Biographie Claus Harms

Biographie Claus Harms

 Erster Abschnitt. – Kindheit, Jugend, erstes Amt.

Erstes Kapitel. – Das Heimathsland.

 Das Herzogthum Holstein wird durch einen sandigen Haidezug in zwei ungleiche Hälften getheilt, von denen die östliche, ein Gebirgsländchen mit weiten Buchenwäldern, an prächtigen Seen reich, zu den lieblichsten Gegenden von Norddeutschland gehört. Der Westen bietet dem Auge keine solche Abwechselung dar, aber seine Marschländer sind mit seltener Fruchtbarkeit gesegnet. Die sieben W, die nach altem deutschen Spruch ein Land lobenswerth machen, Wasser, Wiese, Weide, Wolle, Weizen, Wald und Wein sind ihm nicht versagt, und die Hand des Menschen ist geschäftig gewesen, diese Segnungen zu pflegen, so daß wer auf seinen Hügeln steht, die Aussicht hat „nicht in ein leeres, sondern in ein volles Land, Aecker mit ihren Früchten, Weiden mit ihrem Vieh, schöne Häuser, gefüllte Scheunen.“ Der Mann, dessen Lebensbild die nachfolgenden Blätter zu zeichnen versuchen, schildert den Reichthum seiner Heimath, der ihm das Wort von allen Reichen der Welt und ihrer Herrlichkeit verständlich machte, indem er in ein bekanntes Lied zum Preise des Ackerbaues die Worte einlegt:

Auch den Meergott sieht man eilen,
Bietend seine große Gab‘,
Hundert langgestreckte Meilen
Besten Bodens tritt er ab.
Nicht mehr hieher, wilde Wogen!
Ruft er über’s Watt hin barsch.
Denn der Pflug wild hier gezogen.
Zu den Geesten leg‘ ich Marsch, –
Da man findet vierzig Halme,
Eines Weizenkornes Sproß,
Da der Blüthenstaub im Qualme
Wirbelt nach der Lüfte Stoß,
Hochgebäumte Wagen knarren
Unter des Getreides Last,
Dienen dutzendweise starren,
Welche nicht die Scheune faßt.

Die Bewohner dieses Landstriches, die Dithmarschen, werden schon durch die gleiche Arbeit für ihre Heimath, durch den gemeinsamen Kampf gegen das Meer inniger unter einander verbunden, als die Einwohner weiterer Binnenländer; fester umschlingt sie das Band ihrer Sprache, denn das Plattdeutsche ist die Mundart Aller, auch der Gebildeten und Vornehmen im Volke, wenn sie vertraulich mit den Andern verkehren; am kräftigsten aber vereinigt sie die Erinnerung an eine große durch die Heldenthaten der Vater geschmückte Vergangenheit. Diesen Schatz sucht der freiheitsliebende, an Leib und Seele kräftige Volksstamm sich auf jede Weise zu sichern. Daher ein reger Sinn für Bewahrung der alten Sitten, ein Eifer um die höchsten Lebensguter, auch diejenigen, welche einem Volke in seiner Religion gegeben sind: eine treue Liebe endlich für das nähere und fernere Vaterland. Angenehme Zugabe zu solchen Vorzügen ist der frische Mutterwitz und die reinste Besonnenheit der Dithmarschen[i]. Wer unter solchem Volksstamme geboren ist, der hat, mag er auch nur ein Bauernsohn sein, schon in der Wiege Reichthümer, die er nur flüssig zu machen braucht, um Hunderten beneidenswerth zu erscheinen. Wo sich aber diese Güter mit einem angebornen Schatze geistiger Gaben verbinden und unter göttlicher Gnade dem Reiche des Herrn dienstbar werden, da muß eine Kraft erwachsen, die zunächst in ihren unmittelbaren Umgebungen mächtig wirket, dann aber auch weiteren, ja den weitesten Kreisen zum Segen wird.

Solches erfüllte sich an Claus Harms, dem Volkskinde und Volksmanne, welcher von sich zeugte, daß er erst durch Christum Mensch geworden, dem Dithmarschen von achtem Schrot und Korn, der sich noch im siebzigsten Jahre als deutschen Bürger bekannte, dem geistvollen Gelehrten, der alle Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens gefangen gab, dem Prediger, Priester, Pastor seiner holsteinischen Heimath und der ganzen deutsch-evangelischen Kirche.

Zweites Kapitel. – Die erste Kindheit.

 Claus Harms wurde am 25. Mai 1778 zu Fahrstedt bei Marne in Süderdithmarschen geboren. Sein Vater Christian Harms war nach seiner Einsegnung eine kurze Zeit Schulmeister gewesen, dann Müller geworden und durch Verheirathung mit einer Witwe zu mäßigem Vermögen gelangt. Nach dem Tode derselben hatte er sich mit Margarethe Jochins aus Hembüttel vermählt, welche aus einer in der ganzen Gegend sehr angesehenen Bauernfamilie stammte. Einzelne Angehörige derselben hatten bedeutende Stellen im Staate und in der Kirche erreicht. Was aber noch höher galt: niemals war der Name Jochins in einem übeln Sinn in’s Kirchenbuch gekommen oder vor Gericht genannt worden. Von beiden Eltern hat Claus viel empfangen. Er selbst sagt von seinem Vater, einem verständigen Manne, der für das öffentliche, bürgerliche und kirchliche Leben einen regen Sinn hatte, seine Rede mit ernsten Sprüchen, wie mit schlagendem Witze würzte und seinem Hause treulich vorstand: er ist mir viel gewesen. Noch mehr aber war ihm, wie dies bei dichterisch begabten Naturen gewöhnlich ist, die Mutter. Sie war eine fromme Frau, dabei fleißig, sparsam und über ihre Mittel freigebig gegen Arme. Außer diesen beiden wirkten auf das Gemüth des Kindes ein älterer Halbbruder aus der ersten Ehe seines Vaters und die Eltern seiner Mutter zu Hembüttel, wo er sich oft und lange aufhielt. Er rühmt namentlich den stillen Ernst des Großvaters, welcher gern „brüdete“; d. h. seine Verweise in milden Scherz neidete. Als der Knabe sechs Jahr alt war, zogen die Eltern nach St. Michaelisdonn, einem Kirchort eine Meile von Fahrstedt.

Claus hatte eine freie glückliche Kindheit und die Lebhaftigkeit seines Geistes fand von allen Seiten her reichliche Nahrung. Bald saß er zu Hause in der Mühle, wo die Mahlgäste kamen und gingen, während des Wartens sich unter einander oder mit dem Hausherrn unterhielten, auch wohl mit dem munteren Kinde beschäftigten. Und dieses hat nimmer vergessen, was es da vom Segen des Kornbaues, von der Güte Gottes, von seinen Führungen und Gerichten gehört hat; bald war er bei den Großeltern, wo die Zimmer mit Bildern bedeckt waren, die ihm die Männer und Frauen der Bibel näher brachten. Spielend hat er vor seinem 6ten Jahre das Lesen gelernt: ein Nachbarmädchen hat ihn nämlich mit in die Schule nach Dieckhausen genommen: seitdem blieb die väterliche und großväterliche Bibliothek nicht unbenutzt; er machte Bekanntschaft mit Scriver’s Andachtsbüchern, mit einer Chronik von Dithmarschen, Gellert’s Fabeln und dem Robinson Crusoe, und so mochte es denn wenig schaden, daß er im Sommer die Schule versäumte. Aber dies Leben im Hause erfüllte seine Seele nicht ganz: noch viel freier ging sie ihm auf, durfte er sich draußen bewegen; er folgte den Feldarbeitern erst spielend, später helfend, er hütete die Schafe und tummelte sich dann wieder in dem muntersten Ringen, Jagen, Werfen mit den Kindern des Dorfes, unter denen ihm die Bettelknaben nicht die unliebsten waren, denn ihre Berichte von weiten, beschwerlichen Wegen, überlisteten Wächtern, überwundenen Hunden erregten seine gespannteste Theilnahme. Mitten in dieses Spielen fiel dann auch hin und wieder eine ernstere Erfahrung. So stürzte der muthwillige Knabe in den tiefen Brunnen im Hofe, wurde mit Mühe errettet und erhielt, weil er keinen Schaden genommen, einen Denkzettel von der Strenge des Vaters.

In solcher Weise mögen wohl tausende von Bauernkindern aufwachsen, freilich ohne gleich tiefe Eindrücke zu empfangen; die Kindheit unseres Claus aber erhielt noch einen besonderen Werth durch die Frömmigkeit seiner Erzieher. Es wurde bei den Eltern viel gebetet, gesungen und ans Postillen gelesen; bei den Großeltern aber war noch mehr Gebet und Gesang. Und wie herzlich dies gewesen sein muß, ersehen wir daraus, daß als einst beim Gewitter die Großmutter betend niederkniete, der sechsjährige Knabe mit auf die Knie fiel und auch sonst oft in ihren Gesang einstimmte. Ein vorzügliches Gedächtnis; machte es ihm leicht, die Texte der Lieder zu lernen; natürliche Lebhaftigkeit führte ihn dazu, sie wieder vorzutragen. Knechte und Mägde waren seine dankbaren Zuhörer und sagten dann wohl in natürlicher Verwunderung: der Junge muß Prediger werden. So zog dieser Wunsch unvermerkt in das junge Gemüth ein; trat bald zurück, bald hervor, und wurde zuletzt zu einer Gewalt, die jeden Widerstand brach und nicht blos den Jüngling aus seinen äußern Umgebungen heraushob, sondern auch seinem innern Leben Kraft und Richtung gab.

Drittes Kapitel. – Die Schule.

 Doch gebührt neben all‘ den geschilderten Einflüssen, welche auf den Knaben wirkten, der Schule eine besondere Stelle. Sein Lehrer Marx Sorthmann war ein treuer Mann, der die Sache trieb und von ihr getrieben wurde. Es gab keine öffentlichen Prüfungen, der Pastor hörte im Jahre kaum ein Mal dem Unterrichte zu und dennoch stand es gut. Doch möge man sich keine Schule denken, wie wir sie jetzt haben. Da gab es keine deutsche Sprache, keine Noturlehre, Naturgeschichte, Singstunde u. s. w.; aber es wurde viel gebetet und gesungen, geschrieben und gelesen von der Fibel bis zur Bibel. Die vorgeschrittensten Kinder rechneten auch; der Landeskatechismus wurde auswendig gelernt, für sein Verständniß sorgte der Pastor in der Kinderlehre. Der Verkehr zwischen dem Lehrer und seinen Schülern war frei; diese benützten die Pausen, welche ihnen die Beschäftigung des Ersteren mit niederen Abtheilungen verschaffte, um sich selbst unter einander zu beschäftigen.

Claus Harms war in sein dreizehntes Jahr getreten, hatte durch einen Aufenthalt bei einem Onkel in Marne, der ein größeres Geschäft als Bäcker und Krämer unterhielt, eine neue Anregung erhalten, als sein Lehrer dem Vater eröffnete, er seiner Schule entwachsen und dieser ihn dem Ortspfarrer Oertling zur weitem Ausbildung übergab. Das war in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt in seinem Leben. Er lernte Latein, Weltgeschichte, erhielt Kunde von der Natur und wurde überhaupt mit Treue in die Anfangsgründe der Wissenschaften eingeführt. Dabei sorgte sein neuer Lehrer, der ihn sehr lieb gehabt zu haben scheint, auch für eine gewisse äußere Bildung, gewöhnte ihn hochdeutsch zu reden und zu verstehen und die Sitten gebildeter Leute anzunehmen. Es hielt theilweise schwer. Das z. B. war dem Dorfkinde, das bis dahin nur die Anrede Du oder Er gekannt hatte, unverständlich, wie man zu einem einzelnen Manne Sie sagen könne. Doch weit über alles dieses geht die Einwirkung, die Pastor Oertling auf das geistliche Leben seines Zöglings gewann.

Selten sind die Glücklichen, denen der kindliche Glaube ihrer Jugend nie getrübt wurde, deren ganze Lebensgeschichte nur die eines stillen stetigen Wachsens ist. Gewiß werden auch diese wenigen Bevorzugten viel wirken können, nur keinen siegreichen Kampf wider die Zweifler und Ungläubigen zu führen vermögen. Die Meisten seiner Kinder führt der himmlische Vater durch Irrthum zur Wahrheit, durch Kämpfe, oft recht heiße Kämpfe, zum Frieden. So sollte auch der Mann, der berufen war, dem Halbglauben und Unglauben seiner Zeit, welcher sich mit dem Namen des Rationalismus schmückte, mächtig, wir dürfen sagen, siegreich entgegenzutreten, diesen sogenannten Vernunftglauben erst in sich selbst überwinden. Oertling war ein Rationalist und zwar einer von denen, die Harms später zu dem Bekenntniß bestimmten: „Unter den Rationalisten sind fromme und höchst gewissenhafte, auch tief fühlende Männer.“ Er trat mit Freimuth für seine Ueberzeugung ein und behauptete dieselbe auch, als die Behörde wider ihn einschritt, mit männlicher Offenheit. Es wäre wider alle Natur gewesen, wenn dieser Mann nicht wissentlich und unwissentlich seinen begabten Schüler zu seinem Meinungsgenossen erzogen hätte. Es ist rührend zu hören, wie er ihn bei der Hand faßt, ihm erzählt, wie glücklich er sich schätze, jetzt zu leben, welch herrlicher Prediger Zollikofer sei, wie Marezoll ihn noch überbieten zu wollen scheine, welch‘ einer größeren Zeit vollends der Knabe entgegen gehe. Er wollte ihn so gerne zum Theologen machen. Und eigenthümlich und lehrreich: diese Eindrücke wurden verwischt; noch lange vor der Bekehrung des jungen Zweiflers hatte sich sein Sinn von der Richtung abgewandt, in die ihn sein erster Seelsorger gewiesen hatte; die Eindrücke des elterlichen Hauses aber, wo „Alles seinen orthodoxen Gang weiter ging“, blieben. Noch fünfzig Jahre später sagt der ältere Mann seinen Schülern: „In meinem großelterlichen Hause war der Gesang zu Hause, es klingt mir noch in den Ohren: Singen wir aus Herzensgründe.“ Das ist Vatersegen, der tausendfach rettet und bewahret.

Der Unterricht bei dem Pastor dauerte nicht lange, so unendliche Freude auch Lehrer und Schüler daran hatten. Der Erstere drängte, wie früher der Schulmeister, weiter. Er bat den Vater, daß er den Knaben doch studiren lasse und wenn bei Landleuten vom Studium die Rede ist, so wird natürlich stets an das geistliche gedacht. Die Entscheidung fiel nach langer Berathung gegentheilig aus. Der rechtschaffene Müller traute dem lebenslustigen Sohne nicht den anhaltenden Fleiß, besonders aber nicht die Selbstüberwindung und den sittlichen Ernst zu, dessen er auf diesem Lebenswege bedürfen würde. Einen mittelmäßigen oder gar einen untreuen Pfarrer wollte er der Gemeinde seines Heilandes nicht erziehen. Das offene Gemüth des Sohnes kam ihm entgegen; dieser zweifelte an sich selbst, und hatte Rücksichten, die bei seiner Jugend überraschen; der Wunsch war in ihm zurückgetreten. So meinte er. Er wurde 1793 eingesegnet, unter tiefer Bewegung. Die Konfirmation mußte ihn viel mächtiger ergreifen als die Genossen, mit denen er am Tage vorher von den Knabenspielen im letzten Tummeln Abschied nahm. Wie nahe stand er seinem Pastor, wie lieb hatte er ihn, wie tief verstand er ihn und welch‘ ein wichtiger Schritt war für ihn diese Einsegnung, die zugleich ein Abschied von den lieben Büchern war.

Viertes Kapitel. – Die Dienstzeit.

 Ganz nahm er nun wohl nicht Abschied, wenn er auch als Müllerbursche bei seinem Vater in die Lehre trat. Namentlich hatte er seine Freude am Wandsbecker Boten von Matthias Claudius und an einem Buche, über das wir freilich heute anders urtheilen, das aber doch auf den Styl des angehenden Jünglings für alle Zeiten großen Einfluß geübt hat. Es waren dies die in Dichtersprache, aber ohne Reime geschriebenen Beschreibungen des Landlebens von dem Schweizer Salomon Geßner. Indessen stelle man sich unsern jungen Müllerburschen nicht als einen schwermüthigen Jüngling vor, der traurigen Herzens seinen Dienst that. Da hätte er nicht so innerlich gesund und frisch sein müssen. Er befreundete sich mit seiner Mühle, sie ward ihm lebendig und so vertraut, daß er noch in der Lebensbeschreibung, die er in hohem Alter gab, lebhaft wird, wenn er darstellt, wie er mit dem Halbbruder den rechten Augenblick abpaßte, die Mühle bei drohendem Unwetter anzuhalten.

Innerhalb dieser Lehrzeit ist er einmal zum Tode erkrankt; es war ein wunderliches Leiden, da allmählich alle Kräfte schwanden. Er war aufgegeben, ohne Todesfurcht zu haben. Nur eine Sünde bekümmerte sein Herz, die Entwendung von Obst aus dem Garten eines alten Nachbarn; er erlangte es, daß ihn dieser besuchte, gestand sein Unrecht, fand auf seine Abbitte willige Vergebung und sah nun dem letzten Abschiede ruhig entgegen, denn die Mutter hatte es nicht vermocht, ihre Befürchtung vor ihm zu verbergen. Bald nach dem Geständniß seines Unrechtes aber trat eine Wendung in der Krankheit ein, die zur Genesung führte.

Im Jahre 1796 sollte er, nachdem er des Mahlens sattsam inne geworden war, bei einem Bauern als Junge in Dienste treten, um die Feldarbeit und den Dienst zu lernen. Gott wollte anders; unerwartet rief er am 16. März desselben Jahres den treuen Vater in seinen ewigen Frieden und sprach den mündig, der eben noch zum niedern Dienste bestimmt worden war. Die Mutter führte mit den beiden ältesten Söhnen, die ihr redlich zur Seite standen, die väterliche Wirthschaft fort; der Jüngere arbeitete in dem Felde und im Hause, der Aeltere auf der Mühle. Und es wäre gut mit ihnen gegangen, sie hätten erworben und Claus hätte einmal die treue Gespielin seiner Jugend, die seit seinem siebenten Jahre einen Platz in seinem Herzen gehabt hatte, in seinen Bauernhof geführt, wären sie nicht kleingläubig geworden. Es drohte ihnen Concurrenz; die ohnedem unruhigen Zeiten riethen noch mehr zu einem nicht ungünstigen Verkaufe, der sich darbot.

Nun erhielt Claus Harms 2100 Mark Vatererbe und war frei. Eine solche Freiheit, da liebe heilige Bande wider eigenen Willen gelöst sind, hat eben so viel Peinliches und Aengstigendes, wie Gefährliches. Das fühlte er und eilte darum, in irgend ein festes Verhältniß einzugehen. Er vermiethete sich als Knecht bei einem Bauern. „Leere Zeit, schwere Zeit, die trägt selten ein Mensch“, sagt er später selbst in einer Predigt und darum war ihm die seines Dienstes schon als eine Flucht vor dem Müßiggange theuer. Sie ist ihm aber auch sonst köstlich geworden; er hat den ganzen Ernst des Lebens erfahren, beten und arbeiten gelernt, den Werth der Thätigkeit wie den der Ruhe erkannt und darum die Süßigkeit des Sonntags gekostet, die so vielen Tausenden im Christenvolk noch immer unverstanden bleibt. Aber als dauernd sah er seinen neuen Beruf von vornherein nicht an; auch zur Mühle wollte er nicht zurück; wohin denn? er dachte an Soldatendienst, aber sein Ehrgefühl bebte bei der Vorstellung, daß er sich schlagen lassen müsse, wie damals beim Militair geschah, ohne wieder schlagen zu dürfen. Unwillkürlich kamen alle seine Gedanken wieder auf den Wunsch des Knaben, Geistlicher zu werden, zurück. Es gab kaum einen urtheilsfähigen Mann, den er nicht mit der kindlich treuherzigen Frage angegangen hätte: kann ich mit 2100 Mark das Studium durchführen? Die Antworten gingen natürlich wider einander, aber eine fiel wie ein Saatkorn auf gut Land: Sie müssen Gott vertrauen, mit Ihrer Zeit und Ihrem Gelde haushalten und letzteres durch Stundengeben vermehren. Sie haben wegen dieser nicht zu sorgen, die finden sich von selber[ii], auch das Uebrige, wenn Sie nur Ihres Berufes sich gewiß sind. Das war er; so sehr, daß ihm das Theuerste zurücktrat, daß selbst die Bedenklichkeiten seiner Verlobten – wir dürfen sie so nennen – ihn nicht wankend machten, auch dann nicht umstimmten, als sie ihn ungewiß ließ, ob sie sich in mindestens siebenjähriges Warten finden würde. Doch sie hat ihm Treue gehalten und ihm ihren Vorsatz, dies zu thun, auch nach nicht langer Spannung erklärt.

Und nun wünschte ich, daß alle diejenigen Leute, die so bequem und gemach auf den geebneten Wegen des besten Unterrichtes einhergehen, ohne auch nur zu einem Bewußtsein über die ihnen reichlich gebotenen Güter zu kommen, alle die Jünglinge, die ihr Schifflein ohne ein einzig Mal kräftig nach dem Ruder, zu greifen, in den weiten Hafen der Mittelmäßigkeit einlaufen lassen, die nachfolgenden Blätter lesen und lernen möchten, was Fleiß sei, welche Würde, welche Kraft, welche Männlichkeit in ihm liege. Harms bekennt offen, daß sein Eifer nichts Ueberspanntes gehabt, daß er nicht daran gedacht habe, Seelen zu retten; Diener im Reiche Gottes werden, das wußte er recht gut, könne er in jedem Berufe. Er war eben, wie einer seiner bedeutendsten Schüler von ihm sagt, überall ein richtiger Mensch und hatte deshalb als Jüngling den Drang, alle seine Kräfte daran zu setzen, sich einmal eine würdige Stellung in der menschlichen Gesellschaft zu erwerben. Solch ein Trieb, ruhend auf dem nicht eiteln Bewußtsein einer Fülle von geistigen Gaben hat einen höhern sittlichen Werth als Luftschlösser, die vom Tugendstolz aufgeblasen sind und nie zur Wahrheit werden; der Jüngling, wie er in seinem Bauernkleide für seine Zukunft arbeitet, ist eine Erscheinung, die uns Achtung einflößt.

Kaum war er zu dem bestimmten Entschlüsse gekommen, zu studiren, so ging er nach dem nahen Meldorf, um sich prüfen zu lassen. Zu seiner eignen Ueberraschung wurde ihm die Hoffnung gemacht, nach der Prima zu kommen, wenn er in demselben Jahre, nach dessen Ablauf er eintreten wollte, bestimmte Aufgaben löse. Er ging dran, doch arbeitete er, wie er verbunden war, als Knecht weiter. Hier kam ihm eine eigene Einrichtung zu Hülfe. Die Dienstleute hatten nicht gewisse Stunden Arbeit zu leisten, sondern die Maaße derselben waren ihnen bestimmt, wobei noch immer zwei zusammen schafften. Harms gab seinem Kameraden einige Schillinge, für welche dieser täglich ein paar Stunden mehr arbeitete. So wurden ihm die Morgen und Abende frei, in denen die schwieligen Hände wieder die Feder führten, die müden Augen in der lateinischen Sprachlehre lasen, fremde Worte und Regeln gelernt wurden.

Fünftes Kapitel. – Die lateinische Schule zu Meldorf,

 Am 7. October 1797 endlich überschritt er unter Bitt- und Dankgebet die Schwelle der langersehnten lateinischen Schule. Er kam doch in die zweite Klasse, weil der Rector bei der ersten Prüfung vergessen hatte, ihn im schriftlichen lateinischen Ausdruck zu versuchen. „Das beugte mich tief“, erzählt er, „doch brach es mich nicht.“ Es war auch hart für ihn, unter Kindern zu sitzen, mit ihnen, von ihnen zu lernen, es gehörte Geduld und Treue dazu, auszuharren, wenn der Conrector eine freiwillige Arbeit, an die Nächte gesetzt waren, teilnehmend zurückgab: „Sie hätten das nicht versuchen sollen; es ist fast jedes Wort falsch.“ Aber der Conrector war gütig, geduldig und half mit Rath und That; der Schüler blieb unermüdlich. Wenn auch früh um 6 Uhr die Füße, die bei der Nachtarbeit neben dem abgekühlten Ofen erstarrten, noch nicht durchwärmt waren, so stand er doch auf und begann, was gestern abgebrochen war, von Neuem. Deshalb erfuhr er die wohlverdiente Auszeichnung, Ostern 1798 bereits nach der Prima (erste Classe) versetzt zu werden. Wer bei dieser Schulgeschichte sich ein „Gymnasium“ von heute denkt, so ein „Gebäude von sechs Stockwerken,“ wie Harms sie scherzend nennt, der ist freilich im Irrthum. In dieser ersten Classe wurde Anderes, Mehres und Minderes gelernt, als bei uns. In der Raumlehre, im Rechnen waren sie weit gegen unsere Zeit zurück, auch in der griechischen Sprache, im Lateinischen lasen sie zum Theil andere Schriftsteller, auch schwerere, als unsere Söhne jetzt. Aber in jedem Falle wurde von Lehrer und Schüler mehr gearbeitet; es war eine glühendere Liebe zur Sache, es war mehr Freiheit, mehr Eigenthümlichkeit und bei geringer Aufsicht mehr Treue da. Rector Jäger gab alle Stunden in der ersten Klasse allein, verbesserte alle Hefte. Er hatte neun Schüler, behandelte jeden in der für ihn passenden Art, arbeitete mit Jedem; er hielt keine Prüfungen vor den Leuten, wurden ihm auch keine abgefordert, auch beim Abgange der Schüler nicht. Es kam überhaupt außer ihm und seinen Zöglingen Niemand in das Klassenzimmer; aber er kannte keine Unterbrechungen, es ging ununterbrochen vorwärts. Nur ein oder das andere Mal wurde ein Spaziergang unternommen. Acht der Jünglinge tummelten sich dann frei; den neunten, bald diesen, bald jenen, rief der Meister an seine Seite, um mit ihm zu arbeiten.

Das war eine Schule, wie sie sich unser Harms nur wünschen konnte; die es ihm möglich machte, in kurzer Zeit seine Kenntnisse in besonderem Grade zu vertiefen und auszubreiten, wobei ihm sein Grundsatz: zu jeder Zeit Eines, zu keiner Zeit Keines trefflich zu Statten kam. Die Möglichkeit, sich etwas Ungewöhnliches zuzumuthen, gab ihm seine Jugend, denn die Jünglingsschultern hat der liebe Gott schon so gebaut, daß sie ein gut Theil Lasten tragen können. Es kam aber dazu, daß er, an Leib und Seele gesund, das Seinige that, sich diese Gesundheit zu bewahren. Er lebte mäßig und nüchtern, er suchte Gesellschaft, sowohl in Bürgerhäusern, wie bei reiferen Mitschülern.

Es ist bekannt und schon erwähnt, daß damals bei den gelehrten Schulen keine Abgangsprüfungen gehalten wurden. Wer das Nöthige gelernt zu haben meinte, nahm von seinem Rector, nachdem er sich mit ihm berathen hatte, ein Zeugniß und ging damit zur Universität, wo ein Eintrittsexamen gemacht wurde. Wer durchfiel, wanderte entweder beschämt zur Schule zurück oder er blieb in der Universitätsstadt, um dort seine Lücken auszufüllen. Auf diese Weise sind sehr viele junge Leute zu Grunde gegangen. Gewöhnlich hielten sich die Schüler, wie noch jetzt, zwei Jahre in der ersten Klasse auf, auch drei; nur ausgezeichnete Leistungen rechtfertigten unter besondern Umständen einen früheren Abgang. Solche fanden bei Harms statt. Magister Jäger schüttelte allerdings den Kopf und sprach es auch in dem in schönem Latein abgefaßten Zeugnisse aus, er halte ihn nur für halbreif, aber er ließ sich nicht halten und zog im Herbst 1799 zur Universität Kiel.

Sechstes Kapitel. – Die hohe Schule (Universität).

Man braucht eben noch kein Claus Harms zu sein, um beim Uebergange auf die Universität tiefer ergriffen zu werden. Jedem Jünglinge, der nicht völlig abgestumpft ist, falten sich von selbst die Hände, wenn er in die Stadt eintritt, wo er in völliger Freiheit die drei Jahre durchleben soll, welche für seine künftige Lebensstellung den Grund legen, die drei schönen Jahre, welche den Wissenschaften, dem Forschen nach der Wahrheit ganz ungetheilt gehören. Gerade die Selbstständigkeit, in welche ein bis dahin noch überall geleiteter junger Mann so plötzlich übergeht, gerade die scheinbare Höhe des geistigen Lebens und Bewegens führt Gefahren und Versuchungen herbei, wie sie das spätere Leben in solcher Fülle nie wieder zusammendrängt und die jugendliche Unerfahrenheit macht die Gemüther denselben gar leicht zugänglich. Darum beten Mütter und Väter wohl mit vorzüglicher Innigkeit, wenn sie ihre Söhne dahin entlassen und diese selber stellen sich, wenn sie ihren Gott lieb haben, desto kindlicher unter dessen Zucht, je mehr sie aus der menschlichen entlassen sind. Es war ja aber für Harms nicht blos ein Einblick in eine unbekannte Zukunft, sondern auch ein Rückblick in eine wunderbare Vergangenheit, in welcher der himmlische Vater ihn durch gute und böse Tage so überraschend nach dem ersehnten und noch mehr nach dem erbeteten Ziele geführt hatte. Da ging der 103. Psalm durch seine dankbare Seele; sie dachte an das, was Gott der HErr Gutes an ihr gethan hatte und sie verlobte sich Ihm in Klarheit und Wahrheit. Solche Weise, ernst in seines Geistes innerste Tiefen einzugehen und in seinem Leben innere und äußere Abschnitte zu machen, liebte er schon lange und hat sie bis zu seinem Tode bewahrt. Auch die geistliche Richtung, welche er eingeschlagen hatte, konnte ihn darin nicht stören und die Treue, mit der er die Eindrücke seiner frommen Kindheit bewahrte, befestigte ihn darin. So war es ihm Gewohnheit geworden, an jedem Sylvesterabend eine ernste und unerbittlich strenge Selbstschau zu halten und schriftlich aufzuzeichnen.

Eine unter Gebet begonnene und fortgeführte Studienzeit mußte ihren Segen tragen. Gleich bei ihrem Beginnen begab sich ein scheinbar Unbedeutendes, was aber nicht blos die Persönlichkeit unseres Studenten uns näher kennen lehrt, sondern auch für sein weiteres Leben entscheidend wurde. Es war nur gute Wirthschaft gewesen, daß er auf der lateinischen Schule zu Meldorf seine ländlichen Kleider abgetragen hatte, ehe er die städtische Tracht anlegte. Hier aber nahm er, wenn ich so sagen mag, das Bauerngewand mit Bewußtsein auf, um es für Lebenszeit zu behalten. Der Professor, welcher ihn unter die Zahl der Studirenden überhaupt aufnahm, schrieb ihn als Nicolaus Harms ein, indem er das plattdeutsche Claus solchergestalt verbesserte. Es war ja Sitte, so sagte ihm dann derjenige Lehrer, der ihn zu den Studirenden der Theologie schrieb, daß Gelehrte ihr Jochin in Joachim, Gürgen in Georg wechselten u. s. f. Doch er blieb bei seinem Plattdeutsch und ließ sich eintragen: Claus Harms. Und was er da versprochen hat, ein Holsteiner, ein Dithmarsche zu bleiben, seiner bäuerlichen Herkunft zu denken, das hat er gehalten. „Der Liebe zu seinem Volke hat er sich nicht geschämt bis zu seinem Tode.“ Die Aufnahmeprüfung, von der oben geredet ward, wurde bestanden, ohne Auszeichnung und ohne Bedenken.

Die hohe Schule zu Kiel erfreute sich damals einer großen Zahl von vorzüglichen Lehrern; die Namen eines Eckermann und Reinhold hatten weit über Holstein hinaus einen glänzenden Ruf; der Professor Hensler war ein sehr gelehrter und fleißiger Mann; eine besondere Begabung zeichnete den ersten Lehrer am Schullehrerseminar, Professor Müller aus. Dieser liebenswürdige und äußerst thätige Mann war nicht nur ein Meister in der Kunst, Kinder zu unterrichten, sondern auch in der Beredsamkeit, mit der er die Studirenden für diesen Beruf begeisterte. Alle diese Männer aber, sowie andere hier nicht Genannte, lehrten in einem Geiste, dem damals herrschenden. Der Weg des Glaubens ging ihnen vom Kopf zum Herzen; sie wollten Nichts glauben, Nichts lehren, was nicht bewiesen und verstanden werden könne; sie freuten sich, das morsche Gebäude der Kirchenlehre einbrechen zu sehen und einige Hammerschläge thun zu dürfen, damit es früher einstürze. Und gerade der Einflußreichste von allen, Müller, ging hier voran. Nur ein Mann stand wider die Anderen, Johann Friedr. Kleuker, der Freund Herders, dem seine weitumfassende Gelehrsamkeit einen europäischen Ruf eingetragen hatte. Er stand auf durchaus evangelischem Boden, den er mit inniger Gläubigkeit pflegte und erhöhte den Werth seiner seltenen Kenntnisse durch einen reinen Wandel und ächte Kindlichkeit seines Gemüthes. Seine Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) war durch Sinnigkeit und Tiefe des Glaubens gemildert und durch die Kraft geweiht, welche aus einer warmen Ueberzeugung kommt; wie warm diese war, erhellt schon daraus, daß er mit den Worten starb: Die Rationalisten werden doch sehen, daß sie Unrecht haben! Trotz aller dieser Vorzüge hatte Kleuker keinen Einfluß auf die Studirenden, auch auf Harms nicht. Ihm fehlte alles Aeußere, er stand mit seinen Vorträgen über den Köpfen und den Herzen der halbgläubigen Jugend, und wer etwa noch Neigung gezeigt hätte, sich in seine Tiefen zu wagen, der ließ sich durch das Vorurtheil zurückhalten, welches mit der Berufung Kleukers nach Kiel die Vermuthung verband, er solle gegen die „Freisinnigkeit“ der Andern einen Damm bilden.

Unter solchen Lehrern begann Harms seine Studien, er war treu in denselben; d. h. er arbeitete nicht nur fleißig, sondern ordnete sich auch, wie ein Schüler seinen Lehrern unter. Was seinem Alter, seinen Erfahrungen nahe gelegen hätte, sich ein Urtheil anzumaßen und seine eignen Wege einzuschlagen, verschmähte er. Sein Beruf war, die Vorlesungen zu hören und sich die Kenntnisse einzuprägen, die er für seinen spätern Beruf brauchen würde; aber auch für eine fruchtbare selbstständige Durchforschung der Heiligen Schrift, wie für eine wirksame Lehrthätigkeit unter Großen und Kleinen, Alten und Jungen die sichern Grundlagen zu gewinnen. So schloß er denn auch jenen Kreis von Kenntnissen, den wir Philosophie (Weltwissen) nennen, nicht aus. Wir finden ihn in den Hörsälen der geistlichen Lehrer, aber er wendet seine Aufmerksamkeit auch den Lebensgebieten der Sprachen, alter wie neuer, zu; ja er achtet es als nicht ungeistlich, der Erklärung weltlicher Dichtungen zuzuhören. Die Weise, wie er arbeitet, ist wieder eine durchaus gesunde. Er prägt sich das Gehörte ein, jedesmal das was eine Woche gebracht hat, zusammenfassend, setzt seine Uebungen von der Schule her fort, liest fremde Schriftsteller, macht freie Aufsätze in lateinischer und deutscher Zunge und überläßt alle übrige Sorge um die Wahrheit und Stichhaltigkeit dessen, was man ihm bietet, seinen Lehrern oder seinen späteren Lebensjahren.

Indessen suche man ihn nur nicht immer bei den Büchern, er wartet auch des Leibes; d. h. er bewegt sich, nicht blos körperliche Ruhe oder Kräftigung suchend, sondern auch unter seinen Gefährten, unter Mitbürgern, im Umgange den Geist erfrischend. Sein Zimmer wird kein Gesellschaftssaal und jede Ausschweifung bleibt ihm fremd, aber die Vergnügungen, welche seinen Jahren entsprechen, werden mit Unbefangenheit aufgenommen. So gewinnt er unter seinen Genossen sogar ein gewisses Ansehn; man bewirbt sich um ihn; er freut sich dessen, ohne ein besonderes Gewicht darauf zu legen. Eine vorübergehende Bedeutsamkeit verleiht ihm eine ausnahmsweise strenge Strafe, da er ein übereiltes Wort mit 14tägigem Carcer (Gefängniß) büßen mußte. Als er zum ersten Mal nach überstandener Haft in den Hörsaal tritt, wird er von Lehrer und Schülern freundlich begrüßt.

Diese vierzehntägige Muße hatte er nach seinem alten Wahlspruche: „zu jeder Zeit Eines“ ausgekauft, um sich in die deutschen Dichter hineinzulesen: ihm eine fremde neue Welt. Schon lange hatte ihm die dürre Ansicht von der Welt, welche er nach und aus Meldorf gebracht hatte, nicht mehr befriedigt; ohne sich darüber recht klar zu werden, hatte er andere Vorstellungen von den Dingen gewonnen. Zwar kein eigentlicher Dichter, war er doch mit einer so großen Empfänglichkeit für die Dichtkunst, wohl auch noch mit etwas mehr begabt, daß er den Worten Schiller’s z. B. mehr entnahm, als die große Menge seiner Lehrer. Obgleich er außergewöhnliche Anschauungen und Gedanken in seinen Predigten, deren er sowohl in den dafür angesetzten Uebungen, wie vor der Gemeinde hielt, nicht verbarg, so blieb er doch unbemerkt und unangefochten. In ihm selber wogte es desto mehr, es war eine Bewegung in seinem Gemüthe eingetreten, welche zur Entscheidung drängte, seine Bekehrung bereitete sich vor.

Siebentes Kapitel. – Die Bekehrung.

 „Bekehrung“ – das ist ein strenges Wort und wenn es von einem Manne gesagt wird, auf dessen Lebenswandel kein Makel lag, dessen Kirchlichkeit nicht einmal angefochten werden konnte. so mag es viele Leser anstoßen; dennoch bleibt es stehen, schon weil es Harms selber so geschrieben hat. Und er hatte Recht, so zu schreiben: denn es ist, um in seinen Worten zu sprechen, „eine Umkehr auf dem Absatz“, wenn man an einem bestimmten Tage sich vom künstlichen Lichte der Sonne zuwendet, d. h. wenn man statt des eignen Wissens und Erkennens die göttliche Offenbarung als den Weg ansieht, der zur Wahrheit führt.

Gerade am entgegengesetzten Ende Norddeutschlands, in Oberschlesien, später im Sächsischen, wurde im engen Kreise der Brüdergemeinde der Mann erzogen, der vor Harms, mit ihm, neben ihm, unter wechselnder gegenseitiger Anziehung und Abstoßung am mächtigsten dazu gewirkt hat, die Theologie auf bessere Wege zu rufen. Er hatte einen ganz andern Lebensgang; tief war seine Seele in die Geistesschätze fremder alter Völker, tief in deren Weltweisheit, tief auch in Irrthümer eingetaucht, aber doch dem Evangelio zugewandt im Gegensatze gegen den schalen Rationalismus, welcher auf den theologischen Kathedern herrschte. Das war Daniel Friedrich Schleiermacher. Mag er selbst das Evangelium in seiner Lehre nicht erschöpft, mag er manch‘ menschliche Zuthat an derselben geduldet haben, er hat Verdienste, für welche die Kirche der Gegenwart ihm zu danken hat. Im ersten Feuer seiner Jugend hatte er sich in „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ gewandt. Obgleich diesen Reden die Fülle der christlichen Wahrheit keinesweges innewohnte, so machten sie doch wie auf viele empfängliche Gemüther jener Zeit so auch auf Harms einen tiefen Eindruck. Ein Freund, Petersen, der es für sich zu keinem klaren Urtheil über sie bringen konnte, hatte sie ihm geborgt und er hatte sie mit glühender Begeisterung zwei Mal nach einander von Anfang bis zu Ende durchgelesen; dann war er in die frische freie Natur hinausgestürmt, hatte innen im Geiste das Gelesene verarbeitet. Das war das äußere Mittel, durch welches ihn sein Gott den Pforten der ewigen Wahrheit nahe brachte. Es war über sein Leben entschieden, für das fortan der Wahlspruch galt, den er später unter sein Bildniß schrieb: „und nehmen gefangen alle Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens.“ Jene Lektüre und was sie in ihm wach rief, war, wie er es selber bezeichnet, „der Stoff zu einer ewigen Bewegung.“ Er war gestorben und das Leben kam von selbst; doch machte es einige Mühe, den alten Menschen zu begraben.

Daß es ihn trieb, für den neuen Glauben Freunde zu erwerben, weiß Jeder, der selbst einmal eine Ueberzeugung mit Eifer ergriffen hat; aber seine ehrliche Natur verlangte auch nach einem Zeugniß vor dem Lehrer. Gelegenheit bot sich in einer Kinderlehre. Professor Müller ereiferte sich heftig gegen die ihn höchlichst überraschende Erscheinung, daß einer seiner Schüler die alte Lehre neu zu begründen versuchte. Dieser führte seine Vertheidigung warm, doch schüchtern. Es gab eine kurze Bewegung, dann ward das kleine Ereigniß vergessen und blieb äußerlich ohne weitere Folgen.

Die drei Studienjahre verliefen, die Prüfung in Glückstadt wurde rühmlich bestanden, denn die Nummer Zwei war ein ehrenvolles Zeugniß.

Achtes Kapitel. – Die Vorbereitung auf das Amt.

 Zwischen dem Abgange von der Universität und dem Eintritt in’s Amt liegt die Zeit der Kandidatur, bald eine längere, bald eine kürzere, gemeinhin durch Lehrthätigkeit ausgefüllt; „eine Bräutigamszeit,“ wie sie nicht Harms allein genannt hat, da sich die Seele des angehenden Geistlichen dem HErrn, welcher ihn in seinen Dienst nehmen will, immer inniger erschließt. Harms war von 1802 bis 1806 Candidat und während dieser ganzen Zeit Hauslehrer bei dem Pastor Schmidt in Probsteierhagen. Aeußerlich angesehen war diese Zeit eine recht abwechselungslose, von der die Lebensbeschreibung nichts zu sagen hat. Sonst freilich müssen wir rühmen, es kamen die Saatkörner, welche zu Meldorf und Kiel gelegt waren, zur Blüthe, wurde auch noch manch neuer Samen gelegt. Er setzte die Lesung weltlicher Schriftsteller neben fleißigem Studium seiner Berufswissenschaft mit Eifer fort. Seine Bienennatur hütete ihn vor dem Gifte, das Andere da eingesogen haben und ließ ihn viel Honig sammeln. Wie er die Hefte, in welchen er sich die Stellen, die ihm durch ihre Form oder ihren Inhalt bemerkenswerth erschienen, aufzeichnete, zu nützen verstand, das beweist seine berühmte, mit reichem Erfolge gesegnete Predigt: Selbsthülfe in schwerer Zeit, in welcher „die Theile“ einem Worte des Geschichtsforschers Johannes von Müller entlehnt sind.

Er war noch ganz Student, als er nach Probsteierhagen kam, voll Verlangens, jeden freien Tag bei den alten Freunden in Kiel zuzubringen, dabei spröde gegen Familienumgang, auch ungewandt im geselligen Verkehr, welcher ihm durch seine Ungewohntheit, im gewöhnlichen Leben hochdeutsch zu reden, noch erschwert wurde. Aber seine Gemüthlichkeit fand doch solchen Gefallen an der Herzlichkeit, mit der ihm Kinder und Eltern, sowie deren Freunde entgegenkamen, daß er sich ihren Einwirkungen hingab und sich an seinem äußern Menschen bilden ließ. Namentlich war es die alte Frau Statsräthin Haue, eine fromme und kluge Frau, die dem jungen Mann mit ihrer Freundlichkeit nachging, bis er wie ein Kind an ihr hing und von ihr, auf ihren Rath auch von den Andern die Umgänglichkeit annahm, die nachmals dem berühmten Seelsorger große Dienste geleistet hat. Seinen Schülern, einem Knaben und einem Mädchen, bisweilen noch einem Neffen des Hauses, war er wie ein älterer Bruder; dem Pastor Schmidt wie ein Sohn. Er ließ es sich freundlich, ja gern gefallen, daß er auch äußerlich so gehalten ward, kein festes Gehalt nahm, sondern seinen Bedarf aus der Tasche des Predigers bezog, bald mehr, bald weniger, je nachdem dessen eigene Einkünfte flossen.

Den größten Segen empfing er aber doch dadurch, daß er in einem Predigerhause war, wo Amtsbrüder ein- und ausgingen, die den Dienst ihres HErrn auf dem Herzen trugen; Harms lernte die Aeußerlichkeiten seiner dereinstigen Thätigkeit und nicht blos diese kennen; er begleitete den Prediger auf seinen Dienstreisen, zu Gottesdiensten im Filiale u. s. w. Er predigte auch fleißig und es muß seinem Pastor zu hohem Ruhme gerechnet werden, daß er ihm die Kanzel öfters überließ, obgleich der Candidat in einem etwas andern Geiste als er predigte und von der Gemeinde, die an dem Jugendfeuer der ersten Liebe ihre Freude hatte, sehr gern gehört wurde. Man erkundigte sich bereits, wann er denn wieder einmal reden würde und die Abschiedspredigt bewies, daß sich zwischen ihm und der Gemeinde ein schönes Band geknüpft hatte. Zu dieser kam es Ostern 1806, nachdem Harms zum Diakonus in Lunden erwählt war.

Die Bewerbungen um ein geistliches Amt geschahen, wofern die Stellen nicht vom Könige besetzt wurden, damals und in jenen Gegenden, so, daß sich eine beliebige Anzahl von Candidaten einer Gemeinde in Gastpredigten vorstellten, aus welchen drei erwählt und zu einer Probe eingeladen wurden. Diese fand nun an einem Sonntage Statt, wo die drei Vorgeschlagenen hinter einander weg vor der Wahlversammlung predigten. So war es möglich, daß Harms einmal mit seinem Nebenbuhler zusammen in einem Wagen zum entscheidenden Tage fahren und von diesem hören konnte, wie die Sache bereits für ihn, den Reisegenossen, entschieden sei. Doch hat er im Ganzen nur vier Mal zur Probe gepredigt, ist freilich auch nur mit sehr unbedeutender Stimmenmehrheit erwählt worden.

Neuntes Kapitel. – Das erste Amt und das erste Buch.

 Ehe er sein neues Amt antrat, vermählte er sich mit Magdalene Jürgens, seiner mehrfach erwähnten Braut. Sie war 1 1/2 Jahr älter als er, ihm seit seinem siebenten Jahre lieb und werth und ist ihm eine treue Gattin, seinen Kindern eine hingebende Mutter, seinen Gemeinden eine vorzügliche Pfarrfrau geworden.

Am Sonntage nach Ostern wurde er zum Geistlichen eingesegnet. Das Formular, dessen sich der Probst bediente, enthielt die schönen Worte: „Und hiermit führe ich Sie denn aus der Welt in die Kirche, daß Sie aufhören ein Weltlicher zu sein und werden ein Geistlicher, ein Diener Jesu Christi.“ Sie fielen auf seine Seele, wie ein Gotteswort. Er trat mit reinen Händen, frommem Herzen, heiligem Sinn in das köstliche Amt. Psalm 24, 3-6.

Gewöhnt, Gott erst für jedes Gute zu danken, ehe er über etwaige Mängel klagte, überhaupt durch ernste Selbstzucht dahin gelangt, überall das Gute zu sehen, was ihm vom Vater des dichtes kam, freute er sich auch der Eigenthümlichkeiten seines Lundener Diakonats. Er hatte einen Amtsbruder, Johann Peter Thiesen, dem er die seinem Alter und Range gebührende Ehre ließ und erwies, dem er den bei der Abendmahlsfeier üblichen Bruderkuß an dem Altare nie gab, ohne vorher ausgeglichen zu haben, was etwa ein Mißverständniß zwischen sie geschoben hatte. Darum hat er diesem Bruder und der Weise, wie er sich in ihn fügte, viel zu danken. Auch das wußte er sich zu Nutze zu machen, daß er nur jeden zweiten Sonntag zu predigen hatte, er arbeitete mit um so größerer Sorgfalt an den einzelnen Predigten.

Sein EinKommen belief sich auf 1300 Mark jährlich, das sind noch nicht ganze 500 Thaler; er mußte also, obgleich er schuldenfrei an seinem eignen Heerd kam, um von Schulden frei zu bleiben, seinen Haushalt sehr mäßig einrichten und durch Privat-Unterricht Nebenerwerb suchen. Er nahm auch auswärtige Knaben zu Erziehung und Unterricht in Kost und Pflege. Natürlich durfte diese Nebenarbeit seinem Amte keinen Eintrag thun, und daß sie es nicht that, dies bewies der allmählich fort und fort wachsende Kirchenbesuch und die Theilnahme der Kinder und Eltern an seinem öffentlichen Religions-Unterricht. Für diesen arbeitete er einen besondern Katechismus aus, den er in Druck gab: „Das Christenthum. In einem kleinen Katechismus aufs neue der Jugend vorgestellt und gepriesen.“ Das war ein merkwürdiges und liebenswürdiges Büchlein, voll Eigentümlichkeit, Kraft und Frische in Anlage, Ausführung und Darstellung. Sieben Hauptstücke behandelten die Gebote, das Wort Gottes, den Glauben, die Sakramente, die Heiligkeiten, das Beten und die letzten Dinge. Es waren aber neue zehn Gebote, die der Verfasser aufzustellen versucht hatte:

  1. Was Du nicht willt, daß Dir geschicht, das thu auch einem andern nicht.
  2. Vergiß nicht, wie sauer Du Deiner Mutter geworden bist und mache dem wieder Freude, der für Dich Sorge getragen hat.
  3. Ehre die Alten.
  4. Sei der Freund Deines Freundes und nicht der Feind Deines Feindes.
  5. Schleuß Dein Herz nicht zu.
  6. Ehre Deinen König und halte sein Gesetz.
  7. Laß Dich weder locken noch schlagen – kein Haarbreit von der Ehrlichkeit.
  8. Nähre Dich selbst und laß Dich nicht nähren.
  9. Erhalte Deinen Leib gesund.
  10. Und Deine Seele.

Die Erklärungen, zum Auswendiglernen bestimmt, greifen tief in Herz und Leben ein, da heißt es beim ersten Gebote: „Du bist nicht der Einzige in der Welt, Dir gehört nicht Alles zu, Du nicht allein sollst Dich freuen, da leben Mehrere, die auch ihr Gut und ihre Freude haben. – Und dieses Gebot ist die Wehr der Schwachen, die Wache der Schlafenden, die Rede der Stummen, ein Zaum Deiner Willkür, damit Du gehest die rechte Bahn und alle Menschen Dir gerne begegnen und gern mit Dir gehen. Das ist das erste Gebot.“ Weiter: „Thränen sind gut, aber nicht das Beste, sondern wenn Du hingehest und dem Armen eine Freude machest, dem Kranken eine Erquickung bringst, dem Verzagten Muth einsprichst, die Traurigen erheiterst, der Verlassenen Dich annimmst und den Gefallenen Deine Hand reichst, daß sie aufstehen und leitest sie auf die ebene Bahn. So lehrt das fühlende Herz, und das fünfte Gebot.“ Ferner: „Alle Laster flieh‘ allezeit, die Wollust zuerst und ihre Giftigkeit. Dein Mahl ende die Mäßigkeit. Vertrink niemalen die Menschheit. Hüte Dich vor Tollkühnheit. Dein Anzug sei die Reinlichkeit. Dein Wecker die Frühmunterkeit. Deine Zeitkürzung die Arbeit. Ohne Sorg‘ und ohne Streit. Immer in Vergnügsamkeit. Zuweilen in Fröhlichkeit: das erhält die Gesundheit und verhütet frühen Tod, lehret uns das neunte Gebot.“

Im zweiten Hauptstücke redet er in einem höheren Tone; er lehrt uns drei Stimmen Gottes hören: die Welt, die „das erste und letzte Wort Gottes in ihrem Munde trägt,“ in der „von den höchsten Sternen herab und aus den tiefsten Meeresgründen herauf“ der Unsichtbare und Allgegenwärtige sich offenbart, das Gewissen, das freundliche und furchtbare, vertrauliche und schaurige Wort, redend aus dem Blick des rechtschaffnen Mannes, durch die Seufzer der Bedrängten, mit den Thränen der Verführten. „Es Mach zu Manchem erst in der Sterbestunde als sein Satan und Ankläger vor Gott. Aber dem Guten ist das Gewissen ein lieber Begleiter, ein tröstender Freund, ein schützender Engel und, wenn’s zum Sterben geht, klingen die Worte, wie vom Himmel herüber; er vergißt den Schmerz und höret nur und schlummert ein in Fried‘ und Freuden.“ Endlich: „Die gewaltige Rede, welche die Völker der Erde ergriff und trotz allen Feinden sich erhalten hat durch die Jahrhunderte bis auf unsere Zeit: das ist die Heilige Schrift, die Bibel, das geschriebene Gotteswort, welches den ersten Antheil an allem hat, was Gutes geschehen ist von jeher. Wisse, kein andres Buch kann seine Stelle vertreten. Mutterstelle mag nicht vertreten werden: siehe! die Bibel ist eine Mutter, welche alle gläubigen Kinder nähret und stillt, bis sie erreichen das Mannthum einer höheren Welt.“ Was nun diese dreifache Gottesstimme aussage, lehrt das dritte Hauptstück. Harms, dem das apostolische Glaubensbekenntniß immer zu lehrhaft, zu sehr geschichtlich berichtend erschienen ist, versucht hier ein neues aufzustellen.

„Ich glaube an einen Gott, den Vater, der Himmel und Erde erschaffen hat durch sein allmächtiges Wort, der die Welt regieret mit Weisheit, der die Schicksale der Menschen lenkt und auch mich ansieht mit Liebe und Huld. Ich glaube an einen Gott, den Sohn, Jesum Christum, welcher Menschengestalt annahm zu einer bestimmten Zeit und das Licht des Glaubens, den Trost der Vergebung und die Verheißung der Seligkeit brachte Allen, die an ihn glauben. Er litt und starb am Kreuze, stand von den Todten auf und fuhr gen Himmel und er wird angebetet von der ganzen Christenheit auf Erden. Ich glaube an einen Gott, den heiligen Geist, welcher an den Seelen der Menschen verborgen wirkt, ihre Ohren eröffnet für die himmlische Wahrheit, ihre Augen aufthut, die Schönheit der Tugend zu sehen und ihr Herz beten, glauben, lieben und die Welt vergessen lehrt.“ Im Hauptstück von den Sakramenten heißt es:

„Des Abendmahls rechte Handlung fällt in’s Verborgene und wird im Verborgenen beschlossen. Daselbst macht es die Sünder gerecht, die Schwachen stark, die Traurigen fröhlich, die Kranken gesund, die Todten lebendig, als die des neuen Lebens, das da in Gott und Jesu ist, theilhaftig werden. Solche Dinge begreift der Verstand nicht und das Auge kann in die Tiefe des Gemüths nicht dringen, doch zeugt der Wandel einigermaßen von der großen Veränderung und das äußere Leben bezeugt zum Theil des innern Lebens Kraft, Tugend und Seligkeit.“ Am Schluß, wo Luther fragt: Wer empfängt solch Sakrament würdiglich? heißt es hier: „Wie wird die Seele zur Andachtsfeier bereitet? Stelle die Arbeit ein, wende die Augen von weltlichen Dingen ab, richte Deine Gedanken auf Jesum, was er lehrte, wie er lebte, wofür er starb, damit ein Bild des höhern göttlichen Lebens vor Deine Seele trete. Spiegle Dich nun in diesem Bilde, ob Du die Gestalt des Lebens oder des Todes an Dir trägst, betrachte Deine Flecken und Mängel, wecke die Reue und sprich: Ich bin unrein, mache mich rein, o Jesu! ich bin todt, mache mich lebendig, o Gott! Komme nun, daß Dir geschehe, wie Du willst in der Stunde des Abendmahls.“ Mit der Betrachtung, daß jeder Christ heilig halten möge, was immer für ihn eine höhere Bedeutung habe, mit geheimen Worten sein Herz anspreche, sei es willkürlich oder durch die Sitte der Väter geheiligt, daß aber allen Christen gewisse Bücher, Oerter, Zusammenkünfte, Tage, Handlungen, ein Stand, ein Gebet, ein Segen und ein Zeichen gemeinsam heilig seien, kommt er zum fünften Hauptstück.

Die heiligen Bücher sind die biblischen, die Oerter die Kirche und der Friedhof, die Zusammenkünfte die gottesdienstlichen, die Tage die Festtage und jeder Sonntag, „an welchem die gewöhnliche Arbeit eingestellt, die Kirche besucht wird und überall stille Freude herrscht. Also wird’s in jeder Gemeine gefunden, die es weiß, daß Gott einst fraget: Wo sind Deine Sonntage? Die heiligen Handlungen sind die Confirmation, die Beichte, die Trauung und der Eid. Der Eid ist eine Bewährung der Wahrheit mittelst des Theuersten, was der Mensch an weltlichen und geistlichen Gütern hat. Dieses setzt der Schwörende daran, daß wahr ist oder wahr werden soll, was er spricht; er thut es nach angehörter Vermahnung; vor Männern, die das Recht haben, einen Eid zu fordern und abzunehmen. Darum, wenn ein Lügner schon verächtlich ist, so muß ein Meineidiger abscheulich sein.“ –

„So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort. Einmal verschworen, ewig verloren. Wohin mit mir? Schaffet mich weg vor euren Augen, ihr Menschen, denn ich bin kein Mensch mehr, auf daß ich vergeh‘ ohn‘ eure Thränen in meinen Thränen, ohn‘ euren Gott in meiner Verzweiflung.“ Der heilige Stand ist der geistliche: „Wo die Kirche zu thun hat da handelt sie in der Person dieser Männer, genannt Prediger, Priester, Seelsorger, Väter.“ Das heilige Gebet ist das Vaterunser, der Segen der aaronitische, das Zeichen das des Kreuzes. „Es bedeutet den Glauben und den Segen des Christen.“

Ueber das Gebet spricht er im sechsten Hauptstück an Hand der Fragen: Wie lern ich beten? „Darin bist Du besser Dein eigner Lehrer.“ Wie ist Beten das Schwerste? Wie ist Beten aber das Leichteste? Was hilft Beten? Wie oft soll ich beten? „und wiederum ist das Gebet ein geschärftes Auge, ein gestärkter Arm, ein erweitertes Herz; Wurzel und Krone des Tugendstammes in der Seele. Daher, wer niemals betet, der ist ein blinder, schwacher, gefühlloser, böser Mensch!“ und welche Zeit und Stunde etwa sind besonders gelegen?

Den Schluß machen die letzten Dinge: Sterben und Auferstehen, Gottes Gericht, Himmel und Hölle. Vom Sterben merke dreierlei: „Gewiß ist der Tod und weder Kunst noch Macht können retten von ihm, denn der Leib ist sterblich geschaffen, ungewiß aber der Tag, es sterben Junge wie Alte, Gesunde wie Kranke, Starke wie Schwache; darum sich Jeder bereiten mag, denn wie Du lebst, so stirbest Du, und wie Du stirbest, so fährest Du.“ Es sei mir vergönnt, nachdem ich von den 64 Seiten des Büchleins so viel gegeben, die beiden letzten Blätter noch wörtlich mitzutheilen. Die kräftigen Worte unseres Harms üben auch, abgesehen davon, daß sie den Mann und seinen heiligen Ernst kennen lehren, noch heute ihre Wirkung.

„Die Ewigkeit ist des dunkeln Schicksals Erklärung und wird von ihrem Berge Alles uns sehen lassen, was Unerforschliches hienieden geschehen ist. Gott wird’s erklären, warum es den Guten oft so übel und den Schlechten oft so wohl geht auf Erden; warum er’s leidet, wenn Einer Tausende unglücklich macht, warum er’s nicht höret, wenn ein ganzes Geschlecht zu ihm schreiet.“

„Die Ewigkeit ist des Gewissens Erfüllung, welches immer den Bösen schreckte mit unsichtbaren Strafen und den Guten erfreute mit der Verheißung künftiger Belohnungen. Gott wird’s erfüllen mit Jesu Wort und allen Menschen nach allen ihren Gedanken, Worten und Werken das gerechte Urtheil sprechen. Der Richter wird Alles erklären und erfüllen und in die zwei Centnerworte fassen, das eine: Weichet von mir! das andre: Kommt her zu mir! Und mancher wird weinen, der hier gelacht hat und Mancher dort lachen, der hier geweint hat.“

„Noch wandeln wir in einem dunkeln Wort und wissen nicht mehr, als daß es im Himmel uns unaussprechlich wohl gehen wird. Doch bauet das Herz im Erdenthal sich einen Himmel unter den Sternen, wo die Wohnungen Gottes sind, über vergangnen Leiden und abgewischten Thränen bauet das Herz ihn aus dem Schönsten und Besten, wovon es in stillen Stunden glaubend und hoffend erfüllt ist: hellere Wahrheit nach langen Zweifeln, leichtere Tugend nach schweren Kämpfen, ewiges Widersetzen der Geliebten auf Erden, frohe Bekanntschaft mit allen Edlen des Menschengeschlechtes, erhebender Umgang mit Geistern von höherer Ordnung, selige Nähe und ewig seliges Näherkommen zu Gott und Jesu. Das ist der Himmel, mit welchem wir die Welt weit überwinden. Und Gott wird mehr noch geben, als wir hoffen und verstehen. Seele, o daß doch Gott einst zu Dir sagen könne: Komm herein!“

„Noch wandeln wir in einem dunkeln Wort und wissen nicht, wohin der schreckliche Spruch: Weichet von mir! die Verdammten einst werfen wird. Doch baut das böse Gewissen eine Hölle im Abgrund, wo die Finsterniß wohnt, über genossene Freuden und verlornen Hoffnungen baut das böse Gewissen sie aus dem Furchtbarsten und Schlimmsten, womit es jeden Sünder erfüllt hat: zu sehen die schreckliche Wahrheit nach hartnäckigem Leugnen, zu hören die eigne Verfluchung und den Nachhall der göttlichen, zu schmecken die Bitterkeit der Sünde, nachdem all‘ ihr Süßes genossen ist, durch eine ewige Kluft geschieden von den Seligen und gebannt zu lauter verlornen Seelen, zu den bösen Geistern, zu dem Abscheulichsten hin, was nur an jenem Orte sein mag, das ist die Hölle. Eine Zeit der Erlösung ist nicht bestimmt, aber Gott läßt einem jeden Menschen Zeit genug, sich zu besinnen und die Hölle zu meiden.“ Das „Christenthum“ hatte einen unerwarteten und viel verheißenden Erfolg. Aus Berlin, aus der Provinz Brandenburg, aus Süddeutschland wurde dem Verfasser zu seiner Arbeit Glück gewünscht; in kurzer Zeit warm zwei Auflagen vergriffen, obgleich sich auch der Nachdruck des Büchleins bemächtigt hatte; 1814 erschien die dritte Ausgabe; sie blieb die letzte. Harms hat sich das schnelle Verstummen des Beifalls nicht erklären können und doch war es so natürlich, wenn wir auf die Zeit und die Absicht des Verfassers merken; die er nämlich spricht es gleich in den ersten Worten der Vorrede aus und ein Blick in das Buch genügt, um zu beweisen, daß sein Katechismus nicht neben dem lutherischen gebraucht werden, sonder an dessen Stelle treten sollte. Das konnte er aber nicht. Es fehlte ihm dazu die ächte Volksthümlichkeit, die Gedrängtheit, Fülle und überwindende Kraft, die Luther aus der Schrift geschöpft hat. Auch hatte es Harms nicht so wie Luther verstanden, das eigne Ich ganz zurücktreten zu lassen; aber dadurch gerade ist dessen Wert in allen Gegenden des deutschen Vaterlandes durch Jahrhunderte als das „rechte, bestmöglichste, wehrsam, wie keines“ angesehen worden. Sodann hat Harms selbst dazu gethan, daß der lutherische Katechismus wieder zu Ehren gekommen und von neuem ein Schulbuch der ganzen deutsch-evangelischen Kirche geworden ist. Ermuthigt durch den Anklang, welchen das besprochene Werkchen fand, versuchte sich der Verfasser nun auch an einem größeren Religionsbuch: „die Religion des Christen,“ das, 1812 unternommen, 1814 zum Druck kam. Es war noch ganz der Standpunkt des kleinen Katechismus, das erweist schon die Eintheilung in drei große Abschnitte: Natur, Vorsehung, Christus. Die größere Ausführlichkeit nöthigte dazu, statt des erbaulichen mehr einen lehrhaften Ton anzustimmen, zu begründen, zu bestreiten, auszuführen. Hier war Harms auf einem Gebiete, für welches er minder reich begabt war. Darum hatte auch das Buch lange nicht den Erfolg seines Vorgängers.

Zehntes Kapitel. – Liebe und Sorge für das Volk.

 Noch nach einer ganz andern Seite war Harms in Lunden thätig. Sei Mensch, sei Bürger, sei Christ, hat er einmal gepredigt und hat auch nach diesem Worte gethan. Dem lateinischen Sprüchwort: Ich bin ein Mensch und meine, daß mir nichts Menschliches fremd sein dürfe, fügt er das Wort und Bürgerliches bei. Er benutzte darum seine Muße, um auch auf die Angelegenheiten der Gemeinde in Wort und Schrift Einfluß zu üben. Wo ihm Gelegenheit kam, sprach er sich in Volksblättern belehrend aus, wo ihn sein Gewissen drängte, erhob er seine Stimme vor König und Obrigkeit. Widerstand machte ihn nicht heftig, Erfolglosigkeit seiner Bemühungen ermüdete ihn nicht.

„Zwar, ich weiß es, meine außeramtlich scheinenden, der Landschaft Bestes bezweckenden Arbeiten werden mit großem Unglimpf beurtheilt und in ein gehässiges Licht gestellt von Vielen, die vielleicht nicht vermögend sind, eine an sich löbliche That anders als aus eigennützigen oder leidenschaftlichen Absichten dabei zu erklären; jedoch so lange mir bleibt Einer im Himmel, der mich kennt, und Einer auf Erden, mein König, der mich anhört, so lange bleibe ich in dem mir aufgeladenen Beruf, jedwedes Unrecht, das mich näher oder entfernter angeht, thue es Hoch oder Niedrig, mit allen Waffen zu bekämpfen, die mir vom Schöpfer gegeben und vom Gesetze verstattet sind.“

So schrieb er 1816 in einer Vorstellung an den König.

Wäre ich ein Dithmarsche, Harms‘ vermischte Schriften[iii], in denen sich die Denkmäler seiner Liebe und Sorge für sein Volk finden, sollten im besten Bande eine Ehrenstelle unter meinen Büchern haben und mir nicht aus den Händen gehen. Aber auch dem Fremden sind sie ein rührendes Zeugniß schlichter treuer Vaterlandsliebe.

Wir werden in ihnen so ziemlich durch alle Lebensgebiete geführt, die sich nur irgend zu öffentlicher Besprechung eignen. Er hält es nicht zu gering, seinen Mitbürgern Nachricht zu geben, wie ihm der Tabacksbau gelungen sei und sie zur Nachfolge in demselben zu ermuthigen. Dann belehrt er sie über die verschiedenen Formen der Ernte, des Stoppelmachens, wie er es nennt, mit der Sense, Sichel und Sicht und über die Vortheile, welche aus zweckmäßiger Mannigfaltigkeit und verständiger Abwechselung im Gebrauche dieser Werkzeuge erwachsen müßten. Weiter wendet er seine Aufmerksamkeit und diejenige seiner Leser auf den geselligen Verkehr der Landleute unter einander und mit den Vornehmen im Lande. Wie er die Menschenrechte auch dem Aermsten gegenüber anerkennt, so sieht er mit offenem Auge die Gefahren, welche dem Volksleben daraus drohen, daß Jeder über seinen Stand hinausstrebt. Er straft die kleinen Herren, die den geringen Mann mit dem hochmüthigen Du anreden: „Alter, wenn Du auf der Diele eines kleinen Beamten lange hast frieren müssen, und der junge Herr, der nicht so alt ist, wie Dein Sohn, fragt Dich: Was willst Du, so fasse Dein graues Haar an und sage: Ich wünsche Sie zu sprechen – oder wenn Du eine freie Sprache hast – Du verstehst mich – ich wünsche Dich zu sprechen und wenn Dir Jemand was darum thun will, so frage nach meinem Namen (bei B. und F. u.s. w.), ich will nach Vermögen Dich vertheidigen oder die Brüche (die Strafe) für Dich bezahlen.“ Aber das mag er nun gar nicht leiden, daß sich Landleute und einfache Bürgersleute Herr nennen, oder doch so nennen lassen.

„Wohl und Wehe,“ schreibt er, „des Volkes hängt, nach des Einsenders Glauben nicht sowohl von einem und andern hochwichtigen Umstande im Volksregiment und Volksglauben, sondern eben so sehr von jenen vielen kleinen Erscheinungen und Aenderungen ab, die zwar einzeln betrachtet, unerheblich sind, vereint aber gewaltig werden und in ihren Wirkungen segensreich oder bis zum völligen Untergange verderblich.“ Zuerst nannten den Landmann Herr, „die auf die Speziesthaler in dessen Hand sahen, Krugwirthe, Handwerker, Krämer in Gewürz und Ellenwaaren und allwer mit dem Schmeichelworte Herr etwas von dem Landmann zu erwischen hoffte.“ Er geht ernst auf die Sache ein, lobt die Häuser, die wenigen, „wo der Wirth den Herrn regiert“, und schildert den allmählichen Untergang derjenigen, wo „die Herren die Wirtschaft ergreifen“ und trotz schwindenden Wohlstandes „der Herr ein Herr bleiben will.“ „Der Herr aber ist bei Vielen die Ursache, daß sie kein Geld haben.“ Weil das Alles Niemand besser weiß, als unsere Bürger und Bauern selbst, so bittet er diese, namentlich die Angesehenen unter ihnen, sie sollen sich die ungebührliche Anrede nicht gefallen lassen: „Gute liebe Männer, thut vor allen Dingen Eins, verbittet Euch das Herr! Mit dem Namen des Hochmuths wird der Hochmuth selbst fallen, mit dem Reiz zum Aufwand wird der Aufwand selbst sich mindern, mit dem Einen Faden löst sich vielleicht das Seil, das unser edles Volk niederhält.“ „Ich wünsche,“ schließt er, „meinem Aufsatze viele Leser, Denker und Bedenker.“

Mit derselben Theilnahme beurtheilt er die gemeindlichen Angelegenheiten, die Verwaltung größerer und kleinerer Bezirke, die Lasten, die man den Leuten auflegen dürfe, die Rechte, die sie zu fordern haben. Neuerungen verstimmten ihn, haben das auch in spätern Jahren gethan, wo er die Feder zu einem Kriege wider die Einrichtung der Schwurgerichte führte; besonders aber war ihm die Weise, natürliche, gesunde und frische Lebensäußerungen nach bestimmten Gesetzen zu ordnen oder zu beschränken, unliebsam, wie das zum Beispiel in Einführung einer Armensteuer an Stelle des Almosens geschehe, unliebsam. Verschlimmbessern gern nannte er diese Maßnahmen. Noch lebhafter ergriff ihn eine Erscheinung, die wir gleich einer verheerenden Krankheit in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes ergreifen sahen; ich meine die Wuth einzelner Besitzer, ganzer Ortschaften, den Feuerbrand an das eigne Haus zu legen, um von den neuerrichteten Brandversicherungs-Anstalten Vortheil zu ziehen. Hier hat er Keulenschläge geführt. Zuerst verlangte er dringend nach „einer solchen Einrichtung der Brandversicherungs-Anstalten, bei der es ein Schade bleibt, abzubrennen und daß in keinem einzigen Falle, wie sein die List, wie schwarz die Bosheit sei, ein listiger Bösewicht die Sache so wenden könne, daß der Brand sein Vortheil werde. Wenn die Gebäude nicht höher als zur Hälfte ihres Werthes und die Möbel nicht höher als zum Viertheil nach einer Schätzung durch benachbarte rechtliche Leute versichert würden, so könnte man schon, dünkt mich, des Menschen eigne Vorsicht, den gnädigen Gott und die christliche Liebe walten lassen, während Fei der jetzigen Einrichtung die Menschen fahrlässig, gottlos und hartherzig werden, werden müssen.“ Dann strafte er lauter, geißelte in scharfem Spotte, der die offene Anklage der muthwilligen Brandstiftung nur leise verhüllte, die ganze Landschaft Norderdithmarschen und dort vorzüglich sein eigen Kirchspiel Lunden. Zuletzt ging er an den König.

Ueber den Werth solcher Thätigkeit eines Geistlichen mag man streiten, ja man wird zugeben müssen, daß sie bei Einzelnen von uns ernstliche Gefahren haben würde, noch mehr könnte der oder jener die Richtigkeit aller der Meinungen in Zweifel ziehen, die Harms da ausgesprochen, aber sofort werden sich Alle zum Lobe des Mannes vereinigen, der in sinnvollster Weise seine Landsleute auf die Schätze ihrer Vergangenheit hinweist. Einem Volke seine Geschichte erzählen, das heißt sich an seine edelsten Regungen wenden, seine besten Kräfte in Thätigkeit setzen, das heißt lebendige Vaterlandsliebe erwecken. Darum wünschten wir jeder Gegend einen Volksmann, der zu ihr spräche, wie Claus Harms zu den Seinigen:

„Schreibet Dithmarschen unsere Geschichten.“ „Man liest doch nichts lieber als seines Volkes Geschichten! Sie, stellen die alten Begebenheiten dar, als wäre man dabei, rufen die Geister der Entschlafenen aus ihren Gräbern und lehren uns handeln als unter ihren Augen, in guten Dingen zur Ermunterung, in schlechten zur Beschämung und zeitigen Rückkehr; sie trösten und geben Rath in gegenwärtigem Unglück, als mit welchem und noch größerem die frühern Geschlechter schon kämpften, gleichwie sie winken zur Vorsicht und Mäßigung im Glück, auf daß sich kein Unglück daraus erzeuge; Bedeutung geben sie manchem Platz, an welchem wir sonst ohne Gedanken vorübergingen, und einigen Plätzen Heiligkeit; wie mit scharfen Stacheln reizen sie das jetzt lebende Geschlecht, sich doch von dem Ruhm der Väter nicht überstrahlen zu lassen oder im umgekehrten Fall, die geerbte Schande doch auszulöschen durch besseres Thun; Säulen der Dankbarkeit sind sie, von den erkenntlichen Zeitgenossen errichtete, oder Schandpfähle, an denen die Schlechten viele Jahrhunderte stehen; Wecker aus dem Schlaf, Hebel in der Versunkenheit, Spiegel einer schönern Zukunft, Sonnenstrahlen auf die Gemüther, so von der Selbstsucht übereiset worden; Tyrolerstimmen vom Berge, daß sich sammeln, die es gut meinen im Thal, die da Recht und Gerechtigkeit, freie Sprache, Verstand und Herz um Gold behaupten wollen im Lande. – Doch wer schreibt jetzt unseres Volkes Geschichten?“ Er that es, soweit er vermochte, bewahrte in dem hier vorliegenden Aufsatze in kurzen Sätzen die Erinnerung an eine ganze Reihe wichtiger Ereignisse aus seiner Zeit, ging in die frühere hinab, um von Parven Dews und seinen Verdiensten um den Ackerbau zu reden, in noch ältere Zeit, aus der er das Andenken an den freimüthigen Lundener Pastor Johannes Wendler, gestorben 1867, auffrischt. Er macht endlich auch den Führer auf dem Lundener Kirchhofe, wo er die Gräber der irgend bemerkenswerthen Männer früherer Zeiten hervorhebt und ihre Bedeutung erklärt. Seine Liebe für die Heiligthümer seines Volkes bethätigte er auch in der Pflege der plattdeutschen Mundart. In jüngern Jahren schrieb er selbst bisweilen in derselben, als Greis führte er die Dichtungen von Claus Groth mit einem warmen Vorwort ein.

Elftes Kapitel. – Die Kriegs-Predigt,

 Weit über all‘ diese Zeichen seiner treuen Gesinnung geht der Muth, den er in seiner Predigt: „Der Krieg nach dem Kriege“ bewiesen. Nach unserer Gewohnheit wollen wir, wie viel möglich, ihn selbst reden lassen. Die Predigt, am Sonntage Sexagesimä 1814 gehalten, fällt in das vorletzte Jaht des großen Freiheitskrieges, wie man damals wähnte, das Friedenjahr, „in diejenige Zeit, da bei uns die Rechnungen wegen erlittener Kriegsschäden und geleisteten Kriegsarbeiten eingefordert wurden, deren manche dermaßen in’s Uebertriebene und Ungeheure gingen, daß man seinen Aerger daran schier weglachte – da bei uns noch die Lieferungen und Pferdestellungen fortdauerten, bei welchen sich so manche Ungebühr aufthat, in welcher letztern eine ;da bei uns durch ein schreckliches quid pro quo (Verwechselung), nämlich indem man las und statt oder, wie mir dies von Augenzeugen versichert ist, die auch den Wohlhabendsten erschöpfte; – da bei uns wegen solcher und mehrer anderer Vorfälle Jedermann des Kirchspiels Untergang befürchtete, Niedergeschlagenheit alle Gesichter, Mißmuth alle Gemüther erfüllte, und mein in vielen damaligen Predigten ausgesprochener Trost der mächtigen Gotteshülfe schon leidig und ekel zu werden anfing: – damals zeigte ich eine erlaubte Selbsthülfe der verzweiflungsvollen Menschen und forderte sie, nach einem figürlich rhetorischem Ausdruck, zum Kriege nach dem Kriege auf. In meinem Leben habe ich nichts Nöthigeres und Nützlicheres gethan!“ So schreibt er von der Sache an seinen König und Herrn.

In der Predigt selbst spricht er dieselbe Anklage gleich in der Einleitung, nach wenigen vorangegangenen Worten allgemeinen Sinnes, so aus: „Frieden hat Gott dem Lande gegeben, aber was ist es, das die Freude darüber nicht aufkommen lassen will? Die traurige Wahrnehmung ist es, daß in einem solchen Zustande das Land sei, welchen man für wenig besser als den Krieg selber hält. Sie kommen, sie kommen die großen Rechnungen für das Friedenskleid, welches dem Lande gemacht ist; die müssen bezahlt werden, versteht sich; sie kommen ebenfalls und bleiben nicht aus die Unterschleife, die schlechte Menschen sich erlauben, die Betrügereien, die von verschmitzten Köpfen verübt werden, die Bubenstücke, die in schwarzen Herzen ausgeheckt sind – nun zu fischen, da das Wasser trübe ist, nun zu pflücken, da der Körper doch wund ist, nun anzufallen, da die Gemüther einmal in Angst sind, und noch eine Weile den Krieg fortzuspielen, – die früher, vielleicht schon als Igel sogen des Landes Blut, kommen als Wölfe und lecken das Mark des Landes, – wie ja immer die Raubthiere sich häufiger und dreister zeigen, wenn der Krieg Oeden gemacht hat. Oeden hast du genug, mein schönes Vaterland, du herrliches Land am Lider- und Elbstrom, auf den Böden, in den Ställen, in den Kassen der meisten deiner Einwohner sind traurige Oeden. Gottes Segen und der Fleiß werden sie wieder zu füllen anfangen, Landesfriede und die Sparsamkeit den neuen Erwerb zu behüten suchen – vergebens – ja vergebens wird Alles sein, wenn Feinde unter uns Hausen, einheimische, die arger sind als die fremden, zehnmal ärger. Sie wollen Krieg, sie sollen ihn haben.“

Er stellt drei Fragen: Welches sind die Feinde? welches sind unsere Waffen? welches sind die Botschaften an uns, in diesen Krieg zu gehen?

„Ich rede an heiliger Stätte, das weiß ich; mein Amt sei zum Frieden zu reden: das thue ich. Wolltet Ihr es nur wissen, daß Menschenwohl eine heilige Sache sei! es einsehn, daß mit den Feinden des Menschenwohls nicht dürfe gehandelt, sondern nur gekämpft werden! mich verstehn, wenn ich jage, daß ich schlechterdings nicht gleichen will jenen Priestern, die Jeremias verwirft, K. 6 V. 14, welche sagen: Friede, Friede und ist doch nicht Friede. Nein, zum Kriege ruf‘ ich auf, durch Krieg zum Frieden, dann ist Friede.“

Nun theilt er sich seine Feinde in drei Haufen.“ Solche, „die ihre Hände ausstrecken nach dem Gut des Landes und solche, die ihre Schultern entziehen der Last des Landes und solche, die ihre Augen vor Beidem zuthun.“ Auch der Waffen sind dreierlei: „das bessere Beispiel, das freie Urtheil, die gerichtliche Klage.“ Im dritten Theile läßt er die „scharfen, schaurigen, heiligen Stimmen“ sprechen, welche uns antreiben, in den Krieg zu gehen. Stimmen der Seufzenden: „die Einfalt hintergangen, die Armuth bestohlen, die Schwachheit geplündert, die Gutmüthigkeit gerupft, Witwen beraubt, Waisen ausgezogen, öffentliche Kassen dem Privatgebrauch offen.“ Stimmen der Vorwelt, Stimmen der Nachwelt, Stimmen vom Thron her.

„Der König sollte es leiden, wenn Einheimische den Krieg fortspielen? er sollte nicht helfen wider die, so unglücklich machen sein schönes Land? das zu denken war‘ ein sträflicher Argwohn, das zu behaupten, ein Staatsverbrechen.“ „Stimmen vom Altar her rufen uns und machen heilig den Krieg. Hört, Christen, die Ihr an Jesu Tisch geht, die Ihr aufschaut zum Heiland, wie er aus Menschenliebe sich aufopferte; die Ihr gelobet dort, ihm nachzugehn, sei es auch in seinen Tod, für die Sache der Gerechtigkeit; die Ihr das Blut trinket des Heldenmuths und der Einigkeit, hört, wollt Ihr verlassen, derer sich Jesus erbarmte, wie Eurer? Und wenn Ihr stehet in den Augenblicken voll heiligen Grauens, voller Wonn‘ und süßen Lebens, mit Euren Brüdern und Schwestern vor dem Gott des Altars, vernehmt Ihr des gegenwärtigen Gottes Stimme nicht; laßt Niemand sie kränken? Nein, das geschehe nicht! du willst, so wollen auch wir und wollen nicht ruhen, bis Friede sein wird, völliger Friede! in Gottes Namen daran, wenn auch das Land voll Teufel war‘ und wollten uns gar verschlingen. So habe ich geredet vor Hundert oder Zweihundert. Ich möchte vor Tausend, ich möchte heute vor dem ganzen Lande geredet haben.“

Was er zu diesem Behufe selbst thun konnte, unterließ er nicht, er ließ die Predigt durch den Druck veröffentlichen, zum Theil veranlaßt durch das Gerede einiger Betroffener, daß er in Gegenwart seiner Vorgesetzten eine solche Sprache nicht gewagt haben würde. Der Eindruck, welchen diese Kriegspredigt machte, war ein gewaltiger. Einzelne Betrogene beschritten sofort den Weg der gerichtlichen Klage und deren Einer legte seiner Beschwerde ein Exemplar der gedruckten Predigt bei. Die höchsten Behörden thaten, was Harms so zuversichtlich von ihnen erwartet hatte.

Der kühne Prediger wurde zu einer Verantwortung aufgefordert; er bekannte sich offen und frei zu dem Inhalt seiner Rede, berief sich auf das Recht und die Pflicht, die ihm sein Amt als protestantischer Geistlicher auflege, gegen Unrecht zu protestiren „mit aller Kraft, die ihm gegeben ist, auf jede Weise, die ihm geziemet;“ aber er enthielt sich doch jeder gegen Einzelne gerichteten Anklage. Dabei sammelte er, so viel er konnte, die Beweise für seine Behauptungen. Nicht lange, so wurden hohe Gerichtsbeamte von Glückstadt nach Kiel zur Untersuchung geschickt, vor denen Harms die einzelnen Sätze seiner Predigt und seiner Erklärung zu belegen hatte. Sie verfuhren mit Milde und Gerechtigkeit und der folgende März brachte wichtige Verfügungen über Kirchspielsrechnungen, Quittungen und dergleichen mehr. Doch war das der geringste Erfolg seines Auftretens. Die Hauptsache war der Umschwung in der öffentlichen Meinung und Stimmung. Weder die Leute nahmen mehr Bedrückungen in furchtsamer Stumpfheit schweigend hin, noch Vorgesetzte wagten mehr, solche öffentlich und rücksichtslos auszuüben. Den besten Beweis dafür, wie tief die eine That gegriffen hatte, war einerseits der blinde Haß der Beamten, die den Umgang mit dem Prediger abbrachen, in keiner öffentlichen Gesellschaft, ja nicht in einer Wirthsstube mit ihm zusammen sein wollten; andererseits die Liebe des Volkes. „Das möchte ich behaupten, daß in beiden Dithmarschen Wenige gefunden werden, die lesen können und haben diese Predigt nicht gelesen.“ (Verantwortliche Erklärung). Viele haben sie auswendig gelernt. Es war Jahre später, als Harms einmal an sie erinnert wurde. Auf einer Reise zwischen Kiel und Lunden war er genöthigt, in einem Bauernhause Zuflucht vor dem Gewitter zu suchen; der Wirth, der ihn anfangs ziemlich kalt aufnahm, brachte, als er erfuhr, mit wem er es zu thun habe, Labetrunk und Imbiß und sagte dem Ablehnenden: „Nehmen Sie, Sie haben das um uns verdient; ich kann’s aus meinem Quittungsbuch beweisen.“ Hätte er es gewollt, wäre ihm nicht sein Predigtamt das köstlichste Lebensgut gewesen, diese Rede hätte ihm wohl eine Brücke zu bedeutender Thätigkeit in den späteren Ständeversammlungen gebaut.

Zwölftes Kapitel. – Abschied von Lunden.

 Nach zehnjähriger Wirksamkeit in Lunden rief ihn der Herr des Weinberges an einen andern wichtigeren Platz desselben. Harms wurde Archidiakonus in Kiel. Es wurde ihm sehr schwer zu scheiden: was ihm ein Lundener sagte, die Lundener Seelen seien ja doch nicht weniger werth als die Kieler, das hatte er sich schon selbst gesagt und Mehres. Ja, tiefer vielleicht als die Klagen, machten ihn die Zeichen der theilnehmenden Freude zu Lunden bedenklich, da ihm Viele, die ihn sehr lieb hatten, sagten: wir verlieren viel, aber wir freuen uns doch der Ehre, die Dir wird, der äußeren Sorglosigkeit, in die Du eintrittst und des schönen Wirkungskreises, der sich Dir bietet. Aber er kannte seinen HErrn, er wußte, daß seine Stimme gerufen hatte und so ging er. Er nahm Abschied von der lieben Gemeinde, Abschied von ihren Gräbern, wo er sich den Muth und Trost holte, den nur Geister in die Brust reden könnten. Liebesbeweise der rührendsten Art begleiteten ihn bei seinem Weggange bis an das letzte Dorf des Kirchspiels. Dort war ihm am Wagen etwas gebrochen. Bauer Claus Karstens besserte es mit seinen Händen und weinte dabei Thränen des Schmerzes und der Freude. Es bekümmerte ihn, daß er seinem Pastor bei seinem Wegzüge helfen mußte, und doch wie stolz war er, ihm den letzten Liebesdienst zu erweisen.

Ehe Claus Harms in sein neues Arbeitsfeld einging, stellte er seine Aufsätze über gemeindliche Angelegenheiten in einem Büchlein zusammen, ließ es drucken und widmete es den Dithmarschen als einen „patriotischen Nachlaß.“ „Noch eins,“ so schließt das Vorwort, „lieben Landleute, eine Bitte! Ich ziehe mit zwei Söhnen aus unserer Heimath; wenn diese beiden einst wiederkommen sollten, um Amt und Brod zu suchen bei Euch, so laßt sie Euch empfohlen sein um ihres Vaters willen, der Euch gewiß lieb gehabt hat. Eben so lieb sollen Euch meine Kinder auch haben. – Seid Gott befohlen.“ Dieser Wunsch ist ihm erfüllt worden; sein ältester Sohn ist 1837 Diakonus zu Albersdorf, der Jüngere 1844 Kirchspielsvoigt zu Barlt geworden, Beide in Süderdithmarschen.

So scheiden wir denn mit unserem Harms aus seinem lieben Lunden: er that es mit Dank: „wenn ich Dir einen Namen gemacht habe in der Welt, Du bist es gewesen; Dir danke ich es, daß ich es habe können.“ Wir verlassen mit ihm seine nächste Heimath. Seine Jugend-, Kindheits-, Lehr- und Wanderjahre sind geschlossen und es folgt nun die Zeit, da der Meister sich bewähren soll im neuen Leben, im Wirken und Schaffen, wie im ernstesten Kampfe, ein Baumeister nach Nehemiä Weise mit Schwert und Kelle. Neh. 4, 17.

Zweiter Abschnitt – Claus Harms in Kiel.

Dreizehntes Kapitel. – Der Amtsantritt in Kiel.

 Kiel ist uns schon von der Universitätszeit unseres Harms her bekannt. Es ist die zweite Stadt Holsteins (die erste ist Altona) und hatte damals etwa 10.000 Einwohner. Die Gegend ist lieblich; ein vortrefflicher Hafen und eine lebhafte Verbindung mit Hamburg und Kopenhagen machen den Ort zu einer bewegten Handelsstadt, deren „Umschläge“ – so heißen die Messen dort – von weither besucht werden; die Universität ist 1665 gestiftet; ihre reichhaltige Bibliothek, Sammlungen und Gärten ziehen einen größeren Kreis gelehrter Männer an. So wird die Stadt, von zwei mächtigen Lebensströmungen durchzogen, zu einem vorzüglich angenehmen und anregenden Wohnort, indem sie zugleich der Seelsorge ein weites, mannigfaches, oft schwieriges, oft aber auch reich lohnendes Feld bietet. Der Professor der Gottesgelehrtheit und der Matrose, der vielgereiste reiche Kaufmann und der arme Student, der in seinen Büchern und den Bildern einer schönen Zukunft seine Heimath hat, suchen ihre Erbauung in derselben Kirche. Kiel hat deren drei, die Nikolaikirche, die heiligen Geist- oder Klosterkirche und die Jürgenkirche (oder Schloßkirche?); doch gelten die beiden letzteren als Töchter der ersten, der eigentlichen Stadtpfarrkirche. An dieser arbeiteten sonst ein Pfarrer, ein Archidiakonus, ein Diakonus. Später zog man das Diakonat ein und stellte nur einen Adjunkten an, welcher auch die Jürqenskirche zu versehen hatte. Im Jahre 1816 sollte das Archidiakonat neu besetzt werden. Die Wahl hing von drei Körperschaften ab, die je eine Stimme abgaben, dem Magistrat und den Geistlichen, Stadtconsistorium genannt, der Universität und der Bürgerschaft. Harms zählte bereits zu den gefeiertsten Geistlichen des Herzogthums; er wurde veranlaßt, sich zu melden, predigte am vierten Sonntage nach Trinitatis unter sehr allgemeiner Theilnahme über das Göttliche in der Vergebung und erhielt die Stimmen des Consistoriums und der Universität. Die Bürgerschaft scheute in ihm den eifrigen feurigen Mann wohl noch mehr wie den Rechtgläubigen.

Am vierten Adventsonntage wurde er in sein neues Amt eingeführt; seine Antrittspredigt über Maleachi 2, 7:

„Des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, daß man aus seinem Munde das Gesetz suche, denn er ist ein Engel des Herrn Zebaoth“ behandelte die Frage, was einem Priester obliege? Er antwortete: „daß er die Lehre bewahre, die Religion mittheile, ein Höheres Leben darstelle durch Sittenreinheit und himmlischen Sinn.“ Im letzten Theil fand er Gelegenheit, einen alten Lieblingsgedanken auszusprechen, den er später auch wissenschaftlich durchgeführt hat: „Kein Prediger, wenn nicht Priester, keine Kirche ohne Priester.“ Seine Reden erregten Aufmerksamkeit, machten Eindruck, aber noch keinen überwindenden, vielleicht, weil die ganze Eigenthümlichkeit des Mannes, die sich auch in seinen Predigten so scharf ausprägte, eine gewisse Zeit erforderte, ehe sie verstanden und was dasselbe war) geliebt wurde. Doch entschied bereits seine Neujahrspredigt: „Ich wünsche Euch Frieden mit dem über Euch, mit dem in Euch, mit denen um Euch.“ Nach kurzen Schwankungen setzte sich eine Zuhörerzahl fest, wie sie bis dahin in Kiel unerhört war. Claus Harms wurde ein gerühmter, gefeierter Redner, der vielen Beifall fand, viel Triumphe feierte. Wohl ihm, daß er, nach seinem eignen Ausdruck, stets eine Bürste bei sich führte, um solchen Staub sogleich wieder abzuthun. Er erlebte aber auch die stille Herzensfreude, die denjenigen gegeben ist, an dem sich die Weissagung Jesu Christi erfüllt, „von nun an sollst Du Menschen fahen.“

Die Dispositionen seiner Predigten erschienen als Inschriften – auf Theetassen, welche öffentlich verkauft wurden; – unter schönen Gemälden, welche ihm als Geschenke in’s Haus gesandt wurden. Dankesbriefe, Gedichte, Besuche bezeugten ihm die Freude der Gemeinde an seinen Reden. Auch Fremde nahmen gleichen Antheil; es verließ nicht leicht Einer die Stadt, ohne Harms gehört zu haben, und damit das möglich werde, wurde die Speisestunde in den großen Gasthäusern verlegt; er war nämlich Nachmittagsprediger. Lieblichere und tiefer gehende Zeugnisse der Macht seiner Beredsamkeit fehlten nicht. Der Fabrikherr Nönchen aus Glinde in Süd-Holstein, der sich mit dem weiten Kreise der Seinigen allsonntäglich an den Postillen von Harm’s erbaute, stellte sich dem verehrten Manne vor, mit dem Erbieten, ihm seine Schulden zu bezahlen, wenn er deren hätte. Da Harms dies ablehnte, wie er denn auch wirklich schuldenfrei war, so übergab ihm Nönchen hundert Mark zur Vertheilung an Arme und setzte nicht nur Zeit seines Lebens diese Leistung bei jedem Umschlage pünktlich fort, sondern traf auch Bestimmungen, daß Gleiches nach seinem Tode durch seine Hinterbliebenen geschehe.

Ungläubige, namentlich aus den höheren Ständen, Beamte, Schriftsteller wurden durch seine Predigten, in denen sie den alten Glauben fanden, bekehrt. Auszüge, Denksprüche, schlafende Worte aus seinen Vorträgen und seinem Unterrichte wurden in den Tagebüchern frommer Christen, mehr noch Christinnen, nach deren Tode vorgefunden.

„Und das hielt an,“ sagt Harms selbst, aber wohl nur von der Theilnahme der Gemeinde an seinen Arbeiten, denn sonst verstummte der so allgemeine Jubel bald und diejenigen, welche an dem Menschlichen in ihm die meiste Freude bewiesen hatten, traten bald als eben so laute Gegner und Ankläger ihres Pastors auf, wie sie vordem seine Lobredner gewesen waren.

Ehe aber erzählt wird, wie er um des Gewissens willen in das feindliche Leben hinaustrat, wie die göttliche Führung die jedem Menschen unerträgliche Reihe von guten Tagen zu seinem und der ganzen deutsch-evangelischen Christenheit Heile unterbrach, wollen wir ihn in seinem amtlichen Wirken kennen lernen. Und wie er selber in seinem Hauptwerk den Geistlichen als Prediger, Priester und Pastor beschreibt, so mag auch er uns in dieser dreifachen Beziehung vorgestellt werden.

Vierzehntes Kapitel. – Harms, der Prediger,

 Ein gelehrter Zeitgenosse von Harms, der Professor Scherk in Kiel, gibt von dem Prediger Harms folgendes Bild: „Harms ist auch ein großer Optiker und Mechaniker. Oder ist es Ihnen nie wie mir begegnet, daß Sie Gefühle in den geheimsten Falten Ihres Herzens verborgen glaubten, die Sie Niemanden, kaum sich selbst gestanden? Da hörte ich eine Predigt von Harms und ich mußte mir sagen, der Mann hat in das Herz Deines Herzens geschaut. Wer so tief sieht, muß der nicht die feinsten optischen Instrumente führen und tüchtig handhaben? Auch dies weiß er, daß Licht nichts ist als ein Zittern; denn wie oft hat er unser Herz in zitternde Bewegung gesetzt, wenn er zum Licht uns führte. Weiter rühmt sich die Mechanik, wie durch ein Wunder, mit dem kleinsten Kraftaufwand die größten Massen zu bewegen. Nun, welche Last oft auf meinem Gemüthe lag, das weiß nur Gott. Da hört‘ ich abermals eine Predigt und durch ein einzig Wort hob mir oft unser Mechaniker die Last vom Herzen. Man leugnet Wunder. Ist denn dies kein Wunder? Geschieht es denn nicht fortwährend vor unsern Augen, daß dieser da an verhärtete Felsenherzen schlägt und das Wasser in die Augen springt?“

Professor Michael Baumgarten bekennt: „Harms ist der Lehrer, der mir zuerst und wie nachher kein Anderer das Wort Gottes gesagt hat. Unvergeßlich und gesegnet bleibt mir die schöne Zeit, in welcher ich mit meinen Freunden allsonntäglich kaum die Stunde erwarten konnte, in der wir ihn wieder sehen sollten an heiliger Stätte, um, nachdem unsere Augen schon an der vorausgehenden Erscheinung seiner innern göttlichen Erregtheit sich geweidet hatten, ein immer neues und frisches Zeugniß des Wortes Gottes von seinen Lippen in unsere Herzen aufzunehmen.“

Diese Zeugnisse machen es wohl dem Verfasser zur Pflicht, den Leser in den Entwickelungsgang einzuführen, den Harms als Prediger genommen hat. Es stand nämlich zu seiner Zeit sehr schlecht um die evangelische Predigt. Eine Homilie, wie Chrysostomus und Luther sie hielten, wurde nicht mehr gehört! Reden wurden gehalten, klar, wohlgeordnet und nüchtern, aber durchaus nur lehrhafter Natur; dem Herzen ward wenig oder nichts geboten, der Text schien blos noch der Ausgangspunkt für den Vortrag zu sein, der sich dann oft gar weit von dem Gegenstande desselben entfernte. Es wurde unter dem Vorgange eines sehr gerühmten nicht ungläubigen Oberhofpredigers Sache des Wetteifers, auf Grund ein und desselben Textes die mannigfaltigsten, verschiedensten Gegenstände zu behandeln. Wie weit man in dieser Hinsicht gegangen war, beweise das einzige Beispiel des Abtes Teller, der über Matth. 17, 1-9 von der Zufriedenheit mit dem Orte unseres pflichtmäßigen Aufenthaltes redete. Andere verirrten sich nicht so weit, aber doch immer noch weit genug von dem, wonach die Christenseelen hungern und dürsten.

So war die Predigt statt eines Kunstwerkes, das sie sein soll, ein Kunststück, das Predigen aus einem Schöpfen aus dem lebendigen Quell eine äußerliche Fertigkeit geworden.

Gegen diese Richtung nun hat Claus Harms durch seine Schriften, seine Predigten, seine ganze Erscheinung einen heiligen, ich wage zu sagen, einen erlösenden Kampf geführt, zu welchem er den Beruf in seinem gläubigen Herzen und in seiner reichen dichterischen Begabung fühlte. Denn er war ein Dichter, Einer von denen, die sagen dürfen: „Wir sind seines Geschlechts.“ Ap. Gesch. 17; Dichter sind wir nun freilich nicht Alle, auch auf seinen äußersten Standort vermögen wir ihm nicht zu folgen, aber dankbar erfreuen wollen wir uns seiner Gabe und rühmen, was er für uns gethan hat.

Ihm stand die Bibel hoch wie Wenigen; aber sie ist, wie er meint, nicht geschrieben, daß über sie gepredigt, sondern daß aus ihr, nach ihr gelebt werde. Auch ist ihm die Thätigkeit des Heiligen Geistes nicht an das eine Wort gebunden, er glaubt vielmehr, daß die Kirche des HErrn seinen Geist noch in sich trage, von ihm bewegt und geleitet werde, daß also im gläubigen Herzen der Geist unmittelbar zum Geiste rede. Er glaubte, daß es Menschen gebe, die in Christo lebten, die deß gewiß sein dürften, das ihnen gegebene Wort sei das Seinige. Und er wußte, daß er selbst in Christo eine neue Kreatur geworden sei. Nun verlangt er vom Geistlichen, daß er seine Lust habe am Worte des Herrn, sich in die Bibel hineinlese und lebe. In ihrem ganzen Inhalt, nach ihrem ganzen Umfange soll er sie in sich aufnehmen, bald in großen, gewaltigen Zügen, bald in einzelnen Worten, das Göttliche, das Ewige, der Geist der Schrift soll der Gegenstand seiner Liebe sein, so daß die Bibel in ihm lebendig werde. Dann, wenn sie sein Eigenthum ist, dann soll er für das Einzelne arbeiten, ernstlich sinnen und zuletzt kühnlich in seine eignen Schätze hineingreifen, die ja doch nicht die seinigen sind. Mit der Liebe des Künstlers soll er wieder seinen Gedanken und Gefühlen die rechte Form geben und wie sie aus seiner Natur hervorgebrochen, in seiner Weise dargestellt sind, so soll er sie eben auch in einfacher Natürlichkeit seinen Miterlösten aussprechen. „Vom Herzen zum Herzen,“ so ließe sich, was er will, am besten bezeichnen; nur muß man wissen, daß er damit völligen Ernst macht.

„Ein Erwuchs,“ so etwa sagt er, „ist die Predigt, den die Arbeiten und das Nachsinnen des Geistlichen die Woche über mit einander getrieben haben, der am Sonnabend dem Prediger selbst zum Vorschein kommt und am Sonntage von ihm der Gemeinde gewiesen wird.“

Im Jahre 1833 veröffentlichte Harms in einer viel gelesenen Zeitschrift einen Vortrag, in welchem er einem gleichgestimmten Amtsbrüderkreise ein Bild von der Predigtweise gibt, nach welcher er suchte. Er läßt sich dabei von zwei Worten alter römischer Schriftsteller leiten, dem Einen: „Ich bin mit der Beredsamkeit unserer Zeit unzufrieden,“ dem Anderen: „Ich meines Theils gebe die Hoffnung nicht auf, es werde noch einmal ein solcher Redner auftreten, wie wir ihn suchen.“ Zuerst führt er uns „auf das Feld der gegenwärtigen Verkommenheit,“ daß wir „betrachten, was da wächst, daß da nichts Schmackhaftes und Saftreiches wächst; auch die große Einförmigkeit und Einfarbigkeit, die daraus entsprießende Langweiligkeit sammt der Trägheit daselbst gefunden wird.“ Ihrem Inhalte nach bezeichnet er die Predigten so: „Was man nicht weiß, das bekommt man nicht zu wissen und was man zu wissen bekommt, das weiß man, oder es ist auch nicht werth, gewußt zu werden.“ Der Grund liegt in der Lehrhaftigkeit aller Reden. Diese ist ein Unrecht. In die Schule, in den Hörsal gehört die Mittheilung von Kenntnissen, aber nicht in die Kirche; aus vielen Gründen, deren fünfter die andern in sich aufnimmt: „Das Wenigste an der Religion ist Lehre, das Meiste oder richtiger sie selbst ist Leben. Wir sind auch,“ sagt er weiter, „diejenigen Leute nicht, die Sonntag für Sonntag ein Füllhorn von Kenntnissen auszugießen haben und von Kenntnissen, die interessiren, allgemein interessiren, und weil wir diejenigen nicht sind, so bringen unsere Predigten bald nichts Unbekanntes, bald nichts Interessantes.“ Unter offener, treuherziger Anerkennung seiner großen Vorzüge unterwirft er darauf die Predigten des sächsischen Oberhofpredigers Reinhard einer scharfen Beurtheilung, worin er nachweist, daß die von ihm behandelten Gegenstände zum Theil ganz selbstverständliche seien, zum Theil ein allgemeineres Interesse nicht verdienten. Und „wenn selbst ein Reinhard es nicht gut macht auf diesem Wege, was wollen wir Andern uns denn vergeblich bemühen? Nun vollends die Sprache; er schlägt eine große, bekannte Sammlung von Predigten auf: „zwei, drei abgerechnet, singen alle Prediger darin bis zur Ununterscheidbarkeit dieselbige Melodie, wie die Lerchen und Nachtigallen.“ Ein selbstgeschaffenes Gesetz der Deutlichkeit und Behaltbarkeit vertreibt die Bilder, Gleichnisse, jede ernstere und tiefere Erregtheit, jede anschauliche Weise von Gott zu reden. Vergeblich hat der Herr für diese Nüchternen geredet, er wolle im Dunkel wohnen (1 Kön. 8,12) „Wir predigen in der Büchersprache und in der des Lebens predigen wir nicht, sondern wir sprechen wie ein Buch, und doch sollte uns das Wort Sprache selber daran erinnern, „daß wir auf der Kanzel sprechen sollen und nicht schreiben, nicht ablesen, d. h. wie ein Buch sprechen.“ So weit sein strenges Urtheil wider die damaligen Prediger; es sind Wenige unter ihnen, die von demselben nicht mit Recht getroffen wurden.

Nun will er uns aber auch zweitens auf das Feld führen, wo sich die neuen Erwüchse der Rede finden, zeigen, wie sie sich ausnehmen und was von ihren Tugenden zu rühmen sei. Damit kommt er zu der Aufforderung, welche er zur Überschrift der ganzen Rede wählte: Mit Zungen, lieben Brüder, mit Zungen reden! Die Pforte, durch welche wir dazu kommen, ist die: „Neue, fremde Sachen vortragen.“ Damit ist um Gotteswillen nicht gemeint, von der Kirchenlehre abweichen; „Nein, der Prediger muß den Glauben der Kirche predigen und darf ihn nicht einmal färben“ und „wie können wir Prediger unsern Mund mit nur einiger Sicherheit, daß wir wahr reden, aufthun, wenn wir von der Kirchenlehre abweichen?“ Aber dennoch soll das Neue kommen „eben daher, wo das Symbol und die Agende und das Gesangbuch und der Katechismus und die Bibel ’selbst hergekommen ist. Denn man wehre und sträube sich noch so sehr davor, man kreuzige und segne sich, so soll man es doch hören und wohl stehen lassen, was Novalis von der Predigt gesagt hat: „Sie ist ein Bruchstück der Bibel und zwar des kanonischen Theils der Bibel, ist eine Inspirationswirkung“ (d. h. ist vom Heiligen Geiste dem Prediger eingegeben). So lehrt der kleine Katechismus, der die Predigt und Gottes Wort heilig zu halten befiehlt, so der alte Gesang: Liebster Jesu, wir sind hier, Dich und Dein Wort anzuhören. „Will Jemand das auf den zu verlesenden Text nebst den etwa vorkommenden Bibelsprüchen allein beziehen?“ „Das Feld ist hiermit gewiesen, auf welches wir uns zu begeben haben, der Baum genannt, von welchem wir zu pflücken, die Quelle, aus welcher wir zu trinken haben, Feld, Baum, Quelle ist der Geist und wer durch ihn predigt, der predigt, wie ich’s meine, predigt, wie ich’s nenne, mit Zungen.“ Dies beschreibt er nun: „Ich setze dies als das Erste: Ein heiliger Ernst muß mich begleiten an mein Werk, zum wenigsten die Unzufriedenheit, der Kummer, der Schmerz, daß dieser heilige Ernst mir dermalen fehlt, mit dem Flehen zu Gott verbunden: Gib ihn mir! Das Zweite: Ein Kommen der Gedanken, da sie mehr gefunden als gesucht erscheinen unter der Freude, daß sie nicht ausbleiben, und einer Freude um meiner Zuhörer willen, um meinetwillen nicht, daß die werden davon erbaut werden. Das Dritte: die Erbauung meiner selbst zuvor, wenn ich solche fände, die reinigende, stärkende, tröstende Kraft dieser Gedanken erfahre. Das Vierte: wenn meine Hervorbringung, nachdem die Gedanken bei mir zum Ausdruck gekommen sind, mir erscheint als zum geringsten Theil meine eigene, weiser wie ich bin, höher wie mein dermaliger Stand noch ist und mehr Göttliches enthaltend, als zur Zeit in meiner eigenen Seele liegt. Das Fünfte: wenn sich solches auf dem christlichen Gebiete zuträgt, ich meine, wenn es Hervorbringungen sind, die zu ihrem Woher und Wohin die christliche im N. T. enthaltene Heilsordnung haben, gleichwie Christus sogar von dem Heiligen Geist sagt: Er wird es von dem Meinen nehmen. Das Sechste: mein Wort muß bei den Hörern einen Anklang finden; wofern keinen, so würde ich fürchten, im Irrthum über mich und meine Rede zu sein und das Siebente: Eine größere Zahl von Hörern, die Menge, wo eine ist, muß sich spalten, theils das Wort für ein unverständliches und unvernehmliches erklären, unter Hohn und Spott, theils Freude daran haben und äußern, ihren eigenen Ausdruck darin findend, als ihnen aus dem Herzen gesprochen, wohl bekannt und doch nicht ohne Fremdheit, oft gehört und doch nicht ohne Neuheit, jeden Einzelnen treffend, obwohl an Alle gerichtet, gleichwie am ersten Pfingstfeste mit eines Jeden Zunge geredet.“ Anschaulichkeit der Rede, Lebhaftigkeit, Feuer, Originalität, Genialität, ja Salbung – das sind Farben, das Zungenreden ist das Licht selber.

Von der Sprache verlangt er, daß sie keine Büchersprache sei, der Bibelsprache ähnlich, bilderreich, eckig, scharf und spitz, kurz und reich an Sinnsprüchen sei, an Stellen nachlässig, wo man dies der Schrift ja auch Schuld gibt, an andern wieder in der Weise der Dichter, selbst den Reim nicht ausgeschlossen, oder welche andere Weise der Geist findet oder neu schafft. .

„Das würde denn auch nie geahnte Predigten geben. – Es muß ja sein oder wir predigen uns bald von den Kanzeln hinunter, die letzten Leute aus den Kirchen und das Christenthum aus der Welt hinaus.“

Im dritten Theile bemüht er sich, „die Verpflanzbarkeit dieser Gewächse auf unsern Boden“ zu zeigen, d. h. zu beweisen, daß ein Jeder so predigen könne. „Wollen uns, dies zuerst, zu bessern Christen machen, unsern Beruf und Erwählung fester machen. Wir müssen mehr unser Herz, als unsern Kopf, wie man sich ausdrückt, in die Weiche legen.“

„Der innern Bereitung folge die äußerliche oder sie werden verbunden mit einander, mit der Uebung an der Gottseligkeit, 2. Tim. 4,6. die Uebung an der Wissenschaft.“ Da ist auch die Naturwissenschaft, welche die Bildersprache liefern wird, nicht zu verachten, den Arbeiten der Handwerker und Ackerleute müssen wir zusehen – und so überhaupt uns üben, „anfangend als Ameise und aufhörend als Spinne oder noch besser als Biene.“ „Sage Niemand, daß ihm das Talent dazu fehle. Denn wie ein Reinhard, Ammon, Dräsecke predigen, das ist nicht Jedermanns Sache und erfordert ein Talent, das Wenige haben, eine Gelehrsamkeit, die wir uns nicht zu erwerben im Stande sind, hingegen das Reden mit Zungen erfordert so wenig ein natürliches Rednertalent und weltliche Gelehrsamkeit, daß diese wie jene eher ein Hemmschuh als ein Pferd mehr am Wagen sind und wohl glaube ich hier das Wort des Apostels anwenden zu können: Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern, was vor der Welt thöricht, schwach, unedel und verachtet ist, das hat Gott erwählt.“ Wir, denen es nicht vergönnt war, den Gottesmann selbst zu sehen oder zu hören, sind auf seine gedruckten Predigten gewiesen. Deren sind eine ziemlich beträchtliche Anzahl vorhanden: solche, welche wichtige Tage in seinem eignen Lebenslauf bezeichnen, solche über Dinge,‘ über die Christen sich nie satt hören, wie über das Leiden unsers HErrn, über das Vaterunser, über die Bergpredigt, solche über die schwierigeren Sachen der heiligen Schrift, wie die Offenbarung Johannis, wieder solche über das Bekenntniß unserer Kirche – und zwar gehören die beiden letzteren Kreise der spätern und spätesten Zeit an – endlich drei größere Sammlungen: die Winter- und Sommerpostille, die christologischen Predigten und die neue Winter- und Sommerpostille. Die erstgenannten Postillen haben seinen Ruf begründet; er gab sie noch in Lunden heraus, veranlaßt zunächst durch eine Aufforderung des Pastors Edlessen in Eiderstedt. Dort hatte der Candidat Harms gastweise gepredigt und auf den Pfarrer einen solchen Eindruck gemacht, daß dieser sich mehrere Predigten geben ließ und den Wunsch äußerte, der junge Redner möge einige seiner Kanzelvorträge um ihrer Eigentümlichkeit willen, wie um anderer Prediger willen in den Druck geben. Der Diakonus von Lunden stellte nun, nach ernster Prüfung der Sache einen halben Jahreskreis zusammen, versicherte sich einer gewissen Zahl von Abnehmern, fand, nachdem er diese gewonnen hatte, einen Verleger und ließ 1808 die Winterpostille erscheinen. 1811 folgte die Sommerpostille. 1836 erschienen beide Sammlungen in eine zweitheilige zusammengefaßt in fünfter, 1846 in sechster Auflage. In diesen Predigten steht Harms lange noch nicht auf dem Standpunkt entschiedener Gläubigkeit, den er später einnahm, dennoch finden sich unter ihnen die ergreifendsten und frischesten, die er überhaupt gehalten hat. Wir müssen es ihm daher Dank wissen, daß er die Bedenken gegen ihre unveränderte Ausgabe, die ihm in spätern Jahren aufstiegen, überwunden hat. Er selbst äußert sich in einer Vorrede darüber: “- ich komme mir vor, wie wenn ich nicht meine, sondern fremde Predigten vor’s Publikum brächte. Das hätte vielleicht nicht gethan werden sollen von mir. Ohne Bedacht ist es auch nicht geschehen. Sieht es denn anders aus, als wenn ich selber, mit meiner eignen Hand, die Leser wollte zurückhalten auf dem von mir doch verlassenen Stand? Nein, so wollen wir die Sache nicht ansehn, sondern so: Es ist ein Weg gewesen, ein Weg, auf dem ich durch Amt und Erfahrungen gefördert, dahin gekommen bin, wohin meine Freunde, die 1808 mit mir ausgegangen sind, zum Theil noch nicht; ich zürne mit ihnen nicht, und Andere, Jüngere, deren Schule eine gewesen ist, wie die Schulen zur Zeit noch meistens sind, betreten jetzt allererst unsern Weg – seid willkommen, ruf ich diesen Letztem zu, ihr geht einen Weg, der irr‘ euch nicht führt.“

Er fügt sodann der neuen Ausgabe einige Predigten aus der letzten Zeit bei, „Zeugen,“ wie er sie nennt, „seiner Gegenwart“ darunter namentlich eine Bußtagspredigt. In Bezug auf diese schließt er sein Vorwort: „Mein werther Leser, ich komme nicht zu Dir, wolle Du zu mir kommen, d. h. zu mir, dem Verfasser der Büß- und Bettagspredigt Dich lesen.“ Im Jahre 1821 erschienen „die christologischen Predigten.“ Er blieb unverstanden, ungehört; man war, wie noch der Greis klagt, ungerecht gegen sein ihm so liebes Werk. Er selbst sucht den Grund dafür m der geistvollen Vorrede zu der neuen Winterpostille 1824. Er vergleicht das Predigen mit dem Eindeichen, das ist der Eindämmung und Kultivirung eines von den zurückgetretenen Wellen freigegebenen Marschbodens.

„Das Zurücktreten des wilden Wassers, sowie das Aufschlagen der ersten, zweiten, dritten Gattung Kräuter, das ist ein Werk Gottes, Gottes allein; aber einen Damm schlagen vor solchem Lande und dasselbige weiter bearbeiten, daß es auch Korn trägt, das hat Gott den Menschen zugewiesen, wozu sie sprechen nach ihrem Kirchengebete: Behüte Deiche und Dämme in den Marschländern.“ Und nun sagt er, er habe wohl in den christologischen Reden zu früh gedeicht. Die neuen Postillen sollen zwischen den alten und den christologischen Predigten die Mitte halten und zwar so, daß die Winterpostille mit ihren Festpredigten mehr den letztern, die Sommerpostille den ersteren sich nähere. In dieser Sammlung redet Harms in dem Tone, den er von da an inne gehalten hat, als der biblisch und kirchlich gläubige Prediger: „Den ich nicht unter dem Kreuze taufen kann, zu einem Christen machen kann, den begehr‘ ich nicht, der bleibe, was er ist, bis Gottes Barmherzigkeit durch einen Andern ihn zu anderer Zeit anfasset, ich aber will keinen Ruhm an ihm haben.“ Eine besondere Zierde dieser Postille sind die Passionspredigten. Sie werden in derjenigen für den Sonntag Estomihi durch sechs Rathschläge zu einer gesegneten Beschäftigung mit dem Leiden Christi eingeleitet, indem dann diese sechs Theile die Hauptsätze der folgenden sechs Predigten bilden. Eben so eng ist der Ostermorgen an den Charfreitag geschlossen: „Sterben wir mit.“ ruft er an diesem, „so leben wir mit,“ fährt er an jenem fort.

Wo wir nun auch diese reichen Predigtsammlungen aufschlagen, so ergreift uns die ächteste Volksthümlichkeit, die reinste und edelste. „Dem Volke aus dem Munde und aus dem Herzen“ ist Alles geredet. Man fühlt, daß das, was man liest, auch wirklich gefühlt worden ist. Wie sehr er das Weinen auf der Kanzel tadelt, er mag doch auch den Prediger nicht, der nie eine Thräne hat er ist ja Mensch, Gatte, Vater – und darum hat er ein Recht auf eine Manneszähre. Sein frommes Wort:

„Laß immerhin die Vorzüge Deines Herzens die Gaben Deines Geistes verdunkeln“ war ihm selbst eine Richtschnur. Wie beweist oft ein einziger Satz, daß er aus reichster Erfahrung redet und des Herzens geheimste Falten kennt, so wenn er sagt: „Thränen, die ohne Tröster fließen, sind scharf und zehren am Mark des Lebens, werden sich selber leicht eine Lust und eine Nahrung für den geheimen Stolz.“ Heimisch war er unter seinem Volke, weil er es in seinem Hause und seinem Herzen war und dort war er es, weil er mit seinem ganzen Leben in seinem Erlöser wurzelte. Er bekannte in und mit seinen Predigten: „mit mir und meinem Leben ist’s Nichts auf dieser Erd‘, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe werth.“ Darum sprach er nicht über die Bibel, aber aus der Bibel, die den Hauptgegenstand aller seiner Arbeiten abgab. „Nie aus dem Herzen, selten aus den Händen Kam Dir dies Wort, um Allen d’raus zu spenden“ ist zu ihm gesagt worden. Und darin lag der Zauber seiner Persönlichkeit, wie seiner Rede, daß er als Christ natürlich war, daß die Bibelsprache, „die Sprache, wie sie in der Residenz am Hofe gesprochen wird, an unseres Königs Hofe, von seinen ersten Amtsleuten, den heiligen Aposteln“ eben seine Haussprache war, also daß ein Jeder, der ihn hörte, gleich wußte, wo er herkam. O, das ist ein großer Unterschied, ob Jemandem die fromme Rede als ein Staatskleid oder als ein Hauskleid sitze, ob wir Beter sind im Kämmerlein oder vor den Leuten. Ebendarum wiederum, weil bei ihm Alles Natur und die Natur schön war, weil man bei ihm die Sicherheit hatte, nirgends von dem rechten Grunde weggeführt zu werden, haben ihm auch die kirchlichen Behörden wie die Gemeinde selbst eine Freiheit zugestanden, die sie sonst wohl Wenigen erlauben würden. Er nahm sich diese Freiheit zunächst in Rücksicht auf seine Texte; nicht nur nämlich band er sich nicht an die stehenden Schriftabschnitte, Perikopen, sondern er bediente sich auch der freien Texte, wie sie eben seinem Zwecke entsprachen. Erntefestpredigten mit vier Texten. Bisweilen ersetzt ihm gar ein Lied den biblischen Text, so am Sonntag Rogate, wo die ersten Zeilen der sechs Verse eines Liedes die sechs Theile bilden:

  1. Je bitter Kreuz, je früher Buße;
  2. je heißer Gluth, je reiner Herz;
  3. je länger Kampf, je mehr Vertrauen;
  4. je falscher Glück, je treuer Freund;
  5. je schwerer Last, je leichter Beten;
  6. je fremder Welt, je näher Himmel.

Endlich fehlt es bei ihm, wie bekannt ist, nicht an Predigten ohne jeden Text. Schon nicht ohne Bedenken werden wir bleiben, wenn er am stillen Freitag sagt: „Ich habe kein Evangelium, denn das heißt eine fröhliche Botschaft; ich habe keinen Text als die große Begebenheit, über welche die Christenheit an diesem Tage trauert: Jesus ist gestorben. Wenn die ferne Vergangenheit Eure Theilnahme schwächt, so will ich den Vorgang Euch näher führen; wenn es Euch wenig kümmert, da Ihr Euren Tod erst in der fernen Zukunft erwartet, so will ich die Zukunft herbeiziehen, daß sie gegenwärtig werde, und Euch im Leben den Tod zeigen: Ihr selber seid ein fallend Laub, und was Ihr thut, zerfällt in Staub und was Ihr habt, ist Todesraub.“ Noch gewagter erscheint es uns, wenn er am achtzehnten Trinitatis anhebt: „Es redet Gott so laut, so oft zu uns Menschen: o daß wir doch immer horten und andächtig wären. Dreifach ist die Rede des Herrn,“ wenn er darauf die Sprache der Bibel, des Gewissens und der Werke Gottes einfach neben einander stellt, und nun die letztem reden läßt, indem er den Herbst betrachtet als einen Prediger der Vergänglichkeit; Treiber zu Fleiß und Arbeit; Ernährer für das ganze Jahr und frommer Menschen Dankaltar, als Gotteswerk zu Ruh und Frieden: dort ist uns ein neuer, ein ewiger Frühling beschieden.

Er hat aber auch Predigten gehalten, bei denen er es als selbstverständlich ansah, daß sie keinen Text hatten. Und wir müssen bekennen, daß wir sie aus seinem Munde und Herzen gern hinnehmen und uns an einzelnen derselben in hohem Grade erbauend aber nur aus seinem Munde.

Nicht mindere Freiheit nahm er sich in der Form und in der Anordnung. Seine Rede über das Evangelium vom reichen Manne am Ersten Trinitatis ist fast durchweg auch in dichterischer Sprache gehalten; die zweite Neujahrspredigt über die beständige Jugend oder das höhere Leben, das mit den Jahren wohl zu-, aber nicht abnimmt, verschmäht eine Anspielung auf den alten griechischen Dichter Homer nicht. Es ist freilich eine prächtige Rose aus dem Garten Griechenlands, die er da auf den christlichen Boden verpflanzt.[iv] Noch weiter geht eine Stillfreitagspredigt, welche Dichter, Schriftsteller und Helden des alten Griechenland und Rom anführt. Ebenso erlaubt er sich manches in Rücksicht der Eintheilung und als er einen verdeckten Angriff wegen einer zwölftheiligen Predigt über die Menschenfurcht erfuhr, antwortete er damit, daß er diese Disposition veröffentlichte, mit der Erklärung: „Nachdenken und Erfahrung haben mich überzeugt, daß nach Beschaffenheit des Textes und Themas mehrtheilige Predigten nicht allein zulässig, sondern erforderlich und zweckmäßig, die Theile selbst auch, wenn Sorgfalt auf den Ausdruck gewendet ist, behaltbar seien. Die zwölf Theile waren:

  1. Sie wendet Gott den Rücken zu
  2. und fällt vor Menschen auf die Knie,
  3. ist ein Werkzeug für jeden Bösen,
  4. ein Schloß auf den Mund, daß er die Wahrheit nicht sagt,
  5. und eine Fessel an der Hand, daß sie das Rechte nicht thut.
  6. Dafür wird sie in ihrem Hause verachtet,
  7. verspottet auf der Gasse
  8. und in der Noth verlassen von ihren falschen Freunden.
  9. Ach, dann wandelt sie sich in Mißtrauen gegen Jedermann,
  10. wird ihre eigne Quälerin Tag und Nacht,
  11. sieht von der Erde sich ausgestoßen
  12. und der Himmel nimmt sie nicht an.

In ganz gleicher Weise stellte er zur Zeit der Theurung den Würgengel im bürgerlichen Leben, den Wucher, an den Pranger:

  1. Er geht meistens in vornehmer Kleidung umher
  2. und hat Freunde unter den Großen;
  3. schlechte Zeit ist seine beste Zeit.
  4. Er sieht scharf
  5. und hört schwer.
  6. Der Geiz ist seine Plage;
  7. er schärft das Messer und redet freundlich dazu.
  8. Der Betrug ist sein Knecht.
  9. Mitleid und Thränen kennt sein Herz nicht,
  10. das Freude nur hat an Gewinn und Raub.
  11. Aber er zittert und bebt, wenn es heißt: laß fahren,
  12. der Richter ruft.

Dagegen läßt er andre Male wieder alle Kunst zurücktreten und nur das Schriftwort reden. So in der mit einer eindringlichen Mahnung an die Studirenden schließenden Bußtagspredigt über 2 Kor. 5, 20: „Dieser Text hat Christum und Christi Tod reichlich, stark, daraus wir jetzt unter Gottes Beistand eine Predigt bauen wollen, welche bestehe in einer Erwägung der gebrachten Botschaft: Laßt Euch versöhnen mit Gott, in einer Erinnerung an den, von welchem sie kommt, in einer Würdigung derer, durch welche sie gebracht wird.“

Die beigebrachten Beispiele genügen zugleich, um an die Mannigfaltigkeit der Predigten und an den seltenen und hohen Freimuth des Redners glauben zu lassen. Also mag von ihm in hohem Grade das Wort des Grafen v. Platen gelten, das in’s Christliche übertragen lautet:

Wen Gott der Herr zum Dichter schuf, den lehrt er auch zu paaren
Das Schöne mit dem Nützlichen, das Neue mit dem Wahren,
Dem leiht er Phantasie und Witz in üppigster Verbindung
Und einen quellenreichen Strom unendlicher Erfindung.
Ihm dient, was hoch und niedrig ist, das Nächste wie das Fernste.

Zweierlei muß noch gerühmt werden, damit das Bild von dem Prediger Harms vollendet werde, zuerst seine Treue, sein Fleiß. Er war, was er verlangte, daß jeder Prediger sei, seiner Herkunft nach, was Timotheus war, nach Ap. Gesch. 16 eines jüdischen Weibes und eines griechischen Vaters Sohn. Unermüdlich hat er gelernt, Jahre lang, wie Wochen lang einzelne Gedanken in sich bewegt, was ihn nach Form und Inhalt ansprach, gesammelt. Wenn er dann an die Erfindung der einzelnen Predigt ging, so galt ihm als erster Grundsatz: wolle mit jeder Rede etwas Bestimmtes erreichen und bei der Ausarbeitung, die stets schriftlich geschehen ist, leitete ihn das Wort des Kirchenvaters Chrysostomus: „Arbeite Deine Predigten so aus, daß sie Gott gefallen.“ Darum konnte es ihm auch nicht begegnen, was jenem Prediger, von dem er „brüdend“ erzählt, daß ein alter Bauer, da er aus der Kirche kam, ihm sagte: „Singe dem Herrn ein neues Lied.“ Ist seine eigene Erscheinung nicht mächtig genug, uns Jüngere zur Nacheiferung zu erwecken, so komme seine Ermahnung uns zu Hülfe, in jedem Falle, wo wir schwach oder träge werden wollen, uns zu fragen: Rechtfertigt mich das vor Gott, weshalb ich heute untreu sein will?

Der andere Zug – der Leser muß ihn schon lange selbst aus dem lieben Angesicht gelesen haben – ist die Freudigkeit, mit der er das Wort Gottes spendete. Höret ihn selbst, wie er seine schöne Predigt: „Sei was Du bist, sei Mensch, sei Bürger, sei Christ“ beginnt:

„Willkommen, selige Stunde! Mit Deiner Last und Furcht bist Du von allen, die ich lebe, immer die schönste und seligste noch. Du führest mich wieder zu der lieben Gemeinde, zu Brüdern und Schwestern hin, vor ihnen von ewigen Dingen zu reden, Du schließest das Herz mir auf, das gerne mittheilt seine Gottesgedanken und in der Einsamkeit Niemand findet als Gott, der auch ungesprochen sie hört – ach, es ist beides, schaurig und lieblich, vor Gott zu denken! – wo keine menschliche Seele ist, die es wünschet und dankt, zu hören meines Herzens Bewegungen. Hier seid Ihr und darum hier, sie zu hören. O, selige Stunde! Nehmt, was ich habe, an. Theure, wundersam füllt Geben das Herz und je mehr ich mittheile, je reicher wird‘ ich. Ist es mir auch oft, als hätte jede Wahrheit, die ich denke daheim, hier erst, zu Euch geredet, ihr Leben und ihre Kraft, als wäre vorher sie mir selber fremd und noch nicht mein eigen gewesen. O glückliches Amt, das mir verstattet, nein das mir auflegt, für meine Seele ganz zu leben, indem ich für eure Seelen sorge, und was Anderen ihr weltlicher Beruf zu Zeiten nur einräumt, dasselbe unausgesetzt zu thun, immer forschen, immer sinnen, immer reden und beten. Gott, Du Lenker meines Schicksales, ich wüßte doch keinen Platz in der ganzen Welt, wo ich lieber stünde als auf der Kanzel.“

Fünfzehntes Kapitel. – Harms, der Priester.

 Fasse ich noch einmal das zusammen, wodurch Harms geschickt wurde, die evangelische Predigt ihrem Ziele, daß sie der altapostolischen wieder an heiliger Kraft gleiche, ein so mächtiges Stück entgegenzuführen, so sage ich: Harms war ein Priester. Es war eine Lieblingsidee von ihm, das Priesterthum der evangelischen Geistlichkeit wieder hervorzuheben. Lange hatte man es den Römisch – Katholischen geglaubt und nachgesagt, ja sich dessen gerühmt, daß die evangelische Kirche keine Priester habe. Man dachte dabei vorzüglich daran, daß wir das Meßopfer nicht feiern und daß bei uns der geistliche Stand kein über dem Christenvolke stehender sein solle, daß er nicht herrschen dürfe über unsern Glauben, sondern nur Theil nehme an unserer Freude, daß Einer unser Meister sei, wir aber alle Brüder.

Das sind heilige, herrliche Wahrheiten und wehe unserer evangelischen Christenheit, gelänge es, sie vergessen zu machen; das hat Niemand weniger gewollt als Harms. Wohl aber hat er dag im Sinne gehabt, daß derselbe Mensch nicht zu allen Stunden derselbe sei, daß heilige Zeiten, heilige Orte, heilige Werke ihn über sich selber erheben können, daß er – jeder Christ – Augenblicke haben müsse, wo er nicht sich selbst angehöre, wo er in höherer Gewalt stehe. Was nun zeitweilig jedem einfachen Christen geschehe, das, verlangte er, müsse in einem besonderen Maße, in besonderer Kraft der Geistliche an sich erfahren. Der heilige Dienst müsse ihn heiligen, wie für das ganze Leben, so vorzüglich für die Verrichtungen seines Amtes. Und wie es am Festtage, in der Kirche ein Etwas gebe, was kein Auge sehe, kein Ohr vernehme, was in keines Menschen Sinn komme und doch Alle ergreife und segne, so müsse auch dem predigenden, dem betenden, dem weihenden Geistlichen eine Würde inwohnen, vermöge deren man in ihm eben dabei nicht den gewöhnlichen Mann, in seiner Verrichtung nicht menschliches Thun sehe. Diese Würde ist eine ihm gegebene, aber auch, was eben so nothwendig zu ihr gehört, eine von ihm geglaubte, gewollte und darum eine der Gemeinde wahrnehmbare, auf sie wirkende. Diese nun macht den Geistlichen zum Priester. Und die Gemeinde hat einen zwiefachen Segen, wenn sie Priester bat, denn der Prediger mag sich des Stolzes kaum erwehren, der Priester kann nicht stolz sein; er weiß ja, daß er nur aus der Fülle seines Heilandes Gnade um Gnade empfängt; und wie wird er sich bewahren, die Hand rein halten, die nach dem Heiligthum langen, das Gemüth keusch, dem sich sein Gott bezeugen, den Mund unentweiht, durch den Gottes Wort gehen soll. So muß diese Vorstellung auf alle Amtshandlungen, wie auf die innere und äußere Lebensführung des Geistlichen einen tief ein- und durchdringenden Einfluß gewinnen, natürlich ohne daß sie ihn aus dem Kreise der Brüder und Schwestern heraushebe und seine Theilnahme an ihren Freuden und Leiden ertödte.

Von dem Priester des Alten Bundes lesen wir, daß er erst in das Heilige und Allerheiligste einging und dann hervortrat, sein Volk zu segnen. Eben dieses werden wir denn auch bei den des Neuen Bundes zu suchen haben: erst eine stille Einkehr in das verborgenste Heiligthum des Gemüthes, ein Schöpfen aus dem heiligen Quell und dann ein nach Außen gerichtetes heiliges Thun. Nach beiden Seiten hin ist Harms zu betrachten.

Du schöpftest aus dem Quell er schöpfet nimmer.
Im Schöpfen fandest Du ihn reicher immer;
Du hast den Schatz, der im Gebrauch sich mehrt;
Er rostet nicht, ihn fressen keine Motten,
Es mochten Lästrer lästern, Spötter spotten.
Du warst zum Frieden reich, zum Kampf bewehrt.

So zeugten die Glieder seiner Gemeinde von ihm. Wie gern und wie eifrig er sich an der Heiligen Schrift in ernster Forschung erfrischte und erbaute, ist bereits gesagt worden. Aber er ging noch weiter; er hatte bei aller seiner Thätigkeit und Betriebsamkeit jenen Zug nach Sammlung, nach stiller Zurückgezogenheit in sich gewahrt, den wir schon in Meldorf bei ihm kennen lernten. Allerdings hatte er in spätern Mannesjahren einmal eine ernste Weisung empfangen, aber die Art, wie er sie aufnahm, der Gebrauch, den er von ihr machte, zeigt, wie wenig er ihrer wirklich bedurfte. Als er nämlich einem Quäker, der ihn besuchte, ein Bild von seiner Arbeit gab, die Fälle aufzählte, in denen er in den letzten Tagen Rath ertheilt hatte, da beklagte ihn dieser und rief! „Du armer Mann, Du redest ja immer, wann hörst Du denn? Du bist ja immer im Verkehr, wann bist Du denn allein?“

Wie über alle die Dinge, die ihn lebhafter beschäftigten, hat er sich auch über die stille Selbsterbauung des Priesters in einem Aufsatze geäußert, dem er die Überschrift „die geistlichen Zurückzöge“ gab., Wie die römisch-katholische Einrichtung der geistlichen Hebungen von allein römischen Wesen befreit in protestantischer Weise in unsere Kirche herüber genommen werden könnte, war ihm selbst nicht recht klar. Daß unsere geistlichen Zurückzüge eine ganz andere Art haben müßten, nahm er als selbstverständlich an, während es ihm doch scheinen wollte, als bedürften wir ihrer fast noch nöthiger. Was er wünschte, war ein mehrwöchentlicher Urlaub, eine Entbindung von allen Amtsgeschäften, verbunden mit einer Trennung von Weib und Kind. Diese Zeit sollte nun der Geistliche, der fortwährend ausgeben muß, nützen, um zu empfangen, zum Theil betend und sinnend, zum Theil aus angemessenen Schriften ohne Störung neue Erleuchtung suchend, zum Theil im ernstesten Gespräch mit gleichgestimmten Amtsbrüdern.

Als eine Einrichtung der Kirche wird etwas Derartiges nicht eingeführt werden können, noch dürfen; aber für den Einzelnen liegen beherzigenswerthe Winke in den Worten unseres Priesters, die zugleich als ein Widerhall seiner Seelenstimmung uns wichtig sind.

„Es ergibt sich nur an Gott, wer die Bande zerreißt, die ihn von Gott entfernt halten, wer sich los, frei macht. Das thun wir nicht, liebe Brüder, wir machen uns nicht frei, wenn wir in der Welt, in unserem Hause, bei unseren Geschäften bleiben. Bald, daß es uns gar nicht einfällt, es zu thun, bald, daß wir zu schnell damit fertig sind, -^ die feineren Bande sind gar nicht wahrgenommen, – bald daß wir diese Bande nicht weit genug wegwerfen und sie schlingen sich sofort wieder um unsere Seele, wie um den Baum der nahe Epheu oder in einem andern Bilde, wie die auf dem Acker liegen gebliebenen Quecken sich wieder einwurzeln. Da weiß ich in der That kein besseres Hülfsmittel anzugeben, als: recht lange in der Einsamkeit weilen und mit einem Messer Alles abschneiden, was an die Welt uns bindet, d. h. wie weit wir selber verweltlicht sind, was an uns selbst uns bindet, darnach wir sagen können: HErr, hier bin ich, o nimm mich! und was uns noch mangelt am Freisein, darüber sprechen und beten wie Nikolaus von der Flüe: Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir. Eingeräumt willigst, die Einsamkeit thut solche große Dinge allein nicht.“ „Aber was wir in unsere Einsamkeit mit hineinnehmen, ist ein anderes, wir betreten sie ja als ein Heiligthum und unter dem Vorsatz, Heilger wieder aus ihr hervorzugehn. Uns wird sie den Dienst unfehlbar leisten.“ Er bekennt allerdings, daß er selbst in solchem Zurückzuge noch geringe oder keine Erfahrung habe, desto reicher hatte er sie im Gebete selber. Das schlagendste Zeugniß dafür gibt seine immer wiederkehrende Klage.: „Wir liegen viel zu wenig auf den Knieen,“ sein Ruf: „Ihr habet nicht, darum, daß Ihr nicht bittet.“ Im Gebete hat er die Kraft zu den Mühsalen und Entbehrungen gefunden, welche ihm den Weg zu seinem Amte bahnten, erbetet hat er sich die Feuerkraft seiner Rede, erbetet die Geduld zu seiner vielseitigen seelsorgerlichen Thätigkeit, erbetet endlich den Muth zu den Kämpfen und Leiden, von denen seine Mannesjahre und seine Greisenjahre durchzogen waren. Rührend ist die Beschreibung, die sein Schüler Baumgarten davon gibt, wie der Greis, bereits erblindet, sich nach Dithmarschen fahren ließ und dort in seiner Heimath Michaelisdonn, an einen Lieblingsort geleitet, mit seinem Gott allein zu sein begehrte. Begleiten wir nun den Priester zu seinem heiligen Dienste.

Gründliche Bekanntschaft mit den alten Formularen, diesen Schätzen unserer Kirche, verband sich ihm mit der Freiheit, die auch aus den Reichthümern des eignen Geistes schöpft.

Viel hat er dazu gethan, die Taufe wieder in Ehre und Ansehn zu bringen, mächtig hat er die Pathen angefaßt, daß sie mit recht innigem Gebet das gegenwärtige heilige Werk unterstützten, aber gewaltiger hat er alle Gemüther ergriffen und zu der höchsten Andacht emporgehoben, wenn er um die Osterzeit die Kinder weihete und segnete. Das war ihm ein theures Amt; mit der unermüdlichsten Treue hat er sein gewartet von dem ersten Amtsantritt in Lunden an bis zu der Zeit, wo der hochbetagte Mann in Kiel Söhne und Töchter derer einsegnen durfte, die er selbst dem Herrn zugeführt hatte. Um die Zeit, wo der vorbereitende Unterricht begann, sprach er nach dem Fürbittengebet zur Gemeinde: „Bringen wir, Geliebte in dem HErrn, nach diesem Allgemeinen ein Besonderes zum Gebet, eine besonders wichtige Angelegenheit der ganzen Gemeinde. Da nämlich in dieser Woche die Vorbereitung der Confirmanden ihren Anfang nimmt, so müssen wir uns schuldig achten, auch nach dem Vorgange des christlichen Alterthums um der Jugend willen und um des Heilandes willen und um seiner Kirche willen ihrethalben ein Gebet zu thun. Der Du, o Gott, , in dem weissagenden Psalmenwort Deinem Sohne zugesagt hast, daß ihm sollten Kinder geboren werden, wie Thau aus der Morgenröthe und hast im geheiligten Wort den Gottesfürchtigen darum gelobet, daß er auch seine Kinder unter das Dach der Weisheit brächte und in deren Laube, da sie beschirmt wären, in solcher herrlichen Wohnung: siehe nun die Seelsorger dieser Gemeinde wieder bereit stehen, ihres Theils nach ihrem Amt zu dienen, damit solches geschehen möge, so bitten wir in der Gemeinde, o Gott, um Deinen Beistand von Oben her zu dem Werke, so wichtig, daß auch an keinem mehr als an diesem gelegen sein kann. Wir bitten Dich, Du wollest den Lehrern das rechte eindringliche Wort auf die Lippen legen, so oft sie unter die Kinder treten, wollest sie vor allem Irrthum in der Lehre des Heils bewahren, und in ihren Seelen den heiligen Ernst dieser Arbeit behüten von der ersten bis zur letzten Stunde. Wir bitten um Deinen Beistand Dich für die Jugend selber. Schleuß Du während der heiligen Zeit die ganze Welt vor ihnen ab, aber die Thüren des Himmelreichs, das da ist das Reich Deines lieben Sohnes, lasse vor ihren Augen aufgehn, daß sie schauen die Freud‘ und den Frieden und die Herrlichkeit in demselbigen, auch nicht scheuen, dieses theuren Groschens halber, was sie dafür in dieser Welt an Last und Hitze zu tragen haben. Es müsse ihnen oft widerfahren, auf dem Wege dieser Wochen, daß ihr Herz in ihnen brennt bei Eröffnung der Heiligen Schrift unter der Rede auf dem Wege, die Du machest, o Jesu, zu Deiner Rede mit ihnen. Auch die Eltern der Confirmanden und Alle, die ihnen nahe stehen, erfülle mit dem Geiste eines schönen Einverständnisses, daß alle mit ihrem Sohn, mit ihrer Tochter in dieser Zeit mögen eben denselben Weg gehen, den die Lehrer und diesen helfen an ihrem Theile wegräumen, Grund legen, und aufbauen und schmücken den Gottestempel in ihnen, der sie nach Leib und Seel‘ zu werden, o Gott Vater, von Dir erschaffen sind, o Gott Sohn, von Dir erlöset sind, o Gott heiliger Geist, von Dir geheiligt sind.“ Nun begann der Unterricht, eine selige Herzensgemeinschaft; endlich der Weiheakt. Da wurde nicht gesprochen, als habe der Geistliche Alles allein, Eltern und Lehrer nichts gethan; nicht als heilige Engel wurden die Kinder dargestellt, noch ihnen bange gemacht vor einer gar zu schwarz gezeichneten Welt; das heilige Gelübde ward nicht schaurig gemacht oder zum Eide erhoben, auch die Taufe nicht herabgesetzt, als sei sie unvollständig gewesen und bedürfe nun einer Ergänzung, oder als müsse sie erneuert werden, weil sie an ihrer Kraft verloren habe; am allerwenigsten aber durfte das Christliche hinter dem Menschlichen zurücktreten. Und eben weil diese Rührmittel verschmäht wurden, wirkte seine Einsegnung so tief, daß wer ihr einmal beigewohnt, den Eindruck nie wieder verlor.

Wer solchergestalt Seelen zu gewinnen weiß, dem ist auch die Kraft gegeben, sie zu erhalten. Dazu wußte sich Harms des Beichtstuhles meisterhaft zu bedienen. Er hielt Privatbeichte, d. h. nicht eine einzige allgemeine Ansprache an eine große bunt zusammengesetzte Versammlung, sondern er ließ immer nur wenige Beichtkinder auf einmal vor sich in die Sakristei treten. Nun war er insofern vorbereitet, als ihm ein Blatt, auf welches er sich Bibelsprüche, Liederverse, Sinnsprüche, christliche Wahrheiten aufgezeichnet hatte, zur Seite lag. Damit ging er in Gottes Namen aus, erwartend, daß der Geist ihm aus einer solchen Blume ein Blumenbeet mache. Und der Geist kam: sein Wort tödtete und belebte; die Stunde, wo er vor seinem Beichtstuhl gestanden, ist für mehr als einen Christen, ist für Hunderte, vielleicht für Tausende diejenige geworden, welche über ihr inneres Leben entschied. Ueberschlage Jemand, was für das Reich Gottes gewonnen wird, wo eine Universitätsstadt einen solchen Beichtvater hat.

Bei der Austheilung des Abendmahls bekannte er seinen lutherischen Glauben an die Gegenwart Christi in seinem Sakrament, ohne just die stehende Formel zu nehmen:

„Der wahre Leib, das wahre Blut habe ich mir seit Jahren schon verstattet wegzulassen, allein ich habe es dabei nicht können bewenden lassen. Man soll doch selber auch in Aufmerksamkeit auf die Handlung, selber doch auch in Andacht bleiben, aber wer ist das im Stande, wenn man zwei, dreihundertmal dieselbige Formel spricht? Deswegen nenne ich blos die zwei großen Substantiva vor einem Jeden und sage theils nach meinen Gedanken, theils in Angemessenheit zu der Person ein andres kurzes Wort: Ja, das ist der Leib, das ist das Blut wird von mir gesagt unter der Freude des Communikanten, wie sie mir mehr als Einer zu erkennen gegeben hat, der in seinen Jahren die alte darreichende Formel hatte verschwinden sehn. Nun wissen wir doch wieder, was wir bekommen.“ Nach der Weihung vor und zu dem Genüsse sprach er in Lunden:

„Ein reicher wundervoller Tisch,
Der so viel gibt in der geringen sichtbaren Gabe,
Der Allen dasselbe gibt und doch
Jedem nach seiner besondern Nothdurft,
Der nicht leer wird, wenn auch die ganze Welt um ihn steht.
Ach, daß sie um ihn stände!
O, Jesus Christus, Gottes Sohn,
Den Tisch hast Du bereitet,
Daß Deine Gläubigen hätten
Erlösung immerdar von allem Uebel.
Wenn sonst in der weiten Welt nicht,
Ist am Altar doch Ruh und Frieden.
Wenn sonst an keines Menschen Busen,
Ist doch bei Jesu treue Liebe.
Wohl bist du fern,
Doch auch so nah!
Bist ungesehn,
Doch wohlbekannt!
Bist unser Gott und – Bruder.
Du rufst uns freundlich zu:
Kommt fallt in meine Arme,
Sinkt an mein Herz!“

Wir wollen nicht mehr den Priester Harms, wie er an den Traualtären, den Sterbebetten und den offenen Gräbern stand, näher vorführen, sondern nur noch das Gebet mittheilen, womit er am 23. November 1836 die Einweihung des neuen Kirchhofes in Kiel schloß. Ich glaube, meine Leser danken mir es, wie ich überhaupt hoffe, daß sie den theuern Mann lieber aus seinen eignen Worten, als aus den meinigen kennen lernen: „O Gott, mache den Gang hinunter, mach‘ unser Sterben leicht. Wenn hierher kommt, seine Gattin zu begraben oder Sohn oder Tochter, ihm lieb gewesen, als er sie hatte und hat sie nun nicht mehr, er blickt in die Gruft hinein, er blickt in den Himmel hinauf: von deinem Himmel herab träufe du Trost in sein Herz, auf seinen Schmerz, daß er weggeht und will ergeben sein. Wenn ein Sohn hier steht an seines Vaters, an seiner Mutter Gruft, und werfen sie Erd‘ auf ihn, auf sie, und er konnte doch nicht entrathen, sag’s, lieber himmlischer Vater, in das verzagte Herz hinein, du lebtest noch und wollest rathen, wollest sein Vater sein. Noch einmal, wenn ein Sohn hier Vater oder Mutter begräbt und muß sich sagen, er wäre mir noch ein behaltner Vater, sie wäre mir eine behaltne Mutter noch, wenn ich nicht -, und er bereut, wie er gewesen, was er gethan, so nimm seine Reue an! er nähme gern den Todten lebendig wieder mit und vergälte den Kummer mit doppelter Freude, es ist zu spät, o Gott, sage dem Unglücklichen dann, daß bei dir Vergebung sei und seine Abbitte wollest du seine Eltern dort hören machen zu einem frohen Wiedersehn, wann er nachkommt. Wenn hier stehen um Jemandes Gruft, welche den, der darin liegt, gehasset haben, da sie noch mit ihm auf dem Wege waren, und haben sich nicht mit ihm versöhnet, jetzt gäben sie ihm gern die Hand, aber die nehmende Hand ist kalt und steif, o Gotteshand, schlage du sanft und nicht hart, hilf den bekümmerten Gemüthern, daß sie den Feind im Leben sich denken lernen als Freund im Tode, dort als gewonnenen Freund wieder. Wir bitten dich, o Gott, so oft hier kommen wird, zur Begrabung, dem das Leben zu lieb ist mit seinen Freuden, wie dem es zu schwer fällt mit seinen Leiden, lehre den Einen und lehre den Andern sehn auf das Ende von Beidem, auf das bald und schnell gekommne Ende, daß dieser neuen Muth zu Ertragungen faßt und jener sich Maß setzet und setzt die Seele da hinein, wo er ewig denkt zu sein, abgekehrt von der Welt, darin seine Anschläge verloren sind, wenn er stirbt, denkend von Stund an auf Werke in Gott gethan. Sie kommen, der in des Tags Frühe, der in stiller Abendstunde (den lichten lauten Tag lieben solche Gänge ja nicht), traurende Herzen kommen, die noch lange nach des Geliebeten Weggang immer noch Umgang suchen mit ihrem Todten, der hier ruht, laß auch Ruhe finden die Suchenden und lehre sie mehr bei dem sein, der im Himmel ist, als bei dem, der im Grabe ist. Wenn hier wegzieht, wegfährt aus der Stadt, anderswo zu leben, an diesem Gottesacker vorüber, er hat die Seinen bei sich, aber alle nicht; der fehlt, die fehlt, läßt er hier zurücke; lehr‘ ihn glauben, die seien weiter weg, als er gedenkt und seien dort, wo er einmal auch hinkommt und da hätten sie sich ewig wieder. Zwar weint er dabei, doch sind es keine Schmerzen, die er ausweint. So bitte ich, ja, o lieber Gott, für mich auch, dem du annoch alle Seinen erhalten hast und ihnen mich, lehre sie und mich, wie oft Jemand von uns herkommt, ich am öftersten, fleißig an das nicht Ausbleibende denken, uns zu stärken im Voraus, wann nicht länger der Kranz unzerrissen bleibet, für dieses Leben nicht; von dort sagen wir und bleiben dabei: Unser Kranz zerreißet nicht. Aber mehr gebührt sich’s hier, daß ich meines Amtes gedenke, wie ich es auch auf diesem neuen Gottesacker zu pflegen bekomme und daß ich gedenke derer, die gleiches Amtes und Werks wie ich neben mir stehen; wie lang‘ und oft einer von uns vieren, so lang‘ und oft lasse du heilsame Lehre, Köstliches Wort, andächtiges Gebet von unseren Lippen kommen, und jeden von uns gesprochenen Segen eine gläubige Zueignung finden, wie jedes Vaterunser, so das heutige erste hier, wie jeden Segen, so den heutigen ersten hier.“

In das priesterliche Thun von Claus Harms gehört es auch, daß er sich als geistlicher Liederdichter versucht hat. Als Probe finde ein einziges Lied hier Platz. Er selbst hielt dasselbe werth. Pastor Friederici in Preetz hatte ihm, da er an einem Gesangbuch arbeitete, ermahnt: „So sorge denn dafür, daß wir ein reines Danklied empfangen! Alle unsre Gesänge enthalten mehr Bitte als Dank, damit wir doch einmal vor Gott als zufriedengestellte, zur Zeit nichts begehrende Menschen erscheinen.“

„Nun danket Alle Gott!
Dies ist ein Tag zum Danken.
Die Wolken theilten sich
Und unsre Sorgen sanken.
Gewiß, das kam vom Herrn;
Verkündiget sein Thun!
Mein Psalm, geh‘ du voran
Und lehr‘ uns danken nun.

„Nun danket Alle Gott!
Er hat uns zugemessen.
Ob’s hie und da noch fehlt,
Wird heute ganz vergessen.
Die Bitten sind verstummt.
Die Seufzer noch viel mehr.
Das frohe Herz erscheint
Mit Preis, Dank Lob und Ehr.“

„Nun danket Alle Gott
Und Keiner bleib‘ zurücke!
Ein Jedermann hat Theil
An dem erfahrnen Glücke.
Erfreute Brüder kommt
Und stellt Euch hier zuhauf.
Wir singen unsern Dank
Zu dir, o Gott, hinauf!“

„Nun danket Alle Gott!
Ihm, Gott, ihm gebt die Ehre!
Wie möcht‘ es um uns stehn,
Wenn er nicht kommen wäre?
Du bist es denn allein,
Dem unser Opfer flammt.
Wirf, Herz, dich selber drein,
Daß es noch höher flammt.“

Sechzehntes Kapitel. – Harms der Pastor,

 Pastor ist ein Hirte, Hüter nämlich und Führer der Gemeinde des HErrn oder Seelsorger. Genauer wird sich das, was hier gemeint ist, schwerlich bestimmen lassen. Es versteht sich ja ohnehin von selbst, daß solche Scheidungen im Leben kaum da sind, sondern nur erfunden werden, uns verwickelte Sachen klarer zu machen. Als Prediger redet der Geistliche das Wort Gottes in die Welt hinein, ruft oder sammelt er ein Volk des HErrn, als Priester theilt er den Segen, den er empfangen, der Gemeinde mit, als Pastor bringt er Wort und Sakrament an jede einzelne Seele und wiederum sorgt er für diese in einer sich weiterhin erstreckenden Thätigkeit, um Verirrung und Verführung fern zu halten. Aber der rechte Geistliche ist Prediger, Priester, Pastor in Einem. Und so mögen wir uns denn vorstellen, wie Harms auch in den mannigfachen Verrichtungen und Dienstleistungen, die ihn mit den einzelnen Gliedern seiner Gemeinde in Verbindung brachten oder in die Welt hinausführten, seines heiligen Amtes eingedenk blieb, und andererseits jeder auch der liebsten Beschäftigung entsagte, wenn es galt, Seelsorge zu üben. Sagte er doch selbst, wer immer mit dem Buche, und wäre es das allerbeste, daheimsäße, wäre ein schlechter Geistlicher, denn von da aus könnte er die Gemeinde Gottes nicht versorgen. Es mag deshalb gesagt werden: Ein mächtiger Prediger war Harms auf seiner Kanzel, ein würdiger Priester am Altare, ein treuer Pastor war er überall. Er faßte dies, sein Amt, das so weit geht, wie das Leben geht, im weitesten und tiefsten Sinne. So hatte er denn auch in seiner Seele das Bild eines Geistlichen, der ein Vater wäre seiner Gemeinde.

„Steht er an der rechten Stelle in ihr, so kreiset Alles um ihn, Leibliches und Geistliches und man erwartet sein Wort zu Allem in Alles.“ So war sein Verhältniß in Lunden gewesen, wo man selbst die Rechtshändel vor ihm brachte und er dem Rechte eines bedrückten Armen oder auch den bürgerlichen Angelegenheiten des Kirchspiels seine Feder lieh. Dort war er sogar auch als Arzt thätig.

Es war nämlich in Folge der Eindeichung des Kronprinzenkoogs um 1780 eine furchtbare Krankheit ausgebrochen, die sich bald über beide Dithmarschen und darüber hinaus verbreitet hatte, die dithmars’sche Krankheit genannt. Jetzt, Gott sei Dank, ist sie schon lange wieder verschwunden. Sie begann mit Heiserkeit, verlief unter Ausschlag, Geschwulst, Fäule des Gaumens, selbst des Gesichtes und endete häufig mit dem Tode. Hülfe wurde schwer gefunden und die Heilung war mehr ein überlieferter Besitz Einzelner, als eine Kunst der gelehrten Aerzte. Da nun in Lunden in Folge dieses Leidens die Zahl der Witwen und Waisen, auch der hülfsbedürftigen Krüppel, so wuchs, daß sie die ernste Sorge des Armen-Vorstandes in Anspruch nahm, so reiste auf Wunsch desselben der Diakonus Harms zu einem Prediger in Süderdithmarschen, der sich auf die Behandlung der Krankheit verstand, erlernte dieselbe und heilte nun die von ihr Betroffenen aus seinem Kirchspiel – natürlich unentgeltlich.

Zu jener allgemeineren seelsorgerlichen Thätigkeit ist auch die Schriftstellerei seiner späteren Jahre zu rechnen. Hatte er in Lunden seine Aufmerksamkeit besonders näher liegenden gemeindlichen Zuständen zugewendet, wie bereits erzählt ist, und als Dithmarsche für Dithmarschen die Feder geführt, so arbeitete er jetzt für weitere Kreise und hatte dabei bedeutenden Absichten. Es werde seines Büchleins: „Weisheit und Witz“ gedacht, das er 1850 ausgehn ließ, des „Scholiasten“ aus demselben Jahre, in welchem er die Fremdworte aus dem Sprachgebiete der Kirche und Schule mit treffender Nutzanwendung verdeutlichte und vor Allem seines „Gnomon“, d. i. Weiser. Es soll ein Volks- und Schullesebuch sein, insonderheit für die Herzogthümer Schleswig-Holstein. Für die Schulen mag es wohl ein wenig zu hoch gehen mit seinen Proben aus dem Altdeutschen u. dgl. vorzüglich auch mit der Wahl seiner Gegenstände und den Anforderungen, die es an den Ernst der Leser stellt. Aber ein Volksbuch ist es, ein prächtig Lesebuch nicht blos für Bürger und Bauersmann und sollte in den öffentlichen Büchersammlungen nicht fehlen. Buch und Schrift; die Sprache und Sprachen; Zahlen; die Kunst; Naturbetrachtungen; der Mensch; des Menschen Thun; Lebensverhältnisse; Staatsbürgerliches; Eigenthum; Recht und Rechtssachen; Welt, Leben, Regeln, Sprüche; Inländisches; Kirche und Kirchliches sind die dreizehn Abschnitte des Buches; und ich wage nicht zu sagen, welches der vorzüglichste sei. Der letzte führt durch die Religionen der Völker und ihre Schriften zur Bibel und zu Christus, erzählt von der Geschichte der Kirche, von der Reformation, hält unter den Lebensäußerungen der christlichen Liebe in unsrer Gegenwart Umschau, und führt solchergestalt durch das Land der Herrlichkeit auf Erden, zur Sehnsucht nach der ewigen Herrlichkeit. Die einzelnen Aufsätze sind zum dritten Theil von Harms, die anderen sind aus den Werken unserer besten Dichter und Schriftsteller ausgewählt. Der Gnomon wurde 1842 in 4000 Exemplaren ausgegeben; nach einem halben Jahre war eine neue Auflage nöthig, deren 5000 Exemplare ebenfalls in nicht zu langer Zeit verkauft waren. Jetzt liegt die dritte Ausgabe vor.

Unmittelbarer in das geistliche Amt griffen seine Winke und Warnungen, betreffend Angelegenheiten der Kirche, sein christlicher Wochenbettssegen und sein christlicher Rath für Hebammen; sämmtlich aus dem ersten Jahrzehend seines Wirkens in Kiel.

Um die Zeit, wo Harms von Lunden nach Kiel kam, gehörte die Sorge für die Gefangenen noch nicht zur eigentlichen Amtspflicht des Geistlichen und namentlich fehlte es, wie heute nur noch an wenigen Stellen, an geordneten Wegen, auf denen er in das Gefängniß und an die Seelen der Unglücklichen herankommen konnte. Nur, wo es zum Tode verurtheilte Verbrecher gab, wo hartnäckiges Leugnen oder andere auffallende Erscheinungen und Widersprüche in dem Wesen der Angeklagten die Richter in Verlegenheit setzte, da ersuchten diese den Seelsorger, dort, daß er den für dieses Leben Verlornen doch für jenes zu retten suche, hier, daß er das verhärtete Gemüth erschüttere oder die Räthsel in demselben entwirre und der Obrigkeit mit seinem Rathe zu Hülfe komme. Wo Harms zu solchen Gutachten aufgefordert wurde, da unterzog er sich der Mühwaltung mit gebührender Treue, besonders aber erhob er dann seine Stimme, um von dem einzelnen Verbrechen einen Strahl in das ganze weite Reich der Finsterniß fallen zu lassen, aus welchem die Verbrechen, als aus ihrer Heimath, immer zahlreicher hervorbrechen und den Zusammenhang zwischen dem wachsenden Verderben des Volkes und dem sich immer weiter verbreitenden Unglauben desselben aufzudecken.

„Entweder nun bei jedem Dorf einen Galgen, daran die Missethäter baumeln, bis die Sonne sie herunter scheint, denn das wird Noth; oder auch in jedem Dorf eine Schule, da Gottes Wort als Gottes Wort und nicht als Menschenwort gelehret wird, da man die heiligen zehn Gebote Gottes einprägt als Gottes Gebote und nicht als Vorschriften des Gewissens sie aufstellt, denn das Gewissen ist eine leere Tafel, auf die ein Jeder schreibt, was er will und wieder auslöscht, was er früher geschrieben hat, so oft der Hahn anders kräht. Noch begnügt man sich, das sechste, siebente, achte Gebot, wie Nichts zu übertreten, Häuser anzustecken und falsche Eide zu schwören; es lecke der Löw‘ aber nur etwas mehr Blut, so wird er das fünfte Gebot so wenig als die andern achten und die Brutusthaten werden sich zurufen aus jedem Kirchspiele.“ Die beste Sorge, welche der Geistliche den Verirrten zuwenden kann, ist wohl die, darauf zu achten, daß sie sich zurückwenden, noch ehe sie die leise Gränze, die den Strauchelnden von dem Gefallenen trennt, überschritten haben. Und hier wiederum finden wir unsern Pastor Harms auf seinem Platze: „Ob nicht Mancher ein verlorner Sohn geworden sein mag, der es nicht geworden wäre, Mancher in’s Zuchthaus gekommen ist oder auf dem Richtplatz geendet hat, der seiner Familie Ehre und seinem Prediger Freude gemacht hätte, wenn sein Prediger sich mehr und früher seiner angenommen hätte?“ So ruft er seinen Schülern zu und fügt feierlich bei: „Es falle dies Wort auf Ihre Seele als ein Gotteswort.“ Sein Mittel, zur rechten Zeit beizuspringen ist die einfache Hirtenregel: Zähle dir die Deinen. Fehlt dann Einer in der Kirche, der vordem keinen Sonntag versäumte, so hast du für ihn zu fürchten. Da mußt du ihm nachgehen und fest glauben, noch könne er zu retten sein.

In nächster Verwandtschaft mit der Verirrung und Verwirrung des Herzens, daraus das Verbrechen und das Laster sich erzeugen, steht die des Geistes, welche durch Schwermuth in Wahnsinn führt. Freilich, andre sind die Ursachen; oft sind es es körperliche. Aber zweierlei haben diese beiden furchtbaren Störungen mit einander gemein. Beide: Verbrechen, wie Wahnsinn kommen nur selten mit einem Male; gewöhnlich sind lange, oft furchtbare innere Kämpfe vorangegangen, ehe die Macht der Finsterniß den Sieg gewann. Die Linie zwischen der Gesundheit und der Krankheit ist nur dem geübtesten Auge erkennbar und oft hat letztere schon furchtbare Fortschritte gemacht, während das Auge der Welt den Leidenden noch für gesund hält. Das Andre,‘ worin sich die Beiden gleichen, ist dieses, daß sie weit öfter heilbar sind und im Glauben an den lebendigen Gott, wenn die Hülfe zur rechten Zeit kam, öfter geheilt worden sind, als gewöhnlich geglaubt wird. Eigene Leidenserfahrung, Liebe zu seinem Erlöser, aber auch eine angeborne Neigung machten unsern Mann ganz besonders geneigt und geschickt, auf diesem Gebiete, das so Vielen völlig verschlossen liegt, zu arbeiten. Ja, er sprach offen aus, daß,‘ wenn er in seinem Pfarramt nicht so sehr glücklich wäre, er wünschen würde, Irrenarzt zu sein. Aus seinem vielfachen gesegneten Verkehre mit Geisteskranken hatte er sich eine gründliche Vertrautheit mit diesem Leiden verschafft; deren Ergebniß faßte er in einzelne kurze Sätze zusammen und diese gab er dem Kranken als Medizin ein, indem er ihm nämlich den Rath gab, an solchem Spruche, wie an einem Stabe sich zu halten. Es sei, dies hatte er erprobt, weit sicherer, ein Wort hundert Mal zu nehmen, als mit solchen Sprüchen zu wechseln. Nehmen wir deren drei auf. Das Herz verträgt viel, eh‘ es bricht^ Es hat Mancher den Wahnsinn kommen sehen und er ist doch an ihm vorüber gegangen. Und werden Sie verrückt, so sind Sie auch während dieses Zustandes unter guten Augen und Händen, wie wir Alle es als Wiegenkinder gewesen sind. Wie es überhaupt weise ist, von diesem furchtbaren Leiden so wenig zu reden, als nur möglich, so empfahl er es besonders den Schwermüthigen selbst, von ihrem Zustande nicht mit Vielen zu sprechen. Das braucht wohl kaum gesagt zu werden, wie gleichsam als Ueberschrift über seiner Seelsorge auf diesem Felde das Wort stand: Ein gutes Christenthum ist eine gute Bewahrung vor dem Wahnsinn.

Auf einen guten Vorrath solcher Sinnsprüche, wie sie ihm dort dienten, hielt Harms überhaupt; er hatte sie auch an Kranken und Sterbebetten zur Hand und ermahnt den jungen Geistlichen, sich unter alphabetischer Ordnung eine Sammlung solcher Sprüche anzulegen; z. B.

A. Bleib‘ bei uns, Herr, denn es will Abend werden. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens die Freude.
B. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht hinfallen.
E. Endlich, endlich muß es doch mit der Noth ein Ende nehmen.
S. Den schweren Schmerz macht seine Gnade leicht, den langen kürzt sie ab.
Z. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

Er hat viel an Krankenbetten gesessen und gelernt, was eine Seele in Schmerzen, Noth und Angst trösten kann; doch war er auch hier klar und fest, zeichnete genaue Gränzen, über welche hinaus an den Geistlichen keine Forderungen gestellt werden dürften und bestritt den von ansteckenden tödtlichen Krankheiten Befallenen das Recht, den Besuch des Geistlichen, der ja Familienvater sei und der ganzen Gemeinde gehöre, zu verlangen, denn der Muth sei eine Gabe und die Einwirkungen der Phantasie aus einen geängsteten Sinn seien gefährlich. In seinem Interesse hat er das nicht geschrieben, denn er ist gegangen, wo man ihn rief, hat aber dabei freilich auch erfahren, wie der Muth erbetet werden müsse. Eine von Wasserscheu befallne Bauerfrau hatte seinen Zuspruch von Lunden aus begehrt; er konnte ihr das Sakrament nicht reichen, aber sie bat so dringend, er möge ihr die Hand geben, mit ihr beten, sie wolle ihn ja nicht beißen, daß er es that. Die Vorstellung nun von der Ansteckung dieser Krankheit, die genaue Beschreibung, welche sein Fuhrmann ihm von dem Leiden der Bäuerin gegeben, die zufällige Entdeckung einer kleinen Verwundung an der Hand, die in der ihrigen gelegen hatte, erweckten in ihm die quälende Befürchtung, er sei angesteckt. Er nahm den Arzt zu Hülse, brauchte Medizin und überwand mit Gottes Hülfe die Seelenangst, die ihm bis auf die Kanzel gefolgt war, da er fürchtete, nun unter dem Gesange, nun unter der Rede werde die Wuth ausbrechen.

Verräth uns dieser Bericht eine Schwäche des Mannes, so meine ich, verdoppelt er unsere Verehrung vor dem Pastor, der trotz vermeinter Gefahr seinen Beistand nicht versagte.

Wie er es sonst mit Besuchen hielt? Von müßigem Herumlaufen in den Häusern, dabei es selten zu einem ernsten Gespräch kommt, von einer unberufenen Einmischung in häuslichen Streit war er kein Freund. Dazu hatte er keine Zeit, und die Zeit nicht dazu. Aber wo er als Geistlicher reden konnte, oder durfte oder auch mußte, da hat er nicht gefehlt. Dem „Vollmacht“ ist ein Pferd gestohlen, das ist kein Grund zu einem Gange; dem Tagearbeiter ist seine einzige Kuh gefallen. Das ist etwas Anderes, da gehen wir gleich hin.

So sich seiner Verpflichtung und ihrer Gränzen klar bewußt, geleitet einzig von seinem Gewissen, nicht von äußerlichen Bestimmungen oder Herkommen, war er der Tröster und Nachgebet der Gemeinde geworden, in einem Maße, wie Wenige. Einmal z. B. hat er von einem Sonntag Nachmittage bis zum Nachmittage des Montages fünf Gänge allein in Ehesachen gethan und drei andre dergleichen Dinge noch auf seinem Zimmer verhandelt.

In seiner Gemeinde festgewurzelt, war er denn auch mächtig genug, ihre Theilnahme für die Reichsangelegenheiten Gottes im weiteren Sinne zu gewinnen. Und wieder sei’s gesagt: damals war das Etwas, gehörte Muth dazu. Es ist ja zum Theil sein Werk mit, daß wir Jüngeren ungestört unsere Missionsstunden u. dgl. treiben. Von ihm war es eine That, als er am Sonntage Oculi im Jahre 1821 nach der Predigt seine Gemeinde in einer warmen Ansprache für das Werk der evangelischen Mission unter den Heiden in Anspruch nahm. Er hatte lange überlegt, auch sein Recht zur Sache geprüft, denn Geistliche dürfen nicht ohne höhere Erlaubniß Toiletten sammeln; aber er bat ja nur, daß man ihm in’s Haus bringe, wozu das Herz treibe. Ein Seminarist, ein Schüler jenes Professor Müller, dem schon der Student Harms zu gläubig gewesen war, brachte die erste Gabe und es wurde dem jungen Manne recht schwer, nur Geld zu bringen. Er wäre so gern selbst in die Ferne gegangen, von der Liebe zu zeugen, die in ihm glühete. Die andern Beiträge kamen bald von allen Seiten her, aus allen Ständen, auch von auswärts. Das erste Jahr trug 200 Thlr. ein. Später bildeten sich in der Umgegend eigne Vereine; dennoch sank der Beitrag, den Harms aufbrachte, nicht unter die 320 Mark, die 1824 einkamen und stieg sogar bis auf 1505 Mark. So viel brachte das Jahr 1845. Einen eigenen Verein bildete er nicht; dazu eignete sich seine Gemeinde nicht, auch er selbst war dazu nicht der Mann. Jeden Sonntag Oculi hielt er eine Ansprache oder ließ eine solche gedruckt ausgehen, wie 1823 geschah; später brachte der Sonntag Trinitatis noch eine eigentliche Missionspredigt. Ani Abschluß eines Rechnungsjahres versammelte er einige Freunde des Reiches Gottes, gab ihnen Bericht über die Eingänge und berieth über deren Verwendung. Nun wurden die gesammten Gaben an die einzelnen Gesellschaften vertheilt. Was durch Porto und solche Dinge für Ausgaben entstanden, das mußte anderweitig beschafft werden. In jener schriftlichen Ansprache stellte er die Förderung der Mission in seiner bekannten Weise dar

  1. als Christenpflicht, 3 Joh. 5 – 8, so sollen wir der Wahrheit Gehülfen werden;
  2. als eine Menschenpflicht, zu der uns das Elend der Heiden rufe;
  3. als eine Bürgerpflicht der Dänen; sei es doch die älteste lutherische Missionsanstalt, die zu Trankebar, eine königlich dänische, von Jemand genannt das schönste Juwel in der dänischen Königskrone,
  4. als eine Lutheranerpflicht, da immer noch von Rom aus die Anklage erhoben werde, die evangelischen Kirchen vermöchten Nichts für die Fortpflanzung des evangelischen Lichtes

Mit nicht geringerem Erfolg war er für die Verbreitung der Bibel thätig sowohl im Dienste des Kieler Zweigvereines, wie der Schleswig-Holsteinschen Bibel-Gesellschaft. Der zu Kiel hatte sich am 17. Mai 1816 gebildet, nachdem das Jahr vorher zu Schleswig 50 Männer zusammengetreten waren, deren Zahl während des ersten Jahres auf 356 stieg. Die Engländer kamen so mächtig zu Hülfe, daß „es fast zu wenig Mühe kostete, das schöne Werk auszuführen.“ In den ersten 50 Jahren hat die Schleswig-Holsteinische Gesellschaft weit über 100,000 Bibeln verbreitet und mehr als einmal hat Harms in ihr geredet, erst das Lob der Bibel preisend, dann von ihrer Verbreitung erzählend.

Auch den evangelischen Verein der Gustav-Adolf-Stiftung trug er auf seinem Herzen. „Schlage dieser Verein tiefe Wurzeln! breit‘ er seine Zweige weit aus! geb‘ er viele Frucht!“

Wer mit solcher Treue der älteren Gemeindeglieder wartet, von dem darf auch vorausgesetzt werden, daß er ein Herz für die Jugend haben, ihr einen schönen Theil seiner Kräfte zuwenden werde. Das hat er auch redlich gethan, auch da, wo es ihm Aergerniß oder Undank eintrug. Ich gedenke hier nicht seiner Tätigkeit als Schul-Inspector: die war sehr einfach. Dankbar gedenkend, wie gewissenhaft seine Lehrer das Vertrauen gewürdigt hatten, das in sie gesetzt worden war, ließ er sich genügen, auf die Lehrer zu achten, auf sie zu wirken und die öffentlichen Prüfungen zu halten. Aber auf die Schulen hatte er ein Auge, auf niedere und höhere, und, Wächter mit offenem Auge und Ohr, wehrte er dem Unglauben, der dort einzudringen drohte. Er strafte es, da man einen Lehrer durch das Geschenk eines Buches ehrte, in dem der Väter Glauben geleugnet wurde. Einem Lehrer der lateinischen Schule, der Solches that, stellte er sein Unrecht vor, und beschwerte sich, da er seinen Bitten unzugänglich blieb, höheren Ortes. Leider vergeblich. Er hatte überhaupt, wie es scheint, der lateinischen Schule (dem Gymnasium) eine erhöhte Sorgfalt zugewendet, indem er zu gut wußte, welche Wichtigkeit dieselbe für das ganze Volksleben und die Kirche insbesondere habe. Und seine Ansicht ist nicht, die Schüler möglichst mit jeder gründlichen Unterweisung in der evangelischen Lehre zu verschonen, sondern die, daß kein protestantischer Schüler, er möge nun Lehrer oder Prediger oder Rechtsgelehrter oder Arzt werden wollen, das Gymnasium verlassen dürfe, „der nicht das ganze Neue Testament in der Ursprache mit seinem frommen, gläubigen Lehrer so gelesen hat, daß ihn eine aecht evangelische Ein- und Uebersicht in’s fernere Leben als bleibendes Eigenthum begleite.“

Er hat darum auch der wenigen Religionsstunden halber, welche auf diesen Schulen ertheilt werden, wo sich Anlaß bot, Mund und Feder gebraucht.

Noch mehr als für die Schulen arbeitete er für die Schüler und mit denselben. Die Kinderlehre gehörte zu seinen liebsten Amts-Verrichtungen. Namentlich zu Kiel hatte er wunderreichen Segen von derselben. Unter den Kindern, groß und klein, fanden sich aus allen Ständen, auch aus den höchsten. „O, das war eine Herzensfreude, in das Gewimmel zu treten, vor und mit den Kindern zu beten, Bibel und Gesangswort aus ihnen herauszufordern, Gefühl und Verständmß hervorzulocken und heilsames Wort bei ihnen niederzulegen.“ „Werde es hier gesagt, die Katechisationen, Kinderlehren bei uns genannt, waren mein allerschönstes Amtswerk von 1817 Februar bis 1835 Februar. Ich bin kaum mit so vielem Schmerz aus dem Predigtamt geschieden, als ich zu der genannten Zeit von der Kinderlehre schied.“ Er hatte es aber nicht mit Kindern allein, sondern mit der gesummten Jugend Kiels zu thun. Auch die Studirenden der dasigen Hochschule und unter diesen besonders die zukünftigen Geistlichen gehörten zu seiner Gemeinde. Er war deß eingedenk und ließ es sie auch fühlen. Die Predigt zunächst, in der er ja auch Hirtenwerk trieb, wendete sich bisweilen direkt an sie: „Unter Euch diejenigen, freilich wohl Eure Mehrzahl, die selbst einst werden Boten geschickt gleich wie ich, und bereiten sich auf das Amt, das von Gott aufgerichtete, welches die Versöhnung zu predigen, den großen, den heiligen Beruf hat, höret ihr auch, wie ihr mich höret, in die innerste Seele hinein und zur höchsten Aufregung euch zugerufen: Laßt Euch versöhnen mit Gott.“ Er durfte auch Diejenigen, welche über die Lauheit der studirenden Jugend klagten, auffordern, nach Kiel zu kommen „dort werdet Ihr sie in der Kirche finden.“

Ebenso gehörte ihnen im Beichtstuhl ein erhöhter Ernst und warme Liebe des Seelsorgers. Aber auch sein Haus stand ihnen offen. Es waren zuletzt bestimmte Abende geworden, ein Montagskränzchen, wo sich die jungen Theologen zu freien Besprechungen über ihr heiliges Amt bei Harms sammelten. So wenig dieser den Ruhm eines Gelehrten suchte, so konnte er doch von sich rühmen, beinahe eben so geschickt den Magistermantel zu tragen, wie ihn mancher Andre trage, der Anweisung zur Ausrichtung des geistlichen Amtes gebe; und Professor Pelt feiert ihn in diesem Bezüge

„Und wie der Diamant vom Licht bestrahlet
Nicht nur des Regenbogens Farben malet,
Auch selbst bewahret das empfange Licht:
So hat auch uns der Glanz der ew’gen Wahrheit
Zurückgestrahlt in deiner Rede Klarheit,
In der ihr Licht sich tausendfältig bricht.
Hast du auch nicht die Wissenschaft erkoren,
Blieb jenes Licht dir dennoch unverloren
Hinüber leuchtend in des Wissens Reich.
Aus Glauben wird schon mehr und mehr ein Schauen.
Aus Wissen will sich Wissenschaft erbauen.
Der Priester ist auch Theolog‘ zugleich.

Köstliche Stunden sollen es für die Jünglinge und ihren Meister gewesen sein. Fast alle jüngeren Geistlichen Schleswig-Holsteins sind durch sie angeregt worden, auch mehrere der dasigen Universitätslehrer oder solche, die durch Kiel gegangen sind, rühmen, was sie Claus Harms verdanken; darunter Einige, welche die deutsche Theologie zu ihren würdigsten Vertretern zählt.

Den Inhalt seiner Vorträge faßte er in ein Buch zusammen: Pastoral-Theologie in drei Theilen: Prediger, Priester, Pastor. Es beschreibt, indem es den Geistlichen darstellt, wie er sein soll, das Wirken seines Verfassers. Seine zweite Auflage erschien 1837. Nicht wie der bescheidne Verfasser vermuthete, hat es nur ein halbes Menschenalter gedauert. Es hat noch heute dankbare Leser, und die dieses Büchlein hier in Händen halten, gehören dazu, ohne es selbst zu wissen.

So versah Claus Harms das Predigtamt, von dem er sagt: „das Predigtamt, das allein ist mein Leben gewesen“ und bezeugte täglich, daß es ihm ernst war mit seiner Versicherung: „O könnte ich mehr, so wäre kein Ungläubiger in der ganzen Gemeinde, so zagte kein Gläubiger einen Augenblick.“

Zinzendorf sagt: „Wenn des Heilands Leute sich wohin begeben, so ist dies ein Gnadenbogen, daß Gott derselben Gegend gnädig sei.“

In Harms stand ein solcher Gnadenbogen über Lunden, über Kiel, ja wohl über Holstein.

Nachdem wir uns nun so an dem Bilde des Mannes erfreut haben, wollen wir ihn auf seinem weitern Lebenspfade geleiten, und vorzüglich seiner Kämpfe Zeugen sein.

Siebenzehntes Kapitel. – Der Rationalismus jener Zeit.

 Wir sind jetzt zu der Stelle gekommen, wo wir nothwendigerweise auf eine Schilderung der Zeit eingehen müssen, in welcher Harms auftrat und auf welche er so mächtig umgestaltend gewirkt hat. Das ist ja bekannt, daß er unter den Männern, denen die deutsch-evangelische Kirche ihre Wiedergeburt verdankt, eine hervorragende Stellung einnimmt. Er hat diese durch seine fast fünfzigjährige Amtsthätigkeit, durch die Gewalt seiner ganzen Persönlichkeit erworben. Doch ist es eine einzelne That, welche den so weithin verbreiteten Ruhm des Mannes begründete. Sie fällt in sein vierzigstes Lebensjahr und bildet so entschieden den Mittelpunkt seines Wirkens, daß es angesehen werden kann, als fasse es sich in ihr zusammen, als sei alles Frühere Vorbereitung auf sie, alles Spätere ihre Folge. Diese That – wir nennen sie die Thesen that – bestand ganz einfach darin, daß er der ungläubigen Theologie seiner Zeit einen offenen und schonungslosen Krieg erklärte.

Was war das für eine Zeit? „Rationalistisch“ antwortet Harms selber, „rationalisirt war zu der Zeit alle Rede, bei Taufen, Confirmationen, Beichten, beim Abendmahl, bei Trauungen und Begräbnissen.“ Also es war die Zeit des Rationalismus, der Rationalisten. Aber was waren das wiederum für Männer? Die Uebertragung des fremden Wortes in’s Deutsche wird die schwierige Sache nicht klar machen. Es ist mehr zu sagen.

Denken wir uns Gärtner, welche einen mächtigen Baum aus seinem Urwalde in einen Kunstgarten zu verpflanzen bemüht sind, der nicht die Kräfte hat, ihn zu ernähren. Jahre lang wird er von seinen alten Säften zehrend durch den Schein der Gesundheit täuschen; dann aber, nachdem er seinen neuen Boden vergeblich erschöpft und dessen Nahrung den andern Pflanzen verkümmert hat, wird er verdorren und die gesammten Anlagen in seinem Sturz vernichten. Oder stellen wir uns ein Haus vor, das auf alten festen Säulen ruht. Jetzt kommen junge Baumeister; die wollen sie durch neuere, feinere ersetzen. Das alte schwere Dach aber vermag auf diesen nicht zu ruhen und begräbt unter seinem Falle auch die Bewohner des Hauses. Beide Male haben wir es mit wohlwollenden, aber kurzsichtigen Menschen zu thun, welche das Gute wollen und Böses stiften, welche, wo ihnen nicht Einhalt gethan wird, zukünftiges Verderben bereiten. Solche Männer waren die alten Rationalisten.

Bei eignem Unglauben und geistlicher Blindheit wähnend, dem Christenthum ein neues, die unbekehrte Welt ansprechendes Gewand, ja gar neue Stützen zu geben, griffen sie das Herz desselben an, nämlich den Glauben an die Erlösung, die wir in Jesu Christo unserem HErrn haben.

Sie selbst, die Anfänger dieser Bewegung, zehrten noch von den Ueberresten ihrer frommen Erziehung, ihnen selbst fremden Gaben und Kräften des heiligen Geistes. Aber die rationalistische Bewegung war die einer schiefen Ebene. Je weiter sie hinabdrang, desto mehr verwüstete sie. Hätten die schönen Geister des achtzehnten Jahrhunderts gehört und gelesen, was ihre Jünger im achtzehnten Jahrhundert lehrten, sie wären erschrocken und hätten wohl den Feuereifer begriffen, der einen Harms gegen sie begeisterte.

Nach 1 Kor. 2, 14 vernimmt der natürliche Mensch gar nichts vom Geiste Gottes, es dünkt ihm eine Thorheit und er kann es nicht begreifen; dagegen ist nach Ebräer 11, 1 der Glaube eine gewisse Zuversicht deß, das man hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht stehet. Dem Rationalismus war das Unbegreifliche auch unvernünftig und darum verwerflich. Die Bibel blieb wohl ein ehrwürdiges Buch, aber kein vom göttlichen Geiste eingegebenes; jedes Wunder wurde geleugnet; die Gottheit des Herrn Jesu Christi und die Sündhaftigkeit des Menschen bestritten. Und so war denn die Thatsache der Erlösung beseitigt, in deren Kraft die Kirche Christi Jahrtausende lang den Kampf mit der Welt siegreich bestanden hatte. Natürlich war damit das ganze christliche Glaubensbekenntniß umgestaltet. Der erbarmungsreiche Vater im Himmel wurde zum Schöpfer der schönen Erde, ohne Eifer wider die Sünde und ohne Liebe zu den Menschen; der Heiland Jesus Christus, der dich von allen Sünden, vom Tode und der Gewalt des Teufels durch sein bittres Leiden und Sterben erlöset hat, wurde zum Lehrer der Weisheit, welcher seinen Freimuth mit dem Tode gebüßt hat, in dem er die Wahrheit seiner Lehre versiegelte; der heilige Gottes Geist, welcher noch heute in dir wider die Sünde zeuget, welcher die Menge der Christen berufet und sammlet und heiliget, wurde zu der Begeisterung, die jeweilen des Menschen Herz zu großen Thaten treibt. Das Kind Gottes, welches seine Gnadenarme aus dem Sündenelend gehoben haben, welches in seiner Gnade Leben und Seligkeit findet, siehe, das ist ein edler Mann geworden, welcher in sich selber Kraft findet, die Tugendbahn zu wallen. Das gab eine Religion ohne Trost und ohne Kraft, eine Zucht- und Lehranstalt: vornehmlich für die Geringen im Volke, denen das Licht der Weisheit noch nicht aufgegangen war.

Mit so klaren, nackten Worten stand solches Alles freilich nicht in den Büchern der Rationalisten; ja es , war sogar das größte Unglück an diesem kräftigen Irrthum, daß von seinen Anhängern gesagt werden konnte: sie gleißen schön von Außen. Es war noch viel Abendroth der untergehenden Sonne darin. Der Baum hatte noch nicht alle die Blätter verloren, welche er auf seinen Naturboden getrieben hatte. Aber es fehlte auch jener ersten Zeit nicht an Einzelnen, welche alle Bande frommer Scheu lösten, wie denn in einem von Harms angeführtem Gedichte des Freiherrn von Steigentesch, allerdings eines römischen Katholiken, die schamlosen und gotteslästerlichen Verse zu lesen waren:

„Der Kannibal, der christlich betet,
Gießt Gottes Blut in seinen Wein,
Kaut seinen Gott aus Mehl geknetet
Und schlürft sein Blut mit Wollust ein.
Und dieser Märchen dunkeln Sage
Den trüben Bildern dieser Nacht
Hat noch kein Morgenroth gelacht.[v]

Der Rationalismus ergriff nicht alle Landes- und Provinzialkirchen mit gleicher Kraft und wirkte nicht überall in gleichem Maße verheerend. An einzelnen Orten standen die Lehrer der Hochschule oder die kirchlichen Oberen dem neuen Andrange wie ein Damm entgegen; an anderen milderte die Weisheit oder die gemüthliche Innigkeit der Führer den unbedachten Eifer und schonende Hand rührte wohl an das Alte, aber sie zerstörte es nicht, und an einer Stelle brach bereits um die Zeit, in welche Harms eingriff, aus der Asche das neue Glaubensfeuer hervor, mild aber kräftig. Dagegen gab es auch Landeskirchen, wo sich die Behörden berufen wähnten, von Oben herab das Volk mit den Früchten der Aufklärung zu beglücken und die Denkmäler des Glaubens, die sich im Gebet, in der Ordnung des Gottesdienstes, im Liede erhalten hatten, von Amtswegen einzureißen.

So war es in Holstein geschehen; man hatte schon längere Zeit geneuert und wie Harms es nennt: „geschlimmbessert.“ Das neue Gesangbuch und der Katechismus gingen voran; der letztere war wenigstens nicht unchristlich. Die neue Kirchenagende folgte 1797. Sie fand so heftigen Widerspruch, daß man es nicht wagte, sie zwangsweise einzuführen. Einzelne Geistliche oder Gemeinden nahmen sie gar nicht, andere theilweise an. Bald erscholl nun aber dieselbe Rede, deren Geist aus den neuen Gebeten kam von den Kanzeln herab und klangen in den Schulstuben wider. Es zeigte sich nun, wie der Halbglaube immer trostloser und frecher wird, je weiter er nach unten kommt und wie die anständige Form, in welcher er bei den berühmten Meistern einhergeht, nur ein Mäntelchen ist, was er geschickt zu tragen, aber nicht lange zu behaupten weiß. Wer findet das rechte Wort für einen Schulmeister, der seine Kinder auf eine Dirne weist, die eben in den Bürgergewahrsam abgeführt wird und sagt: Diese wird gezüchtigt, wofür eine andere heilig gesprochen ist. Und dieselbe Sprache durfte ein Anwalt vor den Richtern führen. Die Kirche zu Plön öffnete sich für die Sängerin Catalani und die heiligen Räume wurden von dem Beifallsklatschen und Jauchzen der Menge erfüllt.

Davor verschwindet fast, was sonst ein großer Anstoß wäre, daß die Bürgergarden am Sonntage ihre Uebungen während des Gottesdienstes anstellten und während der Fasten öffentliche Lustbarkeiten stattfanden. Das deutlichste Zeichen, wohin man komme, lag in dem fortwährend abnehmenden Kirchenbesuch, welcher dem selbst rationalistischen Pastor Fock Anlaß gab, wider die Kirchenscheu zu predigen. Diese Rede richtete sogar die Aufmerksamkeit des Auslandes auf Holstein. Da man sich dann gegen dieses vertheidigte, konnten nur vier Geistliche genannt werden, die volle Kirchen hätten: Funk, Kallisen, Valentiner und Harms. Wie es mit dieser Fülle stand, mögen wir daraus entnehmen, daß der Letzte, welcher unbestritten bei Weitem die meisten Zuhörer zählte, deren aus einer Gemeinde von 16.000 Seelen 700 hatte. Wie es in den leeren Gotteshäusern aussah, erfahren wir, hörend, daß zur Jubelpredigt 1801 in Kiel in der Schloßkirche Niemand kam, oder in dem Aufsatze eines holsteinischen Geistlichen wider Abkündigungen von der Kanzel lesend; „Das rechte Punktum liegt hier: In der Kirche hört es ja Niemand. Vor einigen Sonntagen war ich in einer Kirche, wo ich nur fünf, sechs Mannspersonen sah und nicht einmal sind so viele alle Sonntage in allen Kirchen; unweit von hier ist neulich Sonntags gar kein Gottesdienst gehalten, wegen völliger Abwesenheit aller Eingepfarrten.“

Schon in Lunden am Reformationsfeste des Jahres 1808 erhob Claus Harms seine Stimme gegen diese Zustände: „Die lutherische Kirche trauert und kann nicht froh sein und kann nicht segnen mit froher Empfindung. Sie steht ja verlassen, ungeehrt, auf allen Seiten beschränkt. Längst sahe sie dieses Unglück ankommen und ließ durch ihre Diener rufen, warnen, bitten; jedoch vergeblich, sie wird immer öder, immer verachteter, immer gehemmter in ihren Wirkungen von Jahr zu Jahr“ – „Die Tempel werden öde, weil das Volk lau wird in der Verehrung des Unsichtbaren; der Altar steht verlassen, weil das Volk unbekannt wird mit dem Heilande der Seelen; der Beichtstuhl bleibet unaufgemacht, weil keine bekümmerte Seelen im Volk davor sind und den Trost der Vergebung da suchen; die Taufe wird aufgeschoben; seht nur die Protokolle mancher Gemeinde nach! über Jahr und Tag, weil das Volk meint, sie gebe oder nütze gar nichts; und die Predigt, ist sie überhaupt etwas anders als eine Stimme in der Wüste? Armes Volk, so unterdrückst du jedes freie Streben in der Brust, so hemmst du jeden Aufflug des Geistes, so erstickst du jede Regung des Herzens zuerst und dann des Gewissens und dein Leben, das innere schläft ein. So ist es, du bist eingeschlafen. Daher das Verlangen der Kirche nach der Wiederkunft Luthers.“ Und zwar würde es der Beruf des neuen Luther sein, „daß er mit seiner Stimme das Volk erwecke, daß er mit seinem Muth die Großen bekehre, daß er mit seinem Vertrauen die Lehrer aufrichte.“ – „Zu anderer Zeit, als da Lutherus lebte, wird er freilich anders predigen, jede Rede lenken zu dem gegenwärtigen Ziel, jedes Wort fallen lassen auf die rechte Stelle. Diese Stelle wird er den Lehrern zeigen, die nicht mehr da ist, wo sie vorhin war.“ Man hat gegen Harms bemerkt, er habe ein zweiter Luther sein wollen; man hätte besser gethan, es für ihn geltend zu machen, den Luthernamen hat er nicht gesucht; aber seine Kirche in Luthers Geiste zu erwecken, ist er bestrebt gewesen; ja er hat wohl auch seit jener Predigt über eine bestimmte That nachgesonnen, dadurch er es thun könnte. Doch mußte erst noch das Maß des Unglaubens voll werden.

Achtzehntes Kapitel. – Anlaß zu den Thesen,

 Das Maß füllte sich für ihn in der 1815 erfolgten Herausgabe der Altonaer Bibel; sagte er doch, in ihr sei das von dem Freiherrn von Stelgentesch ersehnte Morgenroth aufgegangen. Es war dieselbe von dem ersten Compastor zu Mona Dr. Nikolaus Funk mit Anmerkungen unter Königlichem Privilegio und ausdrücklicher Genehmigung des General-Superintendenten Adler veranstaltet worden. Sie war mit einem großen Aufwande von Fleiß, aber von einer ganz ungläubigen Anschauung aus ausgearbeitet.

Eine sehr bedenkliche Besonderheit jener Bibel bestand noch dann, daß die Anmerkungen so gedruckt waren, daß sie nach Stellung und Schrift gar leicht mit dem heiligen Text verwechselt werden konnten.

Schon das war ein hartes Urtheil, wenn Einige diese Bibel einen Judaskuß nannten. Harms aber ließ sich durch dieselbe in weit höherem Grade erregen; „Ich möchte sie nennen das Nest einer Schlangenbrut, die nachher in die Bibel selbst auskriecht und mit ihrer Schalkheit die Sinne der Leute verrückt von der Einfältigkeit in Christo, der Schulmeister größtentheils und auch vieler Pastoren.“ Er wandte sich darum am 4. Juli 1817 unmittelbar an den König mit der allerunterthänigsten Bitte, derselbe wolle als oberster Bischof der Kirche zu deren Bestem und zur Beruhigung vieler Gemüther den über die neue Altonaer Bibel erhobenen und sich immer wieder erhebenden Zwiespalt durch einen Einspruch beilegen. Er berief sich auf sein Recht und seine Pflicht, denn die lutherische Kirche gebiete ihm, in der Sache zu reden, damit er seine Seele rette. Dann klagte er die Bibel an, in welcher der Bibelgrund des Glaubens an die Gottheit Christi, an die Persönlichkeit des heiligen Geistes, an die Versöhnung des Sünders durch Christi Tod, an die Gnadenwirksamkeit des göttlichen Geistes im Evangelio – verletzt, verdreht, verworfen und vernichtet sei; zeigte die furchtbare Gefährlichkeit, welche das Buch durch seine Privilegien und Empfehlungen gewinne und die traurigen Folgen, welche es haben würde, wenn der auf der Kanzel und der unter der Kanzel eine andere Bibel hätten. Deßwegen nun verlangt er aus Rücksicht auf das Bestehen der lutherischen Kirche, auf die Wirksamkeit aller aecht lutherischen Prediger und auf die lutherisch gläubigen Seelen, eine Untersuchung und allerhöchste Entscheidung über die Sache.

Da er keiner Antwort gewürdigt ward, so sah er wohl ein, daß er andere Wege gehen müsse. Die dreihundertjährige Jubelfeier der Reformation kam näher; überall wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen: es zeigte sich in allen Ländern und in allen Volksklassen eine nicht erwartete Begeisterung. Sie war gehoben durch die Erinnerung daran, daß die kaum errungene Befreiung des Volkes vom napoleonischen Joche doch nur durch göttliche Erbarmung möglich geworden war. Das schien nun unserem Harms die geeignete Zeit, die Gemüther stärker anzugreifen und dazu zu thun, daß die Kirche in dem Feste ihrer Erneuerung sich selbst erneuere. Er hatte zwiefältigen Grund, gerade diesen Tag zu erwählen. Einmal hielt er dafür, daß wenn jemals, dann an diesem die Herzen für eine wärmere Ansprache bereitet sein würden, zum Andern aber zwang ihm die Sache selbst das Wort ab. Sie jubelten und er hätte trauern mögen. Sie feierten das Werk Luthers und dabei wollten sie es in seinem tiefsten Grunde vernichten. In welcher Weise der Ruf zur Buße in die Reformationsfeier eingreifen solle, war ihm weder von vornherein klar, noch hielt er sich für den zu so großer That Berufenen. Er wandte sich mit eindringlicher Bitte an seine Freunde. Keiner wollte sich bereit finden lassen. Da trieb ihn das Wort: Wer glaubet, fleucht nicht, es selbst zu wagen. Zunächst fragte er sich über, seinen Beruf, über sein Recht zur Sache, er sagte sich, daß er selbst in jenem Heerlager gestanden habe, wider welches er nun in den Streit gehe, daß die Fremden das Alles, was bei seinem Uebergange sich in ihm zugetragen habe, nicht wüßten: er prüfte mit der ihm eignen Schärfe und Treue die Reinheit und Klarheit seiner Absichten.

Er reinigte sein Herz von allem Sündlichen, Eitlen oder Ehrgeizigem, was seiner That anhaften konnte und kam nun auch dahin, daß er nachher sagen durfte: „Habe ich jemals, ehe ich ein Werk gethan, sorgfältig geprüft und mich rein befunden von persönlichen Absichten dabei, so ist es bei meinen Thesen! Freund, das sage ich Ihnen, das sage ich der Welt, ob sie es glaube oder nicht, weiß ich doch, es sind in der Welt noch, die es glauben und auf mein Wort. Ich hatte bei den Thesen keine unlautere Absicht, keine andere als die im Vorwort ausgesprochene.“

Nachdem er aber erst sein selbst gewiß geworden war, ging er festen Muthes an’s Werk. Er kam auf den Gedanken, Thesen zu stellen. Das konnte nicht auffallen: auch die letzten Jubelfeste 1617 und 1717 hatten neue Thesen gebracht. Anfangs war es seine Absicht gewesen, die 95 Thesen Luthers Satz für Satz nachbildend auf seine Zeit zu übertragen. Dies gelang ihm jedoch nicht und er bewegte sich nun in den seinigen völlig frei. Sie sollten ihr nächstes Ziel in den Kirchenzuständen Holsteins haben, aber auch die allgemeine Beschaffenheit der lutherischen Kirche rügen. Dabei nun sah er sich bewogen, auch auf ein bevorstehendes wichtiges Ereigniß in der preußischen Landeskirche einzugehen.

Der fromme König dieses Landes hatte seinen Unterthanen in zehn Leidensjahren eine treue Liebe erwiesen und eine Hingebung von diesem erfahren, wie sie in der Geschichte der Völker selten ist. Darum empfand er vielleicht tiefer als seine Vorfahren seit dem Uebertritte des Churfürsten Sigismund zu der reformirten Kirche, daß er durch seinen Glauben von der Mehrzahl seiner „Kinder“ getrennt war.

Die Jubelfeier brachte die Erinnerung an die großen Tage Luthers wieder, man dachte daran, wo der gemeinsame Feind beider evangelischen Kirchen zu suchen sei und der vielbesprochene Rationalismus zeigte auch auf der andern Seite einen Gegner, der bald genug Beiden gleich gefährlich sein würde. An der Berliner Hochschule lehrte jener reformirte Geistliche, welcher Tausenden lutherischer Christen der Weg zu ihrem Glauben gewesen war, auch unserem Harms. Sämmtliche Lehrer dieser Universität waren bemüht, den tiefen Grund aller evangelischen Wahrheit zu suchen und so dasjenige an’s Licht zu stellen, was alle evangelische Bekenner des Heilandes Jesu Christi verbände. Unter solchen Umständen faßte der König den Plan, die beiden evangelischen Kirchen seines Landes in eine Gemeinschaft zusammenzuschließen. Und zu diesem Unionswerke sollte am 31. Oktober der erste Schritt geschehen.

Harms, mit den Verhältnissen der evangelischen Kirche Preußens völlig unbekannt, fürchtete von dieser Vereinigung neue Verwirrung und einen Untergang aller Gewähr für reine Lehre, da man ja nun in der also vereinigten Kirche den Bekenntnißschriften ihr Recht nicht geben werde. Deswegen schrieb er einige seiner Thesen mit Rücksicht auf dieses Ereigniß.

Neunzehntes Kapitel. – Die Thesen.

 [vi]

Zum 31. Oktober 1817 wurden sämmtlichen lutherischen Geistlichen Dänemarks neue Abdrücke des Augsburgischen Bekenntnisses geschenkt und die Bischöfe und Superintendenten erließen einen gemeinsamen Hirtenbrief. Jubelschriften überboten sich, unter ihnen feierte eine von Harms den Märtyrer Henrik van Zütphen in plattdeutscher Zunge. Natürlich wurden überall Jubelpredigten gehalten. Diejenigen von Harms schienen mehr Bußpredigten als Festrufe zu sein und erregten Befremdung, Erbitterung, innige Freude, je nach dem Herzen der Hörer.

An demselben Tage aber lag gleichzeitig in allen Städten beider Herzogthümer eine kleine Schrift aus: „Das sind die 95 Thesen oder Streitsätze Dr. Luthers, theuren Andenkens. Zum besonderen Abdruck besorgt und mit andern 95 Sätzen als mit einer Uebersetzung aus 1517 in 1817 begleitet von Claus Harms, Archidiakonus an der St. Nikolaikirche in Kiel.“ Das Vorwort bot die Sätze Luthers dar als „die Wiege und Windeln, in denen unsere lutherische Kirche gelegen gewesen ist aus ihnen ruft sowohl wie aus den spätern Schriften Luthers in Zeiten, wie die unsrigen sind, ein Wecker, ein Mahner, besonders in diesem Jahr. Auf mich wenigstens haben die Theses also gewirkt, daher ich auch meines Theils in andern 95 Sätzen gegenwärtige Gebrechen unserer Kirche gerügt habe, auf die Gefahr großen Unglimpfs bei geistlichen und weltlichen Brüdern, doch nicht ohne ein vorgelegtes gutes Vaterunser, welches auch Luther thun lehrt in solchen Dingen und was mich getrost (das ist zu wenig), was mich freudig macht zu dieser That. Gott befohlen Schrift und Leser! Folgt nun ein Abdruck der Thesen, mit deren Anheftung an die Schloßkirche zu Wittenberg Luther 1817 das heilige Werl der Kirchenverbesserung begonnen hat. Darauf heißt es: „Nachfolgende Sätze, die gegen allerlei Irr- und Wisswisse innerhalb der lutherischen Kirche gerichtet sind, ist der Aussteller weiter zu erklären, zu belegen, zu vertheidigen, zu verantworten bereit, Er bittet, falls ihm die Arbeit zuviel würde auf Einmal, alle ächten Lutheraner und mit ihm Gleichdenkenden, die des Wortes von den Lippen oder aus der Feder mächtig sind, um ihren brüderlichen Beistand. Wenn man ihn selber des Irrthums überführet, wird er das Geständniß eben so frank und frei in die Welt schicken wie diese Sätze. Uebrigens Alles zu Gottes Ehre, der Kirche Bestem und zum dankbaren Andenken Luthers.

1) „Wenn unser HErr Jesus Christus spricht: Thut Buße! so will er, daß die Menschen sich nach seiner Lehre formen sollen; er formt aber nicht die Lehre nach den Menschen, wie man jetzt thut dem veränderten Zeitgeist gemäß.“
2) „Der Lehrbegriff sowohl des Glaubens als des Handelns ist nunmehr also geformt, daß im Ganzen schon die Menschen hineinpassen. Daher müssen jetzt wiederholt werden Protest und Reform.“
3) „Mit der Idee einer fortschreitenden Reformation, so wie man diese Idee gefaßt hat und vermeintlich an sie gemahnt wird, reformirt man das Lutherthum ins Heidenthum hinein und das Christenthum aus der Welt hinaus.“ 9) „Den Papst zu unserer Zeit, unsern Antichrist können wir nennen in Hinsicht des Glaubens die Vernunft, in Hinsicht des Handelns das Gewissen (nach ihrer beider ihnen gegebener Stellung gegen das Christenthum, Gog und Magog. Offenb. 20, 8), welchem letzten man die dreifache Krone aufgesetzt hat, die Gesetzgebung, die Belobung und die Bestrafung.“

Der zehnte Satz, welcher dem Gewissen diese dreifache Krone nimmt, nennt das Wort Gottes den „Text des Gewissens.“

11) „Das Gewissen kann nicht Sünden vergeben, mit andern Worten dasselbe: Niemand kann sich selbst Sünden vergeben. Die Vergebung ist Gottes.“ Nach Thesis 13 verdanken wir das, daß die Schlechtigkeit nicht noch größer ist, „theils den Gesetzen der Obrigkeit, theils den Satzungen der Sitte, die noch immer gottesfürchtiger ist als der herrschende Lehrbegriff.“

14) „Diese Operation, in Folge deren man Gott vom Richterstuhl herab und Jeden sein eigenes Gewissen herauf hat setzen lassen, ist geschehen, während keine Wacht in unserer Kirche war.“ Zum sechzehnten fordert er auf, zu untersuchen, wie das Wort Wort „gewissenhaft“ an Stelle des alten „gottesfürchtig“ getreten und ob nicht die Gewissenlosigkeit durch diesen Wechsel befördert worden sei.

17) „Hört das Gewissen auf zu lesen und fängt es an zu schreiben, so fällt das so verschieden, wie die Handschriften der Menschen aus. Nenne mir Jemand eine Sünde, die Jedermann dafür hält!“
18) „Hört das Gewissen auf, ein Diener des göttlichen Gerichtes über die Sünde zu sein, so wird es in seinem Gerichte Gott nicht einmal Diener sein lassen. Der Begriff von göttlichen Strafen verschwindet ganz.“

In der zwanzigsten These macht er die Bemerkung, daß ein Vernunftgläubiger eigentlich gar nicht beten könne. In den folgenden stellt er einen Vergleich zwischen dem sechzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Derselbe fällt zu Gunsten des ersteren aus, das „näher bei Gott“ stand, wo man die Sündenvergebung doch noch für Geld kaufte, während man sie jetzt ganz umsonst hat.

24) „Zwei Ort‘, o Mensch, hast Du vor Dir, hieß es im alten Gesangbuch. In neueren Zeiten hat man den Teufel todtgeschlagen und die Hölle zugedämmt.“
27) „Nach dem alten Glauben hat Gott den Menschen erschaffen; nach dem neuen Glauben erschafft der Mensch Gott und wenn er ihn fertig hat, spricht er Hoja! Jes. 44, 12-20.“

Die folgenden Sätze führen dann aus, daß es eine besondere Gnade Gottes sei, wenn die Vernunft sich noch nicht völlig vom Worte Gottes losgesagt habe und daß der Unglaube sich nicht noch mehr hervorthue, das sei zum Theil den früheren Eindrücken der Glaubenswahrheit zu danken, welche schwerlich ganz vertilgt werden können (vgl. Th. 13).

32) „Die sogenannte Vernunftreligion ist entweder von Vernunft oder von Religion oder von beiden entblößt.“ Von Bedeutung ist der 34. Satz, welcher die Vernunft als eine besondere Geisteskraft von der Vernunft unterscheidet, unter der wir den Inbegriff aller menschlichen Geisteskräfte verstehen. Nur gegen erstere sind seine Schläge gerichtet. Er weist nun nach, daß die Religion für sie ein fremdes Land sei und ladet den zu sich, der auch nur des ersten Buchstabens der Religion, des „heilig“ mit seiner Vernunft mächtig geworden sei; auch mahnt er zur Vorsicht, denn die Vernunft spreche oft, „als wäre sie da gewesen, so herzlich, gemüthlich, gläubig oder wie man es nennen will.“ In der weiteren Anklage wird ihr Schuld gegeben, sie werfe, wo sie die Religion antaste, die Perlen hinaus und spiele mit den Schalen, Dabei wird eines Predigers gedacht, welcher mit den Worten traute: „Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden – außer aus gewichtigen Gründen.“

Die 46. These beschreibt die Predigten gewisser Geistlichen. „Sie lassen anstatt der Arzenei das Recept einnehmen; mit gangbaren Worten: durch den Verstand zum Herzen.“ In der 48. lesen wir: „Uebrigens hat es den Anschein, als wären alle Ketzereien wieder losgelassen auf Einmal.“

Ueberraschend und treffend ist 49: „Wir fürchten Inquisition und Glaubensgerichte, heißt nichts anderes als wir fürchten den Mißbrauch der Vernunft.“ Darauf spricht er von der Heiligen Schrift und von unseren Bekenntnißschriften:

52) „Eine Uebersetzung der Bibel in eine lebende Sprache muß alle hundert Jahre revidirt werden, damit im Leben sie bleibe.“
53) „Es hat die Wirksamkeit der Religion gehemmt, daß man dies nicht gethan hat. Die Bibelgesellschaften sollten eine revidirte lutherische Bibelübersetzung veranstalten.“ (Leider hat das bis 1861 noch nicht geschehen können).

Jetzt erklärt sich Harms gegen Ausgaben deutscher Bibeln mit Erklärungen und behauptet dann speziell:

56) „In den erklärenden Noten der im Jahre 1815 zum Volks- und Schulgebrauch herausgegebenen Altonaer Bibel herrscht, wie der Gelehrte sich ausdrückt, die rationalistische Ansicht, – wie das Volk dasselbe benennt, ein neuer Glaube, – nach biblischem Sprachgebrauch, welcher tiefer geht und schärfer bezeichnet – der Teufel. Eph. 2, 2.“

Er sieht in dieser Bibel ein Symbol und Band für die Vernunftgläubigen, aber:

61) „Man soll die Christen lehren überall, daß sie sich hüten vor dieser Bibelausgabe, und es ihnen in Gottes Namen verheißen, auf Glauben zu unserem Könige: Sie wird bald verworfen.“

63 und 64 fordern die Christen auf, selbst in der Schrift zu forschen und Unchristliches und Unlutherisches auf den Kanzeln wie in Kirchen- und Schulbüchern nicht zu leiden.

67) „Es ist ein sonderbares Verlangen, daß es freistehen müsse, einen neuen Glauben zu lehren von einem Stuhl, den der alte Glaube gesetzt hat, und aus einem Munde, dem der alte Glaube zu essen giebt. Ps. 41,10.“
71) „Die Vernunft geht rasen in der lutherischen Kirche: reißt Christum vom Altar, schmeißt Gottes Wort von der Kanzel, wirft Koth ins Taufwasser, mischt allerlei Leute beim Gevatterstand, wischt die Anschrift des Beichtstuhls weg, zischt die Priester hinaus und alles Volk ihnen nach und hat das schon so lange gethan. Noch bindet man sie nicht?“ Er empfiehlt verschiedenen lutherischen Ländern den Text zum Jubiläum aus Luk. 15, 18 und glaubt, daß heute viele Tausende erklären könnten, wie einst die Johannesjünger Apost. 19.2: „Wir haben auch nie gehöret, ob ein Heiliger Geist sei.“ Von da an richtet sich sein Eifer gegen die Union:

75) „Als eine arme Magd möchte man die lutherische Kirche jetzt durch eine Kopulation reich machen. Vollziehet den Akt ja nicht über Luthers Gebein! Es wird lebendig davon und dann – Wehe euch!“ Ein Prophetenwort, dessen Erfüllung Harms selbst noch nach der einen Hälfte erlebt hat. Luthers Geist ist wieder lebendig geworden in seiner Kirche; aber das Wehe! hat sich, Gott sei Dank, an uns nicht erfüllt. Erst nehmen diese Thesen mehr die Form einer scharfen Untersuchung der Dinge an: die Union sei nur möglich, wenn entweder die Lutherischen oder die Reformirten von dem Glauben ihrer Kirche abgefallen seien und verheißt der neuen „sogenannten evangelischen Kirche,“ es werde wie in dem Kloster zu Henningstedt Niemand darin bleiben wollen; später aber wird er rhetorisch und geht zuletzt zu einem Lobe der in ihrem Bau vollständigen und vollkommen lutherischen Kirche über. Nur zweierlei hat er an ihr zu rügen, daß die oberste Leitung und Entscheidung auch in eigentlich geistlichen Sachen bei dem Landesherrn stehe, „das ist ein in Eil und Unordnung gemachter Fehler, den man auf ordentlichem Wege wieder gut zumachen hat“ und daß einige wenige Personen, bisweilen eine einzige, einer Gemeinde einen Pastor setzen.

92) „Die evangelisch-katholische (er meint die römischkatholische) Kirche ist eine herrliche Kirche. Sie hält und bildet sich vorzugsweise am Sakrament.“
93) „Die evangelisch-reformirte Kirche ist eine herrliche Kirche. Sie hält und bildet sich vorzugsweise am Worte Gottes.“
94) „Herrlicher als beide ist die evangelisch-lutherische Kirche. Sie hält und bildet sich am Sakrament wie am Worte Gottes.“
95) „In diese hinein bilden sich, selbst ohne der Menschen absichtliches Zuthun, die beiden andern. Aber der Gottlosen Weg vergehet, sagt David, Ps. 1, 6.“

Zwanzigstes Kapitel. – Wirkung der Thesen.

Die kleine Schrift erregte ein außerordentliches Aufsehen; sie wurde sehr schnell verbreitet; bereits nach 14 Tagen lag sie in Weimar aus, 5000 Exemplare wurden vom Verleger verkauft, außerdem aber noch Abdrücke und Nachdruck veranstaltet; es erschienen Uebersetzungen in fremde Sprachen, und sie fanden sogar ihren Weg nach Nordamerika. Schleiermacher sagt: „Von diesen Thesen hat man einige Tage nach beiden Seiten hin gesprochen, sehr ruhig und mäßig in Lob und Tadel.“ Das gilt aber natürlich nur von Berlin; und ist auch da wohl etwas zu viel gesagt.

Ganz anders schreibt der selbst rationalistische Oberhofprediger Ammon in Dresden:

„Da zieht aus Nordwesten eine stille Wolke heran, die auf einmal 95 alte Wahrheiten wie eben so viel neue Blitze auf die erstaunte Menge herabschleudert. Ueber die Erschütterung selbst sind, nachdem der erste Schrecken verschwunden ist, die Stimmen getheilt. Er ist voll süßen Weines, rufen die Sadduzäer; Andere sprechen von einer Sternschnuppe; wieder Andere von einem Donner aus dem Topfe; die sichern Sünder entrüsten sich, daß man sie im Angesichte der Gemeinde, wie in einer schwedischen Landkirche, durch einen Schlag des Stabes Wehe aus dem Schlummer weckt; ausgebrannte Glaubensberge werfen aus dem Krater ihrer Gelehrsamkeit zürnend eine Aschenwolke mit Schwefeldampf aus; die Klüglinge rufen, Pfaffenlärm und freuen sich, daß die Hühner des Staates fressen nach wie vor.“ Und zwar sagte er dies bereits am 17. November 1817. Die Aufregung muß überhaupt eine tiefgreifende gewesen sein.

Neben mir liegt ein Büchlein mit Harms‘ Thesen und einigen über dieselben erschienenen Schriftchen, welches 1818 von einem Kreise schlesischer Landgeistlichen im Riesengebirge gelesen worden ist. Wie weidlich setzen da die vom gelehrten Verkehr abgeschnittenen Pfarrherrn den Streit auf den weißen Blättern fort, welche der Sammlung beigeheftet sind und wie eifrig: für und wider.

Es wurden nämlich die Harms’schen Thesen Gegenstand eines heftigen Federkrieges, der sich von Holstein aus über das ganze protestantische Deutschland verbreitete. Dabei kamen manche Seltsamkeiten vor. So rühmte Jemand die Thesen als eine „bittere Arznei für die Glaubensschwäche der Zeit,“ der selbst zu den Kranken zu zählen war, während da Gegner erstanden, wo man Freunde gesucht hätte.

Das ehrenvollste Zeugniß für Harms lag dabei in der Thatsache, daß alle Laien, welche über die Thesen schrieben, Aerzte, Rechtsgelehrte u. s. f. ihm zustimmten, weil sie sich an die Sache, nicht an die Worte, an die That, nicht an die einzelnen Thesen hielten; dagegen wußte auch der gewaltigste Gegner (Schleiermacher) seinen Angriff nur so zu führen, daß er die Ueberschrift, gewisse Ausdrücke und einzelne Behauptungen tadelte. Im Laufe von etwa zwei Jahren erschienen im Ganzen nahe an zweihundert Schriften, wobei die Aufsätze, welche in Tagesblättern erschienen, gar nicht mitgezählt sind. Es bildeten sich besondere Lesezirkel für diese Fehde und Einer suchte sogar eine Zeitschrift zu begründen, in der nur von ihr die Rede sein sollte. Das letzte Wort wurde 1821 gesprochen, wo ein „Nachhall zu Harms‘ Thesen“ erschien. Aber dieser verhallte ungehört. Nicht so die Thesen selbst, welche ihren Segen gebracht und hätte er auch nur bestanden in dem Austausch der Meinungen, in dem allgemeinen Interesse, welches man plötzlich wieder aller Orten nicht an kirchlichen Fragen überhaupt, sondern an der einen nahm: Was habe ich zu glauben?

Zur Vertheidigung, wie zur Abwehr, mußte die Heilige Schrift und mußten namentlich die Bekenntnißschriften der evangelischen Kirchen durchforscht werden. Manche vergessene Perle wurde da wieder aus der Tiefe emporgeholt, manche Goldstufe aus, dem Schachte gebrochen und am Ende erging es den Betheiligten – und das waren auch die Leser – wie den Schatzgräbern in der alten Fabel: sie wurden, je tiefer sie gruben, desto reicher.

Natürlich war der Eifer der Freunde wie der Feinde des Thesenstellers in Holstein und dort wieder in Kiel doppelt so groß. Da handelte es sich nicht blos um die Sachen, sondern um die Personen. Der persönliche Streit wurde mit der größten Erbitterung geführt, schriftlich, mündlich, in der größten Oeffentlichkeit, wie im stillen Kreise des Hauses. Ein Verlöbniß soll zurückgegangen sein, weil zwischen Braut und Bräutigam über die Thesen gezankt wurde. Es gab Häuser, auch Gesellschaften, wo das Gesetz galt, daß um des Friedens von den Thesen nicht geredet werden dürfe und die Straßenbuben sangen auf offener Straße: Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen! Obgleich Jemand sehr treffend äußerte, es wäre wohlgethan, dergleichen den Buben zu überlassen, fand sich doch dieses Verschen sogar als Motto auf einer der Schriften.

Die Regierung konnte nicht ganz müßig zusehen, doch war ihr Benehmen in der Sache ein äußerst maßvolles, was ihr um so mehr zur Ehre gereicht, als sich der Hof, etwa mit Ausnahme der Königin, zu der Ansicht bekannte, welche Harms eine ketzerische nannte, als der höchste Geistliche Holsteins die Bibel empfohlen hatte, in welcher nach These 56 der Teufel herrschte. Zuerst mußte Harms seine am Reformationsfeste gehaltenen Predigten einreichen. Es war nämlich aus Mißverstand und Unverstand verbreitet worden, er habe gesagt: Luther oben, Christus unten. Im Frühjahr 1818 wurde ihm dann aufgegeben, sich über 22 ihm bezeichnete Thesen näher zu erklären. Unter dem 25. Juni lehnte er das ab und bat, daß man ihm bestimmte Fragen stellen solle. Er erhielt dieselben am 10. August. Es waren ihrer nur noch 7: Er sollte sich darüber aussprechen, inwiefern in den Worten, während keine Wacht in der Kirche war, der Vorwurf einer nachlässigen Aufsicht liege, wen derselbe treffen solle und wodurch er begründet werden könne. In Rücksicht auf die Altonaer Bibel würde ihm aufgetragen, zu prüfen, ob er seine leidenschaftliche Mißbilligung derselben wohl in geziemenden Worten ausgesprochen habe und worauf er seine so bestimmte Erwartung gründe, daß sie der König verbieten werde. Wegen der Sprache, die er in den Thesen führt, verlangte man von ihm die Erwägung, ob sie nicht heilige Gegenstände dem Gelächter Preis gebe und andererseits, ob nicht das Volk durch sie zur Selbsthülfe angereizt würde. Endlich hatte er seine Behauptungen über die angeblich in Eil und Unordnung gemachten Fehler der lutherischen Kirche zu rechtfertigen.

Es wird erzählt, der König sei anfangs dagegen gewesen, daß überhaupt eine Untersuchung angeordnet würde. Wir werden, habe er gesagt, mehr zu hören bekommen als uns lieb ist. Die verantwortliche Erklärung von Harms fiel sehr lang aus, ging auch etwas ins Breite, hatte aber den Vorzug, daß sie wieder größere Mäßigung mit dem Freimuth verband und sich durchaus an die Sache hielt; in einigen Punkten nahm sie die Fragen sogar in ganz wissenschaftlicher Weise auf.

Harms hat sie elf Jahre später in der Evangelischen Kirchenzeitung des Professor Hengstenberg in Berlin abdrucken lassen. Da mag sie Jeder nachlesen, der sich lebendig in jene Zeit zurückversetzen will.

„Und um einmal hinzunehmen den Luthernamen, mit welchem zu spotten man ja immer noch nicht aufhören kann, so mache ich den Anfang mit einem Worte Luthers,“ – heißt es im Eingange – „da ich jetzt in nicht ganz unähnlicher Lage mich befinde: Weil denn Ew. Majestät eine schlechte, einfältige, richtige Antwort begehren, so will ich die geben, so weder Hörner noch Zähne haben soll (Worte Luthers in Worms), welchem fremden Wort ich dies eigne hinzusetze, Ew. Kgl. Majestät wollen sich nicht vorbilden lassen, als könnte vorliegende Sache in Glückstadt oder Kopenhagen abgemacht werden; nein! es ist wahrlich ein Senfkörnlein Glaubens darin, das schon aufgegangen ist und nicht mehr unterdrückt werden kann, würfe man auch einen Berg darauf. Ich kann unterdrückt werden, mag auch gefehlt haben in diesem oder jenem Betracht und unterliege dann mit Recht; der Glaube aber, der in den Thesen lebt, wird nimmermehr gedämpft, deß nimmt sich an, deß waltet und wacht, der alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Wort. Hebr. 1.“

In der Erörterung über die Altonaer Bibel antwortet er, daß bei seiner Ueberzeugung dieses Buch durch und durch glaubenswidrig sei, er keine Umstände und Verhältnisse auf der ganzen Welt wüßte, die ihn abhalten könnten, seine Mißbilligung in möglichst starken Worten auszudrücken. Dann läßt er das Buch selber reden, zeigt seinen Widerspruch mit der Bibel und daß entweder Christus Herz und Gewissen verwirre und die Bibel das schlechteste Buch sei oder er mit seinem Urtheil über die Funkische Bibelerklärung im Recht sei. Er schließt:

„Als ein Gebundener Jesu Christi, oder wie es verstündlicher lautet, als ein berufener und beeidigter Diener des göttlichen Wortes werde ich nach dem Maße, wie Gott mir Einsicht und Kraft dazu gegeben hat und ferner geben wird, meine Einsicht und Kraft aufbieten, auch Niemand und nichts scheuen, der Altonaer Bibel und allen Liebhabern ihrer rationalistischen Grundsätze entgegen zu arbeiten, wie ich gethan bisher, seit ich diese Bibel genauer kenne, alsofort, und immer fortan in Gottes Namen. Amen.“ Er verwahrt sich aber dann noch in einem Nachwort dagegen, daß er leidenschaftlich zu Werke gegangen sei. Zu seiner Verheißung, der König werde die Bibel bald verwerfen, hält er sich befugt, weil ihm die Unbrauchbarkeit des Buches, seine Kenntniß vom menschlichen und göttlichen Rechte, wie von der alten und neuen Geschichte der Kirche diese Ueberzeugung gebe; welche sich zuletzt auch auf „glaubhafte Erzählungen von Ew. Majestät persönlicher Religiosität und Gläubigkeit“ gründete.

Er erhielt keinen Bescheid; und somit war die Sache abgemacht, aber sie hatte eingreifende Wirkung. Der Aufkauf der noch unverkauften 3937 Exemplare der Altonaer Bibel war allerdings schon am 29. November 1817 aus Betrieb der Königin geschehen, nachdem bereits am 10. Januar 1817 eine Anfrage vorangegangen war. Hier können also die Thesen nur gefördert haben, was ohne sie vielleicht nicht so bald, aber doch auch geschehen wäre.

Wie jedoch nur ein geringer Theil der Harms’schen Sätze gegen jenes Buch gerichtet war, so lag in dessen Beseitigung nur ein sehr kleiner Theil des Segens, den sie brachten, Nach der Mitteilung eines Zeitgenossen war es in Holstein und Dänemark „nicht anders, als ob die 95 Theses abermals an die Thür Aller Heiligen geschlagen wären und als ob ein zündender Funke gefallen sei in einen lange bereiteten und aufgehäuften Brennstoff.“

„Ein ungeheurer Widerspruch hat sich dagegen erhoben, hier und da ein ekelhaftes Geschrei, ein Gezische! und Gespöttel bis zu den unwürdigsten Knabenstreichen. Aber eben so sehr ist eine große Freude, ein Beifall bezeugendes Danken laut geworden von Seiten ächter Lutheraner, die sich lange gesehnt hatten nach dem Glauben ihrer Kirche, nach der Ahnensprache und Ahnentracht ihres Kirchenthums und ihrer Väter, in dessen Kraft und Fülle diese sich glücklich schätzten, ein herrliches Gebäude mitgründet oder erhalten zu haben für die Nachwelt.“

Es scheint in der That, als habe der Unglaube wie ein Alp auf dem Holsteiner Lande gelegen und dieses sich nach Befreiung von diesem Drucke gesehnt, d. h. ohne Bild geredet, als hätte es den Bessern unter dem Volk und den Geistlichen nur an dem Muthe gefehlt, sich offen unter das Kreuz ihres Erlösers zu stellen und wäre ihnen nun der Anlaß, ehrenvoll mit ihrem früheren Leben zu brechen, willkommen gewesen. So entnehme ich dem Munde eines entschiedenen Gegners von Harms, eines ungläubigen Mannes, das Zeugniß, welchen großen Nutzen Harms‘ kräftige Worte für das kirchliche Leben gebracht hätten: „die Geistlichen erinnerten sich wieder, daß sie für die Gemeinden da seien und die Gemeinden füllten wieder die Gotteshäuser.“[vii]

Noch 1819, dies ist eine Einzelheit, war der Thesensteller, da man ihn um Empfehlung gläubiger Kandidaten für Pfarrstellen anging, deren nur drei zu nennen im Stande, 1831 kannte er mehr als zwanzig solche und kannte auch manchen Pastor, der jetzt den Glauben predigte, den er vordem geleugnet hatte. Doch war er demüthig genug, das Verdienst davon nicht für sich allein in Anspruch zu nehmen.

Er selbst rühmt es, was der Professor Twesten, jetzt in Berlin, damals in Kiel, für die studirende Jugend gethan habe, um sie zum Glauben zurückzuführen und erzählt, es sei damals in Kiel die Rede gegangen, Twesten bekehre zuvor seine Zuhörer und dann taufe sie Harms. Auch erkennt er den Segen an, den die jungen Holsteiner in Berlin von dem frommen Neander, von Schleiermacher und von dem Baron von Kottwitz empfangen hätten, einem christlich-gläubigen Edelmann, dessen Haus und Herz den studirenden Jünglingen offen war.

Einundzwanzigstes Kapitel. – Der Streiter Christi,

 Fragen wir nun endlich, wie es denn aber dem Thesensteller selber in jener Zeit ergangen sei, so ist wohl zu antworten, er hatte den fünften Vers aus Luthers Liede:

Ach Gott vom Himmel sieh darein
Und laß Dich deß erbarmen,
Wie wenig sind der Heil’gen Dein

zu lernen:

Das Silber durch’s Feuer siebenmal
Bewährt, wird lauter funden;
An Gottes Wort man warten soll
Desgleichen alle Stunden:
Es will durch’s Kreuz bewähret sein,
Da wird sein Kraft erkannt und Schein
Und leucht‘ stark in die Lande.“

Ja, er hatte zu leiden und es ist gewiß wahr, daß wenn jede Verunglimpfung und Beschuldigung eine Narbe zurückgelassen hätte, jeder Krieger hinter ihm zurückstehen müsse. Was hatte er nicht allein öffentlich hinzunehmen. Da rief ihm der Pastor Boysen zu: „Komm, Knäblein und lerne,“ da warnte ein gefeierter Lehrer in Hamburg seine Schüler vor dem unvernünftigen Vernunfthasser, der wohl schöne Postillen schreibe, aber ganz unwissend wäre und von Anmaßung strotzte. „Schwärmer“ wurde er gescholten, „Aufwiegler,“ „benebelt vom Weihrauch des Lobes.“ Er wolle, hieß es, „eitler und toller Weise ein zweiter Luther werden,“ er sei ein „Buchstabenknecht,“ ferner, was wohl das Lächerlichste ist, er sei „ein blindes Werkzeug der Jesuiten“ und was ihn wunderlicher Weise am tiefsten verwundet hat, aber doch dazu zu gemein war, „er möge wieder den Mehlsack aufnehmen.“ Ein Schulmeisterlein unterstand sich, ein Pasquill gegen Napoleon: „Ein Satan ist dem Höllenreich entstiegen“ auf ihn anzuwenden. Der wurde bestraft. Zu diesen Kränkungen kamen solche, welche ihn näher berührten: Studenten ließen seinen Gruß unerwiedert oder es geschah, wo deren Mehrere waren, daß es der Eine dem Anderen laut rügte, wenn derselbe Harms grüßte. Anonyme Schmähschriften, auch Drohbriefe, oft schon mit beleidigender Aufschrift, wurden ihm zugestellt; Häuser, die ihn gern aufgenommen hatten, schlossen sich ihm; frühere Anhänger weinten vor Aerger, sich in ihm getäuscht zu haben u. s. f. Dabei hatte er, der doch auch über seinen Glauben Rede stehen wollte, ungewöhnliche Arbeitslast zu tragen und endlich schwebte über ihm fortwährend die freilich nur eingebildete Gefahr der Amtsentlassung. Sein Wahlspruch: Wer glaubet, fleucht nicht, hielt ihn aufrecht und er gelangte dahin, daß er Alles muthig, auch freudig trug. Er kam sogar jener gefährlichen Ueberspannung nahe, in der man am Schmerze Lust hat und das Martyrium wünscht. Der Brief eines Ungenannten, der ihm Muth zusprach und versicherte, es sei bereits die Zuflucht ausgefunden und bereitet, die ihn, wenn er sein Amt verlöre, aufnehmen solle, ärgerte ihn. Aber seine gesunde Natur überwand auch diese Gefahr.

Uebrigens ließ ihn sein Gott auch nicht ohne reiche Freude: es erschloß sich ihm manch treues Christenherz, es wurde ihm mancher Liebesbeweis gegeben, in Worten, Zuschriften, Geschenken und in öffentlichen Zeugnissen. Sein Geburtstag brachte ihm 1819 das Geschenk eines 4 1/4 Pfund schweren silbernen Taufgefäßes. Die Zuhörerzahl wuchs bei seinen Predigten und Kinderlehren; sie bestand aus drei Theilen, dem kleinsten, den die Neugierde, dem größten, den die Freude an seinen Vorträgen selbst in die Kirche führte und einem dritten, welcher es zur Ehrensache machte, sich öffentlich zu ihm zu bekennen. Dabei hatte er noch die Freude von einem Landmann zu erfahren, welcher allsonntäglich nach Kiel kam, um ihn zu hören, am Montage die Predigt ausarbeitete und sie dann seine Bekannten lesen ließ. Doch blieb auch diese Freude nicht ungetrübt. Ein Mensch, der sich Schornsteinfeger unterschrieb, rezensirte alle Harms’schen Predigten im Wochenblatt, sowie man Theaterstücke rezensiert. Aber dagegen erhoben sich viele Bürger Kiel’s, Gelehrte und Ungelehrte, als gegen einen argen Unfug in öffentlicher Erklärung mit Namensunterschrift in demselben Blatte und so unterblieb es.

Nicht den kleinsten Gewinn trug Claus Harms selber aus dem mehrjährigen Kampfe davon, sein Wissen erweiterte und vertiefte sich; dadurch gewann seine Rechtgläubigkeit an Klarheit und darum auch an Festigkeit und an Milde. Vergessen Sie doch nicht, bittet er immer, daß ich um 1800 studirt habe; es haftete ihm noch viel Fremdes, viel Altes an, da er in den Kampf ging und eben darum war er bisweilen etwas warm, weil er den Feind auch in sich noch fühlte. Den überwand er nun ganz. Seine Wirksamkeit wurde ruhiger, friedlicher, kräftiger. Er hatte den außerordentlichen Vortheil, daß er Jedem sein Angesicht gezeigt hatte, sich also Niemand in ihm täuschen konnte. So ging er reicher und frischer, in ungebrochener Kraft, aber neu errungener Freiheit und mit vollem Frieden des Herzens aus dem Kampfe hervor.

Es war nicht sein letzter gewesen. Die Feier des Tages von Augsburg führte ihn wieder auf den Plan; seine Predigten, er ließ sie drucken, waren voll Feuers und er hatte den Muth, die Geistlichen, welche wider das Bekenntniß ihrer Kirche predigten, als Meineidige zu bezeichnen. Es gab neue heftige Streitigkeiten. Namentlich wurde eine Bittschrift an die deutschen Fürsten in Umlauf gesetzt, worin man auf Abschaffung des Eides drang, der die Geistlichen an das Bekenntniß von Augsburg bindet. Die Bewegung ging weiter, so daß bald genug klar wurde, daß ihre Anstifter nicht gegen Harms, sondern gegen die Geistlichen überhaupt seien, aber sie verlief schnell, um so mehr, als Wenige den Muth hatten, ihren Namen herzugeben.

So finden wir ihn auch im letzten Jahrzehnt seines Lebens als den alten Kämpen, deß Schwert nicht rosten darf. Eine Bahnprobelustfahrt am Sonntage straft er als „eine großartige Sabbathsentweihung.“ Auch greift er noch einmal über die Gränze seiner Heimathskirche, indem er als Einer wider 88 sich gegen eine Erklärung ausspricht, welche eine Anzahl Berliner Geistlichen und Bürger wider das Kirchenregiment ihres Landes hatten ergehen lassen.

„Meine Berathung mit mir“ – hebt er an – „ist zu Ende. Eure Zahl und was ein Jeder an Amt, an amtlicher Würde, an Titel und sonst hat, vom ersten Bischof an in der evangelischen Kirche bis zum Rektor an einer höhern Töchterschule, sammt was die andern gewiß achtbaren, in Eure Zahl geschaarten Männer des Bürgerstandes, an Geltung mitbringen, das hält mich nicht ab, Euch öffentlich unter die Augen zu treten und Euch zu sagen, Ihr habt eine Erklärung gegeben, welche nicht tauget, worin sich weder Wahrheit noch Freimüthigkeit, weder Liebe noch Klugheit findet.“ Das beweist er dann:

„Wislicenus, Uhlich, König sind freimüthig, Ihr aber seid es nicht, Ihr sprecht nicht gerade heraus.“ – „Wir sollen unsern Glauben ererbt haben. Ihr Bitteren! Ja, ererbt haben wir ihn, allein wir wissen, mit welcher Arbeit wir uns in dies Erbe versetzt haben.“ – „Und von der Entwickelung erwartet Ihr eine heilsame Lösung des Kampfes. Ja, sie wird den Kampf lösen, aber in dem Verstande, daß er erst recht losbrechen und Jeder schreien wird: Hier ist des Herrn Tempel! oder Christus ist hier! ein Anderer: Nein, da nicht, sondern hier! und alsdann Niemand wissen wird, wo denn Christus eigentlich sei, und an eine Kirchenverfassung, die Ihr in Aussicht stellt, auch kein Mensch mehr denkt, es sei denn, daß ein Napoleon eine dekretiret und das müde gejagte Volk dazu willig ist. Kiel, Septbr. 5, 1845.“

Mit noch größerer Schärfe beurtheilt er das glaubensleere Lichtfreundthum und mahnt Alle, denen das Sehen befohlen ist, die Augen wacker zu halten.

„Ernst wider Ernst! die Leute machen Ernst, wie’s scheint.“ Daß Harms bei Vertheidigung des alten Bekenntnisses kein bloßer Alterthümler war, geht aus dem Streite sattsam hervor und hat er auch sonst bewiesen. So trat er 1830 in dem Streite über das neue Berliner Gesangbuch hervor und noch 1852 schrieb er: „Treibe man es nicht zu weit mit der Wiederherstellung des Urtextes (d. i. der ersten Gestalt der Lieder) und noch Ein Wort: „Hänge man doch nicht alles Heil der Christenheit an ein neues Gesangbuch als an einen Haken.“ Sein Aufsatz von 1830 sollte doch recht fleißig wieder gelesen werden. Er will Christum nicht „Lämmlein“ heißen lassen, denn man darf die Bibel nicht überbieten und die kennt nur das Lamm. Man soll bei der neuen Darbietung alter Gesänge nicht blos an die Wenigen denken, die sie schon lieb haben, sondern an die Vielen, die sie erst lieben lernen sollen, und „es ist doch eine andre Zeit gekommen seit Paul Gerhard, die sich wahrlich nicht in Bündlein binden und zum Verbrennen in den Pfuhl der Ungläubigen werfen läßt, weil sie nicht singend nach Porst, Gesang 392, in die Wunderthür springen und hohenliedisch den süßen Wein der Brüste Jesu sich geben lassen will.“

So war Harms, der Streiter Christi. Nun sagen aber seine Feinde, er habe die Staatsgewalt wider den Rationalismus und seine Anhänger zu Hülfe gerufen. Das ist eine Lüge. Lest seine Thesen: er will die Kirche frei von der Staatsgewalt; der Glaube soll den Unglauben überwinden. Schutz hat er freilich für den Glauben gesucht und den mußte er da suchen, wo Macht und Recht war; aber eine Verfolgung Andersgläubiger war ihm zuwider und er hat sich, wo sie vorkam, z. B. bei der Amtsentlassung des Pastor Wolff in Kiel, scharf dagegen ausgesprochen.

Wir stehen fast am Ende. Wie der Strom, wenn er die Felsen, aus denen er herabfällt, überwunden, ruhig dahinfließt – so ergoß sich das fernere Leben unseres Harms, eine Wohlthat für die, denen es angehörte. Nur da oder dort zog eine Wolke auf, oder es strömte auf ihn selber doppelt reichlicher Segen herab. Erst am Ende des Laufes stellten sich ihm noch einmal Berge entgegen, aber er hatte die Kraft gefunden, sie in das Meer zu versetzen und fand so in ungestörtem Frieden den Eingang zum Hafen der ewigen Ruhe.

Zweiundzwanzigstes Kapitel. – Freud und Leid,

 Mitten in die große Bewegung, welche von den Thesen ausgegangen war, fiel ein ehrenvoller Ruf an Claus Harms, nach Petersburg zu kommen. Die gesammte lutherische Kirche Rußlands sollte einen Bischof erhalten und zu diesem hohen und hochwichtigen Amte war der Diakonus einer dänischen Landstadt ersehen. Sechstausend Rubel jährlichen Gehaltes, freie Wohnung, ein Kronarrendegut wurden ihm geboten. Dafür sollte er in dem neuen Consistorium die geistlichen Angelegenheiten der lutherischen Kirche besorgen und durch Visitations-Reisen auf das innere Leben derselben einwirken. Welch‘ eine Stellung, welch‘ eine Thätigkeit! der weitgehendste Ehrgeiz mußte seine Befriedigung finden. Dazu kam nun noch die besondere Weise, in welcher der Antrag an ihn kam, mit der wiederholten Versicherung des Consistorialpräsidenten Fürsten von Lieven, daß er vom Kaiser selbst ausgehe, die eindringenden Worte, in denen der fromme Herr dem Berufenen die Sache an’s Herz legte, die Briefe der evangelischen Geistlichen aus den Ostseeprovinzen, welche zuredeten, welche auf der Reise Obdach anboten und es sich wie eine Huld erbaten, daß der neue Bischof doch einige Tage in ihren Gemeinden weilen solle. Alle Augen waren auf Harms gerichtet, was er thun würde und sein Auge ging tief in den Grund seines Herzens und wieder in die Schrift. Dort stand es Ps. 40, 10:„Ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeinde; siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen. Herr, das weißt du.“

Darüber kam er nicht weg. Allerdings wurde ihm zugesichert, er werde predigen dürfen, so oft er wolle, man stellte ihm sogar die Bildung einer bestimmten deutschen Hofgemeinde in Aussicht. Aber das genügte ihm nicht, und er lehnte den Ruf ab. Die Ueberraschung war groß. Zwar hatten seine Gegner vorher gesagt, die Einen, er sei stolz genug, um dem Rufe zu folgen, die Andern, er sei stolz genug, um solches Anerbieten abzuweisen, sie waren entschlossen gewesen, ihm das Ja wie das Nein zu mißdeuten. Da sie es nun aber wirklich erfuhren, daß der so vielfach geärgerte Mann seiner Liebe zur Gemeinde dieses Opfer bringen konnte, verstummten sie. Das Zeugniß war zu mächtig wider sie. Desto rühriger waren seine Freunde: 250 angesehene ehrenwerthe Männer aus allen Ständen überreichten ihm die Abschrift einer Erklärung, welche sie an den König gerichtet hatten. Darin sprachen sie ihre Freude darüber aus, daß ein Mann wie Harms der Stadt und dem Lande erhalten worden sei, baten aber zugleich, die Gnade des Königs wolle ihm doch das gebrachte Opfer erleichtern und in Etwas ergänzen, was ihm an Einkommen fehle. An einer Stelle griffen sie selbst zu. Er hatte keine Dienstwohnung: sie kauften ihm ein hübsches Grundstück mit Wohnhaus und Garten. Dort hat er die vierzehn schönsten und besten Jahre seiner Amtsthätigkeit verlebt; dort hat er auch die Studirenden Kiels zu gläubigen Dienern ihres Heilandes erziehen helfen.

Aber die ersten Jahre in der neuen Wohnung wurden getrübt. Aufregung und Anspannung aller Geistes- und Gemüthskräfte von dem Wahltage in Kiel bis zum Einzuge in das Haus, was treue Liebe ihm geschenkt hatte, waren zu stark gewesen: auch eiserne Gesundheit konnte da nicht Stand halten. Ein heftiges Unterleibsleiden führte ihn der Schwermuth nahe und setzte ihn außer Stand, sein liebes Amt auszurichten. Er quälte sich mit heftiger Selbstanklage, mit einem Worte, das er in der Thesensache gegen Jemand gerichtet hatte, die Liebe verleugnet und schwerer gesündigt zu haben, denn daß es ihm vergeben werden könnte. Man rieth ihm zu reisen; Freunde schossen das nöthige Geld zusammen und in dem Professor Gensichen fand sich ein lieber Begleiter.

Seine Reise ist über Hamburg in das deutsche Land hineingegangen und hat ihm auch manchen inneren Gewinn eingetragen: er hat viel gesehen, manch altes Band gefestigt, manches geknüpft. Besonders heilkräftig wirkte auf ihn gleich im Anfange das Wort eines alten erfahrnen Arztes. Der ließ sich von ihm über den Ort seines Leidens belehren, legte seine Hand auf den kranken Leib und sprach: „O, da kann der Mensch viel vertragen.“ Für Harms lag darin Trost, wie in einem Worte von Oben herabgekommen.

Schon unterwegs war unser lieber Kranker im Stande zu predigen, heimgekehrt konnte er alle Amtsverrichtungen wieder aufnehmen; aber es währte zwei Jahre, während deren er strenge Selbstzucht üben mußte, ehe das Leiden wich. Jetzt folgten ruhige Jahre. Als aber im Jahre 1830 das Pastorat und die Probstei in Meldorf erledigt wurden, da zog es ihn mit großer Gewalt zurück nach Süderdithmarschen und er that bereits einleitende Schritte, um sich dorthin zu melden. Jedoch von Kopenhagen aus wurde ihm ziemlich deutlich kund gegeben, daß man sein Verbleiben in Kiel gern sehe, so unterdrückte er seinen Herzenswunsch.

1834 starb Schleiermacher in Berlin. Zum zweiten Male und dies Mal viel kräftiger, trat die Versuchung, Kiel zu verlassen an ihn heran, da er angefragt wurde, ob er wohl die frei gewordene Stelle annehmen würde. Er hat wirklich geschwankt. Sein Schüler Michael Baumgarten legte ihm die Frage vor, wie er den Eintritt in die unirte Kirche mit seinem ausgesprochenen Lutherthum in Einklang bringen könne. Er gab folgende authentische Antwort: „In Berlin wissen sie, was ich bin und was ich bleiben will bis an’s Ende; wollen sie mich denn, wie ich bin, haben, so habe ich in dieser Hinsicht kein weiteres Bedenken.“ Indessen hielten ihn, den 56jährigen Mann, noch starke Bande an der Heimath fest: Er wählte einen Mittelweg, indem er in Kopenhagen von der ganzen Sache Anzeige machte und erklärte, er wolle den Antrag des preußischen Ministenalrathes ablehnen, wenn man ihm die Nachfolge in den Aemtern des Pastorats und der Probstei zusicherte. Die Antwort fiel zwar nicht ganz bestimmt, doch insoweit günstig aus, daß sie ihn veranlaßte auf Berlin zu verzichten, das hieß sich auf Lebenszeit an Holstein zu binden. Eine Prachtbibel, mit den Namen von 514 Gliedern seiner Gemeinde, bezeugte ihm deren Freude an seinem Entschluß; doch den besten Dank erfuhr er dies Mal von einer Seite her, von der ihm früher manches Unliebsame gekommen war, von der Universität. Die theologische wie die philosophische Fakultät zierten ihn mit dem Doctorhute. Waren es vordem nur einzelne Professoren gewesen, die zu ihm hielten, so war es ihm nun in den zwölf Jahren geräuschlosen Wirkens gelungen, den ganzen gelehrten Kreis von der Reinheit seiner Absichten und der Tüchtigkeit seiner Gesinnung zu überzeugen. Die mit der Doctorwürde verbundne Erlaubniß, öffentliche Vorträge an der Universität zu halten, benutzte er nur in einem Halbjahr. Er wurde nämlich bereits im folgenden Jahre in ein neues Arbeitsfeld gerufen. Im August 1835 starb der Probst Fock; der September brachte Harms‘ Ernennung zum Hauptpastor bei St. Nikolai und zum Kirchenprobst.

Seine Antrittspredigt, welche gedruckt ist, begann er mit dem Verse:

„Ja, Herr Jesu, bei dir bleib‘ ich.
Wie in Freude, so in Leid.
Bei dir bleib‘ ich, dir verschreib‘ ich
Mich in Zeit und Ewigkeit,
Immer deines Winks gewärtig
Neubestellt und abbestellt
Fertig oder noch nicht fertig
Zu dem Gang aus dieser Welt,“

den er von Spitta entlehnt und für sich geändert hatte. Seine Rede stellte das neue Amtsverhältniß sehr klar vor die Augen der Gemeinde, als ein altes und neues, in welches die Liebe und Treue wie die Erfahrung von dem göttlichen Mitunssein hinübergenommen würden.

An seine frühere Stelle wurde der Pastor Wolff aus Dithmarschen berufen, ein sehr entschiedener Rationalist. Darin lag eine augenblickliche Kränkung und der Keim für manchen schweren Verdruß. So hat Harms in seinem ganzen Leben die Freude entbehren müssen, mit einem gleichgesinnten Amtsbruder an einer Kirche zu arbeiten; mit Wolff ist er sogar bis zum Kanzelkriege gekommen. Dennoch war er der Meinung, daß es den Geistlichen und den Gemeinden ein Segen sei, wenn ihrer zwei neben einander stünden; dennoch rühmt er: „Was Gutes an mir ist, wenn etwas, das schreibe ich mehrentheils meinem amtsbrüderlichen Verhältniß zu, darin ich von Anfang gestanden bin. Die Regeln, die es ihm möglich machten, selbst diese Schwierigkeiten zu überwinden, finden ihre Anwendung auf jedes solche Verhältniß. Voran steht: „Die Beiden müssen Frieden halten.“ Dann empfiehlt er, jede zu weitgehende Vertraulichkeit zu meiden, jedes persönliche Vordrängen zu unterlassen, dem Andern jede billige Achtung zu erweisen, seine Predigten zu hören, nirgends vorschnell zu bessern und – „lieber als Hammer sei du Ambos.“

Das neue Amt brachte eine völlige Veränderung in seinen Arbeiten hervor; seine Befürchtung, ob wohl die Zuhörer ihm treu bleiben würden, erwies sich ungegründet. Da er nach Kiel als Nachmittagsprediger kam, riethen ihm seine Freunde, er solle Pastor Fock veranlassen, ihm an jedem zweiten Sonntage die Hauptpredigt zu überlassen. Nach einiger Ueberlegung wies er das von sich, aus Rücksicht für den alten Herrn und weil so leicht bei Vielen ein vierzehntägiger Kirchengang eintreten würde. Als ihm nun die Frühpredigten zufielen, schlugen ihm dieselben Rathgeber vor, jetzt mit Pastor Wolff abzuwechseln. Er hat keinen Grund zur Klage darüber gehabt, daß er auch dies unterließ. In etwas vermehrte sich sogar die Hörerzahl. Soweit blieb denn Alles beim Alten, aber – bisher hatte er nur Seelsorge und Predigt auf sich, durch Briefschreiben zerstreute er sich nicht, Stunden zu geben hatte er nicht nöthig: so war ihm für die Bereicherung seines Geistes viel Zeit geblieben. Die fehlte jetzt, die Pastorats-Arbeiten waren sogar so bedeutend, daß er für das erste Halbjahr um einen Vertreter in der Probstei bat. Dann trat er diese an. Hier ging ihm eine neue Welt auf, im amtlichen Verkehre mit Geistlichen und Gemeinde. Wenn er so dastand am Altare, etwa zu Probsteierhagen, und nun die heilige Kette wieder festigte, von welcher der Hirte und seine Heerde umschlungen waren, wenn er Abends im traulichen Zwiegespräch mit dem Pastor seine Predigten besprach, lehrend, lernend, erbaut, wo er Glaubensgemeinschaft fand, erbauend und erweckend, wo er sie noch suchte, da ward ihm das Herz warm. Aber einen dreifach ernsten und innigen Ton schlug er an, wo er einen Jüngling im Feuer der ersten Liebe seiner neuen Gemeinde zuführte. Mit welchen Hoffnungen sah er auf den jungen Pastor, mit welcher Liebe führte er ihn, mit welcher Treue hielt er an ihm. Schon elf Jahre vor seiner Ernennung zum Probste hatte er mit den Pastoren Hensler in Barkau und Dr. Mau aus Schönberg einen Predigerverein ins Leben gerufen. Derselbe bestand grundsätzlich nur aus gläubigen Predigern und hatte die gegenseitige Förderung in der rechten Verkündigung des lautern Evangeliums zum einzigen Zwecke. Die gewöhnlichen Besprechungen über amtliche Vorkommnisse, unter denen Vereine von Geistlichen so leicht versanden, wurden ausgeschlossen. Dagegen wurden jedes Jahr zwei wissenschaftliche Aufsätze über frei gewählte Gegenstände bei allen Mitgliedern in Umlauf gesetzt und dann bei der Zusammenkunft in Barkau besprochen. Ingleichen kamen ganze Jahrgänge von Predigten oder Predigt-Entwürfen zur Beurtheilung. Von dem vielen Schönen, was dort zu Tage gefördert worden ist, haben wir zwei Aufsätze unseres Harms kennen gelernt. Der Verein hat 21 Jahre lang bestanden. Nach einer andern Seite wandte sich der Kieler Convent. Probst Harms versammelte nämlich auch die Geistlichen seines Kirchenkreises bei sich in Kiel, mit ihnen Fragen des Amtes zu besprechen, Anträge an die Behörden zu richten u. dgl. Ausgewirkt haben sie bei diesen nicht viel, desto reicher war der Ertrag, den jeder Einzelne von den Vereinigungen gewann.

Dreiundzwanzigstes Kapitel. – Des Amtes Segen.

 Wie es dem Wanderer ergeht, welcher ein Hochgebirge ersteigt, daß sich, nachdem er unter Abwechselung von Beschwerde und Erquickung allmählich zu letzten Höhe emporgestiegen ist, plötzlich vor ihm die weite schöne Landschaft aufthut, von einem wolkenlosen Himmel beschienen, und er nun im seligen Anschauen verloren, aller Mühe vergessend, mit nur dankendem Auge seinen Weg zurück- und dann aufschaut zu dem Himmel, von dem ihm so viel Freude kommt, so geschieht es auch uns Christen in unserm irdischen Pilgerlaufe. Bisweilen schafft uns die göttliche Gnade große Segentage, in denen sich die Ernte vieler Jahre zusammenfaßt, Tage reiner Freude: die uns Alles darbieten, was wir wünschen mögen: eine Offenbarung über unsre bisherige Lebensführung, die uns zum innigsten Danke begeistert, eine Gewißheit, daß in unserer Arbeit nicht Alles menschlich und vergänglich war, daß die sittlichen Bande der Treue und Liebe, die uns den Angehörigen auf Erden verbinden, heilige seien, welche uns von Gott kommen und zu ihm führen. Es sind wenig solcher Tage im Leben eines Menschen, aber Einer genügt, um uns die Gewißheit des ewigen Lebens zu verbürgen. Der vierte Advent des Jahres 1841 war es, den Gott der Herr unseren Claus Harms zu einem solchen Weihetage machen wollte, wo er die Früchte langer treuer Amtsführung aus seinem Füllhorn über ihn ausschüttete und ihn unter reichem Segen erfahren ließ, daß er nicht umsonst gelitten und gearbeitet habe. Von allen Seiten flossen ihm an diesem Tage Zeichen der Liebe zu und mit so zwingender Gewalt riß die allgemeine Anerkennung selbst die Widerstrebenden in ihren Strom mit fort, daß sich nur Freude wies. Ein Vierteljahrhundert hatte Claus Harms mit seiner Gemeinde Kiel durchlebt und diese fühlte sich gebunden, ihm dafür zu danken. Es war nichts Gemachtes in der Feier; ja es konnte nicht einmal gesagt werden, von woher sie veranlaßt worden sei; vielmehr hatten alle die Kreise, mit denen er in Verbindung gestanden, jeder für sich bereitet und gerüstet und erst die letzten Tage vor dem Feste führte die gemeinsame Liebe und der Sinn für Ordnung zu einer Vereinigung.

Der Barkauer Prediger-Verein überreichte dem Jubilar am Vorabend der Feier einen fein gearbeiteten silbernen Pokal; am frühen Sonntagsmorgen begrüßte ihn der Gesang der Schulknaben, die ein Lied aus seiner Sammlung vortrugen, in das er in voller Andacht einstimmte; dann spielte ihm die Militairmusik einige Choräle und erhöhte also seine festliche Stimmung. Dadurch ward es ihm unmöglich gemacht, in seiner Predigt von dem Tage zu schweigen. Er nahm gleich im einleitenden Gebete Bezug, führte aber dann die Gemeinde in den Sonntagstext ein. „Der ist es,“ war das Thema seiner Rede, welches Wort gehört werde als von Johannes dem Täufer gesprochen, in die noch währende Adventszeit gesprochen, zu dem ganzen gegenwärtigen Geschlechte gesprochen und als noch von Jemand gesprochen. Natürlich fiel auf diesen Theil das Hauptgewicht. Hier wandte er sich an die Gemeinde, bittend, daß sie ihm bezeugten, wie er all‘ diese 25 Jahre gesprochen: Der ist es:

„Ruhm von Euch suche ich nicht; doch in mir Ruhe möchte ich gerne bei Euch finden, diese Ruhe im Zurückblick. Ich habe nimmer Christum geleugnet, Jesum geschwiegen, sondern ihn bekannt und gewiesen auf ihn: Der ist’s und in keinem Andern Heil. Der Apostel sprach: ich bin mir nichts bewußt. O, Ihr solltet nur hören können, wie’s zu Zeiten, und besonders bei diesen Umständen, die Ihr meine Feier nennt, in mir zusteht. Verleugnet hab ich nicht, geschwiegen auch nicht – vielleicht auch manchmal geschwiegen; dagegen mein Bekennen, ein wie ganz andres, reiner und lauter klingendes und tiefer dringendes hätte das sein sollen. Aber Ihr wollt mir ja die Beruhigung geben, daß dennoch Euer Christenthum da gepflanzet und da begossen sei durch meinen Dienst an der Gemeinde. Das nehm‘ ich an und gilt mir höher denn Alles, was Eure Liebe sonst heute thut. Mit diesem Eurem Urtheil geh‘ ich getroster zu dem Herrn und bitte zuversichtlich, so wollest du mich auch vor dir rechtfertigen nach deiner Gnade.“ Der Schluß wandte sich an die gegenwärtigen Mithelfer an der Gemeinde und an diejenigen, welche es einst an andern Gemeinden sein würden.

Den Heimgekehrten empfingen die reichen Geschenke seiner Confirmandinnen, in sinnreicher Liebe zusammengestellt: eine große gestickte Decke, die Arbeit vieler froh und emsig vereinten Hände, ein gleichfalls gestickter Lehnstuhl, daneben standen silberne Armleuchter, als Bilder der Kirche, auf Tischchen, welche kunstvolle Hand den einen mit einem Rosenkranz, dem Zeichen der schönen Vergangenheit, dem andern mit einem goldenen Aehrenkranz, dem Sinnbilde gesegneter Zukunft, geziert hatten.

Unter den eigentlichen Gratulanten nahm Se. Durchlaucht der Herzog Carl von Holstein-Glücksburg mit seinem Bruder Prinz Friedrich den Vortritt; er verband mit den eigenen Glückwünschen und denen seiner Gemahlin diejenigen des Königs, in dessen Austrage er Harms die Ernennung zum Oberconsistorialrath brachte. Nun folgte die Universität. Die Professoren, Michelsen und Lüdemann übergaben unter ehrenden Ansprachen gelehrte Arbeiten, welche zur Feier dieses Tages aus dem Schooß der hohen Schule hervorgegangen waren und dem Jubilar gewidmet wurden. Aus freiem Triebe fügten die Professoren Dorner und Herrmann, Letzterer ein Rechtsgelehrter, eigne Arbeiten bei. Nachdem nun noch Abgeordnete der Studenten gesprochen hatten, erschienen fünf Männer, unter ihnen der Graf von Reventlow, als Vertreter einer großen Vereinigung, welche 5000 Thlr. zu einem „Harmsischen Stipendium“ aufgesammelt hatten. Von den Zinsen dieser Summe sollten ausgezeichnete Studirende unterstützt werden. Diese 5000 Thlr. umfaßten die Gaben des Königs und der Königin, so wie manch Witwenscherflein und manchen Thaler, den arme Studenten sich abgespart hatten. In der würdigen Zuschrift, welche die Uebergabe der Stiftungsurkunde begleitete, hieß es unter Anderm:

„In einer zerrissenen und glaubensarmen Zeit sind Sie fest gestanden, angethan mit dem Schilde des Glaubens und dem Schwerte des Geistes. Gewappnet mit keiner andern Macht, als mit der Macht des Wortes, der angestammten Kraft der evangelischen Kirche haben Sie gezeugt von ihrer Herrlichkeit und ihrer fast verschütteten Wahrheit, und haben zurückgerufen zu dem frischen Glaubensleben der Reformation. Ihr Wort war zunächst wie ein scharfes Schwert, das nicht Frieden brachte, sondern den Krieg.“

„Aber aus den Krieg erblühte unter Gottes Segen in unsern Gauen die Saat des Friedens und einer Viele beseelenden Einigkeit in der Arbeit für das gemeinsame große Werl, an dessen Bau Sie Ihr Dasein geknüpft haben.“

„Eine Garbe dieser Ihrer Saat neu erwachter Einigkeit bringen wir Ihnen dar. Manche Aehre aus allen den fruchtbaren Triften der Herzogthümer schließt sie in sich. Dankbarkeit und Liebe haben sie gebunden.“

Besonders herzliche Worte sprach dann für die Geistlichen seiner Probstei sein alter Freund, der Probst Hensler aus Barkau:

„Und wenn wir dann kommen mit dem Johanneswort: der Freund des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme; dieselbige meine Freude ist nun erfüllt, so mißverstehe Ew. Hochwürden uns nicht. Die Johannesfreude Ihrer Mitarbeiter über Sie ist Dank zu Gott, dem Vater unsres Herrn Jesu Christi.“ „Und Ew. Hochwürden sollten auch selbst Etwas sehen von der Frucht Ihrer Arbeit, selbst es noch erleben, daß sie nicht vergebens war. Der Vater Harms, er erblickt um sich ein junges gläubiges Geschlecht, sieht es um sich wachsen, blühen, Früchte bringen. Sie hochbegnadigter Mann! – Schon in das Alter des Greises traten Sie und ob Sie gleich während Ihres Zeugenberufes nicht blos den Herrn zu verkündigen, sondern auch für Ihn zu leiden hatten, so sehen und hören wir Sie dennoch heute noch in ungeschwächter Kraft; der Geist, der Ihren Geist für das Werk des Herrn durchfurcht, beweist sich bei Ihnen auch als der das irdische Gefäß erhaltende und stärkende Geist.“

So folgten sich noch weitere kräftige Reden und herzliche Erwiederung des Gefeierten. Auch von auswärts kamen Glückwünsche. Aus Holstein hatten Prediger- und Lehrer-Vereine, sowie viele Einzelne geschrieben: Pastor Siemonsen, ein Schüler von Harms, schickte folgendes Gedicht:

„Es liegt auf der Karte gen Norden ein Land,
Ein Ländchen wohl muß ich es nennen,
Das küßt zweien Meeren die schimmernde Hand,
Ist stolz ob den Triften und Tennen.
Es goß der Verwalter im himmlischen Haus
Sein Füllhorn wohl über das Ländchen aus.
Land Holstein, so heißet der Name.
Uno in diesem Lande, da liegt eine Stadt
spiegelnd im bläulichen Busen,
Da schaart sich die Jugend und schöpfet sich satt
An sprudelnder Quelle der Musen.
Man forschet bei nächtlicher Lampe so viel,
Nimmt fleißig zur Hand den geschnittenen Kiel,
Und Kiel heißt die Stadt auch mit Namen.
Und in dieser Stadt eine Kirche sich hebt
Dem Höchsten zur Ehre geweihet
Der Thurm als ein Fingerzeig himmelan strebt
Von vierfachen Thürmen umreihet.
Es läuten die Glocken so lieblich und rein
Und laden zur Andacht die Gläubigen ein
Sankt Nicolai heißt sie mit Namen,
Und in dieser Kirche, da stehet ein Mann,
Mit Geist aus der Höhe gesalbet.
Er preiset den Seelen, den horchenden an
Das Wort, das stets blühet, nie falbet.
Seit zwanzig fünf Jahren sein Zeugniß so laut
Im Tempel dort hat an dem Tempel gebaut,
Claus Harms ist des Ehrenmanns Name.
Den Mann dieses Namens, ihn hab‘ ich so lieb,
Wie’s Kind seinen Vater wohl ehret.
O Vater im Himmel, so fleh‘ ich, o gib,
Was Heil ihm gewähret und mehret.
Laß rüstig ihn führen das geistliche Schwert
Bis müde sein Arm in die Scheide es kehrt,
Dann gieb ihm den ewigen Frieden,“

Am Nachmittage fand ein Festmahl statt, zu dem sich zweihundert Personen zusammen fanden und bei dem jeder Unterschied des Standes, der Bildung, der Meinung vergessen war. Der Herzog mit seinem Bruder, die Herren von der Universität, Prediger aus Stadt und Land, Bürger, Landleute hatten sich freudig vereinigt.

Am Abende brachten ihm die Studirenden einen Fackelzug und gelobten ihm dabei, daß sie nie dem Feinde den Wahlplatz lassen würden, daß sie mit offenem Auge und mit reiner Hand das heilige Glaubensfeuer der evangelischen Kirche bewahren wollten. Nach dieser Rede antwortete Harms und schloß, indem er den Jünglingen den Segen ertheilte.

Professor Dorner hat in einem besonderen Schriftchen: Blätter der Erinnerung an das Jubiläum von Claus Harms, Kiel 1842, das Fest beschrieben. Harms wagt nicht zu sagen, daß dieser Tag der allerfreudenreichste seines Lebens gewesen sei, .er bekennt es vielmehr mit Dank, daß sein gütiger gnädiger Gott ihn manchmal in eine solche Freudenhöhe gehoben habe, davon nur Wenige, auch wohl nur Gott allein, gewußt haben, in seinem Heiligthum oder in seines Hauses stillem Frieden. Aber Eins spricht er sehr bestimmt aus:

„Der allwissende Gott weiß es, daß ich noch keinen Tag lang so klein gewesen bin bei mir, als da man mich so groß machte, und noch niemals so wenig gewesen bin, als da man so viel aus mir machte.“

Vierundzwanzigstes Kapitel. – Ein Priesterhaus.

Ehe wir von dem Amtsleben dieses aecht evangelischen Pfarrers scheiden, haben wir noch die Schwelle seines Hauses zu überschreiten und ihn dort in seinem Walten zu belauschen.

Wir treten in ein Heiligthum, denn das soll das evangelische Pfarrhaus sein, wo Gott dem HErrn lebendige, heilige und wohlgefällige Opfer gebracht worden. Es ist nichts Kleines, wenn ein römischer Priester, der es wirklich ist, sich seiner Gemeinde als einer Braut verlobet: aber ein Größeres ist’s, wenn die ganze Familie, von einem Geiste belebt, sich als ein lebendiges Glied in die große Kette füget, wenn der Seelenhirte es vermag in seinem häuslichen Kreise ein Bild der Gemeinde darzustellen, wie sie sein soll. Eingeweiht in die Freuden und in die Sorgen, die das Leben seiner Gemeindeglieder bewegen, geht er mit den Seinigen voran in Geduld, in gegenseitiger Liebe, in ächter Treue. Sein ganzes Haus ordnet sich nicht seinem Berufe unter, das thut jedes recht beschaffne Haus, sondern es fügt sich in ihn ein, es arbeitet mit, es fördert den Beruf. Die Gemeinde hat ein Haus, das eine Stätte des Friedens ist, das man nur zu betteten braucht, um sich wohl, um sich im innersten Herzen befriedigt zu fühlen, ein Haus, da Rath und Trost und Erquickung gefunden werden wird, das Niemand beleidigt, das Viele gesegnet verlassen. Ja, es ist etwas Schönes um einen Hausstand, dessen Glieder durch Wort und That bekennen: Das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den HErrn HErrn, daß ich verkündige alles dein Thun.

So soll, soweit menschliche Schwachheit unter göttlicher Kraft etwas vermag, unser Priesterhaus aussehn und, wo es so geartet ist, da ist das Hausvateramt freilich ein Theil des Hirten- und Priesteramtes.

Wer möchte zweifeln, daß Harms das Seinige in solchem Geiste leitete.

Allerdings hatte ihm der HErr ein Weib gegeben, das es ihm leicht machte, seinem Gotte auch daheim zu dienen und sein Haus auf die rechten Säulen zu gründen. Die erste war Mäßigkeit. Rührend ist es, wie der Greis das Leben seiner ersten Jahre in Lunden beschreibt. Eine weite, große Wohnung – Vielen ein Grund, sich in Schulden zu stürzen, ihm nicht: Wo wir nichts hinzusetzen hatten, die Stelle blieb leer; erzählt er; so gewann er noch den Vortheil, Andern dienen zu können; da nämlich ein Saal und ein Zimmer unmöblirt blieb, so überließ er diese Gemächer der Witwe eines früheren Lundener Geistlichen.

In Kiel brauchte er sich nicht mehr so einzuschränken; doch einfach hat er auch da gelebt, kein Haus gemacht, keine Gastereien gegeben.

Die andre Säule des Hauses war der Fleiß. Mann und Weib haben sich gerührt; in Lunden haben sie fremde Kinder in Kost genommen, Harms hat unterrichtet: auch in Kiel hat er mit treuem Eifer gearbeitet. Schon als Archidiakonus war er nur „bei den Mahlzeiten“ im Kreise der Seinigen; als Probst auch da nicht mehr immer: „Ich habe vielleicht zu viel gearbeitet, aus Pflicht und aus Neigung.“ Keine ängstliche, kleingläubige Sorge für den Leib, kein Arbeiten mit der Uhr in der Hand, daß auch das liebe Leben nicht durch eine Mehrstunde gefährdet werde, sondern ein frisches Hineingreifen in den Schatz der geistigen und leiblichen Kräfte, die Gott immer wieder schenket: voll Vertrauen und Gehorsam gegen sein Wort: Arbeitet und schaffet mit den Händen etwas Gutes, daß Ihr habet zu geben den Dürftigen.“

Aber der Hauptpfeiler, auf dem doch Alles ruhte, war die Gottesfurcht: sie beherrschte das Haus und sie erwies sich nach außen, wenn sich am Sonntag Morgen alle Thüren schlossen und keiner von der Kirche zurückblieb.

So ward es ihm möglich, auch der Geselligkeit zu pflegen: er war gastfrei im edelsten Sinne. Was ihm aber vor Allem dadurch gewährt ward, war die Gelegenheit, seine Kinder zu erziehen. Gott hatte ihm deren drei, zwei Söhne und eine Tochter geschenkt und ihm die große Freude gewährt, sie alle selbst erziehen zu können. Er war im Stande, sie in guten Schulen zu schicken und ihnen längere Zeit einen Hauslehrer zu halten. Von den Söhnen, Christian (geb.: 20. Februar 1809), und Heinrich Peter (geb.: 26. August 1812), ist bereits erzählt worden. Die Tochter Magdalena Sophia, den 13. Oktober 1815 geboren, vermählte sich 1838 dem Archidiakonus Balemann in Tondern, späteren Pastor und Probst in Oldenburg.

Fünfundzwanzigstes Kapitel. – Die letzten Prüfungen.

 Bald nach den Freudentagen des Jubiläums brachen schwere Heimsuchungen über Harms ein; aber die Weise, in der er den Leidenskelch trank, gab ein neues und kräftiges Zeugniß für seinen Glauben ab. Die Festigkeit seiner Seele wankte nicht, die Freudigkeit seines Herzens wurde nicht getrübt; er hat als Christ getragen, wie er vordem als Christ zu kämpfen hatte; ja auch mitten im eignen Leiden hat er für seines armen Volkes gerechte Sache muthig das Schwert des Geistes geführt.

Von 1843 an wurden seine Augen merklich schwächer und ein sehr geschickter Arzt, dessen Rath er in Anspruch nahm, der Professor Langendes, jetzt in Berlin, erklärte seinen Zustand bald für hoffnungslos; nur wenige Jahre würde ihm das Gesicht erhalten bleiben. Es ging schnell abwärts. Im Jahre 1848 erblindete der theure Mann. Im August schrieb er die letzte Predigt selbst nieder; von da an mußte er dictiren. Die Führung der Kirchenbücher hatte Pastor Valentiner für ihn übernommen. Noch konnte er wirken, noch wurde er gern gehört, ja wie schon immer Harms‘ bloßes Auftreten in der Kirche andächtig gestimmt hatte, so lag in der Erscheinung des blinden Greises auf der Kanzel schon etwas außerordentlich Erbauliches. Dennoch wollte er ein Amt nicht weiter führen, das er nur theilweis ausrichten konnte. Er bat um seinen Abschied und erhielt ihn. Am grünen Donnerstage ging er das letzte Mal ungeführt zum Altar und am Osterfeste 1849 schied er von dem Amte, das ihm „ein köstliches Werk“ gewesen war. Es ging ein tiefes Bedauern durch das ganze Land. Man bezeugte ihm dies von allen Seiten. Die Abgeordneten der Universität sprachen ihm die Gefühle der Verehrung, des Dankes und der Liebe, aber auch der Wehmuth, Namens aller ihrer Amtsgenossen aus und äußerten ihre Freude darüber, daß sie nicht nur den persönlichen Verkehr mit ihm erhalten, sondern ihn nach seiner eignen Zusage noch öfter von der Kanzel herab hören würden. Seine Erwiderungen ergingen überall hin mit warmer Herzlichkeit. Doch den edelsten Geist tiefer Christlichkeit athmet sein Hirtenbrief, dieser Name kommt dem „Schreiben an meine lieben Amtsbrüder in der Probstei Kiel und an die Gemeinden“ in vollem Maße zu. „Gott hat innerhalb eines halben Jahres meine Augen so dunkel werden lassen, daß ich meine Aemter nicht länger habe verwalten können. Ich demüthige mich unter seine gewaltige Hand und tröste mich, daß er meinen noch übrigen dunklen Weg mich werde im Lichte gehen lassen des Glaubens, er hat es wohl gemacht. Dennoch ist mein schönes Wort, dennoch ist mein Glaube, dennoch sag‘ ich fort und fort. Ps. 73. Ich scheide also von Euch; es sind mir schöne Jahre gewesen, seit das Amt uns mit einander verbunden hat, verbunden, ja, so hat es mein Herz stets gefühlt, wenn es mich bei Einführung eines neuen Predigers außerordentlich, sowie ordentlich jedes zweite Jahr in Eure Gemeinde führte und ich dann in Eurer Wohnung mit Euch sprach, in Eurer Kirche unter Eurem Worte stand, mit den Schulkindern redete, sie und die zu diesem Tage gekommenen Gemeindeglieder anredete. Wisset, was Ihr so nicht wißt, daß ich dann niemals in Eure Kirche getreten bin, als nach ernstlicher Vorbereitung und andächtigem Gebet auf meinen Knieen.“

Er fragt nun in die Gemeinden und in die Seelen hinein, ob nicht eines seiner Worte sie getroffen habe, und ihnen theuer und werth geworden sei. Wer solches habe, der habe viel daran und wer keines bewahrte, habe ein sehr armes Herz. Sein Besuchen sei stets ein Versuchen gewesen, solches Wort anzubringen. Weiter redet er zu den Geistlichen besonders, dann zu den 14 Gemeinden, deren jede er mit Namen nennt; er könnte einer jeden ein eignes Wort geben, wie Offenb. 2, aber er mag nicht richten. Auf die gefahrdrohende Zeit will er sie dagegen weisen und bitten einer Ablösung zu steuern, die eine Auflösung sein würde. Auch die lieben Schullehrer erinnert er noch an die „Herzensfreude“, die er ihnen kund gegeben, wo er tüchtige Schulen gefunden. Sie sollen seinem Nachfolger auch die Freude bereiten, nicht um seinet-, sondern „um des HErrn willen.“

„Schließlich umfaß‘ ich alle Seelen. In diesen Augenblicken, da dies niedergeschrieben wird, thue ich es und seid versichert, ich werde es lebenslänglich thun, beten für Euch Alle zu unserm HErrn, welcher alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Wort, daß er wolle jede Gemeinde tragen und jede Seele in ihr, damit wir Alle mit einander in jener Ewigkeit nach wohl verlebter Pilgerzeit zur „vorhandnen und verheißnen Ruhe eingehen. Wünschet mir, ich wünsche Euch einen sanften gesegneten Ausgang. Und, als nach gehaltner Predigt, das Wort des Kirchengebetes: Verleih‘ uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Kiel in der Osterwoche 1849. Euer Harms.“

Der Ausgang aus den Aemtern wurde dem erblindeten Manne noch durch anderes Kreuz erschwert. Am 3. März 1848 verlor er seinen jüngeren Sohn Heinrich Peter, der Kirchspielvoigt in Arlt und 36 Jahre alt war, dessen letztes hörbares Wort war: „Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gegeben hat, auf daß Alle die an ihn glauben, nicht verloren seien, sondern das ewige Leben haben.“ In dem folgenden Jahre, am 28. April, kurz ehe er aus seiner Amtswohnung schied, starb ihm sein Weib, die „der gute Engel“ seines Lebens gewesen war. Das war ein furchtbarer Schmerz. Jetzt hätten sie nur für einander leben können, die alten Leute, die sich seit mehr als sechzig Jahren so innig liebten und doch die Freude der Gemeinschaft immer hinter der Pflicht des Dienstes hatten zurücktreten lassen. Und wie bedurfte er jetzt ihrer Hände, Füße und Augen, daß sie ihn gürte und führe: mit welcher Liebe that sie es, mit welcher Freude nahm er es gerade von ihr an. Dennoch gab ihm Gott Kraft: ja er vermochte es, sein Weib, das in seinen Armen gestorben war, selbst zu begraben, im Hause, wie auf dem Friedhofe redend. Es waren Reden, wie sie nur ein erfahrner Christ halten kann und darf:

„Helft mir meine Frau begraben; theilt meinen Schmerz und meine Freude.“

Ein dritter Schlag war der Tod seiner kleinen Enkelin Magdalena Balemann, am 7. Juni 1849. Ihre glückliche Entwickelung im Hause der Großeltern hatte die schönsten Hoffnungen erweckt.

Zu so viel persönlichem Leiden kam das seines Vaterlandes: Ihm, der „recht buchstäblich im Volk geboren und aufgewachsen war und seine Lebtage mit ihm in täglicher Verbindung geblieben war“ ging es durch das Herz, wie eignes. Es schlug ihn ja auch mit zweischneidigem Schwerte. Die aufkommende Volksherrschaft, die drohende Trennung von Kirche und Schule, Kirche und Staat war ihm in der innersten Seele zuwider und der Bruch der Verträge, die Verletzung der heiligsten Rechte seines Heimathlandes Schleswig-Holstein erregte ihm den heftigsten Schmerz.

Seine politischen Ansichten – es ist schon die Rede von ihnen gewesen – machten ihn zum treuesten Anhänger des Königthums und zwar des unbedingten. Zwei Reichskleinodien hat Dänemark, so etwa schreibt er, den Sundzoll und den unbeschränkten König. „Nächst dem Christenthum ist die absolute Monarchie (das freie Königthum) das Beste auf der Erde und ist, was im Rechte der Eid, im Regiment das einzige Heilige.“ Und „der wahre Kitt, das Band zwischen Volk und Fürst sind die Obrigkeiten.“ Natürlich stellt, wer so hohe Ansicht von dem Landesherrn und seinen Dienern hat, auch die höchsten Forderungen an sie: „Die Behörden müssen hören, schon nach ihrem Namen haben sie die Pflicht zu hören.“

Von Volksversammlungen, politischen Vereinen u. dgl. mag er nicht gern hören und noch weniger die Betheiligung eines Geistlichen an ihnen sehen, aber sonst hat er bis zum Tode die Ansicht festgehalten, daß er Bürger sein dürfe und solle und daß er Recht und Pflicht habe, auf der Kanzel davon zu reden: „wenn Landesrechte geraubt werden oder geraubt zu werden in Gefahr stehen; gleicherweise, wenn Fürstenrechte gekränkt und obrigkeitliche Anordnungen überschritten werden;“ so gut, wie er es rüge, wenn die Dorfjugend Aepfel stiehlt. – „Christi Reich“ sagt er, „ist allerdings kein Reich von dieser Welt, aber es ist ein Reich in dieser Welt, in welcher es ja doch gar nicht wäre, wofern es sich nicht mit der Welt irgend wie befassete. Schon um nur in der Welt zu sein, müssen seine Diener unter Umständen wohl darum kämpfen, mit Waffen, die ihnen gegeben sind, mit den Waffen des Wortes, innerhalb des für sie abgesteckten Platzes. Der Geistliche rüstet sich nicht mit dem Schwert, nimmt kein Gewehr in den Arm, beruft keine Volksversammlungen und präsidirt in selbigen nicht, indessen doch, wer zu ihm kommt und will das Gewissen von ihm berathen lassen: darf ich oder darf ich nicht – dem ist er Antwort zu geben schuldig, eben wie er selber auch der Stimme seines Gewissens folgt und nimmer etwas thut, was nach seinem Gewissen Sünde ist, ob auch die Obrigkeit oder der Fürst es gebietet.“

Nehmen wir zu diesen Ansichten ein Herz, was in lebendigem Gefühl für das Recht und in treuer Liebe zu Fürst und Volk schlägt, so haben wir den Schlüssel zu dem Antheil, welchen Claus Harms in Kiel an den öffentlichen Dingen genommen hat.

Einmal, schon lange vor den letzten traurigen Ereignissen, am 1. October 1835 sollte er in Itzehoe zur Feier der ersten holsteinischen Ständeversammlung reden. Eine ernstliche Erkrankung, mit jener verwandt, die ihn 1823 getroffen hatte, (vgl. Kap. 22. p. 101) hinderte ihn daran, die bereits ausgearbeitete Predigt zu halten. Ein treuer Freund, der Prediger Martens, der ihm ebenfalls 1848 genommen wurde, hielt eine schwere Nacht mit ihm aus in Gebet und Wachen und war zugleich Zeuge dafür, daß die Anklage, er habe die Krankheit erdichtet, unwahr ist. General-Superintendent Herzbruch aus Glückstadt übernahm die Vertretung.

Dagegen hat er 1848 vor der constituirenden Landesversammlung wirklich gesprochen. Das war eine merkwürdige Rede. Er sagt von vorn herein: es komme nicht in Betracht, wie er zu dem Werke stehe, „gleich wenig, als wenn der Prediger am Altar eine Ehe einsegnet, da hat derselbe auch kein Urtheil über die Ehe, in welche die Brautleute eintreten, es ist ihre Sache, er aber sagt, was für eine Sache die Ehe sei, segnet sie ein.“ Er mahnt, dem Herzog „eine Stätte, seine Stätte“ in der neuen Verfassung zu lassen; er warnt vor „der Despotin“, der Stimmenmehrheit, welche das Urim und Thummim, das Licht und Recht, gar wenig in ihrem Schildlein trage und fordert auf, es in Kraft des Geistes mit ihr aufzunehmen. Er erhebt aber auch seine Stimme: „Wollet auch daran denken, aus welchem Thun es sich herschreibt, was jetzt gethan werden soll. Es ist das die Proklamation vom 24. März dieses Jahres frühmorgens, das nennen sie Rebellion, in etwas milderem Ausdruck Insurrection, wir nicht also, wir nennen es Aufstand, ja einen Aufstand, aber wie Jemand wider den aufsteht, der ihn beraubet und hat schon eingepackt, will schon forttragen. So sind die Herzogthümer für ihr Recht, für ihr nationales Recht aufgestanden, wollen es nicht nehmen lassen.“

Als dann die Verfolgungen über die armen Schleswig-Holsteiner einbrachen, Hunderte brodlos wurden und verarmt, um ihrer Treue willen verfolgt, durch Kiel zogen, da hat er es nicht dabei bewenden lassen, sich seine Jugend zurückzuwünschen und von dem noch nie gekannten Liede zu reden, das man anstimmen müsse, wenn es Gott fügte, daß diese einmal zu ihren Gemeinden zurückkämen. Er hat für die Armen im deutschen Vaterlande gebeten und gesammelt und von dem Seinigen reichlich dazu gethan, nicht blos von seinen Gütern, sondern auch aus den Reichthümern seines Herzens.

Und als ein damals einflußreicher Mann es wagte, in seinem vielgelesenen Blatte, die Männer, welche Haus und Amt ihrer Ueberzeugung geopfert hatten, zu verdächtigen, da hat ihn Claus Harms vor seinem deutschen Vaterlande gestraft und ein letztes Zeugniß für sein Land und seine Kirche abgelegt.

Sonst ging sein Leben im Abschied in stillem Flusse hin. Er predigte zuweilen und ließ merken, wie klar sein inneres Auge sei, er gab Unterricht und brachte namentlich die Mädchen, die sein pflegten, dahin, daß sie ihm aus lateinischen Büchern und aus dem griechischen Neuen Testamente vorlesen konnten. Endlich redete er auch noch in mancherlei Schriften zum Volke; unter ihnen die lieblichste seine Lebensbeschreibung, ist „ein Exempelbuch für Junge und Alte, wie man leben oder nicht leben soll, unzweifelhaft zur Lehre, zur Warnung, zum Troste, zur Bemuthung, daß man ein geruhiges und stilles Leben führe, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.“

Sechsundzwanzigstes Kapitel. – Der Tod des Priesters.

 Endlich rief der HErr seinen getreuen Knecht und gab ihm, um was wir Alle beten, einen sanften, seligen Tod. Wie’s in seinem und vieler Christen-Lieblingsgebete heißt: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir“, so geschah ihm.

Nie war Harms in den Februar, in welchen gewöhnlich der Anfang der Passionszeit fällt, eingetreten, ohne deren „Buß- und Versöhnungsernst“ zu Herzen zu nehmen. Der Februar war ihm ein besonders lieber Monat. Am 31. Januar 1855 war er noch frisch und gesund an Geist und Leib, und verbrachte den Abend in heiterem Gespräch. „Als er sich zur Ruhe begeben wollte, ließ er sich das Gellert’sche Glaubenslied: „So hoff‘ ich denn mit festem Muth auf Gottes Gnad‘ und Christi Blut, ich hoff‘ ein ewig Leben“, vorlesen und bemerkte dabei, dies wäre der letzte Gesang, den die Pastorin Thieß sich vor ihrem Tode hätte vorlesen lassen. Um zwei Uhr des Nachts ruft er das junge Mädchen, welches ihm während seiner letzten Jahre treu und liebreich zur Seite stand, dieser klagt er über Brustbeklemmung; sie sendet zum Arzt, setzt sich an’s Bett und faßt die Hand des Leidenden und als der Arzt kommt, findet er Harms todt, ohne daß die zärtliche Liebe das Mindeste bemerkt hat.[viii]

Ein schönes Denkmal bezeichnet den Ort, wo er ruht, ein mit einem Kreuze geschmücktes Thürmchen darstellend. Die vier Seiten tragen die Inschrift, die erste:
„Hier ruhen Claus Harms, geb. den 25. Mai 1778, gest. den 1. Februar 1855, seine Gattin, Magd. geb. Jürgens, geb. den 5. December 1776, gest. den 24. April 1849 und die Enkelin, Magdal. Valemann, geb. den 26. Mai 1841, gest. den 7. Juni 1849.“
Die gegenüberliegende:
„Ihrem Prediger Claus Harms, die dankbare Gemeinde.“
Die Seitenwände:
„Jesus Christus, gestern und heute und derselbe in Ewigkeit und:
Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.“

Wohl fügte ich gern noch ein Wort zum Preise des Mannes hinzu, denn ob ihn mein Aug‘ gleich niemals gesehen hat, ist er meinem Herzen doch werth geworden; aber wenn seine Lebensgeschichte nicht selbst geredet hat, so thun’s auch weitere Lobsprüche nicht. Er selbst hat das Bild des Christen gezeichnet, wie es vor seiner Seele stand, indem er ein Lied von Poccels in seinem Sinne umwandelte und so stehe dies Lied als seine Grabschrift hier.

Wer Christo sich hat hingegeben,
Der hat bekommen Christi Kraft,
Der hat bekommen Christi Leben
Und alles Heiles Wissenschaft. 1 Joh. 2, 20.

Der weiß zu wirken und zu schaffen.
Bricht überall sich eine Bahn,
Er geht einher in Geisteswaffen
Und macht sich Alles unterthan. 2 Cor. 10, 4.

Der schmückt des Lebens großen Garten
Mit Blüthen schön, mit Fruchten voll,
Weiß ihn zu wässern und zu warten,
Was er nur macht, geräth ihm wohl. Joh. 7, 38.

Aus sich verherrlicht er die Zeiten,
Er bildet sie nach seinem Sinn,
Kann alle ihre Zeichen deuten;
Die Zeit ist seine Schülerin. Matth. 16, 3.

Sie wandelt sich, er bleibet stehen;
Sie richtet Alles, nur nicht ihn.
Mit hohem Muth aus seinen Höhen
Sieht er den Sturm vorüberziehn. 1 Cor. 6, 2.

[ix]Er stehet wie ein Fels im Meere,
Umschäumt und doch versenkt in Ruh,
So voll Vertrauen, o Gott, als wäre
Nichts auf der Welt, als er und tu. 2 Cor. 6, 8-10

 In seinem Innern herrscht die Stille
Der Friede, den die Welt nicht gibt.
Auch was ihm eigenst war, sein Wille,
Ward Wille dessen, den er liebt. Joh. 14, 27.

Die Sterne, die den Christen glänzen,
Sind Glaubenskinder, die er zeugt.
Man kennt sie an den fernsten Gränzen
Und horchet ihrer, wenn er schweigt. 2 Cor. 3, 3

So steht er viele lange Tage,
Den Vätern schon ein scheinend Licht,
Da wird es ihrer Kinder Sage:
Nein, dieser Jünger stirbet nicht. Joh. 21, 23

Wie viel er äußerlich verlieret,
So viel nimmt innerlich er zu, 2 Cor. 4, 16
Doch einmal kommt der Herr und führet
Ihn sanften Wegs in jene Ruh. Hebr. 4,9


 

Fußnoten

[i] „De Dithmarschen sind gar wiet bekannt,
se sind up alle Dinge behandt.
Von Natur geschwind in Rechtegang
Dat hangt ihnen an er leventlang.
Alter Spruch

[ii] Wen dergleichen interessirt, dem sei erzählt, daß der Rath sich auch nach seinem verheißenden Theile richtig erwies, daß Stunden, auch sonstige Hülfe kam, das ganze Studium aber über 4000 Mark gekostet hat.

[iii] Dr. Claus Harms, gewesenen Predigers in Kiel, vermischte Aufsätze und kleine Schriften. 2. Aufl. Kiel 1858.

[iv] Darbend gehet das Kind umher zu den Freunden des Vaters,
Fleht und faßt den einen am Rock, den andern am Mantel;
Aber erbarmt sich einer, der reicht ihm das Schälchen ein wenig.
Daß er die Lipp‘ ihm netz‘ und nicht den Gaumen ihm netze.
Oft verstößt es vom Schmaus ein Kind noch blühender Eltern.
Das mit Fäusten es schlägt und mit kränkenden Worten es anfährt:
Hebe Dich weg! Dein Vater ist nicht bei unserem Gastmahl!
Weinend geht von dannen das Kind zur verwitweten Mutter.

[v] Die Cottai’sche Verlagshandlung ist eben im Begriff, die Gott sei Dank vergessnen Werke dieses Steigentesch als „Volksbibliothek“ wieder auszugeben.

[vi] Die kompletten Thesen sind in der Glaubensstimme unter Harms Thesen nachzulesen

[vii] Der Telegraph von Gutzkow 1839 Nr. 207

[viii] Michael Baumgarten: Ein Denkmal für Claus Harms.

[ix] Dieser Vers ist von Tersteegen

 

 

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