Sanftmuth und Demuth, den häuslichen Frieden jederzeit ungetrübt zu erhalten, und so wie sie in dem eignen Hause die Eintracht bewahrte, suchte sie auch bei Anderen durch ihren friedsamen Zuspruch die Eintracht zu befestigen, oder die gestörte Eintracht wieder herzustellen. Es war ihr inniger Wunsch, daß sie doch ihren Gatten für den christlichen Glauben gewinnen möchte, und daß ihre Kinder, unter denen Augustinus ihre mütterliche Zärtlichkeit in vollem Maaße besaß, vom erwachenden Bewußtsein an dem himmlischen Vater in dem Erlöser geheiligt würden, Patricius empfand den Werth einer solchen Gattin; er wurde von ihrem segensreichen Einflüsse beherrscht. Keinen Widerstand setzte er seiner Gattin entgegen, daß seine Kinder im christlichen Glauben unterwiesen, und auf die Taufe vorbereitet würden, und endlich ließ auch er selbst sich auf den Namen des Erlösers taufen. Bald darauf starb er, als sein Sohn Augustinus das siebenzehnte Lebensjahr erreicht hatte. Für Monica war es ein beseeligender Trost, daß der Gatte, den sie geliebt, und für dessen Seelenheil sie die inbrünstigsten Gebete dargebracht hatte, in dem Glauben gestorben sei, in welchem sie das wahrhaftige Leben gefunden hatte.

Nach dem Tode des Patricius führte Monica den Wandel einer solchen Wittwe, von welcher die heilige Schrift sagt: „das ist eine rechte Wittwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet, und bleibet am Gebet und Flehen Tag und Nacht.“ Sie dachte nicht daran, eine zweite Ehe zu schließen. Zur Seite des Grabes, in welchem Patricius ruhte, erwählte sie sich die Stätte, wo man sie dereinst bestatten möchte. In Uebungen und Werken der Frömmigkeit war sie unablässig. Das Wort Gottes war ihre Erquickung, das Gebet der Athemzug ihrer Seele. An jedem Tage kam sie zweimal, des Morgens und des Abends, zur Kirche, um das göttliche Wort zu hören und zu beten. Keinen Tag ließ sie vorübergehen, ohne ihre Gabe zum Altar darzubringen. Oft sah man sie mit Gaben der Liebe die Gedächtnißstätten der Märtyrer besuchen, damit sie dort nach der damals in der nordafrikanischen Kirche noch üblichen Sitte das Liebesmahl feierte. Sie nahm sich der Heiligen Nothdurft an. Nach ihrem Vermögen theilte sie den Armen Almosen aus. Für ihre Kinder wachte und betete sie mit der zärtlichsten Sorgfalt, Sie hatte ihre Kinder in das zeitliche Leben geboren, und ihr sehnlichster Wunsch war, daß dieselben auch zur Geburt in das ewige Leben hinanreifen möchten. Daher empfand sie, wie Augustinus sich ausdrückt, geistige Geburtswehen, so oft sie ihre Kinder von den Wegen Gottes abirren sah. Und solcher Schmerzen wurden ihrem mütterlichen Herzen viele bereitet, da sie den Sohn, auf welchem ihre ganze Liebe ruhte, an dessen vielverheißende Entwickelung sie große Hoffnungen geknüpft hatte, in Abgründe des Verderbens, der Lüste und des Unglaubens, hineinstürzen sah. Ihr fernerer Lebensgang hangt mit dem Leben ihres Sohnes Augustinus eng zusammen, und zeigt uns den Beruf der Mutterliebe, die den verirrten Sohn vom Verderben zu erretten sucht. Wir haben daher, um das weitere Leben Monicas darzustellen, zugleich auf das Leben des Augustinus hinzublicken.

Auf das kindliche Gemüth des Augustinus hatte die Frömmigkeit, die aus dem Wandel seiner Mutter hervorleuchtete, einen lebhaften Eindruck gemacht. Er zeigte eine innige Empfänglichkeit für die Verkündigung des Evangeliums. Seine kindliche Frömmigkeit sprach sich zum Beispiel einmal darin aus, daß, als er von einem heftigen Krankheitsanfalle ergriffen ward, er seine Mutter inständig bat, ihm die Taufe ertheilen zu lassen. Schon wurden die Vorbereitungen zu dem Sakramente getroffen, als der Knabe wieder genas. Die Taufe wurde deshalb noch verschoben, nach einer Ansicht der damaligen Zeit, daß es gut sei, die Taufgnade, als das Läuterungsmittel von allen Sünden, bis auf das reifere Alter vorzubehalten. Der ersten Zeit kindlicher Frömmigkeit folgte dann aber bei Augustinus ein Zeitraum, in welchem Leidenschaften und Lüste sein jugendliches Leben durchwühlten. Dieser Zeitraum begann bei ihm, seitdem er von Madaura, wo er durch das Studium der Litteratur und Beredtsamkeit seine ausgezeichneten Geistesanlagen ausbilden sollte, in seinem sechszehnten Jahre in das elterliche Haus zurückgekehrt war, und sich auf den Besuch der wissenschaftlichen Lehranstalt zu Carthago vorbereitete. Seine zügellose Lebensrichtung nahm seit seinem siebenzehnten Lebensjahre, nach dem Tode seines Vaters, in Carthago noch mehr zu, und zu dem Kummer der Mutter über die ausschweifende Sinnlichkeit ihres Sohnes kam nun auch noch der Schmerz, daß sie sehen mußte, wie er dem kirchlichen Glauben gänzlich entfremdet wurde, und der Irrlehre des Manichäismus, einer Vermischung kirchlicher Lehre mit heidnischer Religion und phantastischer Naturphilosophie, sich hingab. Wie mußte es bei ihrer Anhänglichkeit an der Kirche, in welcher sie den alleinigen Weg zur Seeligkeit erblickte, sie tief verwunden, daß Worte der Verachtung und des Spottes über das, was ihr das Heiligste war, aus dem Munde ihres Sohnes gingen! Ihre Thränen flossen unablässig, ihre Gebete stiegen ohne Unterlaß für den verirrten Sohn empor; aber so groß auch ward der Abscheu der frommen Frau gegen den Abfall ihres Sohnes, daß sie schon ganz sich von ihm zurückziehen, und ihn seinem Verderben überlassen wollte. Da jedoch wurden ihr tröstende Stimmen zu Theil, und die Hoffnung, daß der Verirrte noch gerettet werden könne, ward für sie ein Antrieb, ihn um so mehr mit ihrer mütterlichen Liebe zu umgeben. Ein solcher Trost drang in ihr gebeugtes Gemüth, als einmal ein Bischof ihre Klagen mit der Antwort erwiederte: „Es ist unmöglich, daß der Sohn dieser Thränen verloren gehe.“ Ein anderes Mal wurde sie durch ein Traumgesicht getröstet. Sie schien sich im Traume weinend dazustehn, als zu ihr ein Jüngling nahte, von leuchtender Gestalt und mildem Antlitz, und nach der Ursache ihrer täglichen Thränen fragte, „Ich weine, antwortete sie, um das Verderben meines Sohnes.“ Er aber gebot ihr, stille zu sein und aufzuschauen; denn wo sie sich befinde, sei auch ihr Sohn. Monica blickte auf, und Augustinus stand an ihrer Seite. Sie ersah darin den Wink, sich nicht von ihrem Sohn zu trennen, und mit hoffender Liebe brachte sie aufs neue ihre Gebete dar. Doch hatte ihre Hoffnung noch mit schweren Prüfungen zu kämpfen. Augustinus achtete nicht auf die Thränen seiner Mutter, im Gegentheil er riß sich los von ihren Thränen, verließ eines Abends die jammernde Mutter, die umsonst ihn zurückzuhalten, oder zu begleiten wünschte, an dem Seeufer zu Carthago bei der Märtyrerkirche des heiligen Bischofs Cyprianus, und schiffte sich ein nach Italien, um dort in Rom eine befriedigendere Lehrwirksamkeit zu suchen, als er in Carthago, wo er seit mehreren Jahren als Lehrer der Beredtsamkeit aufgetreten war, gefunden hatte.

Mutterliebe, die einen verirrten Sohn zum Glauben an Gott und zum Leben in Gott wiederzugewinnen sucht, findet ihren Weg auch über das Meer. Auch Monica verließ ihre Heimath, und eilte dem Augustinus nach, der sich nach vorübergehendem Aufenthalte in Rom, zu Mailand als Lehrer der Beredtsamkeit niedergelassen hatte. Sie fand ihn in düsterer Stimmung. Die Banden seiner Lüste schmerzten ihn, und zwar hatte er mit dem Manichäismus inzwischen gebrochen, weil er sich überzeugt hatte, daß die Verheißungen der Erkenntniß in dem Munde der Manichäer eitles Blendwerk seien, aber er verzweifelte nun überhaupt daran, daß der Mensch zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen könne. Monicas durchdringender Gemüthsblick vermochte indessen den Fortschritt in dem damaligen geistigen Zustande des Augustinus zu erkennen. Dankbare Freude gegen Gott war in ihrem Herzen, und mit ruhiger Zuversicht sprach sie die Worte: „ich glaube zu Christo, daß, bevor ich aus dem irdischen Leben scheide, ich dich noch als ein Mitglied der allgemeinen christlichen Kirche sehen werde. Die Erfüllung dieser Hoffnung wurde denn auch bereits im Verborgenen durch die ersten neuen Glaubensanfänge vorbereitet. Denn schon fühlte sich Augustinus durch die Predigten des großen mailändischen Bischofs Ambrosius gefesselt. Er lernte allmählig die Kirchenlehre in einem anderen Lichte auffassen, als sie ihm erschienen war. Das fromme Gefühl, welches ihn in seiner Kindheit durchdrungen hatte, trat, von der Tiefe des Gedankens verklärt, ihm von neuem vor die Seele. Monica war Zeugin der großen innern Umwandlung, durch welche Augustinus endlich dem Glauben der Kirche zurückgegeben wurde, und feierlich vor Gott den Entschluß faßte, allen irdischen Lüsten abzusagen, und fortan sein Leben auf das Trachten nach dem Reiche Gottes zu beziehen. Sie lebte in Jtalien in denselben Uebungen und Werken der Gottesfurcht, die sie in Afrika an den Tag gelegt hatte, und zeichnete sich, während zu jener Zeit die mailändische Kirche von den Stürmen des Arianismus, welcher das göttliche Wesen des Erlösers ableugnete, erschüttert ward, so sehr durch ihren kirchlichen Eifer aus, daß öfter Ambrosius, wenn er den Augustinus sah, ihm Glück wünschte, eine solche Mutter zu haben. Mit stetem Gottvertrauen harrte sie der Stunde entgegen, in welcher ihr Sohn der Kirche zurückgegeben würde. Endlich kam diese Stunde, der ergreifende Augenblick, in welchem Augustinus in dem Garten bei seiner Wohnung unter dem Feigenbaum mit Thränen der Zerknirschung sich vor dem Allgegenwärtigen niederwarf, um Vergebung seiner Sünden und Kraft zu einem heiligen Wandel flehte, und, ein zweiter Nathanael, von dem Herrn, dessen liebreiches Auge einst auf den Nathanael unter dem Feigenbaum sah, das Gebot empfing, den neuen Menschen der Gerechtigkeit anzuziehen. Wie strömte nun ihr Herz über von Dank und von Freude, als Augustinus ihr verkündigte, daß Gott ihm Gnade erwiesen habe und er fortan den sehnlichsten Wunsch hege, durch sein ferneres Leben dankbar die göttliche Gnade zu verherrlichen. Ihr Traum war jetzt erfüllt, ihre suchende mütterliche Liebe zu ihrem Ziel gelangt. Augustinus verlebte nach seiner Bekehrung und vor seiner Taufe einige Monate in stiller Zurückgezogenheit zu Cassiciacum, einem Landgute seines Freundes Verecundus, in der Nähe von Mailand. Monica begleitete ihn dahin. Sie sorgte dort für das Hauswesen des kleinen, innig verbundenen Kreises. Denn außer Augustinus befand sich in Cassiciacum noch ein zweiter Sohn Monicas, Navigius, ihr Enkel Adeodatus, der Sohn des Augustinus, und einige Schüler und Freunde des Augustinus. Lebendigen Antheil nahm sie in Cassiciacum an den Unterredungen über die höchsten Gegenstände der Erkenntniß und des Seelenfriedens, die dort von Augustinus, bald in freier Natur, wenn ein milder Herbsttag es gestattete, bald in einem Zimmer des Landhauses geleitet wurden. Die Worte, welche sie aus glaubensvollem Gemüthe aussprach, erregten die Bewunderung der Männer. Es waren stille, beseeligende Stunden, durchweht von den ersten milden Hauchen des göttlichen Friedens, der nach den innern und äußern Lebensstürmen in die Brust des Augustinus eingekehrt war. Vielen Kummer hatte sie wohl von ihrem Sohn erfahren, aber nun wurde ihr aller Schmerz reich vergolten. Augustinus unterließ nicht, es der Mutter auszusprechen, wie viel er ihr verdanke. „Fürwahr, sprach er einmal, ich glaube, o Mutter, daß mir auf deine Gebete Gott den Sinn geschenkt hat, daß ich der Erforschung der Wahrheit nichts vorziehe, nichts Anderes will, nichts Anderes denke, nichts Anderes liebe.“ Endlich, von welchen Gefühlen muß ihr Herz bewegt gewesen sein, als am Osterfeste des Jahres 387 in der Kirche zu Mailand ihr Sohn Augustinus getauft wurde, und neben seinem Vater auch Adeodatus in zarter Jugendblüthe stand, um zugleich in die Kirchengemeinschaft aufgenommen zu werden! Nun wurde die Heimkehr nach Afrika beschlossen, schon war Ostia an der Tibermündung erreicht, schon wurden die Vorkehrungen zur Seereise getroffen, und bald konnte das heimathliche Ufer erreicht sein. Aber Monica befand sich schon näher an der himmlischen Heimath als an der irdischen; sie hegte auch keine Sehnsucht mehr, die sich auf Irdisches bezog, nachdem sie ihren herzlichsten Wunsch durch die Taufe ihres Sohnes vollendet sah, sondern ihre Sehnsucht ging nach dem Himmel. Dies sprach sie eines Tags aus, als sie neben Augustinus an dem Fenster des Hauses stand, in welchem sie zu Ostia wohnten. Ihre Augen blickten hinaus auf einen stillen Garten, das Auge ihres Geistes aber blickte empor zu dem himmlischen Paradiese. Sie versuchten es, sich zur Ahnung der Herrlichkeit aufzuschwingen, auf welche sich der Ausspruch bezieht: „gehe ein zu deines Herrn Freude,“ und begeisterte Worte von der Seeligkeit des himmlischen Vaterlandes strömte über die Lippen des Augustinus. Gerührt, und gleichwie im Gefühl nahen Hinscheidens, antwortete Monica: „was mich betrifft, mein Sohn, so habe ich an nichts in diesem Leben mehr Freude. Ich weiß nicht, was ich hier noch thun soll, und warum ich noch hier bin. Eins war es, weshalb ich in diesem Leben noch zu bleiben wünschte, um noch dich vor meinem Tode als gläubigen Christen zu sehen. Dies hat mein Gott mir überschwänglich gewährt, da ich dich das irdische Glück verachten und ihm dienen sehe. Was soll ich hier noch thun?“ Wenige Tage darauf erkrankte sie an einem Fieber, Die Krankheit ging schnell dem Tode entgegen, und raubte ihr auf Augenblicke das Bewußtsein. „Wo war ich?“ fragte sie, als sie die Augen wieder aufschlug, und als sie ihre Söhne trauernd an ihrem Lager erblickte, sprach sie: „ihr werdet hier eure Mutter begraben.“ Augustinus unterdrückte seine Thränen, Navigius aber suchte ihr zuzusprechen, sie werde ja nicht in der Fremde sterben, Gott werde ihr ja die Rückkehr in die Heimath zu Theil werden lassen. Dies hatte sie auch früher selbst gehofft, denn an der Seite ihres Gatten hatte sie ja die letzte Ruhestätte zu finden gewünscht. Indessen war in ihrer letzten Krankheit auch dieser Wunsch ihr ferner getreten. „Nichts, hatte sie gesagt, ist fern von Gott, und ich darf nicht fürchten, daß er am Ende der Tage nicht wissen werde, von wo er mich auferwecken möge.“ Dem Navigius aber antwortete sie: „begrabet hier nur immerhin meinen Leib, und bekümmert euch deshalb nicht. Nur dieses bitte ich von euch, daß ihr an dem Altar Gottes meiner gedenket, wo ihr auch sein wöget.“ Sie starb zu Ostia am neunten Tage ihrer Krankheit, im Jahre 387, im sechsundfünfzigsten Lebensjahre und im dreiunddreißigsten Lebensjahre des Augustinus. Augustinus mußte in die Heimath zurückkehren ohne die Mutter, die ihm aus der Heimath in die Fremde gefolgt war. Aber ihr Andenken begleitete ihn, im Heiligthum des Herrn blieb er ihrer letzten Bitte eingedenk, für sein ganzes ferneres Leben war ihm die Erinnerung an seine Mutter gesegnet, und oft im Traumgesicht traten ihm ihre verklärten Züge entgegen, und fühlte er sich, wie einst während ihres irdischen Lebens, von ihrer Liebe umgeben.

 

.E. Bindemann in Grimmen.

Pothinus und Blandina und die anderen Märtyrer zu Lyon.

Der Herr, der gesagt hat: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein“ (Luc. 14, 27.), der hat auch sagen lassen durch einen seiner Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden“ (2 Timoth. 3, 12.). So giebt es denn keinen Zeitpunkt, wo die wahren Jünger Jesu Christi geschützt sind vor dem Hasse der Welt. Aber diese Feindschaft nimmt, je nach der Verschiedenheit der Zeiten, auch andere Formen an. Die gläubige Kirche hat Tage der Ruhe, wie die sind, in denen wir leben, wo der Herr sie verschont und ihr Erholung gewährt; aber sie hat auch Tage der Unruhe, wo der Herr sie der ganzen Gewaltthätigkeit ihrer Feinde übergiebt, um sowohl die höllische Bosheit des Geistes, welcher durch diese Gegner sich thätig erweist, als auch die Macht der Gnade, welche wirksam ist in diesem bösen Treiben, zum Vorschein kommen zu lassen. Mehr als einmal sind diese trüben aber glorreichen Tage herangebrochen für die Kirche; nach einander hat der Satan wider sie erregt das heidnische Rom, nach den Arbeiten der heiligen Apostel, und das christliche oder angeblich christliche Rom, nach den Arbeiten der seligen Reformatoren. Jener blutigen Seiten eine oder die andere von Zeit zu Zeit wieder zu lesen: das thut uns wohl, und wird uns besser die Ruhe würdigen lassen, deren wir genießen, wir, die wir „noch nicht bis aufs Blut widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde“ (Hebr. 12, 4.); bis auch uns vielleicht Gott beruft, unser Blut für ihn hinzugeben, – falls überhaupt Er uns reif erachtet für eine solche Versuchung und würdig einer solchen Ehre!

An keinem Lande hat die Wuth des alten Versuchers sich mehr geübt, als an Frankreich, Besonders gegen den Süden hat sie sich gewandt, und namentlich gegen den Theil des Südens, als dessen Hauptstadt Lyon von jeher gegolten. Lyon, welches so berühmt unter den Städten dieses großen Landes durch sein Alterthum und seine Wichtigkeit, und so glücklich gelegen ist an zwei Usern, ist mehr als einmal der Schlüssel der Evangelisirung Franker eines Theils von Europa gewesen, wie es der Schlüssel der Civilisation und des Handels dieser Länder war. Die Schläge, welche diese Stadt und ihre Umgegend trafen, mußten, in dem Plane des großen Widersachers, sich bis an die äußersten Enden des weiten Umkreises, dessen natürlichen Mittelpunkt Lyon bildet, fühlbar machen. Ein furchtbares, aber zugleich für unsern Glauben höchst ermuthigendes Beispiel hiervon hat man gesehen, bald nachdem das Evangelium in Gallien Eingang gesunden: es ist das zu Lyon im Jahre 177 von dem ersten Bischofe der Stadt, Pothinus und einer großen Anzahl Mitglieder der beiden Kirchen zu Lyon und zu Vienne im Delphinat erlittene Martyrthum. Hier folge eine kurze Erzählung desselben, ausgezogen aus einem gleichzeitigen Document, einem der köstlichsten, die uns aus dem christlichen Alterthum geblieben, einem Briefe nämlich, der von den Kirchen zu Lyon und Vienne an die Kirchen in Asien und Phrygien gerichtet, und vielleicht von Irenäus, welcher dem Pothinus im Bisthum Lyon folgte, verfaßt, vom Eusebius aber in seiner Kirchengeschichte, Buch V. Cap. 1. u. 2. aufbewahrt worden ist. Leider fehlt uns der Raum, um diesen, von wahrhaft apostolischem Geist erfüllten Brief ganz wiederzugeben; doch werden wir wenigstens ab und zu den alten ehrwürdigen Zeugen selbst reden lassen.

Diener und Dienerinnen Jesu Christi, welche den beiden Kirchen angehörten und schon verschiedene Prüfungen hatten bestehen müssen, wurden auf den öffentlichen Platz von Lyon vor den Statthalter der Provinz geführt und von ihm öffentlich vernommen. Er behandelte sie so hart, daß ein dem Verhör beiwohnender junger Christ, Epagathus, der noch nicht als solcher gekannt war, um die Erlaubniß bat, ein Wort zu sagen und die Unschuld seiner Brüder zu vertheidigen. Dies genügte dem Richter, um, nachdem er ihn seinen Glauben bekennen lassen, ihn den Märtyrern zuzugesellen, wobei er ihn zum Hohne den Christenadvokaten nannte. Ein solches Beispiel regte andre Christen an, sich von den Heiden zu trennen, mit denen sie bisher vermischt geblieben waren. Neue Verhaftungen vermehrten noch die Zahl der Zeugen Jesu Christi; und die Wuth des Volkes und der Obrigkeit gegen sie stieg aufs höchste durch unwürdige Verleumdungen, welche die Furcht vor den Martern den heidnischen Sklaven entriß, die man mit den Christen, ihren Herren, verhaftet hatte. Man schritt nun, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht, zu den grausamsten Foltern, um die Standhaftigkeit der Märtyrer wo möglich zu erschüttern.

Einige unter diesen, naher unter denjenigen, welche sich jetzt zum ersten Male erklärten, waren zum Kampfe gekommen, ohne sich mit Kraft bewaffnet zu haben, oder vielmehr, ohne von dem Gefühle ihrer Schwachheit hinlänglich durchdrungen zu sein. Sie unterlagen; zehn Christen verleugneten ihren Glauben. Das war eine allgemeine Betrübniß für die Kirche, welche zitterte, die Zahl der Abfälle vom Glauben sich mehren zu sehen.

Aber die Meisten blieben unerschütterlich, trotz der höllischen Kunst, welche die Heiden, in der Hoffnung, sie endlich zu bezwingen, darauf verwandten, die Dualen mannichfaltiger zu machen und zu verschärfen. Welch erschreckliches Zeichen der natürlichen Bosheit des Menschen, und seines erbitterten Hasses gegen die göttliche Wahrheit, wenn man Henker, Volk und Obrigkeit ganze Tage, ja Nächte damit beschäftigt sieht, alle ihre Geisteskräfte auf die Erfindung einer Marter zu richten, die erkünstelter als die vorigen, und geeigneter wäre ihren Opfern ein Wort der Einwilligung und der Untreue zu entreißen. Aber auch, welch sichtbares Zeugniß der Gnade des unsichtbaren Gottes, wenn man sieht, wie diese Opfer, Eines nach dem Andern, Männer und Frauen, Greise, Jünglinge und Jungfrauen, ja selbst Kinder, alle Macht und List des Widersachers herausfordern, all den vielfachen Schmerzen Stand halten, und ihren Verfolgern nur mit dem demüthigen aber unüberwindlichen Bekenntnisse ihres Glaubens antworten. Alles das konnte man in der Lyoner Verfolgung sehen. Ein oder zwei Beispiele davon sind anzuführen, wie sehr es auch widerstrebe, diese Greuelscenen zu schildern.

„Der selige Pothinus, welcher zu jener Zeit der Kirche von Lyon vorstand, und in einem vor Alter gebrechlichen Körper Gefühle einer jungen und kräftigen Seele zeigte, ward, von Soldaten getragen, vor das Tribunal gebracht. Die nahe Aussicht auf das Martyrthum verbreitete einen Ausdruck der Freude über sein Antlitz. Seine durch die große Zahl der Jahre und eine neuerliche Krankheit abgezehrten Glieder hielten die Seele nur zurück, um Jesum Christum durch sie triumphiren zu lassen. Eine Menge Volks war hinzugelaufen, die ein großes Geschrei wider ihn ausstieß, und ihn mit Beleidigungen überhäufte, so erbittert, als wäre er Jesus Christus in Person gewesen. Als der Statthalter ihn gefragt, wer der Gott der Christen wäre, antwortete er, um den Lästerungen, die er vorhersah, zuvorzukommen, daß Jener es erfahren würde, sobald er dessen würdig wäre. Darob wurde er mit Schmähungen überhäuft. Die ihm nahe standen, versetzten ihm, ohne Ehrfurcht für sein Alter, derbe Schläge; die Entfernteren warfen nach ihm, was sich ihren Händen darbot; Pothinus, der nur einen Hauch von Leben hatte, wurde in Gefängniß zurückgebracht, wo er zwei Tage nachher starb.“

Sanctus, aus Vienne gebürtig und Diacon der Kirche von Lyon, hielt unerhörte Qualen mit außerordentlicher Geduld aus. Die Heiden schmeichelten sich, durch wiederholte Folterungen ihm einige unziemliche Worte zu entlocken; aber er hielt ihre Angriffe mit einer Festigkeit aus, die Nichts besiegen konnte. Auf jede Frage, die man an ihn richtete, antwortete er: „ich bin Christ:“ dieser Titel diente ihm statt Namen, statt des Vaterlandes und Standes, vertrat ihm Alles; und nie konnte man eine andre Antwort von ihm erlangen. Der Statthalter und die Henker hielten sich nicht mehr vor Wuth. Nach allen künstlich ersonnenen Grausamkeiten, die sie auszudenken vermochten, brachten sie noch glühende Eisenstäbe an die empfindlichsten Theile; aber durch eine mächtige Gnade aufrecht erhalten, beharrte der Märtyrer bei seinem Glaubensbekenntnisse. Sein Leib war dermaßen zermartert und mit Wunden bedeckt, daß er nicht mehr das Aussehen eines menschlichen Körpers hatte. Jesus Christus, den man in ihm verfolgte, hatte aus seiner Person ein vornehmstes Werkzeug gemacht, um über den Feind zu triumphiren, und zu zeigen, daß es keinen Schmerz giebt, den man nicht überwinden kann, wenn man zu Seinem Ruhme leidet. Einige Tage nachher wurde der Märtyrer einer neuen Prüfung unterworfen: die Henker fielen darauf, Eisen und Feuer wieder in die noch ganz entzündeten Wunden zu bringen; sie hofften, entweder seine Standhaftigkeit zu ermüden, oder sein Leben zu endigen, und so die andern Christen einzuschüchtern. Ihre Hoffnung wurde getäuscht. Wirklich sah man nunmehr, zum großen Erstaunen der Zuschauer, wie der Körper des Märtyrers wieder zu Kräften kam und den Gebrauch seiner Glieder wieder erlangte.“

Wenige Tage nachher wurde Sanctus mit seinem Freunde Maturus, der kaum weniger ausgestanden hatte, in das Amphitheater geführt, um den Thieren preisgegeben zu werden. „Man nahm mit ihnen alle die Grausamkeiten wieder vor, die sie bereits erduldet hatten. Nach einer fürchterlichen Geißelung wurden sie der Wuth der Thiere überliefert, welche sie um das Amphitheater herumzogen. Sic erlitten noch andre Arten von Martern, nach dem Belieben des Volkes, welches verlangte, daß man sie bald auf die eine, bald auf die andre Art folterte. Endlich schlugen die Heiden vor, sie auf einen ganz glühenden Stuhl von Eisen zu setzen. Der unerträgliche Geruch, welchen ihr verbranntes Fleisch von sich gab, weit entfernt die Wuth des Volkes zu maßigen, erregte sie nur immer mehr. Man konnte Sanctus Munde nichts andres entlocken, als sein erstes Bekenntniß: „ich bin Christ.“ Nachdem er noch lange mit Maturus gelitten, wurden Beide erwürgt.“

Der Herr war Seiner Barmherzigkeit eingedenk zu Gunsten der weniger befestigten Jünger, die zuerst aus Furcht vor den Martern nachgegeben hatten, – und wer von uns möchte wagen, den ersten Stein auf sie zu werfen? Unter ihnen wurde zuerst eine Frau, Namens Biblia, wieder aufgerichtet. Nicht zufrieden damit, sie zur Verleugnung ihres Glaubens gebracht zu haben, wollten die Heiden sie noch zwingen, ihre Brüder zu verleumden; sie brachten das Weib auf die Folter. Aber das Uebermaß ihrer Bosheit ließ sie die Frucht derselben verlieren. Schwach, aber aufrichtig, willigte Biblis niemals darein, von der Kirche übel zu reden; der Schmerz einer vorübergehenden Marter richtete zugleich ihre Gedanken auf die ewigen Qualen der Hölle; sie erwachte gleichsam aus einem tiefen Schlafe, gab Gott die Ehre, und erwarb sich wieder die Krone des Martyrthums.

Bei den übrigen Abgefallenen bediente sich der Herr eines andern Mittels, um sie zurückzuführen. Die treulosen Henker warfen sie ins Gefängniß mit ihren Brüdern, ließen sie deren Leiden theilen und hielten ihnen dabei mit Bitterkeit ihre Feigheit vor. Groß war in dieser gemeinsamen Prüfung die Verschiedenheit der Empfindungen. Die Abgefallenen fanden einen Zuwachs von Schmerz in den Vorwürfen ihres Gewissens, während die Bekenner durch das Wort Gottes und den himmlischen Geist, der sie belebte, aufrecht erhalten wurden. An ihrem Aussehen allein konnte man sie leicht von einander unterscheiden: die Märtyrer waren fest und heiter, traurig und niedergeschlagen die Abgefallenen. Wer würde auch, wenn sie in diesem Augenblick ihren Abfall widerrufen hätten, an ihre Aufrichtigkeit geglaubt haben? Ihre Lage war verzweifelt und scheinbar ohne Ausweg. Aber die Gelegenheit, für den Herrn zu leiden, wurde ihnen durch einen besonders von der Vorsehung geordneten Umstand wiedergegeben.

Der Statthalter hatte in Erfahrung gebracht, daß Attalus, einer der treuen Märtyrer, römischer Bürger war, und wagte nicht, ihn sterben zu lassen, ohne die Befehle des Kaisers entgegengenommen zu haben, den er zugleich um Anweisungen in Betreff der andern Gefangenen bat. Die Antwort mußte abgewartet werden. Diesen Aufschub benutzten die Bekenner, um wo möglich durch ihre Bitten und Ermahnungen die Erhebung ihrer gefallenen Brüder zu erlangen. Endlich kamen die Befehle des Kaisers an: der weise Mark Aurel wollte, daß man diejenigen hinrichtete, welche bei ihrem Bekenntniß beharren würden, und die, welche abgeschworen, freiließe. Hier nun kam die Gnade Jesu Christi zum Vorschein in den zaghaften Jüngern, welche ihn einen Augenblick verleugnet hatten. Man vernahm sie besonders, um sie wieder in Freiheit zu setzen. Aber die Meisten erklärten, daß sie Christen waren, und wurden mit den Andern zum Tode verurtheilt. Welch ein Triumph für die Kirche! welche Freude für die Engel im Himmel!

Was von Märtyrern übrig blieb, wurde, zur Vollstreckung des kaiserlichen Urteils, unter neuen Qualen bis ans Ende, allmählig erwürgt: Malus, Alexander, der sich wie Epagathus und unter ähnlichen Umständen ausgeliefert hatte, und alle Andern. Aber wem möchte man in dieser kleinen Schaar von Helden die Palme zuerkennen, wenn es erlaubt wäre, zu wählen? Einer armen Magd, Namens Blandina, deren Martyrthum selbst auf die Heiden einen größeren Eindruck machte als das aller Andern, und die in dem Amphitheater eine lange Reihe der grausamsten Leiden mit dem Tode beschloß.

Zuerst war sie, zu gleicher Zeit mit Sanctus und Maturus, auf die Folter gebracht worden. „Sie war, sagt der Brief, der uns als Führer dient, von einer so schwachen Leibesbeschaffenheit, daß wir alle für sie zitterten. Zumal ihre Gebieterin, die selbst zu den Märtyrern gehörte, fürchtete, sie möchte weder Kraft noch Dreistigkeit haben, ihren Glauben zu bekennen. Aber das bewunderungswürdige Weib war, durch Hülfe der Gnade, im Stande, den verschiedenen Henkern, welche sie vom Tagesanbruch bis in die Nacht marterten, Trotz zu bieten. Endlich bekannten Jene sich besiegt. Sie betheuerten, daß alle Hülfsquellen ihrer barbarischen Kunst erschöpft wären, und bezeugten das größte Erstaunen, daß Blandina, nach Allem was sie sie hatten erdulden lassen, noch lebte. „Wir begreifen nichts davon, sagten sie; nur einer einzigen der Folterqualen, die wir angewendet, bedurfte es, um ihr, nach dem gewöhnlichen Verlaufe der Tortur, das Leben zu rauben.“ Aber Blandina schöpfte neue Kraft aus dem Bekenntnisse ihres Glaubens. „Ich bin Christin,“ rief sie häufig, und diese Worte stumpften die Spitze ihrer Schmerzen ab.“

Am Tage da Sanctus und Maturus im Amphitheater erwürgt, wurden, ward Blandina an einen Pfahl befestigt, um von den Thieren verzehrt zu werden. Aber keines rührte sie an, weßhalb man sie dann losband. Sie wurde in das Gefängniß zurückgeführt und für einen andern Kampf aufbewahrt.

Am letzten Tage der Fechterspiele kam es zu diesem Schlußkampfe. Man brachte Blandina in die Arena, zu gleicher Zeit mit einem Jünglinge, ja einem Kinde von fünfzehn Jahren, Namens Ponticus, nachdem man Beide, alle vorhergehenden Tage, der Hinrichtung der Märtyrer hatte beiwohnen lassen. Man wollte sie nöthigen, bei den Götzenbildern zu schwören, und rechnete auf die Jugend des Einen und das Geschlecht der Andern. Aber bei dieser Berechnung hatte man Jesum Christum vergessen, welcher sich des Schwachen bedient, um das Starke zu beschämen. Beide weigerten sich, zu gehorchen. Das Volk, gleich einem wilden Thiere, welches seinen Raub entweichen sieht, wollte, daß man an ihnen alle Arten von Folterqualen erschöpfte. Man fing mit Ponticus an, der, durch seine treue Gefährtin ermuthigt, alle Grade des Martyrthums mit Festigkeit durchmachte und mit einem ruhmvollen Tode endigte. Blandina blieb allein, wie Jesus Christus in der Wüste (Marc. 1, 13.) mit der Hölle die ihn versucht, der Erde die ihn verläßt und dem Himmel, der ihn aufrecht hält. „Sie wurde gepeitscht, von den Thieren zerrissen, und auf den heißen Stuhl gesetzt; worauf sie in ein Netz gewickelt wurde, um einem wilden und wüthenden Stier vorgeworfen zu werden, der sie ganz zerdrückt in die Luft warf. Zuletzt wurde sie erwürgt. Die Heiden selber staunten über so viel Muth; sie bekannten, daß unter ihnen niemals ein Weib gewesen, das eine so seltsame und lange Reihe von Martern erlitten hätte.“

Leser, ist auch in dir der Geist dieses Weibes? War sie doch von sich selber nur was du bist. Suche, wo sie gesucht hat; du wirst finden, wo sie gefunden. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“ (2 Korinth. 12, 10.).

Adolf Monod in Paris.

Justin der Märtyrer

Justin der Märtyrer wurde zu Flavia Neapolis (dem alten Sichem) in Palästina geboren. Seine Geburt fällt wahrscheinlich noch in das Jahrhundert der Apostel. Von seinen Eltern wissen wir nur dieß, daß sie griechischer Abkunft waren. Daß er im Glauben des Heidenthums großgezogen sei, erzählt er selbst. Alle diese Umstände waren von entscheidendem Einfluß auf seinen Bildungsgang. Was zunächst das römische Heidenthum betrifft, so konnte es ihm auf der Stufe seines damaligen völligen Verfalles keine Befriedigung gewähren. Denn nach dem Erlöschen der ursprünglichen Sitteneinfalt bildete Erwerben und Genießen für die Meisten die alleinige Losung. Das Sittenverderben stand auf einer Höhe, daß die bessern Zeitgenossen für dieses Nachtgemälde die Farben nicht dunkel genug finden können. Eine ähnliche Schilderung gibt der Apostel Paulus in seinem Römerbrief (1, 21. ff,). Das Mährchenhafte der alten Götterlehre war längst selbst den Kurzsichtigsten kein Geheimniß. Indeß das Volk sich dem rohesten Aberglauben in die Arme warf, galt den Gebildeten ein herzloser Unglaube als die höhere Weisheit. Selbst Priester lächelten, wann sie sich begegneten. Ernstere Gemüther suchten Trost in gehäuften Gottesdiensten, Ceremonieen oder Kasteiungen. Man hoffte die Wahrheit von der Mischung der verschiedenen Religionen und Weisheitslehren. Die am meisten Heißdürstenden sah man Länder und Meere durchziehen, um Frieden und Gewißheit in göttlichen Dingen zu finden. Zur Klasse solcher Suchenden gehörte Justin. Von früh auf beseelte ihn ein brennender Wissenstrieb und, über das verborgene Wesen Gottes Aufschluß zu erhalten, war ihm Herzensbedürfniß, In dieser Absicht wandte er sich an die damals berühmtesten Weisheitslehrer. Nach vielfacher Täuschung schien er am Ziel. Denn die Schule des alten griechischen Philosophen Plato verhieß ihm das endliche Anschaun der Gottheit. Um dieselbe Zeit zog ihn zum ersten Mal die Hand des Herrn. Die Standhaftigkeit und Heiterkeit, mit welcher er die Christen für ihren Glauben in Marter und Tod gehen sah, erregte seine Aufmerksamkeit. Er begriff, daß Lüstlinge und Menschenfresser (wie der heidnische Volkshaß die Christen sich vorstellte) dem Tod nimmermehr furchtlos ins Angesicht blicken würden. Diese Begeisterung für ein unsichtbares, überirdisches Gut, nach welchem er selbst voll Sehnsucht rang, ließ ihn bereits in der Religion des Kreuzes etwas Göttliches ahnen. Aber sei’s, daß dieser Eindruck ein noch zu flüchtiger oder sein Vertrauen auf die menschlichen Lehrer ein noch zu mächtiges war: – diese früheste Berührung mit den Christen hatte zunächst keine weitere Folge. Allein das Herz war für den zweiten Gnadenzug der rettenden Liebe vorbereitet. Um sich ungestört dem Nachdenken über das Göttliche widmen zu können, begab sich Justin meist an einen menschenleeren Ort. Hier traf er mit einem Greise von mildem, ehrwürdigen Aussehn zusammen. Das Unverhoffte dieser Begegnung führte zu einem Gespräch. Der Greis, ein Christ, der alsbald an dem Philosophenmantel abnahm, daß Justin ein Liebhaber der Weltweisheit sei, nahm davon Veranlassung, ihm das Unbefriedigende dieser wie aller bloß menschlichen Weisheit vor Augen zu stellen. Als Justin über diese Entdeckung seinen Schmerz äußerte, verwies ihn der Greis auf die wahren Weisheitslehrer, die vom Geiste Gottes erleuchteten Propheten des Alten Testaments, bei denen er den vollesten Aufschluß über alles zur Seligkeit Wissenswerthe finden würde, und entließ ihn schließlich mit der Ermahnung: „vor Allem aber bete, daß dir die Pforten des Lichtes aufgethan werden; denn Niemand kann diese Wahrheiten verstehen ohne Erleuchtung durch Gottes und Christi Geist.“ Noch während der Greis so sprach, geschah’s dem Justinus, wie einst den Jüngern auf dem Wege nach Emmaus. Es brannte das Herz in ihm, da er den Herrn sah, den er doch nicht kannte. Eine nähere Vertiefung in die heiligen Schriften des Alten Bundes und die Bekanntschaft mit den „Freunden Christi“ vollendete den Durchbruch seiner Bekehrung. Aus dem Alten Testament trat ihm überall Geisteshoheit, Einfalt, Uebereinstimmung und Voraussicht des Zukünftigen entgegen. Im Verkehr mit den Christen fesselte ihn das Majestätische und Beseligende der Reden Christi. Die ernst fortgesetzte Prüfung schloß mit der Ueberzeugung, daß allein das Christenthum die wahre und heilbringende Philosophie sei.

Zugleich fand er in dieser Ueberzeugung den himmlischen Fingerzeig, der über seinen künftigen Lebensberuf entschied. Nach dem Grundsatz, daß, „wer die Wahrheit verkündigen könne und nicht verkündige, Gottes Gerichten verfalle“, stand ihm sofort der Entschluß fest, als reisender Evangelist Mitgehülfe an dem Bau des Reiches Gottes zu werden. Für diesen Zweck durchzog er, unermüdlich bis an seinen Tod, die Hauptländer des römischen Reiches. Das größeste und lockendste Feld zur Arbeit bot Rom selbst. Deshalb hielt er hier sich am längsten auf und errichtete für junge Griechen eine Missionsschule. Auf allen Reisen behielt er seinem Philosophenmantel bei, weil diese Kleidung ihm die Gelegenheit zur Anknüpfung religiöser Unterredungen erleichterte. Von welchem Erfolge diese vielseitige Wirksamkeit gewesen, läßt sich bei der Spärlichkeit der Nachrichten zwar mit Sicherheit nicht entscheiden. Allein wenn es wahr ist, daß ein gutes Wort meist eine gute Stätte findet, und wenn die ausgezeichnete Verehrung, welche Justin im Andenken der spätern Kirche genießt, einen Rückschluß begründet: so gehörte Justin zu den bedeutendsten Rüstzeugen der Kirche. Allerdings besaß er die Gabe, wie ein Paulus mit Zungen zu reden, nicht. Seine Rede hat niemals den Schwung, der, überwältigend wie der Bergstrom, welcher aus verborgenen Klüften springt, Alles mit sich reißt. Dagegen quillt seine Beredtsamkeit stets aus einem für das Evangelium begeisterten Herzen. Was ihr daher an Schwung abgeht, ersetzt sie durch Wärme und Klarheit.

Die Schriften, welche wir von Justin noch übrig haben, sind insgesammt christliche Vertheidigungs – und Streitschriften. Denn um den Anfang des zweiten Jahrhunderts galt es vor Allem die Einführung des Christenthums in die Welt. Tausend Mißverständnisse, Leidenschaften und Verhältnisse stellten sich seiner Aufnahme entgegen. Daß man die neue Heilslehre einfach verkündigte und die Unschuld der Christen betheuerte, konnte nicht genügen. Man mußte das Unhaltbare der seitherigen Religionen und Gottesdienste darthun. Dazu kam, daß damals sich zuerst gebildete Heiden in größerer Anzahl dem Evangelium zuwandten und gelehrte Feinde dessen Lehren und Verheißungen angriffen. Die zweite Hauptaufgabe war also die, daß man die göttliche Wahrheit des Christenthums nachwies. In dieser Sachlage hat es, seinen Grund, sowohl daß Justin vorzugsweise als Vertheidiger des Evangeliums auftrat, als auch daß er diese Vertheidigung durch wissenschaftliche Begründung desselben führte. Obenan stellte er bei diesem Geschäft die prophetischen Zeugnisse und Vorbilder des A. T. auf Christus. Denn in diesem Verhältnisse zwischen Weissagung und Erfüllung schien ihm Gottes Finger vorzüglich sichtbar. „Wer sollte“ – fragt er sogar einmal – „einem gekreuzigten Menschen glauben, daß er der erstgeborene Sohn Gottes sei und dereinst über das Menschengeschlecht Gericht halten werde, wenn nicht Zeugnisse aus der Zeit vor seiner Menschwerdung vorlägen?“ Diesen Beweis aus den Weissagungen unterstützte überdieß die Neigung des ganzen Alterthums. Die Kirche nannte ihn mit Vorliebe den Beweis des Geistes. Ein gebildeter Heide setzt den Unterschied zwischen Gott und dem Menschen beinahe ausschließlich darin, daß Gott allein die Voraussicht des Zukünftigen habe. Aber ein gleich offenes Auge hatte Justin für die sittliche Herrlichkeit des Evangeliums. Ja so oft seine Rede einen höhern Aufflug nimmt, geschieht dieß, wo er die Wirkungen desselben auf die Wiedergeburt der Menschheit beschreibt. „Das hat Gottes Kraft und nicht menschliche Beredtsamkeit bewirkt!“ so ruft er bei solcher Gelegenheit aus. Gern stellt er die Sittenreinheit der Christen mit der Entsittlichung des Heidenthums in Vergleich. „Die wir einst an der Wollust unsere Freude hatten,“ rühmt er in dieser Hinsicht, „leben jetzt ausschließlich der Keuschheit; die wir lose Künste trieben, dienen dem guten Gott; die wir Geld und Gut über Alles stellten, überlassen unser Vermögen der gemeinen Wohlfahrt; die wir einander mit Haß und Mord verfolgten, leben an Einem Tische und beten für die Feinde. Denn nicht in Worten, sondern in Werken besteht unsere Frömmigkeit.“ Oder er sammelt Aussprüche des Herrn, um darzuthun, auf welch‘ hohen Posten Gott die Christenheit gestellt habe. Schon hieraus erhellt, welch‘ fleißigen Gebrauch Justin überall von dem Worte Gottes macht. Die Schrift ist das Herzblut, an welchem sein geistiges Leben sich nährt. Einen höhern Beweis der Wahrheit kennt er nicht, denn daß etwas in der Bibel steht. „Man kann,“ so äußert er sich, „mit Recht nichts tadeln von all‘ dem, das die Propheten geredet oder gethan haben, wenn man nur das rechte Verständniß hat. Denn erfüllt vom heiligen Geist, haben sie nur geredet, was sie gesehn oder gehört haben.“ Von besonderer Wichtigkeit ist diese Benutzung der heiligen Schrift für die Evangelien des Neuen Testamentes, weil sie uns die Gewißheit gibt, daß schon in so früher Zeit – Justin schrieb mehrere seiner Werke vor dem J. 140 n. Chr. – diese Evangelien als Werke der Apostel und Apostelschüler anerkannt und deshalb in allen Hauptkirchen zu gottesdienstlichen Schriftlectionen gebraucht waren.

Zu den erbittertsten Feinden der Christen in den Tagen Justin’s gehörten die cynischen Philosophen. Denn die weltverachtende Erhabenheit über die irdischen Bedürfnisse, welche diese Philosophen damals mit oft schmutziger Gemeinheit bloß heuchelnd zur Schau trugen, leuchtete bei den Christen in ungekünstelter Herrlichkeit. Ueberall machten jene Scheinheiligen es sich zum Geschäft, das Hohe und Heilige, wo sie es trafen, in den Staub zu ziehn. Und da Religion für sie höchstens als Mittel für selbstsüchtige Zwecke Werth hatte, so befeindeten sie die durch ihre Frömmigkeit lästigen Anhänger des Gekreuzigten, schon weil sie dafür auf den Beifall des heidnischen Pöbels rechnen durften. Ein Weltweiser der Art war der Cyniker Crescens in Rom. Als er einst nach seiner Weise die dortigen Christen zur Belustigung der Menge als Gottesleugner lächerlich machte, deckte Justin dem Volk mit Freimuts) die Quelle auf, aus welcher diese gehässige Anklage fließe. Oft schon hatte er Gelegenheit gehabt, den scheinheiligen Volksverführern die Maske vom Gesicht zu reißen. Er nannte auch jetzt den Verläumder ohne Rückhalt einen ehrgeizigen Lärmmacher, dem der Menschenbeifall Alles, die Wahrheit Nichts gelte. Die Antwort des beschämten Philosophen blieb nicht aus. Auf sein Anstiften wurde Justin als Verächter der römischen Götter mit noch sechs andern Genossen öffentlich angeklagt. Der Bericht, welchen wir über diese letzten Stunden Justin’s noch haben, zeigt denselben Geistesadel und Glaubensmuth, der uns das Bild des Kirchenvaters auch sonst so verehrungs- und liebenswürdig macht. Als der heidnische Richter die Angeklagten nach der Lehre der Christen befragte, erwiederte Justin: „Wir glauben an Einen Gott als Schöpfer aller Kreatur, der, unsichtbar und erhaben über den Raum wie er ist, Himmel und Erde erfüllt, und an Jesus Christus als Sohn Gottes und Lehrer der Wahrheit, wie schon die Propheten geweissagt haben!“ Auf die weitere spöttische Frage des Präfekten, ob er an seine Auffahrt gen Himmel wohl auch dann noch glaube, nachdem er geköpft sei, gab er die demüthig hochherzige Antwort: „Ich glaube, daß, wenn ich dieß gelitten, ich Christi Gnadengabe empfangen werde; ja ich weiß es so gewiß, daß kein Zweifel statthat.“ Der Präfekt, um durch Martern einzuschüchtern, gebot hierauf, daß die Angeklagten den Göttern opferten. Diesem Ansinnen setzte Justin das Bekenntniß entgegen: „Wir wünschen nichts mehr als für unsern Herrn Jesus Christus zu leiden; denn das gibt uns Freudigkeit vor seinem furchtbaren Gericht, vor welchem alle Welt erscheinen muß.“ Hiermit war die Geduld des Richters erschöpft. Er erkannte nach den Gesetzen über die Widerspenstigen die Todesstrafe und Justin mit seinen Gefährten starb den Märtyrertod durch das Schwert (166 n. Chr.). So streute Justin auch noch durch sein Blut eine Aussaat für die Kirche. Er hatte einst die Versicherung gethan: „Wenn man uns tödtet, freuen wir uns.“ Dieses Pfand löste sein Tod, würdig eines christlichen Philosophen. Und wenn ein gleichzeitiger Kirchenlehrer die Kirche mit einem Thurm vergleicht, der aus den lebendigen Gliedern der Gemeinde sich auferbaut; so gehört Justin unfehlbar zu den weißen Quadersteinen, mit welchen der geistliche Bau anhebt.

K. Semisch in Greifswald.