Joachim Neander

Joachim Neander

Lange schon erfreute sich die lutherische Kirche der kräftigen evangelischen Lieder, die, von ihren Glaubenshelden frisch aus dem Herzen und Leben heraus gedichtet, in ihren Kirchen einen lieblichen Klang und Sang verbreiteten, auch auf den Gassen und in den Häusern gehört, und Manchem ein Antrieb und Fingerzeig wurden, der Wahrheit das Angesicht zuzuwenden, – ehe wir dergleichen in der deutsch-reformirten Schwesterkirche wahrnehmen. Sie sang zwar auch, hielt sich aber lange und strenge an die in der Schrift gegebnen Lieder, reimte die Psalmen ängstlich, und brauchte sie bei ihren Gottesdiensten, ohne die apostolische Vorschrift Col. 3, 16: „Lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen, und geistlichen, lieblichen Liedern, und singet dem Herrn in euerm Herzen“ – in ihrer ganzen Ausdehnung zu beachten. Erst das 17te Jahrhundert läßt uns einen Mann in der deutsch-reformirten Kirche erblicken, der es, in der Vorrede zu der ersten Ausgabe seiner Lieder 1679, offen bekennt, „daß er beinahe Keinen unter den reformirten Deutschen weiß, der geistliche Lieder gedichtet; dahingegen andere, insonderheit die Holländer, viele dergleichen haben ausgegeben.“ – Darum legte denn er, der, von der Wahrheit des Evangeliums tief ergriffen, in einer innigen Glaubens- und Lebensgemeinschaft mit dem Haupte der Christengemeinde stand, und Gaben der geistlichen Dichtkunst empfangen hatte, die Hand ans Werk, und schenkte, als der Erste namhafte Reformirte, seiner Kirche Lieder, die noch jetzt zum Theil einen Ehrenplatz unter unsern Kirchengesängen einnehmen.

Dieser Mann ist Joachim Neander, ausgezeichnet durch ächt-christliche Frömmigkeit, dichterisches Talent und Liebe zur schönen Natur, – und Bremen hat die, von Vielen ungekannte und ungenannte, Ehre, ihn den Seinigen zu nennen. Daselbst wurde er, nach der gewöhnlichen Annahme, 1640 geboren; und dort verbrachte er auch seine Jugend. Zum Studio der Theologie sich wendend, verlebte er seine ersten Studentenjahre mit dem großen Haufen in Eitelkeit des Sinnes, Gleichgültigkeit gegen Gott und gegen das Heil seiner unsterblichen Seele, – einzig darauf bedacht, sich recht viele Kenntnisse zu sammeln, um sich dadurch über Andere erheben zu können. An diese Zeit gedenkt er mit tiefem Schmerz in seinem Bußliede: „Ich schäme mich vor deinem Thron“, – wo er singt:

Wenn ich betrübt zurückgedenk‘
An meiner Kindheit Jahre,
Alsbald ich mich aufrichtig kränk‘,
Daß ich so eitel Ware.
Ich lief mit großem Unverstand,
Dein Wille war mir unbekannt;
Das Böse wüßt‘ ich allzuwohl:
Ganz blind und toll
Macht‘ ich das Maaß der Sünden voll

Mit Jahren wurd‘ die Sünde groß,
Brach aus gleich Wasserfluthen;
Gleich wie ein Pferd das zäumelos
Nichts achtet Sporn und Ruthen;
In Hoffart, Neid und Ueppigkeit,
Wild und unbändig jederzeit,
Unreine Herzensluft mich trieb
Von deiner Lieb‘,
O, Herr! die Sünden mir vergieb!

Merkwürdig kam ihm aber die errettende Gnade des Herrn entgegen in der Person des Theodor Undereyk, welcher von 1660 – 1668 Pastor zu Mühlheim a. d. Ruhr, darauf bis 1670 Hofprediger zu Cassel, und von 1670 an Pastor zu St. Martini in Bremen war, und der mit großem Eifer und Ernst das lebendige Christenthum trieb, dafür aber von den kalten, starren Orthodoxen seiner Zeit den Namen eines Schwärmers, Enthusiasten und Mystikers hinnehmen mußte. Zu ihm ging eines Tages der junge, lebenslustige Neander mit zweien seiner Kameraden in die Kirche, „nicht sowohl,“ sagt Reitz, „aus Neugierigkeit, als aus dem Absehen, was zu hören, so man hernach übel ausdeuten und austragen möchte.“ Aber es kam anders! Undereyks Predigt traf des Jünglings Herz dermaßen, daß er sich der Thränen nicht enthalten konnte, und als er vollends das Schlußgebet hörte, flossen sie wie ein Strom. Ergriffen, wie er war, entschloß er sich alsobald, dem Prediger sein Herz zu entdecken, wovon ihn seine Genossen vergebens zurückzuhalten suchten. Undereyk wurde nun sein geistlicher Vater, der ihn ausrichtete, und mit den Wegen des Herrn ferner bekannt machte. Das war der Anfang seiner Bekehrung.

Nach einiger Zeit ereignete sich etwas, das ihn, wie eine Mahnstimme, aufs neue zu Gott wies, und zu ernsterer Durchforschung seiner ganzen Lebensweise, so auch zum lebendigen Vertrauen auf Gott leitete. Unter diejenigen Neigungen nämlich, die er noch nicht völlig der Zucht des heil. Geistes unterworfen hatte, gehörte die Jagdliebhaberei. Von derselben getrieben, erstieg er einst einen hohen und steilen Berg, und verirrte sich also, daß er den Weg nicht mehr finden konnte. Der Abend brach herein, und ihm ward in der Einöde bange vor den wilden Thieren. Schon wollte er sich mit Lebensgefahr von einem hohen Felsen herablassen, als ihn wieder ein Grauen ankam, und er nun keinen andern Rath mehr wußte, als sich in seiner großen Herzensangst auf seine Knie niederzuwerfen, und Gott um seine Errettung anzuflehen mit dem Gelübde einer durchgreifenden Besserung seines ganzen Lebens. Und siehe! Da war es ihm, als ergreife ihn Jemand bei der Hand und zöge ihn fort; er folgte diesem Zuge, und fand glücklich den Weg aus diesem Irrsal. Das war eine starke Befestigung seiner Bekehrung.

Nun sorgte die treue, erziehende Hand seines Herrn ferner für das Wachsthum seines innern Lebens. Als Hofmeister einiger Frankfurter Kaufmannssöhne bezog er die Universität Heidelberg, und traf dort den jüngern Spanheim, einen Mann von wahrhafter Gottseligkeit, dessen Umgang ihm wohlthat und ihn förderte. Von Heidelberg mit seinen Zöglingen nach Frankfurt zurückgekehrt, wurde er hier mit dem gottseligen P. J. Spener, und dem frommen Juristen Schütz Zusammengeführt und mit mehreren christlichen Kaufleuten bekannt. „Bei den zwei erstern,“ sagt Reitz, „hat er einen guten Wachsthum in göttlichem Licht und christlichem Wandel erhalten.“ Den Andern hat er in dankbarer Erinnerung an ihren gesegneten Umgang 1679 seine Bundeslieder gewidmet.

Nach solcher Förderung seines innern Lebens, fand Neander einen bedeutenderen Wirkungskreis als Rector der reformirten Schule in Düsseldorf, wo er durch sanften und liebevollen Ernst mit Segen an den Herzen seiner Zöglinge arbeitete. „Die Schüler leuchteten in aller guten Zucht, Sitten und Manieren für Andern herfür. Mit seiner besondern Freundlichkeit gewann er ihr Herz, und mit seiner exemplarischen Gottesfurcht hielt er sie in Gehorsam und Respect, und mit seinem steten Fleiß und Treu‘ im Unterrichten brachte er ihnen die erforderten Wissenschaften bei.“ – Allein, auch noch über die Schule hinaus erstreckte sich sein Wirken. Er hielt in Düsseldorf auch, nach Speners Weise, Erbauungsstunden, – „und hat da ein Wort der Wahrheit und Weisheit geredet.“ – „Da er nun auch hieneben zuweilen öffentlich predigte, und zwar ohne viele Kunst, jedoch nicht ohne Beweisung des in ihm wohnenden Geistes, und der auf einige Seelen der Zuhörer wirkenden Kraft: so wurde er beneidet und gehasset, und, mit allen Zeugen der Wahrheit, verfolgt.“ – Die Kanzel wurde ihm verboten unter dem Vorwande, daß er noch nicht ordinirt und ein Irrlehrer sei. Auch in der Schule wurde er nicht ruhig gelassen, und Angesichts aller Schüler von dem Kirchenvorstand mit solchen Vorwürfen gekränkt, daß seine Schüler sich gedrungen fühlten, ihren Meister zu vertheidigen. Endlich wurde ihm auch sein Schulamt genommen, worauf er sich mehrere Sommermonate in der wilden, höhlenreichen Felsschlucht bei Mettmann aufgehalten, und, angezogen und ergriffen durch die großartigen Naturscenen, unter andern das Lied gedichtet haben soll: „Unbegreiflich Gut“, – worin es heißt:

„Gott, wie rühmen dich
Berge, Fels und Klippen!
Sie ermuntern mich;
Drum an diesem Ort,
O, mein Fels und Hort,
Jauchzen meine Lippen!“

„Herr, wie rauscht dahin
Wasser in den Gründen!
Es erfrischt den Sinn,
Wann ich es anhör‘:
Heilbrunn, ich begehr‘,
Laß mich dich auch finden.“

Diese Gegend ist daher durch Neander, und durch die spätern religiösen Versammlungen, welche der fromme Gerhard Tersteegen daselbst hielt, historisch merkwürdig geworden.

Auf diese Zeit großer Demüthigung sollte aber für unsern Neander eine Zeit großer Freude folgen. Schon 1677 hatte er seinen Sinn seiner Vaterstadt wieder zugewandt bei einer dortigen Prediger-Vacanz an St. Remberti Kirche; allein die Sache zerschlug sich wieder. Aber 1679 im April wurde sein Herzenswunsch, in die Heimath zu kommen und dort thätig sein zu können, erfüllt, und zwar so erfüllt von seinem Herrn, daß es über sein Bitten und Verstehen ging. Man berief ihn nämlich als außerordentlichen Prediger an die St. Martini Kirche in Bremen, wo er seinen geistlichen Vater, Undereyk, nun als seinen Collegen begrüßen, und in dem zweiten Prediger, Cornelius de Hase, einen Herzensbruder finden durfte. Da war er nun recht in seinem Elemente! Er predigte mit Eifer, ferne von kalten, theologischen Spekulationen, vom Glauben, der sich durch die Liebe thätig erweiset; er sang dem Herrn geistliche, liebliche Lieder, die in demselben Jahre noch zum erstenmale erschienen, „weil er,“ wie es in der Vorrede heißt, „vernommen, daß ohne sein Wissen schon etwas davon gedruckt, viele Gesänge von andern nicht recht abgeschrieben, und nicht wenige es auch von ihm begehrt hätten.“

Aber, in der Fülle seines Glücks und seiner Kraft wurde er abgerufen, und mußte seinen Hirtenstab nach einjähriger Wirksamkeit bereits wieder niederlegen. Eine heftige Krankheit befiel ihn Plötzlich, die nach einem kurzen Verlauf mit dem Tode endigte. Er fühlte gleich im Anfange derselben, daß es seinem Ende entgegengehe, und richtete seine Sachen darauf ein. Es war auch sein Wunsch, abzuscheiden und bei Christo zu sein, wenn es Gott so gefällig wäre. Befragt, warum er einen so sehnlichen Wunsch nach dem Abscheiden habe, antwortete er: „Ich habe mich geprüft, und weiß, daß es keine leibliche oder irdische Dinge sind, die dieses Verlangen nach dem Tode in mir verursachen.“ Doch diese Sterbenslust hinderte ihn nicht, bei dem Arzte Hülfe zu suchen, zu welchem er sagte: „Nachdem ich zuerst mit dem Arzt meiner Seele mich besprochen habe: so will ich auch den leiblichen Arzt suchen, um meinem Gewissen ein Genüge zu thun durch den Gebrauch der von Gott verordneten Mittel.“

Wenn Neander während der Krankheit seines Glaubens und seiner Hoffnung im Ganzen recht froh werden konnte: so hatte er doch auch manchen Kampf zu bestehen, indem sich ihm das väterliche Angesicht seines Gottes manchmal verbergen wollte. „Es ist,“ sagte er einmal, „nicht so leicht, sich seiner Gemeinschaft mit Gott in Christo zu versichern, wenn man auf seinem Kranken- und Todbette liegt, als wenn man frisch und gesund ist. Doch ich will mich lieber zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen.“ – Mit solchem Glaubensmuthe konnte er denn auch in der Stunde der Anfechtung sprechen: „Herr Jesu, du hast ja gesagt, wen da durstet, der komme zu mir, und trinke.“ Und da hielt er ihm all‘ die Worte vor, welche Joh. 7, 37. 38. Jes. 55, 1. Off. Joh. 22, 17. stehen, und fuhr fort: „Ach, Herr, du weißt, wie mich auch dürstet; ach, erquicke du mich doch!“ Dieses brachte er mit solcher Empfindlichkeit vor, daß ihm die Augen übergingen.

Schon wurde er immer schwächer, als am Pfingsttage ein Gewitter aufzog. Da sagte er, als es donnerte: „Mein Vater läßt sich hören! Ich wollte, daß er sich einmal recht hören ließe, daß es meines Vaters Elias-Wagen sein möchte.“ – Schon konnte er nichts mehr genießen, als ein guter Freund dem Sterbenden eine erquickende Frucht brachte. „Sehet,“ sagte ein Anwesender, „den Segen aus der Hand eures himmlischen Vaters, wiewohl ihr denselben jetzt nicht gebrauchen könnt.“ Neander antwortete: „Es steht nicht allein geschrieben: Schmecket; sondern schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Kann ich denn dieselbe nicht schmecken, so kann ich sie doch sehen.“ – Am Pfingstmontage fand ihn der Arzt sehr schwach, und verordnete noch schweißtreibende Mittel, während deren Gebrauch Neander sich Hebr. 7. 8. 9. und 10. vorlesen ließ und sagte: „Sind das nicht herrliche Capitel?“ – Bei zunehmender Schwachheit äußerte er: „Wenn der Schweiß vorbei ist, alsdann wird es mit mir geschehen sein.“ Und auf die Frage des Arztes: wie ihm sei? erwiederte er mit lallender Zunge: „Nun hat der Herr meine Rechnung gemacht. Herr Jesu, mache mich auch bereit.“ Worauf er bald als seine letzten Worte hinzufügte: „Berge sollen weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade will ich nicht von dir nehmen.“ Denselben Pfingstmontag, den 31. Mai 1680 Morgens zwischen 11 und 12 Uhr entschlief er.

Als ein theures Vermächtniß hat Neander uns 58 tiefinnige geistliche Lieder hinterlassen, unter dem Titel: „Glaubens- und Liebes – Uebung, aufgemuntert durch einfältige Bundeslieder und Dankpsalmen“ – welche 1679 zuerst erschienen, und dann oft wieder aufgelegt sind. Darunter finden sich köstliche Perlen, die von der Gemeinde des Herrn noch heute mit Dank und Freude gebraucht werden. „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ ^- „Sieh‘ hier bin ich, Ehrenkönig“ – „Der Tag ist hin, mein Jesu bei mir bleibe“ – „O Menschenfreund, o Jesu, Lebensquell“ – „Abermal ein Jahr verflossen“ – „Ach was bin ich, mein Erretter“ – „Wo soll ich hin, wer hilfet mir?“ – „Ich bin ein Herr, der ewig liebt“ – „Eitelkeit, Eitelkeit, was wir hier sehen“ – „Ach schone doch, o großer Menschenhüter“ – „Wie fleucht dahin der Menschen Zeit“ – u. s. w., das sind Lieder, die forttönen werden, so lange in der Christenheit gesungen wird.

.J. M. Kohlmann in Horn bei Bremen.

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