Johann Jakob Moser

Johann Jakob Moser

Das Bild eines christlichen Patrioten ist doppelt erfreulich, weil so oft das eigene innere Glaubensleben den Frommen von der Aufmerksamkeit für die äußere Lebensordnung und von dem Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten abzieht, und weil dagegen die Politik in der Regel sich in schroffen Gegensatz mit den . Ansprüchen einer christlichen Weltanschauung stellt. Ein solches Bild des Mannes, der im Evangelium und für’s Vaterland mit Liebe und Treue lebt, bietet in dem Rahmen der Verhältnisse und Zustände des verflossenen Jahrhunderts die Geschichte Johann Jakob Mosers dar.

Derselbe, geboren zu Stuttgart am 18. Januar 1701, von väterlicher Seite aus dem edeln Geschlechte derer von Filseck und Wellersberg, von mütterlicher ein Nachkomme des Reformators Johannes Brenz, zeigte bei großer Leichtigkeit der Auffassung und Aneignung frühe einen so unverdrossenen Fleiß und so vielseitigen Thütigkeitsdrang, daß er, nach des Vaters Tode, schon mit 16 Jahren die Universität beziehen, mit 17 das erste Buch herausgeben, mit 18 eine Professur der Rechte zu Tübingen erlangen konnte. Durch die Schwierigkeiten jedoch, die seinem Fortkommen mißgünstige persönliche und örtliche Verhältnisse bereiteten, ließ er sich bestimmen, schon im folgenden Jahre (1721) nach Wien zu gehen, wo er längere Zeit, meistens im Dienste des Reichs-Vicekanzlers Grafen v. Schönborn, arbeitete, indessen 1726 einem Antrag des württembergischen Hofes folgend als Rath in die Regierung zu Stuttgart eintrat, aber auch von hier, wo er sich mit den Ansprüchen der berüchtigten Gräfin von Würben nicht vertragen konnte, schon nach drei Jahren zum ordentlichen Professor des Staatsrechts in Tübingen ernannt, nun seiner Lieblingswissenschaft mit Eifer und Erfolg lebte. Wegen seiner freimüthigen Schriften von Stuttgart aus angefochten, legte er das Amt 1732 nieder, nahm aber 1733 unter dem zur Regierung gelangten Herzog Karl Alexander seine frühere Rathsstelle wieder an und wirkte hier mit besonderem Segen in der Besorgung der geistlichen Angelegenheiten und im Kampfe mit der, unter dem Schutze des Herzogs geschäftigen, katholischen Partei, bis er, mißvergnügt über die Zerrüttung der Dinge in der Heimath, 1736 einem aus Preußen an ihn ergangenen Rufe an die Universität Frankfurt a. d. O. Folge leistete: Nach dreijährigem Verweilen daselbst, das durch amtliche Verdrießlichkeiten jeder Art erschwert und mit großen körperlichen Leiden heimgesucht war, zog er sich mit Frau und 7 Kindern in den Privatstand zurück, um sein umfangreiches Werk über das deutsche Staatsrecht auszuarbeiten. Er wohnte zu Ebersdorf im sächsischen Voigtlande acht Jahre lang, nicht selten in bitterer Armuth, durch den Umgang des frommen Reußischen Fürstenhauses und andrer edlen Menschen erfreut. Zerwürfnisse mit den dortigen Anhängern . der Brüdergemeinde veranlaßten ihn, eine Berufung in Hessen-Homburgische Dienste anzunehmen, worin er es aber nicht lange aushielt, weil seine Strenge in Herstellung des gesunkenen Staatshaushaltes ihm bald die Ungunst des Landgrafen zugezogen hatte. Er verweilte hierauf einige Zeit in Hanau und versammelte um sich einen Kreis von lernbegierigen Schülern zu einer Kanzleiakademie, worin ihn sein Sohn, der nachmalige darmstädtische Staatsminister, Friedrich Karl v. Moser, unterstützte. Endlich zog er wieder nach Württemberg und war vom Oktober 1751 an Landschaftskonsulent in Stuttgart, ein Amt von ebenso mächtigem Einfluß als bescheidenem Namen, indem es von den rechtskundigen Vermittlern zwischen Landschaft und Regierung bekleidet ward. Mosers Auftreten in dieser Stellung war so gewinnend, daß Herzog Karl ihm einmal schrieb: „Wollte Gott, es dächte ein Jeder so patriotisch wie der Herr Konsulent und ich, es ginge gewiß Herrn und Lande wohl.“ Aber einerseits schöpfte aus diesem Vertrauen des Fürsten die Landschaft gegen ihn Verdacht, anderseits lud er, seit der Ernennung des übelberühmten Grafen Montmartin zum Minister, durch den unbeugsamen verfassungstreuen Widerspruch, welchen er dessen ungerechten Forderungen entgegensetzte, den Zorn des Hofes auf sich. Am 12. Juli 1759 ließ ihn der Herzog vor sich nach Ludwigsburg bescheiden. Moser ahnte die Gefahr und sagte, als er nach längerem Warten in das fürstliche Gemach hineingerufen wurde, noch im Vorzimmer zu dem Geheimen Sekretair:

Unverzagt und ohne Grauen
Soll ein Christ
Wo er ist
Stets sich lassen schauen.

Der Herzog, der ihn zuerst freundlich empfangen, dann den Grundsatz des unbedingten Gehorsams ausgesprochen und ihm sein Benehmen als Rathgeber und Schriftführer der Landschaft vorgeworfen hatte, vernahm nicht so bald die eben so demüthige als unerschrockene Antwort des redlichen Mannes, als er ihm einen harten Arrest ankündigte und ihn auf der Stelle durch Husaren nach der Bergveste Hohentwiel im Hegau bringen ließ. Hier war es nun, wo Moser, von einem lieblosen Kommandanten bewacht, in vier Jahren nicht aus dem Zimmer kam, weder lesen noch schreiben, auch keinen Geistlichen bei sich sehen durfte, nur für Hungersterben zu essen hatte und im Winter fast erfrieren mußte. Seine Gattin starb während seiner Haft. Ihn selbst befiel die Gicht, so daß er eine Zeitlang nicht einmal im Gefängniß auf- und abgehen konnte. Erst nach fünf Jahren erfolgte, namentlich auf Friedrich des Großen Betrieb, und durch einen Befehl des Reichshofraths, seine Freigebung. Sein erster Gang war in die Kirche. Auf der Heimreise wurde er in Städten und Dörfern wie bei einem Triumphzuge begrüßt. In Stuttgart trat er in sein Amt wieder ein, von welchem er jedoch im J. 1770 wegen der Festigkeit, womit er dießmal, gleichfalls im Dienste des Rechts und der Wahrheit, bei dem in Folge des zwischen Herrn und Land geschlossenen Erbvergleichs in der Landschaft selbst ausgebrochenen Streit gegen die Herrschsucht des engeren Ausschusses aufgetreten war, seine Entlassung mit einem Ruhegehalt erhielt. Nach der Befreiung aus dem Kerker lebte er noch 21 Jahre in gesundem Alter und starb im 85sten Jahr am 30. September 1783.

Das unstete Hin- und Herziehen seines früheren Lebens mag zum Theil auf Rechnung eines Mangels an Genügsamkeit in den gegebenen Verhältnissen kommen. Aber diese Verhältnisse waren um jene Zeit so allgemein verknöchert oder zerrüttet, so in sittlicher und politischer Hinsicht verderbt, daß es einem lauteren Mann von außerordentlicher Lebhaftigkeit des Temperaments doppelt schwer fallen mochte darin auszuhalten. Sein Fleiß war übrigens bei alle dem so groß, daß er neben anspruchsvollen Aemtern eine literarische Arbeitsamkeit entfaltete, von der 500 Bände im Druck ausgegangen sind. Seiner geistlichen Lieder sind es 1200. Noch im hohen Alter fing er im Winter Morgens um 7 Uhr, im Sommer um 6 zu arbeiten an und schloß in der Regel erst mit 8 Uhr Abends. Die Entziehung der Schreibmittel auf der Vestung machte ihn, dem Nichtsthun unerträglich war, erfinderisch, so daß er mit seiner, so oft es nöthig war, am Ofen gespitzten Lichtputze die weißen Wände de/ Gefängnisses beschrieb, auch später die weißen Blätter und Ränder der Bibel und des Predigtbuches, das man ihm zukommen ließ, und jede freie Stelle eines Briefes, den er empfing, zum Einkratzen benutzte. Sein wissenschaftliches Verdienst besteht mehr in dem Gegenstande, den er behandelte, in dem Stoffe, den er mit unglaublichem Sammlerfleiß aus zahllosen Quellen zusammentrug, in der Gewandtheit, womit er die Sachen erörterte, in der Unbefangenheit, womit er sich über Alles aussprach, als in wirklicher Ergründung und in Schärfe des Urtheils. Das Bedeutsame und Vorbildliche in des Mannes Persönlichkeit ist vor Allem der gerade, offene, biedere Charakter und ein kindlich-frommes Gemüth, das mit seiner ganzen Gesinnungs- und Handlungsweise in dem rechten evangelischen Glaubensgrunde wurzelt. Er selbst bekennt zwar über die Zeit seines ersten Wiener Aufenthaltes, er habe „damals bei einem so ehrlichen und tröstlichen Wandel, daß man ihn vielfältig Anderen zum Muster eines tugendhaften jungen Mannes vorstellte, keinen Funken wahrer Religion, nicht einmal einer natürlichen, gehabt.“ Und merkwürdig, daß, wie er weiter von sich sagt, sein Christenthum auf dem Wege der Vernunftreligion und der moralischen Prüfung zur Entwickelung kam. Aus den jugendlichen Zweifeln, ob es auch nur eine Gottheit gebe, ward er zunächst durch Derham’s Astro-Theologie und eine von nun an aufmerksamere Betrachtung aller sichtbaren Dinge befreit; und zum Heilande zog ihn vornämlich Spener’s Rath an einen Naturalisten mit der Hinweisung auf Joh. 7, 17: So Jemand  will deß Willen thun, der wird inne werden, ob diese meine Lehre von Gott sei oder ob ich von mir selber rede. Dabei lernte er an sich selbst den bösen Herzensgrund des unwiedergeborenen Menschen kennen und begann ein fleißiges Lesen der Schrift und einen stillen Umgang mit Gott und Christo. Auch in seiner Ehefrau war um dieselbe Zeit durch den Einfluß einer christlichen Freundin und das Beispiel eines gläubigen Dienstboten das gleiche Bedürfniß der Sorge um ihr inneres und ewiges Heil erwacht. Beide hatten einander dies Geheimniß der Seelen anfangs verborgen, in der Furcht, es möchte eins dem andern hinderlich sein. Bei einer gemeinschaftlichen Fahrt über Land entdeckten sie nun während eines ernsthaften Gesprächs an einander die Verwandtschaft ihrer Glaubenstriebe und liebten einander von da an noch inniger, schlossen auch bald in ihre Gebetsgemeinschaft einen weiteren Kreis gleichgesinnter Freunde ein, die sich, früher in Tübingen, später in Stuttgart, zu einer nach dem Vorbilde Spener’s und Francke’s eingerichteten Erbauungsstunde um sie vereinigt hatten.

Schon vor seiner Bekehrung hatte Moser dem wiederholten und mit glänzenden Versprechungen für seine öffentliche Stellung verbundenen Ansinnen, katholisch zu werden, widerstanden und einem Prälaten in Wien erklärt: „Der Handel komme ihm verdächtig vor; man biete ihm gleichbald freiwillig auf seinen Luther so viel auf: wenn man gesagt hätte, ob er nicht tauschen wolle, so hätte er’s in Ueberlegung ziehen können; da man ihm aber, gegen Vertauschung seiner Religion mit der katholischen, zu der letzteren so viel zulege, so müsse ihre (der Anbietenden) Waare schlechter als die seinige sein.“ Ebenso verhielt er sich später mit dem nüchternen Sinn einer gesunden Frömmigkeit zu den Uebertreibungen Zinzendorf’s, so daß ihm in Ebersdorf wegen seines unverholenen Tadels der eingeschlichenen Mißbräuche der Prediger Steinhofer mit dem Ausschluß vom h. Abendmahl bedrohte und er deßhalb den Ort verließ. Schon zuvor, während seines Aufenthaltes in Frankfurt, war er zur unzweifelhaften Gewißheit seines Gnadenstandes auf anhaltendes Gebet unter schweren inneren und äußeren Anfechtungen gelangt. Er schrieb davon in seinem Alter: „ich habe nun gegen -40 Jahre lang das ununterbrochene Zeugniß, daß ich bei Gott, um Jesu Christi willen, in Gnaden stehe und mir um seines für mich vergossenen und für mich redenden Blutes willen alle meine Sünden vergeben seien; ich lebe und wandle also im Frieden Gottes, bin dabei ruhig und vergnügt, und sehe dem Ende meines Lebens getrost und freudig entgegen, in einer gewissen Hoffnung eines ewigen seligen Lebens.“ Durch diese gläubige Grundstimmung kam sein von Natur heftiges Gemüth in ein solches Gleichmaaß und gottergebene Ruhe, daß er unter allen wechselnden Umständen die Fassung behielt, dem rohen und schlauen Despotismus gegenüber die Würde und Kraft der Demuth behauptete, bei den Peinigungen seiner Gefangenschaft die Heiterkeit der Seele bald wieder gewann und nicht wieder verlor. Der Blick von seinem Kerkerfenster über die ewigen Berge Gottes in der nahen Schweiz, der vertraute Umgang mit der ihm endlich gewährten Bibel und die Beschäftigung mit der mühsamen Aufzeichnung der seinem frommen Herzen entquollenen Psalmen waren für ihn voll Erquickung und Trostes, und er nannte den Ort seiner Martern, noch während er sich dort befand, am liebsten seine Hohe Schule. Auch erfuhr er nicht selten den wunderbaren Segen des Gebets; so in den Tagen bitteren Mangels in seinem Ehestande; so namentlich auf Hohentwiel, wo, wie er selbst erzählt, seine Unfähigkeit zu gehen, auf das Lesen der Geschichte von der Heilung des Gichtbrüchigen, und nach einem andächtigen Gebet, worin er die Wundermacht des erhöheten Heilandes gepriesen hatte, ohne um Etwas für sich zu bitten, auf einmal gewichen sei, ehe er noch von der neuen Verordnung des Arztes Gebrauch gemacht habe. Sein Lebensabend war so still und heiter, wie sein Gemüthszustand es schon unter den früheren Lebensstürmen geworden war. Der Wunsch, der in einem seiner Lieder ausgesprochen ist: „Lobend will ich schlafen gehen, Loben sei mein letztes Wort“, ward ihm erfüllt. Beim Abendessen, unter christlichen Gesprächen mit einem Freunde, sank er unversehens in den Lehnstuhl zurück und war entschlafen.

Johann Jakob Moser lebt, wie Conrad Wiederhold und Johann Valentin Andrea, als Christ und Patriot im Gedächtniß des evangelischen Schwabens fort. Auch nimmt er in dem neuen Württembergischen Gesangbuch eine würdige Stelle ein. Die Lichtputze von Hohentwiel wird von Kindeskindern als ein Heiligthum bewahrt und ist für Unzählige ein Zeuge des Glaubens, welcher die Welt überwindet.

.C. Grüneisen in Stuttgart.

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