Jacob Guthrie.

Jacob Guthrie.

Er war der erste Geistliche der schottischen Kirche, welcher, als Opfer der gegen dieselbe von Karl I. verhängten Verfolgungen – die 28 Jahre hindurch, mit bald größerer bald geringerer Grausamkeit dauerten, bis die Revolution von 1688 der Herrschaft des Hauses Stuart für immer ein Ende machte – den Märtyrertod starb.

Die Feindschaft des Königs Karl gegen den jener presbyterianischen Kirche eigenthümlichen Geist, besonders gegen das Fundamentalprincip ihrer Verfassung: daß Jesus Christus das einzige Haupt seiner Kirche sei und seine königliche Gewalt mit keinem irdischen Machthaber theile, war gewissermaßen von seinen Vätern auf ihn vererbt. Sowohl sein Großvater Jacob I., als sein Vater Karl I., waren unablässig beflissen gewesen, das von der englischen Kirche seit ihrer Reformation anerkannte königliche Regiment in kirchlichen Angelegenheiten auch in Schottland zur Geltung zu bringen. Schon Ersterer, welcher in der bischöflichen Hierarchie England’s die festeste Stütze für seine kirchliche Gewalt erkannte, hatte der schottischen Kirche eine bischöfliche Verfassung aufgedrängt, die ihr in zwiefacher Beziehung nur verhaßt sein konnte: einmal, weil die Schotten ihre Presbyterialverfassung als die allein schriftmäßige erkennen zu müssen glaubten, dann aber, weil sie die Aufdrängung der bischöflichen durch königliche Befehle als einen freventlichen Eingriff in die ausschließlich ihrem unsichtbaren Haupte zustehenden Rechte betrachteten. Als aber Jacob’s Nachfolger, Karl I,, dazu schritt, auch die den katholischen Kirchengebräuchen ähnlichen gottesdienstlichen Ceremonien, welche unter ihm in die englische Kirche eingeführt waren, der schottischen aufzunöthigen, da erhob der presbyterianische Geist nach langem Schlummer sich in seiner ganzen Kraft, um die ihm auferlegten Fesseln zu zerreißen. Geistliche, Adel, Bürger und Landvolk verbanden sich 163« durch den „Nationalcovenant“, in welchem sie dem Herrn ihrem Gott und Einer dem Andern eidlich gelobten, ihre Kirche, wie sie aus der Reformation hervorgegangen, wiederherstellen, und allen ihr durch unrechtmäßige königliche Gewalt aufgedrängten Neuerungen, wie namentlich dem Bischofthume, absagen zu wollen.

Der, in Folge dieser, in der schottischen Kirche sogenannten „zweiten Reformation“, vom Könige gegen Schottland beschlossene Krieg war eine der nächsten Veranlassungen, daß die schon lange auch in England gegen ihn glimmende Unzufriedenheit zur hellen Flamme aufloderte, Großbritannien durch revolutionaire Stürme bis in seine Grundfesten erschüttert, der Thron umgestürzt ward, und Karl I. 1649 in London sein Leben unter dem Henkerbeile endigte.

Durch die Kunde von diesem verabscheuungswerthen Frevel wurden die Herzen der mit treuer Liebe an ihrem angestammten Königshause hängenden Schotten von eben so viel Unwillen als Schmerz erfüllt. Sofort proclamirten sie des unglücklichen Monarchen ältesten Sohn, Karl II., als ihren König und luden ihn, der nach Holland geflüchtet war, ein, zum Antritte seiner Regierung sich nach Schottland zu begeben. Zur Bedingung derselben aber machten sie zugleich, daß er eidlich gelobe, nie eine Veränderung der jetzt in Schottland wiederhergestellten Presbyterialverfassung veranlassen, sondern selbst sie beobachten und in seinem Hause beobachten lassen zu wollen; ein Gelöbniß, das der junge König nicht nur vor seinem Eintritt in Schottland durch Unterzeichnung des Covenants ablegte, sondern auch demnächst bei seiner Krönung durch feierlichen Eidschwur erneuerte.

Sein Verbleiben in Schottland war jedoch damals nicht von langer Dauer. Schon 1651 ward er durch Cromwell gezwungen, wieder nach dem festen Lande zu fliehen, wo er bis zu der 1660 in England erfolgten Gegenrevolution blieb, welche ihn auf den Thron seiner Väter zurückführte.

Nur zu bald nach seiner Restauration offenbarte er durch die von ihm zur gänzlichen Vernichtung der presbyterianischen Kirche ergriffenen Maaßregeln, welches geringe Gewicht jene von ihm geleisteten Eidschwüre für ihn hatten. Auch hatte sein gesammtes Benehmen während seines ehemaligen Aufenthaltes in Schottland schon damals die ernstesten Besorgnisse der heller blickenden Presbyterianer, denen bei aller Loyalität für ihren irdischen Monarchen die Treue gegen ihren himmlischen König höher stand, erregt.

Zu diesen gehörte besonders Jacob Guthrie, Pastor zu Berling. Wie er stets als treuer Hirte seiner Gemeinde den Rathschluß Gottes zu ihrer Seligkeit inständigst an’s Herz gelegt hatte, so hatte er auch von jeher als eifriger Zionswächter für die Rechte und Freiheiten seiner Kirche gekämpft und sich dadurch schon früher den Haß des Königs, wie des von diesem zur Ausführung seiner Maaßregeln gegen die schottische Kirche ernannten Statthalters, Grafen von Middleton, zugezogen.

Eine willkommene Veranlassung diesen Haß geltend zu machen fand sich bald.

Guthrie hatte sich mit 9 andern Geistlichen in dem Hause eines Freundes zu Edinburgh versammelt, um gemeinschaftlich mit ihnen eine demüthige Adresse an den König zu entwerfen, in der sie ihm zu seiner Rückkehr Glück wünschten, ihre loyalen Gesinnungen aussprachen, und wie angelegentlich sie zu Gott beteten, daß seine Regierung glücklich und gesegnet sein möge; aber ihn zugleich an die von ihm beschworenen Pflichten gegen die schottische Kirche erinnerten. Ihre Absicht war, diese Adresse allen ihren gleichgesinnten Brüdern im ganzen Lande zu übersenden, um so viele Unterschriften derselben wie möglich zu erlangen.

Kaum hatte Middleton Nachricht von dieser Privatzusammenkunft erhalten, als er die Theilnehmer derselben durch eine Abtheilung Soldaten in’s Gefängniß schleppen ließ, das Guthrie nicht anders, als um durch Henkershand zu sterben, verlassen sollte.

Erst nach langer Haft ward gegen ihn die Untersuchung wegen Hochverraths begonnen, und diese Anklage auf zwei frühere Thatsachen gegründet. Es war von Guthrie, der sich stets als treuer Unterthan des Königs gezeigt und unter Cromwell’s Protectorate nicht selten, den englischen Befehlshabern gegenüber, für die Rechte Karl’s öffentlich gestritten hatte, in einer 1650 von ihm herausgegebenen Schrift die Willfährigkeit, mit der dieser, bevor man von seinen günstigen Gesinnungen für die Kirche Ueberzeugung erlangt, zur Unterzeichnung des Covenants und zur Regierung zugelassen war, getadelt worden. Der andre Grund jener Anklage war folgende Thatsache. Auf des Königs Veranlassung war 1651 von dem schottischen Parlamente eine frühere gesetzliche Bestimmung, durch welche alle Männer, die sich bis dahin als offenbare Feinde des Covenants und der presbyterianischen Kirche gezeigt hatten, vom Dienste des Königs und des Staates ausgeschlossen waren, wieder aufgehoben worden. Guthrie hatte dieß in einer damals gehaltenen Predigt als einen Verrath an der Sache des Herrn ernstlich getadelt und nachdem er die Ladung erhalten, vor dem Könige und der Ständeversammlung zu erscheinen, um sich deshalb zu verantworten, diese Ladung mit einer ablehnenden Protestation gegen die Befugniß der bürgerlichen Autorität, in Sachen, die ganz allein die Ausübung seiner geistlichen Pflichten beträfen, als Richterin zu erkennen erwiedert: eine Protestation, die auf einem von der schottischen Kirche zu allen Zeiten, wenngleich nicht immer mit Erfolg, der weltlichen Macht gegenüber festgehaltenen Grundsatze beruhete. Der damals so unsichere Zustand der öffentlichen Angelegenheiten in Schottland hatte seine Gegner verhindert, ihn wegen derselben zur Rechenschaft zu ziehen; jetzt sollte es nachgeholt werden.

Nachdem die Untersuchung gegen ihn am 20. Februar 1661 vor dem schottischen Parlamente eröffnet worden, vertheidigte Guthrie sich mit solcher Beredtsamkeit, Gesetzkenntniß und Beweiskraft, daß seine Freunde darüber eben so erstaunt, als seine Feinde beschämt wurden. „Mylords,“ sagte er in dieser Rede zu seinen Richtern, „mein Gewissen kann ich nicht preisgeben, aber diesen alten hinfälligen Körper und dieses verwesliche Fleisch gebe ich gern preis, mögt Ihr gegen dasselbe verhängen, was Ihr wollt, sei es Tod, oder Verbannung, oder Gefängniß, oder sonst etwas, nur bitte ich Euch wohl zu erwägen, was Euch mein Blut nützen kann. Nicht durch meine Vertilgung, oder die vieler Andern, werdet Ihr den Covenant und das Werk der Reformation von 1638 vertilgen. Mein Blut, meine Gefangenschaft, oder meine Verbannung wird zur Verbreitung desselben mehr beitragen, als mein Leben oder meine Freiheit vermöchten, sollte ich auch noch viele Jahre leben. Darum bitte ich demüthig, daß, nachdem ich bereits meines Pfarramtes, meiner Wohnung und meines Unterhaltes beraubt und genöthigt worden bin, mit meiner Familie von dem Mitleiden Anderer zu leben, und nachdem ich jetzt acht Monate Gefangenschaft erduldet habe, Ihr mir nicht noch andere Leiden auferlegen möget, indem ich mit den Worten des Propheten Jeremias (26, 14 u. 15,) schließe: „„Siehe ich bin in euren Händen, ihr möget’s machen mit mir, wie es euch recht und gut dünkt. Doch sollt ihr wissen: wo ihr mich tödtet, so werdet ihr unschuldig Blut laden auf euch selbst, auf diese Stadt und ihre Einwohner!“

Diese Rede Guthrie’s machte auf die Versammlung einen solchen Eindruck, daß einige Mitglieder sich mit der Erklärung zurückzogen, daß sie keinen Theil haben wollten an dem Blute dieses Gerechten. Dennoch erfolgte das Urtheil des Parlaments dahin, daß er als Hochverräther auf dem Marktplatze zu Edinburgh aufgehängt, demnächst sein Haupt abgeschlagen und auf einem der Stadtthore aufgesteckt, „auch sein Vermögen confiscirt und seine Kinder für alle künftigen Zeiten unfähig erklärt sein sollten, irgend eine Art von Amt, Würde, bewegliches oder unbewegliches Gut, oder irgend sonst etwas innerhalb dieses Königreiches zu besitzen oder zu genießen.“ Dieses Urtheil empfing er mit der größten Ruhe, indem er sagte: „Mylords, möge dieses Erkenntniß Euch niemals mehr betrüben, als es mich betrübt, und möge mein Blut niemals von des Königs Hause gefordert werden!“

Die Zeit von der Fällung des Erkenntnisses bis zu dessen Vollstreckung, die am 1. Junius 1661 erfolgte, brachte Guthrie in der ungetrübtesten Seelenheiterkeit zu, und diese stieg, als der Morgen seiner Hinrichtung kam, bis zum Frohlocken. Auf seinem Wege zum Richtplatze bat er, da seine Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren, daß einer derselben so weit gelöst werden möchte, damit er, durch die lange Gefangenschaft des Gehens ungewohnt, auf einen Stab sich stützen könne? Als er auf der verhängnißvollen Leiter sich befand, redete er, wie der Bischof Burnet, als Augenzeuge seiner Hinrichtung, berichtet, „eine ganze Stunde lang mit der größten Ruhe, wie Jemand, der eine gewöhnliche Predigt hält, nicht aber weiß, daß er zum letzten Male spricht.“ Indem er angelegentlich die Schaar der Umstehenden ermahnte, den Covenants treu zu bleiben, welche Leiden auch über sie kommen möchten, war seine Rede zugleich eine ernste Strafpredigt wegen der Sünden, deren Schottland sich durch Abfall oder Lauheit, in Hinsicht des mit dem Herrn geschlossenen Bundes, schuldig gemacht, und dadurch den Zorn Gottes sich zugezogen habe. „Diese heiligen, feierlich und öffentlich Gott geschworenen Eide,“ sprach er, „die, seitdem wir sie eingegangen, durch die Bekehrung so vieler Tausend Seelen besiegelt wurden, können von Niemandem, von keiner Parthei oder Gewalt der Erde gelöst oder aufgehoben werden, sondern, wie sie es jetzt sind, werden sie auch für alle künftigen Zeiten für dieses Königreich verbindlich bleiben. Ich rufe Gott zum Zeugen an,“ fügte er hinzu, „daß ich dieses Schafott nicht vertauschen möchte mit dem Palaste oder der Mitra des größten Prälaten in Großbritannien. Gelobt sei Gott! der einem solchen Elenden, wie ich bin, Gnade erzeigt, seinen Sohn in mir offenbart, mich zu einem Prediger seines theuren Evangeliums berufen und gewürdiget hat, meine geistlichen Arbeiten, trotz dem Widerstande Satans und der Welt, durch seinen heiligen Geist in nicht wenigen Herzen dieses Volkes zu versiegeln.“

Zum Schluß sprach er: „Jesus Christus ist mein Licht und mein Leben. Er ist meine Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung; nach Ihm allein geht mein Verlangen. Ihn, ja Ihn empfehle ich euch mit aller Kraft meines Geistes. Preise Ihn, o meine Seele, bis in alle Ewigkeit!“ Darauf schloß er mit den Worten Simeon’s: „Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen,“ und in dem Augenblicke, als er von der Leiter herabgestürzt ward, rief er, das vor sein Antlitz gebundene Tuch wegziehend: „Die Covenants, die Covenants werden noch Schottland neues Leben bringen.“

So starb der ehrwürdige Jacob Guthrie, der mit Recht der erste Märtyrer für „Christi Krone und Covenant“ genannt werden mag, da das ihm schuldgegebene Verbrechen, dem Wesentlichen nach, in seiner Weigerung bestand, Christi königliche und alleinige Herrschaft über seine Kirche durch Anerkennung der angemaßten Gewalt einer irdischen Macht beschränken zu lassen.

.K. G. von Rudloff in Niesky

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