Veit Ludwig von Seckendorf

Veit Ludwig von Seckendorf

Der Freiherr Veit Ludwig von Seckendorf gehört zu den würdigen Männern, die den alten Adel ihres Geschlechts durch neue Verdienste verjüngt, durch Einsicht und Treue ihren Fürsten und deren Unterthanen sich werth und theuer gemacht, und die vor allen Dingen als fromme Knechte Gottes ihrem Heiland, ihrer Kirche, ihrem Glauben, dem Rechte und der Wahrheit ihr ganzes Leben gewidmet haben. Er ist insbesondre durch seinen Wandel eine Zierde der lutherischen Kirche, wie er durch ein gewichtiges Geschichtswerk der Vertheidiger Luthers und des Reformations-Werkes geworden ist und die Verunglimpfungen des Feindes widerlegt hat.

Sein Vater Joachim Ludwig von Seckendorf war in Franken ansäßig, war in Diensten des Fürstbischofs von Bamberg Stallmeister und zugleich Lands-Hauptmann in Herzogen-Aurach (bei Erlangen), wo er am 20. December 1626 als der älteste von drei Brüdern geboren wurde. Er sah seinen Vater nur wenig, da dieser unter Gustav Adolf im schwedischen Heere diente und nach mancherlei Kriegsfahrten im Jahre 1642 durch ein Kriegsgericht der Schweden zum Tode verurtheilt ward. Seine Mutter, eine Urenkelin des berühmten Heerführers Sebastian Schärtlin von Burtenbach, der im schmalkaldischen Kriege (1547) sich einen großen Namen erworben hatte, verweilte mit ihrer Familie abwechselnd in Koburg, Mühlhausen und Erfurt: sie hatte keine bleibende Stätte. Veit Ludwig gehörte aber zu den Knaben, die schon frühzeitig ungewöhnliche Hoffnungen erwecken: in seinem zehnten Jahre hatte er im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen bereits einen guten Grund gelegt und mit Mathematik sich zu beschäftigen angefangen. Der Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha lernte ihn als dreizehnjährigen Knaben in Koburg kennen und veranlaßte es, daß er das dortige Gymnasium bezog. Mit fünfzehn Jahren hatte er daselbst seinen Cursus vollendet und ging nun noch auf zwei Jahre nach Gotha, wo er den Unterricht des trefflichen Rector Reyher genoß. Damals verlor er seinen Vater und lernte als ein armer verwaister Jüngling in seiner Jugend das Joch des Kreuzes tragen. Einen hülfreichen Gönner fand er an dem schwedischen General Mortaigne, der ihn von 1643 an drei Jahre die Universität Straßburg besuchen ließ, auch es verhinderte, daß er nicht am Hessen-Darmstädtschen Hofe in den Kriegsdienst eingeführt wurde. Als der zwanzigjährige Jüngling Darmstadt verließ, führte ihn sein Weg durch Gotha und da bot ihm sein alter Wohlthäter, Herzog Ernst, an, ihn als Rath und Hofjunker in seine Dienste zu nehmen. Hiermit begann unter der persönlichen Leitung des Herzogs seine Bildung zum Geschäfts- und Staatsmann, während der Umgang mit dem trefflichen Hof-Prediger Brunchorst den heilsamsten Einfluß auf seine christliche Gesinnung und Erkenntniß ausübte. Dabei erwarb er bei der Muße, die ihm in den ersten Jahren der Herzog weislich vergönnte, eine umfassende Gelehrsamkeit, die er in der Folge unter dem Druck der Geschäfte durch weise Benutzung seiner Zeit je mehr und mehr erweiterte. Im Jahr 1648 ward er Kammerherr und ward nun schon, so jung er war, von diesem Fürsten nicht nur daheim als vortragender Rath, sondern auch auswärts zu wichtigen Sendungen gebraucht. Er war zugleich sein Bibliothekar und sein Begleiter auf Reisen und diente ihm mit seiner Gelehrsamkeit und Bücherkunde, während er im Umgang mit dem weisen Fürsten die Kunst zu regieren und Menschen zu behandeln gleichsam spielend lernte. Er stieg immer höher im Vertrauen des Herzogs, trat 1651 in das Geheimraths-Collegium, wurde 1656 mit der Verwaltung der Domänen betraut, in demselben Jahre nebenbei vom Herzog zu Altenburg in das Amt eines Hofrichters zu Jena eingesetzt, und seit 1663 ward er als Canzler seines Fürsten der oberste Leiter der Regierung.

Es mußte ein zartes Verhältniß sein zwischen dem alternden fürstlichen Erzieher und dem ehemaligen Zögling und nunmehrigen vertrauten Diener, der in den Geschäften ein selbstständiges Urtheil gewonnen hatte und an Manneskraft und Wissenschaft seinem hohen Lehrmeister jetzt überlegen war. Dieß konnte für Beide drückend werden. Vielleicht, daß der treue dankbare Mann dieß fühlte und mehr aus solchem Zartgefühl als wegen überhäufter Geschäfte den Entschluß faßte, im Jahre 1664 den Dienst seines Herzogs zu erlassen. Es geschah, aber ohne alle Störung der gegenseitigen Achtung und Liebe. Kaum aber war Seckendorf entlassen, so suchten drei andere Reichsfürsten ihn in ihre Dienste zu ziehen und er folgte der Einladung des Herzogs Moritz von Sachsen, der in Zeitz residirte. Dieser machte ihn zu seinem Geheimen Rath, Canzler und Consistorialpräsident und er wurde hier wieder mit vielen, zum Theil sehr verdrießlichen Geschäften überhäuft und konnte sich auch vielen anderweitigen Diensten, zu welchen das Vertrauen anderer Fürsten ihn aufforderte, nicht entziehen. Damals .fing unter den höheren Ständen in Deutschland der Unglaube und die Gottlosigkeit schon an, sehr überhand zu nehmen und an den Höfen fanden sich häufig Religionsspötter ein, die auf Reisen in England und Frankreich solches Gift eingesogen hatten. An dem Hofe des Herzogs Moritz hielt aber Seckendorf durch seine ernste Frömmigkeit und durch sein tiefes Wissen diesen Spöttern das Gegengewicht und ließ ihre grundverderblichen Lehren nicht aufkommen. Mehrmals bat er, der Geschäfte müde, um seine Entlassung: doch gab er immer wieder den Bitten seines Herzogs nach, der ihn nicht missen wollte, und erst nach dessen Tode 1681 gab er seine Aemter auf, nicht um auszuruhen, sondern um in freierer Weise thätig und nützlich zu sein.

Schon im Jahre 1677 hatte er in der Nähe von Altenburg das Gut Meuselwitz gekauft, sich daselbst ein Schloß erbaut und eine angenehme Wohnlichkeit bereitet. Er war 55 Jahre alt als er sich auf diesen lieblichen Landsitz zurückzog, um vorzüglich mit Betrachtungen der Wahrheiten der Religion und der bevorstehenden Ewigkeit sich zu beschäftigen: aber ein Mann von so umfangreichem Wissen konnte dieß nicht thun, ohne von allem Wichtigen, was Andere geleistet hatten, Kenntniß zu nehmen, nicht ohne von seinen Schätzen durch Schriften Andern mitzutheilen. Er stand auch in persönlicher Beziehung mit vielen ausgezeichneten Männern, besonders mit dem frommen erleuchteten Spener, der damals Senior des Ministers (erster Geistlicher) in Frankfurt am Main war und in der Blüthe seiner Wirksamkeit stand, die damals noch wenig durch Neid und Entstellung getrübt wurde. Gleichzeitig aber lebte in Frankreich der gelehrte Jesuit Ludwig Maimbourg, der alle Kirchen, die von der römischen geschieden sind, die griechische, die reformirte und die lutherische durch eine ebenso gewandte als hämische Darstellung ihrer Geschichte herabzuwürdigen suchte. Im Jahre 1680 gab er in diesem Sinne die Geschichte des Lutherthums heraus und bald kam dieses Buch in Seckendorfs Hände, der als ein genauer Kenner der wirklichen Reformationsgeschichte darüber entrüstet war. Man machte es ihm zur Pflicht die Ehre der Wahrheit und seiner Kirche zu retten und er begann mit Gott das Werk, zu welchem ihm die Archive zu Dresden, Weimar, Gotha und Braunschweig sich öffneten. So vollendete er in sechs Jahren seine Geschichte des Lutherthums in lateinischer Sprache, worin er Schritt für Schritt die Entstellungen und Verleumdungen des Gegners durch genaue actenmäßige Darstellung der Thatsachen widerlegte, vom Jahre 1517 an bis zum Todesjahre Luthers 1546. Mit dem dritten Buche, welches im Jahre 1692 erschien, wurde das wichtige Werk vollendet, das sich einen bleibenden Werth für alle Zeiten gesichert hat.

In demselben Jahre gründete der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (als König seit 1701 Friedrich I. genannt) die Universität zu Halle, wo die trefflichsten Männer, die im Geiste Speners wirkten, einen Mittelpunkt für ihre gesegnete Wirksamkeit finden sollten, an ihrer Spitze der Stifter des Waisenhauses, August Herrmann Franke, der schon früher als Prediger dort seine Wirksamkeit begonnen hatte. Der Kurfürst wählte Veit Ludwig von Seckendorf zum ersten Canzler der Universität und er bewies sich dieses Vertrauens würdig, obwohl er die Beschwerden des Alters fühlte und besonders an Steinschmerzen viel zu leiden hatte. Sein letztes Geschäft war die friedliche Beilegung eines Streites, der sich zwischen der Halleschen Geistlichkeit und der theologischen Facultät erhoben hatte. An demselben Tage, wo der von ihm gestiftete Vergleich öffentlich vorgelesen wurde, am 18. December 1692 starb er, zwei Tage vor seinem 66. Geburtstage, nachdem er sich als ein ächter Christ auf sein Ende vorbereitet hatte. Der Professor Breithaupt hielt ihm eine Gedächtnißpredigt in Halle: sein Leichnam aber wurde nach Meuselwitz geführt und dort beigesetzt.

Er war nicht ein hochfliegender Geist, der neue Bahnen zu brechen bestimmt ist, aber ein treuer Haushalter, der mit Besonnenheit und Sachkenntniß in den gegebenen Verhältnissen das Wahre, das Rechte und Gute zu suchen und zu finden, zu thun und zu schützen wußte. So wirkte er für den Staat, für die Schule und für die Kirche. Sein erstes größeres schriftstellerisches Werk war „der deutsche Fürstenstaat“, ein Lehrbuch für deutsche Fürsten und ihre Diener, ein Spiegel der Regierungsweisheit Ernst’s des Frommen. Im Auftrage dieses Fürsten leitete er auch die Herausgabe eines lateinischen Schulbuchs und schrieb selbst in lateinischer Sprache eine biblische Geschichte. Sein Hauptziel aber war die Beförderung acht christlicher Gesinnung, die Einführung derselben in das wirkliche Leben und die Abwehr der Schwärmerei und der Gottlosigkeit, Darum schrieb er ein aus verschiedenen Betrachtungen zusammengesetztes Werk, unter dem Titel: „der Christenstaat, worin vom Christenthum an sich selbst und dessen Behauptung wider die Atheisten und dergleichen Leute, wie auch von der Verbesserung sowohl des welt- als geistlichen Standes nach dem Zweck des Christenthums gehandelt wird.“ Er übersetzte selbst einen Jahrgang von Speners Predigten ins Lateinische, und zwar den Jahrgang von 1680, der insbesondere des thätigen Christenthums Nothwendigkeit und Möglichkeit behandelte. Die drei Männer, Ernst der Fromme, Spener und V. L. von Seckendorf sind ein rechtes Kleeblatt, welches uns das Bild des evangelischen Fürsten, des evangelischen Geistlichen und des evangelischen Edelmanns und Staatsmanns in der Gestalt des 17. Jahrhunderts ehrwürdig zusammenfaßt, alle drei von dem Einen Gedanken getrieben, mit dem lutherischen Christenthum Ernst zu machen im eigenen Leben und im Leben des Volks nach allen seinen Standen.

Seckendorf war zweimal verheirathet, hat aber keinen Erben seines Namens hinterlassen. Sein Gut Meuselwitz kam an einen Brudersohn, der ihm seine Erziehung verdankte und dem er als das beste Vermächtniß seine Frömmigkeit eingepflanzt hatte. Dieß war der als Kriegsheld und Staatsmann berühmte Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorf, der in einem Alter von 90 Jahren am 23. November 1763 zu Meuselwitz sein thatenreiches Leben beschloß, aber seines Oheims Andenken durch seinen Ruhm nicht verdunkelt hat.

Aus einer Schilderung, die Christian Thomasius von ihm entworfen hat, entnehmen wir folgende Züge: V. L, von Seckendorf, ein Edelmann, den Gott mit fürstlichen Tugenden geschmücket: die Zierde seines uralten, seit 800 Jahren berühmten Geschlechts, ein kluger Hofmann ohne Falsch, ein ehrwürdiger Greis ohne Verdrießlichkeit, ein mächtiger Beschützer, aber auch zugleich das edelste Haupt der Gelehrten, ein liebreicher Gatte, ein Vater der Waisen, eine Zuflucht der Bedrängten, ein Schutz seiner Diener und Unterthanen, ein Feind der Sünde und aller Gottlosigkeit, – im Leben von Jugend auf und im Sterben ein Christ.

.H. E. Schmieder in Wittenberg.

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