Joachim Ernst von Anhalt.

Joachim Ernst von Anhalt.

(Geb. 1536, gest. 1586.)

 

Joachim Ernst, geb. 1536, seit dem Ableben seines Bruders Bernhard von Zerbst Herr der gesammten anhaltinischen Lande. In seiner Jugend hatte er sich durch Kriegsdienste unter Philipp II. von Spanien ausgezeichnet, seit seinem Regierungsantritte 1562 aber allein der Wohlfahrt seines Landes gewidmet. Durch seine Einsicht, wie durch seine verwandtschaftlichen Verbindungen – er zählte die Churfürsten von Sachsen und Brandenburg, die Herzöge von Würtemberg, Holstein, Liegnitz, Schwarzburg unter seine Schwiegersöhne – genoß er nicht nur bei dem Kaiser und den deutschen Reichsfürsten eines hohen Ansehns, sondern auch bei ausländischen Höfen, Frankreich, England, Dänemark. Er war der glückliche Vater von acht Söhnen, auf welche mehr oder weniger seine Begabung und sein sinniger Geist sich vererbte, von denen sich namentlich Ludwig, seit 1603 Fürst von Cöthen, als Mitbegründer der fruchtbringenden Gesellschaft einen Namen in der Literaturgeschichte erworben hat.

 

Der Confession nach ist dieser Fürst der letzte Vertreter der lutherischen Kirche unter den anhaltinischen Fürsten. Von den Anhängern Melanchthons in Wittenberg aus hatte sich auch in den anhaltinischen Landen der Widerspruch gegen die Lehre von der communicatio idiomatum und die daraus begründete lutherische Abendmahlslehre verbreitet, so daß dort, wie anfänglich in vielen andern lutherischen Kirchen der Form. Concord. die Unterschrift verweigert wurde. Vergeblich war in einem Colloquium zu Herzberg 1578 der Versuch einer Verständigung gewesen. Wie die meisten Laien jener Zeit fand sich auch Fürst Ernst – zumal bei der absichtlichen Verhüllung des wahren Standpunktes von Seiten der Melanchthonschen Partei – außer Stande, über die Differenz der streitigen Lehren in’s Klare zu kommen, so daß diese Streitigkeiten ihn nur zu der Klage veranlaßten, welche öfter von ihm vernommen wurde: „Der Herr hat befohlen: hoc facite in mei commemorationem. Wie kann man es verantworten, daß man darob zanket, als hätte er gesagt: de hoc disputate.“ Nichtsdestoweniger, wie bei seinem Schwiegersohne August, war auch bei ihm das Pietätsgefühl für Luther viel zu groß, als daß er in diesem wichtigen Lehrstück sich eine Abweichung von der ererbten Lehre hätte gefallen lassen wollen. So ließ denn auch er noch kurz vor seinem Tode 1585 von dem lutherisch gesinnten Superintendenten Brendel in Dessau eine Deklaration abfassen, welche das reine lutherische Bekenntniß ausspricht und allen Kirchen – und Schuldienern in seinem Lande zur Unterschrift vorgelegt wurde. Doch hindert ihn dies nicht, für seine verfolgten Glaubensbrüder in Frankreich Fürbitte abzulegen, wie sich denn überhaupt unter ihm nähere Beziehungen mit Frankreich bildeten, insbesondere mit Heinrich IV., damaligem Könige von Navarra, in Folge deren die Hinneigung seiner Söhne zum reformirten Bekenntniß wie zu französischer Sitte sich verstärkte.

 

Während von andern Regenten aus ihrem früheren Kriegsleben manche rohere Sitte und Gewöhnung in ihr späteres Regentenleben mit hinübergenommen wurde, stellt sich das seinige in sittlicher Hinsicht vorwurfsfrei dar. Ritterspiel und Jagd bildeten seine vornehmsten Vergnügungen, bei deren Ausübung er indeß auch menschenfreundliche Rücksicht auf seine Unterthanen nahm und die möglichste Schonung des Landmanns nicht außer Augen ließ. Auf die Förderung des Landeswohlstandes, die Versorgung seiner treuen Diener und die Erziehung seiner Familie war sein ganzes Interesse gerichtet. Die Justizsachen ließ er durch seine eigne Hand gehn, traf Anstalten der Fürsorge für Kranke, Wahnwitzige und Arme, unterstützte aus fürstlichen Mitteln in Dessau Hausväter, welche einen neuen Hausstand zu begründen im Begriff standen, erstattete 16 Jahre hindurch die Begräbnißkosten aller seiner Diener und ließ dieselben überhaupt in mehrfacher Hinsicht seine Mildthätigkeit erfahren. Des Unterrichts seiner Kinder nahm er sich mit großem Eifer an, beaufsichtigte denselben, und nahm an ihren Prüfungen Antheil. Selbst ein Freund der Musik, scheint er auch diese Neigung unter ihnen verbreitet zu haben. In der Religion war es ihm nicht bloß um Erbauung, sondern auch um Einsicht zu thun. Oefters bewegten sich seine Tischgespräche um die Gegenstände der Predigt und an den Festtagen begehrte er über Namen und Geschichte der christlichen Feste die Belehrung. Stehend pflegte er vor der Tafel mit seinem ganzen Hofgesinde ein christliches Lied anzustimmen und wie wichtig ihm das Gebet gewesen, bezeugt noch eine von ihm verfaßte, von seiner Wittwe herausgegebene Gebetssammlung. Ja auch die persönliche Berathung seiner Diener in Gewissenssachen machte er sich zur Angelegenheit, und verschmähte es nicht, ihnen aus der heiligen Schrift und andern geistlichen Büchern selbst vorzulesen. Noch ist ein Ermahnungsschreiben an einen von seinen Hofleuten erhalten, in welchem er denselben in christlicher Weise ermahnt, nicht durch unerlaubte Mittel die Förderung seines Wohlstandes zu versuchen. Es lautet also: „Lieber Getreuer, Wir haben dein unterthänigstes Schreiben empfangen, und wollten nicht gerne, daß du dich auf diese Händel legen, deine Hoffnung darein setzen, noch diese vorgenommene Persuasion dich an deiner Wohlfahrt hindern lassen solltest: denn, da dich Gott aus väterlicher gnädiger Vorsehung mit Reichthum, Glück und Wohlfahrt bedenken will, wird seine Allmacht wohl Wege wissen, ob es gleich nicht eben aus diese Weise ist, als du dir vorgesetzt, denn Gottes Güte ist unerforschlich, aber er will nicht Ziel noch Maaß zu seiner Hülfe vorgeschrieben haben. Des erinnern Wir dich aus Gnaden, daß du dich von deinem gefaßten Wahn abnehmest und dich selbst an deiner Wohlfahrt nicht hinderst, denn Wir meinen es mit dir in Gnaden treulich, und wollen deinen Unfall gerne verhütet sehn.“

 

Noch einige Monate vor seinem Ende erlebte der Fürst die Freude, seine Tochter mit seinem Freunde, dem mächtigen Churfürst August vermählt zu sehn – eine durch den Altersabstand beider Gatten freilich nicht wenig anstößige Ehe, welche auch durch den so bald erfolgten Tod des Churfürsten sofort wieder gelöst wurde. Kurz darauf, am 27. November 1586, folgte auch Joachim Ernst seinem betagten Schwiegersohne in’s Grab.

 

Quelle: Lebenszeugen der lutherischen Kirche, August Tholuck, Berlin, Wiegandt & Grieben, 1859

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