Friedrich Karl Hermann Georg von Viebahn

Friedrich Karl Hermann Georg von Viebahn

Georg von Viebahn wurde am 15. November 1840, einem Sonntag, als dritter Sohn des Ober-Regierungsrates Johann Georg von Viebahn und seiner Gattin Auguste, geb. Bitter, zu Arnsberg im Westfalenlande, der engeren Heimat unseres Geschlechts, geboren. Zwei Brüder und eine Schwester standen ihm im Alter voran, sein jüngster Bruder wurde sieben Jahre später geboren. Der Vater stand damals im neununddreißigsten, die Mutter im sechsundzwanzigsten Lebensjahr. Seine Eltern verkörperten in schönster Weise die Tugenden, welche den altpreußischen Beamtenadel auszeichneten: bei schlichter und einfacher Lebensweise den göttlichen Geboten folgend, suchten sie, alles Gute und Edle zu pflegen, geleitet von den ernsten Grundsätzen der Pflichttreue, der Wahrheit und der Liebe. Beide waren geistig bedeutende Persönlichkeiten mit lebhaften Interessen, die weit mehr den idealen und ethischen Werten, als den materiellen Dingen zugewandt waren.

Ihre Kinder zu wahren, gottesfürchtigen, tüchtigen und pflichttreuen Menschen heranzuziehen, darin erblickten sie ihre höchste Aufgabe. Welche bessere Atmosphäre konnte es geben für die kindliche Entwicklung, ebensosehr für den Charakter, wie für Geist und Gemüt!

Eine Versetzung des Vaters nach Berlin, wohin dieser im Jahre 1841 als Geheimer Finanzrat berufen wurde, brachte es mit sich, daß der kleine Georg seine Kindheit und die ersten Knabenjahre in der preußischen Residenz verbrachte. Ein handschriftlich hinterlassener, leider unvollständig gebliebener Lebenslauf berichtete aus diesen Jahren im einzelnen folgendes:

„Ich weiß, daß meine Mutter jeden Abend, wenn wir Kinder zu Bett gebracht waren, zu uns kam, und wir ein Gebet sagen mußten; es lautete:

Lieber Gott, ich bet’ zu dir,

Mach’ ein frommes Kind aus mir,

Und sollte ich es nicht werden,

Nimm mich lieber von der Erden!

Alsdann sagte sie uns gute Nacht.“

Dieser kleine Bildausschnitt, und gerade die Worte dieses Kindergebets, lassen uns den heiligen Ernst erkennen, mit dem diese christlichen Eltern über der Entwicklung ihrer Kinder wachten. Es ist jener Standpunkt, den alle ernstlich gläubigen Eltern im Blick auf ihre Kinder einnehmen sollten: lieber bereit, eines derselben in Gottes Vaterhand zurücklegen zu müssen, als befürchten zu sollen, daß es einmal in Gleichgültigkeit oder Gottesferne sich verlöre!

Der kleine Georg war ein sehr kränkliches und schwächliches Kind, so daß seine Mutter oft in schwerer Sorge darüber weinte, daß sie nicht hoffen könne, ihn groß zu ziehen; aber die gesunde und einfache, abhärtende Lebensweise festigte die Gesundheit des Knaben, obgleich er auch in seiner reiferen Jugend und dem ersten Mannesalter nicht sehr kräftig war.

Aus den späteren Kindheitsjahren erzählt uns der Bericht: „Deutlicher werden meine Erinnerungen von der Zeit an, wo meine Eltern die Wohnung in der Lennéstraße Nr. 8, eine Treppe hoch, bezogen. (Also nahe dem Brandenburger Tor.) Wir wohnten dort wunderhübsch, gegenüber dem Tiergarten, mit Balkon. Unsere Kinderstube, welche zugleich das Eßzimmer war, hatte zwei Fenster nach den Gärten der Nachbarschaft hinaus. Meine Erziehung lag hauptsächlich in den Händen meiner Mutter, da mein Vater den Tag über sehr beschäftigt war, und in den wenigen Stunden, welche er in seiner Familie verleben konnte, sich an derselben erfreuen und erquicken wollte. Des Morgens frühstückten wir alle zusammen; im Sommer ging Papa vorher zum Schwimmen und nahm uns vom achten Jahre an dazu mit hinaus. Auf dem Hin- oder Rückwege las er uns ein Gedicht von Schiller oder Uhland vor, dessen einzelne Verse wir dabei auswendig lernen sollten, was mir immer sehr fatal war. Dennoch tat mein Vater in seiner großen Freundlichkeit dasselbe stets ohne ungeduldig zu werden.

Ueberhaupt war er sehr gütig; trotzdem hatte ich als Kind und Junge eigentlich mehr Furcht und Respekt vor meinem Vater, als Liebe, obwohl nur sehr, sehr selten, in ganz außerordentlichen Fällen, er uns strafte. Wenn er strafte, so tat er es allerdings sehr tüchtig, und deshalb war das Wort „du sollst zu Papa in die Schreibstube kommen“, ein Donnerwort des Gerichts.

Meine Mutter erzog uns ziemlich streng, insofern, als wir nicht unbeschränkt in Essen und Trinken, Herauslaufen und Daheimbleiben waren, sondern alles mußte seine bestimmte Ordnung haben.“

Mit 6 1/2 Jahren kam der kleine Georg in die Liebesche Spielschule, Schulgartenstraße Nr. 3, wo er anderthalb Jahre verblieb, um dann in die Privatschule des Dr. Schmidt, am Leipziger Platz, überzutreten.

Schon früh prägte sich bei ihm die Zuneigung für den Soldatenberuf aus; er erzählt selbst davon: „Ich erinnere mich, schon als Kind den Wunsch gehabt zu haben, Soldat zu werden; und zwar zog mich seit der Kinderzeit die Uniform der schwarzen Dragoner an, in der ich den alten Prinzen Wilhelm im Tiergarten täglich spazierengehen sah. Auch für alles, was mit Pferd und Wagen zusammenhing, hatte ich ein sehr großes Interesse, daher außer den Zinnsoldaten, Säbel und Gewehr namentlich ein kleiner, gelber Postwagen mein Lieblingsspielzeug war, an dem aber die Pferde zum Ausspannen sein mußten.“

Den Abschluß dieser Kindheitserinnerungen bildete der denkwürdige 18. März 1848. Diese Aufzeichnungen schließen mit den Worten: „Das aber weiß ich, daß Ehrfurcht vor Gott und dem Könige uns Kindern von Vater und Mutter eingepflanzt wurde; und dafür sei ihnen besonders gedankt!“

Ein Knabe geworden, kam der junge Georg zu Ostern 1853 auf das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. In diesen Jahren schon trat die Jugendfreundschaft mit einem Schul- und Spielkameraden, Walther von Prittwitz und Gaffron, in den Vordergrund, welche beide Männer ein langes Leben hindurch bis zum Grabe brüderlich verbunden hielt. Der Vater Prittwitz, damals General, richtete eine Exerzierstunde ein, an welcher, mit anderen Schulfreunden, auch die Viebahnschen Söhne teilnahmen; sie wurde von einem Unteroffizier geleitet, und fand zuerst auf einem Holzplatz hinter der Matthäikirchstraße statt.

Mit besonderem Eifer betrieben beide Freunde das Kriegsspiel mit Zinnsoldaten, davon jeder ein stattliches Heer besaß. Dies knabenhafte Spiel entwickelte sich unter dem sachkundigen Urteil des Generals von Prittwitz, der diese jugendlichen Bestrebungen förderte, zu einer unbewußten Berufsbildung für beide Knaben.

Seinem treuen Freund Walther verdankte unser Vater in jenen Knabenjahren die Errettung vom Tode des Ertrinkens, als er sich einmal beim Schwimmen in Schlinggewächse verstrickt hatte. Der Umgang mit diesem führte zu einem Vorkommnis, welches für die künftige innere Entwicklung Georgs nicht ohne Bedeutung blieb. Wie alle richtigen Jungens, stritten und prügelten auch diese beiden sich beim Spiel, und infolge von Reibereien reichlich; da Walther der Stärkere war, blieb Georg zumeist der Unterlegene. So hatten sich beide auch einmal wieder gebalgt, als Prittwitz unvermittelt den am Boden liegenden Freund fragte, warum er so unglücklich aussähe, worauf Georg ihm antwortete: „Weil ich den HErrn Jesum nicht so lieb habe, wie ich Ihn haben müßte.“ Nun wurde der ältere Freund dem jüngeren ein Wegweiser zum Frieden mit Gott. Diese unzweideutig klare Antwort über seine Herzensstellung zum Heiland ist wohl aller Wahrscheinlichkeit nach auf die tiefgehenden Anregungen zurückzuführen, welche Georg dem gesegneten Konfirmationsunterricht bei dem Pastor Snethlage verdankte. Von dieser Stunde an trat das Göttlich-Ewige in den bewußten Vordergrund dieses jungen Lebens, um, je länger, je mehr, ausschlaggebend und zielbestimmend zu werden; die Freundschaft der beiden Spielkameraden aber gewann durch die innere Glaubenseinheit in der Nachfolge des HErrn ihre für Lebensdauer bewährte Grundlage.

Die Versetzung des Vaters als Regierungspräsident nach Oppeln brachte einen Schulwechsel noch in den Oberklassen mit sich, so daß Georg von Viebahn das Zeugnis der Reife auf dem Gymnasium zu Oppeln im Jahre 1859 erhielt. Die Frage der Berufswahl war für ihn unzweifelhaft klar: Es gab nur eines, worin er eine Verwirklichung seiner höchsten Ideale zu finden hoffte: „König und Vaterland als Berufssoldat zu dienen!“ –

Aus dem Spiel der Knabenjahre wuchs die Lebensaufgabe hervor!

Anders, als wohl die große Mehrzahl junger Leute ging dieser Abiturient aus seinem Elternhaus, unter dessen segensreichem Schutze sein Leben bisher gestanden, dessen Wesen und Geist er große, innerliche Schätze als kostbaren Besitz verdankte: er verließ es unter ernstem Gebet, mit der bewußten Bitte, daß der HErr, dessen Führung er sich glaubensvoll anvertraute, ihn auch in seinem Berufsleben leiten, bewahren und segnen möge. Und dies Gebet ist ihm in seinem langen Soldatenleben in schönste Erfüllung gegangen! Etwa fünfzig Jahre später war es ihm vergönnt, im Regierungspräsidium zu Oppeln den Raum zu betreten, in dem er damals, vor seinem Bette kniend, den HErrn angerufen hatte; rückschauend sah er die sichtbare Erhöhung.

Am 16. Juli 1859 trat Georg von Viebahn bei dem Kaiser-Alexander-Garde-Grenadierregiment Nr. 1 in Berlin auf Beförderung ein. Nun begann für ihn in der straffen und strengen Diensterziehung, die damals anders geartet war als heutzutage, die Lebensschule: Die Soldatenlaufbahn mit ihren hohen Anforderungen hat aus seinen Veranlagungen und Fähigkeiten eine willensstarke, klarblickende und ruhig abwägende Persönlichkeit gemacht.

Sein Jugendfreund, Walther von Prittwitz, war bei dem gleichen Truppenteil eingetreten, der zwei Jahre ältere Bruder Rudolph von Viebahn trat kurze Zeit später auch dort ein, so daß viele Beziehungen aus der Schulzeit sich weiterspinnen konnten. Es war die Zeit des französisch-österreichischen Krieges, der vornehmlich in der Lombardei ausgefochten wurde, und dessen bekannteste Schlachten bei Magenta und Solferino den alten Kriegsruhm des ersten Napoleon auf seinen Neffen und Nachfahren wiederzustrahlen schien. Auch über Preußen-Deutschland drohte das Kriegsgewitter; doch kam es nicht zur Entladung. Daß es in solchen Zeiten für einen soldatisch veranlagten Jüngling nichts schöneres geben konnte, als Offizier zu werden, ist selbstverständlich! Nachdem der Junker seine Ausbildungszeit beendet, und ihm seine Beförderung zum Gefreiten mitgeteilt war, hielt ihm sein Exerzierunteroffizier, ein braver Sergeant, eine feierliche Rede, um ihm die ganze Bedeutung dieser ersten Sprosse auf der hohen militärischen Stufenleiter gebührend klarzumachen; er schloß mit den eindrucksvollen Worten: „Sie haben heute Ihre größte Beförderung erlebt.“ Am 12. Juli 1860 erhielt er die Epauletten.

Die Vergnügungen der jungen Offiziere von damals waren harmlos und schlicht im Vergleich zu heutigen Ansprüchen: der junge Sekondeleutnant von Viebahn I belohnte – wie er selbst oft erzählte – seine durch Vorübergehen an einer Konditorei erwiesene Standhaftigkeit dadurch, daß er in der nächsten einkehrte; die letzten Silbergroschen der Monatszulage wurden manchmal in einer stolzen Droschkenfahrt angelegt.

Es war damals der Frühlingsanbruch der neuzeitlichen preußischen Armee: König Wilhelm I. hatte mit seinem großen Gehilfen, dem Kriegsminister von Roon, das Werk der Heeresorganisation mit zielbewußter Planmäßigkeit begonnen; ein neuer Geist wehte durch Kasernen und über Exerzierplätze; mehr als bisher wurde die Ausbildung der Truppe auf den wahren Daseinszweck, den Krieg, hin gerichtet.

Das Jahr 1864 brachte den österreichisch-preußischen Waffengang gegen Dänemark zur Befreiung Schleswig-Holsteins. Nur Teile des preußischen Heeres wurden auf Kriegsfuß gesetzt, von der Garde nur wenige Einheiten. Daß es da die jungen Offiziere nicht auf dem Kasernenhof duldete, wo ihre glücklicheren Kameraden ins Feld zogen, um das Gelernte anzuwenden und zu erproben, läßt sich denken; der Leutnant von Viebahn durfte sich für diesen Feldzug dem damaligen 15. Infanterieregiment, jetzt „Prinz Friedrich der Niederlande“ genannt, anschließen. Unter Ueberschreitung des ihm gewährten Urlaubs machte er bei diesem Truppenteil die Erstürmung der Düppeler Schanzen mit; bei seiner Rückkehr nach Berlin erhielt er zur Strafe Stubenarrest – zur Anerkennung einen Orden.

Unter dem durch den Dienst sowie durch die üblichen standesgemäßen und gesellschaftlichen Verpflichtungen äußerlich geregelten Leben dieses jungen Offiziers ging eine andere Entwickelung innerlicher Art vor sich: das Wachstum seines Glaubenslebens. Es waren damals andere Zeiten als heute; außer den gewohnten, kirchlichen Formen gab es wenig Gelegenheit zur Förderung: Bibelstunden oder gar Gebetsgemeinschaft kannte man kaum, und es war wohl weit seltener als heute, daß man hin und her in den Häusern zusammenkam, um gemeinsam Gottes Wort zu betrachten. Um so ernster und tiefgehender war aber vielleicht im Gegensatz zu heute das Glaubensleben derer, die als einzelne ihren Lebensweg in der bewußten Nachfolge des HErrn zu gehen suchten, aus Seinem heiligen Wort ihre Lebenskraft zogen und sich stärkten im Gebet; ihr Christentum hatte etwas urwüchsiges in sich!

Unter seinen Regimentskameraden lernte Georg von Viebahn, außer dem schon erwähnten Jugendfreund, in dem Leutnant Bernd von Lettow-Vorbeck einen ernsten Christen kennen, mit dem ihn eine sehr enge Freundschaft verband. Er scheint damals auch Berührung gefunden zu haben mit einem kleinen Kreise ernstgläubiger, junger Herren der Gesellschaft, welcher den Spottnamen „Nasser Engel!“ trug, in welchem u. a. auch Graf Andreas Bernstorff verkehrte. Vom Oktober 1863 bis zum Frühling 1866 besuchte der strebsame junge Offizier die Kriegsakademie.

Der Feldzug gegen Oesterreich sah das Regiment Alexander bei der aus Schlesien vorrückenden Armee des Kronprinzen, wo es an den Gefechten bei Czerwenahora und Soor, und schließlich an der Schlacht von Königgrätz siegreich teilnahm. Der Leutnant von Viebahn I fand Gelegenheit, sich als Führer des Schützenzuges der 10. Kompagnie auszuzeichnen. Er machte dann den Vormarsch durch Mähren mit, und sah von ferne die Kaiserstadt Wien liegen. Bei aller soldatischen Schönheit dieser Kriegserlebnisse, die sein jugendfrisches Herz mit stolzer Freude erfüllten, fehlte es nicht an innerlich tiefgehendem Durchleben, und dadurch an einem bewußten Wachsen im Glauben. Natürlich konnte sein Wandel und Wesen hierdurch nicht unbeeinflußt bleiben und hob sich schon damals spürbar von dem Gewohnten ab.

Die Durchführung der preußischen Neuformationen in den durch den Frieden von Prag hinzugewonnenen Provinzen brachte im Herbst 1866 die Versetzung des Premierleutnants in das hessische Füsilierregiment Nr. 80, dessen eines Bataillon damals in Weilburg a. d. Lahn garnisonierte. In diesem Regimente führte ihn die Kameradschaft mit zwei ehemals kurhessischen Offizieren, den damaligen Hauptleuten von Kietzell und Freiherrn von Verschuer zusammen, mit welchen beiden ihn enge Freundschaft lebenslang verband. Nach einem Kommando zum Generalstab erfolgte im Jahre 1867 die Ernennung zum Adjutanten der 42. Infanterie-Brigade, mit dem Standort in Frankfurt am Main. Inzwischen war auch sein Freund von Lettow-Vorbeck nach dem Westen versetzt worden, und zwar nach Mainz, so daß beide häufig Gelegenheit hatten, zusammenzutreffen und sich im Glauben zu stärken.

Hier setzten jene zarten Fäden göttlicher Lebensverwebung ein, welche Georg von Viebahn mit seiner künftigen Lebensgefährtin bekannt machen sollten. Lettow begleitete ihn 1869 ins Manöver, und der Brigadestab kam nach Großkarben (zwischen Frankfurt a. M. und Friedberg i. H.) in Quartier. Dort wohnte damals der mit Lettow befreundete Pastor Schüler, dessen Frau eine Holländerin war. Diese und ihre Schwestern hatte Lettow schon eine Reihe von Jahren zuvor in Kreuznach kennengelernt; schon damals hatte er seinem Freund Georg von diesen drei Schwestern erzählt. Lettow ging also als Gast ins Pfarrhaus, während der Brigadeadjutant mit seinem General anderweitig einquartiert und durch Dienstgeschäfte so stark in Anspruch genommen war, daß er nur am nächsten Morgen vor dem Ausrücken auf Lettows Drängen zu flüchtiger Begrüßung ins Pfarrhaus kam, wo er außer dem Ehepaar Schüler auch die jüngere Schwester der Hausfrau, Fräulein Christine Ankersmit, kennenlernte; es kam aber kaum zum Gespräch, denn der Dienst drängte zum Aufbruch.

Erst im Frühjahr 1870 kam es dazu, daß beide Freunde dem Pfarrhaus in Großkarben einen Besuch abstatteten, wo sie als ernste Christen in dem Gedankenaustausch mit dem gläubigen Pfarrerspaar Freude und Gewinn fanden. Noch ein- oder zweimal kehrte Georg von Viebahn allein dort ein, er hörte gesprächsweise mancherlei über die junge Schwägerin, und das beschäftigte ihn innerlich.

Dann kam der Krieg gegen Frankreich, und die gewaltige Erhebung deutschnationalen Empfindens riß den heranreifenden, begeisterungsfähigen Mann, der Georg von Viebahn damals war, mit fort. Ihm wurde mit der Mobilmachung das auszeichnende Kommando als Generalstabsoffizier zum Oberkommando der dritten Armee zuteil, so daß er in die unmittelbare dienstliche Umgebung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm trat, wo er mit mehreren anderen jüngeren Offizieren, die sich später einen Namen gemacht haben, so mit dem jüngst als Generaloberst und Generalgouverneur von Belgien verstorbenen Freiherrn von Bissing und dem Grafen Harrach, unter dem General von Blumenthal als Stabschef arbeitete. Mit dem kronprinzlichen Heerführer durfte unser Vater seit dieser Kriegszeit in persönlich naher Beziehung stehen.

Auf dem Umweg über die süddeutschen Residenzstädte ging es ins Feld. Am 5. August, abends, mit einem wichtigen Auftrag nach vorne gesandt, wurde ihm sein Pferd unter dem Leib erschossen; er selbst entging, durch den stromschnellen Sauerbach schwimmend, mit knapper Not der Gefangennahme, brachte jedoch Meldungen mit zurück, die für das Armeeoberkommando so wertvoll waren, daß der Kronprinz diese Erkundung durch Verleihung des Eisernen Kreuzes auszeichnete.

Tags darauf kam es zur Schlacht bei Wörth. Dieser Siegestag brachte ihm einen großen persönlichen Verlust: im Stabe des Kronprinzen bei den verschiedenen Truppenteilen vorüberreitend, erfuhr er beim Infanterieregiment Nr. 87, daß der Hauptmann von Lettow-Vorbeck, seiner vorstürmenden Kompagnie weit vorausschreitend, schwerverwundet sei und in der Bruchmühle sterbend darniederliege. Für knappe Stunden beurlaubt, ritt er hinüber, um dem geliebten, treuen Freund noch einmal ins Auge zu schauen, und dessen letzte Botschaft für die junge Frau im fernen Pommerland entgegenzunehmen. Eine schwerverständliche Fügung Gottes wollte es, daß Georg von Viebahn betrübten Herzens unverrichteter Sache den Rückweg antreten mußte: er fand in der Mühle wohl mehrere verwundete Offiziere, den sehnlichst gesuchten Freund fand er nicht; denn der Müller – wohl durch die kriegerischen Ereignisse zu aufgeregt – vergaß, daß noch in einem kleinen Kämmerlein ein Schwerverwundeter, eben der Gesuchte, lag.

Die gewaltigen Ereignisse gingen ihren ehernen Gang weiter; die Schlacht bei Beaumont leitete zu dem gewaltigen Sieg von Sedan über, der zum Zusammenbruch des zweiten Kaiserreiches führte; der junge Generalstabsoffizier durfte dem geschichtlich großen Augenblick beiwohnen, als der General Reille dem siegreichen König Wilhelm die Kapitulation von Festung und Armee, sowie den Degen Kaiser Napoleons überbrachte.

Weiter ging es, zur Einschließung von Paris; das Armeeoberkommando des Kronprinzen kam nach Versailles, wo es in der Villa „Les Ombrages“ Unterkunft fand, einem Hause, welches Jahrzehnte später für die Reichsgottesarbeit in Frankreich besondere Bedeutung gewonnen hat. Die damaligen Besitzer müssen wohl ernste Christen gewesen sein, denn auf dem bekannten Gemälde, wo ein damaliger Vortrag des preußischen Generals Han von Weyern vor dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm dargestellt ist, sieht man die Kopfbalken der Zimmertüren mit französischen Bibeltexten geschmückt.

Aus dem Felde führte der nunmehrige Hauptmann von Viebahn einen lebhaften Briefwechsel mit dem Pfarrherrn in Großkarben, mit dem er sich in lebendiger Glaubensgemeinschaft sehr nahegetreten war. Auf diesem Wege hörte er weiter mancherlei über Christine Ankersmit, und so kam es, daß er von Versailles aus bei Pastor Schüler brieflich anfragte, ob wohl die Hand seiner jungen Schwägerin noch frei sei. Bei diesem Lebensentschluß leitete ihn vor allem der Umstand, daß ihm dies junge Mädchen als eine ernste, entschiedene Christin bekannt war; von ihren sonstigen Familienverhältnissen wußte er sehr wenig. Die sehnlichst erwartete Antwort lautete hoffnungsreich, so daß sich seine Gedanken und Wünsche immer bestimmter diesem Ziele zuwandten.

Der Winterfeldzug gegen die aus dem Boden gestampften Heere der nationalen Verteidigung führte den Hauptmann von Viebahn zum Stabe der Armeeabteilung des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg, mit dem er in Orléans einzog. Es war ihm vergönnt, im Stabe des Kronprinzen an der weltgeschichtlichen Feier der deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles teilzunehmen; so findet sich unseres Vaters Bildnis auf dem berühmten Bilde Anton von Werners, welches diese glorreiche Stunde festgehalten hat. Die Okkupationszeit sah ihn beim Stabe des Besatzungsheeres in der Umgebung des damaligen Kronprinzen Albert von Sachsen in dem schönen Compiègne, von wo er anfangs Juli 1871 in die Heimat zurückkehrte.

Kurz darauf lernte er im Hause des inzwischen nach Breungeshain übergesiedelten Pfarrerpaares die Eltern Ankersmit kennen und erlangte deren Einwilligung zu seiner Brautwerbung; als gehorsamer Sohn mochte er jedoch diesen bedeutungsvollen Schritt nicht tun, ohne sich vorher der Zustimmung seiner eigenen Eltern zu seiner Wahl zu vergewissern. Nach Uebernahme der ihm im alten Regiment jetzt in Wiesbaden zugewiesenen dritten Kompagnie, besuchte er das Vaterhaus in Oppeln und durfte am 10. August 1871 seine Verlobung in Breungeshain feiern, wo Christine Ankersmit zu Besuch weilte.

Was diesen Lebensbund der beiden aus so verschiedenartigen irdischen Verhältnissen stammenden Verlobten – die Braut war die Tochter eines holländischen Großkaufmannes – in besonderer Art kennzeichnete, war die Tatsache, daß sie sich die Hand reichten auf der gemeinsamen Grundlage eines lebendigen, christlichen Glaubens, der sein Fundament auf dem Wort Gottes, seine Zuversicht in der Gnade des HErrn, seine Aufgabe in der Nachfolge Jesu, sein Lebensziel in der Hoffnung der himmlischen Herrlichkeit fand. Das mußte diesem Hausstande von vornherein seine unverkennbare Geistesrichtung und in etwa ungewohnte Eigenart geben, die schon damals in jenen noch durchschnittlich kirchenfrommeren Zeiten nicht verborgen blieb.

Mein Vater hat es, je länger, je deutlicher, betont, ein wie reicher und bestimmter Segen Gottes ihm auf diesem Wege zugefallen sei; in Uebereinstimmung mit seiner eigenen Erfahrung fand er es an vielen Stellen der Heiligen Schrift als göttlichen Grundsatz bestätigt, daß in der großen Frage eines Lebensbundes ein gläubiger Christ, ob Mann oder Weib, nur wiederum einem Gläubigen angehören könne!

Die Hochzeit fand am 14. Mai 1872 zu Amsterdam statt. In Wiesbaden verbrachte das junge Paar die sechs ersten Jahre seiner Ehe und stand dort in lebhaftem Verkehr mit den ernsten christlichen Kreisen. Wir vier ältesten Geschwister wurden dort geboren. Militärisch bemerkenswert aus jener Zeitspanne ist eine Denkschrift unseres Vaters über das Thema: „Erhöhung des Armeebudgets, Lösung der Unteroffizierfrage!“ Aus seiner früheren Tätigkeit als Brigadeadjutant mit dem Heeresersatzgeschäft aufs genaueste vertraut, kam er, um einen gerechten Ausgleich der Kriegsdienstlasten anzustreben, schon damals zu dem folgerichtigen Vorschlag einer Wehrsteuer für die Nichtgedienten, also zu einer durchaus neuzeitlichen Forderung.

Der Herbst 1878 brachte die Versetzung ins Infanterieregiment Nr. 74, aus welchem Georg von Viebahn als überzähliger Major im Jahre 1879 zum Hannoverschen Füsilierregiment Nr. 73 übertrat.

In jene Jahre fällt auch die Veröffentlichung einer, gegen den damaligen Führer der freisinnigen Partei gerichteten Kampfschrift, betitelt: „Die Angriffe des Reichstagsabgeordneten Herrn Richter gegen die Armee, beleuchtet von einem deutschen Soldaten.“ Hier verteidigte der kriegserfahrene Offizier aus altpreußischer Ueberzeugung und in idealer Berufs- und Standesauffassung alle jene Güter, Rechte und Pflichten, welche die Grundlage der ruhmreichen Ueberlieferung des preußisch-deutschen Volksheeres und unseres Offizierkorps bilden: also die Grundlage, auf der sich die unvergleichlichen Leistungen unserer Kriegsmacht in dem jetzigen Weltkriege, die unnachahmlichen Heldentaten an allen Fronten, zu Lande, auf See und in der Luft geschichtlich aufbauen. Diese Schrift trug ihm damals die besondere Anerkennung seines kaiserlichen Kriegsherrn ein. Ohne Bataillonskommandeur gewesen zu sein, erfolgte im Oktober 1883 seine Ernennung zum Kommandeur der Königlichen Kriegsschule in Engers am Rhein.

In dem zur Dienstwohnung bereitstehenden Graf Speeschen Hause, unmittelbar am herrlichen Strom gelegen, fand die Familie ein schönes, geräumiges Heim, welches die besondere Freude der Hausfrau war. Aber bald senkten sich dunkle Trauerschatten herab: Unmittelbar nach der Geburt des sechsten Kindes erkrankte unsere Mutter schwer und starb nach qualvollem Leiden am Sonntag, den 3. Februar 1884. Ihre letzte Ruhestätte fand sie an einem wunderbar schönen Fleckchen Erde, nahe am Schloßgarten, unmittelbar am hohen Rheinufer, welches mein Vater als Familienbegräbnisplatz erwarb. Auf Grund seiner inneren geistlichen Entwicklung, von dem biblischen Grundsatz des allgemeinen Priestertums der Gläubigen durchdrungen, sprach der verwitwete Gatte selbst am Sarge seiner Frau Worte des Glaubens von der Hirtentreue des HErrn Jesu über den Seinigen und von der Herrlichkeit der lebendigen Hoffnung der Gläubigen im Angesicht des Todes.

Der schwere Rauhreif innerer Vereinsamung war auf unseren lieben Vater gefallen, großer Ernst lagerte über dem ganzen Hause und teilte sich naturgemäß auch uns Kindern mit. Der verantwortungsvolle Dienst der Ausbildung und Erziehung der ihm anvertrauten Offiziersanwärter nahm ihn sehr in Anspruch, gab ihm aber auch in menschlich verständlicher Weise einen gewissen Ausgleich durch die Ablenkung der Berufsarbeit.

Drei Jahre später war es ihm vergönnt, in der jüngeren Schwester unserer heimgegangenen Mutter, Fräulein Marie Ankersmit, eine zweite Lebensgefährtin zu finden, die ihn mit drei Söhnen beschenkte. Sinnbildlich vergleichend, sagte unser Vater oft, es sei ihm ergangen, wie dem Patriarchen Jakob, der von sich sagen durfte: „Mit einem Stab ging ich über den Jordan, und nun siehe, bin ich zwei Heerhaufen geworden!“ Nur daß er statt des Stabes als einzigen, wertvollen Besitz seinen Säbel hatte, mit dem er als junger Offizier ins Leben gezogen war.

Der November 1888 brachte die Versetzung als Oberstleutnant zum Stabe des Infanterieregiments Nr. 81 nach Frankfurt a. M. Hier boten sich vielerlei wertvolle Anknüpfungen zu den verschiedenen christlichen Kreisen und ihren leitenden Persönlichkeiten, die erst später zu ihrer vollen Bedeutung ausreifen sollten.

Schon nach neun Monaten wurde unser Vater als Oberst und Kommandeur an die Spitze des Infanterieregiments von Horn (3. Rheinisches) Nr. 29 berufen, welches in Trier an der Mosel steht und somit zu den Truppenverbänden zählt, denen insonderheit „die Wacht am Rhein“ anvertraut ist. Ist die Stellung als Regimentskommandeur schon für jeden Berufsoffizier die bedeutsamste, mit all ihren Rechten und Pflichten, ihrer Verantwortung und dem damit verbundenen weitgehenden Einfluß auf die Ausbildung und Wohlfahrt der unterstellten Truppe, so bedeutete sie für einen so begeisterten Soldaten, wie unser Vater es war, den Höhepunkt in seiner Berufslaufbahn. Mit rastlosem Eifer widmete er sich seinem Regiment. Die Einführung eines neuen Infanteriegewehrs und der neuen Fechtweise erforderten eine besonders gründliche Ausbildungsarbeit; hinzu kam die wichtige Aufgabe der Belehrung des Offizierkorps und die Erziehung der Unteroffiziere sowie die Heranbildung eines tüchtigen Nachwuchses für beide Laufbahnen. In dem Vorschlag der Einführung der zweijährigen Dienstzeit erblickte er eine ernste Gefährdung der kriegsmäßigen Ausbildung und nahm zu ihr in einer Denkschrift Stellung. Sein Regiment auf die höchste Stufe kriegsmäßiger Ausbildung zu bringen, war sein ganzes Streben. Felddienst und Nachtübungen sowie die Gefechtsausbildung in kriegsstarken Verbänden waren deshalb an der Tagesordnung. Aber auch diese irdischen Aufgaben und Berufspflichten wurden ihm zum Gottesdienst, vor allem dadurch, daß er in wohl täglichem ernsten Gebet sie vor den HErrn brachte und sich bemühte, seinen Dienst im Aufblick zu seinem himmlischen König zu erledigen; auch scheute er sich nicht, seine Glaubensstellung in und außer Dienst klar zu bekennen, wodurch natürlich manche Konflikte gegenüber den gewohnheitsmäßigen Anschauungen wachgerufen wurden. Diese Zeit von 1889 bis 1892 waren Kriegsjahre im Frieden.

Mit der Beförderung zum Generalmajor wurde er zum Kommandeur der 5. Infanteriebrigade in Stettin ernannt. Neben der Ueberwachung der Ausbildung der unterstellten Regimenter wandte er sich nun mit besonderem Interesse den Fragen und Aufgaben der höheren Truppenführung zu.

Doch auch andersgerichtete Gedankengänge beschäftigten ihn je länger, je mehr. Hatte er sich schon als Regimentskommandeur veranlaßt gesehen, in Trier ein kleines christliches Soldatenheim unter einem Bibelboten ins Leben zu rufen, so bedrückte ihn die wachsende Gottentfremdung, die er bei der heranreifenden Jugend beobachtete, immer mehr. Er war überzeugt, daß dem nur wirksam begegnet werden könne, wenn man den jungen Leuten das heilsame Wort Gottes in volkstümlicher, leichtverständlicher Weise nahebringe. So kam er dazu, noch als aktiver General ein allwöchentlich erscheinendes kleines Blatt unter dem Titel „Zeugnisse eines alten Soldaten an seine Kameraden“ herauszugeben, welches er zunächst den ihm unterstellten Truppenteilen kostenlos zugänglich machte und verteilen ließ. Den Verlag dieser Blätter übernahm die „Deutsche Evangelische Buch- und Traktatgesellschaft“ in Berlin. Dies war der Grundstein zu einer großen Glaubensarbeit, welche sich späterhin auf unsere gesamte Wehrmacht fast ausnahmslos ausdehnen sollte und ein Hauptarbeitsgebiet unseres Vaters bildete. Geschichtliche Ereignisse, besondere Vorkommnisse und wahrheitsgemäß verbürgte Erlebnisse gaben ihm die gesuchten Beispiele, an denen er seinen Lesern die göttlichen Wahrheiten klarmachte. Diese Blätter gewannen sich auch sonst viele Freunde und fanden durch freie Verteilung seitens aller christlichen Kreise Verbreitung in allen Volksschichten. Daß diese Blätter bei manchen Vorgesetzten unwillkommen waren, daß die von den meisten Truppenteilen dankend zugesagte regelmäßige Verteilung auch hier und da unterblieb, kann nicht wundernehmen; im großen ganzen aber darf anerkannt werden, daß die Kommandos die segensreiche Absicht dieser Soldatenblätter stets dankend gewürdigt haben; namentlich die Schiffskommandos der Kaiserlichen Marine begrüßten diesen guten Lesestoff für ihre Mannschaften stets aufs dankbarste, besonders wenn sie auf Auslandsstation verweilten. Da die Blätter allwöchentlich und zum Karfreitag erschienen, umfaßt jeder Jahrgang dreiundfünfzig Nummern, so daß in den fast einundzwanzig Jahren, während deren mein Vater diese Arbeit im Verein mit der Traktatgesellschaft fortgeführt hat, an elfhundert verschiedene Nummern erschienen sind. Was das für eine Arbeitsleistung bedeutet, kann nur der ermessen, der aus eigener ähnlicher Erfahrung reden kann. Getragen wurde dieses Werk ausschließlich aus freiwilligen Gaben breiter christlicher Kreise, zumeist durch die Scherflein geringbemittelter Gläubiger! Auch heute erscheinen diese von meinem Vater verfaßten Blätter noch regelmäßig in großer Auflage bei der Traktatgesellschaft, indem aus den alten, längst vergriffenen Jahrgängen ausgewählte Nummern mit geringfügigen Abänderungen neugedruckt werden.

Aber noch ein anderes wichtiges Arbeitsgebiet sollte unserem Vater aus seinem irdischen Beruf erwachsen: einerseits verspürte er, je höher er im Range gestiegen war, um wieviel schwieriger es werde, dem HErrn treu nachzufolgen; andererseits sah er sich als gläubiger Offizier unter seinen Kameraden sehr vereinsamt. Dies kam ihm ganz besonders eindringlich zum Bewußtsein, als er inmitten des größten Teils der deutschen Generalität am 18. Oktober 1895 an der Einweihungsfeier des dem Kaiser Friedrich auf dem Schlachtfelde von Wörth gesetzten schönen Denkmals teilnahm. Er kannte damals wohl einige verabschiedete gläubige Offiziere, mit denen er sich innerlich verbunden wußte: so den Forstmeister von Rothkirch, welcher am Christlichen Verein junger Männer in Berlin wirkte, und den Oberstleutnant von Knobelsdorff, der in der Trinkerrettungsarbeit stand. Aber unter den Offizieren des aktiven Dienststandes war ihm kaum einer bekannt, der in der bewußten Nachfolge Christi stand; es soll damit aber nicht gesagt sein, daß es nicht solche auch damals gab, denn Gott allein kennt die Herzen. Jedoch ist ein lebendig-gläubiger Offizier wohl von jeher eine so ungewohnte Erscheinung, daß seine innere Stellung kaum auf die Länge unbekannt bleiben kann, sofern er sich bemüht, seinen Glauben im alltäglichen Leben praktisch zu verwirklichen.

So kam das Frühjahr 1896 heran: Schon in früheren Jahren hatte unser Vater wiederholt ernstlich den Gedanken erwogen, seinen Abschied zu nehmen und sich der unmittelbaren Reichsgottesarbeit zu widmen; auch hatte es bei seiner Bekenntnistreue nicht an Gegensätzen innerlicher und auch mehrmals in seinen letzten Dienstjahren an Spannungen äußerlicher Art gefehlt, die ihm die Frage nahelegten, ob es etwa gottgewollt sei, seinem irdischen Beruf, an dem er mit idealer Hingabe hing, zu entsagen. In allen diesen Fällen hatte er glaubensvoll seinen Gott um klare Weisungen gebeten, ob er gehen oder im Dienst verbleiben solle; und jedesmal war ihm nach seiner Erkenntnis das letztere gezeigt worden. Auch jetzt trat diese Frage wieder an ihn heran, und obgleich ihm eine höhere Verwendung in einflußreicher und wichtiger Dienststellung angeboten wurde, glaubte er nun doch die Zeit für gekommen, um aus dem Dienst zu scheiden.

In siebenunddreißigjähriger erfolgreicher und ehrenvoller Laufbahn hatte er vier preußischen Herrschern gedient; die Ideale, welche er in jugendlicher Begeisterung im Offiziersberuf gesucht, hatten sich ihm in drei Feldzügen und auch in der langen Friedenszeit vollauf verwirklicht. Sein irdischer Beruf war ihm zu einer göttlichen Vorschule geworden für die höheren Aufgaben, die ihm noch vorbehalten waren im Dienste des HErrn.

Welchen irdischen Beruf könnte es auch geben, welcher mehr Anklänge und Aehnlichkeitspunkte fände mit den klaren biblischen Richtlinien eines kraftvollen Christentums als den des Berufssoldaten?! Ist nicht das persönliche Zugehörigkeits- und Gehorsamsverhältnis des deutschen Offiziers zu seinem irdischen Kriegsherrn ein herrliches Vorbild für die richtige Stellung eines gläubigen Christen zu seinem himmlischen König? Wie viele wichtige Stellen der Heiligen Schrift, die sich mit dem praktischen Wandel des Christen befassen, bedienen sich packender Vergleiche aus dem Soldatenleben: so wenn uns gesagt wird „Leget an die ganze Waffenrüstung Gottes“ oder etwa „Niemand, der Kriegsdienste nimmt, verflicht sich in Händel der Nahrung.“

Im Frühjahr 1896 nahm also unser Vater seinen Abschied, seinen Wohnsitz in Stettin behielt er bei. Zunächst nahmen die mit der Herausgabe der „Soldatenzeugnisse“ verbundenen Arbeiten seine Zeit reichlich in Anspruch. Bald jedoch traten weitschauendere Aufgaben an ihn heran: es wurde ihm nahegelegt, seine inneren Erfahrungen in geeigneten Vorträgen seinen bisherigen Standesgenossen zugänglich zu machen. Am 4. März 1898 hielt er in dem damaligen Gasthof „Zu den vier Jahreszeiten“ (jetzt „Prinz Albrecht“) in Berlin seinen ersten derartigen Vortrag unter dem Titel „Die siegreiche Kraft des Wortes Gottes im Leben des deutschen Offiziers“. Die Einladungen waren ausschließlich auf Offiziere beschränkt; bei der großen Bekanntschaft, deren sich unser Vater im Offizierkorps wegen seiner Glaubensstellung zu erfreuen hatte, stellte sich ein großer Zuhörerkreis ein; war es doch ein bis dahin einzigartiges Ereignis, einen preußischen General über solche Fragen öffentlich reden zu hören. Dieser Vortrag, der kurz darauf im Druck erschien, war gewissermaßen ein Heroldsruf, ein Trompetenstoß zum Sammeln für solche Offiziere, die entweder eine ähnliche Glaubensstellung einnahmen oder eine solche zu gewinnen trachteten. Hätte damals jemand unserem Vater vorausgesagt, daß etwa ein Jahrzehnt später in denselben Räumen sich alljährlich um ihn eine stattliche und stets wachsende Schar ernstgläubiger deutscher Offiziere zu mehrtägiger Zusammenkunft scharen würde, um sich gegenseitig durch Bibelstudium und Gebetsgemeinschaft zu stärken, so hätte er das wohl selbst kaum für möglich gehalten. Zunächst schloß er sich mit den beiden schon obengenannten und noch etlichen anderen älteren verabschiedeten Offizieren im Gebet zusammen, um Segen und Weisung von Gott zu erbitten, um die Gnadenbotschaft des Evangeliums an die aktiven Kameraden heranzutragen. Weitere Vorträge für Offiziere in verschiedenen Garnisonen folgten, an die sich häufig große Soldatenversammlungen anschlossen, in denen er den Mannschaften die großen Heilswahrheiten in leichtverständlichen Ansprachen nahebrachte. So wuchs die Arbeit, die ihm die liebste war, weil sie ihm Gelegenheit bot, dem deutschen Heere, an dem er mit ganzer Liebe hing, auch weiterhin zu dienen.

Wurden letztere Gelegenheiten in den späteren Jahren seltener durch den Widerstand, der sich gegen unseren Vater wegen seiner persönlichen außerkirchlichen Stellung geltend machte, so wuchs die Bewegung im Offizierkorps aus unscheinbaren Anfängen im Laufe der Jahre sichtlich: fanden sich doch immer mehr Vereinzelte, die, teils noch nach Frieden mit Gott und innerer Gewißheit suchend, teils schon zum lebendigen Glauben durchgedrungen, es freudig und dankbar begrüßten, in unserem Vater einen erfahrenen Freund und Berater zu finden für die mancherlei äußeren und inneren Fragen, die sich dem ernstchristlichen Offizier in seinem Berufsleben aufdrängen.

Um diesem spürbaren Verlangen zu entsprechen, gab unser Vater vom Jahre 1900 an eine dem deutschen Offizierstande insonderheit gewidmete Vierteljahrsschrift „Schwert und Schild“ im eigenen Verlage heraus, in welcher er durch geeignete Aufsätze aus eigener und fremder Feder, sowie durch Besprechung praktischer Glaubensfragen und Schilderung von erlebten Glaubenserfahrungen dem sich stets weitenden Kreise seiner Kameraden zu dienen suchte. Diese Zeitschrift ist mit dem Tode meines Vaters eingegangen.

Als Beilage zu diesen Vierteljahrsheften gab er „Bibellesezettel“ heraus, welche in knapper, einfacher Form kurze praktische Erläuterungen zu den gewählten Bibelstellen enthielten, um den Lesern, unter denen zunächst Offiziere und Soldaten gedacht waren, eine kurze praktische Anleitung für das tägliche Lesen der Heiligen Schrift an die Hand zu geben. Das Lesen der Heiligen Schrift selbst erschien unserem Vater je länger, je mehr als das Wichtigste für jeden Gläubigen, als das „Anlegen der Waffenrüstung Gottes“.

Der Leserkreis dieser Schrifterklärungen, welche sich entweder mit der Betrachtung eines bestimmten Bibelabschnitts oder mit der praktischen Beleuchtung wichtiger Einzelfragen aus dem Wort Gottes befassen, erweiterte sich sehr bald weit über das ursprünglich Gedachte hinaus, so daß diese Bibellesezettel sich in allen Kreisen der Gemeinde Gottes eingebürgert haben. So wird dieser wichtige Zweig der Lebensarbeit meines Vaters auch jetzt durch den Verlag „Schwert und Schild“ in Diesdorf bei Gäbersdorf, Kreis Striegau, fortgeführt, von wo die Bibellesezettel bezogen werden können.

Zu vielen wichtigen Fragen des praktischen Glaubenslebens nahm er in ausführlichen Einzelschriften Stellung.

Mit der Zeit traten von vielen verschiedenen Seiten Anfragen und Bitten an unseren Vater heran, in öffentlichen Sälen, Vereinen, Gemeinschaften und Kirchen Evangelisationsansprachen und Bibelstunden zu halten. Längst nicht allen Aufforderungen durfte er folgen, da zunächst die regelmäßig erscheinenden Soldatenblätter, ferner „Schwert und Schild“ und nicht zum wenigsten die „Bibellesezettel“ eine gewaltige Arbeitsmenge bedeuteten, die stets rechtzeitig bewältigt sein mußte für die Drucklegung. Doch sind im Laufe der Jahre wohl nur wenige größere Städte gewesen, wo er nicht ein- oder mehrmals Vorträge gehalten hätte. Alljährlich im Mai sprach er in der Christlichen Gemeinschaft in der Hohenstaufenstraße, deren ehrwürdige, längst heimgegangene, aber unvergessene Begründerin, Fräulein Tony von Blücher, ihm nahe befreundet war. Kaum weniger regelmäßig hielt er viele Jahre in Barmen öffentliche Vorträge in der Stadthalle, aufgefordert durch den ihm befreundeten Fabrikanten Herrn Carl Paas. Auch nach Basel wurde er mehrfach berufen. Wiederholt diente er auf den Konferenzen der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung mit Vorträgen.

Was sein Dienst als Verkündiger der Gnadenbotschaft und als väterlicher Lehrer der Gläubigen an bleibender Ewigkeitsfrucht in unzähligen Menschen gezeitigt hat und noch heute an vielen auswirkt, die durch unseren Vater erst zum Glauben gekommen oder in der Nachfolge des HErrn befestigt worden sind, dies alles nach göttlichem Maß zu werten und abzuwägen, bleibt allein seinem himmlischen HErrn und Meister vorbehalten. Daß er Unzähligen durch seine Wortverkündigung und seine Schriften ein Wegweiser und segensreicher Führer gewesen, dürfte kaum Widerspruch erfahren.

Jedenfalls wurde sein eigenes Leben durch diesen vielseitigen Dienst unendlich bereichert an Gnade und Segen. Denn was kann es bei der Hinfälligkeit aller irdischen Dinge – und seien sie die erhabensten und edelsten! – Herrlicheres und Bleibenderes geben, als anderen Menschen etwas zu sein, an ihnen zu arbeiten, ihnen göttliche Segenswerte zu vermitteln!

Die Offiziersarbeit brachte ihn im Jahre 1898 in nahe Berührung mit der „Bibel- und Gebetsgemeinschaft britischer Offiziere“ in London, und im Jahre 1899 fand er Gelegenheit zur Fühlungnahme mit gläubigen schwedischen Offizieren in Stockholm. Nach beiden Richtungen blieben auf innerer Gemeinschaft beruhende nahe Freundschaftsbeziehungen bestehen, die erst durch den Weltkrieg unterbunden wurden.

In Deutschland öffneten sich eine ganze Reihe lieber gastfreier Häuser auf dem Lande hin und her im Reich, um zu verschiedenen Zeiten im Jahr den in der Nähe garnisonierenden Offizieren Gelegenheit zu einigen Urlaubstagen zu bieten, die unter „Vater Viebahns“ Leitung aus dem Jungbrunnen des Gottesworts neue innere Kräfte für den Glaubenskampf zu sammeln wünschten. Dankbar seien hier die Häuser des Freiherrn von Tiele-Winckler auf Rothenmoor i. M. und des Generals Freiherrn von Patow in Zinnitz, N.-L., welche beide inzwischen schon zur Herrlichkeit abberufen wurden, genannt, wo solche gesegneten Zusammenkünfte am häufigsten getagt haben vor dem Kriege. Alljährlich im März sammelte sich der stets wachsende Freundeskreis gläubiger Offiziere möglichst vollzählig für mehrere Tage in Berlin, wo die Zusammenkünfte früher im Hospiz St. Michael, in den letzten Jahren vor dem Kriege im Gasthof Prinz Albrecht stattfanden.

Eine heilige Erinnerung weht über diesen herrlichen Segensstunden für alle die, welche daran teilnehmen konnten; waren es doch Tage ungetrübtester Geisteseinheit, obgleich der große Kreis der Teilnehmer solche der verschiedensten Richtungen umfaßte.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß unser Vater, nachdem er schon den Abschied genommen hatte, für seine Person den Austritt aus der Landeskirche erklärt und sich selbst fortan als evangelischer Christ ohne Konfession bezeichnet hat. Dieser auffallende Schritt ist von manchen, auch solchen, die ihm befreundet und wohlgesonnen waren, falsch ausgelegt, von weiten ernstchristlichen, kirchlichen Kreisen bedauert, von einigen Stellen und Persönlichkeiten ihm verdacht worden; letzteres wohl hauptsächlich in der unbegründeten Annahme, daß dieser Austritt eine Kriegserklärung gegen die Landeskirche bedeute. Die besonderen Anlässe, welche meinen Vater zu diesem Schritte geführt, im einzelnen darzulegen, ist hier nicht der Raum. Aber es soll festgestellt werden, daß er sich nie berufen gefühlt hat, die durch geschichtliche Entwickelung bestehende Einrichtung zu bekämpfen oder gar einzureißen. Jedoch wollte er für seine Person frei sein in dem, was seiner Erkenntnis nach göttlich gewollt und biblisch begründet war. So erschienen ihm die Zustände für die irdische Gottesgemeinde erstrebenswert, wie wir sie zur Zeit der ersten Christen aus der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel kennen. Er stellte das allgemeine Priestertum der Gläubigen und die „Gemeinschaft der Heiligen“ in den Vordergrund und bemühte sich, beides praktisch zu verwirklichen. Schon aus dem an zweiter Stelle genannten neutestamentlichen Grundsatz heraus wußte er sich allen wahren Gläubigen innerhalb der Landeskirche ebenso nahestehend und zur Bruderliebe verpflichtet, wie den Gemeinschaftskreisen und den bibelchristlichen freikirchlichen Richtungen.

In der Landeskirche aufgewachsen, war er durch seine Heirat in Fühlung gekommen mit den Kreisen jener außerkirchlichen Christen, welche von kirchlicher Seite gewöhnlich als Darbysten bezeichnet werden; er hat in diesen Kreisen, welche vor allem die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift und ihre demütige Erforschung hochstellen, reiche innere Förderung erfahren. Den in diesen Vereinigungen häufig spürbaren abweisenden Ausschlußbestrebungen gegenüber anderen christlichen Gemeinschaften und Richtungen konnte er je länger, je weniger beipflichten; vielmehr lernte er mit zunehmender innerer Erfahrung, daß man wohl für sich selbst ein enges Gewissen, für andere jedoch ein weites Herz haben müsse. So konnte er ein überzeugter Vorkämpfer und Fürsprecher der wahren evangelischen Allianz, der Einheit aller an Christum Gläubigen werden. „Ut omnes unum sint“ war seine Losung, und so bot ihm die alljährliche Allianzkonferenz zu Blankenburg in Thüringen eine liebgewordene und willkommene Aufgabe, weiten christlichen Kreisen aller Bekenntnisrichtungen als ein wahrer Vater in Christo zu dienen. An diesem Platze sah er eine seiner großen Hauptaufgaben gegenüber der großen, durch keine Betonung menschlicher Bekenntnisschranken getrennten, irdischen Gottesgemeinde.

So hatte Gott ihm im Laufe der Jahre ein sich stets weitendes Arbeitsfeld in Seinem Reiche zugewiesen. Als Evangelist legte er den größten Wert darauf, den ganzen Ernst der göttlichen Wahrheit zur Geltung zu bringen, die Sünde zu strafen, das kommende Gericht und die gegenwärtige Gnadenzeit zu verkündigen und vor allem den grundlegenden biblischen Unterschied zwischen dem gegen Gott und Seine Gnade gleichgültigen oder feindlichen Menschen gegenüber dem in der bewußten Nachfolge des HErrn stehenden Gläubigen klar zu betonen, damit jeder seiner Zuhörer sich zunächst darüber innerlich klar werden sollte, wie er zu Gott stehe.

Als Lehrer der christlichen Gemeinde war ihm daran gelegen, die Seite der praktischen Heiligung unseres Wandels im alltäglichen Leben hervorzuheben und dadurch die Gläubigen einer richtigen inneren Stellung zu den mancherlei zeitlichen Fragen und irdischen Ansprüchen zuzuführen, in dem Sinne des Wortes unseres HErrn: „in der Welt, aber nicht von der Welt!“ Sah er doch die gottgewollte Kennzeichnung eines wahren Christen auf Grund der Heiligen Schrift durch vier Punkte der praktischen Stellungnahme bedingt:

  • zu der Person unseres HErrn und Heilandes,
  • zu dem Wort Gottes, der ganzen Heiligen Schrift,
  • zu den Gläubigen,
  • zur Welt.

So waren seine Tage und Jahre reich mit Arbeit ausgefüllt; kamen doch die vielerlei Aufgaben und Fragen hinzu, denen er sich als Vater unseres Hauses mit größter Treue und zärtlicher Liebe widmete. Aus seinem Soldatenleben an Anstrengungen und äußerste Pflichterfüllung gewöhnt, – streng gegen sich selbst – wollte er die Worte „müde“ und „zuviel“ nicht kennen. In seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische durfte er die biblische Altersschwelle der Siebziger überschreiten.

Der Ausbruch des Weltkrieges kam ihm nicht überraschend; er hatte ihn lange kommen sehen als eine unvermeidliche Folge unserer weltwirtschaftlichen Machtentwicklung und des Neides unserer Feinde. Er war fest davon überzeugt, daß – wenn es einmal auf die Waffenprobe ankommen sollte – unser Heer und Volk sie siegreich bestehen werde mit Gottes Hilfe. Und als dann am 1. August 1914 der für jedes Soldatenherz glorreiche Augenblick kam, da des Kaisers Ruf zu den Waffen erging, zog es auch ihn trotz seiner vierundsiebzig Jahre mit mächtiger Begeisterung, noch irgendwie sich dienstlich zu betätigen. Mit väterlichem Stolz sah er nicht nur seine drei jüngeren Söhne, sah er die große Schar der an ihm als ihrem geistlichen Führer und Berater hängenden gläubigen Offiziere ins Feld rücken, sein anhaltendes Glaubensgebet begleitete sie, nicht so sehr um Bewahrung als vielmehr um Bewährung ihres Glaubens im Feld und vor dem Feind.

Ihm selbst zeigten sich manche neuen wichtigen Aufgaben durch die Versorgung der ins Feld rückenden Truppen mit christlichen Schriften und Bibelteilen, durch Ansprachen und Versammlungen in Lazaretten, durch regen Briefwechsel mit den im Felde stehenden Freunden. Die schmerzlichen Lücken, welche das erste Kriegsjahr in diesen ihm so lieben Kreis riß, trafen ihn schwer; Weihnachten 1914 brachte uns die schmerzliche Gewißheit, daß unser vorjüngster Bruder Wilhelm als Husarenoffizier auf Erkundung an Ostpreußens Grenze gefallen sei.

Im Frühjahr 1915 kam ein schweres, in seinen äußeren Merkmalen dem Arzt zunächst unerklärliches Leiden bei unserem Vater zum Ausbruch; es sollte ein langes Krankenlager mit großen Schwankungen in seinem Befinden werden, die uns doch immer noch auf Wiederherstellung hoffen ließen. Jedoch kurz nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag trat ein plötzlicher Kräfteverfall mit all den erschwerenden Nebenerscheinungen eines chronischen Nierenleidens ein, den auch die Kunst der Aerzte nicht mehr aufhalten konnte.

Die Trauerbotschaft von der Westfront, daß auch unser Bruder Georg gefallen sei, tat das ihrige, und wir sahen uns der schmerzlichen Tatsache gegenüber, daß dies kostbare Leben in einer Kürze abgelaufen sein würde. Am Mittwoch, dem 15. Dezember, früh, erlöste ihn der HErr von seinem Krankenlager.

Wir waren des treuesten Vaters, die Gemeinde Gottes eines bewährten Führers beraubt. Wie weiten Kreisen aller Stände und Volksschichten er etwas gewesen war, das spiegelte sich in der großen Trauerversammlung wieder, die sich im großen Saal des Christlichen Vereins junger Männer in Berlin um seinen Sarg versammelte, ehe seine sterbliche Hülle nach dem Familienbegräbnis zu Engers am Rhein übergeführt wurde.

Ihm war es ein ernstes Anliegen gewesen, allen, die er auch noch im Tode erreichen konnte, die Botschaft der göttlichen Gnade auszurichten. Er hatte deshalb unter seinen letztwilligen Bestimmungen einen offenen Brief hinterlassen mit dem Auftrage an mich, diese Botschaft an seinem Sarge zu verlesen. Sie wendet sich an die Lebenden, sie gilt auch jedem einzelnen Leser dieses Büchleins! Es sei mir deshalb erlaubt, diese Worte an den Schluß dieser Lebensskizze meines geliebten Vaters zu setzen. Denn diese Zeilen haben nur dann ihren wahren, höheren Zweck erfüllt, wenn jeder Leser vor die entscheidende Frage sich gestellt weiß, wie er zu dem HErrn Jesu Christo und zu Seiner Gnadenbotschaft der ewigen Errettung steht!

Die Abschiedsbotschaft unseres Vaters lautet:

„Wenn diese Worte verlesen werden, so bin ich bei dem HErrn. Mein Auge schaut Den, der mich geliebt hat von Ewigkeit her und der für mich das Gericht und den Fluch meiner Sünde trug.

Sein Blut hat mich in Sünden geborenen Menschen fleckenlos gewaschen, weißer als Schnee; als Kind und Erbe Gottes gehe ich in die ewige Herrlichkeit. Ich preise die Gnade und Liebe meines Heilandes, ER hat alles gut gemacht; ER hat mich gesucht, bis ER mich fand, ER trug mich durch mein langes Leben, ER hat Sich nie verändert in Seiner zarten, wunderbaren Liebe.

Ich bezeuge, daß der HErr mir alles, was die Schrift den Kindern Gottes verheißt, buchstäblich erfüllt hat. Nie ist Jesus, mein HErr, über meine viele Untreue und mein mannigfaches Fehlen und Versäumen ungeduldig gewesen. ER hat mich mit göttlicher Treue und unerschöpflicher Liebe getragen, Seine Macht und Gnade hat mich auf dem Wege des Glaubens bewahrt. ER beschützte mich gegen meine Feinde, ER erhörte meine Gebete, ER krönte meinen Weg mit göttlichem Segen, Ihm sei Preis und Ehre jetzt und in Ewigkeit!

Allen denen, die Ihn noch nicht als ihren HErrn und Erretter kennen, rufe ich zu: Kommt zu Jesu, da findet ihr, wonach eure Seele dürstet: Frieden, Freude und Kraft für diese Zeit, ewige Errettung und Herrlichkeit droben!“

 

(geschrieben von seinem Sohn, F. W. von Viebahn, ca. 1916)

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